□ igitized by
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
■
•• • ••" :.... • c , •: ■. ;
.
:
. - . - * • • . •
.V _• . .. ... -■ • ..
!' KmWvW*w Ä.
v_--'
* • : ; .•• * :. * * ; , <•«., i a X
Digitized by
Go
-• - *■; w*.» -
.
■ ■
*** ^ •—% -■ \ -* V- »4 -- . * - • . * - . !> /I
i\i.
V;
• ■!•;■•■>* i l/A MV ?:V; $
■; .-• ■;•••' <?-; ‘. • ä-
■ ' 1 "tj?\ r.s : y<
ÄVft
„ ,*
.
" 1 1 ’ ‘ ii.^VV li:v^V,,
; ■ ■ ■.•■■:;'
Digitized tyy
Go gle
Original from
ÄVERSITY OF MICHIGAN
^ o
NEUROLOGISCHES
CENTRALBLATT
ÜBERSICHT
DBB
LEISTUNGEN AUF DEM GEBIETE DER ANATOMIE, •
PHYSIOLOGIE, PATHOLOGIE UND THERAPIE DES NERVEN¬
SYSTEMS EINSCHLIESSLICH DER GEISTESKRANKHEITEN.
BEGRÜNDET von Pbof. E. MENDEL.
HERAUSGEGEBEN
VON
DB. KURT MENDEL.
VIERUNDDREISSIGSTER JAHRGANG.
MIT ZAHLREICHEN ABBILDUNGEN IM TEXT.
LEIPZIG
VERLAG VON VEIT A COMP.
1915
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
1
Druck von Metzger Je Wittig ln Leipzig.
Difitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neükologisches Centkalblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prof. E. MendeL
Herausgegeben
von
Dr. Kurt Mendel.
Tiernnddreißigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 2. Januar. Nr. 1.
Kriegsnummer.
Zur Einleitung.
Indem wir den Jahrgang 1915 mit einer Kriegsnummer beginnen, freuen
wir uns, die Reihe der Beiträge mit einer Mitteilung des im Felde stehenden
Herausgebers des Blattes eröffnen zu können. Ihm und allen an der Front tätigen
Kollegen wünschen wir auch an dieser Stelle segensreiche Arbeit und glückliche,
gesnnde Heimkehr nach ehrenvollem Friedensschluß.
VerlAg u. Redaktion des Neurologischen Centralblattes!
Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Psychiatrisches und Neurologisches aus dem
Felde, ron Kurt Mendel. 2. Operationsbefund bei anscheinend kompletter Rückenmarks¬
querläsion durch Schußwunden, von Dr. L. i. J. Muskens. 8. Kriegsneurologische Beobach¬
tungen und Betrachtungen, von L Bruns. 4. Ein Fall von Wirbelschuß mit Verletzung
der Cauda equina, von C. Benda.
II. Referate. Kriegebeobachtungen. 1. Versorgung der Neurosen und Psychosen
im Felde, von Weygandt. 2. Über Kriegspsychosen, von Buschan. 8 . Zur Kriegsneurologie,
von Oppenheim. 4. Kurze Bemerkungen zur Symptomatologie und Therapie des Tetanus,
von Blumenthal. 5. Zur Behandlung des Tetanus mit besonderer Berücksichtigung der
tfagnesiumsulfattherapie, von Weintraud. 6 . Zur Behandlung des Tetanus, von Unger.
7. Beitrag zur Behandlung des Tetanus, von Mühsam. 8. Die Behandlung des Tetanns, von
Dreyfus. — Tabes. 9. The first observed cases of Friedreichs ataxia in America, by Kellogg.
10. Über hereditäre Ataxie, von Vorkastner. 11. Beitrag zur Lehre von der traumatischen
Tabes, von Schlemm. 12. Über Stirnrunzeln bei Tabes, von Navwuch. 13. Ein neues Sym¬
ptom bei der Tabes, von v. Baeyer. 14. Über die Behandlung des „Mal perforant du pied“,
von Lange. 15. Das „Malmn perforaus pedis“, von Hofmann. 16. Sur une vari&e de d4for-
mation du pied chez nne tabetique, par Marie et Bouttier. 17. Arayotrophische Tabes mit
histologischem Befunde, von Lukäcs. 18. Konstitutionell individualisierende Tabestherapie,
von Stern. 19. Über die Bewertung der Dehnung des Plexus solaris bei der Behandlung
der gastrischen Krisen der Tabiker, von Leriche. 20. A propos des op4rations rachidiennes
chez les tab^tiques, par Sicard. 21. La dyspepsie tabätique, par Loeper et Oppenheim.
22. Gastrische Krisen der Tabiker und ihre Diagnose, von Van^sek. 28. Les interventions
chirnrgicalea dans les crises gastriqnes du tabfcs, par Sauvd. 24. Über Augenkrieen, von
XXXIV. 2
293932
^^igitized by CjO'
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
2
Zsako und Benedek. 25. Über tabische Angenkrisen and deren Entstehung, von Ftblnyi.
26. Ist die Arthropathie tabdtique eine syphilitische Erkrankung? von Plate. 27. Contribnto
alio studio delle ,,crisi ematemetiche essenziali“ e dell’ „oBteoartropatia vertebrale“ nella
tabe, per Frugoni. 28. Tardive Homosexualität bei Tabikern, von Moerchen. 29. Der heutige
Stand der Tabes-Paralysefrage, von Vix. 30. Note sur la genese d*un remission chez un
paralytique gönöral tabötique, par Antheaume et Piquemal. — Progressive Paralyse.
81. Paralysie generale juvenile avec autopsie, par Jacquin et LalgneMavastine. 32. Ein Fall
von Paralysis generalis bei einem 11jährigen Knaben, von Collet. 33. Ein Fall von Para¬
lysis progressiva infantilis, von Krön. 84. Un cas de paralysie generale infantile, par Brissot.
85. Zur Kasuistik der infantilen und familiären parasyphilitischen Erkrankungen des Nerven¬
systems, von Koschewnikoff. 36. Beiträge zum Studium der hereditären Lues des Nerven¬
systems (Friedreichscher Symptomenkomplex), von Spiecker. 37. Zur Frage der Gedächtnis¬
ausfälle bei Paralytikern, von Rohde. 38. Forme paranoide de la paralysie gönörale, par
Pascal. 89. Ein ungewöhnlicher Fall von Diebstahl bei progressiver Paralyse, als Beitrag
zur Lehre vom Krankheitsbewußtsein in derselben, von Stein. 40. Initiale Schrift Verände¬
rung bei Paralyse, von Lomer. 41. Bemerkungen über die progressive Paralyse mit be¬
sonderer Berücksichtigung der Halluzinationen, von Bause und Roderburg. 42. Unter¬
suchungen über die Spirochäte des Paralytikergehirns, von Förster und Tomasczewski.
43. Die Stellung der progressiven Paralyse (und Tabes) zur Syphilis und die Frage ihrer
Behandlung, von Meyer. 44. An analysis of the errors in diagnosis in a series of sixty
cases of paresis, by Orion. 45. Les acquisitions recentes dans le domaine de la paralysie
gönörale, par Bonhomme. 46. Die jüngsten Fortschritte auf dem Gebiete der Lehre von der
progressiven Paralyse, von Pllcz. 47. Beiträge zur traumatischen Ätiologie der progressiven
Paralyse, von Minnich. 48. Les traumatismes dans la pathogenie de la paralysie gendrale,
par Petrow. 49. Unfall und progressive Paralyse, von Weiler. 50. Quelle est la forme
clinique de la syphilis qui aboutit le plus souvent ä la paralysie genörale, par Collin.
51. Über progressive Paralyse, von Siebert. 52. Die Frage der leichten Lues und der
späteren Paralyse, von Lauschner. 53. Sui tentativi di speoiali sieroterapie nella paralisi
progressiva, per D'Abundo. 54. Sul valore terapeutico del nucleinato di sodio nella paralisi
progressiva e nella demenza precoce, per Moretti. 55. Das Treponema der allgemeinen
Paralyse, von Marie und Levaditi. 56. Chemische und histochemische Untersuchungen
über die lipoiden Abbaustoffe des Gehirns bei progressiver Paralyse, von Pighini und
Barbieri. 57. Biologische Betrachtungen über das Wesen der Paralyse, von Ehrlich. 58. De-
generazione marginale di fibre nervöse in fase iniziale ne midollo umano dimostrata col
metodo di Donaggio per le degeneruzioni, per Audenino. 59. Beitrag zur Frage der Wuche¬
rung des perivaskulären Bindegewebes bei progressiver Paralyse, von Grzywo-Dabrowski.
60. Über die Bedeutung der „meningealen Permeabilität“ für die Entstehung der progres¬
siven Paralyse, von Weil. 61. Zur Kasuistik der retrograden Amnesie, von Neuendorlf.
62. Dfe coefncient ureo-söcretoire d’Ambard dans la paralysie gönörale, par Obregia, Urechia
et Popeia. — Psychiatrie. 63. Die Untersuchung der Geisteskranken, von Roller.
64. Studien mittels der Weichardtsehen Reaktion bei verschiedenen Geisteskrankheiten, von
Hauenstein. 65. Les psychoses penitentiaires, par Arsimolles et Halberstadt. 66. Psychiatrische
Vorträge für Ärzte, Erzieher und Eltern. Dritte Serie, von Anton.
III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 3. und
17. November und 2. Dezember 1914. — Vereinigte ärztliche Gesellschaften in Berlin,
Sitzung vom 9. Dezember 1914.
v. Frankl-Hochwart t
I. Originalmitteilungen.
1. Psychiatrisches und Neurologisches aus dem Felde.
Von Kurt Mendel.
Schweren Herzens habe ich, gezwungen durch die über Erwarten lange
Dauer des Weltkrieges und durch die Unmöglichkeit, mittels der Post in zu¬
verlässiger Verbindung mit der Heimat zu bleiben, die redaktionelle Leitung
des Neurologischen Centralblattes für die Dauer des Feldzuges in andere Hände
gelegt: Herr Prof. Rothmann und Herr Dr. Tobias haben in liebenswürdigster
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
3
Weise meine Vertretung übernommen; ich weiß demnach die mir sehr am
Herzen liegende Zeitschrift in guten Händen. Damit aber die Leser dieses
Centralblattes seinen Friedensredakteur nicht völlig aus dem Auge verlieren und
nicht ganz vergessen, möchte ich im folgenden einiges aus meiner psychiatrisch*
neurologischen Kriegssammelmappe mitteilen.
In bescheidener Form, gleichsam feuilletonistisch, und ohne darauf Anspruch
zu erheben, daß ich Neues bringe oder das, was ich bringe, allgemeiner zu ver¬
werten imstande bin, will ich über einige Beobachtungen auf psychiatrischem
und neurologischem Gebiete berichten, die ich im Felde zu machen Gelegen¬
heit hatte. Leider verschwinden die Verwundeten infolge ihrer möglichst be¬
schleunigten Abtransportierung so schnell aus dem Gesichtskreise und die Zeit
für die Untersuchung des einzelnen ist bei der Fülle und Vielseitigkeit der
Arbeit so kurz bemessen, daß eine genauere und längere Beobachtung der
Kranken und somit eine wissenschaftliche Verwertung des Materials nicht recht
möglich ist Trotzdem wird vielleicht das Folgende einiges Interesse erwecken.
I. Psychiatrisches.
Auffallend ist zunächst das verhältnismäßig seltene Auftreten der Psychosen
im gegenwärtigen Kriege. Man hatte vor demselben in dieser Hinsicht ent¬
schieden zu große Befürchtungen. — In Anbetracht der fast übermenschlichen
Strapazen, Aufregungen und Affektspannungen, denen unsre Truppen ausgesetzt
sind, muß das relativ seltene Vorkommen von gröberen psychischen Störungen
sehr wundernehmen; es spricht dies vielleicht für die Güte der Aushebung, bei
welcher irgendwie psychisch Verdächtige beiseite gelassen wurden. Jedenfalls
haben sich die in der Kriegssanitätsordnung in Aussicht genommenen besonderen
Geisteskrankenabteilungen als durchaus nicht erforderlich erwiesen; es genügte
bisher im Notfälle die Isolierung in einem besonderen Zimmer des Verwundeten-
lazarettes oder in einer auf dem Hofe desselben aufgestellten Baracke vollständig,
zumal ein baldiger Transport des Geisteskranken nach einer Anstalt der Heimat
stets zu ermöglichen war. Für diesen Transport sowie für die Ruhighaltung
während des Lazarettaufenthaltes ist — wie im Frieden — die subkutane In¬
jektion von Morphium + Hyoszin das souveräne Mittel. In einem Falle von
Katatonie, den ich im Lazarett zu Co. unweit Paris behandelte und welcher mit
schwersten Erregungszuständen, Nahrungsverweigerung und Urinverhaltung
einberging, mußte ich mich allerdings zum Anlegen von Handfesseln entschließen,
— — im Vaterlande des Pxnel, der einst die Geisteskranken von ihren Fesseln
befreite! Diese Zwangsmaßregel wird man aber wegen der Unmöglichkeit
Dauerbäder zu verabreichen und wegen des Mangels an psychiatrisch geschulten
Krankenpflegern in einzelnen Fällen nicht umgehen können.
Betreffs der Art der psychischen Erkrankungen kann ich nur be¬
stätigen, was auch andere Autoren (Bonhoeffeb, 1 Wevgandt,* A. Fbiedländbb 3 )
* Deutsche med. Wochenschr. 1814. Nr. 39.
* Mediz. Klinik. 1914. Nr. 39.
1 Nerven- und Geisteskrankheiten im Felde und im Lazarett. Wiesbaden, J. F. Berg¬
mann, 1914.
1 ’
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
4
neuerdings wieder bervorbeben, daß man nämlich nicht berechtigt ist, von
eigentlichen Kriegspsychosen im Sinne einer besonderen nosologischen Einheit
zu sprechen. Hingegen kann der Krieg — ähnlich wie das Trauma bei den
Neurosen — der Psychose ein gewisses besonderes Gepräge geben, insbesondere
den Inhalt der krankhaften Vorstellungen und Wahnideen hochgradig beeinflussen.
Interessant war es mir schon, wie die zwecks Vornahme einer Operation narkoti¬
sierten (psychisch normalen) Verwundeten fast ohne Ausnahme im Exzitations¬
stadium der Narkose nur vom Kriege sprachen: sie erteilten Kommandos,
brachten Meldungen an Vorgesetzte in militärischem Tone, beschimpften die
Feinde usw. Die durch das Chloroform zunächst in Reizzustand versetzten
Hirnrindenassoziationsfasern waren also ganz und gar und ausschließlich auf
die Kriegsereignisse eingestellt In ähnlicher Weise bezogen sich die Beein¬
trächtigungsideen, die Sinnestäuschungen und die sonstigen krankhaften Vor¬
stellungen lediglich auf den Krieg selbst Nur ganz ausnahmsweise traf dies
nicht zu, z. B. in Fällen von Amentia; so verkannte ein hier beobachteter
Amentiakranker völlig seine Umgebung, er glaubte sich in der Irrenanstalt
Herzberge zu befinden, benannte die Sanitätsoffiziere mit den Namen von Ärzten
dieser Anstalt usw. Hingegen blieben Hysterische stets im Bilde; ein Soldat
mit einer sicher hysterischen Psychose wiederholte immer in stereotyper Weise,
indem er den Klang des Heransausens und Platzens einer Granate trefflich
nachahmte, die Worte: „Ssst — bumm!“ In den hysterischen Dämmerzuständen
spielte der Gebrauch des Revolvers oder Gewehrs gegen die Umgebung zumeist
eine Rolle.
Betreffs der Dementia praecox finde ich die Angabe Bonhoeffbb’s bestätigt,
wenn er (1. c.) schreibt, daß „im Hinblick auf die Altersstufe, in der sich die
Mehrzahl der Heeresangehörigen befindet, damit zu rechnen ist, daß der Krieg
zahlreiche latente Schizophrene manifest machen wird.“ Ich sah deren eine
ganze Anzahl, und zwar hauptsächlich der katatonen und paranoiden Form an¬
gehörig.
Eine manisch-depressive Psychose habe ich bisher nicht gesehen. Es er¬
scheint mir das sehr auffällig und ich stimme auch hierin Bonhoeffeb zu,
welcher gleichfalls diese Erkrankung vermißte und dies als bemerkenswert be¬
zeichnet, „weil man gerade bei dieser das affektive Gebiet besonders beteiligenden
Psychose eine besondere Abhängigkeit von schweren emotionellen Erlebnissen
annehmen könnte.“ Einer meiner Patienten, welcher vor 2 Jahren eine schwere
Melancholie durchgemacht hat und der demnach eigentlich als für den Heeres¬
dienst untauglich zu bezeichnen ist, befindet sich (wie ich erfahre) im Felde
völlig wohl und hat, trotz starker Gemütserregungen beim Ausbruch des Krieges
und beim Abschied von den Seinen, bisher kein Rezidiv bekommen. —
Das größte Kontingent zu derjenigen Gruppe von Soldaten, welche mit der
Disziplin in Konflikt gerät, stellen die chronischen Alkoholisten dar; ihr haupt¬
sächlichstes Vergehen ist Achtungsverletzung gegen Vorgesetzte.
Des öfteren wurde ich als Sachverständiger bei den Kriegsgerichtssitzungen
zugezogen. Die Verhandlungen wurden ganz wie im Frieden mit äußerster
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
5
Gründlichkeit durchgeführt. Söhmend hervorheben möchte ich die präzisen und
sachlichen Aussagen der französischen Zeugen und besonders der Zeuginnen in
all diesen Prozessen; diese Zeugenaussagen schienen mir an Logik und Präzision
entschieden das zu übertreffen, was man in unseren Gerichtssälen zu hören be¬
kommt, und erleichterten sehr den Fortgang der Verhandlungen. Die Kriegs¬
gerichtssitzung in einem gegen einen deutschen Soldaten angestrengten Mord¬
prozesse, dem ich als psychiatrischer Sachverständiger beiwohnte, war — ein¬
schließlich der Verhandlungsleitung, der Bede des Anklagevertreters, des Plai-
doyers des Verteidigers sowie der Zeugenaussagen — direkt als eine Muster¬
verhandlung zu bezeichnen. Sie erhielt dadnrcb noch einen eigenartigen Reiz,
daß man während der Sitzung dauernd den dumpfen Klang der Kanonen hörte,
welche in der nahen 8chlacht Hunderte von Menschenkindern — hinmordeten!
II. Neurologisches.
Die von mir beobachteten Hirn- und Rückenmarksschüsse bestätigten mit
erfreulicher Klarheit — fast wie Tierexperimente — das uns aus der Physiologie
und Pathologie Geläufige betreffs der Lokalisation der Funktionen: das im linken
Hinterhauptslappen steckengebliebene Geschoß verursachte mit großer Deutlich¬
keit eine linksseitige homonyme Hemianopsie; — die durch Operation aus der
dritten linken Stirnwindung entfernte Kugel hatte eine typische komplette
motorische Aphasie mit Agraphie hervorgerufen, nach der Operation war für
2 bis 3 Tage eine vorher nioht vorhandene starke Parese des rechten Armes
und Fazialis nachweisbar, die Sprach- und Schreibstörungen bildeten sich aber
dann sehr schnell und völlig zurück, schon am 3. Tage nach der Gescho߬
exzision konnte Patient wieder geläufig zählen und seinen Namen angeben; —
die bei einem Stabsarzt hinter dem linken Ohre eingedrungene Schrappnellkugel
hatte neben Fieber eine leichte sensorische Aphasie mit sehr aasgesprochener
Logorrhoe und „Wortsalat“ verursacht; die von mir daraufhin auf linksseitigen
Schläfenlappenabszeß gestellte Diagnose wurde durch die Autopsie bestätigt.
In all diesen Fällen ergab die Röntgenaufnahme sehr klare Bilder und
unterstützte die Diagnose, in vielen Fällen leistete sie unschätzbare Dienste für
die neurologische Diagnostik.
Lediglich als Tatbestand möchte ich hier erwähnen, daß 3 Fälle von
schwerer Stirnhirnverletzung eine ganz auffällige Witzelsucht 1 mit Euphorie
darboten, wie solche bekanntermaßen bei Stirnhirntumoren beschrieben wurde,
aber als Spezialzeichen der dort lokalisierten Geschwülste nicht allgemein an¬
erkannt ist. Merkwürdig bleibt es jedenfalls, daß diese Symptome gerade nur
bei diesen 3 Stirnhirnverwundeten in direkt mit der Schwere der Verletzung
stark kontrastierender Weise zur Beobachtung kamen.
Verletzungen des Halssympathicus mit den typischen Zeichen der Sym-
pathicusläbmnng (Miosis, Lidspalten Verengerung, Enophthalmus) infolge Auf-
1 So begrüßte z. B. der eine dieser verwundeten Soldaten, ohne irgendwie desorientiert
oder dement zn sein, den Stationsarzt regelmäßig mit den Worten: „Gnten Morgen, Herr
Herbergsvater!“
Digitized by
Go gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
6
schlagens der Kugel gegen die Halswirbelkörper konnte ich in mehreren Fällen
als Nebenbefund (z. B. der Erbschen Lähmung) feststelleD; subjektive Be¬
schwerden als Folge der Sympathicusläsion gaben diese Verwundeten nicht an,
nur auf direktes diesbezügliches Befragen wurde über vermehrten Speichelfluß
geklagt.
Oie Verletzungen der peripherischen Nerven ergaben die bekannten Krank¬
heitsbilder. Ob eine baldige Nervennaht gute Erfolge zeitigt, vermag ich nicht
anzugeben, da ich die betreffenden Verwundeten zu früh aus den Augen verlor.
Etwas sehr Auffälliges möchte ich aber nicht unerwähnt lassen. In einer Reihe
von Fällen, insbesondere aber bei allen denjenigen 5 Fällen, bei denen die
Arteria femoralis unterbunden worden war, fand sich eine typische Peroneus-
parese (Tibialis anticus, Extensor hallucis, Extensor digitornm communis, in
geringerem Grade Peroneus longus und brevis), ohne daß durch den Schuß oder
etwa durch Lagerung des Verwundeten bei der Operation der N. ischiadicus oder
dessen Äste irgendwie verletzt sein konnten. Ich erkläre mir diese Peroneus-
paresen als ischämische Lähmungen: die die Streckung der Fußmuskeln be¬
sorgenden Muskeln scheinen durch die mangelhafte Blutversorgung sich besonders
im Nachteil zu befinden, und, begünstigt durch den Druck seitens der Bett¬
decke, scheint die Muskellähmung sich in diesen Muskeln besonders leicht zu
etablieren. Ob ähnliches in der Literatur beschrieben ist, vermag ich von hier
aus nicht zu ermitteln.
Daß die Basedowsche Krankheit bei Männern nicht so selten ist wie im
allgemeinen angenommen wird (ich schrieb hierüber bereits in einer meiner
früheren Arbeiten 1 ), fand ich hier bestätigt: die Zahl dieser Kranken ist hier
keine geringe, besonders die Formes frustes des Leidens sind häufig, die damit
behafteten Individuen sind nicht felddienstfähig, sondern nur tauglich für den
Garnisondienst.
Neurasthenien sieht man hier viel, aber doch nicht so viel, wie man bei der
Größe der körperlichen Anstrengungen und der Schwere der affektiven Momente
erwarten sollte. Häufiger als bei Mannschaften sah ich neurastheniscbe Krank¬
heitsbilder bei Offizieren; letztere boten dann fast stets durchaus das gleiche
Bild, welches am besten als „nervöser Erschöpfungszustand“ zu benennen ist:
eine allgemeine Energielosigkeit, ein Mangel an Dispositions- und Entschlu߬
fähigkeit, das Gefühl des völligen körperlichen Zusammenbruchs und besonders
eine starke Neigung zum Tränen vergießen; oft sah ich herkulisch gebaute
Offiziere, die zahlreiche Gefechte „ohne mit der Wimper zu zucken“ mitgemacht
hatten, wie die Kinder weinen; sie boten ein Bild dar, das mich an den von
mir beschriebenen* Symptomenkomplex des Climacterium virile sehr erinnerte.
Bei diesem nervösen Erschöpfungszustände fehlte jeglicher Zug von Hypochondrie,
Hysterie oder Melancholie, es waren akute Neurasthenien“ in des Wortes
eigentlichster Bedeutung.
1 K. Mbndel and E. Tobias, Die Basedowsche Krankheit beim Manne. Neurolog.
Centralbl. 1913.
* Neurolog. Centralbl. 1910. Nr. 20.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Schließlich ein Wort noch über die hier beobachteten Tetannsfälle. In
einem Falle von Starrkrampf trat als erstes Symptom eine Erschwerung des
Urinlassens, ein Krämpfen beim Urinieren, auf. Je schärfer man im übrigen
nach den ersten Krankheitszeichen des Leidens suchte, um so seltener entging
einem die erhöhte allgemeine nervöse Reizbarkeit mit Stimmungswechsel als
frühestes und prämonitorisches Symptom des Tetanus. Diejenigen Starrkrampf¬
fälle, die ich zu sehen Gelegenheit hatte, boten sämtlich sehr ausgedehnte
eiternde Weiohteilzertrümmerungen dar, ich beobachtete das Leiden nie im An¬
schluß an leichtere Verletzungen. In letzter Zeit hat die Zahl der Fälle sehr
stark abgenommen, was wohl mit der Witterung und der günstigeren Versorgung
der Verwundeten zusammenhängt. Täglich vorgenommene intravenöse Tetanus¬
seruminjektionen schienen entschieden guten Erfolg zu haben; ein abschließendes
Urteil hierüber vermag ich aber nicht abzugeben. Übrigens bieten die an
Tetanus Erkrankten das grausigste und bemitleidenswerteste Bild unter allen
Lazarettinsassen dar. Wer nicht sonst schon an entsetzlichen Eindrücken in
diesem Kriege genug hat, den kann dort, im Tetanussaale, der Menschheit
ganzer Jammer anpacken!
Chauny, Ende November 1914.
2. Operationsbefund bei anscheinend
kompletter Rückenmarksquerläsion durch Schußwunden.
Von Dr. L. J. J. Muskens,
Privatdozent in Amsterdam.
Mit Hinsicht auf die Wichtigkeit des Objektes in den jetzigen Zeitverhält¬
nissen erlaube ich mir meine Beobachtungen der Veröffentlichung zu übergeben,
eben weil die Paraplegien im jetzigen Krieg mit den modernen Projektilen an¬
scheinend häufiger als früher sind und das Los der Getroffenen wohl trauriger
als das irgendwelcher anderer Verkrüppelten sein dürfte, andererseits die Rücken-
marksohirurgie aber erst- in den letzten Jahrzehnten einen technischen Aus¬
bau erfuhr.
Unter den sieben von mir untersuchten Verletzten mit spinalen Symptomen
habe ich in den zwei von anscheinend kompletter Querläsion getroffenen Fällen
zur Operation geraten. Es wurde mir freundliohst von den betreffenden Chirurgen
Bkbmeenu.Souttab zugestanden, selbst die Verantwortung des Eingriffs zu tragen.
Fall I. U. T., 21 Jahre alt, Emailleur. Untersuchung am 26./9. 1914.
Verwundet am 9./9. 1914 in Aerschot durch Gewehrkugel; Eingangsöffnung an
der rechten Seite, Ausgang links (vgl. die Figur); der Kranke fiel gleich hin
und war sofort vollständig gelähmt. Der Kranke war 2 Tage im Spital in
Aerschot, wurde dann per Auto weiter befördert. Er hat seither das Gefühl
gehabt, als ob der Unterkörper nicht mehr existierte. Erst in den letzten Tagen
empfindet er lanzinierende Schmerzen in den Füßen. Von Anfang an Incontinentia
alvi et urinae.
Digitizeü by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Beide SchuÜÖffnungen eitern. Der Kranke iei sein* abgexnagertf das rechte
Gesäß zeigt schwere Nekrose; .D^'-Öefekt i$t • h^fldielJfrgr'oß- hod riecht übel
Status praesens 27 /9. 1914: Komplette schlaft 1 # P^rapl^gie, Keine Spar yon
Reflexen an den echiaffeo Knie- und Aohillessehnea, ancii &t£ Fiibeohlemeflexe
nicht auslösbar* Ebenfalls Bind['■&*$^ BauchreÖexe verschwunden. Vom Csiterkörper
(bis Segment Lg) dringt keine StÜMtiosi 'im Be*aßfcseitl &utob * üi*; spontane,
sowie die reflektorische MoUUi&t etschaintvöiHg erioachen, Was die Gefühl-
stö^iigett bq wird die komplett für alle Söns^rdoea ; -.nn.fe^ßpdlicbe
.V - •, ■:■. \YV'\ ','••>'• v- -' - ' .v. ■■
. .
’
■
’
mi
swsy^-.i
Aihdgetk
Aiu^tiieriö
V* /•; ~i' r ^-:
.* •. ;• ?^ ; V-
/ ; «vAV.
*•: iMi- '•'"Ar" ’.-V,
.'; ■; >
V
•**'£$(*
:
If / v Hv;
' 1 • •;•: **• \ f 2
' 'V. - / y "’-■ ■’*’
:r./ ; : -'
, ®' ivt
I#
v
'• >
^ A; : > " y f $: ^jggj»&&
Hftittaüwe nach öben begrepÄt von «vner inhie, #et^ä dßöa .&* : litiinl?aiößgthÄnt ent¬
spricht — Man fearui deshalb das vollständig«FWiau jeder bWiktion* motorischer,
sunaorisclier und reifoktorieoW Art, des UtU^tkflrpW • .Hierbei Bind'
jedoch zwei. Besüoderheiten auffällig: l Am fer link^ii S^t«i .Uaii« wenn
mau längere Zeit 110 äekamlea): die Iimenseiie des OhersaböUkels mit **iuür Nadel
reist* nach einem lungeren Intervall, 10—20 Sekunden r ein* aijiüerat UngBatoe
Kontraktion der M. creiuaater erwecken, ;2? Während alle Erentiaiodögnp für eine
Kcmtiuuitätsunterhreidiung des £$oL>nrukrka im 13; Doröiilaf^igent au sprechen
Go gle
9
scheinen, fällt es auf, daß alle Bauchreflexe, die in einem höheren Niveau zu
lokalisieren Bind (D 8 bis D 12 ), abwesend Bind.
Während der gelähmte Kranke mühsam aufgehoben wird, sieht man an der
Rflckenseite einen handtellergroßen Decubitus, jauchig eiternd und anscheinend
bis auf die knöcherne Unterlage vordringend. Schußein- und -ausgang wie auf
der Figur. Kontinuierlich fließen Fäzes und Urin ab. Am selben Tage Kon¬
sultation mit Dr. Claus: Auch dieser stellt den völligen Verlust aller Sensu-
mobilität des Unterkörpers fest. Mit schwerem eisernem Hammer kann kein
Sehnenreflex ausgelöst werden.
Elektrische Untersuchung: Mit Faradischem Strome tritt bei derselben Strom¬
stärke Kontraktion der M. quadricipites (Elektroden auf dem unteren Teile der
Muskeln) auf, bei welcher ich bei mir selbst eine Kontraktion des Opponens
pollicis hervorrufe. Der M. peroneus und M. gastrocnemius reagieren weniger
und langsamer, wurmförmig. An den beiden letzteren Stellen sind Kathoden-
schließungs- und Anodenöffnungszuckung ungefähr gleich.
Epikrise: Nach den gangbaren Ansichten hatte man hier einen kompletten
Verlast der Kontinuität des Bückenmarks za diagnostisieren. Die partielle Ent-
artongsreaktion war nach Sencebt’s Ausführungen in dem Sinne zn inter¬
pretieren. Bastian und Bruns haben den Verlust der tiefen Reflexe als regel¬
mäßiges Symptom bei vollständiger Querläsion festgestellt Als eine schwache
Spur eines defensiven Reflexes könnte vielleicht die verspätete Reaktion des
Kremasters aufgefaßt werden.
Lokalisation der Querläsion: Die symmetrischen Gteffihlsstörungen bis
zum 2. Lumbalsegmente dürften, dem Übergreifen der segmentalen Felder zu¬
folge, einer Verletzung des 12. Dorsalsegments entsprechen. Mit Hinsicht auf
den Verlust der Bauchreflexe kann man das 8. Dorsalsegment nicht mehr als
gesund annebmen. Der Befund am Rücken (Schußwunde) läßt es wahrschein¬
lich erscheinen, daß das Projektil den Rückgratskanal zwischen 7. und 8. Wirbel
durchquert hat. Obwohl die Aussichten nur gering erscheinen, das Leben zu
retten, war ich doch zu überzeugt von der Richtigkeit des SANo’schen Satzes,
daß man nie mit Sicherheit im voraus die Ausdehnung einer Rückenmarks-
verletzung bestimmen kann, daß wir uns, nach Überlegung mit Koll. Claus,
zur Operation entschlossen.
28 /9. 1914. Sorgfältige Vorbereitung am Tage zuvor, wobei reichlich die
offenen Wunden und Decubitus mit Tinctura Jodii behandelt werden.
Incision von Spina dorsalis 6—9« Nach Freilegung von 6 cm des Spinal-
sackes, wobei der retrospinale Raum verengt und der intradurale Druck stark
erhöht erschienen, kann man Abwesenheit der Pulsation des Ganzen wahrnehmen.
Der Duralsack selbst ist auf alle Fälle aber unversehrt. Nachdem nach oben
noch ein Wirbelbogen nl auf der linken Seite entfernt ist, kommt beim Ab-
tasten der vorderen Seite des Wirbelkanals und Beiseitedrücken einiger dort
hervorragender Knochensplitter die Pulsation im ganzen freiliegenden Gebiete
zurück. Wundschluß mit Etagennaht.
29./9. 1914. Schon am Tage der Operation spürte der Kranke eine Wärme-
empfindung in beiden unteren Extremitäten. Die Empfindung der Rigidität der
Muskeln der unteren Extremitäten hat den Kranken verlassen. Heute hat sich
die Grenzlinie der GefÜhlstörungen deutlich ein paar Zentimeter gesenkt. Tem¬
peratur normal. Völliges subjektives Wohlbefinden. Leider konnte ich selbst
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
10
den Kranken nicht weiter beobachten, weil der Patient Weitertransportert
wurde.
Fall II. H. y. E., 26 Jahre alt, Schirmmacher, verheiratet, hat ein gesundes
Kind. Verwundet am 10./9. 1914, entweder durch Gewehr- oder Schrapnellkugel.
Feuerdistanz 200 m. Der Kranke fühlte einen Schlag in den Rücken und fiel.
Seitdem keine Empfindung in den Beinen, im Rumpfe und rechten Arm. Er
meinte, er habe keine Beine mehr. Mußte eine halbe Stunde von seinen Ge¬
fährten getragen werden, dann eine halbe Stunde auf einem Automobil, dann
noch 2 Stunden per Eisenbahn transportiert werden. Er kam völlig kollabiert
an; Puls 120. Kochsalzinfusion als lebensrettender Eingriff. Unaufhaltsames
Erbrechen. Es konnte ihm nur Wasser gegeben werden. Wegen der Retentio
Urinae mußte Patient zweimal tags katheterisiert werden. Am 17. September
wurde der Kranke radiographiert. Unmittelbar nachher wieder Kollaps, Puls
bis 145, Temperatur 36 l j 2 ° C. Digitalis und Pituitrin wurden verschrieben. Nach
6 Stunden deutliche Besserung. Der Urin war sehr alkalisch und hatte ammo-
niakalen Geruch. Infolge der starken Blutbeimischung konnte man die An- oder
Abwesenheit von Eiter im Urin nicht feststellen. Trotz Adrenalinspülung und
Ergotinverschreibung hält die Blasenblutung an. Patient kann jetzt Nahrung
zu sich nehmen. Incontinentia urinae et alvi. Am Rücken des Kranken sieht
man die Stelle des Kugeleintritts als einen braunen Fleck von der Größe einer
Mark, die glatten Ränder sind wenig entzündet, wenig Sekretion. An der rechten
Schulter hat die Kugel einen komplizierten Bruch des Humerus verursacht; die
ganze Gegend ist geschwollen, viel Eiter fließt ab.
Stat. praes. (19./9. 1914). Breit geschultertes Individuum, Puls 90, schwach.
Absoluter Verlust von Motilität und Sensibilität unterhalb einer Querlinie, welche
den oberen Teil des Processus ensiformis des Brustbeins quert. Der Kranke
klagt über viel Schmerzen und Reizung in der Form eines symmetrischen Gürtels.
Die Beine sind vollkommen schlaff, die Muskeln wie Wassersäcke; keine Spur
von Bauchreflexen und Kniereflexen. Ein geringer Rest eines Kremasterreflexes
ist da, kein FußBohlenreflex. Allein nach einer Anzahl von tiefen Stichen in die
Sohle kann man, rechts deutlicher als links, durch Summation von Reizen eine
geringe Beugung der großen Zehe beobachten. Es hat den Anschein, als ob
dieser Reflex mehr ausgeprägt ist, wenn man den Kranken eine Faust machen läßt.
Was den Achillesreflex betrifft, so kann mit Hilfe eines eisernen Hammers
eine langsame Muskelkontraktion des M. gastrocnemius an beiden Seiten aus-
gelöst werden. Die Beweglichkeit von Händen und Fingern erscheint nicht herab¬
gesetzt; die geringe Beweglichkeit der rechten oberen Extremität wird gänzlich
durch die komplizierte Fraktur des Humerus erklärt. Auf dem Bauche bemerkt
man starke Dermographie; der Nabel wird etwas gehoben, wenn der Kranke ver¬
sucht aufzusitzen. Die Schmerzen in der Gürtelzone oberhalb der Linie der
Anästhesie (7. Rippe) sind unerträglich; unterhalb einer schmalen Zone von Hyper¬
ästhesie findet man komplette Unempfindlichkeit für alle Qualitäten in der unteren
Hälfte des Körpers. Eine wiederholt versuchte Lumbalpunktion brachte keinen
Liquor hervor. Die Radiographie ergab keinen Aufschluß über den Sitz der
Verletzung.
20./9. 1914. Elektrische Untersuchung von Dr. Sano, Benham und mir.
Die schnelle Zusammenziehung des M. quadriceps durch den galvanischen Strom
war stärker am negativen als am positiven Pol, beim öffnen und Schließen. Mit
dem faradischen Strome wurde eine ziemlich starke Kontraktion des M. quadriceps
beobachtet. Wurden die Elektroden auf den N. peroneus appliziert, so war der
Charakter der Kontraktion langsam, wurmförmig.
24./9. 1914. Mit Hinsicht auf die Möglichkeit, selbst Wahrscheinlichkeit
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
11
daß der untere Teil des Bückenmarks nicht gänzlich eines nervösen Zusammen¬
hangs bar war und in der Erwartung, daß vielleicht ein Teil der Symptome die
Folge von Kompression seitens zertrümmerter Knochenpartikel seien, wurde eine
Exploration beschlossen. Der Zustand des Kranken war sehr schlecht. Der Puls
war schwach und frequent, die Temperatur stieg zum ersten Male eine Stunde
vor der Operation auf 39,4° G. Auf Bitten der Frau des Kranken wurde die
Operation ausgeführt, obwohl diese Temperaturerhöhung die premortale sein
konnte. — Der urethroskopische Befund hatte es möglich erscheinen lassen, daß
die kontinuierliche Blasenblutung vasomotorischen Störungen zuzuschreiben sei.
In den letzten Tagen war Decubitus an den Fersen aufgetreten.
Der Kranke wurde auf den Bauch gelegt, das Abdomen hoch gehoben wie
für Nierenoperation. Die Hinterwand des Rückgratkanals wurde geöffnet, nach¬
dem vom zweiten zum siebenten Brustwirbel die Spinae entfernt waren. Während
der Operation .wird festgestellt, daß der offene Baum hinter dem nicht pulsieren¬
den Rückenmarke auffallend reduziert war. Damit man auf alle Fälle nach oben
ein normal funktionierendes Bückenmarkssegment antreffen konnte, wurde noch
ein Wirbelbogen abgetragen. Es wurde nicht nur dort eine Pulsation angetroffen,
sondern auch der untere frei gelegte Teil des Rückenmarks fing jetzt zu pulsieren
an. Bei näherer Beobachtung erschien die Dura mater außergewöhnlich gespannt.
Das Volumen des Rückenmarksackes erschien ungefähr doppelt so groß als
normal. Der Zustand des Kranken war so, daß Kochsalzlösung und Strychnin
während der Operation angewendet werden mußten. Dann wurde die Vorder¬
seite des Vertebralkanals untersucht; nirgends war die Dura von der Kugel ver¬
letzt worden. Die Zeit ließ nicht zu, genauer zu untersuchen, warum die Pulsation
in Bückenmark plötzlich zurückgekehrt war. Der Druck war anscheinend be-
seitigt; Etagennaht mit Seide und Pferdehaar.
26./9. 1914. Die Temperatur war sofort nach der Operation normal ge¬
worden, die schrecklichen Schmerzen in der Gürtelzone. waren geschwunden.
Dr. Sako stellt fest, daß die obere Linie der Anästhesie 3 bis 4 cm (bis zur neunten
Rippe) niedriger steht. Kniereflexe abwesend. Plantarrefiexe, Beugetypus, sind
da, lebhafter an der rechten Seite.
29./9. 1914. Die Tast- und Schmerzempfindung ist zurückgekommen bis
unter den Rippenbogen; der Plantarreflex ist normal an der rechten Seite, an der
linken nur bei wiederholter Reizung auslösbar.
Am 30. September mußte ich die Beobachtung Koll. Souttab überlassen.
Weitere Notizen haben, den Kriegsverhältnissen zufolge, mich noch nicht erreicht.
Epikrise: In diesem Fall hatte der Verlust der tiefen Reflexe, nach Bastian
und Bruns, zu der Vermutung einer kompletten Rückenmarksruptur Anlaß ge¬
geben. Die geringe Zuckung des M. gastrocnemius mit einem eisernen Hammer
konnte ganz gut auf direkter Muskelreizbarkeit beruhen; das Bestehen eines
Restes eines Plantarreflexes bedeutet nur, daß der untere Teil des Markes, un¬
abhängig von dem oberen Teil, noch funktionierte. Die Abwesenheit der voll¬
ständigen Entartungsreaktion (Sencert) brachte einen Zweifel. Der Umstand,
daß ein kräftiges Faustmachen mit der linken Hand den Rest des Plantarreflexes
verstärkte, gab zu der Vermutung Anlaß, daß die Kugel das Rückenmark bloß
passierte, ohne es zu berühren. Die Autopsie in loco lieferte den Beweis, daß
diese Vermutung zu Recht bestand.
Aus diesen beiden tatsächlichen Befunden scheint es mir gerechtfertigt, den
Schluß zu ziehen, daß die für die Diagnostik und operative Exploration des
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
12
Rückgratschusses gültigen Regeln einer Revision bedürfen. 1 Hierbei erscheinen
folgende Punkte von Bedeutung:
1. Die Diagnostik der Rückenmarksquerverletzungen ist bis jetzt eine sehr
unsichere. Es geht aus den neueren Erfahrungen hervor, daß wir über kein
Diagnostikum bis jetzt verfügen, das uns zu der Diagnose vollständiger Quer¬
läsion befähigt. Obwohl feststeht, daß bei kompletter Querläsion des Rücken¬
markes die tiefen Reflexe, sowie auch die oberflächlichen (mit Ausnahme des
Plantarreflexes) abwesend sind, kann man nach den jetzt vorliegenden Befunden
diesen Satz nicht umkehren und beim Verlust der tiefen Reflexe nach Rücken¬
marksverletzung nicht auf komplette Querverletzung schließen.
2. Erst im russisch-japanischen, bulgarischen und jetzigen Kriege ist man
imstande, die Wirkung des modernen, große lebendige Kraft besitzenden, Pro¬
jektils zu studieren. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß wir den neuen Ver¬
hältnissen zufolge es mit noch wenig studierten Mechanismen der Rückenmarks-
läsion zu tun haben (Hämorrhachis durch Saugwirkung des Projektils?).
8. Die Verbesserungen der Technik des operativen Eingriffs in den Wirbel¬
kanalinhalt sind relativ sehr jungen Datums, und schon deshalb erscheint eine
Revision der bezüglichen Indikationen zeitgemäß.
4. Die Exploration in zwei hoffnungslos erscheinende Querverletzungen des
Rückenmarkes mit Verlust ungefähr aller Reflexe hat ergeben, daß in beiden
Fällen der Duralsaok intakt und jedenfalls, wie das teilweise Zurückgehen der
Erscheinungen beweist, die Querläsion des Markes eine nicht vollständige war.
Oktober 1914.
3. Kriegsneurologische Beobachtungen und Betrachtungen.
Von L. Bruns in . Hannover.
Mit größtem Interesse habe ich den Artikel Oppenheim’s: „Zur Kriegs¬
neurologie“ in der Berliner klin. Wochenschrift (1914, Nr. 48) gelesen. Da ich
seit Anfang Oktober auch ganz in der Kriegsneurologie stecke — seit 15. No¬
vember bin ich dank des Weitblickes unsres Korpsgeneralarztes konsultierender
Nervenarzt des X. Armeekorps — interessiert es vielleicht, auch Einiges von mir
zu hören. In den meisten Dingen stimmen meine Erfahrungen ganz mit denen
Oppenheim’s überein.
Zunächst habe auch ich den Eindruck, daß über Neurosen und vielleicht
auch über Psychosen mehr geredet wird, als nötig. Ich habe sie auch ge¬
sehen — besonders neue Formen nicht; einen typischen Fall von pseudo¬
spastischer Parese mit Tremor, vereinzelte Fälle hysterischer Kontraktur, einen
von Astasie. Neu und mir noch nicht ganz deutbar sind die Folgen von Platzen
großer Geschosse in der Nähe ohne eigentliche Verwundung — hier scheinen sich
manchmal organische und funktionelle Symptome zu verbinden, auch wohl
Störungen von seiten des inneren Ohres. In einem solchen Falle starker zere-
1 Nachtrag zur Korrektor: Vergleiche Hoffmann (Deutsche Zeitschr. f. Chirurgie.
XCII. 1908), Sbncbbt-Kbabbel (Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung. 1914. S. 685), Makiks u. &.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
bellarer oder vestibulärer Schwindel und seit Wochen eine enorme Verlangsamung
der Wortfindung. Der Kranke, ein Hauptmann, ist erblich schwer belastet ln
einem anderen ähnlichen Falle totale Paraplegie mit rascher Heilung.
Hirnverletzungen habe ich auch in aller Art gesehen — namentlich
Rindensymptome mit Knochendepressionen und ohne solche — Hemianopsie,
einmal auch kortikale Blindheit — Aphasie, Monoplegien und auch Paraplegien
der Beine, Lagegefühlsstörungen und Astereognosie bei einem Falle von Ver¬
letzung der hinteren Zentral- und Parietalregion, unbestimmte zerebellare Sym¬
ptome bei Verletzung am Hinterhaupt. Hier bei Depressionen mehrmals rasche
Besserung nach Trepanation, wenn das Hirn nur komprimiert war. Einmal
konnte ich bei einem Geschoß, das im rechten Stirnlappen steckte, auch bei der
genauesten Untersuchung kein Hirnsymptom finden. Zwei Abszesse im rechten
Stirnlappen, einer ohne jedes zerebrale Symptom — nur Stauungspapille —,
dieser starb an Meningitis; das Geschoß war auch durch die Nase gegangen;
ein zweiter Fall war bewußtlos, Cheyne-Stoke, doppelseitig Babinski und Achilles-
klonus — vielleicht linksseitige Parese, Stauungspapille. Großer Abszeß im
rechten Stirnlappen unter einer Knochenwunde. Guter Verlauf, trotzdem im
Anfang auch meningitische Symptome und gekreuzte Abduzenslähmung bestand.
In einem Falle war die Diagnose Jacksonscbe Krämpfe gestellt, der Kranke
war schon zur Operation rasiert; es waren aber typisch-hysterische Krämpfe, die
eine Überführung in die hiesige Irrenstation nötig machten.
Büokenmarkverletzungen — auch Konus- und Kaudaverletzungen —
boten nichts wesentlich Neues. In 2 Fällen ist der Verlauf ein so günstiger,
daß ich hoffe, es bandelt sich nur um eine Blutung in die Häute. In anderen
Bastiansohes Symptom mit schlaffer Lähmung bei hochsitzender totaler Läsion.
In 3 Fällen Rückenmark' und Teile des Plexus brachialis verletzt Auch eine
Myelomalacie ohne direkte Verletzung des Markes ist hier beobachtet, aber nicht
von mir.
Die Hauptsache sind auch bei mir Verletzungen der peripheren
Nerven, weniger, aber auch reichlich des Plexus brachialis. Es ist erstaun¬
lich, wie man jetzt die periphere Nervenanatomie lernt. Am häufigsten
Radialis, aber fast ebensoviel Medianus — dann Iscbiadicus — mit Peroneus
allein oder ganz, Peroneus am Unterschenkel, dann Ulnaris, auch Cruralis, ferner
Axillaris, Musculocutaneus; von Himnerven Opticus, Trigeminus, Facialis, Acusticus,
Hypoglossus. Von Kombinationen am häufigsten Medianus und Ulnaris; einmal
Medianus, Ulnaris, Musculocutaneus und Axillaris am Oberarm, einmal Musculo¬
cutaneus und Radialis. Zweimal Verletzung des Sakralplexus im Becken. Elektrisch
fast immer totale, viel seltener partielle Entartungsreaktion; vereinzelt faradische
Trägheit Die Beobachtung Oppenheim’s des späten Eintretens der Zuckungs¬
trägheit habe ich noch nicht gemacht, aufgefallen ist mir die rasche Herabsetzung
der galvanischen Erregbarkeit, doch spielen hier vielleicht auch Nebenumstände,
wie Durchblutungen der Muskeln, ischämische und entzündliche Muskelerkran¬
kungen eine Rolle mit, die überhaupt oft das Krankheitsbild sehr komplizieren.
Die Heftigkeit und Ausbreitung der Schmerzen wird ja allseitig be-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
14
tont; auch ich habe Fälle gesehen, bei denen Bewegungsstörungen z. B. im
Medianus- und Iscbiadicusgebiete nur durch die Schmerzen bedingt zu sein
schienen; keine Lähmung, keine Entartungsreaktion, manchmal aber dazu noch
Geföhlsstörungen. In anderen Fällen fehlten die Schmerzen wieder ganz oder
bestanden nur ganz kurze Zeit. Auch ich meine, und habe das schon früher
betont, daß heftige Schmerzen für partielle Läsion oder echte infektiöse Neuritis
sprechen. Heftig sind die Schmerzen meist, wenn gleichzeitig Aneurysmen vor¬
handen sind. Besonders heftig sind nach meiner Beobachtung die Schmerzen
bei Medianus- und Isobiadicusverletzungen, geringer bei ülnarisläsion, selten bei
solchen des Radialis. Im Medianusgebiet sah ioh am häufigsten trophische
Störungen: Hautschuppen, Hautrötung, starkes Schwitzen, einmal Blasen und
Gesohwürsbildung an den Fingerspitzen (kein Aneurysma); es entspricht meinen
früheren Erfahrungen, daß der Medianus in dieser Beziehung eine Hauptrolle spielt.
Auffällig war auch mir die Deutlichkeit der Gefühlsstörungen, oft in
den von den Anatomen gegebenen Grenzen, selbst im Radialisgebiet, was ja mit
unseren sonstigen Erfahrungen wenig stimmt, aber sehr wechselnd waren immer¬
hin die Anästhesiegebiete doch.
Manchmal bestanden, wie schon gesagt, auch in meinen Fällen, fast nur
Anästhesie und Schmerzen oder Schmerzen allein, nach der Anamnese
öftere als Überreste von vollständigeren Lähmungen (?). Fand sich solches im
Tibialisgebiete, so fehlte immer der Achillesreflex, manchmal mit leichter
Abmagerung der Wade, ohne elektrische Störung, also ganz wie bei schwerer
Ischias. Aber auch in Fällen von Ischiadicusverletzung, wo nur Peroneus¬
lähmung bestand, fehlte öfters auch der Acbillesreflex, vielleicht als Über¬
bleibsel einer im Anfang auch vorhandenen Tibialislähmung. Dem wider¬
sprachen auch die Angaben der Verletzten nicht.
Die psychischen, vasomotorischen und sekretorischen Erscheinungen
bei peripheren Nervenverletzungen sah ich ebenfalls. Namentlich fiel
mir die Schlafstörung und das starke und ausgedehnte Schwitzen auf.
Man müßte nur wissen, ob das nicht auch bei nicht „nervösen“ Wunden vor¬
kommt; für die Schlafstörungen halte ich das für sicher, sie sind fast allgemein.
Zu Operationen rate ich bald, wenn die Schmerzen sehr arg und hart¬
näckig sind; in einigen solchen Fällen half die Neurolyse rasch — in anderen
kaum. Auch ohne die Schmerzen muß man sich wohl eher als im Frieden zu
Operationen und eventueller Nervennaht entschließen, da man ja genaueres über
den Status der Nerven kaum sagen kann und bei Durchtrennung, die doch
nicht selten ist, aber auch bei fibrösen Quetschungsnarben sonst nur Zeit ver¬
loren wird. Ich sinne in wachen Nachtstunden über die Möglichkeit der
sicheren Diagnose einer Durchtrennung, die von der Quetschung bisher doch
nur sehr selten sicher zu unterscheiden ist; vielleicht starke Schmerzen, geringe
Gefühlsstörungen, Ischiasphänomen (Beobachtung Oppenheim’s) und die seltenen
Fälle partieller Entartungsreaktion ausgenommen. Ich habe noch keinen Weg
gefunden, aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig, weil bei den Schu߬
verletzungen auch die Quetschuugsnarben sehr oft so derb sind, daß sie
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
15
zur Heilung der Lähmangen heraasgeschnitten werden müssen. Jedenfalls
haben wir hier bei Operationen in den meisten Fällen einen Befand gemacht,
der entweder die Neurolyse oder das Heraasschneiden der Narben mit nach¬
folgender Nabt, oder die Naht der getrennten Nervenenden mit vorheriger An¬
frischung nötig machte; nur selten war der Befund so, daß die Operation wohl
nicht nötig gewesen wäre.
Erwähnen will ich noch, daß zwar auch in meinen Fällen meist die Wärme
bei Schmerzen wohltuend empfunden wurde, manchmal aber auch die Schmerzen
vermehrte, so daß die Kranken küble Umschläge vorzogen und es im warmen
Zimmer nicht aushalten konnten.
4. Ein Fall von
Wirbelschuß mit Verletzung der Cauda equina. 1
v Von O. Benda in Berlin.
4 Fälle von Schußverletzungen der Wirbelsäule mit Beteiligung ihres ner¬
vösen Inhalts sind mir bisher während des Krieges zur Sektion gekommen. Die
Präparate des ersten und in vieler Beziehung lehrreichsten dieser Fälle wurden
in der Novembersitzung der Berliner psychiatr. Gesellschaft von mir demonstriert
Aus der Krankengeschichte, die ich Herrn Prof. 0. Zelleb verdanke, ist
folgendes hervorzuheben:
Der 31jährige Landwehrmann B. wurde am 15. September durch einen
Schrapnellschuß im Rücken verwundet. Er brach gleich nach dem Schuß zu¬
sammen und konnte seitdem die Beine nicht mehr bewegen, hatte Stuhl- und
Harnverhaltung. Wegen letzterer wurde er nach 5 Tagen zum ersten Male
katheterisiert. Der Urin war anfangs klar, wurde dann trübe und blutig. Einige
Tage später gelang es ihm, den Urin durch starkes Drängen zu entleeren, dann
trat andauerndes Urinträufeln ein.
Am 8. Oktober wurde er in ein Vereinslazarett aufgenommen. Er ist sehr
abgemagert, blaß und schwach. Beide Beine sind völlig gelähmt, die Haut¬
sensibilität ist an den Unterschenkeln und der Hinterseite der Oberschenkel
völlig aufgehoben, an der Vorderseite der Oberschenkel und den äußeren Geni¬
talien schwach erhalten. Die Blase ist leer, aus der Harnröhrenmündung
träufelt beständig stark blutiger Urin mit Blutgerinnseln und Schleimklumpen
hervor. An den Lungen werden Rasselgeräusche gehört, der Auswurf ist spär¬
lich, schaumig. Auf der linken Gefäßhaut befindet sich ein handtellergroßes
Dek ubitalgeschwür.
Die Schußwunde findet sich etwa in der Höhe des 2. Lendenwirbels, an
der rechten Seite, etwa 6 cm von der Mittellinie. Sie ist etwa markstückgroß
und läßt sich nach der Mittellinie hin in die Tiefe verfolgen. Die Umgebung
der Wunde und die Wirbelsäule sind nicht empfindlich.
1 Demonstration in der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten
am 9. November 1914.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
16
Auch eine Röntgenaufnahme läßt keine Verletzung der Wirbelsäule erkennen.
Sie zeigt aber die Lage des Geschosses an der linken Seite, etwa fingerbreit
neben der Wirbelsäule in der Höhe des 3. Lendenwirbels.
Da der Zustand sich sehr verschlechtert, wird unter der Annahme, daß
eine Verletzung einer Niere vorliegt, eine Operation geplant. Aber schon während
der Äthernarkose erfolgt am 16. Oktober der Tod.
Die noch an demselben Tage von mir vorgenommene Sektion ergab als
unmittelbare Todesursache eine Urosepsis, nämlich eine hämorrhagisch-nekroti¬
sierende Zystitis und Pyelitis nebst abszedierender Nephritis. Hinsichtlich der
Verwundung ergibt die Sektion, daß der Schußkanal der Weichteile nahezu
vernarbt ist und sich nur als ein Strang etwas sulzigen, bräunlich pigmentierten
Bindegewebes von der Einschußöffnung in der rechten Weiche ein wenig nach
unten geneigt gegen die Wirbelsäule schwierig verfolgen läßt. An der Wirbel¬
säule verschwindet er völlig, zwei blutig durchtränkte Vertiefungen im 2. Lenden¬
wirbelkörper, die anfänglich bei der Sektion für die Schußstellen gehalten
werden, erwiesen sich später als nicht in Betracht kommend. Es waren wohl
die Eingänge der Vasa nutritia, deren Umgebung mit Butfarbstoff durchtränkt
war. Auch an der anderen Seite der Wirbelsäule ist keine schwerere Zer¬
trümmerung von Weichteilen erkennbar; das Geschoß, eine Schrapnellkugel, liegt
in derbem Bindegewebe fixiert in der Faszie vor dem linken Musculus qua-
dratus lumborum etwa 2 cm lateral von der Spitze des Querfortsatzes des
3. Lendenwirbels. Nach Eröffnung des Wirbelkanals finden sich hier keine
schwereren Zerstörungen. Die Hinterfläche der Dura ist völlig intakt, auch im
Gebiete des Schusses. Nach ihrer Eröffnung läßt sie sich von den weichen
Hirnhäuten überall in normaler Weise abheben. Letztere zeigen sich im Ge¬
biete der Cauda equina etwas sulzig, mit einer gelbrötlichen Flüssigkeit durch-
tränkt. In der Höhe des 2. und 3. Lendenwirbels bildet die weiche Hirnhaut
mit den Nerven der Cauda zusammen eine etwas derbere rötlich graue durch¬
scheinende Masse. Innerhalb dieser zeigen sich einige Nerven in einer eigen¬
artigen knäuelförmigen Zusammenrollung und Durcheinanderwirrung, während
andere geradlinig hindurchziehen. Oberhalb und unterhalb dieser Stelle haben
wieder alle ihren normalen geraden Verlauf, die unterhalb gelegenen erscheinen
etwas gequollen und rötlich.
* An der Vorderfläche ist die harte Hirnhaut in diesem Abschnitt etwas
fester mit dem Wirbelkörper verwachsen. Nach ihrer Entfernung zeigt der
Wirbelkörper eine flache rötliche horizontale Rinne, in die einige Knochenvor¬
sprünge hineinragen, aber ebenfalls keine schwerere Zertrümmerung, keine
Eiterung.
Erst nach Mazeration der Knochen ergibt sich, daß von den Rändern des
rechten zwischen 2. und 3. Lendenwirbel gelegenen Intervertebrallochs kleine
Absprengungen erfolgt sind; dagegen ist von einer Verletzung des Wirbelkörpers
nichts zu erkennen. Jene erstbeschriebene Rinne entspricht der Zwischen¬
wirbelscheibe, über der das Periost etwas verletzt war.
Die mikroskopische Untersuchung, die zur Schonung des interessanten
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
17
makroskopischen Präparats nur an einer schmalen Qaerscheibe vorgenommen
wurde, ergibt die Einlagerung eines jungen Narbengewebes in die Cauda equina,
welches nach vom hin am dichtesten ist. Ein Teil der Nerven ist durch Binde¬
gewebe ganz unterbrochen, andere nur fest in solches eingebettet. Auch diese
Fasern zeigen starke Degeneration, teils Verklumpungen des Myelin, teils fettige
Degeneration mit Körnchenkugeln. Die hintersten Nervenzüge scheinen intakt
zu sein. Nach vorn hin liegen innerhalb des Narbengewebes einige eingeheilte
Knochensplitter.
Es ergibt sich aus dem allen, daß der Schuß ohne erhebliche direkte Zer¬
störung durch Wirbel und Nervengewebe hindurcbgegangen ist, indem er unter
ziemlich glücklicher Vermeidung des Knochens wesentlich die beiden Interverte¬
brallöcher durchschlagen und die Hinterfläche des Wirbelkörpers nur gestreift
hat. Die Vorderfläche der Dura muß verletzt worden sein, die Nervenfasern der
Cauda scheinen aber im wesentlichen ausgewichen zu sein, so daß nur die
vordersten entweder durch den Schuß selbst oder durch Knochensplitter verletzt
und zum Teil durchtrennt, die meisten allerdings gequetscht oder gezerrt wurden.
Das Präparat zeigt einen fortgeschrittenen Vernarbungsvorgang der Ver¬
letzung. Ob ohne das Hinzutreten der TJrosepsis eine größere Wiederherstellung
der Funktion eingetreten wäre, ist nicht zu entscheiden, die Möglichkeit dürfte
nicht ganz auszuschließen sein.
II. Referate.
Kriegsbeobachtungen.
1) Versorgung der Neurosen und Psyohosen im Felde, von Prof. Dr.
W. Weygandt. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 39.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Der Krieg begünstigt unzweifelhaft Psychosen. Verf. bespricht zunächst ihr
Auftreten in verschiedenen Kriegen nach Prozenten und daran anschließend die
Form der Störungen. Am häufigsten kommt Dementia praecox zum Ausbruch,
etwas seltener manische und depressive Zustände. Eine Kriegspsychose sui generis
gibt es nicht, aber bei prädisponierten Persönlichkeiten kann der Krieg psychische
Störungen zum Ausbruch drängen, so eine ruhende epileptische oder hysterische
Anlage, manisch-depressive Attacken oder katatonische ZuBtände bei schwer Be¬
lasteten, auch ist die Möglichkeit des Ausbruchs einer Paralyse oder Lues cerebri
bei einem früher syphilitisch Infizierten zu berücksichtigen. Auf Grund von Panik
kann eine Art vorübergehender Massenpsychose auftreten. Daneben beobachtet
man den Hitzschlag, Hirnerschütterung, Bewußtlosigkeit mit schweren Shocksym-
ptomen, z. B. durch den Luftdruck eines vorbei fliegenden Geschosses, Fieber¬
delirien usw.
Verf. geht dann zu den Erkrankungen des eigentlichen Nervensystems über.
Zur Beobachtung kommen vor allem Verletzungen des peripheren Nervensystems,
bo besonders an exponierten Stellen, im Plexus hrachialis und N. radialis, aszen-
dierende Neuritiden, lokale neuralgische Erkrankungen auf Grund von Erkältungs¬
schädlichkeiten, gelegentlich eine Meningitis cerebrospinalis, leichte Formen von
Formes frustes Basedow, die nach Ansicht des Verf.’s höchstens garnisondienst¬
fähig sind. In der Marine sieht man häufiger schwerste Schädeltraumen, Luft¬
druckwirkung und Shockerscheinungen, Nervenschädigungen durch die Geräusche
XXXIV. 2
Digitizeü by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
18
der Maschinen und Motore, intensive langdauernde Kopfschmerzen durch Einatmung
von Petroldämpfen.
Wichtig ist eine sorgfältige Prophylaxe durch Ausmerzung von psychisch
Abnormen bei der Aushebung und Ausbildung. Besonders bei den Freiwilligen
ist eine eingehende Prüfung erforderlich. Sehr zweckmäßig ist Alkoholprophylaxe,
dabei muß im Frieden schon vorgearbeitet werden.
Auf Differentialdiagnosen im Felde kommt es im allgemeinen weniger an.
Der Kranke muß auf alle Fälle sofort als felddienstuntauglioh bezeichnet werden.
Eine gewisse Bedeutung beansprucht die Diagnose nur für die Transportfäbigkeit;
fast immer ist sofortiger Transport zu empfehlen, nur epileptische und hysterische
Erregungen sowie ErschöpfungspsychoBen beanspruchen eine gewisse Buhezeit,
auch eignen sich Fälle von Blitzschlag und Hirnerschütterung nicht für den
Transport.
Bei Verdacht einer psychischen Störung muß der Patient schon aus der
Front genommen werden. Hyoszin-Morphium ist am zweckmäßigsten zur Be¬
ruhigung und zwar muß die Lösung frisch sein. Verf. erörtert auch das Mißliche
irriger Anschauungen und eventueller Bestrafungen. Für heftige Erregungs¬
zustände eignen sioh auch Veronal, Trional, Luminal, Paraldehyd, Amylenbydrat,
Chloralbydrat, eventuell die Narkotisierung durch Chloroform und Äther. Die
Güterdepots haben auch Material zur stationären Irrenbehandlung, Wannen für
Dauerbäder, Kasten- oder Gitterbetten, unzerreißbare Schuhe und Anzüge, womit
sich Irrenstationen im Etappengebiete sehr gut errichten lassen, wenn auch der
baldigste Transport immer die wünschenswerte Aufgabe bleibt. Die seltenen Fälle
mit Simulationsverdacht können in die an Garnisonlazaretten auch schon im Frieden
bestehenden Geisteskrankenabteilungen überführt werden.
Verf. bespricht zum Schluß die Behandlung des Sonnenstichs und der Hirn¬
erschütterung, des Shock mit Vasomotorenlähmung usw.
Am bedeutungsvollsten ist es, den Geist im Heere hochzuhalten, was be-
sonders durch zweckmäßige Bekanntgabe von Siegen — aber keine Lügen¬
meldungen! — erfolgt.
2) Über Kriegspsychosen, von San.-Bat Dr. Georg Buschan. (Mediz. Klinik.
1914. Nr. 42.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. gibt folgende Zusammenfassung:
1. Psychische Störungen treten im Kriege bei Soldaten häufiger als im
Frieden auf.
2. Man darf etwa auf 2 bis 3°/ 0 diese Häufigkeit veranschlagen.
3. Die Ursache für Kriegspsychosen geben sowohl Kopf- bzyr. Gehirnsohüsse,
als auch körperliche Überanstrengungen (Erschöpfung) und die seelischen Auf¬
regungen, die das Kriegshandwerk mit sich bringt, ab.
4. Die akuten Psychosen scheinen ungleich häufiger als die chronischen vor¬
zukommen.
5. Das typische Bild aus solchen Anlässen ist eine Art zerebraler Neur¬
asthenie (Erschöpfungs- und Angstpsychose), die allerdings ein bei weitem viel¬
seitigeres Bild darbietet als die gewöhnliche Zerebrasthenie.
6. Die Prognose dieser eigentlichen Kriegspsychose ist eine verhältnis¬
mäßig gute.
7. Der Ausbruch der Kriegspsychosen braucht nicht unmittelbar nach dem
Kampfe zu erfolgen, sondern kann auch erst später in die Erscheinung treten.
3) Zur Kriegsneurologie, von H. Oppenheim. (Berliner klin. Wochenschrift.
1914. Nr. 48.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
An den Ausführungen von Interesse sind im Hinblick auf vielfache Er¬
wägungen vor allem von Erb, dann vom Verf. selbst, von Lewandowsky,
Bothmann u. a. die einleitenden Bemerkungen, daß es dem Verf. gelungen ist.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
19
▼on der Medizinalabteilung des Kriegsministeriums die Leitung einer aus etwa
100 Betten bestehenden und erweiterungsfähigen, ausschließlich neurologischen
Abteilung im Kunstgewerbemuseum zu erhalten. Verf. hebt als feststehend hervor,
daß die Kriegsneurologie unser Wissen bereichern und alte Anschauungen und
Lehren umgestalten wird.
Zur Besprechung gelangen zunächst die Kriegsneurosen und Kriegspsychosen.
Sie sind lange nicht so häufig, als man annehmen könnte. Sie treten fast durch¬
weg bei Disponierten auf, aber es gibt davon Ausnahmen. Keineswegs handelt
es sich um Krankheitsformen sui generis. Der Schlaf ist durch wilde Träume
gestört, kardiovaskuläre Störungen treten stark in den Vordergrund. Verf. be¬
spricht einzelne besonders markante Fälle genauer.
Weitere Beobachtungen umfassen organische Gehirnkrankheiten infolge von
Schädel* und Gehirnschüssen, sowie die Rückenmarksverletzungen. Das Geschoß
macht im Gehirn nicht als solches die Erscheinungen, sondern die Zertrümmerungen
und Blutungen, die es verursacht. Rückenmarksverletzungen gelangten ziemlich
zahlreich zur Beobachtung. Die Wirbelsäule ist meist röntgenoskopisch intakt
oder bietet die Zeichen der Fraktur. Der Stoß genügt aber, um Varkverände-
ruogen hervorzurufen, und zwar kommen vor:
1. die meningeale Blutung und die Arachnitis serofibrosa spinalis,
2. die Hämatomyelie,
3. Die Myelomalazie oder die akute traumatische Nekrose des Marks.
Letzterer Befund ist in einem Falle mit intakter Wirbelsäule erhoben
worden.
Die Meningitis serosa oder serofibrosa spinalis bei Schußverletzungen kommt
entweder mit dem Typus der totalen Markläsion oder dem der Brown-Sequard-
schen Halbseitenläsion vor. Letztere haben im Material vom Verf. das Über¬
gewicht. Eine Fülle von Einzelbeobachtungen wird gesondert besprochen.
Das Hauptfeld der Kriegsneurologie bilden die traumatischen Neuritiden, die
peripherische Nerven* und Plexuslähmung. Das Bein ist etwas seltener betroffen
wie der Arm. Am häufigsten wird der Radialis verletzt. Auf dem Gebiete der
Nervenverletzung hat uns der Krieg mit neuen Tatsachen bekannt gemacht, die im
wesentlichen in der starken Beteiligung des sensiblen Nervensystems bestehen.
Diese dokumentiert sich:
1. durch die enorme Heftigkeit der Schmerzen in einem Teil dieser Fälle,
2. durch die starke Betonung der Sensibilitätsstörungen,
3. durch die Häufigkeit des isolierten Befallenseins der sensiblen Bahnen im
Stamme des gemischten Nerven,
4. durch den gewaltigen Einfluß dieser traumatischen Neuritis sensibler
Bahnen bzw. der Schmerzen auf die psychische, vasomotorische und sekretorisohe
Sphäre.
Diese vier Tatsachen werden vom Verf. des Näheren ausgeführt.
Therapeutisch macht sich besonders dringend die Forderung nach der Be¬
kämpfung der neuritischen Schmerzen geltend.
4) Kurse Bemerkungen zur Symptomatologie und Therapie des Tetanus,
von Prof. Dr. Ferdinand Blumenthal. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 44.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Im Kriege sind Tetanusfälle häufiger, weil die Bedingungen für die Infektion
mit dem Nicolai sehen Bacillus in erhöhtem Maße gegeben sind. Straßenstaub,
Pferdemist, Gartenerde sind die hauptsächlichsten Träger der Tetanuskeime, ins¬
besondere sind die Schützengräben als Hauptquelle anzusehen. Daneben spielen
Holzsplitter eine Rolle, auch Kleidungsstücke, besonders der Füße, und die Ge¬
schosse selbst, die die Tetanuskeime enthalten. Es gibt weder einen rheumatischen
TetanuB noch einen Tetanus durch Inhalation von Tetanusbazillen im Felde. Der
2 *
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
20
Erfolg von der Tetanusbehandlung hängt durchaus von der frühzeitigen Erkennung
ab. Dem Trismus gehen als erstes Symptom krampfartige Schmerzen und
Zuckungen in den der Wunde benachbarten Uuskelgruppen voraus, indem die
Gifbverbreitung von der Wunde aus durch die mit der Wunde kommunizierenden
Nerven zum Rückenmark geschieht. Häufig sind im Anfang auch Schlack¬
beschwerden. Der Trismus ist nur das erste einwandfreie Symptom. Sobald nur
Tetanus verdacht aufsteigt, muß das Serum angewandt werden; mit jeder Stunde
des AbwartenB schwindet die Heilungsmöglichkeit um ein Vielfaches. Fälle von
nur lokal bleibendem Tetanus bieten eine gute Prognose. Im allgemeinen kann
man sagen, daß die Prognose um so schlechter ist, je kürzer die Inkubations¬
dauer ist.
Die Behandlung ist spezifisch und symptomatisch. Die Amputation des infi¬
zierten Gliedes ist zu verwerfen. Die spezifische Behandlung besteht in der An¬
wendung des Behringschen Heilserums. Die Wunde selbst kann lokal mit der
Bockenheimer sehen Tetanussalbe oder dem Behring-Calmette sehen trockenen Anti¬
toxin behandelt werden. Dazu kommt dann entweder die von Jacob und
Blumenthal empfohlene Duralinfusion des Heilserums oder seine endoneurale
Applikation nach H. Meyer. Von intrazerebraler Anwendung ist abzuraten, un¬
genügend ist die subkutane Verwendung. Besser ist die intravenöse Anwendung
großer Heilserummengen und die intraarterielle Heilseruminfusion. Verf. bespricht
dann die symptomatische Behandlung, die einen wichtigen Bestandteil der Gesamt¬
therapie bildet, die Narkotika, die Magnesiumsalztherapie, die Anwendung des
KurariL Wertlos sind Karbolsäureinjektionen.
Die Prognose ist immer ernst. Es empfiehlt sich, bei allen verdächtigen
Fällen prophylaktisch Tetanusserum anzuwenden. Für diese prophylaktische Be¬
handlung genügt die subkutane Injektion von 20 A.-E., die am besten nach
einigen Tagen, spätestens nach 8 Tagen wiederholt wird.
5) Zur Behandlung des Tetanus mit besonderer Berücksichtigung der
Magnesiumsulfattherapie, von W. Weint raud. (Berliner klin. Wochenschr.
1914. Nr. 42.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. resümiert seine Tetanuserfahrungen mit folgenden Forderungen:
1. Prophylaktische Schutzimpfung mit Tetanusserum bei allen Verwundungen,
die einer Verunreinigung mit Erde besonders verdächtig sind.
2. Aufmerksame Beobachtung der Verwundeten auf die Frühsymptome und
auf „lokalen Tetanus“.
3. Keine Unterschätzung der Schwere der Krankheit, auch nicht, wenn die
Krankheitssymptome nur angedeutet sind, und auch nicht, wenn sie erst nach
längerer Inkubation eingetreten sind. Beides können günstige Momente dar¬
stellen. Aber auch bei den geringsten Andeutungen von lokaler Muskelspannung
kann sich daraus noch das Krankheitsbild des schwersten Wundstarrkrampfes
entwickeln und selbst wenn seit der Verwundung Wochen vergangen sind, kann
es sich um einen foudroyant verlaufenden Tetanusinfektionsfall handeln. Die
Keime haben dann, ohne sich weiter zu entwickeln, in der Wunde gelegen, bis
eines Tages durch irgendwelche neue Bedingungen ihr Wachstum möglich ge¬
worden ist (Abschluß der Wunde von der Luft durch Vernähen, Mischinfektion
mit Eitererregern, die zu ihrem Wachstum soviel Sauerstoff beanspruchen, daß in
der Wunde die für Tetanusbazillen günstigen anäroben Wachstumsbedingungen
nachträglich erst hergestellt werden usw.).
4. Sachgemäße Wundbehandlung (breites Offenlassen, keine Verschorfung,
Anwendung flüssiger Desinfizientien, lokale Anwendung von Tetanusantitoxin).
Bei der bekannten Eigenschaft der Tetanusbazillen, nur bei Sauerstoffabschluß zu
gedeihen, wäre ein Versuch der ausgiebigen Wundbehandlung mit Wasserstoff-
Di gitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
21
Superoxyd und namentlich mit den festen Wasserstofisuperoxydpräparaten zu
empfehlen
5. Nach Anftreten der ersten Tetanussymptome umgehende Anwendung einer
Heildosis des Tetanusserums (100 A.-E.) und Wiederholung dieser Dosis in den
nächsten Tagen, eventuell intralumbale Anwendung von 50 bis 100 A.-E. Tetanus¬
serum.
6. Sofortiger Beginn mit konsequenter Magnesiumsulfatanwendung intra¬
lumbal oder subkutan, mit Dosen, die im Sinne einer Narkose dem Patienten
prompt Erleichterung durch Muskelerschlaffung bringen, unter Berücksichtigung
aller Vorsichtsmaßregeln.
7. Verwendung von Narcoticis wie Chloral, Morphium, Pantopon in frei¬
gebiger Weise
6) Zur Behandlung des Tetanus, von Ernst Unger. (Berliner klin. Wochen¬
schrift. 1914 Nr. 42.) Bef«: E. Tobias (Berlin).
Verf. erinnert an seinen gemeinsam mit Bleichröder und Lob gemachten
Vorschlag, Arzneistoffe in die arterielle Blutbabn zu bringen und so dem ge¬
samten arteriellen Kreislauf oder einzelnen Arterienbezirken einzuverleiben. Er
legt die Art. ulnaris frei und führt einen in Dampf sterilisierten, mit Kochsalz
durcbspülten Ureterkatheter so weit hinauf, daß seine Mündung im Aortenbogen
etwa liegt. Das Antitoxin wird durch die Karotiden ins Gehirn gespritzt, durch
die Aorta descendens und ihre Äste ins Rückenmark geschleudert. Verf. hat das
Verfahren in einem Falle mit Erfolg verwendet. Weiterhin hat Verf. im Tier¬
versuch versucht, das Magnesiumsulfat, weil bei der Höhe der Dosis die Gefahr
der Atemlähmung besteht, durch eine kleinste Tracheotomie wunde einzuverleiben
und zwar mit einem Seidengespinnstkatheter von Kleinfingerdicke, das bis zur
Teilung der Trachea geführt wird. Der Katheter wird mit einer Sauerstoffbombe
verbunden und unter geringem Druck (6 bis 8 mm Hg) läßt man Sauerstoff ein¬
strömen, den Strom in der Minute durch Abdrehen des Hahns an der Bombe
6 mal etwa für 1 bis 2 Sekunden unterbrechend.
7) Beitrag zur Behandlung des Tetanus, von Dr. Hans Mühsam. (Berliner
klin. Wocbenschr. 1914. Nr. 45.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. bedient sich folgenden Verfahrens, um die Tetanusbazillen zu beseitigen
oder unschädlich zu machen:
1. Es werden alle mit der Zirkulation nicht mehr in ausreichendem Maße
zusammenhängenden Gewebe entfernt. Die keimhaltigen Gewebsfetzen brauchen
nur sehr klein zu sein, um einer Bazillenkolonie als Brutstätte zu dienen. Bei
beginnendem Kinnbackenkrampf soll nicht nur die vielleicht schon makroskopisch
beschmutzte Einschußöffnung Umschnitten und mit Schere, Skalpell und eventuell
scharfem Löffel gesäubert werden, sondern auch der Schußkanal. Ein- und Aus-
schußöffoung durch den Kanal sind möglichst zu spalten, damit eine weite offene
Wunde hergestellt wird.
2. Unbedingte Forderung ist die Beseitigung reduzierenden Materials, das
durch Sauerstoffabsorption den Tetanusbazillen die Entwicklungsmöglichkeit ver¬
schafft, die Beseitigung von Eitererregern und saprophytischem Material.
3. Die ganze Wunde wird mit Sauerstoff durchtränkt, um trotzdem im
Körper verbliebene Tetanusbazillen unschädlich zu machen. Dazu eignet sich nur
Wasserstoffsuperoxyd.
Dazu kommen das Tetanusserum und ausgiebige Verwendung von Narcoticis.
Wichtig ist die möglichst frühzeitige Behandlung. Verf. beabsichtigt in Fällen
von Trismus mit Anzeichen einer Bronchitis mit Temperaturanstieg eine möglichst
große Zahnlücke zu schaffen, die die Expektoration ermöglicht.
8) Die Behandlung des Tetanus, von Dr. Georg L. Dreyfus. (Therapeutische
Monatshefte. 1914. November.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
22
Durch Überschwemmung des Körpers mit Antitoxin auf intravenösem, endo-
neuralem und intralumbalem Wege, die bis zur Besserung fortgesetzt werden
muß, muß versucht werden, der durch die Tetanusbazillen bedingten Toxin¬
wirkung zu begegnen. Große Dosen von Antitoxin, 600 A.E. pro Tag, werden
gut vertragen.
Die Lokalbehandlung der Wunde darf unter keinen Umständen vernachlässigt
werden.
Bei der Behandlung des Tetanus mit Narcoticis (Morphium, Morphium-
Skopolamin, Chloral, Veronal, Luminal) darf mit diesen nicht gespart werden.
Die Behandlung des Tetanus mit Magnesiumsulfat ist eine rein symptomatische
Therapie, die auf eine elektive Lähmung des Nervensystems gerichtet ist. Magne¬
siumsulfat sollte nur in Kombination mit Tetanusantitoxin gegeben werden, solange
letzteres zur Verfügung steht.
Die intradurale Magnesiumsulfattherapie ist wegen der Möglichkeit der Atem«
lähmung äußerst gefährlich. Sie sollte nur dann in Anwendung kommen, wenn
man dieser Gefahr entweder durch die sofortige Tracheotomie begegnen kann,
oder aber, wenn der Zustand an sich die Darreichung eines so gefährlichen Mittels
rechtfertigt.
Die subkutane Anwendung von Magnesiumsulfat scheint recht günstig zu
wirken und geringere Gefahren mit sich zu bringen. Wegen der offensichtlichen
Wirkung auf das Kreislaufsystem sei man in den Gesamtdosen vorsichtig und
gebe Magnesiumsulfat nur, wenn eine strenge Indikation hierfür durch heftige
Krämpfe oder erhebliche tonische Starre mit schweren Trismus bedingt ist. Die
Dosierung und Anwendungsweise des Magnesiumsulfats ist noch nicht einwandfrei
geklärt.
Die Karbolsäureinjektionen nach Baccelli verdienen eine Nachprüfung. Ins¬
besondere müßte festgestellt werden, ob hier wirklich neben der symptomatischen
eine gewisse ätiologische Behandlungsweise eingeleitet« wird. Auch hier müssen
große Dosen gegeben werden (0,5 bis 1,5 g Phenol pro die).
Wenn, wie jetzt in Kriegszeiten, kein Antitoxin zur Verfügung steht, sollte
man die Behandlung mit Narcoticis und Karbolsäureinjektionen einleiten und dann
zur Magnesiumsulfattherapie übergehen, wenn diese auf Grund der oben angeführten
Momente indiziert ißt und eine Gesamterschlaffung der Muskulatur notwendig er¬
scheint.
Tabes.
9) The flrat observed eases of Friedreichs ataxia in America, by J. H.
Kellogg. (Medic. Record. LXXXV. 1914. Nr. 10.) Ref.: W. Misoh.
Die beiden ersten Fälle von Friedreichscher Ataxie (zwei Brüder), die in
Amerika beobachtet wurden, wurden vom Verf. im Jahre 1875 publiziert. Diese
beiden Fälle kamen nach 2 bis 3 Jahren zum Exitus, obwohl man gehoffthatte,
sie durch Elektrotherapie zu bessern. Jetzt werden allgemein mit Frenkelschen
Übungen gute Heilerfolge erzielt.
10) Über hereditäre Ataxie, von Prof. Dr. Vorkastner. (Medizin. Klinik.
1914. Nr 9 bis 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beginnt mit der Krankengeschichte eines 25jährigen Mädchens, dessen
Vater ebenso wie zwei Brüder an einer ähnlichen Störung wie sie selbst leiden.
Seit 5 Jahren bemerkte sie zunächst eine „Schwäche und Unsicherheit“ der Beine,
als wenn sie immer bergan ginge, ohne vorwärts zu kommen, besonders im Dunkeln.
Dann wurden die Hände unsicher, besonders das Schreiben wurde erschwert. Auch
die Sprache wurde schlechter. Die Arme verschlechterten sich mehr als die Beine.
Keine Schmerzen, kein Kribbeln, kein Ameisenlaufen, Blase und Mastdarm intakt.
Digitized by
Gck 'gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
23
Die Untersuchung bot: tremorartige Kopfbewegungen, beim Sitzen im Bett ein
fortwährendes Schwanken oder Wackeln des Oberkiefers und blitzartige Zuckungen
der SchultermuBkulatur, beim Liegen kurze zuckende Bewegungen in Armen und
in Fingern und im Mundfazialisgebiet, ein deutliches Schwanken oder Wackeln
in den unteren Extremitäten bei allen Widerstandsbewegungen, Ataxie in den
oberen und unteren Extremitäten von bestimmtem Charakter, schwere Oangstörung
mit Stampfen und seitlichem Schwanken von taumelndem Charakter mit Zunahme
bei geschlossenen Augen, Bömberg, Trizeps-, Patellar- und Achillesreflex erloschen,
Babinski und Oppenheim negativ, Sensibilität und Lagegefühl normal usw. Die
Diagnose lautet auf zerebellare Ataxie. Verf. bespricht die differentialdiagnosti-
sehen Fragen, insbesondere auch die Friedreich sehe Ataxie und hebt hervor, daß
in derselben Familie Fälle von Friedreich scher Ataxie und von Heredotypus Vor¬
kommen können.
Von Interesse ist nun die Untersuchung des &5jährigen Vaters der Patientin.
Die Betrachtung des Vaters ergibt weitgehende Analogien mit der Tochter.
Auch der Vater zeigt eine schwere Ataxie von zerebellarem Charakter, Wackel¬
bewegungen des Kopfes, Bewegungsstörungen der Extremitäten beim Zeigefinger-,
Nasen- und Kniehackenversuche ohne Sensibilitätsstörungen. Aber die Patellar-
und Achillesreflexe fehlen nicht nur nicht, sondern sie sind gesteigert, es besteht
Andeutung von Fußklonus. Auch ist von Interesse, daß der Fall erst mit
50 Jahren begonnen hat. Ferner litt der Vater an einer paroxysmellen Tachy¬
kardie ohne wesentliche diesbezügliche Störung des subjektiven Befindens. Nach
einigen Tagen war der Herzbefund dann wieder völlig normal. Die Beziehungen
speziell zwischen Friedreich scher Ataxie und Herzleiden sind nicht neu; Verf.
diskutiert die verschiedenen Zusammenhänge, welche angenommen werden (kon¬
genitale Bildungsfehler, gleichzeitige infektiöse Ätiologie, Übergreifen des nervösen
Prozesses auf die Medulla oblongata und Einwirkung der nicht selten dabei be¬
stehenden Kyphoskoliose).
Bezüglich des Mißverhältnisses einzelner Symptome, wie des Vorhandenseins
der Ataxie und Fehlens von Sensibilitätsstörungen muß man berücksichtigen, daß
es Bich bei diesen degenerativen Erkrankungen des Nervensystems um mehr oder
weniger ausgedehnte Minderwertigkeiten handelt, daß eventuell eine mehr lokali¬
sierte Minderwertigkeit die Degeneration auf bestimmte Einheiten beschränken
kann, daß wir uns nicht wundern dürfen, wenn weitere und nicht zusammen¬
gehörige Gebiete ergriffen werden, ura so weniger, wenn das ganze Organ oft
hypoplastisch erscheint.
Zwischen den hereditär-familiären Leiden gibt es Übergänge, wobei die Misch¬
bilder äußerst kompliziert sein können.
Verf. bespricht dann die einzelnen Symptome in bezug auf ihre pathologisch¬
anatomische Deutung.
Der 3. Fall bot der Diagnostik Schwierigkeiten. Es handelt sich dabei um
den Sohn des zweiten, den Bruder des ersten Patienten. Im Vordergründe stehen
choreiforme Zuckungen, die bei den anderen nur nebensächlich auftreten und an
Chorea hätten denken lassen, wenn nicht das Fehlen der Sehnenreflexe und eine
eigentümliche, zum Teil statistische, zum Teil lokomotorische Innervationsstörung
auf die richtige Fährte geleitet hätte. Verf. schildert noch einen analogen Fall
von hereditärer Ataxie mit choreatischen Zuckungen. Diese kann unter Umständen
auch mit gewissen Fällen von multipler Sklerose und Lues cerebrospinalis ver¬
wechselt werden, auch mit der akuten Ataxie.
Der 4. Fall ist vom Verf. nicht selbst beobachtet worden. Er ist Soldat
und zeigt — es handelt sich um den Bruder des 3. Falles — folgende Symptome:
er schwankt auf dem Marsch hin und her, kann auf ,,StiHgestanden‘‘ nicht Still¬
stehen, sein Gewehr schwankt hin und her, was ihm schon viele Rüffel eingetragen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
24
hat. Die Untersuchung ergab Kyphoskoliose, Schwanken, gespreizten, taumelnden
und stampfenden Gang, Ataxie, Fehlen des rechten Patellarreflexes, schwachen
linken Patellarreflex, Zuckungen der Oberschenkelmuskulatur. Der Mann muhte
entlassen werden.
In allen Fällen ungewöhnlich sind vor allem die Fibrillationen, die an Hirn¬
rindenveränderungen denken lassen.
11) Beitrag zur Lehre von der traumatischen Tabes, von M. Schlemm.
(Inaug.Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über einen einschlägigen Fall, in welchem die Symptome der
Tabes in exquisiter Weise bereits 3 Jahre vor dem Trauma bestanden. Der
ursächliche Zusammenhang zwischen Tabes und Trauma mußte demnach abgelehnt
werden. Trotzdem wurde eine Verschlimmerung des Krankheitszustandes durch
den Unfall angenommen und auf eine Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit durch
den Unfall von 40 bis 50 °/ 0 erkannt.
12) Über Stirnrunzeln. bei Tabes, von J. Navwuch. (Öasopis öesk^cb. 15k.
LIII. 1914. S. 36.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich).
Verf. hebt hervor, daß das Stirnrunzeln, das als Symptom bei verschiedenen
Psychosen vorkommt, speziell bei Tabes charakteristisch ist. Die Runzelung
kommt dadurch zustande, daß der Pat. die durch Parese des Levator palpebrae
verursachte Ptosis paralysieren will.
13) Ein neues Symptom bei der Tabes, von H. v. Baeyer. (Münchener med.
Wochenschr. 1914. Nr. 20.) Ref.: W. Alexander.
Wenn man beim gesunden Menschen mit der Fingerbeere die Haut hin- und
herschiebt oder eine erhobene Hautfalte hin- und herzerrt, so gibt der Unter¬
suchte die Richtung der Verschiebung. Der Ataktiker kann das nicht. Die Be¬
zirke des gestörten Verschiebungs- und Spannungsgefühls sind nicht identisch mit
den Partien, wo die Tast- und Schmerzempfindung fehlt. Während letztere bei
den untersuchten Fällen meist nur in kleinen Bezirken gestört war, war die Aus¬
dehnung der Spannungegefuhlsstörung meist eine sehr beträchtliche. Das Gefühl
der Hautspannung und Haut Verschiebung scheint in gewissem Sinne zu den Tiefen¬
sensibilitäten zu gehören, seine Störung scheint eine nicht unwichtige Rolle beim
Zustandekommen der Ataxie zu spielen.
14) Über die Behandlung des „Mal perforant'du pied“, von Erich Lange.
(Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf. gibt eine Übersicht über die einschlägige Behandlungsmethode und
berichtet über drei eigene Fälle leichteren Grades von Mal perforant du pied,
die lokal und mit Ruhelagerung behandelt wurden. Ein Fall davon wurde als
geheilt entlassen, einer wurde minimal, der andere beträchtlich gebessert.
15) Das „Malum perforans pedis u , von Max Hof mann. (Ergebnisse der
Chirurgie u. Orthopädie (J. Springer). VIII. 1914.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. bespricht zunächst die Ätiologie (mechanische, vaskuläre, nervöse
Theorie). Die Ätiologie des Mal perforant ist keine einheitliche; in erster Linie
wird es verursacht durch nervöse Grundleiden, es spielen aber auch vielfach
andere Ursachen (Druck, Diabetes, Alkohol usw.) eine begünstigende Rolle. Arthro¬
pathie und Mal perforant stehen in einem mehr beigeordneten Verhältnis zuein¬
ander: die Ursache der Arthropathie und Knochenveränderung stellt auch gleich¬
zeitig die Ursache für die Weichteilerkrankung dar, sie ist durch das nervöse
Grundleiden bedingt, einerlei, ob es sich um reine trophische Einflüsse handelt
oder ob es nur die bestehende Anästhesie ist, die unter dem Einfluß von Traumen
das Entstehen des Mal perforant und der Arthopathien begünstigt.
Therapie: Jodkali, Hg, Elektrizität, Nervendehnung, Exzision (eventuell auch
des Knochenherdes).
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
25
16) Sar une variötö de döformation du pied ohes uns tabötique, par Marie
et Bouttier. (Nouvelle Iconographie de la SalpStridre. 1913. Nr. 6.)
Bef.: E. Bloch (Kattowitz).
1. Einsinken der Fuß Wölbung, so daß ein vollständiger Plattfuß entstanden
ist, dann Anschwellung des Fußrückens, Verdickung des inneren Fußrandes und
eine Verkürzung des ganzen Fußes. Bei der Durchleuchtung zeigen sich osteo-
artikulare Veränderungen.
2. Doppelseitiger Klumpfuß. Trotz langen Krankenlagers keinerlei Läh¬
mungserscheinungen, alle Bewegungen können glatt ausgeführt werden.
Ganz verschieden von diesen klassischen Fällen ist der
3. Ein schlotternder Fuß: kann keine Bewegung ausführen, der Fuß ist leicht
gekrümmt, die Zehen leicht gebeugt, ohne daß eine Kontraktur vorliegt. Antero-
externe Atrophie des Beins, seit 11 Jahren bestehend; elektrisch absolut un-
erregbar.
17) Amyotrophlsohe Tabes mit histologisehem Befunde, von Dr. E. Luk&cs.
(Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psycb. XXIV. H. 4.) Bef.: M. Pappenheim.
26jähr. Mann. Vor 7 Jahren luetische Infektion. Vor 3 Jahren Schwindel,
Schleudern der Füße beim Gehen. Zunehmende Schwäche und Dünnerwerden der
unteren Extremitäten, so daß Pat. seit Vj 2 Jahren das Bett nicht mehr verlassen
konnte. Vor l l / 2 Jahren Diplopie, die sich besserte. Seit 2 Jahren ließ Pat.
Stuhl und Urin unter sich.
Höchstgradige Abmagerung. Alle Muskeln atrophisch. Papillen ungleich;
beide starr. Beiderseits Ptosis; links ausgesprochene Oculomotoriusparese. Parese
des rechten Gaumenbogens. Bachenreflex sehr schwach. Zunge weicht nach rechts
ab, ihre rechte Hälfte atrophisch. Beiderseits Posticusparese. Erschwerung des
Schluckens. Pat. kann die oberen Extremitäten kaum, die Schultern überhaupt
nicht bewegen. Arm- und besonders Handmuskeln atrophisch. Elektrische Er¬
regbarkeit vermindert, doch fehlt Entartungsreaktion. In den unteren Extremi¬
täten noch weiter vorgeschrittene Atrophien. Pes-equinovarusstellung. Nur im
Kniegelenk beschränkte Bewegung möglich. Elektrisches Verhalten wie an den
oberen Extremitäten. An den unteren Extremitäten verlangsamte Leitung des
Schmerzgefühls. Sonst keine Sensibilitätsstörung. Keine Schmerzen, keine Druck¬
empfindlichkeit der Nervenstämme. Sehnenreflexe fehlen.
Bei der anatomischen Untersuchung fanden sich, abgesehen von der Hinter¬
strangserkrankung, in den Vorderhörnern und in den Clarkeschen Säulen zwischen
gesunden Zellen eingestreut zahlreiche Zellen in verschiedenen Stadien der „chroni¬
schen Zellerkrankung“ Nissls. Verf. betrachtet diese Veränderungen nicht als
Folge der Degeneration der Beflexkollateralen, sondern als direkte Folge der
Schädigung durch das luetische Virus.
18) Konstitutionell individualisierende) Tabestherapie, von Bichard Stern.
(Therapeut. Monatsh. 1914. H. 6.) Bef.: Kurt Mendel.
Den asthenischen und breitwüchsigen Tabikern soll man kein Jod geben,
ersteren nicht, um nicht ihren latenten Thyreoidismus zu wecken, letzteren nicht,
um nicht ihre minderwertige Schilddrüsenfunktion weiter zu schwächen. Diese
beiden Formen machen zusammen 85°/ 0 des gesamten Tabikermaterials aus! Kon¬
stitutionell normale Fälle mit tabesähnlichen Symptomen sind der Lues spinalis
zuzurechnen, denn dort, wo Krankheitsursachen endogener Natur fehlen, wird alles
Krankhafte der Exogenese, der Lues, entstammen. Die Tabestherapie muß aus
dem Gesamtaspekt des Kranken zu ermessen suchen, in welchem Umfang die ver¬
schiedenen genetischen Faktoren beteiligt sind, ob vorwiegend die kranke Kon¬
stitution gehegt und geschont, oder aber die Lues bekämpft werden muß. (Die
Ausführungen des Verfi's sind sehr anfechtbar; vgl. mein Beferat dieses Centr.
1913. S. 33. Bef.)
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
20
10) Über die Bewertung der Dehnung des Plexus solaris bei der Behand¬
lung der gastrischen Krisen der Tabiker, von R. Leriche. (Deutsche
Zeitschr. f. Chirurgie. CXXXII. 1914. S. 77.) Ref.: K. Boas.
Verf. glaubt, daß man an dem Prinzip eines Eingriffes an dem peripheren
Sympathicus im Beginn der chirurgischen Behandlung der Magenkrisen in den¬
jenigen Fällen festhalten muß, in denen das parietale Element der Krise (Steige¬
rung der ßauchdeckenrefiexe, schmerzhafte Sensibilität des Thorax, Interkostal¬
neuralgie) fehlt und ebenso die charakteristischen Erscheinungen der Vaguskrise.
Die Dehnung des Plexus solaris, welche im übrigen eine durchaus gutartige Ope¬
ration darstellt, ist jedoch eine zu ungenaue Operation, als daß sie dem Tat*
bestände wirklich entspricht.
Man muß nach einem sicheren Verfahren Umschau halten. Bevor ein solches
gefunden ist, muß man einstweilen seine Zuflucht zu einer Operation nehmen,
welche sich einen Eingriff an den Rückenmarks wurzeln zum Ziele setzt (Frankesche
oder Förstersche Operation), oder zu der Chordotomie.
20) A propos des operations raobidiennes ohez les tabetiques, par J.-A. Sicard.
(Lyon chirurgical. IX. 1913. S. 305.) Ref.: K. Boas.
Verf. hält die Frankesche Operation bei Tabes oder Schmerzen radikulo-
ganglionärer Natur für unlogisch und gefährlich. Unlogisch, weil sie tatsächlich
gar nicht auf das Ganglion oder die hinteren Wurzeln wirkt, gefährlich, wenn
man das Ganglion auf dem äußeren Wege zu erreichen und zu entfernen sucht.
An der Gulekeschen Operation hat Verf. zu. bemängeln, daß sie den Ausfluß
von Zerebrospinalflüssigkeit und die Möglichkeit einer Infektion der. Hirnhäute
nicht verhindert.
Verf. empfiehlt sein in Gemeinschaft mit Desmaret (Presse medicale. 1912.
Nr. 91) ausgearbeitetes Verfahren: globale Ligatur in dem epidur&len Raum der
hinteren und vorderen Wurzeln, DurchschneiduDg dieser Wurzeln mit Gangliektomie.
Das Indikationsgebiet dieses Verfahrens stellen die Schmerzen radiko*ganglionärer
Natur (bei Herpes zoster und Tabes dorsalis) dar.
21) La dyspepsie tabötique, par M. Loeper et R. Oppenheim. (Semaine
mödicale. 1914. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel.
Von den tabischen gastrischen Krisen ist die tabische Dyspepsie zu unter¬
scheiden. Letztere ist als eine „Arythmie des Magens“ anzusehen und scheint
meist durch eine Disharmonie zwischen Vagus und Sympathicus bedingt zu sein.
Während die gastrischen Krisen von einem Anfall von subakuter Meningoradiku-
litis abhängen, beruhen die dyspeptischen Zustände der Tabiker auf einer chro¬
nischen progredienten Meningoradikulitis. Bei letzteren ist die spezifische Therapie
zu versuchen, ferner — gegen die Hyperästhesie des Magens — Kokainlösung,
Valeriana, Belladonna, lauwarme Duschen und Umschläge, reizlose, salzarme,
phosphor- und lezithinreiche Kost.
22) Ga8triaohe Krisen der Tabiker und ihre Diagnose, von R. Vanysek.
(Sbornik 16k. 1913. 3. 327.) Ref.: Jar. Stuchlik (Zürich).
Verf. betont die Wichtigkeit der Anamnese und Bedeutung anderer tabischer
Symptome. Regelmäßig konnte er die zuerst von Pal beschriebene Hypertonie
beobachten und glaubt damit ein Merkmal gefunden zu haben, das wohl nicht
streng spezifisch, aber doch recht charakteristisch sein dürfte.
23) Les interventions ohirurgioales dans les orises gastriques du tabös,
par Louis Sauve. (Progres medical. 1914. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel.
Tabische gastrische Krisen sind zu operieren, wenn sie sehr schwer sind,
häufig auftreten, keine Neigung zur Regression zeigen, zur Kachexie führen und
jede Nahrungsaufnahme unmöglich machen. In solchen Fällen ist zunächst die
Frankesche Operation zu versuchen. Tritt ein Rezidiv auf, so ist die Ligatur
der hinteren Wurzel nach Tinel und Sauvö oder die Gangliektomie nach Sicard
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
27
und Desmarest auszuführen. Die Foerstersche Operation habe noch zu viel
Todesfälle zur Folge und schütze nicht völlig vor Rezidiven.
24) Über Angenkrisen, von J. Zsako und L. Benedek. (Budapesti Orvosi
Ujsäg. 1913. Nr. 51.) Ref.: Hudovernig (Budapest).
Die Verff. veröffentlichen die Krankengeschichte eines Taboparalytikers, bei
dem während 2 Monaten solche Anfälle registriert werden konnten, welche nach
der Annahme der Verff. als Augenkrisen aufzufassen seien. Die Anfalle bestanden
in Hyperämie der Konjunktiven, starkem Tränenfluß und sehr heftigen stechenden
Schmerzen in den beiden Bulbi. Die Sektion ergab eine ausgedehnte Skleroti-
sierung der Rinde. Die Verff. glauben, daß die Vasomotilität der Bulbi mit diesen
anatomischen Veränderungen, gleich den tabischen Magenkrisen, in engen Zu¬
sammenhang gebracht werden können und den paralytischen Anfällen analog sind.
25) Über tabisehe Augenkrisen und deren Entstehung, von Dr. Rudolf
Fabinyi. (Zeitschr. f. d. ges. Psych. u. Neur. XXII. H. 3.) Ref.: Carl Grosz.
Übersicht über die Literatur der am Kopfe und in den Sinnesorganen zur
Beobachtung gelangten krisenartigen Symptome. Im Anschluß daran Veröffent¬
lichung zweier Fälle eigener Beobachtung, in denen ausgesprochene Augenkrisen
zu konstatieren waren. Der erste Fall betrifft eine 43 jährige Tabica, die im
Verlaufe typischer, 3 bis 4 Tage andauernder Magenkrisen eine stereotyp regel¬
mäßig einen Tag vor der Krise wiederkehrende und mit ihr verschwindende Vision
einer Schlange hatte. Im Verlaufe der Beobachtung traten gleichzeitig mit dieser
Trugwahrnehmung während der Krise auch objektive Augensymptome (Schmerzen
in den Augäpfeln, Schwellung, Rötung der Augengegend, Hyperämie der Kon¬
junktiven, Photophobie und Tränenfluß) auf. Verf. ist geneigt, das Schlangen -
phänomen als eine auf Grund vasomotorischer Störung entstandene Illusion zu be¬
trachten. Dieselbe Kranke zeigte auch mit der Krise auftretende Gehörtäuschungen
(Zigeunermusik) und lebhafte, an die Krise gebundene „Träume“. Der zweite
Fall betrifft einen 46 jährigen Ingenieurgehilfen (Diagnose: Dementia tabo para-
lytica progressiva), bei dem im Verlaufe typischer paralytischer Anfälle (anfangs
auch ohne solche) mehrmals stechende Schmerzen in den Augen mit momentanem
Verlust des Sehvermögens auftraten. Objektiv ließ sich Rötung der Konjunktiven,
ferner Exophthalmus, von Tränenfluß und Blinzeln begleitet, naohweisen. Das
gleichzeitige Auftreten der paralytischen Anfälle und der Krisen in diesem Falle
weist auf eine enge genetische Verwandtschaft beider Symptome (vasomotorische
Störung) hin.
26) lat die Arthropathie tabetique eine syphilitische Erkrankung? von
Erich Plate. (Dermatol. Wochenschr. LVIII. 1914. S. 61. Erg.-H. Festschr.
z. Eröffn, d. neuen InBt. f. Schiffs-u. Tropenkrankh., Hamburg.) Ref.: W. Misch.
Die Frage, ob die tabisehe Arthropathie eine durch das Syphilisvirus selbst
oder durch tabisehe trophische Störungen bedingte Erkrankung ist, ist noch um¬
stritten. Von den syphilitischen Gelenkerkrankungen unterscheidet sie sich be¬
sonders dadurch, daß sie stets monartikulär auftritt, daß sie nicht zur Ankylose,
sondern zum Schlottergelenk führt, und daß sie durch spezifische Behandlung nicht
zu beeinflussen ist. Mit der syphilitischen Arthritis hat sie das gemeinsam, daß
sie, im Gegensatz zu anderen Gelenkerkrankungen, keine für die Knochenatrophie
charakteristischen Aufhellungen, sondern vielmehr Verdichtungen des Knochen-
schattens im Röntgenbild aufweist. Auch die vom Verf. gemachte Beobachtung,
daß bei der tabischen Arthropathie die Haut über den erkrankten Gelenken regel¬
mäßig eine um einige Grade höhere Temperatur zeigt als die Haut über dem
gleichnamigen anderen Gelenk, schließt aus, daß die tabisehe Erkrankung als eine
trophische Störung anzusehen ist, da ein solcher Prozeß nicht gut mit einer
aktiven Hyperämie einhergehen kann. Andererseits kommen noch im Stadium der
„metasyphilitischen“ Erkrankung Arthritiden, die einer früheren Periode der Syphilis
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
28
angeboren, Vorkommen, wofür sowohl ihr klinischer Befund wie ihre Beeinflußbar¬
keit durch spezifische Behandlung sprechen (ein Fall wird mitgeteilt). Wenn bei
den syphilitischen Qelenkerkrankungen der früheren Stadien häufig Gelenke be¬
vorzugt werden, die schon früher durch andere Krankheitserreger oder Traumata
geschädigt wurden, so bietet gewiß ein Gelenk mit den Veränderungen der Arthro-
pathia tabica einen solchen Locus minoris resistentiae dar. Demnach wider¬
sprechen eine Reihe von klinischen Tatsachen der Annahme, daß die tabische
Arthropathie eine syphilitische Erkrankung ist. Die bisherigen anatomischen Be¬
funde lassen aber die Deutung zu, „daß einmal in einem schwer veränderten Gelenk
die im Blute kreisenden Keime sich ansiedeln und nachträglich hier spezifische
Veränderungen erzeugen können“.
27) Contributo allo Studio dolle „orisi ematemetiohe essential!“ e dell v
„osteoartropatia vertebrale" nella tabe, per Cesare Frugoni. (Riv. crit.
di Clin. med. XV. 1914. Nr. 1 bis 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Sorgfältige und detaillierte Mitteilung von zwei Krankengeschichten. Verf.
ist der Ansicht, daß die bei Tabes vorkommenden Arthropathien nicht bloß mit
der Tabes, sondern auch mit den oft zugleich bestehenden Gefäß Veränderungen
Zusammenhängen, welch letztere in bestimmten Gewebspartien Vorkommen und
wahrscheinlich luetischen Ursprungs sind. Eine besondere Labilität des Nerven¬
systems ist bei Tabes ohne weiteres zuzugeben; den Mechanismus der tabischen
Arthropathie erklärt Verf. für einen gemischten; sie soll nämlich zum Teil vom
Nervensystem, zum Teil vom Zustande der Blutgefäße abhängig sein. Trophisoho
Störungen sollen nämlich dadurch zustande kommen, daß die Nerven wegen der
mangelnden, tief veränderten Blutversorgung eine besonders tiefgreifende und
elektive Schädigung erleiden.
28) Tardive Homosexualität bei Tabikern, von Fr. Moerchen. (Zeitschr. f.
Sexualwissenschaft. I. S. 113.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über 2 Fälle, in denen Tabiker gegen den § 175 StrGB.
verstießen. In beiden Fällen bestand ursprünglich eine ausschließliche hetero¬
sexuelle Anlage. Allmählich wurden die beiden Patienten dann homosexuell. Wie
Verf. ausführt, handelt es sich hierbei jedoch nicht um Pseudohomosexualität,
sondern um eine echte angeborene Homosexualität, da die gleichgeschlechtliche
Triebrichtung die einzige und psychisch wie somatisch nicht nur gewollte, sondern
auch befriedigende geworden war. Diese Abart der Homosexualität entspringt
einer an sich nicht krankhaften (hypothetischen) bisexuellen Anlage. Sie erscheint
aber durch die Bedingung der Entwicklung als etwas durchaus Krankhaftes, ohne
dadurch den Charakter echter Homosexualität zu verlieren.
29) Der heutige Stand der Tabes-Paralysefrage, von W. Vix. (Fortschritte
d. Medizin. 1914. Nr. 22.) Ref.: K. Boas.
Zusammenfassender Artikel. Dem Verf. sind dabei eine Reihe von Irrtümern
unterlaufen. So z. B. bat nicht, wie Verf. auf S. 612 ausführt, Mönkeberg an
der Statistik des alten Zucht- und Tollbauses in Cleve die Zunahme der pro¬
gressiven Paralyse im letzten Jahrhundert nachgewiesen, sondern Mönkemöller
an dem Material der Anstalt Celle. Also zwei Fehler in einem Satze! Auch
heißt der Wiener Psychiater nicht Wagner v. Jauerregg, sondern Wagner
v. Jaureg.
30) Note sur la genäse d’un römission ohez un paralytique general tabe-
tique, par A. Antheaume et J. Piquemal. (L’Encäphale. 1913. Nr. 12.)
Ref.: Kurt Mendel.
Fall von schwerer Taboparalyse im Endstadium. Sehr ausgesprochene, lang¬
dauernde Remission nach mehreren epileptiformen Anfällen meningitischer Natur
und starken, 2 bis 3 Wochen andauernden Furunkeln.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
29
Progressive Paralyse.
31) Paxalysie gänerale juvenile avee autopsie, parG. Jacquin et M.Laignel-
Lavastine. (L’Encäphale. 1914. Nr. 1.) Ref: Kurt Meudel.
Typischer Fall von juveniler Paralyse. Lues des Vaters, Tuberkulose und
wahrscheinlich auch Syphilis bei der Mutter. Beginn des Leidens mit 18 Jahren
unter epileptiformen Anfällen. Lymphozytose im Liquor, Wassermann im Blut
und Liquor positiv. Zeichen hereditärer Lues. Demente, euphorische Form der
Paralyse. Tuberkulose. Exitus im Alter von 20 1 / J Jahren. Die Autopsie ergibt
eine typische Paralyse. Läsionen der Pyramidenbahnen erklären den positiven
Babinski, meningo-vaskuläre Entzündungsherde in den Parazentrallappen die zahl¬
reichen epileptischen Anfälle.
32) Ein Fall von Paralysis generalis bei einem 11 jährigen Knaben, von
Arthur Collet. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXIX. H. 1.) Ref.: Zappert.
Die progressive Paralyse im Kindesalter, die in anderen Ländern relativ
häufig ist, scheint in Norwegen eine seltene Krankheit zu sein. Der vom Verf.
publizierte Fall ist der erste seines Heimatlandes. Bemerkenswert ist bei dem¬
selben der angebliche akute Beginn nach einer Chloroformnarkose (im Alter von
9 Jahren). Elin auffälliges Symptom war auch eine große Empßndlichkeit gegen
Berührung in den letzten Lebenswochen. Es liegt ein ausführlicher anatomisch-
histologischer Befund des Nervensystems vor, in welchem namentlich Verände¬
rungen, die auf angeborene Entwicklungsstörung des Groß- und Kleinhirns hin¬
deuten, bemerkenswert sind. Sonst bestand der gewöhnliche Befund der progressiven
Paralyse mit auffälliger Pacbymeningitis haemorrhagica und mit Verdickung des
Schädels.
33) Ein Fall von Paralysis progressiva Infantilis, von J.Kron. (Korsakoffsches
Journal f. Psych. u. Neurol. 1913.) Autoreferat.
Der Vater der 7jähr. Patientin starb an Taboparalyse. Wassermannreaktion
bei der Mutter positiv. In der Aszendenz väterlicherseits Alkoholismus. Seit
2 Jahren, nach einer Scharlacherkrankung, auffällige Charakterveränderung und
Intelligenzabnahme der Patientin. Objektive Pupillenstarre. Patellarreflex gesteigert,
Wassermann im Blut und Zerebrospinalflüssigkeit positiv. Lymphozytose. Vorüber¬
gehende Remission, darauf zunehmende Demenz.
34) Un cas de paralysie gönerale infantile, par Maurice Brissol (Annales
möd.-psychol. LXXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Syphilis bei Vater und Mutter. Beginn der Paralyse bei der Patientin selbst
mit 13 Jahren, zuerst epileptiformer Anfall. Mit 6 Jahren Keratitis parenchyma¬
töse und zerebrale Störungen infolge spezifischer Arteriitis. Auffällig sind die
starken Spasmen und Kontrakturen im ganzen Köiper. Exitus mit 18 Jahren.
35) Zur Kasuistik der infantilen und familiären parasyphilitisohen Er¬
krankungen des Nervensystems, von A. M. Koschewnikoff. (Korsakoffsches
Journal f. Psych. u. Neurol. 1913. H. 3 u. 4.) Ref.: Krön (Moskau).
Verf. bringt ausführliche Krankengeschichten einer aus fünf Personen be¬
stehenden Familie, von denen die Mutter infolge akquirierter Lues an Paralysis
progressiva leidet; ihr ältester Sohn leidet an einer Krankheit, die der progressiven
Paralyse nahesteht, die Tochter der Patientin, die von jeher schwachsinnig war,
bietet Krankheitssymptome dar, die sich auch beim Bruder vorfinden.
36) Beiträge zum Studium der hereditären Lues des Nervensystems (Fried-
reiohscher Symptomenkomplex), von D. A. Spiecker. (Jahrb. f. Kinder¬
heilkunde. LXXIX. H. 5.) Ref.: Zappert.
Zwei Kinder eines nicht luesverdächtigen Ehepaares zeigen den charakteristi¬
schen Befand der Friedreich sehen Ataxie und positiven Wassermann. Eine anti¬
syphilitische Kur führt zur Besserung der Nervenerkrankung. Verf. ist geneigt
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
auzunehmen, daß eine höchst wahrscheinlich hereditäre Lues in diesem Falle das
Symptomenbild der Friedreich sehen Tabes nachgeahmt habe, und zitiert eine Reihe
ähnlicher Beispiele aus der Literatur.
37) Zar Frage der Gedächtnisausfälle bei Paralytikern, von Max Roh de.
(Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurol. XXXV. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
2 Fälle von Paralyse mit enormer, scheinbar völliger Gedächtnislücke. Die
Entstehung derselben war in beiden Fällen grundverschieden: während im ersten
Fall sich eine fixe Idee gebildet hatte, der Pat. gerecht zu werden versucht, und
sicher kein Negativismus bestand, beherrschte im zweiten Fall ein reiner Negati¬
vismus den Zustand und gab dem Krankheitsbilde das typische Gepräge; dieser
Negativismus täuschte zum weitaus größten Teile den scheinbar weitgehenden
Zerfall des Lebensinhalts vor.
38) Forme paranoide de la paralysle gönörale, par Constanza Pascal.
(L’Encephale. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über einen Fall von paranoider Form der progressiven Para¬
lyse, in welchem die Erkrankung seit 12 Jahren stationär ist Er führt die
speziellen Eigenschaften des stereotypen, nicht systematisierten Delirs der Para¬
lytiker an, und bespricht die Differentialdiagnose gegenüber der Dementia praecox,
den systematisierten Delirien der Schwachsinnigen, der Presbyophrenie, derKorsakoff-
schen Psychose usw. Sind auch die Verfolgungsideen bei der Paralyse nicht
überaus häufig, so modifiziert doch ihre Anwesenheit in gewissen Fällen das
klinische Bild der Demenz derartig, daß man berechtigt ist, eine paranoide Form
der progressiven Paralyse abzutrennen.
39) Bin ungewöhnlicher Fall von Diebstahl bei progressiver Paralyse, ala
Beitrag zur Lehre vom Krankheitsbewußtsein in derselben, von Stein.
(Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 9.) Ref.: Pilcz.
32jähr. Mann, mit 19 Jahren Lues, eine Hg-Kur, keine Rezidive, seit 1911
Zeichen von Paralyse, die nach Unfall — Sturz mit leichter Kopfkontusion —
rasche Verschlimmerung erfuhr. Plumpe Diebstähle. Stat. praes.: Andeutung von
Silbenstolpern, Pupillarreflexe herabgesetzt, Patellarsehnenreflex gesteigert, Wasser-
mannreaktion, Serum, ebenso vier Reaktionen positiv. Einfache Demenz mit
leichter Megalomanie. Bemerkenswert ist, daß Pat. für die Diebstähle selbst eine
gewisse Krankheitseinsiebt bekundet; er leide an Kleptomanie, er sei ganz ab¬
norm, er stehle und wisse gar nicht, was usw. Verf. spricht von einem „Pseudo¬
krankheitsbewußtsein“, im Gegensätze zur wirklichen Krankheitseinsicht und echtem
Krankheitsgefühle.
40) Initiale Sohriftverftnderung bei Paralyse, von Lomer. (Allg. Zeitschr.
f. Peych. LXXL) Ref.: Zingerle (Graz).
Verf. zeigt an mehreren Fällen, daß sich nicht nur für manifeste Krankheits¬
zustände, sondern auch für die schleichenden Initialstadien ein Parallelismus zwischen
Krankheit und Schriftveränderungen nachweisen läßt. Die Kenntnis der Tatsache,
daß schon Monate vor dem Ausbrach auffälligerer psychischer Erscheinungen be¬
reits graphische Veränderungen vorhanden sein können, kann unter Umständen
für die Diagnose und Behandlung des Leidens von großer Bedeutung sein.
41) Bemerkungen über die progressive Paralyse mit besonderer Berück¬
sichtigung der Halluzinationen, von H. Bause und H. Roderburg.
(Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXV. H. 1 u. 2.) Ref.: M. Pappenheim.
Verschiedene statistische Angaben über die Paralyse bei 168 Männern und
29 Frauen. Halluzinationen fanden sich bei 41 Männern, also in 25°/ 0 des Ge¬
samtmaterials, dagegen bei keiner Frau mit Sicherheit. Verf. faßt seine Ergeb¬
nisse folgendermaßen zusammen: Halluzinationen des Gehörs- und Gesichtssinnes
treten bei der Paralyse selten und dann in der Mehrzahl der Fälle als flüchtige
Begleiterscheinungen lebhafter Erregungszustände mit Bewußtseinstrübung auf.
Digitized by
Gck 'gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
31
Der verbleibende Rest der Fälle, in dem die Halluzinationen längere Zeit hin¬
durch den Krankheitsverlauf begleiten, läßt sich in drei Gruppen ordnen. Die
erste Gruppe umfaßt Psychopathen, die zweite Alkoholiker und die dritte Kranke,
die kurz vor oder im Beginn der Paralyse ein schweres Kopftrauma erlitten. Nur
drei unserer Fälle sind nicht mit Sicherheit einer der Gruppen zuzuzählen; bei
zwei Fällen ist die Anamnese unklar, und beim dritten geht über den Grad der
Erregung beim Auftreten der Halluzinationen aus der Krankengeschichte
nichts hervor.
42) Untersuchungen über die Spirochäte des Paralytikergehirns, von
E. Förster und E. Tomasczewski. (Deutsche med. Wochenschr. 1914.
Nr. 14.) Ref.: Kurt Mendel.
Die VerfF. fanden nunmehr in 61 untersuchten Fällen von Paralyse 27 mal
Spirochäten =44°/ 0 , und zwar 11 mal zahlreiche, 16 mal nur spärliche nach
langem Suchen. Die Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Paralyse oder die
Dauer der paralytischen Krankheitserscheinungen stehen zum Spirochätenbefunde
anscheinend nicht in Beziehung. Das gleiche gilt für das klinische Zustandsbild.
Einfach demente Formen können zahlreiche Spirochäten aufweisen; letztere können
in Fällen mit paralytischen Anfällen und expansiven Größenideen fehlen. Bei
3 Fällen von juveniler Paralyse fanden Verff. 2 mal zahlreiche Spirochäten. (Im
übrigen sei auf das Referat in diesem Centr. 1913. S. 1523 verwiesen.)
43) Die Stellung der progressiven Paralyse (und Tabes) zur Syphilis und
die Frage ihrer Behandlung, von E. Meyer. (Berliner klin. Wochenschrift.
1914. Nr. 21.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Noguchischen Forschungen haben vielfach zu dem Bestreben geführt, die
ganze bisherige Auffassung von dem Krankheitsbild der Paralyse umzuwerfen.
Nach Verf. liegt dazu nicht nur kein Anlaß vor, sondern es besteht auch die Ge¬
fahr, daß daraus völlige Verwirrung der klinischen wie therapeutischen und pro¬
gnostischen Begriffe entsteht, vor der nicht früh genug gewarnt werden kann.
Die Eigenart der Paralyse bleibt bei dem Noguchischen Spirochätenbefund un¬
berührt bestehen; ebenso müssen wir auch heute noch annehmen, daß das syphili¬
tische Virus oder seine Giftstoffe unter bestimmten Umständen eine Art Umwand¬
lung erfahren und so zu einer Stoffwechselstörung, einer Autointoxikation, den
Anlaß geben, deren Ausdruck die Paralyse darstellt. Daran hat der Spirochäten¬
nachweis im Paralytikergehirn nichts geändert. Die einfachste und zweckmäßigste
Bezeichnung für die Paralyse ist syphilogene Erkrankung, wenn man nicht
meta- oder postsyphilitisch sagen will Ebenso ist kein Grund gegeben, daß wir
unsere Anschauungen über die Tabes ändern.
Der Nachweis der Spirochäten durch Noguchi braucht auch keine tief¬
greifende Verschiebung für die therapeutischen Maßnahmen zu geben. Die Para¬
lyse ist und bleibt eine von der eigentlichen syphilitischen Hirnerkrankung durch¬
aus abweichende Erkrankungsform. Im allgemeinen sind nur bei der Tabes die
Chancen einer antisyphilitischen Behandlung scheinbar etwas besser geworden.
Die Auswüchse der antiluetischen Therapie müssen vom Arzte bekämpft werden.
44) An analyBls of the errors in diagnosis in a series of sizty oases of
paresls, by Samuel T. Orton. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1913. Nr. 12.)
Re£: Artur Stern.
Ein Fall ergab post mortem die Kriterien der Paralyse, wo Alkoholpsychose
diagnostisch war. In 9 von 60 Fällen konnte die klinische Diagnose „Paralyse 41
durch den mikroskopischen Befund (Plasmazellen) nicht bestätigt werden. (In
diesen Fällen war allerdings intra vitam der Liquorbefund nicht erhoben worden.)
Die 9 Fälle von Fehldiagnose werden mitgeteilt: 5 ergaben andere organische
Hirnerkrankungen (vaskulären Ursprungs, Tumor, Lues), 2 blieben undiagnosti-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
32
ziert, je einer war mit Wahrscheinlichkeit eine alkoholische Erkrankung, Dementia
präcox, toxisches Delirium.
45) Les aoquisitions röoentes dans le domaine de la paralysie generale,
par Bonhomme. (Revue m6d. de la Suisserom. 1914. Nr. 5.) Ref.: K. Mendel.
Jeder Syphilitiker muß dauernd mit Salvarsan, dann mit Hg und Jod be¬
handelt werden. Bei einem etwa 35 Jahre alten Syphilitiker ist die Luetin-
reaktion, die Wassermannreaktion und der Liquor zu untersuchen. Bei einem
30—40 jährigen Patienten mit intellektueller Schwäche, Depressionen oder Expan-
sionsideen ist eine Liquoruntersuchung erforderlich. Zeigt sich Lymphozytose und
Hyperalbuminose, so ist das Vorhandensein einer Paralyse mehr als wahrschein¬
lich und eine energische Behandlung erforderlich.
46) Die jüngsten Fortschritte auf dem Gebiete der Lehre von der pro¬
gressiven Paralyse, von Dr. Alexander Pilcz. (Medizin. Klinik. 1914.
Nr. 19.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Der Zusammenhang zwischen Syphilis und progressiver Paralyse ist gesicherte
Erfahrungstatsache. Die letzte Lücke in der Beweiskette ist der positive Ausfall
der Wassermannschen Reaktion im Serum und Lumbalpunktat in Verbindung mit
den anderen Befunden im Liquor cerebrospinalis. Aber nur der ätiologische Zu¬
sammenhang hat aufgehört ein strittiger Punkt zu sein, andere Fragen des Lues¬
paralyseproblems sind noch ungelöst, so das Moment des von den Bildern der
echten Hirnsyphilis durchaus abweichenden pathologisch-anatomischen Substrats,
die Erfolglosigkeit antiluetischer Kuren, das relativ lange Intervall bis zur Ent¬
wicklung der Paralyse u. a. Die Annahme einer Metalues kam durch die Ent¬
deckung der Wassermannschen Reaktion ins Wanken, man mußte annehmen, daß
der Paralytiker Spirochätenträger ist, wie dann auch besonders durch Noguchi
bewiesen wurde. Hirnpunktionen bei Paralytikern zu diagnostischen Zwecken sind
nicht gutzuheißen. Auch die Infektiosität der Paralysespirochäten gilt als er¬
wiesen, wie denn die Tierimpfung mit Paralytikerhirn positive Ergebnisse hatte —
allerdings mit längerem Intervall. Auch mit Tabikerblut konnte man Infektionen
erzielen, ferner gelang die Impfung mit Paralytikerliquor mit Nachweis beweg¬
licher Spirochäten.
Die Unterschiede zwischen Lues cerebrospinalis und progressiver Paralyse
können auch nicht mehr als allgemein gültig angesehen werden. Pathologisch¬
anatomisch kann beides nebeneinander Vorkommen, auch symptomatologisch sieht
man durchaus nicht immer die bekannten verschiedenen Schulbilder. Auch be¬
steht durchaus nicht immer Erfolglosigkeit der Therapie, was besonders die Sal-
varsanerfahrungen gelehrt haben. Trotzdem besteht die Mehrzahl der differential¬
diagnostischen Unterschiede mit Recht weiter.
Die progressive Paralyse ist keinesfalls als einfache Gehirnkrankheit anzu¬
sehen, wie besonders auch die Abderhalden sehen Befunde an anderen Organen
bei der Paralyse gelehrt haben. 4 bis 5 °/o Luetiker erkranken an Paralyse.
Die Syphilis der späteren Paralytiker ist auch meist auffallend „leicht“ und „gut¬
artig^. Interessant ist die Rassenpathologie und die dabei häufig beobachtete
Inkongruenz zwischen Seltenheit der Paralyse und Ausbreitung der Syphilis.
Ursächlich kann man an Verschiedenheiten der infizierten Individuen denken
(exogene Faktoren und Veranlagung),-ferner an spezifische Verschiedenheiten der
Spirochätenstämme. Betreffs der endogenen Ätiologie sieht man zuweilen spezi¬
fische Veranlagung zur Paralyse, meist sieht man in der Aszendenz dann eben¬
falls Paralyse. Scheinbar besteht ein gewisser, freilich nicht absoluter Antagonismus
zwischen der paralytischen und der degenerativen Veranlagung. Die zur Para¬
lyse disponierende Veranlagung äußert sich auch in gewissen Degenerationszeichen
im Zentralnervensystem. Mit diesen Beobachtungen bringt man die Erfahrungs¬
tatsache des „benignen“ Verlaufs in Verbindung als Ausdruck einer von Haus
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
33
aus abnormen Keaktionsweise des Organismus auf die spezifische Infektion, einer
geringen Ausbildung der Schutzvorrichtungen des Körpers gegenüber dem Gifte.
Merkwürdigerweise zeigen rassenverwandte Stämme verschiedenes Verhalten, wofür
gleichzeitiger Alkoholismus nach Mattauschek nicht verantwortlich gemacht
werden kann. In manchen Tropengegenden nimmt die Paralyse zu. Verf. nimmt
die Möglichkeit territorial bedingter Verschiedenheiten des Syphilisvirus an, die
zum mindestens nicht unbedingt von der Hand zu weisen ist. Die Bezeichnung
„Syphilis k virus nerveux“ ist insofern richtigzustellen, als die Paralyse nicht
allein das Zentralnervensystem angreift, sondern ein Allgemeinprozeß ist; man
müßte von einer „paralysogenen 11 Lues oder dgl. sprechen.
Zum Schluß bespricht Verf. therapeutische Fragen, Prognose und Prophylaxe.
Prognostisch von Wichtigkeit ist, daß Patienten mit frühzeitigen Veränderungen
im Lumbalbefand den Keim zur Paralyse in sich tragen. Fortlaufende quanti¬
tativ auswertende Liquoruntersuchungen auf die vier Reaktionen mit fortgesetzter
Kontrolle des Serums auf die Wassermann sehe Reaktion sind von prophylaktischer
Bedeutung, ebenso der Befund von Mattauschek und Verf., daß Syphilitiker, die
in den ersten Jahren nach der Infektion eine Infektionskrankheit mit Fieber
hatten, nicht paralytisch würden. M. und P. verwerten diesen Zufallsbefund, indem
sie bei Luetikern mit verdächtigem Lumbalpunktat eine Fiebertherapie einleiten
wie die v. Wagner sehe Tuberkulinbehandlung, wie die Injektion von Staphylo¬
kokkenvakzinen usw. Auch Salvarsan scheint verheißungsvoll zu wirken. Verf.
plädiert vor allem eine Kombination von einer spezifischen und einer Fieber¬
therapie. Er berührt dann noch einige ganz neue therapeutische Versuche wie
besonders die Plantsche Nukleinsalvarsantherapie, die die Pleozytose im Liquor
zu Normalwerten herabdrückt usw.
47) Beiträge zur traumatischen Ätiologie der progressiven Paralyse, von
Doz. Karl Minnicb. (Hygienisch-forensische Beilage der Budapesti orvosi
ujs&g. 1913. Nr. 9.) Ref.‘: Hudovernig (Budapest).
Verf. beschreibt folgenden Fall als Paradigma einer traumatisch entstandenen
progressiven Paralyse:
42jähriger Eisenbahnkondukteur erleidet Juni 1907 einen Bahnunfall da¬
durch, daß bei einem Zusammenstoß ein Waggon mit Schotter seinen Inhalt auf
ihn entleert; liegt fast eine Stunde unter den Steinen, wird bewußtlos in das
Zagraber Spital gebracht, wo seine vielfachen äußeren Verletzungen in 6 Wochen
heilen; da jedoch eine Arbeitsunfähigkeit zurückbleibt, wird er im August 1908
pensioniert. Im März 1908 klagt Pat. über ständige Kopfschmerzen, Schmerzen
in den Beinen, erschwerten Gedankengang, Zerstreutheit und unruhigen Schlaf;
damals werden bei der Dilatation erweiterte und unregelmäßige Pupillen gefunden,
welche sich jedoch bei Lichteinfall normal kontrahieren und gleichgroß erscheinen;
auch ist damals eine linksseitige Parese nachweisbar. Außerdem erfolgte bei dem
Unfall eine Quetschung des linken Unterarms, mit Zerreißung der Extensoren,
wodurch die linke Hand arbeitsunfähig wird. Pat. wird im Juni 1911 und
Oktober 1912 untersucht, wobei sich herausstellt, daß Pat. 1910 wegen Aggres¬
sivität einige Wochen in einer Irrenanstalt war, jedoch von dort als nicht geistes¬
krank entlassen wurde; ist seit dem Unfall überaus reizbar, sohlaflos, vergeßlich;
bei der ersten Untersuchung ist die reohte Pupille entrundet, oval, beide reagieren
träge; Tremor der Hände und Zunge; Knie- und Achillesreflexe fehlen; Pat. ist
dement und leugnet, je luetisch infiziert gewesen zu sein. Im Oktober 1912 ist
Pat sehr kachektisch, Papillenbefund wie 1911, Kniereflexe diesmal gesteigert;
Achillessehnenreflexe fehlend. Ataktischer Gang. Ausgesprochene Demenz, Ver¬
geßlichkeit
Verf. gibt nun das Gutachten ab, daß derzeit progessive Paralyse besteht
Zweifellos hat er bedeutende Verletzungen erlitten, war 1911 noch nicht geiates-
xxxiv. 3
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
34
kratik. Nach der Verletzung bestand eine Zeit hinduroh traumatische Neurose,
welche später in eine progressive Paralyse überging, für welche außer dem Un¬
fall keine anderen Momente verantwortlich gemacht werden können. Wohl kon¬
zediert Verf. die Möglichkeit, sogar Wahrscheinlichkeit, daß die Paralyse auch
ohne Unfall zum Ausbruch gelangt wäre, immerhin aber wirkte der Unfall in
einer solchen Weise mit, daß derselbe bei vorhandener Disposition als auslösende
Ursache zu betrachten sei. Der Umstand, daß die Paralyse erst 5 Jahre nach
dem Unfall zum Ausbruch gelangte, spricht mit allergrößter Wahrscheinlichkeit
für den ursächlichen Zusammenhang (Wassermannsehe und Liquoruntersuchung
fehlen in der nicht ganz plausiblen Krankengeschichte; Bef.).
48) Les traumatismes dans la pathogönie de la paralysie gönerale, par
Petrow. (Travaux de la clin. psych. de l’Univers. imp6r. de Moscou. 1914.)
Bef.: W. Gorn.
An 621 Fällen der Moskauer Klinik konstatiert Verf., daß bei progessiver
Paralyse das Trauma nur die Bolle des Agent provocateur spielt, in keinem Falle
alleinige Ursaohe der Krankheit war. Auf dem Boden der posttraumatischen Er¬
scheinungen entwickelte sich dann das Bild der progressiven Paralyse. Das
Trauma war in 0,9 °/ 0 somatischer, in 13 °/ 0 psychischer Natur.
49) Unfell und progressive Paralyse, von K. Weiler. (Friedreichs Blätter
f. gerichtl. Medizin. 1913.) Bef.: K. Boas.
In den beiden Fällen des Verf.’s von angeblicher „traumatischer“ Paralyse
mußte ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Unfall und der geistigen
Erkrankung abgelehnt werden.
50) Quelle est la forme elinique de la syphilis qui aboutlt le plus sou-
vent 4 la paralysie gönörale, par A. Collin. (Gazette deB höpit. 1914.
Nr. 69.) Bef.: Kurt Mendel.
Die Entstehung der Paralyse nach benigner Syphilis ist die Folge des Neuro-
tropismus des Mikroorganismus und des Terraiüs, das letzterer angetroffen hat.
Bei schwerer Lues kommen zum Entstehen der Paralyse oft noch Gelegenheits¬
ursachen (Trauma) hinzu oder die Paralyse ist das Ende mehrfacher schwerer
Schädigungen der Hirnarterien und Meningen.
51) Über progressive Paralyse, von H. Sieb er t. (St. Petersburger med. Zeit¬
schrift. 1914. Nr. 2.) Bef.: K. Boas.
Aus der im allgemeinen Bekanntes bringenden Arbeit des Verf.’s seien fol¬
gende drei Punkte hervorgehoben:
1. Am wahrscheinlichsten erscheint es, daß eine vorhergegangene Lues die
Entwicklung der allgemein fortschreitenden Paralyse bedingt; doch muß dazu das
zentrale Nervensystem in irgend einer Weise endogen disponiert sein.
2. Unter Umständen ist aus der zahlenmäßigen Differenz zwischen Schädel¬
kapazität und Hirngewicht eine makroskopische Diagnose apf progressive Paralyse
zu stellen. Gelegentlich wird auch an Frontalschnitten die Diagnose auf Par¬
enchymausfall möglich sein.
3. Es erscheint geboten, in allen Fällen von progressiver Paralyse, soweit
sie im Initialstadium in ärztliche Behandlung gelangen, dem Versuch einer
Fieberkur in Verbindung mit einer antisyphilitischen Therapie anzustrengen.
52) Die Frage der leiohten Lues und der späteren Paralyse, von Lausohner.
(Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.:
G. Stiefler.
Zusammenfassung:
Der Satz, die leichte Lues prädestiniere zur Paralyse, läßt sich in dieser
allgemeinen Fassung nicht weiter halten.
Außereuropäische Statistiken über das Verhältnis der Paralyse zur Syphilis
und deren Verlaufsart sind kein einwandfreies Beweismaterial.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
35
Ans dem Fehlen von syphilitischen Residuen zu entnehmen, daß die Krank¬
heit, wenn sie überhaupt bestanden, nicht besonders schwer gewesen sein kann,
ist unrichtig.
Die nicht gleichartige Anfangsbehandlung der Lues beeinträchtigt auch eine
einheitliche Beurteilung der ersten Stadien.
Gemäß dem konstitutionellen Charakter der Frühsyphilis muß auoh in den
leichtesten Fällen mit internen Lokalisationen gerechnet werden.
Es bleibt abzuwarten, ob positive Befunde im Liquor, die refraktär gegen¬
über antisyphilitischer Behandlung sind, einen frühen Hinweis auf Paralyse bilden.
Tertiäre Erscheinungen vor Ausbruch der Paralyfie sind nichts weniger als
Seltenheiten, wenn man die Lues nicht nur vom dermatologischen Standpunkt
aoffaßt, sondern sie als chronische Infektionskrankheit betrachtet, und je mehr
man von dem Begriff der Parasyphilis abkommt.
Auch die große Mehrzahl der anscheinend latenten Kranken weist Verände¬
rungen in den inneren Organen auf.
Die Frage nach der leichten oder schweren Verlaufsart der Lues wird wesent¬
lich durch die Chronizität der Krankheit erschwert.
Die relativ geringe Zahl der Tuberkulosen bei Paralyse erklärt sich aus
anderen Gründen, als aus der bei Phthisikern häufiger vorkommenden Verlaufsart
der Lues mit Rezidiven.
Spezielle Untersuchungen über die Verlaufsart der in der Blindheit und im
späten Alter erworbenen Syphilis in bezug zur Paralyse sind vielleicht lohnend,
stehen aber nooh aus.
Der Annahme, daß die leichte Lues die Lues nervosa sei, ist noch zu wider¬
sprechen.
53) Sui tentativi dl speoiali sieroteraple nella parallel progressiva, per
G. D’Abundo. (Riv. italiana di Neuropatologia, Psiohiatria ed Elettroterapia.
VIL 1914. H. 1.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Verf. erwähnt, daß er Bchon 1899 über einige serumtherapeutische Versuche
berichtete, die er bei 5 Paralytikern vornahm. Die Versuche wurden in der Weise
angestellt, daß bei frischen Paralysefällen das Blutserum von Paralytikern sub¬
kutan eingespritzt wurde, welche sich in einem vorgeschrittenen Stadium der
Krankheit befanden. Die Einspritzungen hatten stets einen guten Erfolg, der
Verlauf der Krankheit wurde jedoch nicht wesentlich beeinflußt.
54) Sul valore terapeutioo del nuoleinato di sodio nella parallel progres¬
siva e nella demenza preoooe, per Antonio Moretti. (Rassegna di studi
psichiatrici. IIL 1913. S. 4.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Bei drei frisohen Dementia praecox-Fällen stellte Verf eine Nukleinbehand¬
lung ein. Erhebliche Besserung; der eine Kranke wird als „völlig geheilt“ ge¬
schildert. Daß der beschränkten Beweiskraft dieser Beobachtungen Rechnung ge¬
tragen werden muß, hebt Verf. hervor. Bei anderen Dementia praecox-Kranken
und bei Paralytikern hatte die Nukleinbehandlung gar keinen Erfolg.
55) Das Treponema der allgemeinen Paralyse, von A. Marie undC.Levaditi.
(Allgem. Zeitschr. f. Psych, LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Das Treponema ist in biologischer Beziehung von der Spirochaeta pallida
der syphilitischen Erkrankung der Haut und Schleimhaut verschieden. Es ist eine
besondere neurotrope Abart der Spirochaeta pallida und erklärt sich durch die
nahe Verwandtschaft zum Nervengewebe die langsame Ausbreitung der Gehirn¬
symptome. Die Übertragung des Blutes eines seit 15 Jabren syphilitischen
Paralytikers unter die Haut eines Kaninchens erzeugte Haut Veränderungen, die
sahireiche Spirochäten enthielten. Die Überimpfung und der Vergleich mit dem
syphilitischen Virus von Trüffi ergab, daß die Inkubationsperiode mit dem ge¬
wonnenen Gifte eigentümlich lang ist, das Aussehen der krankhaften Veränderungen
3*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
86
makroakopisoh und mikroskopisch Eigentümlichkeiten verriet, und diese außerdem
viel langsamer heilten, als die vom Oifte Trüffi. Das Virus ist außerdem nur
für Kaninchen, nicht für Affen pathogen, und erzeugt beim Kaninchen keine
Immunität gegen die Spirochaeta von Trüffi. Diese Ergebnisse im Verein mit der
Tatsache der schwachen Giftigkeit der Spirochaeta der Paralyse für das Kaninchen
ergab die Richtigkeit der Hypothese, von der biologischen Verschiedenheit der
Erreger der Paralyse und der Haut- und Schleimhautsyphilis. Die Unwirksamkeit
der Behandlung der Paralyse mit Arsenik rührt nicht von der Widerstandsfähigkeit
des Treponema gegen Arsenik her, da sich dasselbe gegen Arsenbenzol empfind¬
lich zeigt.
56) Chemische und histoohemieohe Untersuchungen über die llpoiden
Abbaustoffe des Gehirns bei progressiver Paralyse, von Giacomo
Pighini und Pietro Barbieri. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV.
1914. H. 4 u. 5.) Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Das Ziel der Untersuchungen bestand darin, zu sehen, in welchem Verhältnis
zueinander die Resultate der chemischen Untersuchung der Hirnsubstanz und der
histologischen Untersuchung einiger dem frischen Gehirne entnommener Bruch¬
stücke in zwei Fällen von Paralyse stünden. Die Verflf. teilen die Krankheits¬
geschichten beider Fälle mit, sie geben eine kurze Übersicht über die bisherigen
Kenntnisse von der lipoiden Degeneration des Nervensystems und sie beschreiben
die Technik sowohl der chemischen Untersuchungen]ethoden, die sich an die von
Fränkel vorgeschlagene Technik der fraktionierten Extraktion hält, als auch der
histochemischen Methoden, wie sie namentlich von Kawamura zusammengestellt
wurden.
Die chemischen Untersuchungen ergaben, daß sich die Paralytikergehirne an
Wasser bereichert haben und an allen verschiedenen Lipoidreaktionen arm ge¬
worden sind, mit Ausnahme des Cholesterins, das sich konstant in hohem Prozent¬
sätze erhält. Die anderen Lipoidkomplexe sind in verschiedener Weise verändert,
was wohl damit zusammenhängt, daß sich bei den regressiven Metamorphosen
einige Abbauprodukte leichter in den Kreislauf ergießen als andere.
Die interessanten histochemischen Untersuchungen, welche durch 6 Textfiguren
und 8 schöne Tafeln illustriert werden, lassen sich nicht gut in Kürze wieder¬
geben. Erwähnt sei folgendes: Im Gewebe treten Produkte lipoider Zersetzung
zutage, welche sich stets besser differenziert zeigen von den Nervenzellen zu den
mesodermalen Zellen, was der Auffassung entspricht, daß die lipoide Degeneration
autogener Natur ist, d. h. sich ursprünglich in den Nervenzellen infolge von Vor¬
gängen regressiver Metamorphose der-Lipoproteine und lipoiden Bestandteile ihres
Protoplasmas abspielt. Dann bearbeitet der autolytische Prozeß das Lipoid¬
material in den Gliakörnchenzellen und zerlegt es endlich in den mesodermalen
Körnchenzellen in noch einfachere Verbindungen. Erst in den Körnchenzellen
der Glia und in größerer Menge in den mesodermalen Zellen und in den subpialen
Räumen finden sich Mischungen von Cholesterin und Kephalin oder Kristall»
reinen Cholesterins in Gestalt von anisotropen Tröpfchen im Gewebe zerstreut.
Die Anwesenheit von neutralen Fetten und Cholesterinestern ließ sich ausschließen.
Die Beziehung des chemischen Befundes der Armut an Lipoiden und des
histochemischen Befundes der ausgedehnten lipoiden Degeneration dieser Gehirne
läßt sich durch die Annahme erklären, daß sich beim endozellularen Desintegration*-
vorgange die Lipoide aus den Verbindungen, die sich maskierten, in andere ein¬
fachere verschieben, welche die Lipoidreaktion ergeben. Ein großer Teil de»
derart zerlegten Materials geht in den Blut- und Lymphkreislauf über und ver¬
läßt so sein ursprüngliches Gewebe. (Am leichtesten geht das bei den nicht ge¬
sättigten Phosphatiden und den Cerebrosiden von statten.) Das Cholesterin aber
würde, auch wenn es frei von seinen Verbindungen ist, die seine Anwesenheit.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
37
maskieren, lange Zeit im Gewebe bleiben. Es scheint darin eine Schutzwirkung
aaszuüben, indem es das syphilitische Toxin bindet und gleichzeitig neutralisiert
infolge ähnlicher Vorgänge wie die Bildung der labilen Verbindungen Digitonin-
Cholesterin und Saponin-Cholesterin.
€7) Biologische Betrachtungen über das Wesen der Paralyse, von Ehrlich.
(AUgem. Zeitschr. f. Psycb. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Neben der Chemozeptorenlehre hat sich die Lehre von den Nutrizeptoren für
das Verständnis der Infektionskrankheiten als fundamental wichtig erwiesen. Sie
ergab als wesentliche Erkenntnis, daß die Parasitenzelle eine große Anzahl latenter
Rezeptorfunktionen enthält, welche vikariierend manifest werden, sobald die vorher
fanktionstüchtigen Rezeptortypen schwinden. Mit diesem Manifestwerden ist eine
neue Vitalität der Parasiten verbunden und so entstehen aus den antikörper
(serum-) fest gewordenen lebensuntüchtigen Stämmen neue, wieder lebensfähige
Abarten, welche zwar gegenüber den gleichen Antikdrperarten ebenso serumfest
sind, wie die Ausgangsstämme, aber andersartige zur Auslösung von Antikörpern
geeignete Rezeptoren besitzen. Mit der Ausbildung dieser Stämme sind auch die
infektiösen Eigenschaften der Parasiten wieder aufgetreten und bewirken ein
Rezidiv. Bei der Paralyse, bei der es sich nach den neueren Untersuchungen um
einen syphilitischen Infektionsprozeß handelt, geben diese biologischen Phänomene
eine befriedigende Erklärung für manche charakteristischen Merkmale des Kr&nk-
heitsverlaufes, wie die schweren Erankheitsattacken und die Remissionen. Letztere
sind Intervalle, welche durch die Auslösung von Antikörpern hervorgerufen, eine
Heilung vortäuschen können. — Haben sich aber die zurückgebliebenen Spiro¬
chäten der Antikörperwirkung angepaßt, so entsteht ein Wiederaufflackern des
Prozesses, ein Rezidiv. Die krankheitsfreien Stadien sind also Folge einer tem¬
porären, spirillierten Serumwirkung, spirillolytische Intervalle. Die bei dem Zer¬
fall der Spirochäten ins Blut gelangenden Endotoxine können zu einer akuten,
selbst tödlichen Vergiftung führen, weswegen auch wegen der Lokalisation der
Spirochäten im Gehirne bei der Paralyse besondere Vorsicht bei der Anwendung
chemotherapeutischer spirillizider Mittel erforderlich ist.
Bei chemotherapeutischen Maßnahmen sind aber, gerade seitdem die Spiro¬
chäten im Gehirne nachgewiesen sind, durchaus berechtigt. Es ist nur zu berück-
cichtigen, daß dabei offenbar Rezidivstämme vorliegen, die nicht nur durch ihr
“differentes Verhalten gegenüber den gewöhnlichen Spirochätenantikörpern, sondern
auch durch eine erhebliche Resistenz gegenüber chemischen Arzneistoffen aus¬
gezeichnet sind. Daher versagt das Quecksilber und auch Salvarsan führt nicht
zu vollständiger Heilung. Vielleicht wird die Zukunft auch diesbezügliche voll¬
ständige Erfolge zeitigen.
68) Degenerazione marginale di fibre nervöse in fase iniziale ne midollo
umano dimostrata ool metodo di Donaggio per le degenerazioni, per
E. Audenino. (Riv. di Pat. nerv, e ment. XVIII. 1913. H. 1.) Ref.:G.Perusini.
Das Rückenmark eines Paralytikers wies eine Sklerose der Pyramidenseiten-
stränge und eine sog. marginale Faseradegeneration auf, welche letztere in
Donaggioschen Fasernpräparaten deutlich zutage trat.
59) Beitrag zur Frage der Wucherung des perivaskulären Bindegewebes
bei progressiver Paralyse, von Grzywo-Dabrowski. (Zeitschr. f. d. ges.
Neur. u. Psycb. XXIV. H. 1.) Ref.: G. Stiefler.
Bericht über 3 Fälle; der erste imponierte klinisch als Lissauerscher Typus;
die histologische Untersuchung aber fand die charakteristischen Paralyseverände-
rangen über das ganze Gehirn zerstreut. Die Bindegewebswucherung der äußeren
Gefäß haut war eine ausgeprägte und betraf das ganze Gehirn; in den zwei anderen
Fällen — in einem rapider Verlauf mit Krampfanfällen, im anderen das Bild der
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
38
gewöhnlichen Demenz — waren die Veränderungen weniger deutlich und auch
weniger verbreitet.
Der rapide sprunghafte Verlauf mit periodischen Verschlimmerungen im ersten
Falle könnte nach Ansicht des Verf/s vielleicht mit der sehr erhebliohen Binde¬
gewebswucherung der Adventitia vom netzartigen Charakter, wodurch die erwei¬
terten perivaskulären Lymphräume vollständig ausgefüllt werden, in Einklang
gebracht werden, in der Annahme einer Zirkulationsstörung der Zerebrospinal¬
flüssigkeit und einer Behinderung des Abflusses der in diesen Bäumen befindlichen
Lymphe in den perivaskulären Räumen, zumal in den Maschen der gewucherten
Adventitia sich fast immer infiltrierende Bundzellen in großen Mengen vorfandezu
Verf. fand unter 30 Gehirnen von Paralytikern in 8 Fällen schwerere und
leichtere Grade von Bindegewebswucherung, aber nur um mittlere und größere
Gefäße und ausschließlich von büschelförmigem Charakter, niemals netzartiger
Typus. Bei Epilepsie mit weit vorgeschrittener Demenz und in einem Falle von
chronischem Alkoholismus hatte die Vorgefundene adventitielle Wucherung eben¬
falls büschelförmiges Gepräge.
Bei den Untersuchungen kamen vorwiegend die modifizierte Methode der
Bindegewebsfärbung von Bielschowsky und eine eigene Modifikation der Mann-
sohen Methode zur Anwendung, welch letztere gute und ganz sichere Resultate,
sowie schönere Bilder als die Originalmethode gab. (Fixieren in Formalin oder
95°/ 0 Alkohol; Einbetten in Paraffin; Einlegen der Schnitte in konzentrierte
wäßrige Lösung der Phosphormolybdänsäure [15 bis 30 Min.]; gründliches Waschen
der Schnitte in Wasser; Einlegen in die Mannsche Mischung; Abspülen mit
Wasser; Differenzierung in 95°/ 0 Alkohol unter Kontrolle des Mikroskops [höch¬
stens 2 Min.]; absoluter Alkohol, Carbolxylol, Xylol und Balsam.)
60) Über die Bedeutung der „meningealen Permeabilität“ für die Ent¬
stehung der progressiven Paralyse, von E. Weil. (Zeitschr. f. d. ges.
Neurol. u. Psychiatrie. XXIV. H. 5.) Bef.: M. Pappenheim (Wien).
Verf. bespricht die bisherigen Veröffentlichungen über die von ihm und
Kafka angegebene Hämolysinreaktion und berichtet über eine eigene neue Unter¬
suchungsreihe. Er faßt seine geistvollen, aber zum Teil recht hypothetischen und
kaum voll befriedigenden Anschauungen über die Bedeutung der Reaktion und
über die Pathogenese der Paralyse folgendermaßen zusammen:
1. Weder die Zell- noch die Eiweißvermehrung im Liquor zeigt mit Sicher¬
heit eine erhöhte Durchlässigkeit der Meningealgefäße an, da beides von extra-
vaskulären Vorgängen herrühren kann. Durch den Nachweis der Hämolysine ist
jedoch das Bestehen einer erhöhten Permeabilität sichergestellt.
2. Ein Parallelismus zwischen Eiweißvermehrung und Hämolysinmenge läßt
sich auch in groben Zügen nicht nachweisen, was auf die Sonderstellung der
Hämolysinreaktion hinweist.
3. Eine erhöhte Permeabilität der Meningealgefäße ist bei akuten Meningi¬
tiden jeglicher Ätiologie, bei subakuten nur bei :Lues cerebrospinalis und bei
chronischen ausschließlich bei Paralyse vorhanden.
4. Während bei akuten Meningitiden, wenn sie nicht zum Tode führen,
sondern heilen, die Permeabilität ausnahmslos rasch schwindet, bleibt sie bei der
Paralyse andauernd bestehen. Das Verhalten der subakuten luetischen Menin¬
gitiden läßt sich erst nach längerer Beobachtung sicherstellen, sicherlich wird
jedoch bei einem großen Teile derselben die Durchlässigkeit rückgängig, da die
chronische Lues cerebri ausnahmslos eine negative Hämolysinreaktion gibt.
5. Auoh die unkomplizierte Tabes weist stets eine negative Reaktion auf.
Ist sie jedoch bei dieser Erkrankung vorhanden, so ist sie vorübergehender Natur,
wenn es sioh um eine meningitische Komplikation, bleibender, wenn es sich um
eine Kombination mit Paralyse handelt.
Digitized b)
Gck >gle
Original frorn
UNIVERSfTY OF MICHtGAN
39
6. Die Paralyse nimmt insofern von den übrigen Erkrankungen des Zentral¬
nervensystems mit erhöhter Durchlässigkeit eine Sonderstellung ein, als hier die
Permeabilität dauernd bestehen bleibt und sich auch auf die Gefäße der Binde
und des Marks erstreckt, die in großen Abschnitten des Gehirns diffos er¬
krankt sind.
7. Das Vorhandensein der erhöhten Durchlässigkeit bei Paralyse kann nicht
ohne Einfluß sein auf die Ernährung des Gehirns, die wie in allen übrigen Ge¬
weben dadurch erfolgt, daß die Nährstoffe aus den Gefäßen austreten, zu den
Zellen gelangen und von diesen aufgenommen werden. Ist die Permeabilität er¬
höht, so muß der Sauerstoff aus den Gefäßen in quantitativer und qualitativer
Hinsicht eine starke Veränderung erfahren und in diesem Sinne auch die Gewebs-
ernährung abnorm beeinflussen.
8. Dieser Auffassung entsprechend stellen die Gefäßveränderungen das primäre
Moment dar, welches die Gehirndegeneration zur Folge haben.
9. Auch bei normaler Beschaffenheit des Blutes muß das Gehirn, das von
durchlässigen Gefäßen durchzogen ist, eine Sohädigung erfahren, die natürlich
schwerer sein wird, wenn im Blute außerdem nooh Giftstoffe, deren Vorhandensein
jedoch nicht unbedingt nötig ist, kreisen.
10. Auf Grund dieser Darstellung entfällt auch die Notwendigkeit, eine
besondere Disposition im Zentralnervensystem bei jenen Individuen anzunehmen,
die an Paralyse erkranken, da jedes Gehirn, dessen Gefäße dauernd im Sinne
einer verstärkten Durchlässigkeit verändert sind, eine schwere Schädigung erfahren
muß. Daß die luetische Infektion diese Erkrankung der Gefäße nicht selten
hervorruft, ist nach den neueren Untersuchungen erwiesen. Eine Paralyse wird
sich jedoch nur dann entwickeln, wenn die Gefäße entweder quantitativ oder
qualitativ derart geschädigt sind, daß eine Rückbildung zur Norm nicht mehr
möglich ist
61) Zur Kasuistik der retrograden Amnesie, von Richard Neuendorff.
(Inaug.-Dissert. Jena 1918.) Autoreferat.
Die vorliegende Arbeit behandelt einen dem Material der Heilanstalt Bern¬
burg entnommenen, sehr interessanten Fall von luetischer Gehirnerkrankung
(Pseudoparalysis syphilitica), bei dem sich nach einem apoplektißchen Insult eine
retrograde Amnesie von 39 Jahren findet. Die Arbeit enthält ferner eine Zu¬
sammenstellung der wichtigsten Fälle weitgehender retrograder Amnesie und führt
die Erklärungsversuche dieser eigentümlichen Erscheinung an.
62) Le coeffloient uröo-söorötoire d’Ambard dans la paralysie gönörale, par
A. Obregia, C. J. Urechia et A. Popeia. (Compt. rend. Soo. de biol.
CLXXV. 1913. S. 686.) Ref.: W. Misch.
Nachdem bei den verschiedenen Autoren bei den Paralytikern eine Störung
der StickBtoffausscheidung nachgewiesen werden konnte, wird nunmehr, um ein
besseres Urteil über die Nierentätigkeit der Paralytiker zu erhalten, der Harn¬
stoffgehalt des Serums und der Zerebrospinalflüssigkeit in 50 Fällen von Paralyse,
nach der Methode von Ambard, bestimmt. Aus den Untersuchungen geht hervor,
daß in 34°/ 0 der Fälle die Nierentätigkeit normal gefunden wurde, während sich
in 42°/ 0 eine Hyperfunktion und in 24°/ 0 eine Rarnstoffretention nachweisen ließ.
Das letztere findet sich besonders bei vorgeschrittenen ungünstigen Fällen.
Psychiatrie.
• 63) Die Untersuchung der Geisteskranken, von P. Roller. (Samml. zwangl.
AbhandL a. d. Geb. d. Nerven- u. Geisteskrank!). X. H. 7 u. 8. Halle, Mar-
hold, 1914.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.).
Auf Ziehensche Anschauungen sich stützende Einführung in die Untersuchung
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
40
der Geisteskranken. Für praktische Zwecke dürften manohe unwichtige Einzel¬
heiten überflüssig sein; auoh könnte die sehr ausführliche Wiedergabe der In-
telligenzprüfungsmethoden leicht dazu verleiten, ihren Wert für die Praxis viel
xu hoch einzuschätzen.
64) Studien mittels der Welohardtsohen Reaktion bei verschiedenen Geistes¬
krankheiten, von Hauenstein. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXV.
1914. H. 4 u. 6.) Ref: G. Stiefler.
Verf. untersuchte mittels der Weichardtsehen Methodik den Blutkatalysator
bei verschiedenen Psychosen, ferner den Harn nach Einführung des kolloidalen
Osmiums bei Epileptischen kurze und längere Zeit nach dem Anfall und in
Dämmerzuständen. Genaue Schilderung der Ausführung zur Herstellung und Ver¬
arbeitung des Blutkatalysators.
Das Untersuchungsmaterial des Verf.’s bestand aus 26 Fällen von progressiver
Paralyse, 41 Psychosen der Dementia praecox-Gruppe, 23 Fällen von manisch-
depressivem Irresein und Paranoia, 4 Hysteriekranken, 6 Fällen von epileptischer
Geistesstörung und vereinzelten Fällen (10) aus verschiedenen anderen Krankheits¬
gruppen (Imbezillität, Kretinismus, Arteriosklerose, Paralysis agitans, Lues cerebri,
Chorea Huntington). Zahlreiche Tabellen sind der Arbeit im Texte beigegeben.
Verf. kommt zu dem Ergebnisse, daß die Beeinflussung des Blutkatalysators
sich bedeutend häufiger bei organischen Psychosen als bei der Gesamtheit der
sogen, funktionellen Psychosen findet. So stehen sich bei den organischen Psychosen
72°/ 0 beeinflußte und 28°/ 0 nicht beeinflußte Fälle gegenüber, während bei den
funktionellen Psychosen das Verhältnis gerade das umgekehrte ist (29°/ 0 beein¬
flußte; 71 °/ 0 unbeeinflußte Fälle). Verf. hebt es als wichtig hervor, daß doch
nicht bei allen organischen Krankheitsfällen eine Beeinflussung des Katalysators
vorlag und andererseits nicht bei allen funktionellen Psychosen eine solche fehlte.
Die Titration der Harne bei Epileptikern kurze oder längere Zeit nachdem
Anfalle ergab eine Beeinflussung des Osmiumkatalysators im Sinne der Lähmung
nur dann, wenn kurze Zeit, höchstens 4 Stunden nach der Urinentleerung, der
Harn untersucht wurde. Bei 37 Untersuchungen bekam Verf. 34 mal eine Beein¬
flussung des Katalysators, und zwar 23 mal im Sinne der Lähmung und 11 mal
im Sinne der Anregung.
66) Los psyohoses pönitentiaires, par Arsimolles et Halberstadt. (Arch.
internst, de neurologie. 1914. Juni.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.).
Unter Mitteilung eines eine Frau betreffenden Falles wird eine besonders
auf die bekannten deutschen Bearbeitungen dieses Themas sich stützende kurze
Übersicht über die Gefängnispsychosen gegeben.
• 66) Psychiatrische Vorträge für Ante, Erzieher und Eltern. Dritte Serie,
von Prof. Dr.G. Anton. (Berlin, S. Karger, 1914. 91 S.). Ref.: Ph. Jolly.
Die dritte Serie der sowohl bei den gebildeten Laien als beim ärztliohen
Publikum mit großem Interesse aufgenommenen Vorträge behandelt folgende
Themen: Gehirnbau und Seelenkunde, Über gefährliche Menschentypen, Wieder¬
ersatz der Funktion bei Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks, Ärztliches
über Sprechen und Denken, Geistige Artung und Rechte der Frauen (vgl. d. Centr.
XXV. S. 614 u. XXXII. S. 1341). Der besondere Reiz der Vorträge liegt außer
in der geschickten Wahl der zur Erörterung gelangenden Probleme besonders in
der Gewinnung von mannigfachen neuen Gesichtspunkten und Zusammenhängen
sowie der fesselnden Art der Darstellung.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
41
III. Aub den Gesellschaften«
Ärztlicher Verein in Hamburg.
Sitzung vom 3. November 1914.
Bef.: M. Nonne (Hamburg).
Herr Boettiger demonstriert zwei Kriegs verwundete aus dem Hafenkranken¬
baus. I. 31 jähriger Unteroffizier erlitt am 6. Oktober einen Streifschuß am
rechten Os parietale, etwa drei Fingerbreiten oberhalb des Ohrmuschelansatzes,
Ein- und Ausschußöffnung getrennt durch eine 4 cm lange Hautbriioke. Er wurde
am 14. Oktober auf die Abteilung des Vortr. aufgenommen, befand sich in einem
leioht somnolenten Zustand wie die Tumorkranken, schlief fast den ganzen Tag,
war jedoch stets vollständig zu fixieren und über Zeit und Ort orientiert. Keine
Schmerzen, kein Fieber. Eis fand sich eine deutliche Parese des rechten Abduzens,
Doppelbilder nur zeitweilig, Nystagmus beim Blick nach rechts, leichte Parese im
linken Mundfazialis. Die Augen können willkürlich nicht beide gleichzeitig zu¬
gekniffen werden, jedes für sich jedoch in normaler Intensität. Sonstige Motilitäts¬
störungen fehlen, Sensibilität intakt. Kein Babinski, aber alle Sehnenreflexe
fehlen bis auf den angedeuteten rechten Achillesreflex. Die Röntgenaufnahme
ergab, daß zwischen den beiden Schußöffhungen das Tuber parietale total zer¬
trümmert war. Die Trepanation durch Herrn Dr. Rothfuchs am 20. Oktober
führte nach Freilegung der Knochenwunde zur Entleerung eines etwa eigroßen
Blutgerinnsels. Die Dura war total zerfetzt und es wurden fünf Knochensplitter
von der Größe eines halben bis zu 2 qcm aus der erweichten Gehirnmasse ent¬
fernt. Topographisch entspricht diese etwa dem unteren Soheitellftppohen,
einem Teil des Gyrus Bupramarginalfs und vielleicht dem unteren Abschnitt
der hinteren Zentralwindung. Nach der Operation waren die Hirndruck¬
erscheinungen sofort geschwunden. Die Abduzensparese und der Nystagmus haben
sich fast verloren. Das gleichzeitige Zukneifen beider Augen gelingt noch nicht.
Die Sehnenreflexe sind am rechten Bein vorhanden, am linken fehlen sie absolut.
Mit dem von mir vor Jahren angegebenen Wechselstromkriterium (Prüfung der
Reflexe während Durchleitung eines dreiphasiBchen Wechselstroms durch die
Extremitäten) waren auch die linksseitigen Sehnenreflexe normal auslösbar, was
für eine krankhafte Störung des Muskeltonus als Ursache der Unauslösbarkeit der
Reflexe spricht. Als Lokalsymptome des vorletzten, diagnostisch noch so sehr
strittigen Hirnteils dürften jetzt, 14 Tage nach der Operation, anzusehen sein:
Die Herabsetzung des Tonus der linksseitigen Körpermuskulatur (sicherlich kein
Rindensymptom), die Störungen im Augenschluß, die wie mir scheint als Störungen
der Lage- und Bewegungsvorstellungen des linken Augenfazialis, als motorische
Apraxie des Augenfazialis aufgefaßt werden müssen, und vielleicht eine kombinierte
Blickparese beim Blick nach rechts. — II. 23jähriger Soldat erlitt am 16. November
einen Gewehrschuß, der Einschuß auf der Höhe der linken Schulter, Ausschuß in
der rechten hinteren Axillarlinie in Höhe der neunten Rippe. Wunden geheilt.
Er klagt nur über Schwäche in den Beinen. Das Röntgenbild ergab nur spär¬
liche Verletzungen am rechten sechsten Querfortsatz und Beginn der sechsten
Rippe. Die Untersuchung führte zur Feststellung eines partiellen Brown-Söquard-
sehen Symptomenbildes, Fußklonus und Babinski am rechten Bein, Thermobyp-
ästhesie und Hypalgesie am linken Unterschenkel und Fuß, Anästhesie für Pinsel-
berübruqg in Höhe des siebenten Dornfortsatzes beiderseits. Analgesie und
Thermoanästhesie rechts in Höhe des siebenten bis neunten Dornfortsatzes. Es
maß sich somit um eine Läsion des Rüekenmarks in Höhe des etwa seohsten
und siebenten Dorsalsegmentes handeln, die aber bei ihrer relativen Gering¬
fügigkeit sicherlich nicht direkte Geschoß Verletzung, sondern wahrscheinlich Fem-
wirkung des dioht vorbeigesausten Projektils sein muß. Dafür spricht auch die
vorwiegende Beteiligung der grauen Substanz am Krankheitsbild. Autoreferat.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
42
Sitzung vom 17. November 1914.
Herr Nonne stellt mehrere Fälle von Kriegsverwundeten vor: 1. 2 Fälle
von isolierter Radialislähmung, die den H. triceps und die vom Radialis versorgte
Muskulatur am Vorderarm betreffen. Die Lähmung war in beiden Fällen verursacht
durch eine schräg von seitlich vorn in die Achselhöhle eindringende Gewehrkugel.
Der Radialis war dort getroffen, wo er aus dem Plexus brachialis zwischen
und hinter der Gabel des N. medianus und N. ulnaris als Stamm in der
Achselhöhle austritt. In dem einen Fall wurde der Nerv an der betreffenden
Stelle gedrückt durch ein größeres Blutkoagulum. Die Lähmung — die elektrische
Erregbarkeit war normal — bildete sich in 3 Wochen zurück. In dem 2. Fall
bestand schwere Form der Entartungsreaktion. Die operative Freilegung und
chirurgische Behandlung des Nerven ist in Aussicht genommen. In einem 3. Fall
war durch eine Gewehrkugel der Stamm des N. radialis gerade an der Umschlag¬
stelle am Oberarm getroffen worden. Lähmung der gesamten Radialismuskulatur.
Entartungsreaktion. Bei der Freilegang des Nerven (Prof. Sick) fand sich, daß
gerade an der Umschlagstelle der Nerv total durchgetrennt war. Die Enden
hatten sich etwa 3 cm voneinander zurückgezogen. Der Knochen und die Gefäße
waren intakt. Diese Fälle von glatter, totaler Dnrchtrennung eines Nerven durch
Schüsse sind sehr selten, wie auch noch vor kurzem von Marburg (Wien) hervor¬
gehoben wurde. Viel häufiger sind gerade bei solchen peripheren Schußverletzungen
partieller Ausfall der Funktionen bzw. partielle Erhaltung einzelner
Funktionen. Als Beispiel dafür zeigt Vortr. einen Fall einer Peroneusverletzung
(Gewehrkugel) am Stamm hinter dem Cap. fibulae. In diesem Fall war ausschlie߬
lich der N. tibialis anticus gelähmt, während die Mm. peronei longus et brevis intakt
waren; in einem weiteren Fall war es gerade umgekehrt. Ein weiteres Beispiel
dafür bietet ein Fall, in dem zwei in die rechte Achselhöhle eingedrungene Kugeln
den N. medianus, ulnaris und radialis lädiert hatten, und zwar handelte es sich um
Druck auf die drei Nervenstämme durch ein traumatisches Aneurysma. Seitens
des N. radialis fiel nur die Funktion der Extension und Abduktion des Daumens
aus, vom N. medianus die Funktion der Beugung, Opposition und Streckung des
Daumens, während vom N. ulnaris die Funktion der Um. interossei nur wenig ge¬
schwächt war. Als drittes Beispiel demonstriert Vortr. einen Soldaten, dem eine
Gewehrkugel den Condylus externus des linken Oberarms zerschmettert hatte.
Die Kugel war an der Innenfläche der Mitte des Oberarms herausgedrungen, auf
dem Wege den Stamm des N. medianus lädierend. Von klinischen Symptomen
einer Läsion des Medianus fand sich ausschließlich eine Lähmung der Medianus-
Muskulatur des Daumenballens mit Entartungsreaktion. Die übrigen Funktionen
des Medianus inklusive elektrischer Erregbarkeit fanden sich normal. In einem
4. Fall hatte eine Kugel auf der Beugeseite des Vorderarms den N. medianus ge¬
troffen. Klinisch nur: Lähmung des M. abductor pollicis brevis und Entartungs¬
reaktion in der gesamten Thenarmuskulatur. In einem weiteren Fall hatte eine
Gewehrkugel, die, in der rechten Hüftbeuge eingedrungen, durch die Bauchhöhle
gelaufen und nach Durchbohrung des linken Oberschenkels unterhalb der Gesä߬
falte herausgedrungen war, eine isolierte Lähmung der vom N. peroneus und
N. tibialis innervierten Muskeln bewirkt. Nur in den vom N. tibialis innervierten
Muskeln bestand Entartungsreaktion. In einem anderen Fall war durch einen Gewehr¬
schuß der Stamm des N. medianus am linken Oberarm getroffen worden. Es be¬
stand Lähmung der Beuger des 2. und 3. Fingers und der Thenarmuskulatur
exklusive Opposition. Die Sensibilitätsstörung war die vorschriftsmäßige. Ent¬
artungsreaktion. Bei der operativen Freilegung (Dr. Oehlecker) fand sich, daß
der Stamm des Nerven in der Mitte des Oberarms in Bindegewebe verwandelt
war. Der Knochen war intakt und die benachbarte Muskulatur nur ganz gering
beschädigt. Die degenerierte Partie des Nervenstammes wurde reseziert und das
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
43
periphere und zentrale Ende in Beugestellung des Ellenbogengelenks vernäht und mit
Oberarmfascie umscheidet. Gleich nach der Operation keine Verschlimmerung
der Lähmung. Es ergibt sich daraus, daß in diesem Fall ein größerer Teil der
Medianusfasern im benachbarten N. ulnaris verlaufen muß, eine Variation, wie
sie nur sehr selten beobachtet ist, vielleicht aber häufiger vorkommt. Zum Schluß
zeigt Vortr. einen Fall, in dem ein Querschläger den rechten M. reotus femoris
durchschlagen hatte. Es war zu einer starken Abmagerung des Muskels und einer
hochgradigen paretischen Schwäche desselben mit quantitativer Herabsetzung der
elektrischen Erregbarkeit gekommen. Fehlen des Patellarreflexes. Nur in einem
der vielen Fälle von schweren, schwersten und leichten Schußverletzungen, die
Vortr. bisher untersuchte, sah er das Bild der „traumatischen Neurose“. In
diesem einen Fall handelte es sich um einen seitens der Mutter nervös erblich
belasteten und früher schon mehrfach nervös gewesenen Mann. Die Neurose
brach von neuem aus im Anschluß an eine im Gefecht erhaltene Verletzung des
Schädels durch einen Kolbenschlag. Autoreferat.
Herr Weygandt: Man hatte nach den Erfahrungen des Mandschureifeld¬
zuges und der Südwestafrika-Expedition mit zahlreichen Kriegspsychosen ge¬
rechnet. Freilich war bei den Bussen der Alkohol eine wesentliche Ursache,
während in Afrika die Strapazen der Hitze und deB Durstes ganz außergewöhn¬
lich waren. Eine Kriegspsychose im spezifischen Sinne gibt es nicht Ganz über¬
wiegend handelt es sich um Fälle, bei denen psychisch oder körperlich angreifende
Ursachen eine Disposition zur Auslösung brachten. 1. Zunächst wird ein Fall von
HyBterie vorgestellt, der früher schon gelegentlich Symptome hatte und nach
der Schlacht bei Tannenberg mehrere Tage bewußtlos war und dann phantasierte.
Es trat für einige Zeit Abasie auf. Zurzeit ist er auffallend weichlich, sensitiv
und klagt über Schwäche in den Armen. Das Gesichtsfeld ist ganz außerordent¬
lich eingeengt. Die Frage der Dienstbeschädigung läßt sich bejahen. — 2. Ein
Landsturmmann war während der Übungszeit plötzlich beim Marsch über eine sehr
belebte Brücke mit dem Kopf gegen eine Mauer gerannt und besinnungslos liegen
geblieben. Es bestand Verdacht auf Simulation. Eingehendere Untersuchung
stellte Hysterie fest, die sich zurzeit noch in depressiven Stimmungen äußert.
Bei hysterischer Veranlagung gehören derartige Zusammenhänge ja zum Wesen
des Krankheitsbildes. — 3. Ein Beservist erschien während der Vorbereitung
nervös, begann zu halluzinieren, sprach vom Sterben, war .bald stuporös, bald
erregt, maniriert, gewalttätig, glaubte überall Elektrizität zu spüren, er würde
steckbrieflich verfolgt usw. Zurzeit ist er vorwiegend stuporös, mit Katalepsie
und Befehlsautomatie. — 4. Ein Musketier wurde am 26. August in Frankreich
durch zwei SchrapnellschüBse am Bein verwundet. Am 8. September wurde er
erregt, verwirrt, redselig, weitschweifig, negativistiscb, dann begann er stundenlang
singend zu verbigerieren und war gewalttätig. Jetzt ist er etwas ruhiger ge¬
worden, redet aber vielfach faseliges Zeug und zeigt maniriert es Benehmen. Es
handelt sich in den beiden letzten Fällen um eine Dementia praeoox in Form eines
katatonischen Stupors bzw. einer Erregung. Die Möglichkeit eines Zusammen¬
hangs mit dem Krieg, insbesondere im Fall 4 mit der Verwundung ist schwer
nachweisbar, doch auch nicht ganz abzusprechen. Eine körperliche Erschöpfung
lag in beiden Fällen nicht vor. — 5. Ein Landwehrmann, der wohl früher schon
Potator wir, stand im Osten, die Verpflegung war zeitweilig mangelhaft, so daß
er vorwiegend von Büben gelebt haben will, dabei gibt er zu, viel Wodka ge¬
trunken zu haben. Er kam zunächst wegen Fußbeschwerden in ein Lazarett,
später in Arrest. Hier brach ein typisches Alkoholdelirium aus, er sah Mäuse,
Kellerasseln, Bussen und Kosaken und schlug sich mit einem Mitinsassen. Jetzt
ist das Delirium im wesentlichen abgeklungen. Die Erkrankungsweise entspricht
der bekannten Eigenart des Deliriums, häufig auf bereits bestehender alkoholischer
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
44
Basis unter erschöpfenden Umständen auszubrechen. — 6. Ein Landsturmmann,
der vor 12 Jahren wegen Deliktes mit Kindern kriminell geworden war, hat früher
manchmal Verstimmungen, Schwindel und leichte ohnmachtartige Zustände auf¬
gewiesen. .1899 sollen beim Militär auf Märschen zweimal Krämpfe vorgekommen
sein. Im Juli ereignete sich ein ähnliches Delikt wie früher. Nach der Ein¬
berufung zum Landsturm traten Verstimmungszustände auf, ferner beging er, als
er einmal im Quartier nioht rechtzeitig geweckt worden war, einen ernsten Suizid¬
versuch. In der Anstalt wurden mehrfach anfallsweise Verstimmungen beobachtet.
Es ist anzunehmen, da£ dem Suizidversuch und seinem jetzigen Verhalten ein
krankhafter Affekt auf epileptischer ßasiB zugrunde liegt. Vom Militär wurde er
entlassen; § 51 StGB, fand auf das Delikt vom Juli keine Anwendung. — 7. Ein
Landwehrmann, der in der Kindheit Anfälle gehabt hat, zeigte seit der Mobil¬
machung eine krankhaft veränderte Stimmungslage, lebhafte Affekte, Reizbarkeit
und Suizidalneigung. Er kam wegen Magenbeschwerden in das Lazarett. Hier
trat außerordentlich lebhafte Erregung und Bettfluoht auf. In der Anstalt wurde
er etwas ruhiger, zeigte aber noch sehr erhöhte Reizbarkeit und Wehleidigkeit.
Es ist in beiden Fällen eine Form psychischer Epilepsie anzunehmen, nachdem
wohl früher einzelne epileptische Symptome vorgekommen waren, doch lange Zeit
die Störungen ausgesetzt hatten. Derartige Beobachtungen, daß in Fällen, die in
früheren Jahren einige epileptische Störungen gehabt hatten, seitdem aber frei¬
geblieben waren, erst die Aufregungen der Mobilmachung und auch die Strapazen
des Feldzuges neue Symptome brachten, sind schon mehrfach beobachtet worden,
obwohl man im allgemeinen geneigt ist, bei Epilepsie eine weitgehende Unab¬
hängigkeit von äußeren Umständen anzunehmen. In einem Fall lagen aus der
Kindheit Restspuren einer Enzephalitis vor, es waren damals einzelne Anfalle und
mit 11 Jahren eine Serie von Absenzen beobachtet worden und erst im Laufe des
Feldzuges, nach heftigen Strapazen und erschütternden psychischen Eindrücken
(Löwen) ein epileptischer Dämmerzustand aufgetreten; auch die Untersuchung nach
Abderhalden bestätigte diese Auffassung. Noch komplizierter als die Fälle der
Auslösung einer psychischen Störung auf Grund einer Disposition liegen vielfach
die Beziehungen zwischen Hirnverletzung durch Kopfschuß und psychischen Sym¬
ptomen, auf die Vortr. später einzugehen beabsichtigt. Autoreferat.
Sitzung vom 2. Dezember 1914.
Herr Nonne: 1. Ein Soldat hatte gerade in der Medianlinie des Kopfes einen
Streifschuß erhalten. In Ausdehnung von 3 cm lag der rauhe Knochen bloß. Es
bestand beiderseits eine auf die „Verkürzer“ des Beines beschränkte
Lähmung, d. h. eine Lähmung im Sinne des Typus Wernicke-Mann; Erhöhung
der Sehnen- und Periostreflexe; Abschwächung der Hautreflexe. Abgesehen von
der Lähmung der Beuger an den Oberschenkeln und der Strecker an den Unter¬
schenkeln war alles normal. Das Röntgenbild ergab rechts und links der
Medianlinie in der Gegend des Parazentrallappene multiple Sohatten dicht
unter dem Schädelknochen sowie eine Ausnagung der Tabula interna des Knochens.
Nach Freilegung der Dura mater in der Medianlinie (Pof. Siok) zeigten sich
rechts und links von der Medianlinie je drei bzw. vier gößere, derbe Knochen¬
splitter, welche beiderseits die Dura imprimierten. Unter der Dura war etwas
Abnormes nicht zu fühlen; deshalb wurde von einer Inzision abgesehen. Nach der
Operation trat eine schnelle Erholung der Beuger an den Oberschenkeln ein, und
jetzt, 2 Wochen nach der Operation, funktionieren diese Muskeln normal. Die
Lähmung des Peroneusgebiets besteht zurzeit noch unverändert fort. Die Sehnen-
und Hautreflexe sind zur Norm zurückgekehrt. — 2. Ein Soldat war durch einen
Streifschuß am Schädel in der Gegend des oberen Teils der hinteren Zentralwindung
und des angrenzenden Parietallappens verletzt worden. I 1 /, Wochen nach der Ver¬
letzung Untersuchung durch den Vortr.: Leichte, motorische Parese zerebralen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
46
Charakters linkerseits; schwere Störung der Sensibilität, fast bis zur An«
ästhesie gehend, für alle Qualitäten vom Scheitel bis zur Sohle. Sen¬
sorische Funktionen normal« Klopfempfindlichkeit des Schädels rechterseits im Be¬
reich des Parietallappens und der hinteren Zentralwindung. Lumbalpunktion negativ.
Röntgenbild negativ. Vortr. nahm an, daß es sich hier um einen diffusen Blut¬
erguß über hinterer Zentralwindung und angrenzendem Scheitellappen handelte.
Von einer Trepanation wurde zunächst abgesehen. Im Laufe von 2 Wochen hat
sich sowohl die motorische als auch die sensible Funktion bis zur völligen Norm
wieder hergestellt. Pat. ist subjektiv und objektiv als gesund zu bezeichnen.
Vortr. betont die Seltenheit derartiger Fälle und hebt hervor, daß, im Gegensatz
zu neuerlichen Veröffentlichungen, nicht unbedingt alle traumatisch entstandenen
zerebralen Symptome mit Trepanation und nachfolgender Revision zu behandeln
sind, sondern daß für eine Reihe von Fällen es auch jetzt noch gilt: zunächst
abwarten und beobachten. — 3. Ein Soldat zeigte einen Streifschuß, dessen Ein¬
schußöffnung über dem obersten Teil der rechten vorderen Zentralwindung lag.
In diesem Falle bestand lediglich eine Lähmung der kontralateralen langen Ex¬
tensoren der Finger, dabei eine deutliche Ataxie der Finger und Aufhebung der
Stereognosie. Erhöhung der Periostreflexe der linken oberen Extremität. Das
Röntgenbild war negativ. Außer den genannten Symptomen bestand noch eine
ausgesprochene motorische Schwäche in der das Schultergelenk, das Ellbogen- und
Handgelenk bewegenden Muskulatur. Dabei waren die Sehnen- und Periostreflexe
der betreffenden Gelenke normal, und es bestand eine Anästhesie vom Handgelenk
bis zur Schulter, hier „gliedweise“ abschneidend, hinauf. Diese „hysterische“
motorische Schwäche der oberen Extremität wurde durch Suggestivmaßnahmen
leicht beseitigt. Die organisch bedingte Lähmung der Extensoren der Finger mit
Ataxie und Astereognosie bildete sich schnell (im Laufe etwa einer Woche) zu¬
rück, nachdem (Prof. Sick) eine über der obersten Gegend der hinteren Zentral¬
windung ausgeführte Trepanation unterhalb der Dura einen etwa 3 cm großen,
alten, derben Bluterguß freigelegt und entfernt hatte. — 4. und 5. 2 Fälle von
Hysterie nach schweren Überanstrengungen. Ein 28 jähriger Reservist erkrankte
im Anschluß an schwere Marsch- und Gefechtsstrapazen an einer motorischen
Lähmung der rechten oberen und unteren Extremität. Vortr. fand Kontraktur¬
stellung der beiden Extremitäten ohne Erhöhung der Sehnen- und Periostreflexe;
Anästhesie für alle Qualitäten von den Zehen aufwärts bis zum Knie und von
den Fingerspitzen aufwärts bis zum Ellbogen „amputationsförmig“ abschneidend.
Keine Störung der sensorischen Funktionen. Auf der Abteilung trat ein hysteriformer
Anfall auf. Heilung durch suggestive Maßnahmen. — 6. Ein 26jähriger Offizier-
diensttuer erkrankte im Anschluß an ganz übermäßige Marsch- und Erkältungs¬
strapazen zunächst unter einem Ohnmachtsanfall mit nachfolgender allgemeiner
Abgeschlagenheit und völligem Verlust der Sprache. In Eppendorf bot er das
klassische Bild des Mutismus, aber ohne irgendeine Sensibilitätsstörung, die nacbzu-
weisen nicht einmal einer möglichst suggestiven Fragestellung gelang. Kon-
junktival- und Rachenreflex normal erhalten. Sensorische Funktionen intakt. Pat.
konnte nur (und zwar sehr eifrig) schriftlich verkehren. In diesem Fall gelang es,
nachdem verschiedenste roborierende und suggestive Therapie ohne Erfolg gewesen
war, Pat. in Hypnosezustand zu versetzen und ihn in der Hypnose Vokale aus¬
sprechen zu lassen. Im Anschluß an diesen ersten Erfolg trat spontan die Heilung
des Mutismus ein. Vortr. betont, daß Fälle von „grande hyst6rie“ gegenwärtig
wieder häufiger zur Beobachtung kommen. Auslösend wirken nach den Erfahrungen
des Vortr. bei den Soldaten in erster Linie körperliche Überanstrengungen, erst
in zweiter Linie physische Shocks. Vortr. teilt des weiteren mit, daß einer seiner
Patienten, der sich in einer ausgiebigen Remission von Paralyse befand, bisher
mit Auszeichnung gekämpft hat. Ebenso zwei Tabiker, der eine mit Ataxie, als
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
46
BataillonsfÜhrer der andere mit heftigen lanzinierenden Schmerzen in anstrengenden
täglichen Waldkämpfen in den Argonnen. Letzterer erwarb sich durch seine
Leistungen das Eiserne Kreuz. Ein weiterer Patient, Neurastheniker, der seit
mehreren Jahren an schwerem zwangsmäßigem Lähmungsgefühl in den Beinen litt,
erwarb sich durch besondere Tapferkeit bei der Erstürmung von Feldbefestigungen
und Gefangennahme des Kommandanten das Eiserne Kreuz. Seine bis dahin keiner
therapeutischen Maßnahme weichenden Beschwerden waren vom ersten Marschtage
an verschwunden. Ein Offizier, der vor 2 Jahren an einem Symptomenbild er¬
krankte, das Vortr., dessen Diagnose von zwei Universitäts-Berufspsychiatern be¬
stätigt wurde, als Dementia praecox auffaßte, trat, nachdem er etwa ein Jahr lang
in Anstandsbehandlung gewesen war, wieder als Offizier ein. Er machte den
Feldzug bisher in bestem Wohlsein mit und zeichnete sich bei den Kämpfen um
ReimB so aus, daß er das Eiserne Kreuz erwarb. Autoreferat.
Herr Wohlwill demonstriert 3 Fälle von Sprachstörung nach Sohußver-
letsung (Abt. Sick und Nonne, Eppendorfer Krankenhaus). 1. Granatverletzung
am linken Stirnbein am 10. Oktober 1914. Das Röntgenbild zeigt einen kleinen
Granatsplitter in der Spitze des linken Schläfelappens. Spontansprache und Nach¬
sprechen total aufgehoben. Schreiben sehr viel besser, wenn auch mit Entstellungen.
Vorgezeigte Gegenstände werden schriftlich meist richtig bezeichnet. Ein vom Pat.
geschriebener Brief enthält zwar neben vielen korrekten Wörtern zahlreiche ent¬
stellte, doch vermag Pat. auf diese Weise seinen Gedanken Ausdruck zu geben,
was mündlich ausgeschlossen ist. Lesen, Sprachverständnis intakt. Hierzu kommt
eine leichte Störung der Praxie. Während Pat. die kompliziertesten Aufträge
richtig ausführt, sobald es sich um Manipulation mit Gegenständen handelt,
kommt es bei Bewegungen, die im Bereich des eigenen Körpers auBzuführen sind
(ans Ohr zeigen, Kniebeuge ausführen usw.), öfters zu ausgesprochenen Fehlhand¬
lungen (Bewegungsentstellungen). Eine operative Freilegung der verletzten Ge¬
hirnstelle ergibt Zertrümmerung daselbst. Danach Rückgang der apraktisohen
Symptome, Bestehenbleiben der motorischen Aphasie, die angesichts der Gering¬
fügigkeit der Schreibstörung als vorwiegend subkortikale zu bezeichnen ist. —
2. Am 6./IX. 1914 Streifschuß in der linken Scheitelgegend durch Infanterie¬
geschoß. Sogleich darauf totale rechtsseitige Hemiplegie mit totaler motorischer
Aphasie. Bei der Aufnahme am 14. Oktober waren alle Störungen schon erheb-
lioh zurückgegangen. Damals fand sich abgesehen von einer rechtsseitigen Hemi¬
parese mit Hemianästhesie ohne Hemianopsie eine starke motorische Aphasie
mit schwerer Störung sowohl der Wortfindung wie der Artikulation; Nachsprechen
ebenso stark gestört, Wortverständnis intakt. Schreiben: ausgesprochene Agraphie.
Lesen: Lautlesen stark artikulatorisch gestört, aber offenbar unter richtiger Per¬
zeption der Wort- und Buchstabenbilder. Lese Verständnis vollkommen auf¬
gehoben. Auch annähernd richtig laut vorgelesene Wörter und Sätze werden
absolut nicht verstanden, während mündliche Wiederholung durch den Arzt sofort
verstanden wird. Seither wieder erhebliche Besserung. Nur noch ganz leiohte
Erschwerung der Spontansprache. Eine Störung des Leseverständnisses ist nur
noch bei längeren Geschichten nachweisbar. An diesem Fall ist ungewöhnlich das
Auftreten einer Alexie, obwohl eine Störung des Sprachverständnisses einerseits
und eine Hemianopsie andererseits fehlte. — 3. Steckschuß durch Infanterie¬
geschoß, eingedrungen am linken Schläfenbein, jetzt über dem linken Felsenbein
liegend. Keine Halbseitenerscheinungen. Es besteht eine amnestische Aphasie,
daneben auch sonst erhebliche Störungen des Gedächtnisses und der Merkfahig-
keit, starke Erschwerung der Orientierung im Raum, absolute Aufhebung der
früher vorhanden gewesenen Fähigkeit zu singen und Melodien zu erkennen. Vortr.
weist darauf hin, daß die Symptome bei Hirnschüssen nioht zu lokaldiagnostischen
Zwecken verwertet werden können, da auch weitab vom Schußkanal noch erheb¬
liche Alterationen der Hirnsubstanz Vorkommen können. Autoreferat.
Digitized hy
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
47
Vereinigte ärztliche Gesellschaften in Berlin.
Sitzung vom 9. Dezember 1914.
Ref.: Toby Cohn.
Herr Toby Cohn demonstriert vor der Tagesordnung eine äufierst einfache
Korrektur der Peroneuslähmung, die ein hiesiger Kollege für sich selbst
konstruiert hat, nachdem er als Stabsarzt beim Reiten mit dem Pferde gestürzt
war und eine Kniegelenksluxation mit Peroneuslähmung davongetragen hatte.
Nach Heilung der Luxation bessert er den Peroneusgang dadurch, daß er durch
die untersten beiden Schnürlöcher seines Schnürstiefels außer den gewöhnlichen
Schnürsenkeln noch einen ledernen Senkel zieht. Wenn er dann den Stiefel mit
den eigentlichen Senkeln in gewöhnlicher Weise verschnürt hat, bringt er den
Fuß durch Aufstützen in starke Dorsalflexion, zieht den unter den Touren des
eigentlichen Senkels, also von diesen bedeckt, liegenden Ledersenkel kräftig auf¬
wärts und hält damit den Fuß in Dorsalflexion fest. Alsdann knotet und ver¬
schnürt er den Ledersenkel einfach am oberen Ende des Schuhs. Die Gang¬
korrektur ist, wie die Demonstration erkennen ließ, ausgezeichnet, obwohl noch
völlige Peroneuslähmung (mit kompletter EntartungBreaktion) besteht. Gerade
gegenwärtig, wo wir so viele Kriegsverletzungen der Beinnerven sehen, ist es
beachtenswert, wie mit einem so einfachen Hilfsmittel unter Umständen teilweise
Dienstfahigkeit trotz fortbestehender Lähmung erreicht werden kann. Autoreferat.
Herr M. Lewandowsky. Referat über die Kriegsverletzungen des
Nervensystems. 1 1. Gehirnschüsse. Aspetisch eingeheilte Geschosse bieten
nach wie vor keine Indikationen zur Entfernung. Immerhin ist die Verwerfung
dieser Indikationen nicht mehr ganz so prinzipiell wie früher, falls das Geschoß
leicht erreichbar ist. Die wesentliche Indikation zum chirurgischen Eingriff ist
die Rücksicht auf die möglichst aseptische Gestaltung jener penetrierenden Schädel¬
wunde. Die Erfahrungen an den in die Heimat transportierten Verwundeten
bestätigen die Notwendigkeit der sofortigen operativen Kontrolle aller Schädel¬
wunden, speziell der Tangentialschüsse. Die draußen nioht chirurgisch kontrollierten
Fälle sind viel häufiger infiziert als die kontrollierten. Bei den draußen nicht
kontrollierten ist auch in der Heimat noch sehr häufig die chirurgische Kontrolle
angezeigt. Bei jedem Schädelverletzten ist die langdauernde Beobachtung auch
bei anscheinend gutem Verlauf notwendig. Noch nach mehrwöchiger Fieber-
losigkeit können Meningitiden und Hirnabszesse zur Erscheinung kommen. Außer
der eitrigen Meningitis mit dem unvermeidlichen Ausgang kommen meningitische
Zustände durch Meningitis serosa und leichtere meningeale Blutungen vor, die
eine günstigere Prognose bieten. Hier ist zur Therapie und zur Diagnose die
Lumbalpunktion angezeigt. Durchschüsse des Gehirns machen oft nur geringe
Symptome, anscheinende Streifschüsse oft schwere. Letzteres erklärt sich durch
bestehende Schädelbrüche, oft biB an die Basis. Besonders häufig sind dabei
Cochlearis- und Vestibulariserscheinungen. Für die Schädel Verletzungen ohne
penetrierende Wunde gilt der Grundsatz, daß nur auf die Voraussetzung umfang¬
reicher meningealer Blutungen operiert werden darf. Das Dauerschicksal der
Hirnverletzten ist noch nicht zu übersehen. Sicher wird bald die Frage der
Spätfolgen naoh solchen an uns herantreten. Am ehesten ist die Indikation zur
Operation bei der traumatischen Epilepsie gegeben, soost mögliche Zurückhaltung
angezeigt. — 2. Rüokenmarksverletzimgen. Sie erfordern eine fast unbedingte
Zurückhaltung für operative Eingriffe. Die totalen Rückenmarksverletzungen
bieten mit und ohne Operation keine Chance, die partiellen heilen ohne Operation
häufig besser. Diejenigen Rückenmarksverletzungen, die überhaupt Aussicht auf
eine Wiederherstellung bieten, sind auch fast nie durch Zerschmetterung des
1 Gesellschaft für Psyohiatrie und Nervenkrankheiten.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
48
Rückenmarks bedingt, sondern durch traumatische Nekrose und Blutungen in
Fällen, in denen das Gesohoß nur am Rückenmark vorbei gegangen ist. Das
wichtigste bei der Behandlung der Rückenmarksverletzungen bleibt die Verhütung
der Infektion von der Blase aus. Die Guadaverletzungen sollten vielleicht mehr
nach der für die peripheren Nerven geltenden Indikation behandelt werden. —
3. Periphere Nerven, Die totale Durchschlagung von Nerven durch Geschosse
ist selten (etwa 15 °/o). Neurologisch läßt sich in vielen Fällen nur dann die
Ausdehnung der Verletzung bestimmen, wenn der Nerv nicht total durchschlagen
ist. Es ergibt sich das aus der Erhaltung von Funktionsresten, welche entweder
diffus sein können oder zirkumskript in den Betroffensein oder Erhaltensein ge¬
wisser Nervenfasergruppen sich kundgeben. Selbst totale Entartungsreaktionen
beweisen noch nicht, daß der Nerv wirklich durchtrennt ist. Diese Indikation
zur Operation ist aber nicht die einzige, sondern der Nerv muß auch dann frei-
gelegt werden, wenn er verwachsen und in Narben eingebettet ist. Dazu genügt
praktisch die Feststellung, ob eine Besserung der Funktion in 4 bis 6 Wochen
eingetreten bzw. fortgedauert hat oder nicht. Wenn das nicht der Fall gewesen
ist, so muß der Nerv freigelegt werden. Unter 14 nur auf diese Indikation hin
operierten Nerven erwies sich die Operation in 12 Fällen als notwendig. In
sehr seltenen Fällen können auch sehr starke neuralgische Schmerzen die Indi¬
kation zur Operation geben. Dieselben Indikationen gelten auch für die mit
Knochenverletzungen verbundenen Nervenverletzungen. Fälle durch zu langes
Liegenlassen der Esmarch sehen Binde kommen leider nicht zu selten vor. —
4. Hysterie. Ist bei Nervenverletzungen nicht häufiger als bei anderen. Die
schwersten Fälle kommen ohne Verletzung und bei leichten Verletzungen vor.
Es ist nicht zu erwarten, daß die Zahl der funktionellen Störungen eine über¬
mäßig große wird, wenn man die Zahlen der Unfallstatistik zugrunde legt. Die
Organisation der Behandlung dieser Störungen zusammen mit den nach Ver¬
letzungen zurückbleibenden Störungen muß auf breitester Grundlage eingeleitet
werden. Autoreferat.
Die Diskussion zu diesem Referat wurde am 23. Dezember eröffnet. Es
sprachen die Herren Oppenheim, Peritz, Rothmann, Benda, Schuster.
Die weitere Diskussion findet nach den Weihnachtsferien statt und wird dann im
Ganzen hier abgedruckt werden.
L. t. Frankl-Hochwart f
Soeben ist einer der hervorragendsten Vertreter unseres Faches, Professor
L. v. Frankl-Hoehwart, in Wien gestorben. Wir betrauern tief den Verlust, den
die Neurologie Deutschlands und Österreich-Ungarns und damit auch der ganzen Welt
erlitten hat. In einer der nächsten Nummern werden wir eine Würdigung seiner
Lebensarbeit aus berufener Feder bringen. Seine bedeutende, von echt Wienerischer
Liebenswürdigkeit getragene Persönlichkeit wird uns allen unvergeßlich sein.
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth»
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders am Ein*
sendnng von Kriegserfahrangen und Kriegereferaten gebeten; sie werden wegen
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Viit ft Comp, in Leipzig. — Druck von Metzobe & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Pro! R MendeL
Herausgegeben
TOD
Dr. Kurt Hendel.
Tierunddrelßigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
'Buchhandlungen des In« und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 16. Januar. Nr. 2.
I. Orlgfaalftittcifungcn. 1. Krankendemonstration zur Kriegsneurologie, von H. Oppen-
Mm. 2. Intravitale nnd postmortale Hirnschwellnng. Eine Berichtigung der letzten Aus¬
führungen Rosentals, von Prof. Martin Reichardt.
II. Referate. Krieg. 1. Psychiatrie und Krieg, von Bonhoefler. 2. Znr Behandlung
der Schußverletznng des Rückenmarks, von Guleke. 8 . Anosmie nnd Euophthalmns trau-
maticus, von Strebei. 4. Zur Anwendung des Tetanusserums, von v. Behring, 5. Zur Be¬
handlung des Wundstarrkrampfs, von Angerer. 6. Znr Tetauusbehandlung mit Magnesium-
sulfat, von Eunike. 7. Zur Tetanusfrage, von Wolfsohn. 8. Beitrag zur Behandlung den
Tetanus, von Spanutb. 9. Ober die Bedeutung großer Katastrophen für die Ätiologie einiger
psychischen Nervenkrankheiten, von Bajenow. 10. Erfahrungen über die Behandlung von
Hirnschüssen, von Marburg und Ranzi. 11. Kriegsverletzungen des peripherischen Nerven¬
systems, von Hezel. — Psychiatrie. 12. Die Prognose des Morphinismus, von Kdnig.
II. Ober Vergiftungen durch nitrose Gase, von Tetzner. 14. Zur Frage der chronischen
Morphinpsychose nnd des Zusammenhangs von Sinnestäuschungen und Wahnideen, von
Schneider. 15. Ober Beeinflussung der Morphinwirkung durch die Nebenalkaloide des
Opiums, von Meissner. 16. Ein Fall von LnminalVergiftung, von Ungar. 17. Medinal in
psychiatrischer Praxis, von Reicht« 18. Panton „Roche“ in der Hand des praktischen
Arztes, von Friedlinder.
III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie nnd Nervenkrank¬
heiten, Sitzung vom 14. Dezember 1914.
IV. Mitteilung an den Herausgeber.
1. Originalmitteilun gen.
1. Krankendemonstration znr Kriegsneurologie. 1
Von H. Oppenheim.
L Über Hemiplegia spinalis mit homolateraler Hemianftsthesie.
D«r 23 jährige Grenadier H. erhielt am 21. August, während er sich in
liegender Stellung befand, einen Bajonettstich in die rechte obere Halsg'egend; er
■drang von rechts oben nach links unten ein. Patient brach bewußtlos zusammen,
dann stellten sieh klonische Zuckungen in den Beinen ein sowie eine lähmungs«
1 Die Vorstellung der Kranken hat in der Berliner Gesellschaft für Psjobiatrie nnd
Neurologie am 14. Dezember 1914 stattgefnnden.
XXXIV. 4
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSETY OF MICHIGAN
50
artige Schwäche in allen vier Extremitäten. Er konnte nicht gehen und stehen.
In den ersten 4 Wochen bestand unfreiwilliger Urinabgang y auch einigemal»
Incontinentia alvi.
Die Wunde verheilte in 14 Tagen; er lernte dann bald an Stöcken gehen,
schließlich schwand die Schwäche im linken Bein und Arm, während die Störungen
in der rechten Körperseite nur eine Besserung erfuhren.
Wie Sie sehen, findet sich eine Stichnarbe oben am Halse hinter dem rechten
Sternocleidom&stoideus, etwa zwei Querfinger unterhalb des Proc. mastoideus.
Hirnnerven frei. Nur ist die rechte Pupille und Lidspalte etwas weiter al»
die linke bei guter Reaktion der Pupille. Die schwersten Funktionsstörungen
finden sich im rechten Arm. In allen Muskelgruppen besteht eine Hypertonie,
die Sehnenphänomene entsprechend gesteigert; anfangs (d. h. vor einigen Wochen
bei der Aufnahme) ließ sich ein Supinationsklonus auslösen. Die aktiven Be¬
wegungen sind teils durch den spastischen Zustand beschränkt, außerdem besteht
eine distalwärts zunehmende Parese, besonders fehlen die isolierten Fingerbewe¬
gungen. Ausgesprochene statische und maximale Bewegungsataxie in der rechten
Oberextremität.
Im rechten Bein Hypertonie, Fußklonus, Babinskisches Zeichen, auch im
linken Bein geringere Hypertonie mit Steigerung der Sehnenphänomene und
Rossolimoschein Zeichen.
Soweit handelt es sich um das typische Bild der Hemiplegia spastica spinalis
(cervicalis superior), wie es bei einer Halbseitenläsion oberhalb der Halsanschwellung
zu erwarten ist. Ich will noch hinzufögen, daß der Phrenicus unbeteiligt ist,
auch bei röntgenologischer Prüfung (Dr. Katz), Nun aber zeigt sich ein auf-
fallendes und sehr überraschendes Verhalten der Sensibilität.
Am rechten Arm findet sich taktile Anästhesie, Analgesie, Thermhypästbesie
und Bathyanästhesie. Die Störung reicht bis in die Fossa supraclavicularis und
noch in einen Bezirk des rechten äußeren Ohres.
Diese Anästhesie erstreckt sich, wie Sie sehen, über die rechte Rumpfhälfte
und das ganze rechte Bein. Dagegen ist die Sensibilität auf der linken Körper¬
seite unversehrt.
Eine leichte Schwäche und Hypertonie ist auch im linken Arm noch nach¬
weisbar.
Das Besondere, das der Fall bietet, ist die Erscheinung, daß statt der
Brown-Söquard sehen Lähmung eine Hemiplegie und Hemianästhesie der gleichen
Seite besteht. Wie ist das zu erklären:
Man kann verschiedenen Vorstellungen Raum geben: 1. Neben der halb¬
seitigen Verletzung des rechten oberen Zervikalmarks liegt eine RöhrenUutung
vor, die sich durch das rechte Hinterhorn bis tief hinab ins Sakralmark erstreckt
Es kommen ja solche Röhrenblutungen vor, aber die Annahme ist eine durch¬
aus gezwungene und schon deshalb nicht haltbar, weil man unter derartigen Ver¬
hältnissen am homolateralen Bein eher eine schlaffe, atonische, eventuell atro¬
phische Lähmung erwarten müßte.
2. Dem Fehlen der Pyramidenkreuzung, wie es in vereinzelten Fällen kon¬
statiert worden ist, könnte ein angeborener Mangel der sensiblen Kreuzung ent¬
sprechen. Das ist eine recht gewagte Hypothese, die sich bislang auf keine tat¬
sächliche Feststellung zu stützen vermag.
3. Man könnte vermuten, daß die rechtsseitige Hemianästhesie überhaupt
nicht durch organische Veränderungen verursacht ist, sondern eine akzidenteU»
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
51
hysterische Erscheinung bilde. Das ist unbedingt abzalebnen. Denn die Ge¬
fühlsstörung hat durchaus den Charakter der echten spinalen: sie reicht nach
oben bis in das durch die Läsion betroffene Zervikalsegment, sie geht ferner —
wie es besonders der Batbyanästhesie entspricht — mit statischer und Be¬
wegungsataxie einher, sie ist ganz stabil und unabhängig von jedem psychischen
Vorgang; die homolateralen Sinnesfunktionen sind nicht herabgesetzt und Patient
bietet in seinem ganzen Wesen keinen Zug von Hysterie.
Hach Ablehnung aller dieser Deutungsversuche, bleibt nur eine Annahme,
daß die Läsion sich nicht auf die rechte Rückenmarkshälfte beschränkt hat,
sondern daß die Spitze des Bajonetts auch durch die linke Hälfte hindurch¬
gedrungen ist und hierbei auf der rechten im wesentlichen die Pyramidenbabu
und den Hinterstrang, auf der linken fast ausschließlich die gekreuzte sensible
Leitungsbahn verletzt bzw. durchtrennt hat. Für die Richtigkeit dieser Auf¬
fassung spricht auch der Umstand, daß anfangs alle vier Extremitäten gelähmt
waren, und daß sich röntgenologisch gerade auf der linken Seite eine Verletzung
der Wirbelsäule in der Höhe des 6. und 7. Halswirbels zeigt. (Das Bajonett
ist von rechts oben nach links unten schief eingedrungen.) Der Röntgenologe
unseres Lazaretts, Dr. Ratz, der von meiner Auffassung nichts wußte, zeigte
mir das Röntgenbild mit dem Bemerken, daß er von dem Befunde, den er auf
der Seite der Narbe erwartet hatte, ganz überrascht sei. Das ganz ungewöhn¬
liche Symptombild findet so seine Aufklärung.
Zu Literaturstudien haben wir jetzt keine Zeit; ich weiß nicht, ob Beob¬
achtungen entsprechender Art schon vorliegen, halte es aber für wahrscheinlich,
da derartige Fälle es am ehesten verstehen lassen, daß gegen die Brown-
Söquard sehe Lehre früher so oft Einspruch erhoben worden ist.
II. Über einen Fall echter Reflexl&hmung (?).
Der 26 jährige Reservist E. erhielt am 26. August bei N. einen Infanterie-
schuß durch die Uitte des linken Oberarms aus unbekannter Entfernung. Die
Wunden heilten in 4 Wochen, die Knochenheilung (Schrägfraktur des Humerus)
nahm lange Zeit in Anspruch. Anfangs war der linke Arm steif und bewegungs¬
los, nach 5 Wochen konnte er ihn wieder bewegen. Die ursprünglich vor¬
handenen Schmerzen schwanden zugleich mit der Wiederkehr der Beweglichkeit.
Erst im weiteren Verlauf, d. h. vor etwa 6 bis 7 Wochen habe sich eine dann all¬
mählich zunehmende Bewegungslosigkeit eingestellt, die den ganzen linken Arm,
besonders aber die Oberarmmuskeln ergriffen habe.
Die EinschuUnarbe findet Bich, wie Sie sehen, in der Uitte des Oberarms
außen, die Ausschußstelle in derselben Höhe hinten. Das Röntgenbild zeigt Ihnen
den Schrägbruch des Humerus.
Als ich den Patienten am 20. November zum eisten Male untersuchte, bot
er das Bild einer totalen atrophischen Lähmung des linken Deltoideus, Bizeps,
Brachialis internus, Supinator longus — es schien sich also auf den ersten
Blick um eine Erbsche Lähmung zu handeln, aber die Bewegungsstörung er¬
streckte sich doch auch auf den Trizeps und die Adduktoren des Oberarms, auch
war noch eine leichtere Parese in den distalen Muskeln der linken Oberextremitat
vorhanden. Immerhin bildete den Kern der Symptomatologie die Erbsche
4*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Lähmung mit Atrophie der betroffene« Muskeln öod Schlottern des Schulter-
Schtaeraa, DrootsclnDerjjhafiigteit, Objekt»re Störungen der Sensi¬
bilität fehl'feo.
Bei diesem Tatbestände inoflte m erster Linie an eine Poliomyelitis sub¬
akuter Entstehung gedacht werden- Vollkommen .überrascht wurde ich dauu
durch die Feststelluag eins» normalen Verbaltehs der elektrischen Er-
Figrl- Flg. 2. •
\v‘. •_ : ■•■r* , Y'^Vv/.-VL ‘ ''«ijty -- - && jfr: •••’' •' • •
regbarkeit. Nerven und Masteln des ‘linken Armes reagierten auf den
faradi&ebea wie auf den galvanischen Strom iß noniidtef Weise* Ea kwßte nicht
einmal von einer quantitativen Abnahme der Erregbarkeit die Hede sein, wenn
mun Ijerftcksichtigt, daß die Ausgiebigkeit der Zuckung iu dem atrophischen
Muskel hinter der des vuihmlwickdten etwas xtirückstebi. Ich will ihnen nun
erst den Kranken demontrierejL : Wie Sie «af den ersten Blick sehen {Fig. 11,
ist die Muskulatur am linken Oberarm afcropbkwt, besonders gilt das für de«
Deltoideusi so daß links die kubckemeu Oeleakteile deutlich feerrortrötan und der
Hujneruskcpf herabgesnnken ist, das SchuUergden.it' schlottert. Änch die Kon-
tu reo der ÜnterarmiKUigemnskela treten nicht deutlich ia?«.; bei der. Betastung
*— 53 —
fühlen sie sich schlaff au, das gilt auch für den Supinator longus. Beugt mau
den Unterarm gegen den Oberarm und abduziert diesen, so fällt die Bizeps*
inasse der Schwere nach auf die entgegengesetzte Seite. Das Supinatorphänomen
fehlt links vollkommen, während es rechts deutlich zu erzielen ist Das Trizeps¬
phänomen ist beiderseits vorhanden.
Besonders beachtenswert ist folgende Erscheinung: Wenn Patient geht,
schwingt und pendelt der linke Arm vollkommen wie ein lebloses Anhängsel hin
und her, es fehlt jede Spur von Innervation und Tonus.
Die Abduktion im Schultergelenk fehlt noch vollständig. Dagegen ist in¬
sofern eine Besserung eingetreten, als der Krauke jetzt eine geringe Beugung
des Unterarms auszuführen vermag. 1 Dabei manipuliert er, wie Sie sehen, eigen¬
tümlich: Er legt den Kopf etwas nach rechts herüber, streckt die Hand im
Handgelenk und beugt die Finger kräftig (Fig. 2), dann gelingt es ihm scheinbar
unter großer Anstrengung den Unterarm etwas zu beugen, und es macht sich
dabei auch eine leichte Anspannung des Bizeps und Supinator longus bemerklich.
Aber der lokomotorische Effekt ist ganz gering. Im Deltoideus und Bizeps sieht
man dabei bisweilen ein fibrilläres Zittern.
Die elektrische Erregbarkeit ist, wie schon hervorgehoben, normal. Sen¬
sibilität und Sinnesfunktionen intakt. Linkes Bein in bezug auf alle Funktionen
normal. Keine neuropathischen Züge bis auf die Erscheinung, daß Patient von
klein auf stottert.
Sie begreifen, daß mir die Deutung des Falles viel Schwierigkeit gemacht
hat Gewiß kennen wir peripherische Lähmungen ohne Veränderung der elek¬
trischen Erregbarkeit wie die Schlafdrucklähmung des N. radialis. Aber das
sind leichte Lähmungen, die auch nicht mit Atrophie verknüpft sind und schnell
vorübergehen. Eine so absolute und mit allen äußeren Zeichen der Atonie und
Atrophie einhergebende peripherisohe oder gar spinale Lähmung ohne Beein¬
trächtigung der elektrischen Erregbarkeit ist eine durchaus ungewöhnliche Er¬
scheinung. Eine Erb sehe Lähmung neuritischer oder poliomyelitischer Genese
muß ich also hier ausschließen.
Von vornherein drängte sich mir die Vorstellung der psychogenen, hyste¬
rischen Lähmung auf, und dieser Gedanke ist auch in der Diskussion schüchtern
zum Ausdruck gekommen. Aber wir müßten mit dem gewohnten Begriff der
Hysterie völlig aufräumen, wenn wir die atonische, atrophische Lähmung, mit er¬
loschenen Sehnenphänomenen, bei der jedes Zeichen einer psychischen Vermittlung
fehlt, so daß die betroffenen Muskeln unter allen Bedingungen — bei längerer
Beobachtung, bei Ablenkung der Aufmerksamkeit, im Affekt, bei Gestikula¬
tionen usw. — sich ganz gleichmäßig wie vollkommen aus dem Kreis der Inner¬
vation ausgeschaltete verhalten — wenu wir eine derartige Paralyse für eine
hysterische halten wollten.
Die Art des aktiven BeweguugsVersuches bei der intendierten Unterarm¬
beugung ist allerdings dazu angetan, die Vorstellung eines psychogenen Vorgangs
1 Zusatz bei der Korrektur atu 6./I. 1915: Die Besserung ist inzwischen langsam und
stetig foitgeechritten.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
auf kommen zu lassen. Aber sie erklärt sich doch aus den physiologischen Ver¬
hältnissen. So heißt es in meinem Lehrbuch der Nervenkrankheiten (S. 28 der
ü., sowie in den früheren Auflagen) in bezug auf die Beuger des Unterarms:
„Sind alle drei gelähmt, so kann eine schwache Beugung doch noch dadurch
bewerkstelligt werden, daß die Flexoren der Hand und Finger, soweit sie vom
Condyl. internus humeri entspringen, sowie der Pronator teres sich übermäßig an¬
spannen oder sich kontrahieren, während die Hand durch die Antagonisten fest¬
gehalten wird. Der Effekt ist dann Beugung des Unterarms. Ebenso können
die Extensoren der Hand und Finger die Beugung des Unterarms vermitteln,
nachdem er proniert und das Handgelenk überstreckt oder in Beugestellung
fixiert wurde. Diese schon von Duchenne beobachtete artifizielle Beugung er¬
kennt man schnell daran, daß sie unmöglich wird bei gewöhnlicher Haltung der
Hand und Finger und im übrigen mit sehr geringer Kraft zustande kommt.“
Wenn wir nun auf Grund aller der festgestellten Tatsachen den psychogenen
Ursprung der Erscheinungen mit Bestimmtheit ablebnen — welche Erklärung
bleibt dann übrig?
Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß das Leiden hier in die Kate¬
gorie der artbrogenen Atrophie gehört, jener Form des einfachen Muskel¬
schwundes, welcher sich im Bereich erkrankter Gelenke und Knochen entwickelt,
in der Regel nur einen geringen, aber gelegentlich doch auch einen ziemlich
hohen Grad erreicht. Auf die Literatur dieser Frage will ich hier nicht eiu-
gehen, sondern nur auf die Diskussion hinweisen, die ihr im Anschluß an
Demonstrationen der Herren Schüsteb und Gassi beb 1 in dieser Gesellschaft ge¬
widmet worden ist Die Lehre, welche diese Atrophie auf einen reflektorischen
Vorgang zurückführt, auf einen Reiz, welcher von dem erkrankten Gelenk auf
das Vorderhorn ausgeübt wird, kann wobl als die jetzt herrschende und von der
Mehrzahl der Forscher anerkannte betrachtet werden. Der heute vorgestelltc
Fall unterscheidet sich aber von den bisher beschriebenen durch das Moment
der vollkommenen Lähmung. Nicht eine einfache Atrophie liegt vor, sondern
eine komplette Paralyse mit Atrophie.
Erkennen wir aber einmal an, daß von der Peripherie eiu Reiz ausgehen
kann, der die vordere graue Substanz in ihrer tropbischen Funktion beeinflußt,
so hat es kaum noch etwas Gewagtes, die Hypothese aufzustellen, daß dieser
Reiz sich unter uns unbekannten Bedingungen in der Weise geltend machen
kann, daß die vordere graue Substanz für die ihr vom Gehirn zufließenden Im¬
pulse gesperrt wird. Wir kommen damit zu der alten Lehre von der Reflex -
lähmung zurück. Jedenfalls weiß ich unserer Beobachtung keine andere
Deutung zu geben.
Aber wäre es nicht doch möglich, daß die psychische Disposition hier eine
gewisse Rolle spielte? Unser Patient bietet keine Zeichen von Hysterie, aber er
stottert von klein auf und hat — wie er nachträglich angegeben hat — im
9. Lebensjahr einen Schädelbruch erlitten, nach dem eine Hemmung in seiner
geistigen Entwicklung eingetreten ist, so daß er schlecht in der Schule lernte,
1 Neurol. Cenralbl. 1911; ygl. auch mein I.ehrb. der Nervcnkr. VI. S. 306.
Digitized by
Google
Original fro-m
UMIVERSITYOF MICHIGAN
55
besonders im Kopfrechnen es nicht über die ersten Anfänge brachte. Gr ist
dann Schlosser und Monteur geworden und hat sich damit gut vorwärtsgebracht.
Ist es nicht denkbar, daß die Unerregbarkeit der vorderen grauen Substanz
für die ihr aus dem Zentrum zuströmenden Impulse nur eine relative ist und
daß es von der psychischen Individualität, von der Kraft des Willens, von der
Intensität der aufgewandten Energie abhängt, ob die Sperrung ganz oder teil¬
weise überwunden wird? Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kauD.
Aber mit ihrer Bejahung würde sich noch ein kleiner Schlupfwinkel für
eine hysterische Komponente bieten. Für den Kern des Leidens: für die
atrophische, atonische Lähmung lehne ich die psychogenetische Entstehung un¬
bedingt ab und nehme einen reflektorischen Vorgang an, der nur in seinem
neuro-spinalen Anteil ein dynamischer, in seinem muskulären ein organischer,
materieller ist. Aber ich lasse die Möglichkeit offen, daß eine psychische Dis¬
position, welche die Seelenenergie herabsetzt, an der Nichtüberwindung dieser
Hemmung beteiligt ist.
[Ana der psychiatrischen Klinik zn Würzbarg.]
2. Intravitale und postmortale Hirnschwellung.
Eine Berichtigung der letzten Ausführungen Bosental’s.
Von Prof. Martin Beiohardt.
Der letzte Aufsatz von Rosental in diesem Centr. 1014. S. 1085 enthält
leider wieder sehr erhebliche Irrtümer und Unrichtigkeiten, welche ich im Inter*
esse der Sache an dieser Stelle kurz berichtigen möchte. Ich behalte mir vor,
außerdem in einer besonderen Arbeit nochmals ganz ausführlich auf den Streit¬
punkt einzugehen und dann auch wörtlich die RosENTAL’schen Sätze und
meine tatsächlichen Ausführungen gegenüber zu stellen, sofern ein allgemeines
Interesse dies wünschenswert oder notwendig machen sollte. Zunächst bin ich
aber der Ansicht, daß Rosental mit seinen Anschauungen noch ziemlich allein
dasteht, und daß sich, bei sofortiger Richtigstellung der Irrtümer, niemand ernst¬
haft von ihm beeinflussen lassen wird. Vielleicht genügt daher schon die nach¬
stehende Berichtigung.
I. Robental behauptet, daß ich „jetzt auch die Möglichkeit der post¬
mortalen Hirnschwellung ohne weiteres zugebe“. Ich habe schon in diesem
Centr. 1914. S. 1078 dargetan, daß ich die (theoretische) Möglichkeit der post¬
mortalen Hirnschwellung stets zugegeben habe. Ich habe in der Anmerkung 4
auf S. 1078 zum Beweis hierfür zwei Abhandlungen genannt. Die eine Abhand¬
lung ist 3 Jahre und die andere 4 1 /, Monate früher erschienen, bevor Rosental
das Manuskript seiner ersten Arbeit über histologische Befunde beim so¬
genannten Pseudotumor cerebri 1 zur Veröffentlichung eingesandt hatte. Wenn
1 Zeitsohr. f. d. ges. Nearol. a. Psyoh. VII. 1911. S. 168.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
56
ioh in der, ebenfalls schon vor Jahren angeköndigten, ausführlichen Bearbeitung
des Themas im Heft 8 der Arbeiten aus der psychiatrischen Klinik zu Würzburg
aueh der Möglichkeit der postmortalen Hirnschwellung etwas eingehender gedacht
habe, als dies in den vorläufigen Berichten über meine Untersuchungen der Fall
war, so liegt ein solches Verfahren in der Ausführlichkeit der letzten Publikation
ohne weiteres begründet.
ltosENTAL sagt ferner, daß ich gegen seine Erörterungen zur Histologie
der Hiruschwellung nichts einwende. Nichts eingewendet habe ioh lediglich
gegen die letzten Erörterungen Rosental’s , 1 in welchen Rosental mit¬
teilt, daß die weitgehenden histologischen Veränderungen mit Anschwellung der
einzelnen Gewebsbestandteile die Himsohwellung noch nicht erklären können^
Es ist dies mein Standpunkt, den ich von jeher vertreten habe, den aber
Rosental in seiner ersten Publikation aus dem Jahre 1911 offenbar nooh nicht
geteilt hat. Zwischen dieser seiner ersten und den späteren Veröffentlichungen
Rosental’s besteht nämlich ein starker Unterschied; ich komme hierauf später
noch kurz zu sprechen.
Rosental scheint sogar zu glauben, daß erst seine erste Veröffentlichung
mich zu einer Sinnesänderung veranlaßt hätte. Es ist mir demgegenüber ein
leichtes, nachzuweisen, daß ich meine jetzigen Anschauungen schon lange vor
der ersten Veröffentlichung Rosbntal’s in ganz der gleichen Weise niedergelegt
habe. 1 * loh kann hier noch hinzufügen, daß der Eindruck, den die letzten Sätze
seiner ersten Publikation auf mich gemacht haben, ein anderer war, als RosentaIi
wahrscheinlich annimmt: nämlich der Eindruck völliger Verständnislosigkeit
eines Mikroskopikers gegenüber physikalischen und physikalisch- chemischen
Lebensvorgängen® und Problemen.
II. Rosental behauptet weiterhin, ich hätte jetzt die scharfe Umgrenzung
meiner Hirnschwellung geändert, indem die Himsohwellung nicht nur durch die
physikalische Hirnuntersuchung bewiesen werden könne. Zur Widerlegung
dieser seiner Anschauung genüge die Konstatierung der einfachen Tatsache, daß
ich bereits 8 Jahre vor der jetzigen Behauptung Rosental’s die Krankheits¬
beobachtungen von Enoelhabdt, Webeb, Weintbaud, Nonne u. a. mit großer
Bestimmtheit als Hirosohwellungsvorgänge bezeichnet habe, nämlich in meiner
ersten zusammenfassenden Monographie über die Untersuchungen des gesunden
und kranken Hirns mittels der Wage. 4 Meine damaligen Ausführungen sind
auf S. 444 und 466 des Heftes 8 der Arbeiten aus der Würzburger Klinik aus¬
drücklich zitiert.
1 Neurol. Centralbl. 1914. S. 811.
8 Vgl. zu den oben zitierten Abhandlungen auch: Sitzungsberichte der physikalisch-
medizinischen Gesellschaft in Würzburg vom 15. Dezember 1910.
8 Zur Einführung in das Studium der physikalischen Chemie der lebenden Gewebe
empfehle ich n. a. das kurze Lehrbuch voii Rudolf Hoebeb: Physikalische Chemie der Zelle
und der Gewebe. 2. Aufl. Leipzig, Engelmann, 1906. Allerdings ist gerade das Gehirn in
diesem kurzen Lehrbuch nur wenig erwähnt.
4 Habilitationsschrift, Würzburg. Arbeiten aus der psychiatrischen Klinik zu Würzburg.
H. 1. S. 83. Jena, Gustav Fischer, 1906.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
57
Es ist ferner dem Sinne nach nicht richtig, daß ich gesagt hätte: der
Nachweis einer (d. h. jeder) Hirnschwellnng sei nur mit Hilfe der Schädel*
kapaaitätsbestimmnng an der Leiche beantwortbar. Vielmehr habe ich gesagt:
der Nachweis der Hirnschwellung, d. b. also der Tatsache einer krankhaften
Hirnveränderung als solcher, ist eist mit Hilfe der Schädelkapazitätsbestimmung
an der Leiche, d. h. mit Hilfe einer betimmten Sektionsmethode gelungen. Es
ist dies ein ganz allgemeiner Weg der Forschungsmethode, welchen inan über¬
haupt bei der großen Mehrzahl der Erkrankungen innerer Organe eingeschlagen
hat: Will man zum ersten Male eine Erkrankung nachweisen bzw. überhaupt
erkennen, so ist dazu das eingehende Studium des pathologisch veränderten
Organs an der Leiche notwendig. Auoh die ersten klarlegenden Untersuchungen
über Herzfehler oder über Leberzirrhose usw. sind an der Leie ho vorgenommen
worden. Sind dann aber die pathologisoh-anatomischen Veränderungen als solche
hinreichend bekannt und ist auoh das klinische Bild in seinen Umrissen bekannt,
dann wird man natürlich unter bestimmten Umständen auch die Diagnose am
Lebenden stellen dürfen und stellen können, — vor allem dann, wenn der
Kranke gar nicht zur Sektion kommt. Daß man unter solchen Umständen auf
die zahlenmäßige Darstellung und den exakten physikalischen Nachweis der
Hirnschwellung verzichten muß, dies versteht sioh von selbst. Trotzdem kann
unter bestimmten Umständen diese Diagnose intra vitam ganz richtig sein. Die
Definition der Hirnschwellung wird dadurch nicht im geringsten alteriert, Es
ist naturgemäß ein großer Unterschied, ob man eine Diagnose intra vitam stellt
oder ob man die genauen tatsächlichen Konstatierungen und Einzelheiten an
der Leiohe gibt Kann man nicht auf Grund strenger Indikationen (s. u.) schon
im Leben die Diagnose auf Hirnschwellung stellen, dann ist natürlich der Nach¬
weis einer Hirnsohwellung ausschließlich durch die physikalische Untersuchung
an der Leiche möglich. Höchstens kann man auf Grund vielfacher Erfahrung
eine Wahrsoheinlichkeitadiagnose im Leben stellen, indem man z. B. sagt, daß
ein Epileptiker oder Katatoniker, der im Anfall gestorben 'ist, an einer Hirn¬
schwellung gestorben sein kann. In solchem Falle muß dann aber selbstver¬
ständlich der exakte Nachweis der Hirnschwellung an der Leiche ebenfalls er¬
bracht werden. — Etwas anderes habe ich niemals gesagt und auoh niemals
sagen wollen. Man darf auch nicht einzelne Sätze von mir aus dem Zusammen¬
hang reißen, sondern muß nach dem Sinn urteilen.
loh erinnere mioh sehr wohl, welch starken Eindruck im Jahre 1904 und
1905 außer meinen eigenen (inzwischen veröffentlichten) damaligen Kranken¬
beobachtungen über Hirnsohwellung auch die Fälle von Enoelhabdt, Nomne,
Wmntbaud u. o. auf mich gemacht haben. Man bedenke den Symptomen-
komplex:
1. die Zeichen eines starken und chronischen Hirndrucks, unter welchen
auch der Tod erfolgen kann;
2. die Abwesenheit einer entsprechend großen soliden Geschwulst;
3. die Abwesenheit vermehrter freier Flüssigkeit innerhalb der Schädelhöhle
und zwar (wie dies einige Male festgestellt werden konnte) schon intra vitam;
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
58
4. das Fehlen einer diese Art der Hirnvergrößerung erklärenden histo¬
logischen Veränderung.
Ich ahnte damals sofort, daß hier ein Problem vorlag, dessen restlose Er¬
klärung uns wahrscheinlich tiefere Einblicke in die Meohanik der Lebensvorgänge
des Gehirns gestattet- Ich habe, wie ioh nochmals hervorbeben möchte, schon
damals mit aller Bestimmtheit diese soeben erwähnten Fälle auch ohne physi¬
kalische Untersuchung an der Leiche der Hirnschwellung zugerechnet, sobald
ich die obigen Bedingungen als erfüllt ansah oder als vorliegend vermutete. Es
haben mir schon damals diese’soeben unter Nr. 1 bis 4 genannten Vorbedingungen,
um eine Himschweliung im Leben zu diagnostizieren, genügt Meine Auf¬
fassungen sind von anderen Autoren akzeptiert worden, ohne daß sioh bis jetzt
die Notwendigkeit irgend einer Einschränkung ergeben hätte. Hätten die ersten
Fälle Rosental’s meine obigen Bedingungen erfüllt, dann hätte ich auoh ohne
physikalische Hirnuntersuchung das Vorliegen einer Hirnschwellung nicht bestritten.
Rosental verallgemeinert nun diese meine Anschauung auf den Pseudo¬
tumor cerebri schlechtweg. Rosental irrt auch hier. Ich habe eine solche
Verallgemeinerung niemals zugelassen, vielmehr dieselbe ausdrücklich bekämpft 1
Es ist Rosental Vorbehalten geblieben, diese Verallgemeinerung, welche eben¬
falls seine eigene freie Zutat ist, als Glied seiner Beweisführung anzufügen.
Denn bekanntlich gibt es Pseudotumoren mit (akutem oder chronischem) Hirn¬
druck und solche ohne erkennbaren Hirndruck, ebenso wie ja auch ein Teil der
echten Hirngeschwülste ohne erkennbaren Hirndruck verläuft Die Pseudotumoren
mit krankhaftem Hirndruck scheiden sich wiederum in solche, bei welchen die
freie Flüssigkeit im Gehirn tatsächlich vermehrt ist, so daß diese Vermehrung
der freien Flüssigkeit an der Entstehung des krankhaften Hirndruckes beteiligt
sein oder sogar seine einzige Ursache bilden kann, und in solche, bei denen von
einer Vermehrung der freien Flüssigkeit im Leben nichts nachweisbar ist, auch
dann nicht, wenn man die Schädelhöhle durch Punktion oder Trepanation er¬
öffnet. Selbstverständlich habe ich in erster Linie die letzteren Fälle als der
Hirnschwellung zugehörig betrachtet. Nachdem auf diese Weise der Nachweis
einer intravitalen Hirnschwellung als erbraoht gelten konnte, habe ich — und
man wird mir hier zustimmen — auch Krankheitsfälle mit durchaus ähnlichem
Symptomenbild und Verlauf vermutungsweise als zur Hirnschwellung gehörig
dann betrachtet, wenn zwar im Leben eine Untersuchung der Liquorverhältnisse
nicht vorgenommen worden war, dafür aber wenigstens an der Leiche die Ab¬
wesenheit vermehrter freier Flüssigkeit festgestellt werden konnte. Ich habe
gleichzeitig auch die anderen Untersucher aufgefordert, solchen Fällen Beachtung
zu schenken und die physikalischen Methoden an der Leiche anzuwenden. Wenn
dies bis jetzt noch nicht in systematischer Weise geschehen ist, so ist dies nicht
meine Schuld, sondern Schuld derjenigen Autoren, welche meine Gedankengänge
und Methoden in Mißkredit bringen wollen.
1 Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. III. S. 11 (Referate); vgl. ferner meine Aus-
führungen über den Liquor und das Hirnödem im H. 3 der Arbeiten aus der psychiatrischen
Klinik zu Würzbarg, S. 385 ff.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
59
III. Roskntal wendet, nachdem seine anderen Ausführungen von mir
widerlegt worden sind, ein, daß der Hirndruck auoh die Folge eines Hirnödems
sein könnte. Ich möchte hier an Bosental nur die Frage richten: Wo in
aller Welt und wann hat jemals ein Hirnödem einen krankhaften Hirndruck und
namentlich einen so starken krankhaften Hirndruck, wie ihn manche Fälle von
Hirnschwellung gezeigt haben, hervorgerufen? Hat sich Bosental die weitere
Frage vorgelegt: Wieviel freie Odemflüssigkeit ein Gehirn günstigstenfalls in
seiner Materie beherbergen und ob hierdurch überhaupt schon die Differenz
zwischen Schädelinnenraum und Hirngewicht negativ werden kann? Hat er sich
über die Abfluflmöglichkeiten und Abflußbedingungen der Hirnflüssigkeit unter*
richtet, welche, wie von verschiedenen Seiten nachgewiesen wurde, auch bei ge¬
steigerter Liquorproduktion zunächst noch völlig ausreichend sind? 1 Hat er sich
klar gemacht, daß bei exzessiv gesteigerter Liquorproduktion innerhalb der Hirn¬
materie sich die stauende Flüssigkeit selbstverständlich (wenn die Abflußmög¬
lichkeiten nicht mehr ausreichen) in den Hirnventrikeln oder im Sub¬
duralraum ansammelt, wodurch die wohlbekannte Erscheinung des Hydro-
cephalus internus oder externus (oder ihre Kombination) entsteht, welche dann
ihrerseits erst den Hirndruck hervorruft? Und ist es Bobbntal nicht bekannt,
daß bei Fehlen eines Hydrocephalus externus oder internus von vornherein die
Annahme gemacht werden kann, daß vermehrte freie Flüssigkeit an dem Vor¬
handensein des eventuell bestehenden krankhaften Himdruckes keine Schuld
trägt? Tatsächlich kann ein Odem der Hirnsubstanz selbst nun und nimmer¬
mehr krankhaften Hirndruck hervorrufen; und der gegenteilige Einwand Bosen-
tal’s ist nichts anderes als eine so unglaublich kühne Behauptung, daß Rosental
zum mindesten eingehende Beweise dafür erbringen müßte, wenn er eine solche,
jeder tatsächlichen Erfahrung widersprechende, Behauptung ohne weitere Er¬
läuterung und Begründung in die Welt setzt: das Symptomenbild eines chroni¬
schen Hirndruckes könne durch ein gewöhnliches Hirnödem, d. h. Odem der
Hirnsubstanz, verursacht werden. Wenn krankhafter Hirndruck durch Ver¬
mehrung freier Flüssigkeit im Schädelinnem verursacht wird, so ist es aus¬
schließlich die krankhafte Vermehrung im Subduralraum oder in den
Ventrikeln, welche den Hirndruck hervorruft; und diese Flüssigkeitsvermehrung
ist dann stets so stark, daß man sie ohne weiteres nachweisen kann, nicht nur
bei der Sektion, sondern vor allem auch im Leben, wenn man punktiert oder
trepaniert Oft genug pflegt jedoch auch bei tatsächlich vorhandener krankhafter
Vermehrung freier Flüssigkeit der klinische Symptomen komplex des Hirndruckes
sich nicht einzustellen. In denjenigen Fällen, wo bei Punktion oder Trepana¬
tion eine irgendwie vermehrte Flüssigkeitsabsonderung sich nicht gezeigt hat
(letztere müßte, nach der Trepanation, auch bei dem gewöhnlichen Hirnödem
1 Auch das Eingepreßtsein des Kleinhirns in das Foramen magnnm mit Verschloß der
Bäckgrathöhle kommt in erster Linie bei Vermehrungen fester Substanz in der Schädelhöhle
vor; ▼gl. mein Sammelreferat über die Hirnschwellung; Zeitgehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych.
111. S. 14 (Referate). Nur bei sehr hochgradigem Hydrocephalus internus kann das
Kleinhirn wahrscheinlich auch eingepreßt werden.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
60
nachweisbar sein), darf man ruhig annehmen, daß eine wesentliche Vermehrung
der Hirnflüssigkeit, welche für die Entstehung des Hirndruokes in Betracht
kommt, nioht Vorgelegen hat
Hierzu kommt noch folgender Umstand, daß der Begriff des Hirnödems
überhaupt ein sehr unbestimmter ist, unter welchem sich sehr verschiedenartige
Zustände verbergen können. Meines Wissens war ich der eiste gewesen, welcher
mit Hilfe zahlenmäßiger Konstatierungen und Vorstellungen an die Definition
des Hirnödembegriffs gegangen ist, ebenso wie ich andererseits als erster zahlen¬
mäßige Anschauungen in die Untersuchung des krankhaften Hirndruckes ein¬
geführt habe. Hätten sich zwischen Odem der Hirnsubstanz und krankhaftem,
mit klinischen Erscheinungen (Stauungspapille!) einhergehendem, Hirndruck Be¬
ziehungen ergeben, so wäre dies bei meinen Untersuchungen wohl gleichfalls
zutage getreten. Demgegenüber konnte ich es als überwiegend wahrscheinlich
hinstellen, daß viele Hirnzustände, welche man gegenwärtig „Hirnödem“ nennt,
vielmehr in das Gebiet der Hirnschwellung hineingehören. 1 Wenn Rosental
mir in dieser Beziehung zu widersprechen die Absicht hat, dann ist es vor allem
nötig, daß er gleichfalls entsprechende Untersuchungen anstellt und nicht ledig¬
lich Behauptungen bringt, welche jedem Kenner der Verhältnisse einfach wider¬
sinnig erscheinen.
IV. Rosental scheint'auch jetzt noch nicht verstanden zu haben, weshalb
ich die erste Veröffentlichung von ihm über die histologischen Befunde, beim
Pseudotumor cerebri angegriffen habe. Er hat nach dem Wortlaut der von mir
zitierten Sätze den Nachweis führen wollen, daß einer Hirnschwellung histologische
Veränderungen zugrunde liegen können. Ich habe daraufhin eingewendet, daß
er, um eine solche Behauptung zu beweisen, vor allem erst den Nachweis er¬
bringen müßte, daß eine Hirnschwellung im physikalischen Sinne bei den von
ihm histologisch untersuchten Gehirnen (wenigstens an der Leiche) tatsächlich
auch vorhanden sein müßte. Denn bei den beiden ersten menschlichen Ge¬
hirnen Rosental’s könnte der Hirndruck durch einen starken Hydrocephalus
externus verursacht worden sein, der bekanntlich größtenteils schon während des
Aufsägens des Schädels abfließt (sobald die Dura verletzt wird) und so dem
Nachweis völlig entgeht, wenn man nicht ausdrücklich auf diese Möglichkeit
achtet (vgl. meine Untersuchungsmethoden über die Liquorverhältnisse an der
Leiche). Auch heute noch besteht mein Einwand durchaus zu recht, daß die
beiden ersten menschlichen Gehirne, welche Rosbntal auf histologische Befunde
beim Pseudotumor cerebri untersucht hat, nicht nachgewiesenermaßen wirklich
geschwollene Gehirne gewesen sind. Und hierin liegt auch ihr Unterschied
gegenüber den Gehirnen von Engelhardt, Weintbaüd und Lewandowskt.
Denn bei diesen letzteren Gehirnen konnte schon im Leben eine Vermehrung
freier Flüssigkeit ausgeschlossen werden. Da trotzdem das Bild des ge-
1 Auoh eine Kombination von „Hirnödem" oder Hydrocephalus and HirnschweUnng
kommt offenbar tot. Ich habe diese Möglichkeiten ausführlich besprochen in meinem Sammel-
referat aber die Hirnschwellung, Zeitschr. f. d. ges. Nenrol. n. Psych. III. 1911. S. 11
(Referate).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
öl
steigerten Hirndruokes bestand, konnte die Hirndrucksteigernng nur Folge einer
Vermehrung von fester Substanz, also Folge einer Hirnschwellung sein, zumal
da — wie oben gezeigt wurde •— ein Odem der Hirnmaterie selbst an sich
niemals einen starken chronischen Himdruck bewirken kann. Auch müßte ein
irgendwie erhebliches Himödem, wie gesagt, nach der Trepanation durch stärkeren
Abfluß von Liquorfiüssigkeit oder von serösem Transsudat sich ohne weiteres
verraten. Auch dieses war bei der Kranken von Lewandowsky nicht der Fall,
wie dies aus der klaren Schilderung Lewandowsky’s hervorgeht. 1 Außerdem
würde sich ein Hirnprolaps lediglich infolge von Hirnödem viel rascher zurück¬
bilden, als dies bei der Kranken von Lewandowsky tatsächlich der Fall war.
Ich wiederhole also nochmals: Bei den Kranken von Engelhardt, Wein-
tbaud, Lewandowsky durfte die Diagnose auf echte intravitale Hirnschvvellung
deshalb gestellt werden, weil eine krankhafte Vermehrung freier Flüssigkeit,
welche den Hirndruck hätte erklären können, ganz zweifellos im Leben gefehlt
hat. Dieser Nachweis des Fehlens freier, hirndruck-erzeugender, Flüssigkeit
unterscheidet die genannten Krankenbeobachtungen von den beiden ersten
Kranken Bosental’s; denn bei diesen Kranken Rosbntal’s bleibt der Einwand
bestehen, daß ein starker hirndruck-erzeugender Hydrocephalus externus vorhanden
gewesen, aber während des Aufsägens des Sobädels abgeflossen und so dem Nach¬
weis entgangen ist. Ich selbst konnte im H. 8 der Arbeiten aus der psychiatri¬
schen Klinik zu Würzburg zeigen, daß z. B. sogar bei krankhafter Hirnver¬
kleinerung und engen Ventrikeln trotzdem ein sehr starker Liquordruck vor¬
handen sein kann (vgl. den Kranken Valentin Sterzbach; Tabelle I Nr. 33, S. 790,
mit dem kolossalem Überdruck von 220 ccm Liquorflüssigkeit, bei unterbundenen
Halsgefäßen). Man muß hier, wegen der nicht erweiterten Ventrikel, ohne
weiteres annehmen, daß eine solche starke Liquoransammlung sich im Subdural¬
raum (und Subarachnoidealraum) der Sohädel-Bückgrathöhle befindet, und daß
sie auch,' wenn der Überdruck längere Zeit bestehen bleibt, zur Stauungspapille
und zum Symptomenbild des Pseudotumor cerebri führen kann. Bei dem einen
Kranken von Bosental ist zudem ein geringer Hydrocephalus internus aus¬
drücklich erwähnt 1 ; auch der 4. Ventrikel war etwas erweitert. Es darf also
angenommen werden, daß in diesem Falle krankhafte Veränderungen der Liquor¬
produktion tatsächlich Vorgelegen haben. Vielleicht ist, wie gesagt, das Sym¬
ptomenbild des Pseudotumor cerebri in diesem Falle vor allem duroh stärkere
Entwicklung eines Hydrocephalus externus hervorgerufen worden, der infolge der
kleinen Trepanation von Fünfmarkstückgröße über dem Kleinhirn nicht genügend
entdeckt worden, aber dann möglicherweise sogar schon vor der Sektion aus der
Trepanationsöffnung langsam abgeflossen ist. Wie ich in einem inzwischen be¬
obachteten Falle von sehr großer Hirngeschwulst, welohe faustgroß aus der
Trepanationsöffnung herausgewachsen war, feststellen konnte, hat im Augenbliok
des Todes der Turgor des Gehirns und die Flüssigkeitsspannung innerhalb des
Schädels so außerordentlich nachgelassen, daß der außerhalb des Schädels sitzende
1 VgL mein wörtliches Zitat, Neurolog. Centralbl. 1914. 8. 1081.
* Zeitschr. f. d. ges. Nearol. u. Psycb. VII. 8.167.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
62
Teil der Himgesobwolst um nahezu die Hälfte seines Volumens in die Schädel«
höhle hineinsank. Von einer postmortal auftretenden Hirnschwellung war also
wenigstens in diesem Falle nichts nachweisbar, sondern vielmehr von einer Ver¬
kleinerung des gesamten Schädelinhalts. Wenn bei dem ersten Kranken von
Rosental das Gehirn im Augenblick des Todes in einer ähnlichen Weise von
der Trepanationsöffnung zurüokgewichen ist, dann könnte tatsächlich der vor¬
handene Hydrocephalus externus sogar schon bis zum Beginn der Sektion völlig
abgelaufen sein.
V. Daß nicht jeder Hirnprolaps durch eine Hirnschwellung zustande zu
kommen braucht, dies habe ich selbst zuerst betont Daß aber ein starker
Hirnprolaps bei Abwesenheit vermehrter freier Flüssigkeit und bei Abwesenheit
einer großen Hirngeschwulst durch Hirnschwellung entstehen kann, dies wird
wohl allgemein nicht bestritten werden dürfen. Wenn dann, wie in dem Falle
von Lewandowsky, ein starker Hirnprolaps bei Fehlen von Hydrocephalus
oder von Hirnödem sich zeigt, so muß man tatsächlich hier in erster Linie an
eine (postoperative) Hirnschwellung denken. Ein Odem wäre selbstverständlich
nach der Trepanation bald abgeflossen; der vermehrte Abfluß der Odemflüssig¬
keit hätte klinisch nicht verborgen bleiben können. Denn es können bei wirk¬
licher Vermehrung von Liquorflüssigkeit aus der Trepanationsöffnung geradezu
enorme Flüssigkeitsmengen abgesondert werden. Außerdem wird dann der Hirn¬
prolaps entsprechend dem ungehinderten Abfließen der freien Flüssigkeit sich
rasch verkleinern. Wenn aber, wie aus der Schilderung Lewandowsky’s deut¬
lich hervorgeht, in dem von ihm beschriebenen Falle eine krankhafte Vermehrung
freier Flüssigkeit nicht Vorgelegen hat — also auch kein Hirnödem —, so dürfte
die Schlußfolgerung wohl berechtigt sein, daß es sich auch hier um niohts
anderes als eine echte intravitale Hirnschwelluug gebandelt hat. Daß die Er¬
weiterung der intrakraniellen Gefäße an sich einen so starken und sich auch
nur ganz langsam zurückbildenden Hirnprolaps bewirken könnte, dies darf
gleichfalls als völlig ausgeschlossen gelten.
So sieht also die Beweisführung aus, welche Rosental gegen mich und
meine Auffassung vorbringt! Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß seine
letzte Abhandlung 1 sich zum Teil in einer völligen Verwirrung der Begriffe be¬
findet, und daß diese Verwirrung der Begriffe dadurch entstanden ist, weil es
Uosbntal verschmäht hat, durch eingehende, systematische und genaue, ent¬
sprechende physikalische Untersuchungen sich selbst genügende Anschauungen
und Erfahrungen zu bilden. Und auf Grund einer solchen Beweisführung,
welche direkt zu völligen Umkehrungen der Wirklichkeit führt, macht. mir
Rosental auf meinem ureigensten Arbeitsgebiet Vorwürfe des Inhalts: ich hätte
neuerdings meine Anschauungen geändert; ich verwässere den von mir ge¬
schaffenen Begriff der Hirnschwellung; man verliere völlig die Klarheit darüber,
welche Bedingungen zum Nachweis einer Hirnschwellung erforderlich seien; ich
verwickle mich in enorme Widersprüche; meine Äußerungen seien Widerspruchs-
1 Neurolog. Centralbl. 1914. S. 1085.
Digitized b)
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
63
voll; ich hätte sein» Ginwände nicht widerlegt, and was dergleichen Liebens¬
würdigkeiten mehr sind. Herr Rosental kann sich aber beruhigen. Ich bin
wirklich selbst imstande, das von mir erschlossene Arbeitsgebiet vor schwer¬
wiegenden Irrtnmern zn bewahren.
Der Leser kann ferner nicht im Zweifel darüber sein, daß zwischen der
ersten and den späteren Abhandlangen Rosbntal’s ein Gegensatz besteht.
Die erste Veröffentlichung Rosbntal’s endete mit einer Kampfansage an die
physikalische Hirnuntersachong and an deren Anschauungen. Aber der Kampf
wurde, soweit wirkliche wissenschaftliche Einwände in Betracht kommen, nicht
anfgenommen. Rosintal hat sich selbst davon überzeugen müssen, daß der
Nachweis der von ihm angenommenen Himschwellungen nicht erbracht und zum
Teil auoh nicht so einfach zu erbringen ist. Er hat mir ferner zugestehen
müssen, daß tatsächlich weitgehende histologische Veränderungen mit An¬
schwellung der einzelnen Gewebsbestandteile eine vorhandene Hirnschwellung
noch nicht erklären können. Und er ist neuerdings sogar der Ansicht, daß es
wahrscheinlich auch eine intravitale Himschwellung gibt. Er hält nur den
Nachweis von der Existenz einer intravitalen Hirnschwellung deshalb für noch
nicht erbracht, weil er meint: auch ein Hirnödem könnte den gleichen Sym-
ptomenkomplex des chronischen Hirndruckes hervorrufen. Daß diese seine
Meinung irrig ist, habe ich oben gezeigt Ich glaube hier noch hinzufügen zu
dürfen: daß man es zum mindesten verlangen muß, daß ein Antor, welcher
über Hirndruck und Hirnschwellung publiziert, auch darüber orientiert ist, daß
ein Odem der Himsubstanz selbst niemals einen krankhaften Hirndruck uud
namentlich* nicht einen so hochgradigen Hirndruck zu bewirken imstande ist,
wie dies häufig die echte intravitale Hirnschwellung vermag.
II. Referate.
Krieg.
1) Psychiatrie und Krieg, von K. Bonhoeffer. (Deutsche med. Wochenschr.
1914. Nr. 39.) Bef.: Kort Mendel.
Man ist nicht berechtigt, von eigentlichen Kriegspsychosen im Sinne einer
besonderen nosologischen Einheit zu sprechen. Auf dem Boden der psychopathi¬
schen Konstitution erwachsen oft, durch die dauernden Affektspannungen und
körperlichen Überanstrengungen verursacht, pathologische Reaktionen, auf dem
Boden der Debilität, epileptischen und epileptoiden Anlage Verstimmungen und
Dämmerzustände. Durch die schweren psychischen und körperlichen Insulte des
Krieges wachsen sich auch ganz geringfügige Belastungskeime zu schweren
Störungen aus, die unter anderen Verhältnissen wohl sicher latent geblieben
wären. So macht auch der Krieg zahlreiche latente Schizophrene manifest, vielleicht
wirkt er auch beschleunigend auf den Prozeß der progressiven Paralyse. Bei der
Behandlung der Psychosen im Kriege ist das Morphium-Scopolamin das souveräne
Mittel, natörlioh ist möglichst schnelle Abtransportierung in die Heimat er¬
forderlich.
2) Zur Behandlung der Sohufiverletzungen des Rückenmarks, von Prof.
Guleke. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 45.) Ref.: Kurt Mendel.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
64
Wo das Rückenmark an sich erholungsfähig ist, der fortdauernde Druck von
Knochensplittern oder Projektilen aber schädigend weiterwirkt, da ist die Ope¬
ration indiziert; sie muß nur früh genug ausgeführt werden, um das Rückenmark
rechtzeitig zu entlasten, ehe sekundäre degenerative Störungen eingetreten sind,
die den Zustand irreparabel machen. Bei allen Fällen, bei denen nicht bestimmte
Kontraindikationen vorliegen, ist die Laminektomie in Lokalanästhesie vorzunehmen.
Von 26 Rüekenmarksschüssen behandelte Verf. 17 operativ. Kein Todesfall im
Anschluß an die Operation. Im weiteren Verlauf nach derselben starben 8 (2 an
Meningitis), die übrigen fast alle an aufsteigender Infektion der Harnwege, die
schon vor der Operation bestand. Bei 4 Fällen trat Heilung oder doch eine so
gleichmäßig fortschreitende Besserung ein, daß Heilung erwartet werden darf.
Auch bei den Fällen, bei denen die Laminektomie den schließlichen tödlichen
Ausgang nicht ab wenden konnte, beeinflußte die Operation den Aligemeinzustand
vielfach in auffallend günstiger Weise, gleichsam als ob die trophischen Störungen
mit der Befreiung des Rückenmarks von dem auf ihm lastenden Druck zurück¬
gingen.
8) Anosmie und Enophthalmus traumattous, von J. StrebeL (Deutsche med.
Woohenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel.
Kontusion durch Hufschlag, der eine Frakturierung des inneren OrbitalringB
bewirkte. Die Verschiebung der Nasenwurzel nach reohts und die Mitbeteiligung
der Pars orbitonasalis ossis frontalis an der Fraktur bedingte entweder eine Zer¬
trümmerung der Bulbi olfactorii oder mindestens eine vollständige Abquetschung
oder Durchreißung der Fila olfactoria mit konsekutiver Anosmia totalis. Der
Enophthalmus traumaticus war bedingt durch die retrobulbäre narbige Schrumpfung.
Schließlich bestand eine peripherische Fazialislähmung, wohl verursacht durch eine
indirekte Frakturbildung in der Nähe des Austrittes des N. VII aus dem Foramen
stylomastoideum.
4) Zur Anwendung des Tetanusserums, von E. v. Behring, (^putsche med.
Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel.
Zwecks Präventivbehandlung empfiehlt Verf. die subkutane Injektion von
20 Antitoxineinheiten, die bei Fortbestehen der Wundinfektion wiederholt werden
soll. Bei schon ausgebrochenem Tetanus frühzeitige Seruminjektion von mindestens
100 Antitoxineinheiten (subkutan, in dringlichen Fällen intravenös). Daneben soll
der Infektionsherd lokal behandelt werden, wozu durchschnittlich 20 Antitoxin -
einheiten genügen. Ganz besondere Aufmerksamkeit verdient die neurale Behand¬
lung, welche in der Weise auszuführen ist, daß das Tetanusheilserum in die von
der InfektionBstelle zum Rückenmark führenden Nervenstämme, nach voraus¬
gegangener Freilegung derselben, eingespritzt wird.
5) Zur Behandlung des Wundstarrkrampfs, von A. Angerer. (Münch, med.
Woohenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel.
Magnesiumsulfat brachte nur Mißerfolge. Serumtherapie (intravenös) nebst
Chloralhydrat (2 mal täglich je 5 g per Klysma) und Morphium (1 bis 2mal täglich
0,001 g) zeitigte gute Erfolge.
6) Zur Tetanusbehandlung mit Magnesiumsulfat, von K. W. Eunike. (Müncb.
med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel.
8 Fälle von schwerem Tetanus behandelte Verf. mit Serum und Magnesium¬
sulfat (nach Kocher). 4 derselben, die schwersten, zeigten gar keine Beein¬
flussung durch das Magnesiumsulfat. 2 Fälle zeigten eine deutliche Wirkung.
2 weitere einen überraschenden Erfolg.
7) Zur Tetanusfrage, von Dr. Georg Wolfsohn. (Berliner klin. Wochensohr.
1914. Nr. 49.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Vsrf. hat in dem Kriegslazarett, dem er zugeteilt ist, vom 16. September bis
21. Oktober 1914 nicht weniger als 29 Tetanusfälle beobachtet. Die Inkubation
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
65
betrug durchschnittlich 5 bis 8, zuweilen 16 bis 18 Tage. Von den 29 Fällen
sind 27 gestorben, nur 2 mit längerer Inkubation haben die Infektion überstanden.
„Die therapeutische Wirkungslosigkeit des Tetanusantitoxins muß nach unseren
Erfahrungen leider unumwunden zugegeben werden.“ Das Serum wurde in
26 Fällen unmittelbar nach Ausbruch der ersten Erscheinungen in der Dosis von
100 Antitoxineinheiten injiziert. Die beiden überlebenden Fälle haben kein Anti*
toxin erhalten. Ein deutlicher Vorteil war auch in bezug auf das Magnesium
sulfuricum nicht zu spüren. Als Symptomatikum empfiehlt — vielleicht auch als
Therapeutikum — Verf. Chloralhydrat in einer Dosis von 10 g pro die. Die
prophylaktische Wirkung des Tetanusantitoxins (Dosis 20 Antitoxineinheiten)
scheint sichergestellt. •
8) Beitrag zur Behandlung des Tetanus, von Dr. Spanuth. (Medizin. Klinik.
1914. Nr. 46.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. berichtet über die erfolgreiche Behandlung eines Tetanufalles mit intra¬
lumbaler Injektion von Magnesiumsulfat. Zwecks Dosierung des Magnesiumsalzes
wurde das Körpergewicht des 3 jährigen Jungen festgestellt und pro Kilogramm
Körpergewicht 0,02 Magnesiumsulfat gegeben. Im ganzen mußten 6 Injektionen
gegeben werden.
9) Über die Bedeutung großer Katastrophen für die Ätiologie einiger
psyohisohen und Nervenkrankheiten, von Bajenow. (Allg. Zeitschr. f.
Psycb. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Entgegen den Entartungen sind die nervös-psychischen Folgen der furcht¬
barsten Katastrophen nicht sehr bedeutend. Es kommen viel Zustände von ge¬
wisser Betäubung und Verwirrtheit, die an Teilnahmslosigkeit grenzen, häufig vor,
ebenso Resignation, die sioh auch mit dem schwersten Unglücke ruhig abfindet.
Bei Verschütteten beobachtet man als psychologische Schutzreaktion einen Verlust
der Zeitempfindung, die sich mitunter sogar mit dem Stillstand oder der Ver¬
langsamung physiologischer Funktionen des Organismus, z. B. der Harnabsonderung,
verbindet. Hierher gehört auch die Erscheinung, daß unter dem Einfluß großer
Katastrophen die sexuelle Sittlichkeit bei Männern und Frauen sinkt, worauf
wohl auch die Steigerung der Geburtenzahl in dem Jahre nach einem Kriege
zurückzuführen ist
Nach dem Erdbeben von Messina beobachtete Verf. nur 17 psychische Kranke,
größtenteils Zustände, die sich durch eine Verbindung von melancholischer
Depression mit eigenartiger Betäubung oder Abstumpfung charakterisierten. Gleiche
Krankheitsbilder wurden auch nach anderen Katastrophen beobachtet. Im An¬
schluß an einen schweren Zyklon an der Küste des ABOwschen Meeres 1914
traten vorübergehende Schreckpsychosen auf, die längerdauernde Nervenaffektionen
nach sich zogen. Diese gehören ihrer Symptomatologie nach zur Gruppe der
traumatischen Hysterie.
10) Erfahrungen über die Behandlung von Hirnsohüssen, von Marburg
und Ranzi. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Pilcz (Wien).
Aus dieser für den Neurologen wie Chirurgen gleich bedeutsamen Arbeit sei
nur das neurologisch Bemerkenswerte angeführt. Zur Behandlung gelangten
33 Schädelschüsse.
Von Allgemeinsymptomen war eigentlicher Kopfschmerz weder in den Früh-
noch Spätsymptomen' vorhanden, auch Schwindel und Erbrechen werden selten
beobachtet. Bradykardie dagegen, freilich nur um 64 herum, bestand noch 2 bis
3 Wochen nach der Schuß Verletzung. Bradykardie von 60 bis 52 verband sich
bald mit Somnolenz und Hemmung und bildete Indikation für rasche Operation.
Psychische Störungen dieser Art, sowie Stauungspapille wurden nur in Fällen von
Hirnprolaps und großem Abszesse beobachtet.
Besonders interessant ist, daß die motorischen Ausfallserscheinungen den
xxxiv. 5
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
66
Typus der schlaffen Lähmung aufwiesen, mit fehlenden Reflexen, was die Verff.
auf gleichzeitige Affektion der sensiblen Rinde — auch Verlust der Stereognose
ließ sich nach weisen — beziehen möchten.
Auffallenderweise fanden sich auch bei ausgedehntem Hirnabszeß oft Tempe¬
raturen unter der Norm, etwa 35,9.
Auch bei den persistierenden Paresen sind bis jetzt keine sonderlichen spasti¬
schen Erscheinungen aufgetreten.
Auf viele andere interessante Einzelheiten von mehr chirurgischem Interesse
kann hier nicht eingegangen werden. Zu operieren sind alle Steckschüsse mit
oberflächlichem Sitze des Projektils und alle Tangentialschüsse mit Knochen¬
impression und Allgemein- oder stationären Ausfallserscheinungen. Tiefsitzende
Projektile können bei bedrohlichen Symptomen wohl angegangen werden, bieten
aber wenig Aussichten. Fälle mit initialem Hirnprolaps erscheinen kaum für einen
Eingriff geeignet.
II) Kriegsverletzungen des peripherischen Nervensystems, von Dr. Otto
Hezel. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 46.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. schätzt die Verletzungen oder Schädigungen peripherer Nerven auf 1
bis 2 °/ 0 aller Verwundungen im Feldzug. Die peripheren Nerven können im
Krieg durch Schuß-, Stich- und Hiebverletzung, aber auch duroh Einwirkung
stumpfer Gewalt und durch infektiöse Schädlichkeiten geschädigt werden.
Die von infizierten Wunden ausgehenden infektiösen Neuritiden sind durch¬
aus nicht selten, es kommen aber auch Neuritiden auf infektiöser Grundlage ohne
Verwundungen vor, hauptsächlich unter der Hilfsursache der Erkältung und
Durchnässung, dann vielfach in Form der Polyneuritis. Verf. bespricht dann im
Kriege die verschiedenen Typen und gibt auch einzelne Hinweise bezüglich der
Therapie.
Psyohiatr ie.
12) Die Prognose des Morphinismus, von Privatdozent Dr. H. König. (Ber¬
liner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 23.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Prognose des Morphinismus ist für den akuten Zustand zweifellos günstig
zu stellen, bezüglich der Möglichkeit eines Rückfalls wird sie nur selten als
zweifelhaft, meist als sehr ernst bzw. sehr ungünstig bezeichnet. Der Pessimismus
stützt sich in dieser sowohl praktisch wie forensisch wichtigen Frage in erster
Linie auf die Erfahrungstatsachen, wobei man immer siebt, daß es sioh meist um
von Haus aus willensschwache, wenig widerstandsfähige Menschen handelt. Zwei
Faktoren sind dabei von besonderer Bedeutung, die Eigenart des Kranken von
Beginn des Morphiumgebrauchs, sowie die Dauer der Behandlung, ein endogener
und ein exogener Faktor. Bezüglich des endogenen Faktors kann man drei
Gruppen unterscheiden: 1. Kranke mit chronischen, sohmerzhaften Erkrankungen
wie Tabes, Neuralgien, peritonealen Verwachsungen usw., 2. Kranke mit Gallen-,
Nierensteinen usw., also mit akuten schmerzhaften, unter Umständen rezidivierenden
Erkrankungen, die zum Morphium gegriffen und nicht wieder davon gelassen
haben, 3. Kranke, die wegen psychischer Unlustgefühle oder zur Erzielung von
Schlaf Morphium genommen haben. Die Formen können sich auch kombinieren.
Die Prognose ist nur bei der zweiten Gruppe relativ günstig. Fortgesetzter
Morphiumgebrauch ist nicht nur eine fortdauernde Intoxikation, sondern auch ein
wiederholtes, sich immer wieder erneuerndes psychisches Trauma, welches patholo¬
gische Erscheinungen im Empfindungsleben hervorzurufen vermag. Vielfach muß
man doch mit einer vorher gesunden Persönlichkeit rechnen. Eine genaue
Anamnese ist unbedingt notwendig. Bemerkenswert ist auch, daß Ärzte, Apotheker
und Krankenpflegerpersonal die größte Zahl der Morphinisten darstellen, was auf
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
67
das bequeme Erlangen des Giftes zurückzuführen ist, daß aber sicher nicht gerade
in diesen Ständen besonders viele Psychopathen oder Hysterische zu finden sind.
Gerade sie werden durch Gebrauch und Mißbrauch zu chrouischen Morphinisten.
Mit der Beendigung der Entziehungskur ist noch nicht die Hälfte dessen
getan, was zu geschehen hat — besonders bei den psychopathisch bzw. hysterisch
gewordenen Kranken. Der Kranke muß behandelt werden wie ein im Anschluß
an ein Trauma in seiner neuropsychischen Sphäre Erkrankter. Dabei kann man
immerhin mit einem Zeitraum von % bis % Jahr rechnen, manchmal wird man
damit nicht auskommen. Diese lange Dauer ist auch ein Grund dafür, daß die
bestgemeinten Bemühungen von seiten des Arztes und der Kranken so oft versagen.
Verf. bespricht dann auch die Frage, wann wir einen Kranken als geheilt
an8ehen können. Eigentlich ist die Frage überhaupt nicht zu beantworten, da
man bei einem ehemals Morphiumsüchtigen einen Rückfall niemals mit voller
Sicherheit wird ausschließen können. Mit einer solchen Auffassung ist aber praktisch
nichts anzufangen; man wird eine Grenze setzen müssen und Rückfälle nach dieser
Grenze als Neuerkrankungen ansprechen. Die Häufigkeit der Rückfälle steht in
umgekehrtem Verhältnis zur Dauer der Morphiumenthaltung. Als Zeiohen der
Genesung ist aufzufassen, wenn Kranke sich unter schwierigen Verhältnissen halten,
Tüchtiges leisten und vorwärts kommen. Mit Statistiken ist nicht viel anzufangen,
denn die rückfällig Gewordenen kommen oft zu anderen Ärzten, andere unter¬
ziehen sich keiner Kontrolle. Der Prozentsatz der Geheilten ist kaum ein großer.
Verf. hat 32 Fälle behandelt, von denen er 28 berücksichtigt — 3 aus der
ersten, 11 aus der zweiten und 14 aus der dritten Gruppe. Bei 13 ließ sich die
Katamnese feststellen: 5 waren gestorben, davon 2 durch Suizid, 1 war rückfällig,
bei 7 lautete die Auskunft günstig. Das bedeutet das ungewöhnlich gute Resultat
von 25% bzw., da 2 nicht einwandfrei sind, von 18% oder von 14%,
wenn man einen Fall ausschließt, der noch zu kurz nach der Behandlung steht.
Von den 4 Fällen waren 3 Frauen und nur 1 Mann. Von den 7 Fällen gehören
6 der zweiten Gruppe an. Die Behandlungsdauer schwankte zwischen 3 und 10 Monaten.
13) Über Vergiftungen daroh nitrose Gase, von Dr. Rudolf Tetzner. (Medizin.
Klinik. 1914. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Unter nitrosen Gasen versteht man salpetrigsaure Dämpfe, ein Gemisch von
Untersalpetersäure, salpetriger Säure, Stickstoffoxyd. Die Einatmung dieser Gase
führt zu schweren Erkrankungen bzw. Todesfällen. Sie entstehen z. B. beim Beizen
von Metallgegenständen, bei Berührung von Holz und Metall mit Salpetersäure,
beim Brand von chemischen Fabriken, wobei große Behälter von Salpetersäure
platzen oder zerstört werden und die Feuerlöschmannschaften die Dämpfe ein-
atmen müssen. In Betrieben wird dann oft der Fehler gemacht, daß man auf
verschüttete Salpetersäure zur Beseitigung der Säure Sägespäne wirft, wobei dann
nitrose Gase entstehen.
Die Vergiftungserscheinungen betreffen zumeist Respirationstraktus und Blut,
aber auch von seiten des Nervensystems machen sich Symptome bemerkbar; so
findet man Schwindelanfalle, Herzbeklemmungen ohne objektiven Befund, nervöse
Erschöpfungszustände des Herzens, Augenmuskellähmungen, Differenz in der Weite
der Pupille, Lichtstarre der Pupillen, Verminderung oder Verlust der Patellar-
refiexe, Erkrankungen einzelner Nervenstämme an Armen und Beinen. Die Be¬
schwerden bleiben konstant und zeigen wenig Neigung zur Besserung. Von
20 Feuerwehrleuten starb einer, elf mußten pensioniert werden. ^ Die Therapie ist
ziemlich machtlos: frisohe Luft, Anregung der Herztätigkeit, Trinken von ver¬
dünntem Kalkwasser, Inhalationen von Sauerstoff, Ammoniak, zerstäubter Lösung
von Natron bicarbonicum, Aderlaß mit Kochsalzinfusion usw r . In einem mitgeteilten
Falle kam es zu ausgesprochenen Störungen des Nervensystems, die wohl durch
Einwirkung des veränderten Bluts auf Gehirn und Rückenmark zu erklären sind.
5 *
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
68
14) Zar Frage der ohronisehen Morphinpsychose und des Zusammenhangs
von Sinnestäuschungen und Wahnideen, von Kurt Schneider. (Zeitschr.
f. d. ges. Neurol. u. Psych. XIX. H. 1.) Ref.: Carl Grosz.
Der Fall, den Verf. seinen Ausführungen zugrunde legt, betrifft einen Mann
(Potator), der seit seinem 29. Jahre habituell Morphium nimmt und mit 28 Jahren
Stimmen zu hören und Wahnideen hauptsächlich im Sinne der Eifersucht zu ent¬
wickeln beginnt. Die Stimmen werden in dem tauben rechten Ohre gehört, in
dem schon vorher häufig Rauschen und Musik gehört worden war. Trotz Ent¬
wöhnung tritt ein abenteuerliches paranoides System auf mit Sinnestäuschungen
auf allen Gebieten und besteht bis zum 36. Jahre. Dann verschwinden fast plötz¬
lich alle Größen- und Verfolgungsideen, während die Sinnestäuschungen ohne
weiter wahnhaft verwertet zu werden, fortbestehen. Nach 6jährigem Anstalts-
aufenthalt als praktisch geheilt entlassen wird der Kranke alsbald wieder Morphinist,
ohne indes mehr als das gewohnte Bild eines arbeitsunfähigen, energielosen
Morphinisten zu bieten.
Zunächst fällt das Zusammentreffen der Psychose mit der Entwicklung eines
zur Taubheit führenden, augenscheinlich familiären Gehörleidens auf, ein Zu¬
sammentreffen, das aber aus verschiedenen Gründen die Annahme eines ätiolo¬
gischen Zusammenhanges nicht gestattet. Vielmehr gipfeln die diagnostischen Er¬
wägungen in der Frage, ob es sich um eine Intoxikationspsychose oder um eine
paranoide Form der Dementia praecox, die in ihrem Verlauf und Bild durch die
Intoxikation kompliziert wurde, handelt. Die Unn&öglichkeit, auf Grund der Ana¬
lyse des klinischen Symptoms zur Differentialdiagnose zu gelangen, veranlaßt den
Verf., die Frage der Zweckmäßigkeit der Streichung der „Morphinpsychosen“ zu
berühren. (Gegenwärtig wird dem Morphium die Möglichkeit chronische Psy¬
chosen hervorzurufen abgesprochen.) Der Umstand, daß nach Rückbildung des
Wahnsystems die Sinnestäuschungen bestehen blieben, spricht dafür, daß entgegen
der verbreiteten Anschauung über die Entstehung der Wahnideen die Sinnes¬
täuschungen in diesem Falle nicht die Ursache der Wahnideen sein konnten,
sondern daß es sich um koordinierte Symptome handelt.
16) Über Beeinflussung der Morphinwirkung duroh die Nebenolkaloide
deB Opiums, von R. Meissner. (Biochem. Zeitschrift LLV. 1913. H. 5
und 6.) Ref.: W. Misch.
Weder bei der Wirkung auf das Atemzentrum von Kaninchen, noch beim
Narkoseversuoh an der Katze, noch bei der Prüfung am isolierten Kaninchendarm
finden sich zwischen Narkophin, Pantopon und Laudanon I tiefgreifende Unter¬
schiede; nur nach Narkophin ist die Senkung des Atem Volumens größer. Verf.
hält es für wichtig, mehr die aktiv wirksame Seite des NarkotinB in bezug auf
Atmung und isolierten Darm, als seine Indifferenz gegenüber dem Großhirn zu
betonen. Die Frage, ob Potenzierung des Morphins durch Narkotin erzielt wird,
muß Verf. auf Grund seiner Untersuchungen verneinen und glaubt, auf Grund
von Zeh des Untersuchungen am Menschendarm, eher im Pantopon als im Nar¬
kophin die Lösung des Opiumproblems zu sehen.
10) Ein Fall von Luminalvergiftung, von Ungar. (Wiener klin. Wochenschr.
1914. Nr. 24.) Ref.: Pilcz (Wien).
23 jähr. Mädchen hatte 2,4 g Luminal genommen. Darauf vollständige Be¬
wußtlosigkeit, Areflexie, Cheine-Stooksches Atmen, Puls nicht fühlbar, schlaffe
Lähmung aller Extremitäten. Unter Exzitantien und Darm Waschungen ward
Atmung und Puls besser. Am dritten Tage, bei normalem Spiegelbefunde, totale
Amaurose, die drei Tage anhielt. Normaler Visus stellte sich erst am 25. Tage
wieder her. Pupillen dabei eng, schlecht reagierend. Außerdem hartnäckiges
Erbrechen, Schwindel, Hautanästhesie, Blasen-Mastdarmlähmung, Unfähigkeit zu
sprechen. Sehr protrahierte Rekonvaleszenz mit Schwäche, Zittern, Taumeln,
Difitized hy Gck >gle
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
69
Kopfschmerzen. Restlose Heilung nach 25 Tagen. Therapeutische Schwitzproze-
duren, Exzitaotien, Darmwaschungen.
17) Medinal in psychiatrischer Praxis, von V. Reiche. (Öasopis öeskych. lek.
LI1I. 1914.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich).
Verf. versuchte Medinal bei 39 Patienten, meist solchen, die an andere
Hypnotika angewöhnt waren. Gewöhnlich reichte 0,5 g, öfters angewandt wurde
1 g-Dosis; solche Patienten, die auf 1,5 g mit ruhigem Schlaf nicht reagiert hätten,
waren extrem selten und es bewährte sich bei ihnen zweistündig 0,25 g zu ver¬
ordnen. Der Schlaf war in der Regel tief und dauerte die ganze Nacht; auch
dann, wenn die Patienten nicht eingeschlafen sind, blieben sie ruhig im Bett
liegen. Irgendwelche unangenehme Folgen hat Verf. nicht beobachtet, trotzdem
er das Präparat auch bei Tuberkulösen, Nephritikern, Arteriosklerotikern, Herz¬
kranken u. dgl. angewendet hat. Angewöhnung (manche Patienten nach 35 bis
45tägiger Behandlung schliefen auf gewöhnliche Dosis gut ein) konnte nicht fest-
gestellt werden.
18) Pantopon „Roohe“ in der Hand des praktischen Arztes, von Dr. G. Fried¬
länder. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. hat mit besonderem Erfolge Pantopon bei Morphiumentziehungskuren
verwandt. Er setzte der gewöhnlichen, von den Morphinisten genommenen
Uorphiumlösung erst minimalste Pantopondosen hinzu, die er unter Verringerung
des Morphiums allmählich steigerte. Dann wurde bei zunächst gleichbleibender
Pantopondosis Morphium verringert, schließlich auch mit Pantopon herunter-
gegangen; in 4 bis 6 Wochen gelang zumeist die Entziehung beider Mittel.
III. Aus den Gesellschaften.
Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten.
Sitzung vom 14. Dezember 1914.
Ref.: K.Löwenstein (Berlin).
Der Bericht enthält ausschließlich Autoreferate.
1. Herr Rothmann: Demonstration von Verwundeten. I. Meningooele
am Stirnbein. 23 jähriger Gefreiter, am 20. August Kolbenschlag gegen rechte
Kopfhälfte. Unmittelbar danach Schwellung an der Schläfe. Seitdem Kopf¬
schmerzen, Schwindel. Untersuchung am 27. November (Klinik Prof. Pinkus):
kleinapfelgroße, fluktuierende Geschwulst dicht oberhalb des Processus zygomaticus
mit starker Druckempfindlichkeit. Bei Durchleuchtung ist die Geschwulst stark durch¬
leuchtend, wie eine Hydrozele, zeigt leichte Pulsation. Beim Gehen leiohtes Schwanken
nach rechts. Beim Greifversuch Abweichen des linken Arms nach links und oben,
des rechten schwach nach rechts. Auf dem Röntgenbild rechts schmaler, bogenförmiger
Spalt oberhalb des Proc. zygomaticus. Die Größe der Geschwulst schwankt, nimmt
bei Anstrengung — Bücken usw. — zu. Vortr. betont die Seltenheit derartiger
Meningocelen am Sohädel, abgesehen von den angeborenen Formen und den
Operationsfolgen. Dem Patienten wird die operative Beseitigung dringend geraten.
— II. Einseitige Phrenicuslfthmung duroh Sohußverletzung am Zwerch¬
fell. 27 jähriger Reservist. 12. September 1914 Scbußverletzung. Einschuß in
liegender Stellung am akromialen Ende der Clavicula. Ausschuß am rechten
unteren Rippenrand 4 cm von der Mittellinie. Sofort danach völlige schlaffe
Lähmung des rechten Arms, etwas Bluthusten. Langsame Besserung der Lähmungs-
encheiuungen. Der gegenwärtige Status zeigt Abmagerung der Schultermuskulatur
mit starker Atrophie des Pectoralis major und flügelförmigem Abstehen der
Scapula. Der rechte Arm kann nur bis zur Wagerechten erhoben werden, ist im
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
70
Ellbogengelenk schwer beweglich, zeigt Lähmung der Badialismuskulatur und
Schwäche der Flexoren bei Atrophie de? Interossei. Die rechte Thoraxhälfte zeigt
im unteren Teil eine mäßige Auftreibung nach der Seite. Bei der Inspiration
steht die rechte Thoraxhälfte vollkommen unbeweglich. Die unteren Interkostal¬
räume zeigen eine deutliche Einziehung; die linke Seite 'wird vollkommen normal
bewegt. Über der rechten Lunge vorn und hinten normaler Lungenschall. In
der Seite starke Dämpfung. Bei der Röntgenuntersuchung (Dr. Hess mann) zeigt
sich Stillstand der rechten Zwerchfellhälfte, während die linke abnorm tief
heruntertritt. Abgekapseltes Exsudat in der rechten seitlichen Brusthälfte (Hämato-
thorax). Während die Phrenicuslähmungen in der Regel durch Nervenverletzungen
am Halse oder durch Hemisektion des oberen Halsmarks bedingt sind, ist hier
der Nervus phrenicus dicht vor seinem Eintritt in das Zwerchfell vor dem Foramen
der Vena cava durchschossen worden. Der völlige Stillstand der rechten Zwerch¬
fellhälfte entspricht vollkommen dem Befunde, den Vortr. bei zahlreichen Tier¬
versuchen (Affe, Hund) mit Hemisektion des oberen Brustmarks bei direkter Be¬
sichtigung des Zwerchfells vom Abdomen her feststellen konnte. Eine elektrische
Untersuchung der Pbrenici am Halse ergab in unserem Falle kein sicheres Resultat.
Herrn Prof. Brentano vom Krankenhaus am Urban dankt Vortr. die Überlassung
des Falles.
Diskussion: Herr Hessmann zeigt zu diesem Fall von Zwerohfellähmung
im Durchleuchtungsbilde die durch einen Hämatothorax komplizierte Zwerchfell¬
bewegung.
Herr Bonhoeffer fragt den Vortr., ob der Hämatothorax nicht für sich
allein ausreichend ist, das Ausbleiben der Zwerchfellaktion auf der betroffenen
Seite zu erklären?
Herr Schuster: Hat Vortr. in seinem Falle auf das Zwerchfellphänomen
geachtet? Ich frage dies deshalb, weil ich vor einiger Zeit bei einem einseitigen
Fall von Phrenicuslähmung das Zwerchfellphänomen auf der kranken Seite noch
etwas angedeutet fand.
Herr Rothmann (Schlußwort) erwidert Herrn Bonhoeffer, daß der ab-
gekapselte seitliche Hämatothorax wohl eine Behinderung der Atmung, aber nicht
den völligen Stillstand der ganzen Zwerchfellhälfte bei der Atmung erklären kann.
Herrn Schuster möchte R. erwidern, daß die Bewegungen der gelähmten Zwerch¬
fellhälfte nur passive sind, teils bedingt durch den Zug der gesunden Zwerchfell¬
hälfte, teils durch den negativen Druck des Thoraxraums. R. verweist auf die
einschlägigen Beobachtungen von Stuertz, der den einen Halsphrenicus zur
Ruhigstellung der erkrankten Lunge operativ durchschneiden ließ.
2. Herr Sohuster: Demonstration von Kriegsverletzungen. I. Der
25jährige Soldat, den ich Ihnen hier zeige, wurde am 26. August bei Tannenberg
verwundet. Ein Gewehrprojektil drang direkt oberhalb der rechten Clavicel in
seine Brust. Das Geschoß wurde nach 4 Tagen unmittelbar neben dem inneren
Schulterblattrand rechts in der Höhe des Dornfortsatzes des fünften Dorsalwirbels,
bzw. ein wenig unterhalb dieser Höhe entfernt. Einschuß- und Operationsstelle
sind völlig glatt verheilt. Ercheinungen seitens der Lunge waren nur in geringem
Maße vorhanden. Die Wirbelsäule ist nirgendwo druck- oder klopfempfindlich,
alle Bewegungen der Säule sind völlig frei. Sofort nach der Verwundung trat
eine Lähmung des linken Beines auf. Der Kranke zeigt jetzt das typische Bild
der Brown-S6quaidschen Lähmung, das linke Bein zeigt eine — im Rückgang
befindliche — spastische Parese mit Fußclonus und Babinski. Rechts besteht
eine ganz leichte Hypalgesie, vorn vom unteren Rand der siebenten Rippe und
hinten ungefähr vom Proc. spin. des zehnten Brustwirbels ab, welche Bich ungefähr
von der Höhe des neunten Dorsalsegmentes ab weiter vertieft und bis zu der
Fußspitze reicht. Das Temperaturgefühl ist auf dem rechten Bein bzw. auf dem
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
i
71
Thorax ebenfalls gestört, und zwar beginnt die Grenze hier — von oben ge¬
rechnet — ein knappes Segment später als die Störung der Schmerzempfindung.
Taktile und Lageempfindung sind nicht gestört auf der rechten Seite. Auf der
linken Seite besteht eine breite hyperalgetische Zone, welohe in D 5 bis D 7
um den Thorax greift. Oberhalb dieser hyperalgetischen Zone ist eine ganz
schmale Zone der Hyp&sthesie links im Bereiche von D 4 . Das Lagegefühl
ist im linken Bein nicht gestört. M. H.! Ich würde mir nicht erlaubt haben,
den soeben demonstrierten ganz typischen Fall einer Halbseitenläsion Ihnen vor¬
zustellen, wenn er nicht etwas Besonderes hätte. Ich hatte gleich, als ich den
Patienten sab, Zweifel, ob das Geschoß das Rückenmark verletzt habe. Ich ver-
anlaßte daher eine Röntgenaufnahme in dem Institut des Herrn Prof. Grunmach.
Die Röntgenaufnahme ergab nun — wie Sie hier sehen — ein völliges Intakt¬
sein der Wirbelsäule. Das einzige, was Sie auf der Platte sehen, ist lediglich der
von rechts vorne oben nach links hinten unten verlaufende Schußkanal in der
Lunge. Wir stehen hier also vor der auffallenden Tatsache, daß eine plötzliche
Herderkrankung in der Höhe des siebenten Dorsalsegmentes aufgetreten ist, ohne
daß eine nachweisbare Verletzung der Wirbelsäule stattgefunden hat. Ich erkläre
mir den Fall so, daß trotz des negativen Röntgenbefundes dennoch wahrschein¬
lich eine Streifung der Wirbelsäule durch den Schuß stattgefunden hat, und daß
infolge der besonders gearteten Erschütterung des Knochens und des Rückenmarkes
eine kleine Blutung im Rückenmark erfolgt ist Eine Blutung erscheint mir
im Hinblick auf den sofortigen Eintritt der Lähmung wahrscheinlicher als eine
primäre Nekrose. Der Ihnen soeben demonstrierte Fall scheint mir nun — und das
ist mir eine weitere Veranlassung, warum ich Ihnen denselben zeige — keine Selten¬
heit darzustellen. Ich habe unter den bisher von mir untersuchten Kriegs¬
verletzungen und auch vereinzelt unter Friedensverletzungen (gelegentlich eines
Ringkampfes) noch einige weitere gesehen, welche mit dem soeben gezeigten die
Besonderheit gemein haben, daß sich schwere spinale Erscheinungen vorfanden,
ohne daß der Rückenmarkskanal von der Kugel erreicht wurde. Von einem dieser
Falle — dessen Vorführung die Militärbehörde leider nicht gestattet — kann ich
Ihnen hier wenigstens die Röntgenphotographie zeigen. Der Verletzte, den ich in
dem Lazarett des Herrn Geh. Rat Landau sehen konnte, hatte selbst gar keine
Ahnung davon, daß es sich bei ihm um einen Wirbelschuß handeln konnte. Er
hatte nur einen leichten Schuß in die Schulter beachtet und wußte nichts von
einem zweiten Schuß. Die Untersuchung des Patienten ergab außer einer peripheren
mit Entartungsreaktion einhergehenden Lähmung des Gucullaris und Rhomboideus
rechts folgenden interessanten Symptomenkomplex: Eine Störung des Lagegefuhls
in allen vier Extremitäten bei intaktem Beriihrungs-, Schmerz- und Temperatur¬
gefühl, eine Ataxie beider Hände, besonders der rechten Hand und daneben eine
spastische Parese mit Hand- und Fußolonus der rechten Seite. Schließlich fand
sich noch Ataxie des rechten Beines, erhebliche Steigerung der Sehnenrefiexe, auch
der linken Körperseite, Verengerung der rechten Lidspalte. Die Erscheinungen
waren sofort nach der Verwundung entstanden, bzw. bildeten die Überreste einer
anfänglich — für 1 bis 2 Tage — vorhanden gewesenen Tetraplegie. Nach dem
Vorstehenden mußte man an eine Herderkrankung im Bereiche beider Hinter¬
stränge und des rechten Seitenstranges im oberen Halsmark denken. Eine Beweg¬
lichkeitsbeschränkung oder Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule bestand nicht,
dagegen zeigte sich bei genauem NachBUchen links am Halse, einige Zentimeter
unterhalb der Haargrenze, eine kaum linsengroße, blaßrote, verheilte Stelle. Der
Kranke erinnerte sich nachträglich, daß jene Stelle geblutet habe. Ich ließ nun
in der Annahme, daß jene Stelle die Einschußöffnung eines Wirbelsäulenschusses
sei, eine Röntgenaufnahme machen. Dieselbe ergab die Richtigkeit meiner An¬
nahme und deckte einen Abbruch des Dornfortsatzes des vierten Halswirbels auf.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
72
Der ganze übrige Wirbel ist — wie Sie Behen — durchaus intakt. Auch hier
also ißt durch die geringe Verletzung lediglich eines Fortsatzes des Wirbels eine
Blutung im Cervicalmark erfolgt. Eine Blutung ist auch hier das Wahrscheinliche,
weil der Verletzte unmittelbar nach der Verwundung für einige Tage völlig — an
allen Extremitäten — gelähmt gewesen war. Ich darf vielleicht zum Schluß noch
einen dritten hierher gehörigen Fall meiner Beobachtung erwähnen, den ich Ihnen
leider nicht zeigen kann, da er vorgestern an Paratyphus erkrankt ist. Auch bei
diesem letzten Kranken sind — kurz gesagt — Erscheinungen spinalen Ursprunges
vorhanden, trotzdem die Wirbelsäule — wie die Röntgenaufnahme ergab — von
dem durch beide Muse, cucullares gehenden Schuß nicht lädiert wurde. — II. Im
Anschluß an die Demonstration wirklicher Kriegsverletzungen darf ich ihnen
vielleicht noch einen Patienten zeigen, welcher infolge der Anstrengungen des
militärischen Dienstes mit einem sehr seltenen Symptomenkomplex erkrankte. Der
32 jährige Mann litt als 17 jähriger Mensch angeblich nach einer Durchnässung zum
ersten Male an einem Zustande ähnlich dem jetzigen. Der Zustand war jedoch sehr
viel schwächer ausgeprägt. Auch später traten häufig Wadenkrämpfe bei ihm auf.
Der jetzige Zustand entstand nach längerem angestrengtem Reiten auf bloßem
Pferde ohne Decke und Sattel. Pat. bekommt jetzt bei den leichtesten An¬
strengungen, besonders solchen seitens der Beine, ferner bei allen brüsken Be¬
wegungen und schließlich bei brüsken oder starken Berührungen der Beine schwere
tonische Muskelkrämpfe. Dieselben treten meist zuerst in dem rechten Bein auf,
gehen dann auf das linke Bein über. Selten steigen sie zum Bauch und zum
Rumpf. Vereinzelt wurden auch die Oesichtsmuskeln befallen. Die Dauer des
Krampfes beträgt 1 bis 2 Minuten; milde Massage beseitigt den Krampf früher.
Pat. empfindet die intensivsten Schmerzen in den krampfenden Muskeln. Das
Bewußtsein ist bei den Anfällen völlig erhalten. Der Untersuchungsbefund des
Pat. ergiebt eine allgemeine Analgesie und Fehlen der Kornealreflexe. Die elek¬
trische Untersuchung stößt auf große Schwierigkeiten, weil oft das bloße Aufsetzen
der Elektrode einen Anfall hervorruft. Myotonische Reaktion konnte ich jeden¬
falls nicht fest8tellen. Bei kurzdauernder faradischer und galvanischer Reizung
trat keine Nachdauer der Kontraktion auf. Ließ man bei direkter faradischer
Reizung den Strom etwas länger durchgehen, so traten rhythmische Zuckungen auf,
so lange der Strom nicht zu stark war. War der Strom stark, so löste er einen
Krampfanfall — erst in dem gereizten Bein, dann im anderen — aus, und zwar
anscheinend reflektorisch infolge deB Schmerzes. Es handelt sich um die von
Wern icke beschriebene sogenannte Crampusneurose, einer offenbar recht
seltenen Affektion, welche deutliche Beziehungen zu den Neurosen, insbesondere
der Hysterie hat.
Diskussion: Herr Henneberg: Ich glaube nicht, daß es sich in dem Fall
von Rückenmarkläsion um eine Blutung handelt. In 2 Fällen von Schuß Verletzung
des Rückenmarkes, die ich untersucht habe, und in denen die Sektion vorgenommen
wurde, ergab sich keine Blutung, sondern das Bild einer akuten Degeneration bzw.
Erweichung oder Nekrose. Die Dura scheint in Fällen, in denen Geschosse in
den Wirbelkanal eindringen, in der Regel nicht verletzt zu werden. Das zähe
Gewebe derselben weicht den Geschossen aus. Dagegen kommt es zu einer lokalen
Quetschung bzw. Kontusion des Rückenmarkes. Bei der Empfindlichkeit des Ge¬
webes kommt es anscheinend auch schon bei leichteren Kontusionen, d. h. auch in
Fällen, in denen das Geschoß nicht in den Wirbelkan&l eindringt, zu schweren
Veränderungen. Wir fanden Lückenfeldbildung, Nekrosen, stellenweise Gliaver-
dichtung, nirgends größere Blutungen. Es handelt sich um Befunde, wie sie sich
experimentell erzeugen lassen (Schmause) und wie sie uns in Fällen von Fraktur
bzw. schwerer Kontusion der Wirbelsäule entgegentreten. Rückenmarksblutungen
werden natürlich unter den gleichen Verhältnissen Vorkommen, sie sind aber an-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
73
scheinend viel seltener wie Nekrosen. Die Prognose der Geschoßkontusion des
Rückenmarkes ist eine ungünstige infolge des auf den Transporten nicht vermeid¬
baren Dekubitus bzw. Zystitis. Doch habe ich auch zwei leichte Fälle gesehen,
in denen sich die anfangs schweren spinalen Symptome rasch zurückbildeten. Die
Röntgenplatte läßt bei Schüssen durch die Wirbelsäule nicht immer den .Schu߬
kanal erkennen.
Herr Oppenheim verweist auf seine vor kurzem in der Berliner klin,
Wochensohr, erschienene Abhandlung zur Kriegsneurologie, in der er Beobach¬
tungen dieser Art angeführt habe, in denen ohne nachweisbare Wirbelläsion durch
den Anprall von Geschossen Rückenmarksaffektionen entstanden seien. Dabei
könne es sich sowohl um Blutungen wie um Nekrosen handeln.
Herr Cassirer: Daß es sich oft nicht um Blutungen, sondern um Nekrosen
handelt, geht aus folgendem Fall eigener Beobachtung hervor. Schuß quer von
einer Schulter zur anderen; sofortige Lähmung beider Beine, von Blase, Mastdarm.
Sensibilitätsstörung bis zur dritten Rippe, Arme frei bis auf Sensibilitätsstörungen
an der Ulnarseite der Arme. Dekubitus. Exitus. Bei der Sektion sicher keine
Verletzung der Dura; kein Geschoßkanal zu finden, doch war die Sektion in
bezug auf die Wirbelkörper nicht ganz vollständig. Mikroskopisch im Rücken¬
mark typische zentrale Nekrose, keine Blutung. Der Herd hat die charakteristische
Gestalt mit breiter Basis um den Vorderhörnern und mit einer Spitze in die
Hinterstränge sich hinein erstreckend.
Herr Rothmann: Auch R. möchte der Meinung beitreten, daß bei diesen
Rückenmark8scbädigungen Blutungen in Rückenmarkshäute und Mark neben den
Nekrosen eine Rolle spielen. In einem Falle konnte R. bei Ein* und Ausschuß
am Halse, die sicher nicht den Rückenmarkskanal getroffen hatten, eine schwere
spinale Lähmung, vor allem beider Arme beobachten. Schon der rasche Rück¬
gang der Erscheinungen zeigte, daß hier von einer schweren Substanzveränderung
des Rückenmarks nicht die Rede sein konnte. Ähnlich verhält es sich in vielen
anderen Fällen. Neben einer vorübergehenden Shokwirkung müssen wir daher
den Blutungen eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Lähmungen zuschreiben.
Daneben kann jedoch an der Existenz der Nekrosen nach den vorliegenden autop-
tisohen Befanden nicht gezwei/elt werden.
Herr Schuster (Schlußwort): Ich habe — ebenso wie Herr Henneberg —
in meinem Falle auch an eine Nekrose gedacht, bin aber von dieser Annahme
deshalb abgekommen, weil die Lähmung des linken Beines bei dem Pat. unmittel¬
bar nach der Verwundung apoplektiform entstand. Dies spricht doch mehr zu¬
gunsten einer Blutung. Soweit ich mich erinnere, entstanden die experimentellen
Nekrosen in den Schmause sehen Versuchen nicht so plötzlich und nicht sofort
nach einer einmaligen Gewalteinwirkung. Eher hätte man gegen meine Annahme
einer Blutung anführen können, daß die spinalen Blutungen meist in der Gegend
des Hinterhornes erfolgen, und daß daher eine Blutung in der weißen Substanz
von vornherein weniger wahrscheinlich sei. Für die Annahme einer Blutung
spricht im vorliegenden Fall übrigens auch der gutartige Verlauf, der schon heute
ein erhebliches Nachlassen der motorischen Erscheinungen erkennen läßt. Was
den von Herrn Prof. Oppenheim beanstandeten Ringkämpferfall angeht, so mußte
man bei ihm deshalb die Entstehung der spinalen Blutung mit einer etwaigen
Wirbelverletzung in Zusammenhang bringen, weil die Art des Unfalles (Pat. war
während des Ringens mit dem Nacken auf eine Treppenstufe gefallen und hatte
sich Nackenkontusionen zugezogen) sowie auch der Umstand, daß die Höhe der
Kontusion ungefähr der Lokalisation der Blutung entsprach, auf einen Zusammen¬
hang zwischen spinaler Blutung und der direkten äußeren Verletzung hinwies.
3. Herr Bonhoeffer berichtet an der Hand einiger Krankendemonstrationen
über Fälle von sogenannter Gr&natexplosionslähmung. Er hat bis jetzt neun
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
74
hierher gehörige Fälle gesehen, in allen handelte es sich um rein psychogene
Lähmungen. Offenbar handelt es sich um ein relativ häufiges Vorkommnis. Nach
den kurzen Vermerken, welche die Kranken aus dem Felde mitbringen, wie auch
nach den Erzählungen der Untersuchten selbst, scheint es, daß das Vorkommen
dieser Lähmungen im Felde auf eine mechanische Luftdruckwirkung bei der
Granatexplosion bezogen wird. Vortr. hält es deshalb für wichtig, darauf hinzu¬
weisen, daß bei all den Fällen, die er gesehen hat, der hysterische Charakter der
Lähmungen unzweifelhaft ist. Bemerkenswert ist die Symptomatologie der Läh¬
mungen nach der pathogenetischen Seite. Astasie und Abasie, Sprach- und Stimm¬
verlust, funktionelles Zittern, Schlottern, grobschlägiges Zusammenzucken, dazu
vasomotorische Erscheinungen, Schweißbildung, Kongestionen und frequente Herz¬
tätigkeit sind die Symptome, die, wie es scheint, in besonderer Häufigkeit be¬
obachtet werden. Es handelt sich also um eine Fixierung gerade der Symptome,
die wir bei der plötzlichen Schreckwirkung (Versagen der Glieder und der Stimme,
Zusammenzucken, Zittern, Schweiß und Herzbesohleunigung) in Erscheinung treten
sehen. In einem Teil der Fälle ist der Nachweis der vorher bestehenden psycho¬
pathischen Konstitution zu führen, in anderen läßt die Anamnese, die ja meist
bei dem aus dem Felde kommenden unzulänglich zu erheben ist, im Stich. Die
Prognose der Fälle ist günstig, wenn die Diagnose rechtzeitig gestellt und dem¬
entsprechend suggestiv behandelt wird. Die schlimmsten Fälle waren diejenigen,
die zu Hause bei den Angehörigen oder im Lazarett unter falscher Flagge als
schwere organische Fälle gingen und sich ganz der bemitleidenden Fürsorge ihrer
Umgebung hingeben konnten. — Im Hinblick auf die Entwicklung dieser Fälle
im Granatfeuer und auf die anscheinend nicht bestreitbare Tatsache, daß an¬
schließend an Granatexplosionen sogar Todesfälle, ohne daß eine sichtbare Ver¬
letzung besteht, eintreten sollen, ist es begreiflich, daß seitens der Feldärzte bei
solchen Fällen an einen organischen und nicht psychogenen Schädigungsmodus
gedacht wird. Um so wichtiger scheint es, auf die Häufigkeit des psychogenen
Charakters dieser Fälle hinzu weisen. Es läge eine gewisse Gefahr dann, wenn
unklare Vorstellungen von organischen Hirnschädigungen sioh dieser Fälle bemäch¬
tigten. Die Erfahrungen, die mit der Rentenhysterie gemacht worden sind, bei
der man ja auch in den achziger und neunziger Jahren die Vorstellung unklarer
organischer Schädigungen eine auch praktisch bedenkliche Rolle spielen sah, sind
in dieser Richtung warnend. In all den Fällen, die Vortr. im Auge hat und die
ihm zum großen Teil als organische Schädigungen zugegangen sind, lag keine
organische Schädigung vor. Der psychopathologische Mechanismus ist wohl so zu
verstehen, daß eine Summation psychischer Faktoren, Schreck- und Angstemotion,
in einigen Fällen vielleicht auch dazu noch das fremdartige Erlebnis der plötz¬
lichen Luftdruckwirkung zu einem vorübergehenden Versagen der Motilität, und
zu der Vasomotorenparalyse führte. Unbewußte Wünsche ließen bei der gegebenen
Disposition die Lähmungserscheinungen zur Fixierung kommen. Es braucht kaum
darauf hingewiesen zu werden, daß auch Kombinationen organischer mit psyoho-
genen Erscheinungen beobachtet werden. Bei einem Eingewiesenen, der dadurch
zu Fall kam, daß durch die Explosion ein anderer Mann an ihn herangeschleudert
wurde, konnten wir neben einer psychogenen, bald beseitigten Gangstörung Babinski
und eine segmental aussehende SenBibilitätsstörung feststellen. Hier hat offenbar
neben der psychischen Wirkung eine organische spinale Schädigung stattgehabt.
Wenn die begleitenden hysterisch-deliranten und Pseudodemenzzustände gleichfalls
unter der falschen Diagnose „Kommotionspsychose“ eingeliefert werden, so muß
auch hier gegen die unrichtige Annahme organischer Schädigungen Stellung ge¬
nommen werden. Die psychotischen Erscheinungen im Gefolge von Kommotionen
sind bekannt und rubrizieren im wesentlichen unter dem amnestischen Symptom-
komplex und sind völlig von diesen funktionellen Bildern zu trennen.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
75
Diskussion: Herr Henneberg weist auf die nicht so seltenen Fälle hin, in
denen nach Granatexplosionen, ohne daß es zu Schädelverletzungen kommt, schwere
organische Hirnsymptome auftreten. Die betreffenden Patienten berichteten, daß
sie fortgeschleudert wurden und längere Zeit bewußtlos waren, ln einem von H.
untersuchten Fall bestand einige Tage fast völlige Blindheit, nach einigen Wochen
ließ sich noch Hemianopsie nach links und leichte spastische Parese des rechten
Beines nachweisen. Es bestand ferner ein leichter Grad von Stauungspapille. In
einem anderen Falle erwachte Pat. mit einer Hemiplegie aus der Betäubung, die
sich bis auf eine Parese des Beines zurückbildete. Wahrscheinlich handelt es sich
in solchen Fällen um Heningealblutungen.
Herr Oppenheim: Der Krieg hat mir Gelegenheit gegeben, Beobachtungen
in großer Zahl anzuBtellen, die genau den Erfahrungen entsprechen, welche ich
vor 25 bis 30 Jahren hier in der Chariiö, besonders als Folgen schwerer Eisenbahn¬
unfalle, gemacht hatte, Erfahrungen, welche zur Aufstellung der vielbekämpften
Lehre von den traumatischen Neurosen geführt haben. Ich habe über den Gegen¬
stand lange geschwiegen, besonders weil andere wissenschaftliche Fragen und
Interessen mich mehr und mehr in Anspruch genommen haben. Aber es ist mir
eine große Genugtuung, jetzt all das wiederzusehen und meine damaligen Schilde¬
rungen und Auffassungen fast bis ins einzelne bestätigt zu sehen. Gewiß kommen
unter den durch physische und psychische Erschütterungen betroffenen Soldaten Fälle
reiner Hysterie vor, wie sie Herr Bonhoeffer heute besprochen, und wie ich sie
in einer Reihe analoger Beobachtungen gesehen habe. Aber wie ich schon damals
Gharcot gegenüber die Einseitigkeit seiner Lehre von der traumatischen Hysterie
betonen und erklären mußte, daß neben dieser die Neurasthenie (mit den Sym¬
ptomen der Insomnie, den kardialen und vasomotorischen Symptomenkomplexen usw.)
eine ebenso wichtige Rolle spiele, und daß auch andere Neurosen, wie der Tic, die
Crampi (vgl. den heute von Schuster vorgestellten und einen analogen von mir
beschriebenen Fall) zu den Folgen derartiger Unfälle gehören; so komme ich jetzt
zu denselben Feststellungen. Und wie ich schon damals hervorhob, daß sich mit
den schweren Neurosen organisch bedingte Symptomenkomplexe verknüpfen können,
so mache ich jetzt die gleiche Erfahrung mit den durch Granatexplosion ver¬
ursachten Nervenkrankheiten. Was mir aber besonders beachtenswert erscheint,
ist die Tatsache, daß wir, indem wir die Fälle jetzt frisch, oft schon kurze Zeit
nach dem Ereignis sehen, deutlich erkennen, wie sich das Leiden als unmittelbare
Folge des Traumas entwickelt, noch bevor die „Begehrungsvorstellungen“ in Wirk¬
samkeit treten können. Die Symptomenkomplexe haben so durchaus das Gepräge
des Echten, der gewissermaßen fixierten Schreckerregung und Schrecklähmung,
daß auch der eingefleischte Skeptiker hier mit dem Argwohn der Simulation
zurückhaltend sein wird. Ich stelle natürlich nicht in Abrede, daß Vortäuschung
und Übertreibung auch bei den Soldaten im Kriege eine gewisse Rolle spielen,
aber die Fälle, die ich im Auge habe, boten die Symptomatologie der schweren
Neurose in voller Ausbildung, bevor sich, soweit wenigstens meine Erfahrung und
Kenntnis reicht, auf dem Wege der Nosophilie oder dem der Erregung durch
gekränkte Rechtsansprüche derartige Krankheitserscheinungen hätten entwickeln
können. Der Feldzug lehrt uns und wird uns weiter lehren, 1. daß es nach wie
vor traumatische Neurosen gibt, 2. daß sich der Begriff durchaus nicht immer
mit dem der Hysterie deckt und 3. daß sie wirklich das Produkt des Traumas
und nicht zweckbewußt großgezüchtete Pseudokrankheiten sind.
Herr Peritz hat ebenfalls zwei derartige Fälle gesehen, bei denen sich
schwere Schreckneurosen nach Granatschüssen ausbildeten, nur mit dem Unter¬
schied, daß in diesen Fällen die Erkrankten mit Granatsplittern mit stumpfer
Gewalt getroffen waren, so daß man anfangs an Folgeerscheinungen einer Commotio
cerebri glauben konnte. Bei dem einen trat unmittelbar nach dem Trauma ein
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
76
schwerer Verwirrtheitszustand mit Erregung ein: im übrigen zeigten beide Kranken
das gleiche Bild, wie es von dem Vortr. geschildert worden ist. Der eine, ein
Offizier, klagte anfangs über sehr ausgesprochene Mutlosigkeit und Mangel an
Energie. Er ist aber sehr schnell geheilt und jetzt schon wieder in der Front,
während der zweite, der sich in Familienpfiege befindet, nur geringe Zeichen einer
Besserung auf weist. P. ist auch der Ansicht, daß es verfehlt ist, derartige
Kranke in die Familie zu entlassen.
Herr Schuster: Wenn man natürlich aus einem negativen Fall keine zu
weitgehenden Schlüsse ziehen darf, so war mir betreffs der Pathogenese kürzlich
die Beobachtung interessant, daß unter etwa 5 oder 6 seiner Patienten, welche
durch in der Nähe explodierende Granaten zu Schaden gekommen waren (es
handelt sich um 6 verschiedene Unfälle), nur einer von allen frei von neurotischen
Folgen blieb, welcher von der Granatexplosion im Schlafe überrascht worden war.
Pat. hatte zwar zahlreiche oberflächliche Verletzungen im Gesicht, klagte aber
trotz ausdrücklichen Befragens nicht über Schwindel, Kopfschmerz, Ohrensausen usw.
Ähnliche Beobachtungen hat man übrigens auch bei Verletzungen durch Stark¬
strom gemacht. Ein anderer Fall von Grauatexplosionsverletzung war mir deshalb
merkwürdig, weil sich bei ihm, nachdem der Pat. kurz nach der Explosion wieder
zu sich gekommenj war, eine Augenmuskellähmung gezeigt hatte. Als ich den
Pat. zusammen mit Herrn Kollegen Fehr sah, dachten wir beide dem klinischen
Bilde nach an eine syphilitische Augenmuskellähmung. Wir ließen das Blut
untersuchen und es zeigte sich in der Tat eine stark positive Beaktion. Hier
hatte also der schwere Shock die durch spezifische Gefäßerkrankung vorbereitete
Blutung auBgelöst.
Herr Liepmann: Es wäre von Interesse, zu erfahren, ob bei allen Vor¬
gestellten ganz außerordentliche seelische Erschütterungen, die auch in der Feuer¬
linie nichts Gewöhnliches sind, nachweisbar sind. Dann würde die viel erörterte
Frage von dem Verhältnis der exogenen zu dem der endogenen Faktoren durch
solche Fälle Förderung erfahren. Daß auch bei Kriegsverwundeten ein den so¬
genannten BegehrungsVorstellungen analoges Moment — der unterbewußte Wunsch,
sich den übermächtigen Anforderungen zu entziehen — in Betracht käme, müsse
anerkannt werden.
Herr Lewandowsky weist darauf hin, daß gerade bei der Eigenart der¬
artiger Fälle die anamnestischen Angaben der Patienten sehr oft unzuverlässig
sein dürften, und daß es insbesondere wohl nioht immer sicher wäre, daß wirk¬
lich Granat Verletzungen vorliegen. Das sofortige Eintreten der Erscheinungen
spräche dagegen nicht gegen ihre psychogene Entstehung und auch nicht gegen
das Vorhandensein von Begehrungsvorstellungen, die Bchon vor dem Eintreten des
auslösenden Momentes vorhanden sein können.
Herr Simons hat in den 4 Monaten, in denen er bisher im Felde war, an
einem großen Material keine hysterischen Lähmungen, wohl aber öfters bei
schwächlichen jungen Kriegsfreiwilligen hysterische Krämpfe beobachtet. Meist
war von anderer Seite „Epilepsie“ angenommen. Der entsprach in keinem Falle
die Schilderung der Kranken. Viele „machten“ bei der Untersuchung die Krämpfe
und oft in so plumper Weise, daß der bewußte oder unbewußte Wunsch, sich so
den Gefahren der Front zu entziehen, deutlich war. Die Krämpfe waren manch¬
mal durch die Schrecken der Schlacht, häufiger nur durch die Entbehrungen und
körperlichen Anstrengungen ausgelöst; wenigstens schien es nach der Anamnese,
die ja im Kriege besonders unsicher ist, so zu sein. S. hat alle diese Kranken
heimgeschickt, da im Feld- und Kriegslazarett die geeignete seelisohe Behandlung
unmöglich ist.
Herr Peritz glaubt, daß auch bei derartigen Schreckneurosen BegehrungB-
vorstellungen vorhanden sind. Sie entwickeln sich aus dem Wunsch, sich den Ge-
Digitized by
Go .gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
77
fahren und Anstrengungen des Krieges zu entziehen, und sind sicherlich vielfach
Bchon vor dem Trauma vorhanden. Das Trauma ist nur das auslösende Moment.
Herr Roth mann: Die zahlreichen Beobachtungen von Hysterie in diesem
Kriege werden zunächst den etwas ins Wanken gekommenen Hysteriebegriff wieder
befestigen, dann aber vor allem dazu beitragen, den Spuk der Freudschen
Hysterielehren zu beseitigen. Neben zahlreichen Fällen von Übertreibung und
Simulation — auch B. sah wiederholt künstliche Temperatursteigerungen — kommen
Falle vor, in denen von Begehrungsvorstellungen und dergleichen nicht die Rede
sein kann. R. erwähnt das Beispiel eines Offiziers, der im Ansturm gegen den
Feind seine Kompagnie durch Zuruf anfeuernd, plötzlich von hysterischer Aphasie
und Mutismus, der wochenlang anhält, befallen wurde. Gegenüber einer Be¬
merkung, daß die Verwundeten keine Zeit zur Hysterie haben, betont R. die ver¬
hältnismäßig große Häufigkeit solcher Hysterieaffektionen, wie sie ja auch aus den
heutigen Demonstrationen des Vortr. hervorgeht.
Herr Toby Cohn: Die Differentialdiagnose zwischen organischen und funk¬
tionellen Folgen von Schußverletzungen kann, besonders bei Sprachstörungen, große
Schwierigkeiten machen. In einem Falle von Streifschußverletzung der Schädel¬
weichteile an der linken Schädelhälfte, ziemlich genau der Lage des Brocasohen
Zentrums entsprechend, 6ah ich, mehrere Wochen nach der Verletzung, eine der
typischen motorischen Aphasie analoge Sprachstörung, die alternierend fast genau
immer einen Tag um den andern auftrat und auf Suggestionsbehandlung ver¬
schwand Ich neige zu der Annahme, daß es sich um eine hysterische Aphasie
gehandelt hat.
Herr Max Edel: Auch ich war über die große Zahl der Erkrankungen an
Hysterie bei den Soldaten erstaunt, welche unserem Lazarett zugeführt worden
sind. Diejenigen Herren, welche kürzlich meiner Demonstration anläßlich des
kriegsärztlichen Abends beigewohnt haben, hatten Gelegenheit, einen Teil dieser
Fälle zu sehen. Es handelte sich dabei um Mono-, Hemi- und Paraplegien,
Aphonien usw., und zwar waren es zum Teil* Soldaten, in deren Nähe Granaten
eingeschlagen waren, ohne sie zu verletzen. So hat einer die Sprache verloren,
ein anderer, neben dem durch eine Granate sechs Leute zerrissen wurden, während
er als einziger mit dem Leben davon kam, längere Zeit bewußtlos gelegen und
die Sprache 14 Tage lang verloren.
Herr Rothmann möchte in diesem Zusammenhang noch auf die eigenartige
Attacke von motorischer Aphasie hinweisen, die den verstorbenen Hirnphysiologen
Hermann Munk im Feldzug 1866 befallen hatte, und über die er bereits in einer
Arbeit über transitorische Aphasien berichtet hat. Auch hier handelt es sich
zweifellos um eine hysterische Aphasie bei einem Manne, der in seinem ganzen
späteren Leben keine Spur von Hysterie erkennen ließ.
Herr Liepmann: Nicht davon war die Rede, ob in jedem Falle Begehrungen
im Spiele seien, sondern ob sie generell bei akuten Sohreckwirkungen auszuschließen
seien. Letzteres glaubt L. nicht. Es kann doch ein von den Strapazen und Ge¬
fahren schon vor dem Eintritt des psychischen Traumas geschwächter Mensch ge¬
heime Wünsche, die er sich selbst nicht eingesteht, auf Erlösung aus der Situation
hegen, und diese können den Erfolg haben, daß die erste Schreckwirkurg
fixiert wird.
Herr Bonhoeffer (Schlußwort): Im Hinblick auf die noch zu erledigende
Tagesordnung werde ich mich ganz kurz fassen, obwohl manches zu sagen wäre.
Was die Symptome der Schreckemotion anlangt, so sehe ich darin allerdings durch
Vorstellungen vermittelte und deshalb als psychogen zu bezeichnende Erscheinungen.
Daß im Moment eines Schreckerlebnisses gleichzeitig auch Wünsche wach werden
können, ist mir aus einer eigenen Erfahrung aus der Kindheit erinnerlich. Durch
einen groben Steinwurf von einem Kameraden an den Kopf getroffen, fiel ich bin
Digitized by
■? Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
78
und es ist mir deutlich in der Erinnerung geblieben, daß mir während des Hin-
fallens und der leichten Betäubtheit auch schon der Gedanke kam, zunächst liegen
zu bleiben, aus dem Wunsche heraus, den Kameraden dadurch zu erschrecken.
Ein ähnlicher psychologischer Vorgang ist mir auch von einem während eines
Granatfeuers Gestürzten harmlos berichtet worden. Über den objektiven Hergang
im Granatfeuer fehlen bei den einzelnen Individuen aus begreiflichen Gründen
fast immer die Angaben; auch wo auf dem Verbandtäfelchen oder in dem ärzt¬
lichen Bericht von Explosivwirkung die Bede ist, wird es sich vielfach nicht um
objektive Beobachtungen, sondern um Reproduktion der Angaben des Pat. handeln.
Nach den Hitteilungen handelt es sich zum Teil um eigentliche Fortschleuderung
infolge der Explosion, zum anderen Teil aber auch offenbar nur um den Anblick
sehr schwerer Verletzungen durch die Explosion oder das Betroffenwerden mit
Körperteilen von, durch die Explosion, zerrissenen Kameraden. Von Herrn Simons
bin ich mißverstanden worden. Die Verbringung solcher Kranken in die Reserve¬
lazarette ist natürlich durchaus indiziert.
4. Herr Kramer stellt einen Soldaten vor, bei dem sich im Anschluß an
eine Schußverletsung des Stimhirns ein akinetisches Symptombild ent¬
wickelte. Der Kranke erhielt am 6. Oktober einen Kopfschuß, war danach nur
kurze Zeit bewußtlos, klagte nur in den ersten Tagen über Kopfschmerzen. Bei
der Aufnahme, die eine Woche nach der Verwundung erfolgte, fanden sich die
Ein- und Ausschußöffnungen an der linken unbehaarten Schläfe in dem oberen
Teil bzw. an der rechten behaarten Schläfe dicht über dem Ohransatz. Das Ge¬
schoß hatte also das Stirnhirn schräg durchbohrt, links mehr den vorderen, rechts
den hinteren Teil betreffend. Auf dem Röntgenbilde fand sich von jedem Loch
noch ein Sprung, nach vorn und hinten sich ausbreitend. Neurologisch war außer
einer leichten linksseitigen Parese der Mundfazialis nichts nachweisbar. Psychisch
bestand eine sehr starke Herabsetzung der motorischen Spontanität. Der Kranke
lag fast regungslos im Bett, ohne spontan zu sprechen, oder sich zu bewegen, ließ
Stuhl und Drin unter sich. Im Gegensatz hierzu gab er auf Befragen ziemlich
prompt Auskunft, führte alle von ihm verlangten Bewegungen schnell und ohne
Schwierigkeiten aus, so z. B. bei der Apraxieprüfung, die keine Abweichungen von
der Norm ergab. Es bestand kein Gedächtnisausfall, die Orientierung war immer
erhalten. Die genauere Prüfung ließ geringe Merkdefekte und leichte Kom¬
binationsstörungen erkennen. Der Zustand hat sich allmählich gebessert und ist
jetzt fast ganz zur Norm zurückgekehrt.
Diskussion: Herr Liepmann: Eine Verbindungslinie von Einschuß- und Aub-
Bchußöffnung bei diesem Kranken führt kaum duroh das rechte Stirnhirn, jeden¬
falls nicht durch die vordere Frontalregion. Es ist also kein Grund, hier von
einer doppelseitigen Läsion der betreffenden Stirngegend zu sprechen, sondern nur
von einer linksseitigen. Der Fall spricht, wie die übrigen der Literatur, dafür,
daß dem linken Stirnhirn vielleicht eine Bewegungsanregung zukommt, aber nicht
ein Bewegungsgedächtnis.
Herr Kramer hält es auch für möglich, daß das rechte Stirnhirn nioht in
der vorderen Frontalregion getroffen ist.
Herr Bonhoeffer: Ich möchte doch glauben, daß durch den Schuß auch
noch das rechte Stimhirn betroffen ist. Dafür spricht das stereoskopische Bild.
Daß das Hark der Zentralwindungsgegend betroffen ist, ist unwahrscheinlich bei
dem Fehlen von Lähmungserscheinungen.
5. Herr Oppenheim: Krankendemonstrationen zur Kriegsneurologie.
(Vgl. Originalmitteilung 1 in dieser Nummer.)
Diskussion: Herr Rothmann: Der vom Vortr. demonstrierte Fall von Stich¬
verletzung des Rückenmarks findet in der Tat durch eine doppelseitige spinale
Läsion seine Erklärung. Wenn R, den Vortr. richtig verstanden hat, so ist auf
Digitized b)
Google
Original from
UMIVERSITY OF MICHIGAN
79
der Seite der Lähmung die gesamte Sensibilität, also auch Lagegefiihl und Be¬
rührungsempfindung erloschen. Zugleich ist der gelähmte Arm ataktisch. Es
handelt sich demnach um eine Zerstörung von Hinterstrang und Hinterseiten-
strang auf der Seite des Einstichs und von Vorderseitenstrang und Vorderstrang
auf der gekreuzten Seite. Denn wie Petrön und R. nach weisen konnten, stehen
der Berührungsempfindung zwei Bahnen zur Verfügung, eine gleichseitige im
Hinterstrang und eine gekreuzte, die beide zur völligen Ausschaltung der Be-
rührtingsempfindung zerstört sein müssen. Die gekreuzte Bahn verläuft aber nicht
im VorderseitenBtrang, wie Petrön meint, sondern, wie R. besonders durch kom¬
binierte Durchschneidung von Hinter- und Vordersträngen bei Hunden und Affen
nachweisen konnte, im Vorderstrang. Der Fall des Vortr. entspricht also einem
physiologischen Postulat, dürfte aber unter den neueren Beobachtungen von spinaler
Stichverletzung ein Unikum darstellen.
Herr Toby Cohn: Ich habe zwei Fälle von diesen eigenartigen Atrophien
und Bewegungsstörungen beobachtet, die mit dem vorgestellten in allen wesent¬
lichen Punkten übereinstimmen. Es handelt sich in beiden Fällen um Oberarm¬
querschüsse etwa an der gleichen Stelle wie in dem demonstrierten Falle. Auch
ich dachte wie der Vortr. zuerst an Erb sehe Lähmung und war erstaunt, als sich
der elektrische Befund negativ fand. Das Wesen dieser Atrophien sehe ich ebenso
an wie der Vortr. Bei Gelegenheit der Diskussion zum Vortrage von Oecono-
makis in dieser Gesellschaft habe ich seinerzeit, gestützt auf meine Erfahrungen
während der russischen Unruhen 1905/06, auf die anscheinende Häufigkeit dieser
in ihrem Wesen nöch ganz rätselhaften ausgedehnten „abartikulären“ oder „Reflex“-
Atrophien ohne Gelenkveränderungen nach Schußverletzungen aufmerksam ge¬
macht, und Herr Oeconomakis hat damals meine Beobachtung bestätigt. Was
die Bewegungsstörung anbelangt, so bin ich allerdings der Meinung, daß eine
psychogene Komponente nicht auszuschließen ist, zumal ich über einen dritten
Fall dieser Art (Vorderarmschuß) verfüge, in welchem von einer gleichzeitig be¬
stehenden einfachen, nicht degenerativen Atrophie und Parese der Handmuskeln
die letztere durch Suggestivelektrisation in wenigen Tagen verschwand, während
die Atrophie bestehen blieb.
Herr Oppenheim lehnt nochmals eine psychogene Grundlage bei dem vor¬
gestellten Fall ab.
Herr Toby Cohn: Ich bin weit entfernt, die Atrophie als psychogen bedingt
anzusehen. Es handelt sich lediglich um die Bewegungsstörung. Auch von dieser
nehme ich nioht an, daß sie als Ganzes psychischen Ursprungs ist — dürfte ja
doch schon die schwere Atrophie als solche einen Beweglichkeitsdefekt ver¬
ursachen —, sondern ich glaube aus den vorher erwähnten Erwägungen heraus
nur, daß eine psychogene Komponente darin enthalten ist.
6. Herr Cassirer: Demonstration eines Falles von Erythromelalgie.
9. September Verwundung durch Infanteriegeschoß am linken Unterschenkel an
der Grenze zwischen mittlerem und unterem Drittel. Von vornherein sehr heftige
Schmerzen, besonders in der Fußsohle. Die Beweglichkeit des Fußes und der
Zehen war stark behindert. Allmähliche Besserung der Beschwerden. Am 6. No¬
vember Aufnahme in die chirurgische Klinik. Die Klagen über Schmerzen im
Fuß dauern fort; besonders beim Herabhäugenlassen des Fußes wird der Schmerz
sehr intensiv. Einschuß und Ausschuß verheilt. Der horizontal liegende Fuß ist
ein wenig röter als der gesunde. Sobald der Fuß herabhängt, nimmt er eine
intensive rot- bis blaucyanotische Verfärbung an, die sich allmählich in ab¬
nehmender Stärke auf den distalen Teil des Unterschenkels erstreckt. Der Fuß
ist um viele Grade wärmer als der andere; die Arterien pulsieren deutlich, Fuß-
rüoken und Fußsohle sind geschwollen. Der ganze linke Unterschenkel und auch
der Oberschenkel sind viel dünner als der rechte, Differenz 4 bis 5 cm. Das
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
80
Röntgenbild zeigt eine deutliche Ratifikation der Compacta an den Fuß* und auch
an den Unterschenkelknochen. Die Schmerzen werden, je länger der Fuß herab¬
hängt, um so intensiver, jede Benutzung des Fußes zum Gehen ist völlig unmög¬
lich, Pat. kann eben mit der Fußspitze leise auftreten. Gegenüber diesen schweren
vosomotorisch-trophisohen Störungen fehlen eigentlich motorische Ausfallsersche'
nungen fast ganz. Es fällt keine Bewegung aus, Zehenbeugung und -Streckung
sind nur durch die Schmerzen etwas beschränkt. Das Achillesphänomen ist lebhaft.
Auch objektive Sensibilitätsstörungen sind nicht nachweisbar. Das Bild entspricht
in seinen wesentlichen Zügen der von mir abgegrenzten peripheren Erythromelalgie.
IV. Mitteilung an den Herausgeber.
Von unserem sehr verehrten Mitarbeiter, Herrn Dr. Milt Oeconomakis,
erhalten wir die folgenden Zeilen:
Athen, im Oktober 1914.
Sehr geehrter Herr Kollege!
In den schweren Zeiten, die gegenwärtig anf dem deutschen Volke lasten, fühle ich
mit vielen Griechen, welche wahrend ihrer Studienzeit deutsche Kultur and Sinnesart kennen
und schätzen gelernt haben, in Dankbarkeit für die in Deutschland erhaltene wissenschaft¬
liche und allgemeine Förderung, das Bedürfnis, den Freunden und Lehrern in D:utsch1and
meine warme Sympathie auszudrücken.
Die einmütige und opferwillige Erhebung des deutschen Volkes, das Zasauimenstehen
aller Parteien und Klassen ohne Unterschied von Stellung und Rang, sein heldenmütiges Ver¬
halten, die an den Tag gelegte opferwillige Fürsorge für alle vom Kriege direkt oder in¬
direkt Betroffenen, und nicht minder die gerade bei diesem Anlasse zutage getretene erstaun¬
liche wirtschaftliche Starke Deutschlands, rufen volle Bewunderung hervor.
Ich empfinde daher um so mehr das Bedürfnis, mein tiefstes Bedauern auszusprecheo
über Berichte von Vorkommnissen, welche mit der ganzen Art des deutschen Volkes und
seinem Ehrgefühl nicht im Einklang stehen können. Wer das Glück gehabt bat, deutsches
Wesen in Wahrheit kennen zu lernen, wird niemals geneigt sein, solchen Berichten
Glauben zu schenken.
Io der Überzeugung, daß Deutschland um die Erhaltung seiner hohen Kultur kämpft,
hege ich die Hoffnung und spreche den Wunsch ans: das deutsche Volk und seine
Kulturarbeit mögen unbeeinträchtigt ans dieser schweren und unheilvollen
Krisis hervorgehen.
Daß eine große Anzahl Griechen aller Berufsarten mir gleichgesinnt sind, weiß ich
sicher. Sie würden auch gern an eine ähnliche Kundgebung gemeinsam herantreten, wenn
sie es nicht als eine patriotische Pflicht erachteten, in keiner Weise Veranlassung zu geben,
daß ein derartiges Vorgehen als eine Verletzung der von unserer Regierung offiziell erklärten
Neutralität von irgend einer Seite mißdeutet werden könnte.
Um so mehr fühlt sich jeder von uns veranlaßt, einzeln diese seine Gefühle der Be¬
wunderung und Sympathie seinen Freunden und Lehrern znm Ansdruck zu bringen.
Hoch Deutschland!
Mit vorzüglicher Hochachtung und besten Grüßen
Ihr stets ergebener
Dr. Milt. Oeconomakis.
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn
Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Vair & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbk & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prot £. MendeL
Herausgegeben
TOD
Dr. Kurt Mendel.
Yicrunddreißigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen des ln- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 1. Febrnar. Nr. 3.
Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Eine neue Methode zur Färbung der Neuroglia,
Ton Ramön y CaJaL 2. Einige Bemerkungen zur Diagnose des Hirntumors anläßlich eines
operierten Falles, von Milt. Oeconomakis.
II. Referate. Kriegsbeobachtungen (Tetanus). 1. Behandlung schwerer Tetanus¬
falle, Yon Kocher. 2. Erfahrungen über die Behandlung des Tetanus, von Hochhaut. 8. Zur
Behandlung des Tetanus, von Alexander. 4. Zur Behandlung des Tetanus, von Rothfuchs.
5. Einige Ratschläge für die Behandlung des Wundstarrkrampfes, von Müller. 6. Bericht
über 31 Tetanusfalle, von Kreuter. 7. Über die Behandlung des Tetanus mit Lumina!, von
Kühn. 8 . Ein Fall von Intoxikation nach Tetanusheilserum, von Boenheim. 9. Magnesium*
therapie des Tetanus, von Roznowski. — Alkoholismus. 10. Zur Psychologie des Alko¬
holismus, von Vera Strasser-Eppelbaum. 11. Zur Psychologie und Therapie des Tunichtguts
und des Trinkers, von Sadger. 12. Über einen Fall von Korsakoffschem Symptomenkomplex
alkoholischen Ursprungs, von Hayathi. 13. Über die ärztliche Seite der Trinkerfürsorge,
von Runge. 14. Alkoholisrous und Frauen, von Rüper. 15. Aus der Praxis der Entmündigung
wegen Trunksucht, von Schott 16. Alkohol und Arbeit, von Oonath. 17. Familiendegene-
ration und Alkohol. Die Amberger im XIX. Jahrhundert, von Rosenberg. 18. Süll’ anta-
gonismo fra i riflessi tendinci ed i riflessi cutanei nell* alcoolismo cronico, per Ferrari.
19. Erfahrungen mit Ureabromin bei der Alkoholentziehung, von Bufe. 20. Die Über¬
treibungen der Abstinenz. Eine diätischo Studie für Mediziner und Nichtmediziner, von
Sternberg. 21. Sülle alterazioni del sistema nervoso centrale dellc cavie nella intossicazione
acuta e cronica per vari alcools, per Ferrari. 22. Die akute Halluzinose der Trinker. Bei¬
trag zur Kenntnis von den Intoxikationspsychosen, von Kohlmann. 23. Zur Kasuistik der
Alkohol halluzinose und einige Bemerkungen über Gedankenlautwerden, von Seelert.
24. Krücken oder Beine, von Bleuler. 25. Die Alkoholgeistesstörungen gemeinverständlich
als Grundlage der praktischen und strafrechtlichen Trinkerfürsorge dargestellt, von Schaefer.
26. Alkohol und Verbrechen in Bayern, von v. Hertig. 27. Zur Behandlung des Delirium
tremens, von Schneider. 28. Zur Behandlung des Delirium tremens, von Scharnke. 29. Zur
Behandlung des Delirium tremeDs mit Veronal, von v. d. Porten. 30. Alcool et delirium
tremens, par Oemole. 31. Zur Kenntnis des Adalins, von Siebelt. 82. Schutz vor Schlaf¬
mittel Vergiftungen, von Cimbal. 33. La degenerazione primaria delle fibre nervöse del cer-
vello in seguito ad avvelenamento sperimentale da alcool, per Bertoloni. 34. Über Verlauf
und Ausgang des Korsakoffschen Symptomenkomplexes auf alkoholischer Grundlage, von DOrr.
35. Ein Fall von akuter Psychose bei chronischer Trional-Veronalvergiftung, von v. Muralt
36. La fixation des poisous sur le syst&me nerveux, par Guillain et Laroche. 37. De la
dipsomanie, par Perelmann. — Unfall. 88. Gehirnblutung hei „betriebsüblicher* 4 Arbeit
als Unfallfolge, von Grassmann. 39. Telephon — Gutachten für das Königliche Kammer¬
gericht, von Förster. 40. Nervöse Unfallfolgen nach Starkstrom Verletzungen, von Schmückino.
41. Über traumatische Spätapoplexie, von Schuster. 42. Zur Kenntnis der Unfälle durch
Elektrizität, von Fischl. 43. Pseudogibhns (Pseudokyphosis) traumaticus, von Haäkovec. —
Psychiatrie. 44. Neae Ernährnngsversache hei Irren mit Sanatogen, von Berze. 45. Unfall¬
kunde and Psychiatrie, von Maier. 46. Ein Fall von snbakuter Psychose nach Schädel-
tr&uma, von Uhlmann. 47. Ein Fall von tranmatischer Geistesstörung, von Gessner. 48. Über
Entwicklung von Geistesstörung nach Unfall, von Feige. 49. Posttranmatische Spätpsychose
oder Dementia arteriosclerotica? von Stein. 50. Ein Beitrag zu dem Kapitel: Traumatische
xxxiv. 6
Digitized by
Gen »gle
Original fro-m
UNIVERSITY QF MICHIGAN
82
Neurosen, vod Beinhold. 51. Zur Lehre von den durch Isolation entstehenden Psychosen,
von Briese. 52. Über die Folgen psychischer Vorgänge auf Körper und Seele, von Reichirdt.
53. Lehrbuch der psychiatrischen Diagnostik, von Gregor.
III. Aus den Gesellschaften. Vereinigte ärztliche Gesellschaften zu Berlin, Sitzung vom
23. Dezember 1914.
IV. Zum Gedächtnis Prof. Lothar von Frankl-Hochwarts. Von M. Nonne in Hamburg.
V. Verschiedenes.
I. Originalmitteilungen.
1. Eine neue Methode zur Färbung der Neuroglia. 1
Von Bamön y Cajal (Madrid).
[Dieser Aufsatz war ffir eine Feetnummer anläßlich des geplanten Internationalen
Kongresses für Neurologie, Psychiatrie und Psychologie (Bern, 7.—12. September 1914)
bestimmt.]
Nach der Veröffentlichung der wichtigen technischen Methoden von Golgi
(1885) und von Weigebt (1895) ist eine große Zahl von Vorschriften, nach
denen eine mehr oder minder konstante und schließlich selektive Färbung der
Nearoglia des Nervensystems erreicht werden sollte, veröffentlicht worden. Es
genügt wohl, hier nur au die wichtigsten der modernen Färbemethoden zu er¬
innern: an die von Anglade und Morel (1901), die neuesten Rezepte von
Alzheimer (1910), Da Fano (1906) und Fibandt (1910 bis 1911), die auf
Verwendung von Malloby's Hämatoxylin, nach vorheriger Einwirkung ver¬
schiedener Beizen, beruhen.
Neben unleugbaren Vorzügen leiden alle die genannten Methoden an Fehlem
und Unvollkommenheiten. Cebletti, ein ausgezeichneter Kenner der modernen
Gliafärbetechnik, bestätigt, daß die meisten Methoden wirklich gnt (manche
sogar ausschließlich) nur die fibröse Neuroglia färben, d. h. die in der weißen
Substanz der Zentren so reichlich vorhandenen RANViEB-WEiGEBT’schen Fibrillen.
Die protoplasmatische Nearoglia färben sie unzuverlässig und ungenau; ihre
Struktur sowie Verlauf und Endigungen ihrer Ausläufer lassen sie ganz im
Dunkeln. In ähnlichem Sinne änßert sich Achucarro, der ausgezeichnete Ver¬
treter der Alzheim ER’schen Schule, der sämtliche wichtigeren, heute gebräuch¬
lichen Hilfsmittel zur Demonstration der normalen und pathologischen Glia
durchprobiert hat. Diese Fehler sind um so bedauerlicher, als gerade die proto¬
plasmatischen Neurogliazellen in physiologischer und pathologischer Beziehung
besonderes Interesse bieten, da sie in der Hirnphysiologie von aktiver Bedeutung
sind und nur ihre erkrankten Ausläufer sehr stark auf die Neurouen einwirken.
Sicherlich gibt uns die GoLGi’sche Methode oder ihre Varianten ein vor¬
zügliches Kriterium für die Beurteilung der protoplasmatischen Neuroglia, deren
Verästelungen sie uns genau und deutlich auf ungefärbtem und durchsichtigem
Grunde aufzeigt. Bekanntlich hat aber die Silberfärbung große Schattenseiten.
1 Aus dem französischen Original übersetzt.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
83
Sie mißlingt sehr häufig, gibt launische und fragmentarische Bilder und schlie߬
lich verdeckt sie, indem sie das ganze Protoplasma durchsetzt, die feinere
Struktur, so daß sie nichts über noch strittige Fragen der Struktur und der
Ernährung der Glia zu entscheiden ermöglicht.
Die Nachteile der GoLOi’schen Methode und die Unzulänglichkeit der
modernen Neurogliafärbetechniken rechtfertigen die Versuche von einigen An¬
hängern der Bielscbowskü 'sehen Methode, von Achucabbo und mir selbst,
ein Verfahren der Metallimprägnation zu finden, daß möglichst der zweifachen
Bedingung genügt: die Protoplasmafortsätze genau aufzuzeigen und durchsichtige
Bilder zu liefern. Da sich das Protoplasma der Neuroglia mit basischen Analin¬
farben oder mit Hämatoxylin nicht selektiv, also nicht stark färbt, so glaube ich,
daß das Problem der Morphologie der Glia (ebenso wie das der Verbindung der
Neuronen) nur durch die Entdeckung konstanter Metallimprägnationsmethoden
gelöst werden kann, da die letzten Ausläufer der Neuroglia und der Nerven-
kollateralen an Feinheit beinahe an das Ultramikroskopische grenzen und allein
die Metaliniederschläge die genügende Farbensättigung zur Lichtbarmachung
von Fibrillen mit einem Durchmesser von etwa 0,1 besitzen. Diese Hoffnung
erscheint nicht unbegründet, das beweist einerseits die vorzügliche Methode
Achucabbo’s 1 mit Taninbasen und ammoniakalischem Silbernitrat, die unter
bestimmten Bedingungen die Fortsätze der protoplasmatischen Neuroglia sehr
fein und vollständig imprägniert, andererseits mein Uran-Formol verfthren, 2 das
sehr gute Bilder von den Endverzweigungen der Neurogllafortsätze (Astrozyten
mit kurzer Strahlung) in Tiergehirnen gibt. Aber auch diese beiden Methoden
sind, so vorteilhaft sie sich auch in manchen Fällen erweisen, etwas unsicher;
das meine (Formol-Uran) ist bei menschlichen Hirnrinden überhaupt nicht an¬
wendbar.
Angesichts dieser Tatsachen ist es wohl zu verstehen, daß ich neue Unter¬
suchungen über Metallimprägnationsmethoden angestellt habe. Zu diesen ver¬
wandte ich aber keine Silber-, sondern Goldsalze. Die Goldsalzlösung läßt man
auf vorher in Formol gehärtete Gefrierschnitte des menschlichen Gehirns ein¬
wirken. Zwar ist diese neue Vergoldungsmethode von dem ersehnten Ideal noch
weit entfernt, doch sie besitzt, wie wir später hören werden, einige tatsächliche
Vorzüge: sie gibt durchsichtige purpurne oder rote Färbungen, zeigt den ganzen
Verlauf der Neurogliafortsätze deutlich abgehoben vom ungefärbten Grunde und
ist — wenn die Reaktion gelingt — eine selektive Färbung der Glia der
weißen und der grauen Substanz. Schließlich ist sie zuweilen auch mit Erfolg
bei den Gehirnen der Laboratoriumstiere (Hunde, Katzen usw.), sogar bei noch
in Entwicklung begriffenen (neugeborene Hunde und Katzen) anwendbar, wenn
sie auch die besten Resultate bei Präparaten der menschlichen Hirnrinde gibt
1 Achucabbo: „Nueto metodo para el estudio de la neuroglia y tejido conjunctivo.“
Boletin de la Sociedad Espaüola de Biologia (1. Jahrgang, Sitzung vom 20. Okt. 1911). —
„La eetructura de la neuroglia en la cortega cerebral“ (Ebenda. März 1913).
* S.R.Cajal: „Förmula de fijacioc para la demonBtratiön fäcil del aparato de Golgi etc.“
Trabajoe del Laboratorio de Iuvestigaciones biolögieas (X, 1912).
6 *
Original from
UMIVERSITY OF MICHIGAN
84
Prinzipien der Methode.
Die Methode stützt sich auf eine besondere Eigenschaft des Sublimats.
Wenn man einen in Formol gehärteten Qefrierschnitt von Nervengewebe mit
Goldchlorid behandelt, so verursachen die organischen Bestandteile der grauen
und weißen Substanzen, mit oder ohne Mitwirkung des Lichtes, eine Reduktion
des Goldchlorids, die sich in der Gestalt eines fast gleichmäßigen rosafarbenen
oder violetten Niederschlages äußert. Diese Färbung ist jedoch keine selektive,
bzw. bevorzugt in geringem Grade die markhaltigen Fasern, kommt also für
die Nerven Zytologie nicht in Betracht. Setzt man aber der Goldchloridlösung
noch einen Reaktionsbeschleuniger hinzu, der gleichzeitig ein Beizmittel ist,
beispielsweise Ätzsublimat, 1 dann verläuft der Reduktionsprozeß aktiver und die
metallischen Niederschläge von rotvioletter Farbe lagern sich fast ausschließlich
— wenigstens zu Beginn — in dem Protoplasma der Neurogliakörperchen ab.
Das Sublimat selbst erleidet scheinbar im Verlaufe der Reaktion keine Ver¬
änderungen, auch ist es an dem Niederschlag nicht beteiligt.
Wir lassen im Augenblick den physikalisch-chemischen Mechanismus, zu
dessen Aufklärung uns noch alle notwendigen Daten fehlen, beiseite und
fassen kurz den modus operandi zusammen:
1. Stücke menschlichen Gehirns werden in folgendem Fixationsmittel gehärtet :
Formol .... 14 ccm
Wasser .... 100 „
Ammoniumbromat 1 2 g
An Stelle von Ammoniumbromat kann man auch Ammoniumnitrat verwenden.
Man darf nicht zu viele und nicht zu dicke (über ] / 2 om) Gewebsstückchen
nehmen» In dem Fixationsmittel beläßt man sie 2 bis 8 Tage.
2. Schneiden der Gewebsstücke mit dem Gefriermikrotom. Eine Anzahl
Schnitte von etwa 20^ Dicke werden im Fixationsbad gesammelt, wo man sie
aufbewahrt, bis man die Imprägnation vornehmen will.
3. Schnelles Auswaschen der Schnitte (ein paar Sekunden) zweimal nach¬
einander in destilliertem Wasser, um den Überschuß an Formol auszuziehen.
4. Jetzt kommen die Schnitte für 4 bis 8 Stunden in eine folgendermaßen
zusammengesetzte Flüssigkeit, die vor Licht zu bewahren ist:
Reines Goldchlorid * von Merck 1 auf 100 10 ccm
Sublimat 5 auf 100. 8 „
Destilliertes Wasser. 50—60 „
1 Eine Mischung von Sublimst and Goldchlorid hat Zibhbn schon frfiher (1891) zur
Friernng und Färbung bei seiner Imprägnationsmethode der grauen Hirnrinde angegeben.
Bei meinem Verfahren wird das Sublimat zu einem anderen Zweck verwendet: es imprägniert
nicht, sondern bedingt nur die selektive Ablagerung des reduzierten Goldes.
* Das Ammoniumbromat ist zur Reaktion nicht erforderlich, diese erfolgt anch, vielleicht
noch energischer, in Formol allein, aber dann wird der Metallniederschlag weniger fein ud
zur Erforschung der ProtoplasmaBtruktur weniger geeignet.
* Es ist vorteilhafter das brannc Goldchlorid (von Mbrck) zu verwenden, weil es viel
aktiver ist als das gelbe des Handels.
Digitizer! b'j
Google
Original fro-m
UNIVERSfTY OFMICHK
»AN
85
Diese Lösung muß stets frisch bereitet werden. Um intensive Färbungen
iu erlangen, muß man das Verhältnis zwischen Zahl der Schnitte und Menge
des Goldbades genau regulieren. Auf 25 ccm Goldbad soll man nicht mehr als
6 bis 8 Schnitte rechnen, von denen jeder einzelne glatt auf dem Boden des
Gissgefäßes ausgebreitet liegen soll.
Man handhabt die Schnitte am besten mit zugespitzten Holz* oder spitzen
Glasstäbchen, nicht mit Nadeln. Die Flüssigkeit, in die man die Schnitte legt,
muß im Dunkeln gehalten werden, weil sie durch Licht geschädigt wird. Die
Redaktion setzt bereits in der ersten Stunde ein und nimmt in den folgenden
Standen stetig zu, wobei die Schnitte allmählich eine violette Färbung an«
nehmen.
5. Neuerliches schnelles Auswaschen der Schnitte in reichlicher Menge
destillierten Wassers.
ti. Fixierung in folgender Flüssigkeit:
Natriumhyposulfat.10 g
Destilliertes Wasser.120 ccm
Natriumbisulfat in konzentrierter Lösung 5 „
Man gießt gewöhnlich zuerst die Lösung des Natriumhyposulfats in ein
Porzellan* oder Glasschälchen, taucht die Schnitte hinein und säuert dann die
Flüssigkeit mit 2 bis 3 Tropfen von Natriumbisulfat an, denn durch ihre Alkali*
nität würde sonst die Struktur des Nervengewebes aufquellen und stark gedehnt
werden.
7. Nachdem die Schnitte etwa 15 Minuten im Fixierbad verweilt haben,
wäscht man sie zweimal in 40 0 / 0 igem Alkohol aus. Dann tut man sie auf einen
Objektträger, saugt die überschüssige Flüssigkeit mit reinem Fließpapier ab und
entwässert mit einigen Tropfen absoluten Alkohols.
8. Aufhellen der Schnitte durch Nelkenöl oder Origanumöl, Entfernung des
Öls durch Xylol und endlich Einscbließen in Kanadabalsam.
Die Färbung wird vom Licht und von harzigen Trägern nicht angegriffen.
Sie eignet sich vorzüglich zu mikrophotographischen Aufnahmen.
Makroskopisch sehen gut imprägnierte Schnitte aus wie intensiv gefärbte
Hämatoxylinpräparate. Der Grundton der Färbung ist rotviolett oder purpur.
Hellrosa* oder Helllilafarbung ist stets ein Zeichen ungenügender Färbung.
Sieht das Präparat dagegen blauviolett oder blaugrau aus, so ist die Reaktion
za körnig ausgefallen.
Zur Untersuchung der Präparate braucht man stets einen Zeiss-Apochro-
maten von 1,30 und einen ABBß’schen Kondensor ohne Blende. Die trockenen
Apochromaten geben bei großer Blende auch sehr hübsche Bilder. Die Neuroglia*
zellen präsentieren sich bis in ihre feinsten Ausläufer schön purpurrot gefärbt
und heben sich deutlich von dem ungefärbten Grunde ab. Die Neuronen
färben sich samt ihren Ausbreitungen in gut gelungenen Präparaten zwar nur
schwach, aber doch so viel, daß man die Neuroglia ohne Schwierigkeit lokalisieren
kann. Starke Färbung der Neuronen ist ein Zeichen, daß die Schnitte zu lange
im Sublimat-Goldbad geblieben sind.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
86
Wie bei vielen anderen Methoden, beispielsweise der Ach ucABBo’schen,
färbt sich die weiße Substanz der Neuroglia energischer und konstanter als die
graue. Die Ausläufer oder dickeren Äste, die zu den Blutgefäßen ziehen, er¬
scheinen ebenfalls intensiv gefärbt. Im allgemeinen kann man sagen, daß die
Neurogliaausläufer um so feiner und leichter vergoldbar sind, jo frischer und
normaler das untersuchte Gehirn ist (plötzlicher Tod durch Unfall). Wie bei
den anderen Methoden, färben sich die Konturen des Soma und der Beginn
der Ausläufer stärker als die um den Kern herum gelegene Hauptmasse des
Protoplasmas.
Für das Studium der Ranveeb- WEiGEBT’schen Fibrillen gibt uns die
Reaktion einige nützliche Variante. Manchmal heben sich diese, etwas gekörnt
erscheinenden, Fasern von dem schwach lila gefärbten Protoplasmagrund deut¬
lich ab, in anderen Fällen weisen Fibrillen und Protoplasma die gleiche Tönung
auf und der intrazelluläre Charakter der WEiGEBT’soheu Fibrillen tritt deutlich
hervor . 1
In den mittleren und tiefen Schichten der Neurogliazellen der grauen Sub¬
stanz lagert sich der größte Teil der metallischen Niederschläge ab. Häufig
wird die Gliafärbüng der molekularen Zone schwächer, doch erhält man nicht
selten auch Schnitte, in denen die ganze graue Substanz, inklusive der mole¬
kularen Zone, ihre protoplasmatische Glia erkennen läßt.
Bei frischem Gehirn und gut gelungener Reaktion erscheint das Proto¬
plasma der Astrozyten der grauen Substanz ausgesprochen schlammig, und ent¬
hüllt ein System von Scheidewänden und sehr zarten violett gefärbten Filamenten,
welche die ungefärbten Räume voneinander trennen und vermutlich den Rio-
somen Fb&andt’s oder den Mitocbondrien von Manai, Nageotte und Aohu-
cabbo entsprechen.
Endlich gelingt es verhältnismäßig häufig, die Zentrosomen schön rot oder
violett zu färben, etwas schwächer die Einschlüsse oder Pigmentkörperchen des
Protoplasmas der Neuroglia.
In Schnitten von Kleinhirn, Medulla und Rückenmark ist die Imprägnation
stets etwas körnig und nicht sehr intensiv. Wir müssen uns stets vor Augen
halten, daß die Sublimat-Goldreaktion nur bei der menschlichen
Hirnrinde schätzenswerte, oft sogar ausgezeichnete, Resultate gibt
Auf Grund dieser Vorliebe für die Rinde und der Allgemeinheit und relativen
Konstanz der Reaktion hoffe ich, daß die neue Methode der pathologischen
Anatomie von Nutzen sein wird. Diese Hoffnung erweist sich auf Grund der
1 Wünscht man eine ausschließliche Färbung der WsiOBBTschen Fibrillen za erhalten,
die an Feinheit and Durchsichtigkeit der Bilder mit den ALZHBiun&’schen Präparaten ver¬
gleichbar ist, so ersetzt man den Fixator Formol-Bromaminoninm oder Formol-Ammonium-
nitrat durch folgendes Bad: Formol 14, Wasser 100, Karbamidnitrat 2 (oder bis zur Sättigung).
Auch Azetamid gibt unter gleichen Bedingungen identische Resultate. Aber bei derart ge¬
färbten Präparaten bleicht die Glia der grauen Substanz mit der Zeit sehr aus.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
87
neuen Arbeiten von Achooabbo und Gayabre 1 über senile Demenz und der
(unter der Presse befindlichen) Arbeiten von Tello über die Veränderungen
der Neuroglia bei infektiösen Granulomen und Hirntumoren als wohl begründet.
Mir selbst 2 hat die Methode bei meinen Untersuchungen über Vernarbung der
Glia nach Hirntumoren (bei Hund und Katze) recht gute Dienste geleistet.
Obgleich die neue Methode durchaus nicht den Ehrgeiz hat, die übrigen
gebräuchlichen und sehr schätzbaren Methoden zu verdrängen, wird sie Kraft
ihrer Einfachheit und exquisiten Spezifität doch in allen zweifelhaften Fällen
eine gute Kontrolle sein, beispielsweise wenn es sich darum handelt, den glio-
matösen Charakter einer Verletzung oder eines Hirntumors festzustellen. Außer*
dem hat sie unter anderen noch den Vorzug, daß sie weder mesodermale Zellen,
noch Kollagenbündel, noch die dendritischen Neuronenausläufer mitfärbt.
Madrid, den 24. Juli 1914.
2. Einige Bemerkungen zur
Diagnose des Hirntumors anläßlich eines operierten Falles.
Von Milt. Oeoonomakis (Athen).
[Dieser Aufsatz war für eine Festnummer anläßlich des geplanten Internationalen
Kongresses für Neurologie, Psychiatrie und Psychologie (Bern, 7.—12. September 1914)
bestimmt.]
Wenngleich wir eine ganze Reihe von pathognostischen Zeichen besitzen,
welche gegebenenfalls die Diagnose eines Hirntumors sichern und besonders in
den letzten Jahren das Fortschreiten unserer Kenntnisse über das Wesen der
Himerkrankungen, die das klinische Bild des Hirntumors Vortäuschen können,
uns von Tag zu Tag mehr in den Stand setzt, diagnostische Irrtümer zu ver¬
meiden, so kommen doch atypische Fälle vor, bei denen man wünschen möchte,
man hätte noch mehr diagnostische Anhaltspunkte zur Disposition. Die Zahl
der in die Rubrik „Tumor cerebri“ fallenden diagnostischen Irrtümer ist be¬
kanntlich immer noch eine nicht gerade unbedeutende. Folglich kann jeder
Beitrag, wie gering er auch sein mag, der zur Bereicherung unseres diagnosti¬
schen Wissens, wenn auch nicht durch Auffindung von neuen Zeichen, so doch
wenigstens durch Klarstellung des Wertes der bereits vorhandenen, mithilft, uns
nur gelegen kommen.
Durch solche Erwägungen wurde ich zur Publizierung untenstehenden Falles
1 Achccabbo and Gayarbk: I. „La cortera cerebral en la demencia paralitica con el
naevo proceder al oro y sublimado de Cajal.“ Trab, del Lab. de Investig. biol. 1914.
Fase. 1. — II. „Contribnam al eetndio de la nearoglia en la cortera de la demencia senil etc.“
Ebenda.
* Cajal : I. „Estudio sobre la degeneracion y regeneracion del siatema nervoso.“ II.
1914. 8. 363 ff. — II. „Contribution al associmento de la neuroglia del ccrebro humano.“
Trab, del Lab. de Investig. biol. XI. 1913.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
88
bewogen, bei dem es sich um ein diffuses Gliom der motorischen Zone handelt»
das sich jahrelang unter dem Bilde einer genuinen Epilepsie verborgen hielt
und dann in dem Zeitraum weniger Monate die Anzeichen der Herderkrankung
darbot, die eine genauere Lokalisation und die Indikation zum chirurgischen
Eingreifen ermöglichten. Die Operation wurde von Prof. Dr. H. CoENEN-Breslau,
während seiner Anwesenheit in Athen als Chef des Deutschen Boten Kreuzes
ausgeführt, dem ich für die liebenswürdige Überlassung des Operationsprotokolls
zu großem Dank verpflichtet bin.
A. B., 39 Jahre alter Bootsbesitzer, seit 6 Jahren verheiratet, 3 lebende
Kinder, 4 Fehlgeburten. Vater Alkololist, an Gehirnerweichung gestorben. Pak
soll auch, bis vor 5 Jahren, ein starker Alkoholist gewesen sein. Lues angeblich
im Jahre 1896, unregelmäßig mit Hg und Jodkali behandelt.
In jungen Jahren einmal Kopfverletzung durch Sturz von einem Karren;
davon ist eine kleine Narbe in der Mitte der Stirn zurückgeblieben. Ein anderes Mal
allgemeiner Hautausschlag, angeblich durch unbekannte Infektion beim Barbier.
Sonst völlig gesund bis 1898, als er eines Tages am Deck eines Dampfschiffs
plötzlich zu Boden stürzte und von allgemeinen Krämpfen befallen wurde.
Darauf 48 Stunden bewußtlos. Während dieser Zeit wiederholten sich 8mal die
schweren Krampfanfalle und jede 10 Min. traten leichtere auf; erstere unterschieden
sich von den leichten durch die Dauer und Stärke der allgemeinen Zuckungen.
Einen Monat lang nachher konnte er sich auf nichts besinnen, erkannte auch Per¬
sonen und Gegenstände schlecht. In den nächsten 6 Jahren keine Krämpfe, noch
andere krankhafte Erscheinungen. Dann, angeblich, Abszeß im rechten Hypo¬
gastrium, das gespalten wurde; 3 Tage nachher noch 36 Stunden lang gehäufte
Allgemeinkrämpfe, wie oben, mit darauffolgender Gedächtnisschwäche ungefähr
20 Tage lang. Nach 3 Jahren Krampfanfall von viertelstündiger Dauer, der an
; der Unken Gesichtshälfte begonnen haben und während der allgemeinen mit Bewußt¬
losigkeit einhergehenden Attacke etwas stärker auf der linken Seite ausgebildet
gewesen sein soll. Von nun an alle 6 bis 6 Monate ein allgemeiner Krampf¬
anfall mit völliger Bewußtlosigkeit, bisweilen Beginn der Krämpfe links oder
stärkere Ausprägung daselbst. Zu Anfang der Attacke hatte er jedesmal das
Gefühl, wie wenn sein Kopf gewaltsam nach unten gedrückt werde. Durch Brom,
daß er unregelmäßig seit Jahren gebrauchte, auffälliges Unterbleiben der Anfälle;
es war das einzige Mittel, daß günstig auf den Zustand gewirkt haben roll.
Dagegen hatte die antiluetische Behandlung keinen Einfluß auf die Krämpfe.
Auch sah er eine günstige Wirkung durch Kassarinigebrauch im letzten Jahre.
Nach einem 14monatigen freien Intervall trat am 2. Juli 1912 wiederum ein
heftiger allgemeiner Anfall von einigen Minuten Dauer auf. Einige Tage vorher hatte
Pat. vorübergehend ein dumpfes Schmerzgefühl in der rechten Kopfhälfte. Aus¬
gesprochener Kopfschmerz stellte sich nie ein, auch nicht Erbrechen. Im
August 1912 begannen tägliche linksseitige Krämpfe, ohne wesentliche
Trübung des Bewußtseins. Bei gehäuftem Auftreten dieser partiellen Krämpfe
blieb eine Schwäche am linken Arm und Bein zurück. Brom hatte während dieser
Zeit nur geringe Wirkung.
Eine Untersuchung des Patienten zu dieser Zeit ergab kurz folgendes: Herab¬
setzung der groben motorischen Kraft am linken Arm und Bein, deren Grad analog
der Häufung der vorangehenden homolateralen Krämpfe wechselt. Erhöhung des
Patellarreflexes links, kein Babinski, auch kein anderes Zeichen von seiten der
Reflexe und der übrigen Motilität und Sensibilität. Pupillen beiderseits gleich,
reagieren normal. Augenhintergrund normal.
Ergebnis der Lumbalpunktion: Fließt klare Flüssigkeit in rasch
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
89
hintereinanderfallenden Tropfen. Spez. Gewicht 1007. Eiweißmenge
2,14 °/ 00 . NaCl 9,18 °/ 00 . Keine Zellen, weder Leukozyten noch rote Blut¬
körperchen. Wassermann in Blut und Liquor negativ (Dr. D. Sotibiades,
27. August 1912).
Patient klagt über Schwere im Kopf und macht einen leicht benommenen
Eindruck. Kein Kopfschmerz, auch kein Erbrechen. Puls normal, 90 in der
Minute. Urin ohne pathologische Bestandteile.
Seitdem allmähliches, stetiges Fortschreiten der Lähmungserscheinungen
links und Wiederholung der partiellen Krämpfe mit vorübergehender durch Brom¬
anwendung erzielter Besserung; dabei erfolglose antiluetische Behandlung (Hg
und starke Jodkalidosen).
Anfang Februar 1913 zeigte sich bei einer erneuten Lumbalpunktion eine stark
ausgesprochene Druckerhöhung, daher wurde von der Entleerung größerer
Mengen zur Untersuchung Abstand genommen. StatuB zu dieser Zeit: linksseitige
Hemiparese, unterer Fazialis, Arm und Bein. Der Arm ist stärker befallen. Auoh
die einseitigen Zuckungen, die jetzt seltener geworden, sollen hier stärker auf-
treten; bisweilen zuckt der Arm allein. Spastisch-hemiplegischer Gang, ohne
Schwanken. Die Sehnenreflexe sind links gesteigert, leichter Fußklonus, kein
Babinski, kein Oppenheim. Grasset positiv. Kremaster- und Bauchreflexe fehlen
links. Zwangsbewegungen, Chorea, Athetosis, Tremor, Hemiasynergie, Adiadocho-
kinesie sind nicht zu konstatieren. Keine Sensibilitätsstörung. Vibrationsempflndung
normal. Keine Störung des stereognostischen Erkennens. Keine Ataxie. Lage¬
empfindung normal. Sprach-, Lese- und Schriftvermögen ohne Veränderung. Keine
Beiz- oder Lähmungserscheinung im Gebiete der übrigen Gebirnnerven. Kein
Nystagmus. Kornealreflex beiderseits normal vorhanden. Keine Veränderung in
der Kopf- und Körperhaltung. Die rechte Körperhälfte zeigt keine Veränderung,
insbesondere bezüglich Motilität und Sensibilität.
Augenärztliche Untersuchung (Dr. A. Valettas- Athen): Beweglichkeit der
Augen normal. Linke Pupille größer als die rechte, übermittelweit Beide re¬
agieren prompt auf Lichteinfall, die linke jedoch weniger ausgiebig als die rechte.
Konvergenzreaktion beiderseits sehr ausgiebig. Keine Gesichtsfeldveränderung.
Augenhintergrund normal.
Patient klagt über dumpfen Kopfdruck in der Stirngegend. Keine Klopf¬
empfindlichkeit noch Veränderung des Perkussionsschalls am Schädel. Auch kein
Unterschied in der Temperatur der Kopfhaut. Durch Husten, Niesen, Pressen kein
Kopfschmerz hervorgerufen. Kein Schwindel, kein Erbrechen, noch Neigung dazu.
Schlaffer Gesichtsausdruck; Benommenheit, Blick ins Leere starrend. Wiederholtes
Gähnen bei der Untersuchung. Gut orientiert. Antwortet langsam und faßt mit
Mühe auf. Sprache leicht verwaschen. Sonst keine psychische Störung. Keine
Schlaf- noch Witzelsucht. Innere Organe ohne Veränderung. Temperatur 36,5.
Puls 85, ohne Veränderung. Keine Urinstörungen. Stuhlverstopfung.
Diagnose: Neubildung der linken motorischen Begion in der Höhle des Arm¬
zentrums.
Darauf wurde Patient im Militärkrankenhaus „Maraslion Chimion“ auf¬
genommen. 23./II. Operation (Prof. Dr. H. Coenen): I. TeiL Operation in
Choroformnarkose, da Patient sich auf lokale Anästhesie nicht einlassen will.
Nach Aufzeichnung des Schemas Kbönlein Schnitt biB auf den Knochen der
rechten Parietalgegend. Dabei starke Blutung aus der Kopfschwarte.
Nach Abheben des Knochendeckels Bieht man an zwei Stellen kleine, strahlen¬
förmige Auflagerungen, von denen jede die Größe eines Fingernagels hat. Mini¬
male Pulsation des Gehirns. Die Dura ist nicht so durchsichtig wie gewöhnlich.
Am sagittalen Bande des Fensters wölbt sich die Dura in Dreimarkstückgröße
leicht vor. Wegen starken Blutverlustes zweizeitige Operation. Zurückklappen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
90
des Deckels, Hautnaht, Druckverband. An demselben Tage: deutlicher epileptischer
Anfall, der die linke Seite bezog. Dauer etwa 3 Minuten. 24./II. Kein Anfall.
25. /IL II. Teil. Die Wunde wird ohne erhebliche Blutung geöffnet. Die
Gerinnselschicht wird entfernt. Darauf wird von der Mitte der medialen Knochen¬
leiste noch etwas fortgenommen. Jetzt wird die Dura geöffnet. Man erkennt an
der Stelle, wo vorher die Dura etwas vorgewölbt schien, also im Bereich des
sekundär erweiterten Knochenrandes, eine etwa 1 1 / 2 Fingerglied lange und
1 Fingerglied breite Stelle von graurötlicher Färbung, die wie ein Tumor aussieht.
Die tumorverdächtige Stelle ist nicht stumpf ausschälbar und wird in einzelnen
Stücken entfernt. Hierbei entleert sich bernsteingelbe Flüssigkeit. Bings um die
zurückgebliebene Höhle Tumorinfiltration, die stückweise entfernt wird. Im ganzen
wird ein wallnußgroßes Stück entfernt. Die Tumorbestandteile sind graurot. Er¬
hebliche Blutung.
Ob alles Tumorverdächtige entfernt ist, läßt sioh nicht mit Sicherheit sagen,
da der Einblick in die Höhle wegen der Blutung nicht klar ist. Exakte Schicht¬
naht. Abends allgemeiner Krampfanfall, 1 Minute lang.
26. /II. drei partielle Anfälle; 27./II. vier Anfälle von einseitigen Krämpfen;
28./II. vier leichtere Anfälle; 1. bis 3./III. Kein Anfall. Angeblich Kopfschmerz
im Bereiche der Wunde.
Mikroskopische Untersuchung der entfernten Geschwulststücke (Königl.
Chirurg. Klinik zu Breslau und Dr. Cilimbaeis, Athen): Die Gesamtheit der
Geschwulst besteht histologisch aus lauter gleichmäßig gebauten Zellen, die ein
verästeltes Protoplasmagerüst besitzen, mit feinen Fasern anastomosieren und einen
gut färbbaren kleinen Kern haben. Die Zellen liegen in einem weichen Gefüge
aneinander. An verschiedenen Stellen sieht man zwischen diesen Zellen Beste
normaler Gehirnsubstanz. Diagnose: diffuses Gliom.
22./III. 1913. Patient, der bis vor 2 Tagen ganz gesund gewesen sein soll,
fühlte wieder Vorboten in Form von Kribbeln am linken Arm und hatte inner-
halb zweier Tage wiederholt allgemeine Krampfe. Jetzt fühlt er dauernd Kribbeln
an der linken Seite des Körpers, wie wenn sich ein neuer Anfall vorbereite.
Völlige Heilung der Operationswunde. Patient verneint jede Beschwerde anderer
Art. Psychisch normal, lebhafter Blick. Normales Auffassungsvermögen- Keine
Anisokorie. Pupillenreaktion beiderseits normal. Fazialisinnervation beider¬
seits gleich. Gang normal, Gebrauch der linken Extremitäten fast normal. Ge¬
ringe Verminderung der groben Kraft am linken Arm. Patient kann den linken
Arm nicht über die horizontale Lage erheben, da es ihm Schmerzen im Schulter¬
gelenk verursacht.
Wassermann im Blut negativ. Lumbalpunktion: Flüssigkeit klar, fließt
tropfenweise, ohne Druck. Spez. Gewicht 1004. Einweiß 0,20 °/ 00 . Kein Zucker.
NaCl 3,40°/ 00 . Keine morphologischen Bestandteile im Sediment (Dr. J. Papassotibiou,
30./III. 1913).
Am 22./I. 1914 erschien Patient wieder zur Untersuchung. Gibt an, er
habe am 7./I., nachdem er fast ein Jahr« lang gesund war und ohne jegliche Be¬
schwerden seinen Beruf ausübte, einen partiellen Krampfanfall am linken Arm
gehabt. Wiederholung desselben dreimal bis heute; von Mal zu Mal sollen die
Anfälle stärker aufgetreten sein, ohne Trübung des Bewußtseins. Gibt ferner an,
daB er dauernd die Idee habe, die Anfälle würden wieder in der früheren Stärke
auftreten, und es lasse ihm dieselbe keine Buhe. Die objektive Untersuchung
ergab keinen wesentlichen Unterschied von der vorhergehenden, dagegen zeigt
sich sogar eine bedeutende Besserung in der Beweglichkeit des Armes.
Die letzten Mitteilungen (18./VII. 1914) über seinen Zustand lauten wie
folgt: Patient hat sehr oft ein unangenehmes Kribbelgefühl am linken Arm.
Dazu fühlt er periodisch dumpfen Schmerz in der rechten Schläfengegend von 6
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
91
bis 6 Standen Dauer. Im Februar 1914 batte er einen allgemeinen Krampfanfall
mit Bewnßlosigkeit, der links begann und 4 Tage lang eine Parese des linken
Beins zurückließ. Seitdem in Zwischenräumen von 8 bis 10 Tagen Auftreten
von leichten einseitigen Zuckungen, die sich auf Beugebewegungen der linken Hand
nebst Fingern beschränken und durch Reiben mit der anderen Hand leicht ge¬
hoben werden. Pupillen ohne Veränderung. Leichtes Zurückbleiben des linken
llundfazialis beim Lachen. Erhöhung der Sehnenreflexe der linken Seite, ohne
FuBklonus. Bauchreflexe beiderseits gleich. Kein Babinski, kein Oppenheim.
Dynamometer rechts 85, links 24. Patient klagt über allgemeine Schwäche und
Appetitlosigkeit und gibt an, daß er seit einiger Zeit eine wachsende Neigung
zum Schlafen hat. Kein Erbrechen, keine Pulsveränderung. Der Zustand ist
ihm bei seiner Arbeit kein Hindernis, aber er fürchtet immer die Wiederkehr
eineB heftigen Anfalls und läßt sich daher immer von jemand begleiten.
Also ein plötzlicher Beginn unter Status epilepticus, der sich nach einem
vollständig freien Intervall von 6 Jahren in derselben schweren Form noch
einmal wiederholte. Seitdem Auftreten allgemeiner Krämpfe mit Bewußtlosig¬
keit und ziemlich großen freien Intervallen. Es zeigt sich uns also hier das
typische Bild der genuinen Epilepsie, das sich durch die auffallend günstige
Wirkung der Brombehandlung noch typischer gestaltete. Das Geständnis des
Patienten, er sei luetisch, sogar vor dem Auftreten der Anfälle, infiziert, be¬
rechtigte jedenfalls dazu, ein antilnetisches Verfahren einzuschlagen; dasselbe
blieb aber erfolglos, obwohl es verschiedentlich wiederholt wurde. Von einem
Tumor konnte natürlich am wenigsten die Rede sein, da nicht nur damals,
sondern auch fast bis zum Vorabend der Operation die allgemeinen Hirn¬
erscheinungen, wie Kopfschmerz, Erbrechen, Schwindel, Pulsverlangsamung,
Stannng8papille dauernd fehlten.
In den letzten Jahren bemerkte Patient ein Über wiegen der Krämpfe an
der linken Körperhälfte, was sich in den letzten Monaten zu einer echten Rinden¬
epilepsie herausbildete. Als nun das vollkommene Bild einer Herdläsion der
rechten motorischen Zone zutage trat, wurde Pat. dem Chirurgen überwiesen,
dessen Operation uns ein diffuses, zystisch entartetes Gliom darbot. Die
Neubildung stammte, allem Anschein nach, von der weißen Substanz der rechten
Hemisphäre und wuchs beim weiteren Verlauf gegen die Rinde heran.
In ätiologischer Hinsicht ist neben dem Alkoholismus noch als wichtiges
Moment das Vorangehen einer Kopfverletzung hervorzuheben.
Ein solch anomaler Verlauf mit Vorausgehen von echt epileptischen All¬
gemeinkrämpfen nicht nur 15 Jahre lang, wie im vorliegenden Fall, sondern
selbst Dezennien hindurch ist wohl keine seltene Erscheinung (Bbuns, Oppen¬
heim, Ballet, Ed ingeb, Mingazzini, Simmonds u. a .) 1 Dies trug zum Ent¬
stehen der Frage bei: sind diese Krämpfe als ein selbständiges, durch seine
Anwesenheit nur den geeigneten Boden für eine Neubildung vorbereitendes Leiden
aufzufassen oder nichts anderes als die Vorboten der bereits vorhandenen Neu¬
bildung? Meines Erachtens, spricht obiger Fall für diese letzte Annahme, wenn
man nur außer der diffusen Beschaffenheit der Neubildung noch in Betracht
1 Vgl. Oppenheim, Lehrbuch. 6. Aufl.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
zieht, daß bei ihm das Fehlen der bekannten allgemeinen Tamorsymptome,
sogar noch als die Herderscheinnngen einsetzten, fortdanerte. Übrigens wäre
der Verlauf des entarteten Glioms ein ungewöhnlich schneller, wenn man seinen
Beginn erst mit dem Auftreten der Herdsymptome in Beziehung brächte.
Vielmehr könnte man die heftigen, von langdauernder Bewußtlosigkeit begleiteten
Anfälle der ersten Zeit mit brüsken Veränderungen, etwa Blutnngen innerhalb
des Gesohwulstgewebes in Beziehung bringen, die zur Verflüssigung eines großen
Teils desselben führten.
Die Eigentümlichkeit unseres Falles besteht darin, daß die allgemeinen
Hirnerscheinungen fast völlig fehlten, vor allem die Stauungspapille, die dauernd
vermißt wurde. Selbst dann noch, als der intrakranielle Druck einen bedeu¬
tenden Grad erreicht hatte, was durch die starke Erhöhung des Liquordrucks
und die Benommenheit des Patienten zum Ausdruck kam, war keine Ver¬
änderung im Augenhintergrund nachzuweisen. Es handelte sich dabei nicht
um eine kleine oder flächenbaft sich ausbreitende Geschwulst, sondern um eine
ziemlich große, welche trotz der zum großen Teil zystischen Umwandlung noch
genug feste Substanz aufwies. Könnte nun diese Erscheinung zugunsten der
toxischen Theorie der Stauungspapille benutzt werden, oder ist sie auf die un¬
gewöhnlich schnell entwickelte Druckerhöhung, wie sich aus obiger Kranken¬
geschichte ergibt, zurückzuführen?
Bei einem solchen Fehlen der Allgemeinerscheinungen verdienen nun die
Ergebnisse der Lumbalpunktion eine ganz besondere Aufmerksamkeit Zn
einer Zeit, als die auf eine Herdläsion hindeutenden Anzeichen kaum sichtbar
waren, und sie damals noch ebenso gnt als zum Bilde der gewöhnlichen Epi¬
lepsie gehörig, bei der auch mitunter einseitige Krämpfe Vorkommen, angesehen
werden konnten, ergab die dann erst vorgenommene Untersuchung der Zerebro¬
spinalflüssigkeit bei mäßigem Druck des Liquors eine auffällige Vermehrung
der Eiweiß men ge. Diese Vermehrung gilt bekanntlich auch für ein Charak¬
teristikum des Hirntumors. Die Untersuchung des Liquors gab uns also damals
das einzige Zeichen, das auf einen Tumor schließen lassen konnte. Die
darauf folgende stetige Progression der Lähmung und die wachsende Benommen¬
heit des Patienten vervollständigten dann die diagnostischen Anhaltspunkte.
Aber neben der Vermehrung der Eiweißmenge wurde auch eine solche an
Kochsalzgehalt (über 9°/oo) beobachtet, wie sie nach P. Jacob bei Echino¬
kokken vorkommt und deren Diagnose stützt. Daß sie sich auch bei Gliomen
nachweisen läßt, würde durch weitere Beobachtungen zu konstatieren sein. Bei
unserem Fall wäre die Vermehrung dieser Bestandteile höchstwahrscheinlich mit
der Anwesenheit der zystischen Flüssigkeit in Beziehung zu bringen. Beide
Bestandteile erwiesen sich nach der Operation als bedeutend, fast bis zur nor¬
malen Quantität, vermindert.
Was schließlich das therapeutische Resultat der Operation anbelangt, so
war eine radikale Heilung angesichts der diffnsen Beschaffenheit der Neubildung
kaum zu erwarten. Die Besserung war eine so weitgehende —, wie man ans
dem völligen Zurücktreten der Hirndruckerscheinungen und der Hemiplegie,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
sowie aas dem Seltener- and Schwächerwerden der Anfälle schließen kann —,
daß man den Fall nicht als erfolglos operiert bezeichnen darf.
Ich hoffe, daß ich den Patienten für den weiteren Verlauf des Leidens
nicht aus den Augen verlieren werde, da es interessant wäre zu sehen, ob eine
Bezidivoperation sich als notwendig erweisen wird. Bekanntlich hat Oppenheim
beobachtet, daß die Operation des diffusen Glioms mitunter ein rascheres Wachs¬
tum zur Folge hatte, während dagegen Hobelet den Eindruck gewonnen, daß
die bloße operative Freilegung die Gliome zur Rückbildung anregen kann.
Was ich resümierend zum Schluß wiederholen möchte, ist, daß die in der
Zerebrospinalflüssigkeit naohgewiesene Vermehrung des Eiweißgehalts im vor¬
liegenden Fall zu einer gewissen Zeit das einzige diagnostische Zeichen des
Hirntumors bildete. Daneben ist die parallele Vermehrung der NaCl-Menge, die
höchstwahrscheinlich in engerer Beziehung zur Tumorflüssigkeit steht, auch nicht
unbeachtet zu lassen. So kann die Untersuchung der Zerebrospinalflüssigkeit
bisweilen zu einem höchst wertvollen diagnostischen Hilfsmittel werden und
sollte daher in fraglichen Fällen nicht versäumt werden.
II. R e f e r a t e.
Kriegsbeobachtungen (Tetanus).
1) Behandlung schwerer Tetanusfalle, von Theodor Kocher. (Deutsche med.
Wochenschr. 1914. Nr. 46 u. 47.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei leichten Fällen im Anfangsstadium: Injektion von 10 ccm Antitoxinserum
in die Umgebung der Wunde unter Lokalanästhesie und in bloßliegende Muskeln,
endoneurale Injektion in die Nervenstämme, intralumbale Injektion von 10 ccm
Antitoxinserum nach Ablassen von etwa 10 ccm Liquor, subkutane Injektion von
30 bis 40 g 25°/ 0 iger Magnesiumsulfatlösung, große Dosen Cbloral, mindestens
2 g pro dosi bis zu 12 g in 24 Stunden.
Bei schweren Fällen intralumbale Injektion von Magnesiumsulfat 10 ccm der
15°/ 0 igen Lösung bei hoch gelagertem Kopf. Tritt keine Besserung ein, dann
Hals und Kopf tiefer lagern, eintretende Atemnot durch Sauerstoffinhalation unter
Überdruck intratracheal bekämpfen. Abkäblung des Körpers mit Eisblasen.
2) Erfahrungen über die Behandlung des Tetanus, von Prof. Hochhaus.
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel.
Prophylaktisch: Einspritzung von Tetanusserum, wenigstens 1 bis 2mal
20 A.-E. Bei ausgesprochenem Tetanus Injektion von 100 A.-E. in den Lumbal¬
sack, am folgenden Tage Wiederholung der Injektion, dann einige Tage gleiohe
Dosis subklavikular. Symptomatische Behandlung: Morphium und Magnesiumsulfat
subkutan.
8) Zur Behandlung des Tetanus, von Karl Alexander. (Münchener med.
Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt Antitoxin + Chloralhydrat per Klysma (einmalige hohe Dosis
am Tage: 10 g in 250 g Wasser).
4) Zur Behandlung des Tetanus, von Rothfuchs. (Münchener med. Wochen¬
schrift. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel.
Das Salvarsan im Verein mit dem Antitoxin beeinflußt den Tetanus günstig,
führt einen akuten Verlauf in eine leichtere, langsamer verlaufende Form.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
94
5) Einige Ratschläge für die Behandlung des Wundstarrkrampfes, von
Eduard Müller (Marburg). (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.)
Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt heiße Bäder, 20 bis 30 Minuten lang, Luminal (eventuell
Luminalnatrium 0,4 bis zu 5 mal täglich subkutan). Von Magnesiumsulfat und
Serum hat Verf. sichere Erfolge nicht gesehen. Bei drohender Erstickungsgefahr
ist die Tracheotomie indiziert.
6) Bericht über 31 Tetanusfälle, von Prof. Kreuter. (Münchener med. Wochen¬
schrift. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt intraspinale und intravenöse Seruminjektionen in großen
Dosen. Gesamtmortalität ohne Serum 78,9°/o> m Verf.'s 31 Fällen nur 35,5°/ 0 .
7) Über die Behandlung des Tetanus mit Lumina], von Dr. Kühn. (Münch,
med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel.
In einem Fall von Tetanus günstige Wirkung des Luminal 0,1 bis 0,3
(eventuell als Luminalnatrium subkutan).
8) Ein Fall von Intoxikation nach Tetanushellserum, von Dr. Felix Boen-
heim. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 52.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beobachtete in einem Tetanusfalle nach Einspritzung von 20 I.-E.,
die in 3 l / 2 ccm Serum enthalten waren, eigenartige Intoxikationserscheinnngen, und
zwar einen sich etwa in 12 Tagen über den ganzen Körper ausbreitenden Juck¬
reiz, der nach starker Defäkation sofort nachließ, bald aber von neuem anfing.
Man konnte dann eine starke Urtikaria sehen, die mit Fieber einherging und
Morphiumeinspritzungen notwendig machte. Nach Verschwinden des Juckreizes
stellten sich dann Mattigkeit und heftige Muskel-, Knochen- und Gelenkschmerzeu
ein. Von vier mit demselben Serum gespritzten Personen klagte nur noch eine
über Juckreiz an der Injektionsstelle, die anderen blieben verschont. Verf. meint,
daß die Möglichkeit vorliegt, daß die Intoxikation auf das artfremde Eiweiß za
schieben ist. Die Besserung nach der Defäkation legt den Schluß nahe, daß da¬
mit ein Hinweis für den Ort der Ausscheidung gegeben ist.
9) Magnesiumtherapie des Tetanus, von J. v. Roznowski. (Therapie der
Gegenwart 1914. Nr. 11.) Ref.: K. Boas.
Verf. empfiehlt auf Grund einer mitgeteilten Beobachtung bei Tetanus sub¬
kutane Injektion einer 25°/ 0 igen Magnesium sulfuricum-Lösung.
Alkoholismus.
° 10) Zur Psychologie des Alkoholismus, von Vera Strasser-Eppelbaum.
(Schriften d. Vereins f. Individualpsychologie. Nr. 5. München, Ernst Rein¬
hardt. Pr. 1,50 Mk.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a./S.).
Verf. stellte Assoziationsversuche bei Alkoholikern an und teilt die bei fünf
Kranken erhobenen Protokolle teilweise mit. Ein einheitliches Ergebnis, welches
differentialdiagnostischen Wert besitzen könnte, ließ sich nicht feststellen. Daß
teilweise sehr oberflächliche Assoziationen vorkamen, führt Verf. besonders darauf
zurück, daß die Patienten — ebenso wie auch häufig Gesunde — möglichst
prompte — und daher flache — Reaktionen zu bringen bestrebt waren, um mög¬
lichst gesund zu erscheinen. Das Gesamtresultat ist, daß die Ergebnisse des
Assoziationsexperiments bei Alkoholikern von denen beim Normalen nicht ab¬
weichen. Zum Schluß wird der Alkoholiker dem von Adler geschilderten „Neuro¬
tiker“ an die Seite gestellt.
11) Zur Psychologie und Therapie des Tunichtguts und des Trinkers, von
Sadger. (Wiener klin. Rundschau. 1914. Nr. 20.) Ref.: Pilcz (Wien).
Mit Begeisterung wühlt Verf. psychoanalytisch in den Angaben seines Falles;
selbstverständlich ist es wieder die Sexualität, welche einzig und allein die Trunk-
Di gitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
95
sucht und Züge der moralischen Minderwertigkeit erklärt und bedingt. Jedes
weitere Wort überflüssig.
12) Über einen Fall von Korsakoffsohem Symptomonkomplex alkoho¬
lischen Ursprungs, von D. Hayashi. (Mitteil. d. mediz. Gesellsch. zu Tokio.
XXVIII. 1914. H. 7.) Ref.: Kurt Mendel.
Krankbeitsbild und histologischer .Befund in einem Falle von Korsakoff
alkoholischen Ursprungs. Besprechung der Differentialdiagnose gegenüber Presbyo¬
phrenie. Am stärksten betroffen waren die erste Stirnwindung und die Insel,
wenig die Umgebung der Fissura calcarina, gar nicht das Kleinhirn. Die Ver¬
änderungen bestanden in lipoid-pigmentöser Entartung und lipoider Sklerose der
Nervenzellen, Wucherung der Gliazellen, Anhäufung von Lipoidsubstanz, Zunahme
der Amyloidkörpcrchen, Verdickung der Hirnhäute, feinkörniger Degeneration der
Zellen der 4. und 5. Rindenschicht.
13) Über die ärztliche Seite der Trinkerfürsorge, von Privatdoz. Runge (Kiel).
(Friedrichs Blätter f. gerichtl. Med. LXIV. 1913. H. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Alle an schweren alkoholistischen Geistesstörungen leidenden Patienten sind
längerer Anstalts- oder Krankenhausbehandlung bedürftig, ebenso die chronischen
Alkoholisten mit erheblicheren Defekten, die immer wieder rückfällig werden.
Dagegen können die Trinker, welche nach Ernüchterung noch keine erheblichen
Defekte zeigen und einsichtsvoll geworden sind, nicht zurückbehalten werden.
Diese sollten möglichst überredet werden, sich in eine Trinkerheilstätte aufnehmen
zu lassen. Es fehlt uns noch ein Alkoholersatzgetränk für die breiten Volks¬
klassen. Staat, ärztliche und private Fürsorge müssen Zusammenarbeiten.
14) Alkoholismus bei Frauen, von Dr. Röper. (Deutsche med. Wochenschrift.
1914. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei den schweren Formen alkoholistischer Geistesstörung ist der endogene
Faktor fast die conditio sine qua non. Derselbe besteht in den meisten Fällen
in einer angeborenen geistigen Minderwertigkeit, er kann aber auch erworben sein,
vor allem durch schwere Schädeltraumen oder erschöpfende Krankheiten. In dem
Material des Verf.’s erwiesen sich zumeist schon die Erzeuger schwer belastet oder
die Patientinnen selbst boten schon von Kindheit an Zeichen einer psychischen
Eigenart dar. Nur in 2 von 38 Fällen gelang es dem Verf. nicht, den endogenen
Faktor nachzuweisen.
16) Aua der Praxis der Entmündigung wegen Trunksucht, von Schott.
(Allg. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle.
Verf. äußert sich dahin, daß die Maßnahme der Entmündigung im Kampfe
gegen die Trunksucht nicht das leistet, was man von ihr erwartete. Grund hierfür
ist, daß die Juristen dieser Maßnahme nicht sympathisch gegenüberstehen, sich
zu sehr von formalen Gesichtspunkten beeinflussen lsssen, und die Entmün-
digung meist viel zu spät durchführen. Es ist auch ein großer Mangel der Ge¬
setzgebung, daß bei der Entmündigung die Beiziehung eines ärztlichen und in der
Irrenheilkunde bewanderten Sachverständigen nicht vorgeschrieben ist. Weiter
sollte die so häufige und nachteilige Zurücknahme des Entmündigungsantrages er¬
schwert werden dadurch, daß jedes einmal anhängige Verfahren zum Abschlüsse
gebracht werden muß. Es sollte auch der Kreis der antragberechtigten Personen
bzw. Behörden erweitert werden.
Die Entmündigung allein leidet in der Heilbehandlung und sozialen Brauch¬
barmachung des Trinkers kaum etwas; dazu sind weitere fürsorgende Maßnahmen
nötig, deren gesetzliche Feststellung und deren praktischer Ausbau dringende Auf¬
gaben der nächsten Zukunft sind.
16) Alkohol und Arbeit, von J. Donath. (Klin.Füzetek. 1913.) Ref.: Iludovernig.
Verf. hat hauptsächlich die Wirkung des Alkohols auf die Muskelarbeit
studiert und kam zu der Überzeugung, daß der Alkohol im Anfang auf die
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
96
Muskelkraft stimulierend wirkt, doch nimmt diese Wirkung später ab. Er fand,
daß die Muskeltätigkeit solcher Personen die Alkohol genießen, viel schwächer
ist als diejenige der Abstinenten. — Seine Untersuchungen wurden hauptsächlich
bei sportbetreibenden Personen und Soldaten vorgenommen.
17) Familiendegeneration und Alkohol. Die Amberger im XIX. Jahr¬
hundert, von J. Bosenberg. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXII.
H. 2.) Bef.: M. Pappenheim (Wien).
Ausführliche Tabellen über 103 Familien eines Ortes aus dem 19. Jahr¬
hundert und über 13 Trinkerfamilien aus früherer Zeit. Die sehr mühevolle und
interessante Arbeit führt zu folgenden Ergebnissen: Die mittlere Lebensdauer
der Trinker und — in geringerem Grade — ihrer Nachkommen ist kürzer als
die der Mäßigen bzw. deren Nachkommen. Bei den Trinkern kann man zwei
Hauptgruppen unterscheiden: 1. Männer, die mit etwa 40 Jahren Trinker werden
und die sehr oft zwischen dem 40. und 60. Jahre sterben. 2. Männer, die erst
mit etwa 60 Jahren zu trinken beginnen; diese haben bedeutend weniger Aus¬
sicht, das 80. Lebensjahr zu erreichen als die gleichalten Mäßigen. Während bei
den Nachkommen von Mäßigen beide Gruppen von Trinkern ungefähr gleich
stark vertreten sind, überwiegt bei den Nachkommen der Trinker die erste Gruppe
stark. Unter den Kindern und Enkeln von Mäßigen gibt es weniger Trinker als
unter den Kindern und Enkeln von Trinkern. Von den Söhnen der Mäßigen sind
nur etwa ein Viertel, von den Söhnen von Trinkern mehr als die Hälfte wieder
Trinker. Bei den Mäßigen sind die später geborenen Kinder eher lebenskräftiger
als die früher geborenen, während sie bei den Trinkern eher schwächer sind. Die
Kindersterblichkeit ist bei den Enkeln von Trinkern größer als bei den Enkeln
von Mäßigen. Bei den Söhnen von Mäßigen sind die spät gebornen stärker zum
Alkoholismus disponiert als die früh gebornen; bei den Söhnen von Trinkern ist
dieser Unterschied fast gar nicht vorhanden. Die Trinker haben in neuerer Zeit
einen höheren Durchschnitt von Kindern pro Haushaltung als die Mäßigen, viel¬
leicht durch die Wirkung einer gewissen nachlässigen Sorglosigkeit In neuerer
Zeit drohen mehrere geistig hochstehende Familien, in denen Alkoholismus auftrat,
rascher unterzugehen als minderwertige. Mäßige bekommen noch 43 1 /2°/o ihrer
Kinder im Alter von mehr als 35 Jahren, bei den Trinkern sind es nur 34 V 2 °/0"
Es zeigt sich also schon im Alter von weniger als 35 Jahren ein durchgreifender
Unterschied, trotzdem der Alkoholismus meist erst später offen zutage tritt Ehe¬
scheidungen fallen fast zur Hälfte auf Trinker, und zwar überwiegen hier die
Söhne der Mäßigen; bei den Söhnen der Trinker waren die Frauen vielleicht
schon weniger enttäuscht. i
Das Auftreten von Schwachsinn (27- Fälle) ist stark mit dem Alkoholismus
der Eltern und Großeltern verknüpft. Für Geisteskrankheiten (80 Fälle) und
Epilepsie (8 Fälle) ließ sich kein Zusammenhang nachweisen (! Bef.). Tuberkulose
(41 Fälle) wird durch Alkoholismus der Eltern und noch mehr der Kranken selbst
ungünstig beeinflußt Die Zahl unehelicher oder vorehelicher Kinder (54 Fälle)
ist bei Nachkommen von Trinkern größer als bei solchen von Mäßigen. Unter
den Falliten (9 Fälle) sind die Söhne der Trinker relativ, die Trinker selbst
sogar absolut in der Mehrzahl. Bei den Unterstützungen stehen die Trinker so¬
wohl nach der Zahl als auch nach der Unterstützungssumme am bösesten da; das
gleiche gilt von den Söhnen der Trinker.
Es tritt demnach bei den Trinkern und ihren Nachkommen eine Minder¬
wertigkeit in körperlicher, geistiger, moralischer und ökonomischer Bezeichnung
auf, namentlich, wenn sich, was häufig vorkommt, auch der Alkoholismus vererbt
Ob sich die vorhandene Anlage tatsächlich entwickelt, hängt von den verschie¬
densten Faktoren ab. Einen Hauptfaktor bildet die Trinksitte. Namentlich sind
gewisse Berufe und Ämter — Wirte, Beisende, auch Gemeinderäte — gefährdet
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
97
Mit dieser Ansohauung stimmt auch gut überein, daß bei den weiblichen Nach¬
kommen von Trinkern ungleich viel seltener Alkoholismus auftritt. Gewisse Er¬
scheinungen der Minderwertigkeit — Unterstützungsbedürftigkeit, Schwachsinn und
Fallimente — konzentrieren sich auf 31, unter den 103 Familien vorhandene
Trinkerstämme, während sich z. B. Ehescheidungen häufiger bei isolierteren Trinkern
finden. Wichtig ist, daß mehr als die Hälfte aller lebenden Kinder diesen
TrinkerBtämmen angehört.
18) SxiU’ antagonismo fra i riflessl tendinei ed i riflessi outanei neir alooo-
lismo cronico, per M. Ferrari. (Clinicamedica italiana. 1913.) Ref.: W.Misch.
Verf. untersucht das Verhallen der Hautreflexe und der Sehnenreflexe in den
verschiedenen Formen des chronischen Alkoholismus und kommt auf Grund zahl¬
reicher Beobachtungen zu folgenden Schlüssen: Bei der chronischen Alkoholver¬
giftung besteht kein Antagonismus zwischen den Haut- und den Sehnenreflexen.
Bei der einfachen Alkoholintoxikation ohne zerebrale Lokalisation, ebenso wie bei
der alkoholischen Psychose sind die Reflexe in toto gesteigert. Auch im Initial¬
stadium der alkoholischen Paralyse findet sich so gut wie regelmäßig eine Steigerung
aller Reflexe, dagegen findet sich in den vorgeschrittenen Stadien Dissoziation der
Reflexe. Auch in einem Fall von alkoholischer Epilepsie wurde eine deutliche
Dissoziation der Reflexe beobachtet.
19) Erfahrungen mit Ureabromin bei der Alkoholentziehung, von Bufe.
(Münchener med. Wochenschr. 1913. Nr. 47.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg).
Das Ureabromin besteht aus drei Komponenten. Es enthält reichlich Brom
(36 °/ 0 ), Harnstoff als Diuretikum und Kalzium als Kardiakum. Durch die beiden
letzteren soll der Bromintoxikation entgegengewirkt werden. Aus einer Literatur-
Übersicht geht hervor, daß die Erfahrungen anderer Autoren im ganzen recht
günstige sind.
Bei der Behandlung des chronischen Alkoholismus sind öfters Sedativa oder
Hypnotika wegen Tremor, Unruhe, hartnäckiger Schlaflosigkeit usw. erforderlich.
Wegen der Gastritis alcoholica und der häufigen Herzstörungen werden die ge¬
wöhnlichen Bromalkalien oft schlecht vertragen. Verf. hat 8 Fälle (in dem Kur¬
haus WilhelmBhof für alkohol- und nervenkranke Männer) mit Ureabromin be¬
handelt. Beispielsweise wurden 3 mal täglich 1 g gegeben; bei Schlaflosigkeit
abends 3 bis 4 g, unter späterer Reduzierung auf 2 bis 3 g. Die Wirkungen, auch
in einem Fall von ausgebreiteten und erheblichen Tremor, waren sehr gute, auch
wurde das Mittel vorzügl ch vert ragen. |
• 20) Die Übertreibungen der Abstinenz. Eine diätetische Studie für
Mediziner und Niohtmediziner, von W. Sternberg. (3. Aufl«, Würz¬
burg, C. Kabitzsch, 1913, 93 S.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.).
Verf., der sich selbst fast auf jeder Seite und nicht selten mehrfach zitiert,
sagt in der Vorrede zur 2. Auflage, daß die Form gegenüber der 1. Auflage
wesentlich gemildert sei. Aber auch so ist dieselbe noch stellenweise recht scharf
und unerfreulich. Eine Reihe neuerer Autoren, die gegenteilige Ansichten haben,
kritisiert er sehr abfällig, läßt hauptsächlich griechische und römische Schriftsteller
gelten, aus denen er für ganz nebensächliche Punkte nur sehr lose mit dem
Thema in Zusammenhang stehende lange Abschnitte anzuführen pflegt. Über¬
haupt neigt er zu einem fast ideenflüchtigen Gedankengang, stellt dabei immer
wieder die angebliche Neuheit und Wichtigkeit seiner eigenen Ideen in den
Vordergrund. Seine „Abwehrvorschläge“ gipfeln im wesentlichen in der Auf¬
forderung zu einer Organisation der Genußmittelindustrie, zur Gründung eines
diätetischen Instituts, zur Aufklärung über die Nützlichkeit der Genußmittel.
Wenn anch manches, z. B. die Betonung des subjektiven Faktors des Genusses
gegenüber der einseitigen Hervorhebung der Laboratoriumsresultate, der Be-
XXXIV. 7
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
98
rechtigung Dicht entbehrt, so wird doch damit nichts Neues gesagt, auch ist die
ganze Darstellung derart, daß man auf Einzelheiten nicht eingehen kann.
21) Sülle alteraztoni del Bistema nervoso oentrale dolle oavie nella
intossioazlone aouta e oroniea per vari alcools, per U. Ferrari (Annal.
deir Istituto Maragliano. IV. 1911. Dezember.) Ref.: W. Misch.
Durch experimentelle Untersuchungen am Meerschweinchen wird festgestellt,
daß sich die Veränderungen des Zentralnervensystems nach Vergiftung mit
Methyl-, Äthyl- und Amylalkohol wesentlich in der Intensität unterscheiden. Am
giftigsten ist der Amylalkohol, Methyl- und Äthylalkohol rufen etwa gleichschwere
Erscheinungen hervor. Bei der chronischen Vergiftung mit Methyl- oder Äthyl¬
alkohol bleibt die Form und Gestalt der Nervenzellen im allgemeinen erhalten,
während sie bei der Vergiftung mit Amylalkohol stark verändert wird. Bei allen
drei Alkoholen fanden sich Hämorrhagien, Schwund und Vakuolisation von
Nervenzellen sowie kleinzellige Infiltration. Die Veränderungen stehen in einem
Verhältnis zu der Dauer und der Intensität der Intoxikation. Die Nervenzellen
sind nicht alle gleichmäßig befallen: die großen Zellen der Vorderhörner des
Bückenmarks boten die größten Veränderungen dar; sie waren häufiger und tief¬
greifender verändert als die Zellen der Hirnrinde.
22) Die akute Halluzinose der Trinker. Beitrag zur Kenntnis von den
Intoxikationspsy chosen, von G. Kohlmann. (Inaug.-Dissertation. Kiel
1913.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet zunächst über einen Fall von akuter Halluzinose nach Genuß
von Giftpilzen bei einem 40 jährigen Mann und stellt diesem einen Fall von
akuter Halluzinose des Trinkers gegenüber. Im Anschluß daran gibt Verf. eine
Schilderung und Gegenüberstellung der genannten Krankheitsbilder.
23) Zur Kasuistik der Alkoholhailuzinose und einige Bemerkungen über
Gedankenlautwerden, von Hans Seelert. (Charite-Annalen. XXXVII.
1913. ) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Alkoholhailuzinose mit interkurrentem Auftreten von illusionären
optischen Täuschungen und taktilen Sensationen, starken Gehörshallusinationen
und Gedankenlautwerden, letzteres von dem Kranken als ein Produkt der eigenen
Psyche anerkannt, während die bedrohenden Stimmen als etwas außerhalb der
Persönlichkeit Liegendes angesehen und in flüchtige Erklärungsideen ge¬
kleidet werden.
Der Krankheitsverlauf stellt eine jetzt über 12 Jahre ausgedehnte Reihe
halluzinatorisoher Zustände dar, die sich mit ziemlich regelmäßigen Zwischen¬
räumen jedes Jahr mehrmals wiederholen: Pat. spricht von seinen 41 Krankheiten.
Die Dauer der einzelnen Attacken betrug 2 bis 4 Tage, bis zu mehreren Wochen.
Die alkoholische Ätiologie der psychischen Störungen erscheint sicher.
24) Krücken oder Beine, von E. Bleuler. (Münchener med. Wochenschrift.
1914. Nr. 11.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg).
Verf. wendet sich gegen den Vorschlag Bufes, den in die Irrenanstalt
kommenden Trinkern durch Ureabromin über ihre Erregungen, das Zittern und
namentlich die Schlaflosigkeit hinwegzuhelfen. Indirekt wird hierdurch viel ge¬
schadet, denn man gewöhnt den Alkoholiker an eine Krücke, deren er nicht be¬
darf. Verf. betrachtet als größte Wohltat die Erziehung der Kranken zu dem
Standpunkt, nicht unnütz zu medizinieren.
25) Die Alkoholgeistesstörungen gemeinverständlich als Grundlage der prak¬
tischen und strafrechtlichen Trinkerfürsorge dargestellt, von F. Schaefer.
(Jur.-psych. Grenzfragen. IX. H. 6. Halle a/S.. Marhold, 1913.) Ref.: Pb. Jolly.
Kurze Darstellung der im Titel genannten Geistesstörungen mit anschließen¬
der Erörterung der praktischen Gesichtspunkte und der in dem Strafgesetzentwurf
vorgeschlagenen Neuerungen.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
99
26) Alkohol und Verbrechen in Bayern, von Dr. jur. H. y. Hertig. (Münchener
med. Wochenschr, 1913. Nr. 45.) Bef.: 0. B. Meyer (Würzbarg).
Verf. beklagt in bemerkenswerten Ausführungen die Indolenz von Staat und
Gesellschaft gegenüber der Alkoholfrage. Die Reformversuche des neuen Straf¬
gesetzbuches blieben hinter dem in England und anderen Ländern Erreichten
zurück. Nicht einmal in der Theorie, in der Statistik wird entsprechend Rück¬
sicht genommen. Eine rühmliche Ausnahme macht seit 3 Jahren Bayerns Justiz¬
verwaltung. Im Jahre 1912 wurden in Bayern, das wegen seiner Trinkfreudig¬
keit besonders zu statistischen Untersuchungen geeignet ist, 10011 Straf hand¬
langen begangen und 8884 Verurteilungen von solchen Personen rechtskräftig, die
im Zustande der Trunkenheit gebandelt hatten. Eine Sonderung nach Berufen,
nach Art der Verbrechen usw. wird yorgenommen und kritisch beleuchtet. Zum
Schluß zitiert Verf. einen Passus aus der Abhandlung von Kraepelin über den
Alkoholismus in München. Die Worte „unsägliches Unheil“ seien keine Übertreibung.
27) Zur Behandlung des Delirium tremens, von K, Schneider. (Münchener
med. Wochenschr. 1914. Nr. 17.) Ref.: W. Alexander.
Entgegnung auf die Arbeit von Scharnke (Münchner med. Wochenschr.
Nr. 13), der beim Delirium die Bäder verwirft. Auf der Abteilung von Aschaffen¬
burg wurden im letzten Jahr 31 Delirenten behandelt, davon 11 kompliziert durch
Bronchitis, Pleuritis, Pneumonie, Leberzirrlioese, Phlegmonie, Erisypel, Arteriosklerose,
hohes Alter. Alle wurden im Dauerbad behandelt, kein Todesfall. Wenn der
Kranke nicht im Bade bleiben will, darf er im Baderaum frei umhergehen. Kein
Zwang, keine Isolierzelle. Wenn das Herz schlecht ist, von Anfang an Digitalis-
infus, Kampher und Koffein. Alkohol wurde niemals gegeben, Schlafmittel sind
Bchon lange nicht mehr angewandt worden. Es wäre bedauerlich, wenn die An¬
schauung wieder Boden gewinnen sollte, daß man Delirenten in den Zellen des
Allgemeinen Krankenhauses oder gar in der Familie richtig behandeln könne.
28) Zur Behandlung des Delirium tremens, von Scharnke. (Münchener
med. Wochenschr. 1914. Nr. 20.) Ref.: W. Alexander.
Entgegnung auf die Erwiderung von Schneider (Münchener med. Wochenschr.
Nr. 17). Das protrahierte warme Bad bedeutet eine Anstrengung für das beim
Delirenten stets gelährdete Herz. Es ist deshalb durch andere Beruhigungsmittel
zu ersetzen und ersetzbar. Das von Schneider empfohlene Herumlaufeolassen
im Baderaume ist bedenklich, weil der unruhige Delirant auf dem nassen Fu߬
boden leicht ausgleitet und mit den anderen Insassen des Dauerbades leicht in
Streit gerät. Ferner kann das Dauerbad mit Rücksicht auf das Personal nicht
jede Nacht hindurch in Betrieb gehalten werden. — Von vornherein Herzmittel
zu geben, ist sehr zweckmäßig. Verf. ist jetzt auf drei- bis viermal 30 Tropfen
Digalen gestiegen. Dasselbe läßt sich auch mit jedem anderen Digitalispräparat
erreichen. Gelegentlich versagten aber alle. Veronal (1 bis 2 g) wirkt fast stets
beruhigend. Verf. habe keineswegs die Anstaltsbehandlung für überflüssig erklärt,
halte sie vielmehr für selbstverständlich.
29) Zur Behandlung des Delirium tremens mit Veronal, von v. d. Porten.
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Alexander.
Bemerkungen zu dem Artikel von Schneider (s. Ref. 27). Verf. hat auf
der Direktorialabteilung des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg in Hamburg (Prof.
Deneke) 264 Fälle mit Veronal, 396 Fälle mit anderen Sedativis (Brom, Chloral,
Morphin) behandelt, und hat mit Veronal bessere Erfolge erzielt als mit dem
letzteren. Allerdings maßten größere Dosen als 1 bis 2 g gegeben werden. Es
wurden, wenn 2 g nicht reichten, vor Ablauf von 6 Stunden ein drittes gegeben.
Auch wurden gelegentlich innerhalb der ersten 12 Stunden 4 g verabreicht, ohne
daß jemals ein ungünstiger Einfluß auf Puls oder Atmung festgestellt werden
konnte. Das Veronal bekämpft erfolgreich die motorische Unruhe, die Patienten
7*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
100
schlafen ruhig in ihrem Bett, die Isolierzelle ist fast überflüssig geworden. Veronal
eignet sich nicht nur zur Behandlung des ausgebrochenen, sondern auch zur
Kopierung des drohenden Deliriums.
30) Aloool et delirium tremens, par V. Demole. (L’Encephale. 1914. Nr. 1.)
Ref.: Kurt Mendel.
Verf. untersuchte den Organismus (Urin, Blut, Liquor) hei 23 Alkoholisten
auf Alkohol und zeigt die Wichtigkeit solcher Untersuchungen in klinischer und
forensischer Beziehung. Bei 6 Patienten mit Delirium tremens fand er keine Spur
Alkohol, dieselben hatten allerdings keinen Alkohol in den letzten 24 Jahren
genossen; bei 4 Patienten mit Delirium tremens, die Alkohol zu sich genommen
hatten, war hingegen Alkohol in mehr minder großer Menge im Organismus nach*
weisbar. Das Delirium tremens ist weder eine Alkoholintoxikation noch ein
Abstinenzdelir, sondern eine Krankheit sui generis; ist unabhängig von der
unmittelbaren Alkoholaufnahme, denn bei einer Reihe von Delirien zeigt sich keine
Spur Alkohol im Organismus.
31) Zur Kenntnis des Adalins, von Sanit. Siebelt. (Deutsche Ärzte-Zeitung.
1913. H. 19.) Ref.: Kurt Mendel.
Nach vier Tabletten, & 0,5 Adalin, deliröser Zustand mit Bewußtlosigkeit,
stark gerötetem Gesicht, beschleunigter Atmung, sehr kleinem, schnellem Puls.
Nach 0,2 Kampher (subkutan) Besserung.
32) Sohuts vor Schlafmittel Vergiftungen, von W. Cimbal. (Münchener med.
Wochenschr. 1913. Nr. 47.) Ref.: O. B. Meyer (Würzburg).
Das Veronal wird nicht selten zu Suizid versuchen benützt. Verf. hat daher
der 8chlafmachenden Dosis kleine Mengen von Ipecacuanha, 0,1 bis 0,2, zugesetzt.
In dieser Menge wird eine den Appetit leicht reizende und eine expektorierende
Wirkung erzielt, in größerer Menge, d. b. wenn nun von dem Schlafmittel eine
ungehörig große Menge, beispielsweise 2 bis 3 g genommen werden, soll Erbrechen
herbeigeführt uud damit die Wirkung des Narkotikums verhindert werden. Verf.
empfiehlt den chemischen Fabriken die Tabletten der wichtigen Narkotika in der
von ihm angeregten Form herzustellen.
33) La degenerasiono primaria delle flbre* nervöse del cervello in seguito
ad avvelenamento sperimentale da aloool, per Enrico Bertoloni. (L’Ospe-
dale Maggiore. I. 1913. Nr. 9.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Schlußsätze: 1. Bei der Sektion von sechs Hunden, die verschiedene Zeit
lang mit Alkohol vergiftet wurden, war keine makroskopische Veränderung zu
sehen; Balken Veränderungen, die den von Bignami und Marchiafava beim
menschlichen chronischen Alkoholismus beschriebenen einigermaßen ähnlich sein
könnten, sowie andersartige diffuse oder systemische Veränderungen des Zentral¬
nervensystems fehlten nämlich vollständig. 2. Die Donaggioschen Fasernpräparate
(Balken, weiße Substanz der Großhirnhemisphären, Hirnrinde usw.) ergaben stets
bei allen sechs Experimenttieren denselben Befund, d. i. zahlreiche Nervenfasern,
die verschiedenartige Anschwellungen darboten. Manchmal waren die An¬
schwellungen tropfenartig, manchmal rosenkranzartig angeordnet; ihre Größe war
eine sehr schwankende; eine besondere Lokalisierung oder eine Systemierung
dieser Fasernanschwellungen ließ sich nicht feststellen. Anschwellungen usw, waren
auch auf Weigertschen Fasernpräparaten gut zu sehen. 3. Die Ergebnisse der
Donaggioschen und der Weigertschen Präparate, die aus dem Zentralnervensystem
der Kontrolliere angefertigt wurden, wichen von den Ergebnissen der aus ver¬
gifteten Tieren hergestellten Präparate keinesfalls ab. 4. Wahrscheinlich Btellen
die Schlußfolgerungen der Autoren, die die sogenannte experimentelle primäre
Nervenfaserdegeneration beschrieben, Irrtümer dar.
Zur Erklärung der oben angeführten Schlußsätze Bei folgendes erwähnt. Die
Donaggioschen Fasernmethoden (Zinnhämatoxylin usw.) sollen ein positives Bild
Digitized
Google
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
101
der primär degenerierten Nervenfasern geben. Donaggio war nämlich versucht,
eine erhöhte Widerstandsfähigkeit zu verwerten, die die erkrankten Nervenfasern
der Differenzierungsflüssigkeit gegenüber darbieten sollen. Nach den Erfahrungen
des Verf.’s bieten wohl die Nervenfasern, die die gröbsten Deformierungen zeigen,
die größte Widerstandsfähigkeit der Einwirkung der Differenzierungsffüssigkeit
gegenüber dar, daß diese Deformierungen aber als pathologische Veränderungen
angesehen werden dürfen, stellt er in Abrede; vielmehr hängen sie von der Ein¬
wirkung der Fixierunggflüssigkeiten, also von technischen Prozeduren ab. Daraus
folgt, daß Verf. die Schlußfolgerungen der Arbeiten, die sich auf den Ergebnissen
der Donaggioschen Fasernmethoden stützten, für Irrtümer erklärt. Er hebt hervor,
daß bei diesen Arbeiten es an Kontrollmaterial gefehlt bat. Den seinerseits
schon von Bignami erhobenen Zweifeln über die Interpretierung des bei der
sog. experimentellen primären Faserndegeneration beschriebenen Bildes schließt
sich Vert an. Er betont, die betreffenden Untersuchungen sind mit durchaus
mangelhafter Technik ausgeführt worden, da bei denselben eine eingehende Analyse
der nervösen und nichtnervösen Bestandteile des vermutlich erkrankten Gewebes
überhaupt nicht stattfand.
84) Über Vorlauf und Ausgang des Korsakoffsohen Symptomenkomplexes
auf alkoholischer Grundlage, von W. Dürr. (Inaug.-Dissertation. Tübingen
1913.) Ref.: K. Boas.
Der Arbeit liegen acht klinisch und pathologisch-anatomisch beobachtete
Fälle von Korsakoffscher Psychose zugrunde. In der Anamnese sämtlicher
Patienten findet sich ein jahrlanger schwerer Alkohol-, namentlich Schnapsabusus.
Erbliche Belastung ist ziemlich belanglos, wichtiger der Beruf, der die Patienten
zum Alkoholmißbrauch verführt. In sieben Fällen begann die Erkrankung mit
typischem Alkoholdelir, in einem Falle erst nach dem zweiten Delir. Ein Fall
von Korsakoff entwickelte sich allmählich aus chronischem Alkoholismus. Zwei
Fälle zeigten in der Klinik ein progredientes Verhalten, die übrigen blieben stationär.
Der Klinik&ufenthalt selbst hob das somatische Befinden der Patienten, dagegen
konnte keine große Besserung des Status psychicus erzielt werden. Eine Besserung
in bezug auf die Orientierung, Merkfähigkeit und Konfabulationen zeigten nur
zwei Patienten, alle anderen zeigten ein stationäres, psychisches Verhalten. In
einem Falle traten zu dem Zustande von apathischer Demenz noch massenhafte
Größenwahnideen und Wortneubildungen.
Die ungünstige Prognose quod statum psychicum ist durch die großen und
irreparablen zerebralen Defekte zu erklären, die eine Wiederherstellung des
geistigen Normalverhaltens als ausgeschlossen erscheinen lassen.
35) Ein Fall von akuter Psychose bei chronischer Trional-Veronal-
vergiftung, von Dr. L. v. Muralt. (Zeitechr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXII.
H. 2 ) Bef.: M. Pappenheim (Wien).
30jähriger, erblich belasteter, psychopathischer, jüdischer Patient. 8. Nov.
1911 nach psychischer Aufregung und gehäuftem Schlafmittelgebrauch Beginn
eines rauschartigen Zustandes mit leichter Desorientierung, leichter Benommenheit
und Schwerbesinnlichkeit, Muskelschwäche, besonders links, Br ach t-Ro inberg,
stolpernder, lallender Sprache, gestörter Schrift, dann Zyanose des Gesichtes,
glänzende Augen, entrnndete Pupillen, ungleichen Sebnenreflexen, Oligurie, Ver¬
stopfung und Magenkatarrh. Bei sofortiger Abstinenz klingt dieser Zustand schon
am nächsten Tage ab nud bis zum 14. Nov., also während 5 Tagen, besteht nur
ein Magenkatarrb. Dann wird der Patient unruhig, schlaflos, und am 16. Nov.
tritt ein dem Delirium tremens alcoholicum ganz ähnlicher Zustand ein, der als
Abstinenzdelirium aufgefaßt wird. In 3 Tagen Abklingen des Delirs. Nach einem
freien Intervall von weiteren 3 Tagen Auftreten Jacksonscher Krämpfe, nachdem
schon im Delirium einzelne Zuckungen vorgekommen waren. Es entwickelt sich
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
102
rasch ein Status epilepticus bei erbaltenem Bewußtsein, der unter Amylenhydrat
und Bromnatrium nach 3 Tagen heilt*
Übersicht über die Literatur. Veronalismus kommt nur bei psychopathisch
Minderwertigen yor. Die pathologische Anlage schafft eine gewisse Intoleranz
gegen das Arzneimittel und disponiert zur Intoxikationspsychose. Das Auftreten
der Anfalle erat einige Tage nach dem Abklingen des Delirium läßt vermuten,
daß es vielleicht verschiedene Phasen der Autointoxikation gibt.
36) La fixation des poisons sur le Systeme nerveux, par Georges Guillain
et Guy Laroche. (Progrös medical. 1914. Nr. 28.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Symptomatologie vieler Affektionen des Nervensystems, deren Pathogenese
noch nicht klar erkannt werden konnte, beruht auf der Fixation von Giften an
bestimmten elektiven Territorien des Nervensystems. Durch chemische Analysen
ist es erwiesen, daß bei einigen Intoxikationen das Nervensystem eine größere
Quantität des Giftes enthielt als andere Organe. So fanden die Verff., daß bei
naoh schweren diphtherischen Lähmungen Verstorbenen gewisse Partien des Bulbus
toxische Substanzen enthielten, die sich nicht vorfanden im Bulbus von Individuen,
die an anderen Affektionen gestorben waren: die Impfung unter die Dura mater
von Meerschweinchen hatte bei ersteren Personen den Tod der Tiere zur Folge,
während die Emulsion des menschlichen normalen Bulbus in gleichen Dosen und
unter gleichen Bedingungen keinerlei Störungen verursachte. Die klinischen Diffe¬
renzen zwischen Tetanus und Diphtherie erklären sich durch chemische Kombi¬
nationen der Toxine mit verschiedenartigen Substanzen des Nervengewebes. Be¬
treffs der Tuberkulose gilt, daß in den Nervenzentren die Tuberkelbazillen leicht
zerstört werden, diese Bakteriolyse ist eine Art Abwehr seitens des Nervengewebes
gegen die tuberkulöse Infektion, sie endet aber mit der In-Freiheit-Setzung der
in den Bazillen enthaltenen Toxine und ist somit sekundär begleitet von der
Fixation und Aktivierung der so befreiten Gifte. Daher das plötzliche Einsetzen
und die Intensität der nervösen Störungen im Verlauf der Tuberkulose des Nerven¬
systems. Auch andere Gifte, wie Schlangengift, Strychnin, Kokain, Alkohol, Blei,
Anästhetika, Oxalsäure zeigen bekanntlich eine starke Affinität zam Nervensystem,
und zwar oft zu bestimmten Partien desselben; so das Strychnin vornehmlich zu
der weißen Substanz und zu den Vorderhörnen des Rückenmarks, das Kokain
mehr zu den Hinterhörnern. Auch die endogenen Gifte können sich zweifellos
am Nervensystem fixieren; hierdurch finden viele Nervensymptome (Koma, Läh¬
mungen, Zittern, Konvulsionen, Kontraktionen, Delirien usw.) ihre Erklärung.
Bei Psychosen, bei denen die pathologische Anatomie versagt, wäre es von Inter¬
esse, im Gehirn nach toxischen Körpern zu fahnden. Solche Untersuchungen
versprechen Nutzen nicht nur zur Erkennung der Pathogenese gewisser nervöser
Syndrome, sondern auch vom allgemein-therapeutischen Standpunkte aus.
Die innere Ursache der elektiven Fixation gewisser toxischer Körper an ge¬
wissen Nervenzellen liegt in der physiko chemischen Struktur dieser Zellen.
37) De la dipsomanie, par Alexandre Perelmann. (L’Encöpbale. 1914. Nr. 6.)
Ref.: Kurt Mendel.
5 Fälle von Dipsomanie werden mitgeteilt. Schlußfolgerungen: Es sind drei
Formen von Dipsomanie zu unterscheiden:
1. Die wahre Dipsomanie, die auf dem Boden der psychopathischen Konsti¬
tution entsteht und gekennzeichnet ist durch das Auftreten der Anfälle bei Ge¬
legenheit der „Verstimmungen“ der Psychopathen. Außerhalb dieser Anfälle sind
die wahren Dipsomanen gewöhnlich abstinent;
2. die symptomatische Dipsomanie (selten); sie stellt ein Symptom im Ver¬
lauf der Epilepsie, des manisch-depressiven Irreseins und im Beginn der pro¬
gressiven Paralyse dar;
3. die Pseudodipsomanie, bei chronischen Alkoholisten, die periodenweise
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
103
stärker trinken, Vorkommend; vor dem Anfall nicht die charakteristische Ver¬
stimmung, Beginn des Anfalls unter den Einfluß der Gelegenheitsursachen.
In der Genese der Dipsomanie spielt die Alkoholheredität eine große Rolle.
Unfall.
88) Gehirnblutung bei „betriebsüblicher“ Arbeit als Unfallfolge, von Karl
Grassmann. (Zeitschr, f. Versicherungsmedizin. 1914. H. 1 u. Fortschr. der
Medizin. 1914. Nr. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Arbeit, welche an ein Gutachten einige Betrachtungen anknüpft, ist in
den beiden oben genannten Zeitschriften gleichzeitig und wörtlich übereinstimmend
abgedruckt!! Es gibt leider noch immer (besonders ausländische) Autoren, welche
ihre Arbeiten gleichzeitig mehreren Zeitschriften zur Veröffentlichung einsenden.
39) Telephon — Gutachten für das Königliche Kammergerioht, von Nerven¬
arzt Dr. Rudolf Förster. (Berliner klin. Wochenschrift. 1913. Nr. 48.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Der Vorgang ist — kurz — der folgende: Eine durch heftiges Kurbeln be¬
rüchtigte Teilnehmerin bekommt keinen telephonischen Anschluß; die Beamtin
läßt den gewünschten Anschluß prüfen und untersuchen, ob die Leitung in Ord¬
nung ist; in dem Augenblick, wo sie Bescheid geben will, fällt die Klappe des
Anschlusses der Teilnehmerin, die Beamtin wird nach einem Schrei ohnmächtig.
Verf. hat nunmehr Versuche gemacht, deren Resultat dahin geht, daß Kurbel¬
geräusche so erheblich sein können, daß Störungen zweifellos möglich sind; Ver¬
letzungen sind aber kaum je vorgekommen, auch haben die experimentellen Unter¬
sucher einen Schaden nie davongetragen.
In dem vorliegenden Falle wurde festgestellt, daß die Beamtin weder nervös
disponiert noch hereditär belastet war, daß sie auch in der betreffenden Zeit
nicht die Periode hatte. Entgegenkommen beweist die Tatsache, daß sie die
Leitung untersuchen ließ. Das Gehör ist bei Telephonistinnen durch die Übung
sehr verfeinert, darum auch empfindlicher als gewöhnlich; damit aber eine Schädigung
durch Kurbelgeräusche zu verbinden, geht nicht an. Die Erkrankung der Be¬
amtin läßt als Ursache einen heftigen akustischen Reiz im Fernhörer annehmen,
aber das Kurbelgeräusch allein genügt nicht, es gehört noch nervöse Disposition usw.
dazu, die in dem betreffenden Falle nicht vorhanden war. Die Feststellung eines
Zusammenhangs ist außerordentlich schwierig.
40) NervöseUnfallfolgen naoh Starkstromverletznngen, von Hans Schmückin g.
(Inaug.-Dissert. Leipzig 1913.) Ref.: Kurt Mendel.
Bericht über 20 Fälle aus der Unfallnervenheilanstalt Bergmanns wohl. Bei
den nicht tödlichen elektrischen Unfällen ist Bewußtlosigkeit kein unbedingt und
ausnahmslos auftretendes, wohl aber in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zu
beobachtendes Symptom. In der Genese der nervösen Krankheitszustände spielt
neben der direkten Einwirkung des elektrischen Stromes auch die psychische
Erschütterung, der Schreck, oft eine bedeutsame Rolle. Nicht selten ist eine ge¬
wisse Disposition zu Nervosität oder eine direkte erbliche Belastung nachweisbar.
Im Vordergründe stehen die allgemeinen Neurosen unter dem Bilde der Neur¬
asthenie, Hysterie oder Hysteroneurasthenie. Weniger häufig sind organische
Erkrankungen. Bei den funktionellen handelt es sich meist um subjektive Sym¬
ptome, vor allem psychischer Art: Depression, hypochondrische Grübeleien, ferner
Kopfschmerz, Schwindelgefühl, Schlaflosigkeit. Zuweilen treten Symptome seitens
des Herzens und des Gefäßapparates auf: Tachykardie, abnorme Erregbarkeit des
HerznervenBystems, Herzneurose, auch trophische Störungen, z. B. schnelles Er¬
grauen oder Ausfallen des Haupthaars.
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
104
41) Über traumatische Spätapoplexie, von Schuster (Chemnitz). (Münch.
med. Wochenschr. 1913. Nr. 43.) Ref,: 0. B. Meyer (Würzburg).
18jähriger Arbeiter. Sturz auf die linke Kopfseite. Zweitägige Bewußtlosig-
keit, Erbrechen usw. Nach 22 Tagen geheilt entlassen. Etwa 2 Wochen nach
der Entlassung — 5 Wochen nach dem Unfall — Kopfschmerzen beim Bücken,
Erbrechen, Sprachverlust, Hemiparese rechts, Bewußtlosigkeit. Von den in klini¬
scher Beobachtung gewonnenen Symptomen seien noch die folgenden wiedergegeben.
Pupillendifferenz (rechts weiter als links), Abduzenslähmung rechts, Fazialislähmung
rechts, Babinski angedeutet. Unfreiwillige Harnentleerungen. Lumbalpunktat
rein blutig. Nach 5 bis 6 Wochen gehen die Lähmungen allmählich zurück,
nach weiteren 4 Wochen Besserung der Sprache, die Augenbewegungen werden
normal. Nach 4 Monaten geheilt entlassen. Die traumatische Apoplexie war
hier zweifellos. Das Gehirntrauma war ein schweres. Die Intervallärzeit entsprach
der von K. Mendel als Regel angegebenen Zeit von 1 bis 6 Wochen (sie soll
9 Monate nicht überschreiten). Verf. nimmt an, daß die Apoplexie vom Boden
des 4. Ventrikels als einer Prädilektionsstelle ausging, mit Rücksicht auf die zu¬
erst nachweisbare Abduzensparese. Ob Erweichungsnekrose des Gehirns mit
sekundärer Gefäßdegeneration (Böllinger) oder eine primäre Gefäßschädigung
mit Erweichungsnekrose (Monakow bzw. Langerhans) vorlag, ist klinisch nicht
festzustellen.
42) Zur Kenntnis der Unfälle duroh Elektrizität, von Fischl. (Wiener klin.
Wochenschr. 1913. Nr. 36.) Ref.: Pilcz (Wien).
27jähriger Mann erhielt Schlag durch Starkstrom von 5000 Volt. Bewußt¬
losigkeit. Bei der sofortigen Spitalsaufnahme Sensorium bereits wieder frei, rechts
bei Blick nach oben und unten. Leichter Nystagmus, rechte Pupille weiter, träge
reagierend. Spastische Lähmung sämtlicher Gliedmaßen und der Rumpfmuskulatur.
Hochgradige Hyperästhesie am rechten Ober- und Unterschenkel, sowie am ganzen
Abdomen, leichte Hyperästhesie der linken Thoraxhälfte und des linken Armes,
weniger der rechten Hand. Brandwunden, mit deren genauer Schilderung Verf.
vom dermatologischen Standpunkte aus sich besonders beschäftigt. Am Nachmittag
desselben Tages Nachlaß der Lähmungserscheinungen, doch ist noch am 3. Tage
Thorax und Abdomen ein wenig paretisch. Völlige Heilung.
43) Paeudogibbas (Pseudokyphosis) träumaticus, von Haßkovec. (Wiener
med. Wochenschr. 1913. Nr. 8 u. 9.) Ref.: Pilcz (Wien).
Fall I. 43jähriger Mann; schon 1905 nach Sturz auf Rücken Schmerzen im
Kreuze und vorübergehende Rückensteifigkeit mit gebückter Körperhaltung.
Neigung zu traumatischer Neurasthenie, aber immerhin 3 Jahre dienstfähig. Seit
1908, im Anschlüsse an neuerliches Trauma — plötzlicher „Stich“ im Kreuze
beim Heben einer schweren Last —, dauernd Bild der schweren traumatischen
Neurose mit Tendenz zur Aggravation, vor allem aber abnorme Körperhaltung:
zervikodorsale und lumbale Kyphose mit Einschränkung der entsprechenden Muskel¬
funktionen. Röntgenbefund normal, ebenso keinerlei Anhaltspunkte für Hämato-
rayelie o. dgl. Auch Simulation sei sicher auszuBchließen. Vielleicht liege eine
Art Reflexkontraktur bei einem hysterisch Veranlagten vor.
Verf. will diesen Fall getrennt wissen von der Kümmelschen posttrauma¬
tischen Rigidität und Kyphose und ihn mit dein hysterischen Pseudogibbus ver¬
gleichen; übrigens gibt es dazwischen fließende Übergänge.
Es folgen die Krankheitsgeschichten zweier analoger Fälle; der zweite Fall
ist ausgezeichnet durch das Vorkommen einer echten Lungenblutung nach einer
Muskelzerrung. Anhangsweise teilt Verf. auch einen Fall mit, der die Besonder¬
heit einer Lungenblutung gemeinsam mit einer Blutung ins Zentralnervensystem
aufweist.
7 Abbildungen im Texte veranschaulichen die abnormen Körperhaltungen.
Digitized by
Gck 'gle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN j
105
Differentialdiagno8ti8ohe Erwägungen und epikritische Bemerkungen seien im
Originale nachgelesen.
Psychiatrie.
44) Neue Ernfthrungsversuohe bei Irren mit Sanatogen, von Berze.
(Wiener med. Wochenschr. 1913. Nr. 35.) Bef.: Pilcz.
Verf. bestätigt auf ßrund seiner Versuche, daß das Sanatogen den Appetit
hebt, das Gewicht ansteigen läßt und daher besonders indiziert erscheint bei
Psychosen auf Grundlage körperlicher Erschöpfung; speziell dort sei es am Platze,
wo aus psychiatrischen Gründen die Patienten nur flüssige Nahrung erhalten.
45) Unfallkunde und. Psychiatrie, von Hans W. Hai er. (Revue suisse des
accidents du travail. VII. Juli 1913. Nr. 7.) Bef.: Kurt Mendel.
Beim Eintreten eines Unfalls kommt es auf dos Verhältnis der Stärke der
Affekteinwirkung zu der inneren psychischen Festigkeit des betroffenen Individuums
an. Zur Behandlung Unfallneurotiker empfiehlt Verf. einen Versuch mit einer
gut organisierten Pflege in geeigneten Familien auf dem Lande; die Auswahl der
Pflegefamilien müßte eine besonders sorgfältige sein. Ein spezialistisch gebildeter
Arzt würde die Patienten an dem richtigen Ort unterbringen, sie regelmäßig be¬
suchen und die Durchführung eventuell nötiger therapeutischer Haßnahmen mit
dem am Orte ansässigen Landarzt ermöglichen.
Die Nachteile der Kapitalabfindung könnten vermieden werden, wenn der
Entschädigte zunächst einigermaßen unter Aufsicht gehalten wird; zeigt es sich,
daß er nicht fähig ist, sich richtig zu führen (z. B. Alkoholismus!), so wären
worübergehende oder dauernde vormundschaftliche Maßnahmen zu beantragen.
46) Ein Fall von subakuter Psychose naoh Sohädeltrauma, von Fr. Uhl-
mann, (Psych.-neurol. Wochenschr. XV. Nr. 15.) Bef.: 0. Klieneberger
(Göttingen).
Subakutes Auftreten von psychischen und somatischen Störungen im Anschluß
an einen Fall auf den Hinterkopf, die bis auf geringe Residuen innerhalb zweier
Monate wieder schwanden. Per exclusionem wird die Diagnose traumatische
Psychose gestellt und der Zusammenhang mit dem Unfall bejaht.
47) Eiu Fall von traumatischer Geistesstörung, von Hans Gessner. (Inaug.-
Dissert. Würzburg 1913.) Bef.: Kurt Mendel.
Fall von Psychose nach nicht erheblichem Trauma. Pat. bot psychisch ein
dem Korsakoffschen Symptomenkomplex ähnliches Bild; auffallend war ein vom
Verf. als „optische Schuhmonomanie“ bezeichnetes Symptom: bei allen Menschen,
die er zu Gesicht bekam, sah Pat. zuerst auf die Stiefel und übte Kritik am
Schubwerk. Von neurologischen Symptomen ist eine Hemianopsie erwähnenswert.
Verf. nimmt eine Schädigung des Parietookzipitalhirns an.
48) Über Entwicklung von Geistesstörung naoh Unfall, von W. Feige.
(Inaug.-Dissert. Kiel 1914) Bef.: K. Boas.
Verf. berichtet über einen Fall von typischer Paranoia hallucinatoria chronica
im Anschluß an ein Trauma, das nicht den Schädel betraf. Die Erwerbsfähigkeit
des Pat. wurde dadurch auf 10°/ 0 beschränkt.
48) Posttraumati80he Spätpsychose oder Dementia arteriosclerotioaP von
E. Stein. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 11.) Ref.: Pilcz (Wien).
1895 Unfall, durch Losschnellen einer Kette, Halswirbelsäule betreffend,
momentane Bewußtlosigkeit. Dann Schwäche des linken Armes mit Paraästhesien.
Krankheitsdauer etwa 20 Wochen. Dann wieder arbeitsfähig. Seit 1904 psy¬
chische Störungen, die 1906 so hochgradig wurden, daß Pat. entmündigt wurde.
Die persönliche Untersuchung ergab: Arteriosklerose, Aorteninsuffizienz und schwere
Demenz.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
106
In den epikritiscben Bemerkungen, worin hauptsächlichst die Frage der trau¬
matischen Späterkrankungen erörtert wird, kommt Verf. zu dem Schlüsse, daß
die Geisteskrankheit sowohl durch das Trauma, als auch durch Arteriosklerose
ausgelöst werden konnte; eine sichere Entscheidung lasse sich weder differential¬
diagnostisch, noch anamnestiBch treffen. Das Schiedsgericht lehnte Zusammenhang
zwischen Unfall und Erkrankung ab, da das Intervall zwischen beiden 8 Jahre
mindestens betrug.
60) Ein Beitrag an dem Kapitel: Traumatische Neurosen, von A. Bein¬
hold. (Inaug.-Dissert> Kiel 1914) Ref.: K. Boas.
Yerf. berichtet über zwei Fälle von sekundärer posttraumatischer Psychose:
im ersten Fall handelte es sich um einen Zustand von akuter Verwirrtheit, im
zweiten um eine typische Paranoia. Die Art des Traumas war in beiden Fällen
die gleiche, nämlich Kopfverletzungen.
61) Zur Lehre von den duroh Insolation entstehenden Fsyohosen, von
Fr. Briese. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Yerf. berichtet über zwei einschlägige Beobachtungen: im ersten Fall handelte
es sich um eine Katatonie nach Sonnenstich, im zweiten um einen klinisch als
Paralyse diagnostizierten Fall (der Sektionsbefund steht damit in Widerspruch),
der möglicherweise als akutes Delir auf kalorischer Basis aufzufassen ist.
62) Über die Folgen psychischer Vorgänge auf Körper und Seele, von
M. Reichardt. (Zeitschrift f. Versicherungsmedizin. VII. 1914. Heft 3.)
Ref.: K. Boas.
Die großen Katastrophen der letzten Jahre haben bewiesen, daß infolge
psychischer Vorgänge von außergewöhnlich großer Heftigkeit vorübergehende
körperliche oder seelische Störungen von einer gewissen Intensität auftreten können,
wenn sie auch (in stärkerer Intensität) selten sind, daß aber im allgemeinen
psychische Traumen — selbst von intensivster Heftigkeit — eine längerdauernde
Psychose oder schwere Neurose zu bewirken nicht imstande sind, ebensowenig
auch chronische Veränderungen auf körperlichem Gebiet.
Bei der übergroßen Mehrzahl der gewöhnlichen Betriebsunfälle und auch der
zu Haftpflicht Entschädigungsprozessen führenden Unfälle ist das begleitende
psychische Trauma — sofern überhaupt ein solohes vorhanden war, was erst be¬
wiesen werden müßte —, von einer ungemein viel geringeren Intensität als es
bei den Katastrophen vorhanden war oder angenommen werden muß. Dement¬
sprechend kann auch ein solches viel geringeres psychisches Trauma nicht in
gleicher Weise Wirkungen hervorbringen, wie ein außergewöhnlich intensives
psychisches Trauma. Es ist ferner generell daran festzuhalten, daß ebensowohl
die Psychoneurosen und die Organneurosen, wie auch die Psychosen und die Kon¬
stitutionskrankheiten ihrem ganzen Wesen nach nicht traumatische Erkrankungen
sind und dementsprechend zu ihrem Auftreten einer äußeren Ursache nicht be¬
dürfen, meistenteils überhaupt auch ohne äußere Ursache sich entwickeln. Soll
gegebenenfalls einmal angenommen werden, daß ein psychisches Trauma die Rolle
einer wesentlichen TeilurBache bei dem Auftreten oder der Verschlimmerung einer
der genannten Krankheiten gespielt habe, so muß es nachweisbar von außer¬
gewöhnlicher Heftigkeit gewesen sein und es müssen auch alsbald entsprechende
unverkennbare psychische oder vegetative Symptome aufgetreten sein* Dieser Satx
gilt namentlich auch für die traumatischen Neurosen (im engeren Sinne) und für
die traumatisch verschlimmerten endogenen Neurosen. Von dem Begriff der wesent¬
lichen Teilursache ist möglichst scharf der Begriff der auslösenden Gelegenheits¬
ursache abzutrennen. Nur die wesentliche Teilursache kommt bei der Unfall¬
begutachtung als ätiologisches Moment in Betracht. Vor einer Überschätzung des
psychischen Faktors im Sinne einmaliger psychischer Traumen als Krankheits¬
ursache ist dringend zu warnen. Ebenso ist zu warnen vor der falschen und
Digitized by
sie
Original fro-m
UMVERSITY OF MICHIGAN
107
kritiklosen Anwendung des Wortes „Nervenshok“. Alle Neurosen oder Psychosen,
welche sich von vornherein langsam und chronisch entwickeln, ohne akute Sym¬
ptome nach einem Unfälle (oder anscheinendem Unfälle), sind bezüglich ihres
ursächlichen Zusammenhangs mit einmaligen psychischen Traumen von vornherein
mit größter Skepsis zu betrachten. Je gröber der Zwischenraum zwischen dem
tatsächlich vorhandenen oder vermutlichen psychischen Trauma und dem Beginn
der Neurose ist, um so unwahrscheinlicher wird auch die Entstehung oder Ver¬
schlimmerung der Neurose durch das psychische Trauma. Wenn dann sogar ein
wirklich erhebliches und außergewöhnlich heftiges psychisches Trauma, welches
als Ursache der Neurose in Betracht kommen soll, gar nicht nachweisbar ist,
dann liegt auch mit Sicherheit keine traumatische Neurose oder traumatisch ver-
schlimmerte endogene Neurote vor. Die traumatischen und traumatisch ver¬
schlimmerten Neurosen bilden kaum l°/ 0 der ganz ohne äußere Ursache (im Sinne
eines einmaligen psychischen Traumas) entstehenden Neurosen. Will man also
gegebenenfalls eine Neurose für traumatisch oder traumatisch verschlimmert an-
sehen, so sind an die Beweisführung ganz besondere Anforderungen zu stellen.
Die Bekämpfung der sogenannten traumatischen Neurosen liegt in einer
exakten Diagnosenstellung, Bowie in einer sachgemäßen Beobachtung der Kranken
oder der anscheinend Kranken. Der Schwerpunkt der ärztlichen Beobachtung ist
stets in die ersten Stunden und Tage nach dem psychischen Trauma zu legen.
Wenn überhaupt eine Neurose traumatisch ist, dann zeigen sich schon alsbald
nach dem psychischem Trauma unverkennbare Symptome seitens des Zentral¬
nervensystem?. Vielleicht treten auch — sofern es überhaupt zu einer krank¬
haften traumatischen Neurose (im wissenschaftlichen Sinne) kommt — stets gleich¬
zeitig krankhafte Erscheinungen auch auf vegetativem Gebiete auf (Körpergewicht
oder Körpertemperatur, Vasomotorensystem usw.), so daß die Diagnose auf trau¬
matische Neurose durch den Nachweis initialer vegetativer Störungen im unmittel¬
baren Anschluß an ein heftiges seelisches Trauma eine Stütze erhält. Die echte
traumatische Neurose (im wissenschaftlichen Sinne) hat ferner generell eine durch¬
aus gute Prognose.
• 53) Lehrbuch der psychiatrischen Diagnostik, von Adalbert Gregor. (Berlin,
S. Karger, 1914. 255 S. Preis geb. 5,80 Mk.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.).
In vorliegendem Büchlein will Verf. in psychiatrisches Denken einführen,
über psychische Anomalien orientieren und zur Erkennung der typischen Psychosen
anleiten. Er hat seine Aufgabe in geschickter Weise gelöst, nur ließe sich
vielleicht in einigen Punkten noch eine etwas größere Übersichtlichkeit des reichen
dargebotenen Materials erzielen.
III. Aus den Gesellschaften,
vereinigte ärztliche Gesellschaften zu Berlin.
Sitzung vom 23. Dezember 1914.
Ref.: M. Rothmann.
Diskussion zu dem Referat des Herrn Lewandowsky: Über Kriegsver¬
letzungen des Nervensystems.
Herr Oppenheim stimmt in bezug auf die Behandlung der Schädel- bzw.
Gehirnschüsse dem Ref. im wesentlichen zu und betont die weitgehende spontane
Rückbildungsfähigkeit der Herdsymptome. Hinsichtlich der Rückenmarksschüsse
steht er der chirurgischen Therapie nicht ganz so ablehnend gegenüber, warnt
aber vor zu aktivem Vorgehen. Er hat sechs derartige Patienten mit partieller
Läsion des Rückenmarks und weitgehende Besserung ohne chirurgischen Eingriff
gesehen. Hinsichtlich der peripheren Nerven lehnt 0. den Standpunkt des Ref.,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
108
bereits nach wenigen Wochen zu operieren, ab, und empfiehlt, mindestens drei
Uonate abzuwarten. Zum Schluß weist 0. auf seine erfolglosen Versuche, die
Verletzungsneuralgien zu bekämpfen, hin.
Herr Peritz betont die Einseitigkeit des im Heimatlande zu beobachtenden
Materials und glaubt z. B., daß die Tetanusfälle im Felde schwerer verlaufen.
Auch bei der großen Anzahl von Gehirnverletzungen, die hier ohne Meningitis
heilen, glaubt P., daß es sich um leichtere Fälle handelt. Hinsichtlich der peri¬
pheren Lähmungen will P. bereits nach 10 Wochen operieren und sieht von einer
Freilegung des Nerven keinen besonderen Schaden. Bei den Fällen mit Schmerz¬
äußerungen im gelähmten Glied rät P. von der Operation ab, da die Fälle sich
spontan restituieren. Zur Behandlung der Nervenschmerzen, die vielleicht als
Shokwirkung zu deuten und mit schweren trophiscben Störungen verbunden sind,
empfiehlt P. die Behandlung mit dem aus Reisschalen gewonnenen Orymalz, das
sich bei der Beri-Beri bewährt hat (3mal täglich einen Teelöffel). Endlich weist
P. auf die ziemlich häufigen Fälle von Polyneuritis hin, die während des Krieges
zur Beobachtung gelangen.
Herr M. Rothmann betont zunächst die Unterscheidung der frischen
Schädigung im Felde, der zu Hause zu beobachtenden Nachwirkung und endlich
der Nervenschädigung der Zivilbevölkerung. Hinsichtlich der Operationen vertritt
R. einen außerordentlich konservativen Standpunkt. Auch bei deu Schädel- und
Hirnverletzungen empfiehlt sich im allgemeinen der rasche Rücktransport in die
Heimat wegen der ungünstigen Prognose der meisten im Felde operierten Schädel¬
schüsse (Hirnprolaps usw.). R. berichtet über die Erfahrungen W. Kört es, der
einen reinchirurgischen Standpunkt einnimmt, wünscht aber selbst, daß den Armee¬
korps konsultierende Neurologen beigegeben werden. R. demonstriert einen
Patienten aus dem Maison de Santö (San.-Rat Levinstein), bei dem ein die
ganze linke Großhirnhemisphäre vom Stirnhirn bis zum Hinterhauptsbein durch¬
querender Schuß spontan ohne schwere dauernde Ausfallserscheinung heilte. Die
weitgehende Restitution der Ausfallserscheinungen bei den jugendfrischen Gehirnen
der Soldaten ist besonders zu hetouen. Hinsichtlich der Rückenmarksverletzungen
hebt R. die weitgehende Restitution bei Erhaltensein verhältnismäßig geringer
Teile des Rückenmarksquerschnitts hervor, selbst in Fällen, die anfangs das
klinische Bild der totalen Querschnittsläsion darbieten. Es sind daher nach Mög¬
lichkeit Operationen zu vermeiden. Bei den peripheren Nervenverletzungen wartet
R. unbedingt 7 bis 8 Monate bis er zur Operation rät, es sei denn, daß eine
völlige Durchtrennung de3 Nerven mit Sicherheit festzustellen isL Er hebt noch¬
mals dos Charakteristische der außerordentlichen Schmerzhaftigkeit der Schu߬
verletzungen der Nerven hervor und empfiehlt Einspritzungen mit dünnen Novokain-
Suprareninlösungen in den Verlauf des Schußkanals. Bei den Caudaverletzungen
werden vielleicht später plastische Operationen in Frage kommen. R. betont die
außerordentliche Bedeutung der Übungstherapie für die Restitution der Schu߬
verletzungen des Zentralnervensystems. Nicht Krüppelfürsorge tut jetzt not, sondern
verständnisvolles Zusammenarbeiten der verschiedenen medizinischen Disziplinen.
Herr C. Benda: Unter den hier im Heimatsgebiet ausgeführten Kriegs¬
sektionen nehmen die Todesfälle an Verletzungen des Zentralnervensystems einen
großen Prozentsatz ein. Bei den Schädelverletzungen handelte eB sich in allen
5 Fällen um Streif- oder Prallschüsse, von denen nur 1 Fall schwerere Knochen¬
verletzungen und kein einziger tiefere Hirnverletzungen zeigte, und alle durch
Komplikation und Hirnabszesse tödlich endigten. Dabei ließen sich selbst in dem
erwähnten schwersten Fall, einem Granatschuß der Stirn mit Splitterfraktur des
Stirnbeins, in dem nicht abszedierten rechten Stirnlappen weitgehende Vernarbungs-
vorgänge erkennen. Die fünf von B. sezierten Falle von Wirbelschüssen hatten
das gemeinsame, daß in keinem einzigen Falle schwerere Zertrümmerungen der
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
m
Knochen oder des nervösen Organs Vorlagen, sondern das Geschoß jedesmal mit
ganz geringfügigen Knochenverletzungen und in 3 Fällen auch ohne Verletzung
der Dura hindurchgegangen war. In dem einen der beiden Fälle mit Dura-
verletzung war das Geschoß noch vor dem Rückenmark stecken geblieben, in dem
anderen (schon in der psychiatrischen Gesellschaft demonstrierten) Falle war die
hier betroffene Cauda equina nur durch Knochensplitter direkt verletzt. Nichts¬
destoweniger bestanden in allen 5 Fällen schwerste Schädigungen der Funktion,
die in der zum Teil mehrmonatigen Beobachtungszeit nicht zurückgegangen waren.
Diese waren entweder durch Quetschungen oder durch Erschütterungen des Rücken¬
marks bedingt und mikroskopisch entweder als umfangreiche Blutungen (in einem*
Falle) oder als schwere Degenerationen (in 3 Fällen) nachzuweisen waren. In
einem Falle fanden Bich auch mikroskopisch nur geringfügige Quellungen der
Nervenfasern. B. weist darauf hin, daß diese Leichenbefunde insofern praktische
Schlußfolgerungen zulassen, als aus ihnen erhellt, daß nur in zweien von ihnen
ein operatives Vorgehen ein greifbares Ziel verfolgen könnte, das eine Mal die
Entfernung des Geschosses, das andere Mal diejenige der Knochensplitter. Aber
selbst in diesen Fällen hätte die Operation nicht mehr erreicht, als bei den
anderen spontan eingetreten war, nämlich den ungestörten Vernarbungsverlauf # im
anatomischen Sinne, der nichtsdestoweniger keinen Heilungsprozeß im physio¬
logischen Sinne bewirkt hat Der Tod erfolgte in 4 Fällen durch Urosepsis, im
fünften durch eine Pneumonie. Autoreferat.
Herr Schuster hat in 3 Fällen nach Schädelstreifschüssen schwere Hirn¬
erscheinungen gesehen, eine Hemiplegie mit Sprachstörung, eine isolierte moto¬
rische Sprachstörung und einen Hirnabszeß mit zahlreichen kleinen Knochen¬
splittern, der zum Exitus kam. Auch Sch. warnt vor der Entfernung von Kugeln
im Innern des Gehirns und betont das häufige Fehlen ernsterer Hirnerscheinungen
bei Durchschüssen durch den Schädel. Auch bei Verletzungen der Wirbelsäule
und des Rückenmarks warnt Sch. vor zu raschem Eingreifen. Selbst ohne Ver¬
letzung der Wirbelsäule kommen schwere Rückenmarksläsionen vor. Sch. beob¬
achtete eine typische Brown-S6quardsche Lähmung und eine kombinierte System-
erkrankung. Bei den peripherischen Nervenverletzungen, von denen ein großer
Teil Plexusläsionen Bind, rät Sch. im allgemeinen zu längerem Abwarten. Er
bebt die gesteigerte gemütliche Erregbarkeit, ja direkt Wehleidigkeit bei den
Verletzten, besonders auch bei den Offizieren, hervor. Er betont die Häufigkeit
schwerer hysterischer Erscheinungen, vor allem nach Shok bei OranatexploBionen.
Jedoch fehlten dieselben bei einem Manne, der im Schlafe durch eine explodierende
Granate verletzt worden war. Interessant ist auch das Auftreten einer echt
syphilitischen Augenmuskellähmung im Anschluß an eine Granatexplosion.
Die weitere Diskussion wird vertagt.
IV.
Zum Gedächtnis Prof. Lothar von Frankl-Hoch wart s.
Von M. Nonne in Hamburg.
An der Schwelle dieses Jahres, in dem der Tod mit unbarmherziger Sichel
die Tapferen in Scharen mäht, fallen auch hinter der Front schmerzliche Opfer.
Ein Verlust hat die Neurologie betroffen, der, da die Wissenschaft international
ist, von uns Spezialkollegen in allen Kulturnationen tief beklagt wird: in Wien
starb auf der Höhe seines praktischen und wissenschaftlichen Schaffens Prof. Lothar
von Frankl-Hochwart. Alle Leser dieser Zeitschrift kennen seinen Namen;
wohl alle kennen seine Arbeiten und viele, vielleicht die meisten, haben ihn
persönlich gekannt
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
110
Der Verstorbene entstammte einer österreichischen Familie; sein Vater war
der bekannte Wiener Dichter Ludwig August von Frankl-Hoch wart. Er wuchs in
einem geistig angeregtem Kreise hochgebildeter und feinsinniger, für Wissenschaft
und Kunst interessierter und dafür tätiger Menschen auf. Dieser Kreis war ein
Vertreter des guten Österreichertums, d.h. Vertreter eines Menschenschlages, der neben
Vertiefung in geistige Arbeit den äußeren Schönheiten des Lebens nacbging, dabei
dem Gemüt, einer idealen Stimmung der Begeisterung, zeitweilig bis zu einer
gewissen Sentimentalität sich steigernd, nicht geringen Einfluß yerstattend. In solcher
Umwelt entwickelte sich auch in Lothar von Frankl-Hochwart der dem Schönen
'und Idealen zugewandte, begeisterungsfähige Mensch, der gern die Gelegenheit
ergriff, Anderer Verdienste in idealistischer Weise zu feiern. Vielen Lesern
werden hierbei die von hohem Pathos getragenen Tischreden ins Gedächtnis
kommen, die der jetzt Verstorbene auf den Tagungen der „Gesellschaft Deutscher
Nervenärzte“ in Wien zum Ruhme von Erb und in Berlin zum Preise von Horsley
vortrug.
von Frankl-Hochwarts äußerer Lebensgang ist nicht verwickelt Er be¬
suchte in seiner Vaterstadt das Schotten-Gymnasium und studierte dann in Wien
Medizin. Schon früh fühlte er sich durch die Neurologie augezogen, die damals
— vor über 35 Jahren — noch ein wenig kultiviertes, aber äußerst fruchtbares
und reiche Ernte versprechendes Ackerland war. Zur Entwicklung seiner Neigung
zur Neurologie trug wohl am meisten ein Lehrer wie Nothnagel bei, der zu
jenem Kreis streng geschulter und streng schulender Kliniker gehörte, die der
Neurologie die Grundlagen geschaffen haben. Neben dem exakt klinisch beob¬
achtenden und registrierenden Nothnagel waren es vor allen der geniale Mey-
nert und der in experimentell-pathologischer Methodik glänzende Stricker, die
dem jungen Mediziner die Beschäftigung mit der Neurologie als des Schweißes
der Edlen wert erscheinen ließen.
Die Beziehungen von Frankls zu seinem Lehrer Nothnagel wurden schon
bald dadurch enger, daß dieser 1889 das an seiner Klinik eingerichtete Ambula¬
torium für Nervenkrankheiten unter v. Frankls Leitung stellte. Damit war dem
jungen Forscher Gelegenheit gegeben zum selbständigen Arbeiten, und er benutzte
diese Möglichkeit von Anfang an mit Eifer und Erfolg, und obgleich die äußeren
Verhältnisse dieser Arbeitsstätte keineswegs glänzende waren und in den folgenden
25 Jahren auch nicht glänzend wurden, hat v. Frankl es doch verstanden, die Ab¬
teilung zu einem wertvollen Hilfsmittel für den klinischen Unterricht, zu einem
Heim wissenschaftlicher Forschung und zu einer Spezialschule für Arzte zu ge¬
stalten. Wie seinerzeit Erb in bescheidensten äußeren Verhältnissen in Heidel¬
berg Entdeckungen machte, durch die die Neurologie sozusagen auf die Füße ge¬
stellt wurde, so bewies auch von Frankl-Hochwart, daß der fähige und fleißige
Arbeiter von äußeren Umständen nicht abhängig ist. Schon 1891 habilitierte er
sich. Einige Jahre später erhielt er den Titel des Professor extraordinarius, aber
erst 1913 das wirkliche Extraordinariat. Er hat von seiner Arbeitsstätte aus
die Neurologie um wichtige und wesentliche Kenntnisse vermehrt; das brachte er
zuwege durch seine Arbeiten über Pseudosklerose, über Tetanie und Intentions¬
krämpfe, über nervöse Erkrankungen des Geschmacks und Geruchs, über Konus¬
erkrankungen, ferner durch seine Studien auf dem Gebiete der Hirntumoren, be¬
sonders solche der Hypophysis, der Zirbeldrüse und des Kleinhirns, durch seine
eingehenden Studien über Menieresche Erkrankung, über den Einfluß der inneren
Sekretion auf die Psyche, über die Wirkungen des Hypophysins, durch seine
überaus wertvollen experimentellen Arbeiten über zentrale Blasenlähmung und
seine klinische Bearbeitung der Beschäftigungsneurosen. Seine zusammen¬
fassenden Arbeiten sind lichtvolle und fesselnde Darstellungen des vorliegenden
Tatsachenmaterials. Er ging nur an die zusammenfassende Darstellung solcher
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UMlVERSfTY OF MICHIGAN
111
Krankheitsgebiete, auf denen er durch eigene Forschungen eigene Erfahrungen
gesammelt und auf denen er selbst zu Fortschritten verholfen hatte; das trifft
besonders für die Tetanie zu, für den Morbus Meniöre und für die nervösen Er¬
krankungen der Blase und des MastdarmB. Aus der Reihe seiner Arbeiten über
den Morbus Moniere sei hier nur hervorgehoben seine Aufstellung des Pseudo-
Meni&re, eine klinische Leistung von großer praktischer Bedeutung, die sich an
mehrere Arbeiten zur Differentialdiagnose und Prognose des Morbus Mentäre an«
schloß. Auf dem Gebiete der nervösen Krankheiten der Blase hat er wichtige
experimentelle Untersuchungen über den Sphinktertonus und über die Wirkung
des N. erigens und N. hypogastricus durchgeführt. Er setzte diese Untersuchungen,
sie auf den Mastdarmsphinkter ausdehnend, später gemeinsam mit Fröhlich fort.
Ebenso lagen seinem großen Referate über die nervösen Erkrankungen der Tabak¬
raucher (Frankfurt a/M. 1912) eigene ausgedehnte klinische Erfahrungen zugrunde.
In den letzten Jahren wurde von Frankl-Hochwarts Name wieder besonders
im Anschluß an seine Untersuchungen über die Erkrankung der Blutdrüsen ge¬
nannt. Besonders zweien dieser Organe wandte er sein Interesse zu, der Hypo¬
physe und der Zirbeldrüse. Der neue und in seiner Besonderheit seither aner¬
kannte „Typus Fröhlich 44 , d. h. das Krankheitsbild der Dystrophia adiposo-genitalis
wurde von ihm und seinem Schüler Fröhlioh zuerst aufgestellt. Mit seinem
Namen eng verbunden bleibt wohl auch die erste richtige Diagnose auf Erkran¬
kung eines Zirbeldrüsentumors sowie die erfolgreiche operative (von Eiseisberg)
Inangriffnahme dieser Erkrankung. Die klinischen Erfahrungen über die Hypo¬
physenerkrankungen trieben ihn zum experimentellen Studium der Wirkung des
Hypophysins auf das sympathische und autonome Nervensystem, und nicht zuletzt
seinen Studien ist die Einführung des Pituitrins in die Gynäkologie (Fehr und
Hofstetter) zu verdanken.
Wer so emsig, vielseitig und erfolgreich arbeitet, pflegt auoh Lust und
Fähigkeit zum Lehren und zum Anregen zu haben, und das war bei von Frankl-
Hoch wart in ausgesprochenem Maße der Fall. In jenem bescheidenen Nerven-
ambulatorium hat er regelmäßig vor einem immer wachsenden Kreise von In-
und Ausländern klinischen Unterricht erteilt, und wer seine Vorträge gehört hat,
bekennt, daß er nicht nur ein von dem Lehrstoff durchdrungener und einer mög¬
lichst lebhaften Darstellung des Falles sich befleißender, sondern daß er oft auch
durch die künstlerische Formvollendung des Vortrages ein ästhetisch erfreuender
Lehrer war. Über allem aber schwebte — das bezeugt in seinem Nachruf auch
sein Wiener Kollege und Freund Otto Marburg — die warme Menschlichkeit
im allgemeinen und das Interesse für den Kranken im Besonderen: Auch hier
bestätigte sich der Ausspruch Nothnagels, daß nur ein guter Mensch ein guter
Arzt sein kann.
Wenn es heißt: „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen 44 , so muß vonFrankl-
Hochwart ein guter Lehrer gewesen sein, denn Männer wie Schlesinger,
Hatschek, Artur Berger, Fröhlich, Stern, Marburg — um nur einige zu
nennen — sind seine Schüler gewesen.
In der Praxis war von Frankl-Hochwart erfolgreich und ein gern zu¬
gezogener und gern gesehener Konsulent. Wieviel er in seiner engeren Heimat
galt, zeigt die große und schöne Festschrift, die ihm von Schülern, Kollegen und
Freunden gelegentlich des Tages, an dem er 20 Jahre an der Nervenambulanz
tätig war, gewidmet wurde; wieviel er im Auslande galt, zeigte die Aufnahme,
die er vor 2 Jahren gelegentlich einer Reise durch die Vereinigten Staaten fand:
sie war eine von der Hochachtung vor seinen Leistungen getragene und dazu
eine aufrichig herzliche.
von Frankl gehörte auf Grund seiner Spezialforschungen seit einer Reihe
von Jahren dem Vorstande der Internationalen Gesellschaft für Urologie an. Für
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
112
uns aber ist wichtiger, daß er zu den Mitbegründern der „Gesellschaft Deutscher
Nervenärzte“ gehörte. Er war einer der Ersten, die sich der Anregung Oppen¬
heims freudig und mit ganzem Herzen anschlossen; galt es ihm doch, durch
diese neue Vereinigung nicht nur die wissenschaftliche Neurologie zu fördern,
nicht nur die persönlichen Beziehungen der berufenen Vertreter unseres Spezial¬
gebiets zu wecken und zu pflegen, sondern erwartete doch auch er von ihr die
Erfüllung der Hoffnung so vieler Neurologen, daß ihrer Wissenschaft auch äußer¬
lich die Existenzberechtigung zuerkannt werde in Gestalt der Errichtung eigener
Forscher statten und eigener Lehrstühle mit gesonderten Abteilungen — mit anderen
Worten: daß auch der Neurologie an den Universitäten und an anderen medizinischen
Lern- und Lehrzentren das zugestanden werde, was anderen Disziplinen längst
zugestanden war. Er selbst konnte das sich mit diesem Thema befassende Referat
Oppenheims in dessen Vertretung 1908 vortragen; er selbst sprach lebhaft zur
Diskussion, und er selbst trat auch später bei jeder sich offiziell und inoffiziell
bietenden Gelegenheit für die Idee der Selbständigmachung und der offiziellen
Anerkennung der Neurologie ein. Er durfte noch die Freude erleben, daß er an
der Poliklinik eine selbständige Abteilung erhielt; seine Hoffnung und seine Ab¬
sicht war, diese zu einer klinischen Abteilung auszubilden.
von Frankl-Hoch wart erlag einem langsam wachsenden Hirntumor. Es
ist eine Tragik, daß ein Leiden ihn hinraffte, dessen Erforschung er so viel Zeit
und Kraft seiner Lebenstage gewidmet hat.
Alles in allem war von Frankl-Hochwart ein fleißiger und zuverlässiger
wissenschaftlicher Kliniker, geschmückt mit einem wohlwollenden edlen Menschen¬
tum. Durch sein Leben und sein Wirken bat er bewiesen, daß er ein Lebens¬
künstler war, nach dem Wort: „zu leben weiß, wer nicht allein sich selber lebt.“
Sein Name wird in der Neurologie unvergessen bleiben.
V. Verschiedenes.
Am 27. November 1914 feierte die Neurologische Gesellschaft in Philadelphia ihr
30jähriges Bestehen. Die unter dem Vorsitz von Weir Mitchell begründete Gesellschaft
hielt an diesem Tage eine Festsitzung ab. Der jetzige Präsident, Dr. Ch. K. Mills, eröffnete
dieselbe mit einer Ansprache „Über die zerebrale Morphologie in ihren Beziehungen zur
zerebralen Lokalisation“. Es sprachen ferner Francis X. Dercura: „Nerven- und Geistes¬
krankheiten und die neuere Pathologie“; James Henri Lloyd: „Bau und Funktion des Linsen-
kerns"; Charles W. Burr: „Die Psychologie des Geizigen“; William G. Spill er: „Bemer¬
kungen über die zentrale Lokalisation der Sensibilität*'; Tb. H. Weisenburg: „Gründerund
Leistung der Gesellschaft.“ Im Anschluß an diese Sitzung wurden eine Reihe von Neuro¬
logen verschiedener Länder zu korrespondierenden Mitgliedern gewählt, darunter aus Deutsch¬
land die Herren L. Edinger, H. Oppenheim und M. Rothmann. — Wir sprechen nach¬
träglich der Gesellschaft unseren herzlichen Glückwunsch aus. Die Arbeiten ihrer Mitglieder
auf allen Gebieten der Neurologie haben unsere Wissenschaft wesentlich gefördert Es ist
in dieser Zeit gewiss doppelt erfreulich, daß die amerikanischen Kollegen bemüht sind, die
internationalen Beziehungen festzuhalten.
Prof. Kurt Goldstein aus Königsberg ist als Abteilungsvorsteher für Pathologie in
das Neurologische Institut der Universität Frankfurt eingetreten.
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth*
mann, Berlin W„ Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgeb & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neürowgisches Cent r alblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Profi E. MendeL
Heransgegeben
▼an
Dp. Kurt MendeL
Vierimddrei ßigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 15. Februar. Nr. 4.
Inhalt. I. Originalmittellungen. 1. Zur operativen Therapie der Schußverletzungen
der Wirbelsäule und des Rückenmarks, von Kurt Goldstein. 2. Zur Pathogenese der im
Krieg auftretenden psychischen Störungen, von Heinrich Bickel.
II. Referate. Krieg. 1. Indikationen für subkutane Magnesiumsulfatbehandlnng des
Tetanus traumaticus, von Usener. 2. Die kombinierte Antitoxinüberschweramungs- und
Narkosetherapie des Tetanus, von Dreyfus und Ungar. 8 . Behandlung des Wundstarrkrampfs
mit Magnesiumsulfat, von Syring. 4. Kurze Mitteilung über Wundstarrkrampffälle und ihre
Behandlung im Reservelazarett Münster i. W., von Siemon. 5. Schädelchirurgie im Felde,
von Ehrhardt. 6. Psychosen und Neurosen in der Armee während des Krieges, von Meyer.
7. Lendenwirbelkonturschuh, von Freund. 8. Kopfverletzungen im Felde vom Standpunkte
des Otologen, von Goldmann. 9. Über Tetanus traumaticus, von H. Pribraun. 10. Bemerkungen
zu Dt. Hegels Mitteilung: „Über Kriegsverletzungen des peripherischen Nervensystems'*,
von Becker. — Chorea. 11. Contributo alTanatomia patologica della corea di Huntington,
per d'Antona. 12. Über die Ursacbe der choreatischen Zuckung, von Niessl v. Mayendorff.
13. A Streptococcus producing Symptoms of cborea in a dog, by Dick and Rothstein. 14. Les
lesions de la choree chronique progressive, par Marie et Lhermitte. 15. Beiträge zur Lehre
von der Chorea chronica progressiva, von Margulis. 16. De la choröe de Sydenbam, par
Matxrel. 17. Uber Chorea gravidarum, von Kolde. 18. Zur Kenntnis der Schriftstörung bei
Chorea, von Lomer. 19. Les lesions de la chorde progressive (chorde d’Huntington). La
ddgendration atrophique cortico-striee, par Marie et Lhermitte. 20. A voice sign in chorea.
Preliminary report par Swift. 21. Further analysis of the voice sign in chorea, par Swift.
22. Kasuistischer Beitrag zur Chorea chronica progressiva (Huntingtonsehe Chorea), von
Stahl. 23. über Lumbalpunktion bei Chorea infectiosa, von Pastini. 24. Instabilitd chordi-
forme et insuffisance thyroidienne, par Rdmond et Sauvage. 25. Confusion mentale et syn-
drörae de Korsakoff dans uu cas de choree, par Arsimoles. 26. Über Chorea minor mit
Psychose (Verwirrtheit uud Hemmung), von v. Holtum. 27. Hereditary chorea, by Boyd.
28. Über Choreapsychosen in der Schwangerschaft, von Harpe. 29. On the diagnosis, pro-
gnosis and treatment of Sydenhams chorea, by Langmead. 30. Die Prognose bei Chorea
gravidarum, von MJhlbaum. 31. Zur Behandlung der Chorea minor, von Lehmann. 32. Die
Chorea minor und ihre Behandlung, von Singer. 33. La corea del Sydenham ed il salvarsan,
per Gemell. — Tetanie. 84. Pathologie und Therapie der Krämpfe im Kindesalter, von
Langstein. 35. Observation on tetany in dogs. Relation of the parathyroids to tbe thyroid;
relation of tetany to age, amount of parathyroid tissue removed, accessory parathyroids,
pregnancy, lactatioD, rickets, sulphur, and diet; relation of parathyroids to sugar tolerance;
effect of calcium salts, by Marine. 36. L’uree dans le sang et rurine des chiens thyrdo-
parathyreoidectomises, par Urechia. 37. La methode d'Abderhalden chez les animaux en
etat de tetanie experimentale, par Urechia et Popeia. 38. Tetany in acute snpporative appen-
dicitis in an adult, by Hughes. 39. Einige Beobachtungen über Spasmophilie in Japan, von
Iwamura. 40. Über einen Fall von Spättetanie gastrischen Ursprungs, von Wexberg. 41. Zur
Tetanie bei abdominellen Affektionen, von Bircher. 42. Chirurgie der Nebenschilddrüsen,
von Guleke. 43. Über Tetanie bei Dünndarmileus, von Gebhard. 44. Tetaniesymptome nach
und bei Dysenterie, von Löwy. 45. Zur Frage der „Bronchotetanie“ der Erwachsenen und
ihrer Behandlung mit Kalzium, von Curichmann. 46. Untersuchungen über Tetanie und
Alterestar, von Fischer und Triebenstein. 47. Tetanoide Symptome bei Schwangeren und
Wöchnerinnen, von Kreise. 48. Die Magnesiumsulfatbehandlang der spasroophilen Krämpfe,
xxxi v. 8
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
114
von Berend 49. Die Organtherapie der postoperativen Tetanie, von Vogel. 50. Über die
chronische Tetanie nach Exstirpation von Glandulae parathyreoideae, von Tanberg. 51. Zur
Behandlung der postoperativen Tetanie, von Wiebrecht. — Therapie. 52. Ein Fall von
Adalinvergiftung, von Pierling. 53. Über Ealmonal (Bromkalziumurethan), von Bufe. 54. Über
das Verhalten des Ealmonals im menschlichen Eörper, von Seegers. 55. Ealmonal, ein neues
Sedativum, von v. Feilitsch. 56. Über Dial Ciba bei Psychosen, von Schmidt.
III. Aus den Gesellschaften. Vereinigte ärztliche Gesellschaften zu Berlin, Sitzung vom
6. Januar 1915. — Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Sitzung
vom 11. Januar 1915.
IV. van Gebuchten t _
I. Originalmitteilungen.
1. Zur operativen Therapie der
Schußverletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks.
Von Kurt Goldstein.
Wir werden bei den relativ häufigen Schußverletzungen der Wirbelsäule
mit Schädigung des Rückenmarks oft vor die Frage gestellt, ob man den Ver¬
letzten operieren soll oder nicht. Ich habe mich schon an anderer Stelle 1 be¬
sonders für jene Fälle für die Operation ausgesprochen, bei denen — bei über
dem Reflexgebiet liegender Läsion — die Lähmung nicht nur in der ersten
Zeit, sondern dauernd eine totale, schlaffe bleibt, die Reflexe
dauernd fehlen und die schweren Blasen- und Mastdarmstörungen
fortbestehen, bei denen also die Zeichen einer sogen, totalen Quertrennung
des Rückenmarks vorliegen und keine Neigung zur Besserung sich zeigt Meine
Aaffassang basierte auf der Erfahrung, daß diese Fälle trotz der besten Pflege
so gut wie immer in relativ kurzer Zeit einen trostlosen letalen Verlauf nehmen,
daß bei ihnen also sicher sehr wenig zu verlieren und mit der Operation also
kaum etwas zu schaden ist Ist aber durch dieselbe dem Verletzten etwas
zu nützen? Das wird ja schließlich immer das Ausschlaggebende für die Vor¬
nahme einer Operation sein. Es hängt davon ah, oh die vorliegende Rücken-
marksschädigung restitutionsfähig ist oder nicht Es wird deshalb von unge¬
meiner Wichtigkeit sein, dies ans dem neurologischen Befunde zu entscheiden.
Den vorerwähnten Befund einer sogen, totalen Quer treu uung des Rücken¬
marks erhebt man anfänglich in fast allen schweren Fällen von Schußverletzungen
der Brost- und Halswirbelsäule. In einer Reihe von Fällen — in den von vorn¬
herein günstigen — kehren die Reflexe nach kurzer Zeit wieder,*jdie Lähmung
bessert sich, wird auch gewöhnlich spastisch, die Blasen- and Mastdarmstörungen
weichen ebenfalls, und es tritt eine mehr oder weniger fortschreitende Restitution
aller Störungen ein. In diesen Fällen muß man das Fehlen der Reflexe und
die schlaffe Lähmung wohl auf eine vorübergehende Shockwirkung zurückführen.
Diese Fälle sind es aber eigentlich nicht, die uns hier besonders interessieren,
weil in ihnen die Operation meist nicht in Frage kommt, wenngleich auch hier
etwa der röntgenologische Nachweis eines Knochensplitters oder eines^Geschosses
1 Beobachtungen an Schußverletznngen des Gehirns und Rückenmarks. Deutsche med.
Wochenachr. 1916.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
115
doch die Laminektomie angezeigt erscheinen lassen kann, falls die Besserung
keine sehr weitgehende ist. Immerhin ist hier die Operation wegen des Fehlens
direkter Lebensgefahr keine dringende. Das ist aber ganz anders in den Fällen,
bei denen die Reflexe wochenlang fehlen, wochenlang die Lähmung eine totale
und schlaffe ist, die Blasen* und Mastdarmstörungen bestehen bleiben. Hier
drängt die direkte Lebensgefahr zur Entscheidung.
Nach der Anschauung von Bastian sind die erwähnten'Symptome die
Zeichen einer vollständigen Leitungsunterbrechung im Rückenmark und durch
die Abtrennung der tieferen Rückenmarkspartien vom Großhirn und Kleinhirn
bedingt — eine Anschauung, die von vielen Autoren wie Dejertne, Nonne u. a.,
besonders Bruns, akzeptiert wird. Müssen wir wirklich nach diesem Befunde
eine vollständige Quertrennung des Rückenmarks annehmen, müssen wir an*
nehmen, daß das Geschoß durch jdas Rückenmark hindurchgegangen ist? ln
diesem Falle wäre eine Operation natürlich aussichtslos und deshalb zu verwerfen.
Meine anderweitig mitgeteilten Beobachtungen beweisen nun interessanterweise,
daß dieser Symptomenkomplex sicherlich nicht notwendig eine
grobe Kontinuitätsunterbrechung des Rückenmarks anzeigt, sondern
daß er bei unverletztem Durasack und makroskopisch unverletztem
Rückenmark bestehen kann. Ganz kürzlich hat Muskens 1 ganz ähnliche
Beobachtungen mitgeteilt. In meinen Fällen fand sich einmal bei der Operation
ein Geschoß außerhalb der Dura im Wirbelkanal, eingekeilt in den Wirbelkörper,
das das Rückenmark komprimierte wie ein Tumor; in einem anderen Falle war
der Wirbel eingebrochen, das Geschoß hatte das Rückenmark nicht direkt ge¬
troffen, auf dasselbe drückte aber ein Knochenstüokchen, ohne eine schwere
Kompression des Rückenmarks zu erzeugen. In einem weiteren Falle wurde das
Geschoß, eine Sohrapnellkugel, die das Röntgenbild zeigte, bei der Operation
nicht gefunden, es lag im Wirbelkörper. Das Rückenmark selbst wies keine
makroskopische Veränderung auf, es war die Dura offenbar durch das Geschoß
nur gestreift. In einem weiteren war die Dura äußerlich intakt, nach dem
Aufschneiden zeigte sich (bei der Autopsie) eine Verwachsung der Dura mit
dem Rückenmark und Einschnürung des Rückenmarks durch fibröse Stränge,
ln allen diesen Fällen fanden sich also die Symptome einer sogen. Totaldurch-
trennung, ohne daß eine solche vorlag — wenigstens nicht grob morphologisch.
Ob feinere histologische Veränderungen vorhanden waren und welche, darauf will
ich an anderer Stelle nach genauer mikroskopischer Untersuchung der sezierten
Fälle eingehen. Dort will ich auch die Frage nach der Ursache der schlaffen
Lähmung und des Fehlens der Reflexe behandeln. Hier interessiert uns nur die
Frage, ob eine Rückenmarksveränderung vorliegt, von der man annehmen kann,
daß sie nach Beseitigung der Schädigung sich restituieren kann — das ist die
Indikationsstellung zur Operation.
Damit, daß ein grober Defekt nicht vorliegt, ist das allerdings noch nicht
erwiesen. Es könnte auch ohne gröbere Lokalzerstörung in diesen
Fällen eine mikroskopische Quertrennung bestehen oder eine so
1 N eurolog. Centnlbl. 1915. Januar.
8 *
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
116
schwere Allgemeinschädigung des Rückenmarks vorliegen, daß auch
nach Beseitigung der lokalen Schädlichkeit eine Besserang nicht
za erwarten wäre? Meine Fälle sind mikroskopisch noch nicht untersucht.
Ich werde später darüber berichten und auch die Frage zu entscheiden suchen,
ob die totale schlaffe Lähmung und Areflexie durch totale mikroskopische Quer-
schnittsunterbrechung oder diffuse Schädigung des ganzen Rückenmarks zustande
kommt. Vorläufig ist das nioht zu entscheiden. Ich kann aber das eine sagen,
daß in dem einen Falle (Qeschoß im Wirbelkanal) nach der Operation eine
Besserung eintrat, in Form der Rückkehr der Reflexe und einer gewissen Be*
weglichkeit nach relativ kurzer Zeit — die Schädigung des Rückenmarks
muß also trotz der sehr lange bestehenden „totalen Querschnitts*
u|nterbreohung“ restitutionsfähig gewesen sein. Wir wissen ja über*
haupt nichts Sicheres darüber, wie weit derartige diffuse oder lokale
Schädigungen des Rückenmarks ohne Kontinuitätstrennung restitutionsfähig
sind. Die gewöhnlichen Friedensverletzungen der Wirbelsäule — gewöhnlich
doch Frakturen — sind ihrer ganzen Art nach von den Schußver¬
letzungen so verschieden, daß wir die Erfahrungen von diesen keineswegs auf
unsere Fälle übertragen können. Sie sind fast nie so umschrieben, erfolgen
gewöhnlich nicht mit so großer, so streng lokalisierter Gewalt, so ohne Ver¬
letzung der Dura usw. All das gibt sicher recht verschiedenartige Schädigungen
des Rückenmarks.
Selbst der mikroskopische Befund einer diffusen Schädigung der weißen
Substanz, wie sie etwa in einer diffusen Marchidegeneration uns entgegenträte,
kann uns kaum Sicheres darüber sagen, ob das Rückenmark nicht doch noch
so restitutionsfähig ist, daß eine leidliche Funktion noch zurückkehrt Hier
fehlen uns noch sehr notwendige experimentelle Feststellungen mit genauer
klinischer und anatomischer Untersuchung. Sie werden allein Aufklärung
bringen. Die Erfahrungen an Tumoren sind ja auch nicht ganz eindeutig,
indem bei ihnen zwar die lokale Druckwirkung vorhanden ist, aber die akute
Shockwirkung fehlt; sie lehren aber zum mindesten, daß das Rückenmark einen
anhaltenden lokalen Druck sehr gut verträgt und auch schwere Störungen sich
noch nach Entfernung des Drucks zurückbilden können.
So lange wir nicht sagen können, in den Fällen mit dem Zeiohen von
sog. „totaler Quertrennung des Rückenmarks“ ist auch bei nicht grober Zer¬
trümmerung des Rückenmarks eine Erholung des Rückenmarks ausgeschlossen,
so lange scheint mir in diesen sonst so trostlosen Fällen eine Operation indiziert,
wenn man durch diese die lokale Schädigung beseitigen kann — und das
können wir nicht sagen. Ich hebe das besonders hervor, weil z.B. Lewamdowbkt 1 ,
der der Operation skeptisch gegenübersteht, schreibt: Nur wenn wirklich der
dringende Verdacht besteht und möglichst noch durch Röntgenuntersuchung
sicher gestellt ist, daß ein Knochensplitter oder ein Geschoß im Wirbelkanal
selbst steckt und dabei die Lähmung keine totale ist, halte ich die Indikation
für gegeben. Ich möchte in mehrfacher Beziehung in der Indikationsstellung
1 Di« Kriegsverletzungen des Nervensystems. Berliner klin. Woeh. 1014. Nr 61.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
weiter geben: loh möchte in Anbetracht der häufigen Schwierigkeit des Nach¬
weises von Knochensplittern and der Feststellung der Lage des Geschosses nicht
die Sioheretellnng durch den Röntgenbefund verlangen, wenn er natürlich auch
sehr wertvoll ist Ich würde weiter vor allem nicht verlangen, daß die Lähmung
keine totale ist auf Grund der obigen Ausführungen, sondern auch bei einer
solchen zur Operation raten. Ich würde schließlich in den in Betracht kom¬
menden Fällen auch für die Operation sein, wenn ich kein Geschoß im Wirbel¬
kanal vermute, weil nach meinen Erfahrungen auoh die durch die Erschütterung (?)
bedingte umschriebene Meningitis adhäsiva ganz ähnliche schwere Querschnitts¬
unterbrechungen machen kann.
Nur dann sollte man nicht operieren, wenn man eine grobe Unterbrechung
des Rückenmarks annehmen kann. Das ist leider bisher kaum mit Sicherheit fest¬
zustellen. Als ioh auf Grund der obigen Überlegungen zur Operation riet, wurden
wir in mehreren Fällen durch den Befund eines mehr oder weniger groben Defektes
im Rückenmark enttäuscht Es wäre natürlich sehr wichtig, diese absolut un¬
günstigen Fälle von den anderen unterscheiden zu können. Das ist aber nur
in den seltensten Fällen möglich, so wenn etwa eine schwere Wirbelfraktur eine
gleichzeitige Zerstörung des Rüokenmarks vermuten läßt Vor allem ist aus
dem neurologischen Befunde allein bisher eine derartige Entscheidung nach
meinen Erfahrungen nicht möglich. Vielleicht gelingt es anderen, durch den
Vergleich einer größeren Zahl von Sektions- und Operationsbefunden mit ge¬
nauen klinischen Beobachtungen differentialdiagnostisch verwertbare Unterschiede
zu finden. So lange dies nicht der Fall ist möchte ioh daran festhalten, alle
in Betracht kommenden Fälle — ioh hebe nochmals besonders hervor, ich
spreche hier nür von einem bestimmten Typus — zu operieren, selbst auf die
Gefahr hin, in dem einen oder anderen Falle ganz unnütz operiert zu haben.
Bei der — ohne Operation — furchtbaren Aussichtslosigkeit der in Betracht
kommenden Fälle, die alle Autoren, auch die Operationagegner, zugeben, er¬
scheint es mir schon als großer Gewinn, wenn durch die Operation wenigstens
der eine oder andere der Unglücklichen gerettet wird . 1
2. Zur Pathogenese
der im Krieg auftretenden psychischen Störungen.
Von Dr. Heinrich Biokel,
Priratdoxont für Pyschiatrie and Neurologie so Bonn,
surzeit im Felde.
Jeder, der im Felde steht, und, wie ich glaube, auch die in der Heimat
Weilenden wissen, welohe Blüten die Phantasie im Kriege treibt Schon in den
ersten Mobilmachungstagen erzählte man sich Nachriohten von gewaltigen Siegen,
die unsere eben erst ins Feld rückenden Truppen erfochten hätten, und diese
* Wegen der Frage der Zeit wann operiert werden soll n. a., verweise ich, um Wieder*
holongen zn vermeiden, auf meine frühere Arbeit.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
118
Nachrichten worden geglaubt,"ohne daß de sich später als richtig erwiesen
hätten. Mittlerweile haben wir gelernt, neuen Kriegsnachrichten gegenüber
skeptischer zu sein, und wünschen stets auch die Quelle zu erfahren, aus welcher
die Neuigkeit stammt. Wenn [möglich, wollen wir es „schwarz auf weiß“ als
amtliche Mitteilung sehen, eine Art der Bekanntmachung, die im Gegensatz zu
den amtlichen Mitteilungen unserer Feinde noch Anspruch auf Glaubwürdigkeit
erheben darf. — Das, worauf ich hier hinweisen will, ist die leicht zu konstatie¬
rende Tatsache, daß in Zeiten nationaler Begeisterung, wie wir sie jetzt im Kriege
durohleben, sich des ganzen Volkes eine Erregung bemächtigt, die u. a. in der
eben erwähnten Steigerung der Phantasietätigkeit, d. h. also in einer Steigerung
der produktiven, kombinierenden, psychischen Tätigkeit zum Ausdruck kommt
Gleich einer Epidemie breitet sich eine Erregung über das ganze Volk aus, in
Erwartung der kommenden großen Ereignisse. Diese Erregung ist ebenso wie
die Erregung,J welche der unmittelbare Eindruck der Kriegs- und Schlacht¬
erlebnisse beijden im Felde^Stehenden hervorruft, psychologisch wchl zu ver¬
stehen, insofern hier die eigene Existenz und zugleich das Schicksal des ganzen
Volkes in Frage steht. Die in solcher Weise psychologisch motivierte Erregung
ist zweifellos einer derjenigen Faktoren, welche den Ausbruch psychischer
Störungen in Kriegszeiten ( begünstigen. Hand in Hand mit diesem Faktor
gehen ferner ^individuelle Prädispositionen, sowie besonders bei der kämpfenden
Truppe körperliche Strapazen und Entbehrungen, welche in bestimmter, gleich
zu besprechender Weise ihre Wirkung ausüben.
Über die psychischen Störungen, welche in den ersten 6 Wochen des gegen¬
wärtigen Krieges in der Straßburger psychiatrischen Klinik zur Beobachtung
kamen, hat Wollenbebg 1 berichtet Er teilt die von ihm beobachteten Fälle
in drei Gruppen ein. Die erste Gruppe umfaßt die Erkrankungen aus der
Mobilmacbungszeit, die zweite diejenigen Erkrankungen, welche während der
kriegerischen Operationen selbst auftraten, und die dritte Gruppe die psychisch¬
nervösen Erkrankungen des Wundbettes und Krankenlagers. Wenn man von
den Erkrankungen an manisch-depressivem Irresein, Dementia praecox usw.
absieht, zu deren Ausbruch die Kriegsereignisse nur die Gelegenheitsursaohe ab-
gaben, so handelte es sich bei den in den Mobilmachungstagen eingelieferten
Kranken hauptsächlich einmal um Alkoholdeliranten und ferner um „gewisse
mehr episodenhafte Erregungszustände bei Psychopathen“. Die Alkoholdelirien
gingen meistens mit tiefer Bewußtseinsstörung und starker motorischer Erregung
einher, während die charakteristischen Tierhalluzinationen fehlten; ein nicht ge¬
ringer Teil dieser Fälle starb schnell an Herzschwäche. Die Erregungszustände
bei Psychopathen gingen mit schwerem Angstaffekt einher, wobei die Wahnidee,
für einen Spion gehalten zu werden, eine große Rolle spielte. Diese zuletzt
gekennzeichneten Erregungszustände, welche dem Krankheitsbild der Amentia
zuzurechnen sind, gingen meistens rasch in Heilung über. Unter den psychisch*
nervösen Störungen, welche in den Beginn der kriegerischen Operationen fielen,
1 Nervöse Erkrankungen bei Kriegsteilnehmern. Münchener med. Wochenschrift. 1914.
Nr. 44.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
/
119
nennt|WoiiLSNBEBG zunächst hysterische Psychosen und sodann solche Zustände,
die auf Erschöpfung beruhten, und in denen neben den Zeichen körperlicher
und geistiger Übermüdung Sinnestäuschungen in Erscheinung traten. Die Be¬
treffenden hatten nach ermüdenden Märschen z. B. die Vision weißer Häuser¬
reihen am Straßenrande. Im Anschluß an akute Erschöpfungszustände, wie
Ohnmächten und Hitzschläge, traten auch neurasthenische Zustände auf, mit
Mißempfindungen im Kopf und zuweilen mit akustischen Reizerscheinungen
(Olockenläuten). Neurasthenische Depressionen waren gleichfalls nicht selten.
Alles in allem handelt es sich bei den im Krieg auftretenden psychischen
Störungen symptomatologisch nicht um Erkrankungen sui generia, sondern um
solche Störungen, die a uch zu anderen Zeiten auftreten können und höchstens
durch den Krieg ihre* besondere’ Färbung erhalten.
Als einen der^ Faktoren, welche den Ausbruch psychischer Störungen in
Kriegszeiten begünstigen, nannten wir oben die psychologisch motivierte Er¬
regung, welche sich der gesamten Nation bemächtigt. Bei den von Wollen-
bbbg beobachteten Störungen spielten neben individueller Veranlagung ferner
Alkoholmißbrauch und körperliche Überanstrengung und Erschöpfung eine ätio¬
logische Rolle. Die Wirkung dieser letzteren Faktoren beruht sehr wahrschein¬
lich zum nicht geringen Teile auf der Störung eines physiologischen Mechanismus,
den wir im folgenden näher kennzeichnen werden, und zu dessen Darlegung
wir etwas weiter ausholen müssen.
Mosso konstatierte an Kurven, die er mit seinem Plethysmographen auf¬
nahm, daß, hei jeder intensiveren psychischen Tätigkeit, insbesondere bei geistiger
Arbeit (z. B. Kopfrechnen), sich mit großer Regelmäßigkeit die Blutgefäße der
äußeren Körperteile kontrahieren. An Blutdruckkurven, welche die Verände¬
rungen des Blutdrucks kontinuierlich darstellten, beobachtete er ferner, daß mit
der Kontraktion der Gefäße eine Erhöhung des allgemeinen Blutdrucks einher¬
geht. Diese Beobachtungen von Mosso wurden durch spätere Untersuchungen
im großen und ganzen bestätigt und im einzelnen noch ergänzt. Insbesondere
stellte es sich heraus, daß die psychisch bedingte Blutdruoksteigerung im wesent¬
lichen nicht eine Folge der peripheren Gefäßkontraktion ist, sondern durch eine
intensivere Tätigkeit des Herzens zustande kommt Unter dem Einfluß von
Ermüdung tritt nun, wie E. Wbbbb zeigte, an die Stelle der Gefäßkontrak¬
tion bei psychischer Tätigkeit eine Gefäßerweiterung, welche als mechanische
Wirkung der Blutdrucksteigerung aufzufassen ist Diese Gefaßerweiterung kann
nur der Ausdruck einer Lähmung der Vasokonstriktoren sein. Eine
solche Lähmung der gefäßverengernden Nerven, wie sie E. Webeb hauptsächlich
bei körperlicher Ermüdung beobachtete, tritt auch nach dem Genuß von Alkohol
auf, wie das schon unmittelbar an einer Rötung des Gesichts zu erkennen ist,
und wahrscheinlich auch unter dem'Einfluß vieler anderer, toxischer und infek¬
tiöser, Gifte. 1 Die Gefäßlähmung _ muß nicht eine irreparable Störung sein,
1 Die Stelle, an welcher die hier besprochene Funktionsstörung der Vasokonstriktoren
lokalisiert ist i*t aus Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, in der Hirn¬
rinde und nicht etwa in der Peripherie au suchen.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
120
sondern kann sich, wenn die Schädlichkeit nicht mehr einwirkt, schneller oder
langsamer wieder zurück bilden. Da, wo die normale Gefäßkontraktion bei
psychischer Tätigkeit ausbleibt oder geschwächt ist, wo also eine Lähmung der
Vasokonstriktoren besteht, habe ich 1 auch von psychasthenischer lieaktionsweise
des Gefäßsystems gesprochen. Welchen Einfluß hat nun die in Rede stehende
Lähmung der Vasokonstriktoren auf den Ablauf der Bewußtseinsvorgänge?
Man muß sich klar machen, daß die Ausdrucksbewegungen des Bewußt¬
seins, zu denen auch die Kontraktion der Blutgefäße gehört, zu ihrer Inner¬
vation ein gewisses Quantum Energie von seiten der Hirnrinde beanspruchen;
bei der psychisch bedingten Kontraktiou der Gefäße entlädt sich die Hirnrinde,
welche der Sitz des psychophysiologischen Geschehens ist, eines Quantums
aktueller Energie, um damit die Vasokonstriktoren zu innervieren. Es ist nun
nicht unwahrscheinlich, daß dann, wenn diese Energieentladung der Großhirn¬
rinde infolge der Lähmung der Vasokonstriktoren gestört ist, die Energie sich
in der Hirnrinde ansammelt und nunmehr, anstatt der Innervation der Gefäße,
assoziativen, psychischen Funktionen zugute kommt Bei dieser Rückwirkung
der Innervationsstörung der Gefäße auf die Großhirnprozesse handelt es sich
um nichts anderes, als um eine Bestätigung des Gesetzes von der Erhaltung
der Energie an den psychophysiologischen Vorgängen der Hirnrinde. Die durch
die Innervationsstörungen der Vasokonstriktoren bedingte Ansammlung aktueller
Energie in der Hirnrinde äußert sich zunächst in dem Symptom der psychischen
Erregung oder nur einer gesteigerten Erregbarkeit, wie sie beispielsweise schon
bei Neurasthenikern zu beobachten ist. Oft macht sich aber die gestörte Energie¬
entladung der Hirnrinde noch in anderer Weise bemerkbar. Die im Gehirn
sich ansammelnde Energie sucht nach einem Ausweg nnd findet diesen durch
die motorischen Zentren der Hirnrinde. So sehen wir bei Alkoholberauschten
motorische Unruhe, Bewegungs- und Rededrang auftreten. In anderen Fällen,
vermutlich besonders dann, wenn die genannte Störung plötzlich einsetzt und
sehr hochgradig ist, breitet sich die Erregung auf die Sinneszentren aus, und
es kommt dann zu Sinnestäuschungen auf den verschiedensten Sinnesgebieten. 2
Kehren wir zu dem Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zurück, so
sollte das Gesagte zeigen, wie körperliche Überanstrengungen und Entbehrungen,
Alkoholmißbrauch usw. solche psychische Störungen auszulösen vermögen, die
auf eine gesteigerte Erregung der Großhirnrinde oder einzelner Hirnrinden¬
zentren hinweisen. Diese eben genannte Wirkung, welche durch die Funktions¬
störung der Vasokonstriktoren hervorgebracbt wird, summiert sich zu dem
Einfluß der Erregung, welche psychologisch motiviert ist und sich allenthalben
1 Über die normale and pathologische Reaktion des Blutkreislaufs auf psychisohe Vor¬
gänge. Neurolog. Centralbl. 1914.
* Das hier Vorgetragene findet sich an der Hand experimenteller Untersuchungen aus¬
führlicher dargestellt in einer Monographie über „Die wechselseitigen Beziehungen zwischen
psychischem Geschehen und Blutkreislauf, mit besonderer Berücksichtigung der Psychosen“,
die ich aus äußeren Gründen erst nach Beendigung des Krieges im Druck erscheinen
lassen kann.
Digitizer! by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
121
in Kriegszeiten geltend macht. Um hochgradige Erregungszustände der Gro߬
hirnrinde "handelte es sich bei den Alkoholdelirien und Amentiafallen, welche
namentlich in der Mobilmachungsperiode auftraten. 1 Dieselben Schädlichkeiten,
welche die zerebrale Innervation der Vasokonstriktoren stören und dadurch den
Energiegehalt der Hirnrinde steigern, schädigen andererseits aber auch die Hirn¬
rinde in ihrer Gesamtheit, d. h. auch diejenigen Bahnen, welche dem psychischen
Geschehen unmittelbar dienen, und rufen so Lähmungs- bzw. Ermüdungs¬
erscheinungen auf psychischem Gebiet hervor. Aus dieser verschiedenartigen
Wirkungsweise derselben Schädlichkeit resultiert ein Gemisch von Reiz- und
Ermüdungssymptomen, wie es die auf Erschöpfung beruhenden Neurasthenien
charakterisiert.
II. Referate.
Krieg.
1) Indikationen für subkutane Magnesiumsulfatbehandlung des Tetanus
traumatious, von W. Usener. (Münchener med. Wochenschrift. 1914.
Nr. 48.) Ref.: Kort Mendel.
Empfehlung des Magnesiumsulfats; beim Kind in 20 bis 25°/ 0 iger, beim
Erwachsenen in 40 bis 50°/ 0 iger Lösung subkutan, suprafaszial. Einzeldosis 0,15
bis 0,2 pro 1 kg Körpergewicht. Ferner Narkotika.
2) Die kombinierte Antitozinübersohwemmungs- und Narkosetherapie des
Tetanus, von Georg L. Dreyfus und Waldemar Unger. (Münchener med.
Wochenschrift. 1914. Nr. 61.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Verff. gaben Narkotika: Morphium, Chloralydrat, Luminalnatrium (sub¬
kutan); ferner Magnesium sulfur. intralumbal und intramuskulär, außerdem Tetanus¬
antitoxin, und zwar bei Beginn der Behandlung 400 bis 600 A.-E. Bei schweren
Fällen (kurze Inkubation, frühzeitig ausgesprochener erheblicher Trismus, rasche
Progredienz) täglich — zum mindesten intralumbal und intravenös — weiter
Antitoxin (200 bis 600 A.-E. pro die), bis die Schwere der Krankheit gebrochen
war. Aber auch später bekamen die Kranken bei jedem vereinzelten Aufflackern
tetanischer Symptome aufs neue Antitoxin. So wurde in schweren Fällen bis zu
12 Tagen hintereinander Antitoxin gegeben, als höchste Gesamtdosis bei dem
einzelnen Patienten 3800 A.-E. Bei leichteren Fällen kommt man mit erheblich
geringeren Dosen (einen um den anderen Tag 100 Einheiten, abwechselnd intra¬
lumbal und intravenös) aus. Von 32 so behandelten Kranken sind 22 genesen. Bei
den 10 Todesfällen handelte es sich durchweg um sehr schwere Fälle mit kurzer
Inkubationszeit.
3) Behandlung des Wundstarrkrampfs mit Magnesiumsulfat, von Syring.
(Deutsche med. Wochenschrift. 1914. Nr. 49.) Ref.: Kurt Mendel.
Heilung eines (!) Tetanusfalles in 8 Tagen durch Magnesiumsulfat (2- bis
ömal täglich 10ccm einer 10°/ 0 igen Lösung per os; im ganzen 25mal); kein
Serum.
1 Bei den Psychosen der Mobilmachangsperiode, von denen ich dank der Freundlich¬
keit des Herrn Kollegen Witby im Metzer Lazarett mehrere Fälle za sehen Gelegenheit
hatte, mochte wohl auch die große Hitze der Angosttage und die damit verbundene Er¬
mattung eine Solle gespielt haben.
Digsitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
122
4) Kurse Mitteilung über Wundetarrkrampffälle und ihre Behandlung Im
Beservelasarett Münster i. W., von Dr. Siemon. (Münchener med. Wochen¬
schrift. 1914. Nr. 48.) Ref.: Kurt Mendel.
Angewandt wurden: Tetanusheilserum, Magnesiumsulfat, heiße Bäder (40°,
20 Minuten lang), danach Bestrahlen mit Höhensonne, Chloralhydrat als Klysma.
5) Sohädelohirurgie im Felde, von Erwin Ehrhardt. (Deutsche med. Wochen¬
schrift 1914. Nr. 51 u. 52.) Ref.: Kurt Mendel.
Von den 23 Trepanierten starben 4 an Tetanus, 5 an Meningitis, 2 wurden
gebessert, 12 geheilt. Auch bei sehr schweren, aussichtslos erscheinenden Schädel¬
verletzungen daif die Operation nicht unterlassen werden. Zu den unangenehmsten
Komplikationen nach der Operation gehören große Hirnprolapse. Bei fast allen
Fällen, die an Meningitis gestorben sind, war der Anlaß zur Meningitis ein Hirn¬
abszeß, eine Jauchung im Gehirn, von der aus sich natürlich eine eitrige Menin¬
gitis entwickeln mußte, wennjder Eiterherd nicht rechtzeitig eröffnet wurde.
6) Psychosen und Neurosen in der Armee während des Krieges, von
E Meyer. (Deutsche med. Wocb. 1914. Nr. 51.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berücksichtigt die Aufnahmen auf der Königsberger psychiatrischen
Klinik vom 7. August bis 7. November 1914. Die Psychosen im strengen Sinne
sind gering an Zahl (7,5 °/ 0 Dementia praecox, 4°/ 0 manisch-depressives Irresein,
3,5°/ 0 Paralyse), weit* größer ist die Zahl der Fälle von Alkoholismus (16°/ 0 ),
ganz besonders hohe Werte’weisen Epilepsie, pathologische Reaktionen und psycho¬
pathische Konstitutionen auf. Die traumatische Neurose macht 6°/ 0 , die Imbe¬
zillität 8 °/ 0 der Gesamtzahl der Kranken aus. Unter den Fällen von alkoholischen
Psychosen überwiegen diejenigen mit Gehörstäuschungen in Form der akuten
Alkohol-Paranoia. Ihre Halluzinationen standen durchweg mit den kriegerischen
Ereignissen in engem Zusammenhang. Die Feststellung der epileptischen Anfälle,
die ja für die Frage der Diensttauglichkeit von größter Bedeutung ist, gelang
vielfach durch Kochsalzgaben. Mehrfach wurden Dämmerzustände beobachtet,
ohne daß Epilepsie oder psychopathische Veranlagung, speziell Hysterie, nach¬
gewiesen werden konnte.
Es ergibt sich bisher kein Anhalt dafür, daß schwere Psychosen chronischen
Charakters infolge des Krieges besonders zahlreich zur Beobachtung kämen; ebenso¬
wenig ist eine besondere Färbung derselben erkennbar. Dagegen geben unzweifel¬
haft die kriegerischen Ereignisse häufig den Anstoß zu akuten Psychosen auf
alkoholischer und epileptischer Basis, wirken verschlechternd auf die Epilepsie und
führen ganz besonders oft — vielfach bei einer gewissen Disposition — zu psychisch-
nervösen Störungen psychogener Art.
7) Lendenwirbelkontureohuß. von L. S. Freund. (Berliner klin. Wochenschr.
1914. Nr. 60.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. schildert einen Konturschuß, der nach kontrollierbarem Verlauf außer¬
halb des Körpers von links oben nach rechts unten, vom 1. bis zur Höhe des
3. Lendenwirbels gegangen ist und sich dabei einen Weg durch den Bandapparat
gebahnt hat, etwa in den Rillen zwischen den Processus spinosi und mamillares.
Die Nervensymptome sind auf die Cauda equina zu beziehen und durch eine
intravertebrale Blutung daselbst herbeigeführt infolge der bei demjVorbeipassieren
des Geschosses verursachten Erschütterung.
8) Kopfverletzungen im Felde vom Standpunkte des Otologen, von Dr.
Goldmann. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 47.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Zur Beobachtung gelangten meist Streifschüsse durch Kugel oder Schrappneil,
Verletzungen durch Hieb mit dem Säbel oder Gewehrkolben, durch Sturz vom
Pferd oder durch Straucheln und ähnliche Traumen. Bei allen diesen Verletzungen
verliert der Verletzte meiBt für kürzere oder längere Zeit das Bewußtsein, fühlt
beim Erwachen Kopfschmerz und Schwindel, und zwar typischen Drehschwindel
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
123
entweder in der Frontal- oder in der Horizontalebene, Ohrensausen, Übelkeit ohne
Erbrechen, Ohrensausen und Gehörsherabsetzung auf der verletzten, oft auf beiden
Seiten. Die Untersuchung ergibt Gehörstörungen und als Äußerung der Funk¬
tionsstörung des Vestibularapparats spontane Gleichgewichtsstörungen, spontanen
Nystagmus, Herabsetzung der kalorischen Erregbarkeit. Eine besondere Gruppe
zeigt Erscheinungen von seiten des Kleinhirns: Schmerz in der Hinterhaupt- bis
in die Nackengegend, erschwerte Willkürbewegungen, Diadochokinesis, Sensibilitäts-
st Önin gen der betroffenen Seite, gesteigerte Reflexe, Ataxie und das typische
Bäränysche Vorbeizeigen nach außen im Handgelenk in Pronationsstellung. Die
Dauer ist verschieden, die Labyrinth- und Gehirnerschütterungen können sich
über Monate und Jahre erstrecken.
0) Über Tetanus traumatious, H. Pribraun. (Prager med. Wochenschrift.
1914. Nr. 44.) Ref.: K. Boas.
Verf. bespricht in zusammenfassender Weise die Ätiologie, Symptomatologie,
Diagnose, Prognose und Behandlung des traumatischen Tetanus.
10) Bemerkungen zu Dr. Hegels Mitteilung: „Über Kriegsverletzungen des
peripherischen Nervensystems 11 , von C. Becker. (Medizin. Klinik. 1914.
Nr. 50.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Zur Bekämpfung des schädlichen Einflusses, den die von der Verletzung her-
rührende Narbe der Umgebung auf den Nerven haben kann, empfiehlt Verf. in
vielen Fällen nicht wie Hegel die Operation, sondern Fibrolysin in Verbindung
mit Massage. Fibrolysin beseitigt schädliche Narben, ohne neue zu machen, be¬
ansprucht keine genaue Lokalisation; seine Anwendung ist einfach und nicht von
bleibenden üblen Folgen begleitet. Ein endgültiges Urteil iut allerdings noch
nicht zu fällen. Verf. fügt beiläufig hinzu, daß er in einem Falle das Manifest-
werden einer latenten Gonorrhoe beobachtete. Wenn sich diese Beobachtung be¬
stätigt, wäre das Mittel zum systematischen Nachweis und zur Behandlung der
Gonorrhoe bez. der durch den Gonococcus verursachten sonstigen Erkrankungen
zu verwerten. _
Chorea.
11) Contributo aH’anatomia patologiea della oorea di Huntington, per
Serafino d’Antona. (Rivista di Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914.
H. 6.) Ref.: R. Ganter.
Es handelt sich um einen 70jährigen, seit dem 15. Lebensjahr an Chorea
leidenden Mann. Die Krankheit war durch zwei Generationen vererbt. Die
Sektion ergab: Geringe Atrophie der Hirnwindungen, am meisten ausgesprochen
in den Stirnwindungen; geringer Hydrocephalus externus; leichte Verdickung der
Pia. Mikroskopisch: Abnahme der Zahl der Zellen in allen Schichten, besonders
in der Schicht der kleinen und mittleren Pyramidenzellen, und dies vor allem
wieder im Stirnlappen; schwere degenerative Veränderungen in den noch vor¬
handenen Zellen, die Betzschen Zellen verhältnismäßig unversehrt; Kernwucherung
um die Ganglienzellen, besonders in den tiefen Schichten, am ausgesprochensten
in der vorderen Zentralwindung. Vermehrung des protoplasmatischen Teiles der
Neuroglia, spärliche Faserneubildung. Schwere Veränderungen im Corpus striatum,
fast völliges Schwinden der Ganglienzellen, starke Vermehrung des protoplasma-
tichen Teiles der Neuroglia. Weniger auffallend waren die Veränderungen im
Thalamus opticus. Im Kleinhirn Chromatolyse und Veränderungen des neuro-
fibrillären Apparates der Purkinjeschen Zellen. Im Nucleus dentatus, N. ruber,
in der grauen Substanz des Pons und der Medulla oblongata CbromatolyBe und
geringe Vermehrung der Neuroglia. Pyramidenbahn o. B. Geringe arteriosklero¬
tische Veränderungen der Gefäße. Eis war also vor allem das ektodermale Ge¬
webe (Zellen und Neuroglia) ergriffen.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
124
Verf. schließt sich den Autoren an, die den anatomischen Prozeß bei der
Chorea nicht auf einen Entzündungsvorgang, sondern auf eine Entwicklungsano¬
malie zurückfuhren. Die Wucherung der Neuroglia ist der ursprüngliche und
wesentliche Teil des pathologisch-anatomischen Prozesses. Was die Beziehungen
der klinischen Erscheinungen zu den Hirnveränderungen betrifft, so hält es Verf.
für wahrscheinlich, daß die kortikalen und subkortikalen Veränderungen zusammen
eine Bolle spielen.
12) Über die Ursaohe der choreatischen Zuckung, von E. Niessl v. Mayen¬
dorf. (Fortschr. d. Med. 1913. Nr. 43 u. 44.) Bef.: K. Boas.
Die choreatischen Zuckungen sind ihrem Wesen nach unzweckmäßige Mit¬
bewegungen des Muskeltonus. Hieraus ergibt sich, daß der ursächliche Beiz der
Zuckungen kein pathologisches Agens sein kann, sondern einfach in der Summe
aller sensiblen Beize, welche den normalen Muskeltonus des wachen Menschen ein¬
leiten und unterhalten, aufgeht. Daß bei einer solchen Auffassung die chorea¬
tischen Zuckungen auB dem pathologischen Gehirnmechanismus hervorgehen, wie
die mit den willkürlichen Bewegungen gleichzeitig auftretenden und diesen wider¬
strebenden Mitbewegungen, ist klar.
13) A Streptococcus produoing Symptoms of ohorea in a dog, by J. F. Dick
and T. Bothstein. (Journ. of the Amer. med. Assoc. LXI. 1913. Nr. 15.)
Bef.: W. Misch.
Aus dem Bachen eines Patienten, der bereits seit 5 Jahren an Chorea litt,
konnten Streptokokken isoliert werden, die auf Blutagar in schmutzig weißen
Kolonien wuchsen. Ein Hund, der mit 4 Kulturen intravenös injiziert wurde,
wies innerhalb von 12 Stunden choreatische Bewegungen auf.
14) Los läsions de'la ohoröe ohronique progressive, par Pierre Marie et
J. Lhermitte. (Annales de mödecine. 1914. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel.
Die Verff. konnten 4 Fälle von Huntington soher Chorea klinisch beobaohten
und pathologisch-anatomisch untersuchen. Sie fanden konstant in allen 4 Fällen
Läsionen in der Hirnrinde, besonders in den fronto-parietalen Begionen, und im
Corpus striatum: Cortez cerebri, Putamen und Nucleus caudatus zeigten sich
atrophiert, die Zellen und Nervenfasern daselbst vermindert Zuweilen zeigte sich
die Neuroglia proliferiert, konstant waren mehr minder wichtige Gefäßalterationen
nachweisbar. Die sekundären Degenerationen waren äußerst schwach ausgebildet
Die Neurogliaproliferation entsprach ihrer Stärke nach durchaus nicht der Dauer
des Leidens, das gleiche gilt von den Gefäßläsionen. Der Krankheitsprozeß be¬
traf alle Gewebe, sowohl diejenigen ektodermalen Ursprungs (Zellen, Nervenfasern.
Neuroglia), wie diejenigen mesodermalen Ursprungs (Gefäßnetz).
Die angeführten Hirnläsionen sind in Anbetracht ihres konstanten Vorhanden¬
seins, ihrer Topographie und Qualität als pathognomonisch anzusprechen: bei keinem
anderen Demenzzustande trifft man z. B. die atrophische und symmetrische Dege¬
neration des Corpus striatum an.
Der Prozeß ist seiner Natur nach ein enzephalitischer; daher die miliaren
Herde im Kortex, die Gefäß- und Meningealläsionen und das allgemeine Befallen¬
sein des Gehirns. Wahrscheinlich handelt es sich um eine chronische Intoxikation
des Hirns; letztere genügt allerdings für sich noch nicht, die Heredität spielt eine
Bolle dabei.
Die Bindenläsionen sind stark und ausgedehnt genug, um die Störungen der
intellektuellen Sphäre zu erklären; die motorischen Störungen finden ihre Erklärung
in den Läsionen des Corpus striatum. Bezüglich der letzteren erinnern die Verff.
an die Ähnlichkeit mit den bei der Wilsonschen Erkrankung (progressive lenti¬
kuläre Degeneration) und bei dem Syndröme du corps striö (Cöcile Vogt) beob¬
achteten Symptomen.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
125
15) Beiträge zur Lehre tob der Chorea ohronlca progressiva, von M. S.
Margulis. (Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. L. 1914. H. 6 u. 6.)
Bef.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über 2 Fälle von Huntington scher Chorea, deren Untersuchung
ihn zu folgenden Schlüssen führt:
1. Das klinische Bild der chronischen progressiven Chorea besteht aus der
choreatischen Hyperkinese und Veränderungen der Psyche. Herdweise Ausfalls¬
erscheinungen wurden in diesen Fällen nicht konstatiert.
2. Die psychischen Veränderungen bei der chronischen Chorea sind ver¬
schieden in den Frühstadien und den weit fortgeschrittenen Fällen. Der Unter¬
schied ist nur ein quantitativer.
3. Veränderungen der Psyche: Schwächung der Auffassungsfähigkeit, der
Kombinationsfähigkeiten, des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, der Vergleichungs¬
prozesse und Kritikfähigkeit. Von seiten der Affekte: Reizbarkeit, Erregung,
Aggressivität.
4. Das Bild der psychischen Veränderungen: organischer progressierender
Schwachsinn.
5. Das klinische Bild der Chorea chronica progressiva, ihre Entwicklung und
der Charakter der Hyperkinese unterscheiden sich scharf von der symptomati¬
schen Chorea.
6. Der pathologisch-anatomische Prozeß bei progressiver Chorea besteht haupt¬
sächlich aus einer Proliferation des Gliagewebes des Großhirns, teilweise auch des
Stammes und des Kleinhirns. Dazu kommt weiter eine Atrophie der parenchyma¬
tösen Elemente der Binde, besonders der Nervenzellen. Die Atrophie der Zellen
ist eine vollständige, die allem zuvor und am meisten die Hirnrinde und dann
erst die subkortikalen Ganglien ergreift. Außer den Zellen wird eine Atrophie
der Tangential-, teilweise auch der superradiären Bindenfasern konstatiert.
7. Die chronische progressive Chorea ist eine kongenitale degenerative Gliose.
8. Die beständige Hyperkinese ist eine Resultante der Summe aller Beize,
die auf die parenchymatösen Elemente von seiten der wuchernden Glia ausgeübt
und auf die Großhirnrinde projiziert werden.
9. Die chronische progressive Chorea ist eine allgemeine Erkrankung des
ganzen zentralen Nervensystems und kann keinesfalls in einem begrenzten Gebiet
lokalisiert werden.
16) De la ohoröe de Sydenham, par M. P. Maurel. (Gaz. des höpit. 1914.
Nr. 46.) Bef.: Kurt Mendel.
Der Aufsatz bringt nichts Neues. Zur Erzeugung der Chorea minor ist ein
neuropathischer Boden notwendig, der geschaffen ist durch eine hereditäre oder
erworbene Prädisposition. Nicht selten gehen der Chorea akuter Rheumatismus
oder Infektionskrankheiten voran. Die hereditäre Lues scheint eine wichtige prä¬
disponierende Ursache darzustellen. All diese Infektionskrankheiten fuhren dann
zu einer leichten, heilbaren akuten Enzephalitis, der Chorea. Arsen und Anti«
pyrin stehen in der medikamentösen Choreabehandlung an erster Stelle. Bei sehr
schweren Fällen Chloral, Opium, Belladonna.
17) Über Chorea gravidarum, von W. Kolde. (Zeitschr. £ Gynäkol. 1914.
Nr. 28.) Bef.: Kurt Mendel.
Fall von Chorea gravidarum gegen Ende der Schwangerschaft. Sofortiges
rasches Abklingen der Erkrankung nach Einleitung der künstlichen Frühgeburt.
In früheren Schwangerschaftsmonaten wird man abwarten, eventuell Injektion von
normalem Schwangerenserum, diätetisch-medikamentöse Maßnahmen. . Bei Fortdauer
oder Steigerung der Symptome mit der Schwangerschaftsunterbrechung nicht zu
lange warten I
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
126
18) Zur Kenntnis der Sohriftstörung bei Ohorea, von Dr. Georg Lomer.
(Medizin. Klinik. 1914. Nr. 24.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beschreibt des Näheren die Schreibstörungen bei choreatischen Affek-
tionen an der Hand eines Falles von Hemichorea, so die Zunahme der Druck¬
stärke in den Grundstrichen bei einsetzender Ataxie, wobei der verstärkte Druck
den Mangel an Koordination kompensieren soll, die Ausbuchtungen, Schleifen, das
Wechseln der Schriftlage, die Längenunterschiede in den Minuskelgrundschichten,
eckige, ausfahrende Züge usw. Die Schriftveränderungen gehören zu den Früh¬
symptomen der Chorea, sie ermöglichen unter Umständen eine vorzeitige Diagnose
mit dementsprechender früher Behandlung. Die Kenntnis der Schriftstörung muß
nach Verf. diagnostisch und therapeutisch in weit höherem Maße zur Beurteilung
krankhafter Zustände herangezogen werden.
19) Lea lestona de la ohoröe progressive (choröe Huntington). La dögö-
ndration atrophique oortico-striöe, par Pierre Marie et J. Lhermitte.
(Annales de mädecine. I. 1914. Nr. 1.) Ref.: K. Boas.
Der vorliegenden Arbeit liegen vier ausführlich pathologisch-anatomisch unter¬
suchte Fälle von Huntington scher Chorea zugrunde. Es wird zuerst eine analy¬
tische Besprechung der pathologischen Läsionen (Hirnrinde, Neuroglia, konjunktiv¬
vaskuläres Gewebe, Meningen, Blutgefäße, perivaskuläre Scheiden, Herdläsionen,
zentrale weiße Substanz, Zentralganglien, Regio subthalamica, kortiko-pontines,
kortiko-bulbäres, kortiko-spinales Projektionssystem, Zerebellarsystem) geboten.
Es folgt eine Synthese der enzephalitischen Läsionen, im Anschluß an welche die
Bedeutung der kortiko-strialen Läsionen geschildert wird. Alsdann wird auf die
Natur des Prozesses eingegangen und schließlich die Pathogenese der Symptome
abgehandelt.
, Der Tenor der Ausführungen des Verf.’s ist, daß die chronische progressive
Chorea eine Erkrankung organischer Natur ist, und daß die bei ihr auftretenden
Läsionen zu suchen sind in einer atrophischen Degeneration der Hirnrinde und
des Corpus striatum. Die Verbindung dieser beiden Läsionen drückt der Er¬
krankung ihren pathologisch-anatomischen Stempel auf.
Die Literatur ist nahezu vollständig berücksichtigt.
20) A voioe sign in ohorea. Preliminary report par W. B. Swift. (Amer.
Journ. of diseases of Children. 1914. Juni.) Ref.: K. Boas.
Eine Untersuchung der Hervorbringung von Vokalen unter Zuhilfenahme des
Kymographions zeigt eine deutliche Stimmveränderung. Dieselbe besteht in einer
Erhöhung des Tones und einer Steigerung der Intensität, einhergehend mit chorea¬
tischen Bewegungen: eine Vokal Veränderung, die als ein neues Zeichen bei Chorea
Beachtung verdient.
21) Farther analysie of the voioe sign in ohorea, par W. B. Swift (Amer.
Journ. of diseases of children. 1914. Oktober.) Ref.: K. Boas.
Die Analyse von 20 Fällen von Chorea mit über 500 Beobachtungen über
die Stimme ergibt eine Änderung des Tones und der Intensität in zwei Fällen
von drei, eine Veränderung, die als ein neues Symptom bei der Chorea Beachtung
verdient, das choreatische Stimmphänomen.
22) Kasuistischer Beitrag zur Ohorea ohronioa progressiva (Huntingtonsohe
Chorea), von P. Stahl. (Ioaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Im Anschluß an eine kurze Übersicht über das in Frage stehende Krank¬
heitsbild bringt Verf. einen Fall von Chorea chronica progressiva bei einer 48jähr.
Frau, der weiter nichts Besonderes bietet.
23) Über Lumbalpunktion bei Ohorea iufeotiosa, von F. Passini. (Wiener
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien).
Zur Auswahl kamen typische Fälle, ohne Fieber, ohne Gelenksaffektionen, von
mehrwöchiger Dauer.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
127 —
Überall ergab sich ein sehr stark erhöhter Druck beim Ablassen der Lumbal¬
flüssigkeit, welch letztere aber wasserklar war, keine Gerinnselbildung, keine
Mikroorganismen, weder tinktorell noch kulturell, keine Vermehrung der zeitigen
Elemente oder des Eiweißgehaltes zeigte. Im Sedimente nur spärliche polynukleäre
Leukozyten.
Auffallend war in 3 von 5 Fällen ein ganz unverkennbarer therapeutischer
Erfolg, indem in der kürzesten Zeit nach dem Eingriffe ein rasches Ausklingen
und vollkommenes Sohwinden der Krankheitserscheinungen eintrat, nachdem vorher
der Zustand therapeutisch ganz unbeeinflußt durch Wochen stationär geblieben
war. Diese 3 Fälle betrafen Ersterkrankungen, die durch den Eingriff nicht
beeinflußten Rezidive. Wiederholung der Lumbalpunktion bei diesen letzteren
beiden Fällen zeigte normalen Druck.
Die Krankheitsgeschichten der Fälle werden ausführlich mitgeteilt.
24) Instabilite ohoröiforme et insufflsanoe thyroldienne, par A. Römond
et Roger Sauvage. (Annales mödico-psycholog. LXXU. 1314. Nr. 4.)
Ref.: Kurt Mendel.
Fall I: typische Chorea minor nach Aufregung. Fall II: myxödematöse Idiotie
mit choreiformen Bewegungen; die Verff. nehmen in diesem Falle Hypothyreoi¬
dismus + Hypoparathyreoidismus an. Fall III: hysterische Chorea. In allen drei
Fällen schwanden die Krankheitssymptome durch Thyreoidintherapie.
26) Gonfusion mentale et syndröme de Korsakoff dans un oas de ohoree,
par L. Arsimoles. (Annales mädico-psycholog. LXXII. 1914. Nr. 5.)
Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Chorea minor bei einem 20jähr. Patienten nach subakutem poly-
artikulärem Rheumatismus. Bald darauf psychische Störungen: Verwiirtheit und
Korsakoffsches Syndrom. Verf. rechnet die Psychosen bei der Chorea zu den In*
fektions- oder vielleicht zu den organischen Psychosen.
26) Über Chorea minor mit Psyohose (Verwirrtheit und Hemmung), von
H. v. Holtum. (Inaug.-Dissert. Kiel 19L3.) Ref.: K. Boas.
Die 20jähr. Patientin bot neben einer typischen Chorea minor (anfänglich
nur des Gesichts, später auch des ganzen Körpers) Amentia-äbnliche Erscheinungen
(Verwirrtheit, Hemmung, Visionen, Akoasmen usw.) dar. Im Vordergründe des
psychischen Krankheitsbildes stand die Hemmung. Mit dem Zurückgehen der
choreatischen Erscheinungen wurde die Patientin auch psychisch freier und konnte
als geheilt entlassen werden.
27) Hereditary ehorea, by William A. Boyd. (Boston med. and surg. Journ.
1913. 6. November.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von hereditärer Chorea chronica mit religiösem Wahnsinn. Beginn des
Leidens im 27. Lebensjahr.
28) Über Choreapsyohosen in der Schwangerschaft, von C. Harpe. (Inaug.-
Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Bei der 29jähr. Patientin des Verf.’s handelte es sich um einen typischen
Fall von Chorea gravidarum mit melancholischen Zuständen und Halluzinationen,
der bereits am Ende der ersten bis Anfang der zweiten Hälfte der Schwanger¬
schaft ohne künstliche Unterbrechung zur Heilung gelangte.
29) On the diaguosfs, prognosis and treatment of Sydenhams ohorea, by
Frederick Langmead. (Lancet. 1913. 20. Dezember.) Ref.: E. Lehmann.
Ausführliche Abhandlung über Chorea minor ohne neue Gesichtspunkte. Hin¬
sichtlich der Therapie sei erwähnt, daß Verf. nach 2jähr. Beobachtung in seinem
Kinderkrankenhause dem Arsen keinen besonderen Heileffekt bei der Chorea minor
zuspricht.
80) Die Prognose bei Chorea gravidarum, von A. Mühlbaum. (Praktische
Ergebnisse d. Geburtshilfe u. Gynäkologie. VI. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
128
Man folgert in praktischer Hinsicht, daß die Prognose anch in Fällen harm¬
loser gutartiger Chorea gravidarum mit großer Zurückhaltung gestellt werden muß,
da man nie im voraus wissen kann, ob eine im Beginn leichte Chorea gravidarum
nicht zuletzt doch schwere Form annimmt und Komplikationen in Form zirkula-
torischer, digestiver, respiratorischer, nervöser oder psychischer Störungen aufweist,
die dann an sich genügen können, um den Tod herbeizuführen. Und eine voraus¬
gegangene Jugendchorea läßt mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einen günstigen
Ausgang schließen. Es zeigt sich dabei in der Regel das Bild der leichten Form
der Erkrankung; von guter Vorbedeutung ist ferner ein langsames Anfängen der
Krankheit und eine gute körperliche Konstitution.
Der Einfluß der Therapie auf die Prognose des Einzelfalles ist gering. Es
ist zunächst, wenn es sich um eine leichte Krankheitsform handelt, ein abwarten¬
des konservatives Verfahren indiziert; die Krankheit ist nach Möglichkeit diätetisch-
medikamentös zu bekämpfen, um den Gesamtzustand der Patientin zu heben und
dadurch die Austragung des Kindes zu unterstützen. Jedoch ist in dubiösen und
akut auftretenden Fällen ein artefizieller Eingriff schon frühzeitig vorzunehmen,
bevor Komplikationen zur Entwicklung gelangen, am besten in den ersten
Monaten, um zugleich die Gefahren der Geburt, also auch der künstlichen Früh¬
geburt zu umgehen.
Als infaust dagegen ist die Prognose immer in jenen Fällen zu betraohten,
wo bereits zu Beginn Komplikationen auftreten; sie setzen dem Leben der Mutter
und der Fruoht gewöhnlich rasch ein Ende. Alle diese Abstufungen der Chorea¬
syndrome lassen sich in rezidivierenden Fällen zugleich beobachten, wo bei
jeder neuen Konzeption die Erkrankung mit immer bedenklicheren Symptomen
beginnt und zuletzt den Tod der Mutter herbeifiihrt.
Ein der letztgenannten Kategorie angehöriger Fall wirdjrom Verf. zum Schluß
mitgeteilt.
31) Zar Behandlung der Chorea minor, von C. Lehmann. (Allgem. med.
Centr.-Ztg. 1914. Nr. 16.) £ef.: Kurt Mendel.
In 2 Fällen von Chorea minor leistete dem Verf. „Episan-Berendsdorf“
(3 mal tgl. 1 bis 2 Tabletten) gute Dienste, insbesondere wurde die Psyohe günstig
beeinflußt.
32) Die Chorea minor und ihre Behandlung, von Dr. Kurt Singer. (Med.
Klinik.) 1913. Nr. 27.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. bespricht in kurzen Zügen Ätiologie, Symptomatologie, Prognose und
Therapie der Chorea minor. Neben Bettruhe und richtiger Ernährung sind laue
Vollbäder von 28 bis 30 °C., Abreibungen mit kühlem Wasser, warme prolongierte
Halbbäder, warme Einpackungen (36° C.) wirksam. Bei abklingenden Fällen
versuche man es mit der „Hemmungstherapie“. Von Medikamenten sind besonders
Brom und Arsen wirksam.
33) La oorea del Sydenham ed 11 salvarsan, per B. Gemell. (II Pensiero
medico. IV. 1914. Nr. 8.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Verf. berichtet über ein lOjähriges Mädchen und eine 24jährige Frau, die
mittels endomuskulärer Salvarsaneinspritzungen (0,30 bzw. 0,60 g) mit sehr gutem
Erfolg behandelt wurden. Bei dem Mädchen war die Wassermann sehe Reaktion
negativ; bei der anderen Patientin wurde die Reaktion nicht vorgenommen. Allee
sprach dafür, daß in beiden Fällen es sich um eine gewöhnliche „rheumatische“
Chorea handelte.
Tetanie.
34) Pathologie und Therapie der Krämpfe im Kindesaltar, von Prof. Lang¬
stein. (Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. XI. 1914. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel.
Zunächst Besprechung der spasmophilen Diathese: selten vor dem
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
129
5. Lebensmonat, fast nur bei künstlich genährten Kindern, Chyosteksches Zeichen,
Trousseau, Lustsches Phänomen (Dorsalflexion und Abduktion des Fußes bei Be¬
klopfen des Peroneus unterhalb des Fibulaköpfchens), Erbsohes Phänomen (Erhöhung
der elektrischen Erregbarkeit), Therapie: natürliche Ernährung, bei akuten
Krampfanfällen 0,5 g Chloralhydrat im Klysma (1 bis 2mal am Tage), sonst
Phosphorlebertran (0,02 Phosphor auf 200 Lebertran 3 bis 4 Kaffeelöffel pro die),
Calcium bromatum (pro die 1 bis 2 g).
Des weiteren bespricht Verf. die Epilepsie (Therapie: Sedobrol, Calo, brom«),
die Hysterie und den Payor nocturnus. Letzterer hat nach Verf. nichts mit der
Epilepsie zu tun. Bei den Wutkrämpfen (Wegbleiben) der Kinder handelt es
sich um eine besondere Form yon Krämpfen bei nervösen, eventuell imbezillen
Kindern; therapeutisch empfiehlt es sich, duroh eine Züchtigung den Krampf zu
kupieren.
36) Observation on tetany in dogs. Relation of the parathyroids to the
thyroid; relation of tetany to age, amount of parathyrold tisaue re-
moved, aooessory parathyroids, pregnanoy, laotation, riokets, aulphur,
and diet; relation of parathyroids to sogar tolerance; efifeot of oaloium
salts, by D. Marine. (Journ. of exper. Medio. XIX. 1914. Nr. 1.)
Ref.: W. Misch.
Bei den Hunden, die zu diesen Tetanieexperimenten benutzt wurden, sind
die Nebenschilddrüsen meist mit der Schilddrüse so eng verbunden, daß bei Ent¬
fernung der letzteren sehr leicht die ersteren mitexstirpiert werden; dieser enge
Zusammenhang ist überhaupt nur bei 5 oder 6°/ 0 der Hunde nicht vorhanden.
Um das Vorhandensein von Parathyreoidgewebe nachzuweisen, kommt außer der
anatomischen Methode von Serienschnitten durch die Hals- und oberen Thorax-
partien, vor allem die leichtere und exaktere biologische Methode in Betracht,
die in täglicher Zufuhr von Kalziumsalzen während 2 oder 3 Wochen besteht.
Bei vollständigem Fehlen von Parathyreoidgewebe können diese nämlich das Leben
des Tieres nicht erhalten, was bei Vorhandensein derselben dagegen der Fall ist.
Außer der Menge des entfernten Parathyreoidealgewebes sind für das Ent¬
stehen der Tetanie bei den Hunden noch andere Faktoren wie Alter, Schwanger¬
schaft, Laktation, Rachitis, Schwefelzufuhr und diätetische Verhältnisse von Be¬
deutung. Die Schwangerschaft*- und Laktationstetanie ähnelt bei den Hunden in
allen Hauptpunkten der Parathyreoidtetanie. Parathyreoidektomie erniedrigt un¬
mittelbar die alimentäre Zuckertoleranz, doch selten in einem solchen Grade, daß
eine beständige Glykosurie resultiert.
In strengem Gegensatz zu der Wirkung von zugeführter Schilddrüsensubstanz
bei Myxödem bleibt die Verfütterung von frischer oder gekochter Nebenschild-
drüsensubstanz bei der Parathyreoidtetanie der Hunde ohne jede Wirkung. Kalzium¬
salze haben eine auffallende palliative Wirkung bei der Parathyreoidtetanie und
üben, prophylaktisch angewandt, einen sehr günstigen Einfluß auf sonst letal ver¬
laufende Fälle aus, ohne jedoch irgend eine direkte Heilwirkung auszuüben. Die
Art ihrer Wirkung ist unbekannt, doch ist anzunehmen, daß sie direkt auf die
Nebenschilddrüsen einwirken.
36) L’uröe dans le sang et Purina des ohiens thyröoparathyröoideotomisds,
par C. J. Urechia. (Arch. de m6d. expör. et d’anat. patholog. XXVI. 1914.
H. 1.) Ref.: K. Boas.
Verf. teilt insgesamt 15 Versuche mit. In 12 davon fand sich eine Stick¬
stoffsteigerung im Harn und Blut. Bei Tetanie ist diese Erhöhung im Urin und
Blut ziemlich konstant.
37) La möthode d 9 Abderhalden ohes les animauz en ötat de tötanie ex¬
perimentale , par J. Ureohia et A. Popeia. (Compt. rend. Soc. de biol.
CLXXV. 1913. Nr. 36.) Ref.: W. Misch.
XXXIV. 9
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
130
Das Serum von Hunden, denen Schilddrüse und Nebenschilddrüsen exstirpiert
wurden und die heftige Tetanieerscheinungen darboten, wird mit verschiedenen
Organen dialysiert. Aus den Untersuchungen geht hervor, daß eine konstante,
stark positive Reaktion nur mit Pankreas erfolgt; aufeh Nebenniere gibt regel¬
mäßig eine allerdings schwach positive Reaktion. Mit Milz erfolgte dreimal eine
deutliche, mit Leber dreimal eine schwache positive Reaktion, und je einmal war
das Ergebnis negativ; mit Hirnrinde wurde einmal eine positive Reaktion erhalten.
Stets negativ verhielten sich Niere, Ovarium, Hoden, sowie Hypophyse. Diese
Resultate würden für die Theorie sprechen, die einen Antagonismus zwischen
Pankreas und Schilddrüse annimmt; auch die Annahme über die Beziehungen
zwischen Nebennieren und Schilddrüse werden duroh diese Versuche bestätigt.
88) Tetany in aoute supporativ© appendicitia in an adult, by Basil Hughes.
(Brit. med. Journ. 1913. 26. April.) Ref.: E. Lehmann (Oeynhausen).
Eine 35jährige Frau, welche in früheren Jahren mehrfach akut auftretende
Erankbeitserscheinungen gehabt hatte, die als Magengeschwür oder akuter Gastri-
zismus gedeutet wurden, kam wegen erneuter ähnlicher Beschwerden zur Aufnahme.
2 Stunden nach der Aufnahme trat typische Tetanie in beiden Händen auf. Man
stellte gleichzeitig das Bestehen einer Appendizitis fest. Bei der bald erfolgenden
Operation Öffnung eines großen appendizitischen Abszesses. Patientin genas:
Sofort nach der Operation waren die tetanischen Muskelkrämpfe verschwunden
und sind auch später nicht wiedergekdhrt.
Da Magendarmaffektionen allgemein als ätiologisches Moment für die Ent¬
stehung der Tetanie gelten, ist für spätere Fälle auch eine genaue Untersuchung
auf etwa bestehende Erkrankung des Appendix notwendig.
89) Einige Beobachtungen über SpaBmophilie in Japan, von D. K. Iwamura.
(Zeitschr. f. Kinderheilk. IX. H. 2.) Ref.: Zappert (Wien).
Die bereits bekannte Tatsache, daß in Japan Spasmophilie selten sei, wird
durch interessantes Zahlenmaterial bestätigt. In Kioto war unter 102 Kindern
zwischen 3 Monaten und 3 Jahren keines mit elektrischer Übererregbarkeit; in
Toyamaken fanden sich unter 43 elektrisch untersuchten Kindern zwei mit Spasmo*
philie. Bemerkenswert ist, daß letztere Stadt eine der wenigen in Japan ist,
wo Rachitis vorkommt; tatsächlich hatten beide Kinder nur Spasmophilie in diesem
Zustand, (ln Berlin hat Finkeistein in über 50°/o der Säuglinge elektrische
Übererregbarkeit nachgewiesen.)
40) Über einen Fall von Spättetanie gastrischen Ursprungs, von E. Wex-
berg. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz (Wien).
56jährige Frau; seit 8 Jahren im Anschluß an schon vorher bestandene
Magenbeschwerden typisch-tetanische Krampfanfälle. Trousseau positiv, starke
mechanische Übererregbarkeit der Nervenstämme. Ghvostek nur angedeutet, Erb
•fehlend.
Außerdem sicher Kombination mit hysterischen Symptomen, wie grobe funk¬
tioneile Ataxie der Gliedmaßen, linksseitige Hemianästhesie und unverkennbar
funktionelle Zuckungen und Tremores der Hände.
Eine Tachykardie, vermehrte Schweiße und dauernde Unruhe läßt auch Ent¬
wicklung einer Forme fruste von Basedow nicht ausgeschlossen erscheinen. Es
findet sich ferner Struma. Blutbefund ergab zuerst Leukopenie mit Lymphozytose,
später nur die letztere.
Mageuaffektion besteht in narbiger Stenose im Anfangsteile des Duodenums
mit nur geringer Dilatation.
Die Krankheit begann gleichzeitig mit Klimakterium.
Salzsäure-Pepsintherapie hatte ausgezeichneten Erfolg nicht nur hinsichtlich
der gastrischen Beschwerden, sondern auch bezüglich der Tetanie. Trousseau
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
131
schwand and Patient ist seit 8 Jahren znm erstenmal durch 2 Monate anfallsfrei
geblieben.
41) Zur Tetanie bei abdominellen Affektionen, von Eugen Bi roher. (Zentral-
blatt f. Chirurgie. 1913. Nr. 43.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei gut- und bösartigen Magenaffektionen wurde Tetanie nie beobachtet;
hingegen schnellt die ProzentzifFer der Morbidität an Tetanie ganz erheblich in
die Höhe, wenn Komplikationen, wie Perforationen, hinzutreten. Das Auftreten
tetanoider Zeichen stellt eine prognostisch ungünstige Komplikation dar. Auch
bei Appendizitis mit Perforation ist Tetanie häufig und prognostisch infaust.
Die Tetanie bei Peritonitis erfolgt sicher auf intoxikatorischem Wege, sei es
mit oder ohne Einfluß der Epithelkörperchen.
42) Chirurgie der Nebenschilddrüsen, von N. Quieke. (Neue deutsche Chirurgie.
IX. Stuttgart, F. Enke, 1913.) Ref.: Kurt Mendel.
Monographische Bearbeitung der Anatomie, Entwicklungsgeschichte, Physio¬
logie, experimentellen Pathologie der Nebenschilddrüsen, ihrer pathogenetischen
Bedeutung für die Tetanie sowie ihrer speziellen Pathologie (Aplasie, Hyperplasie,
degenerative Veränderungen, Blutungen, Entzündungen, Zysten, Tumoren). Näheres
s. im Original; 8. auch d. Centr. 1911. S. 1249).
43) Über Tetanie bei Dünndarmileus, von E. Qebhard. (Wiener klin. Rund¬
schau. 1914. Nr. 33 u. 34.) Ref.: Pilcz (Wien).
23jähr. Fräulein; seit dem 19. Jahre Anfälle von fäkulentem Erbrechen.
Seit einem Jahre dabei plötzliche Krampfanfälle von Steifwerden der Arm- und
Beinmuskulatur. Bei einem derartigen beobachteten Anfalle in der Dauer von
einigen Minuten typische Geburtshelferstellung, Chvostek, aber kein Trousseau.
Operation einer großen Orarialzyste mit Verwachsungen mit dem Dünndarm. Mit
dem Aufhören des Erbrechens auch Sistieren der tetanischen Krämpfe.
44) Tetaniesymptome naoh und bei Dysenterie, von Max Löwy. (Monats¬
schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. beobachtete nach und bei Dysenterie mit positivem Trousseau; Chvostek
fehlte regelmäßig. Schüttelmassage der Extremitäten wirkte symptomatisch günstig.
45) Zur Frage der „Bronohotetanie“ der Erwaohsenen und ihrer Behand¬
lung mit Kalzium, von H. Curschmann. (Münchener med. Wochenschr.
1914. Nr. 6.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg).
Verf. hat vor einigen Jahren auf den Zusammenhang zwischen Bronchialasthma
der Erwachsenen und anderen vago-sympathiBchen Störungen geachtet und als
erster auf das Symptom „intermittierendes Basedow*Bronchialasthma“ aufmerksam
gemacht. Es lag nun nahe, bei Bronchiolitis und Asthma bronchiale auf die
Symptome der Tetanie zu achten. Es ergab sich, daß bei einzelnen Fällen das
Chvosteksche Symptom sich vorfand. Die Krankengeschichte des typischsten
Falles wird näher beschrieben. Die Epikrise lautet: Ein 32jähriger, in der Jugend
nicht nachweislich spasmophiler Landwirt leidet seit 3 Jahren an heftigen An¬
fällen von Bronchialasthma. Zugleich finden sich alle Zeichen einer latenten
Tetanie, das Chvosteksche und Erb sehe Phänomen und leichte abortive „tetanoide“
Anfälle in den Händen. Asthmatische und tetanische Symptome steigen und
fallen synohron. Auf die Kalziumbehandlung verschwindet Bowohl das Asthma,
als der latente tetanische Symptomenkomplex. Die Fälle sind sehr selten. Ver¬
wendet wurde Calcium lueticum 4 mal täglich 1 g während längerer Zeit, später
allmählich fallende Dosen. Wie die Untersuchungen anderer Autoren zeigen,
werden sehr große Dosen, wie 15 g pro die, ohne Nebenwirkung vertragen. Es
ist, wie Verf. des näheren darlegt, als Heilmittel sensu strictiori zu bezeichnen.
Künftig sei bei dem Bronchialasthma jugendlich Erwachsener auf die Zeichen der
Tetanie zu achten. Adrenalin, zurzeit für das Bronchialasthma ein „Modemittel“,
9 *
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
132
ist bei Bronchotetanie kontraindiziert, es sei im Gegenteil geeignet, hierbei An¬
fälle aus zulösen.
46) Untersuchungen über Tetanie und Altersstar, von Dr. Johannes Fischer
und Dr. Otto TriebenBtein. (Elin. Monatsbl. f. Augenheilkunde. - 1914.
März/April.) Ref.: Fritz Mendel.
Auf Grund der gefundenen Ergebnisse, die einen engen pathogenetischen Zu¬
sammenhang zwischen Tetanie und Altersstar wahrscheinlich machen, ist die
Forderung berechtigt, daß nicht nur bei Schichtstar und anderen jugendlichen
Starformen, sondern auch bei jedem einzelnen zur Beobachtung kommenden Fall
von Altersstar unter Hinzuziehung eines Neurologen auf latente Tetanie untersucht
wird, und ein einfacher Altersstar erst dann angenommen wird, wenn kein Grund
vorliegt, bei vorhandener Tetanie die Frage des Zusammenhanges zwischen Tetanie
und Starbildung aufzuwerfen.
47) Tetanolde Symptome bei Schwangeren und Wöchnerinnen, von Pb.
Kreise. (Zeitschrift f. Geburtshülfe u. Gynäkologie. LXXVJ. 1914. H. 1.)
Ref.: Kurt Mendel.
In 80 °/ 0 aller Wöchnerinnen und in 60°/ o der Graviden fand Verf. positiven
Chvostek und elektrische Übererregbarkeit des N. facialis. Verf. sohließt hieraus,
daß gerade das Puerperium und die Schwangerschaft eine Hypofunktion der
Epithelkörperchen begünstigt. Diese prozentualen Beziehungen lassen sich mit
der größeren Häufigkeit der puerperalen Tetanie gegenüber der Tetanie Gravider
sehr wohl in Einklang bringen.
48) Die MagnesiumBulfatbehandlung der spasmophilen Krämpfe, von
Nikolaus Berend. (Monatsschrift f. Kinderheilkunde. XII. 1912. Nr. 6.)
Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt die Magnesiumbehandlung (8°/ 0 ige Lösung als subkutane In¬
jektion, etwa 10 bis 20 ccm) in der Therapie der Spasmophilie, Tetanie und der
schweren Stimmritzenkrämpfe, ferner bei solchen nicht spasmophilen Eklampsien,
bei welchen keine zerebrale Reizung und keine gestörte Nierenfunktion vorhanden
ist Die Wirkung des Magnesiumsulfats ist eine sedative, antispasmodische,
vielleicht auch eine direkte vorteilhafte Beeinflussung des Stoffwechsels.
49) Die Organtherapie der postoperativen Tetanie, von Prof. Dr. K. Vogel.
(Medizin. Klinik. 1914. Nr. 16.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Auch der geschickteste Operateur ist nicht davor sicher, einmal eine post¬
operative Tetanie zu erleben. Verf. teilt einen Fall von postoperativer para-
thyreopriver Tetanie mit, der, trotzdem er außerordentlich schwer war, durch
interne Therapie besonders schön beeinflußt werden konnte. Die Behandlung be¬
stand in Darreichung von Parathyreoidintabletten: diese Tabletten von Parathyreoidin
Freund und Redlich bestehen aus Epithelkörperchensubstanz vom Rind, 0,1 pro
Tablette. Zur Unterstützung wurde Calc. lact. gegeben. Sollten die Tabletten
versagen, ist es ratsam frische Tierorgane zu reichen oder die Organimplantation
vorzunehmen. Verf. empfiehlt zum Schluß, in Fällen, wo sehr viel Strumagewebe
besonders an den Polen fortgenommen wird, prophylaktisch schon mehrere Tage
vorher Parathyreoidin zu geben.
50) Über die chronische Tetanie naoh Exstirpation von Glandulae para-
thyreoideae, von Andreas Tanberg. (Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u.
Chir. XXVII. H. 4.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
Die chronische Tetanie kommt relativ selten zur Beobachtung, da die Exstir¬
pation von 3 oder 4 Epithelkörperchen in der Regel zu akuter Tetanie führt,
welche selten länger als 8 bis 14 Tage dauert. Entweder gehen die Tiere zu¬
grunde oder es tritt Heilung ein. Nur ausnahmsweise entwickelt sich ein chroni¬
scher Zustand, welcher erst nach mehreren Monaten einen tödlichen Verlauf nimmt.
Verf. hat diese chronische Form der experimentellen Tetanie zum Gegenstände
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
133
«ingehender Untersuchungen gemacht. Er stellt zunächst die spärlichen bisher
mitgeteilten einschlägigen Beobachtungen zusammen, aus welchen mit Sicherheit
hervorgeht, daß der Exstirpation der Gland. parathyreoideae Störungen verschie¬
dener Art, und zwar wesentlich trophischer Natur, folgen können, wie Abmagerung,
Haarausfall, Disposition für Infektion, Muskelrigidität; oft besteht nur das Bild
der chronischen Kachexie. Außerdem kann der Zustand der Tetanie latent be¬
stehen und aus irgend einem äußeren Anlaß plötzlich manifest werden. Dem
Verf. ist es gelungen, durch Exstirpation von 3 bzw. 4 Epithelkörperchen bei
Katzen experimentell den Zustand der chronischen Tetanie hervorzurufen; während
die Exstirpation nur der beiden äußeren Drüsen auf das Wohlbefinden der Tiere
keinen Einfluß hatte, rief die Exstirpation der dritten eine leichtere Tetanie
hervor. Nur drei Versuchstiere haben die akute Tetanie überstanden und sind
dann nach mehrmonatlichem Wohlbefinden chronisch-tetanisch geworden; sie be¬
kommen wieder Zuckungen, Zittern und Muskelsteifheit, gesteigerte Reflexe, Ab¬
magerung und Albuminurie; alle drei gingen nach Verlauf mehrerer Monate zu¬
grunde. Die Ernährungsversuche des Verf.’s bestätigten den außerordentlich
günstigen Einfluß der Milchnahrung bei chronischer Tetanie. Fütterungsversuche
mit Rinderparathyreoidea erwiesen sich als wirkungslos. Auffallend sind die
histologischen Befunde an der zurückgebliebenen Parathyreoidea der an chronischer
Tetanie verendeten Katzen: Verf. fand große, bisher nicht beschriebene, auf¬
geblasene runde, kantige oder unregelmäßige Zellen mit sehr deutlichen Zell¬
grenzen und großem, exzentrisch gelegenem, chromatinreichen Kern. Der Zell¬
inhalt besteht zum großen Teil aus einer ganz farblosen, wasserklaren, den Kern
umgebenden Partie; diese Zellen sind fast doppelt so groß, als die der normalen
Parathyreoidea. Eine Erklärung dieser Zelltypen ist vorläufig noch nicht möglich.
61) Zur Behandlung der postoperativen Tetanie, von Wiebrecht. (Beiträge
zur klin. Chir. XCII.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
Die im Anschluß an Strumaoperationen auftretende Tetanie ist, wie jetzt
feststeht, auf eine Verletzung der Epithelkörperchen zurüokzuföhren. Deshalb
kommt bei der Operation alles darauf an, diese Gebilde zu schonen, zu welohem
Zweck es sich vor allem empfiehlt, die hintere Wand der SohilddrtLsenkapsel
stehen zu lassen. Tritt aber doch Tetanie auf, so ist frisohe Nebenschilddrüse
vom Menschen zu implantieren oder solche vom Pferd oder Rind per os zu ver¬
abreichen. Steht frisches Material nicht zur Verfügung, so sind die Tabl. glandul.
parathyreoideae (Freund und Redlich) anzuwenden und gleichzeitig eventuell
Kalziumpräparate zu verabreichen.
Therapie.
52) Bin Fall von AdalinVergiftung, von Dr. Hugo Dierling. (Mediz. Klinik.
1914. Nr. 47.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. schildert den Fall einer 32jährigen Hysterika, die vor Jahren wegen
einer Cholelithiasis operiert worden war, während der Zeit der Gallensteinanfälle
viel Morphium genommen hatte und wegen Morphiumabusus bereits behandelt worden
war. Diese Patientin nahm nun zu Suizidzwecken zwei ganze Röhrchen Adalin
zu je 10 Tabletten k 0,5 g und 6 Pulver Adalin k 0,6 g, im ganzen 13 g. Verf.
fand die Patientin schlafend, tief atmend, auf Anruf nicht reagierend, fast völlig
besinnungslos im Bett. Die Reflexe waren vorhanden, die Pupillen reagierten.
Eine Magenspülung gelang. Der schlechte Puls machte Herzmittel nötig. Aber
der Zustand blieb wegen des schlechten Zustandes von Herz und Magen einige
Tage bedrohlich. Im Urin zeigten sich geringe Spuren von Albumen, eine Tempe-
ratursteigerung bestand nicht. Allmählich trat Heilung ein.
Adalin ist in hohen Dosen als ein lebensgefährliches Medikament zu be¬
zeichnen, eine Beschränkung im Handverkauf wäre daher sehr wohl am Platze.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
134
53) Über Kalmonal (Bromkalziumurethan), von Bufe. (Allgem. Zeitsohr. t
Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Das auf Anregung von Alt eingeführte Mittel entfaltet bei weitgehende*
Vermeidung von Intoxikationserscheinungen eine ausgezeichnete Brom Wirkung.
Es wirkt ähnlich wie (Jreabromin, wird schnell ausgeschieden, indem es die
Nieren- und Herztätigkeit anregt. Es übertrifft aber das Dreabromin an schlaf¬
machender Wirkung und zeigt besonders einen günstigen Einfluß bei nächtlicher
Epilepsie, sowie bei psychischen und nervösen Reizzuständen, ebenso bei Enuresia
nocturna. Es kann in Dosen von 2 g pro die monatelang ohne Schäden gegeben
werden.
64) Über das Verhalten des Kalinonals im menschlichen Körper, von
Seegers. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Das Kalmonal ist ein kristallinisches, in Wasser und Alkohol leicht lösliches
Pulver mit 27°/ 0 Bromgehalt. Die Bromausschei^ung erfolgt schneller ah beim
Bromnatrium und geht Hand in Hand damit eine erhöhte Salzabscheidung. Der
Urin wird außerdem erheblich kalkreicher, ein Beweis, daß das Kalzium des Kal-
monals ins Blut übergeht. Die schnelle Ausscheidung läßt eine Anreicherung des
Organismus mit Brom und Urethan als ausgeschlossen erscheinen. Im Kote Anden
sich nur geringe Mengen von Brom. Ein nierenkranker Patient erfuhr durch das
Mittel keine Schädigung und ging der Eiweißgehalt sogar zurück. Das Präparat
kommt bei Nierenkranken, die Brom nehmen müssen, daher in erster Linie in
Betracht.
55) Kalmonal, ein neues Sedativum, von Dr. v. Feilitsch. (Berliner klin.
Wochenschr. 1914. Nr. 48.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Kalmonal ist ein Bromkalziumurethan, das in Wasser und Alkohol leicht
löslich ist. Verf. versuchte es bei Zuständen von motorischer Erregung, Schlaf¬
losigkeit, Stimmungsanomalien, ängstliche Erregung und auch bei epileptischer
Erregung. Es wirkte nur in leichten und mittelschweren Fällen, am besten bei
Depressionszuständen und AngstneuroseD. Es ist frei von unangenehmen Neben¬
wirkungen. Die Dosis beträgt bei Schlaflosigkeit 1,0 bis 2,0 g, bei Depressionen
zuständen und Angstneurosen 0,5 bis 1,0 g und darüber.
56) Über Dial-Ciba bei Psychosen, von Oberarzt Dr. G. Schmidt. (Medizin»
Klinik. 1914. Nr. 41.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Dial ist in der Dosis von 0,05 (= Vj Tablette) bis 0,1 (=1 Tablette) bei
Psychosen ein zuverlässiges Sedativum. Weniger gut ist die Wirkung bei Para¬
lytikern, arteriosklerotisch dementen und hochgradig manisch Erregten. Als Schlaf¬
mittel wirkte es in Gaben von 0,1 bis 0,2 fast ausnahmslos zuverlässig. Der
Schlaf setzt gewöhnlich nach 1 / 2 Stunde ein und dauert durchschnittlich 7 Stunden.
Bei einer Anzahl von Fällen wurde ein posthypnotischer Effekt beobachtet, der
sich in Benommenheit, Schwindel, zuweilen in Erbrechen oder Zittern äußerte,
während das Mittel in der Mehrzahl der Fälle auch bei längerer Darreichung gut
vertragen wurde; zu empfehlen ist die Kombination mit Kodein. Dial verdient
schon wegen des niedrigen Preises empfohlen zu werden.
III« Aus den Gesell sohaften.
Vereinigte ärztliche Gesellschaften zn Berlin.
Sitzung vom 6. Januar 1915.
Ref.: M. Rothmann.
Schluß der Diskussion zu dem Referat, des Herrn Lewandowsky: Über
Kriegsverletzungen des Nervensystems (vgl. d. Centr. S. 47 u. 107).
Herr Toby Cohn weist darauf hin, daß für die Bestimmung des Zeitpunktes
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
135
für die Operationen bei den Schußverletzungen der peripheren Nerven der elek¬
trische Befund für die meisten Fälle von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Basches Sinken oder Erlöschen der galvanischen Erregbarkeit gibt eine schlechte
Prognose, Erhaltensein der faradischen Erregbarkeit eine gute. C. schließt sich
unbedingt denen an, die einen konservativen Standpunkt vertreten und rät
dringend, 4 bis 6 Monate und noch darüber zu warten, da er noch nach einem
Jahr Spontanheilung beobachten konnte. Für die nicht operative Behandlung
dieser Fälle empfiehlt er neben passiver Gymnastik und Massage dringend die
Elektrotherapie, vor allem den galvanischen Strom.
Herr H. Eron erwähnt die sekundären peripherischen Lähmungen, die nicht
direkt durch Schußverletzungen entstehen. Die von dem Bef. bereits genannten
Lähmungen durch zu langes Liegen des Eismarch sehen Schlauches sollen nicht
als „ischämische 11 gelten. Es sind Folgen der Kompression der Nerven selbst.
Dafür spricht die schlaffe Form der LähmuDg, wie ihr Einhergehen mit schweren
Sensibilitätsstörungen und Entartungsreaktion. Die ischämische Lähmung ist
muskulären Ursprungs. Sie entsteht durch zu festen Verband, sie ist aber nicht
schlaff, verbindet sich vielmehr — wenigstens nach der Schilderung von Volk-
mann und Leser — mit schmerzhaften Kontrakturen, während Sensibilitäts-
Störungen und qualitative elektrische Veränderungen fehlen. Die von anderer
Seite erwähnten schlaffen Formen bedürfen ebenso der Bestätigung, wie die wenigen
experimentellen Untersuchungen. Kurt Mendel spricht in seiner Beobachtung
(s. d. Centr. 1916 Nr. 1) denn auch sehr richtig von muskulärer Ischämie. In
einem Falle eigener Untersuchung hatte sich nach der Operation eines Aneurysmas
der Art. brach, mit vorheriger Ligatur des Art. oxillaris eine schlaffe Lähmung
der Armnerven mit schwerer Sensibilitätsstörung und kompletter Entartungs¬
reaktion herausgestellt. Das kann aber ebenfalls nicht als Beweis für die neuro¬
gene Lähmung ischämischer Natur gelten. Hier müßte angenommen werden, daß
der Arm, um das Operationsfeld an seiner Innenseite zugänglicher zu machen,
nach außen, hinten und oben gezogen worden sei. Dadurch kommt eine Lagerung
zustande, wie sie für die Narkosenlähmung bekannt ist. Es handelt sich also
auch hier um eine reine Kompressionslähmung, hervorgerufen durch Quetschung
des Plexus, wenigstens des 6. und 6. Halsnerven, zwischen Clavicula und erster
Rippe. Die Störung wird sich vermeiden lassen, wenn man an ihren Ur¬
sprung denkt. Autoreferat.
Herr v. Hansemann demonstriert 'einige anatomische Präparate zu den
Kriegsverletzungen des Rückenmarks. Der erste Fall betrifft eine Schrapnell-
kugel, die im untersten Teil des Rückenmarks sitzen geblieben ist. Im zweiten
Fall ist die Wirbelsäule selbst so gut wie gar nicht verletzt; das Geschoß hat
nur die ProceBsus spinosi gestreift. Trotzdem bestand intra vitam komplette
Lähmung; das Rückenmark ist im Umfang von 2 cm vollständig zerstört. Ob
die Erweichung nur durch Erschütterung oder infolge von Blutung entstanden
war, kann v. H. nicht entscheiden. An weiteren Präparaten werden die Schwierig¬
keiten, die bereits weitgehend verheilten Wirbelläsionen des Schußkanals aufzu¬
finden, demonstriert. Bisweilen gelingt es erst am mazerierten Präparat die
Verletzungen der Wirbelsäule sichtbar zn machen. Endlich zeigt v. H. eine
Wirbelsäule, die nach der Spalteholzschen Methode durchsichtig gemacht worden
ist. Neben einem kleinen Geschoßsplitter im Wirbelkörper erkennt man eine
außerordentlich starke Rarefikation der spongiösen Substanz des von dem Geschoß
durchquerten Wirbelkörpers.
Herr Laqueur bespricht die physikalische Therapie der Neuralgien nach
Schußverletzungen. Er empfiehlt feuohte Wärme, Diathermie, Zweizellenbäder,
sowie allgemeine Elektrotherapie.
Herr Hans Kohn weist auf die günstigen Wirkungen des Magnesium sul-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
136
furicum bei der Therapie des Tetanus hin. Vor allem die intravenöse Wirkung
(10 °/ 0 > 10 com) unterdrückte die schweren Schlingkrämpfe außerordentlich rasch.
Herr Ben da betont hinsichtlich der Technik der Rückenmarksverletzungen,
daß man sehr wohl gleichzeitig das Rückenmark konservieren und die Knochen¬
verletzungen darstellen kann und gibt eine Beschreibung seines VorgehenB.
Herr Rothmann weist zunächst im Gegensatz zum Vortr. auf die außer¬
ordentliche Häufigkeit der funktionellen Affektionen, besonders der Hysterie als Kom¬
plikation der organischen Kriegsläsionen hin und betont die Bedeutung dieses
psychischen Faktors für eine erfolgreiche Therapie sowohl der Schlaflosigkeit als
auch der Schmerzen. Hinsichtlich der Behandlung der Schmerzen erwähnt er
noch die günstige Wirkung epiduraler Injektionen bei Verletzungen der unteren
Körperabschnitte. Vor allem aber hebt er die Bedeutung der von ihm empfohlenen
und bereits praktisch erprobten Vorderseitenstrangsdurchschneidung im unteren
Brustmark zur Erzeugung von Analgesie in den Beinen und der Dammgegend bei
sohweren Verletzungen mit unerträglichen Schmerzen hin.
Herr Oppenheim betont, daß noch weit häufiger als die Hysterie die
neurasthenische Komponente bei den Verletzungen eine Rolle spiele. Die Epi-
duralinjektion hat 0. bei den Verletzungen des Ischiadikus im Stioh gelassen.
Herr Lewandowsky (Schlußwort) bedauert zunächst, daß sich die Chirurgen
an der Diskussion nicht beteiligt haben. Gegenüber Rothmanns Mahnung, mit
der sofortigen Operation der Schädelschüsse vorsichtig zu sein, weist L. auf die
Erfahrungen von Friedrich und Breitner in den Balkankriegen hin, die rasche
Revidierung der Hirnschüsse empfehlen. Der mehrfach empfohlenen aktiven
Therapie bei Rückenmarks Verletzungen steht L. auch jetzt noch ablehnend
gegenüber. L. wundert sich, daß Rothmann weitgehende Restitutionen trotz
der Erscheinungen der totalen Rückenmarksverletzung wiederholt gesehen hat.
Er selbst sah nur einen solchen Fall und meint, daß nur diejenigen Fälle
Chancen bieten, bei denen sich von vornherein die partielle Rückenmarksverletzung
erkennen ließ. Hinsichtlich der Behandlung der Verletzung der peripheren Nerven
hält L. an der Empfehlung der frühzeitigen Operation fest. Unter 16 ope¬
rierten Fällen boten nur zwei keinen Befund, ohne daß ihnen die Freilegung
gesohadet hätte. Oft nützt aber die Freilegung zweifellos. Die elektrisohe Be¬
handlung hält L. für eine Glaubenssache und meint, daß sie nichts nützt. Die
Häufigkeit der Hysterie suoht L. durch das einseitige Material mancher Neuro¬
logen zu erklären. Er hebt hervor, daß die schwer verletzten Soldaten in der
Regel von Anfang an ausgezeichnet schlafen und warnt davor, die hysterische
Komponente zu überschätzen.
Berliner Qesellsohaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten.
Sitzung vom 11. Januar 1915.
Ref.: K. Löwenstein (Berlin).
1. Herr Schuster: Bemerkung zu der Demonstration von Kriegsver¬
letzungen in der Sitzung vom 14. Dezember 1914 (vgl. d. Centr. 1916. S. 70).
M. H.! In der letzten Sitzung habe ich — wie Sie sich erinnern werden —
einen Verwundeten vorgestellt, bei welchem in Anschluß an einen Brustschuß eine
Brown-S6quardsche Lähmung eingetreten war. Das Merkwürdige des Falles war,
daß die Wirbelsäule auf den Röntgenbildern völlig normal erschien. Ich habe
nun noch einige Röntgenaufnahmen des Falles machen lassen. Hierbei hat sich
nun herausgestellt, daß die Wirbelsäule in der Tat völlig unverletzt ist, daß da¬
gegen der Ausschuß durch die 6. Rippe — in einer Entfernung von etwa 5 cm
von der Wirbelsäule — durchgegangen ist. Der Fall ist dadurch noch inter-
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
137
ossanter geworden, daß hier offenbar die Fortleitong der Erschütterung der ge¬
troffenen Rippe auf die Wirbelsäule genügt hat, um schwere Veränderungen im
Rückenmark hervorzurufen. Autoreferat.
2. Herr Haike demonstriert einen Hilfeapparat zur exakten Bestimmung
kleiner Abweiohungen beim Bdräny sehen Zeige versuoh, der folgende Schwierig¬
keiten beseitigen soll. Der Pat. neigt dazu, wenn er am Finger des Untersuchers
vorbeizeigt, diesen bewußt zu suchen, wodurch geringe Abweichungen ebenso ver¬
wischt werden können, wie wenn der Untersucher, um jenes Suchen zu vermeiden,
mit seinem Finger dem des Pat. beim Abweichen nachgehen muß. Drittens werden
geringe Abweichungen, die auch beim Normalen Vorkommen können, erst duroh
wiederholten Vergleich mit der anderen Extremität und zu anderen Zeiten ver¬
wertbar, was aber nur bei genauen Messungen und Abweichungen möglich ist.
Viertens kann mit Hilfe der Messungen Simulationsversuohen, bewußtem Vorbei¬
zeigen, bei oft untersuchten und mit dem Wesen der Untersuchung bekannt ge¬
wordenen Personen, erfolgreich begegnet werden. Der Apparat besteht in einem
Stab, an dem eine Reihe von leicht aus ihrer Ruhestellung mit Fingerdruck auf¬
hebbaren Tasten von gleicher Breite angebracht ist; von der mittelsten, mit „0“
bezeichneten, dem untersuchenden Finger entsprechenden, gehen nach rechts und
links mit ansteigenden Zahlen bis „7“ bezeichnete ab, die der Untersuchte je
nach dem Grade der Abweichung berührt und aufhebt, so daß auch aus einiger
Entfernung die Zahl sichtbar wird. Der Apparat wird mit einer Klemmschraube
am Drehstuhl, einem Tisch oder einer Stuhllehne befestigt und ist durch einfache
Umstellung für die Prüfung in allen Ebenen zu verwenden. Autoreferat
Diskussion: Herr Rothmann hält die Angabe eines exakten Apparates für
die Feststellung der Fehler des Zeigeversuchs für sehr dankenswert Um Selbst¬
korrekturen des Pat. zu vermeiden, empfiehlt es sich, den Finger stets auf den
nach der Seite abgewichenen Arm desselben aufzulegen. Auch ist von Wichtig¬
keit, daß die Versuchspersonen in der Regel auch auf den eigenen Arm hin die
gleichen Zeigestörungen aufweisen, wie auf den des Untersuchers. Autoreferat.
3. Herr Borchardt: Zwei Fälle von RfiokenmarkssohtLBverletsang.
Beide hatten klinisch das Bild einer kompletten, bzw. fast kompletten Querschnitts¬
lähmung in der Höhe des mittleren Dorsalmarks geboten. Bei beiden war die
Dura unverletzt, auch'die Pia; Blutungen fanden sich nicht. Trotzdem war das
Rückenmark auf dem Querschnitt in einem Falle total zerstört, im anderen auch
sehr schwer geschädigt. Demonstration von Präparaten. Autoreferat.
Diskussion: Herr Henneberg demonstriert Präparate von einem Fall von
Gesohoßkontusion des Rückenmarks. Klinisch lag das Bild einer totalen Quer¬
läsion im 7. Dorsalsegment vor. Tod in der 3. Woche nach der Verwundung in¬
folge von Dekubitus und Zystitis. Bei der Sektion fanden sich keine Verände¬
rungen im Wirbelkanal. Die Kugel hatte anscheinend den Wirbelkörper passiert.
An der Außenseite der Dura keine Blutung, an der Innenfläche in der Höhe des
7. Dorsalsegments hämorrhagischer Belag. Erweichung des 7. Dorsalsegments.
Die Präparate zeigen im Bereich der stärksten Läsion: Gefäße stark gefüllt,
Ädventitia aufgelockert und verdickt, kleine Blutungen, sehr weitgehender Mark¬
zerfall bis auf eine Zone um die graue Substanz (ähnlich wie bei vorgeschrittener
funikulärer Myelitis), Gliagerüst nur stellenweise erhalten. Sehr zahlreiche
Körnchenzellen, stellenweise reaktive Gliaverdichtung. In weiterer Entfernung von
der Stelle der stärksten Läsion finden sich Lückenfeldbildung und zirkumskripte
Nekrosen im Markmantel. Starke Quellung der Ganglienzellen. Minimale
Blutungen. Die Befunde sind die gleichen wie sie bei schweren Kontusionen und
Frakturen der Wirbelsäule Vorkommen. Zirkumskripte Nekrosen und Lücken-
feldbildung finden sich auch bei degenerativer Myelitis und bei Kompressions¬
myelitis. Wenn man die akute Quellung und Zerfall der nervösen Elemente als
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
138
degenerative Myelitis bezeichnet, kann man die Veränderungen nach Erschütterung
durch Geschosse traumatische Myelitis benennen. Was das Zustandekommen dieser
Veränderungen anbelangt, so sind Blutungen und Lymphorrhagien ohne wesentliche
Bedeutung. Ein Absterben des Gewebes infolge starker Erschütterung dürfte eine
erheblichere Rolle spielen. Den Hauptfaktor dürfte aber eine Störung der Kapillar-
funktion infolge des Erschütterungsreizes bilden. Durch Stillstand der Blut¬
zirkulation kommt es zur akuten Degeneration des nervösen Gewebes, stellenweise
zu totaler Nekrose. Wenn Herr Schuster (Dezembersitzung) annimmt, daß die
klinischen Symptome bei einer Blutung rascher hervortreten als bei einer Nekrose,
so ist dies wenig wahrscheinlich. Der Prozeß der Nekrobiose bedarf wohl einiger
Zeit, die Außerfunktionsetzung ist aber eine momentane. Autoreferat.
Herr Rothmann weist auf die klinische Bedeutung der von Herrn Borchardt
und Henneberg demonstrierten Rückenmarksveränderungen mit intakter Dura
mater bei Schußverletzungen hin. Vor allem der Befund des ersten Borchardt-
schen Falles läßt es vollkommen verständlich erscheinen, daß wir bei anfangs
völliger funktioneller Qaerschnittsunterbrechung des Rückenmarks doch verhältnis¬
mäßig häufig weitgehende funktionelle Restitution beobachten können, eine Tat¬
sache, die noch in der letzten Diskussion in der medizinischen Gesellschaft Herr
Lewandowsky bezweifeln wollte. Auch zeigen diese Beobachtungen, wie irrig
der noch kürzlich gegebene Rat ist, in allen Fällen von Rückenmarkslähmung bei
Schußverletzung die Laminektomie zu machen und womöglich noch das Rücken¬
mark abzutasten. Bei einem derartigen in Degeneration befindlichen, von Nekrosen
durchsetzten Rückenmark muß jedes aktive Vorgehen schädlich wirken. Was die
Ursache der Veränderungen betrifft, so wird man beim Fehlen einer direkten Ver¬
letzung doch daran denken müssen, daß bei der ungeheuren Schnelligkeit des
vorbeipassierenden Geschosses Luftdruckschwankungen entstehen, die zu ähnlichen
spinalen Veränderungen wie bei den Gaissonarbeitern führen können. Autoreferat.
Herr Cassirer zeigt die Präparate des in der Sitzung vom 14. Dezember
demonstrierten Falles (vgl. d. Centr. 1915. S. 79) und betont dabei ebenfalls die
Unverletztheit der Dura, das Fehlen der Blutungen und die erhaltene Konfiguration
des Markes. Es muß sich also um nekrotische Vorgänge handeln, von denen im
vorliegenden Falle hauptsächlich die Hinterseitenstränge und die Hinterst ränge
betroffen sind, so daß das Bild übrigens auch in manchen histologischen Einzel¬
heiten an das der funikulären Myelitis erinnert. Auffällig ist die Geringfügigkeit
fettiger Degeneration im Sudanpräparat.
Herr Jacobsohn kann Herrn Henneberg nicht zustimmen, diese Affek¬
tionen des Rückenmarks als Myelitis zu bezeichnen. Das Wort Myelitis bedeutet
Entzündung des Rückenmarks. In den Präparaten, die von Herrn Henneberg
und Herrn Borchardt soeben demonstriert wurden, konnten beide, was sie aus¬
drücklich betonten, keine Spur von Entzündungserscheinungen entdecken. Der
Einwurf des Herrn Henneberg, daß, wenn man diese Zustände aus dem Begriff
der Rückenmarksentzündung herausnähme, nur noch die Poliomyelitis dahin ge¬
hören würde, kann nicht maßgebend sein. Es handelt sich hier unzweifelhaft um
Zustände nekrotischer Erweichungen. Die Ursachen, die zu solchen Er¬
weichungen und zum AbBterben des Gewebes führen, können mannigfacher Art
sein. In den vorliegenden Fällen ist die Ursache ja bekannt, es ist das Trauma
mit seinen verschiedenen Wirkungen. Der Prozeß ist also klar nach der ätio¬
logischen und pathologisch-anatomischen Seite hin und nichts berechtige, ihn in
den allgemeinen Sammeltopf der Myelitis zu werfen. Was die demonstrierten
Präparate selbst anbetrifft, so deutet der Umstand, daß zumeist die peripherischen
Teile des Rückenmarks bzw. die Rückenmarksstränge von der Erweichung be¬
fallen Bind, während die zentrale graue Substanz verschont geblieben ist, darauf
hin, daß die Gefäße, die in den Wurzeln zum Rückenmark verlaufen, bei dem
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
139
Trauma besonders geschädigt sind. Denn die Ernährung der weißen Substanz
des Rückenmarks geschieht im wesentlichen aus diesen Zuflußquellen.
Autoreferat.
Herr Bonhoeffer macht darauf aufmerksam, daß die Gefäße unbeschädigt
sind. Er fragt Herrn Henneberg, wie man sich die von ihm angenommenen
Schädigungen der Kapillarfunktion vorzustellen habe, da die bekannten, bei toxi¬
schen oder mechanischen Schädigungen der Kapillaren auftretenden kleinsten
Hämorrhagien zu fehlen scheinen. Autoreferat.
Herr Henneberg: Der Entziindungsbegriff hat sich auf dem Gebiete des
Zentralnervensystems wenig brauchbar erwiesen. Eis ist daher nicht empfehlens¬
wert in Rücksicht auf ihre Benennungen wie Kompressionsmyelitis, funikuläre
Myelitis, degenerative Myelitis usw. zu ändern. Es handelt sich nioht um eine
anatomische Läsion der Kapillaren, sondern um eine Störung ihrer das Blut be¬
wegenden Funktion vielleicht durch Vermittlung der Gefäßnerven. H. verweist
auf die Veröffentlichungen von Richer. Autoreferat.
Herr Borchardt lehnt die Notwendigkeit der Annahme anderer Druck¬
änderungen als der durch das direkte Trauma bedingten ab.
Herr Roth mann möchte doch zur Erklärung die indirekt während des
Traumas entstandenen plötzlichen Druckschwankungen heranziehen.
Herr Borchardt hält auch die operativen Aussichten für ungünstig.
4. Herr Rothmann: Der Greifversuoh und seine diagnostische Be¬
deutung, Im Dezember 1913 konnte Vortr. einen Mann demonstrieren, bei dem
infolge einer posttraumatischen subpialen Blutung im Gebiet des Gyrus supra-
marginalis mit leichter Stauungspapille eine Abweichung des gekreuzten Armes
beim Bäränyschen Zeigeversuch nach außen bzw. nach oben konstant vorhanden
war. Durch Trepanation über der betreffenden Stelle wurde der Symptomen-
komplex beseitigt und der Patient geheilt. Er stellte sich dem Vortr. jetzt als
Flieger mit dem Eisernen Kreuz vor. Vortr. betonte damals, daß eine Lokali¬
sation der Richtungsempfindung in der Großhirnrinde, und zwar vorwiegend im
Gebiet des Gyrus supramarginalis und angularis bestehen dürfte. In der an¬
schließenden Diskussion wiesen die Herren Bonhoeffer undLiepmann auf der¬
artige Beobachtungen bei Großhirnherden hin. Dagegen bestritt Herr Lewan-
dowsky die Beweiskraft des R.’schen Falles und lehnte die Annahme, daß das
Bäränysche Symptom ein Herdsymptom der Großhirnrinde sein könnte, ab. Auch
Herr Oppenheim äußerte große Bedenken gegen die Beweiskraft eines solchen
Falles. Verf. hat deshalb die Frage zunächst experimentell in Angriff genommen;
er konnte bei Affen durch gemeinschaftliche Ausschaltung des Gyrus centralis post,
und Gyrus supramarginalis einer Seite Vorbeigreifen des gekreuzten Armes in
bestimmten Richtungen bei offenen Augen erzielen. Bei doppelseitigen derartigen
EIxstirpationen waren die Affen überhaupt nicht imstande, mit den Händen die
vorgehaltene Nahrung zu treffen. Diese Richtungsstörung [des Greifens war mit
keiner Sehstörung verbunden. Auf Grund dieser experimentellen Beobachtung hat
Vortr. den Greifversuch methodisch zur Untersuchung von Hirnkranken heran¬
gezogen. Nachdem zunächst mit offenen Augen nach einem in verschiedenen
Stellungen gehaltenen Gegenstand mit dem zu prüfenden Arm gegriffen worden
ist, wird derselbe Versuch bei geschlossenen Augen wiederholt und dabei auch auf
Abweichungen in den verschiedenen Ebenen des Raumes geachtet. Der Unterschied
vom Bäränyschen Zeigeversuch besteht in der Heranziehung des optischen Ge¬
dächtnisses und der fehlenden Beschränkung auf eine bestimmte Ebene. Um das
Moment einer Sehstörung auszuschließen, wird der Versuch nicht nur optisch,
sondern auch akustisch (mit einem cri’cri Instrument) und taktil (Fassen des
Gegenstandes bei geschlossenen Augen und wiederholtes Greifen nach demselben)
angestellt. Schon die Prüfung zahlreicher Fälle von Hemiplegie ließ erkennen,
Digitized hy
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
140
daß sowohl im Stadium der Restitution einer Armlähmung, als auch bei an¬
scheinend intaktem Arm sehr häufig solche Greifstörungen in bestimmten Rich¬
tungen zur Beobachtung gelangen. Bei den Schußverletzungen des Gehirns war
nun eine solche Greifstörung teils mit teils ohne entsprechende Richtungsstörung
beim Bär&ny sehen Zeigeversuch bei Läsionen im Gebiet des Scheitellappens,
aber auch bei Stirnhimverletzungen häufig zu konstatieren. Bei den Stirnläsionen,
vor allem im Gebiet der zweiten Stirnwindung, ging die Abweichung deB Armes
nach der gekreuzten Seite als eine Teilerscheinung der Richtungsablenkung des
ganzen Körpers und war von keiner Lagegefiihlsstörung begleitet. Bei den Läsionen
des Gyrus supramarginalis kommen Greifstörungen nach verschiedenen Richtungen
vor, in der Regel begleitet von Störungen des Lagegefühls und des stereognosti-
schen Sinns. In einem Fall von doppelseitigem Abszeß des Gyrus supramarginalis
bei intaktem Sehen (I. chirurgische Abteilung des Yirchow-Krankenhauses [Prof.
Hermes]) griff der Patient mit beiden Armen bei offenen Augen an den Gegen¬
ständen in bestimmter Riohtung vorbei. Keinenfalls ist die Störung mit Rinden¬
ataxie zu verwechseln. Im Anschluß an die Demonstration des GreifversuchB
weist Vortr. auf die früheren Versuche Blochs und Horsleys hin, die Rioh-
tungsablenkungen beim Treffversuch beider Zeigefinger auf einer in Quadratzenti¬
meter eingeteilten Glasplatte genauer zu bestimmen. Auch werden aus der Lite¬
ratur eine Reihe früherer Beobachtungen von Richtungsstörungen des Greifens
bei Läsionen des Gyrus supramarginalis von Westphal, Wernicke, A. Pick,
Mills und Weisenburg u. a. angeführt. Jedenfalls wird die regelmäßige An¬
wendung des Greifversuchs in der neurologischen Technik bei Großhirn- und Klein¬
hirnläsionen noch zu zahlreichen diagnostisch wichtigen neuen Feststellungen Ver¬
anlassung geben. Autoreferat.
5. Herr Peritz: Zwei Fälle von Gehlrnsohüsaen mit Lagegefühls-
störungen, Astereognosia, trophisohen Veränderungen und halbseitiger
Blutdruokstelgerung. Vortr. stellt zwei Fälle von Gehirnschüssen vor, bei
denen die Schüsse die gleichen Teile des Gehirns verletzt haben. In beiden
Fällen hat die Gewehrkugel den Schädel handbreit von der Sagitalnaht zu ihr
parallel getroffen. Vortr. zeigt diese beiden Fälle, weil es sich bei beiden um
ausgesprochene Lagegefühlsstörungen handelt, verbunden mit Sensibilitäts- und
trophischen Störungen. Der erste Soldat hat bei der Einlieferung in das hiesige
Reservelazarett Charlottenbnrg eine 12 cm lange, 2 cm breite klaffende, an den
Rändern gut granulierte, in der Tiefe glasig fibrinös belegte Wunde der linken
Kopfseite gehabt. Nach vorne erreichte sie nicht ganz die Verbindungslinie
beider Meatus acustici. Sie zeigte im vorderen Winkel in der Tiefe einen läng¬
lichen, naoh hinten führenden, sehr schmalen, von scharfen Knochenrändern um¬
rahmten Schlitz der Schädeldecke, aus welchem eine leidlich klare, tropfend
hervorquellende, vom Gehirnpuls bewegte Cerebrospinalflüssigkeit hervorsickerte.
Der Schädeldefekt ist augenscheinlich operativer Natur, er ist schätzungsweise
1 / 2 cm lang und geht in die sulzig, fibröse Galea über. Im weiteren Verlauf
wird bei dem Patienten ein Gehirnabszeß eröffnet, nachdem er Fieber, unregel¬
mäßigen Puls, Kopfschmerzen und eine Jacksonsche Epilepsie im rechten Arm
gehabt hat. Bei Eröffnung des Gehirnabszesses wird ein Knochenstück entfernt,
das 3cm lang und l / 2 cm breit, fast senkrecht in die Gehirnsubstanz hinein¬
ragte. Die Motilitätsstörungen, die der Patient aufwies, waren sehr gering. Es
bestand nur eine 'geringe Schwäche in der rechten Hand. Im übrigen war die
grobe Kraft im rechten Arm und rechten Bein gut. Die Sehnenphänomone an
beiden unteren Extremitäten waren gleich und nicht gesteigert. Der Zehenrefiex
war rechts plantar, es bestand kein Oppenheim. Dagegen fand sich in der rechten
Hand eine ausgesprochene Lagegefühlsstörung, eine Ataxie, eine Störung der Tiefen¬
sensibilität. Patient war nicht imstande, die Stellung der Finger und der rechten
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
141
Hand mit der linken naehzum&chen, während es umgekehrt mit Leichtigkeit ge¬
lang. Außerdem bestand eine ausgesprochene Astereognosis an der Hand und
endlich eine falsche Lokalisation für Nadelstiche an der rechten Hand. Nicht
kann er mit Sicherheit an der rechten Hand Nadelstiche und Berührungen unter¬
scheiden. Nach den Anfällen konnte man eine amnestische Aphasie, eine Agraphie
und eine Alexie feststelleD. Der Patient, der im ganzen einen intelligenten Ein¬
druck macht, gibt auch heute noch an, daß seit der Verwundung ihm das Denken
schwer fallt, besonders war dies der Fall nach den Anfällen. In der Zeit der
gehäuften Anfälle bestand auch Nackensteifigkeit und Fieber. Diese Symptome
schwanden nach Eröffnung des Abszesses. Doch gibt Patient auch heute noch
an, daß er beim Lesen Schwierigkeit hat, das Gelesene sofort zu verstehen. Vor
allen Dingen falle es ihm jetzt schwer, Witze zu verstehen, während er das früher
mit Leichtigkeit konnte. Heute lassen sich auch die geringen Zeichen einer
motorischen Schwäche in der Hand, die anfangs bestand, nicht mehr nachweisen.
Der Händedruck ist rechts ebenso kräftig als links. Dagegen bestehen noch
deutlich die Zeichen der Lagegefühlsstörung, der Störung der tiefen Sensibilität
und der Astereognosis. Es gelingt ihm jedoch hin und wieder die Gegenstände,
die man ihm in die rechte Hand gibt, richtig zu erkennen, ebenso wie er auch
jetzt schon manches Mal die Stellung und Lage der rechten Finger und der rechten
Hand anzugeben vermag. Geruch und Geschmack sind nicht gestört Zwei
Symptome, die man bei ihm feststellen kann, sind interessant. Während anfäng¬
lich besonders nach den Anfallen eine Agraphie bestand, ist diese jetzt ganz und
gar geschwunden. Er vermag jetzt recht gut und ohne Zitterbewegung zu
schreiben. Besonders überraschend ist es aber, daß der Pat. auch mit geschlossenen
Augen zu sohreiben vermag, trotzdem er, wenn man ihm bei geschlossenen Augen
die Kreide oder den Bleistift in die Hand gibt, diese Gegenstände nicht zu er¬
kennen vermag. Sobald man ihm aber sagt, um was es sich handelt, daß er
Kreide oder einen Bleistift in der Hand hat, so kann er auch schreiben, sowohl
spontan wie nach Diktat. Beim Zeigeversuch greift er mit der rechten Hand
stets nach innen vorbei. Die zweite Reihe der Symptome sind trophischer Natur.
Pat. macht mich spontan darauf aufmerksam, daß seine rechte Hand stärker
schwitzt als die linke. Sie ist cyanotisch verfärbt und stärker behaart als links.
Ich habe nun bei diesem Patienten den Blutdruck (gemessen und dabei festgestellt,
daß er rechts höher ist als links, und zwar beträgt er am rechten Arm 168/138
während er links nur 148/112 aufweist. Auch der zweite Patient, den ich nach¬
her zeigen werde, bat die gleiche Störung. Das Interesse, daß man dem Patienten
entgegenbringen muß, beruht darauf, daß bei ihm fast rein eine Astereognosis,
eine Lagegefühlsstörung und eine Störung der Tiefensensibilität vorhanden ist,
während die Motilität fast vollkommen verschont ist. Daraus, daß in der Zeit,
da der Gehirnabszeß bestand, Reizerscheinungen auftraten in Form von epilep¬
tischen Zuckungen in der rechten Hand und Sprach- und Schreibstörungen, kann
man wohl schließen, daß das Zentrum der Verletzung, sich zwischen diesen beiden
Zentren befindet, also zwischen der vorderen Zentralwindung und dem Parietal-
lappen, d. h. in der hinteren Zentralwindung. Es ist jedoch sehr leicht möglich,
daß der Parietallappen mit verletzt ist, da ja gerade die Sprachstörung bei dem
Patienten lange bestehen blieb. Vor allen Dingen ist aber die Frage zu erklären,
wie es möglich ist, daß der Pat. trotz seiner Astereognosis und trotz der vor¬
handenen Bathyanästhesie bei geschlossenen Augen zu schreiben vermag, wenn
man ihm erklärt, daß er Kreide in der Hand hat, die er vorher nicht erkannt
hatte. Ich bin der Ansicht, daß hier die akustischen Reize, die darin bestehen,
daß man ihm sagt, er habe Kreide in der Hand, die Erinnerungsbilder für das
Schreiben erwecken und ihn so dazu bringen, auch bei verbundenen Augen richtig
zu schreiben. Wahrscheinlich ist es wohl, daß, wenn der Pat. eine vollkommene
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
142
Digitized by
Störung seiner tiefen Sensibilität und seines stereognostischen Sinnes hätte, er
nicht imstande wäre, zu schreiben. Da aber hier eine gewisse Besserung schon
eingetreten ist, so genügen die Reize, die von den akustischen Zentren zu den
motorischen gehen zum Schreiben. Dadurch wird es auch verständlich, daß der
Patient bei offenen Augen ohne Zittern, wie das z. B. in dem Fall von Monakow
sich zeigte, schreiben konnte, trotzdem er eine Ataxie hat. Man muß nach
meiner Ansicht annehmen, daß hier die Korrektion vom Auge aus stattfindet.
Immer muß betont werden, daß dabei keine absolute Astereognosis vorhanden
ist. Es scheint mir dieser Fall insofern lehrreich zu sein, als er zeigt, daß mit
Hilfe des Auges und des Ohres Einflüsse auf das Schreibvermögen ausgeübt
werden können, und daß mit Hilfe dieser Sinne auch eine Besserung der Schreib¬
fähigkeit oder gewisser anderer Handfertigkeiten erzielt werden kann, die durch
die Tiefensensibilitätsstörungen und die Astereognosis bedingt sind. Daß hier
die Verbindung zwischen optischen und akustischen Zentren einerseits zu den
motorischen Zentren andererseits offen ist, scheint zu beweisen, daß die Verletzung
der hinteren Zentralwindung nur die Rinde getroffen hat, nicht aber das Mark.
— Der zweite Fall zeigt fast die gleiche Verletzung. Auch hier war eine Ver¬
letzung vorhanden, bei der die rechte Seite des Schädels handbreit von der
S&ggitalnaht gespalten war. Sie reichte nach vorne bis zu einer Verbindungslinie
der vorderen Ohrränder und nach hinten bis zu einer Linie, die beide Proc.
mastoidei verbindet. Es handelte sich um eine etwa fingerbreite, klaffende, ziem¬
lich glattrandige, wahrscheinlich operativ verlängerte Wunde, an deren medialem,
von Galea entblöstem Rande die weiße Knochenschale scharfrandig hineinragt.
Der entsprechende laterale Knochenrand versteckt sich in Granulationen. Der
Schädelspalt ist ausgefdllt von gelblichen, semmelbreiartigen Fettmassen, in deren
Mitte ein loses, nicht fluktuierendes KnochenBtück liegt Nach Entfernung der
Fettmassen gelingt es, einen etwa 5 cm langen, 3 cm breiten Sequester zu ent¬
fernen, der senkrecht in die Gehirnmasse hineingepreßt war. Einige Tage nach
der Einlieferung in das Lazarett werden noch einmal ein 4 cm langer, 2 cm
breiter und außerdem mehrere kleinere Sequester entfernt. Dabei entleert sich
etwa ein Eßlöffel gelblichen Eiters. Bei dem Pat. findet sich eine linksseitige
komplette Lähmung. Es ist das Knie- und Achillesphänomen gesteigert, es be¬
steht Fußklonus, den Arm und das Bein kann er willkürlich gar nicht bewegen.
Die linke Nasolabialfalte ist etwas verstrichen, beim Lachen bleibt der linke
Fazialis etwas zurück. Er kann das linke Auge allein nicht zumachen, wohl
aber das rechte, während er mit dem rechten gezielt hat. Die Zunge weicht
etwas nach links ab. Auch bei diesem Pat. besteht eine ausgesprochene Lage- .
gefühlsstörung, die nicht nur die Hand und das Bein betrifft, sondern auch das
linke Ohr. So vermag Pat. nicht anzugeben, ob der Ohrzipfel nach vorn oder
hinten gebogen ist, ob der Ohrrand umgebogen ist oder grade steht. Bei diesem
Pat. ist die Tiefensensibilität so schwer betroffen, daß er auch die Stellung der
großen Gelenke nicht anzugeben vermag. An den Händen fühlt er Berührungen
gar nicht. Nadelstiche werden falsch lokalisiert. Hier erstreckt sich die Sensi¬
bilitätsstörung aber nicht nur auf die Hand und den Arm, sondern sie betrifft
die ganze linke Körperhälfte, Arm, Bein, Rumpf und Gesicht und sie ist auch
für warm und kalt vorhanden. Auch eine Astereognosis, die bei weitem stärker
als bei dem vorigen Pat. ist, kann konstatiert werden. Geschmack und Geruch
ist bei dem Pat. beiderseits normal. Auch dieser Pat. zeigt das Phänomen, das
Vortr. bei dem ersten Pat. demonstrierte, ebenfalls sehr deutlich. Er schwitzt auf
der gelähmten Seite stärker als auf der gesunden. Die Hand ist deutlich cyano-
tisch, stärker behaart als die gesunde rechte und die Nägel wachsen bei ihm
stärker an der linken als an der rechten Hand. Auch bei diesem Pat habe ich
den Blutdruck gemessen und feststellen können, daß er am gelähmten linken
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
143
Arm höher war als am. gesunden, und zwar betrug er links 140/112 rechts
130/106. Im weiteren Verlauf hat sich die Motilität so weit gebessert, daß der
Pat. in typisch hemiplegischer Weise laufen, auch die Finger und den Arm etwas
bewegen kann. Dagegen haben sich die Sensibilitäts- und Lagegefühlsstörungen
nicht gebessert. Das hervorstechendste Symptom an diesem Fall ist die Halb-
seitigkeit der Sensibilitätsstörungen aller Qualitäten, die hier so stark ist, daß
man sie fast mit einer hysterischen vergleichen könnte. Doch betont Oppen¬
heim, daß sie bei Großhirnherden Vorkommen kann. Der Mangel einer Geruchs¬
und Geschmackestörung spricht hier ebenfalls gegen die Annahme einer hysterischen
Sensibilitätsstörung. Vortr. möchte dann noch mit einigen Worten auf die
trophischen und sekretorischen Störungen eingehen. Es sind bis jetzt nur wenig
derartige Fälle beschrieben worden, bei denen sich Störungen der Schwei߬
sekretion bei Großhimherden yorfand. Bechterew hat in seinem Laboratorium
experimentelle Versuche angestellt, wobei es gelang, an der inneren Hälfte des
vorderen Abschnitts des Gyrus sigmoideus bzw. Gyrus antecruciatus eine Stelle
zu ermitteln, deren Reizung zu einer gesteigerten Schweißausscheidung vorwiegend
auf der dem Reize entgegengesetzten Seite führte. Bechterew führt dann selbst
den Fall eines jungen Soldaten an, der einen Kopfschuß der linken Kopfhälfte
hatte mit Parese der rechten Körperhälfte und rechtsseitigem Schwitzen. Er
führt auch Fälle von Senator, Adamkiewicz und Pandi an und kommt auf
Grund dieser Fälle zu dem Schluß, daß die kortikalen Schweißzentren des
Menschen sich im Bereich der motorischen Zone der Gehirnrinde befinden. Was
nun die von mir beobachtete Blutdrucksteigerung an der betroffenen Körperhälfte
anbetrifft, so möchte ich sie hier vorläufig nur mit einer gewissen Reserve erwähnt
haben. Es ist dabei daran zu denken, daß auch beim Gesunden gewisse Diffe¬
renzen im Blutdruck zwischen der linken und rechten Körperhälfte Vorkommen
können. Wenigstens ist mir das sehr wahrscheinlich, da ich häufig bei den sog.
hypertonischen Arterien Unterschiede in der Spannung und damit wahrscheinlich
auch im Blutdruck konstatieren konnte. Blutdrucksteigerungen nach Hirnver¬
letzungen sind beobachtet worden, ebenso nach Reizung der Gehirnrinde. Frank,
Bechterew, Cerevkov fanden derartige Blutdrucksteigerungen nach Hirn¬
reizung. Bechterew meint, daß die Reizung des ganzen hinteren und vorderen
Abschnittes des Gyrus sigmoideus, sowie der angrenzenden Teile der ersten und
zweiten Primärwindung bei kuraresierten Tieren schon im Falle der Anwendung
sehr schwacher Induktionsströme ein hochgradiges Ansteigen des Blutdrucks in
den Körpergefäßen erzeugt. Er gibt dann ferner noch an (zitiert nach Bech¬
terew, die Funktionen der Nervenzentra), daß er mehrere Fälle von operativer
Exstirpation kleiner Stellen der sensitiv-motorischen Rindenzono veröffentlicht hat,
wo er im Gefolge der Operation neben Veränderungen der peripheren Temperatur
der kontralateralen Extremitäten ein Ansteigen des Gefäßdruckes und eine über¬
aus hochgradige Beschleunigung der Herztätigkeit während vieler Tage beobachtete.
Eine derartige Blutdrucksteigerung wäre wohl nur unter der Annahme zu ver¬
stehen, daß es zu einer Reizung der Vasokonstriktoren kommt. Da die Vaso¬
konstriktoren sympathische Fasern sind, so stände die Blutdrucksteigerung gut
im Einklang mit dem einseitigen Schwitzen, da ja die Schweißdrüsen ebenfalls
unter dem Einfluß des Sympathikus stehen. Dagegen ist die einseitige Druck¬
steigerung doch schwer verständlich, da bei Drucksteigerungen in einem Körper¬
gebiet stets ein Ausgleich ira gesamten Stromgebiet erfolgt. Monakow erwähnt
einen Fall von Astereognosis und Lagegefühlsstörung, bei dem eine Blutdruck¬
herabsetzung im betroffenen Glied beobachtet wurde. Autoreferat.
Diskussion: Herr Roth mann möchte doch der Meinung Ausdruck geben, daß
bei beiden vom Vortr. demonstrierten Kranken ein psychogener Einschlag vor¬
handen sein dürfe. Wenn bei dem ersten derselben der Greifversuch an dem
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
144
geschädigten Arm normal ausgefallen ist, so muß der irrtümlichen Auffassung
entgegengetreten werden, als wenn die Richtungsablenkung die unbedingte Folge
der Störung des Lagegefühls und des stereognostischen Sinns sein müßte. Beide
Störungen Bind weitgehend voneinander unabhängig. — Zusatz bei der Korrektur:
Im übrigen zeigte eine nach der Sitzung vorgenommene Prüfung des Kranken,
daß derselbe sowohl beim Zeigeversuch, wie beim Greifversuch, eine nioht erheb-
liehe, aber konstante Richtungsablenkung des geschädigten Armes bei intaktem
Greifen des anderen aufwies. Autoreferat.
Herr Liepmann fragt, ob der gesunde Arm genau in bezug auf dieselben
Störungen untersucht ist, und ob bei der Operation festgestellt werden konnte,
ob der Abszeß sich in den Scheitellappen erstreckte oder sich vor diesem
begrenzte. Daß Läsionen dieser ganzen Gegend Störungen der Lage- und Be¬
wegungsempfindung bewirken, ist ja allbekannt.. Ihre nähere Begrenzung in
diesem Gebiet ist nooh strittig. Autoreferat.
Herr Peritz kann, da er leider bei der Operation nicht zugegen war, nichts
über die genauere Abgrenzung sagen. Der gesunde Arm wurde ebenso wie der
kranke geprüft und frei von Störungen gefunden.
Herr Borchardt: Die beiden Fälle scheinen mir nicht frei von psychogenen
Beimischungen und sind demnach, glaube ich, klinisch nicht so eindeutig, daß Bie
zu den Schlußfolgerungen, die Herr Peritz gezogen hat, berechtigen. So ist es
auffallend, daß in dem einen Fall trotz Lagegefühls- und stereognostischer Störung
das Schreiben möglich war.
Herr Peritz lehnt letzteres als Beweis für psychogenen Ursprung ab, da die
vorhandenen optischen und akustischen Regulierungen für das Erhaltenbleiben der
Schreibfähigkeit ausreichten.
A. van Gebuchten f
Soeben erreicht uns die erschütternde Kunde, daß A. van Gebuchten, der be¬
kannte belgische Hirnanatorn, der viele Jahre als ordentlicher Professor und Direktor
des Institut Vesale an der Universität Löwen wirkte, 54 Jahre alt, in Cambridge ge¬
storben ist. Die Neurologie verdankt ihm außerordentliche Bereicherung durch seine
zahlreichen experimentellen und klinischen Arbeiten. Dieselben erschienen zum großen
Teil in der von ihm begründeten und musterhaft geleiteten Fachzeitschrift „Le Nevraxe“.
Sein in mehreren Auflagen erschienenes Lehrbuch: „Anatomie du Systeme de Thomme“,
in dem er seine Lebensarbeit zuBammenfaßte, legt auch beredtes Zeugnis ab, wie innige
Beziehungen ihn in seiner wissenschaftlichen Forschung gerade mit den deutschen
Fachkollegen verbanden. So war er auch ein langjähriger Mitarbeiter des Neurologischen
Centralblattes. Eine nachgelassene Arbeit aus seiner Feder: „Beitrag zum Studium
der Reflexe“ beabsichtigen wir in einer der nächsten Nummern zu veröffentlichen.
Wir bedauern es aufrichtig, daß gerade ihn der Krieg so schwer treffen mußte
und er im Exil io England sein Leben beschloß. Wir werden sein Andenken in
Ehren halten! M. R.
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn
Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Viit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Wittig in Leipzig.
Digitized by
Gougle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centr a lblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prot E. MendeL
Heraasgegeben
von
Dr. Kurt Mendel.
Yiernnddrefßtgster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zn beziehen durch alle
Buchhandlungen des ln- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. ns?! Nr. 5.
Inhalt. I. Orlginalmitteilungen. 1. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie.
I. Bro wn-S^quard sehe Lähmung mit Lähmung des Halssymp&thicus nach Schuß Verletzung,
von Prof. Dr. Emil Redlich. 2. Über Polyneuritis, als Begleiterscheinung nervöser Erschöpfungs¬
zustände im Kriege, von Prof. L. Mann. 3. Über isolierte Thermaualgesie eines Beines nach
Schußverletzung des obersten Brustmarks, von Max Rothmann.
II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Warum hassen uns die Völker? von Hirsch-
leid. 2. Krieg und Seelenleben, von Hochs. 3. Zur Behandlung von Hirnprolaps nach
Schädeldefekten, von Orth. 4. Über die operative Behandlung der Kückenmarksverletzungen
im Feldlazarett, von Noete. 5. Über Tetanus bei Kriegsverwundeten, von Madelung. 6. Vor¬
schlag zur Verhütung der Tetanusgefahr durch intensive Luftbeströmung, von Hefsler.
7. Drei geheilte Tetanusfälle, von Wichmann. 8. Zur Frage der Tetanusbehandlung, von
Schneider. 9. Experimentelle Untersuchungen über Wesen und Aussicht der Tetanustherapie
mit Magnesiumsulfat, von Straub. 10. Zur Tetanusbehandlung, von Riehl. — Syphilis
des Zentralnervensystems. 11. Neosalvarsau und Zentralnervensystem, von Berger.
12. Über die Salvarsantherapie der Syphilis des Nervensystems, von Iwaschenzoff. 13. Sal-
varsanbehandlung der progressiven Paralyse, von Runge. 14. Present status of neosalvarsan
in the treatment of parasyphilis of the nervous System, by Fisher. 15. The autoserosalvarsan
treatment of syphilis of the central nervous system, by Caskey. 16. Über einen als Paralyse
gedeuteten, durch Salvarsan geheilten Krankheitsfall, von Wechselmann. 17. De l’emploi
des injections de serum salvarsanisö „in vivo" et „in vitro" sous Tarachnoide spinale et
cerebrale dans le tabes et la paralysie generale, par Marinesco. 18. Un cas de mort par le
salvarsan, par Balthazard. 19. Ein Fall von Polyneuritis mit Korsakoffscher Psychose nach
Neosalvarsan mit letalem Ausgang, von Pürckhauer und Mauss. 20. Über einen weiteren
Todesfall an akuter Enzephalitis nach Salvarsaninjektion, von Kore. 21. Die Salvarsan-
todesfälle und ihre Ursachen mit Berücksichtigung der Salvarsan schaden, von Schmitt.
22. 3 Jahre Salvarsan bei Lues des Zentralnervensystems und bei Tabes, von Dreyfus.
23. Salvarsantherapie und Lues des Zentralnervensystems (iukl. Tabes dorsalis), von Iwa-
SChonzoff. 24. Klinische und experimentelle Erfahrungen bei Salvarsaninjektionen in das
Zentralnervensystem, von Weygandt, Jakob und Kafka. 25. Zur Frage der neurotropeo
Wirkung des Salvarsans, von Löwy. 26. Zur Kenntnis der Veränderungen der Spinalflüssig¬
keit nach Neosalvarsanapplikation, von Biach, Kerl und Kahler. 27. Untersuchungen mit
der Porges-Herman sehen Syphilisreaktion, von Preissner. 28. Über die Herman Perutz sehe
Sypbilisreaktion, von Kallös. 29. Eine neue Methode der Behandlung der Syphilis des
Nervensystems, von Gurari. 30. Zur Behandlung der Syphilis des Zentralnervensystems
nach Swift und Ellis, von Eskuchen. 31. The treatment of cerebrospinal syphilis. by Davis.
32. Zur Behandlnng luetischer Erkrankungen des Zentralnervensystems nach der Methode
von Swift und Ellis I. Mitteilung: 6 Fälle von Paralysis progressiva, von Schrottenbach
und de Crinis. 33. Über die Anwendung der intrakutanen Luetinreaktion nach Noguchi in
der Psychiatrie, von Kafka. 34. Weitere Beobachtungen über die Intrakutanreaktion mit
dem Lnetin von Noguchi, von Faginoli und Fisichella. 85. Zur ambulanten Tuberkulin¬
behandlung der syphilogenen Nervenkrankheiten, von Schacherl. 36. Un signe retrospectif
de la syphilis: Hyperalbnminose pure du liquide cephalorachidien, saus leucocytose et sans
Wassermann, par Bloch et Vernes. 37. La s^reuse sous arachnoi'dienne eu regard de la
xxxiv. 10
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
146
syphilis, par Dind. SS. Serologische und klinische Untersuch an gen bei Syphilitikerfamilien,
von Raven. 99. Biologische Reaktionen bei syphilogenen Erkrankungen des Zentralnerven¬
systems, von Nene. 40. Über die Bedeutung aer Goldsolreaktion der Spinalflüssigkeit zur
Erkennung der Lues des Zentralnervensystems, von Kafka. 41. La sero-reaction d’Abder-
halden dans la paralysie generale, Pepilepsie et les psychoses periodiques, par Obregia et
Pitulesco. 42. The Wassermann reaction among the negro insane of Alabama, by Ivey.
48. Die Beeinflussung der Wassermann sehen Reaktion durch Paraldehydgaben, von Fuchs.
44. Beeinflussen Narkotika der Fettreihe die Wassermann sehe Reaktion? von Maats.
45. Psychiatrische Erfahrungen mit der Wassermann sehen Reaktion hinsichtlich ihrer
Technik, Beurteilung und Bedeutung, von Hieronymus.
III. Aus den Gesellschaften. Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien, Sitzung
vom 9. Juni, 10. November und 15. Dezember 1914.
I. Originalmitteilungen.
[Ans der Nervenheilanstalt „Maria Theresien-Schlössel". j
1. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie.
Bei Kriegsausbrach hat das Kuratorium der Nathaniel Freiherr von Roth-
schild’schen Stiftung für Nervenkranke der Militärbehörde die Stiftungsanstalten
für die Pflege verwundeter und kranker Offiziere und Soldaten zur Verfügung
gestellt Dieses Anerbieten wurde dankend angenommen und über Wunsch der
Militärbehörden der ßelagraum der Anstalten entsprechend dem steigenden Be¬
dürfnisse allmählich erweitert. In der Anstalt „Maria Theresien-Schlössel“ mit
normal 66 Betten wurde durch Aufstellung neuer Betten der Belagraum auf
200 erweitert. Bei der sehr reich gehaltenen Anlage der Anstalt ist dies möglich
gewesen, ohne daß die Gesellschaftssäle der Kranken oder die für Kurzwecke
bestimmten Räume hätten wesentlich eingeschränkt werden müssen. Während
die Anstalt anfänglich Leichtverwundete oder somatisch Kranke aufnahm,
wurde später über Wunsch des Kuratoriums die Anstalt ausschließlich für die
Aufnahme von Nervenkranken bestimmt. Der Vorteil, der daraus für die
Militärbehörde und die Kranken erwächst, liegt anf der Hand; denn die Zahl
der Nervenkranken, bzw. der Kranken mit Verletzungen des zentralen und
peripheren Nervensystems ist jetzt, wie begreiflich, eine sehr große. Es hat
kürzlich erst Rothmann mit Recht hervorgehoben, wie groß der Wirkungskreis
des Neurologen im Kriege ist, sei es, daß es sich um Verletzungen des Nerven¬
systems und die Indikationsstellung zu chirurgischen Eingriffen handelt, sei es, daß
es sich um die physikalische Nachbehandlung derselben, die psychotherapeutische
Behandlung von Nervösen u. a. handelt Wir haben uns oft genug überzeugen
können, daß Fälle, die bis dahin längere Zeit ohne wesentliche Besserung ihres
Zustandes in anderen Spitälern sich befunden hatten, in unserer Anstalt rasch
der Besserung oder Heilung zugeführt wurden. Kabplüs hat in einem Vortrage
über „Granatkontusionen“ richtig betont, wie sehr die Sicherheit der Diagnose
des rein funktionellen Charakters einer Störung die Behandlung und damit den
Erfolg derselben beeinflußt.
Uns selbst erwuchs aus der jetzigen Verwendung der Anstalt der Vorteil,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
147
ein großes Material von Nervenkranken sehen und studieren zu können, zum
Teil von Fällen, wie wir sie in der Friedenspraxis nicht oder nur selten zn sehen
Gelegenheit haben.
Manche der Fragen und Probleme, die uns beschäftigen, hoffen wir all¬
mählich einer gründlicheren Bearbeitung zuführen zu können. Im folgenden
sollen einige interessante Fälle, die in unsere Beobachtung kamen, in Form
einer Kasuistik publiziert werden; wir hoffen, daß sie auch anderwärts Interesse
finden werden und vielleicht späteren Autoren von Nutzen sein können.
L Brown-Sdquard’sche Lähmung mit
Lähmung des Halssympathicus nach Schußverletzung. 1
Von Prof. Dr. Emil Bedlioh.
Ein 24jähriger, früher gesund gewesener, hereditär nicht belasteter Mann
erlitt am 18. Dezember 1914 eine Schuß Verletzung, wobei eine Gewehrkugel den
Hals von hinten nach vorn sagittal durchbohrte. Er fiel um und war kurze
Zeit bewußtlos; als er zu sich kam, waren alle 4 Extremitäten gelähmt. Die
Lähmung der linksseitigen Extremitäten dauerte etwa 2 Tage an, worauf er sie
wieder ganz normal bewegen konnte. Hingegen blieb eine Lähmung der rechten
oberen und unteren Extremität zurück, die sich allmählich bis zu dem heute
bestehenden Grade besserte. 3 Tage hatte der Patient auch Schluckbeschwerden.
Blasen- und Mastdarmstörungen fehlten.
Bei der Aufnahme am 1. Januar 1916 wurde folgender Status praesens er«
hoben:
Mittelgroßes, kräftig gebautes Individuum von mittlerem Ernährungszustand
und gesunder Hautfarbe. Die inneren Organe ohne pathologischen Befund.
Der Schädel [normal konfiguriert, ohne pathologischen Befund. Die rechte
Lidspalte enger wie die linke. Der rechte Bulbus etwas zurückgesunken. Die
rechte Pupille enger wie die linke, beide rund, auf Lichteinfall und Konvergenz
prompt reagierend. Auf Atropineinträuflung beiderseits gleichmäßig maximale
Erweiterung der Pupille, Adrenalineinträuflung bewirkt auf beiden Augen keine
Reaktion. Schmerzhafte Hautreize im Gesicht bedingen beiderseits kaum eine
Erweiterung der Pupillen. Augentjewegungen und Sehvermögen beiderseits gut.
Ophthalmoskopischer Befund normal.
Patient gibt an, daß die linke Gesichtshälfte etwas wärmer sei als die rechte
und daß er nur auf der linken Gesichtshälfte schwitze. Objektiv ist eine Diffe¬
renz in der Gefäßfülle und der Temperatur in beiden Gesichtshälften nicht zu
konstatieren, immerhin ergibt eine gleichzeitige Messung der Temperatur in den
beiden äußeren Gehörgängen rechts 36,7 und links 37,2. Es wird auch öfters
konstatiert, daß auf der linken Gesichtshälfte Schweißtropfen sich befinden, während
die rechte davon frei bleibt. Nach Pilokarpininjektion (0,01) zeigt sich nach
wenigen Minuten, daß auf der linken GeBichtshälfte der Schweiß in Tropfen auf-
tritt; die rechte schwitzt zunächst nicht. Später schwitzt Patient am ganzen
Körper.
Die übrigen Hirnnerven intakt.
Einschußöffnung etwas nach rechts und oben von der Vertebra prominens in
Form einer oberflächlichen, leicht pigmentierten Narbe. Ausschußöffnung nahezu
1 Demonstriert in der Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien vom 8. Januar 1915.
10 *
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
148
in der Mittellinie, querfingerbreit oberhalb des Pomum Adami in Form einer
linsengroßen, pigmentierten, oberflächlichen Narbe. Der laryngoskopische Befund
ist normal. Die Halswirbelsäule nicht druckempfindlich, nach allen Richtungen
frei beweglich. Der Halskontur beiderseits gleich. Der Röntgenbefund der Hals-
Wirbelsäule läßt keine sicheren Veränderungen nachweisen.
Die Funktion der Hals- und Nackenmuskulatur ungestört. Die Schulter¬
gegend beiderseits gleich ausgebildet.
Der Umfang des rechten Vorderarms 24,5 cm, des linken 25 om. Der rechte
Arm kann nach vorn und nach der Seite nur wenig über die Horizontale ge¬
hoben werden. Die dabei aufgebrachte Kraft ist gering. Aktive Bewegung im
Ellbogengelenk in vollem Umfang, aber mit geringer Kraft, die Streckung daselbst
nur mit stark verminderter Kraft möglich; ebenso Pronation und Supination.
Patient kann das Handgelenk in normalem Unfang, aber mit stark herabgesetzter
Kraft aktiv strecken. Handbeugung unmöglich, beim Versuch hierzu tritt leichte
Radialflexion auf. Die Finger werden in der Grundphalange leicht, in den übrigen
Phalangen stärker gebeugt, der Daumen leicht adduziert und gebeugt gehalten.
Leichte Atrophie des Thenar und des Antitbenar, sowie der Interossei. Aktive
Fingerbewegungen unmöglich. Passiv lassen sich die Finger leicht nach allen
Richtungen bewegen. Die Beweglichkeit der linken oberen Extremität un¬
versehrt.
Die elektrische Untersuchung ergibt in der Muskulatur der rechten oberen
Extremität bei faradischer und galvanischer Reizung leichte quantitative Herab¬
setzung, im Thenar und Antitbenar partielle Entartungsreaktion.
Die Sehnenreflexe der linken oberen Extremität schwach, rechts etwas leb¬
hafter. Hier auch leichter Skapular- und Radiusrgflex.
Beim Husten und dem Versuch sich aufzusetzen kontrahiert sich die Bauch¬
muskulatur beiderseits gleich. Das Aufsetzen aus liegender Stellung erfolgt mit
kräftiger Unterstützung der linken oberen Extremität.
Parese der rechten unteren Extremität, wobei die Streckung im Kniegelenk
und die Plantarflexion des Fußes mit stärkerer Kraft erfolgen als die entsprechende
antagonistische Bewegung. Deutliche Spasmen fehlen. Beim Gehen wird das rechte
Bein leicht zirkumduziert und schleift etwas am Boden. Deutlich ist dies beim
Zurückgehen und beim Flankengang. Stehen auf dem linken Bein allein erfolgt
besser als auf dem rechten. Der rechte Patellaraehnenreflex deutlich lebhafter
wie der linke, kein Patellarklonus. Der rechte Achillessehnenreflxe lebhafter wie
der linke, rechts leiohter Fußklonus, der links fehlt.
Bauchreflexe links lebhaft, rechts fehlend. Kremasterreflex links +> rechts 0.
Fußsohlenstreichreflex links schwach, rechts 0. Rechts deutlich Babinskisches
Phänomen, rechts fehlend.
Trophische Störungen an den Extremitäten fehlen, hingegen finden sich
Störungen der Hautsensibilität für alle Qualitäten an der rechten Hand und an
der linken Rumpfhälfte etwa von D 4 nach abwärts und an der linken unteren
Extremität, wobei sie an den proximalen Abschnitten deutlicher sind wie an den
distalen. Störung der tiefen Sensibilität ist weder an der rechten oberen, noch
an den unteren Extremitäten deutlich nachweisbar.
Patient klagt dauernd über vom Halse in die rechte obere Extremität aus¬
strahlende Schmerzen. Auch bestehen Parästhesien in der rechten Hand.
Im weiteren Verlauf bleibt zunächst der Zustand unverändert, nur ist die
Grenze der Sensibilitätsstörung an der linken Rumpfhälfte für taktile Reize nach
abwärts gerückt, während die Herabsetzung der Temperaturempfindung und der
Schmerzempfindung im früheren Umfang bestehen bleibt; von D 4 bis D 12 findet
sich Hyperalgesie. Patient kann jetzt, wenn auch mit geringer Kraft, das linke
Handgelenk beugen, auch sind leichte Fingerbewegungen möglich geworden.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
149
Die Symptome, die unser Kranke darbietet, lassen sich leicht gruppieren.
Wir haben einerseits die Lähmung mit leichter Atrophie der rechten oberen
Extremität, speziell die flandbeuger und die kleine Fingermuskulatur betreffend,
die Sensibilitätsstörung an der rechten Hand und dazugehörig die Lähmung des
rechten Halssympathicus. Das gibt das bekannte Symptomenbild, wie es bei
unterer Plexuslähmung (Dejerine-Klumpkescher Lähmung) oder bei Läsion der
8. Zervikal- bzw. der 1. Dorsalwurzel vorkommt. Dann finden wir bei unserem
Kranken einen Brown-Söquardschen Symptomenkomplex, Parese des rechten
Beines mit den Charakteren der Pyramidenläsion und Sensibilitätsstörung links
am Rumpfe und der linken unteren Extremität. Da letztere bis etwa zu D 4 hinauf¬
reicht, und wir die Läsionsstelle im Rückenmark 2 bis 8 Segmente höher ver¬
legen müssen, so haben wir eine leichte Läsion der rechten Rückenmarkshälfte
in der Höhe des 1. bis 2. Dorsalsegments vorausznsetzen. Ziehen wir die Lage
der Einschußöffnung am 7. Halswirbel heran, so ist die Annahme naheliegend,
daß das Projektil hier den Wirbelkanal an der rechten Seite durchsetzt hat und
die 8. Zervikal- und 1. Dorsalwurzel, welch letztere den Ramus communicans
mit den Fasern zum Halssympathicus anfnimmt, betroffen, wahrscheinlich freilich
nicht völlig durchschlagen hat und dabei die rechte Rückenmarkshälfte in dieser
Höhe gestreift hat Für eine relativ leichte Schädigung spricht der Umstand,
daß sowohl die Lähmung der rechten unteren Extremität, wie die Sensibilitäts¬
störung links nur wenig ausgesprochen sind, und jetzt schon eine gewisse
Besserang zu verzeichnen ist. Auffällig ist nur, daß der Röntgenbefund an der
Halswirbelsäule keine deutliche Verletzung aufweist. Das sohließt aber meines
Erachtens eine solche nicht aus. Immerhin wäre auch an die Möglichkeit zu
denken, daß die Wurzeln erst unmittelbar an der Austrittsstelle aus dem Wirbel¬
kanal betroffen wurden, und die Rückenmarksverletzung mehr indirekt durch
das Aufschlagen des Projektils an den Wirbelkörper erfolgte. Auf diese Möglich¬
keit hat Hofrat Paltauf in einer Diskussionsbemerkung anläßlich der Demon¬
stration meines Falles bingewiesen. Jedoch ist letztere Annahme weniger wahr¬
scheinlich, wenn man die scharf umschriebenen Symptome und die sagittale
Verlaufsrichtung des Schußkanals, nahezu in der Mittellinie, in Betracht zieht.
Der Symptomenkomplex, wie .wir ihn eben beschrieben haben, dürfte nicht
allzu selten zur Beobachtung kommen; dafür spricht der Umstand, daß ich noch
einen zweiten ähnlichen Fall, freilich mit intensiverer Ausbildung der Symptome,
in Beobachtung habe. Bei der exponierten Lage des Halses sind natürlich
Halsschüsse und Läsionen des Halsmarks nicht selten. Ist die von uns nam¬
haft gemachte Lokalität betroffen, dann muß bei halbseitiger Einwirkung der
in unserem Falle beobachtete Symptomenkomplex zur Ausbildung kommen.
Darum sei der Fall hier kurz beschrieben, zumal er zeigt, wie ein Scbuß mit
einer eminent gefährlichen Verlaufsrichtung unter glücklichen Umständen doch
nur ein relatives Minimum an Symptomen bedingt.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN
150
2. Über Polyneuritis, als Begleiterscheinung nervöser
Erschöpfungszustände im Kriege.
Von Prof. L. Mann in Breslau.
Unter meinem nicht allzu ausgiebigem kriegsneurologischen Material, welches
zum Teil aus meiner Tätigkeit in einer Festungslazarett-Abteilung (St. Georgs-
Krankenhaus), zum anderen Teil aus meiner Privatpraxis stammt, ist mir das
verhältnismäßig häufige Vorkommen von Neuritiden (sowohl Mono- wie Poly¬
neuritiden) aufgefallen.
Besonders eine Form scheint mir charakteristisch, vielleicht bis zu einem
gewissen Grade spezifisch zu sein, nämlich eine mehr oder weniger ausgedehnte
Poly neuritis, die als Begleiterscheinung allgemeiner nervöser Erschöpfungs¬
zustände auftritt, eine Form, die man vielleicht als „Polyneuritis neurasthenica“
bezeichnen könnte. (Es ist wohl nicht nötig zu bemerken, daß durch diese Be¬
zeichnung nicht etwa die Polyneuritis als direkte Manifestation der Neurasthenie
bezeichnet werden soll, sondern als eine die Neurasthenie begleitende und in ge¬
wissem Zusammenhang mit ihr stehende Krankheitserscheinung, ebenso wie wir
etwa von einer Polyneuritis tuberculosa sprechen.)
Daß man unter dem Kriegsmaterial häufig Mononeuritiden zu sehen be¬
kommt, ist in Anbetracht der im Felde so intensiv wirkenden rheumatischen
Schädlichkeiten wohl nicht zu verwundern. Ischias von schwerer neuritiscber
Form, Trigeminusneuralgie und andere Formen der Neuritis und Neuralgie
treten natürlich bei dazu Disponierten im Anschluß an die Einwirkungen des
Krieges häufig auf. Auffallend schien mir aber das wiederholt beobachtete Auf¬
treten von ausgedehnten Polyneuritiden, und zwar in solchen Fällen, in welchen
die üblichen Ätiologien (Alkohol, Lues, Diabetes usw.) vollständig auszuschließen
waren. Neben mehreren weniger ausgeprägten Fällen habe ich vier sehr charak¬
teristische Fälle beobachtet, welche soviel Übereinstimmung zeigten, daß sie
wohl besonders erwähnt zu werden verdienen. In allen vier Fällen handelt es
sich, wie gesagt, um schwere neurasthenische Erschöpfungszustände, die
kombiniert waren mit einer ausgedehnten Polyneuritis sensibler Nerven. Die
Patienten waren: ein Hauptmann, ein Leutnant, zwei Offiziersstellvertreter.
Sämtlich ließen sie in ihrer Vorgeschichte eine gewisse nervöse Disposition er¬
kennen, jedoch nur mäßigen Grades. Es waren in früheren Jahren nervöse
Erkrankungen, offenbar von neurasthenischer Form vorangegangen, die jedoch
durch kurze Erholungszeiten wieder ins Gleichgewicht gebracht wurden; jeden¬
falls so, daß die Patienten nicht wesentlich bei der Ausübung ihres bürgerlichen
Berufs (Bürgermeister, Referendar, kaufm. Direktor, Bürobeamter) gehindert
waren und in gutem Gesundheitszustände bei der Mobilmachung in den Kriegs¬
dienst eintreten konnten.
In allen vier Fällen trat nach sehr großen Strapazen und psychischen Er¬
regungen, zum Teil auch nach langdauernder Unterernährung (in einem Falle
ging ein schwerer Magen- und Darmkatarrh voran), ein Zustand schwerer Er-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
151
schöpfang auf, welcher das typische neurasthenische Bild bot: Abnahme des
Körpergewichts, körperliche and geistige Ermüdbarkeit, Schlaflosigkeit, Gefühl
der Leistungsonfähigkeit, deprimierte Stimmnngslage, Kopfdruck und ähnliche
Beschwerden. Die objektive Untersuchung ergab den bei Neurasthenie üblichen
geringfügigen Befund: lebhafte Reflexe (nur in einem Falle abgeschwächte
Patellarreflexe, worüber später), leichten Tremor, Lidflattem, beschleunigten
labilen Puls, psychisch eine gewisse Verlangsamung und Hemmung u. ähnl. Auf
die Einzelheiten dieser Symptomenreihe kommt es hier nicht an.
Das wesentliche waren die begleitenden Symptome einer mehr oder weniger
ausgebreiteten, auf verschiedene Nervengebiete sich erstreckende Polyneuritis,
und zwar spielten sich diese polyneuritischen Erscheinungen ausschließlich auf
sensiblem Gebiet ab, während motorische Lähmungserscheinungen völlig fehlten.
Höchstens wäre eine in dem einen Fall beobachtete anfängliche Abschwächung
der Patellarreflexe zu erwähnen, jedoch war dieselbe wahrscheinlich nicht auf
die Neuritis zu beziehen, sondern als Erschöpfungsphänomen zu deuten, wofür
besonders der Umstand sprach, daß sie sich schneller zurückbildete, als die
eigentlichen neuritischen Symptome.
Letztere bestanden im wesentlichen in sensiblen Reiz- und Ausfallserschei¬
nungen, und zwar äußerten sich die ersteren mehr in Parästhesien (Kribbeln
und Vertaubungsgefühl), wie in Schmerzen. Letztere traten nur in einem Falle
in größerer Heftigkeit in einzelnen Nervengebieten anf. Es fand sich ferner
eine typische Druckempfindlichkeit der Nervenstämme, und zwar war dieselbe
am ausgesprochensten am Plexus brachial», an den Nervenstämmen im Sulcus
bicipitalis, am N. peroneus, ulnaris, cutaneus femoris externus. Die sensiblen
Ausfallserscheinungen zeigten sich in typischer Weise auf die bekannten Gebiete
der befallenen Nerven abgegrenzt; es war überwiegend die Schmerz- und Tem¬
peraturempfindlichkeit betroffen, aber auch die Berührungsempfindlichkeit war
teilweise aufgehoben, teilweise herabgesetzt In einzelnen Nervengebieten bestand
an Stelle der Hypästhesie auch eine Hyperästhesie.
Von den einzelnen Nerven war am häufigsten der N. cutaneus femoris ex¬
ternus betroffen, in zwei Fällen doppelseitig, in zwei Fällen einseitig, dann der
Ulnaris, der Cutaneus surae lateralis (peroneus communis), der Peroneus pro-
fundus, der Cutaneus brachii lateralis und posterior, ferner auch in einzelnen
Fällen ein Intercostalis und Lumbalis. In einem Falle war der Cutaneus femoris
externus, Peroneus, Ulnaris beiderseits ganz symmetrisch betroffen, in den anderen
Fällen fand sich eine auf beiden Seiten ungleichmäßige Verteilung, ein Fall
zeigte nur einseitige Symptome; motorische Gebiete waren, wie gesagt, nicht
befallen.
Der Verlauf war in allen Fällen, soweit er bisher beobachtet werden
konnte, langwierig. Die sensiblen Reizerscheinungen gingen allmählich parallel
mit dem Nachlassen der neurasthenischen Erscheinungen zurück. In einem
Falle traten die bereits wesentlich gebesserten Parästhesien und Schmerzen wieder
hervor, nachdem der Patient zu zeitig seinen Dienst wieder aufgenommen hatte.
Er mußte sich daher nochmals krank melden. Die Sensibilitätsstörungen blieben
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
162
trotz zeitweiser subjektiver Besserung während der ganzen Beobachtungszeit, die
sich in einigen Fällen schon über einige Monate erstreckt, bestehen, trotz der
subjektiven Besserung. Therapeutisch wirkte zunächst die Ruhigstellung, die ja
in Rücksicht auf die Neurasthenie so wie so angeordnet wurde, günstig, im
übrigen hatten lauwarme Bäder, sedative und antineuralgische Mittel, Galvani¬
sation, auch Faradisation der anästhetischen Bezirke, einen symptomatisch
bessernden Einfluß.
Die vorstehend skizzierten Polyneuritisfälle dürften meiner Ansicht nach
pathogenetisch auf eine Stufe zu stellen sein mit den Fällen von Polyneuritis,
die wir bei dyskrasischen Zuständen, bei Karzinomatose, Tuberkulose, Diabetes,
sowie im Greisenalter kennen. Die allgemeine Erschöpfung, die Schädigung der
gesamten Konstitution durch die Strapazen und Entbehrungen scheint hier in
zwei Richtungen gewirkt zu haben, in der Auslösung einer Neurasthenie einer¬
seits und einer Schädigung peripherer Nerven andererseits. In diesem Sinne
kann man ja wohl das Entstehen einer Polyneuritis auf der Basis einer Neur¬
asthenie bzw. im Zusammenhänge mit dieser verständlich finden. Auffallend
schien mir jedoch, daß mir bisher bei den zahlreichen Neurastheniefällen, die
ich in Friedenszeiten zu sehen Gelegenheit hatte, eine derartig ausgesprochene
Polyneuritis, soweit mir erinnerlich ist, nicht vorgekommen ist; ich finde auch
in den zusammenfassenden Darstellungen der Neuritis und Polyneuritis in der
Literatur die Neurasthenie als Grundlage der Polyneuritis nicht erwähnt.
Vielleicht bietet hier der Krieg eine besondere Kombination von ätiologischen
Faktoren dadurch, daß sich mit dem Einflüsse schwerster körperlicher und
psychischer Erschöpfung sehr oft ausgiebige rheumatisohe Schädlichkeiten
verbinden. Wie dem auch sei, die Fälle scheinen mir einiges praktische Inter¬
esse zu beanspruchen, einmal deswegen, um in ähnlichen Fällen zu einer genauen
Beachtung der Art und Ausbreitung der Schmerzen und Parästhesien und zu
einer eingehenden Untersuchung der Sensibilitätsverhältnisse aufzufordern, da ja
die Verwechslung -mit rein psychogen bedingten Schmerzen bei diesen Neur¬
asthenikern sehr nahe liegt; und zweitens auch deswegen, weil derartige neuri-
tische Erscheinungen erfahrungsgemäß sehr hartnäckige und zu Rezidiven ge¬
neigte sind. Es kann also sehr wohl kommen, daß späterhin, in Friedenszeiten,
die betreffenden, von einer Polyneuritis befallenen Patienten noch Beschwerden
und Rückfälle ihrer Krankheit zu erleiden haben, und es wird dann von Wichtig¬
keit sein, den Beginn der Erkrankung rechtzeitig festgestellt zu haben.
Aus der neuesten Kriegsliteratur erwähne ich nur eine Bemerkung von
Hezel 1 , nach welcher Polyneuritiden von überwiegend sensibler Form im Kriege
unter der Hilfsursache der Erkältung und Durchnässung häufig Vorkommen.
Im übrigen schließe ich mich dem von Oppenheim kürzlich getanen Ausspruche
an, daß ..wir jetzt zu Literaturstudien keine Zeit haben“.
1 Medizin. Klinik. 1914. Nr. 45.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
153
3. Über isolierte Thermanalgesie eines
Beines nach Schußverletznng des obersten Brustmarks. 1
Von Max Rothmann.
Bei der ausgedehnten Diskussion über die Kriegsverletzungen des Nerven¬
systems in den vereinigten ärztlichen Gesellschaften zu Berlin a sind auch die Schu߬
verletzungen des Rückenmarks eingehend behandelt worden. Dabei konnte ich
darauf hinweisen, daß es häufig zu außerordentlich weitgehender Restitution der
Rückenmarksfunktionen kommt, selbst in einer Reihe von Fällen, die anfangs das
klinische Bild der totalen Querschnittsläsion darbieten. In seinem Schlußwort
sprach Herr Lewandowskv sein Erstaunen über diese meine Beobachtungen
aus und betonte, daß er selbst nur einen solchen Fall gesehen habe. Die größere
Häufigkeit meiner einschlägigen Beobachtungen erklärt sich wohl aber ungezwungen
daraus, daß ich in den letzten Monaten ein besonders großes Material an etwa
30 Reserve- und Vereinslazaretten zu beobaohten Gelegenheit hatte. Auch heute
bin ich in der Lage, einen einschlägigen Fall zu demonstrieren. Derselbe gibt
zugleich eine interessante Demonstration zu dem von mir gemachten Vorschlag,
die unerträglichen Schmerzen bei Patienten mit schweren Verletzungen der
unteren Körperhälfte durch einen kleinen Schnitt im Vorderseitenstrang des
mittleren Brustmarks zu beseitigen.
Der Patient ist ein 22jähriger Kriegsfreiwilliger, der am 4. November 1914
bei Dixmuiden durch einen Granatsplitter in die linke Fossa supraclavicularis
etwa 12 cm von der Mittellinie verwundet wurde. Es handelt sich um einen
Steckschuß. Wie die Röntgenaufnahme (Kgl. Chirurg. Universitätsklinik) zeigt,
liegen zahlreiche Gesohoßsplitter von Erbsen- bis Stecknadelkopfgröße in der Höhe
des 1. bis 2. Brustwirbels am Ansatz der linken 1. und 2. Rippe; die linksseitigen
Querfortsätze des 1. und 2. Brustwirbels sind nicht deutlich erkennbar. Die
Splitter liegen vom Jugulum des Brustbeins aus etwa 11,5 cm tief. Unmittelbar
nach dem Schuß hatte Patient die Empfindung, als wenn ihm der Unterkörper
vollkommen abgetrennt wäre. Beide Beine waren sofort gelähmt, der linke Arm
war sehr schwach mit hochgradigem Taubheitsgefühl in der linken Hand. Es
bestand dauernder Urindrang; Patient konnte den Urin nicht halten, bemerkte
aber nicht, wenn er abging. Der Stuhlgang war völlig angehalten. In dieser
Weise blieb der Zustand 3 Tage lang, dann stellte sich ziemlich rasch die Be¬
weglichkeit des rechten Beins wieder her. Auch der linke Arm war nach drei
Tagen normal beweglich, nur blieb ein taubes Gefühl im kleinen Finger zurück.
Blase und Mastdarm funktionierten nach 8 Tagen wieder normal. Das linke Bein
blieb 14 Tage lang vollkommen gelähmt, dann begann allmählich die aktive Be¬
weglichkeit bis auf eine geringe Schwäche des Beines wiederzukehren. Außerdem
bestand ein knebelndes Gefühl in der oberen Brust- und Rückengegend,
Ende Dezember kam Patient nach Berlin in das Vereinslazarett Paulsborner-
straße 4 (Sanitätsrat Dr. Barrach). Hier bemerkte Patient, als er in ein Bad
mit dem rechten Bein zuerst hineinstieg, daß er die Temperatur des Wassers
absolut nicht empfand.
1 Nach einer Demonstration in der Berliner medizinischen Gesellschaft, Sitzung vom
3. Februar 1915.
* Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 1, 8 u. 4.
Digitized by
Go igle
✓
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
154
Die am 15. Januar 1915 vorgenommene Untersuchung ergab eine völlig
normale Beweglichkeit von Kopf, Rumpf und oberen Extremitäten. Auch beide
untere Extremitäten sind völlig normal beweglich; nur zeigt das linke Bein eine
geringe Herabsetzung der motorischen Kraft. Dasselbe wird beim Gehen leicht
geschont, ohne daß Patient bei längerem Gehen ermüdet. Es besteht keine Ab¬
magerung des linken Beines, keine Spur einer Ataxie. Die Sehnenreflexe sind
an beiden Beinen leicht gesteigert; am linken Bein Babinskischer Zehenreflex + ,
desgleichen Fuß- und Patellarkloriüs. Plantar- und Kremasterreflex erhalten,
Bauchdeckenreflex rechts links —.
Scheitelohrkinnlin ie
Halsarmgrenzlinie
Halsrumpfgrenzlinie
Interm amillarlin ie
Ford. Axiallinie der ob. Extr
Xiphoidlime
Nabcllinie
Rumpfbeingrenzlinie
Innere Axiallinie der unt. Extr.
Außere Axiallinie der unt. Extr.
4 as Thermanästhesie
• = Dysalgesie.
Sensibles Rückenmarkaschema nach Flatau.
Datum : 30. Januar 1915.
Sensibilitätsuntersuchung. Die Berührungsempfindung ist am ganzen
Körper völlig normal, ebenso das Druckgefühl. Auch die Lageempfindung zeigt
keinerlei Störung, auch nicht am linken Bein. Bei der Prüfung der Schmerz¬
empfindung ergibt sich, daß dieselbe am ganzen Körper völlig normal ist; nur
am rechten Bein bis zwei Querfingerbreit oberhalb der Inguinalfurche und im
hinteren Teil bis zum oberen Rand der Glutäalgegend empfindet Patient die
Stiche nicht als Schmerz, sondern als brennendes, von starkem Jucken begleitetes
Gefühl, das einige Zentimeter um die Reizstelle herum empfunden wird. Dabei
werden die Stiche im wesentlichen richtig lokalisiert. In der gesamten Uro¬
genitalgegend sind auf der rechten Hälfte die gleichen Störungen nachweisbar.
Bei der Prüfung des Temperatursinns werden kalt und warm ungefähr in
den gleichen Grenzen am rechten Bein und in der rechten Urogenitalgegend
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
absolut nicht wahrgenommen. Bei Prüfung mit siedend heißem Wasser treten
die oben erwähnten Schmerzreaktionen auf. In einer kreisförmigen Zone von
etwa 2 cm Breite oberhalb der völligen Thennanästhesie besteht eine leichte
Herabsetzung des Temperatursinns ausschließlich im Bereich der Empfindung für
warm. Am übrigen Körper ist der Temperatursinn völlig normal; nur am linken
kleinen Finger besteht eine Aufhebung der Empfindung für warm und eine starke
Herabsetzung der Empfindung für kalt. Es besteben keine vasomotorischen
Störungen an den Extremitäten. Bei der Atmung macht sich bei tiefer Inspira¬
tion ein leichtes Zurückbleiben der beiden oberen linksseitigen Interkostalräume
bemerkbar. Beide Pupillen sind mittelweit, gleichgroß und reagieren normal.
Bei einer Untersuchung am 30. Januar ergibt sich, das der gesamte Befund, vor
allem auch in bezug auf die obere Grenze der Thermanalgesie, völlig unverändert
geblieben ist (s. Schema).
Es handelt sich in dem vorliegenden Fall um eine Aufhebung des Tempe¬
ratursinus und um die als „Dysästhesie“ beschriebene Veränderung der Schmerz¬
empfindung im Gebiete des gesamten rechten Beines bis herauf zur Grenze
zwischen 12. Dorsal- und 1. Lumbalsegment. Am linken Bein ist nur eine sehr
geringe motorische Schwäche ohne Bewegungsbehinderung bei positivem Babinski
und Faß- und Patellarklonus vorhanden. Es besteht ferner eine Thermanästhesie
des linken kleinen Fingers und eine Schwäche im Gebiet der obersten links¬
seitigen Interkostalmusknlatur. Der Röntgenbefund ergibt mit Sicherheit, daß
die in der linken Snpraclaviculargrnbe eingedrungenen Geschoßsplitter dicht
neben dem 1. und 2. Brustwirbel liegen und deren linksseitige Querfortsätze
beschädigt haben. Es läßt sich aus dem Röntgenbild nicht feststellen, ob Ge¬
schoßteile in das Innere des Wirbelkanals eingedrungen sind. Jedenfalls ist die
völlige funktionelle Querschnittsunterbrechung des Rückenmarks, wie sie in den
ersten 3 Tagen nach der Schuß Verletzung bestand, lediglich auf die starke
Rückenmarkserschütterung und nioht auf eine direkte Querschnittsläsion zu be¬
ziehen. Das beweist ja schon die rasche Rückbildung der Ausfallserscheinungen
bereits 3 Tage nach der Verletzung. Linker Arm und rechtes Bein kehrten in
wenigen Tagen zu völlig normaler Motilität zurück; aber auch im linken Bein
waren die ersten aktiven Bewegungen bereits nach 14 Tagen bemerkbar.
2 Monate nach der Verletzung zeigten nur noch die pathologischen Reflexe am
linken Bein, daß hier eine stärkere Seitenstrangläsion bestanden haben mußte.
Als dauernde Ausfallserscheinung blieben bis etwa 3 Monate nach der Läsion
im wesentlichen die sensiblen Ausfallserscheinungen am rechten Bein zurück.
Die völlige Thermanästhesie desselben, zumal in Verbindung mit den lange
dauernden motorischen Störungen des linken Beines, weist mit Bestimmtheit auf
eine Leitungsunterbrechung im Gebiet des linken Vorderseitenstrangs hin. Auf¬
fällig ist dabei, daß gegenwärtig keine absolute Analgesie besteht, wie sie in der
Regel bei derartigen Läsionen mit der Thermanästhesie kombiniert ist. Doch
gibt Patient mit Bestimmtheit an, daß er keinen eigentlichen Schmerz empfindet,
sondern nur ein brennendes Kitzeln in der Umgebung der Nadelstiche. Diese
Dysästhesie ist wiederholt, zuerst von Chabcot, bei spinalen Läsionen, vor allem
bei Stich Verletzungen des Rückenmarks, beschrieben worden. Fabbitius, der
selbst einen derartigen Fall in der ZiBHEN’schen Klinik beobachtet und die
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
156
einschlägigen Beobachtungen aus der Literatur zusammengestellt hat, sucht diese
Dysästhesie durch eine funktionelle Restitution der unterbrochenen Schmerz¬
sinnesbahn im Vorderseitenstrang mit Hilfe der grauen Substanz zu erklären,
indem er sich auf meine eigenen Tierversuche und Analysen der Stichverletzungen
des Rückenmarks bezieht.
Für das Querschnittsniveau, in welchem in unserem Fall die Rückenmarks¬
läsion stattgefunden hat, haben wir ein sicheres Anzeichen in der Thermanästhesie
des linken kleinen Fingers in Verbindung mit der leichten Schwäche der linken
obersten Interkostalmuskeln. Es weisen diese Ausfälle auf das 1. bis 2. Dorsal¬
segment hin. Wenn nun die Thermanalgesie rechts nur das Bein bis zur Höhe
des 1. Lumbalsegments befallen hat, und zwar, wie es sich nach der zweimaligen
Untersuchung zeigt, in jetzt konstanter Ausdehnung, so müssen wir annehmen,
daß nicht der gesamte Querschnitt der linken Schmerz- und Temperatursinn¬
bahn zerstört ist, sondern nur der laterale Abschnitt derselben, in dem ja nach
dem Gesetz der exzentrischen Lagerung der langen Bahnen die Fasern für die
unteren Körperabschnitte gelegen sein müssen. Was nun die Frage der Dys¬
ästhesie betrifft, so erscheint es nach unseren sonstigen Erfahrungen beim
Menschen ausgeschlossen, daß in dieser kurzen Zeit etwa schon der Vorderseiten¬
strang der anderen Seite kompensierend eingetreten ist, zumal auch jedes Sym¬
ptom der Allocheirie vollkommen fehlt Es erscheint mir auch nicht wahr¬
scheinlich, daß eine völlige Umleitung durch die graue Sabstanz stattgefunden
hat; vielmehr muß man annehmen, daß hier eine schwere Schädigung, aber
keine völlige Unterbrechung der Schmerzsinnesbabn vorliegt, die zwar die Leitung
der Schmerzreize noch gestattet, aber in ihrer Qualität wesentlich verändert hat.
Damit kommen wir zu der Frage, was für eine Läsion in dem vorliegenden
Fall stattgefunden hat. Nehmen wir eine direkte Läsion des Rückenmarks an,
so kann es sich nur um eine schmafe Randläsion im linken Vorderseitenstrang
in der Höhe des 1. und 2. Brustsegments mit leichter Mitschädigung des Hinter¬
seitenstrangs und der grauen Substanz der linken Rückenmarkshälfte handeln.
Wahrscheinlicher ist es aber, daß die spinale Schädigung nicht durch eine direkte
Rückenmarksverletzung bedingt ist, sondern als Folge der starken Kontusion des
Rückenmarks aufgetreten ist. Der Fall erinnert außerordentlich an einen von
Gowebs berichteten Fall von Schußverletzuug, auf Grund dessen er zum erstenmal
die Beziehungen des Tractus anterolateralisascendens zur Schmerzempfindung
feststellen konnte. Hier war infolge eines Schusses vom Munde aus ein kleiner
Knochensplitter gegen das obere Halsmark getrieben worden, und es bestand
eine hämorrhagische Infiltration im Gebiet des vorderen Seitenstrangs und der
grauen Substanz, die zum völligen Verlust der Scbmerzempfindung auf der ge¬
kreuzten Seite geführt hatte. Auch in unserem Falle wird man entweder die
Folgen einer Hämorrhagie oder eine Nekrosebildung in dem der Schußverletzung
unmittelbar benachbarten Teil des Rückenmarks annehmen müssen.
Weiterhin stellt aber der hier berichtete Fall ein ausgezeichnetes Beispiel
dar für die praktische Verwertbarkeit des von mir wiederholt gemachten Vor¬
schlags, durch die „physiologische“ Operation der Durchschneidung eines oder
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
157
beider Vorderseitenstränge des Rückenmarks unerträgliche Schmerzen der unteren
Körperhälfte zu beseitigen. Wie in einem Fall von Spillbb und Mäbtin die
Analgesie durch doppelseitige Yorderseitenstrangdurchtrennung herbeigeführt wurde
und in einem Fall vonFöBBTBB die Analgesie der linken Körperüälfte durch Durch¬
trennung des rechten Vorderseitenstrangs im oberen Brustmark ohne eine Parese
erzielt werden konnte, so hat hier die durch Schuß Verletzung bedingte Vorder¬
seitenstrangsläsion im obersten Brustmark nach anfänglicher schwerster Auf¬
hebung der Gesamtfunktion der unteren Körperhälfte schließlich auch das reine
Bild der gekreuzten Thermanalgesie ohne gleichseitige Lähmung zustande ge¬
bracht Der Fall wird uns daher ermutigen, diese isolierte Durchtrennung des
Vorderseitenstrangs in geeigneten Fällen ohne Bedenken auszuführen.
II. Referate.
Kriegsbeobachtungen.
• 1) Warum hassen uns die VölkerP von Magnus Hirschfeld. (Bonn,
A. Marcus & E. Weber, 1915. 43 S.) Ref.: Kurt Mendel.
Volkspsychologische Studie. Der erste wichtige psychische Grund deB Deutschen¬
hasses ist die Suggestion, die durch Zeitungen usw. künstlich gezüchtet worden
ist Diese Suggestion fand einen günstigen Nährboden in der falschen Vorstellung
und dem mangelnden Verständnis von der Eigenart des deutschen Volkes. Hinzu
kam der Neid und die Mißgunst der feindlichen Nationen, insbesondere der Eng¬
länder. „Das Deutsche Reich, das unsere Feinde zu bekämpfen glauben, und
das Deutsche Reich, das sie tatsächlich bekämpfen, sind zwei grundverschiedene
Dinge. Ihre Feindseligkeit richtet sich gegen ein Barbarenvolk, das gar nicht
existiert, gegen ein Phantasieprodukt, eine Vision, gegen einen Schemen —
und um dieses Phantoms willen blutet Deutschlands und Österreichs Blüte, und,
wir dürfen es ruhig, ohne uns etwas zu vergeben, sagen, auch die Blüte der
französischen, englischen, belgischen und russischen Nation, in Schlachten, deren
Höllenschrecken zu schildern die menschliche Sprache zu arm ist.“
• 2) Krieg und Seelenleben, von Prof. Dr. A. Hoohe. (Freiburg i/B. u. Leipzig,
Speyer & Kaerner, Univeraitätsbuchhandlung, 1915. Preis: 90 Pfg.) Ref.:
E. Tobias (Berlin).
Nach Vergleichen mit den Ziffern früherer Kriege, besonders den erheblichen
Steigerungen von Geisteskrankheiten im Kriege 1870/71, dann in Südwestafrika
und der hohen Zahl von Alkoholpsychosen unter den russischen Offizieren, kommt
Verf. zu dem Ergebnis, daß den Kriegspsychosen eine besondere Form von geistigen
Storungen nicht zukommt. Wenn auch ungewöhnliche Eindrücke, wie z. B. bei
den in den ersten Tagen des Krieges viel beobachteten Mobilmachungspsychosen
Personen mit labilem Gleichgewicht erheblich beeinflussen, so können doch diese
Ursachen nie als Entstehung von Geisteskrankheiten gelten; ein reifer, geistig ge¬
sunder Mensch kann durch Gemütsbewegungen allein nicht geisteskrank werden.
Ein gewisser Ausgleich liegt in dem besonders auf der erfolgreichen Seite vor¬
handenen erhöhten Tonus und in den aus der Elektrotechnik passend übernom¬
menen psychischen Sicherungen. Jedem Organismus ist eine Schutzgrenze der
Aufnahmefähigkeit von äußeren Eindrücken gegeben. Was wir landläufig Ge¬
wöhnung nennen, ist die Wirkung der psychischen Sicherungen, die alles, was
ein bestimmtes Maß der Erregungsgröße überschreitet, abschwächt oder wirkungslos
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
158
abprallen läßt. Verf. erwähnt dann kurz die bei großer geistiger Erregung stete
beobachtete Zunahme von Geisteskrankheiten entgegen einer Abnahme der Selbst¬
morde sowie der nervösen Dauererfolge und bekämpft die Ansioht einer Degene-
rierung in Deutschland an Hand der einheitlichen Schwingung unserer Mannes-
seele zu Beginn des Krieges.
Die Lektüre der gedankenreichen Schrift sei angelegentlich empfohlen.
3) Zur Behandlung von Hirnprolaps nach Sohftdeldefekten, von Dr. Oscar
Orth. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 1.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. schlägt vor, alle Patienten mit schweren Schädeldefekten, die zu Gehirn-
prolapsen geführt haben, sofort prophylaktisch zu decken, um einer Blutung und
Infektion nach Möglichkeit vorzubeugen. Sollte der Lappen sich später abstoßen,
so kann in einem gut eingerichteten Krankenhaus eine weitere plastische Operation
in Frage kommen.
4) Über die operative Behandlung der Büokenmarksverletzungen im Feld¬
lazarett, von Dr. Noete. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. Nr. 1.)
Bef.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über 20 Wirbel Verletzungen. Zwei besserten sich ohne Ope¬
ration, neun starben an verschiedenen Komplikationen ohne Operation. Von neun
Operierten besserten sich zwei, so daß die Hoffnung auf Wiederherstellung ihrer
Gehfähigkeit besteht; einer besserte sich, nachdem ein Abszeß eröffnet WAr; einer
besserte sich, doch blieb die Lähmung wenig verändert; drei blieben unverändert,
einer starb an Meningitis, einer an Atemlähmung (Zertrümmerung des unteren
Halsmarks mit aufsteigender Erweichung.)
Verf. hält die prinzipielle Frühoperation der Rückenmarksverletzungen für
berechtigt. Die Laminektomie sollte am 3. Tage nach der Verletzung im Feld¬
lazarett ausgeführt werden.
5) Über Tetanus bei Kriegs verwundeten, von Madelung. (Münchener med.
Wochenschrift. 1914. Nr. 52.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über das Ergebnis einer Sammelforschung. Es wurden 174 Fälle
von Tetanus aa 6,6°/ 00 der Verwundeten beobachtet. Auch nach Gewehrverletzungen
trat Behr oft Tetanus auf, während sonst das Leiden meist durch Artilleriegeschosse
herbeigeführt wurde. Meist waren die unteren Extremitäten verletzt. Von
166 Patienten starben 116, während 51 genasen. 21 Verwundete erkrankten, ob¬
gleich sie prophylaktisch geimpft worden waren; von den prophylaktisch Geimpften
starben 14. In allen Fällen von Genesung trat der Tetanus ziemlich spät nach
der Verwundung auf (9. biB 20. Tag). Von 15 nicht therapeutisch mit Antitoxin
behandelten Tetanusfällen genasen 3, es starben 12. Von 152 therapeutisch mit
Antitoxin Behandelten genasen 47, es starben 105.
6) Vorschlag zur Verhütung der Tetanusgefahr durch intensive Luft-
bestromung, von A. Heisler. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 52.)
Ref.: Kurt Mendel.
Verf. schlagt vor, die offenen Wundflächen zur Verhütung von Tetanus mit
intensiver heißer Luft zur Austrocknung der Wundfläche und zur Anregung der
Granulationen zu beströmen. Die vermehrte Sauerstoffzufuhr, die bei intensiver
Luftzufuhr von allen Seiten auch in die Buchten und Nischen zerfetzten Ge¬
webes eindringt, hemmt die Entwicklung der nur anaerob wachsenden Tetanus¬
erreger.
7) Drei geheilte Tetanusfälle, von Sanitätsrat Dr. Wichmann. (Medizin.
Klinik. 1914. Nr. 52.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beschreibt 3 Tetanusfälle, die mit Hilfe des Behringsohen Heilserums
zur Heilung kamen. Im ersten Falle verflossen 13, in den beiden anderen je
11 Tage bis zum Auftreten der ersten Krankheitssymptome. Die Heilserum¬
behandlung wurde in den ersten beiden Fällen etwa 48 Stunden nach Auftreten
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
159
der ersten Symptome, der Kieferklemme, eingeleitet. Subkutan oder intravenös
wird das Serum besser verabfolgt, als wenn man die Wunde selbst damit behandelt.
Zur Einspritzung bedarf es der Chloroformnarkose.
8) Zar Frage der Tetanusbehandlung, von R. Schneider. (Münchener med.
Wochenschrift. 1915. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt dringend die prophylaktische Tetanusserumanwendung (intra¬
venös).
9) Experimentelle Untersuchungen über Wesen und Aussicht der Tetanus*
therapie mit Magnesiumsulfat, von Walther Straub. (Münchener med.
Wochenschrift. 1916. Nr. l.j Ref.: Kurt Mendel.
Experimentelle Untersuchungen zeigten dem Verf., daß die subkutane bzw.
intramuskuläre Injektion von Magnesiumsulfat die unsicherste Art der Einverleibung
der Substanz ist. Die intravenöse Infusion des Magnesiumsulfates ermöglicht eine
Dauerwirkung auf die motorischen Nervenenden in den Muskeln und hat Aussicht,
beim schweren Tetanus zu nützen, insofern der Patient vor dem Erschöpfungstod
durch die Krämpfe geschützt werden könnte. Es ist nicht von der Hand zu
weisen, daß der endliche Herztod des Tetanikers mit den ungeheuren Muskel*
leistungen beim Krampfe in Beziehung steht. Die intralumbale Applikation steht
zwischen der subkutanen und intravenösen; ihr Effekt ist von längerer und gleich¬
mäßigerer Dauer als derjenige der subkutanen Applikation.
10) Zur Tetanusbehandlang, von Prof. Dr. Riehl. (Medizin. Klinik. 1915.
Nr. 2.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die ätiologische Therapie muß einsetzen in einem Stadium, in welchem es
noch nicht zur Resorption größerer Toxinmengen und zur schweren Schädigung
von Organzellen gekommen ist, zu einer Zeit, in welcher von Tetanussymptomen
noch keinerlei Anzeichen vorliegt. Die von vornherein infizierten Wunden müssen
rasch tunlichst von Fremdkörpern gereinigt und desinfiziert werden. Am zweck¬
mäßigsten, zweckmäßiger wie manche zum Teil sehr radikale Eingriffe, ist Chlor
in geeigneter Form. Es soll erstens als energisches Antiseptikum dienen, zweitens
das Tetanustoxin unschädlich machen. Den ersten Zweck erfüllt Chlor sehr gut,
am besten in einem Gemenge von einem Teil Chlorkalk mit neun Teilen Bolus
alba, und zwar werden Chlorkalk-Bolusverbände aufgelegt. Bezüglich der zweiten
Aufgabe der Chlortherapie sind Versuche im Gange, die noch nicht abgeschlossen
sind, so daß ein Urteil noch nicht gefällt werden kann. Über die bekannten
Tetanusbehandlungsmethoden urteilt Verf. im allgemeinen sehr skeptisch und
spricht nur von damit zu erzielenden symptomatischen Erfolgen.
Syphilis des Zentralnervensystems.
11) Neosalvarsan and Zentralnervensystem, von Prof. Hans Berger. (Zeit¬
schrift f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIII. H. 2 u. 3.) Ref.: C. Grosz.
Kurze Übersicht über die die spinale Anwendung von Neosalvarsan betreffen¬
den Veröffentlichungen. Verf. hat bei 6 Hunden nach Ablassen von 5 bis 20 ccm
Spinalflüssigkeit aus der Membrana obturatoria Dosen von 0,3, 0,09, 0,03 und
0,003 Neosalvarsan in die geöffnete Schädelkapsel (Parietalgegend) eingeführt. 5 Tiere
starben innerhalb von 2 bis 5 Tagen, zum Teil unter Krämpfen. Die Sektion,
bei der das Gehirn, das Rückenmark mit Spinalganglien und meist auch das
rechte Auge herausgenommen wurde, ergab schon makroskopisch ausgedehnte
Blutungen und Nekrosen, oft weit von der Infusionsstelle entfernt. Die mikro¬
skopische Untersuchung, für welche die Nisslsche Seifenmethylenblaufärbung und
eine Färbung mit Hämatoxylin-Eosin verwendet wurde, ergab wiederholt Zell¬
vennehrung in den makroskopisch normal aussehenden weichen Hirnhäuten, ließ
aber in keinem Falle die von manchen Autoren bei der experimentellen Arsenik-
Digitized b)
Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
160
Vergiftung der Hunde beschriebenen Degenerationen der Nervenzellen, namentlich
der Spinalganglien einwandfrei erkennen. Bei weiteren 8 Hunden fährt Verf. in
der rechten Parietalgegend durch den Duraschlitz mit einer Rekordspritze (Spitze
Abgestumpft) langsam innerhalb einer Minute Icom Neosalvarsan in den Sub¬
duralraum ein, ohne daß vorher Zerebrospinalflüssigkeit abgelassen worden wäre.
Auch bei dieser VersuohsanWendung bedangen Dosen von 0,01 bis 0,001 den Tod
der Hunde, wobei sich wieder weitverbreitete miliare Blutungen auch entfernt
von der Injektionsstelle nacbweisen ließen. Als klinischer Ausdruck dieser
Blutungen traten entweder Krampfanfälle oder tiefe Benommenheit in Erscheinung,
Dosen von 0,0005 wurden anscheinend ohne Störung vertragen, bei 0,0001 waren
auch mikroskopische Veränderungen nicht mehr nachweisbar.
Endlich wurden noch bei 3 Hunden Injektionen von je 1 com rechts und
links in derselben Sitzung ausgeführt. Dabei zeigte sich bei einem Hunde, daß
auch eine Dosis von 0,0002 Neosalvarsan ohne klinische und histologische Folge¬
erscheinungen ertragen werden kann. Bei einem Vergleiche der lokalen Verände¬
rungen der verschiedenen Hunde zeigte sich, daß außer der Gesamtmenge des
eingefiihrten Neosalvarsans die Konzentration eine wesentliche Rolle spielte. Diese
darf nicht über 1:10000 hinausgehen, da sonst lokale Veränderungen an der
Injektionsstelle in der Form von Infiltraten der Meningen und Veränderungen der
Pia- und Rindengefäße sich einstellten. Es können also, wie die hier mitgeteilten
Tierexperimente dartun, Neosalvarsanlösungen bei direkter Einführung in den Sub¬
duralraum als für die Meningen und Zentralnervensystem keineswegs indifferente
Flüssigkeiten angesehen werden.
12) Über die Salvarsantherapie der Syphilis des Nervensystems, von
G. Iwaschenzoff. (Zeitschrift f. experiment. Pathologie u. Therapie. XV.
1914.) Ref.: K. Boas.
Auf Grund zahlreicher Erfahrungen gelangt Verf. zu folgenden Schlußsätzen
Die Anwendung von Salvarsan und von Neosalvarsan ist bei der Behandlung
des Nervensystems nützlich.
Bei vernünftiger Vorsicht und bei richtiger Technik ist sie ungefährlich, bei
gewisser Beherrschung der Technik einfaoh.
Die Wahl zwischen Salvarsan und Neosalvarsan ist Sache der jeweiligen
Sympathie und der Gewöhnung an die eine oder andere Teohnik.
Als Methode kommt die intravenöse Injektion in 8 tägigen Zwischenräumen
in Betracht. Die Gesamtdosis, welche während der ganzen Kur zur Injektion
gelangt, muß weit größer sein als diejenige, die man bisher zu indizieren pflegt.
Die Dosierung der einzelnen Injektionen muß man individualisieren, mit kleineren
Dosen (0,3 Salvarsan bzw. 0,5 Neosalvarsan) beginnend und dann beim Erwachsenen
nioht über 0,5 Salvarsan bzw. 0,75 Neosalvarsan hinausgehend.
27 Krankengeschichten werden im einzelnen mitgeteilt.
13) Salvarsanbehandlung der progressiven Paralyse, von Priv.-Doz. Dr.
Runge. (Deutsche med. Woch. 1914. Nr. 20.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. behandelte in der Kieler psychiatrischen Klinik 91 Paralytiker mit
Salvarsan, davon 30 intensiv mit Dosen von 2 bis 10,5 g. Er gelangt zu folgenden
Schlüssen:
1. Die Salvarsanbehandlung ist in Initialfällen der Paralyse, auch solohen
Fällen, bei denen zwar der Beginn der Erkrankung noch nicht zu weit zurüok-
liegt, aber doch schon akutere und schwerere Symptome aufgetreten sind, indiziert.
2. Die Behandlung muß in Intervallen durchgeführt werden, die Gesamtdosis
je nach dem Zustand des Patienten und seiner Toleranz dafür individualisiert
und nach und nach auf eine möglichst hohe, von 5 bis 10 g und mehr gebracht
werden.
3. Bei den mit Salvarsan so behandelten Fällen zeigen sich weit häufiger
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
161
weitgehende Remissionen als bei den nicht oder mit anderen antiluetischen Mitteln
behandelten Paralytikern. Die Behandlung führt offenbar zu einer erheblichen
Modifizierung des Verlaufs der Paralyse, öfters sogar im Sinne eines längeren
Erhaltenseins der Arbeitsfähigkeit, vielleicht auch im Sinne einer Verlängerung
der Erankheitsdauer. Ein solcher Erfolg läßt sich jedoch nicht in allen Fällen
gewährleisten, vielmehr gibt es Fälle, bei denen das Salvarsan auch in großen
Dosen völlig' wirkungslos abprallt. Auch kann es bei den Paralytikern, bei
welchen durch Anwendung großer Dosen keine weitgehende Remission erreicht
wird, sicher zu Rückfällen und letalem Ausgang kommen.
4. Ob eine Heilung der Paralyse mit dem Salvarsan erzielt werden kann,
läßt sich noch nicht entscheiden. Jedenfalls dürften die Prozentsätze der Remis¬
sionen noch größer werden, wenn noch mehr Material von mit hohen Dosen be¬
handelten Fällen vorliegt.
14) Present Status of neosalvarsan in the treatment of parasyphilis of the
nervous System, by Edward D. Fisher. (Journ. of nerv, and ment. dis.
1914. Nr. 1.) Ref.: Artur Stern.
Seit der Entdeckung der Spirochaete pallida bei der Paralyse ist die Not¬
wendigkeit der antisyphilitischen Behandlung der parasyphilitischen Erkrankungen
unter Kontrolle der Wassermann sehen Reaktion im Blut und Liquor mehr als
früher geboten. Indiziert ist die Kombination des Neosalvarsan mit den anderen
Syphilismitteln. Wie weit die gründliche Frühbehandlung der Lues vor Tabes
und Paralyse schützt, werden erst die späteren Jahre lehren. Verf. sah bei der
Parasyphilis unter obiger Behandlung Besserung vieler klinischer Symptome und
Stillstand des Leidens.
16) The axLtoaeroaaivarsan treatment of syphilia of the oentral nervous
System, by G. W. McCaskey. (Journ. of the Americ. med. Assoc. XLII.
1914. Nr. 3.) Ref.: W. Misch.
Eis wird, unter Anführung von 7 Fällen, über die Erfolge mit intraspinalen
Injektionen von im Patientenserum gelöstem Salvarsan naoh Swift und Ellis
bei Syphilis des Zentralnervensystems berichtet. Im ganzen wurden diesen sieben
Patienten innerhalb von 3 Monaten 20 Injektionen gegeben. In allen Fällen ließ
sich eine auffallende Besserung verzeichnen. Bei sorgfältigem Vorgehen, voll¬
kommener Asepsis und vorsichtiger Dosierung läßt sich jede Gefahr vermeiden;
und das Verfahren bietet, bei geringen Nebenerscheinungen, eine sehr sinnvolle
Methode zur Behandlung der lokalisierten Infektion bei Fällen von Lues cerebro¬
spinalis.
16) Über einen als Paralyse gedeuteten, durch Salvarsan gehellten Krank¬
heitsfall, von Wilhelm Wecbselmann. (Berliner klin. Wochenechr. 1914.
Nr. 18.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Der Patient, der 1910 eine luetische Infektion durchgemacht hat, erkrankt
1 */ 4 Jahr später mit epileptiformen Anfällen und Erscheinungen, welche Oppen¬
heim an progressive Paralyse bzw. — wenn auch weniger wahrscheinlich — an
syphilitische Pseudoparalyse hatte denken lassen. Wechselmann hat dann die
Salvarsanbehandlung eingeleitet und schildert den Verlauf des Falles bis Februar
1914. Es sind während dieser Zeit eine ganze Reihe von Salvarsaninjektionen
vorgenommen worden. Die Krankheitserscheinungen sind fast gänzlich zurück¬
gegangen, Wassermann ist negativ, wiederholt treten epileptische Anfalle auf.
„Die weitere Beobachtung soll ergeben, ob der Fall für eine operativen Eingriff
geeignet ist.“ Die vorsichtige Salvarsanbehandlung hat die epileptischen Anfälle
gemildert und abgeschwächt.
Die Krankengeschichte erhält einen genaueren Organbefund zum ersten Male
erst vom 11. Mai 1911, etwa 4 Wochen nach der 3. Salvarsan inj ektion; die
Diagnose wird nicht näher besprochen und die in der Überschrift ausgesprochene
xxxiv. 11
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
162
Heilung scheint doch noch auszustehen, da noch über epileptische Anfälle berichtet
und der Gedanke einer Operation diskutiert wird.
17) De Temploi des injeotlons de sörum salvarsanise „in vivo 44 et „in
vitro 44 Bous rarachnoide spinale et cöröbrale dans le tabes et la para-
lysie gönörale, par G. Marinesco. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI.
1914. Nr. 5.) Bef.: W. Jklisch. #
Während das Serum von mit Salvarsan behandelten Patienten lumbal injiziert
zwar bei Lues cerebrospinalis, doch nicht bei Tabes und Paralyse Besserung be¬
wirkte, ließen sich durch intradurale Injektionen von in vitro salvarsanisiertem
Serum in 14 Tabesfällen recht gute Erfolge erzielen. Zwei Paralytikern wurde
ferner in vitro salvarsanisiertes Serum nach Neisserscher Hirnpunktion unter die
Arachnoidea in der Gegend der dritten Frontalwindung gespritzt; bei beiden
traten einige Stunden nach der Injektion epileptiforme Anfälle auf; bei dem einen
ließ sich eine leichte Besserung des Geisteszustandes feststellen, der andere Fall
verschlechterte sich nur während der folgenden 5 oder 6 Monate, in denen er
beobachtet wurde.
18) Un cas de mort par le salvarsan, par V. Balthazard. (La Pratique
m6dico*16gale. I. 1914. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel.
Die Patientin erhielt mit 4 tägiger Pause zwei Injektionen von 0,3 g Salvarsan.
48 Stunden nach der zweiten Injektion völlige schlaffe Paraplegie mit Blasen¬
störungen und hämorrhagischer Nephritis. Nach 18 Tagen Exitus. Die Autopsie
ergibt Hämorrhagien im Hirn, myelitische Veränderungen und eine akute hämor¬
rhagische Nephritis.
19) Ein Fall von Polyneuritis mit Korsakoffsoher Psychose naoh Neo-
salvarsan mit letalem Ausgang, von R. Pürckhauer und Th. Mause.
(Münchener med* Wochenschr. 1914. Nr. 8.) Bef.: 0. B. Meyer (Würzburg).
57 jährige Frau. Beginnende Tabes. Geistig sehr rüstig, gutes Gedächtnis.
Zweimalige Injektionen von 0,45 g Neosalvarsan. 4 Tage nach der zweiten Ein¬
spritzung beginnende Gedächtnisschwäche. Nach weiteren 4 Tagen psychisch: aus¬
gesprochener Korsakow, somatisch: Nystagmus, Druckempfindlichkeit der Nerven
und Muskeln, rasch zunehmende motorische Schwäche ohne Ataxie, schwerfälliger,
unsicherer Gang, Plantarhyperästhesie und vasomotorische Störungen der Haut.
Mithin konnte keine Rede davon sein, die somatisohen Erscheinungen mit der
Tabes in Beziehung zu bringen, sondern Bie waren durch Polyneuritis zu erklären,
als deren Ursache eine Intoxikation durch Arsen anzunehmen ist. Exitus am
16. Tag*\ Sektion verweigert.
20) Über einen weiteren Todesfall an akuter Enzephalitis naoh Salvarsan*
Injektion, vonTh. Kors. (Münch.med. Woch. 1914. Nr.7.) Ref.: 0.B. Meyer.
In einer Tabelle werden akute Todesfälle der letzten 2 Jahre zusammen-
gestellt, die sich im Anschluß an Salvarsaninjektionen ereigneten (12 Autoren).
Verf. berichtet über einen neuen Fall. Pat. war vor der Injektion mit 0,6 g
ganz gesund bis auf eine Balanitis. Exitus nach schweren zerebralen Erschei¬
nungen, wie Erbrechen, Konvulsionen, 5 Tage nach der Injektion. Sektion: akuter
Gehirnprozeß, sogenannter Encephalitis haemorrhagica, und akute Degeneration
der Nieren, was in Übereinstimmung, mit den bisher publizierten Fällen, sowie
mit Tierversuchen sicher eine Folge von Intoxikation durch Salvarsan zu sein
scheint. Verf. rät, die Dosen kleiner zu wählen, da wie aus der Tabelle hervor¬
geht, Krämpfe mit nachfolgendem Exitus immer nach relativ hohen Dosen ein¬
getreten sind.
21) Die Salvars&ntodesfftlle und ihre Ursachen mit Berücksichtigung der
Salvarsanschäden, A. Schmitt. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 24
u. 25.) Ref.: W. Alexander.
Die von Mentberger angegebene Zahl von 274 Todesfällen nach Salvarsan
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
163
ist falsch, nicht nur, weil viele Fälle darunter sind, die sicher nicht am Salvarsan
gestorben sind, sondern besonders deshalb, weil in seiner Berechnung grobe arith-
methische Fehler steckten und zahlreiche Fälle so mangelhaft beschrieben sind,
daß eine Nachprüfung unmöglich ist. Nur in 172 Fällen erscheint es berechtigt,
einen Zusammenhang zwischen SalvarsaniDjektion und Tod anzunehmen, ohne jedoch
jedesmal von einem propter hoc sprechen zu dürfen. Sehr viele Fälle fielen in
die erste Zeit der Überdosierung, weshalb auch seit 1911 die absolute Zahl der
Todesfälle dauernd abgenommen hat trotz bedeutender Zunahme der Salvarsan-
anwendung. Die Hälfte aller Todesfälle ist nach der ersten Injektion eingetreten.
Verf. bespricht dann ausführlich die Einwirkung des Salvarsans auf die
einzelnen Organe und kommt zu folgenden Schlüssen: Bei den Todesfällen handelt
es sich um den letzten therapeutischen Versuch bei verlorenen Fällen, Hier ist
der Tod meist trotz Salvarsan erfolgt, vielleicht bisweilen etwas beschleunigt. —
Manche Todesfälle sind auf mangelhafte Technik zu beziehen und jetzt unbedingt
vermeidbar. Insbesondere bei schweren Störungen innerer Organe ist vor Über*
dosierung und zu kurzen Pausen zu warnen. Trotzdem können noch Todesiälle
Vorkommen. Sie werden aber äußerst selten sein. Die vom Verf. beobachteten
Fälle von sogenannter Idiosynkrasie waren auch nur Überdosierungen, d. h. ver¬
meidbare Arsenvergiftungen. Alles kommt auf die Technik an Bei Verwendung
nioht einwandfreien Wassers findet zweifellos eine Zersetzung des Salvarsans statt
(Wasser fehler).
Das Salvarsan hat überlegene Vorzüge, aber auch unbestreitbare Mängel. Ein
übertriebener Optimismus ist ebenso verfehlt, wie ein sich auf einige Unglücks-
falle stützender Pessimismus.
22) 3 Jahre Salvarsan bei Lues des Zentralnervensystems und bei Tabes,
von G. K. Dreyfus. (Münch, med. Woch. 1914. Nr. 10.) Ref.: 0.B.Meyer.
Die meisten Originalien der Nr. 10, die dem 60. Geburtstag Ehrlich’s ge¬
widmet ist, enthalten zusammenfassende Besprechungen über die Salvarsanbehand-
lung, die Interessenten empfohlen seien. Hier wird nur über die neurologisch in
Betracht kommenden Arbeiten speziell berichtet. — „Nur langsam bricht sich bei
den Neurologen die Überzeugung Bahn, daß wir im Salvarsan ein den bisherigen
Mitteln wesentlich überlegenes Präparat besitzen für die Behandlung der Lues
cerebrospinalis und Tabes.“ Über die Arbeiten des Verf. wurde in d. Centr. (vgl.
1912, S. 770; 1913, S. 239, 1510, 1516) wiederholt referiert. Aus der Fülle der
zusammenfassenden Angaben seien folgende erwähnt. Behandelt wurden 250 Kranke
mit über 3000 intravenösen Injektionen; nur ein recht unangenehmer, aber
echließlich glücklich ausgegangener Zwischenfall kam vor. Jenseits des 60. Lebens¬
jahres ist größte Vorsicht geboten. Tuberkulöse werden prinzipiell nicht mit
Salvarsan, sondern nur mit Neosalvarsan und löslichem Quecksilbersalz behandelt.
Bei erheblicheren Erkrankungen der Kreislauforgane werden ebenfalls diese Mittel
angewandt. Ein Abschnitt der Abhandlung ist der Syphilis des Gehirns (Neuro-
rezidive) gewidmet. 10 intensiv behandelte Neurorezidivkranke wurden bis auf 2,
die über geringe Beschwerden klagten, geheilt entlassen. Man soll schon bei der
ersten Kur versuchen den Liquor völlig negativ zu bekommen. Im zweiten Ab¬
schnitt über Lues cerebrospinalis (Tertiärstadium) wird erwähnt, daß von
125 Kranken nur 3 liquornegativ wurden. Dieser schlechte Erfolg bezüglich des
Liquors beruhte in der Hauptsache auf der Einsichtslosigkeit der Kranken und
auf dem ausgezeichneten symptomatischen Erfolg. Im dritten Abschnitt über
Tabes wird betont, daß jedes Stadium behandelt wurde; im ganzen 77 Kranke.
Hiervon wurden 35 sehr gebessert, 30 gebessert, unverändert blieben 9, schlechter
wurden 3. Verf. legt sich sehr für die Salvarsanbehandlung der Tabes ins Zeug
und schließt: „Konsequent durchgeführte Einzelbeispiele müssen beweisen, was der
Masse nottut.“ .
11 *
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
164
28) Balvarsantherapie und Lues des Zentralnervensystems (inkl. Tabes
dorsalis), von Gl. Iwaschenzoff (Münchener med. Wochenschrift. 1914.
Nr. 10.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg).
Meist klinische Beobachtung teilweise bis zu 3 Jahren. 3 bis 12 Injektionen
in Abständen von einer Woche in Dosen von 0,4 bis 0,5. 39 Fälle von Myelitis
luetica. In 8 Fällen wurde an Heilung grenzende Besserung erzielt, in 11 be¬
deutende Besserung, in 4 Rückgang einzelner Symptome, in 14 unbefriedigende
Resultate, in einem Fall Verschlimmerung, in einem Exitus. Ein Teil der Fälle
war vorher ebenso wie auch ein Teil der nachstehend erwähnten Tabesfälle mit
anderen Methoden (auch „Bettregime“) ohne Erfolg behandelt worden. Die Besse¬
rungen betrafen die Wiederherstellung der Sensibilität, die Heilung des Dekubitus,
die motorischen Störungen und die Herzinsuffizienz. Pathologische Fußreflexe,
wie Babinski usw., gingen in keinem Fall zurück. 14 Fälle von Lues cerebro¬
spinalis. 5 mal vorzüglicher, 5 mal ein Durchsohnittserfolg, 4 mal keine Besserung.
Bei den Hemiplegien der Syphilitiker (19 Fälle) ist wegen der Blutergüsse von
spezifischer Behandlung des Grundleidens nur eine Besserung des Allgemein¬
zustandes zu erwarten. Bei 4 Fällen von Lues cerebri verschwanden die Kopf¬
schmerzen, die vorher jeder Behandlung getrotzt hatten. Auch Schwindel, Ohren¬
sausen gingen zurück. 48 Fälle von Tabes. Bedeutende Besserung 23 mal,
Besserung vereinzelter Symptome 15 mal, keine Besserung in 10 Fällen. „Am
häufigsten und ehesten wurden Abkürzung oder Verschwinden der Schmerzen, des
Gürtelgefühls, Wiederherstellung sämtlicher Arten der Hautsensibilität und Wieder¬
herstellung des Muskelgefühls konstatiert. Nur in seltenen Fällen (im 1. und 2.,
teilweise auch im 3. Stadium) konnte Besserung der motorischen Sphäre nicht
wahrgenommen werden. „Besserung der Blasenstörungen“ konnte in 30 °/ 0 aller
Fälle, darunter auch bei schweren Formen, erzielt werden. Die Wirkung des
Präparates bei Syphilis des Nervensystems inkl. Tabes ist also zweifellos. Das
Sehvermögen wurde nicht geschädigt, im Gegenteil bei 4 Fällen von Affektion des
N. opticus trat Besserung ein. Ferner bedeutende Besserung bei 3 von 6 Arthro¬
pathien. Beginn mit kleinen Dosen wird empfohlen, die Forcierung der Dosen
beim Streben nach der maximalen Gesamtdosis wird widerraten.
24) Klinisohe und experimentelle Erfahrungen bei 8alvarsaniDjektionen in
das Zentralnervensystem, von W. Weygandt, A. Jakob und V. Kafka.
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 29.) Ref.: W. Alexander.
Verff. haben an 25 Fällen ausgeprägter Paralyse genau naoh der Methode
von Gennerioh intralumbale Neosalvarsaninjektionen gemacht. Es wurden 57 In¬
jektionen ausgeführt, in 9 Fällen je 3 mit Zwischenpausen von 2 bis 4 Wochen.
Wenn man weder kleine Schwankungen als beträchtliche Erfolge ansieht, aber
auch nicht jede Verschlechterung als Folge der Methode bezeichnet, so haben die
beobachteten Fälle doch zu 8 / ß eine symptomatische Besserung erkennen lassen.
Besondere Sorgfalt wurde auf die Untersuchung des BluteB und der Spinalflüssig¬
keit verwandt. Die Wassermannreaktion wurde in beiden Flüssigkeiten nach
unten austitriert, die hämolytische Fähigkeit des Blutserums und Liquors bestimmt
und der Globulin- und Gesamteiweißgehalt nach den neuesten Methoden unter¬
sucht. Die einzelnen Ergebnisse sind im Original nachzulesen; auffallend war die
Häufigkeit des Besserwerdens der Wassermannreaktion, wie man sie sonst bei der
Behandlung der Paralyse nie sah.
Die experimentellen Untersuchungen von Affen ergaben nach lumbaler In¬
jektion höher konzentrierter Neosalv&rsanlösungen (0,15:100) starke Reizung des
Duraendothels, der austretenden Nervenbündel, der Gefäßendothelien und z. B. des
nervösen Parenchyms des Zentralnervensystems selbst. Auch subdurale und intra¬
zerebrale Injektionen machten schwere Reizungen der Gefäßwandzellen und Glia-
elemente.
Digitized by
Gck igle
Original fram
UNIVERSITY OF MICHIGAN
165
Nach alledem scheint die Auffassung begründet, daß es sich beim Salvarsan-
tod um komplizierte Wechselwirkungen zwischen Salvarsan und den Spirochäten¬
herden und den durch sie gesetzten Gewebsveränderungen handelt.
Bei endolumbaler Injektion minder konzentrierter Neosalvarsanlösungen blieben
die Tiere gesund, auch fehlten mikroskopische Veränderungen. Solche Lösungen
scheinen also unschädlich zu sein. Es ist also eine vorsichtige Anwendung
schwacher Lösungen in geringer Quantität endolumbal auch beim Menschen ge¬
stattet und eröffnet vielleicht nicht ungünstige Perspektive.
25) Zur Frage der neurotropen Wirkung des Salvarsans, von R. Löwy.
(Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 32.) Ref.: Pilcz (Wien).
Fall I. 23jähr. Mann, 1910 und 1911 Hg-Kur. 1913 zunächst 0,75 Neo-
salvarsan und 14 Tage später 0,45 Salvarsan. 48 Stunden später epileptiforme
Anfälle, schlaffe Lähmung, komplette Harnretention, Exitus nach zwei Tagen.
Obduktion: Parenchymatöse Degeneration der Leber, Periglomerulitis fibrosa der
Nieren. Im Gehirne zahlreiche Blutungen von verschiedener Größe mit einzelnen
Erweichungsherden, ebenso Blutungen im Stamm und Rückenmarke. Histologisch
fanden sich zahlreiche Corpora amylacea, was Verf. in Hinsicht auf jugendliches
Alter des Individuums als Zeichen bereditär-degenerativer Veranlagung auffassen
möchte. In demselben Sinne auffallend schwere Gefäßveränderungen nicht luetischer
Natur. Ferner Gefäßveränderungen und meningeale Befunde syphilitischer Genese,
endlich Blutungen und Thrombosierungen im Kortex, Stamme und Rückenmarke,
Encephalitis hämorrhagica. Also schwere Gefäß Veränderungen bei einem Menschen,
dessen Niere ziemlich hochgradige ältere Veränderungen und dessen Gehirn Zeichen
einer gewissen Disposition aufwies.
Fall II. 5monat1. Kind. Laterale Bauchmuskeln schlaff, Bauchdeckenreflexe,
Patellarsehnenreflexe und Achillessehnenreflexe fehlend, schlaffe Paraparese der
Beine mit Anästhesie bis zum Poupartschen Bande mit Einschluß des Genitales.
Partielle Entartungsreaktionen der unteren Gliedmaßen. Exitus an Pneumonie.
Obduktion: Spina bifida occulta des 1. Sakral wirbele. Alte Salvarsaninjektion mit
Schwielen- und NekroBenbildung in Glutäalgegend. Chemisch gelingt Nachweis
von As. Histologische Untersuchung des Rückenmarkes ergibt intensive« Schädigung
gewisser Wurzeln des Plexus lumbosacralis mit aufsteigender sekundärer Degene¬
ration, hervorgerufen durch ein Arsendepot, schwere Veränderungen der Gefäße.
Diese beiden Fälle sprechen, nach Ansicht des Verft’s, nioht für eine be¬
sondere Affinität des Arsenobenzols zum nervösen Gewebe.
Fall III. 34jähr. Frau, vor 13 Jahren Lues, Hg-Kur. 1911 wegen Doppel¬
bilder, Kopfschmerzen und Schwindel wieder Hg-Therapie, Bald danach deutliche
tabische Symptome, Wassermannreaktion positiv. Juli 0,6 Salvarsan ohne Reak¬
tion, August 0,01 Hg. succinim., nach einigen Tagen Wiederholung der Dosis.
Darnach rasche Verschlimmerung, Blasenmastdarmstörungen, Vergeßlichkeit, Sensi-
bilitätsstörungen, Oktober Exitus. Obduktion: Subakute parenchymatöse Nephritis,
Ependymgranulationen, Hyperämie des Gehirnes. Geringes Ödem der Meningen.
Histologische Untersuchung der Medulla spinalis ergab neben alten tabischen Ver¬
änderungen intensives Ödem, besonders in den Randpartien, daneben Hyperämie,
Stauung und Erweiterung der Gefäße, mitunter Thrombosierungen und Blutungen.
Verf. stellt diesen Fall als Analogon der Pötzl-Scbüllerschen Fälle von Hg-
Überempfindlichkeit hin, gleichzeitig als Beispiel dafür, daß auch durch Hg schein¬
bar das Bild einer direkten Nervenschädigung hervorgerufen werden kann.
Das Arsenobenzol hat also nur indirekt eine neurotoxisohe Wirkung. Verf.
betont die auch durch die Untersuchungen von Luithlen nachgewiesene hohe
Bedeutung des Zustandes des Gefäßsystems bei der Frage der Salvarsanschädi-
gungen.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
166
26) Zar Kenntnis der Veränderungen der Spinalflfissigkeit naoh Neosal-
vars&n&p plik&tion, von Bisch, Kerl n. Kahler. (Wiener klin. Wochenschr.
1914. Nr. 30.) Ref.: Pilcz (Wien).
In 12 Beobachtungen war 9 mal nach Salvarsaninjektion ein hoher Wert an
Reduktionsf&higkeit des Liquors festzustellen, unabhängig von den Krankheits¬
erscheinungen der Lues, Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen u. dg].; jedoch
scheint die Menge des einverleibten Salvarsans für die Steigerung des Liquor¬
gehaltes an reduzierender Substanz von Bedeutung, indem gerade die niedrigsten
Werte bei Verabreichung kleinster Dosen sioh ergaben.
Die VerfF. sprechen die Annahme aus, daß, nachdem nicht bei allen Patienten
auf Neosalvarsan erhöhte Zuckerwerte im Liquor gefunden werden, bestimmte
Momente dafür im Individuum selbst gelegen sein müssen und vielleicht diese
Personen auf Neosalvarsan leichter mit nervösen Symptomen reagieren.
Zwei Tabellen veranschaulichen den Unterschied in den Zuckerwerten des
Liquors bei Luetikern ohne und mit Salvarsanbeh&ndlung.
27) Untersuchungen mit der Porges-Hermansehen Syphilisreaktion« von
R. F. Preissner. (Psychiatr.neurol. Wochenschr. XV. 1913/14. Nr. 45.)
Ref.: Kurt Mendel.
Die Porges-Herman sehe Syphilisreaktion hat bei Untersuchungen an 30 Para¬
lytikern in 86,67 °/ 0 der Fälle ein positives Resultat ergeben und dürfte ein
brauchbares Hilfsmittel zur Diagnose der Paralyse sein. Sie hat gegenüber der
Wassermannschen Reaktion den Vorzug außerordentlicher Einfachheit und Billig¬
keit; sie ergibt zu verschiedenen Zeiten bei demselben Individuum nicht immer
gleiche Resultate.
28) Über die Herman-Perutzsohe Syphilisreaktion, von J. Kal los. (Buda¬
pest Orvosi Ujsäg. 1913. S. 413.) Ref.: Hudovernig (Budapest).
Verf. prüfte die Herman-Perutzsche Syphilisreaktion nach und kam zu fol¬
genden Resultaten: Die Herman-Perutzsohe Reaktion ist für Syphilis spezifisch;
die Positivität der Reaktion deutet auf Luesinfektion. In nicht inaktivierten Sera
ist die Präzipitation im allgemeinen ausgesprochener, weshalb sie leichter zu be¬
urteilen ist. Bei primärer Lues stellt sich die Positivität dieser Reaktion früher
ein als diejenige der WassermannBchen Reaktion. Sie ersetzt die Wassermannsche
Reaktion nioht, indem sie bei sekundärer Lues seltener positiv ausfällt. Die
Herman-Perutzsche Reaktion kann nur zur Kontrolle der Befunde der Wasser¬
mannschen Reaktion anempfohlen werden.
29) Eine neue Methode der Behandlung der Syphilis des Nervensystems,
von Qurari. (Wiener klin. Woch. 1914. ,Nr. 33.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. verwendet eine Modifikation des Swift-Ellisschen Verfahrens: Nüohtern
oder 3 Stunden nach letzter Nahrungsaufnahme intravenöse Neosalvarsaninjektion.
Nach einer Stunde Entnahme von 40 bis 50 ccm Blut, das in einer breiten Glas¬
schale gesammelt und 24 Stunden stehengelassen wird. Das durch Absaugen ge¬
wonnene Serum wird auf 56° erwärmt, 15 bis 12 ccm mit physiologischer Koch¬
salzlösung gemischt, so daß im ganzen 30 ccm Flüssigkeit herauBkommen. Ab¬
lassen von 10 bis 15 ccm Liquor und Injektion des wie oben bereiteten salvarsani-
sierten Serums in sitzender Stellung des Patienten in den ZerebrospinalkanaL
Danach Beckenhoohlagerung, Verweilen in dieser Stellung durch 48 Stunden.
Im ganzen hat Verf. 45 derartige Lumbalpunktionen ausgeführt. Nur die¬
jenigen Fälle werden genauer besprochen, in denen die Punktionen mehrmals vor¬
genommen wurden, da die chemischen, histologischen und serologischen Zerebro-
spinalreaktionen allein dem Verf. ein tadelloses und wahrhaftes Mittel zur Kon¬
trolle der therapeutischen Wirkung und einen Maßstab zur Beurteilung des In¬
tensitätsgrad es abzugeben geeignet erscheinen. Solcher Fälle hatte er 10, und
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICH IGAN j
167
zwar 5 Myelitis, 4 Lues cerebrospinalis und 1 Tabes. Die Krankheitsgeschichten
derselben mit genauen Tabellen mögen im Original nachgelesen werden.
Injektion des salvarsanisierten Serums rief mit wenigen Ausnahmen Reaktions-
erscheinungen hervor. Zunächst 4 Stunden später Temperaturanstieg, der nach
3 bis 5 Stunden sein Maximum erreichte; unter langsamem Abfalle in durch¬
schnittlich 12 Stunden Rückkehr zur Norm, Temperaturen meist zwischen 38 bis
38,5. Nur in 2 Fällen Erbrechen, bei denen aber Diätfehler angeschuldigt werden
konnten. Am häufigsten wurde außer der fieberhaften Reaktion beobachtet:
Kreuzschmerzen, Schmerzen in den Beinen, Zuckungen, Kopfschmerzen, Harn¬
retention. Letztere hielt bei einem Myelitiker 17, bei einem anderen 8 Stunden an.
In allen Fällen, einen einzigen ausgenommen, konnte eine günstige Beeinflussung
der Zerebrospinalflüssigkeit festgestellt werden. In 6 Fällen wurde die Pleozytose
bedeutend verringert, in 3 Fällen wurde der Zellgehalt fast zur Norm herab¬
gedrückt. Nonne-Apelt, Phase I veränderte sich der Pleozytose fast parallel. Am
refraktärsten erwiesen sich die Wassermann sehe Reaktion und die Reaktion von
Lange, welch letztere kein einziges Mal, selbst dort verschwunden ist, wo Wasser¬
mann sehe Reaktion negativ wurde und die Injektionen 5mal appliziert worden
waren.
In 2 Fällen ließ die Behandlung einen auf den syphilitischen Prozeß akti¬
vierenden Einfluß erkennen, Umschlagen der vordem negativen Wassermannschen
Reaktion in das Positive.
Einen Parallelismus zwischen Verhalten der Wassermannschen Reaktion und
klinischem Verlaufe hat Verf. nicht gesehen, und Verf. stellt das Postulat auf,
bei der Indikationsstellung zur Therapie sich nicht nach Wassermann scher Reaktion
allein, sondern nach der Gesamtheit der klinischen Manifestationen und meningealen
Reaktionen zu richten.
Bei allen Kranken hatte sich in subjektiver Hinsicht eine Besserung be¬
merkbar gemacht.
30) Zur Behandlung der Syphilis des Zentralnervensystems naoh Swift
und ßllis, von K. Eskuch'en. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 14.)
Ref.: Kurt Mendel.
Verf. behandelte 16 Fälle (9 Tabiker, 5 Paralytiker und 2 Fälle von Lues
cerebrospinalis) mit 68 intraspinalen Neosalvarsan-Seruminjektionen nach Swift-
Ellis (8. d. Centr. 1913. S. 1515). Das subjektive Befinden besserte sich in fast
allen Fällen rasch und erheblich. Fast regelmäßig gelang es, die Pleozytose zu
vermindern oder zu beseitigen; ähnlich verhielt es sich mit der Globulinreaktion;
die Wassermann sehe Reaktion konnte meist abgeschwächt werden. Die Gold¬
reaktion wurde niemals zum Verschwinden gebraoht. Bei einem Fall von Paralyse
trat eine offenbare Besserung ein, die anderen blieben unbeeinflußt. Subjektive
tabische Beschwerden wurden bedeutend gebessert oder schwanden ganz; eine
schwere Ataxie wurde gemildert, sonst aber wurde kein einziges objektives Sym¬
ptom irgendwie beeinflußt.
31) The treatment of oerebrospinal Syphilis, by R. H. Davis. (The Urologie
et cutan. Rev. XVIII. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch.
Auf Grund von Versuchen mit der intraspinalen Salvarsan-Serumbehandlung
an einer beträchtlichen Anzahl von Patienten kommt Verf. zu dem Schluß, daß
die Behandlungsmethode von Swift und Ellis außerordentlich wertvoll ist und
bei jedem Fall von Lues cerebrospinalis angewandt werden sollte. Auch bei jeder
Tabes sollte die Behandlung versuoht werden, da durch Nachlassen der quälenden
Symptome von Seiten der Sensibilität und durch Aufhalten der Zerstörungs¬
prozesse meist sehr gute Erfolge erzielt werden können. Bei genügender Technik
ist die Behandlung ganz gefahrlos, aber sie sollte nur von Ärzten ausgePiihrt
werden, die die Technik derselben bis ins Kleinste genau beherrschen.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSiTY OF MICHIGAN
168
32) Zur Behandlung luetisoher Erkrankungen des Zentralnervensystem»
nach der Methode von Swift und Eills. I. Mitteilung: 6 Fälle von
Paralysis progressiva, von Dr. HeinzSchrottenbach u. Dr. Max deCrinis.
(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. H. 4 u. 5.) Bef.: M. Pappen¬
heim (Wien).
Die Verff. teilen in sehr ausführlicher Weise die Krankheitsgeschichten von
6 Paralysen mit, welche mit intralumbalen Injektionen von Salvarsanserum in
Kombination mit einer Inunktionskur mit 30°/ o igem Kalomelebaga behandelt
wurden. Die Lumbalflüssigkeiten der einzelnen Fälle worden einigemale unter¬
sucht. Den Verff. erscheinen die bisherigen Erfolge außerordentlich befriedigend
und ermutigend und sie wünschen zu einer möglichst raschen und ausgedehnten
Nachprüfung Anstoß zu geben. Sie fanden, daß in vier von den sechs behandelten
Fällen deutliche objektive Symptome von Besserung während der Behandlung
eingesetzt haben und fortschreitende Tendenz zeigten. Die Besserung zeigte sich
sowohl auf psychischem als auch auf somatischem Gebiete und fand ihren be¬
sonders drastischen Ausdruok in der allmählichen Abnahme der pathologischen
Reaktionen im Liquor cerebrospinalis. Die beiden unbeeinflußt gebliebenen Fälle
waren inveterierte, exquisit chronisohe Prozesse.
Bef. möchte darauf hinweisen, daß die von den Yerff. besonders hervor¬
gehobene Besserung der paralytischen Sprachstörung auch bei der v. Wagnerseben
Tuberkulinbehandlung der Paralyse häufig vorkommt (man vgl. z. B. die Arbeit
von Pilcz, Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. IV). Allerdings ist sie in den
von den Verff. beobachteten Fällen besonders häufig — 5 von 6 Fällen —, doch
läßt ihr kleines Material keine weitgehenden Schlüsse zu. Sehr bemerkenswert
ist sicherlich die von den Verff. in 2 Fällen beobachtete Wiederkehr normaler
Pupillenreaktionen und die einige Zeit nach der Behandlung berichtete — aller¬
dings nicht auf Grund persönlicher Katamnese erhobene — Besserung des Seh¬
vermögens bei einer fast kompletten tabischen Opticusatrophie.
Die von den Verff. besonders unterstrichene Besserung im Liquorbefunde
geht keineswegs über die Resultate hinaus, über welche Bef. gemeinsam mit Volk
auf Grund von Untersuchungen an 15 mit Tuberkulin behandelten Paralytikern
in der vorjährigen Naturforscherversammlung berichten konnte und die demnächst
an der Hand eines beträchtlichen Materials — 77 Fälle — ausführlich werden
veröffentlicht werden. Nebenbei sei bemerkt, daß die von den Verff. bevorzugten
Untersuchungsmethoden — Nonne-Apelt ohne Auswertung nach Boss-Jones,
Nisslbestimmung, Zellzählung im Deckglaspräparate — sich wegen ihrer relativ
bedeutenden Fehlergrenzen zu vergleichenden Untersuchungen nicht sehr gut eignen.
Die Umrechnung der Nisslbefunde in Prozentzahlen, wie sie die Verff. vornehmen,
kann kaum richtig sein, da sie größtenteils die Zahl 0,03°/ o angeben, die noch
einen durchaus normalen Wert darstellt. Es geht ferner nicht an, wie es die
Verff. in Fall 5 tun, den Befund der Wassermann sehen Reaktion im Liquor:
— 3 Tr. neg. als negative Wassermann sehe Reaktion anzusprechen und in die
Kurve einzuzeichnen, wenn eine einige Tage später vorgenommene Untersuchung
ergibt: 1 — 3 Tr. neg., 4 Tr. beg. Hemmung.
33) Über die Anwendung der intrakutanen Luetinreaktion nach Noguohi
in der Psychiatrie, von V. Kafka. (Psych. neurol. Woch. XV. Nr. 32.)
Bef.: 0. Klieneberger (Göttingen).
Bericht über die Ergebnisse, die Verf. mit der Intrakutanreaktion nach
Noguchi (mit abgetöteten Spirochätenkulturen) bei dem Material der Irrenanstalt
Friedrichsberg erzielt hat. Das Material ist zu klein, als daß sich sichere Fol*
gerungen daraus gewinnen lassen. Doch läßt sich zweifellos sagen, daß der Intra¬
kutanreaktion eine große praktische und theoretische Bedeutung zukommt, weil
sie für Lues spezifisch ist und demgemäß die übrigen spezifischen Untersuchungs-
Digitized by
Gck igle
Original fram
UNIVERSETY OF MICHEGAN
169
methoden ergänzt; auch wird durch die vorliegenden Untersuchungen wahrscheinlich
gemacht, daß die Luetinreaktion berufen ist, bei den post- und metasyphilitischen
Erkrankungen des Zentralnervensystems wichtige Aufschlüsse zu geben.
34) Weitere Beobachtungen über die Intrakutanreaktion mit dem Iiuetin
von Noguohi, von Faginoli und V. Fisichella. (Berliner klin. Wochen¬
schrift. 1914. Nr. 10.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Versuche der Verff. wurden an Kranken mit progressiver Paralyse, Tabes
dorsalis, Gehirnsyphilis und an Syphilitikern der sekundären und tertiären Periode
sowohl im aktiven als auch im latenten Stadium ausgeführt. Der Reaktionsprozeß
war weder von subjektiven Lokalsymptomen nooh von einer Allgemeinreaktion
begleitet, nur zweimal trat eine leichte abendliche Temperatursteigerung ein.
Was die Ergebnisse mit der Luetinreaktion anbetrifft, so war der hohe
Prozentsatz positiven Resultats besonders bei latenter Syphilis und bei Parasyphi¬
litikern bemerkenswert. Von 4 Tabesfällen war die Luetinreaktion 3 mal positiv,
1 mal negativ, Wassermann war dabei nur 2 mal positiv. Bei 3 Fällen von Para¬
lyse waren 2 positiv, 1 negativ, Wassermann lmal positiv, 2 mal negativ. Von
6 Fällen von Gehirnsyphilis, von denen nur 3 positiven Wassermann zeigten,
hatten 5 positive Luetinreaktion. Einen Umschlag der Wassermann sehen Reaktion
nach Luetinreaktion haben die Verff. nie gesehen. Die Kutanreaktion mit Luetin
gehört in die Reihe der anaphylaktischen Reaktionen. Über die prognostische
Bedeutung der Intrakutanreaktion bestimmte Schlüsse zu ziehen, ist nach An¬
sicht der Verff. verfrüht.
35) Zar ambulanten Tuberkulinbehandlung der eypbilogenen Nerven¬
krankheiten, von Schacherl. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914.
S. 27.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. unterzog der bekannten v. Wagnersehen kombinierten Hg-Tuberkulin-
therapie auoh Patienten des Ambulatoriums und teilt kurz die Ergebnisse von
seit Juni 1913 so behandelten 76 Kuren mit. Als Anfangsdosis wählte er 0,0005
Alttuberkulin. 38 Paralysen, 36 Fälle von Tabes und 2 Fälle von Lues cerebro¬
spinalis.
Es wurden ziemlich gute fieberhafte Reaktionen erzielt. Die therapeutischen
Erfolge waren: von 13 Paralytikern, welche die Kur durchgeführt hatten, wurden
5 erwerbsfähig, 7 gebessert, einer blieb unbeeinflußt; von 15, bei welchen die
Kur aus irgendwelchen Gründen nicht durchgeführt wurde, erlangte keiner die
Erwerbsfähigkeit, einer wurde gebessert, zwei blieben unverändert, einer gestorben,
von 11 Katamnesen nicht erhältlich. Verf. bemerkt, daß in einem der bis zur
Wiedererlangung der Berufsfähigkeit gebrachten Kranken außerdem der Einfluß
einer Phlegmone von Bedeutung gewesen ist.
Die tabische Kur wurde in 6 von 8 durchgeführten Kuren gebessert, gastrische
Krisen in 2 von 3 Fällen, während nicht injizierte Konirollfälle keine Besserung
aufwiesen.
Lanzinierende Schmerzen erfuhren, mit wenigen Ausnahmen, in den ersten
Tagen der Behandlung eine Steigerung, dann einen völligen Rückgang.
Unter 6 Fällen von Blasenstörungen sind vier gebessert, einer beschwerdefrei,
einer unverändert.
Verf. erwähnt auch die diesbezüglichen Erfahrungen von Döllken über die
Tuberkulinbehandlung der Tabes.
30) Un eigne rötrospeotlf de la Syphilis: Hyperalbnminose pure du liquide
oöphalo-raohidien, sans leucooytose et sans Wassermann, par V. Bloch
et A. Vernes. (Compt rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 7.) Ref.:
W. Misch.
In mehr als 40 Fällen von alter Syphilis wurde im Liquor eine Eiwei߬
vermehrung ohne Leukozytose und ohne Wassermann naebgewiesen. Während
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
170
der Eiweißgehalt des Dermalen Liquor 0,2 pro 1000 nicht überschreitet, wurden
in diesen Fallen Werte von 0,30 bis 1,0 pro 1000 gefunden. Nirgends fand sich
das geringste Zeichen einer Nerven* oder Meningenerkrankung. Die Infektion lag
bei diesen Fällen 1 bis 35 Jahre zurück. Bei der Häufigkeit ihres Vorkommens
ist diese isolierte Ei weiß Vermehrung von diagnostischem Wert bei der Aufdeckung
alter syphilitischer Erkrankungen, die den Patienten selbst unbekannt geblieben
waren. Da jedoch die Eiweißwerte oft minimale sind, so fordert ihr Nachweis
eine besonders genaue Technik: am besten ist die Ausfällung mit reiner Salpeter*
säure; für die quantitative Ablesung ist von Bloch an anderer Stelle ein be¬
sonderes einfaches Verfahren angegeben worden.
37) La sereuse sous-arachnoldienne en regard de la Syphilis, par Dr. Dind.
(Revue mödic. de la Suisse romande. 1914. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel.
Liquorstudien, insbesondere bezüglich Liquordrucks und Lymphozytose, bei
Syphilitikern in den verschiedenen Stadien. Empfehlung energischer Behandlung
mit Salvarsan und Hg, auch bei Paralyse, Tabes und Lues spinalis.
38) Serologische und klinische Untersuchungen bei Syphilitikerfiamilien,
von Wilhelm Raven. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 3
bis 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Unter 117 untersuchten Syphilitikerfamilien war in 77% die Familie mehr
oder weniger in Mitleidenschaft gezogen, nur in 23j% blieb die Wirkung der
Lues auf das primär infizierte Familienmitglied beschränkt.
Der primär infizierte Gatte erkrankte häufiger an einem syphilogenen Nerven¬
leiden, als der sekundär infizierte. Gleichartige Erkrankung beider Gatten wurde
sehr selten beobachtet Die sekundäre Infektion erfolgte meist latent, wenn der
primär infizierte Gatte syphilogen nervenkrank war. Mit manifesten Symptomen
verlief die sekundäre Infektion relativ häufig dann, wenn der primär, infizierte
Gatte kein syphilogenes Nervenleiden hatte. Diese Beobachtung spricht für eine
Virulenzabnahme der Lues bei Passage durch das Nervensystem. Von den Ehe¬
hälften der primär infizierten Gatten wurden 46,15% syphilogen nervenkrank,
24,6 % hatten positive Wassermannreaktion im Blut, nur 29,25% blieben gesund.
Von den Kindern der untersuchten Syphilitikerehen starben 47,7 % klein oder
waren Aborte und Frühgeburten. Die übrigen waren zu fast 1 / 3 gesund, über 2 / s
waren krank. Erkrankung der Mutter gefährdet die Nachkommenschaft weit mehr
als eine Erkrankung des Vaters. Je schwerer die Eltern unter den Folgen der
Lues zu leiden hatten, desto weniger waren die Kinder geschädigt. Die zuerst
geborenen Kinder werden im allgemeinen durch die elterliche Lues am meisten
gefährdet. Bis zu 16 Jahren nach der primären elterlichen Infektion wurden
geschädigte Kinder gezeugt. Einige Male konnte ein syphilogenes Nervenleiden
bei der Zeugung geschädigter Kinder als bereits vorhanden angenommen werden.
Personen mit syphilogenen Nervenleiden sind Spiroohätenträger und können daher
möglicherweise infektiös wirken.
39) Biologische Reaktionen bei syphilogenen Erkrankungen des Zentral¬
nervensystems, von H. Neue. (Deutsche Zeitschr.^f. Nervenheilk. L. 1914.
H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
I. Die Auswertungsmethode nach Hauptmann hat den auf sie gesetzten
Erwartungen entsprochen. Sie ergibt bei progressiver Paralyse in 100%, bei
Tabes dorsalis und besonders bei Lues des Zentralnervensystems sicher in der
überwiegenden Anzahl der Fälle positive Wassermannreaktion.
2.. Bei organischen Erkrankungen des Zentralnervensystems nichtsyphilitischer
Ätiologie ergibt der Liquor auch bei unverdünnter Anwendung keine .Hemmung
der Hämolyse, auoh nicht bei Individuen, die vor Jahren mit Lues infiziert
waren, und bei denen die frühere Infektion eventuell ihren Ausdruck noch in
einer positiven Reaktion des Blutserums findet.
Digitized by
Go igle
Original from
UMIVERSITY OF MICHIGAN ,
171
3. Die Ausweitungsuiethode ist ein sehr wertvolles diagnostisches Hilfsmittel
bei Entscheidung der Frage nach der ätiologischen Grundlage einer organischen
Nervenerkrankung.
4. Es empfiehlt sich, den Liquor vor der Auswertung zu inaktivieren, da
bei aktivem Liquor gelegentlich Störungen im Ablauf der Reaktionen beobachtet
werden.
6. Bald nach dem Exitus entnommener Liquor gibt auch bei Auswertung
einwandsfreie Resultate.
6. Nicht selten findet sich eine positive Wassermannreaktion im Liquor bei
negativer Reaktion im Blutserum. Bei Verdacht auf eine luische Erkrankung des
Zentralnervensystems kann demnach, gleichviel ob die Wassermannreaktion des
Blutserums positiv oder negativ ist, nur die Untersuchung des Liquors die Dia¬
gnose fördern.
7. Eine positive Wassermannreaktion erst in größeren Liquor mengen weist,
besonders wenn nur schwache bis mittelstarke Phase L Reaktionen und nur mäßige
Pleozytose und negative oder nur durch Verfeinerungen zu erzielende Wassermann-
reaktion des Blutserums hinzukommen, in Zweifelsfällen nur auf eine Lues cerebri
hin. Bei derartigen Befunden darf von therapeutischen Maßnahmen nicht ab¬
gesehen werden.
8. Die erst bei Anwendung größerer Liquormengen positiv reagierenden Fälle
von progressiver Paralyse zeigten nicht selten auch anatomisch atypischen Befund.
9. Die Weil-Kafkasche Hämolysinreaktion der Lumbalflüssigkeit war bei
progressiver Paralyse (32 Fälle untersucht) in 90 °/ 0 , bei Lues cerebri (9 Fälle
untersucht) in 22°/ 0 und bei Tabes dorsalis (5 Fälle untersucht) in 20 °/ 0 positiv.
Bei 25 ganz verschiedenartigen, nicht luetischen Nervenerkrankungen (Neurosen
und organische Fälle, darunter keine Meningitis acuta) war sie 2 mal positiv,
also in etwa 8 °/ 0 . In Verbindung mit den „vier Reaktionen“ mag ihr eine ge¬
wisse differentialdiagnostische Bedeutung für die Frage, ob Paralyse oder Lues
des Zentralnervensystems vorliegt, zukommen.
10. Die Abderhalden sehe Seroreaktion scheint bei Lues cerebri im allgemeinen
nur mit Gehirnsubstrat, bei progressiver Paralyse dagegen meist auch mit dem
Eiweiß anderer Organe (vor allem Leber, Niere, Pankreas) positiv auszufallen.
11. Der Kutanreaktion mit Luetin würde eine große Bedeutung für die
Differentialdiagnose zwischen Lues cerebri und progressiver Paralyse zukommen,
falls sich die von Bene de k mitgeteilten Unterschiede als konstant erweisen sollten.
Mit Rücksicht auf die hohe praktische Bedeutung sind eingehende Nachprüfungen
ertorderlioh.
12. Ein gewisser differentialdiagnostischer Wert kommt in Verbindung mit
den anderen Reaktionen der Goldsolreaktion zu, aber wohl nur im Sinne einer
Unterscheidung zwischen luiseber und nichtluischer Ätiologie.
40) Über die Bedeutung der Goldsolreaktion der Spinalflüssigkeit zur
Erkennung der Lues des Zentralnervensystems, von V. Kafka. (Der-
matolog. Wochenschrift. 1914. Ergänzungsheft zu Bd. LVIII.) Ref.: Kurt
Mendel,
Die Goldsolreaktion im Liquor ist diagnostisch von Wert für die Meningitis
und die Paralyse. Innerhalb der Lues cerebri scheint die Reaktion eine Diffe¬
renzierung der einzelnen Fälle zu gestatten, eine sichere Abgrenzung gegen die
Paralyse ist aber nur selten möglich.
41) La söro-reaotion d’Abderhalden dans la paralysie gönörale, l'epilepsie
et las psyohoses pöriodiques, par Obregia etPitulesco. (Compt. rend.
Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 7.) Ref.: W. Misch.
Bei der Paralyse wurde in Übereinstimmung mit den Angaben anderer
Autoren der stärkste Abbau mit Hirnrinde, ein schwächerer mit Thyreoidea und
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
172
Geschlechtsorganen beobachtet. Auch der Liquor wurde zu Untersuchungen heran¬
gezogen; es stellte sich jedoch heraus, daß derselbe keine oder höchstens minimale
Mengen von Abwehrfermenten besitzt. Auch bei Epileptikern findet sich der
stärkste Abbau der Gehirnrinde, seltener mit Schilddrüse und Geschlechtsorganen.
Bei manisch-depressivem Irresein fand sich ausnahmslos ein meist sehr starker
Abbau von Schilddrüse, und zwar werden Schilddrüsen von Manisch-depressiven
vom Serum von Manisch-depressiven besser abgebaut als normale Schilddrüsen,
so daß also das Serum der Patienten eine [gewisse Spezifität für ihre eigene
Schilddrüse besitzt.
42) The Wassermann reactlon among the negro insane of Alabama, by
R. R. Ivey. (Medic. Record. LXXXIV. 1913. Nr. 16.) Ref.: W. Misch.
Es wird die Wassermann sehe Reaktion bei 706 geisteskranken Negern an¬
gestellt. 9 °/ 0 von ihnen hatten an Pellagra gelitten, von denen waren etwa 40°/ 0
Wassermann-positiv. Im ganzen hatten von den Frauen 29°/ 0 , von den Männern
25°/ 0 einen positiven Wassermann, von denen etwa die Hälfte klinische Symptome
von Lues aufwies. Das Überwiegen der Syphilisinfektion bei den Frauen soll
zum großen Teil auf die größere Unsittlichkeit der Negerin zurückgeführt werden.
Es fanden sich 17 Fälle von Paralyse, die alle eine positive Wassermannsche
Reaktion gaben; 15 von ihnen waren Männer und nur 2 Frauen. Es wird so¬
dann in einer Tabelle eine Übersicht über den Ausfall der Wassermann sehen
Reaktion bei den verschiedenen Geisteskrankheiten gegeben, bei deren jeder sich
Fälle mit positiver Reaktion fanden.
43) Die Beeinflussung der Wassermannsohen Reaktion duroh Paraldehyd-
gaben, von Adolf Fuchs. (Psych.-neurol. Wochenschr. XV. 1914. Nr. 41.)
Ref.: Kurt Mendel.
Craig und Nichols fanden, daß nach Alkoholgaben die vorher positive
Wassermannsche Reaktion für einige Stunden negativ wurde. Verf. fand nun,
daß auch durch Paraldehyd die Resultate der Wassermannsohen Reaktion infolge
teilweiser Umänderung oder Abschwächung der Antikörper beeinflußt oder be¬
einträchtigt oder sogar verhindert werden können; dieser Befand ist für die Praxis
von Wichtigkeit.
44) Beeinflussen Narkotika der Fettreihe die Wassermannsohe ReaktionP
von Siegfried Maass. (Zeitschr. f. d. ge8. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 5.)
Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Fuchs fand, daß Paraldehydgaben die vorher positive Wassermannsche
Reaktion im Sinne einer vorübergehenden mehr oder weniger starken Hämolyse
zu beeinflussen vermögen. Verf. konnte nach Gaben von Paraldehyd und Amylen-
hydrat gleichfalls eine Abschwächung konstatieren, allerdings nicht so häufig und
nicht so intensiv wie Fuchs. Eine größere praktische Bedeutung mißt Verf.
dem Phänomen nicht bei, da speziell für die luetischen Erkrankungen des Zentral¬
nervensystems eine stärkere Beeinflussung der Wassermannsohen Reaktion in der
Originaldosierung zu den größten Seltenheiten gehören dürfte. Ein Fehlresultat
aus diesen Gründen ist also kaum zu fürchten.
45) Psychiatrische Erfahrungen mit der Wassermannsohen Reaktion bin-
siohtlioh ihrer Teohnik, Beurteilung und Bedeutung, von W. Hiero¬
nymus. (Zeitschrift f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXV. H. 1 u. 2.)
Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Die Arbeit enthält eine Reihe interessanter, wenn auch nicht ganz neuer
Details, die sich teilweise zur Wiedergabe nicht eignen.
Verf. arbeitet mit käuflichen Antigenen und rühmt den alkoholischen Extrakt
aus luetischer Fötalleber und namentlich den wesentlich billigeren, nach den An¬
gaben von Lesser hergestellten ätherischen Extrakt aus Herzmuskel. Er rät,
Serum stets zu inaktivieren, Liquor mit dem ätherisohen Antigen inaktivierte mit
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
173
dem alkolisohen in aktivem Zustande zu untersuchen. Dem Psychiater begegnen
häufig unspezifische Hemmungen im Serum, besonders bei Dementia praecox,
arteriosklerotischem Irresein, schweren alkoholischen Psychosen und vorzugsweise
bei Idiotie, während sie bei den manisch-depressiven und anderen degenerativen
Störungen sehr selten sind. Reversible spezifische Hemmungen unterscheiden sich
von den unspezifischen dadurch, daß sie unvermittelt Umschlägen. Oft gelingt
der Nachweis der unspezifischen Hemmung durch Prüfung mit größeren Dosen
(0,6) des Serums, wobei oft komplette Lösung auftritt. Selbsthemmende Sera
sind bei Geisteskranken häufiger als bei nicht seelischen Störungen. Die Sternsche
Modifikation erweist sich als ein brauchbares Hilfsmittel neben der Original¬
methode.
Es folgen statistische Angaben über das Vorkommen der Wassermann sehen
Reaktion bei verschiedenen Psychosen, von denen nur die folgenden angeführt
seien: Bei Paralyse war die Reaktion im Serum in 93°/ 0 , im Liquor in 98°/ 0
der Fälle positiv, bei der endarteritischen Lues im Liquor nur 2mal unter 7 Fällen.
Bei Dementia praecox war das Serum in 14 von 554 Fällen, d. i. in 2,6°/ 0
positiv.
III. Aus den Gesellschaften.
Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien.
Sitzung vom 9. Juni 1914.
Ref.: Feri-Wien.
Herr Müller demonstriert einen Fall von traumatischer Plexuslähmung,
die sich b» auf Lähmungserscheinungen von seiten des N. musculo cutaneus
(Atrophie des M. biceps und M. brachialis internus mit Entartungsreaktion) und
des N. cutaneus antibrachii lateralis (Hypästhesie an der radialen Seite des Unter¬
arms und am Daumenballen für Berührung, Schmerz und Temperatur) zurück¬
gebildet hat.
Herr Rezniöek demonstriert einen Mann mit multipler Sklerose, der seit
9 Monaten eine Dermographia elevata aufweist, welches Symptom an der Haut
der oberen Rückenhälfte und des Rippenbogens am deutlichsten ist. Auf 0,001 g
Atropin wurde die Quaddelbildung schwächer, noch stärker wirkte Pinselfaradi-
sation. Pilokarpin, Wärme, Arsonvalisation und mechanische Reizung war erfolglos.
Erfrieren der Haut durch Chloräthyl hemmte die Quaddelbildung, bis die Haut
sich wieder erwärmt hatte; dann trat, wenn die Kältewirkung nicht mehr als
10 Minuten gedauert hatte, die Quaddelbildung ein: der Reiz war latent geblieben.
Diskussion: Auf eine Anfrage des Herrn Feri teilt Vortr. mit, daß Versuche
mit Novokain oder Novokain-Adrenalin nicht gemacht wurden.
Herr v. Frankl-Hochwart weist auf die Übererregbarkeit der Vasomotoren
bei multipler Sklerose hin, worüber weil. Arthur Berger 1905 auf seine Ver¬
anlassung hin berichtet hätte.
Herr Dimitz demonstriert einen Mann, der seit März 1913 an Schwindel,
Kopfschmerzen und Mattigkeit leidet und angibt, daß seine Nase, Unterlippe und
Hände größer geworden seien und sein Körpergewicht zugenommen habe. Lues 0,
Libido 0, Pollutionen 0. Symptome: Adipositas, Plumpheit von Nase, Unterlippe
und Händen, Dermographismus, Fundus normal, Anisokorie, Lichtreaktion gut,
Akkommodationsreaktion schwach, starker Nystagmus, Konvergenzschwäche, leiohte
Parese des linken Mundfazialis und linken Gaumensegels, fibrilläre Zuckungen an
den Muskeln der oberen Extremitäten, Bauchdeckenreflexe normal, Sehnenreflexe
der unteren Extremitäten gesteigert, Romberg angedeutet, vom Quintusgebiet bis
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
174
C 4 Hypästhesie für Berührung und Wärme, Analgesie, links im Gesicht oft Hyper*
hidrosis, Dermographismus im Gebiet der Sensibilitätsstörung viel stärker und
länger andauernd alB in den anderen Hautpartien, Wassermann 0. Röntgen:
keine Hypophysenveränderung, sondern allgemeine Drucksteigerung. Diagnose:
Syringomyelie. Akromegalie und Adipositas sind auf die Drucksteigerung,
Eonvergenzschwäche auf den koexistierenden Hydrozephalus zu beziehen.
Herr A. Fuchs hat einen ohoreiformen Symptomenkomplex infolge von
experimenteller Guanidin Vergiftung beobachtet, vor allen bei chronischer Ver*
giftung von Katzen. Da bei Septikämie dem Guanidin nahestehende Körper in
der Muskulatur gefunden wurden, hält Vortr. angesichts des zweifellosen Zusammen¬
hangs von Chorea und Rheumatismus für ganz gut möglich, daß durch Guanidin
oder Guanidin erzeugende Körper die klinischen Symptome der Chorea veranlaßt
werden. Anatomische Untersuchungen bei chronischer Guanidinvergiftung ergaben
multiple Blutungen im, Zentralnervensystem.
Herr Gerstmann demonstriert persistierende Cajalsohe Zellen in der
Molekularsohioht der Großhirnrinde; Vortr. hat sie bei genuiner Epilepsie
(4 mal), Idiotie (5 mal), juveniler Paralyse (2mal), Mongolismus, Lues congenita
mit Imbezillität, Kretinismus (je lmal), Dementia praecox (4mal) gefunden. Vortr.
hat weiterhin auffallend große Zellen, zum Teil den „atypischen großen Zellen
der tuberösen Sklerose“ ähnlich, in der peripheren Zone der Molekularschicht be¬
obachtet; sie fanden sich bei genuiner Epilepsie (3mal), Idiotie (3mal), Dementia
praecox (2mal), juveniler Paralyse und Lues congenita (je lmal). Vortr. hat
außerdem rundliche glomerulöse Bildungen beobachtet, die in der Molekularschioht
und in den tieferen Rindenschichten Vorkommen, aus pathologisch stark veränderten
Ganglien* und gewucherten Gliazellen bestehen und auffallend oft in der Nähe
von Gefäßen liegen. Die Persistenz der Cajalschen Zellen weist auf eine sehr
früh einsetzende Hemmung der Rindenentwicklung hin, die großen atypischen
Zellen auf abnorme Differenzierung des Hirns, ebenso die glomerulösen Bildungen,
die vielleicht zu den Redlichschen Plaques der senil veränderten Hirne in Be¬
ziehung stehen.
Diskussion: Herr Stransky spricht sich gegen diese Auffassung der glome¬
rulösen Bildungen aus, da es nicht angehe, Veränderungen des Seniums mit Ab¬
normitäten der Veranlagung zusammen zu werfen.
Herr Redlich stellt Beziehungen der Glomeruli und der Plaques in Abrede.
Herrn Gerstmann lag es nahe, an die pathogenetische Bedeutung der
demonstrierten Bildungen angesichts ihres Fehlens in normalen Gehirnen zu denken.
Herr Karplus und Herr Kreidl berichten über Untersuchungen der
Sohmerzleitung im Rückenmark und finden, daß die Katze keine langen
Schmerzleitungsbahnen hat. Die Vortr. nehmen an, daß, abgesehen von den Hinter¬
strängen, jede sensible Wurzelfaser an eine Zellgruppe herantrete, die eine Bahn
zu einer ihr korrespondierenden Zellgruppe ins nächst höhere Segment sende, eine
andere zu der symmetrisch gelegenen Zellgruppe desselben Segments, die Erregungen
von der Peripherie empfange und eine Bahn ins höhere Segment, eine auf die
andere Seite des Rückenmarks sende.
Herr Marburg demonstriert Präparate von angeborener Kleinhirnsklerose
und führt die Entwicklunggstörungen auf Schädigung einzelner Gefäße zurück;
die reichliche Variantenbildung des Kleinhirns gebe den Grund der zahlreichen
Unterschiede der verschiedenen Fälle von Kleinhirnsklerose ab.
Sitzung vom 10. November 1914.
Herr Bauer demonstriert zwei Männer mit Meningitis serosa Spinells
naoh Sohußverletsung der Wirbelsäule. Die Symptome waren die Zeichen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
175
einer Kompression bei absolut normaler Beschaffenheit des Liquors, der aber unter
beträchtlich erhöhtem Druck stand. Vortr. nimmt die Möglichkeit der Bildung
einer Liquorzyste (Araohnitis fibrosa circumscripta) an.
ln der Diskussion meint Herr v. Wagner, daß man bei der Häufigkeit von
Traumen der Wirbelsäule (durch Sturz usw.) und der Seltenheit solcher Folge-
zustände an die Wahrscheinlichkeit individueller Eigentümlichkeiten denken müsse,
infolge deren es zur Bildung von seltener beobachteten Folgen von Wirbelsäulen¬
verletzungen (Komplexe wie Pachymeningitis cervicalis hypertrophica, Qaersehnitts-
läsion usw.) komme.
Herr Karplus hat bei einem luetisch infiziert gewesenen Soldaten, der durch
eine in seiner Nähe stattgehabte Granatenexplosion bewußtlos geworden war,
Symptome einer Querschnittsläsion beobachtet, ohne daß überhaupt eine Verletzung
stattgefunden hätte.
Herr Marburg bat 7 Fälle dieser Art operieren lassen und als Folgen der
Commotio medullae spinalis mit der Zerreißung der Meningen pachymeningitische
Schwielen oder Zysten oder Meningealverdickungen beobachtet, die durchaus an
der Stelle des Traumas lokalisiert sein müssen und recht beträchtliche Ausdehnung
haben können. Mikroskopische Untersuchungen ergaben als das Substrat der
klinischen Erscheinungen Zerreißung feiner Lymphgefäße.
Herr Schlesinger hat beobachtet, daß das Fehlen der Patellarreflexe in
solchen Fällen oft nur kurze Zeit dauert.
Herr Pötzl stellt einen Mann vor, der 1898 infolge eines Unfalls eine
nervöse Schwerhörigkeit akquiriert hat und seit Mai 1914 sensorisch-aphasisch
ist. Der Fall ist dadurch bemerkenswert, daß Pat. gut (mit nur geringer Neigung
zu Wortverwechslungen) schreibt, gut liest und gut (mit großem Wortschatz und
nur geringgradiger Paraphasie) spricht. Dabei ist er sehr weitgehend gleichgültig
für Gehörseindrücke. Aus diesem Fall und seinen sonstigen Erfahrungen bei der
Sprachdressur folgert Vortr., daß die Rückbildung bei inkompletter Läsion des
Hörapparates (Zentrum geschädigt, Peripherie intakt) langsamer erfolgt, als bei
kompletter Schädigung (Zentrum und Peripherie geschädigt).
Herr Reiniöek berichtet über Kriegsverletzungen peripherer Nerven.
Schwere Funktionsstörung wird pft durch Einbettung des Nerven in Schwielen
hervorgerufen. Die Sensibilitätsstörung schneidet höher oben ab, als dem Sitz der
Läsion entsprechen würde. Reste der Motilitätsstörung bleiben oft lange bestehen,
Besonders schmerzhaft sind Ischiadicus- und Medianusverletzungen. Bei Ischiadicus-
verletzungen sind besonders die Peroneusfunktionen schwer gestört.
In der Diskussion teilt Herr Marburg mit, daß sensible Störungen bei
Läsion gemischter Nerven stärker ausgeprägt sind, als motorische, und daß bei
Ischiadicusläsion eine reine Peroneusstörung auch dann vorliegen kann, wenn keine
hohe Teilung des Ischiadicus besteht.
Herr Karplus bemerkt, daß nach experimentellen Untersuchungen die Haut¬
sensibilität, nicht die tiefe Sensibilität für die Beurteilung von Gewichts- und
Druckunterschieden maßgebend sei.
Sitzung vom 15. Dezember 1914.
Herr J. Bauer demonstriert mehrere Fälle von Kombinationen organischer
mit funktionellen Nervenstörungen: 1 . einen Fall von Pseudotetanus hystericus
(Pat. hatte im Anschluß an eine 8 Wochen vorher stattgefundene Verletzung
Tetanussymptome gezeigt, die auf Serumbehandlung verschwanden); 2. einen Fall
von hysterischer Sensibilitätsstörung nach Commotio medullae spinalis mit Para¬
parese der Beine und Verlust der Sehnenreflexe; 3. einen Fall von hysterischer
Beinlahmung nach Rückgang einer durch eine Schußverletzung in der Nähe der
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
176
Mantelkante bedingten spastischen Beinlähmung mit klonischen Sehnenreflexen und
Babinski; 4. einen Fall von hysterischer Parese und SenBibilitätsstörung des Armes
nach einer oberflächlichen Schuß Verletzung am Rücken. Vortr. meint, daß die
hysterischen Mechanismen sich im Bereich eines Locus minoris resistenftiae
etablieren, wobei allerdings die konstitutionelle Disposition, die im wesentlichen
in der Häufung degenerativer Momente besteht, vt>n Wichtigkeit ist.
In der Diskussion weist Herr Hofbauer darauf hin, daß gewisse, sicher als
funktionell anzusehende Atemstörungen, die bei organischen Erkrankungen auf-
treten, Imitationen präformierter Mechanismen sind, z. B. der Atmung des Neu¬
geborenen oder des Cheyne-Stokes sehen Atmens.
Herr Redlich hat ebenfalls organische Störungen mit superponierten funktio¬
nellen Beschwerden beobachtet. Psychische Momente seien für deren Entstehung
von großer Wichtigkeit. Fehlen des Eornealreflexes hat R. nie beobachtet, weil
bei Berührung der Kornea immer wenigstens andeutungsweise eine Sphinkter¬
kontraktion eintritt, der Skeralreflex fehlen kann.
Herr v. Wagner bemerkt, daß das Zurückgreifen auf Mechanismen aus
früheren Entwicklungsstufen viel erklärt, sowie die Imitation von anderen Personen
beobachteten Krankheitsersoheinungen. v. W. ist kein Anhänger der Theorie von
der rein psychischen Genese der Hysterie. Nicht nur das Unter-, sondern auch
das Oberbewußtsein ist oft erheblich beteiligt. Therapeutisch ist wichtig, den
Kranken aus dem militärischen Milieu zu entfernen, aber der ärztlichen Autorität
muß er unterworfen sein. Kriegsneurose gibt eine bessere Prognose als die Unfall¬
neurose des Friedens.
Herr Karplus bemerkt, daß bei der Hysterie sicher präformierte Mechanismen
mitspielen.
Herr Federn führt die Entstehung hysterischer Symptome auf Blutdruck-
Steigerung zurück.
Herr Redlich weist auf die Notwendigkeit klinischer Behandlung hin.
Herr v. Wagner warnt davor, dem Patienten zur Ansicht Anlaß zu geben,
daß ihn der Arzt für einen Simulanten ansehe.
Herr 0. Marburg berichtet über seine Untersuchungen über die Patho¬
genese der Paralysis agitans. Gestützt auf ^eigene Befunde und Angaben der
Literatur sieht Vortr. die Schüttelbewegungen als durch Atrophia cerebello pontino-
rubra bedingt an, durch Zerstörungen im roten Kern und dessen zu- oder ab-
führende Bahnen (Bindearme, Regio subthalamica, Linsenkernschlinge). Die
Muskelrigidität ist myogen, vielleicht durch eine Störung des Zuckerstoffweohsels
bedingt; es wurde in einigen Fällen Abbau der Nebenniere gefunden, so daß man
an eine Störung der inneren Sekretion denken kann.
Diskussion: Herr Redlich stimmt den Ausführungen des Vortr. zu.
Herr Pötzl hat bei Kleinhirnschädigung parkinsonähnliche Erscheinungen
gesehen und beobachtete in 2 Fällen von Chorea Huntington Veränderungen im
Nucleus ruber.
Zur gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Viit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzobb & Wittiq in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Pro! E. MendeL
Heraasgegeben
von
Dr. Kurt Mendel.
VlernnddreiBlgster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Seichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 16. März. Nr. 6.
Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Über einige eigentümliche systematische post¬
mortale Veränderungen der Nervenfasern des Rückenmarks, von Dr. Giosui Biondi. 2. Zur
Präge der Rückeumarksschüsse, von Prof. Dr. Otto Marburg.
II. Referate. Tetanie im Kindesalter. I. Tetanie und tetanoide Zustande im
Kindesalter, von Fischl. 2. Beitrag zur Klinik der seltenen Formen tonischer Krampfe im
Kindesalter: Tetania neonatorum und Esoherichs Pseudotetanus, von Higler. 8. Säure und
Nervenerregbarkeit, von Ellas. — Syphilis des Zentralnervensystems und Zerebro¬
spinalflüssigkeit. 4. Über Anwendung des Gehirnextraktes als Antigen bei der Wasser¬
mann sehen Reaktion, von Maruyama. 5. Untersuchungen über das Verhalten des Liquor
cerebrospinalis bei älteren Heredosyphilitikern, von Przedpelska. 6 . The Morison Leotures
1913. The serum and cerebrospinal fluid reactions and signs of general paralysis, by
Robertson. 7. The cell count in spinal fluid in syphilitic disease of central nervous System,
by Bigelow. 8 . Juvenile paresis treated by the intraspinal injection of salvarsanized serum.
Beport of a ease, by Riggs. 9. Über die Beziehungen der allgemeinen nervösen Symptome
im Frühstadium der Syphilis zu den Befunden des Lumbalpunktates, von Wechsalmann und
Elly Dinkelacker. 10. Über Abortivheilungen und Neurorezidive bei der modernen Syphilis-
behaudlung, von Weriher. 11. Zur kombinierten Behandlung der Lues cerebri, von Hoffmann.
12. Zur Therapie der syphilitischen Nervenkrankheiten, von Oppenheim. 13. Kasuistischer
Beitrag zur Lenre von Diabetes insipidus bei Syphilis im Zentralnervensystem, von HardraL
14. Abolition fröquente du rdflexe oculocardiaque chez les ayphilitiques, par Loeper, Mougeot
ei Vahram. 15. Comment ddpister la syphilis nerveuse? par Ravaut. 16. Über die Syphilis
dar Wirbelsäule, von Peritz. 17. Über Scapula scaphoidea, von Warburg. 18. Beobachtungen
über syphilitische Erkrankungen innerer Organe, von Lenzmann. 19. Errors the clinfcal
diagnosis of mental disorders associated with cerebral svphilis, by 8arnes jr. 20. The syphi-
liiic psychoses, by Barnes jr. 21. Vitiligo, epilepsie et hdrddo-syphilis, par £tienne. 22. Bei¬
träge zur luetischen Erkrankung des Acusticus, von Valf. 23. Ein Fall von syphilitischer
spinaler Amyotrophie des Schultergürtels, vou Kummant. 24. Über die therapeutischen
Leistungen der Lumbalpunktion, von Quincke. 25. La ponction lombaire therapeutique, par
Bastinel. 26. Recherches de manomdtrie clinique avec applications particuliörement ä l'dtnde
de la pression du liquide cdphalo rachidien, par Claude, Porak et Rouillard. 27. Zur Sero¬
logie des Liquor cerebrospinalis, von Feiler. 28. Eine neue Reaktion der Zerebrospinal¬
flüssigkeit, von Boveri. 29. Über die Goldreaktion im Liquor cerebrospinalis, von de CriniS
und Frank. 80. A report on the analysis of the cerebrospinal fluid with clinical notes in
109 cases of disease of the nervous system not including the acute menin^eal affections, by
Scballer. 31. The albumen contant of the spinal fluid in its relation to disease syndromes,
by Mycoson. 82. La tension, les protdines et la lymphocytose du liquide cdphalorachidien,
par Moraes. 38. Klinische Methoden zur Bestimmung des Eiweiß- und Globulingehalts im
Liquor cerebrospinalis, von Grabe. — Syringomyelie. 34. Über pathologische Anatomie
und Pathogenese der Syringomyelie, von Margulis. 85. Über eine Kombination von Syringo¬
myelie und amyotrophischer Lateralsklerose, von Mysliveiek. 86. Angeborene Höhlenbildung
Im Rückenmark eines Kalbes bei Fehlen der Lenden-, Kreuz- und Schwanzwirbelsäule, von
Messner. 37. Über zentrale und perivaskuläre Gliose im Rückenmark. Beitrag znr Patho¬
genese der Syringomyelie, von Mysliveiek. 38. Über Gefaßreflexe, von Hess und Berman.i.
— Therapie. 39. ElektroJiagüostik und Elektrotherapie für praktische Ärzte, von Fuchs,
xxxiv. 12
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSETY OF MICHIGAN
40. Über Phenoval, Ton Stein. 41. Die Nervenpunktlehre von Cornelius und die schwedische
Massage, von Port. 42. Die Nervenpunktlehre. Bd. II: Neurologie und Nervenpunktlehre,
yon Cornelius.
III. BUcherbesprechung. 1. Nervenkrankheiten und Ehe, von Eulenburg. 2. Die chirurgi¬
schen Indikationen in der Nervenheilkunde, von Auerbach. 3. Roths klinische Terminologie,
von OberndOrffer. 4. Julius Robert Mayer, seine Krankheitsgeschichte und die Geschichte
seiner Entdeckung, von Jentsch. 5. Ärztliche Lebensfragen und ihre moderne Lösung, von
Honigmann. 6 . Die psychopathischen Verbrecher, von Birnbaum.
I. Originalmitteilungen.
[Aus der Klinik für Nerven- und Geisteskrankheiten der Kgl. Universität Catania.]
(Geleitet von Prof. G. D'Abundo.)
1. Über einige eigentümliche systematische postmortale
Veränderungen der Nervenfasern des Rückenmarks.
Von Dr. Giosuö Biondt,
Assistent
Der Befand, für welchen ich in diesen wenigen Zeilen Aufmerksamkeit
erbitte, erscheint mir interessant von verschiedenen Gesichtspunkten aus.
Ich habe in folgender Weise experimentiert:
Ein allem Anschein nach gesunder, ausgewachsener Hund wurde durch
Blutentziehung getötet. Unmittelbar nach dem Tode des Tieres entnahm ich
ein kleines Stück Bückenmark, welches ich in Müllerscher Flüssigkeit erhärtete.
Das übrige Mark wurde „in situ“ gelassen, ohne daß dementsprechend das
Wirbelbaud geöffnet worden wäre. Der Leichnam des Tieres verblieb in
Zimmerwärme, welche bei Tage 27 bis 29° C. erreichte, da die Versuche zur
Sommerzeit gemacht worden sind.
Nach 24 Stunden entnahm ich ein Stück Cervikalmark and noch ein
anderes Stück Dorsalmark, welch letzteres einige Abschnitte näher demjenigen
lag, das am Tage zuvor entnommen war. Aach diese Stücke worden in
Müllerscher Flüssigkeit erhärtet.
Die sofort nach dem Tode des Tieres und die nach 24 Stunden entnom¬
menen Stücke wnrden in derselben Weise behandelt und denselben technischen
Manipulationen unterworfen. Die angewandten Methoden waren diejenigen
Mabchi’s und Donaggio’s mit zinnhaltigem (stannico) Hämatoxylin für *die
degenerierten Fasern. Es wurden Querschnitte aasgeführt.
Die Methode „zinnhaltiges Hämatoxylin“ ist die erste der drei verschiedenen
Methoden, welche 1904 Donaggio 1 zur positiven Färbung der Nervenfasern in
den Anfangsstadien der primären und sekundären Degeneration vorgeschlagen hat.
Ich halte es für nützlich, die Methode auseinanderzusetzen, so wie ich sic
mit den Modifikationen ausgeführt habe, welche Prof. Donaggio selbst die Güte
hatte, mir vorzuschlagen, wofür ich ihm danke.
Die Stücke müssen einige Monate gut iu Müller scher Flüssigkeit erhärtet
werden. Bei ungenügender Erhärtung gelingt die Färbung nicht.
1 Riv. speritn. di Freoiatria.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
179
Zar Winteizeit hat sich eine auf 2 Monate erstreckte Erhärtung in Zimmer*
temperatur als ungenügend erwiesen.
Die Stücke kommen aus der Müllersohen Flüssigkeit sofort vorübergehend
in Alkohol und werden in Celloidin eingebettet.
Die Schnitte von 20 bis 30 p kommen vom Alkohol in Wasser und werden
dann gefärbt mit von Donaggio folgendermaßen präpariertem Hämatoxylin:
In eine vorgescbriebene Menge wäßrige ammoniakalische 30 °/ 0 ige Chlorzink¬
lösung (Kahlbaum) gießt man langsam und unter Bewegung eine gleiche Menge
wäßrige Lösung von 1 °/ 0 iger, erwärmter und wieder vollständig erkalteter Häma¬
toxylinlösung. Diese Hämatoxylinlösung hält sich lange Zeit
In der Hämatoxylinlösung bleiben die Schnitte 10 bis 20 Minuten und
werden dann nach kurzer Waschung in destilliertem Wasser differenziert in den
Lösungen von Pal, d. h. sie werden gehalten in 25°/ 0 iger Kaliumpermanganat¬
lösung und dann in einer Mischung zu gleichen Teilen von l°/ 0 igem Kalium¬
sulfat und l°/ 0 iger Oxalsäure.
Die Schnitte werden abwechselungsweise solange von einer Flüssigkeit in
die andere gebracht, bis — wenn die Schnitte degenerierte Bündel enthalten —
diese schon dem bloßen Auge durch ihr Kolorit auffallen. Die Schnitte werden
in destilliertem Wasser gewaschen und nach dem Durchgang durch die Beihe
der Alkohole entwässert (disidratato), aufgehellt mit Xylol und in Balsam ein¬
geschlossen.
Bei den nach dieser Methode behandelten Präparaten sind die normalen
Rückenmarksfasern und Querschnitte vollkommen farblos oder erscheinen wie
einfache Ringe, der Markscheide entsprechend gefärbt Die lädierten Fasern im
Querschnitt erscheinen „in tote“ gefärbt, d. h, sie zeigen sich wie abgerundete
Häufchen, in denen Zylinder und Markscheide (wenig oder gamicht voneinander
unterscheidbar) zusammen gefärbt sind.
Die normalen Fasern im Längsschnitt widerstehen der Entfärbung, doch
unterscheiden sie sich von den lädierten Fasern, weil diese letzteren wie schein¬
bar unzusammenhängende Reihen von Tröpfchen erscheinen.
In dieser Weise habe ich bis jetzt an zwei Hunden Versuche gemacht. Marchi-
Methode, sowohl an den sofort nach dem Tode des Tieres entnommenen Stücken,
wie an den nach 24 Stunden entnommenen, ließ keinerlei den Fasern nach¬
teilige Veränderung entstehen. Nur beobachtete man in diesen letzteren hier
und da einige winzige schwärzliche Stellen.
Im Gegensatz zur Donaggio-Methode an den 24 Stunden nach dem Tode
entnommenen Stücken hatte ich einen ganz anderen Befund für die sofort nach
dem Tode des Tieres entnommenen Stücke. In der Tat offenbarte die Donaggio-
Methode an den sofort nach dem Tode entnommenen Stücken sowohl an Hund A
wie an Hund B keinerlei nachteilige Veränderung der Nervenfasern, sowohl der
grauen wie der weißen Substanz. Bei Hund A waren alle Fasern der weißen
Substanz farblos, mit Ausnahme einiger wie einfache Ringe gefärbter (dies der
Charakter der normalen Fasern).
Bei Hund B war in der weißen Substanz eine gewisse Anzahl sehr zarter
12 *
Difitized
by Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
180
Fasern gefärbt, welche sich bei geringer Vergrößerung kaum unterschieden
wie winzige Pünktchen. Aber keine starke Faser war gefärbt. Es scheint, daß
der Widerstand dieser zartesten Fasern gegen Entfärbung nicht zeigt (beweist),
Fig. I. Rflckenmark, Dorsalstück, einet normalen Hundes (Hund A),
24 Standen nach dem Tode entnommen und gefärbt nach der Methode
Doxagoio’s. Die schwanen Paukte stellen die positiv gefärbten
Fasern dar.
daß sie verändert sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach hängt solohe Erschei¬
nung ab von dem Grad der Erhärtung der Stücke oder von anderen Faktoren
der Methode.
Hingegen fand man bei den 24 Stunden nach dem Tode entnommenen
Stücken sowohl bei Hund A (Figg. 1 und 2), als auch bei Hund B (Fig. 8),
aber mehr bei jenem als bei diesem, in der weißen Substanz eine sehr große
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
181
Zahl Fasern, welche sich positiv färbten, indem sie alle Eigenschaften aufwiesen,
welche hei den nach dieser Methode behandelten Präparaten die degenerierten
Fasern zeigen. Diese Fasern waren unvergleichlich viel stärker und von Aus¬
sehen verschieden von den schwachen Fasern, die ich erwähnt habe. Wie man
aus den angefügten schematischen Figuren ersieht, war ein Teil dieser Fasern
über die ganze weiße Substanz zerstreut, während ein anderer Teil in den
Seiten- und Hintersträngen eine sehr klare, schon dem bloßen Auge bei Beob¬
achtung des Präparates ersichtliche Systematisierung hatte. Aus den angefägten
schematischen Figuren bekommt man auch eine Idee von der topographischen
Erscheinung dieser systematischen Veränderungen und es ergibt sich, daß
sowohl die positiv gefärbten Fasern und Bändel regelmäßig symmetrisch von
beiden Seiten wären.
Dohaqoio’i.
Bei Hund A und Hund B, sowohl beim Dorsalmark wie beim Zervikal¬
mark, war ein Bändel positiv gefärbter Fasern am äußeren Teil der hinteren
Hörner, dessen Lage derjenigen der Pyramidalbändel der Fläche A von Pbbu-
s eni 1 entsprach.
An den Hintersträngen dagegen differierte die Lage der positiv gefärbten
Bändel bei beiden Versuchen. Tatsächlich hatten die Bündel bei Hund A die
in Schema 1 und 2 angegebene Lage, bei Hund B die in Schema 3 angegebene.
Nach der genauen doppelseitigen Symmetrie der positiv gefärbten Bündel
bildeten diese doppelseitig betrachteten bei Hund B eine Art p, mit verdicktem
Ende, und bei Hund A hatten sie die Form eines Kegels. Während beim
Dorsalmark die Basis dieses Kegels mit deii ganzen oder doch fast ganzen
hinteren Band der hinteren Stränge korrespondierte, war er beim Zervikalmark
mehr zusammengedrängt und nahm mehr den mittleren Teil der hinteren
Stränge ein, und seine Basis war zwischen dem (sulco paramediano) der beiden
Seiten enthalten.
1 Pnuaun, Journal f. Psychol. u. Neurol. XIX.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Gegenwärtig könnte ich nicht mit Genauigkeit angeben, wovon solche topo¬
graphische Verschiedenheit der Veränderungen der hinteren Stränge bei den
verschiedenen Tieren abhängt Vielleicht, daß bei verschiedenen Individuen die
verschiedenen Fasersysteme der hinteren Stränge einen veränderlichen Grad von
Empfindlichkeit haben?
Bei beiden Versuchen stellten sich in der grauen Substanz viele Fasern im
Längsschnitt gleicherweise angeschwellt dar; andere, besonders die dem voran¬
gegangenen Proportionsverhältnis entsprechenden zeigten sich wie in Beihen auf¬
gelöste Tropfen.
Der Beachtung wert ist die Tatsache, daß man bei mit dem Messer ge¬
machten Querschnitten in den 24 Stunden nach dem Tode entnommenen und
2 oder 3 Monate in der Müller sehen Lösung erhärteten Stöcken in den hinteren
und seitlichen Strängen Flächen beobachtete, die gekennzeichnet sind durch eine
hellere Färbung und die genau denjenigen entsprechen, welche nach Donaggio-
Methode positiv gefärbt sind. Nichts davon konnte dagegen bei den gleich nach
dem Tode des Tieres entnommenen Stücken beobachtet werden.
Gleichartige Erfahrungen habe ich außerdem gemacht bei 4 Hunden, denen
ich durch Hauteinspritzung starke Dosen von Bromkalium (3 bis 4 g pro Tag)
zugefügt habe. Bei diesen Tieren zeigten sich schon nach 3 bis 4 Tagen ernste
Anzeichen von Vergiftung. Als diese an dem Punkt angelangt war, daß das
Tier sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, und alles auf einen nahen
Tod schließen ließ, wurde das Tier getötet durch einen Schnitt in Höhe des
verlängerten Marks.
Sofort danach entnahm man ein Stück Mark (bei einigen Versuchen die
zervikale, bei andern die dorsale Stelle). Andere Stücke wurden nach einer be¬
liebig veränderlichen Periode von 1 bis 3 Tagen entnommen.
Die beiden Arten von Stücken wurden nach der oben erwähnten Methode
behandelt Diese Versuche wurden im Winter gemacht Die Temperatur des
Zimmers, in dem man die Leichen der Tiere gelassen hatte, überstieg um
weniges 1° C.
Diese zweite Art von Vereuohen ergab ganz ähnliche Resultate wie die
ersten Versuche an normalen Hunden. Jedoch verdient besondere Aufmerksam¬
keit die Tatsache, daß, trotzdem die Tiere ernste Anzeichen von Vergiftung
gezeigt hatten, die Donaggio-Methode keinerlei nachteiligen Beweis schuf für
die Fasern der gleich nach dem Tode entnommenen Stücke Mark.
Bei den am 1. bis 3. Tage nach dem Tode entnommenen Stücken be¬
stätigten sich die Kennzeichen und Veränderungen der Pyramidalbündel und
der hinteren Stränge (dieser letzteren nach veränderlicher Lage). Und das be¬
wahrheitet sich, ob nun das nach 1 bis 3 Tagen entnommene Stück Mark näher
oder ferner dem sofort nach dem Tode entnommenen gelegen war.
Der in den unmittelbar nach dem Tode des Tieres entnommenen Stücken
Mark errgebene negative Befund zeigt offensichtlich, daß die sehr ausgedehnten
systematischen Veränderungen, welche die Donaggio- Methode ans den zu ver¬
schiedenen Zeiträumen naoh dem Tode des Tieres entnommenen Stücken, sowohl
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
183
in den normalen als auch in den vergifteten, zu entnehmen gestattete, sich post
mortem entwickelt hatten.
Über die Natur und den Mechanismus der Entwicklung dieser post mor-
talen Veränderungen will ich jetzt kein Urteil abgeben.
Ich habe Untersuchungen im Gange, welche hoffentlich Licht über dieses
Phänomen ausbreiten werden. Was wirklich wichtig festzustellen ist, ist das,
daß die verschiedenen Fasersysteme des Rückenmarks sich post mortem in ver¬
schiedener Weise benehmen. Es hat von seiten einiger Antoren (Math , 1 * Naga-
taka Mubaohi 3 4 ) nicht an direkten Versuchen gefehlt.
Aber weder die von Mayb angewendete Methode (Toluidin blan, Bethe-
sohes Alkali), noch die von Nagataka Mobaohi angewendete (Marchi-Methode
und Weigert-Methode) sind zu diesem Zweck so geeignet, wie die Donaggio-
Methode.
Diese, einen ansgewählten (auserlesenen) Beweis für die Veränderungen
liefernde Methode ist diejenige, welche die feinsten und genauesten Resultate
ergibt.
Mayb und Nagataka Mubaohi auf der anderen Seite studierten nicht nur
die einfachen Veränderungen nach dem Tode, sondern auch die Veränderungen,
welche in den Rückenmarkstücken stattfinden, die eine gewisse Zeit außerhalb
des Organismus in verschiedenen Flüssigkeiten gehalten worden waren.
Die Verschiedenartigkeit der Methoden, die Verschiedenartigkeit des an¬
gewandten Studienmaterials (keiner der beiden Autoren experimentierte am
Rückenmark des Hundes), die Verschiedenartigkeit der Erfahrungen, gestatten
nicht, zu präzisieren, ob and welche von den von Mayb und Nagataka Mu-
baohi beschriebenen Veränderungen durch Donaggio-Methode bewiesenen ent¬
sprechen.
Von besonderem Interesse ist die Tatsache, daß die von mir beobachteten
Veränderungen nach dem Tode — wenigstens gegenüber der Marchi- und
Donaggio-Methode — genau die gleichen Eigenschaften der sogen, experimen¬
tellen Degeneration aufweisen.
Es ist bekannt, von wie vielen, besonders italienischen Autoren, unter
diesem Namen die speziellen, oft systematischen und immer symmetrischen
Veränderungen des der Wirkung der verschiedenen Gifte unterworfenen Rücken¬
marks beschrieben worden sind. Vassalb,* welcher auf ganz schematische Weise
die primären von den sekundären Degenerationen glaubte klar unterscheiden zu
können, hatte angenommen, daß die durch Gifte experimentell in den Rücken-
marksbündeln hervorgebrachten Veränderungen dem ersten Stadium der syste¬
matischen Rückenmarksaffektionen entsprächen, welche beim Menschen in Fällen
von Tabes, Pellagra 1 usw. beobachtet werden.
1 Math, Journal f. Psychol. u. Neurol. XI n. XVII.
* Nagataka Mubaohi, Obersteiners Arbeiten. XIX.
' Vassalb, Rivista eperim. di Freniatria. 1891 u. 1896.
4 Die Lehre Vassalb's wurde referiert von Lügabo im Handbach der patholog. Anat.
des Nervensystems von Flatau, MiBob, Jacobsohn.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
184
Aber Bionami 1 bewies, wie diese Lehre sich Dicht auf sichere Tatsachen
stützte; er hingegen betrachtete Veränderungen sui generis die experimentell
beim Tier hervorgerufenen und durch Donaggio-Methode beweisbaren systemati¬
schen Rüokenmark8veränderungen.
Über das Wesen und die innere Natur dieser Veränderungen können wir
zur Stunde sagen, daß wir noch recht wenig wissen.
Für die bis jetzt unbekannte Feststellung, daß post mortem Veränderungen
hervorgebracht werden, die gegenüber den Marchi- und Donaggio• Methoden sich
auf dieselbe Weise vollziehen wie die der „primären experimentellen Degene-
rationen“, erweist es sich als unerläßlich, das Studium dieser letzteren aufzu¬
nehmen, da sie, wie es wohl möglich ist, wenigstens in einigen Fällen ausgelegt
werden köunen als „primäre Degenerationen“ der einfachen postmortalen Ver¬
änderungen.
Im Hinblick darauf habe ich sohon eine Reibe von Versuchen unternommen.
[Aas der I. chirarg. Universitätsklinik in Wien.]
(Vorsteher: Hofrat Freiherr v. Eisklbbbbo.)
2. Zur Frage der Rückentuarksschüsse.
Von Prof. Dr. Otto Marburg.
In den Diskussionen über die therapeutischen Maßnahmen bei Schüssen mit
Rückenmarksläsionen findet man bisher keine rechte Stellungnahme. Am meisten
wird der Standpunkt Oppen heim’s geteilt, der zeigte, daß auf der einen Seite
zumeist komplette Querläsionen sind, die jeden chirurgischen Eingriff illusorisch
machen, während auf der anderen Seitfe vielfach Fälle sich fanden, die eine
spontane Remission schon nach kurzer Zeit erkennen lassen, also gleichfalls den
Eingriff überflüssig machen. Die Erfahrungen der Klinik v. Eiselsbbbo in
Wien, die ich kürzlich mit Prof. Ranzi in der Gesellschaft der Ärzte mitteilte %
lassen eine andere Ansohauung gerechtfertigt erscheinen. Es ist selbstverständ¬
lich hier nur von schweren Fällen die Rede, nicht von jenen, die gleich vom
Anbeginn oder in den allerersten Wochen eine Besserung erkennen lassen, also
Fälle, die auoh nach vielen Wochen noch stationär bleiben oder nach anfäng¬
licher geringfügiger Besserung einen stationären Charakter annebmen.
Der ablehnende Standpunkt bezüglich des chirurgischen Eingriffs gründet
sich in erster Linie auf die Diagnose, die angeblich ermöglicht, eine komplette
Durchtrennung des Rückenmarks sicher von einer nur indirekten Schädigung
etwa nach einer Kompression zu unterscheiden. Ich darf nach den bisherigen
eigenen Erfahrungen wohl sagen, daß wir im Vorhinein nicht in der Lage sind,
eine komplette Querläsion sicher zu diagnostizieren. Die Querläsion scheint
nämlich nicht nur durch eine Durchtrennung des Rückenmarks durch das
1 Atti del IV Congreaao della Soc. ital. di patologia. 1906.
1 Wiener klin. Wochenschrift 1915. Nr. 5.
Digitized b'j
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
185
Projektil bedingt, sondern auch, wie das aus unseren Fällen hervorgeht, durch
indirekte Schädigung des Rückenmarks, sei es durch Malacie oder besonders
sich auf größere Strecken ausbreitende Ödeme. Man wird mir sofort einwenden,
daß man über diese Verhältnisse zum Teil durch das Röntgenbild, zum Teil
durch das genaue Studium der Schußrichtung Aufklärung erlangen könne.
Weder das eine noch das andere ist der Fall. Wir haben in unseren 35 Be¬
obachtungen schwerer Rückenmarksläsionen nach Schuß einen Fall, in welchem
das Projektil intradural lag und das Rückenmark kaum eine Schädigung bot.
Wir haben andererseits Fälle durch die Obduktion verifiziert, bei denen die
Wirbelsäule kaum getroffen war und trotzdem der Querschnitt eine schwere
Erweichung zeigte.
Es war mir natürlich bei den ersten Beobachtungen ungemein schwer, die
Indikation zum Eingriff zu stellen, wenn alles für absolute Querdurchtrennung
sprach. Am besten wird dies die kurze Mitteilung einer Krankheitsgeschichte
illustrieren.
Ein SOjähriger russischer Infanterist wurde am 7. IX. 1914 bei Lemberg
durch einen Gewehrschuß verwundet. Der Schuß querte den Hals von links
nach rechts. Er wurde bereits am 15. IX. der Klinik eingeliefert und zeigte
eine Sensibilitätsstörung von C 7 , C 8 , D r Von D, bis D 4 war eine hypalgetiscbe
Zone, von da abwärts komplette Anästhesie. Eine hyperalgetische Zone nicht
über ein Segment breit fand sich über dem anästhetischen Gebiet. Schlaffe
Lähmung der oberen Extremitäten, besonders der Hände, schlaffe Lähmung der
unteren Extremitäten, Fehlen der Sehnenreflexe, Fehlen der Hautreflexe, Retentio
urinae et alvi. Da wir eine indirekte Rückenmarksläsion hier annehmen mußten,
entschieden wir uns trotz der scheinbar kompletten Querläsion am 17.X. 1914
zur Operation, die Prof. Ranzt vornahm. Es fand sich eine geradezu klassische
Aracbnoidealzyste, eine Meningitis serosa circumscripta, etwa in der Ausdehnung
von C 7 bis D a . Die Haut der Zyste war sehr derb. Nach der Operation schwand
zuerst die Sensibilitätsstörung. Es besserte sich die Motilität; die Reflexe traten
auf, waren gesteigert, der Patient beginnt bereits mit Unterstützung herumzu¬
gehen. Wenn ich kurz hinzufüge, daß bei Läsionen im mittleren Dorsalmark
bezüglich des Verhaltens der unteren Extremitäten genau das Gleiche vorliegt,
wie in dem angeführten Falle und das Operationsresultat ein gleiches ist, so
wird man wohl beistimmen müssen, daß die Diagnose einer kompletten Quer¬
durchtrennung aus klinischen Momenten nicht immer sicher zu machen sein
dürfte.
Ich will hier nicht weiter auf die Verhältnisse der Arachnoiditis circum¬
scripta eingehen. Wir sehen sie so oft und immer wieder bei den Schußverletzungen
unter einem anderen klinischen Bilde, daß man von der Aufstellung eines
differentialdiagnostischen Momentes vorläufig abstehen muß. Es ist überhaupt
schwer zu sagen, wodurch das klinische Bild hei den Rückenmarksschüssen erzeugt
wird. Höchstwahrscheinlich ist das, was wir sehen, vielfach die Folge von Odemen,
die sich im Anschluß an die Arachnoidealveränderungen entwickeln. Es erscheint
aber andererseits nicht ganz unmöglich, daß auch Diachisiswirkung und Shock
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
— 186 —
mit dabei beteiligt sind, wobei man freilich das Stationärwerden der Erschei¬
nungen schwer begreifen wird.
Es ist eigentlich zu verwundern, daß die Laminektomie, die sicherlich in
der Hand eines kundigen Chirurgen keine besonders schwere Operation ist, bei
den Büokenmarksschü8sen von vornherein abgelehnt werden soll. _ Sie ist anch
in jenen Fällen indiziert, wo eine komplette Querdurchtrennung des Rücken¬
marks vorzuliegen scheint, wo man aber den absolut sicheren Beweis einer
solchen nicht zu erbringen vermag.
Ich möchte schließlich hier die Indikationen wiederholen, die Prof. Ranzi
und ich für die Operation der Rückenmarksschüsse aufgestellt haben:
1. Im Gegensatz zu den Hirnschüssen sind wir bei den Rückenmarks¬
schüssen mit schweren Erscheinungen zunächst für ein gewisses Zuwarten, bis
der Zustand ein stationärer geworden ist Wenn sich jedoch dann in solchen
Fällen nach etwa 4 bis 5 wöchentlicher klinischer Beobachtung keine Änderung
des Zustandes zeigt halten wir die Laminektomie für indiziert
2. Die Operation ist kontraindiziert bei pulmonalen und abdominalen Kom¬
plikationen, sowie schweren Eiterungsprozessen in der Nähe des Operationsfeldes
(dahin gehört auch ein schwerer, eitriger, progredienter Decubitus), ferner auch
bei eitriger Zystitis und aufsteigender Pyelitis.
8. Nicht kontraindiziert ist der Eingriff jedoch bei leichter Infektion der
Hamwege und granulierendem Decubitus.
4. Es ergibt sich aus unserer statistischen Zusammenstellung trotz des
kleinen Materials, daß die Rückenmarkdurchschüsse und Tangentialschüsse im
Gegensatz zu den indirekten Rückenmarkssohüssen kaum anzugeben sind.
II. Referate.
Tetanie.
1) Tetanie und tetanoide Zustände im Kindesalter, von Rudolf Fisch 1.
(Klin.-therap. Wochenschr. 1913. Nr. 4 u. 5.) Ref.: G. Stiefler.
10jähriger Knabe, im Wachstum zurückgeblieben, von außerordentlicher In¬
telligenz und geradezu krankhafter Lebhaftigkeit, in der Aszendenz familiäre
Glykosurie. Am Ende des 1. Lebensjahres stellte sich plötzlich im Anschlüsse an
eine leichte Verdauungsstörung ein heftiger eklamptischer Anfall mit tiefer Be¬
wußtlosigkeit von zwölfstündiger Dauer mit folgender Parese des linken Mund-
fazialis ein, die sich nach einer Woohe spurlos verlor. Kurz nach dem Anfall
wurde ein lebhaftes Fazialisphänomen (Chvostek 2) sowie starke mechanische
Übererregbarkeit der Nerven radialis und peroneus gefunden, sowie im Alter von
6 Jahren eine ganz wesentliche Steigerung der galvanischen Nervenerregbarkeit
mit kathodischen Typus festgestellt. Der Knabe entwickelte sich intellektuell
sehr gut und wurde ein großer Renommist. Später stellten sich bei ihm eigen¬
tümliche an petit mal erinnernde Anfälle mit sensorischer Aura im Gebiete des
Geruchssinnes ein, die sich im Herbste und Winter häuften, im Frühjahr ihr
Maximum erreichten, um in den Sommermonaten längere Zeit auszubleiben. Seit
2 Jahren setzten statt dieser Zustände Anfälle vom Typus der Jackson-Epilepsie
ein, denen auch gewöhnlich digestive Störungen vorausgingen: Ängstlicher Ge-
Digitized b'j
Google
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
187
sichtsausdruck, der Mund wird schief nach links verzogen, die Bulbi stehen nach
links und oben, die linksseitigen Extremitäten zeigen anfangs klonische Zuckungen,
später tonische Kontrakturen; Bewußtsein erloschen, keine Pupillenreaktion. Dauer
des Krampfes 1 / 2 bis 1 Minute, hierauf tiefer, mehrstündiger Schlaf. Postparoxys¬
male Acetonurie; Häufung der Insulte bis zehnmal im Tage. Während die
mechanische und galvanische Übererregbarkeit der Nerven stets hochgradig ge¬
steigert gefunden wurde, war das Trousseausche Phänomen niemals hervorrufbar.
Verf. reiht den Fall in die Gruppe der tetanischen Zustände ein und be¬
spricht auf Grund seines reichhaltigen Eigenmaterials die Valenz und Häufigkeit
der Einzelsymptome. Dem Nachweis des isolierten Fazialisphänomens, das stets
ein wertvolles Orientierungsmittel ist, komme keine ausschlaggebende Bedeutung
zu, da es auch bei anderen Zuständen vorkommt, die mit der Tetanie nichts zu
tun haben. (Bef. kann dieser Ansicht, die ja auch andrerseits wiederholt
hervorgehoben worden ist, auf Grund jahrelanger Beobachtung nur zustimmen.)
Der Nachweis von zwei oder mehreren Symptomen erhöhter mechanischer Erreg¬
barkeit der peripheren Nervenstämme genüge bei Kindern der ersten zwei Lebens¬
jahre zur Diagnose eines tetanischen Zustandes, und nur bei älteren Individuen
müsse auch die Existenz sonstiger Symptome gefordert werden. Verf. fand in
seinem Materiale, das sich auf mehr als 300 Fälle von Tetanie und tetanischen
Zuständen erstreckt, das Fazi&lisphänomen sehr konstant und häufiger als das
Peroneusphänomen. Dem TrousBeau gebührt absolute Beweiskraft, doch gehört er
zu den wenigst konstanten und flüchtigsten Erscheinungen der infantilen Tetanie
und fehlt besonders bei den leichteren Formen. Gegenüber der Auffassung, aus
dem alleinigen Nachweis gesteigerter galvanischer Erregbarkeit ohne sonstige
Zeichen einen tetanischen Zustand zu diagnostizieren (Thiemich, Finkeistein,
v. Pirquet, Escherich), verhält sich Verf. zurückhaltend. Karpopedale Spasmen
sind nicht besonders häufig (5 °/ 0 ). Verf. erörtert dann eingehend die Frage über
das Wesen der Tetanie, ihre Beziehungen zur Bachitis, den Kalkstoffwechsel.
Die Spasmophilie kommt nicht ausschließlich bei künstlich genährten Säuglingen,
sondern auch bei reinen Brustkindern vor, verläuft aber bei letzteren wesentlich
milder. Bezüglich des Einflusses der Wohnungsverhältnisse erwähnt Verf., daß
auch in sozial gut gestellten Kreisen die Tetanie nicht selten zu finden ist. Er
konnte, abgesehen von chronischen Formen des tetanischen Zustandes und der im
Verlaufe der Jahre erfolgenden Krampfrezidiven Dauerfolge als tiefgreifende
Störungen des Gesamtbefindens beobachten (so bei einem Knaben geistige und
körperliche Minderwertigkeit, bei einem anderen Kinde, das im ersten Lebensjahre
eine leichte Tetanie zeigte, Fettsucht). Prophylaktisch kommen die allgemeinen
Begeln der Ernährungs- und Wohnungshygiene in Betracht, systematisch wirkt
als ein souveränes Mittel der Phosphorleberthran, der im besondern den Stimm¬
ritzenkrampf, die exspiratorische Apnoe in der weitaus größten Zahl der Fälle
rasch beseitigt; vom Paraganglin (Vassale) sah Verf. nie einen Nutzen. Dem
sehr lesenswerten Aufsatz folgt ein ausführliches Literaturverzeichnis.
2) Beitrag zur Klinik der seltenen Formen tonischer Krämpfe im Kindes¬
alter: Tet&nia neonatorum und Esoheriohs Pseudotetanus, von Heinrich
Higier. (Zeitschr.f.d.ges.Neur.u.Psych. XXII. H.4u. 5.) Bef.:M.Pappenheim.
I. Bei einem achtwöchigen Säugling entwickelt sich fieberlos und schleichend
— etwa eine Wdbhe nach einem stattgehabten oberflächlichen, keine Wunde
hinterlassenden Trauma — ein tetanusähnlicher Zustand, der in den Beinen be¬
ginnt, nach einigen Tagen auf die Bumpf- und Kaumuskulatur übergreift und
die oberen Extremitäten relativ am wenigsten affiziert. Die tonische, auch im
Schlafe bestehende Starre der Muskulatur der Beine, des Bauches und des Brust¬
korbes, zu der sich später Nackenstarre und Trismus hinzugesellten, wird anfalls¬
weise durch plötzliche Exazerbationen verstärkt Die tetanische Starre besteht
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
188
ohne erhöhte mechanische und elektrische Erregbarkeit, ohne Chvosteksches und
Trousseausches Phänomen und schwindet nach 6 Wochen langsam und spurlos.
— Verf. betrachtet den Fall als eine posttraumatische, durch eine abgeschwächte
Varietät hervorgerufene Tetanusinfektion«
II. 7 monatiger Knabe, der nach einer asphyktischen Geburt mit Nabel¬
schnurumschlingung um den Hals beinahe von dem ersten Lebenstage an mit
krankhaften Kontrakturen der Extremitäten, Spasmen der Rumpf- und Gesichts-
muskulatur behaftet war, zu denen sich im dritten Lebensmonate häufige
eklamptische Anfalle, charakterisiert durch tonische Extension der oberen und
unteren Gliedmaßen, hinzugesellten. Im 11. Lebensmonate plötzlicher Exitus
während eines eklamptischen Anfalls.
Wegen der typischen Karpopedalspasmen, der charakteristischen Geburts¬
helferstellung der Finger, wegen des Fazialisphänomens und der galvanischen
Übererregbarkeit, die zwar in der Regel fehlten, aber naoh den gehäuften tonischen
Krampfanfällen konstant nachzuweisen waren, hält Verf. die Tetanie, trotz der
Seltenheit ihres Vorkommens bei Neugeborenen, für die wahrscheinlichste Diagnose.
Bemerkenswert ist, daß in Übereinstimmung mit einigen Fällen von Kehrer, im
Gegensatz zu den gewöhnlichen intermittierenden Fällen, ein ausgesprochen chro¬
nischer, stationärer Zustand bestand, der keineswegs bloß die Extremitätenmusku-
latur betraf. Wie in Fällen von Kehrer fand sich Trübung des Bewußtseins.
Ferner war die geistige Entwicklung erschwert, was zusammen mit den anderen
Krankheitaerscheinungen die Differentialdiagnose gegenüber der mit Idiotie ver¬
bundenen Littlesehen Krankheit schwierig machte.
3) Säure und Nervenerregbarkeit, von Elias. (Wiener klin. Wochenschr.
1914. Nr. 2.) Bef.: Pilcz (Wien).
Verf. erinnert an Ernährungsstörungen im Kindesalter, für welche viele
Pädiater eine Azidosis postulieren, und die andererseits mit den Bildern der
Spasmophilie sich decken, ferner an die Tetanie der Erwachsenen, die bei Gravi-
ditäts-, Hungerazidose usw. vorkommt
Nach einer Säure Vergiftung auf intravenösem oder peroralem Wege mit ver¬
schiedenen Säuren oder sauren Salzen zeigten Kaninchen und Hunde stets eine
Erhöhung der nervösen Erregbarkeit, die sich sowohl für elektrische als mechanische
Reize nahweisen ließ. Bei ganz schweren Vergiftungen kam es auch, beim Hunde,
zu spontanen Krämpfen. Durch rasche intravenöse Sodazufuhr läßt sich das Tier
meist retten. Die Krampferscheinungen gehen nioht augenblicklich zurück, aber
die elektrische Erregbarkeit sinkt zunächst, um nach 2 bis 4 Tagen wieder
normale Werte zu zeigen.
Verf. stellt genauere Mitteilungen, auch über Veränderungen der Rinden¬
erregbarkeit, in Aussicht.
Syphilis des Zentralnervensystems und Zerebrospinalflüssigkeit,
4) Über Anwendung des Gehirnextraktes als Antigen bei der Wasser¬
mann sehen Reaktion, von H. Maruyama. (Jahrbüoher f. Psych. u. Neurol.
XXXV. 1914. S. 32.) Ref.: Pilcz (Wien).
Die Versuche des Verf.’s, die in 11 Tabellen übersichtlich zusammengestellt
sind, führen zu folgenden Ergebnissen:
1. Alkohol- und Alkoholätherextrakt der Gehirnsubstanzen sind als Antigene
bei der Wassermann sehen Reaktion unbrauchbar.
2. Azetonextrakt der Gehirnsubstanz kommt als Antigen bei der Reaktion
in Frage; er gibt Resultate fast gleicher Intensität wie die eigentliche Wasser¬
mann sehe Reaktion.
3. Bei je einem Falle von Paralyse und Manie fiel die Reaktion mit Azeton-
Di gitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
189
extr&kt in Serum negativ an*, während die eigentliche Wassermann sehe Reaktion
positiv war.
6) Untersuchungen über dae Verhalten des Liquor cerebrospinalis bei
Alteren Heredosyphllitikern, von Prsedpelska. (Wiener med. Wochen¬
schrift. 1914. Nr. 12.) Ref.: Pilcz (Wien).
Fall I. Kind von 6 1 /* Monaten. Bei der ersten Aufnahme mit l l / f Monaten
luetische Periostitis, Wassermannreaktion-Serum positiv, nach Neosalvarsan Affek¬
tion gebessert, Wassermannreaktion unverändert. Bei der zweiten Aufnahme
Exanthem, rotatorischer Nystagmus. Lumbalpunktat klar, Wassermannreaktion-
Liquor und Phase I negativ, starke Lymphozytose, 83 Zellen im Kubikmillimeter.
Nach Neosalvarsan Schwinden des Nystagmus.
Fall H. 2jähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, Lumbalpunktat klar,
Wassermannreaktion-Liquor und Phase I negativ, 7 Zellen.
Fall III. 2 1 /)jahr. Knabe; Endarteritis luetica, Hemiplegie, Gummi? Wasser¬
mannreaktion-Serum +, Lumbalpunktat klar, zahlreiche Lymphozyten, Phase I
und Wassermannreaktion-Liquor positiv.
Fall IV. 6jähr. schwachsinniges Mädchen; Wassermannreaktion-Serum + ,
Flüssigkeit klar, 3 Zellen, Wassermannreaktion-Liquor und Nonne-Apelt negativ.
Fall V. 7jähr. Knabe; Tabes inoipiens. Wassermannreaktion-Serum + ,
starker Druck, 7 bis 8 Zellen, Wassermannreaktion-Liquor +, Phase I —.
Fall VI. 9jähr. Mädchen; Tabes inoipiens. Wassermannreaktion-Serum +,
mäßiger Druck, Wassermannreaktion-Liquor stark +, Phase I schwach +,
36 Zellen, Lymphozyten zu polynukleären Leukozyten 9:1.
Fall VII. 9jähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, Flüssigkeit klar,
Wassermannreaktion-Liquor —, 3 bis 4 Zellen, 12°/ 0 polynukleäre.
Fall VIII. lOjähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, klare Flüssigkeit
unter geringem Drucke, Wassermannreaktion-Liquor und Phase I —, 22 Zellen,
22 °/ 0 polynukleäre.
Fall IX. lOjähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, Flüssigkeit klar,
normale Befunde.
Fall X. 13jähr. Mädchen; Wassermannreaktion-Serum sohwaoh +, 18 Zellen
mit 11 Lymphozyten, Wassermannreaktion-Liquor und Phase I —.
Resümee der Fälle, Schilderung der Technik, Besprechung der einschlägigen
Literatur.
6) The Morieon Lectures 1913. The serom and oerebrospinal fluid
reaotlons and slgns of general paralysis, by G. M. Robertson. (Journ.
of ment. Science. LX. 1914. Nr. 248.) Ref.: W. Misch.
Die Serum- und Liquorreaktionen und -Symptome bei Paralyse werden, zu¬
gleich mit Angaben über die jeweilige Technik, zusammengestellt. Zur Diagnose
kommen in Betracht die Wassermann sehe Reaktion im Blut und in der Zerebro¬
spinalflüssigkeit, Zellvermehrung, Auftreten von Plasmazellen, Globulinvermehrung
und Eiweiügehalt des Liquors. Diese 6 Reaktionen und Symptome sind von¬
einander in der Entstehung unabhängig und ihrer Natur naoh verschieden, so
daß sie einander ergänzen und bestätigen. So ist die Wassermann sehe Reaktion
im Blut unabhängig von der Reaktion im Liquor, was auch daraus erhellt, daß
bei gewöhnlicher Syphilis die erstere positiv und die letztere negativ ist, während
bei Paralyse zuweilen die Verhältnisse umgekehrt sind. Ebensowenig besteht eine
Beziehung zwischen der Wassermann sehen Reaktion und der Lymphozytose oder
der Globulinvermehrung, obwohl die bei der ersteren reagierenden Lipoidsubstanzen,
wenn sie vorhanden sind, mit dem Globulin ausgefällt werden oder zwischen dem
Globulin- und Eiweißgehalt oder zwischen der Lymphozytose und dem Auftreten
von Plasmazellen. Das Zusammentreffen von so vielen diagnostischen Merkmalen
muß die Diagnose Paralyse unzweifelhaft machen, selbst wenn das eine oder das
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
190
andere ans irgend einem Grande fehlt, und umgekehrt kann man bei Fehlen aller
dieser Symptome die Diagnose Paralyse mit Sicherheit ansschließen. Die Wasser¬
mann sehe Reaktion im Liquor kann in 6%, im Serum in l°/ 0 der Fälle, eine
deutliche Lymphozytose in 10% der Fälle fehlen, ohne daß bei der Fülle der
anderen Merkmale die Diagnose zweifelhaft sein kann. Die anderen drei Sym¬
ptome fehlen sehr selten. Von geradezu differentialdiagnostischer Bedeutung ist
das Verhalten dieser Symptome nach den gewöhnlichen Salvarsandosen: bei Para¬
lyse werden dieselben in ganz geringem Maße und nur vorübergehend verändert,
daß etwa die Wassermann sehe Reaktion für kurze Zeit schwächer positiv oder
negativ oder der Zellgehalt herabgesetzt wird; dagegen ist die Salvarsanwirkung
bei Lues cerebrospinalis eine außerordentlich deutliche, die Globulin Vermehrung
verschwindet, der Zellgehalt wird auf fast normale Verhältnisse reduziert und die
Wassermann sehe Reaktion wird gewöhnlich im Liquor und oft auch im Blut
wieder negativ.
7) The cell oount ln spinal fluid in syphilitio disease of central nervous
System, by 0. P. Bigelow. (Cleveland med. Journ. XII. 1913. Nr. 9.)
Ref.; W. Misch.
Eine Zellvermehrung im Liquor cerebrospinalis findet sich in 98,2 °/ 0 der
Fälle von Paralyse, in 100% der Tabesfälle und in 86,3 % der Fälle von Lues
cerebrospinalis. Bei anderen Erkrankungen des Zentralnervensystems wurde eine
Zell Vermehrung über 7 Zellen nur in 3%% der Fälle gefunden, besonders bei
Hirntumor und Herpes zoster, deren klinische Unterscheidung von den syphili¬
tischen Erkrankungen im allgemeinen nicht sehr sohwer fällt; die akute Menin¬
gitis gibt eine so starke Leukozytose, daß die Diagnose nicht zu verfehlen ist.
Durchschnittlich fanden sich bei Paralyse 35 Zellen (8 bis 40) im Kubikmilli¬
meter, bei Tabes 52 (40 bis 100) Zellen und bei Lues cerebrospinalis 83 (50 bis
500) Zellen. Meist hat ein jeder Fall eine konstante Pleozytose, zu der er stets
zurückkehrt; atn größten sind die Schwankungen bei Lues cerebrospinalis, wo die
Pleozytose in beständigem Absinken begriffen und bei der akuten Erkrankung,
d. h. im Anfang, am höchsten ist Bei der Paralyse hat die Höhe der Pleozytose
keine Beziehungen zu dem geistigen oder körperlichen Befinden. Bei der Para¬
lyse ist die Durchschnittszahl der Zellen in den Anfangs- und den Endstadien
höher als in den mitteren Perioden, bei Lues cerebrospinalis dagegen findet sich
gewöhnlich nach dem akuten Ausbruch der Erkrankung ein stetes Absinken der
Zellzahl bis zu einer bestimmten Höhe oder bis zum Normalen, was ja dem
klinischen Verlauf der beiden Krankheiten entspricht Auf Jodbehandlung wurde
in einigen Fällen von Paralyse und Lues cerebrospinalis eine vorübergehende
Zell Vermehrung beobachtet, während nach intramuskulären Quecksilbergaben eine
Herabsetzung der Zellzahl beobachtet werden konnte. Krampfanfälle sind meist
von einer Herabsetzung der gewöhnlichen Zellzahl begleitet Auch kurz vor dem
Tode kann man zuweilen ein Absinken derselben bis zum Normalen beobachten,
während nach dem Tode die Zellzahl schnell und beträchtlich ansteigt, wie durch
postmortale Lumbalpunktionen an 6 Paralysefällen und je einem Tabes- und Lues
cerebrospinalis-Fall nachgewiesen werden konnte.
8) Juvenile paresis treated by the intraspinal Injeotion of salvarsaniaed
serum. Report of a case, by E. C. Riggs. (Journ. of the Amer. med. Assoc.
LXII. 1914. Nr. 24.) Ref.: W. Misch.
Bei einem typischen Fall von juveniler Paralyse (8% Jahre alt) wurde die
intraspinale Behandlung mit salvarsanisiertem Serum nach Swift und Ellis an¬
gewandt; die Injektionen wurden im ganzen 8 mal ausgeführt. Während die sero¬
logischen Befunde nach der Behandlung nur wenig zurückgingen, fand sich klinisch
eine bedeutende Besserung, besonders hinsichtlich der psychischen Äußerungen
und der Sprache; trotzdem trat gerade zu dieser Zeit ein erster epileptiformer
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
191
Anfall auf. Fenier wird über die Behandlungserfolge bei anderen Fällen be¬
ruhtet: bei 3 Fällen von Paralyse, die mit sechs and mehr intraspinalen Injek¬
tionen behandelt worden waren, wiesen zwei bedeutende Remissionen auf, der
dritte blieb unverändert, Hand in Hand mit der klinischen Besserung gehen die
serologischen Reaktionen zurück. Die Reaktion auf die Injektion ist gering und
zu vernachlässigen; nur in einem Fall wurde nach der Injektion eine aseptische
ohemische Meningitis beobachtet, die trotz bedrohlicher Erscheinungen in Heilung
überging.
9) Über die Beziehungen der allgemeinen nervösen Symptome im Früh-
stadium der Syphilis zu den Befunden des Lumbalpunktates, von
W. Wechselmann und Elly Dinkelacker. (Münohener med. Wochenschr.
1914. Nr. 25.) Ref.: W. Alexander.
Wechselmann hat gegenüber Finger betont, daß die nervösen Störungen
im Frühstadium der Syphilis nach Salvarsanbehandlung nicht Aroenvergiftungen
sind, sondern durchaus der Syphilis angehören. Es wurde daher nach diesen im
Frühstadium der Syphilis sehr häufigen, aber oft nicht beachteten allgemeinen
Symptomen gefahndet und das Krankenblatt mit entsprechenden Vordrucken
(Kopfschmerz, rheumatische Schmerzen ubw.) versehen. Das Lumbalpunktat wurde
auf Nonne, Lange sehe Goldreaktion und Wassermann untersucht, die Zellen im
Zentrifugal gefärbt und auf dem Deckglas gezählt. So wurden 221 (151 Männer,
70 Frauen) Fälle vor oder ganz im Beginn der Salvarsankur untersucht. In
40% wurde bei bestehenden nervösen Symptomen eine Veränderung des Lumbal-
punktata gefunden. In 14 % fehlten solche, wenn nervöse Erscheinungen fehlten.
In 27 % war das Punktat bei fehlenden Symptomen verändert, in 14% unver¬
ändert bei nervösen Erscheinungen. Sind nervöse Erscheinungen da und das
Punktat negativ, so beweist das im Anfang nichts, weil es erst später positiv
werden kann; man muß dann einige Wochen später punktieren.
Das Zentralnervensystem war nach dem positiven Befund im Punktat er¬
krankt in 86% bei Frauen, 84% bei Männern; es scheint also kein Unterschied
zwischen beiden Geschlechtern in dem BefallenBein des Zentralnervensystems zu
bestehen. Manchmal gehen klinische Besserung und Beeinflussung des Punktats
parallel, manchmal auch nicht. Ein positiver Lumbalbefund bei Abwesenheit
nervöser Symptome ist relativ häufig. Das spricht dafür, daß das Zentralnerven¬
system von vornherein infiziert wird, und daß dessen Herde in der Heilung
mit den Haut Symptomen nicht gleichen Schritt halten. Es folgt daraus auch,
daß eine Behandlung nicht als abgeschlossen gelten kann ohne Kontrolle des
Lumbalpunktats. Es herrscht volle Übereinstimmung darüber, daß wir jeden
Luetiker mit positivem Lumbalbefund, gleichgültig, ob er nervöse Symptome hat
oder nicht, behandeln. „Nicht gelöst dagegen ist die Frage, ob man einen
Patienten mit nervösen Symptomen und ganz normalem Liquor behandeln soll.“
(Quousque tandem ? Ref.)
10) Über Abortivheilungen und Neurorezidive bei der modernen Syphilia-
behandlung, von Prof. Werther. (Deutsche med. Wochenschrift 1914.
Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel.
Mit der SalvarsaneinfÜhrung haben wir eine Verbesserung der Sterilisation
des durchseuchten Körpers, aber den Übelstand der Hirnsohwellungen und der
Neurorezidive im sekundären Stadium. Die leichtesten Formen der Neurorezidive
äußern sich in Kopfschmerz, Schwindel und Ohrensausen. Diese Symptomentrias
weist mit Sicherheit auf ein Neurorezidiv hin und erheischt ernste Beachtung und
Behandlung. Dazu kommt oft Schlaflosigkeit; in einzelnen Fällen ist letztere
das einizige Symptom der zerebralen Erkrankung und als Neurorezidiv zu be¬
werten. Die zweite Form sind die lokalisierten Erscheinungen von seiten der
Hirnnerven (N. II, III, IV, VII, VIII). Drittens treten nicht selten Dämmer-
Di gitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
192
zustande von kürzerer oder längerer Dauer auf, auch Epilepsie und Demenz.
Diese Neurorezidive pflegen im Durchschnitt 6 Wochen nach dem Ende der ersten
Kur aufzutreten bei Kranken, die sich im frühen sekundären Stadium in Behand¬
lung begeben haben, sie wurden auch früher vor der Salvarsanzeit beobachtet,
sind aber nach der Salvarsaneinführung entschieden häufiger geworden, es sind
typische syphilitische Erkrankungen des Zentralnervensystems.
Zur Verhütung der Neurorezidive ist es notwendig, daß die Behandlung in¬
tensiver ist. Dieselbe muß chronisch sein; man darf die Spirochäten nicht zur
Buhe kommen lassen. Eine Pause in der Hg-Behandlung ist zur Verhütung von
Stomatitis und Gastritis geboten. Sie darf aber nar 4 Wochen dauern. Blut
und Liquor sind dauernd zu kontrollieren.
„Bei richtiger und frühzeitiger Anwendung des Salvarsans können wir min¬
destens die Hälfte aller primären Luesfälle heilen! Ferner können wir den Ver¬
lauf der Syphilis im ganzen abkürzen, wenn sie im sekundären Stadium erst in
Behandlung kommt. Im tertiären Stadium kommen nur die symptomatischen
Wirkungen unserer Heilmittel in Betracht. 11
11) Zur kombinierten Behandlung der Lues oerebri, von Hermann Hoff¬
mann. (Inaug.-Dissert. Kiel 1913.) Bef.: K. Boas.
Die Arbeit des Verf.’s stützt sich im ganzen auf acht der kombinierten Be¬
handlung unterzogenen Fälle von Lues cerebri. Das Gesamtresultat ergibt, daß
das Ergebnis der Therapie gut ist. 2 Fälle betrachtet Verf. als geheilt. In
beiden wurde eine negative Wassermannsohe Beaktion erzielt. Die kombinierte
Methode ist demnach bei Lues cerebri indiziert, sie scheint Dauererfolge zu
bringen, wenn sie gründlich ausgeführt wird, sich über Woohen erstreckt und
wiederholte Salvarsandosen mittleren Grades (0,6) durch energische Inunktionen
unterstützt werden. Ob intravenöse oder intramuskuläre Salvarsanapplikation
vorzuziehen ist, läßt Verf. dahingestellt. Der Salvarsan-Hg-Kur muß dann noch
monatelange Jodmedikation folgen.
12) Zur Therapie der syphilitischen Nervenkrankheiten, von H. Oppen¬
heim. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 16.) Bef.: E. Tobias.
Verf. berichtet über seine Beobachtungen an etwa 136 Fällen von syphiliti¬
schen Nervenkrankheiten, von denen die Mehrzahl zu den sogen, metasyphilitisohen
Nervenkrankeiten im früheren Sinne gehören, der kleinere Teil unter die Bubrik
der Lues cerebri, spinalis und cerebrospinalis fällt. Es ist auch heute nicht
daran zu zweifeln, daß die degenerativen Erkrankungen den bekannten antisyphi¬
litischen Mitteln einen ganz besonderen Widerstand entgegensetzen.
Unter 20 Fällen von Lues cerebri wurden 8 durch Salvarsan günstig be¬
einflußt, in 3 Fällen nahmen die Erscheinungen zu, 9 zeigten weder Besserung
noch Verschlimmerung des Leidens. Bei 4 Patienten schlossen sich Hirnsymptome
an die Salvarsantherapie an, wurden aber bei 2 durch diese Behandlung wieder
zurüokgebracht.
Von 16 Fällen von Lues spinalis, die mit Salvarsan behandelt wurden, waren
6 mit Erfolg behandelt, während 7 unbeeinflußt blieben; bei 2 trat Verschlech¬
terung ein. In 2 Fällen trat das Rückenmarksleiden erst im Anschluß an die
Salvarsankur ein.
Von 60 mit Salvarsan behandelten Tabikern zeigte sich 10 mal ein Erfolg,
besonders in Nachlassen von lanzinierenden Schmerzen und Krisen. 11 mal zeigte
sich ein Mißerfolg, indem Symptome wie Blasenschwäche, Ataxie usw. rasch pro¬
gredient wurden oder eine vorher nicht bemerkte Opticusatrophie zur Entwicklung
kam. 29 wurden nicht merklich beeinflußt.
Von 3 Patienten, die wegen frischer Syphilis mit Salvarsan behandelt waren,
sah Verf. Erstlingssymptome der Tabes dorsalis sich entwickeln.
Von 24 Fällen von Paralyse blieben 16 durch Salvarsan unbeeinflußt und
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
193
bei 6 zeigten die Symptome eine auffallend rasche Zunahme. Nur 2 bis höchstens
3 reagierten mit einer Remission auf die Behandlung.
In Fällen, in denen anderweitige Erkrankungen des Nervensystems bei Syphi¬
litikern Anlaß zu Salvarsankuren gaben, sah Verf. nie Nutzen für diese Nerven¬
erkrankungen.
Einschränkend betont Verf., daß er nicht in allen Fällen die Behandlung
selbst verordnet und selbst mit kontrolliert hat.
Salvarsaoschädigungen hat Verf. 1911 und 1912 gesehen und zwar keinen
Exitus, aber zweimal eine Encephalomyelitis gravis, 1913 sind ihm keine schweren
Salvarsanschädigungen mehr begegnet. Salvarsan ist nach Verf. zweifellos eine
sehr wertvolle Bereicherung unseres neurologischen Arzneischatzes, wenn auch von
den ersehnten Wundern noch nicht viel zu beobachten war.
Sehr zu beachten sind die warnenden Schlußbemerkungen dee Verf.’s, in
denen er seine schweren Bedenken dazu äußert, daß die neueren Bestrebungen
eigentlich dazu zwingen, daß man Tabiker z. B. so lange behandeln soll, bis sie
negativen Wassermann haben, wozu eine ständige Kontrolle von Blut und Liquor
erforderlich ist. Er betont ausdrücklich, daß dies für die Dauer unmöglich iBt,
daß es aber dann auch viele Tabiker mit positivem Wassermann gibt, die ein
erträgliches Leben führen und ihren Platz in der Welt gut ausfüllen.
13) Kasuistischer Beitrag zur Lehre von Diabetes insipidus bei Syphilis
im Zentralnervensystem, von E. Hardrat. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.)
Ref.: K. Boas.
Verf berichtet über einen Fall von Diabetes insipidus bei gleichzeitiger Lues
cerebri. Wassermannreaktion im Blut war sehr stark positiv, außerdem zeigte
die Untersuchung dee Lumbalpunktates typische Veränderungen, wie sie bei Lues
des Zentralnervensystems Vorkommen. Dafür sprach auch der Augenbefund. Die
Frage, ob eine Beteiligung der Hypophyse in diesem Falle stattfand, war nicht
mit Sicherheit zu entscheiden. Für den syphilitischen Ursprung sowohl des Dia¬
betes insipidus wie der Nervenerkrankung sprach schließlich die auffallende
Wirkung der antiluetischen Behandlung.
14) Abolition frdquente du röflexe ooulo-oardiaque ohez les syphilitiques,
par Loeper, Mougeot et Vahram. (Progr&s m6dical. 1914. Nr. 14.)
Ref.: Kurt Mendel.
Die Verff. untersuchten 40 Syphilitiker und fanden bei 30 derselben den
okulo-kardialen Reflex fehlend. Derselbe besteht in einer Pulsverlangsamung um
etwa 8 Schläge in der Minute bei Druck auf den Bulbus oouli; zentripetaler
Weg: Trigeminus, zentrifugaler: Vagus (s. d. Centr. 1914. S. 171; Referat 27).
Das Fehlen des Reflexes ist um so konstanter, je weiter man sich von der primären
Syphilisperiode entfernt. Das Fehlen des okulo-kardialen Reflexes spricht für die
Affinität der Lues zum mesenzephalen Nervensystem und steht im Gegensatz zu
der Seltenheit seines Fehlens bei der Lungentuberkulose, dem Typhus, der Malaria,
Pneumonie, eitrigen Pleuritis.
15) Comment depister la syphllls nerveuseP par Paul Ravaut. (Annäles
de mädecine. 1914. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. unterscheidet die präklinische oder latente und die klinische Phase im
Verlaufe der nervösen Manifestation der Syphilis. Erstere beginnt mit den ersten
vaskulären meningealen oder parenchymatösen, durch die Spirochäte verursachten
Läsionen und kann sehr lange Zeit dauern; in dieser Zeit (degenerieren die be¬
troffenen Organe und werden allmählich zerstört. In dieser Phase sind Sero- und
Zytodiagnostik von höchster Wichtigkeit. Die zweite Phase beginnt mit dem
ersten klinischen Symptom; mit ihm fangt man an, die nervöse Lokalisation zu
diagnostizieren. In der ersten Phase kann die Therapie wirksam sein.
Bei 9 Patienten hat Verf. intraarachnoideal Neosalvarsan (3 bis 12mmg.
xxxi v. 13
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
194
Technik s. im Original) injiziert Die Injektionen — Verf. machte bei den
9 Kranken 63 Einspritzungen — sind gefahrlos und hatten günstigen Einfluß
sowohl auf die klinischen Symptome wie auf die Beschaffenheit des Liquor. Verf.
empfiehlt zunächst 6 lumbale Ixyektionen von 3 bis 6 mmg Neosalvarsan zu machen
(alle 8 Tage eine), dann eine Keihe von intravenösen Injektionen und dann wieder
6 lumbale.
10) Über die Syphilis der Wirbelsäule, von Georg Peritz. (Charitö-Annalen.
XXXVIL 1913.) Bef.: Kurt Mendel.
6 Fälle werden mitgeteilt 3 davon weisen mit Ausnahme der neuralgischen,
als Wurzelsymptome anzusehendon Beschwerden keine echten Bücken markssymptome
auf. Gerade solche Fälle der Wirbellues werden oft lange Zeit verkannt, gelten
als Neurasthenie oder einfache Neuralgie. Die Wirbellues scheint im allgemeinen
sehr spät Bückenmarkssymptome hervorzurufen; sie befallt nur einen oder wenige
Wirbel. Es können aber zwei getrennte Herde in der Hals- und Lendenwirbel¬
säule existieren. Die Schmerzen in der Wirbelsäule bei Wirbellues haben meistens
nächtlichen Charakter, sie sind sehr intensiv. Ein Gibbus ist äußerst selten; am
ehesten wird er noch bei der Lues der Halswirbelsäule beobachtet. Dagegen
kommen Verdickungen und Schwellungen der Proc. spin. vor. Die Klopfschmerz¬
haftigkeit wird in die Tiefe verlegt. Meningitische Symptome finden sich in
manchen Fällen, doch gehören sie nicht zum Bilde der Wirbellues, sondern sind
durch einen zweiten Prozeß einer Meningitis luetica bedingt. Die hereditäre Lues
ist nicht die Ursache der Wirbellues bei Erwachsenen. Schwierig ist die Diffe-
rentialdiagnose gegen Wirbeltuberkulose. Das Trauma spielt bei der luetischen
Spondylitis eine besondere Bolle. In 2 Fällen des Verf.’s löste ein Trauma das
Leiden aus. Die Heilung geht manohmal überraschend schnell, nur durch Jodkali,
vor sich. Andere Male besteht eine außerordentliche Besistenz gegen jede Be¬
handlung. Die Lues der Wirbelsäule verläuft entweder unter Sequestrierung eines
oder mehrerer Wirbel, besonders an der Halswirbelsäule.
17) Über Scapula soaphoidea, von Dr. F. Warburg. (Medizin. Klinik. 1913,
Nr. 45.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Die Untersuchungen des Verf.’s über die Scapula soaphoidea, die er an Schul¬
kindern anstellte, sind von besonderem Interesse und von Bedeutung, weil sie die
Annahme von Graves widerlegen, wonach die Scapula soaphoidea, d. h. die Scapula
mit konkavem Vertebralrand, mit kongenitaler Lues in Verbindung steht.
Nach Verf. ist die häufigste Form des Schulterblatts bei Schulkindern die¬
jenige mit mehr oder weniger geradem medialen Bande; häufiger als ausgesprochen
konvexe Bänder sieht man konkave; ein konkaver Band kann nicht als patho-
gnomonisch für Syphilis der Aszendenten gelten; die konkave Form des Schulter¬
blatts ist aber auch kein Degenerationszeichen, sondern eine normale Varietät, die
sich vielleicht bei schwächlichen Kindern häufiger als bei kräftigen finden mag.
Jedenfalls haben wir keine Berechtigung, aus der skaphoiden Form des Schulter¬
blattes einen prognostischen Schluß auf die Lebensdauer und die Art des Todes
eines Individuums zu ziehen. Verf. protestiert energisch gegen derartige Schlu߬
folgerungen. Er zitiert auch noch kürzlich erschienene Mitteilungen von Cun-
ningham, der ebenfalls dem skaphoiden Typ des Schulterblatts, den er häufig
gesehen hat, keinerlei klinische Bedeutung beimißt und vor allem auch keinen
Zusammenhang mit kongenitaler Lues finden konnte.
18) Beobachtungen über syphilitische Erkrankungen innerer Organe, von
San.-Bat Dr. Lenzmann. (Medizin. Klinik. 1913. Nr. 45.) Bef.: E. Tobias.
Die Ausführungen des Verf.’s sollen nur soweit referiert werden, als sie
neurologisches Gebiet betreffen. So berichtet Verf. über 3 Fälle von plötzlioher
Bewußtlosigkeit bei Luikern, die dadurch besonders charakterisiert waren, daß
Lähmungserscheinungen nioht zurückblieben. Diese Anfälle kommen dadurch zu-
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHSGAN
195
stände, daß das Lumen der Arterien durch das syphilitisohe Infiltrat verengert und
daduroh die Blutversorgung des betroffenen Organs gestört wird; dazu kommt ein
plötzlicher Krampf der betroffenen Gefäße. Die drei Patienten sind nach einer
energischen Quecksilber- und späteren Salvarsankur vollkommen genesen. Weitere
Fälle betreffen verschiedene Formen von Hirnlues. Die progressive Paralyse
definiert Verf. auf Grund der Noguchischen Ergebnisse folgendermaßen: Die Para¬
lyse ist eine Hirnlues, die sich auszeiohnet durch einen besonderen Sitz der Er¬
krankung im Gehirn (vornehmlich graue Rinde des Stirn- und Parietallappens)
und durch eine besondere Lagerung des Erregers (im Gewebe zwischen den
Ganglienzellen), weiter durch eine besondere Reaktion des Organismus bzw. des
befallenen Organs gegenüber den Endotoxinen des Krankheitserregers, die sich in
dem besonderen pathologischen Befunde des Paralytikergehirns zeigt, und endlioh
wohl auch durch eine besondere Lebensphase der Spirochäte, auf Grund deren
sie besonders widerstandsfähig geworden ist, gegen unsere antiluischen Mittel.
Eine unüberbrückbare Kluft zwischen Paralyse und Hirnlues gibt es nicht mehr.
Man muß vor allem AnfangszuBtände mit allen zu Gebote stehenden Mitteln be¬
kämpfen. Verf. verfügt über eine Reihe von Erfahrungen, deren ausführliche
Publikation er für demnächst in Aussicht stellt, wo solche Fälle, die mit größter
Wahrscheinlichkeit als der Paralyse zugehörig gedeutet werden müssen, geheilt
wurden und — bis jetzt — geheilt blieben. Mehr wie mit größter Wahrschein¬
lichkeit kann die Diagnose in solchen Fällen natürlich nicht gestellt werden.
Auch bei der Tabes verlangt Verf. energische antiluetische Behandlung im Be¬
ginn. Was der Degeneration verfallen ist, wird nicht wiederhergestellt werden,
aber ein Aufhaltenkönnen von Fortschritten hält er auf Grund seiner Erfahrungen
für durchaus wahrscheinlich. Er sah auch Besserungen auf der Höhe der Er¬
krankung.
19) Brrors the olinioal diagnosis of mental disorders assooiated with oere-
bral Syphilis, by Fr. M. Barnes jr. (Archives of diagnosis. 1912. Oktober.)
Ref.: K. Boas.
Die Schlußsätze der vorliegenden Arbeit lauten:
1. Eine syphilitische Läsion wird häufig unerwartet als die anatomische Basis
einer geistigen Störung gefunden, von der man annahm, daß sie funktioneller,
nicht spezifischer organischer Natur ist.
2. Lues cerebri kann in einem Gehirn entstehen, welches bereits an einer
geistigen Störung erkrankt ist, z. B. bei Dementia praecox.
3. Lues cerebri kann im Verein mit anderen organischen Gehirnerkrankungen
anftreten, z. B. mit Dementia arteriosclerotica und senilis.
4. Die Differentialdiagnose intra vitam ist häufig schwierig und oft unmöglich
zu stellen.
6. Es gibt einen charakteristischen Symptomenkomplex der Lues cerebri.
90) The syphilitlo psyohoses, by Fr. M. Barnes jr. (Med. Record. 1912.
Oktober.) Ref.: K. Boas.
Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit lauten folgendermaßen:
1. Es gibt keinen charakteristischen Symptomenkomplex der syphilitischen
Erkrankungen des Zentralnervensystems.
2. Manche Arten von Psychosen können von durch Syphilis hervorgerufenen
geistigen Störungen vorgetäusoht werden.
3. Lues cerebri kann sich in einem bereits geistig erkrankten Gehirn ent¬
wickeln und in Verbindung mit anderen organischen Gehirnaffektionen auftreten.
4. Paralyse, Parese und konvulsivische Störungen können in Fällen fehlen,
in denen die geistige Störung auf Syphilis zurückzuf&hren ist.
6. Die Differentialdiagnose intra vitam ist häufig schwierig und oft un¬
möglich.
IS*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
196
21) Vitiligo, Epilepsie et hörödo-Syphilis, p&r Etienne. (Bullet, et m6m. de
la soc. m6d. des höpit. de Paris. XXX. 1914. Nr. 19.) Bef.: W. Misch.
Bei einem 20jähr. Studenten wurde eine genuine Epilepsie und eine rechts¬
seitige unvollständige Lähmung, die beide bis auf die früheste Kindheit zurück¬
gingen, und endlich ein ausgedehnter symmetrischer Vitiligo beobachtet, der von
einförmiger gelblicher Färbung war und vorn fast den ganzen Thorax außer den
sternalen und parasternalen Zonen bedeckte und auf die Arme und die inneren
Schenkelpartien überging. Die Hemiplegie, die mehr eine Hemiparese war und
mit Reflexsteigerung einherging, ist wahrscheinlich auf eine Endarteriitis der
linken Sylvisehen Furche oder eine umschriebene Bindenläsion zurückzuführen«
Alle diese Erscheinungen weisen auf das Bestehen einer Syphilis kongenitaler
Natur hin, ein Verdacht, der durch den deutlich positiven Ausfall der Wasser¬
mann sehen Reaktion bestätigt wurde. Demzufolge ist auf die Bedeutung der
Syphilis bei der Ätiologie der sogen, essentiellen Epilepsie vom klassischen Typus
hinzuweisen; wie diese Ätiologie bei der nichttraumatischen Spätepilepsie vor¬
herrscht, so muß man auch bei der essentiellen Epilepsie der ersten Kindheit an
Heredosyphilis denken.
22) Beiträge zur luetischen Erkrankung des Aoustious, von E. Väli. (Ge6-
gyäszat. 1913. S. 574.) Bef.: Hudovernig (Budapest).
Verf. bespricht auf Grund von 160 Fällen die Symptomatologie der luetischen
Acusticuserkrankungen. Er unterscheidet zwei Formen, und zwar die erworbenen
und die angeborenen luetischen. Verf. stellt die Symptomatologie der beiden
Formen einander gegenüber und findet, daß sie in Vielem voneinander differieren.
Die Ursache, daß der Cochlearis häufiger erkrankt als der Vestibularis, glaubt
Verf. darin zu finden, daß dieser Nerv in einer stark fibrösen bzw. knöchernen
Substanz verläuft, welche nicht nur an Gefäßen ärmer ist, sondern diese Gefäße
erkranken auch in erster Linie und lädieren daher leichter den Nerven. Der
Verf. bespricht nachher auch die Therapie und kommt zu folgenden Schlu߬
folgerungen: Es besteht die Indikation der antiluetischen Behandlung (Hg und J)
nicht nur im sekundären, sondern auch im tertiären Stadium besonders dann,
wenn die Schwerhörigkeit an beiden Seiten nicht gleich ist. Salvarsan kann auch
bei inveterierten Fällen angewendet werden, besonders wenn auch der Vestibularif
lädiert ist. Salvarsan soll bei den luetischen Acusticusaffektionen in größeren
Dosen angewendet und mit Hg und J kombiniert werden. Salvarsan beseitigte
die subjektiven Erscheinungen immer, verbesserte aber das Gehör nur in einem
Falle.
23) Ein Fall von syphilitischer spinaler Amyotrophie des Sohultergürtels,
von Alexander Kummant. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914.
H. 1 bis 2.) Ref.: Kurt Mendel.
41 jähr. Mann. Vor 20 Jahren Lues. Seit 2 Jahren fortschreitende Atrophie
hauptsächlich der Schultergürtelmuskulatur, welche teils mit zerebralen (Kopf¬
schmerzen, Schwindelgefühl), teils mit spinalen Symptomen (Mastdarm- und Blasen¬
störungen, erhöhte Reflexe, sensible Reizerscheinungen) einhergeht. Wassermann
im Blut und Liquor positiv, Nonne-Apelt positiv, mäßige Pleozytose, leichte
Temperaturerhöhungen. Verf. betrachtet die Muskelatrophie als spinalen und
syphilitischen Ursprungs. Diagnose: Lues cerebrospinalis; diffuse Meningomyelitis
mit Pyramidenbahndegeneration.
24) Über die therapeutischen Leistungen der Lumbalpunktion, von H.
Quincke. (Therapeut. Monatsh. XXVIII. 1914. H. 7.) Ref.: Kurt MendeL
I. Die Lumbalpunktion ist grundsätzlich anzuwenden bzw. zu versuchen
überall da, wo bei einer lebenbedrohenden zerebrospinalen Drucksteigerung ein
Flüssigkeitserguß als Ursache oder als mitbeteiligt vermutet oder als möglich an¬
genommen werden darf.
Digitized by Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
197
2. Aach bei minder schweren Drucksymptomen gleichen Ursprungs ist von
der Lumbalpunktion Linderung der Beschwerden zu erwarten.
3. In akuten Fällen einfacher seröser Transsudation wird oft schon durch
eine Lumbalpunktion auffällige Besserung herbeigeführt.
4. Wo die Besserung vorübergeht, muß die Punktion wiederholt werden, in
akuten Fällen täglich (oder noch öfter), dann allmählich seltener, in chronischen
Fällen in Intervallen von 3 bis 10 Tagen, selbst monatelang.
6. Bei diesen fortgesetzten Punktionen sind bei der Indikation für den
einzelnen Eingriff ebensowohl der Krankheitsverlauf wie die einzelnen Symptome
und die Ergebnisse der früheren Punktionen zu berücksichtigen.
6. Bei jeder Lumbalpunktion sind die technischen Regeln bezüglich Aus-
führung und Nachbehandlung genau zu beachten, sind Anfangs- und Enddruck
bowie die entzogene Flüssigkeitsmenge zu messen.
7. Bei eitriger bazillärer Zerebrospinalmeningitis wird durch methodisch
wiederholte Punktionen sicher sehr häufig günstiger Ausgang ermöglicht, bei
tuberkulöser wenigstens in seltenen einzelnen Fällen.
8. Hirntumoren oder der Verdacht darauf bilden keine Kontraindikation gegen
Lumbalpunktion, wenn dieselbe mit gehöriger Vorsicht ausgeführt wird. Die
Punktion kann, wiederholt, Besserung der Symptome für längere Zeit, selbst bis
zum Verschwinden der Stauungspapille zur Folge haben.
25) La ponotlon lombaire thörapeutique, par Pierre Gastinel. (Progris
möd. 1914. Nr. 24.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt die Lumbalpunktion als Behandlungsmethode bei syphilitischem
Kopfschmerz, akuter spezifischer Meningitis, epileptiformen Anfällen der Paralyse,
tabischen gastrischen Krisen, Kopfschmerz der Brightiker, Urämie, Eklampsie,
Encephalopathia saturnina, Neuritis optica, Augenmuskellähmungen durch Menin¬
gitis oder Meningealblutung, Labyrinthschwindel.
20) Reoherches de manomötrie olinique aveo applioations partlouliörement
ä Tötude de la presslon du liquide oöphalo raobidien, par Henri Claude,
R. Porak et J. Rouillard. (Revue de mödecine. XXXIV. 1914. Nr. 6.)
Ref.: Kurt Mendel.
Betrachtungen über den Liquordruck bei einzelnen Krankheiten. Beim Hirn¬
tumor z. B. kann der erhöhte Druck ein früheres und sicheres Symptom darstellen
als die Stauungspapille. Näheres s. im Originale.
27) Zur Serologie des Liquor cerebrospinalis, von M. Feiler. (Zeitschr. f.
d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 5.) Ref.: M. Pappen he im (Wien).
Verf. kann die gegen Braun und Husler erhobenen Einwände Zalozieckis
gegen die Anwendung von Kaninohenblut bei der Weil-Kafkaschen Hämolysin¬
reaktion — daß normaler Liquor Kaninchenblut hämolysiere, und daß Kaninchen¬
bluthämolysine im menschlichen Serum seltener Vorkommen als Hammelbluthämo¬
lysine — nicht bestätigen. Er findet, daß in einzelnen Serie sowohl Kaninchen¬
ais auch Hammelbluthämolysine fehlen können. Das Kaninchenblut ist bei
meningitischen Prozessen gut verwendbar, zur Diagnose der Paralyse ist es nicht
brauchbar, da die Kaninchenblutambozeptoren des menschlichen Blutes weder durch
Zusatz von Meerschweinchenserum, noch von aktivem Kaninchenserum aktiviert
werden können. Es kann also nur dann zur Reaktion herangezogen werden, wo
auch genügende Mengen von Komplement übertreten, was bei der Paralyse meist
nicht der Fall ist.
Die von Braun und Husler angegebene Methode zum Nachweise des Komple¬
mentübertritts in den Liquor stützt sich auf die Tatsache, daß däs „Mittelstück“
des Komplements durch eine ganz bestimmte Salzsäurekonzentration ausgefällt
werden kann. Da es in einem geringen Salzsäureüberschuß wieder löslich ist,
darf man das Reagens — 1/300 Normalsalzsäure — nur kubikzentimeterweise
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
198
zusetzen. Eine größere Menge als 5 ccm za 1 ccm Liquor erwies sich praktisch
als unnötig.
Neue Untersuchungen mit der Braun-Huslerschen Methode ergaben in
17 Fällen von Meningitis tuberoulosa lSmal, in 8 Fällen von akuter Meningitis
7 mal ein positives Resultat, in 16 auf Meningitis verdächtigen Fällen dagegen,
in denen der weitere Verlauf die Diagnose Meningitis ausschließen ließ, stets ein
negatives Resultat.
28) Eine neue Reaktion der Zerebrospinalflüssigkeit, von P. Boveri. (Münch,
med. Wochenschr. 1914. Nr. 22.) Ref.: W. Alexander.
Vorläufige Mitteilung einer besonders einfachen und sehr empfindlichen
Reaktion.
Zu 1 ccm Liquor läßt man ins Reagenzglas langsam 1 ccm 0,1 prom. über*
mangansaurer Kalilösung laufen. Ist der Liquor normal, so entsteht an der Be¬
rührungsfläche der beiden Flüssigkeiten keine Färbung; in pathologischen Fällen
ist die Grenzlinie mehr oder weniger gelb.
Beim Schütteln bleibt mit normalem Liquor die Färbung rosaviolett, mit
pathologischem Liquor wird sie hellgelb. Die» Reaktion ist stark, wenn sie vor
2 Minuten eintritt, mittelstark bei 3 bis 4 Minuten, schwaoh bei 5 bis 6 Minuten.
Verf. hat die Reaktion an 40 Nervenkranken geprüft und resümiert: Die Reaktion
ist ein sicheres Zeichen für krankhafte Veränderung des Liquor und empfindlicher
als die Reaktionen von Nonne und Noguchi. Sie ist jedesmal positiv, wenn
der Eiweißgehalt gesteigert ist; sie geht aber nicht parallel mit der Lymphozytose.
Die stärksten Reaktionen fanden sich bei Myelitis. Die Pathogenese der Reaktion
ist noch unbekannt.
29) Über die Goldreaktion im Liquor cerebrospinalis, von M. de Crinia
und E. Frank. (Münch, med. Woch. 1914. Nr. 22.) Ref.: W. Alexander.
Die VerfE haben an der Nerveuklinik Graz Goldsoluntersuchungen des Liquor
bei Paralyse, Tabes und Lues cerebrospinalis angestellt. Sie haben sich dabei
streng an die von Eicke angegebene Methodik gehalten. Das Optimum der zeit¬
lichen Ablesung liegt 2 Stunden nach Ansetzen der Reaktion. Bei 83 Paralyse-
und Tabesfällen verlief die Kurve nur lömal in der von Eicke angegebenen
Gestalt. Die Kurve bleibt bei demselben Kranken bei gleichen Gesundheits¬
verhältnissen und bei Verwendung der gleichempfindlichen Goldsole immer gleich.
Durch therapeutische Beeinflussungen ändert sich die Kurve im wesentlichen
qualitativ. Die Goldsolreaktion ist die weitaus empfindlichste aller Untersuchungs¬
methoden des Liquors; sie war bei Paralyse oft noch positiv, wo die anderen
versagten. Außer bei luetischen Erkrankungen, bei denen die Reaktion eine
wesentliche Bereicherung bedeutet, fanden die Verf. dieselbe auch bei multipler
Sklerose und bei Chorea positiv. Bei letzterer verlief die Kurve in der Form,
wie sie Eicke für sekundäre Lues angibt. Es folgt eine Tabelle über die unter¬
suchten Fälle.
30) A report on tha analysis of the oerebrospinal fluid wlth olinioal notes
in 109 Qases of disease of the nervous System not inolnding the aoute
meningeal affeotions, by W. F. Schaller. (Journ. of nerv, and ment. dis.
1913. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern.
Die klinischen Befunde stimmten bis auf ganz vereinzelte mit den Labora¬
toriumsergebnissen überein. Mit Rücksicht auf den Liquordruck, Globulingehalt
und Lymphozytose differieren die Ergebnisse nicht von den Erfahrungen der
Hamburger Schule. 6 Zellen pro Kubikzentimeter scheint die obere Grenze des
normalen zu sein. Die Wassermann sehe Reaktion im Liquor ist in hohem Grade
charakteristisch für einen syphilitischen Prozeß und wichtiger im allgemeinen als
der Wassermann im Blut, wenn die Natur einer nervösen Störung in Frage steht.
Übereinstimmend mit Hauptmann ist die positive Wassermannsche Reaktion
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
199
im Liquor in den höheren Auswertungen sehr charakteristisch für Nervenlues.
Es ergab sioh in den Untersuchungsserien kein Fall, bei welchem das klinische
Bild gegen die Annahme einer syphilitischen Affektion sprach dort, wo der Liquor
in den geringeren Auswertungen negativ und positiv in den höheren war.
Bei Tabes fand sich der Wassermann häufiger positiv im Liquor als im
Blut (wie jetzt auch die meisten Beobachter bestätigen).
Bei Lues cerebrospinalis war die Reaktion häufiger im Blut als im Liquor
positiv, was mit Nonnes Erfahrungen übereinstimmt.
31) The albamen oontant of the spinal flnid in its relation to disease
syndromes, by A. Mycoson. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 3.)
Ref.: Artur Stern.
Schlußfolgerungen:
Bei der ausgebildeten Paralyse stehen die Reaktionen* auf Eiweiß, Globulin,
Lymphozytose, Wassermann ziemlich konstant in parallelem Verhältnis, während
in der Remission der Wassermann zuerst verschwindet, Fettgehalt und Globulin¬
vermehrung sich zunächst vermindert, das Eiweiß am konstantesten vermehrt bleibt.
Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß im präparalytischen Stadium die Eiwei߬
vermehrung wahrscheinlich das erste Krankheitszeichen darBtellt.
Bei der Korsakoffschen Krankheit, in gewissen Fällen von Tumor und bei
anderen organischen Krankheiten besteht eine Dissoziation des Eiweiß- und
Globulingehalts in dem Sinne, daß entweder Eiweiß- ohne Globulinvermehrung
besteht, oder daß ausgesprochene Ei weiß Vermehrung von einer geringen Globulin¬
vermehrung begleitet ist.
Es ist daraus zu schließen, daß die Ei weiß Vermehrung eine primitive Reaktion
des Nervensystems darstellt und zugleich die erste wie die konstanteste der bisher
bekannten chemischen und biologischen Veränderungen in der Spinalflüssigkeit ist.
Ihr Nachweis und ihre exakte Messung stellt eine für die neurologische Forschung
wertvolle Aufgabe dar.
32) La tension, les protöines et la lymphooytose du liquide oöphalo-
rachidien, par V. de Moraes. (L’Encöphale. 1914. Nr. 3.) Ref.: KurtMendeL
Resultate: Liquor bei Normalen: Druck 10mm Hg, Nonnesche Reaktion fehlt,
Lymphozytose negativ.
Bei Alkoholismus: Druck 17 mm Hg; Nonne fehlt, Lymphozytose negativ.
Bei manisch depressivem Irresein: Druck 17,6 mm Hg, Nonne fehlt, Lympho¬
zytose negativ.'
Bei progressiver Paralyse: Druck 14 mm. Hg, Nonne +, Lymphozytose +.
Bei Epilepsie: Druck 16 mm Hg, Nonne fehlt, Lymphozytose negativ.
33) Klinische Methoden zur Bestimmung des Eiweiß- und Globulingehalts
im Liquor cerebrospinalis, von Dr. Karl Grahe. (Zeitschrift f. d. ges,
Neurol. u. Psych. XXIV. H. 1.) Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Verf. findet bei Untersuchungen mit der Brandberg-Pfaundlerschen Probe
(Ringbildung duroh Unterschichtung des steigend verdünnten Liquors mit Salpeter¬
säure) als normalen Eiweißgehalt des Liquors einen solchen bis zu V*°/oo Eiweiß,
so zwar, daß Werte unter 1 / 3 %o normal, solche über 1 / a °/oo pathologisch
anzusehen sind, während dazwischenliegende Werte sowohl pathologische Ver¬
änderungen vorstellen, als auch bei Normalen Vorkommen. Beim Vergleich der
Ni sei sehen (Ausfällung des Eiweißes durch Essbachschen Reagens) und der
Brandbergschen Methode fand Verf. eine Übereinstimmung in der Anzeige nor¬
malen oder erhöhten Eiweißgehalts in 84°/ 0 . In den übrigen 16°/ 0 zeigt die
Nie sieche Methode große Differenzen, so daß feinere Schwankungen nicht zum
Ausdruck kommen können.
Die Globulinreaktionen von Pandy (Karbolsäureausfällung) und Nonne-
Apelt zeigen sowohl bei negativem wie bei positivem Ausfall im allgemeinen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
200
gute Übereinstimmung. In einzelnen Fällen erwies sich bald die eine, bald die
andere Methode als schärfer, so daß jede die andere ergänzt. Leichte Schleier¬
bildung bei der Pandyschen Reaktion in der Versuchsanordnung des Verf/s
findet sich sowohl in normalen wie in pathologischen Liquores.
Im allgemeinen gehen Globulin- und Gesamteiweißgehalt parallel, so daß
man bei negativem Ausfall von Pandy und Nonne-Apelt mit großer Sicherheit
auf normalen, bei positivem Ausfall der Globulinreaktionen auf vermehrten Eiwei߬
gehalt schließen kann. Für einzelne Krankheiten charakteristische Globulin- und
Eiweißmengen gibt es nicht; nur die Gesamtheit der Untersuchungen kann Auf¬
schluß über die Beschaffenheit des Liquors geben.
Syringomyelie.
34) Über pathologische Anatomie und Pathogenese der Syringomyelie, von
M. S. Margulis. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. 1914. H. 1 u. 2.)
Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über 7 Fälle von Syringomyelie; in 3 Fällen war sie mit
primärem Hydrozephalus kombiniert, in einem Fall fand sie sioh bei einem an
Tetanus Verstorbenen. Im Anschluß an diese Fälle bespricht Verf. die pathologische
Anatomie und die Pathogenese des Leidens, ohne Neues zu bieten. Die Ent¬
stehung des pathologischen Prozesses bei der Syringomyelie ist nach Verf. eine
kongenitale. Die Entstehung der ependymären Gliofibrosis bei Syringomyelie ge¬
hört zu den Anomalien der Rückenmarksentwicklung überhaupt und des Glia-
gewebes im besonderen. Es ist sehr wohl möglich, daß wir es mit einem chroni¬
schen entzündlichen oder einem ihm nahestehenden Prozeß im Gebiete des sioh
bildenden Zentralkanals zu tun haben. Möglicherweise handelt es sich um eine
Entzündung des Ependyms selbst; dank ihr verkleinert sich infolge des Nicht-
verwachsens in seinem Dorsalteil der Zentralkanal, der beim Embryo sehr groß
ist, nur wenig; daraus entwickeln sich Hydromyelie uud Divertikel. Außerdem
nimmt die ganze niedriger liegende Neurogliaschicht Anteil am Prozeß, ebenso
auch die Gefäße. Dieser Prozeß beeinträchtigt die normale Entwicklung, ruft
Flüssigkeitsansammlungen im Zentralkanal hervor, d. h. einen dem Hydrozephalus
analogen Prozeß. Als Anstoß zur anomalen Entwicklung des Glia- und Binde¬
gewebes diente also ein schädigendes Moment im intrauterinen Leben.
36) Über eine Kombination von Syringomyelie und a&yotrophisoher
Lateralsklerose, von Z. Mysliveöek. (Casopis öesk^ch. 16k. 1914. S. 749.)
Ref.: J. Stuchlik (Zürich).
In einem Falle konstatierte Verf. neben der Höhlenbildung noch eine Dege¬
neration der Pyramidenbahnen und eine Degeneration mit Atrophie der Vorder¬
hornzellen. Die Möglichkeit, daß die Vorderhorn Veränderungen duroh Druck seitens
der Zentralgliose entstehen könnten, weist Verf. mit Hinweis auf gleiche Ver¬
änderungen in Lumbal- und Lokalsegmenten, wo keine Syringomyelie vorhanden
ist, zurück.
30) Angeborene Höhlenbildung im Rüokenmark eines Kalbes bei Fehlen
der Lenden-, Krens- und Sohwanswirbelsäule, von Emil Messner.
(Journ. f. Psychol. u. Neurol. XXI. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Der Titel der Arbeit zeigt die Art der Mißbildung an. Verf. hält die der
Syringomyelie des Menschen sehr ähnliche (nur lagen die Höhlen nicht haupt¬
sächlich in der grauen Substanz wie beim Menschen und die eigentlichen Glia-
stifte und die sogen. Homogenisierung Schlesingers fehlte) Höhlenbildung bei
seinem Kalbe nicht für eine unmittelbare Folge der Mißbildung des Rückenmarks¬
und Wirbelsäulenendes; er glaubt vielmehr, daß es gleichzeitig mit dieser Mi߬
bildung und durch dieselbe Ursache zur Spaltung des Zentralkanals kam und der
Digitized b'
’v Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
201
Grund gelegt wurde zu der stellenweise übermäßigen Entwicklung des Peridyms
und der Glia um den Zentralkanal herum und zur Bildung der kleinsten Gliome.
87) Über zentrale und perivaskuläre Gliose im Bückenmark. Beitrag zur
Pathogenese der Syringomyelie v von Mysliveöek. (Sbornik Lökafsky.
1914. S. 182.) Bef.: J. Stucblik (Zürich).
Die Entstehung pathologischer Veränderungen bei Syringomyelie kann nach
dem Ver£ auf zweierlei Wege erfolgen: entweder ist der Hohlraum primär und
die Gliose sekundär, oder bildet sich sekundär ein Hohlraum in der primär vor¬
handenen Gliose. Verf. beschreibt und untersucht eingehend einen Fall vom
zweiten Typus. Er konnte zweierlei Typen von Wuoherung der Gliasubstanz fest-
steilen: erstens nur um den Zentralkanal herum, wo an der Wucherung auch
Ependymzellen teilgenommen haben, und zweitens um die Gefäße herum, wobei
diese letzteren auch mit Veränderungen der Gefäßwand und mit dem Austritt
roter Blutkörperchen aus dem Gefäßlumen begleitet wurde. Diese beiden, ana¬
tomisch verschiedenen, Prozesse müssen wohl eine allgemeine Ursache haben und
so ist es nicht möglich, die Gliose schlechthin dujrch Verlegen und weiteres
Wachstum von Zellen im embryonalen Zustand erklären zu wollen. Verf. neigt
mehr zu der Sch mau eschen Auffassung, nach welcher Inselchen von Ependym¬
zellen physiologischerweise im Bückenmark überall Vorkommen und die engen
Beziehungen der Glia- und Ependymzellen mikroskopisch leicht nachweisbar sind.
Durch regressive Prozesse (Zerfall der Gliafaser) kommt es später zur Hohlraum¬
bildung, wobei die Hohlräume von hypertrophischen Geweben der Gefäßwand und
vermehrten Ependymzellen ausgekleidet sind.
38) Über Gefäßreflexe, von Hess und Bermann. (Wiener klin. Wochenschr.
1913. Nr. 32.) Bef.: Pilcz (Wien).
Die Verff. experimentierten mittels des Lehmann-Hossosohen Plethysmographen
und studierten die Einwirkung von thermischen und psychischen Beizen auf die
Gefäße unter verschiedenen pathologischen Verhältnissen.
Hier seien besonders die Befunde bei Syringomyelie erwähnt.
1. 23jähriger Mann, seit 2 Jahren trophische Störungen an den Fingern,
schmerzlose Paronychien, Atrophie der Hände und Unterarme. Status praesens:
Störungen der Temperatur- und Schmerzempfindung vom Halse bis zur Leisten¬
gegend vorne, bis 1. Lendenwirbel hinten, sowie beider Arme und Hände. Atrophie
der kleinen Handmuskeln, Thenar und Antithenar.
IL 18jähriger Bursche, seit dem 15. Jahre krank. Beginn mit Schwäche im
rechten Arme, dann linkerseits, Schmerzlosigkeit, ebenso Störungen des Temperatur-
8inns, trophische Störungen. Status praesens: Mäßige Atrophie des Thenar, Anti¬
thenar, M. adductur poll., weniger der Interossei; Trapezius, Supra- und Infra-
spinatus rechterseits leicht atrophisch. Krallenhandstellung, Störungen der Tempe¬
ratur- und Schmerzempfindung an Armen, Händen, oberen Abschnitten des Bumpfes,
Vorderfläche des rechten Oberschenkels.
In diesen beiden Fällen ergab Applikation thermischer Beize — Wasser von
40° einerseits, 8° bzw. Eiswasser andererseits — an den in ihrer Sensibilität ge¬
störten Gliedmaßen niemals eine Änderung der plethysmographischen Kurve. Auch
Beizung des Beines und psychische Beize bewirkten im ersten Falle keine
Änderung.
IIL 26jähriger Mann, seit 7 Jahren krank. Status praesens: Defekt des
kleinen Fingers und der Endphalange des Zeigefingers rechts. Temperatur- und
Schmerzempfindung nur im Bereiche der rechten Schulter, des rechten Unterarms
und der rechten Hand grob gestört. Diese Störung erstreokte sich auch auf die
rechte Thoraxseite, hinten vom C 6 bis D 12 .
Wurde hier der normale linke Arm gereizt, so zeigte der kranke rechte
normale Beaktion, während Beizung des empfindungskranken rechten auf den ge-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
202
Bünden linken ohne Erfolg blieb. Kopfrechnen, als psychischer Reiz, ergab beider¬
seits deutliche Reaktion.
Es ist in diesem Falle anzunehmen, daß das Yorderhom der rechten Seite
intakt geblieben ist, während im rechten Hinterhorn eine Reilexunterbrechung
stattgefunden hat.
Auf Anwendung von Hautreizen erfolgte aber in allen diesen Fällen Vaso¬
dilatation. Da bei Fall I und II die Unterbrechung im spinalen Reflexbogen als
komplett anzunehmen ist, muß diese reflektorische Hautreaktion einen anderen
Weg nehmen, außerhalb des Rückenmarks, und man ist genötigt anzunehmen, daß
die sensible Reizung nach Art eines Axonrefiexes „in antidromer Richtung“ (Bayliss)
die Dilatation erzeugt.
Die Untersuchungen an Fällen von Arteriosklerose und Sklerodermie inter¬
essieren den Neurologen weniger; daher hier von einer Anführung derselben Ab¬
stand genommen sei.
Zahlreiche Kurven im Texte veranschaulichen Versuchsresultate.
Therapie.
39) Elektrodiagnoetik und Elektrotherapie für praktische Ärzte, von
A. Fuchs. (Wiener med. Woch. 1914. Nr. 31 u. 37.) Ref.: Pilcz (Wien).
Für den praktischen Arzt sehr lehrreicher klinischer Vortrag mit irstruktiven
Abbildungen. Besonders klar ist der wichtige Teil der Entartungsreaktion, Unter¬
suchungstechnik usw. geschrieben.
40) Über Phenoval, von J. Stein. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 47.)
Ref.: Pilcz (Wien).
Versuche an 36 eigenen Fällen und Literaturangaben führen Verf. zu dem
Schlüsse, daß wir im Phenoval ein in Dosen von 0,5 bis 1,0 gut und meist Bicher
wirkendes Einschläferungs- und mildes Schlafmittel besitzen, das auch meist gegen
Kopfschmerzen der verschiedensten Qenese erfolgreich ist und keinerlei unangenehme
Neben- oder Nachwirkungen zur Folge hat.
41) Die Nervenpunktlehre von Cornelius und die sohwedisohe Massage,
von K. Port. (Münch, med. Wochenschr. 1913. Nr. 49.) Ref.: 0. B. Meyer
(Würzburg).
Verf. (Chirurg) gibt in groben Umrissen die Lehre von Cornelius und
hierauf eine Skizze der Lehren der schwedischen Schulen. Er findet eine so auf¬
fallende Ähnlichkeit der von den Schweden beschriebenen Nervenknoten mit den
Nervenpunkten von Cornelius, daß er sie für „fast identisch“ halten möchte.
Der Vergleich lehre, daß die auffallende Übereinstimmung der Befunde von Cor¬
nelius und ihre Deutung keineswegs Selbsttäuschungen usw. sind, sondern außer¬
ordentlich wichtige und wertvolle Entdeckungen. Verf., der die Lehre von Cor¬
nelius offenbar in den wesentlichen Punkten völlig ernst nimmt, tritt dafür ein,
daß dieser Zweig der Medizin, diese Kunst von hohem therapeutischen Wert auch
in Deutschland in unserer Wissenschaft aufgenommen werde.
• 42) Die Nervenpunktlehre. Bd. II: Neurologie und Nervenpunktlehre,
von A. Cornelius. (Leipzig, G. Thieme, 1913. 303 S.) Ref.: Ph. Jolly
(Halle a/S.).
In vorliegendem Buch wendet sich Verf. gegen seine Gegner und greift
seinerseits die heutige Neurologie an, indem er ihr besonders die großen Ver¬
schiedenheiten in der Auffassung der Neurosen und die Überflutung mit Namen
zum Vorwurf macht. Er setzt dann ausführlich seine bekannten Lehren aus-
Digitized by
Go .gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
203
einander und hebt im einzelnen hervor, welche große Bedeutung nach seiner
Meinung die Nervenpunkte bei den verschiedenen Leiden und Beschwerden be¬
sitzen.
III. Bücherbesprechung.
• 1) Nervenkrankheiten und Ehe, von A. Eulenburg. Sonderabdruck aus
Krankheiten und Ehe. 2. Auflage. Neubearbeitet und herausgegeben von
Hofrat Prof. Dr. C. v. Noorden und Dr. S. Kaminer. (Leipzig, Georg
Thieme. 49 S.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. behandelt in seiner bekannten geistvollen und fesselnden Art und mit
seiner imponierenden Kenntnis der alten und neueren und neuesten Literatur, die
er wie ein Meister beherrscht, die nervenhygienische und nervenärztliche Bedeutung
der Ehe, Nervosität und Neurasthenie in ihren Beziehungen zur Ehe, Hysterie
und Nervenkrankheiten, soweit sie Einfluß auf die Ehe, soweit die Ehe Einfluß
auf sie ausübt. Die erschöpfende Bearbeitung des interessanten Themas ist des
ärztlichen Interesses, besonders des Interesses von neurologischer Seite sicher.
• 2) Die chirurgischen Indikationen in der Nervenheilkunde, von Siegmund
Auerbach. (Berlin, J. Springer, 1914. 207 S.) Bef.: Kurt Mendel.
Die fleißige Arbeit berücksichtigt in vollständiger Weise die Literatur und
stützt sich auf zahlreiche eigene Erfahrungen; neben der Therapie wird auch in
weitgehendem Grade die Differentialdiagnose in den einzelnen Abschnitten be¬
sprochen. Die Stellungnahme des Verf.’s bezüglich der chirurgischen Behandlung
der Epilepsie ist in diesem Centr. 1914 S. 649 bereits dargelegt. Aus den übrigen
Kapiteln sei folgendes hervorgehoben:
Bei der Basedowschen Krankheit haben als absolute Indikation für die
chirurgische Behandlung zu gelten: Kompressionserscheinungen, der sekundäre
Charakter sowie ausgesprochene Akuität der Erkrankung, ferner Hornhautulzera-
tionen. Als absolute Kontraindikation muß die Kombination mit Myxödem, auch
leichtesten Grades, anerkannt werden. Albuminurie, Diabetes, Glykosurie, Myo-
degeneratio cordis bilden keine Kontraindikation. Bei den Formes frustes, bei
denen eine Vergrößerung der Schilddrüse nicht nachgewiesen werden kann, soll
man nicht operieren. In jedem sohweren Basedowfalle ist die Thymusdrüse mit
anzugreifen; an der Klinik von Behn ist die kombinierte Exzisionsmetbo^e
(Thyreoidea + Thymus) die Methode der Wahl. Der Zeitpunkt, wann operiert
werden soll, hat sich nach der sozialen Stellung des Kranken zu richten. Handelt
es sich um die Arbeitsfähigkeit, dann sollte nicht länger als 2 bis 3 Monate mit
der Operation gewartet werden.
Bei Tetaniefällen, die auf internen Anomalien beruhen, das Leben bedrohen
und auf Zufuhr von frischer tierischer Nebenschilddrüse sich nicht bessern, ist
die Transplantation nach v. Eiseisberg vorzunehmen; ganz besonders gilt dies
von der Maternitätstetanie.
Bei sehr hartnäckigen monosymptomatischen Formen von Hysterie, die allen
übrigen Behandlungsmethoden trotzen, kommen kleine oberflächliche Inzisionen als
Soheinoperationen in Frage.
Bei schwersten Migränefällen ist an eine Druckentlastung des Gehirns durch
Lumbal- oder Ventrikelpunktion oder Dekompressivtrepanation zu denken (Verf.
ist der Ansicht, daß die hemikranische Anlage auf einem Mißverhältnis zwischen
Schädelinnenraum und Hirnvolumen beruht; s. d. Centr. 1914. S. 920).
Die Indikationen, die sich bei einem nicht näher lokalisierbaren Hirntumor
ergeben, lassen sich vorläufig folgendermaßen präzisieren: Besteht außer Kopf¬
schmerzen, Erbrechen, Schwindel usw. eine Stauungspapille auch nur mittleren
Grades bei noch gutem Visus, so ist zunächst eine Punktion des Seitenventrikels
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
204
vom Keeriechen Punkte aus mittels einer kleinen Trepanation indiziert. Geht
hierauf die Prominenz der Papille, die mindestens alle 2 bis 3 Tage zu kon¬
trollieren ist, zurück und bleibt das Sehvermögen gut, so kann man ab warten
unter öfteren Untersuchungen, ob vielleicht doch eine Lokalisation möglich wird.
Nimmt die Papillitis unter Abnahme der Sehfunktion zu und hat die Ventrikel¬
punktion einen begleitenden Hydrozephalus ergeben, so führe man den Balkenstioh
aus; besteht kein Hydrozephalus, so mache man sofort eine Dekompressivtrepanation
mit Spaltung der Dura, möglichst nahe dem vermuteten Sitze oder, falls man gar
keinen Anhaltspunkt in örtlicher Beziehung hat, nach der Cushingschen sub¬
temporalen Methode. Vermag der Balkenstich den Rückgang des Visus nioht auf*
zuhalten, so zögere man nicht zu lange mit der Palliativtrepanation, die man
dann mit der extrakraniellen Ventrikeldrainage nach Kaelin-Benziger verbinden
mag, falls keine Krämpfe bestehen. Radikal zu operieren ist, wenn die Allgemein¬
diagnose des Hirntumors sicher, die topisehe Diagnose möglichst sicher und die
diagnostizierte Gegend operativ erreichbar ist.
Bei der Tabes ist die Foerstersche Radikotomie für diejenigen Fälle zu
reservieren, bei denen im Anfänge des Leidens die krisenartigen Beschwerden das
Bild beherrschen und bei denen andere Symptome, namentlich trophoneurotische
Störungen, hochgradige Ataxie und Muskelatrophie nicht bestehen. In diesen
Fällen ist die Aussicht auf einen Erfolg günstig, und der Kranke kann oft (? Ref.)
wieder völlig arbeitsfähig werden. Je mehr aber die anderen tabischen Symptome
hervortreten, und je eher die längere nach der Operation unvermeidliche Bett¬
ruhe schädliche Folgen nach sich ziehen kann, um so zurückhaltender soll man
sein. Von der geschilderten Kategorie kommen nur diejenigen Fälle in Frage,
bei denen infolge des Kräfteverfalles eine Indicatio vitalis besteht. Die Operation
hat zweizeitig zu erfolgen.
Bei spastischen Lähmungen ist nur in schwersten Fällen, bei stationärem,
nicht progredientem Krankheitsprozeß und bei noch Vorhandensein eines gewissen
Restes von innervatorischen kortikospinalen Fasern für die betreffenden Muskel¬
gruppen die Foerstersche Operation zu versuchen.
Bei inoperablen Geschwülsten des Beckens und Rückenmarks, besonders
den bösartigen und metastatischen Tumoren der Wirbelsäule, aber auch bei anderen
mit außerordentlichen und sonst nicht oder nur wenig zu beeinflussenden Schmerzen
einhergehenden Affektionen der unteren Körperhälfte sollte man die von Roth-
mann vorgeschlagene Durchschneidung eines oder beider Vorderseitenstränge des
Rückenmarks ins Auge fassen.
Ein sehr wertvolles Verfahren zur Bekämpfung der mittelsobweren und leichten
Formen der spastischen Lähmungen stellt die Stoffelsche Resektion moto¬
rischer Nerven dar.
Bei schweren Trigeminusneuralgien ist zuerst die Alkoholeinspritzung
in den peripheren Nerv, dann ins Ganglion Gasseri, dann erst die periphere
Neurexairese und schließlich an letzter Stelle, wenn alles andere versagt hat, die
Exstirpation des Ganglions indiziert.
• 8) Roths klinlsohe Terminologie. Achte, völlig neu bearbeitete und stark
erweiterte Auflage, von Dr. E. Oberndörffer. (Leipzig, G. Thieme, 1914.
484 S. Pr.: geb. 17 Mk.) Ref.: W. Misch.
Die neue Herausgabe dieses vortrefflichen Buches ist mit einer solchen Er¬
weiterung des Materials einhergegangen, daß man das Werk schon fast als eine
medizinische Enzyklopädie en miniature bezeichnen kann. Alle die Zweige der
Medizin, die erst in den letzten Jahrzehnten entstanden und rasch ausgebaut
worden sind, sind jetzt mit einer Gründlichkeit behandelt, daß man kaum noch
einen Terminus technicus vergeblich suchen wird. Besonders zu begrüßen ist die
ausführliche Bearbeitung der chemischen Physiologie und Pathologie, die ja zu
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
205
den Hauptgebieten des Klinikers gehören. Außerordentlich vervollständigt wurde
die Terminologie der Arzneimittellehre. Endlich sind die medizinischen Grund»
Wissenschaften, die Anatomie, Embryologie, Physiologie und physiologische Chemie,
die Histologie und ihre Technik in der ihnen eigentlich gebührenden Weise so
berücksichtigt worden, daß auch Details aus entlegeneren Gebieten angeführt sind.
Es ist dies besonders für die Studierenden der ersten Semester, namentlich für
die nicht humanistisch vorgebildeten, von größtem Werte. Natürlich ist auch für
den Arzt, für den es ja in erster Linie bestimmt ist, das Buch durch seine Viel¬
seitigkeit von um so größerer Bedeutung geworden.
• 4) Julius Bobert Mayer, seine Krankheitsgesohiohte und die Gesobichte
seiner Entdeokuug, von Dr. Ernst Jentsch. (Berlin, Julius Springer, 1914.)
Bef.: Bratz (Dalldorf).
Jen tsch gibt uns eine recht lesenswerte Pathographie über Julius Bobert
Mayer^ den Erfinder des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft, von den mechani¬
schen Äquivalenten der Wärme.
Julius Bobert Mayer ist am 25.XL 1814 zu Heilbronn als Sohn eines
Apothekers geboren. Sein lOOjähriger Geburtstag wird also demnächst von der
wissenschaftlichen Welt gefeiert werden.
Schon als Knabe hat er sich mit naturwissenschafÜichen Experimenten be¬
schäftigt, unterstützt durch das große Instrumentarium seines Vaters. Mayer hat
zwei schwere Anfälle von manisch-depressivem Irresein durchgemacht.
Zu Beginn der ersten schweren Depression 1850 stürzte er sich aus dem
Fenster, genas aber rasch.
Die zweite Psychose brach im Winter 1851/52 aus und dauerte fast 2 Jahre,
Mayer ist nach damaliger Ansohauung noch mit der Zwangsjacke behandelt
worden und hat die Erinnerung daran nie ganz verwinden können.
Mayer lebte dann wieder mit ungeminderter Intelligenz bis zu seinem frühen,
durch Lungentuberkulose 1878 erfolgten Tode als Arzt in seiner Vaterstadt
Heilbronn.
Die erste Konzeption seiner unsterblichen Idee kam ihm auf einer Seereise,
die er nach abgelegter Staatsprüfung als Schiffsarzt machte. Auf der Beede von
Batavia hatte er nämlich die Bemerkung gemacht, daß das bei großer Hitze auf
Aderlaß aus der Armvene entnommene Blut eine auffallend helle Böte aufwies.
Im Verein mit verschiedenen ihm bekannten physikalischen und physiologischen
Tatsachen veranlaßte ihn diese Erscheinung sogleich, wie in der Folge, zu ein¬
gehenden emsigen Studien.
In kurzen, aber außerordentlich sorgfältig durchgearbeiteten und auf physi¬
kalische Experimente gestützten Abhandlungen hat er dann 1842 und in den
Folgejahren, also Bchon vor der ersten Psychose, sein Lebenswerk niedergelegt,
aber auch nach den beiden Psychosen noch mit großer geistiger Kraft gearbeitet.
Der Ausbruch der ersten Psychose war bei dem glücklich mit einer sorg¬
samen Hausfrau verheirateten Mayer mit ausgelöst durch heftige Erregungen
über mangelnde Anerkennung seiner Entdeckung und durch widrige Priorität**
Streitigkeiten.
Dauernd war der gutmütige, offene, neidlose, witzige, gewandt zitierende
Forscher hypomanisch. Die konstitutionell-nervösen Erregungsquellen steigerten
durch die periodischen psychischen Anstöße die Tätigkeit der natürlichen aus¬
gezeichneten, gleichfalls angeborenen intellektuellen und charakterologischen An¬
lagen Mayers. Sie weckten frühzeitig und erhielten in den Jugendjahren das
ungemeine Interesse, sie steigerten später die Wahrnehmungs- und Aufnahmefähig¬
keit in der Bichtung seiner Anlage, sie schärften das Gedächtnis, sie erhöhten
die Beweglichkeit der Gedankengänge und verfeinerten die Ideenverknüpfung, sie
stärkten endlich seinen Mut, seine Ausdauer und seine Treue im Verfolgen der
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
206
von ihm als ihm obliegend erkannten Aufgabe. Es ist nicht anzunehmen, daß
Mayer, der ohne genügende Vorbildung war, dem nur geringe Hilfsmittel zu-
gebote standen und der den maßgebenden Kreisen fast ganz fern blieb, auf dem
seiner Berufstätigkeit entlegenen Gebiete seines Vorhabens in dieser Weise Meister
geworden wäre, wenn ihm seine angeborenen abnormen Erregungszustände nicht
einen großen Kraftzuwachs gewährt hätten. In diesem Sinne war Mayer ganz
gewiß ein pathologisches Genie.
Die hypomanische Anlage bei Mayer ist nach Auffassung des Verf.'s als eine
außerordentliche Kraftquelle anzusehen.
Mayer war eine tiefreligiöse Natur, wie mancher große Naturforscher, und
donnerte oft gegen den Materialismus.
Hiermit verfiel er aber — wie Verf. das in außerordentlich feiner Weise
auseinandersetzt — in den Irrtum, daß er den „Materialismus als Forschungs¬
methode“ mit dem „Materialismus als philosophischem System* 1 verwechselte, etwas
sehr Merkwürdiges, wenn man daran denkt, daß er sich sonst nicht leicht durch
bloße Worte einfangen ließ, und daß er einst seinem Freunde, dem Psychiater
Griesinger, die lehrreichsten Auseinandersetzungen über das letztere Thema
hatte zuteil werden lassen, indem er ihm erklärte, was Ursache und Wirkung sei*
Der Materialismus als Grundanschauung kann freilich einen mehr oder minder
ausgesprochenen ethischen Defektzustand einschließen. Auf dem Materialismus als
Forschungsmethode beruht die Art unseres naturwissenschaftlichen Denkens. Letztere
ist eine theoretische und läßt sich weder konsequent noch direkt in die Psycho¬
logie des menschlichen Zusammenlebens hineinversetzen. Sie führt, vollständig
erfaßt, auch ganz und gar nicht zum „Materialismus als Grund- oder Lebens¬
anschauung“, sondern davon hinweg. Wer allerdings, wie dies leider nicht selten
ist, hier in den Anfängen des Denkens stecken bleibt, dem erscheint sie leicht
als die einzig mögliche und richtige Denkweise überhaupt. Mayer, dem mit
seinem geläuterten physikalischen Verständnisse klar geworden war, wie absurd
es ist, sich das Psychische aus Materiellem und Physikalischem entstanden vorzu-
steilen, und der es einleuchtender fand, daß jenem eben die Außenwelt als Kraft
und Stoff erscheint, hätte sich dabei, daß hier sein Satz „ex nihilo nihil fit“ eine
Einschränkung erleiden könne, beruhigen können. Er vergaß aber, daß die meisten
gar kein Verlangen tragen, ihren Vorstellungsbereich über das Nächstliegende
auszugestalten, und er hielt sioh für verpflichtet, solche Fragen zu berücksichtigen,
wobei ihm dann nur ein Gebiet zu betreten übrig blieb, in dem es ihm nur rein
gefühlsmäßig sich zu orientieren möglich war, und welches im menschlichen Zu¬
sammenleben berufsmäßig von anderen Kulturorganen bebaut wird. Es ist gewiß
schön und tief gedacht, wenn er an Lang schreibt, seines Erachtens verhielten
sich die naturwissenschaftlichen Wahrheiten zur christlichen Religion oder zum
Christentum etwa wie die Bäohe und Flüsse zum Weltmeer, aber er hätte dieses
Bild weiter verfolgen können und sich sagen müssen, daß die Leute ihren Tages¬
bedarf sehr oft nioht aus dem Weltmeer schöpfen können, und daß dazu die
kleinen Wasserläufe geeigneter sind. So fehlte ihm dann das Bewußtsein, daß
jedesmal, wenn er aus seinem engeren Fachgebiete heraus, in seiner Art zu sehen,
zu metaphysischen Fragen überging, dieser Schritt von dem ihm zuständigen
Publikum als etwas Befremdendes empfunden werden mußte. Man hätte gewiß
auch bei anderer Gelegenheit nicht das geringste auffällige an diesem Thema
selbst gefunden, aber mau sah nicht recht, wie er dazu kam, sich teilweise ziemlich
unvermittelt auf einen den meisten eben im Augenblick ziemlich fern liegenden
Boden zu stellen, dessen eigentliche Inhaber ihm zudem doch nur eine „sehr
subjektive“, in „ihren Umrissen mannigfaltig wechselnde“ Kenntnis daselbst zu¬
sprachen. Hat Mayer doch selbst Moleschott bei Gelegenheit seines Dank¬
schreibens für die Aufnahme in die Turiner Akademie auf die Wendung desselben,
Digitized by
Gch 'gle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
207
daß beide auf supranaturalem Gebiet nicht in allen Punkten harmonierten, ant¬
worten müssen, daß er in dieser Hinsicht trotz seiner 53 Jahre mit sich selbst
nicht einmal ganz ins reine hätte kommen können. Daß dies übrigens der Natur
der Sache nach etwa unmöglich gewesen wäre, ist nicht der Fall, denn weit¬
reichende Gläubigkeit in religiösen Dingen findet sich sowohl im Verein mit tiefer
physikalischer wissenschaftlicher Kritik, wie man an Gustav Theodor Feohner hat
sehen können, als auch bei gleichzeitig völliger Ausschaltung aller wissenschaft¬
licher Gesichtspunkte und trotzdem vorhandenen enormen physikalischen Fach¬
kenntnissen, wie Faraday gezeigt hat, der zeitlebens ein glaubenseifriger Sek¬
tierer war.
• 5) Ärstliohe Lebensfragen und ihre moderne Lösung, von Dr. Georg
Honigmann. (Wiesbaden, J. F. Bergmann.) Bef.: L. Laquer.
Die Geschichte der ärztlichen Wissenschaft zu studieren, ist heutzutage erst
möglich, wenn dem Arzte des Alltags freie Zeit übrig bleibt zur Verarbeitung
von Gedankengängen, die ihm die Praxis nicht direkt aufzwingt.
Die „wissenschaftlichen Errungenschaften“ nehmen in der Literatur einen so
breiten Raum ein, daß nur einige wenige starkgeistige Fachgenossen einmal Zeit
finden für geschichtliche und allgemeine Themata von tieferer Bedeutung.
Zumeist geschiehts auf Kongressen, wenn allgemeinere Fragen angeschnitten
werden; dann ergehen sich führende Männer in allgemeineren historisch gestützten
Darlegungen, die auch ein dankbares Publikum finden. Gewöhnlich lassen die
Ärzte dazu ein Lebensalter hetankommen, das ihnen den Überblick über den
zurückgelegten Lebensweg über die Summe der dabei gesammelten Erfahrungen
erleichtert.
Verf. hat nicht die Zeit abgewartet, wo die Hand zu zittern beginnt und
der Stil zwar ruhiger, aber weniger scharf und weniger schneidig erscheint, sondern
hat, wie er selber S. 71 in Anm. 3 schreibt, nach 7 jähriger klinischer Assistenten-
und Dozententätigkeit und nach zwei Jahrzehnten ärztlicher selbständiger Praxis
das Wort ergriffen, um sich über die Frage zu äußern, ob die medizinische
Wissenschaft oder die ärztliche Kunst einen bestimmenden Einfluß auf die Tätig¬
keit des Arztes besitzen solle.
So ist denn aus seiner geübten und berufenen Feder ein interessantes Werk
erwachsen, das in Anlehnung an die kulturhistorische Bedeutung ärztlicher Tätig¬
keit sowohl zu alten Zeiten der Wertung der Empirie gerecht wird, wie der
Entwicklung wissenschaftlicher Fortschritte aus allen Epochen der naturwissen¬
schaftlichen Erkenntnis Worte der Anerkennung zuteil werden läßt, ein Werk,
das die Schwächen der* Wiener Schule nicht verkennt und* schließlich die moderne
Entwicklung der Homeopathie und Naturheilmethode (Kurpfuscher) auf ihre wahren
Ursachen zurückführt.
Verf. verweist auf die hochbedeutenden Werke Albreohts ebensowohl wie
auf die Schweningers, der bekanntlich die Stützpunkte für die praktische Tätig¬
keit des Arztes nicht in der biologisch-wissenschaftlichen Erforschung sucht, sondern
sie glatt ablehnt.
Verf meint, daß auch der geniale Laboratoriumsforscher Ehrlich bei der
rein experimentellen Therapie schließlich nicht der klinischen Empirie entraten
konnte und eifert gegen v. Wassermann und andere einseitige Vertreter der
hypertrophierenden Laboratoriumsarbeit.
Ein Schlußkapitel ist den modernen Zeitfragen gewidmet, dem technischen
Übereifer der Ärzte, den fruialen Mächten, die in den Kassenfragen einwirken.
Verf will die Kranken aus den Händen der unfühlenden exakten Wissen¬
schaft dem pulsierenden Herzen der ärztlichen Persönlichkeit zurückgewinnen.
Verf. bedauert, daß eine allgemeine menschliche Schwäche — „die Trägheit
des Herzens“ — auch die Ärzte ergriffen hat, und gibt der Hoffnung Raum, daß
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
208
der Arzt mit der Zeit sieh seine freie, stolze, wahrhaft stolze Stellung wieder
znrüekerobern wird, die jetzt schwer erschüttert erscheint unter dem Banne
materielistisch-naturwissenschaftlichen Denkens.
Es ist ein gutes, interessantes, zeitgemäßes Buch, das das abgeklärte Urteil
eines guten, klinisch geschulten Praktikers verrät, und viele Freunde sich er¬
werben wird.
• 6) Die psyohopathleohen Verbrecher, von Dr. Karl Birnbaum. (Berlin,
Dr. P. Langenscheidt, 1914.) Bef.: Bratz (Dalldorf).
Wenn man daran geht, eine naturwissenschaftliche Betrachtung des Ver¬
brecherproblems in Angriff zu nehmen, so heben sich, wie Verf. mit Recht dar¬
legt, aus der Masse der Kriminellen zurzeit am klarsten die psychisch minder¬
wertigen, auch psychopathischen oder. degenerativ benannten Verbrecher heraus.
Ihnen hat Verf. nun eine umfangreiche, 550 Seiten Lexikonformat umfassende
Darstellung gewidmet und sich dabei nicht auf das irrenärztliche Gebiet beschränkt,
sondern die psychologischen und kriminal-psychologischen Gesichtspunkte für die
Darstellung in den Vordergrund gestellt, so daß auch Juristen und Strafanstalts¬
beamte das Buch mit dem größten Interesse lesen werden.
Verf., durch viele frühere Arbeiten als ein erfahrener Kenner dieses Gebietes
und Mehrer unserer einschlägigen Kenntnisse rühmlich bekannt, hat seine be¬
deutsame Aufgabe zu lösen verstanden.
Er gibt zunächst eine Psyochologie der psychopathischen Verbreoher.
Ihre verschiedenartigen Wesenszüge, die daraus hervorgehenden Charaktere
und kriminellen Typen, die Formen, in denen sie sich im sozialen Leben kund¬
geben, die Bedingungen und Einflüsse, unter denen sie kriminell werden, und
endlich die charakteristischen Delikte, in denen sie sich entäußern, werden klar*
gelegt.
Der zweite Teil gibt eine Psychologie des psychopathischen Angeklagten und
Sträflings. Seine innere Stellungnahme zur Straftat, sein Verhalten in den ver¬
schiedenen Stadien und Situationen des Strafverfahrens und Strafvollzugs, seine
psychopathischen Reaktionen auf all die gerichtlichen Einwirkungen, die vor¬
getäuschten oder wirklichen krankhaften Geisteszustände, die er unter den be¬
sonderen Bedingungen der Haft darbietet, und endlich die allgemeinen Wirkungen,
günstige und ungünstige, welche die Strafmaßnahmen auf ihn ausüben, sie bilden
den Stoff für diesen Absohnitt.
Ein dritter und letzter Absohnitt schließlich geht rein praktischen Zielen
nach und beantwortet jene Fragen, die sich allenthalben da aufdrängen, wo man
im Strafwesen auf psychopathische Verbrecher stößt.
Es ist unmöglich, im Rahmen eines Berichtes auf irgendwelche der vielfältigen
Einzelheiten einzugehen. Das Lesen des Buches selbst wird auch dem Psychiater
vielfach Neues und Anregung bieten.
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Nr. 7 o.8 erscheint als Doppel-Nummer am 7. April.
Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Mbtzgbb & Wittig in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prot K MendeL
Herausgegeben
von
Dr. Kurt Mendel.
Vierunddreißigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. — 13. April. Nr. 7/8.
Inhalt. Ludwig Edinger zur Vollendung seines 60. Lebensjahres, von M. Rothmann.
I. Originalmitteilungen. 1. Die Bedeutung des endogenen Faktors für die Pathogenese
der Nervenkrankheiten, von Heinrich Obersteiner. 2. Zur Anatomie und Physiologie der
Pyramidenbahn und der Armregion, nebst Bemerkungen über die sekundäre Degeneration
des Fasciculus ceutroparietalis, von C. v. Monakow. 3. Neue klinische Beiträge zur topischen
Diagnostik akuter Herderkrankungen des verlängerten Markes und der Brücke, von Adolf
Wallenberg. 4. Anatomischer Beitrag zur Frage der zerebellaren Pyramide, von Karl Schaffer.
5. Ein weiterer Fall von alkohologener reflektorischer Pupillen starre, von M. Nonne. 6. Zur
Pathologie des Bewußtseins vom eigenen Körper. Ein Beitrag aus der Kriegsmedizin, von
A. Pick. T. Weitere Erfahrungen über Vital-Scharlach VIII, von Paul Röthig.
II. Referate. Anatomie. 1. Beitrag zur Anatomie und funktionellen Bedeutung der
Arterien des Gehirns, insbesondere des Balkens, von Goldstein. 2. Über Hemisphären¬
exstirpationen bei Hapale und Macaeus (anatomische Befunde), von Karplus. 3. Über Vor¬
kommen und Bedeutung der drüsigen Bildungen (Sphärotrichie) in der Hirnrinde, von
Schönfeld. 4. The Pyramid Tract in the Red Squirrel # (Sciurus Hudsonius Loquax) and
Chipmunk (Tamms Striatus Lysteri), per Simpson. 5. Über den Hirnstamm eines Taub¬
stummen, von Brouwer und van Walree. 6. Paraffine-Weigert methods for the staining of
nervus tissue, with some nerv modifications, by Sheldon. 7. Die funktionellen und hirn-
anatomischen Befunde bei der japanischen Tanzmaus, von Kuipor. 8 . Les voies ascendantes
du cordon antöro latöral de la moölle, par Loewenthal. 9. Eine neue Markscheidenschnell-
färbemethode, von Schroeder. 10. The structure of the roots, trunk and branches of the
vagus nerve, by Chase and Ranson. 11 . Das Nervenpigment beim Papagei, von MUhlmtnn.
— Physiologie. 12. Die Entstehung des Menschenhirns, von Edinger. 13. Zur Methodik
in der Thierpsychologie. I. Der Hund H., von Edinger. 14. Wie die Tiere sehen, ver¬
glichen mit aem Menschen, von v. Tschermak. 15. Sugli effetti della compressione di varie
regioni dell’osse cerebrospinale isolato di Bufo vulgaris, per Baglioni ed Vecchi. 16. Beitrag
zur Lokalisation des der Wärmeregulation vorstehenden Zentralapparates im Zwischenhirn,
von Isenschmid und Schnitzler. 17. Über die Aktionsströme des Warmblütermuskels im
Strychnintetanus. II. Zur Kenntnis der Lokalisation rhythmischer Erregungen im Gehirn
und Rückenmark, von Fahrenkamp. 18. Über die Wirkung der Erwärmung auf das Zentral¬
nervensystem, insbesondere auf die Großhirnrinde, von Trendelenburg. 19. Über den Einfluß
der Ausschaltung des Zwischenhirns auf das infektiöse und nicht infektiöse Fieber, von
Citron und Leschke. 20. Über die Entwicklung des Plexus chorioidei der Seitenkammern
des menschlichen Gehirns, von Hochstetter. 21. Über das Differenzierungsvermögen der
Gehirnzellen, von Fischei. 22. Untersuchungen über den Ausgleich der Bewegungsstörungen
nach Rindenausschaltungen am Affengroßhirn, von Trendelenburg. 23. Beitrag zur Kritik
des Hellsehens, der Ahnungen und des Gedankenlesens, sowie der denkenden Tiere u. a.,
von Meyer. 24. Studio macro- e microscopico sul simpatico dei cheloni con osservazioni
intorno alle anastomosi cellulari, per Riquier. 25. L’azione del micrococco di Bruce (meli-
tense) e delle sue tosaine sul sistema nervoso centrale e periferico, per Nunno. 26. Sopra
speciali alterazioni nucleari delle cellule nervöse nella malassia di Borna (meningo-encefalite
acuta del cavallo), per Pilotti. 27. Einige Experimente an dem N. petrosus superficialis
major zur Bestimmung des Ursprungsgebietes des Nerven, von Yaglta. 28. Die Leistungen
des Zentralnervensystems beim Frosch dargestellt mit Rücksicht auf die Lebensweise des
xxxiv. 14
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
210
Tieres, von Edingor jr. 29. Contributions ä la Physiologie du syst&me nervenx eentral et du
mouvement des poissons, par Polimanti. — Kriegsbeobachtungen. SO. Nerven* und
Geisteskrankheiten im Felde und im Lazarett, von Friedländer. 31. Mein Tetanusimmun-
serum, von v. Bering. 32. Drei Kriegsverletzungen des Kehlkopfes, von Koerner. 33. Weitere
Erfahrungen über Kriegsverletzungen des Kehlkopfes und des N. vagus, von Koerner. 34. Zur
Kenntnis der Schuß Verletzung des N. radialis, von Hoepfl. 33. Ober die Behandlung ver*
letzter Nerven im Kriege, von Stoffel. 36. Ober Nervenverletzungen, von Fleischhauer.
37. Zur Frage der Nervennaht, von Spielmeyer.
III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬
heiten, Sitzung vom 8. Februar 1916.
IV. Martin Bernhardt t
Ludwig Edinger
zur Vollendung seines 60. Lebensjahres.
Am 13. April wird Ludwig Edingeb 60 Jahre alt Sein Wirken und
Schaffen ist mit der Entwicklung der Neurologie zu einem selbständigen Zweig
der Medizin innig verknüpft Waren es bis vor kurzem in Deutschland ans*
schließlich die inneren Mediziner und die Psychiater, die der Neurologie mehr
oder weniger ihr Interesse zuwandten, so hat es die Ausdehnung unserer Wissen¬
schaft mit sich gebracht, daß ein Stamm von Neurologen herangewachsen ist
Wir können jetzt bereits daran gehen, die Meilensteine im Lebensgang unserer
Führer rückschauend festzuhalten. Edingeb ist, wie so mancher seiner Fach¬
genossen, aus der inneren Medizin hervorgegangen und es ist für seine Entwick¬
lung gewiß nicht gleichgültig gewesen, daß er als junger Arzt Assistent Kuss-
maul’s wurde, dessen Interesse an neurologischen Fragen vor allem aus seinem
klassischen Werk „Die Störungen der Sprache“ hervorleuchtet Dann wirkte
Edingeb einige Jahre als Privatdozent in Gießen; 1883 ließ er sich in
Frankfurt nieder und gab sich hier vorwiegend hirnanatomischen Forschungen
hin. Bereits im Jahre 1885 erschienen seine „Vorlesungen über den Ban der
nervösen Zentralorgane des Menschen und der Tiere“, entstanden aus Korsen
für praktische Ärzte, die er dort abhielt Zuerst ein schmales Heftchen, hat
sich dieses Werk in den folgenden Auflagen immer mächtiger entwickelt nnd
ist vor allem für die Kenntnis der Entwicklungsgeschichte und vergleichenden
Anatomie eine Fundgrube für den auf diesem Arbeitsfeld tätigen Forscher, aber
auch der Leitstern für viele Mediziner in diesen schwierigen and stets im Flusse be¬
findlichen Gebieten geworden. Hier hat sich eine Seite der EDiNGER’schen Begabung
besonders glänzend bewährt, die Fähigkeit, die schwierigsten Probleme in
scharfer, leicht verständlicher Fassung zu erörtern und durch klare, einfache
Abbildungen auch dem Unbewanderten leicht verständlich zu machen. Diese
Befähigung, die Edingeb auch in zahlreichen Kursen nnd Vorträgen immer
anfs neue betätigt hat, hat gewaltig dazu beigetragen, hirnanatomische Kennt¬
nisse als die Grundlage für Physiologie and Pathologie in immer steigender
Ausdehnung unter den Medizinern zu verbreiten.
Bedeutungsvoll für die EDiNGBR’sche Forschung ist dann das wissen¬
schaftliche und menschliche Verhältnis geworden, in das er za dem großen
Digitized b
■v Google
Original frnm
IIV=RRITY HF Vir
211
Pathologen Carl Weigert treten konnte. Wer von den zahlreichen Arbeitern
in dem W bigert’ sehen Laboratorium im alten Senkenberginstitnt am Eschen¬
heimer Tor erinnert sich nicht des Fenstereckplatzes im allgemeinen Arbeite-
ranm, in dem Edingbr im bescheidensten äußeren Rahmen tätig war. Hier
entstanden die zahlreichen Arbeiten, in denen Edingbr vielfach Grundlegendes
über Hirnaufbau, Großhirnentwicklung, Striatumfaserung, Kleinhirn der ganzen
Wirbeltierreihe teils allein, teils in Verbindung mit seinen Schülern und Mit¬
arbeitern, von denen hier nur Holmes, W Allenberg und Auerbach ge¬
nannt seien, schuf. Hier offenbarte sich auch eine zweite Seite seiner Begabung;
er hielt es stets mit dem alten Burdach, dessen Ausführungen er selbst in dem
Vorwort zur 1. Auflage seines Lehrbuches derart zitiert: „Das Sammeln ein¬
zelner Baustoffe ist es doch nicht allein was nottut In jedem Zeitraum, wo
eine neue Masse derselben gewonnen ist, mögen wir von neuem daran gehen,
sie zum Gebäude zu fügen.“ Das hat er selbst stets befolgt 1 Immer war und
ist er bemüht, den toten Stoff anatomischer Forschung mit dem Entwicklungs¬
gedanken zu erleuchten und zn beleben. Dadurch hat er als Anreger, vor
allem auch für die experimentelle Hirnphysiologie, Außerordentliches geleistet.
Aber gerade weil Edingbr stets bemüht war, den Blick auf das Ganze,
Verbindende zu richten, hat er, unterstützt von seiner gründlichen klinischen
Schulung, auch in der Pathologie vielfach fordernd und Neues gestaltend ein¬
gewirkt. Am bekanntesten ist hier sein Versuch, die Entstehung zahlreicher
Nervenkrankheiten durch die Theorie des Nervenaufbrauohs zu erklären, eine
geistvolle Hypothese, die zum mindesten neue Gesichtspunkte für die ätiologische
Erforschung der Nervenkrankheiten gebracht hat, und die Edingbr auch mit
Helbing zusammen experimentell zu stützen suchte. In immer steigendem
Maße hat Edingbr dann sein Interesse den Beziehungen des Hirnaufbaus zur
Psychologie zugewandt Seine Forschungen über das Gedächtnis und über das
Hören der Fische, über den Oral-Sinnesapparat, über Tierpsychologie, über Klein¬
hirn und Statotonus, über den Menschen ohne Großhirn (mit Fischer), zuletzt
die genauen psychologischen Beobachtungen über seinen eigenen Hund sind hier
vor allem zu nennen.
Aber nicht nur als Forscher und Lehrer ist Edingbr auf allen Gebieten
der Neurologie tätig; er ist auch andauernd bestrebt, seiner Wissenschaft den
ihr gebührenden Platz zu erobern. So hat er, zunächst aus eigener Kraft, das
Neurologische Institut geschaffen, das in dem wundervollen Neubau des Patho¬
logischen Instituts seinen Platz gefunden bat, und dessen reiche Präparate und
Sammlungen er stets mit Stolz jedem nach Frankfurt kommenden Fachgenossen
demonstriert Im Rahmen der interakademischen Hirnforschung hat dieses In¬
stitut seit einer Reihe von Jahren Deutschland als einziges seiner Art würdig
vertreten. Die ihm zukommende Anerkennung hat das Institut aber erst jetzt
voll und ganz errungen, nachdem es nach Begründung der Universität Frank¬
furt a. M. in die Institute der dortigen medizinischen Fakultät einbezogen ist.
So ist es auch Edinger selbst vergönnt, als erster der deutschen Nerven¬
ärzte ein Ordinariat für Neurologie an einer deutschen Universität zu bekleiden.
14*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
212
Ist auch für die Ausgestaltung der Neurologie die positive Leistung das allein
Ausschlaggebende, so bedeutet doch die Anerkennung derselben als eines selb«
ständigen Faches an der Universität Frankfurt a.M. eine wesentliche Etappe in den
Bestrebungen, welche die deutschen Neurologen unter der Leitung von Ebb in dieser
Richtung vereinen. Gerade in diesen Tagen hat Bonhoeffeb noch einmal alles
das zusammengefaßt, was die Psychiater gegen die freie Entwicklung der Neuro¬
logie anzuführen haben. Gegenüber der Besorgnis, daß die Psychiatrie durch
diese Abtrennung der Neurologie Schaden leiden könnte, lehrt die Erfahrung, daß
eine solche Erweiterung und Vertiefung eines neuen Zweiges der Medizin die
Nachbardisziplinen stets außerordentlich bereichert und gefördert hat. Wenn
aber die Befürchtung ausgesprochen wird, daß die Entwicklung der Neurologie
nach der chirurgischen Seite zum Experimentieren während der Operation ver¬
leiten würde, so ist es doch ganz interessant, daran zu erinnern, daß der glück¬
licherweise einzige Fall, in dem ein solches Experimentieren bekannt geworden
ist, einen Psychiater (Bubkhabdt) betrifft, der seinen psychisch kranken Patienten
Stücke aus der Spraohregion herausschnitt.
Das Beispiel der Universität Frankfurt a. M. hat aber diese ganze Frage
aus dem Vorstadium der Diskussion herausgehoben. Hier stehen Neurologie
und Psychiatrie als selbständige Fächer nebeneinander. Neben dem Ordinariat
Edingeb’s bekleidet Knoblauch ein neurologisches Extraordinariat, und soeben
ist Goldstein als Abteilungsvorsteher in das Neurologische Institut eingetreten.
Daneben besteht ein Ordinariat (Sioli) und ein Extraordinariat (Raeoke) für
die Psychiatrie, außerdem die Lehrstühle der Inneren Medizin. Jetzt muß und
wird es sich zeigen, wie diese Disziplinen neben- und miteinander an der gleichen
Fakultät einer Universität in wechselseitiger Einwirkung sich unterstützen nnd
fördern werden.
Ist Edingeb so zu einem der erfolgreichsten Vorkämpfer der Neurologie
geworden, so ist er auch einer der Begründer der Gesellschaft Deutscher Nerven¬
ärzte. Seine Freunde, Schüler und Facbgenossen vereinigen sich heute, um ihm
beim Abschluß des 60. Lebensjahres von Herzen Glück zu wünschen. Von seiner
wissenschaftlichen Arbeit und seiner Lehrtätigkeit erhoffen wir noch auf lange
hin einen befruchtenden Strom für die deutsche Neurologie, der auch der gesamten
medizinischen Wissenschaft zum Segen gereichen wird. M. Rothmann.
I. Originalmitteilungen.
1. Die Bedeutung des endogenen
Faktors für die Pathogenese der Nervenkrankheiten.
Von Prof. Heinrioh Obersteiner (Wien).
Ein strenges Schematisieren ist in der Medizin gewiß oft von didaktischem
oder auch heuristischem Werte, wird aber auf gründlich durchgearbeiteten und
wissenschaftlich aufgehellten Gebieten zweifellos mitunter einem weiteren Fort-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
218
schreiten der Erkenntnis hemmend entgegenstehen. So habe ich seinerzeit 1
die Auffassung ausgesprochen, daß eine reinliche Scheidung zwischen funk¬
tioneilen und organischen Erkrankungen des Nervensystems (abgesehen von
technischen Unzulänglichkeiten, die uns manche organische Veränderung noch
nicht zu erkennen gestatten) oft nicht möglich ist, daß es sich vielmehr meist
empfiehlt, lieber von funktionellen und organischen „Symptomen“ zu sprechen,
da sich solche beiderlei Art sehr oft zu einem Krankheitsbilde vereinigen. Des¬
gleichen habe ich in meinem Festvortrage in der k. k. Gesellschaft der Ärzte
zu Wien 2 dargetan, wie sehr auch bei sogenannt exogenen Nervenkrankheiten
ein endogener Faktor, und zwar die Anlage, eine wesentliche Rolle spielen
kann. Für die Pathologie überhaupt wird dieser Standpunkt besonders scharf
von Mabtiu8 vertreten, der (zuletzt) in seinem sehr lesenswerten Buche „Kon¬
stitution und Vererbung, 1914“, sich dahin ausspricht, daß das „aut-aut“-
Prinzip, nach welchem die Gruppe der konstitutionellen Krankheiten von den
übrigen zu sondern wäre, wissenschaftlich nicht durchführbar erscheint. Der
Versuch zu beweisen, daß es einerseits Krankheiten gibt, die nur aus inneren
(endogenen, konstitutionellen) Ursachen entstehen und andererseits solche, die
nur exogen bedingt sind, also lediglich äußeren Ursachen ihre Entstehung,
Ausbildung und Eigenart verdanken, gelänge nicht. Die wirkliche Grundlage
aller menschlichen Krankheit, sagt er, sei der Mensch und der sei auch in
der bakteriologischen Ära derselbe geblieben.
Für die progressive Paralyse habe ich 9 dieser Auffassung in dem Satze
Ausdruck gegeben: „Paralyticus nascitur atque fit“, glaube aber, daß er in
entsprechender Weise auch noch auf eine sehr große Zahl weiterer Nerveu-
krankheiten — vielleicht auf die meisten — Anwendung finden kann. Ich
habe nun versucht, damit einen Schritt auch auf rein induktivem Wege weiter
zu gehen und die Annahme einer Disposition besser zu fundieren, als ich es
mir mit Hilfe meiner Schüler seit längerer Zeit angelegen sein ließ, diese
Anlage womöglich auch ad oculos zu demonstrieren — ein Gedanke, der ja
gewiß nicht neu ist, den ich aber weiter zu verallgemeinern suchte. Ich hatte
mir die Frage vorgelegt, ob und inwieweit sich bei Erkrankungen des Nerven¬
systems an diesem selbst solche angeborene Eigentümlichkeiten der Form¬
gestaltung oder seines feineren histologischen und histochemischen Baues finden,
die, ohne selbst schon pathologisch im engeren Sinne zu sein, meist erst beim
Hinzutreten einer exogenen Schädigung (Syphilis, Überanstrengung u. ähnl.)
die Entwickelung des krankhaften Prozesses begünstigen konnten, also eine
Anlage zu diesem letzteren darstellen.
Es ist unzweifelhaft als ein wesentlicher Fortschritt in der Auffassung
vieler Nervenkrankheiten zu bezeichnen, daß nun widerspruchslos ein exogenes
Moment als conditio sine qua non ihres Entstehens anerkannt ist z. B. Syphilis
für Tabes und progressive Paralyse, die infektiös-kontagiöse Natur der Polio-
' Funktionelle and organische Nervenkrankheiten. Wiesbaden 1900.
* Wiener klin. Wochenschrift 1913.
* Die progressive Paralyse. Wien 1908.
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
myelitis anterior; bei anderen z. B. der multiplen Sklerose warten wir nur auf
den Forscher, der uns den kaum fehlenden exogenen Erreger nach weist; anderer¬
seits aber muß ich es für nicht angemessen ansehen, im Freudentaumel über
diesen gefundenen exogenen Faktor einseitig daneben auf die Möglichkeit eines
schon vorher bestandenen endogenen zu vergessen, ja einen solchen kurzweg
abzuleugnen.
Da es mir also vollkommen ferne liegt, ebenso einseitig der angeborenen
Disposition eine Bedeutung beizumessen, die alle von außen hinzutretenden
Ursachen erdrückt, komme ich hier auf diese Frage zurück, indem ich in das
Wesen dieser „Anlage“ ein wenig näher eingehe. Ich habe die Begriffe Dis¬
position und Anlage als nicht vollkommen identisch bezeichnet. Disposition
zu einer Krankheit sagt aus, daß das betreffende Individuum (eventuell die
Rasse, Tierart) gewissen exogenen Schädigungen gegenüber relativ weniger
Widerstandskraft entgegen zu setzen vermag —während der engere Begriff
der Anlage bereits etwas, wenn auch vielleicht nur in seinen allerersten An¬
föngen vom Normalen Abweichendes voraussetzt. Eine Disposition bzw. Anlage
kann intrauterin oder erst später erworben sein, sie kann aber auch auf eine
Keimschädigung zurückzuführen sein.
Hinsichtlich der später erworbenen Disposition darf man recht vorsichtig
sein; man hatte z. B. gesagt, die Syphilis schaffe die Disposition zur progressiven
Paralyse und Tabes. Gegenwärtig wäre eine solche Auffassung als ganz irrig
zu bezeichnen; mußte es schon auffallen, daß die, oft ganz unbekannten aus¬
lösenden Ursachen gerade nach 10 bis 15 Jahren sich mit Vorliebe einstellten,
so hat uns die fortschreitende Erkenntnis der Pathogenese dieser Krankheiten
gelehrt, die Syphilis als einen unbedingt notwendigen ätiologischen Faktor,
der nicht bloß als die Disposition schaffend bezeichnet werden darf, für die
genannten Krankheiten anzusehen.
Hingegen scheint mir das Studium der angeborenen Anlage von be¬
sonderem Interesse, wenn es auch manchmal nicht leicht sein wird zu ent¬
scheiden, ob lediglich eine Keimschädigung (eine Anlage im strengsten Sinne
des Wortes) oder eine durch gewisse intrauterine Einflüsse bedingte Ent¬
wicklungsstörung bzw. Entwicklungshemmung, eventuell dasjenige, was Tandler
als morphologischen Anachronismus bezeichnet, vorliegt
Die Anlage zu einer Nervenkrankheit kann auch lediglich biochemischer
Natur sein (angeboren oder erworben), und da mag sich bei dem nun immer
mehr um sich greifenden Interesse für chemische Fragen ein nicht aussichts¬
loses Feld der Forschung eröffnen — ich will nur beispielsweise an das in¬
dividuell so verschiedene Verhalten gegen manche das Nervensystem toxisch
beeinflussende Substanzen (Alkohol u. a.), an oft auch familiäre Idiosynkrasien,
an die Beziehungen des Gehirns zu den Drüsen mit innerer Sekretion er¬
innern.
Der Nachweis einer morphologischen Anlage im Nervensystem wird
sich auf grob anatomische und auf feinere histologische Abweichungen stützen
können. Letztere werden mit dem Fortschreiten unserer mikroskopischen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
215
Technik auoh dort klar zutage treten, wo sie uns früher verborgen geblieben
waren; Methoden wie die von Nissl, oder die neueren von Biblschowsky,
At.zhbtmeb u. a. haben uns bereits viel weiter gebracht; diese und andere
noch zu erwartende technische Fortschritte werden voraussichtlich noch manch
neuen Gesichtspunkt schaffen.
Nicht zu übersehen ist, daß man eine allgemeine Disposition — eine
allgemeine Schwäche des Nervensystems — wohl zu unterscheiden hat von
der spezifischen Anlage zu einer bestimmten Nervenkrankheit, was allerdings
nicht au8sohließt, daß beide gleichzeitig in einem Individuum vorhanden sein
können. In beiden Fällen haben wir ein minderwertiges Nervensystem vor
uns, das exogenen Schädlichkeiten, etwa Mikroorganismen, relativ zu hohen
funktionellen Anforderungen (Aufbrauchstheorie Edingeb’s, die so berechtigten
Anklang gefunden hat) o. ähnl. nicht genügend standzuhalten vermag.
Bezüglich der grobanatomischen Verhältnisse will ich nur auf ein
paar Punkte aufmerksam machen. Ich muß allerdings wieder daran erinnern,
daß die Bedeutung des Hirngewichtes häufig noch überschätzt wird. Ein
leichtes Gehirn (innerhalb entsprechender Grenzen) muß durchaus nicht von
vornherein immer als minderwertig angesehen werden. Auch die Varianten
im Windungstypus (z. B. Verbrechertypus) können nur mit Vorsicht verwertet
werden. Auerbach sieht die Anlage zur Migräne in einem Mißverhältnis
zwischen Gehirnvolum und Schädelraum, Spitzer führt sie auf ein zu eng
angelegtes Foramen Monroi zurück. Die ungleiche Ausbildung des Circulus
Willisii kann begreiflicherweise die Zirkulationsverhältnisse im Gehirn wesentlich
alterieren (u. f.).
Das Material zur Begründung unserer Anschauung für die Häufigkeit
eines endogenen Faktors bei der Pathogenese der Nervenkrankheiten, das wir aus
der mikroskopischen Untersuchung des Nervensystems gewinnen, ist bereits
ein ziemlich reiches und wächst zusehends an. Es ist hier nicht der Ort, im
einzelnen dies durchzuführen und ich will mich daher auch nur mit der An¬
führung einiger Beispiele begnügen. Auch darüber, inwiefern das histologische
Verhalten der Elemente des Nervensystems uns Aufschluß über krankhafte
Veranlagung zu geben imstande ist, habe ich mich bereits in meinem anfangs
zitierten Vortrage ausführlich ausgesprochen und will hier auf diesen verweisen.
Dem dort Gesagten möchte ich hinzufügen, daß von verschiedenen Autoren
(StrIossleb, Jendrasshc u. a.) die Meinung ausgesprochen wurde, alle here¬
ditären (bzw. familiären) Formen von Nervenkrankheiten könnten auf die gleiche
fundamentale Veränderung im Nervensystem (z. B. Hypertrophie des Hyalo¬
plasma, Schaffer) bezogen werden.
Am eingehendsten ist bezüglich der Anlage die Tabes studiert; wenn be¬
reits Pick und Kahler vor längerer Zeit auf eine Unterentwicklung des
tabiscben Bückenmarkes nebst gewissen Abnormitäten der Konfiguration hin¬
gewiesen hatten, so konnte Stern durch genaue Messungen an einer großen
Anzahl von Bückenmarken Persistenz der kindlichen Form und kindlichen
Größe an den meisten Bückenmarken von Tabikern bestätigen. Biaoh fand
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
216
bei diesen auffallende Fältelung der Substantia gelatinosa Bolandi; Nageotte,
y. Orzechowbkt, Reich beschreiben die häufigen kleinen Neurome in der
Pia, letzterer auch noch abnormen Verlauf hinterer und vorderer Wurzeln,
sowie Gliainseln in der Pia.
Für die multiple Sklerose wird von sehr vielen Seiten (Strümpell,
Schm au 8 , En. Müller, Oppenheim, Ziegler) und wohl mit Recht, eine in
der Anlage begründete Eigenheit des Nervensystems angenommen, sei es, daß
man mit Ziegler sein Wesen in der angeborenen Disposition zur Gliawuche¬
rung sieht, oder, was vielleicht richtiger sein dürfte, daß lediglich eine Dis¬
position vorhanden ist (Oppenheim), die das Nervensystem für exogene Schäd¬
lichkeiten empfänglicher macht. In diesem Sinne ist allerdings bisher die
Anlage zur Sklerose weder am Glia- noch am Nervengewebe histologisch sioher
zum Ausdruck gebracht worden, aber auch die schädigenden äußeren Momente
andererseits, die, wie ich bereits früher betonte, zweifellos bestehen, sind uns
nicht einmal von den strengen Gegnern eines endogenen Faktors genügend
klar gemacht worden.
Hingegen finde ich für meine Auffassung der echten Syringomyelie als
eines Leidens, das auf entwicklungsgeschichtliche Anomalien zurückzuführen
ist, gerade in der letzten Zeit (1913) wieder neue zustimmende Beobachtungen
(SoHiEFFBRDECKER und Lesohke, Lundsgaabd). Dieses kongenitale Moment
mag aber nicht bloß für die zentrale Rückenmarksgliose Geltung haben, sondern
kann vielleicht nicht ohne Berechtigung auch für die meisten eigentlichen
Gliome herangezogen werden, wie dies insbesondere von Ribbert betont wird;
Bartel macht auf die innige Beziehung zwischen Gliomen und hypoplastisoher
Konstitution aufmerksam. — Streifen will ich nur die juvenile Paralyse, bei
welcher häufig (Ranke, StrIussler, Gerstmann, Rondoni, Scharnke u. a.)
mannigfache Zeichen einer tiefgreifenden Entwickelungsstörung beschrieben
wurden, Zeichen, die wohl in keinem einzigen Falle fehlen dürften.
Lassen sich aber bei der Tabes und der juvenilen Paralyse solche in der
Anlage gegebene Abweichungen vom normalen Bau am Nervensystem nach-
weisen, so liegt es nahe zu erwarten, daß die spezifische Anlage, welche aus
klinischen Erscheinungen für die progressive Paralyse der Erwachsenen an¬
genommen werden darf, auch hier ihren histologischen Ausdruck finden wird,
ich bin überzeugt, daß es gelingen wird, ihn unzweifelhaft nachzuweisen.
Die genuine Epilepsie hat geradeso wie die Dementia praecox bereits ihre
pathologische Anatomie gefunden, und zwar stoßen wir bei beiden Erkrankungen
auch auf Bilder, die als Entwicklungsstörungen gedeutet werden können oder
müssen. Ich will diesbezüglich nur auf die neueste Arbeit von Gerstmann
hin weisen, 1 welcher auch bei den eben genannten Krankheiten Persistenz der
CAJALSchen Fötalzellen, auffallend große, blaße atypische Zellen mit großem
Kern, und weiter eigentümliche glomerulöse Zellanhäufungen in der Hirn¬
rinde fand.
1 Arb. a. d. Wiener nenrol. Inst XXI. 1914.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
217
Als neuen Befund möchte ich die von Kato 1 aufgefundene Tatsache re¬
gistrieren, daß auch bei Hirntumoren sich verschiedenartige, von diesen an¬
scheinend ganz unabhängige Eigentümlichkeiten im Gehirne finden können,
die als Entwicklungsstörungen aufzufassen sind (Ependymwucherungen mit
Divertikelbildungen, schlauchförmige Anordnung der Ependymzellen, abnorme
Lagerung von Ganglienzellen und Easerzügen, Neigung zur Zweikernigkeit usw.).
Es legen diese Befunde den Gedanken nahe, wie Kato sagt, in dem Gehirne
mancher an Tumor cerebri Erkrankten etwas ab ovo Minderwertiges zu sehen,
eine Minderwertigkeit, in der möglicherweise die Disposition zur späteren Tumor¬
bildung gelegen ist. — An dieser Stelle kann ich auch daran erinnern, daß
sowohl die Brückenwinkeltumoren (Obzechowski) , als auch manche Zirbel¬
drüsentumoren (Mabbubg) ihre Entstehung entwicklungsgeschichtlichen Ab¬
weichungen verdanken dürften.
Die anatomischen Befunde bei der hereditären Ataxie, bei der amauroti¬
schen Idiotie, bei der Kernaplasie und noch bei manch anderen Nervenkrank¬
heiten sind längst als Entwicklungsstörungen allgemein anerkannt; auch für
die Pseudosklerose (Ai<zheimeb) und die Wilson’sche Krankheit (Stöokbb)
scheint die Annahme einer fehlerhaften Anlage des Zentralnervensystems ge¬
rechtfertigt.
Ich habe durch Heranziehung einiger Beispiele nur darauf hinweisen
wollen, daß bei einer großen Anzahl von Erkrankungen des Nervensystems
gewisse angeborene Abweichungen von der Norm als endogener Faktor ätiolo¬
gisch nicht bloß erschlossen werden, sondern klar demonstrierbar bestehen und
daß der Kreis dieser Krankheiten mit Keimschädigung bzw. Entwicklungs¬
störungen im Nervensystem sich immer mehr erweitert; es wird durch eine
solche Abweichung eine Anlage für die Erkrankung geschaffen, eine Anlage,
die entweder mehr allgemeiner Art oder aber für die betreffende Erkrankung
spezifisch ist.
Wenn man sich nicht auf den erwähnten aut-aut-Standpunk stellt, der
meiner Meinung nach ein verfehlter ist, so wird durch diese Konstatierung die
Bedeutung der exogenen Ursachen für die Nervenkrankheiten nicht im minde¬
sten herabgesetzt
2. Zur Anatomie und Physiologie der Pyramidenbahn
und der Armregion, nebst Bemerkungen über die sekundäre
Degeneration des Fasciculns centroparietalis. 2
Von O. ▼. Monakow (Zürich).
Obwohl die engen Beziehungen der Pyramidenbahn zur Regio Rolandica
und speziell zur vorderen Zentral Windung durch eine Unzahl von pathologi-
1 Arb. a. d. Wiener nenrol. Inst. XXI. 1914.
1 Nach einem bei der Wanderveraammlang der atid* westdeutschen Neurologen and
Irrenärzte za Baden-Baden (Mai 1914) gehaltenen Vortrage.
Digitized by
Go t igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
218
sehen und experimentellen Beobachtungen sichergestellt sind, es auch nament¬
lich seit den experimentellen Untersuchungen von Holmes und Page May un¬
bestritten ist, daß Riesenpyramidenzellen (in der Regio gigantocellularis)
Pyramidenfasern Ursprung geben, so bleibt doch in der Frage nach den
feineren Ursprungs- bzw. Endigungsverhältnissen (Lokalisation) und vollends
in derjenigen nach der physiologischen Rolle der Pyramidenbahn noch eine
ganze Reihe von wichtigen Punkten zu lösen übrig. Meine seit Jahren fort¬
gesetzten experimentellen und pathologisch-anatomischen Untersuchungen über
diesen Gegenstand, insbesondere aber über die sogen. „Extremitätenregion“ im
Kortex haben mich mit mehreren Tatsachen bekannt gemacht, die den üb¬
lichen Lehren teilweise widersprechen.
Zerstört man bei der Katze, Hund oder Macacus die Regio centralis bzw.
die Extremitätenregion von Munk (Gyr. Sigmoideus bzw. Gyr. centr. ant. und
post.) vollständig, so kommt es zweifellos, wie ich es als einer der ersten (1882)
nachgewiesen habe, zu schwerer sekundärer Pyramidendegeneration. Diese
sekundäre Degeneration ist indessen niemals eine komplette; nicht weniger
als ein Drittel der Pyramidenfasern der Oblongata bleibt von degenerativem
Prozeß frei, und dieser Rest läßt sich über die Pyramidenkreuzung in den
gegenüberliegenden Seitenstrang verfolgen. Ferner zeigt der degenerative
Prozeß an den befallenen Pyramidenfasern beim Versuchstier (übrigens auch
beim Menschen) in keiner Phase genau das nämliche histologische Bild.
Manche Pyramidenfasern erscheinen nur im Volumen reduziert, andere aber sind
sklerosiert (Verlust der Markscheiden und Schrumpfung des Axons) und wieder
andere sind völlig resorbiert. Räumt man dagegen bei den erwähnten Tieren eine
ganze Hemisphäre aus (Kaninchen, Katze, Hund), dann degeneriert die gleich¬
seitige Pyramide bis zu völliger Resorption (vgl. auch B. v. Gudden). In
letzterem Falle geht der degenerative Prozeß aber auch auf die Processus
reticulares der gegenüberliegenden Reg. cervicalis über. 1 Hier gehen sowohl
die Subst. molecuL, als die kleinen, inselförmig gruppierten Nervenzellen zu¬
grunde.
Die Pyramide kann bekanntlich auch beim Menschen vom Großhirn aus
einer kompletten sekundären Degeneration (Resorption) verfallen. Dies ge¬
schieht gewöhnlich aber nur bei ganz ausgedehntem, im Mark der Reg.
centralis (Stabkranzgebiet) und darüber hinaus sitzendem Herd, ja meist nur
dann, wenn außer dem Stabkranzgebiet auch noch die lenticulo-optische Partie
der inneren Kapsel (event auch noch das Corp. Striatum) mit zerstört wird.
Beschränkt sich der primäre Herd lediglich auf die oberflächlichen Partien der
Gyri centrales, dann kommt es auch beim Menschen — nach meinen Erfah¬
rungen — nur zu einer inkompletten (meist bescheidenen) sekundären Dege-
ration der Oblongatapyramide. Sicher reicht beim Menschen eine radikale
Vernichtung der etwa 12 qcm Fläche in Anspruch nehmenden Area giganto¬
cellularis trotz ihrer etwa 25000 Riesenpyramidenzellen (Tramer) für sich nicht
1 v. Monakow, Archiv f. Psychiatrie. 1885.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
219
aas, am eiae sogen, maximale sekundäre Degeneration der Pyramidenbahn
(restmarkloser Gliasanm) hervorzurufen, obwohl, wie auch ich bekennen muß,
aas der Area giganto cellul. die Pyramiden fasern in besonders dichter Weise
zur Capsula int. und Oblongatapyramide strömen.
Beschränkt sioh die Zerstörung der Himoberfläche auf die unteren zwei
Drittel der vorderen Zentralwindung (event. sogar beider Zentralwindungen),
d. h. auf die Arm- und die Kopfregion, dann präsentiert sich die Degene¬
ration der Pyramide — vorausgesetzt, daß der Herd die Stabkranzregion und
die innere Kapsel nicht erreicht — nach meinen Erfahrungen (4 an Serien
studierte Fälle; Präparate davon wurden an der Neurol. Vers, in Baden-Baden
im Mai 1914 demonstriert) merkwürdigerweise als eine außerordentlich
bescheidene (Markscheiden-, Karmin- und Marchifärbung); mit der Mark-
soheidenmethode allein läßt sich die Degeneration der Oblongatapyramide in
solchen Fällen überhaupt kaum sicher nachweisen. Ja, in drei hierher ge¬
hörenden, auf das Genaueste untersuchten Fällen, erschien die Pyramiden¬
degeneration, wenigstens in der Oblongata, weniger stark ausgesprochen,
als in einigen anderen Fällen, wo größere extrarolandische Windungs¬
komplexe in früher Jugendzeit bei völliger Intaktheit der Regio Rolandi unter¬
gegangen waren. Jedenfalls reicht die Zahl der nach ausgedehnter aber ober¬
flächlicher Zerstörung der Armregion und des Operculum Rolandi der sekun¬
dären Degeneration verfallenden Pyramidenfasern bei weitem nicht an jene
Zahl heran, welche nach Zerstörung der Beinregion (Area giganto-cellularis) 1
zugrunde geht. Daß Pyramidenfasern auch, bei umfangreichen Großhirn¬
herden, bei denen die Regio Rolandica und auch die innere Kapsel verschont
blieb, sekundär atrophieren können (bezw. Volumsreduktion), davon konnte ich
mich in mehreren Fällen mit Bestimmtheit überzeugen (primärer Herd im
Frontallappen oder im unteren Scheitelläppchen). Auch aufsteigende Degene¬
ration der Pyramidenbahn bis zur inneren Kapsel hinauf konnte ich sicher in
einem Falle von primären Herd in der Oblongata beobachten, ferner auch
wiederholt (auch beim Menschen) sekundäre Degeneration der Processus
reticulares im Zervikalmark, allerdings nur bei kompletter sekundärer
Degeneration der gegenüberliegenden Pyramide.
Aus den bisherigen pathologisch-anatomischen Beobachtungen und speziell
aus der Ungleichartigkeit des histologischen Bildes der sekundären Degene¬
ration innerhalb der Pyramide, dann aus dem Umstande, daß bei kompletter
sekundärer Pyramidendegeneration die Processus reticulares schwer mitdegene¬
rieren, muß geschlossen werden, daß die dem Großhirn entstammenden Pyra¬
midenfasern weder nach Ursprung noch nach Endigung einheitlicher
Art sind; es muß kortikofugale, aber auch kortikopetale Pyramidenfasern
geben. Ferner muß angenommen werden, daß Pyramidenbündel, außer der
Area gigantocellularis, noch andere kortikalen Faserquellen besitzen. Faserquellen,
1 Die Area gigantocellularis (Area 4 von Bbodmahn) gebt bekanntlich nur mit einem
schmalen Zipfel in die Armregion über.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
die. wenn auch iu viel geringerer Dichte ab im Lobul. paraeent.rulb, weit über
<lw beiden Xentralwmdiuigtm (:?. R Area front. agramilaris Usw.) hjoäusgeht‘ji>,
Was mm sber die der Aria- und der Kdpffegioiri eritstämtaeBde PjcamideD-
portiun 'iiübetri.ÖT, so kann sie mit Rücksicht auf die Tatsache. daß iu meinen
Beubacblu.ügen (Fälle mit nahezu vröjti^r Zersfnrung tief unteren zwei ÖriäeJ.
der beiden Zent-nil« uidiingen bei leidlicher filrha.Itvi.ng; .der... ßeinregioo.,teilweise
auch. des zugehörigen Ktabkraftaaptefle) die Q^lur^t^rä^ibie.'iinr ganz spär¬
liche sekundäre Veränderungen zeigte (vgl. ' 2 ). eine nur äußern
Fig. f. 68jäitt. Mann (L> mit feehtwseitiger kojtik&ter Heunataiie. Alter BluÜierJ ua.d
Erweckung- <ii« linke» <ryr- ceBtr. »nt, (hu««D4ew de» Opercalam oad der Atwragiooi.
Uinke Pyramide (vgl’, Fig 2) tau«* oeufloiiBwett sektnidäf degeeerifttt
'beseheideire sein; jedeutlalb shiad iii: jdiien Fällen die sekuMär* Pyrnmideu-
dvgeneratioü’außer jedem VerliiUlius: zn den überaus reichen physiologischen
Beziehung**!, die yrfahruncssmäe fKeieaietbt'de) zwischen Am- und Kopfregiou
imittlcrds und unteres diriitel der Öyr. cdp.tr. ant.) und det ö|%eit |&tremitä£
dem Kopf msv »e/isswo werde» rndsseu. Nach meinen bishmgou Unter-
sudhuugi'n m«Ö ich duher aut B'wUrömtfieU anuehmen. 4aB di^ Mehrzahl
der ans dem. mittlereii und dem aatereo Drittel der Zc'utralwiu*
düngen stammenden knrtikofngalen Projektiausfaserfi nicht zur
Pyramide ;hiw. PedüruuilüSt semdero (durch Vm-milliaug- des Stabkranzes War.
der inneren Kapsel) zur Hü ii.be (Regia sübtbalamica, Haubeuregiüti des Mittel-
hirns; huri Uralt* Raubeübalm) üießi, Tde.*, scheint übrigens auch aus den neueres
Go» 'gle
221
VersHcliea roa Ökabam-Brown und Shäubjengton mit großer Wahrscheioliob-
keit. bemraggfefeeu;
: Um es äöcbinals io wiederhole»: Ais die direkte kortiko--
spinale Leitung komud mir die Beiardgi»!! : ftosbesopdere die Area gigantoi
pyramidal; % Monakow. Holmes uad Pag« Max) ia Betracht; apdrliche Sefe-
.toren roa Pyramidenfa?oru düi-fteti indessen,' abgesebeu r<i« derArm- und
Portifiö), noch aus eia*)» weiter ausg&:
spaunteit Uffikrefee der Reg Rolandi. wahrscheinlich auch ad* dem Gebiet der
frontale«,- söwie der parietalen Windungen abgehen („extragigaDto-cellnUtres.
Gebier* der GrbBhirnobertlache). Ob das ft:»rp.. stmtnrn einzelim Pyramidem*
fasern Ursprung gibt, kann ich mit. Bestimmtheit nicht augeheu, bemerke
iudessau, daß toitu großliimlosen Kund mit TpfcäMegenerdiion der Pyramide
derNud.chudatuat'Patamen)völlig ' ' V 7-.j " •/'
urmna] bl^ipet^käon i (ygi hierüber
midal“;.'-gelegenen'" kö^texfeiderö "
(also auch iii.'4#'ÄßB" dgd
region) werden die Pyramide.«- -v
fasern uihbt oder nur rbiv
ein »eit aus den iiieseopy ta- .■■
mid.enteilen der 5. Schiebt
ifcreuür$p rong u*htueo(solche ' • ' :
Zellen sind hier ja überhaupt nur
äußerst sparIkvfa vertretet!), sie
müssen vielmehr aus anderen,
kleineren ^errenzellün (in
tiefere Schichte«) entspringe», was
schon HonsLEr aagwhoötfiaen bjät (Linagre Leßture). Es ist übrigens nicht an-'
wahrscheiclich, daß aiÄOche Pyr;unide3)lftserit auch iu weit zerstreut gelegenen,
Kottexfeldern .-sieb; antbündein (vielleicht die aus ieo Pro«, retiöulares
Stammenden Fasern),
Daß die mittlere Partie des Gyr. centr. auf, in misgedelmter Weise mit
der ianervatioia des gegemilierliegenden Armes und Hand betraut ist, ist uaeji
den Ergebnissen der elektrischen ßeiztnetböde mid der Egstii^)ation«nffäftdt
Meines Erachtens
Fi«. 2. Derselbe Fall. Proatalschnitt dtüreb die
Obiongata. Die linke Pyramide kanm nennen*-
wert eelcondär degeneriert; */, natört Größe.
tew. nach der patbolpgi^heh ; : B^pbaehtci,üg unbestritten
dürfte' a\m gieioliwbhl. df« Bedeutung der Armregion doT vorderen Zentrglwioddng
(Poüiftggragate) für die Erzeugung der willkürlichen * 1 Bewegungen überschätzt
Worden. : #t'{t, Vuiip' auch, nicht in dem Grade, wie die Rolle des Anteils der
Pyräruideöhahvi au dem Zustyndehwinuum jeder ÖeWeguiigeu. In einigen, kltni-
göhen: Beob^htduged*hfjr tieniMt die •Ärwregb.»» 'nähern,- kopplet* zerstört war
(2. B. j« srudman gemeinsam mit Ladaste stiidnufen'.Falle von sog. subkortikater
motorischer Aphasie) knuttte ich tidttijißh fetbi3tatim*n . daß der Patient sich
der dem Herd: ge^üüherliegetidddj HgfidIddf&liend gut., wen« uüch in eitlem
Go gle
222
Falle (vask. Herd in Fig, 1) etwas ataktisch und langsam, bedienen konnte.
Ähnlich verhielt es sich in jenem bekannten Falle von Hobsley, in welchem
die ganze Armregion der vorderen Zentralwindung exzidiert wurde (Linacre
Lecture) und in anderen chirurgischen Fällen (zum Teil eigener Beobachtung).
Die Armmonoplegie nach Läsion nur des mittleren Abschnitts des Gyr. centr.
ant. stellt auch beim Menschen eine im Prinzip temporäre Erscheinung
dar (Diaschisiswirkung). Beim Orang-Utan können sogar beide Armregionen
und Kortexfelder über letzteren hinaus abgetragen sein, ohne daß der Ablauf
der angelernten Fertigkeitsbewegungen stark in Frage gestellt wird (Gbaham
Bbown und Shebbington ; Kongreß Groningen 1913). Allerdings zeigten
diese Versuchstiere beim Gebrauch der Hände beiderseits hemiparetische Er¬
scheinungen (Synkinesien).
Mit den zuletzt erwähnten Beobachtungen läßt sich die bisherige Lehre,
daß die Armregion die eigentliche Geburtsstätte der willkürlichen
Bewegungen sei, ebensowenig aufrechthalten, wie diejenige, daß
es nur die gigantischen Nervenzellen der Reg. centr. sind, welche
der Pyramidenbahn Ursprung geben.
In physiologischer Beziehung möchte ich mich zu der Annahme bekennen,
daß der Pyramidenbahn für die sukzessive Entwicklung (Aufbau) der
üblichenFertigkeitsbewegungen keine sehr wichtige bzw. ausschlag¬
gebende Rolle zukommt; diese Bahn dürfte vielmehr mit Leistungen be¬
traut sein, die mehr in das Gebiet der Reflexe gehören, dann auch mit
Lieferung feinerer synchroner Sonderbewegungen mit den Fingern u. dgl. Die
Bedeutung der Pyramidenbahn dürfte ferner in einer fortgesetzten, für die
Präzision der Fertigkeitsbewegungen notwendigen Unterdrückung von dem
kinetischen Erfolg hinderlichen subkortikal erzeugten Synergien zu suchen sein
(vgl. hierüber auch andere Autoren, z. B. Föbstbb).
Welche Bedeutung dem extrarolandischen Anteil und dem Retikulares-
anteil der Pyramidenbahn zukommt, ist noch ganz dunkel. Bezüglich des An¬
teils der Pyramidenfasern aus der Arm- und der Kopfregion ist daran zu er¬
innern, daß selbst nach Durchschneidung beider Oblongatapyramiden (Stab¬
likgeb, Wagneb) , auch beim M&cacus (Rotbmann), die Beweglichkeit des
Tieres nicht nennenswert beeinträchtigt wird, und ferner, daß beim Macacus
auch nach völliger Durchschneidung der kontrolateralen Pyramide elektrische
Reize von der Armregion noch wirksam sein können.
Genug, die Armregion ist zweifellos mit reichen (kortikopetalen und kortiko-
fugalen) Projektionsbündeln ausgestattet. Diese stellen eine wichtige anatomische
Basis für die Fertigkeitsbewegungen dar. Die zur Haube (Mittelhirn) fließen¬
den Bündel sind als die wesentlich wichtigeren zu betrachten. Es darf indessen
nicht vergessen werden, daß für jene Bewegungen auch noch eine ganze Reihe
von extrarolandischen Faserkomponenten in Betracht kommt, und zwar so¬
wohl Pyramidenfasem als kortikale Haubenfasem.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich mitteilen, daß ich beim anatomischen
Studium einer großen Anzahl von Fällen mit Herd sowohl im Gyr. centr.
Digitized by
Go .gle
Original fro-m
UNIVERSiTY OF MICHIGAN
223
ant. als im Gyr. angularis auf regelmäßig auftretende sekundäre Dege¬
nerationen im Großhirnmark gestoßen bin, die sich auf Assoziations¬
bündel beziehen, und die bis jetzt noch nicht beschrieben worden sind. So¬
wohl nach Zerstörung des Gyr. centr. ant., als nach einer solchen des unteren
Scheitelläppchens bzw. der lateralen Okzipitalwindung, fand ich — wenn der
Herd alt war — ausgesprochen sekundär degenerativen Faserausfall im Centrum
semiovale (sagittal zwischen den Fibrae propriae und dem Stabkranzareal ver¬
laufende lange Markbündel: Fase, centroparietalis). 1 Bei ganz alten Herden
im Gyr. centr. ant. läßt sich diese sekundäre Degeneration gewöhnlich bis in
das Gebiet der lateralen Okzipitalwindungen verfolgen.
Es ist meines Erachtens nicht unwahrscheinlich, daß diese langen Asso¬
ziationsbündel (Fase, centroparietalis) bei kombinierter Inanspruchnahme der
Augen einerseits und der oberen Extremitäten andererseits (assoziierte Augen-
und Armbewegungen) eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht darf in ihnen
auch ein Teil der anatomischen Basis für die bewußte Tiefensensibilität (mit
Ortszeichen ausgestattete Tiefensensibilität) gesucht werden. Auch daran wäre
zu denken, daß dem Fase, centroparietalis eine gewisse Bedeutung für das
Zustandekommen der halbseitigen motorischen Apraxie (durch Assoziations¬
fasern vermittelte extraparietale Diaschisiswirkung nach Läsion des Gyr. supra-
marginalis) zukäme. Auch bei jenem von Sherrington und Graham-Brown
in der rechten Extremitätenregion operierten Orang-Utan, dessen Gehirn mir
von den beiden Autoren gütigst überlassen wurde, war der Fase, centro-parietalis
bis zum Lob. par. inf. sekundär degeneriert. Ist dieses Assoziationsbündel,
nebst den Projektionsbündeln, in einem größeren Herd im Lob. par. inf. völlig
untergegangen, dann kann sich — auch bei völliger Intaktheit der Reg. cen¬
tralis (Fehlen eines primären Herdes) — halbseitige Störung der Tiefensensi¬
bilität einstellen. In solchen Fällen können die spontanen Bewegungen, sowie
die Oberflächensensibilität in der betreffenden Körperhälfte ziemlich frei bleiben
(ein demnächst zur Publikation gelangender Fall von Gliom im Mark des
rechten Parietallappens mit ausgedehnter Beteiligung des ganzen Balkens bis
zum Splenium). Eine sekundäre Degeneration des soeben geschilderten Fase,
centroparietalis konnte ich in etwa 10 Fällen von primärer Herdläsion, sei es im
Gebiete der Regio centralis, sei es im unteren Scheitelläppchen, beobachten.
Wenn ich meine im vorstehenden niedergelegten Mitteilungen kurz zu¬
sammenfasse, so gelange ich mit bezug auf die zentrale Innervation der sogen,
willkürlichen Bewegungen (Fertigkeitsbewegungen) zu Schlußfolgerungen, die
verwandt sind mit denjenigen, die ich einst in bezug auf die Innervation der
lokomotorischen Bewegungen (alternierendes Zusammenwirken der verschiedenen
Segmente der zerebrospinalen Achse unter genau abgestufter Arbeitsteilung
zwischen den kortikalen und subkortikalen Komponenten) aufgestellt habe,
doch muß im Auge behalten werden, daß die Organisation der beiden erwähnten
Bewegungsarten nach manchen Richtungen prinzipielle Unterschiede darbieten.
* Vgl. v. Monakow, Gehimpatbologie. 2. Aufl.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
224
Die Fertigkeitsbewegungen werden in Szene gesetzt und weitergefübrt
unter Inanspruchnahme von zerstreuten, noch nicht genauer bestimmten Kortex¬
punkten, die zum großen Teil extra-rolandisch liegen, und sie werden
vermittelt teils durch extra-rolandisch abgehende Pyramidenbündel, teils
(größerer Teil) durch die Rindenhaubenbahnen (Mittelhirn-Haubenfascikel),
wobei auch cerebro-cerebellare Bahnen (Nucl. ruber., Form, retic.) eine hervor¬
ragende Rolle spielen. Die Reizwirkung dieser beiden Haubenbahnen ist eine
teilweise antagonistische, teilweise eine sich gegenseitig unterstützende
(vgl. auch Gbaham-Bbown).
In der synchronen Phase der Fertigkeitsbewegungen greift die Armregion
mit ihren Foci höchstwahrscheinlich nur ergänzend und unter Lieferung be¬
sonders fein ausgebauter Synergien der Handmuskulatur ein. Der Pyramiden¬
bahn kommt hierbei eine relativ bescheidene Rolle zu, und zwar sowohl ihrem
„gigantozellulären“ als ihrem „extrarolandischen“ Anteil. Die Arbeitsleistung
der Pyramidenbahn, zumal ihres „extrarolandischen“ Anteils, ist jedenfalls eine
sehr vielseitige (in den verschiedenen Phasen der Aktion verschiedene), wenn
auch im einzelnen noch sehr wenig bekannte.
Höchstwahrscheinlich dienen die der Armregion bzw. den nicht giganti¬
schen Pyramidenzellen entstammenden Pyramidenfasern weniger der direkten
Erzeugung von kombinierten, im späteren Leben erworbenen Muskelsynergien
(Sonderbewegungen mit Verharren der Gliedteile in den gewählten Bewegungs¬
stellungen) als der Unterdrückung (Arretierung) dem Bewegungszwecke hinder¬
licher Synergien (reziproke Inhibition), oder dann dem feineren Ausbau be¬
stimmter Bewegungsarten, lediglich in der kontrolateralen oberen Extremität
Durch Inanspruchnahme der Pyramidenbahn würden die dem Bewegungszwecke
hinderlichen Komponenten der kortikal bzw. reflektorisch angeregten Gemein¬
schaftsbewegungen ausgeschaltet, wodurch (schon in der synchronen Phase)
eine feinere Abstufung und Präzision der Gliedstellungen ermöglicht würde.
Ganz ähnlich dürfte sich der Einfluß der Pyramidenbahn auf die Inner¬
vation des Beines gestalten.
[Ans dem städtischen Krankenhanse in Danzig.]
3. Neue klinische Beiträge
zur topischen Diagnostik akuter Herderkrankungen des
verlängerten Markes und der Brücke.
Ludwig Edinger zur Feier seines 60. Geburtstages gewidmet.
Von Adolf Wallenberg in Danzig.
Die Fortschritte in unserer Kenntnis vom Bau der Brücke und der Oblon-
gata, an dessen Erforschung Edingeb ein hervorragender Anteil gebührt, hat
auch die topische Diagnostik dieser Teile soweit gefördert, daß wir es wagen
Digitized b)
Google
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
225
können, auf Grund lediglich klinischer Untersuchungen Lage, Größe und Ursache
akuter Herderkrankungen exakter wie früher zu bestimmen und enger zu be¬
grenzen. Aus diesem Grunde halte ich mich zur Mitteilung der folgenden drei
Fälle für berechtigt, die ich in den letzten 2 Jahren längere Zeit im städtischen
Krankenhause in Danzig (innere Abteilung) beobachten konnte, auch auf die
Gefahr hin, daß der anatomische Befund sich später nicht in vollem Umfange
mit der klinischen Diagnose decken sollte.
I. Dorsomediale Läsion der rechten Brflckenhanbe in der Höhe des
Abdnzens nnd Fazialis (bei Poliencephalitis haemorrhagica!).
Anamnese: 44jähriger Arbeiter; nach Angabe der Frau Potator strenuus.
Im Alter von 20 Jahren Wunde am linken Jochbogen nach Fall von der Treppe,
seitdem Narbe daselbst. 1909 Verletzung des linken Auges durch einen Teller
(lag längere Zeit in der Augenklinik), seitdem Herabsetzung des Sehvermögens
auf dem linken Auge. Gelegentlich einer Erkrankung an Muskelrheumatismus im
November 1912 konnte im Danziger städtischen Krankenhause festgestellt werden,
daß, abgesehen von einer Narbe auf der linken Kornea mit Irisadhärenz, gröbere
Veränderungen an den Augen nicht bestanden, insbesondere keine Störung der
Augenbewegungen. Am 13. Juli 1913 plötzlich „Schlaganfall“, angeblich nach
dem Genuß eines kalten Getränkes. Patient wird am 14. Juli in das Kranken¬
haus gebracht.
Status: 14. Juli 1913. Kräftiger Körperbau, gut entwickelte Muskulatur.
Benommenheit, Neigung zum Schlafen. Innere Organe bis auf starke Arterio¬
sklerose normal. Ptosis beiderseits, Unfähigkeit die Lider zu öffnen, L > r.
Beide Augäpfel maximal nach links gedreht, können nicht nach rechts gewendet
werden. Rotatorischer Nystagmus, nach links schnellschlägiger als nach rechts.
Ganz geringe Abschwächung des rechten Korneal- und Konjunktivalreflexes. Pupillen¬
reaktion rechts normal. Sehvermögen des rechten Auges anscheinend ohne gröbere
Störung. Alte Narbe in der unteren Hälfte der linken Hornhaut, daselbst Defekt
und Adhärenz der Iris.
In der linken Jochbeingegend bogenförmige alte Narbe, auf der Unterlage
gut verschieblich.
Rechte Nasolabialfalte flacher als die linke; der rechte Mundwinkel steht
tiefer als der linke.
Runzeln der Stirn und Augenschluß beiderseits gleich gut.
Die rechte Hälfte des Gaumens steht tiefer als die linke und bleibt beim
Intonieren zurück.
Rechtes Stimmband ein wenig schwächer innerviert als das linke (? ?). Die
Zunge wird gerade herausgestreckt.
Der Kopf ist nach der linken Schulter geneigt und das Kinn nach rechts
gedreht. Beim Versuch sich aufzurichten, fällt Patient mit großer Vehemenz nach
links hinüber.
Deutliche Ataxie beider linker Extremitäten und zwar der oberen mehr als
der unteren. Reflexe normal bis auf Andeutung von positivem Babinski beider¬
seits 1. > r.
Auf der ganzen linken Körperhälfte von der 3. Rippe abwärts, aber inklusive
der linken Oberextremität, werden feine Berührungen nicht gefühlt, dagegen ist
das Empfindungsvermögen für spitz und stumpf, warm und kalt auf beiden Seiten
gleich und normal.
16. VII. Ptosis beiderseits geringer, aber noch deutlich vorhanden, sonst
Status idem.
XXXIV. 15
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
226
16. VII. Schlafsacht verschwunden, Ptosis geringer. Totale Astereognosie
der linken Hand. Hördauer der Stimmgabel vom Warzenfortsatz aus beiderseits
verkürzt, Luftleitung normal. Vom Scheitel aus wird die Stimmgabel beiderseits
gleich gut wahrgenommen.
17. VII. Unfähigkeit spontan Urin zu lassen, muß katheterisiert werden.
18. VII. Kaun wieder Urin lassen.
19. VII. Das linke Auge kann bereits nach reohts über die Mittellinie be¬
wegt werden, das rechte nur bis zur Mittellinie (Abduzenslähmung). Nystagmus
rotatorius nach links mehr wie nach rechts. Rechte Lidspalte weiter als die
linke, rechte Nasolabialfalte flacher als die linke, aber weniger wie am Anfänge.
Rechtes Gaumensegel hebt sich weniger als das linke. Stimmbänder normal.
Zunge wird gerade herausgestreckt. Neigung nach links zu fallen deutlich,
aber geringer als früher. Reflexe normal. Ataxie beider linker Extremitäten,
in der oberen stärker als in der unteren. Vermehrte Muskelspannung im
linken Bein.
23. VII. Rechtes Auge geht beim Blick nach rechts zum erstenmal über die
Medianlinie herüber, bleibt aber gegenüber dem linken deutlich zurück. Rechte
Lidspalte weiter als linke. Parese des rechten Fazialis geringer. Neigung zur
Kontraktur der linken Gesichtsmuskeln. In der Ruhe kein Nystagmus, ebenso
wenig beim Blick nach rechts. Beim Blick nach links: Rascher Nystagmus nach
linkB, beim Blick nach oben: rascher Nystagmus verticalis, nach oben und unten
gleich schnell, beim Blick nach unten: rascher Nystagmus nach links unten.
Rechtsseitige Gaumenparese geringer, aber noch deutlich. Zunge gerade heraus-
gestreckt. Ataxie und Astereognosie der linken Hand unverändert, ebenso die
Abstufung der Berührungsempfindlichkeit auf der linken Körperhälfte, anscheinend
geringe Abschwächung der Berührungsempfindlichkeit auch an der linken Schläfe.
Großer Zeh links in Extensionsstellung, dabei FuBsohlenreflex normal. Linker
Augapfel anscheinend weicher als der rechte, geringe Abschwächung des linken
Kornealreflexes (? ?). Immer noch Neigung beim Aufsetzen nach links zu fallen.
Ist noch unklar, über Ort und Zeit nicht immer orientiert.
27. VII. Ptosis geringer, links stärker als rechts.
In der Ruhelage stehen beide Augäpfel weit nach links. Nystagmus nach
rechts und links, auch in der Ruhelage wieder aufgetreten, dabei schnellere
Zuckung nach links. Beim Versuch nach rechts zu sehen, folgt das linke Auge
bis zum inneren Lidwinkel, das rechte bleibt noch deutlich zurück, kann aber
über die Medianlinie herübergebracht werden. Keine Doppelbilder. Bewegung
der Augen nach oben und unten regelrecht möglich. Nystagmus beim Blick nach
oben noch deutlich, beim Blick nach unten nicht mehr vorhanden. Rechtsseitige
Fazialisparese nahezu verschwunden. Gaumensegelparese geringer, aber noch
deutlich. Kornealreflex beiderseits gut auslösbar. Ataxie geringer, aber noch
vorhanden. Berührungsgefühl nahezu normal geworden, dagegen Astereognosie
der linken Hand wie früher. Bauchreflexe schwer auslösbar. Andeutung von
Asynergie beim ersten Gehversuch. Beim Stehen Neigung nach links zu fallen.
Wird das rechte Bein passiv im Knie gebeugt (bei geschlossenen Augen) und
Patient aufgefordert das linke ebensoweit zu beugen, so wird es in stumpferem
Winkel gebeugt wie das rechte. Vollständige Desorientierung über Ort
und Zeit.
4. bis 12. VIII. Das rechte Auge bleibt beim Blick nach rechts noch zurück;
Neigung zur Linksdrehung beider Augen. Konjunktival* und Kornealreflex beider
seits schwach. Rechte Lidspalte größer als linke. Neigung zur Kontraktur der
linken Gesichtsmuskeln. Rechtsseitige Gaumenmuskelparese deutlich. Kopf nach
links gebeugt, Kinn nach rechts gedreht. Astereognosie der linken Hand. Ataxie
der linken Extremitäten (Arm > Bein). Oberbauchreflex beiderseits erhalten,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN
227
Mittel- und Unterbauchreflex nicht auszulösen. Neigung nach links zu fallen bei
längerem Stehen. Gaumen- und Rachenrefiex nicht auszolösen.
Erhebliche Störung des Tiefengefühls links.
14. VIII. Prüfung der B&r&nyschen kalorischen Reaktion ergibt:
Rechts etwa 20 Sekunden nach Ausspritzen des Gehörgangs mit Wasser von
21° G starker Nystagmus nach links, Fallen nach rechts.
Links etwa 30 Sekunden naoh Ausspritzen des Gehörgangs starker Nystagmus
nach rechts, Fallen nach links.
Zeigeversuch wegen der bestehenden Demenz nicht einwandfrei auszuführen.
19. VIII. Abduzensparese rechts angedeutet, Gaumenparese deutlich. Starke
Ataxie und Astereognosie der linken Hand bei annähernd normaler Berührungs¬
empfindung. Beim Aufsetzen Fallen nach rechts (!). Kann keinen Schritt gehen,
fällt beim Versuch gewöhnlich naoh links, zuweilen auch nach rechts. Die Augen
haben noch Neigung zur Linksdrehung, können aber willkürlich nach rechts ge¬
dreht werden. Patient ist stets unruhig und desorientiert. Glaubt auf dem
Bahnhöfe zu sein, will Rum trinken.
21. VIII. Gang besser, spastisch-paretisch, Patient schwingt dabei das linke
Bein im Halbkreis herum. Fällt nach rechts. Patellarreflex 1. > r., kein Fußklonus.
Babinski beiderseits + , Achillesreflex r. > 1., Kremasterreflex beiderseits -|-, Bauch¬
deckenreflexe: oberer +, mittlerer und unterer —. Grobe Kraft 1. < r. Gefühl
für leichte Berührung an der Volarfläche der linken Hand fehlend, für Schmerz
und Temperatur erhalten. Hypostereognosie der linken Hand. Beim Gerade¬
aussehen kein Nystagmus, starker NyBtsgmus beim Blick nach links, weniger nach
rechts. Abduzensparese rechts immer noch deutlich. Gesichts- und Gehörshallu¬
zinationen.
4. IX. bis 30. IX. Zeitweise unruhig, rührselige Stimmung, bald unzufrieden,
schimpft besonders nach dem Besuohe der Frau, bald redselig und vergnügt.
Noch Neigung nach links zu fallen, aber allmählich Besserung des Ganges. Links¬
drehung der Augen viel geringer, Abduzens-Fazialisparese kaum noch angedeutet,
Gaumenparese geringer, aber deutlich. Sensibilitätsstörungen treten allmählich
zurück. Bauchdeckenreflexe bis auf die unteren vorhanden; Kremasterreflexe
fehlen. Fußklonus r. > l, Babinski 1.+, rechts— bzw. zweifelhaft.
11. bis 31.X. Beim Blick geradeaus kein Nystagmus, beim Blick zur Seite
Nystagmus rotatorius, nach 1. > r. Gaumenparese angedeutet. Sensibilität normal,
Stereognosie nur in ganz geringem Grade gestört. Leichte Ataxie des linken
Armes. Unterer Bauchreflex und Kremasterreflex fehlen. Patellarreflex beiderseits
lebhaft. Fußsohlenreflex beiderseits nicht auszulösen. Zeitweise Ohrensausen.
23. bis 30. XI. Immer noch leichte Neigung nach links zu sehen, Nystagmus
beim Blick nach links, nicht nach rechts. Abduzensparese rechts verschwunden.
Nasolabialfalte links tiefer als rechts. Keioe Astereognosie, aber leichte Ataxie
der linken Hand. Fehlen der Unterbauchreflexe. Kein Fußklonus. Fußsohlen¬
reflex beiderseits normal. Sensibilität wegen starken Negativismus des Patienten
nicht zu prüfen. Zystitis. Gang besser. Wechselnde Stimmung, melancholische
Anwandlungen.
l.XII. 1913 bis 20. III. 1914. Bis auf gelegentliche Dysurie, die Kathete-
risation notwendig macht, bleibt der Zustand im wesentlichen unverändert.
Befund bei der Entlassung am 30.III. 1914:
Starke Demenz, Gedächtnisschwäche, oft unorientiert. Schwanken beim Gehen
und Stehen, bald nach rechts, bald nach links; fällt, wenn er nicht gehalten wird.
Parese des rechten Gaumensegels, Abflachung der rechten Nasolabialfalte, Nystagmus
bei seitlichen Augenbewegungen. Berührungsvermögen an der linken Hand kaum
merklich schwächer als rechts. Deutliche Ataxie der linken Extremitäten, be¬
sonders der linken Hand.
15*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
228
Resume: 44jähriger Arbeiter, Potator strenuus. Alte Kornealnarbe mit
Irisadhärenz links, Narbe am linken Jochbein. Rasch einsetzender Insult mit
mäßiger Bewußtseinstrübung, ohne Koma. In den ersten Tagen, abgesehen von
psychischen Veränderungen, die sich in der Folgezeit mehr and mehr als Ge¬
dächtnisschwäche, Desorientiertheit für Ort und Zeit, Konfabulationen, mäßige
Demenz bemerkbar machten, folgende Symptome:
1. Ptosis, doppelseitig, mit Schlafsucht verbunden.
2. Rechtsseitige totale Blicklähmung.
3. Nystagmus rotatorius, doppelseitig, nach links schneller als nach rechts
ausschlagend.
4. Abduzenslähmung rechts.
5. Geringe Parese des rechten Fazialis.
6. Parese des rechten Gaumensegels.
7. Drehung des Kopfes nach links.
8. Ataxie der linken Extremitäten (Arm> Bein).
9. Astereognosie der linken Hand.
10. Abschwächung der Berührungsempfindung (bei intakter Schmerz- und
Temperaturempfindung) auf der linken Körperhälfte von der 3. Rippe abwärts,
inklusive der linken Oberextremität.
11. Andeutung von positivem Babinski 1. > r.
12. Fehlen der unteren Bauchreflexe und Kremasterreflexe (erst später
konstant!).
13. Starke Neigung nach links zu fallen.
14. Zeitweise Dysurie, muß dann katheterisiert werden.
In den nächsten Wochen verschwindet die Ptosis, während die Blicklähmung
und die Abduzenslähmung erst nach Monaten zurückgeht. Der anfangs auch
beim Blick nach oben und unten eintretende rasche Nystagmus kommt später
nur beim Blick nach links zu stände. Die Neigung nach links zu fallen, sowie
die Drehung des Kopfes nach links bleibt 1 l / t Monate bestehen und macht dann
zeitweise einer Neigung nach rechts zu fallen Platz. Die Störung der Be-
rührungsempfinduDg, später auch die Astereognosie, vermindern sich im Laufe
der nächsten Wochen. Es bleibt weiter bestehen:
1. Die psychische Anomalie wie oben.
2. Rascher Nystagmus beim Blick nach links, weniger nach rechts, dabei
normale Bäränysche kalorische Reaktion (abgesehen von erhöhter Empfindlich¬
keit des rechten Vestibularis).
3. Rechtsseitige Fazialisparese.
4. Rechtsseitige Gaumenparese.
5. Ataxie der linken Extremitäten, besonders der oberen.
6. Ganz leichte Abschwächung der Berührungsempfindung an der linken
Hand.
7. Wechselnder Babinski (bald positiv, bald negativ).
8. Fehlen der Unterbauchreflexe und Kremasterreflexe.
9. Schwanken beim Gehen nach links, zeitweise auch nach rechts.
Digitized
Google
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN
229
Die Verwertung dieser Symptome für eine Lokalisierung des bleibenden
Herdes stößt insofern auf Schwierigkeiten, als die an Kobssakow’s polyneuri-
tische Psychose erinnernden psychischen Veränderungen, die im übrigen auch
die Untersuchung ungemein erschwerten, ferner die anfangs vorhandene Ptosis
mit Schlafsucht, die in Qualität und Quantität sehr schwankenden Reflex¬
anomalien auf eine diffusere Erkrankung schließen lassen. Als solche wäre bei
der Ätiologie (Potus!) und der Art des Beginns (Ptosis, Schlafsucht, Korssakow)
eine Poliencephalitis haemorrbagica anzunehmen. Wir würden uns aber leicht
vorstellen können, daß dabei ein bleibender Herd entstanden ist, der sich relativ
leicht nach allen Seiten hin abgrenzen läßt Sein Zentrum muß in Abduzens-
kernböhe in mittleren Teilen des rechten Fasciculus longitudinalis posterior ge¬
sucht werden: Konjugierte Deviation der Augen nach links (= rechtsseitige
Blicklähmung), Nystagmus rotatorius nach 1. > r., Fallen nach links und Kopf¬
beugung nach links (erst später auch vorübergehend Neigung nach rechts zu
fallen). Alle diese Erscheinungen stimmen gut mit experimentellen und klinischen
Untersuchungen überein, die von L. J. J. Müskens 1 neuerdings beschrieben
worden sind. Daß sie nach längerer Dauer zurückgehen, kann ihren Wert als
Herdsymptome in keiner Weise beeinträchtigen, denn es muß als Regel be¬
zeichnet werden, daß Zwangsvorstellungen und Zwangsbewegungen, welche durch
Herde im hinteren Längsbündel bedingt sind, nach kürzerer oder längerer Zeit
verschwinden. Ein lehrreiches Beispiel dafür bietet der 4. Fall meiner „Klinischen
Beiträge zur Diagnostik akuter Herderkrankungen des verlängerten Markes und
der Brücke.“ 1 Hier war 3 / 4 Jahr nach dem Insult weder Nystagmus noch Blick¬
lähmung noch Neigung auf eine Seite zu fallen vorhanden, trotzdem die anato¬
mische Untersuchung 3 eine umfangreiche Zerstörung der ganzen lateralen Hälfte
des hinteren Längsbündels aufwies. Die laterale Herdgrenze bildet der rechte Ab-
duzenskem oder seine ausstrahlenden Wurzeln: lange andauernde rechtsseitige
Abduzenslähmung; die dorso-laterale Grenze das innere Fazialisknie: rechtsseitige
Fazialisparese (es bleibe dahingestellt, ob auch die geringe, aber bleibende
Gaumensegelparese in diesem Falle durch Fazialisläsion bedingt ist oder auf
eine ventro-kaudale Fortsetzung des Herdes schließen läßt); die ventrale Grenze
bildet die dorsale Umgebung der medialen Schleife: Ataxie, Astereognosie,
Störung der Berührungsempfindung auf der gekreuzten (linken) Seite, besonders
an der Oberextremität Medial dürfte der Herd nahe an die Rapbe heranreichen.
Ob die Dysurie mit einer Läsion des zwischen hinterem Längsbündel und
medialer Schleife gelegenen Gebietes zusammenhängt, muß unentschieden
bleiben.
In der Figur 29 von Mabbubg’s mikroskopisch-topographischem Atlas des
menschlichen Zentralnervensystems würde der Herd rechts etwa zwischen Flp,
Vllb, Nft , N VI, VI und 'Nrtg zu verlegen sein.
1 Ad anatomico-physiological study of the posterior longitudinal bündle in its relation
to forced movements. Brain. XXXVI. H. 3 u. 4.
1 Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XIX.
1 Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XXVII.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
230
II. Ventro-mediale Läsion der rechten Brfickenhanbe
in Abduzenshohe.
Anamnese: 66jährige Frau. Vor 40 Jahren Gelenkrheumatismus, sonst
gesund. Am 25. Oktober 1913 plötzlioh Übelkeit, Würgen, Kribbeln im linken
großen Zeh, dann im linken Bein und in der ganzen linken Körperhälfte, auch
im Kopf, Schwindelgefiihl, sie fiel hintenüber, konnte kurze Zeit hindurch nicht
sprechen. Seitdem hat sie keine Kraft in der linken Körperhälfte, Schmerzen da¬
selbst und Ohrensausen.
Status am 4. November 1913:
Magere Frau, schlecht entwickelte Muskulatur. Starke Arteriosklerose. Puls
der Art. pediaea sehr schwach fühlbar, 1. < r. Herzdämpfung nach links ver¬
breitert, Töne rein, Urin ohne krankhaften Befand. An beiden inneren Knöcheln
chronisches Ulcus cruris von etwa Zweimarkstückgröße.
Nervensysteip:
Sprache etwas zögernd, fast skandierend (wechselt sehr). Hirnnerven:
Olfactorius
Opticus ohne krankhaftem Befund.
Oculomotonus
Trochlearis
Trigeminus: Ganz minimale Abschwächung des linken Kornealreflexes.
Abduzens: Rechtsseitige Abduzenslähmung. Schnellschlägiger Nystagmus
nach links.
Fazialis: Rechte Lidspalte etwas größer als linke, Lidschlag reohts seltener
als links.
AouBticus: Herabsetzung der Hörschärfe beiderseits. Taschenuhr beim An¬
nähern: rechts 21cm, links 16; beim Entfernen: rechts 24cm, links 20cm.
Stimmgabel auf dem Scheitel nach rechts lateralisiert, Rinn6 r. = 1. +; Ohren¬
sausen.
Glossopharyngeus: Frei. Das Gaumensegel hebt sich vielleicht links etwas
weniger als rechts (?).
Vagus I
AcceBsorius > ohne krankhaften Befund.
Hypoglossus J
Rumpf und Extremitäten: Leichte Spasmen in den linken Extremitäten. Linke
Bauchwand weicher als rechte.
Armrefiexe beiderseits gleich lebhaft.
Patellarreflex |
Achillesreflex > r. = 1. normal.
Fußsohlenreflex j
Bauchdeckenreflex beiderseits nicht auszulösen.
Starke Ataxie beider linker Extremitäten mit weit ausfahrenden Bewegungen.
Gegenstände werden mit der linken Hand nicht erkannt (Astereognosie).
Berührung8empfindung: Auf der ganzen linken Körperhälfte vom Halse ab¬
wärts herabgesetzt, besonders am linken Unterschenkel.
Schmerzempfindung: Hyperästhesie der ganzen linken Körperbälfte (spitz statt
stumpf empfunden!), nur am linken Unterschenkel deutliche Hypästhesie bzw.
Anästhesie.
10. bis 15. XI. Gehörvermögen wechselt, hört bald rechts, bald links besser.
Berührungsempfindung links bis zum Halse aufgehoben, Hyperästhesie für Schmerz
wie oben. Temperatur normal.
Gewichtssinn: Rechts normal, links werden nur Unterschiede bis zu 25°/ 0
herunter gemerkt.
Difitized
by Google
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
281
16. XI. Rechtsseitige Abduzenslähmung geringer, zeitweise Doppelbilder,
Patientin sieht aber den prüfenden Finger einfach. Starkes Ohrensausen beiderseits.
Ataxie des linken Armes geringer.
21. XI. Hyperästhesie der linken Seite nur noch an der Schulter. Tempe»
ratur- und SohmerzgefÜhl am linken Unterschenkel und Fuß nahezu normal.
Stimmgabel vom Warzenfortsatz aus: rechts 5 bis 6, links 10 Sekunden,
„ „ Gehörgang aus: rechts 25 bis 30, links 25 bis 30 „
„ „ Scheitei aus: r. = 1.
22. XI. bis 4. XII. Hyperästhesie geringer, Hypästhesie für Berührung be¬
sonders am linken Unterschenkel und Fuß. Ataxie und Astereognosie wie oben.
Abduzenslähmung und Nystagmus weniger deutlich.
10. XII. Kraftsinn: Hechts gute Unterscheidung von emporgebobenen Ge¬
wichten (1:3, 1:5, 1:10, 3:5), links keine Unterscheidung möglich.
Drucksinn: Aufgelegte Gewichte werden rechts gut unterschieden (1:3,
1:10 usw.), links kein Unterschied.
Vibrationsgefübl (Pallästhesie): Rechts normal, links aufgehoben. Unter¬
suchung mit dem Tasterzirkel ergibt Vergrößerung der Tastkreise im Bereiche
der linken Hand, insbesondere der Fingerkuppen, weniger am linken Vorderarm
und linker Schulter, in höherem Grade wieder am linken Unterschenkel und Fuß.
Angaben nicht gleichmäßig.
16. XII. Glaubt im linken großen Zeh mehr Gefühl zu haben. Fieber,
Dämpfung und rauhes Atmen im Bereich des rechten Unterlappens.
22. /XII. Wieder fieberfrei. Starke Ataxie der linken Extremitäten, be¬
sonders der linken Hand. Astereognosie links. Geringe Hyperästhesie für Schmerz
im Bereiche der linken Schulter, des linken Unterarms und Unterschenkels, bei
angestrengter Aufmerksamkeit kann Spitze und Knopf der Nadel gut unterschieden
werden. Berührungsgefühl: Herabsetzung bzw. Aufhebung des Gefühls für leichte
Berührungen besonders an der linken Hand, am linken Unterschenkel und Fuß,
weniger an den anderen Teilen der linken Körperhälfte vom Halse abwärts. Ge¬
fühl für Temperatur völlig normal. Gehörprüfung wie oben. Ohrensausen 1. > r.;
ganz minimaler Nystagmus bei forciertem Blick nach rechts.
23. XII. Stimmgabelschwingungen werden auf dem linken unteren Radius¬
ende schwach oder gar nicht gefühlt, rechts normal.
30. XII. Ohruntersuchung durch Spezial-Ohrenarzt Herrn Dr. S. ergibt: Leichte
quantitative Herabsetzung in allen Gehörlagen, links etwas mehr als rechts und
nach oben mehr als in tiefen Lagen.
Herr Dr. S. glaubt, daß es sich im wesentlichen um Altersveränderungen
handle.
22.1. 1914. Tönende Stimmgabel wird auf dem linken Radius und der
linken Ulna gar nicht wahrgenommen, rechts gut. An der linken Tibia kein
Unterschied zwischen rechts und links.
3. II. Besserung der Ataxie. Kann ein paar Schritte ohne Unterstützung
gehen.
14.11. Berührungsempfindung der linken Extremitäten immer noch nicht
ganz intakt.
27. IL bis 16. III. Temperatursteigerungen, über beiden Lungen rauhes Atmen,
teilweise mit kleinblasigem Rasseln. Lungen-Röntgenbild zeigt außer Emphysem
keine wesentlichen Veränderungen.
28. III. Temperatur wieder normal.
25. IV. Heftige Schmerzen im linken Arm, geringere Bewegungsmöglichkeit.
2. V. Besserung.
16.V. Geht 10 Schritte ohne Stock.
10. VI. Weitere Besserung.
Digitized by
Gougle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
232
9. VII. Schlußstatus:
Mittelgroße Frau, graziler Knochenbau, Abmagerung. Narben von Ulcera
cruris an beiden inneren Knöcheln. Keine Drüsenschwellung. Kehlkopf, Lungen
ohne krankhafte Veränderungen. Herzdämpfung zwei Querfinger nach links von
der Mammillarlinie verbreitert, Töne rein. Puls morgens 72, abends 108. Starke
Arteriosklerose. Temperatur morgens 36,8, abends 37,6. Abdomen weich, nirgends
druckempfindlich. Urin ohne Eiweiß und Zucker.
Nervensystem:
Olfactorius
Opticus
Oculomotorius 1 normal.
Trochlearis
Trigeminus
Abduzens: Ganz geringe Parese des rechten Abduzens. Nystagmus beim Blick
nach links oben noch leicht angedeutet.
Fazialis: Rechte Lidspalte kaum merkbar weiter als linke, Lidschlag beider¬
seits gleich.
Acusticus: Ohrensausen verschwunden, Hörvermögen wie oben.
Gl ossophary ngeus
Vagus zuweilen angeblich Schluckbeschwerden, Schwere der
Accessorius Zunge, objektiv aber keine krankhaften Veränderungen.
Hypoglossus
Reflexe: Normal bis auf die schwer auszulösenden Bauchreflexe.
Sensibilität:
Berührungsempfindung im linken Handteller und am linken Fußrücken auf¬
gehoben, auf dem Rücken, an der Vorderfläche des Unterschenkels und der Fu߬
sohle links vermindert (Fig. 1).
Schmerzempfindung: Geringe Hyperästhesie links auf dem Rücken, der Hand,
am Unterarm und an der Fußsohle (spitz statt stumpf angegeben [Fig. 2]).
Temperatursinn: Ungenaue Angaben an beiden Unterschenkeln und Füßen
(1. > r.) im Bereiche des ö. Lumbal- und 1. Sakralsegments, sonst normal (Fig. 3).
Starke Ataxie der linken Extremitäten, Astereognosie der linken Hand.
Pallästhesie: Vibration der Stimmgabel wird vom linken Radius und linker
Ulna aus nicht wahrgenommen, sonst normal.
Gewichtssinn: Eine Reihe aufsteigender Gewichte wird in der richtigen Reihen¬
folge hingestellt, wenn sie bei geschlossenen Augen mit der rechten Hand gehoben
werden, auf der linken Seite dagegen nur ungefähr geordnet.
Drucksinn: Rechts normal, links werden auch größere Gewichtsdifferenzen
nicht wahrgenommen.
Tastkreise: Am linken Ellenbogen und linken Handrücken größer als am
rechten. Am Unterschenkel angeblich r. > 1. (?).
Resume: 66jährige Frau, bis auf starke Arteriosklerose, Verbreiterung der
Herzdämpfung nach links, zeitweise auftretende fieberhafte Bronchitis bzw. katar¬
rhalische Pneumonie, Ulcera cruris gesund, erleidet plötzlich einen mit Übelkeit
und Würgen verbundenen Insult, ohne Bewußtseinsverlust, mit Parästhesien, die
vom linken Fuß aufwärts gehen und bald die ganze linke Körperhälfte ergreifen,
gleichzeitig Schwindelgefühl und angeblich kurze Zeit hindurch Sprachstörung,
dann Schwächegefühl und Schmerzen in der linken Körperhälfte, Ohrensausen.
Die Untersuchung des Nervensystems ergibt 10 Tage nach dem Insult:
1. Rasch vorübergehende Dysarthrie.
Difitized
by Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
234
2. Karze Zeit andauernde Abschwächung des linken Kornealreflexes.
3. Rechtsseitige Abduzenslähmung mit sohnellschlägigem Nystagmus
nach links.
4. Ganz geringe Vergrößerung der rechten Lidspalte, Verlangsamung des
Lid8cblags rechts.
5. Herabsetzung der Hörschärfe beiderseits (1. > r.), Ohrensausen. In den
nächsten Wochen wird vom Ohrenarzt leichte quantitative Herabsetzung in allen
Gehörlagen festgestellt (1. > r.), nach oben mehr als in tiefen Lagen.
6. Motorische Reizerscheinungen (leiohte Spasmen der linken Extremitäten)
neben minimaler Parese der linken Bauchwand und Fehlen der Bauchreflexe
auf beiden Seiten.
7. Starke Ataxie beider linker Extremitäten.
8. Astereognosie der linken Hand.
9. Herabsetzung der Berührungsempfindung auf der ganzen linken Seite
vom Halse abwärts, besonders am linken Unterschenkel.
10. Hyperästhesie der ganzen linken Körperhälfte (spitz statt stumpf ge¬
fühlt) mit spontanen Schmerzen, nur am linken Unterschenkel Hyperästhesie.
Dabei normale Temperaturempfindung.
Weitere Untersuchungen, die erst in den nächsten Wochen angestellt werden
konnten, ergaben:
11. Aufhebung des Vibrationsgefühls (Pallästhesie) an dem linken Vorder¬
arm und Unterschenkel (tönende Stimmgabel wird nur rechts gefühlt).
12. Verminderung des Druck- und Kraftsinns an der linken Obefextremität.
13. Vergrößerung der Tastkreise, besonders an der linken Hand und am
linken Unterschenkel, weniger an den anderen Teilen der linken Körperhälfte.
In den folgenden Wochen nimmt die Abduzenslähmung und der Nystagmus
an Intensität erheblich ab, so daß sie zeitweise nicht mehr zu konstatieren sind;
das Ohrensausen verschwindet, die Störung der Berührungsempfindlichkeit be¬
schränkt sich auf die linke Hand und den linken Unterschenkel (zuweilen auch
am rechten Unterschenkel ungenaue Angaben), die Hyperästhesie verschwindet
bis auf kleine Strecken der linken Hand, der Schulter, der Fußsohle, zuweilen
aber auch an (Jen Unterschenkeln falsche Angaben (1. > r.). Der Temperatur¬
sinn ist vorübergehend an beiden Unterschenkeln und Füßen beeinträchtigt
Etwa 8 Monate nach dem Insult bestanden von seiten des Nervensystems
folgende Abweichungen von der Norm:
1. Abduzensparese rechts nur noch angedeutet.
2. Nystagmus nur beim Blick nach links oben eben noch bemerkbar.
3. Minimale Erweiterung der rechten Lidspalte (?).
4. Gehörsverminderung wie oben (ohne Ohrensausen).
5. Ab und zu auftretende Schluckbeschwerden und Schwere der Zunge, für
die objektiv kein Anhaltspunkt zu finden ist.
6. Verminderung der Bauchreflexe.
7. Aufhebung der Berührungsempfindung im linken Handteller, am linken
Fußrücken, der Fußsohle, Verminderung auf der linken Rückenhälfte (Fig. 1).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN
235
8. Geringe Hyperästhesie für Schmerz (spitz statt stampf) links auf dem
Rücken, der Hand und der Faßsohle (Fig. 2).
9. Ungenaue and wechselnde (!) Angaben bei Prüfung des Temperatur-
gefühls an beiden Unterschenkeln und Füßen 1. > r. (Fig. 8).
10. Starke Ataxie der linken Extremitäten.
11. Astereognosie der linken Hand.
12. Schwere Störung des Vibrationsgefühls (der Pallästhesie) am linken
Radius und linker Ulna.
13. Geringe Störung des Kraftsinns, stärkere Störung des Drucksinns an
der linken Hand und am linken Unterarm.
14. Geringe Vergrößerung der Tastkreise am linken Handrücken und Ell¬
bogen.
(An den Unterschenkeln zweifelhafte Verhältnisse, Störungen auch auf der
rechten Seite.)
Bevor wir aus den vorstehenden Daten den Ort der Läsion bestimmen,
müssen wir uns fragen: Sind alle hier aufgezählten Symptome als Folgen des
Insults aufzufassen? Ich glaube mich zu der Annahme berechtigt, daß die
doppelseitigen Störungen der Sensibilität, namentlich des Temperatur- und
Schmerzsinns, an beiden Unterschenkeln zum größten Teil ihre Erklärung in der
starken Sklerose der jene Gebiete versorgenden Arterien, also in rein peripheren
Ursachen findet (kaum fühlbarer Puls an der Pediaea, Ulcera cruris, Wechsel
in der Intensität, Qualität und Ausdehnung, Doppelseitigkeit der Störungen).
Die unter 5 erwähnten rein subjektiven Erscheinungen können ebenfalls
bei der Erörterung der Lokalisation vernachlässigt werden, da sie erst ganz zu¬
letzt auftraten, in Art und Intensität außerordentlich wechselten und in keiner
Weise mit objektiven Veränderungen verbunden waren. Die übrigen Symptome
berechtigen zur Annahme eines ganz umschriebenen, relativ kleinen Herdes in
der ventro-medialen Ecke der rechten Brückenhaube. Sein Zentrum entspricht
der rechten medialen Schleife in der Höhe des Austritts der Abduzenswurzeln:
Bleibende Störung aller Qualitäten der Tiefensensibilität, am Arm und an der
Hand etwas mehr als am Bein (abgesehen von den erwähnten doppelseitigen
Sensibilitätsausfällen an Unterschenkel und Fuß), d. h. Ataxie, Astereognosie,
Hypästhesie für Berührung, Vergrößerung der Tastkreise, Störung des Druck-
und Kraftsinns, sowie der Pallästhesie. Ob die stärkere Störung an der linken
Händ auf eine Lokalisation in der lateralen Schleifenhälfte schließen läßt 1 ,
möchte ich nicht mit Sicherheit behaupten. Dagegen spricht die rechtsseitige,
noch bis zum Schluß der Beobachtung in ihren Resten erhaltene Parese des
rechten Abduzens, dafür, daß einige Abduzenswurzeln bei ihrem Durchtritt durch
die mediale Schleife noch innerhalb des Herdes liegen. Der minimale Nystagmus
beim Blick nach links oben ist wohl nur als Überbleibsel einer Reizung des in
dorsaler Nachbarschaft des Herdes gelegenen hinteren Längsbündels zu deuten.
Außerhalb des Herdes, aber in der nächsten Umgebung, liegt der Tractus spino-
1 S. meine Ausführungen auf dem 4. Kongreß Deutscher Nervenärzte in Berlin.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
236
thalamicas + spino-tectalis: Hyperästhesie für Schmerz und spontane Schmerzen
auf der linken Seite. Die ebenfalls benachbarten dorso-medial ans dem Fazialis-
kern aufsteigenden Fazialisfasern könnten wohl zur Erklärung der rechtsseitigen
Lidspaltenerweiterung herangezogen werden. In weiterer Entfernung vom Herde
hegt die sekundäre dorsale Trigeminnsbahn: nur im Anfänge Absohwächnng des
linken Kornealreflexes. Hat der Herd ventralwärts auch die hier durchtretenden
Trapezfasern teilweise zerstört? Ich möchte, im Gegensatz zum Kollegen Dr. S.,
annehmen, daß das Ohrensausen, welches vor dem Insult nicht vorhanden war
und nach dem Insult allmählich wieder verschwand, im Verein mit der quanti¬
tativen Herabsetzung der Hörschärfe (nach oben mehr als in tiefen Lagen!) mit
einer Beteiligung der hier kreuzenden sekundären Hörbahnen in Verbindung steht.
In Mabbüeg’s Fig. 29 würde das Zentrum des Herdes rechts in Lm hegen,
die dorsale Grenze ventral von Nrtg , die laterale medial von Ntr, die ventrale den
dorsalsten Querfasern der Brücke entsprechen, die mediale sich der Baphe nähern.
Diese Gegend wird von einer rechten Medianarterie versorgt, die aus der Basilaris
unmittelbar frontal von der Vereinigungsstelle der beiden Arteriae vertebrales
entspringt und an der rechten Seite der Raphe des Brückenfußes dorso-frontal-
wärts zieht. Eine Blutung aus einem Aste dieser Arterie erscheint mir mit
Rücksicht auf die Art des Insults, bei der bestehenden Arteriosklerose und dem
Alter der Patientin wahrscheinlicher, als eine Thrombose oder gar eine Embolie,
die das ganze Ausbreitungsgebiet hätte in Mitleidenschaft ziehen müssen.
III. Verschluß der Arteria cerebelli inferior posterior sinistra.
Anamnese: 50jähriger Malermeister, früher gesund, keine Bleivergiftung,
keine Geschlechtskrankheiten; nur die linke Pupille soll seit seiner Jugend größer
als die rechte sein.
Am 18. XL 1914 wurde ihm nach dem Mittagsschlaf unwohl. Er versuchte
sich zu erheben, hatte aber dabei das Gefühl, als ob er betrunken wäre. Es
stellte sich so starkes Schwanken ein, daß er nicht mehr allein Bich fortbewegen
konnte. Später wurde auch das Schlucken sehr erschwert.
Status am 20. XI. 1914:
Mittelgroßer Mann in leidlichem Ernährungszustände. Arteriosklerose, im
übrigen normaler Befund an Lungen, Herz und Abdominalorganen, aber dauernd
erhöhte Pulsfrequenz (zwischen 96 und 112 pro Minute). Urin: Leichte Albumin¬
urie. Im Sediment nichts außer einigen Leukozyten. Stuhl normal.
Nervensystem:
Starker, sehr quälender, Tag und Nacht ununterbrochen anhaltender Singultus.
Totale Schlacklähmung mit starker Speichelsekretion.
Olfactorius
Opticus J krankhaften .Befund.
Oculomotorius: Linke Pupille weiter als rechte, nach oben und außen leicht
verzogen.
Pupillenreaktion auf Licht und Akkommodation sehr deutlich. Augenhinter¬
grund frei.
Verengerung der linken Lidspalte mit geringer Ptosis.
Trochlearis ] .
Abduzens } norm&1 -
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
237
Langsamer Nystagmus bei Bewegung der Augen nach rechts, schneller Ny
stagmus bei Bewegung nach links.
Trigeminus: Kornealreflex links nahezu erloschen. Kaum merkbare Hypästhesie
für Berührung im Bereiche des linken Nasenrückens und angrenzender Teile des
Oberkiefers, sowie der Stirn. Schmerzempfindung: An den gleichen Stellen wird
stumpf statt spitz gefühlt. Temperaturempfindung: Warm statt kalt in der
gleichen Zone, aber etwas größerem Umfange besonders nach der Stirn zu.
Kaumuskeln normal.
Über die Veränderungen der rechten Seite siehe weiter unten.
Fazialis: Linke Nasolabialfalte etwas flacher als rechte.
Acusticus: Ohne krankhaften Befund.
Glossopharyngeus: Linke Gaumenhälfte bleibt beim Anlauten stark zurück,
Uvula und Gaumensegel dabei nach rechts verzogen. Schlucklähmung und Speichel¬
fluß siehe oben.
Vagus: Totale linksseitige Rekurrenslähmung.
Accessorius: Ohne Störung.
Hypoglossus: Die Zunge wölbt sich bei ruhiger Lage im Munde links weit
stärker als rechts, dreht sich beim Herausstrecken infolge einer schrägen Narbe
an der Zungenspitze ein wenig nach rechts.
Reflexe: Hautreflexe normal. Knie- und Achillessehnenreflex links kaum aus¬
zulösen, rechts normal.
Motilität: Starke Ataxie der linken Extremitäten, mit Hypotonie des linken
Beines.
Sensibilität: Geringe Abnahme des LagesinnB im linken Bein.
Aufhebung des Schmerz- und Kältegefühls auf der ganzen rechten Körper¬
hälfte mit Ausnahme der medialen Stirnhälfte, des Auges, Oberkiefers, der Nase,
der Lippen und ihrer Umgebung, dabei vollständig erhaltene Berührungsempfind¬
lichkeit. Überall wird spitz als stumpf, warm als kalt gefühlt.
Gang: Beim Versuch aufzustehen starkes Taumeln nach links, fällt hin, wenn
er nicht gestützt wird, dabei stampfendes Aufsetzen des linken Beines.
22. XL Schlucklähmung geringer, trotz weiter andauernden Singultus.
28. XL Singultus noch vorhanden, wenn auch geringer und seltener. Starker
Speichelfluß. Schluckstörung wenig vermindert. Nystagmus geringer, aber noch
deutlich. Linke Pupille weiter und nach außen oben verzogen, bei normaler
Reaktion. Kornealreflex fehlt links. Linke Lidspalte noch verengt. Tension des
Bulbus oculi 1. sa r. Gaumen- und Stimmbandlähmung wie oben. Geschmack
beiderseits normal. Pulsfrequenz dauernd zwischen 96 und 112. Temperatur
normal. Keine Temperaturdifferenz zwischen beiden Achselhöhlen. Zunge im
Munde links stärker gewölbt, wird ziemlich gerade herausgestreckt, nur die Spitze
weicht etwas nach rechts ab. Patellar- und Achillessehnenreflex 1. < r., geringe
Ataxie des linken Beines, weniger an der linken Hand (kann bereits den Rock
mit der linken Hand zuknöpfen). Wird das linke Bein im Knie gebeugt und der
Kranke aufgefordert bei geschlossenen Augen das rechte Bein in dieselbe Stellung
zu bringen, so gelingt das annähernd gut. Wird das rechte Bein aber passiv
gebeugt, so erfolgt eine stärkere Beugung des linken als der Lage des rechten
entspricht. Deutliche Hypotonie des linken Beines.
Sensibilität: Berührung anscheinend überall normal (nur linker Nasenrücken
nebst lateraler Nachbarschaft etwas hypästhetisch). (Fig. 4.)
Schmerz: Am linken Nasenrücken, den linken Augenlidern, viel weniger an
den angrenzenden Teilen der mittleren Stirngegend öfter stumpf statt spitz, des¬
gleichen an hinteren Teilen der Mundschleimhaut links. Auf der rechten Seite
vom Unterkieferwinkel und von Ohr-Schläfe-Stirn abwärts auf der ganzen Körper¬
hälfte stets stumpf statt spitz gefühlt (Fig. 6).
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Original fragn
/ERSITY OF MICHIGAN
239
Digitized by Go sic
Original frnm
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
7 ff Aüfefcheme für Schmerz Fitf £. *•*/ Aoiksthesie für Kalte Fig. 9. A üäethesie für KäJtc
<«|>it r für «itiniyf gehalten;, tkalt ab warm empfunden). (kalt als warm empfunden).
240
Temperaturgefühl: Links ganz geringe Abschwächung auf dem linken Nasen¬
rücken und dem linket) Unterlid, sonst normal. Rechts von der Stirn-Schläfe-
Ohr-Wange abwärts kalt als warm gefühlt (Fig. 8).
Fällt beim Geben nach links, schleudert mit dem linken Bein und setzt es
stampfend auf (erheblicher Gegensatz der Ataxie beim Gehen und der geringen
Ataxie des linken Beines bei liegender Stellung!).
5. XII. Pallästhesie = Dauer der Vibrationsempfindung einer angeschlagenen
Stimmgabel (C m ):
Links
Rechts
Unteres Radiusende
12
4 Sekunden
Ellbogen ....
9
*
Tibiakante . .
10
2
StereognoBtischer Sinn: Münzen werden bei geschlossenen Augen in der
rechten Hand besser als in der linken erkannt. Die Differenz ist nicht erheblich.
Dagegen wird eine Stahlfeder nur rechts erkannt.
Prüfung der WsBER’schen Tastkreise (= Abstand der Tasterzirkelspitzen in
Millimetern, bei dem Doppelempfindung auftritt):
Links
Rechts
Stirn ....
33
32
Schläfe....
14
13
Nasenrücken . .
18
8
Jochbogen . .
14
14
Schulter . .
75
70
Rücken
60
115
und
darüber
Bauch ....
40
80
Oberarm . . .
25
50
Kleinfingerkuppe
5
5
Oberschenkel. .
75
150
und
darüber
Unterschenkel
70
150
und
darüber
Fußrücken . .
35
100
und
darüber
Singultus fast verschwunden, Schluckstörüng noch vorhanden. Nystagmus
nach links nur noch angedeutet; Verengerung der linken Lidspalte, Vergrößerung
und Verziehung der linken Pupille wie oben. Klagen über Schmerzen im linken
Augapfel, dabei nur geringer Druckschmerz. Linker Kornealreflex fehlt. Be¬
rührungsempfindung an der Mundschleimhaut, dem weichen Gaumen und Kehlkopf
beiderseits erhalten. Gaumen- und Stimmbandlähmung, Speichelfluß wie oben.
6. XII. Drucksinn (= Wahrnehmung von Gewichtsdifferenzen bei Gewichten,
die auf die Haut gelegt werden):
Links
Rechts
Schläfe
1 : 7
1: 7
Oberkiefer
1:7
1:7
Hand
1 : 7
|
Vorderarm
1:7
| etwa 1:7 öfter Verwechslungen,
Kraftsinn (= Wahrnehmung von Gewichtsdifferenzen durch Aufheben der
Gewichte mit den Fingern):
An beiden Händen gleich (1:7— 8 ).
7. XII. Elektrokutane Sensibilität ( = Rollenabstand in Zentimetern, bei dem
die erste Empfindung und bei dem Schmerz eintritt):
Digitized by
Go .gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
241
Erste Empfindung Schmerz
Links
Rechts
Links
Rechts
Stirn . . .
10,0
10,5
8,0
9,0
Schläfe. . .
10,0
9,5
7,5
8,0
Nasenrücken .
10,5
11,0
9,0
10,0
Oberarm . .
9,5
9.0
8,0
6,5
Unterarm . .
9,0
9,5
7,0
6,5
Brust . . .
9,0
9,0
6,5
0,0
Bauch . . .
7,5
6,0
4,5
0,0
Oberschenkel.
9,5
7,5
7,5
0,0
Unterschenkel
8,5
8,5
6,0
5,0 (?)
Rücken oben.
9,0
9,5
6,5
0,0
Rücken unten
9,0
7,5
5,0
0,0
7. XII. Singultus ganz verschwunden, Schluckstörung geringer, aber noch
deutlich. Patellarreflex 1. < r. Deutliche Hypotonie links. Starke Ataxie des
linken Beines, viel weniger an der linken Hand. Beim Gehen Neigung den Rumpf
nach rechts zu biegen, um nicht nach links zu fallen. Stampfendes Aufsetzen des
linken Fußes beim Gehen. Verkleinerung der linken Lidspalte.
8. XII. Hypostereognosie der linken Hand wie oben.
10. XII. Vergleichende Temperaturmessung ergibt in beiden Achselhöhlen
genau die gleiche Temperatur. Pulsfrequenz dauernd erhöht.
19. XII. Linke Lidspalte enger als rechte. Linke Pupille wie oben, bei guter
Reaktion. Eornealreflex links stark abgeschwächt. Fazialis beiderseits nahezu
gleich, Gaumen hebt sich r. > 1. Schluckstörung und Speichelfluß geringer, aber
noch deutlich. Linksseitige totale Rekurrenslähmung. Zunge wölbt sich im Munde
beiderseits gleich, wird bis auf geringe Biegung der Spitze nach rechts (infolge
der Narbe) gerade herausgestreckt. Ataxie des linken Armes ziemlich verschwunden,
am linken Bein geringer, aber vorhanden. Gang unsicher, Neigung nach links zu
schwanken, setzt das linke Bein stampfend und abduzierend auf. Reflexe beider¬
seits gleich, Hypotonie des linken Beines noch angedeutet. Berührungsempfindung:
Leichte Hypästhesie auf dem linken Nasenrücken. Schmerzempfindung: Links
sehr abgeschwächt auf dem Nasenrücken bis 1 / 2 cm von der Spitze, ferner an den
der Nasenwurzel benachbarten Stirn teilen, dem oberen Augenlide, der vorderen
Nasenschleimhaut, der hinteren Hälfte der Mundschleimhaut (Zunge und vordere
Mundschleimhaut normal!). Rechts wird spitz statt stumpf gefühlt: hinten von
der Ohrmuschel und Lambdanaht abwärts auf der ganzen Körperhälfte, vorne von
der Scheitel-Ohr-Kinnlinie abwärts auf der ganzen rechten Körperhälfte, am
wenigsten im Bereiche des Halses und der Schulter (2. bis 4. Zervikalsegment).
Kälteempfindung: Fehlt links auf dem Nasenrücken, rechts hinten von der Ohr¬
muschel (inklusive) abwärts, vorne von der Scheitel-Ohr-Kinnlinie abwärts (inklusive
Ohr!) auf der ganzen rechten Körperhälfte.
26. XII. Atropineinträufelung in das linke Auge ergibt leichte Adhäsion der
Iris nach außen oben.
4.1. 1915. Gang besser, qualitativ wie früher. Kein Schwanken bei Augen¬
schluß. Schluckstörung fast verschwunden. Lidspalte wie früher, Pupille ebenso.
Die Zeitdauer der Stimmgabelperzeption (Pallästhesie) ist auf der ganzen rechten
Seite mit Ausnahme der Schulter und Kniescheibe bedeutend gestiegen, nur noch
geringe Unterschiede zugunsten der linken Seite. Am Warzenfortsatz wird die
Stimmgabel rechts länger als links gehört.
7.1. Die Zone linksseitiger Hypästhesie für Berührung (Fig. 5) beschränkt
sich jetzt auf den Nasenrücken (obere zwei Drittel), auch die Anästhesie für
Schmerz läßt auf der linken Gesichtshälfte die Stirn frei, rechts ist sie bis auf
xxxiv. 16
Difitized
by Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
242
das Vereorgungsgebiet des 6. und 7. Zervikalsegments heruntergerückt (Fig. 7).
Am wenigsten hat sich die Zone der Anästhesie für Kälte geändert, aber auch
hier links im wesentlichen Beschränkung auf den Nasenrücken, während rechts
die obere Grenze noch immer der Scheitel-Ohr-Kinnlinie naheliegt (Fig. 9). Astereo-
gnosie verschwunden. Patellar- + Achillesreflex: Keine deutlichen Differenzen
zwischen rechts und links. Lidspalte, Pupille links wie oben. Keiue Differenz
im Fazialisgebiet beider Seiten. Schluckstörung nur noch bei festen Speisen. Es
besteht noch: Starke Verminderung des linken Kornealreflexes, Parese des linken
Gaumensegels, Paralyse des linken Stimmbandes, geringe Ataxie und Hypotonie
des linken Beines, beim Gehen stärker als beim Liegen, Gang besser, aber immer
noch Neigung nach links zu taumeln. Pulsfrequenz andauernd erhöht
21.1. Lidspalte immer noch ein wenig enger als rechts.
WBBEE’sche Tastkreise:
Links
Hechts
Warzenfortsatz.
15
10
Schulter (hinten).
52
60
Akromion (hinten!).
70
80
Rücken (Mitte).
55
150
und
darüber
Rücken (unten).
60
150
Stirn.
15
10
Schläfe.
32
18
Jochbogen.
16
7
Nasenrücken.
20
7
Unterlippe.
5
5
Kinn.
5
7
Zunge .
2
2
Hals.
14
16
Oberarmkopf.
55
30
Verbindungslinie der Achselhöhlen
45
28
Oberarm (vorne).
25
150
und
darüber
Oberarm (hinten).
40
150
•>
>•
Unterarm (vorne).
13
150
Handteller.
5
5
Handrücken.
25
25
Verbindungslinie der Mammillae
32
36
Rippenbogen bis Nabel ....
32
37
Leistenbeuge.
36
150
und
darüber
Oberschenkel (vorne).
22
150
V
Unterschenkel (vorne).
40
150
rt
Unterschenkel (hinten) ....
60
150
»
M
Fußrücken.
18
150
»»
>•
Großzehenballen.
25
100
n
Jf
28.1. Prüfung der Pallästhesie (Zeitdauer der Vibrationsempfindung einer
tönenden Stimmgabel C m ) in Sekunden:
Links
Rechts
Stirn.
4
8
Schläfe ....
7
10
Warzenfortsatz . .
7
9
Schulter ....
12
0!
Ellenbogen . .
10
9
Unteres Ulnaende .
12
15
Digitized by <^ou<zie
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
243
Unteres Radiusende
Linkt
12
Rechts
18
Kniescheibe . . .
10
0!
Tibiakante . . .
14
14
Daumenballen . .
4
4
Clavicula ....
10
9
Resume: Ein 50jähriger Malermeister, der bis auf eine mit Irisadhäsion
verbundene Erweiterung der linken Pupille stets gesund gewesen ist, erkrankte
plötzlich mit Unwohlsein, schwerer Gleichgewichtsstörung, Schwindel, bald darauf
auch Sohluckstörung. Die Untersuchung 2 Tage nach dem Insult ergibt außer
leichter Albuminurie, Arteriosklerose und dauernder Vermehrung der Pulsfrequenz
folgende Ausfallserscheinungen vonseiten des Nervensystems:
1. Verengerung der linken Lidspalte mit Pfosis.
2. Aufhebung des linken Eornealreflexes.
3. Nystagmus (langsamer bei Bewegung der Augen nach rechts, schneller
bei Augenbewegung nach links).
4. Leichte Hypästhesie für Berührung auf dem linken Nasenrücken und
seitlicher Nachbarschaft, stärkere Störung für Sobmerzeindrücke (stumpf statt
spitz gefühlt) und Kälte (warm statt kalt gefühlt) im Bereiche des linken Nasen¬
rückens (mit Ausnahme der Nasenspitze und des Nasenflügels), ferner angrenzen¬
der Teile des Oberkiefers, der Jochbogengegend und der Stirn. Einige Tage
später vorgenommene Untersuchungen zeigen Hypalgesie auch im Bereiche der
linken Nasenscbleimhaut, sowie der Schleimhaut hinterer Mundhöhlenabschnitte.
5. Ganz geringe Abflachung der linken Nasolabialfalte.
6. Parese des linken Gaumensegels.
7. Totale Schlinglähmung mit reichlichem Speichelfluß.
8. Singultus, schwer und hartnäckig.
9. Totale linksseitige Rekurrenslähmung.
10. Parese des linken M. hyoglossus (Zunge im Munde links stärker gewölbt
als rechts).
11. Aufhebung des linken Patellar- und Achillessehnenreflexes.
12. Starke Ataxie der linken Extremitäten.
13. Hypotonie des linken Beines.
14. Abnahme des Lagesinns im linken Bein.
15. Hypostereognosie in der linken Hand.
16. Aufhebung des Schmerz- und Kältegefühls auf der ganzen rechten
Körperhälfte mit Ausnahme der medialen Stirnhälfte, des Auges und seiner Um¬
gebung, des Oberkiefers, der Nase, des Mundes, der Zunge. Dabei vollständig
erhaltene Berührungsempfindlichkeit.
17. Taumeln nach links beim Geben, stampfendes Aufsetzen des linken
Beines dabei.
Die Untersuchung in den nächsten 2 Wochen ergibt außerdem:
18. Ganz geringe Abnahme des Drucksinns am rechten Vorderarm und
rechter Hand.
16 *
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
244
19. Faradokutane Sensibilität:
Beiderseits nahezu gleicher Rollenabstand für Empfindungsschwelle, starke
Verminderung des Rollenabstandes (= Erhöhung der Reizzschwelle) für Schmerz*
empfindung auf der ganzen rechten Seite von der Scheitel*Ohr-Kinnlinie abwärts,
geringere Verminderung an linker Stirn, Schläfe, Nasenrücken.'
20. Starke Verkürzung der Perzeption einer schwingenden Stimmgabel am
rechten Ellbogen, unterem Radiusende, Tibiakante (wahrscheinlich auch, wie
spätere Untersuchungen ergaben, auch an anderen Stellen der rechten Körper¬
hälfte).
21. Zunahme des Durchmessers Weber’ scher Tastkreise im Bereiche des
linken Nasenrückens, angrenzender Gebiete und der ganzen rechten Körperhälfte
von der Schulter abwärts, mit Ausnahme der Finger.
In den nächsten Wochen verschwand allmählich der Singultus, der Ny¬
stagmus, die Fazialisparese, später auch die Hypoglossusparese, es kehrte der
linke Patellar- und Achillessehnenreflex zurück, die Ataxie wurde geringer, die
Hypostereognosie ließ sich nicht mehr nachweisen, die Neigung nach links zu
fallen verminderte sich, ohne zu verschwinden. Endlich veränderte sich auch
die Sensibilitätsstörung in der Weise, daß die Ausdehnung der hypästhetischen
Zonen für Berührung, Schmerz und Kälte sich links konzentrisch gegen den
Nasenrücken zu verkleinerten, während rechts die obere Grenze der Anästhesie
für Kälte bis zur Scbeitel-Ohr-Kinnlinie zurückging, dagegen die Schmerzsinnes¬
störung 6 Wochen nach dem Insult nur noch bis zum Areal des 6./7. Zervikal¬
segments reichte.
Die Pallästhesie wurde auf der rechten Seite allmählich wieder normal, nur
an der rechten Schulter und Kniescheibe konnte 2 Monate nach dem Insult eine
tönende Stimmgabel kein Vibrationsgefühl auslösen. Auf der linken Seite be¬
stand zur gleichen Zeit noch Verkürzung der Perzeptionsdauer im Bereiche der
Stirn, der Schläfe, des Warzenfortsatzes. Hartnäckiger war die Vergrößerung
der W eber’ sehen Tastkreise, die noch Ende Januar 1915 an vielen Stellen der
rechten Körperseite, sowie im Bereiche der linken Gesichtshälfte und Schulter¬
gegend naobgewiesen werden konnte. Zu dieser Zeit waren, abgesehen von der
Arteriosklerose, Albuminurie und Vermehrung der Pulsfrequenz, noch vorhanden:
1. Geringe Verkleinerung der linken Lidspalte.
2. Abschwächung des linken Kornealreflexes.
3. Kaum angedeutete Hypästhesie für Berührung, stärkere Störung des
Schmerz- und Kältegefühls auf der linken Nasenrückenhälfte (bis 5 mm oberhalb
der Nasenspitze) und angrenzenden Teilen der Nasenwurzel, Stirn und des Ober¬
kiefers. Hypaigesie bestand links auch noch im Bereiche der Nasenschleimhaut
und hinteren Mundschleimhaut.
4. Linksseitige Gaumenparese.
5. Kaum merkliche Störung beim Schlucken fester Speisen.
6. Paralyse des linken Rekurrens.
7. Geringe Ataxie und Hypotonie des linken Beines.
8. Kaum noch angedeutete Neigung beim Geben nach links zu taumeln.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHEGAN
245
9. Anästhesie für Schmerz auf der rechten Körperhälfte vom 6./7. Zervikal¬
segment abwärts.
10. Anästhesie für Kälte von der Scheitel-Ohr-Kinnlinie abwärts.
11. Vergrößerung der WBBss’schen Tastkreise links im Bereiche der Stirn,
Nase, Schläfe, Warzenfortsatz, Jochbogen, Schulter (vorne), Unterschlüsselbein¬
gegend, rechts auf der ganzen Körperhälfte etwa vom Areal des 0. Zervikal¬
segments abwärts, mit Ausnahme der Hände.
12. Geringe Verkürzung der Perzeptionsdauer einer schwingenden Stimm¬
gabel links im Bereiche der Stirn, Schläfe und des Warzenfortsatzes, Fehlen der
Perzeption an der rechten Schulter und an der rechten Kniescheibe.
Die Untersuchung der Warzenfortsätze mit dem Stethoskop ergab keine
Geräusche.
Vergleichen wir die bald nach dem Insult aufgetretenen Erscheinungen mit
den 2 Monate später festgestellten Erscheinungen, so gelingt es leicht, das Areal
des bleibenden Herdes von dem Gebiet vorübergehender Ernährungsstörung zu
trennen, trotzdem die Untersuchung noch nicht als abgeschlossen gelten kann
und jetzt noch bestehende Störungen später verschwinden können. Durch den
Anfall waren zunächst in Mitleidenschaft gezogen:
1. Die linke spinale Trigeminuswurzel, und zwar auf dem Querschnitt die
Durchtrittsstelle der Vaguswurzeln nebst deren ventraler und dorsaler Umgebung:
Aufhebung des linken Kornealreflexes, geringe Hypästhesie für Berührung,
stärkere Störung für Schmerz- und Kälteempfindung am Nasenrücken und an¬
grenzenden Teilen der Stirn, des Oberkiefers, Jochbeins, der Nasenschleimhaut
und hinterer Mundschleimhaut.
2. Der spinalen Trigeminuswurzel dorso-medial benachbarte Kernteile: Lid-
spaltenVerengerung, Ptosis.
3. Der spinalen Trigeminuswurzel in mittleren Oblongatahöhen medial an¬
liegende Zellhaufen (Nucleus salivatorius inferior Kohnstamm): Speichelfluß.
4. Vaguswurzeln: Singultus, erhöhte Pulsfrequenz??
5. Tractus spino-cerebellaris dorsalis (+ ventralis?) bis in das Corpus resti-
forme hinein, wahrscheinlich zunächst auch auf die linke Kleinhirnhälfte über¬
greifend : Fallen nach links, Ataxie, Asynergie, Störung der Lageempfindung der
linken Extremitäten, vielleicht auch die Hypostereognosie am Anfänge.
6. Tractus spino-thalamicus und spino tectalis: Aufhebung des Schmerz-
und Kältegefülüs auf der rechten Körperhälfte bis zur Scheitel-Ohr-Kinnlinie.
7. Sekundäre dorsale Bahn des sensiblen Trigeminus, die sich dorso-medial
dem Tractus spino-thalamious anschließt, von ihm aber durch den Nucleus am-
biguus und umgebende Kerne der Formatio reticularis getrennt ist: Anfängliche
Ausdehnung der Analgesie und Kälteanästhesie auf die rechte Gesichtsbälfte.
8. Nucleus ambiguus vom kaudalen bis frontalen Pol, in seiner ganzen
Querschnittsbreite: Schlucklähmung, Rekurrensparalyse links, Gaumensegel¬
lähmung links.
9. Kaudaler Pol des Fazialiskerns: Initiale Fazialisparese links.
10. Hyoglossuswurzeln: Parese des linken M. bypoglossus.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
246
11. Spinale Acusticuswurzel + Kern (?): Nystagmus.
12. Tractus Deiters descendens: Hypotonie des linken Beines, Aufhebung
des linken Patellar- und AchiUessehnenreflexes.
13. Lateralste, den Hypoglossuswurzeln benachbarte Teile der Olivenzwischen¬
schicht (?): Störung der Vibrationsempfindung, Vergrößerung der Tastkreise auf
der rechten Körperhälfte, geringe Verminderung des Drucksinns.
Innerhalb des bleibenden Herdes liegen, entsprechend den nach 2 Monaten
noch nachweisbaren Ausfallserscheinungen:
1. Die spinale Quintuswurzel an der Austrittsstelle der Vaguswunein,
wie oben.
2. Dorso-medial benachbarte Kernteile.
» 3. Vaguswurzeln.
4. Tractus spino-cerebellaris.
ö. Tractus spino thalamicus et spino-tectalis.
ö. Nucleus ambiguus kaudal-lateral (Bekurrensparalyse) und frontal (Gaumen¬
segelparese).
7. Tractus Deiters descendens.
Bei der noch fortschreitenden Besserung der Pallästhesie und der Tastkreis¬
vergrößerung wird es nicht angängig sein, lateralste Teile der Olivenzwischen¬
schicht noch in das Areal des bleibenden Herdes mit hineinzuziehen. Dieser
ist also auf der linken Hälfte der mittleren Oblongata zu suchen. Er wird
ventral von der dorsalen Nebenolive, medial von der Olivenzwischenschicht und
Hypoglossuswurzeln, dorsal von den Kernen am Boden der Rautengrube und
der sekundären Trigeminusbahn begrenzt und reicht lateral an die Peripherie.
Der Vergleich mit dem von mir im Archiv für Psychiatrie 1 ausführlich
beschriebenen Falle von Embolie der Arteria cerebelli posterior inferior, bei dem
ich die klinische Diagnose 6 Jahre später durch die Autopsie bestätigen konnte, 2
ergibt eine geradezu verblüffende Übereinstimmung. Wieder erscheint neben
der Analgesie der rechten Körperhälfte nur ein Ausfall des Kältegefühls, kalt
wird positiv als warm gefühlt (Strümpell, Wallenbbbg, Mülleb, Mai u. a.),
wieder reicht die Anästbesiegrenze für Kälte nach oben bis zur Scheitel-Ohr-
Kinnlinie, während die Analgesie nur bis zum Gebiet des 6. und 7. Zervikal¬
segments emporsteigt, also die „Hals-Brustzone“ freiläßt Abweiohend ist ledig¬
lich die bereits von Marburg und Breuer bei Verschluß der hinteren unteren
Kleinhirnarterie beschriebene herdgleichseitige Ptosis und Lidspaltenenge (die
vorher längst bestehende Pupillenerweiterung mit Irisadhärenz hat offenbar den
Eintritt der gewöhnlich damit verbundenen Miosis verhindert), ferner die rasch
vorübergehende Fazialisparese, die längere Dauer und größere Intensität der
Schlucklähmung, mit dem heftigen Singultus, der Ataxie, Hypotonie und Reflex¬
störung am linken Bein. Dazu kommt die Vergrößerung der Tastkreise in der
linken Gesichts- und rechten Körperhälfte, die noch nach 2 # Monaten nicht ge-
‘ XXVII. 1895. S. 504.
* Archiv f. Psych. XXXIV. 1900.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
247
schwanden ist, ferner die Störung der Pallästhesie (Verkürzung der Perzeptions¬
dauer einer schwingenden Stimmgabel) auf der rechten Seite, die allmählich
wieder zurückgeht In dem ernten von mir beschriebenen Falle ist die Pallästhesie
nicht geprüft worden, es ist daher möglich, daß auch hier Störungen vorhanden
waren. Bei meinem ernten Patienten traten dagegen außer Symptomen der
Vagusreizung (in den ersten Tagen Pulsverlangsamung, im zweiten Falle dauernde
Pulsbeschleunigung!) bald nach dem Insult Herpeseruptionen im hypästhetisohen
Gebiete auf. Auf das bei ihm beobachtete systolische Geräusch am Warzen¬
fortsatze einzugehen, erübrigt sich; es war in dem hier beschriebenen Falle
nicht nachweisbar.
Der Herd wird demnach wahrscheinlich bei dem zweiten Patienten etwas
weiter frontalwärts reichen 1 als beim ersten. Ob die Vergrößerung der Tast¬
kreise und die vorübergehende Störung der Pallästhesie auf eine Vergrößerung
des Herdes auch im queren Durchmesser hinweist, lasse ich dahingestellt, denn
abgesehen von der oben erörterten Möglichkeit, daß diese Erscheinungen keine
dauernden Ausfallssymptome sind, halte ich die Frage, ob die Olivenzwischen-
Schicht an der Leitung der erwähnten Sensibilitätsarten allein beteiligt ist, oder
wie weit dabei auch der Tractus spinothalamicus oder andere im Rückenmark
kreuzende Fasersysteme eine Rolle spielen, heute noch nicht für spruchreif. Ich
glaube aber, daß gerade nach dieser Richtung hin ein Fall wie der hier be¬
schriebene Beachtung verdient Wichtig erscheint mir ferner gegenüber anderen
Auslegungen die Tatsache, daß der linke Patellar- und Achillessehnenreflez
lange Zeit erloschen bzw. stark vermindert waren. In Gemeinschaft mit der
Hypotonie spricht dieser Umstand für Mabbubg’s Deutung: Läsion des gleich¬
seitigen Tractus Deiters desoendens und gegen von Monakow's Ansicht, daß
es sich lediglich um eine Diaschisiserscheinung handelt.
Im übrigen entspricht die Lage und Größe des Herdes vollständig dem
Versorgungsgebiet des mit den Vaguswurzeln in die seitliche Oblongata ein¬
dringenden Hauptastes der Arteria cerebelli inferior posterior sinistra. Daß in
den anderen von dieser Arterie gespeisten Territorien, insbesondere im Kleinhirn,
die Möglichkeit einer vollständigen Wiederherstellung der arteriellen Ernährung
gegeben ist, habe ich anläßlich der Beschreibung meines ersten Falles und auch
später ausführlich auseinandergesetzt, so daß ein näheres Eingehen sich erübrigt.
Ob es sich hier aüoh um einen emboiischen Verschluß der Arterie handelt, was
ich angesichts des akuten Beginns unter Insulterscheinungen für die wahrschein¬
lichste Annahme halte, oder ob eine Thrombose vorliegt, muß dahingestellt
bleiben.
1 S. meine Ausführungen in der Deutschen Zeitschr. f. Nervenheilk. XLI.
>
Digitized by
Gck igle
Original fru-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
248
[Ans dem hirnhistologischen Institut (Interakademisches Hirnforscbungsinstitut)
der Universität Budapest]
4. Anatomischer Beitrag
zur Frage der zerebellaren Pyramide.
Von Prof. Karl 8ohaffer.
Direktor des Instituts.
In einer jüngst erschienenen Arbeit 1 stellte ich auf Grand gewisser ponto-
bulbärer Bündel, welche auf der ventrolateralen Oberfläche des Rhombencephalon
auftreten, die Existenz des Kleinhirnanteils der Pyramidenbahn, die sog. zere¬
bellare Pyramide fest Diese Bündel, welche ich an Mednllen von Para¬
lytikern in abnorm starker Entwickelung antraf, stellen einesteils eine Verbindung
der Pyramide mit den bulbären Kernen, andernteils mit der homolateralen
Kleinhirnhälfte dar. Angesichts letzteren Verhaltens der Pyramide, welches
einen bislang nicht gekannten Bestandteil der Willensbahn, eine Kleinhirn-
pyramidenstrangbahn klarlegte, schien es von Wichtigkeit, die pontobulbären
Basalbündel in anatomischer Beziehung einer genaueren Prüfung zu unterwerfen,
um auf diese Weise die morphologische Bedeutung dieser Bündel endgültig fest¬
zustellen. Schon im erwähnten Aufsatz hob ich hervor, daß die pontobulbären
Bündel keineswegs allein am paralytischen Zentralorgan, sondern auch am Nicht-
paralytikermatenal anzutreffen sind; diesen Satz unterstützte ich mit dem Befund,
wonach an 60 Mednllen diese Bündel zehnmal in Erscheinung traten. Dieses
Verhältnis (20°/ o ) bedeutet wohl eine auffallende Häufigkeit, doch genügt es
keineswegs zur Feststellung von konstanten Bildungen; immerhin ist die
Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß die pontobulbären Bündel bzw. die letzteren
entsprechenden Bahnen gelegentlich in solcher schwacher Entwickelung auftreten
können, welche eine makroskopische Diagnose ausschließt. Sei es wie auch
immer, so erheischen die pontobulbären Bündel eine Klarstellung in anatomischer
Beziehung um so mehr, da sie als Kleinhirnpyramidenstrangbahn in physio¬
logischer Hinsicht nicht belanglos sein dürften. — Zu diesem Zweck unterzog
ich erneut eine Anzahl von in Formalin gehärteten Mednllen nicht paralytischer
Herkunft; bevor ich auf die zahlenmäßige Häufigkeit dieser Bündel eingehe,
möchte ich vor allem die Formverhältnisse, hernach die Bedeutung derselben
erörtern.
Nach meinen bisherigen Erfahrungen kann ich die an der ventrolateralen
Oberfläche der Brücke und des verlängerten Marks als abgegrenzte Mark streifen
auftretenden Bündel folgend einteilen (vgl. Figg. I bis III).
I. Es gibt einen Strang, welcher in der'hinteren Brückenhälfte aus den
Querfasern der Brücke emportauchend, dicht neben dem Sulcus basilaris in
sagittaler Richtung verläuft; ich nannte diesen Markstreifen Fascioulus pontis
1 K. Schaffer, Der KleiDhirnanteil der Pramidenbahn (die zerebellare Pyramide). Zeit¬
schrift f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXVII. H. 5.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
249
medialis (vgl Fig. II, i), welcher am hinteren Brückenrande, einwärts Ton
der aastretenden Abdazenswarzel in das Foramen coecum posticnm hinabgleitet,
somit sich der weiteren makroskopischen Betrachtung entzieht. Das Bündel
kann manchmal recht schwach, dann aber anch überaus stark entwickelt sein;
sein Querdurchmesser mißt 1 bis 3 mm und scheint immer kompakt zu sein.
2. Gleichfalls in der hinteren Brückenbälfte, jedoch lateral, kann an der
Oberfläche der Brücke ein sagittal verlaufender Markstreifen erscheinen, welcher
vom aus den Querfasern der Brücke sich herauswindend, rückwärts, d. h. am
hinteren Brückenrand, in der Nähe des Brückenkleinhirnwinkels abermals unter
den Querfasern der Brücke verschwindet Dieser Markstreifen verdient die Be¬
zeichnung: Fasciculus pontis lateralis (vgl. Fig. 11,2); dieser kann in kom¬
pakter Form als ein Strang von 1 bis 2 mm Stärke erscheinen, doch trifft man
ihn auch in zersplitterter Form, aus 2 bis 3 Strängchen bestehend, an. Er kann
manchmal eine Fortsetzung finden in einem Markstreifen, welcher an der seit¬
lichen Oberfläche des verlängerten Marks verläuft, und welcher daher als
3. Fasciculus bulbi lateralis (Fig. III,3) bezeichnet werden kann. Dieser
tritt hart neben dem lateralen Rand der Oblongataolire in Erscheinung, ver¬
läuft vom hinteren Brückenrand angefangen bis zum unteren Olivenpol, um
entweder hier zu verflachen und zu verschwinden, oder aber in der Form eines
Markbandes an der Oberfläche des Seitenstranges ca. bis zur 1. bzw. 2. Zervikal¬
wurzel zu verlaufen. Bildet der Fasciculus bulbi lateralis mit dem Fasciculus
pontis lateralis einen einzigen Körper, so wäre von einem Fasciculus ponto-
bulbi lateralis zu sprechen. Ein beständiger Charakterzug des Bündels ist
seine Keilform: die Basis befindet sieb am hinteren Brückenrand, die Spitze am
unteren Olivenpol, somit nimmt die Masse des Bündels von oben nach unten
zusehends ab. Es erscheint so einseitig als auch doppelseitig.
4. Ein äußerst bezeichnendes Markbündel trifft man an der vorderen
(ventralen) Oberfläche des verlängerten Marks, welches sich hier von der freien
Pyramidenoberfläche emporhebend, an dieser bis zum unteren Olivenpol hinab-
läuft, um hier lateral schwenkend, die Olive von unten umläßt, gelangt daher
zum Strickkörper, an dessen Oberfläche es aufwärts strebt, wobei es zusehends
verflacht und seine Individualität einbüßt. Der Verlauf ist ein typisch-bogen¬
förmiger, daher ist der Name Fasciculus arcuatus wohl gerechtfertigt, doch
möchte ich die anatomisch richtigere Bezeichnung: Fasciculus ventro-
lateralis bulbi vorschlagen und behalten (vgl. Fig. I bis III, 4).
Dieses Bündel zeigt eine anatomisch-mannigfaltige Morphologie. Man trifft
dasselbe ein- wie doppelseitig an und zwar in den verschiedensten Formvariationen,
von welchen folgende Haupttypen erwähnt seien.
a) Die häufigst vorkommende Form, der Grundtypus, ist in dem soeben
geschilderten kompakt-bogenförmigen Bündel gegeben (4 a).
b) Eine Verlagerungsvarietät dieser Form ist dadurch gegeben, daß das
bogenförmige Markbündel mit dem Bogenscheitel nicht den unteren Olivenpol
berührt, sondern höher oben die Mitte der Oliveneminenz durchquert (46).
c) Eine Kombination des a- und ö-Typs entsteht, indem der auf der
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
260
Oblongatapyramide liegende Ursprungs teil des Bündels sich in zwei Teilbündel
spaltet, von welchen das eine dem a-Typ, das andere dem Ä-Typ folgt (4 a + b).
I JE.
Fig. I. 4 a Fase, bulbi ventrolateralis
Typ. a.
4 c Idem, Typ. c.
Fig. II. / Fase. pontU medialis.
2 Fase, pontis lateralis
4 b Fase. bulbi ventrolateralis
Typ. b.
4 a + b Fase, bulbi ventrolateralis
Typ. a + Typ. b.
Fig. III. 3 Fase, bulbi lateralis.
4d Faso, bulbi ventrolateralis
Typ. d.
5 Fase, bulbi ventralis.
ÜT.
Schema der poutobnlbären Basalbflndel.
d) die sub a) erwähnte kompakte Form kann eine Abänderung in dem
Sinne erfahren, daß das Markbündel, welches am Ursprung, d. h. auf der
Oblongatapyramide noch kompakt ist, während seines Abstieges gegen den
Difitized
bv Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
251
unteren Olivenpol in zahlreiche feinere Markfäden zerfällt, welche einzeln die
untere Hälfte der Olive bogenförmig umfassen (4c).
e) Endlioh erleidet das Bündel eine Änderung insofern, daß es sich nicht
aus der Masse der Pyramide, sondern aus der ventralen, interpyramidalen Furche
des verlängerten Marks entwickelt; in diesem Falle bemerkt man in der Höhe
des unteren Olivenpols aus der medianen Furche ein breites, flaches Markband
entstehen, welches unterhalb der Olive seitwärts strebt und nun am Strickkörper
aufwärts gleitet (4d).
5. Endlich kommt an der Oblongatapyramide ein individualisiertes Bündel
zur Beobachtung, welches, aus dem Pyramidenareale seitlich abweichend, sich
der Olive anschmiegt, diese teilweise bedeckt, jedoch vom unteren Olivenpol an¬
gefangen zur Pyramide zurückkehrt und mit dieser oberhalb der Kreuzug innig
verschmilzt Es wäre als Fasciculus bulbi ventralis zu bezeichnen.
Bezüglich der anatomischen Bedeutung dieser Bündel, welche ich
soeben schilderte, ist die Tatsache gemeinsam, daß sie insgesamt aus dem Bereich
der pontobulbären Pyramide entstammen; sie bedeuten zum Teil Verlagerungen
der Pyramidenfasern auf die Brückenoberfläche (s. Fase, pontis medialis
und lateralis), zum Teil aber weisen sie auf Abzweigungen der Pyramide gegen
den Strickkörper, somit gegen das Kleinhirn zu (s. Fase, bulbi lateralis und
ventrolateralis). Es sei an dieser Stelle die von mir festgestellte Tatsache nur
erwähnt, daß der Fasciculus bulbi lateralis und ventrolateralis eine via Strick¬
körper verlaufende homolaterale Kleinhirnpyramidenstrangbahn ist, worauf
nicht allein die Verfolgung an Normalserien, sondern speziell bei Erkrankung
der Pyramidenbahn an Weigert- und Marchi-Präparaten die Entartuug des
Fase, ventrolateralis zweifellos hinweist. Hingegen stellt der Fase, pontis medialis,
zum Teil auch der lateralis einen nukleobulbären Abschnitt der Pyramidenbahn
dar. Der Faso, bulbi ventralis hat keine eigene Bedeutung, denn er stellt nur
eine auf kurze Strecke sich beziehende Abzweigung, Auflockerung der bulbären
Pyramide dar.
Bezüglich der physiologischen Bedeutung jener Bündel, welche zum
Kleinhirn geraten, stellte ich die Annahme, daß sie als Pyramidenbündel von
den zwei Pyramidenfunktionen, wie Motilität und Hemmung, offenbar letztere
vermitteln, denn nur in diesem Sinne ist eine Kleinhirnpyramidenbahn ver¬
wertbar. Edingeb’s Verdienst ist es, mit Klarheit nachgewiesen zu haben, daß
die tonusfördernden spinozerebellaren Bahnen (Strickkörper) die Purkinjeschen
Zellen mit Endpinseln umgeben; naheliegend ist die Annahme, daß die via
Strickkörper ziehenden Pyramidenfasern gleichfalls an diesem Punkte endigen.
Somit ist der Gedanke begründet, daß die tonusfördernden spinozerebellaren
Fasern und die tonushemmenden Pyramidenfasern um die Purkinjesohe Zelle
herum zusammentreffend, als Resultante den normalen Kleinhirntonus liefern,
daher die Purkinje sehe Zelle einer tonusregulierenden Zentrale gleich zu be¬
trachten wäre. Hat nun die homolaterale Kleinhirnpyramidenstrangbahn, kurz
die zerebellare Pyramide, eine tonusschwächende Bedeutung, so dürfte bei einer
zerebralen, oberhalb der Oblongata sitzenden Läsion eine homolaterale Steigerung
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
252
des Tonus zu erwarten sein. Als Ausdruck dieser Steigerung könnte man die
fast immer vorhandene Lebhaftigkeit der homolateralen Sehnenreflexe bei zere¬
bralen Herden betrachten. Eine Stötze erhalt diese Auffassung durch die
anatomische Tatsache der vollkommenen Pyramidenkreuzung, denn abgesehen
von den nicht allzuseltenen Fällen, in welchen der Mangel einer vorderen
Pyramide besteht, so ist bei vorhandener vorderer Pyramide infolge Kreuzung
derselben in der vorderen Kommissur des Rückenmarks auf Grund einer zere¬
bralen Pyramidenläsion allein eine gekreuzte Tonussteigerung zn erwarten.
Die homolaterale Tonuserhöhung via Pyramidenbahn ist nach meiner An¬
sicht auf Grund der homolateralen zerebellaren Pyramide fassbar; Dejebinb’s
homolaterale Pyramidenfasern kommen dabei auch in Betracht.
Obige physiologische Ausführungen erhalten erst dann einen Wert, wenn die
Konstanz der zerebellaren Pyramide als anatomische Formation nachgewiesen
ist Diese Erwägung drängte mich zu erneuten Untersuchungen und so unterwarf
ich 100 mir zu Gebote stehende Gehirne, insgesamt in Formalin gehärtet, einer
sehr genauen Besichtigung. loh vermied diesmal das Zentralorgan von Para¬
lytikern, welches nach den Erfahrungen von E. Hajos und mir etwaige ponto-
bulbäre Basalbündel in abnorm starker Entwickelung zu besitzen pflegt Ich
tat dies, um dem Vorwurf, pathologische Bildungen mit normalen zu verwechseln,
vorzubeugen, und so wählte ich ausschließlich Gehirne von Nichtparalytikern
(auch Nichttabikern) des hiesigen Siechenhauses. Es kam auf diese Weise ein
Material zustande, welches teils senilen, teils arteriosklerotischen, teils tuber¬
kulösen Individuen entstammte. — Eine dringend gebotene Regel der Unter¬
suchung ist, daß man die ventrolaterale Oberfläche der Brücke und
Oblongata stets von den Hüllen vollkommen befreie, denn nur so
können etwaige Basalbündel zum Vorschein gelangen. Somit sind nur völlig
nackte, der arachnoidalen und pialen Bedeckung bare Medullen verwertbar.
Gehe ich zu den Ergebnissen über, so möchte ich vorweg hervorheben, daß
von den 100 Gehirnen insgesamt 76 pontobulbäre Basalbündel darboten. In
dieser Zahl sind sämtliche eingangs erwähnte Faszikel inbegriffen. Sondern wir
nun die einzelnen Bündel ab, so ergibt sich die folgende Gruppierung:
Fasciculus bulbi lateralis
43 mal
„ ventrolateralis
39 mal
V
„ ventralis
12 mal
pontis medialis
1 mal
„ lateralis
2 mal.
Aus dieser Übersicht geht somit auf den ersten Blick hervor, daß die der
zerebellaren Pyramide entsprechenden Fasciculi bulbi lateralis und ventrolateralis
an 100 Gehirnen 82mal anzutreffen waren, daher ist die makroskopisch fest¬
stellbare Frequenz eine so hohe, daß man von einer Konstanz sicher sprechen
kann. Hierbei wäre noch an die Möglichkeit eines mikroskopischen Nach¬
weises zu denken, worunter die von mir häufig gefundene Tatsache zu verstehen
ist, daß das laterale oder ventrolaterale Bündel von Mark bedeckt nicht zur
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHtGAN
258
Oberfläche gelangt, daher nur an Weigertschnitten zu erkennen sind. Ich durfte
wohl nicht fehlgehen, wenn ich auf Grund des makro-mikroskopischen Ergeb¬
nisses die zerebellare Pyramide für eine nie fehlende Bildung des
menschlichen Rhombencephalon betrachte; das Bestreben, ihr eine be¬
stimmte Funktion zuzuscbreiben — etwa im obigen Sinne —, ist daher begründet.
Fig. IV.
Es, Ei Extremitätenregion.
FL Faziolingaolaryogealregion.
C N. caadatus.
T Thalamus.
L N. lenticularis.
Ci Capsula interna.
Fs Pyramis spinalis.
Fb Pyramis bulbaris.
nb nuclei bulbares
CB Cerebellum.
CR Corpus restiforme.
O Olive.
Pc Pyramis cerebellaris.
1 Fase, bulbi lateralis.
2 Fase, bulbi ventrolateralis.
F Pons.
rm radix motoria.
Fl Flechsigs Kleinhirnseiten¬
strangbahn.
Anatomisch ließe sich nun sagen, daß die menschliche Pyramide eine Drei¬
gliederung bekundet (vgl. Fig. IV); ein Teil derselben zieht zum gekreuzten
Rückenmark als Pyramis spinalis, ein zweiter zu den teils gekreuzten, teils
ungekreuzten pontobulbären motorischen Kernen als Pyramis bulbaris, ein
dritter zum ungekreuzten, homolateralen Kleinhirn als Pyramis cerebellaris.
Letztere erlaube ich mir Edingeb’s Kleinhirnpyramidenstrangbahn zu
benennen; in diesem Vorschlag hat die aufrichtige Bewunderung, welche ich
Edingeb’s Forschungen zolle, einen ebenso großen Anteil als die Dankbarkeit,
welche ich für die freundliche Aufnahme und Leitung schulde, die mir vor
25 Jahren im alten Senckenbergianum seitens Edingee’s zuteil wurde.
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
[Aas dem Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eppendorf.]
5. Ein weiterer Fall
von alkohologener reflektorischer Pupillenstarre.
Von M. Nonne.
Vor 3 Jahren veröffentlichte ich einen Fall, der dadurch Interesse be¬
anspruchte, daß bei schwerem chronischen Alkoholismus ohne Komplikation
mit Syphilis eine echte reflektorische Pupillenstarre festgestellt wurde. Die
„vier Reaktionen“ waren negativ gewesen. Der Fall kam znr Sektion, und es
fand sich am Qehirn makroskopisch und im Rückenmark makroskopisch und
mikroskopisch keine Anomalie, die mit der Pupillenstarre in Beziehung gebracht
werden konnte. Speziell für die Annahme von Paralyse, Tabes, Syphilis cerebro¬
spinalis sowie abgelaufener Syphilis der anderen Organe fand sich kein Anhalt.
Den Standpunkt, den die Literatur in der Frage: „Kommt echte reflek¬
torische Pupillenstarre als Folge von Alkoholismus, ohne daß der Träger des
Symptoms syphilitisch gewesen war, vor?“ bis dahin eingenommen hatte, will
ich hier nicht darlegen, da ich das schon in der erwähnten Veröffentlichung
getan habe, wo es nachgelesen werden kann; hier will ich nur sagen, daß Bümke
1911 in seiner bekannten Monographie „Die Pupillenstörungen bei Geistes- und
Nervenkrankheiten“ zu dem Schluß kam: „Praktisch müssen wir mit Nonne
annehmen, daß bei Nuralkoholikern reflektorische Pupillenstarre auf lange Dauer
Vorkommen kann, ohne daß sonstige klinische Symptome einer inzipienten Tabes
oder Paralyse da sind.“ Bumke fährt dann fort: „Theoretisch muß man sagen,
daß bisher kein Fall bekannt ist aus der Literatur und aus meiner eigenen Er¬
fahrung, in dem das Vorkommen von Lues ausgeschlossen wäre.“ Am Schluß
einer sorgfältigen kritischen Abwägung sagte B. 1911: „Noch nicht ausgeschlossen
erscheint ihr (d. h. der echten reflektorischen Pupillenstarre) seltenes Vorkommen
bei nicht-luetischen Alkoholisten“.
Kurz danach konnte ich meinen oben erwähnten Fall mitteilen; wohl¬
verstanden: es handelte sich hier nicht um einen akuten Rauschzustand oder
um ein schweres Delirium, für deren Dauer ja das Vorkommen der verschieden¬
sten Pupillenanomalien und auch der echten reflektorischen Pupillenstarre zu¬
gegeben wird (einen einschlägigen beweisenden Fall teilte ich selbst in erwähnter
Arbeit mit), sondern um einen Fall von chronischem Alkoholismus außerhalb
einer akuten Exazerbation.
Seither hat Hans Cübschmann 1913 eine einschlägige Beobachtung durch
seinen Schüler Mees 1 mitteilen lassen. Hier handelte es sich um einen Fall
von echter reflektorischer Pupillenstarre bei einem Alkoholisten mit Alkohol¬
epilepsie und Polyneuritis alcoholica; aus Status und Anamnese war eine Lues
nicht herauszubringen und alle „vier Reaktionen“ waren negativ.
1 Münchener med. Wochenschrift. 1913. Nr. 22.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Begreiflicherweise sind solche Fälle selten; das kann ich beurteilen, da ich
in der Lage bin, ein ungewöhnlich großes Alkoholistenmaterial jahraus jahrein
im Eppendorfer Krankenhause zu sehen.
Im vorigen Jahre hat Kehkeb auf der Versammlung südwestdeutscher
Neurologen in Baden-Baden 1 das Thema des Vorkommens der reflektorischen
Papillenstarre bei chronischem Alkoholismus von neuem behandelt Er kommt
zu dem Ergebnis, daß für -eine kritische Sichtung der für eine rein alkoholi-
stische Entstehung der reflektorischen Starre geltend gemachten Fälle keiner
Bumke’s strenger Begriffsbestimmung des echten „Robertson“ entspricht: ent¬
weder bandelt es sich um absolute Trägheit oder nur um vorübergehende reflek¬
torische Starre bzw. Trägheit der Pupillen, also bloß vorgetäuschten „Robertson“,
oder aber um die Möglichkeit doppelseitiger Reflextaubheit der
Netzhaut infolge Neuritis des Sehnerven. Kehbbb zeigt dann die be¬
sondere Schwierigkeit, letztere auszusohließen, an einem Fall der Siemebling’-
schen Klinik, bei welchem neben chronischem Schnapsmißbrauch anamnestisch
und symptomatisch keinerlei Anzeichen für Lues gegeben waren und auch in
Abständen von 2 Jahren jeweils die „vier Reaktionen“ negativ ausfielen.
„Pupillendifferenz, Miosis und Lichtstarre bei tadelloser Konvergenzreaktion und
völlig normalem ophthalmoskopischem Befunde blieben im gleichen Zeitraum
stationär und die einzigen objektiven nervösen Symptome. Erst genaueste Seh-
prüfung ergab hochgradige Störung der Dunkeladaptation und sektorenförmige
Defekte für Farben bei normalem Gesichtsfeld für Weiß, mit Wahrscheinlichkeit
also einen weit hinten gelegenen Prozeß im Optikus (Behb).“
Kebbeb kommt zu dem Schluß: „daß isolierte Läsion des Reflexüber-
tragungsapparates der Pupillen ohne anderweitige neurologische Symptome, also
wirklich echter „Robertson“ nur irgendwie luetisch bedingt ist, ist ebensowenig
sicher bewiesen, wie die rein alkoholistische Entstehung nicht ausgeschlossen ist“
Bei meinem oben zitierten Fall war nun nicht mit allen ophthalmologischen
Kautelen eine Neuritis optica ausgeschlossen worden.
Ich bin nun heute in der Lage, einen Fall zu veröffentlichen, der auch
der Forderung, daß eine doppelseitige Reflextaubheit der Netzhaut ausgeschlossen
ist, gerecht wird. Der Fall ist von mir im Eppendorfer Krankenhause fast
6 Monate beobachtet und oft und eingehend untersucht worden. Ich halte es
für besonders wertvoll, daß ein so kompetenter Untersucher aaf dem Gebiete
„Neurologie und Auge“ wie Wilbband den Fall mit mir beobachtet hat, und
daß mir die ophthalmologischen Befunde und das Urteil dieses Untersuchers
zur Seite stehen.
Der Fall ist folgender:
Die 43 jährige Frau Th. zeigte nach keiner Richtung eine erbliche Belastung.
Sie war, abgesehen von Kinderkrankheiten, gesund gewesen und war seit 20 Jahren
verheiratet. Sie hatte zweimal normal geboren, war sonBt nicht schwanger ge¬
wesen. Sie war seit ca. 15. Jahren dem Trünke in intensiver Weise
ergeben, trank Bier und vorwiegend Schnaps. In den letzten 10 Jahren war
1 Archiv f. Paych. u. Nerven krankh. LV. 1914. H. 1.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
256
sie oft betranken gewesen and in den letzten 3 Jahren aas der Betrunkenheit
überhaupt kaum herausgekommen. Sie war in den letzten 2 Jahren geistig stumpf
geworden und zeigte alle Eigenschaften geistig und ethisch verkommener Alkoho-
listen. Sie kam ins Krankenhaus nach Ausbruch eines schweren Alkoholdeliriums.
Ich fand sie in schlechtem Ernährungszustände. Die inneren Organe waren
nicht nachweislich affiziert. Speziell fanden sich keine Zeichen von Arterio¬
sklerose. Der Urin zeigte geringen Albumengehalt, ohne daß mikroskopisch
renale Bestandteile nacbgewiesen wurden. Sie delirierte stark und zeigte alle
somatischen Symptome des schweren Alkoholdeliriums. Am Nervensystem
fand sich allgemeine Hyperästhesie, allgemeine Druckempfindlichkeit der Extremi¬
täten, im übrigen keine somatisch-organischen Anomalien. Nur an den Pupillen
fand sich ein abnormer Befund: die rechte war mittelweit, die linke abnorm
eng; beide waren nach unten leicht entrundet und beide reagierten au
Licht, und zwar auf helles Thgeslicht und auch bei Anwendung konzentrierten
Lichtes in der Dunkelkammer, nicht, während sie auf Konvergenz prompt
reagierten. Der ophthalmoskopische Befund war normal. Augenmuskel¬
lähmungen, Nystagmus usw. fehlten.
Das Delirium dauerte lange; erst nach 6 Tagen war es beendigt. Dann
setzte eine Alkoholhalluzinose ein, welche noch ca. 6 Wochen dauerte. Patientin
erwies sich im übrigen als intellektuell und ethisch alkoholisch degeneriert.
Der Mann negierte syphilitische Infektion. Die objektive Unter¬
suchung bei ihm wies einen normalen Befund auf und ließ keine Residuen von
Syphilis erkennen. Die Wassermannreaktion des Blutes fiel negativ aus.
Ich beobachtete Frau Tb. fast 6 Monate auf meiner Abteilung. Die Wasser¬
mannreaktion des Blutes wurde dreimal vorgenommen und fiel alle drei¬
mal glatt negativ aus. Die Lumbalpunktion nahm ich ebenfalls im Laufe
der genannten Zeit dreimal vor, und alle dreimal fand sich die Wassermann¬
reaktion, ausgewertet bis 1,0 ccm, negativ. Alle dreimal war die Phase I-Reaktion
negativ, und nur einmal fand sich eine geringe Lymphozytose (24.III.), während
in den zwei anderen Malen eine Lymphozytose sich nicht vorfand.
Unter der Alkoholabstinenz erholte sioh die Patientin allmählich und besserte
sich auch intellektuell und ethisch.
Die Untersuchung der Augen ergab 4 Monate lang dasselbe Resultat: eohte
reflektorische Pupillenstarre bei sonstigem normalem okulärem Be¬
fund. Die Untersuchung der Pupillen wurde jedesmal in der Dunkelkammer
mit konzentriertem Licht vorgenommen. Die mehrfach ausgeführte ophthalmo¬
skopische Untersuchung ergab immer normalen Befund, die alle 4 Wochen vor¬
genommene perimetrische Untersuchung ebenfalls normalen Befund.
Herr Prof. Wxlbrand batte die Güte, die Patientin zweimal zu untersuchen
und konstatierte betreffs der Pupillen ebenfalls echte reflektorische Pupillenstarre.
Ophthalmoskopisch fand auch er den Befund beiderseits normal, und perimetrisch
stellte er fest, daß ein pathologisches Verhalten der Papille des Sehnerven und
der weiter nach hinten gelegenen SehbaEnen nicht vorlag. Er erklärte, daß von
einer „Reflextaubheit“ im vorliegenden Falle nicht die Rede sein könne,
ßondern daß es sich um eine reflektorische Pupillenstarre handle.
Im Beginn des 5. Monats nach der Aufnahme der Patientin konstatierte ich
zum ersten Male, daß die rechte Pupille ganz geringe Lichtreaktionen zeigte.
3 Wochen später waren auch an der linken Pupille Spuren von Reaktion bei
konzentrierter Beliohtung nachzuweisen.
Bei der Entlassung, d. h. nach ca. ßmonatiger Alkoholabstinenz, reagierte die
rechte Pupille sehr träge und sehr wenig ausgiebig auf Licht, während die linke
Pupille nur erste Spuren einer Lichtreaktion zeigte. Die Konvergenzreaktion
war beiderseits normal geblieben.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
25?
Dieser Fall lehrt: Eine Frau, bei der nicht der geringste Anhalt für eine
dnrchgemachte Syphilis vorliegt, deren Mann bei eingehender Untersuchung —
incl. Wassennaonuntersuchung des Blutes — ebensowenig einen. Anhalt für
frühere Lues zeigt, bietet beiderseits echte reflektorische Pupillenstarre dnroh
4 Monate hindurch. Diese echte reflektorische Pupillenstarre, von mir sehr oft
und mit den nötigen Kautelen festgestellt, wird ebenso von Prof. Wilbband
festgestellt. Derselbe Untersucher bestätigt, daß ophthalmoskopisch keine Neuritis
optica vorliegt und stellt perimetrisch das Fehlen einer Neuritis retrobulbaris
fest Die oft wiederholte eingehende Untersuchung des Gesamtnervensystems
zeigt, daß es im übrigen frei ist von allen „somatischen Anomalien“. Die
Wassermannuntersuchting des Blutes fallt dreimal negativ und ebenso die dreimal
vorgenommene Untersuchung des Liquor spinalis (mit Auswertung) jedesmal
negativ aus. Die reflektorische Pupillenstarre dauerte 4 Monate an. Dann be¬
ginnt allmählich sich eine schwache Lichtreaktion zu zeigen, und heute, nach
sechsmonatiger Alkoholabstinenz, reagiert die rechte Pupille sehr wenig ausgiebig
und träge auf Licht, während die linke Pupille die ersten Anfänge einer Licht¬
reaktion zeigt.
Mir scheint, daß auch durch diesen Fall bewiesen ist, daß bei schwerem
chronischem Alkoholismus, bei dem eine Syphilis nicht mit im Spiele ist, durch
lange Zeit hindurch reflektorische Pupilienstarre das einzige somatische Symptom
einer organischen Erkrankung des Nervensystems sein kann, und zwar nicht
bedingt durch eine Erkrankung der peripheren zentripetalen optischen Bahnen
und nicht als Zeichen einer in der Entwickelung begriffenen syphilogenen Er¬
krankung von Hirn und Rückenmark.
Der Umstand, daß die reflektorische Pupillenstarre in diesem Falle keine
dauernde ist, sondern sich jetzt zurückzubilden beginnt, stellt keinen prin¬
zipiellen Gegensatz zur syphilogenen Pupilienstarre dar; denn es ist bekannt,
daß, in sehr seltenen Fällen, auch bei Tabes (und bei Paralyse?) sich eine
reflektorische Pupillenstarre einmal zurückbilden kann.
Ich glaube, daß bei systematisch auf die hier behandelte Frage angestellter
Untersuchung die Beobachtung eines großen Alkoholistenmaterials zeigen wird,
daß eben doch eine echte reflektorische Pupillenstarre auf ausschließlich alko-
hologener Basis vorkommt.
6. Zur Pathologie des Bewußtseins vom eigenen Körper.
Ein Beitrag ans der Kriegsmedizin.
Von A. Pick.
Anomalien des Körperbewußtseins spielen im Rahmen psychischer Störungen
eine kaum zu überschätzende Rolle. Sie haben ihre Wurzel vielfach, wie ins¬
besondere der Pathologie grober Herderkrankungen entnommen werden konnte,
in abnormer Funktion umschriebener Hirnpartien, die bei dem engen Zusammen*
XXXI v. 17
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
hange peripherischer and zentraler Neurone auch durch peripherisch ausgelöste
Störungen der letzteren bedingt sein kann.
Der Krieg gibt jetzt eine Massengelegenheit, uns einem der so gekenn¬
zeichneten Probleme von einer bisher in dieser Richtung nicht verwerteten Seite
her zu nähern. 1
Den Ausgangspunkt dazu bietet die seit Ambboibe PabE den Chirurgen
geläufige Erscheinung, daß ein Amputierter den amputierten Körperteil in ver¬
schiedenartiger Modifikation noch lange nach der Amputation fühlt. Ich spreche
von amputierten Körperteilen, weil die gewöhnlich von den Extremitäten und
ihren Teilen berichtete Erscheinung auch von anderen Körperteilen gilt, z. £.
von der Mamma und dem Penis. Das ist für die psyohopathologischen Fragen
insofern von Bedeutung, als es die Berechtigung gibt, Klagen über ähnliche
Störungen in anderen Gebieten als den Extremitäten unter dem gleiohen Ge¬
sichtspunkte zu betrachten.
Es ist verständlich, daß die jetzt gegebene Gelegenheit, obwohl reichlich
benützt, an Tatsächlichem nichts wesentliches mehr bringen konnte, was nicht
schon frühere Beobachtungen zutage gebracht hätten; zumal die Fülle von Tat¬
sachen, die S. W. Mitchell 1 aus dem amerikanischen Sonderbundskriege
erbracht hat, ist in dieser Hinsicht wohl als im wesentlichen erschöpfend zu
bezeichnen. Nur nebenbei möchte ich als neu die an mehreren Fällen von
Amputation wegen Erfrierung konstatierte Tatsache anführen, daß in diesen
Fällen die hier besprochene Erscheinung nach der Amputation nioht zur Beob¬
achtung kam; anscheinend deshalb, weil schon vorher durch einige Zeit die in
der Norm dem Zentrum zuströmenden sensiblen Impulse aufgehört hatten.
In der vorliegenden Studie handelt es sich mir aber gar nicht um eine
Erweiterung unserer Kenntnisse von dem in Rede stehenden Phänomen selbst,
sondern um die Verwertung der in seiner Begleitung so häufig auftretendeu
sensiblen Anomalien für ein Verständnis gleichartiger, analog zu deutender
psychopathischer Erscheinungen. 3
Ich beabsichtige auch nicht etwa im nachstehenden die psychologische Seite
der Erscheinung irgendwie ausführlicher zur Erörterung zu bringen, zumal sich
diese, freilich wenig beachtet, von Jähes in seinen Princ. of Psychol. II an
verschiedenen Orten mit gewohnter Schärfe erörtert findet. Nur das, was davon
zur Bestätigung anderweitig gewonnener physiologischer Deutungen unseres
Körperbewußtseins dienlich sein kann, soll hier benützt werden.
Ich kann aus diesen Gründen über die Haupterscheinungen, welche an
Amputierten beobachtet werden, kurz referierend hinweggehen; es sind 1. die
1 Soweit ich sehen kann, hat dieser Gesichtspunkt bisher keine Verwertung gefunden.
Ob etwa Vaschidr’s Psychol. de la main, die sich mit den hier herangezögenen Erschei¬
nungen befaßt, etwas Einschlägiges enthält, kann ich nicht feststellen.
1 Des lesions des nerfs. Trad. fran 9 . 1874.
* Als Nebenzweck meiner Mitteilung möchte ich die Anregung hinBtellen zur Beachtung
und weiteren Verfolgung entsprechender Fälle, die gewiß noch manches Wichtige zu der
hier angeregten Frage zutage fördern dürften.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHtGAN
259
nach dar Amputation mehr oder weniger lange Zeit nachdauernde Empfindung
des amputierten Gliedes, 2. die in diesem lokalisierten Bewegungsempfindungen,
nicht selten mit Sohmerzen verknöpft, 3. die Empfindung einer allmählichen An*
näherung der distalsten Partien der amputierten Extremität an den proximalen
Stumpf, so daßz. B. nach Amputation des ganzen Armes das Phantom der
Hand später unmittelbar am Stumpf der Schulter gefühlt wird.
Schon diesen einfachen Tatsachen der Beobachtung sind verschiedene für
die Physiologie wie die Pathologie unseres Körperbewußtseins wichtige Tatsachen
und Deutungen zu entnehmen. Zunächst die in der Pathologie schon ver¬
wertete Annahme, daß für jede sensible Qualität des Körpers, insbesondere aber
seiner Oberfläche sich eine Art Schema allmählich entwickelt. Die Gemeinschaft
dieser Einzelschemata zusammen mit dem optischen Bilde des Körpers geben
das wesentliche Gerüste für das Bewußtsein unserer Körperlichkeit ab.
Man wußte natürlich schon früher, daß unser Körperbewußtsein von der
Summierung sämtlicher Tast* und wie man früher sagte, Gefühlseindrücke ab¬
hängt und dementsprechend war die Deutung der hier besprochenen Erschei¬
nungen auch schon eingeordnet, aber erst Erfahrungen späterer Zeit geben ihr
den entsprechenden festeren Halt. Erst Hughlings Jackson war es, der die
Stellung der im Zentralorgan so zustande gekommenen Produkte im System
der physiologischen und pathologischen Vorgänge endgültig festsetzte. 1
Es ist hier nicht der Platz, die Bedeutung seiner Aufstellungen darzulegen,
ich muß mich vielmehr begnügen, auf sie als für die Pathologie grundlegende
Hilfen hingewiesen zu haben.
Ich selbst habe gelegentlich der Besprechung von Störungen der Orien¬
tierung am eigenen Körper 2 von Raumbildern des Körpers gesprochen. Head
endlich 2 schlägt für dasselbe die sehr geeignete Bezeichnung „Schema“ vor, das
er als „postural model“ darlegt und außerhalb der „central consciousness“ be¬
stehen läßt.
Die hier besprocheheu Tatsachen geben nnn zunächst eine direkte Bestäti¬
gung für das Bestehen solcher Schemata und viele Einzelheiten derselben werden
ihrerseits verständlich aus der Ungleich Wertigkeit dieser Schemata.
Das raschere Verblassen der durch Amputation von peripherischer Neu¬
belebung abgeschnittenen „Spuren“ des Unter- und Oberarmes gegenüber den¬
jenigen der Hand kann nicht auffallen. Diese mit ihren so reich ausgebildeten
Empfindungs- und Bewegungsformen und ihrer dementsprechend verfeinerten
Anatomie übertrifft in dieser Richtung die genannten anderen Teile des Arms
1 „I have long earnestly confcended that there are no abrupt localisations of parts of
the body in auy nervous centres. When a man is pricked by a pin in tbe middle of hia
back and he feeis it, then, as „he“ or „bis back“ plainly signifies there is a complete state
of consciousness, one of Object consciousness „come out of“ Subject consciousness. Physi-
cally the ner?ous impulses starting from a point on the periphery pricked „travel“ to units
of the highest centres universaily representing, and not to units representing one part of
the back only.“ Remarks on Evolution and Dissolution of the nervous System. Repr. p. 8.
1 Stud. z. Hirnpath. u. Psychol. 1908. S. 11.
• Brain, Repr. 1911. XXXIV. S. 187 u. 189.
17 *
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
260 t
um ein Vielfaches. Dementsprechend sehen wir auch, daß die zentrale Ver¬
tretung der Hand in Rücksicht der Sensibilität (ebenso wie der Motilität) ganz
beträchtlich größer ist als die den anderen Partien entsprechende.
Trägt der Mensch in sich (natürlich nicht bewußt) einen Komplex solcher
durcheinander gearbeiteter Schemata, dann müssen dieselben nach Amputation
eines Körperteils noch mehr oder weniger lange persistieren.
Derselbe Gedankengang macht auch eine bis jetzt mit Hilfe zentraler Er¬
innerungsbilder erklärte Tatsache verständlich; das Fehlen der hier besprochenen
Phantome in Fällen kongenitaler oder in früher Kindheit erfahrener Amputation.
In dem Körperschema der Betreffenden war eben der amputierte Teil überhaupt
niemals vertreten.
Aus der Ungleichwertigkeit der Schemata z. B. hinsichtlich der Hand im
Gegensätze zu dem Unter- oder Oberarm erklärt sich wohl auch das Heran-
rücken der ersteren an den Schulterstumpf.
In dem gleichen Sinne verwertbar und aus den eben betonten anatomischen
Verhältnissen erklärlich ist die von Mitchell 1 betonte wesentlich größere Leb¬
haftigkeit der Bewegungs- und Stellungshalluzinationen am amputierten Arm,
bzw. der Hand, gegenüber der geringeren Intensität derselben am amputierten
Bein oder Fuß; das kann nicht überraschen, wenn wir die Motilität von Hand
und Fuß vergleichend betrachten.
Aus dem Vorhandensein eines räumlichen Schemas erklärt sich auch ein¬
fach die Tatsache des allmählichen Einschrumpfens der Hand am Phantom, die
nicht selten später als kleine Kinderhand am Stumpf gefühlt wird. Vielleicht,
daß hierher auch die Tatsache gehört, daß einzelne Amputierte das Phantom
wie einen ballotierenden Teil am Stumpfe hängend fühlen. Man wird sich vor¬
stellen dürfen, daß das kutane Schema der Hand die übrigen überdauert und
dementsprechend ein leerer Schlauch zum Bewußtsein kommt Mittels des
Schemas wird auch eine weitere Beobachtung leicht verständlich, deren Deutung
sonst Schwierigkeiten bereitet. Mitchell* berichtet von Fällen, wo zuerst das
allmähliche Herantreten des Fußes an das Knie beobachtet wurde und mit dem
Tragen eines künstlichen Beins allmählich das Phantom des Fußes wieder in
die normale Situation abrückte. Das ist doch wohl nur so zu erklären, daß '
durch das künstliche Bein an Stelle des schon verblaßten Schemas ein ihm ent¬
sprechendes räumlich erweitertes trat, das für den Fuß wieder die entsprechende
Distanz zur Geltung brachte.
In Rücksicht eines physiologischen Analogons dürfte es genügen, daran zu
erinnern, daß der in der Hand gehaltene Stock eine Verlängerung derselben
darstellt und daß wir die durch sein Ende vermittelten Empfindungen auch
dorthin lokalisieren. Die Fortsetzung der Beschreibung Mitchells steht im
Einklang mit dieser Deutung. Beschäftigt sich derselbe Kranke mit dem Ge¬
danken an seinen Stumpf am Knie, dann treten die schmerzhaften Sensationen
im Fuße wieder auf, aber jetzt fühlt sich dieser wieder am Knie.
‘ 1. c. S. 887.
* 1. c. S. 385.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHiGAN
261
Es ist ohne weiteres verständlich, wenn dorch die zentral angeregte Atrophie
der entsprechenden Neuronenkomplexe in den betreffenden Zentren Zustände
ausgelöst werden, die in der Peripherie als Bewegungen, Schmerzen und sonstige
den amputierten Teil betreffende Anomalien empfunden werden. Illustriert
werden beispielsweise diese Dinge durch folgende historische Tatsache:
GufcNioT , 1 der schon die Erscheinung des Heranr&ckens des gefühlten
Teiles bei gleichzeitigem Fehlen der Empfindung der zwischenliegenden Teile
kennt, berichtet in einem seiner Fälle das gelegentliche halluzinatorische Auf¬
treten von Ameisenlaufen im fehlenden Ober- und Vorderarme, welch letztere
außer Verbindung mit der am hohen Stumpfe gefühlten Hand empfunden
wurden.
Wenn wir hier sehen, wie durch organische Vorgänge in der Peripherie in
der Rinde ausgelöste oder vielleicht auch nur im Sebhügel sich abspielende, aber
in der Rinde zum Bewußtsein kommende Prozesse die Empfindungen unseres
Körpers in der verschiedensten Weise modifizieren, dann wird es verständlich,
daß auch primär rein funktionelle in den genannten Regionen einsetzende Pro¬
zesse dieselbe Wirkung haben können.
Die Anwendung des hier Dargestellten auf Fragen der Pathologie ist sofort
gegeben durch gleichgeartete Beobachtungen an Geistes- und Nervenkranken.
FäbE* erwähnt eine Hysterica, die neben vielen anderen auch die Erscheinung
zeigt, daß sie die Hände und Füße beträchtlich näher an den Körper heran¬
gerückt fühlt und ihr ein Stück der Extremitäten zu fehlen scheint.
Die letzterwähnte Beobachtung von Güöniot, seither in modifizierter Form
auch sonst beobachtet, kann zur Erklärung ähnlicher Klagen in psychopathischen
Zuständen dienen. Ein Kranker, etwa als Paraphrenie zu klassifizieren, be¬
richtet von einem Zustande, in welchem er glaubte, daß der Kopf nur durch
die Haut mit dem übrigen Körper Zusammenhänge. Ein Amputierter von
Gueniot sagt, daß der Fuß mit dem Oberschenkel durch etwas Undefinierbares,
einen Strick oder einen Stock verbunden ist(!).
Das allmähliche Wandern der amputierten Hand bietet auch eine erste
Handhabe für ein Verständnis von Klagen Geisteskranker über Gefühle des
Kleinerwerdens, Einschrumpfens. Nicht minder erleuchtend wirken die Angaben
Amputierter, daß sie in der Gegend des amputierten Teiles an diesem früher
vorhanden gewesene schmerzhafte, auch juckende Empfindungen doch noch
weiter, selbst jahrelang fühlen; 3 die Parallele dazu aus der Psychopathologie
liegt auf der Hand.
Noch mehr als die bisher gebrachten Analogien nähert sich den Angaben
Geisteskranker über das Hineinfühlen eines Organs in ein anderes die von
W. Mitchell allerdings als ganz vereinzelt berichtete Empfindung des Phantoms
als eines Schattens in dem Stumpf.
1 Journ. de la Physiol. IV. 1861.
1 La Pathol. des emotions. 1692. S. 67,
* Mehrere von mir gesehene Amputierte fühlen eine Zeit laDg die Schußverletzung im
Unterarm, trotzdem er bereits vor längerer Zeit amputiert war. .
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Daß auch die so sonderbare von Geisteskranken gelegentlich beriohtete Tat-
sache der Verlegung einer Körperempfindung in die Luft nicht ganz ohne Ana¬
logie ans dem Physiologischen dasteht, beweist eine Beobachtung von Verlegung
einer im Inneren des Bauches ansgelösten Empfindung in die Luft. 1
Die Parallele dazu von Amputierten gibt die Mitteilung W. Mitchell’s,
daß fünf seiner Fälle die amputierte Hand in der. Luft schwebend vor der
Brust föhlten. Einer meiner Fälle fühlte den exartikulierten Arm beim
Gehen ebenso pendeln wie den gesunden. Derselbe Kranke gibt auch an, daß
er den Oberarm nicht fühle und die Empfindung habe, daß die jetzt bis an die
Ellenbogenbeuge herangerückte Hand in der Luft schwebe.
Daß die hier erwähnte physiologische Tatsache ebensowohl an Tatsachen
der Psychopathologie wie an solchen von Amputierten ihre Parallele findet, be¬
weist jedenfalls, daß auch die die inneren Organe betreffenden Klagen Geistes¬
kranker sich den hier dargelegten Gesichtspunkten fügen; .ich erinnere an die
Klagen vom „hinaufgerutschten“ Mastdarm z. B.
Ein weiteres Glied in der Kette der hier dargelegten Beziehungen bilden
endlich Beobachtungen von Pabisot, Remt, Souqubs und Poisot über das
Auftreten optischer Halluzinationen des amputierten Körperteiles. Es führen
diese Beobachtungen hinüber zu solchen aus dem Gebiete des Transitivismus,
zur sogen. Autoskopie und ähnlichem. 1
Ich beschränke mich hier in diesem mehr andeutenden Aufsätze im wesent¬
lichen auf die Gleichheit der beiden Erscheinungsreihen und muß mich be¬
gnügen, darauf hinzuweisen, daß daraus auch die Berechtigung sich ergibt, auch
bloß analoge Erscheinungen bei Geisteskranken aus den gleichen Gesichtspunkten
zu erklären.
Webnicke hat in seinem Grundriß S. 267 eine Reihe von Klagen Geistes¬
kranker über Veränderungen der äußeren Konfiguration zusammengestellt; eine
große Zahl derselben stellt sich unmittelbar als Seitenstück zu den von Am¬
putierten gegebenen Beschreibungen dar.
Ich möchte aber weiter der Ansicht Ausdruck geben, daß uns die ver¬
schiedenen, von Amputierten über Bewegungsempfindungen in dem halluzinierten
Teile gemachten Angaben auch einen Anhalt zur Erklärung gewisser psycho¬
pathischer Erscheinungen bieten, die bisher wohl als besonders dunkel bezeichnet
werden mußten; ich meine die bekannten Tatsachen aus dem Gebiete der Kata¬
tonie, das was man zum Teil als Halluzinationen des Muskelsinnes oder ähnlich
gedeutet hat. Es scheinen sich mir da ganz ungezwungene Analogien darzu¬
stellen. So mit der Angabe, daß z. B. in der amputierten Hand die verschieden¬
artigsten Bewegungen, sowohl willkürlicher wie krampfhafter Art und ebenso
1 S. Archiv f. d. ges. Psychol. VIII. S. 46. Ref.-Teil.
* Die Bedentang des optischen Bildes in der Pathologie der Sensibilität insbesondere
bei Störungen derselben durch Sehbügelläsion hebt neuerlich Hkad hervor (Brain, Repr. 1911.
XXXIV. S. 186). Ich selbst habe früher an der zuvor zitierten Stelle aus dem Auseinander¬
fallen von taktilem und optischem Baumbilde des Körpers Störungen der Orientierung am
eigenen Körper zu erklären versucht.
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
268
wieder Stellungen verschiedenster Form (Krallen-, Schreibstellung) gefühlt wer¬
den. 1 Wenn wir dann noch weiter hören, daß solche Bewegungen auch will¬
kürlich und was noch bedeutsamer, unbewußt assoziativ ausgelöst werden, dann
ergibt sich die Nahestellung zu den eben erwähnten psychopathologischen Er¬
scheinungen unmittelbar. So wenn wir hören, 1 daß der des linken Armes be¬
raubte Reiter die Zügel in der Hand zu halten glaubt oder ein anderer mit
dem gleichen Defekte jedesmal beim Essen die Gabel zu fassen glaubt In
dieselbe Kategorie fällt es auch, wenn einer meiner Operierten angibt, er fühle
das Phantom des im Schultergelenk exartikulierten Armes je nach seiner Lage
im Bette bald vor, bald hinter dem Körper. Ein anderer Kranker der gleichen
Art fühlt bei Seitenlage den Arm immer vor dem Körper.
Es erscheint mir auch berechtigt die Angaben Amputierter bezüglich der
Schmerzhaftigkeit der von ihnen gefühlten Bewegungen (mag man diese durch
Reizung im Stumpf oder besser im Zentralorgan erklären) mit den Angaben
von Geisteskranken über ihnen „gemachte“, auch schmerzhafte Bewegungen in
Analogon zu setzen. Es sei weiter erinnert an die verschiedenartigen „hypo¬
chondrischen“ Sensationen und die von ihnen ausgelösten motorischen Er¬
scheinungen, z. B. den Trismus bei der sogen. Hydrophobia mentalis und die
anderen „psychischen“ Krämpfe (Rombbbo).
Bei der Übertragung der an Amputierten gemachten Erfahrungen auf
psychopathische Erscheinungen wird man aber auch folgendes noch in Betracht
ziehen dürfen. Zuerst die nicht allzu seltene Beobachtung, daß jene spontan
mit der Mitteilung über das Phantom nicht hervortreten, nachweislich aus
Furcht, nicht für „närrisch“ gehalten zu werden.
Weiter bedeutsam ist die schon früher von Mitchell berichtete Beobach¬
tung, welchen imponierenden Eindruck auf den Betreffenden es hat, wenn durch
irgend welchen peripherischen Reiz das schon verschwundene Phantom wieder
ins Bewußtsein emporgehoben wird. Gewiß wird durch das letztere der tief¬
gehende Einfluß verständlich, den analoge Erscheinungen auf die Psyche schon
psychopathisch veränderter Individuen haben müssen.
Man könnte dem hier gemachten Versuche einer Analogisierung, wie schon
angedeutet, Tatsachen entgegenhalten, die in den Fällen der Amputierten für
eine peripherische, von den Nerven des Stumpfes ausgelöste Genese der in Ana¬
logie gesetzten Erscheinungen angeführt werden. In diesem Sinne verwerten
z. B. Souques und Poisot s die Tatsache der Beeinflussung Unästhetischer
Halluzinationen im Phantom durch lokale Anästhesie am Stumpf. 4 Ich halte
1 Der zuvor hervorgehobene Gegensatz zwischen Hand einerseits. Unter- und Oberarm
andererseits tritt auch in Rücksicht der hier besprochenen Bewegnngsempfindungen hervor;
Angaben über solche am Unterarm oder Oberarm sind äußerst selten (z. B. Gefühl der
Supination des Unterarms bei fehlendem Arm).
* W. Mitchell, 1. c. S. 383.
* Revne nenrol. 1905. S. 1116.
* Daß die Phantomempfindnng etwas Zentrales ist, erscheint endgültig erwiesen
durch die Beobaohtnng Head’s (Brain, Repr. 1911. XXXIV. S. 187) von dem sofortigen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
264
dieses Argument nicht für beweisend im Hinblick auf die gelegentlichen Wir¬
kungen peripherischer Eindrücke auf die epileptische, sicher zentrale Anra.
In Ergänzung meiner Ausführungen möchte ich nicht unterlassen hinzu¬
zusetzen, daß nicht bloß bei Psychosen Klagen der hier erörterten Art Vor¬
kommen, sondern, ganz abgesehen von Hysterischen, auch Neurastheniker von
solchen berichten. Besonders in der Erinnerung geblieben sind mir die Klagen
eines Kollegen, mit dem ich noch jetzt in der Praxis zusammenkomme; in
einer Zeit neurasthenischer Erschöpfung nach schwerer Krankheit klagte er
darüber, daß ihm der Kopf riesig groß vorkomme und ebenso die eine Hand.
Auch das letztere findet seine Parallele in den gleichen allerdings seltenen An¬
gaben Amputierter.
Die vorstehend dargelegten Feststellungen haben aber noch eine anders
geartete prinzipielle Bedeutung. Noch immer wird selbst von tüchtigen Fach-
vertretem bei psychogen (im engeren und weiteren Sinne) ausgelösten somatischen
Erscheinungen die Ansicht festgehalten, daß sie deshalb, weil willkürlich, regellos
und jeder scharfen Deutung unzugänglich sind. Ich war schon bei früheren
Gelegenheiten in der Lage, das Unzutreffende dieser Ansicht nachzuweisen und
das hier Behandelte ist neuerlich geeignet zu zeigen, daß nur unsere mangel¬
hafte Einsicht in die dabei in Betracht kommenden Vorgänge es ist, 'die uns
das Resultat derselben als regellos und unerklärlich erscheinen läßt.
Das möchte ich aber noch besonders betonen in Rücksicht ähnlicher Beob¬
achtungen bei Neurasthenischen; gerade diesen gegenüber, besonders wenn es
sich um Unfallskranke handelt, wird nur allzuleicht ein Standpunkt einge¬
nommen, der in ein: Das gibt es nicht, ausläuft
Nur zur Vorsicht sei des vielleicht denkbaren Einwandes gedacht, daß die
hier an Kriegskasuistik gemachten Beobachtungen eine Beimischung psycho¬
gener hysterischer Momente nicht ausgeschlossen erscheinen lassen und daß es
nicht angeht, solche Fälle zur Aufklärung psychopathischer und psychogener
Tatsachen zu benützen. Er wird hinfällig sowohl durch den Hinweis auf das
Fehlen psychogener Begleitersoheinungen in den hier benützten Beobachtungen
wie durch die gleichen Beobachtungen in Friedenszeiten und unter Umständen,
die jeden solchen Verdacht als ausgeschlossen erscheinen lassen.
Im vorangehenden habe ich versucht, die Parallelen zwischen Angaben
Amputierter und Geisteskranker zur Erklärung mancher Angaben dieser letzteren
heranzuziehen; jetzt möchte ich zum Schlüsse bemerken, daß, wie ich in früheren
Mitteilungen gezeigt, natürlich auch die grobe Hirnpathologie dazu reichliche
Handhaben bietet.
Ich muß mich begnügen, in dieser mehr als Anregung gedachten Arbeit
das nur erwähnt zu haben, möchte aber im Hinblick auf die hier ebenfalls nur
flüchtig erwähnte Bedeutung des Sehhügels im System der Gefühlsstörungen
Verschwinden des Phantome bei einem Amputierten uach einem Insalt durch zerebrale, ent¬
sprechend lokalisierte Herdaffektion; übrigens anerkennen Sou<jum und Poisot, daß das
Gehirn dabei „das essenzielle Organ der Halluzinationen sei, das die peripherisch angeregten
Erinnerungsbilder assoziiert und ezternalisiert“.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
265
(Head) noch folgendes bemerken. Es bringt das alte Beobachtungen von
Metnebt, vom Sektionsbefund begleitet, in die Erinnerung, in denen er
Haltungsanomalien, die wir jetzt als katatone bezeichnen würden, als bedingt
durch sensible Störungen infolge von 8ehhQgelläsion erklärte. 1
[Aas dem Anatomischen Institut der Universität Berlin.]
(Geh. Rat Prof. Dr. W. Waldbyeb.)
7. Weitere Erfahrungen über Vital-Scharlach VIII.
Von Dr. Paal Röthig.
Im vorigen Jahre habe ich 2 über eine mit einem neuen 1 Farbstoff „Vital-
Scharlach VIII“ herzustellende Nachfärbung der Weigert-Pal-Präparate des
Zentralnervensystems berichtet und die Anwendung dieses Verfahrens zur gleich*
zeitigen Darstellung von Nervenfasern und Zellen angelegentlichst empfohleu.
Diese Methode hat sich mir auch in der Zwischenzeit weiter gut bewährt. Zu¬
nächst sei erwähnt, daß die meiner ersten Mitteilung zugrunde liegenden
Präparate in dem FärbungsefFekt auch jetzt noch, d. h. über ein Jahr nach
ihrer Herstellung, unverändert sind, man also wohl berechtigt ist, die Färbuug
als eine dauerhafte, der Gefahr des Abblassens kaum unterworfene zu bezeichnen.
Eine weiter inzwischen gemachte Erfahrung hat gezeigt, daß die von mir
angegebene Färbungsmethode versagt, wenn, wie es manchmal geschieht, die
zur Weigert-Pal-Färbung bestimmten Schnitte mit Osmiumsäure vorbehandelt
werden. Es kann dies auch nicht überraschen, da es genugsam bekannt ist,
daß die Osmiumsäure die Färbbarkeit des Gewebes stark beeinträchtigt. Ich
halte übrigens nach meinen Erfahrungen die Osmierung der Schnitte vor der
Weigert-Pal sehen Markscheidenfärbung für überflüssig. Will man sie aber
durchaus anwenden, dann muß allerdings auf die Nachfärbung mit Vitat-
Scharlach VIII verzichtet werden.
In allen Fällen aber, in denen die Weigert-Pal-Färbung nach der gewöhn¬
lichen Chromierung in der üblichen Weise vorgenommen wird, erhält man mit
meinem Verfahren ausnahmslos sehr schöne Präparate.
Vorkommen kann es gelegentlich, daß die Nachfärbung dunkel und intensiv
ausfällt. Dem wird dadurch begegnet, daß man in solchen Fällen die Schnitte
nach der Färbung 24 Stunden im 70°/ 0 igen Alkohol läßt, — oder von vorn-
1 Nachtrag bei der Korrektor: Wichtige Beiträge zur theoretischen Klarlegung
der hier nur klinisch erörterten Fragen bringt F. £. Otto Scddltzb (Archiv f. d. ges. Psychol.
VIII. 1906. S. 367) zum Teil auf Grund von Selbstbeobachtungen nach Abschnürung mittels
des Esinarchsehen Schlauches. Eine dieser Beobachtungen möchte ich hier ansohließen, weil
sie sich als unmittelbarer Parallelfall zu den hier besprochenen Erscheinungen darstellt.
„Von diesen Empfindungen (nach der Abschuörung) ist besonders die des Pelzigseins in der
Haut von Interesse, weil Bie uns ohne weiteres wie etwas Fremdes, nicht zu uns Ge¬
höriges erscheint, während die gleichzeitigen Tiefen- und Gelenkempfindungcn in unmittelbarer
Nähe dieser pelzigen Empfindungen wie etwas dem Ich unmittelbar Zugehöriges erscheinen.“
* Vgl. Dr. Paul Röthio, Über eine Nachfärbung bei Weigert-Pal-Präparaten. Neurolog.
Centralbl. 1914. Nr. 4.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
266
herein eine schwächere Farblösung (nur 5 ccm der konz. wässerigen Vital*
Scharlach VIII-Lösung auf 100 ccm Aq. dest) verwendet in Verbindung mit
einem auf 24 Stunden ausgedehnten Aufenthalt der Schnitte im 70°/ o igen
Alkohol nach der Färbung. Eine derartige Verdünnung der ursprünglich an*
gegebenen Färbeflüssigkeit und ein so langes Verweilen der Schnitte im 70°/ 0 igen
Alkohol hat besonders Wert für die Cortex cerebri.
Wendet man das Verfahren mit Vital-Scharlach VIII ohne vorausgehende
Färbung der Markscheiden an, so erhält man Präparate, die den alten Karmin¬
präparaten des Zentralnervensystems ähnlich sind. Die Methode ist in diesem
Falle die früher beschriebene, also sehr leicht und bequem anzuwenden. Auf
diese Weise ist das Gehirn und die Medulla oblongata eines Hundes derartig
behandelt worden, daß die Schnitte abwechselnd 1. nach der Markscheiden¬
färbung allein, 2. nach dieser mit anschließender Nachfärbung durch Vital-
Scharlach VIII, 3. mit Vital-Scharlach VIII allein fingiert wurden. Man erhielt
so eine sehr klare und instruktive Anschauung von Fasern und Zellen und ihrer
gegenseitigen Lageanordnung.
Die Darstellung der Zellen des Zentralnervensystems und ihrer Ausläufer
mit Hilfe der Vital-Scharlach VIII-Methode gelingt gut auch an Parafflnschnitten.
Die Schnitte kommen aus Leitungswasser bis zum nächsten Tage in die nach
meiner früheren Vorschrift hergestellte Farbflüssigkeit (z. B. Bana-Gehirn nach
Fixation in Alkohol). Sic werden dann schnell durch die Alkoholreihe (70°/ 0 iger,
96°/ 0 iger, zweimal absoluter Alkohol) in einmal gewechseltes Xylol gebracht und
in Canadabalsam eingeschlossen. In der Wahl der Fixierungsmittel scheint man
nicht beschränkt zu sein. Jedenfalls habe ich bei einer großen Anzahl von mit
verschiedenen Fixierungsmitteln hergestellten histologischen Präparaten gute
Färbungen erzielt. Zu vermeiden sind allerdings, entsprechend dem vorher Aus¬
geführten, die Osmiumgemiscbe. Verbinden kann man mit der Vital-Scharlach VUI-
Färbung auch eine vorausgehende Hämatoxylintingierung, wodurch die Kerne in
den Zellen schärfer hervortreten.
Die klare und dabei leichte und bequeme Darstellung der Zellen und ihrer
Fortsätze, welche die Vital- Scharlach VHI-Methode auch an Paraffinschnitten er¬
möglicht, ist von besonderem Vorteil für das vergleichende Studium des Zentral¬
nervensystems der Wirbeltiere. So gewinnt diese Methode Bedeutung für das
uns von Ludwig Edimgbb durch seine bahnbrechenden Arbeiten erschlossene
wichtige Gebiet der vergleichenden Hirnanatomie.
II. Referate.
Anatomie.
1) Beitrag zur Anatomie und funktionellen Bedeutung der Arterien des
Qehiras, insbesondere des Balkens, voq M. Goldstein. (Zeitschr. f. d.
ges. Neurol. u. Psycb. XXVI. 1914. S. 361.) Ref.: W. Misch.
Die Arterienverteilung für den Gehirnstamm und fiir die Hemisphären ist
eine prinzipiell verschiedene (Meynert), ein Hinweis dafür, daß die beiden Systeme
in der ersten Entwicklungszeit relativ selbständig wachsen. Die Arterienäste des
Digitizer! by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
267
basalen Systems sind nicht y wie oft behauptet wurde, Endarterien im Cohnheim*
sehen Sinne. Die kortikalen Arterien sind alle vom baumförmigen Typus; während
die in dem Hirnstamm aufsteigenden Gefäße nur dürftig kommunizieren, lösen
sich die Arterien des kortikalen Gebietes in ein reich verzweigtes Netz auf und
geben viele Verbindungen zwischen den einzelnen Gebieten. Eis bestehen Anasto-
mosen sowohl in der Pia wie in den Hemisphären. Die Artt. cerebri post, können
auch über die Mittellinie hinaus in indirekte Kommunikation treten; die Artt.
cerebri ant. weisen Kommunikationen auch im Balkengebiete auf. Von klinischer
Bedeutung ist eine konstante Anastomosenbildung im Gebiete des Gyrus uncinatus.
Wichtig für das Sehvermögen ist die Kommunikation durch allerdings sehr feine
Anastomosen zwischen den den Tractus opticus versorgenden Ästen der Art.
chorioidea und den basalen Piagefäßen aus der Art. communicans post. Von un¬
heilvoller Bedeutung ist die mangelhafte Ausbildung des kollateralen Kreislaufes
in dem so wichtigen Gebiete des hinteren Schenkels der Capsula interna« Da¬
gegen bilden auch die Arterien des Kleinhirns anastomosierende Netze. Über die
funktionelle Bedeutung der Gebirnarterien erhält man durch eine vergleichend
anatomische Betrachtung einigen Aufschluß. Während bei den niederen Säuge¬
tieren, bei denen die Hemisphären nur sehr dürftig ausgebildet sind, sich die
Arterien der Rinde ähnlich wie die im Hirnstamm verhalten, stellt sich, sobald
das Neenzephalon zu wachsen und einen immer größeren Einfluß über die Zentren
des Paläenzephalons zu bekommen beginnt, auch die funktionelle Anpassung der
Blutgefäße an den Verbrauch des von ihnen zu versorgenden Parenchyms ein und
führt schließlich zu den deutlichen Unterschieden in der Blutversorgung des Ge¬
hirnstammes und des Gehirnmantels. Besonders am Stirnhirn kann man beobachten,
wie sich seine Blutversorgung mit seiner funktionellen Bedeutung von den untersten
Säugetierklassen bis zum Menschen hinauf entwickelt, bis bei den höheren Stufen,
bei denen das Stirnhirn immer mehr an Mächtigkeit gewinnt und an seine
Leistungsfähigkeit immer höher^Artlforderungen gestellt werden, eine Verdoppelung
der Art. cerebri ant. eintritt. Es ist dies ein gutes Beispiel für die von Roux
aufgestellte Lehre, daß Anordnung und Ausbildung der Gefäße eine wertvolle
Illustrierung der Funktion darstellen. Umgekehrt kann auch die Einengung der
Funktion, in gleicher Weise wie ihre Steigerung, am Gefäßsystem ihren morpho¬
logischen Ausdruck finden.
Von diesem Gesichtspunkte ist auch die Arterienverteilung des Balkens, als
eines ebenfalls späten Produktes der phylogenetischen Entwicklung, von Interesse.
Hervorzuheben ist, daß das Rostrum und das kleine noch zum Genu corporis
callosi gehörige Stück kaudal vom aufwärts steigenden Ast durch dünne von der
Art communicans ant. aufsteigende Gefäße versorgt werden, und daß das ganze
Splenium, also etwa l / 6 bis */ 4 des Balkens, in den Bereich der hinteren Hirn¬
arterie fällt. Von dem Hauptast dieser Arterie gehen Zweige direkt in die Art.
corporis callosi über, so daß hier also eine Kommunikation zwischen hinterer und
vorderer Hirnarterie zustande kommt. Aus der Blutversorgung des Balkens von
dem Carotisgebiet einerseits und den Gefäßen auB der Basilaris andererseits läßt
sich auf die Funktionsentwicklung der Schluß ziehen, daß das Genu und das Splenium
corporis callosi sich selbständig, getrennt voneinander, entwickelt haben könnten.
2) Über Hemisphärenexstirpationen bei Hapale und Mabaeus (anatomische
Befunde), von Karplus. (Jahrb. f. Psychiatrie u. Neurologie. XXXVI. 1914.
S. 243.) Ref.: Pilcz (Wien).
A. Versuche an Hapale. Bei zwei jungen männlichen Exemplaren wurde
die motorische Gehirnregion freigelegt und durch elektrische Reizung umgrenzt.
Bei Hapale I wurde dann die motorisohe Region der vorderen, bei II die der
vorderen und hinteren Extremität einer Seite Umschnitten und exstirpiert. Das
Verhalten der Tiere nach der Operation bestätigte das Gelingen der beabsichtigten
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
268
Operation. Tötung nach 3 Wochen. Untersuchung des Zentralnervensystems nach
Marchi. 10 Abbildungen illustrieren den Unterschied zwischen I und II. Es
ergab sich, daß im Hirnschenkelfuß die Fasern für die hintere Extremität weiter
nach außen liegen, daß sie in der Brücke auch in den ventrolateralen Pedunculus-
bündeln sich befinden. In der Pyramidenkreuzung waren die am weitesten kaudal-
wärts kreuzenden Bündel nur bei dem Tier degeneriert, dem auch die Hinterbein¬
region entfernt war, und nur bei diesem reichte die Degeneration über das Hals-
mark hinaus. Die degenerierten Fasern für die vordere Extremität sind zahlreicher
als die für die hintere Extremität.
B. Versuche an Macacus. Marchi-Untersuchung des Zentralnervensystems bei
einigen Macacus*Rhesus-Affen, denen mehrere Wochen vorher eine Großhirnhemi¬
sphäre total exstirpiert worden (die Operationsmethode und die physiologischen
Beobachtungen sind im Archiv f. Anat. u. Physiol. veröffentlicht). Außerordentlich
schwere Degeneration der Hirnschenkelfußfaserung bei Fehlen von Degeneration
in der Haube. Im Pes pedunculi liegen die Körner in den medialsten und late¬
ralsten Partien weniger dicht. In der Brücke ist auch das Grau der degenerierten
Seite erfüllt von den Körnern, die den sich auflösenden Bündeln angehören; keine
einzige Faser zieht hier auf die andere Seite, ln der Pyramidenkreuzung ziehen
Bündel, nachdem sie schon die Mittellinie passiert haben, anscheinend zurück in
den gleichseitigen Seitenstrang (oder. Schädigung gesunder Fasern durch degene¬
rierende?). Im Halsmark findet sich das vom Verf. schon anderen Orts beschriebene
charakteristische Degenerationsbild, das man bei anderen niederen Affen, z. B. bei
Hapale ebenso wenig findet wie beim Menschen.
3) Über Vorkommen und Bedeutung der drüsigen Bildungen (Sphftro-
triohie) in der Hirnrinde, von A. Schönfeld. (Monatsschr. f. Psychiatrie
u. Neurologie. XXXVI. 1914. H. b.) Ref: Kurt Mendel.
Auf Grund eines Materials von 115 Fällen kommt Verf. zu folgenden Schlüssen:
1. Die Sphärotrichie (Fischer) stellt einen besonderen charakteristischen
Befund in der Hirnrinde dar, den wir vorwiegend zwischen dem 60. und 80. Lebens¬
jahre angetroffen haben, niemals vor dem 50. Jahre fanden.
2. Wir haben die Sphärotrichie niemals in Fällen klinisch sicherer Presbyo¬
phrenie vermißt, fanden sie jedoch bei 4 Psychosen, bei denen während unserer
Beobachtung keine Presbyophrenie vorlag. Es handelte sich um 2 Fälle von ein¬
facher seniler Demenz und 2 Fälle von Choreapsychose.
3. Mithin ist die Sphärotrichie bei der Presbyophrenie regelmäßig anzutreffen,
nicht aber für dieselbe pathognomonisch.
4) The Pyramid Traot in the Bed Squirrel (Soiurus Hudsonlus Loquax)
and Chipmunk (Tamias Striatus Lysterl), per Sutherland Simpson. (Journ.
comparative Neurology. XXIV. 1914. Nr. 2.) Ref.: P. Röthig (Charlottenburg).
Bei drei Eichhörnchen (Sciurus hudsonius loquax) und drei Backenhörnchen
(Tamias striatus lysteri) wird die Degeneration des Tract. cortico-spinalis mit der
Marchi Methode untersucht. Bis zur Kreuzung liegt der Tractus an der üblichen
Stelle; die Kreuzung selbst ist eine komplette. Der gekreuzte Tractus verläuft
zum Funiculus cuneatus und kann bis zum unteren Sakralsegment in der Dorsal¬
säule des Rückenmarks verfolgt werden. Es gibt keinen gekreuzten lateralen,
sondern nur den beschriebenen gekreuzten dorsalen Tractus; auch ein direkter
(ungekreuzter) Zug wurde nicht beobachtet. Von dem Tractus cortico-spinalis cruciatus
dorsalis werden in den oberen Zervikalsegmenten zahlreiche Fasern abgegeben.
6) Über den Hirnstamm eines Taubstummen, von B. Brouwer und Dorothea
van Walree. (Folia neuro-biologica.* VIII. 1914. Nr. 6.) Ref.: P. Röthig.
Die Arbeit vermehrt in dankenswerter Weise die Kasuistik der pathologischen
Anatomie bei Taubstummheit. Von den Ergebnissen derselben sind wichtig haupt¬
sächlich die folgenden Befunde. Es ergab sich:
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
269
1. Vollständiges Fehlen von eintretenden Cochlearisfasem.
2. Fehlen des extramedullären Teiles des Ganglion ventrale.
3. Hochgradige Atrophie (Aplasie?) des frontalen Teiles des Ganglion ventrale.
4» Hochgradige Atrophie (Aplasie?) der Tubercula acustica.
5. Starke Verminderung des Corpus trapezoides und Verkleinerung der Zahl
der dorsal kreuzenden Fasern (Monakowache und Heldsche Kreuzung).
6. Verkleinerung der Lemnisci laterales. Dagegen waren die Nn. vestibuläres
und die vestibulären Kerne als normal zu betrachten.
6) Paraffine-Weigert methods for the staining of nervus tissue, with some
nerv modifioations, by R £. Sheldon. (Folia neuro-biologica. VIII. 1914.
Nr. 1.) Bef.: P. Böthig (Charlottenburg).
Die Arbeit behandelt in technischer Beziehung die Anwendung der Weigert-
schen Markscheidenfärbung bei Paraffin material und gibt nach einer literarischen
Übersicht die nach Ansicht des Verf.’s zweckmäßigen Methoden für das erwachsene
menschliche Gehirn und für dasGehirn niederer Säugetiere und niederer Vertebraten an.
• 7) Die funktionellen und hirnanatomischen Befunde bei der japanischen
Tanxmaus, von Taco Kuiper. (Rotterdam, H. J. van Hengel. 44 Tafeln.
154 S.) . Bef.: P. Böthig (Charlottenburg).
In einer eingehenden und sehr exakten Weise untersucht Verf. in dieser
schönen Monographie das Gehirn der japanischen Tanzmaus, das er mit dem einer
normalen Maus vergleicht. Es ^erden die Abweichungen, welche dasselbe in
Zellstruktur und faseranatomischer Beziehung bei ersterem Tier aufwies, genau
beschrieben und durch 93 instruktive Abbildungen erläutert. Nach einer aus¬
führlichen Darstellung der neueren Tanzmausliteratur beschreibt Verf. seine eigenen
funktionellen Beobachtungen an den seiner Untersuchung dienenden Tanzmäusen.
In hirnanatomischer Hinsicht werden beschrieben:
1. Die distale Oktavuswurzel; sie zeigt bei der Tanzmaus nur einige wenige
schlecht entwickelte Fasern, mit Degeneration der Markscheiden. Der Faserausfall
ist bei ihr nach 6 verschiedenen Richtungen erfolgt, nämlich a) im Corpus tra¬
pezoides, b) im ventralen Kern, c) im Tuberculum acusticum s. str., d) in der
inneren Abteilung des Kleinhirnstiels, e) im medio-dor6alen Acusticuskern, f) in
der Raphekreuzung zwischen den hinteren Längsbündeln (S. 65).
2. Die proximale Oktavuswurzel, bei welcher der Ausfall von Fasern weniger
stark ist; sie entsendet Fasern in a) das Gebiet der inneren Abteilung des Klein¬
hirnstiels abwärts als spinale Acusticusbündel, b) den Deiters sehen Kern, c) das
Zerebellum, d) in die Richtung der Raphekreuzung (z. hetero-lateralen hinteren
Längsbündel; z. homolateralen Abduzenskern).
Was die Nervenzentren (Kerne und Molekularsubstanz) anlangt, deren Zellen
und Zwischensubstanz untersucht werden, so werden 2. die Veränderungen in den
folgenden Gebilden dargelegt: a) im ventralen (Acusticus kern; dem Tuberculum
acusticum s. str., dem centro-medialen Kern zwischen denselben. Ersterer ist bei
der Tanzmaus kleiner und speziell in seitlicher Richtung zusammengedrückt. Auch
die beiden anderen Gebilde erscheinen kleiner als bei der normalen MauB; b) in
der Oliva superior, der Paroliva superior und dem Nucleus trapezoides. Auch bei
diesem macht sich ein Zellausfall und eine Volumreduktion bemerkbar; o) im
dorso-medialen Acusticuskern; d) in dem Grau der spinalen Oktavuswurzel; e) im
Bechterewschen (?) Kern; f) im Deitersschen Kern und Nucleus angularis; g) im
Nucleus medialis tecti; h) im .,Seitenstrangkern u und dem Grau des oralen Endes
der Columna anterior; i) im Kern der lateralen Schleife; k) im Corpus quadri-
geminum posticum, dem Nucleus latero-dorsalis pontis, dem Corpus geniculatum
mediale.
Auch in der Cortex cerebri finden sich bei der Tanzmaus gegenüber der
normalen Maus Abweichungen, die dem Ver£ in beiden Hemisphären ein donales,
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
270
mittleres und ventrales Feld ergaben, in welchem eine sekundäre Degeneration
grauer Substanz zur Geltung gekommen ist (S. 108).
Verf, erörtert sodann die Ausfallserscheinungen in den sekundären, tertiären
usw. Oktavusbahnen und in anderen Fasersystemen. Ich versage es mir, auf die
vielen interessanten Befunde hierbei einzugehen, hebe nur als eine merkwürdige
Beobachtung hervor, daß auch die Radix mesencephalica V sich degeneriert zeigte.
Diese nur sehr kursorisch gestreiften eingehenden Untersuchungen des Verf.'s
sind aber nicht nur für den anatomischen Aufbau des Tanzmausgehirns, sondern
darüber hinaus auch ganz allgemein wertvoll, da sie den Verlauf und die Wertung
vieler Faserzüge und Gebilde dem Verständnis näher zu bringen geeignet sind.
Nach den Beobachtungen des Verf.’s ergibt sich also bei der Tanzmaus ein
degenerativer Prozeß im ganzen Oktavussystem; als eine Äußerung desselben be¬
trachtet er die von vielen Autoren im inneren Ohre wahrgenommene Degeneration
der Stria vascularis, die er als sekundär, nicht als primär ansieht. In seinem
Schlußkapitel versucht er dann noch die physio-pathologischen Erscheinungen der
Tanzmaus aus den anatomischen Befunden zu erklären.
8) Lea voies aaoendantes du oordon antöro-latöral de la moölle, par
N. Loewenthal. (Compt. rend. de l’Assoc. des Anatomistes. XV. 1913. S. 78.)
Ref.: W. Misch.
Auf Grund von Versuchen über die auf Rückenmarksläsionen folgenden
sekundären Degenerationen wird eine zusammenfassende Darstellung des Verlaufs
der aufsteigenden Bahnen des Tractus antero-lateralis gegeben. Die Versuche
wurden am Kaninchen in der Lumbal-, oberen Dorsal- und unteren Zervikalregion
ausgeführt; es wurde nach Marchi gefärbt. Es ergibt sich, daß beim Tractus
antero-lateralis, neben dem Tractus spino-cerebellaris dorsalis, die umfangreichste
Bahn die des Tractus spino-cerebellaris ventr. ist. Von den anderen Bahnen
läßt sich die zu den Corp. quadrigem., besonders den hinteren, führende Bahn
nach Marchi ziemlich deutlich darstellen; sie verläuft, gemeinsam mit dem Tract.
spino-cerebell. ventr., in der lateralen Schleife, ist aber bedeutend dünner als das
letztere Bündel. Die Fasern, die bis zu den oberen Corpus quadrigem. aufsteigen,
sind noch dünner verteilt; sie scheinen auch tiefer in dem System der lateralen
Schleife gelegen zu sein. Daneben sind noch die Fasern zu erwähnen, die zu der
Faserkreuzung zwischen den Corpus quadrigem. oberhalb der grauen Substanz des
Aquaeductus Sylvii führen. Ein gut ahgegrenzter Tractus spino-thalamicus läßt
sich beim Kaninchen nicht darstellen; nach den verschiedenen Färbungen lassen
sich aufsteigende Thalamusfasern verstreut besonders in den Fase, longitud. post,
und der Formatio reticularis vermuten; auch mit dem Corpus geniculatum internum
scheinen außerordentlich feine Fasern in Verbindung zu treten. Ferner gibt es
Bahnen, die zu der Gegend der Kreuzung in den frontalen Kleinhirnarmen und der
roten Kerne führen; ferner solche zur Faserschicht, die das Gangl. interpeduncul.
und den Lemniscus umgibt; endlich solche, die zu den Pedunculi der Corp.
mamillaria und ganz vereinzelt zu den Pedunculi cerebri ziehen. Es ist also in
den oberen Mittelhirnschnitten keine einzige Region völlig frei von Degeneration.
Außerdem finden sich vereinzelte und sehr feine Degenerationsreste in der inter-
olivären Schicht, hinter den Pyramiden der Medulla oblongata. Wahrscheinlich
bestehen auch Verbindungen nicht nur mit dem lateralen Bulbuskern, sondern
auch mit den Oliven (Ol. sup. und inf.), dem Corpus trapezoides und gewissen
Hirnnerven.
0) Eine neue Marksoheideneohnellfärbemethode, von Schroeder. (Allgem.
Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Die Methode gestattet auch von größeren Gewebsstücken in fast ein Fünftel
der bisher notwendigen Zeit Markfaserpräparate in lückenloser Serie herzustellen,
bei denen auch die feinsten Fasern gefärbt sind.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
271
Die Schnelligkeit dea Verfahrens beruht auf der Vermeidung der Zelloidin*
eiubettung und darauf, daß die Chromierung nicht an den Blöcken, sondern erst
an den Schnitten vorgenommen wird. Als Härtungsmittel der in Formalin
fixierten Stücke dient Azeton, welches das Lezithin des Nervenmarkes nicht löst.
Bezüglich der Einzelheiten des Verfahrens sei auf das Original verwiesen.
10) The straoture of the roots, trank and branohes of the vagus nerve,
by M. R. Chase and J. H. Banson. (Journal of comperative Neurology.
XXIV. 1914 Nr. 1.) Bef.: P. Böthig (Charlottenburg).
Die Arbeit untersuoht das .Verhältnis der marklosen zu den markhaltigen
Fasern im Vagus, seinen Wurzeln und seinen Ästen, sowie das Verhältnis von
Vagus und Aocessorius und von Vagus und Sympathicus. Als Untersuchungs¬
material diente: Hund, Meerschweinchen, Katze, Batte, Mensch.
Außer einem geringen Anteil aus den Fasern des Sympathicus besitzt der
Vagus selbst eine beträchtliche Anzahl markloser Fasern in seinen bulbären
Wurzeln, seiner Portio cervicalis, Portio thoracica und Portio abdominalis. Die
Portio abdominalis besteht fast ganz aus marklosen Fasern, weil die markhaltigen
Fasern den Vagus durch seine Äste (Bm. oesophagei, Bm. bronchiales, N. recurrens,
N. laryngeus sup., Bm. pharyngei) verlassen. Aus dem gleichen Grunde enthält
die Portio thoracica im Verhältnis zu den markhaltigen Fasern mehr marklose
als die Portio cervicalis.
Verhältnis von X und XI: Während die Portio spinalis XI auch im ge¬
meinsamen X-XI-Stamm ihre Selbständigkeit behält und ihn als Bamus externus XI
wieder verläßt, ist die Portio bulbaris XI so innig mit dem Vagus verschmolzen,
daß Verf. vorschlägt, sie als einen XTeil aufzufassen, der mit der Portio Bpinalis XI
verläuft. Das Vorkommen eines Bam. int. XI wird geleugnet, und der gewöhnlich
als solcher beschriebene Ast für ein Kunstprodukt erklärt. Verhältnis von Vagus
und Sympathicus: Beim Hunde — aber nicht beim Menschen — umschließt beide
eine gemeinsame bindegewebige Hülle. Im Vagus-Sympathicus-Truncus ist die
Area sympathica von der Area X durch ein Bindegewebsseptum geschieden.
11) Dm Nervenpigment beim Papagei, von M. Mühlmann. (Virchows Arch.
f. pathol. Anatomie. CCXIV. 1913. S. 412.) Bef.: K. Boas.
Verf. hatte früher (Ebenda. CCXII. S. 235) bei einem jungen Papagei nur
in den Purkinjeschen Zellen des Kleinhirns Liposomen gefunden, fcei einem
neuerdings untersuchten älteren Papagei fand Verf. zahlreiche Chromoliposomen
außer in den Purkinjeschen Zellen des Kleinhirns in den Vorderhornzellen des
Rückenmarks, in den Pyramidenzellen der Hirnrinde und in den Zellen der Hirn¬
zentren. Merkwürdig ist das fast vollständige Fehlen von Liposomen im Hypo-
glossuskern, wo die Zellen eine beträchtliche Größe erreichen.
Physiologie.
12) Die Entstehung des Mensohenhirns, von Ludwig Edinger. (Wiener
med. Wochenschr. 1914. Nr. 43.) Bef.: M. Rothmann.
Das menschliche Gehirn hat seinen Typus schon außerordentlich früh erreicht.
Das Urhirn der ältesten Vertebraten reicht für die Anforderungen des Lebens
völlig aus. Hierzu kommt bei den Reptilien im wesentlichen die Ammonsforma-
tion, das Archipallium. Erst bei den Säugern entwickelt sich darüber hinaus
wesentlich das Neopallium, das die höhere geistige Entwicklung der Säuger nach
den verschiedensten Richtungen ermöglicht hat. Neben dem Studium der Furchen
und Windungen ist neuerdings vor allem die Erforschung der Rindenfelder be¬
deutsam hervorgetreten. Diese Felder dienen fast ausschließlich den Gnosien und
Praxien; bei den am Boden lebenden Tieren haben sich vorwiegend die Riech¬
apparate, bei den Wassersäugern die Schläfenlappen entwickelt. Ganz allmählich
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
272
haben sich von lemnrartigen Tieren aus zuerst die Sinnesfelder immer vollkommener
im Primatenstamm ausgebildet, oft die des Menschen weit übertreffend. Erst die
Aüsbildung großer Rindengebiete zwischen den Sinnesfeldern, der Flechsigschen
Assoziationszentren hat bei den höchststehenden Primaten, vor allem aber beim
Menschen, die höhere Entwicklung zum „Intelligere“ ermöglicht. Je größer der
Verstand, desto wichtiger ist die Entwicklung dieser Hirnteile. Erst die Aus¬
gestaltung der Ventralseite des Stirnlappens ermöglichte hier das Sprechen und
damit die Erhebung des menschlichen Intelligere über alle Tiere» Bei den ältesten
fossilen Menschenhirnen ist der Stirnlappen, vor allem die 3. Stirnwindung schlecht
entwickelt und die 1. Schläfenwindung noch sehr flach. Erat die Entwicklung
der Teile, die der Sprache dienen, befähigte das Gehirn zu den menschlichen
Leistuugen.
13) Zur Methodik in der Tierpsychologie. I. Der Hund H., von Ludwig
Edinger. (Zeitschr. f. Psychologie. LXX.) Ref.: M. Rothmann.
Um brauchbare Daten der Tierpsychologie zu erhalten, sind eine Reibe mög¬
lichst objektiver Aufnahmen eines einzelnen Tieres erforderlich. Verf. hat deshalb
versucht, einen Hund, mit dem er 1 1 / 2 Jahre zusammen gelebt hat, genau zu
untersuchen. Er bezeichnet alles, was das Urhirn leistet, als Rezeptio, Motus,
Relation zwischen beiden. Mit dem Neuhira beginnt die Fähigkeit, zahlreiche
Rezeptionen von Sinneseindrücken zu vereinen, Gnosien und ferner Praxien als
die aus vielen Motus zusammengesetzten Handlungen. Beide verbindet die Asso¬
ziation. Als dritte Kategorie folgt das Intelligere mit den bewußten Willens¬
akten. Einsicht und Voraussicht charakterisieren das Intelligere. Auch die
Charaktereigenschaften und die altererbten Eigenschaften und Gewohnheiten müssen
beim Status beachtet werden. — Die deutsche Schäferhündin des Verf.’s war sehr
anhänglich, dabei scheu vor Fremden, vor allem Frauen. Sie war sehr gelehrig;
von altererbten Eigenschaften traten Geschicklichkeit und Interesse am Spüren,
Neigung zum Rennen hervor. Bemerkenswert war das Interesse an kleinen anders¬
artigen Säugern. Groß war die Neigung zum Spielen. An Stimmungen traten
Freude und Furcht hervor. Von Stimmungen hängt die Fähigkeit der Auf¬
merksamkeit ab. Receptiones und Motus wurden nicht neu^aufgenommen. Bei
den Gnosien war die optische Beobachtungsfähigkeit eine sehr feine; doch ist es
zweifelhaft, ob er Veränderungen des menschlichen Gesichtsausdrucks erkannte.
Die optischen Gnosien haften nicht nur am einzelnen. Er findet gut nach Hause,
erkennt fremde Häuser wieder. Auch die akustischen Gnosien Bind gut ent¬
wickelt. Der Hund besitzt sicher einen allerdings geringen akustischen Sprach¬
schatz, der nicht an den eines einjährigen Kindes heranreicht. Die größte Rolle
spielen beim Hunde die olfaktorischen Gnosien, wofür ja auch sonst zahlreiche
Beispiele vorliegen.
Unter den Praxien ist das Pfotengeben in Verbindung mit liebenswürdiger
Stimmung sehr hervortretend. Auch eine Gebärdensprache entwickelt sich im
Umgang mit dem Menschen. Die meisten Handlungen erfolgen direkt im An¬
schluß an Gnosien, doch wird die Aufmerksamkeit leicht abgelenkt wie beim ganz
kleinen Kind und beim Idioten. Bei vielen Handlungen, die anscheinend durch¬
dacht sind, handelt es sich um reine Praxien. Sehr leicht bilden sich Gewohn¬
heiten; auch Reiteration und Allopraxie kommen zur Beobachtung.
Neben den ausgebildeten Gnosien und Praxien spielt das Intelligere eine sehr
geringe Rolle. Es wurde stets angenommen, wenn ein Einsehen oder Voranssehen
zu bestehen schien. Solche Intelligenzbeweise waren nun sehr spärlich, trotzdem
der Hund einen recht begabten Eindruck machte. Immerhin steht der Hund in
seinen Leistungen hoch über dem Beutelwolf, dessen Gehirn eine viel geringere
Ausbildung, vor allem der sogen. Assoziationszentren zeigt
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
273
• 14) Wie die Tiere sehen, verglichen mit dem Menschen, von Armin
v. Tschermak. (Wien, W. Braumüller & Sohn, 1914. 37 Abbildungen.
84 S.). Bef.: M. Rothmann.
Für das Sehen der Tiere geht man am besten vom menschlichen Sehen ans,
wobei Verf. der subjektivistischen Sinnespsychologie den Vorzug gibt. Es wird
nun zunächst der Licht- und Farbensinn des Menschen besprochen. Ähnlich wie
der Lichtsinn der Menschen verhält sich dann auch der der Säugetiere. Eis wird
dann ausführlich der Farbensinn des Menschen besprochen, um eine Grundlage für
die Entscheidung der Frage zu erhalten, ob Tiere Farben sehen und welche.
EJs muß stets festgestellt werden, ob das Licht nur durch seinen Weiß wert oder
auch durch einen farbigen Reizwert wirkt. Die Säuger besitzen einen dem
menschlichen ganz analogen Farbensinn, wie an Affen und Hunden, an letzteren
mit dem Studium der Pawlowschen bedingten Reflexe, festgestellt ist Vögel und
Reptilien verhalten sich wie ein durch ein orangefarbenes Glas sehender Mensch,
da rote und orangefarbene Ölkugeln in der Netzhaut liegen. Auch die Amphibien
sehen ein Spektrum in derselben Ausdehnung wie der Mensch. Die Fische da¬
gegen scheinen wie auch alle Wirbellosen des Farbensinns ganz zu entbehren und
nur einen Weiß-Schwarzsinn zu besitzen. Was das Zustandekommen der Reizung
der Netzhaut durch das Lioht betrifft, so hat die photochemische Theorie des
Sehens die größte Wahrscheinlichkeit. Möglich ist es, daß die Stäbchen total
farbenblind, die Zapfen farbtüchtig sind; doch ist es nicht bewiesen. Was den
optischen Raumsinn betrifft, so wird er für den Mensohen ausführlich in seinen
Grundlagen besprochen. Auch die Tiere besitzen wahrscheinlich sämtlich ein Orts-
oder Richtungssehen. Alle Klassen der Wirbeltiere haben einen zweiäugigen
Gesichtsraum und innerhalb der korrespondieren Netzhautbezirke eine Tasteinrich- ♦
tung für das körperliche plastische Sehen wie der Mensch. Inwieweit den Wirbel¬
losen ein optischer Raumsinn zukommt, steht noch nicht fest. Aus dem Ver¬
halten der Tiere beim Sehen darf man auch auf das Bestehen einfachster analoger
psychischer Vorgänge schließen. Für alle Lebewesen bedeutet das Licht ein
wichtiges Orientierungsmittel, ferner aber auch eine Kraftquelle; Leben und
Empfinden gehen von ihm aus.
15) Sugli effetti della oompressione di varie regionl dell’ osse oerebro¬
spinale isolato di Bnfo vulgaris, per S. Baglioni ed E. Vecchi. (Zeit¬
schrift f. allgem. Physiologie. XII. 1911. H. 3.) Ref.: P. Röthig.
Die isolierte Zerebrospinalachse der Kröte wurde in ihren verschiedenen Be¬
zirken, so an der Medulla oblongata, Intumescentia anterior und posterior, zwischen
beiden Intumeszentien, an der Gauda equina, Kompressionen unterworfen. Die
damit erzielten Versuchsergebnisse werden des genaueren dargelegt und erörtert.
Hierfür sei besonders auf die deutsch wieder gegebene Zusammenfassung auf
S. 295/96 hingewiesen, und auf eins der Resultate des Verf.’s, wonach „es in der
Medulla oblongata Elemente gibt, durch welche die zentrale Innervierung der
Muskeln der hinteren Extremitäten irgendwie direkt vermittelt oder geregelt wird“.
16) Beitrag zur Lokalisation des der Wärmeregulation vorstehenden Zentral¬
apparates im Zwisohenhirn , von R. Isenschmid und W. Schnitzler.
(Archiv f. experiment. Pathologie u. Pharmakologie. LXXVI. 1914. S. 202.)
Ref.: W. Misch.
Aus den an Kaninchen ausgeführten Untersuchungen geht hervor, daß das
Tuber cinereum das wichtigste Zentralorgan der Wärmeregulation darstellt; mit
ihm steht und fällt das Wärmeregulationsvermögen. Die Fasern, die die Impulse
des Tuber cinereum fortleiten, liegen im kaudalen Teil des Zwischenhirns weit
zeratreut über den ventralen und medianen Teil des Querschnitts. Ein Teil der¬
selben genügt, um bei Schädigung anderer ebenfalls wichtiger Teile die Wärme¬
regulation aufrecht zu erhalten.
XXXIV. 1$
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
274
17) Über die Aktionsströme des Warmblütermuskels im Strychnintetanus.
II. Zar Kenntnis der Lokalisation rhythmischer Erregungen im Ge¬
hirn und Rückenmark, von K. Fahrenkamp. (Zeitschr. f. Biol. LXV.
1914. H. 3 u. 4.) Ref.: W. Misch.
Ans den Versuchen an Kaninchen, Ratten und Mäusen geht hervor, daß auf
der Höhe des Strychninkrampfes die Innervation des Skelettmuskels rhythmisch
in einer bestimmten Frequenz erfolgt. Auch nach Durjhschneidung des Brust*
markes sind auf der Höhe der Strychninwirkung Frequenz und Ryhthmus der
InnervationsstöBe die gleichen. Es geht daraus hervor, daß das Rückenmark an
der Frequenz und dem Rhythmus der zum Muskel gelangenden Erregungen in
hohem Maße beteiligt ist. Beim Pikrotoxinkrampf erhält man Kurven, die sich
von denen des Willkürtetanus nur in der Frequenz der Oszillationen unterscheiden.
Als Ort der Entstehung des 60 er Rhythmus beitn Willkürtetanus ist wohl das
Rückenmark anzusehen, da ja für den Strychninkrampf tatsächlich eine solche
Innervationsart für das Rückenmark aufgefunden wurde.
18) Über die Wirkung der Erwärmung auf das Zentralnervensystem, ins¬
besondere auf die Großhirnrinde, von W. Trendelenburg. (Zeitschr.
f. d. ges. exper. Medizin. I. 1913. H. 5.) Ref.: K. Boas.
Ausgehend von neueren Angaben über die Wirkung der Erwärmung und
Abkühlung auf die Wärmezentren des Gehirns werden in der vorliegenden Arbeit
die früher an der Großhirnrinde und anderen Teilen des Zentralnervensystems
durchgeführten Versuche, eine reizlose vorübergehende Ausschaltung zu erzielen,
mit Erwärmung vorgenommen. An der Medulla oblongata gibt besonders der
Blutdruck ein gegensätzliches Verhalten des Erfolges der Erwärmung von dem der
• Abkühlung an. Bei letzterer erfolgt stets ein Druckabfall; bei ersterer aber tritt
ein Druckanstieg ein, der meist mit allgemeiner Unruhe des Tieres einhergeht,
ohne von ihr ausgelöst zu werden. An der Großhirnrinde (Extremitätengegend)
lassen sich zwar an der Katze, dem Hunde und dem Affen unter Umständen Aus¬
schaltungen erzielen (ärztliche Wärmelähmung), aber sie verlaufen nicht in /der
Weise reizlos, wie es bei Kühlungen stets der Fall ist. Ja, beim Hunde ließen
sich sogar leicht vollständige epileptische Anfalle ohne dauernde Sohädigung des
Tieres und unter Umständen auch der Hirnrinde auslösen und beim Affen klonische
Arm- und Beinkrämpfe erhalten, ohne daß im letzteren Falle gleichzeitig ein An¬
zeichen von Ausschaltung der Rindenfunktionen notwendig voranzugehen brauchte.
Es ist zu hoffen, daß diese Auffindung eines weiteren Mittels, epileptische Anfälle
leicht hervorzurufen, für die experimentelle Untersuchung der Epilepsie von Nutzen
sein wird.
19) Über den Einfluß der Ausschaltung des Zwisohenhirns auf das in¬
fektiöse und nicht infektiöse Fieber, von J. Gitron und E. Leschke.
(Zeitschr. f. exper. Pathol. u. Ther. XIV. 1913. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel.
Auf Grund ihrer Untersuchungen kommen die Verff. zu folgenden Schlüssen
(s. auch d. Centr. 1913. S. 1168):
Nach Ausschaltung der medianen Abschnitte des kaudalen Zwischenteiles durch
den ZwiBchenhirnstich verlieren Kaninchen das Vermögen der Wärmeregulation
und die Fähigkeit, auf fiebererregende Reize mit Temperatursteigerung zu ant¬
worten. Weder durch eine Infektion noch durch aseptische temperatursteigernde
Agentien, auch nicht durch das stärkste temperatursteigende Mittel, das wir
kennen, gelingt es, bei diesen Tieren nach der Ausschaltung der Wärmeregulation
eine Steigerung der Körpertemperatur hervorzurufen. Der Angriffspunkt des
fiebererregenden Agens liegt demnach im Zwischenhirn.
20) Über die Entwicklung der Plexus ohorioidei der Seitenkammern des
menschlichen Gehirns, von F. Hochstetten (Anatom. Anzeiger. XLV.
1913. Nr. 10 u. 11.) Ref.: Kurt Mendel.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
275
Die Plexus chorioidei der Seitenventrikel entwickeln sich ungefähr in der¬
selben Richtung wie die Hemisphärenblasen selbst. Zuerst angelegt ist ihr
vorderster im Bereiche der Decke des Cavum Monroi befindlicher Abschnitt; er
entsteht hier aus den die Sulci hemisphaerici bildenden Hirnwandfalten sowie aus
dem diese beiden, in der Fortsetzung des Zwischenhirndaches verbindenden, vorerst
kielförmig vorspringenden Wandteile des Endhirns. Ein zweiter Abschnitt er¬
scheint wesentlich später in Form einer jederseits zunächst einfachen gegen den
Hohlraum der Seitenkammer zu vorspringenden Falte.
21) Über das Differenzierungsvermögen der Gehirnzellen, von A. Fischei.
(Archiv f. Entwicklungsmech. XL. 1914. Heft 4.) Ref. W. Misch.
Um festzustellen, ob in einem niederen Stadium der Entwicklung eine Diffe-
renzierungsfahigkeit der Zellen des zentralen Nervensystems vorhanden ist, werden
an Larven von Salamandra maculosa, an deren Gehirn verschiedene Schnittläsionen
angebracht wurden, die Regenerationserscheinungen beobachtet. Aus den zahl¬
reichen Versuchen geht hervor, daß, während die über dem Gehirn gelegenen
Gewebe vollkommen regenerierten, es im Bereiche des Gehirns selbst nie zu
einer Wiederherstellung der normalen Verhältnisse kam; es besteht also selbst
bei jungen Amphibienlarven keine Regenerationsfähigkeit des Gehirns mehr, indem
die allerdings in Menge entstehenden neuen Zellen nicht mehr imstande sind, den
Defekt formativ zu regulieren. Vielmehr haben die neu entstehenden Zellen die
Tendenz, sich zu Epithelröhren zu formieren, das Wiedererscheinen einer Fähig¬
keit, die den frühembryonalen Stadien dieser Zellart zukommt.
22) Untersuchungen aber den Ausgleich der Bewegungsstörungen naoh
Rindenaussohaltungen am Affengro&hirn, von W. Trendelenburg.
(Zeitschr. f. Biol. LXV. 1914. Heft 3 bis 4.) Ref.: W. Misch.
Es werden die Munkschen und Goltzschen Untersuchungen über die Wieder¬
erwerbung der Extremitätenbewegung nach Exstirpation des dazu gehörigen Rinden¬
zentrums wieder aufgenommen. Insbesondere wird die Frage wieder aufgeworfen,
ob das Wiederlernen der Bewegungen auf das Einspringen der anderen erhaltenen
motorischen Region für die exstirpierte zurückzuführen ist. Als Versuchstiere
dienten 7 Affen (Rhesus, Hutaffe, Meerkatze und Pavian). Aus den untereinander
gut übereinstimmenden Versuchen geht folgendes hervor: Wird die linke Arm¬
and Beinregion flach unterschnitten, so daß noch ein Teil derselben erhalten ist,
so erhält der rechte Arm nach einigen Wochen seine völlige Bewegungsfahigkeit
wieder und kann nach Außerfunktionsetzung des linken Armes sogar feine Be¬
wegungen ausführen. Nach totaler Unterschneidung der linken Rindenregion wird
der rechte Arm zum Fressen nicht mehr benutzt; erst wenn der linke Arm am¬
putiert oder durch entsprechende Vorrichtung an der Benutzung gehindert wird,
wird der rechte Arm, sofern das Futter mit dem Maule nicht erreichbar ist, zum
Fressen benutzt, doch sind seine Bewegungen einförmig und ungeschickt und
bessern sich auch nicht mit der Zeit. Durch Exstirpation der rechten Rinden¬
region wird nichts an dieser Bewegungsfähigkeit geändert; es lassen sich auch
nicht durch elektrische Reizung derselben irgendwelche Bewegungen am rechten
Arm hervorvorrufen, während bei der partiellen, flachen Unterscheidung durch
Reizung der erhaltenen Reste der linken Armregion wohl Bewegungen des rechten
Armes ausgelöst werden können. Alle Versuche wurden durch mikroskopische
Untersuchung der exstirpierten Rindenstücke kontrolliert. Demnach ist die
gleichseitige Rinde an dem Erwerb einer besseren Benutzbarkeit des rinden¬
geschädigten Armes unbeteiligt. Es geht also aus diesen Beobachtungen un¬
zweifelhaft hervor, „daß das Verhalten der Affen nach vollständiger Ausschaltung
der Armgegend der Großhirnrinde sich nicht dem Munkschen Schema von dem
Erhaltenbleiben der Gemeinschaftsbewegungen bei dauerndem Verlust der Sonder¬
bewegungen fügt, und daß die Munksche Erklärung von scheinbaren Sonder¬
te
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
276
bewegungen als sekundäre Bewegungen für die gemaohten Beobachtungen nicht
zutreffen kann“.
23) Beitrag zur Kritik des Hellsebens, der Ahnungen und des Gedanken¬
lesens, sowie der denkenden Tiere u. a., von Prof. Dr. Robert Meyer.
(Berliner klin. Wocbenschr. 1914. Nr. 23.) Ref.: £. Tobias (Berlin).
Verf. konstatiert, daß sich in der letzten Zeit in der medizinischen Fach¬
presse Mitteilungen aus Gebieten gehäuft vorwagen, welche sonst in Deutschland
verpönt waren; so liest man vom Hellsehen, von Ahnungen, vom Gedankenlesen,
von denkenden Tieren usw. Er fordert, daß man nur glaubhafte Tatsachen
schaffen und Theorien in den Hintergrund stellen soll; die Kritik hat bei tele*
pathischen Erzählungen in allen kleinsten Einzelheiten einzusetzen, nur zuver¬
lässig amtlich beglaubigte Ahnungen lohnt es sich zu registrieren. Bezüglich der
näheren Einzelheiten sei auf die Arbeit selbst verwiesen.
24) Studio maoro- e miorosoopioo sul simpatioo dei oheloni con osservazi-
oni intorno alle anaatomosi oellularf, per Carlo Riquier. (Rivista di
Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914. H. 7.) Ref.: R. Ganter.
Verf. untersuchte das sympathische Nervensystem der Schildkröten (Thalasso-
chelyB caretta) und kommt zu folgenden Ergebnissen: 1. Bei Thalassochelys
handelt es sich um ein zentrales sympathisches Nervensystem im Thorax. Doch
sind die es darstellenden Ganglien innig mit den Spinalganglien verbunden, und
zwar vom 2. bis 7. Spinalganglion vollständig, vom 8. bis 10. nur zum Teil.
2. Die Zellhaufen des Sympathicus bilden zwei symmetrische Ganglienketten längs
der Brust-Lendenwirbelsäule, die innig, ohne deutlich sichtbare Verbindungszweige,
mit den entsprechenden Spinalganglien vereinigt sind. Sie stellen ausschließlich
die Zentralstation des Sympathikus- im Thorax dar. 3. Aus der ursprünglichen
Anlage des Sympathicus entstehen die viszeralen Ganglien. Die Zentralstelle
bildet sich in der ventralen Gegend des Spinalganglions durch weitere Diffe¬
renzierung.
26) I/azione del mioroooooo di Bruoe (melitense) e delle sue tossine sul
sistema nervoso centrale e periferioo, per Renato de Nunno. (Rivista
di Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914. H. 6.) Ref.: R. Ganter.
Während die von dem Mikrokokkus des Maltafiebers hervorgerufenen Ver¬
änderungen der Organe vielfach studiert worden sind, wissen wir noch wenig
über die Schädigungen des Nervensystems. Verf. hat deshalb eine große Anzahl
von Versuchen an Kaninchen angestellt. In einer Versuchsreihe injizierte er eine
beträchtliche Menge Mikrokokken subdural und erzeugte eine Reihe Veränderungen
an den Gefäßen, dem Blute und den Nervenzellen, nämlich eine diffuse Hyper¬
ämie, Degeneration der Gefäßwände, bisweilen mit Ablösung und Zerfall der
Intima und ihrer Elemente, eine beträchtliche Leukozyteninfiltration, da und dort
eine Plasmazelle außen an der Adventitia. Die Blutuntersuchung ergab eine
deutliche Leukopenie und in manchen Fällen fibrinöse Thromben. Die Neuroglia
war normal. Es fand sich eine starke Abnahme der Nervenzellen, die übrig¬
gebliebenen zeigten alle möglichen Veränderungen: Chromatolyse, Karyolyse, Pyknose,
Faserschwund, Leukozyteninfiltration. Die Veränderungen waren am deutlichsten
im Großhirn und Bulbus, geringer in der Med. oblong, und fehlten ganz im
Kleinhirn und den peripheren Nerven.
In einer zweiten Versuchsreihe wurden die Mikrokokken endovenös einver¬
leibt, und zwar in der doppelten Menge, wie bei der subduralen Injektion. Die
Veränderungen waren die gleichen, nur mit dem Unterschied, daß sie viel auf¬
fallender waren im Bulbus und der Med. oblong., und daß die peripheren Nerven
sich viel schwerer affiziert zeigten, es bandelte sich bei ihnen um eine schwere
degenerative Neuritis. Ob diese Neuritis vom Achsenzylinder oder seiner Um¬
gebung ausgegangen war, kann Verf. nicht angeben, da er sowohl das Mark wie
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
277
den Achsenzylinder stark verändert fand. Das Kleinhirn blieb auch hier
verschont.
In der dritten Versuchsreihe injizierte Verf. sterile Kulturen des Mikro-
kokkus subdural. Die Veränderungen waren dieselben wie die durch die leben¬
den Kokken erzeugten. Auch diesmal erwies sich das Kleinhirn als unverändert.
Verf. wollte durch seine Versuche beweisen, daß sowohl durch den Mikro-
kokkus wie durch seine Endotoxine bedeutende Veränderungen im zentralen und
peripheren Nervensystem hervorgerufen werden können.
20) Sopra speoiali alterazioni nuoleari delle oellule nervöse nella malassia
dl Borna (meningo-enoefalite aouta del oavallo), per G.Pilotti. (Bivista
sperimentale di Freniatria. XL. 1914. H. 3.) Bef.: B. Ganter.
Verf. hat im Laboratorium der tierärztlichen Hochschule zu München Unter¬
suchungen angestellt über die von Joest und Degen 1909 beschriebenen, bei
der Meningoencephalitis der Pferde gefundenen Kerneinschlüsse. Verf. ist der
Ansicht, daß sie durch Zerfall des Kemkörperchens in den der Degeneration
anheimgefallenen Nervenzellen entständen. Sie sind nicht für diese Krankheit
charakteristisch, sondern kommen bei verschiedenen pathologischen Prozessen vor.
Die frühere Anschauung, wonach Parasiten bei dem Zustandekommen der Kern-
einscbHisse eine Bolle spielten, erübrigt sich.
27) Einige Experimente an dem N. petrosus superficialis major zur Be¬
stimmung des Ursprungsgebietes des Nerven, von K. Yagita. (Folia
neuro-biologica. VIII. 1914. Nr. 4.) Bef.: P. Böthig (Charlottenburg).
•Die Versuche wurden am Hunde angestellt; sie betrafen Durchschneidung
des N. petrosus superficialis major, Durchschneidung der N. palatini, Unter¬
suchung des Gangl. geniculi VII, des Gangl. sphenopalatinum und des Hirnstammes
mit der NisslBchen Methode. Dabei wurden auch Aufschlüsse über den Bau des
normalen Gangl. geniculi und Gangl. sphenopalatinum erzielt Die Befunde am
Hirnstamm der Untersuchungstiere werden mit denen am menschlichen Hirn¬
stamm verglichen. — Der N. petrosus superficialis major enthält zentripetale
und zentrifugale Fasern. Die zentripetalen Fasern haben ihre Ursprungszellen
im Gangl. geniculi; die zentrifugalen Fasern entspringen aus einem homolateralen
Kern des Hirnstammes, der in der Höhe des oberen Drittels des Fazialiskernes
an seiner dorsalen Seite in der Formatio reticularis grisea sich befindet. Der
Unterschied dieses Kernes gegenüber dem Speichelsekretionszentrum der Chorda
tympani liegt darin, daß sich letzteres in tieferen Ebenen, in der Höhe des mittleren
Drittels des Fazialiskernes, befindet und der ventralen Seite der spinalen Acusticus-
wurzel genähert ist. Die zentrifugalen Fasern des N. petrosus superficialis major
gelangen nicht in die N. palatini, sondern endigen im Gangl. sphenopalatinum;
sie stellen zum größten Teil die präganglionären Fasern dieses Ganglions dar,
während die Nn. palatini, in welche die Neuriten des Gangl. sphenopalatinum
größtenteils gelangen, die postganglionären Fasern dieses Ganglions enthalten.
Somit stehen die zentrifugalen Fasern des N. petrosus superficialis major wenig¬
stens zum größten Teil den autonomen Gebilden des Gaumens vor. Die Mög¬
lichkeit des Vorhandenseins motorischer Fazialisfasern im N. petrosus superficialis
major für die Mm. levator veli palatini et uvulae wird aber von dem Verf. nicht
vollständig verneint, vielmehr weiteren Untersuchungen Vorbehalten.
28) Die Leistungen des Zentralnervensystems beim Frosch dargestellt mit
Rücksicht auf die Lebensweise des Tieres, von Fritz Edinger jr.
(Zeitschr. f. ailg. Physiol. XV. 1913. H. 3.) Bef.: K. Boas.
Ausgehend von der Biologie der Frösche (Fortbewegung, Nahrungsaufnahme,
Stimme und Begattung) bespricht Verf. das Nervensystem der Frösche und seine
Verrichtungen, und zwar im einzelnen die Sinnesphysiologie, den chemischen Sinn,
den Lichtsinn, den Gehörsinn, die statischen Funktionen und den Temperatur*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
278
sinn. Die Rezeptionen aus der Haut, den Muskeln und Gelenken werden durch
die sensiblen Nerven, Spinalganglien und hinteren Wurzeln des Rückenmarks
hervorgerufen. Yerf. behandelt weiterhin die Medulla oblongata, das Kleinhirn,
den Thalamus opticus und die psychischen Funktionen beim Frosche.
Im ganzen sind die Bewegungen besser studiert als die Rezeptionen. Immerhin
geben uns unsere heutigen Kenntnisse der Sinnesphysiologie des Frosches die
Möglichkeit, uns von seiner „Umwelt“ (v.Uexküll) ein gewisses Bild zu machen,
wenn anch hier noch manche Lücke, besonders was den Riechapparat angeht,
auszufüllen ist. Auch die sensiblen Rezeptionen ans Muskeln und Gelenken sind,
wenigstens soweit sie propriorezeptive Reflexe erzeugen, einigermaßen studiert.
Was das Verhalten gegenüber Witterungsveränderungen angeht, so geben die
Versuche über Temperatur und Atmung immerhin einige Hinweise. Dagegen be¬
sitzen wir so gut wie gar keine Erfahrungen über jene Veränderungen im All¬
gemeinverhalten des Tieres, wie sie die Jahreszeiten und vor allem die Reifung
der Geschlechtsprodukte hervorbringen. Verhältnismäßig gut sind die muskulären
und nervösen Elemente studiert, welche der koordinierten Fortbewegung dienen.
Der gesamte hierzu nötige Apparat ist im Rückenmark enthalten, und es gibt
hier fertige Mechanismen, die einmal angeregt, zu einer bestimmten Bewegungs¬
folge fuhren, wie z. B. Druck auf die Sohle zu Sohwimmstößen der Hinterbeine.
Auch der Apparat, welcher von höheren Teilen aus solche Bewegungen erregt
und hemmt, ist teilweise bekannt. Besonders genau beschrieben ist der Mecha¬
nismus, durch den es gelingt, die Stimme des Frosches auf künstliche Weise
reflektorisch zu erregen, doch ist damit noch nicht gezeigt, wie nun dieses Quaken
in der Natur zustande kommt. Möglicherweise handelt es sich, wie wohl auch
bei der Auslösung der Schwimmbewegungen, um physikalische Veränderungen an
der Oberfläche des Wassers, wofür die Tatsache spricht, daß dieses Quaken fast
nur bei Wasserfröschen, fast nie in der Gefangenschaft und zumeist nur abends
Auftritt. Die biologischen Bedingungen für die Nahrungsaufnahme und für die
Fortpflanzung sind etwas besser erforscht, doch ist auch hier noch viel zu tun.
DaB psychologische Verhalten ist erst neuerdings Gegenstand experimenteller
Untersuchungen geworden, die auf ein gewisses Modifikationsvermögen schließen
lassen.
Der Arbeit, die in Wirklichkeit mehr als ein „Sammelreferat“ im gewöhn¬
lichen Sinne des Wortes darstellt, ist ein über ein 5 Seiten umfassendes Literatur¬
verzeichnis beigegeben, das die einschlägige Literatur wohl ziemlich lückenlos
aufführen dürfte.
29) Gontributions ä la Physiologie du systöme nerveux oentral et du
monvement des poissons, par 0. Polimanti. (Arch. ital. de biol. LIX.
1913. S. 383.) Ref.: W. Misch.
Es wird eingehend das Zentralnervensystem der Fische beschrieben und die
verschiedenen Gehirnregionen derselben mit den entsprechenden Regionen der
anderen Wirbeltiere sowie mit dem Zentralnervensystem der Wirbellosen ver¬
glichen. Für Lokalisation der lokomotorischen Funktionen bei den Fischen
ergibt sich, daß das Rückenmark der Selachier mit den lokomotorischen Funktionen
begabt ist, während das der Teleostier diese Fähigkeit verloren hat (außer bei
einigen, wie dem Aal, bei denen dies auf besondere Umstände zurückzuführen ist).
Bei den Selachiern ist das Kleinhirn von einer Bedeutung, die der bei den
Reptilien und Amphibien analog ist, während es bei den Teleostiern von
mehr untergeordneter Bedeutung ist. An der Basis des Metencephalon findet sich
bei allen Fischarten ein Koordinationszentrum für Bewegungen. Die Funktionen
des Mesencephalon entsprechen dem auch bei den Reptilien und Amphibien vor¬
handenen; nach Verletzungen desselben treten Sehstörungen bis zu völliger Blind¬
heit auf sowie Störungen in der motorischen Sphäre und Gleichgewichtsstörungen,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
279
während die Sensibilität überhaupt erloschen ist. Dos Diencephalon bat bei
Soyllium eine ähnliohe Funktion wie beim Frosch: nach seiner völligen Zerstörung
wechseln Perioden gesteigerter Aktivität mit solchen völliger Bewegungslosigkeit
ab, und der Gesichtssinn und der chemische Sinn sind schwer geschädigt. Das
Telencephalon der Selachier ist viel weiter entwickelt als das der Teleostier, bei
denen, infolge einer regressiven Metamorphose des Tektum, die Funktion desselben
besonders von dem Mesenoephalon übernommen wird. Bei den Fischen ist das
Mesencephalon die am meisten entwickelte Hirnregion, deren benachbarte Regionen,
das Diencephalon und das Metencepbalon, durch ihre engen Beziehungen zum
Mesencephalon, ebenfalls von ziemlicher, wenn auch sekundärer Bedeutung sind.
Kriegsbeobachtungen.
• 30) Rerven- und Geisteskrankheiten im Felde und im Lazarett, von
A. Friedländer. (Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1914.) Ref.: Seige-Parten-
kirchen (zurzeit im Felde).
Verf. gibt einen kurzen Überblick über die im Felde zu erwartenden Geistes¬
krankheiten und Neurosen (die organischen Nervenkrankheiten werden nicht be¬
sprochen). Praktische therapeutische Ratschläge sind beigefugt. Das anspruchslose
Büchlein dürfte seinen Zweck, dem Nichtspezialarzte im Felde eine Anleitung für
sein ärztliches Handeln zu geben, wohl erfüllen.
31) Mein Tetanusimmunserum, von E. v. Bering. (Berliner klin. Wochenschr.
1915. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Der große Krieg, der auch an die Ärztewelt besondere Anforderungen stellt,
gibt bedauerlicherweise reichliche Gelegenheit Tetanusstudien zu machen, und
fast jede Nummer des Neurologischen Centralblattes bringt in der für den Krieg
neugeschaffenen Rubrik der „Kriegsbeobachtungen“ von neuen Beobachtungen und
Veröffentlichungen über den Tetanus, vor allem auch über das pro und contra
dieser oder jener Behandlungsmethode, eine ganze Anzahl von Referaten. Man
wird es darum besonders freudig begrüßen, daß der Entdecker des Tetanusimmun¬
serums in der vorliegenden Arbeit sich selbst über sein Serum äußert; seine Aus¬
führungen, auf die hier angelegentlich hingewiesen sei, befassen sich sowohl mit
dem Tetanusimmunserum als Mittel zur präventiven Tetanusbekämpfung wie mit
diesem Serum als Mittel zur Blutmengebestimmung beim lebenden Menschen.
32) Drei Kriegsverletzungen des Kehlkopfes, von 0. Koerner. (Zeitschr. f.
Ohrenheilk. u. f. d. Krankb. d. Luftwege. LXXII. H. 2.) Ref.: E. Tobias.
Drei Kehlkopfverletzungen, von denen die dritte neurologisches Interesse hat.
Nicht der Kehlkopf selbst, sondern der ihn versorgende N. vagus war getroffen.
Die Kugel drang ganz seitlich am rechten Jochbogen ein, durchschlug den verti¬
kalen Teil des rechten Unterkieferknochens und blieb in der rechten Halsseite
unter der Haut stecken, da wo der N. accessorius Willisii unter der Mitte des
hinteren Sternocleidomastoideusrandes hervorkommt. Aus dem Befunde hervor¬
zuheben ist eine wohl auf eine Knochensplitterung zurückzuführende Abduzens¬
lähmung, eine beiderseitige Neuritis nervi optici, die am ehesten durch eine
Blutung innerhalb der Schädelhöhle zu erklären ist, sowie die Verletzung des
N. vagus, die zur völligen Lähmung des rechten Stimmbandes und der rechten
Gaumenhälfte, ferner zu Pulsbeschleunigung führte. Durch Zerstörung des Acces¬
sorius Willisii kam es zu einer Lähmung des Sternocleidomastoideus und des
Trapezius. Auch der N. bypoglossus war getroffen, was eine halbseitige Zungen¬
lähmung zur Folge hatte.
Verf. beklagt, daß die Verwundeten nicht laryngoskopisch untersucht werden,
wenn sie auch deutliche Zeichen von Kehlkopfverletzung zeigen.
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
280
33) Weitere Erfahrungen über Kriegsverletzungen des Kehlkopfes und des
N. vagus, von 0. Koerner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luft¬
wege. LXXII. H. 3.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Ver£ schildert vier weitere Schußverletzungen des Kehlkopfes und fügt die
weitere Krankengeschichte des Falles III seiner ersten Veröffentlichung (s. vor¬
stehendes Referat) hinzu. In der Idee, daß eine Nervennaht die Funktion der
vom Accessorius gelähmten Muskeln wiederherstellen könnte, wurde an die Ope¬
ration geschritten; die Operation ergab nun das überraschende Resultat, daß
keiner der geschädigten Nerven makroskopisch geschädigt und etwa in der Kon¬
tinuität getrennt war, sie wurden nur in inniger Berührung mit dem Narben¬
gewebe des Schußkanals gefunden. Danach genügte das nahe Vorbeigehen der
Kugel am Vagus, Accessorius und Hypoglossus, diese Nerven sofort zu lähmen,
ohne sie zu treffen oder etwa zu zerreißen. Der chirurgische Eingriff bestand
lediglich in einer Freilegung und Isolierung der Nerven. Die vom Accessorius
versorgten Nerven und die Zungenlähmung besserten sich, die Kehlkopflähmung
blieb hingegen unverändert, die unklaren Symptome, die Abduzenslähmung sowie
die Neuritis optica sind inzwischen verschwunden.
Von den vier neuen Fällen handelt es sich im ersten um einen Schuß durch
Hals und Schulter mit Vaguslähmung, und zwar scheinbar wiederum durch Fern¬
wirkung. Im zweiten Fall war der Schuß durch die rechte Kleinhirnhälfte von
hinten nach vorn gegangen mit gleichzeitiger Lähmung der Nn. acusticus, glosso-
pharyngeus, vagus und hypoglossus. Die Kugel hat das Hinterhauptbein hinten
in nächster Nähe des rechten Sulcus transversus durchschlagen, dann die rechte
Kleinhirnhemisphäre von hinten nach vorn durchbohrt und war rechts an der
Vorderwand der hinteren Schädelgrube wieder durch den Einochen gedrungen.
Die Nerven sind innerhalb der Schädelkapsel getroffen, und zwar handelt es sich
mit Wahrscheinlichkeit um Schädigungen der Wurzeln und der intrakraniell ge¬
legenen Stammteile an der Schädelbasis oder innerhalb der Austrittslöcher aus
dieser. In den beiden übrigen Fällen haben subkutane Streifschüsse den Schild¬
knorpel getroffen.
34) Zur Kenntnis der Sohnßverletsung des N. radialis, von A. Hoepfl.
(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Unter 900 Verwundungsfällen waren 6 Oberarmschüsse mit sofort nach der
Verletzung aufgetretener Radialislähmung. In 6 Fällen wurde die Nervennaht
ausgefuhrt. In allen diesen Fällen erwies sich die Verletzungsstelle des N. radialis
bei der Operation als annähernd gleich; sie war ungefähr in der Mitte einer vom
äußeren Rande des Akromion zur Ellenbogenspitze gezogenen Linie, an dem
oberen Ende des Sulcus n. radialis, da, wo der Nerv sich um die Außenseite des
Humerus herumschlingt, am obersten Ende des äußeren Trizepskopfes gelegen. In
keinem Falle war der Nerv direkt durch das Geschoß zerrissen worden, vielmehr
war es immer die Auseinandersplitterung des Knochens, welche ihn trotz der
Verschiedenheit der Schußrichtung jedesmal an der gleiohen Stelle, wo er eben
dem Humerus am straffsten anliegt, auseinander gerissen hatte.
35) Über die Behandlung verletzter Nerven im Kriege, von A. Stoffel.
(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Direkt nach einer Nervenverletzung sind alle Gelenkstellungen, die ein Klaffen
der Stümpfe nach sich ziehen, nach Möglichkeit zu vermeiden. Durch die richtige
Gliedstellung (Polster, Schienen) geben wir den Stümpfen die Möglichkeit zu¬
sammenzubleiben und in Nachbarschaft miteinander zu verwachsen. Sind 3 bis
4 Wochen vorüber, dann sind sie so fest miteinander und mit der Umgebung
verbunden, daß auch bei schlechtester Gliedstellung ein Auseinanderrücken nicht
mehr zu befurchten ist. Es kann sogar vielleicht eine primäre neurotische Ver¬
einigung stattfinden. Sobald es die Begleitumstände gestatten, wird man mit
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
281
Elektrisieren einsetzen. Die Nervennaht, bei welcher die Schnittflächen der korre¬
spondierenden Stümpfe der einzelnen Nervenbahnen in minutiöser Weise mit¬
einander in Kontakt gebracht werden müssen, das normale Gefüge des Nerven-
kabels also wieder herzustellen ist, wird des genaueren beschrieben. Die Nach¬
behandlung besteht in allmählichem Dehnen des Nerven durch vorsichtige passive
Bewegungen. Die Nervenoperation selbst ist im Kriegslazarett auszuführen, das
Feldlazarett leitet die Vorbehandlung. Die Mechanik der Nerven spielt bei Mög¬
lichkeit, Art und Schwere einer Nervenverletzung eine große Bolle. Ist im Moment
der Gliedverletzung der Nerv durch die Stellung des Gliedes gespannt, dann kann
er der Stoß- und Druckwirkung nicht ausweichen, er wird lädiert. Befindet er
sich aber infolge der Gliedstellung in maximaler Entspannung, so liegt die Mög¬
lichkeit vor, daß er zur Seite geschoben wird und unverletzt bleibt. So erklären
sich Schußverletzungen ohne Beschädigung des Nerven, bei denen man nach Ein-
und Ausschuß unbedingt eine Nervenverletzung erwartete.
36) Über Nervenverletzungen, von Kurt Fleischhauer. (Berliner klin.
Wochenschr. 1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Verletzungen peripherer Nerven sind im Kriege besonders häufig, ob sie
nun unmittelbar durch ein Geschoß verursaoht sind oder sekundär durch Kallus¬
druck und Knochensplitter. Die völlige Durchtrennung ist relativ selten, aber
man sieht Nerven, die nicht nur gequetscht, sondern angerissen oder glatt durch¬
löchert sind. Ziel der Therapie muß die Vereinigung durchtrennter Nerven,
unter Umständen naoh Exzision von Nervengewebe, sein oder seine Freilegung und
Versorgung zum dauernden Schutz vor Kompression durch umgebendes Gewebe.
Von Bedeutung ist die Erhebung des genauen Befundes; Verf. schildert verschiedene
Beispiele von Peronaeusverletzungen; bei einigen handelt es sich um eine moto¬
rische Lähmung und sensible Ausfallserscheinungen, bei anderen standen sensible
Beizerscheinungen und trophische Störungen im Vordergrund.
37) Zur Frage der Nervennaht, von W. Spielmeyer. (Münch, med. Woch.
1915. Nr. 2 u. 3) Bef.: Kurt Mendel.
In denjenigen Fällen von peripherer Nervenverletzung, in denen es unmöglich
ist, aus neurologischen Symptomen heraus zu entscheiden, ob eine vollständige
Kontinuitätstrennung eines Nerven vorliegt oder nicht, ist zunächst abzuwarten,
wie sich der weitere Verlauf gestaltet, und nicht zu operieren, weil häufig bei
den inkompletten Zerstörungen die Wiederherstellung der Funktion von selbst
erfolgt und zwar auch dort, wo komplette Entartungsreaktion und völliger Funk¬
tionsausfall bestand. In diesen Fällen ist die Elektrotherapie am Platze (gal¬
vanische, nicht zu starke Ströme). Daß sich die Lähmungen allmählich von selbst
zurückbilden, erklärt sich aus der anatomischen Unvollständigkeit der Nerven¬
durchtrennung bei Schußverletzungen.
Das Optimum für die Nervennaht liegt innerhalb der ersten 3 bis 4 Monate,
was wohl mit den histologischen Vorgängen in dem degenerierenden peripheren
Abschnitt des Nerven zusammenhängt. Die Bedingungen für die Regeneration
sind am günstigsten etwa innerhalb der ersten 4 (oder 6) Monate, später werden
Bie wesentlich schlechter. Nach mehr zentral gelegenen Läsionen (z. B. Durch¬
trennung von Plexusästen) ist die Begenerationsmöglichkeit eine viel geringere
als bei den peripherer angreifenden Verletzungen. Auch finden bei ersteren viel
eher retrograde Zell Veränderungen in den Vorderhörnern statt. Daher die un¬
günstigen Erfahrungen, die man bei den hoohsitzenden Ischiadicus- und Plexus¬
verletzungen macht.
Nach der chirurgischen Wiedervereinigung der Nervenenden werden l 1 /* bis
2 Jahre vergehen, ehe die gelähmten Muskelgruppen wieder gut gebrauchsfähigwerden.
In Fällen von knotenartigen Verdickungen und narbigen Einziehungen am
Nerven wird man den Nerv resezieren und die Nervennaht ausführen, zumal man
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
282
durch die Naht nicht schaden, in Anbetracht der geringeren Wahrscheinlichkeit
einer prompten Regeneration aber durch Zuwarten die Heilnngsaussichten wesent¬
lich verringern kann.
in. Aus den Gesellschaften.
Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten.
Sitzung vom 8. Februar 1915.
Ref.: K. Löwenstein (Berlin).
1. Herr Bonhoeffer: Demonstrationsur Pathologie der Kleinhirnbrüoken-
winkeltumoren. Vortr. zeigt das Präparat eines rechtsseitigen, dem Kleinhirn
aufliegenden Tumors, der klinisch linksseitige Symptome gemacht batte.
Es hatte sioh um einen vom Tentorium ausgehenden Tumor gehandelt, der in die
rechte Kleinhirnhemisphäre eine tiefe Delle eingedrückt hatte, ohne mit dem
Kleinhirn selbst zu verwachsen. Von Allgemeinsymptomen hatten Kopfschmerzen
und beginnende Neuritis optica bestanden. Die lokalen Symptome waren links¬
seitige Quintushypalgesie von wechselnder Intensität, Herabsetzung der Korneal-
reflexe, und zwar überwiegend des linken, rotatorischer Nystagmus nach links,
linksseitige Ataxie und linksseitige Adiadochokinese, dazu Ohrensausen über¬
wiegend links und Klopfempfindlichkeit der linken Hinterhauptschuppe. Die Unter¬
suchung des Vestibularapparateq ergab normale Verhältnisse, kein pathologisches
Vorbeizeigen. Die linksseitigen Symptome waren immer nachweisbar, aber sie
zeigten deutliches Schwanken in der Intensität; der Nystagmus war im Sitzen
stärker als im Liegen. Die Diagnose lautete auf linksseitige Kleinhirnaffektion.
Trotz Fehlens einer objektiven Herabsetzung des Gehörs wurde an den linken
Brückenwinkel gedacht, besonders auch weil gleichzeitig eine Neurofibromatose
an beiden oberen Extremitäten und am Rumpf nachweisbar war. Es ist der zweite
Fall, in dem Vortr. durch ausgesprochene Hirnnerven- und Halbseitensymptome
zu einer Fehldiagnose hinsichtlich der Lokalisation einer Kleinhirngeschwulst ver¬
anlaßt worden ist. Bemerkenswert ist, daß auch die Untersuchung nach Bar&ny,
die mehrfach auch von ohrenärztlicher Seite (Prof. Haike, Kgl. Ohrenklinik)
vorgenommen worden ist, im Stiche ließ. Es muß das wohl seinen Grund darin
haben, daß es sich bei der Kleinhimschädigung nur um eine ganz langsam vor
sioh gehende Verdrängung der Substanz gehandelt bat. In dem erwähnten früheren
ähnlich liegenden Falle hatte Vortr. sofort die Öffnung der anderen Seite an¬
schließen lassen und den Tumor dort entfernen können. Dieses Verfahren wird
sich in allen Fällen empfehlen, wenn die Operation der einen Seite kein Ergebnis
fördert. Vielleicht empfiehlt es sich bei ausgesprochenen Intensitätsschwankungen
der Halbseitensymptome, von vornherein die Freilegung des gesamten Kleinhirns
vornehmen zu lassen. Im vorliegenden Falle ist davon Abstand genommen worden,
weil sich bei der Freilegung des linken Kleinhirnbrückenwinkels eine verhältnis¬
mäßig große Liquormenge entleerte, so daß daran zu denken war, daß sich das
ganze Bild durch eine Liquorabsackung erklärte. Möglich ist, daß diese Liquor¬
absackung mit dem Zustandekommen der Herdsymptome auf der linken Seite in
ursächlicher Beziehung stand. Anschließend an diesen Fall demonstriert Vortr.
die beiden Felsenbeinpyramiden eines zur Obduktion gekommenen operierten
Kranken mit Kleinhirnbrückenwinkeltumor, bei dem die Erweiterung
des Porus acusticus internus durch den Tumorzapfen, auf den Henschen
hingewiesen hat, besonders deutlich zu sehen ist. Autoreferat.
2. Herr Toby Cohn: Schuß verletaung des Platysma myoides. Der
20 jährige Mann erhielt am 1. November in Belgien einen Gewehrschuß, der am
linken Kieferrande eindrang und am Nacken — ebenfalls links — austrat. Außer
vorübergehender Lockerung einiger Zähne und einer Schwellung in der Umgebung
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
283
des Ohres hat er als einziges Symptom eine offenbar infolge Verletzung eines
Teiles des unteren Fazialisastes entstandene Platysmaläbmung zurückbehalten, die
sich in einem charakteristischen, bei Zähnezeigen und Lachen sich demonstrierenden
halbseitigen Herüberstülpen der Unterlippe über die untere Zabnreihe an der be¬
fallenen Körperseite zu erkennen gibt. Der Muskel ist bei aktiyer Innervierung
weder sichtbar noch palpabel. Elektrisch findet sich komplette Entartungsreaktion
in dem als Platysmaausläufer anzusehenden M. triangularis. Fraglich ist die
Zucknng8form im M. mentalis, der faradisch erregbar ist. Das Platysma selbst
ist weder galvanisch, noch faradisch zu reizen. — Isolierte Platysmalähmungen
sind selten. Ich habe im ganzen zwei oder drei angeborene Defekte und zwei
durch Halsdrüsenoperationen entstandene Lähmungen gesehen. Bei Fazialis¬
lähmungen finden sie sich oft als Teilerscheinung, werden aber meist übersehen. —
E. Remak u. a. haben auf das Symptomenbild aufmerksam gemacht. Merkwürdig
ist, daß Vortr. niemals — auch in diesem Falle nicht — am Platysma träge
galvanisohe Zuckungen gesehen hat. Gerade in diesem relativ frischen Falle
wären sie zu erwarten gewesen, zumal sie im M. triangularis bestehen. Viel¬
leicht hängt das mit dem Charakter des Platysma als flacher Hautmuskel zu¬
sammen. Autoreferat.
3. Herr L. Borchardt: Ersatz der Delta Wirkung durch andere Muskeln.
Vortr. zeigt einen Fall, bei dem durch Granatsplitter eine Lähmung des Deltoi-
deus, des Radialis inkl. Trizeps und des Serratus verursacht wurde. Der Kranke
hat gelernt, die Deltoideuswirknng in relativ guter Weise durch den Pectoralis
major zu ersetzen, zum Teil vielleicht auch noch unter Zuhilfenahme des Supra-
spinatus. Autoreferat.
Diskussion: Herr H. Oppenheim betont, wie schwierig es ist, sich vorzu¬
stellen, daß der Pectoralis major den Deltoideus ersetzt. — 0. demonstriert dann
zwei Fälle, die in dieser Frage von Interesse sind. In dem ersten handelt es
sich um eine SohuBverletsung des linken Sympathious und des rechten
6. und 6. Zervikalnerven. Die ursprünglich vorhandene Erbsche Lähmung
besserte sich bald so weit, daß die Beuger des Unterarms wieder leistungsfähig
wurden. Der Deltoideus war noch total gelähmt, da machte Pat darauf auf¬
merksam, daß er mit der rechten Hand einen Stuhl erheben könne, während er
ohne diese Belastung eine Abduktion nicht auszuführen vermochte. Wie Sie
sehen, macht er das in sehr eigentümlicher Weise: er ergreift den Stuhl, beugt
dann den Unterarm und bringt durch diese Manipulation den Stuhl vom Boden
empor, dann bringt er den Oberkörper, besonders die rechte Sohulter, nach hinten
und verlegt besonders den Schwerpunkt des Stuhles soweit nach hinten, daß es
nun einer geringen Ausnutzung von Hilfsmuskeln bedarf, um den Arm mittels des
Schwergewichts des erhobenen Stuhles nach oben zur Vertikalstellung bzw. über
diese hinaus nach oben-hinten zu bringen. — Nach und nach hat er denn auch
gelernt, den unbewaffneten Arm emporzuheben, indem er den Unterarm beugt, die
Schulter hintenüberlegt, dann scheint es mir, als ob der Trizeps an dem in
Beugestellung gehaltenen Arm durch kräftige Anspannung zum Abduktor und
Elevator werden könne. Noch vor diesem Stadium vermochte er in der Bücken¬
lage den Arm zu elevieren. Über den dabei ins Spiel tretenden Mechanismus
machte uns Herr Dubois-Beymond interessante Angaben. Jetzt hat sich
übrigens auch der Deltoideus schon etwas erholt, ohne jedoch seine physiologischen
Aufgaben erfüllen zu können. — Der zweite Fall ist noch eigenartiger. Der
Mann ist am 20. September in einem Hohlweg gestürzt, dabei ist es zu einer
Verletzung der rechten Schulter und anscheinend zu einer Lähmung und Parese
des reohten Cuoullaris und Serratus gekommen. Auf den ersten Blick scheint
diese noch zu bestehen. Das rechte Schulterblatt befindet sich in leichter Schaukel-
Di gitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
284
Stellung und wenn ioh den Pat. auffordere, den rechten Arm zu abduzieren,
gelingt das nur bis zur Horizontalen, dabei fehlt jede Außendrehung der Scapula,
im Gegenteil: der Innenrand wird durch die Rhomboidei stark an die Wirbel¬
säule herangezogen. Auch beim Erheben des Armes nach vorn erinnert die
Stellung der Scapula an das Verhalten bei Serratuslähmung. Lasse ich nun aber
den Arm abduzieren und bringe durch einen leichten Druck den unteren Winkel
der Scapula etwas nach außen, so vermag jetzt der Pat. den Arm mit voller
Kraft bis zur Vertikalen zu erheben. Ich kann mich sogar an seinem Arm auf-
hängen, ohne daß der Arm nacbgibt. Der Serratus ist also vollkommen erhalten
und reagiert auch auf den elektrischen Strom. Pat. hat auch selbst schon gelernt,
den Kunstgriff auszunutzen: er bringt mit Beinern linken Arm durch einen leichten
Zug am rechten diesen aus seiner Zwangsstellung heraus und kann ihn dann frei
erheben. Meine Deutung ist folgende: Ursprünglich bestand eine Parese des
rechten Cucullaris und Serratus. Die Antagonisten, besonders die Rhomboidei,
traten in Aktion, aber diese schoß über ihr Ziel hinaus, es kam zu einer
dauernden Innervationsstörung derart, daß nun bei jedem Abduktions-
versuoh die Adduktoren der Scapula ein Übergewicht erlangen und
trotz Rückbildung der Serratuslähmung zunächst die Entfaltung seiner Tätigkeit
hintanhalten. Diese Muskeln scheinen auch hypertrophisch zu sein, ebenso der
Teres major — doch ist das nicht sicher. Der mittlere Cucullaris hat sich noch
nicht völlig erholt. Autoreferat.
Herr Toby Cohn: In dem Falle des Herrn Borchardt könnte man, wenn
das hochgradige Schlottergelenk nicht auf eine stärkere Mitbeteiligung des M.
supraspinatus schließen ließe, die erreichten funktionellen Resultate so erklären,
daß die klavikulare Portion des M. pectoralis den vorderen Deltoideus, die Reste
des M. supraspinatus und dazu noch andere Schultermuskeln (Cucullaris?) den
hinteren Deltoideus vertreten und so die Armhebung bis zur Horizontalen er¬
reichen. Autoreferat.
Herr Borchardt (Schlußwort): Der Supraspinatus wirkt wohl zur Arm¬
hebung mit, aber nioht allein. Die Pectoralismitwirkung wird dadurch erleichtert,
daß Pat den Arm vorher nach außen dreht.
4. Herr Cassirer: Demonstration von Verwundeten mit erfolgreicher
Nervennabt Vortr. stellt zuerst einen Verwundeten vor, bei dem von Herrn
Prof. Borchardt wegen einer kompletten Radialislähmung mit völliger Zerreißung
eine Nervennaht gemacht wurde. Nach nicht ganz 3 l / 2 Monaten stellten sich die
ersten Zeichen wiederkehrender Motilität ein. Einen Monat später hatte die
Motilität weitere Fortschritte gemacht bei noch vollkommener Entartungsreaktion.
Bei einem zweiten vorgestellten Verwundeten wurde von Herrn Prof. Helbing
der völlig zerrissene Radialis profundus genäht, 6 Wochen nach der Operation
stellten sich die ersten sicheren Bewegungen ein, die weiter rasch an Kraft und
Ausdehnung Zunahmen. Auch hier noch komplette Entartungsreaktion. Bei einem
dritten, vom Vortr. beobachteten Verwundeten wurde bei kompletter Radialis-
lähmung von Herrn Geh. Rat Bier die Neurolyse des Nerven und Exstirpation
eines Knochenstückchens aus dem Nerven vorgenommen. Nach 6 Wochen begann
eine rasch fortschreitende Besserung bei noch bestehender kompletter Entartungs¬
reaktion. Die Indikation zur Operation macht Vortr. außer eventuell von sehr
intensiven Schmerzen zuerst von völliger Aufhebung der Motilität und kompletter
Entartungsreaktion abhängig. Doch braucht auch, wenn dies beides vorhanden
ist, doch keine Kontinuitätstrennung vorzuliegen. Bezüglich der Sensibilitäts-
Störung weist Vortr. darauf hin, daß die Radialisinnervation kleiner als gewöhnlich
angegeben wird, ist Sie nimmt hauptsächlich den Raum über dem ersten und
zweiten Metakarpus ein, macht auch stets anscheinend vor der Gelenklinie der
Hand halt, geht dagegen am Daumen häufig auf das Dorsum der letzten Phalange
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
285
bis zum Nagel über, und betrifft außerdem eine schmale Zone an der Außenseite
des Daumenballens. Diese Störung scheint besonders bei Verletzungen an der
Umschlagsstelle des Nervus radialis vorhanden zu sein, während bei weiter peri¬
pherem, aber auch bei weiter zentralem Sitz besonders in der Achselhöhle bzw.
im Sulcus bicipitalis intern, die Sensibilitätsstörung trotz Zerreißung des Nerven
häufig noch viel geringfügiger ist bzw. ganz vermißt wird. Das liegt aber nicht
an einer Restitution oder kollateralen Innervation. — Gegen Eontinuitätstrennung
spricht Druckschmerzhaftigkeit des Nerven peripher von der Läsion, doch handelt
es sich dabei natürlich um ein rein subjektives Symptom mit all seinen Unsicher¬
heiten. Sind trotz völliger Lähmung keinerlei Neben Verletzungen vorhanden, so
liegt die Annahme einer sehr schweren Schädigung nabe. Bei Berücksichtigung
all dieser Momente läßt sioh die Frage der völligen Durchtrennung in einer
ziemlich großen Zahl von Fällen richtig entscheiden, doch gibt es kein ausschlag¬
gebendes Kriterium. Will man warten, bis eine spontane Restitution eintritt
oder nicht, so muß man drei viertel Jahr und länger ab warten. Vortr. billigt
dies nicht, und verzichtet bei der Indikation zur Operation auf eine Sicherheit,
ob der Nerv zerrissen ist, und schlug daher unter Berücksichtigung der oben ab¬
gegebenen Momente eine möglichst frühzeitige Operation vor, dann nämlich, wenn
es die lokalen Verhältnisse gestatten. Vortr. sah bisher 60 Fälle von reinen
Nervenverletzungen operativ behandeln, davon kamen 25 auf den Radialis und
16 auf den Ischiadikus. Völlige Zertrennungen fanden sich beim Radialis 9 mal
(36°/ 0 ), bei den übrigen Nerven 7 mal, im ganzen also 16 mal, das sind 25°/ 0
der Fälle. Neurolysen wurden 33 mal gemacht, Exzisionen der Narbe und Nerven¬
naht 9 mal, Neuromexzisionen unter Schonung der Kontinuität 2 mal. Die über¬
raschend große Zahl der völligen Zertrennungen ist natürlich für die Frage des
Zeitpunktes der Operation von größter Bedeutung. Es erscheint Vortr. auch noch
nicht ausgemacht, ob die Chancen der Wiederherstellung nicht bei zeitiger
Operation größer werden. Ob es wirklich gleichgültig ist, wann die sekundäre
Nervennaht gemacht wird, darüber liegen noch nicht genügende Erfahrungen vor.
Sehr bemerkenswert und mit den bisherigen Erfahrungen nicht im Einklang ist
die Raschheit des Beginns der Wiederherstellung, besonders in den beiden ersten
Fällen des Vortr. (3 bzw. l l / 2 Monate), aber auch im dritten Fall, der zwar keine
Zerreißung, aber doch enorme Veränderungen darbot. Auch für diese Fälle der
Neurolyse scheint eine frühzeitige Operation durchaus angebracht. Warum so
rasch eine Besserung eingetreten ist, kann Vortr. nicht sagen. Bemerkenswert
ist immerhin, daß es sich um ganz junge, sonst gesunde, kräftige Menschen handelt.
Ob eine solche frühzeitige Besserung die Regel ist, ist auch noch nicht zu sagen,
dazu ist die Zeit nach den Operationen zumeist zu kurz. Zweifellos ist die Stelle
der Läsion für die Prognose von Bedeutung, je weiter in der Peripherie, desto
eher wird eine Restitution statthaben. Besonders ungünstig liegen die Plexus¬
läsionen, die Verletzungen des Radialis in der Achselhöhle und die hohen
Ischiadicasverletzuhgen. Außer bei den völligen Zerreißungen war die Operation
bei vielen Fällen durch den Befund gerechtfertigt. Es fanden sich meist stein¬
harte Narben, zum Teil in ihnen die verschiedensten Fremdkörper. Ob man die
Narben exzidieren soll, ist noch nicht recht zu entscheiden, im allgemeinen ist
Vortr. geneigt, da konservativ zu verfahren. Ergab die elektrische Reizung bei
der Operation an einzelnen Stellen der Narbe noch Zuckungen, so wurden nur
die Narben partiell exzidiert. Die partielle Exzision ließ sich in einigen Fällen
durch den Befund nach der Operation als unschädlich erweisen. Die Schädigungen
nach den Operationen werden sich nach den bisherigen Erfahrungen in engen
Grenzen halten. Die Schmerzen nach den Operationen sind bei großer Diastase
der Fragmente oft für 1 bis 2 Nächte sehr groß. Die technisch schwierigen Opera¬
tionen in der Achselhöhle müssen mit der größten Vorsicht ausgeführt werden,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
286
um Nebenverletzungen zu vermeiden. Alles in allem glaubt Vortr., daß der
Schaden, der mit der frühzeitigen Revision der Nervenwunden angerichtet werden
kann, ganz außerordentlich zurücktritt gegenüber den Vorteilen, die diese Opera¬
tionen mit sich bringen. Möglicherweise sind auch die Bedingungen der Wieder¬
herstellung bei frühzeitiger Operation bedeutend günstiger. Abweichend von
dem bisherigen Verfahren empfiehlt daher Vortr. in den schweren Fällen eine
frühzeitige Operation. Voraussetzung ist natürlich eine sichere neurologische
Diagnose. In einer großen Zahl von Nervenverletzungen ist die Operation über¬
flüssig. Von 240 Fällen, die Vortr. sah, lag in 180 eine Indikation zur Operation
nicht vor. Nach einem Autoreferat.
Diskussion: Herr H. Oppenheim hebt hervor, daß es sich hier um einen
durchaus ungewöhnlich raschen Erfolg der Nervennaht handele, und daß daraus,
so interessant die Fälle auch sind, keine allgemeinen Schlüsse gezogen werden
dürfen im Hinblick auf die großen Statistiken von Head u. a. Bei der Neurolyse
seien dagegen derartige Schnellerfolge nicht ungewöhnlich. Das angeführte
Zeichen der Druckparästhesien bei Druck distal von der Narbe hat sich mir in
einem Falle nicht als zuverlässig erwiesen. Die Anästhesie bei Radialislähmung
erstreckt sich meist, aber nicht immer, auf die Dorsalfläche der Endphalanx des
Daumens. Autoreferat.
Herr Kramer stimmt dem Vortr. bei, daß die Sensibilitätdstörung bei
Radialisverletzungen von der Höhe der Läsion abhängt. Head hat schon auf
das Übereinandergreifen der zwei Radialisäste und des Musculocutaneus hin¬
gewiesen. Am geringsten ist die Sensibilitätsstörung bei Verletzung des Radialis
an der Umschlagsstelle, daher rührt auch das Fehlen der Sensibilitätsstörungen bei
Schlaflähmungen. An der Außenfläche des Daumenballens finde man doch
meistens eine Sensibilitätsstörung. Jedenfalls schließt das Fehlen einer Sensi¬
bilitätsstörung, besonders bei Verletzungen an der Umschlagsstelle, nicht eine
Zerreißung des Nerven aus. Nach K. hat sich das Symptom der ausstrahlenden
Druckschmerzhaftigkeit bewährt. Die elektrische Restitution hinkt oft der Motili-
tätsrückbildung nach.
Herr Unger berichtet über einen Fall von primärer Nervennaht bei gleich¬
zeitiger Knochenfraktur, bei dem die Naht nicht gehalten hatte, sondern es zur
Eiterung gekommen war. Im Felde kommt die primäre Naht nur bei glatten
Durchschüssen in Frage, aber nicht bei komplizierenden Knochenverletzungen.
Bei aseptischen Verhältnissen soll man möglichst frühzeitig operieren, man wird
in der Regel keinen Schaden damit anrichten. Gefährlich ist die Operation
höchstens im Bereich der Achselhöhle, wo eventuell noch gesunde Nervenstränge
geschädigt werden können. Bei langem Abwarten werden die Schwarten sehr
schlimm, besonders bei Verwachsungen mit den Gefäßen. Sieht man, wie durch
die Gewalt des Schusses zerrissene Nervenfasern weit in die Tiefe geschleudert
werden, so daß z. B. der Cruralis fest mit dem Femur verwachsen kann, oder
der Ischiadicus in die Linea aspera gepreßt wird, so ist erst recht die frühzeitige
Operation indiziert. Im allgemeinen soll man also früh operieren. Ob man bei
den Neuromen nur Verwachsungen lösen oder sie exzidieren soll, darüber sind
noch weitere Erfahrungen abzuwarten. Von Fibrolysin hat U. keinen Erfolg
gesehen.
Herr M. Borchardt betont im Gegensatz zu Unger, daß die primäre
Nervennaht einige Stunden nach der Verletzung vom chirurgischen Standpunkte
aus doch durchaus zu billigen wäre.
Herr Oppenheim betont ebenfalls die individuelle Verschiedenheit der Aus¬
breitung der Sensibilitätsstörung bei Radialisverletzungen.
Herr Unger weist auf die besonders komplizierte Verletzung (gleichzeitige
Fraktur) des von ihm mitgeteilten Falles hin.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
283
Herr Cassirer (Schlußwort) gibt unbedingt das Auffallende der frühen
Restitution seiner operierten Radialisläbmungen zu. Die späte Restitution der
elektrischen Erregbarkeit ist nichts Auffallendes. Er betont nochmals, daß das
Symptom der peripheren Druckschmerzhaftigkeit nur ein subjektives und nicht
unbedingt sicher ist, und daß ihm die relative Häufigkeit der totalen Zerreißungen
besonders wichtig zu sein scheint.
5. Herr Kramer: Älloästheaie und fehlende Wahrnehmung der ge*
lähmten Körperhälfte bei subvertikalem Hiraherd. Vortr. stellt einen Pat.
vor, der am 27. Januar wenige Stunden, nachdem er einen Schlaganfall erlitten
hatte, in die Klinik eingeliefert wurde. Eis bestand bei ihm eine komplette
Lähmung des linken Armes und linken Beines von schlaffem Charakter ohne
Steigerung der Sehnenreflexe und ohne Babinski. Der linksseitige Fazialis war
im ganzen paretisch, jedoch im Mundaste mehr als im Augenaste. Die Sensibili¬
tät war für alle Qualitäten an der ganzen linken Körperhälfte bis zur Mittellinie
gestört und zwar war am Arm und Bein die Empfindung für alle Qualitäten auf-
gehoben, am Gesicht und am Rumpf wurden feinere Berührungen gar nicht,
gröbere Berührungen, Schmerz- und Temperaturreize stark herabgesetzt wahr¬
genommen. Die Lage* und Bewegungsempfindungen waren am Arm und Bein
völlig aufgehoben. Außerdem bestand eine linksseitige Hemianopsie. In den
ersten Tagen nach dem Insult wurden sensible Reize an der linken Rumpfhälfte,
insbesondere solche an der BruBt regelmäßig nach der symmetrischen Stelle der
rechten Körperhälfte mit leidlich guter Lokalisation verlegt. Dieses Symptom
verschwand nach einigen Tagen in der Weise, daß zunächst eine Tendenz bestand,
die Empfindungen nach der Mittellinie in entsprechender Höhe zu verlegen, bis
in den letzten Tagen die Lokalisation annähernd richtig, allerdings noch mit
einer Tendenz nach der Mittellinie zu erfolgte. Bemerkenswert ist, daß hier das
Symptom der Alloästhesie, das sonst in der Regel, wenn es organischen Ursprunges
ist, bei spinalen Affektionen vorkommt, hier bei einem zerebralen Herd sich findet.
Es ist zu erwägen, ob die Genese hier nicht eine andere ist, als bei der Allo¬
ästhesie spinalen Ursprunges. Für die Theorie, die Dusser de Barennes auf¬
stellte, daß zu der Verlegung der einseitigen sensiblen Bahn ein tiefer gelegener
Reiz hinzukommen müsse, liegt hier kein Anhalt vor. Es ist wahrscheinlich, daß
das Symptom in Beziehung zu dem gleich zu erwähnenden Phänomen der fehlen¬
den Wahrnehmung der gelähmten Körperhälfte steht, mit dem zusammen es z. B.
auch in einem Falle von Redlich und Bonvicini beobachtet wurde. Der Kranke
hatte von Anfang an keine Ahnung, daß seine linken Extremitäten gelähmt seien.
Er glaubte sie in normaler Weise, wie sonst, bewegen zu können, meinte, beide
Arme und Beine seien gleich gut; bei der Aufforderung, die linke Hand zu geben,
glaubte er, daß er sie ausgestreckt habe, forderte den Arzt auf, sie doch zu
ergreifen und suchte auch auf Befehl mit seiner rechten Hand die linke in der
Luft. In den letzten Tagen ist er auf wiederholten Vorhalt dazu gekommen, ge¬
legentlich zuzugeben, daß die linke Hand etwas schwerer beweglich sei als die
rechte, und daß beide Beine etwas schwach seien, meint aber noch immer, daß,
wenn man ihn aufstehen ließe, er fortgehen könne. Der Kranke kümmerte sich
außerdem um seine linke Körperhälfte überhaupt nicht, er nahm von allen Dingen,
die links von ihm geschahen, keine Notiz, lag dauernd mit dem Kopf nach rechts
gewendet, auch die Augen blickten stets nach rechts, obgleich dies eine weitere
Einschränkung seines hemiopischen Gesichtsfeldes bedeutete. Er war nur mit
Mühe dazu zu bringen, seine Augen nach links hin zu bewegen, so daß nur
schwer nachzuweisen war, daß keine eigentliche Blicklähmung bestand. Wenn
man den linken Arm in das Gesichtsfeld brachte, erkannte er ihn nicht als ihm
zugehörig an, sondern hielt ihn für den Arm und die Hand des Arztes. Es be-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
288
stand also eine vollkommene Ausschaltung der linken Körperhälfte aus dem Be¬
wußtsein. Der Fall zeigt darin ein ähnliches Verhalten wie es in Beobachtungen
von Anton, Zingerle, Redlich und Bonvicini u. a. beschrieben worden ist/
In letzter Zeit ist bei dem Kranken die Hemianopsie und auch die dauernde
Kopf-| und Blickwendung nach rechts fast ganz verschwunden. In psychischer
Beziehung zeigt der Kranke niemals, auch nicht bei der wenige Stunden nach
dem Insult erfolgten Aufnahme, eine stärkere Benommenheit; alle Prüfungen
ließen sich gut bei ihm durchführen. Es bestand gar kein oder nur sehr ge¬
ringes Krankheitsgefühl, er ist immer guter Stimmung, neigt zu Scherzen und
Witzen, insbesondere flachen Wortwitzen. Er ist über seinen. Aufenthalt des¬
orientiert, er hat sich zwar gemerkt, daß er in der Charite ist, meint aber, sich
in seinem Wohnort Wittenau zu befinden. Einzelne Personen der Umgebung
verkennt er, hält sie für alte Bekannte, und wundert sich, daß diese ihren Namen
gewechselt haben. Die zeitliche Orientierung ist bezüglich des Datums und
Wochentages ungenau. Er konfabuliert lebhaft, erzählt von Spaziergängen, die
er gemacht hat, von Besuchen, die er empfangen hat u. a. m. Im Gegensätze zu
diesen, dem Korsakowschen Symptomenkomplex angehörigen Erscheinungen, zeigte
sich keine gröbere Störung der Merkfähigkeit und kein Gedächtnisausfall. Sowohl
über die Vorgänge, die dem Insult unmittelbar vorausgingen, wie über seine
Erlebnisse seit der Aufnahme gibt er ausreichend Auskunft, er bat sich spontan
die Namen der Ärzte, der Pfleger, der anderen Kranken gemerkt, weiß auch,
was seit seiner Erkrankung an kriegerischen Ereignissen Neues bekannt geworden
ist. Die in besonderen Prüfungen untersuchte Merkfähigkeit für Zahlen, Namen,
Bilder und optische Raumformen ergab nur eine geringe, keineswegs erhebliche
Herabsetzung gegenüber der Norm. Der Fall zeigt uns, daß die Desorientierung
und die Konfabulationen beim Korsakowschen Symptomenkomplex selbständige und
von der Störung der Merkfähigkeit und des Gedächtnisses in weitem Maße unab¬
hängige Phänomene sind. Autoreferat.
Martin Bernhardt f
Am 17. März verschied plötzlich Geheimrat Prof. Martin Bernhardt
im 71. Lebensjahr. Er war viele Jahre hindurch II. Vorsitzender und Schatz¬
meister der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Mit
seinem Lehren und Wirken ist die Entwicklung der Neurologie in Berlin
eng verknüpft. Allen, die ihm nahe standen, wird aber auch der gute, ein¬
fache und bescheidene Mensch unvergeßlich sein. In der nächsten Nummer
soll sein Lebenswerk von berufener Seite gewürdigt werden.
Die in Nr. 6 d. Centr. erschienene Arbeit von Dr. G. Biondi-Catania ist, wie wir leider
erst nachträglich erfahren, Herrn Prof. L. Edinger zu seinem Geburtstage gewidmet.
Zar gefälligen Beachtung.
Wahrend des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; Bie werden wegen
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzqbb & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Pro t E. MendeL
Herausgegeben
TOB
Dr. Kurt Mendel.
Viernnddreißfgster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- nnd Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. ^ 1. Mai. Nr. 9.
Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Demonstration einer katatonieartigen Erscheinung
beim Gesunden (Katatonusversuch), von 0. Kohnstamm. 2. Typhuspsychosen im Felde, von
Max Selge.
II. Referate. Rückenmark. 1. Remarks on the histopathological changes in the spinal
cord duc to impact. An experimental study by Allen. 2. Ein Beitrag zur Kenntnis der
Schmerzleitung im Rückenmark, von Karplus und Kreidl. 3. Ober die Ursache des über¬
raschend schnellen Gebnrtsablaufs bei Rückenmarkserkrankungen, von Zimmermann. 4. Quelle
est Tinnervation radiculaire des muscles abdominaux, par Söderbergk. 5. Zur Kasuistik der
Tumoren der Dura mater spinalis, von Amberger und Schenk. 6. Paraplcgie crurale par
neoplasine extra-dure-merien. Operation, Guerison, par Bablnski, Lecine et Jarkowski. 7. Über
im Anschluß an die Lumbalpunktion eintretende Zunahme der Kompressionserscheinungen
bei extramedullären Rückenmarkstumoren, von Newmark. 8. Un cas d'hömatomyelie trauma-
tique saus lesion vertebrale, par Claude et Loyez. 9. Ein Fall von Hämatomyelie des distalsten
Rückenraarkseudes, von Netouäek. 10. Zur Lehre von der Myelitis funicularis. Ober heil¬
bare und abortive Formen von Myelitis funicularis, von Fleischmann. 11. Acute myelitis,
secondary to perirectal abscess, developing a few hours after severe fright, by Spiller.
12. Über latenten Meningealkrebs, von Eichhorst. 13. Über pathologische Anatomie und
Pathogenese der amyotrophischen Lateralsklerose, von Margulis. 14. Über kombinierte
Strangerkrankungen des Rückenmarks, von Vtilsch 15. Über Caudatumoren unter dem
Bilde der Neuralgia ischiadica sive lumbosacralis, von Oppenheim. 16. Ein Beitrag zur
chirurgischen Behandlung der Rückenmarksgeschwülste, von Mauss. —Brown-Sequardsche
Lähmung. 17. Beitrag zum Symptomenkomplex der Brown-Sequardschen Lähmung, von
Bernhardt« 18. Syndrome de Brown-Sequard, par Duprd, Heuyer et Bergeret. 19. Zur Kenntnis
progressiver, stationärer und regressiver Formen der Brown Sequardschen Lähmung, von
Oppenheim. — Wirbelsäule. 20. Zur Diagnostik der Wirbelsäulenerkrankungen, von
Schanz. 21. Zur Behandlung der Spina bifida, von Hennemann. 22. Eine seltene Form von
Epistropheusfraktur mit tödlichem Ausgang, von Neumann. 23. Über Wirbelbrüche, ihre
Diagnose und Beurteilung, von Ewald. 24. Über Wirbelsänlenosteome mit Kompression des
Rückenmarks, von Bornstein und Sterling. 25. Zur Diagnostik und Therapie der akuten und
eitrigen Wirbelosteomyelitis, von Gtfbell. 26. Die Rigidität der Wirbelsäule und ihre Pro¬
gnose, von Beer. 27. Bemerkungen über die chronisch ankylosierende Wirbelsäulen Versteifung,
von Fraenkel. 28. Ein Fall von Wirbelsäulen Versteifung, von Hirsch. 29. Die Bedeutung
der Larainektomie bei spondylitischen Lähmungen, von Hetze. 30. Ein Fall von Spondylitis
cervicalis durch Sonnenbestrahlung geheilt, von Kienast und Frankfurter. 31. Un cas de
spondylite typhiqne, par Philibert. 32. Über die operative Behandlung der tuberkulösen
Entzündung der Wirbelsäule, von Vulpius. 33. A proposito di un caso di morbo di Pott.
Considerazioni cliniche, per Bolzani. 34. Über die sogenannte Versteifung der Wirbelsäule
und über die Bechterewsche und Strümpell-Mariesche Krankheit, von Turner. 85. Di nn
interessante caso di spondilosi rizomelica con sintomi di ipoovarismo ed ipotiroidismo cronici,
per Lucchesi. 36. Zur Pathogenese der Rückgrats Verkrümmungen, von Ceclkas. — Kriegs-
Deobachtungen. 37. Die Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven. Nach eigenen
Beobachtungen und den Berichten anderer Autoren von weiland Bernhardt. 38. Über Schnß-
verletznngen der peripherischen Nerven, von Kirschner. 39. Zur Behandlung der Schu߬
verletzungen peripnerischer Nerven, von Auerbach. 40, Hebeapparat für Hand und Finger
xxxiv. 19
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
290
bei Radialislähmuug, von Spitzy. 41. Kriegsverletzungen der peripheren Nerven, von Cahen.
42. Über Kriegsverletzungen des peripheren und zentralen Nervensystems, von Oppenheim.
43. Die Frage der Laminektomie bei Schuß Verletzungen vom neurologischen Standpunkt,
von Meyer. 44. Ober Rückenmarksschüsse und Behandlung der im Gefolge der Laminektomie
auftretenden Meningitis, von Klapp. 45. Zur Behandlung der Rückenmarksverletzungen im
Felde, von Schum. 46. Über Rückenmarksschüsse, von Marburg und Ranzi. 47. Schu߬
verletzung der Cauda equina, von Gamper. 48. Beobachtungen an Schußverletzungen des
Gehirns und Rückenmarks, von Goldstern. 49. Über einige Schuß Verletzungen des Rücken¬
marks und Gehirns, von Rumpf. 50. Zur Behandlung „traumatischer Epilepsie“ nach Hirn¬
schußverletzung, von Spielmeyer. 51. Über Erkrankungen nach Granatexplosionen, von Karplus.
52. Über den sogenannten Nervenshok nach Granat* und Schrapellexplosionen, von v. Sarbö.
III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 12. Januar 1915.
— Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Sitzung vom 8. März 1915.
IV. Zum Andenken an Martin Bernhardt.
V. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914.
VI. Verschiedenes.
I. Originalmitteilungen.
1. Demonstration einer katatonieartigen
Erscheinung beim Gesunden (Katatonusversuch). 1
Von O. Kohnstamm (Eönigstein i/T.).
Ein Patient meines Sanatoriums, der als Flieger nnd als scharfer Beobachter
ein gutes Auge für die Vorgänge an seinem Körper hat, machte mich auf folgende
Erscheinung aufmerksam, die mir allgemeinere Beachtung zu verdienen scheint
Wenn man, nahe an der Wand stehend, den Handrücken bei gesenktem ge¬
strecktem Arm gegen die Wand unter starker Spannung andrückt, 5 bis
60 Sekunden lang, und gibt dann durch eine Wendung des Körpers dem Arm
freien Spielraum, eich seitlich zu bewegen, so bemerkt man, daß der Arm sich
automatisch erhebt: 2, 45, 90, 120° hoch, verschieden nach der Versuchsperson
und der Dauer der Anspannung. Man beobachtet an sich selbst, daß dies ganz
„automatisch“ vor sich geht. Man hat das Gefühl, als ob der Arm von einer
geheimnisvollen Macht gehoben würde. Es ist ein ganz eigenartiges Gefühl,
nach den Worten des Entdeckers, wie ein Nichtflieger sich das Fliegen vor¬
stellt Dieselbe Beobachtung kann man auch an anderen Muskelgruppen
machen, z. B. an denen der unteren Extremität. Wenn man den Willens¬
impuls durch direkte faradische Muskelreizung ersetzt, bleibt die Erscheinung
aus, deren Ursache also nicht im Muskel selbst liegt.
Die Erklärung ist nicht schwierig: während des Anpressens an die Wand
werden die Strecker des Armes in Spannung (isometrische Tätigkeit) versetzt.
Die Muskeln nehmen dabei eine neue Gleichgewichtslage an, der sie zustreben
können, sobald dem Arm freie Bewegung gestattet wird. Auffallend und nicht
zu erwarten ist aber dabei einmal die eigenartige subjektive Sensation, dann der
Umstand, daß die Bewegung von statten geht, obgleich von einer weiteren
Willensintention nichts mehr zu bemerken ist. Hieraus folgt, daß der Tetanus
der angespannten Muskulatur die Willensinnervation überdauert, und daß, um
1 Demonstriert im Ärztlichen Verein in Frankfurt a. U. am 15. Febraar 1915.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
291
eine derartige Willkürbewegung zu beendigen, eine besondere willensmäßige
Hemmung nötig ist.
Die alte Streitfrage, ob es eine spezifscbe Hemmungsinnervation für
die Körpermuskulatnr gibt, scheint dadurch im bejahenden Sinne beantwortet
zu sein. Da die beschriebene Nachkontraktion dem subjektiven Erleben zufolge
einen besonderen Charakter besitzt, so kann die Beobachtung auch in dem Sinne
verwertet werden, daß für die Tonusinnervation der Körpermuskulatur eine be¬
sondere Innervationsform zuständig ist Bekanntlich hat neuerdings der holländische
Physiologe ns Bonn wahrscheinlich zu machen gesucht, daß diese Funktion von
dem sympathischen Nervensystem ausgeübt wird. 1 In ähnlichem Sinne sind
auch die Beobachtungen v. Ubxkull’s über Sperrungsinnervation beim Wirbel¬
losen aufzufassen. Daß die Daueranspannung der quergestreiften Körpermusku¬
latur mit einem geringeren Aufwands kalorischer Energie von statten geht, als
die Einzelzuckung, ist schon vor längerer Zeit, z. B. von A. Fick, nacbgewiesen
worden.
Eine solche Einrichtung erscheint sehr zweckmäßig angesichts der Dauer¬
anspannung, die z. B. von der Rückenmuskulatur zu leisten ist Pathologische
Phänomene, wie die katatonischen Dauerhaltungen, sind ohne eine solche An¬
nahme kaum zu verstehen. Es wäre zu untersuchen — wozu ich keine Ge¬
legenheit habe, ob das Phänomen bei latenten und manifesten Katatonikem
mehr ausgesprochen ist, als bei Gesunden. Ich selbst kann von pathologischen
Beobachtungen nur anführen, daß es bei verschiedenartigen Fällen von Parese
nur in abgeschwächtem Maße zu beobachten war. Auch fand ich es fehlend
bei einer negativistisch angelegten Persönlichkeit; ferner käme es vielleicht in
Betracht zur Erklärung der posthemiplegischen Kontraktur und der Myotonie.
Als ich den Versuch bei einem Tiefhypnotisierten anstellte, der von vorn¬
herein keine Ahnung davon hatte, was mit dem Arm nach dem Freilassen ge¬
schehen würde, erhob sich der Arm, blieb aber dann in der Kontrakturstellung
kataleptisch stehen. Die Suggestion dazu muß er durch die Sensationen erhalten
haben, die mit der automatischen Erhebung des Armes verbunden waren. Es
wäre leicht möglich, daß es sich bei Katatonikem ähnlich verhält.
Man könnte das Experiment den „Katatonusversuch“ nennen.
2. Typhuspsychosen im Felde.
Von Dr. Max Seige (Partenkirchen),
zurzeit Oberarzt d. Kriegslazarett-Abt. 2, IV. Armeekorps.
Ebensowenig wie es besondere Kriegspsychosen gibt, ebensowenig war auch
zu erwarten, daß die psychischen Veränderungen bei typhuskranken Soldaten
im Feindeslande eine besondere Typhuspsychose darstellten. Indessen zeigten
die seelischen Störungen bei einer von mir beobachteten (nunmehr erloschenen)
1 Fol. Neurobiologica. 1913. Juli.
19*
Digitized hy
Gougle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
Typhusepidemie doch eine derartig individuelle Färbung, daß es sieb verlohnt
darauf einzugeben; um so mehr als man (soweit ich die Literatur von hier aus
beurteilen kann) bis jetzt dieser Frage noch wenig Aufmerksamkeit zuwandte,
trotz unendlich viel verschriebenen Papiers über Kriegspsychosen. (Der Sanitäts¬
bericht 1870/71 1 allerdings behandelt die Geistes- und Nervenkrankheiten bei
Typhus in mustergültiger Weise, teilweise mit Beteiligung von Autoren wie
Kbafft-Ebing und Leyden.) Selbstverständlich sollen diese in Feindesland
geschriebenen Zeilen nicht den Anspruch einer exakten wissenschaftlichen Arbeit
machen, sie sollen nur einige Eindrücke aufzeichnen, die sich dem Psychiater
im Felde aufdrängten. Zunächst einige Worte über mein Material: Es waren
fast ausnahmslos Soldaten der Feldheere, abgesehen von wenigem erkrankten
Krankenpflegepersonal, und zwar meist unterhalb des 40. Lebensjahres. Ferner
ist zu bemerken, daß wir kaum Typhuskranke in der ersten Krankheitswoche
zu sehen bekamen, im Gegenteil hörten wir aus den meisten Krankheits¬
geschichten, daß die Soldaten, um sich nicht unnütz krank zu melden oder gar
schlapp zu erscheinen, sich tagelang krank oder fiebernd auf Märschen usw.
mitgeschleppt haben, bis sie von Vorgesetzten den Befehl erhielten, sich krank
zu melden. So könnte man es denn auch erklären, daß wir eigentliche Initial¬
delirien so gut wie gar nicht zu sehen bekamen. Allerdings wäre es immerhin
auffällig, wenn bei dem nahen Zusammensein der Soldaten im Kriege derartige
Delirien nicht bemerkt werden sollten, während es doch im Frieden eine jedem
Psychiater geläufige Tatsache ist, daß Initialdelirien des Typhus für Psychosen
gehalten werden. So ermahnte denn auch zu Beginn des Krieges Fbiedländer, 2
dem wir die bekannte Monographie 3 über Typhus und Nervensystem verdanken,
die Feldärzte ausdrücklich, diesen Zusammenhang nicht zu übersehen, und wir
alle waren darauf gefaßt gewesen, dieser unliebsamen Verwechslung zu begegnen.
Auch der Sanitätsbericht 1870/71 (1. c.) erwähnt mehrere derartige Fälle, von
denen einer sogar zu forensischer Bedeutung kam. Indessen — ich kann nur
konstatieren, daß ich sowohl wie mehrere befragte Kollegen von diesen Delirien
nichts bemerken konnten. Nur einmal konnte ich ein ganz leichtes bypomani-
sches Vorstadium beobachten; es war dies bei einer weiblichen Krankenpflege¬
person, die wohl an und für sich leicht zyklothym ist.
Wende ich mich nun den Psychosen des Fieberstadiums zu (ich verweise
auf die Arbeiten von Kraepelin, Bonhoeffer 4 u. a.), so erschien mir zunächst
der geringe Prozentsatz der psychischen Veränderungen auffallend. Jedenfalls,
wenn die Literaturangaben bis zu S8°/ 0 (Bergmann, zit. nach Bonhoeffer)
heraufgehen, ohne die einfache Benommenheit dazuzunehmen, so wurde dieser
Prozentsatz von meinen Kranken auch nicht annähernd erreicht. Ich würde
1 SanitStsbericht über die deutschen Heere 1870/71. Berlin 188b.
1 Fribdländbr, Nerven- nnd Geisteskrankheiten im Felde. Wiesbaden 1914.
* Friedländer, Über den Einfluß des Typhus abdominalis anf das Nervensystem.
Berlin 1901.
4 Bonhoeffer, Die Psychosen im Gefolge von akuten Infektionen usw. — Aschaffen-
bübg, Handbuch der Psychiatrie. Leipzig u. Wien, 1912.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
293
etwa auf 8—9°/ 0 herauskommen, wenn ich alle Fieberdelirien mit einrechne.
Die Delirien selbst nun boten im allgemeinen ein eintöniges Bild dar; es be¬
stand nur geringe Bewegungsunruhe, gewöhnlich lagen sie anscheinend still und
teilnahmslos da, machten aber dabei längere verwickelte Erlebnisse durch. Der
Inhalt drehte sich mit ganz überraschender Monotonie um das Eiserne Kreuz,
es ging dies soweit, daß ich nicht viel Typhusdeliranten sah, die nicht glaubten,
in der Fieberperiode das Eiserne Kreuz erhalten zu haben; nicht selten steigerten
sich diese Größenideen zu zwei und noch mehr Eisernen Kreuzen, einer von
ihnen hielt lange den Gedanken an fünf Eiserne Kreuze fest An zweiter Stelle
kamen Ernennungen zu Offizieren, jedoch war diese Wahnidee schon bedeutend
seltener. Die Verleihung des Eisernen Kreuzes wurde fast stets an ein wahn-
haftes Erlebnis geknüpft das auf viele Halluzinationen auf allen Sinnesgebieten
schließen ließ; z. B. erzählte ein Soldat daß er in einer Scheune eine „ganz
unglaublich wichtige Sache, wie einen kostbaren Apparat“ bewachte, die Scheune
brannte lichterloh, er ging aber nicht weg, da kam plötzlich der Kaiser mit
großem Gefolge durch das Feuer geritten und brachte ihm zwei Eiserne Kreuze.
Häufig kehrten auch eingebildete Kämpfe mit Flugzeugen wieder, die womöglich
gleich — aus dem Krankenzimmer heraus — heruntergeschossen wurden. So¬
viel ich auch in der Literatur Notizen über ängstliche Wabnbildungen fand, so
selten sah ich sie bei m^nen Kranken; ich erinnere mich eigentlich nur eines
einzigen Soldaten, der illusorisch die Krankenschwester für einen Engländer, die
Schnabeltasse für einen Browning hielt und ängstlich aus dem Bett sprang.
Ein freiwilliger Krankenpfleger beschuldigte sich des Mordes an einem Franzosen
und erwartete den Feldgendarmen. Gegenüber diesen kriegerischen Assoziationen
waren die Gedankengänge an die Heimat recht selten, obgleich immerhin einige
Deliranten die Angehörigen sprechen hörten oder sich in das Heimatsdorf ver¬
setzt glaubten.
Übrigens finde ich auch im Sanitätsbericht 1870/71 (zitiert nach Fbied-
lInder [ s ]) die Bemerkung, daß bei den Psychosen der Rekonvaleszenz Delirien
auftraten, die „in vielen Fällen deutlich Zusammenhang mit den kriegerischen
Vorfällen boten“ und Mendel 1 beobachtete in diesem Kriege ähnliches für
andere Psychosen, sowie für das Exzitationsstadium der Narkose. Im allgemeinen
konnte ich mich von einem Parallelgehen zwischen Temperatur und Fieber¬
delirien nicht überzeugen, natürlich waren aber die Abendstunden bevorzugt.
Auffallend erschien mir, differentialdiagnostisch gegen Alkoholdeliranten, die ge¬
ringe Suggestibilität der Kranken (wie schon von anderen beobachtet). Der
Höhepunkt der Delirien lag zweifellos in der zweiten Krankheitswoche; gar nicht
selten sahen wir das Bestehenbleiben von einzelnen Wahnideen bis weit in die
Genesung hinein, so z. B. mehrere Fälle, wo Soldaten, nachdem sie wochenlang
fieberfrei waren, noch eigensinnig die Annahme der Mannschaftslöhnung ver¬
weigerten, da sie Offiziere seien; überhaupt ging das Eintreten der vollen Krank¬
heitseinsicht meist nur ganz allmählich vor sich. Neben diesen eigentlichen
1 Kubt Mbndel, Psychiatrisches und Neurologisches aus dem Felde. Neurol. Central-
blatt. 1915. S. 2.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
294
Fieberdelirien kamen auch recht häufig die schweren Grade von Benommenheit
mit stärkster Bewußtseinstrübung, unwillkürlichem Kot- und Urinabgang usw.
zur Beobachtung; ich glaubte zeitweise, daß diese, wenn sie zu Beginn der
zweiten Woche auftraten, eine besonders schlechte Prognose geben, doch konnte
ich mich dann wieder nicht davon überzeugen. Was die Zeit der Deferveszenz
angeht, so sah ich da nur wenige Störungen entstehen, und diese unterschieden
sich recht wesentlich von den beschriebenen Fieberdelirien.
Gegenüber den eigentlichen Fieberdelirien spielten andere psychische
Störungen eigentlich nur eine geringe Rolle. Mehrfach sah ich sehr heftige
Erregungszustände im Sinne der infektiösen Dämmerzustände Ziehen’s (epilep-
tiformen Erregungszustände Bonhoeffeb’s). Nachdem die Kranken trotz hohen
Fiebers anscheinend psychisch frei gewesen waren, traten ganz plötzlich äußerst
heftige Erregungszustände mit Verkennung der Umgebung und sinnloser Gewalt¬
tätigkeit gegen sie, anscheinend massenhafte Halluzinationen ängstlicher Art und
Neigung zum Perseverieren auf. Diese Erregungszustände dauerten Tage lang,
waren durch Scopolamin kaum zu beeinflussen und gingen dann in eine stuporöse
Phase über, aus der langsam eine Klärung erfolgte. Die Erinnerung an den
Erregungszustand fehlte fast vollkommen. Bei einem dieser Fälle konnte ich
später eine schwere psychopathische Grundlage, wahrscheinlich epileptischer Art,
feststellen. (Ich komme auf den Fall noch zurück.) *
Erwähnenswert erscheint mir ferner ein 32jähriger Unteroffizier der Land¬
wehr, der, erblich nicht belastet und bis dahin völlig gesund, bei der Aufnahme
(Beginn der zweiten Woche) einen tief deprimierten Eindruck machte. Schnell
entwickelte sich dann das Bild eines ausgesprochenen katatonischen Symptomen-
komplexes. Er lag regungslos in steifer Haltung im Bett, grimassierte nur
zeitweise, ließ Kot und Urin unter sich gehen und zeigte deutliche Katalepsie.
Die Nahrung verweigerte er Tage lang, er wiederholte stereotyp auf jede Frage
den Satz „ich will doch Brot“, andere sprachliche Äußerungen waren nicht zu
erlangen. Nach etwa 4 Wochen (etwa 8 Tage nach der Entfieberung) wurde
er schnell freier und erholte sich bald. Die Erinnerung an diese Zeit fehlte
vollkommen, er zeigte jedoch keinerlei Defekte und tat längst wieder Dienst
Änhliche vorübergehende katatonische Zustandsbilder sind mehrfach beschrieben
(Bonhoeffbb, 1. c.).
Bei einer ganz ausnahmsweisen schweren Infektion, die wie ein Wunder
dem Tode entronnen scheint, sah ich stärkste meningitische Reizerscheinungen
in der zweiten Krankheilswoche. Starre Drehung des Kopfes und der Augen
nach links, rechtsseitiger Babinski, schwere Schmerzhaftigkeit des Nackens und
der Extremitäten, kahnförmig eingezogener Leib. Nach einigen Tagen ging das
Bild zurück und der Kranke ist jetzt nach mehreren langandauernden Rezidiven
genesen. Anhangsweise will ich noch auf eine am Ende der dritten Krankheits¬
woche plötzlich auftretende Aphasie mit apraktischen Symptomen und rechts¬
seitiger Lähmung hinweisen (Sanitätsbericht 1870/71 berichtet einen ähnlichen
Fall). Da der Kranke jedoch positive Wassermannreaktion im Blute hatte,
schien er mir zur Veröffentlichung ungeeignet.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
295
Auffallend wird dem Leser erscheinen, daß ich bis jetzt kein Amentia-
artiges Krankheitsbild beschrieb, doch kam dieser Symptomenkomplex in der
Tat nicht zur Beobachtung, obgleich man meinen sollte, daß die teilweise bei
der Aufnahme ins Lazarett recht unterernährten Kranken besonders hierfür
einen guten Boden batten abgeben sollen. Einen Qrund vermag ich nicht an¬
zugeben.
Und die Prognose? Von all diesen psychischen Störungen waren es nur
2 Fälle, bei denen von der Entwicklung einer eigentlichen Psychose gesprochen
werden kann. Bei dem einen handelte es sich um den oben erwähnten Dämmer¬
zustand. Es stellte sich in der Folge heraus, daß er aus schwer belasteter
Familie stammte (u. a. ist ein Bruder Epileptiker); er selbst war schon mehrfach
bestraft worden, obgleich er angab, sich der Straftaten überhaupt nicht zu er¬
innern; ja er war schon sogar in Irrenanstalten zur Beobachtung eingewiesen
gewesen. Nach dem Abklingen des obigen Dämmerzustandes und völliger Ent¬
fieberung zeigte er noch oft grundlose Affektschwankungen, extreme Reizbarkeit
und auch kurzdauernde Dämmerzustände; er wurde dienstunfähig nach der
Heimat entlassen.
Im zweiten Falle entwickelte sich aus wahnhaften Fiebererlebnissen heraus
nach und nach das Bild eines Korsakoffschen Symptomenkomplexes (der 34jährige
Kranke machte den Eindruck eines Potators, leugnete jedoch jeden Alkohol¬
mißbrauch). Es trat nach und nach ein völliger Verlust der Merkfähigkeit und
Orientierung mit zahlreichen Konfabulationen ein. Hierzu kam ausgesprochene
Polyneuritis und schwache Herztätigkeit. Er schmierte mit Kot und Urin; ich
stellte die Prognose infaust Jetzt jedoch, nach etwa ‘/Jährigem Bestehen des
Krankheitsbildes, tritt eine deutliche Besserung ein. Er ist reinlich, orientiert,
kennt Ärzte und Mitkranke mit Namen und spielt neuerdings gut Skat, so daß
ich eine völlige Heilung nicht für ausgeschlossen halten möchte.
Und was ist das Schlußergebnis?
Soweit es möglich ist, überhaupt in Anbetracht der Kriegsverhältnisse
Schlüsse zu ziehen, möchte ich sagen: Verhältnismäßig wenig psychopathische
Krankheitsbilder überhaupt, Überwiegen leichter Krankheitsbilder, Hervortreten
der von Bohhoeffeb als exogene Reaktionstypen geschilderten Formen. Dem
stehen nun als Faktoren die ungünstigen Verhältnisse im Felde gegenüber.
Können wir uns das erklären? Ich glaube ja: Das eine ist der vorzügliche
Geist, der in unseren Kranken herrscht, wie er sich sogar in den mannhaften
Fieberdelirien wiederspiegelt, ein Geist, der allen neurasthenischen und hyste¬
rischen Einflüssen gegenüber sich ablehnend verhält Das andere ist der Mangel
an primär psychopathischen Elementen unter den Kranken. So fanden die
toxischen Stoffe keine latenten Anlagen vor, die sie zur Entwicklung bringen
konnten.
Und gehen wir über die Typhuspsychosen hinaus, so finden wir dasselbe
im ganzen Heere. Alle Psychiater im Felde waren wohl mit Freuden über¬
rascht, so wenig Psychosen und Neurosen zu finden, wir alle hatten, vor allem
nach den Erfahrungen des russisch-japanischen Krieges, eine Hochflut erwartet
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
296
und sehen nur vereinzelte Fälle. Und auch dies muß man aut dieselben
Ursachen zurückführen. Auf den guten Geist, der bei der Truppe herrscht und
auf die zähe Friedensarbeit des Sanitätsoffizierkorps, die in systematischer Aus¬
merzung der psychopathischen Elemente aus dem Heere Großes geleistet hat.
1L Referate.
Rückenmark.
1) Remarks on the hlstopathological ohanges in the spinal oord due to
Impact. An experimental study by A. R. Allen. (Journ. of nerv, and ment,
dis. 1914. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern.
Verf. hat experimentell an Hunden festgestellt, daß man ein Rückenmark,
das künstlich (nach Laminektomie) einem Überdruck ausgesetzt wurde (von dem
es sich unter gewöhnlichen Bedingungen nicht wieder erholen würde), der Resti¬
tution dadurch chirurgisch entgegenführen kann, daß man einen medianen Longi¬
tudinalschnitt ausführt direkt durch die Läsionsstelle des Rückenmarks. Han
bewirkt damit gewissermaßen eine Drainage des Rückenmarks von dem Blut und
Serum, befreit es von Druck und biochemischen Reizmomenten. Histopathologische
Veränderungen des Rückenmarks 15 Minuten bis 6 Stunden nach der Überdruck¬
verletzung werden mitgeteilt, ferner das histopathologische Bild nach einer Längs-
inzision 2 Stunden nach dem Trauma (die Hunde wurden 6 Stunden Bpäter
getötet).
Verf. teilt ferner 3 Fälle von Wirbelfraktur mit Rückenmarksläsion beim
Menschen mit, in denen die alsbald ausgeführte Längsinzision des Rückenmarks
von sichtbarem Erfolg war. Dieser Eingriff muß noch weiter erprobt werden,
verspricht aber nur dann Erfolg, wenn er wenige Stunden nach der Verletzung
geschieht. Bei der Aussichtslosigkeit des expektativen Verfahrens ist der Versuch
angezeigt.
2) Ein Beitrag zur Kenntnis der Sohmersieitung im Rückenmark, von
J. P. Karplus und A. Kreidl. (Pflügers Archiv f. d. ges. Phys. CLVIII.
1914. H. 6 bis 8.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Verff. führten bei 6 Katzen eine beiderseitige Hemisektion des Rücken¬
marks in verschiedenen Höhen (oberes Hals- und unteres Dorsalmark) in einer
Sitzung aus. Sie prüften dann die Schmerzempfindung mit elektrischen und ther¬
mischen Sohmerzreizen, Nadelstichen, Druck auf die Nervenstämme, Quetschen der
Zehen und des Schwanzes. Sie fanden, daß unmittelbar nach der Operation
Schmerzreize durch das Rückenmark geleitet werden können; ohne jede Ver¬
langsamung der Schmerzleitung reagieren die operierten Tiere, man kann sogar
kaum von einer stärkeren Herabsetzung der Schmerzempfindlichkeit sprechen. Die
Annahme, daß die Schmerzreize durch gleichseitige und gekreuzte lange Bahnen
in der weißen Substanz geleitet werden, ist mit diesen Befunden unvereinbar.
Die graue Substanz muß eine wesentliche Rolle bei der Schmerzleitung spielen.
3) Über die Ursache des überraschend schnellen Oeburtsablaufs bei
Rüokenmarkaerkrankungen, von Rob. Zimmermann. (Archiv f. Gynäkol.
CII. 1914. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel.
22jähr. Frau, die gegen Ende der Schwangerschaft an einer schweren Polio¬
myelitis anterior acuta erkrankte. Wehen, wie bei den früheren Geburten, alle
5 Minuten kräftig und schmerzhaft. Überraschend schneller Qeburtsablauf trotz
völligen Fehlens der Bauchpresse. Rückbildung der Genitalien in normaler Weise.
Gesundes Kind. Verf. hatte den Eindruck, daß die Tätigkeit des Uterus eine
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
297
ungezügelte war, und daß gegenüber der Geburt unter normalen somatisohen Ver¬
hältnissen gewisse regulierende Hemmungen ausgefallen waren.
4) Quelle eat rinnervation radioulalre des muscles abdominaux, p&r
G. Söderbergk. (Bev. neurol. XXII. 1914. Nr. 9.) Ref.: W. Misch.
Für die noch immer nicht genau bekannte Wurzelinnervation der Bauch¬
muskeln waren vom Verf. an der Hand eines klinischen Falles bereits früher
einige Angaben gemacht worden, die klinisch insofern wichtig waren, als es da¬
durch möglich wurde, ein oberes, mittleres und unteres Abdominalsyndrom für
die Wurzeln bzw. D 7 , D 8 bis D 9 und D 10 festzulegen: im ersteren Falle blieb der
Nabel beim Husten unverschieblich, während die Mittellinie nach der gesunden
Seite abwich, im zweiten Falle wich der Nabel bei unwillkürlichen Bewegungen
nach der kranken Seite* ab, im dritten Falle nach der, kranken Seite und oben
oder nach der gesunden Seite und unten. Nunmehr beschreibt Verf. einen Fall,
bei dem es sich wahrscheinlich um eine zirkumskripte Spinalmeningitis handelte
und bei dem sich, sobald die Bauchmuskeln kontrahiert wurden, ein Ab weichen
des Nabels nach der gesunden Seite und nach oben beobachten ließ, was auf eine
Parese des linken Obliquus internus wies. Von den Bauchdeckenreflexen fehlte
nur der linke untere. Die Sensibilität war intakt bis auf eine hyperästhetische
Zone im Gebiete der linken 10. bis 12. Wurzeln. Dieser Befund legt es nahe,
daß der M. obliquus internus von der 10. Wurzel innerviert wird, eine Tatsache,
die von großer Bedeutung für die Höhendi&gnoBtik wäre. Wenn man nämlich
erst über die Innervation aller einzelnen .Bauchmuskeln genau informiert wäre,
so brauchte man nicht, besonders bei extramedullären Tumoren, zu warten, bis
durch die zunehmende und gefährliche Kompression die Sensibilitätsstörungen
fest umschriebene Grenzen erlangt haben (vgl. d. Centr. 1913. S. 427).
6) Zur Kasuistik der Tumoren der Dura mater splnalis, von Amberger
und Schenk. (Deutsche med. Woch. 1914 Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von extramedullärem Tumor (Sarkom) in Höhe des 3. und 4. Brust¬
wirbels. Operation. Etwa 1 Jahr nach derselben war die völlige Restitutio ad
integrum vollendet. Heilung hält nunmehr seit 3 Jahren an.
6) Paraplegie orurale par nöoplasme extra-dure-merien. Operation, Querison,
par J. Babiuski, P. Lecene et J. Jarkowski. (Revue neurol. 1914. Nr. 12.)
Ref.: Kurt Mendel.
Erfolgreich operierter, 11cm langer, extraduraler Rückenmarkstumor (Angio-
lipom). Der Fall zeigt, daß ein extraduraler Tumor sich sehr langsam weiter
entwickeln kann und mehrere Jahre hindurch nur leichte Symptome hervorzurufen
braucht, daß eine Rückenmarkskompression eine langdauernde komplette Lähmung
mit Kontrakturen verursachen kann, ohne daß die nervösen Elemente stärkere
Läsioneu erlitten hätten, daß das Zurückgehen einer Lähmung mit Kontrakturen
nach der Geschwulstentfernung sehr spät erat zu erfolgen braucht, auch wenn
noch schließlich Heilung eintritt. Auf den extraduralen Sitz des Tumors wies
vor der Operation die diagnostizierte Länge desselben hin. ^
7) Über im Aneohluß an die Lumbalpnnktion eintretende Zunahme der
KompresBionseracheinnngen bei extramedullären Bückenmarkstumoren,
von Dr. L. New mark. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 43.) Ref.:
E. Tobias (Berlin).
Verf. schildert zwei Beobachtungen von Rückenmarksgeschwülsten, bei denen
im Anschluß an die Lumbalpunktion die Lähmungen eine erhebliche Zunahme
erfahren haben. Bei dem zweiten Fall war kein Tropfen Flüssigkeit bei der
Lumbalpunktion nach außen abgefiossen.
8) Un oas d’hömatomyelie traumatique Bans lÖBion vertebrale, par H. Claude
et M. Loyez. (L’Encephale. 1914. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Hämatomyelie nach Sturz (4 bis 5 m tief) ohne Wirbelsäulen*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
298
Verletzung und ohne Meningeal&ffektion. Die Rückenmarksgefäße zeigen völlig
intakte Wandungen, so daß eine Hämophilie nicht anzunehmen ist (wie in einem
von Allegri publizierten Falle). Klinisch ist das völlige Fehlen der Sehnenreflexe
unterhalb der Läsion, das Fehlen der Bauchreflexe (bei erhaltenen Kremaster¬
reflexen) und das Fehlen des Babinski sehen Zeichens hervorzuheben. Auf Grund
dieser Symptomatologie war eine Bückenmarkskompression angenommen und
chirurgisch vorgegangen worden, man fand aber keine Wirbelsäulenverletzung.
Die Hämatomyelie war so ausgedehnt, daß sie beinahe einer Rückenmarksdurch-
trennung gleichkam.
9) Ein Fall von Hämatomyelie des distalsten RückenmarksendeB, von
M. NetouSek. (Bevue v neuropsychopathologii. 1914. H. 1.) Bef.: Jar.
Stuchlik (Zürich).
Verf. beschreibt einen Fall, bei welchem es zu komplizierten Störungen infolge
traumatischer Hämatomyelie gekommen ist. Die Affektion des distalsten Bücken¬
marksendes, wie im vorliegenden Falle, äußert sich im allgemeinen als Kombina¬
tion von Symptomen der Affektion des Conus medullaris (erhaltene Motilität der
unteren Extremitäten mit sattelförmiger Anästhesie und Lähmung der ano-vesiko-
genitalen Funktionen) und denjenigen der Affektion von Cauda equina (unvoll¬
ständige Paraplegie der unteren Extremitäten, vesiko-rekto-genitale Paralyse, Hyp-
ästhesie der Zehen und Schmerzen im Verlaufe der Krankheit infolge der Wurzel¬
irritation).
10) Zur Lehre von der Myelitis funioularis. Über heilbare und abortive
Formen von Myelitis funioularis, von Budolf Fl ei schm an n. (Deutsche
Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Bef.: Kurt Mendel.
10 Fälle teilt Verf. mit. Er gelangt zu folgenden Schlußfolgerungen:
I. Die Myelitis funioularis ist eine Erkrankung sui generis, hervorgerufen
durch verschiedene Toxine, Beien es idiopathische, seien es von einem Erreger
produzierte.
II. Die hypothetischen Gifte, die die funikuläre Myelitis, soweit uns bekannt
ist, verursachen, sind:
1. exogene, d. b. von außen eingeführte Gifte, so der Alkohol;
2. endogene, im Organismus selbst entstandene Gifte, und zwar:
a) die Toxine, die nach schweren Magen- und Darmstörungen entstehen; es
handelt sich wahrscheinlich um lipoide Stoffe;
b) die Toxine, die im Verlauf von schweren, aber nur „sekundären“ Anämien
auftreten. Es handelt sich hierbei entweder um chronische Kohlenoxydvergiftungen,
da die Blutelemente zu wenig geworden sind, um noch den für den Körper un¬
bedingt nötigen Sauerstoff binden zu können, oder aber um lipoide Stoffe, die
durch die im Verlaufe von Anämien auftretenden Darmstörungen entstehen;
3. exogen oder endogen entstandene Gifte, nämlich um das gleiche Gift, das,
so lange noch keine Erreger gefunden sind, wir als die perniziöse Anämie bedingend
ansehen. Bei der Besprechung der Ätiologie der funikulären Myelitis dürfen
perniziöse Anämie und einfache bzw. „sekundäre“ Anämie nicht gemeinsam be¬
handelt werden, da sie einander vollkommen wesensfremd sind.
III. Es kann sowohl im Hinblick auf das pathologisch-histologische Bild, als
auch auf Grund der klinischen Erfahrungen nicht von einem typisch-klinischen
Symptomenkomplex der Myelitis funicularis gesprochen werden, sondern nur von
am häufigsten vorkommenden klinisch-pathologischen Erscheinungsformen.
IV. Zerebrale Symptome irgend welcher Art kommen im klinischen Verlauf
der Myelitis funicularis vor. Es ist aber nicht sioher, ob es pathologisch-anato¬
mische Herde im Hirn gibt, die das gleiche histologische Bild bieten wie die
spinalen Herde bei der Myelitis funicularis. Die im Verlaufe der Erkrankung
beobachteten zerebralen Symptome müssen demzufolge aufgefaßt werden entweder
Digitized by
Gck .gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
299
als toxische Reizerscheinungen ohne organische Veränderungen oder aber als Folge
allgemeiner Kachexie, als Erschöpfungserscheinungen.
V. Differentialdiagnostisch kommt am meisten die multiple Sklerose in Be¬
tracht. Eine sichere klinische Trennung beider Erkrankungen ist nicht in allen
Fällen möglich.
VI. Es gibt hauptsächlich bei der Myelitis funicularis infolge Alkoholabusus
abortive Formen, die nur einzelne, mitunter auch nur ein einziges spinales Krank¬
heitssymptom aufweisen. Die Prognose dieser Fälle ist gut.
VII. Weitgehende Remissionen kommen bei der Myelitis funicularis vor.
Von einer wirklichen Heilung kann erst gesprochen werden, wenn die anatomische
Untersuchung die Ausheilung des spinalen Prozesses ergeben hat; auch nach jahre¬
langen Remissionen kann das Spinalleiden wieder auftreten.
VIII. Die Therapie kann, so lange die ursächlichen Toxine nicht bekannt
sind, nur in einer symptomatischen Behandlung bestehen.
11) Aoute myelitls, secondary to perirectal absoess, developing a few
hours after severe frlght, by W. G. Spiller. (Journ. of the Amer. med.
Assoc. LXIII. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch.
Es wird ein Fall mitgeteilt, der, kurze Zeit nach einem schweren psychischen
Trauma infolge eines auf ihn ausgeübten Raubanfalles, plötzlich mit den Erschei¬
nungen der Myelitis erkrankte. Die Obduktion zeigte einen außerordentlich
großen periproktitischen Abszeß, von dem offensichtlich die Infektion auf das
Zentralnervensystem übergegangen war. Es wird also der perirektale Abszeß als
Ursache der Myelitis anzusprechen sein; das psychische Trauma kann allenfalls
die Empfänglichkeit des Nervensystems für eine Infektion erhöht und also eine
begünstigende Rolle gespielt haben.
12) Über latenten Meningealkrebs, von Hermann Eichhorst. (Deutsches
Archiv f. klin. Medizin. CXV. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
5Gjähr. Frau; Lähmung der Beine mit Kontrakturen und geringen sensiblen
Störungen. Exitus nach fast einem Jahre. Autopsie: Makroskopisch keine Ver¬
änderungen am Rückenmark, welche die Lähmung hätten erklären können; mikro¬
skopisch ausgedehnte Krebsbildung in der Pia mater spinalis.
Gleiche Beobachtungen stammen von Saenger, Lissauer und Beermann.
Allerdings beschränkten sich in des Verf.’a Fall die karzinomatösen Veränderungen
auf die Meningen des Rückenmarks. In letzterem waren nur solche Veränderungen
sichtbar, wie man sie bei sogen. KompressionsmyelitiB zu beobachten pflegt, und
zwar infolge Behinderung des arteriellen und venösen Blutlaufes und der Lymph-
strömung.
Mit der Diagnose von autotoxischen Lähmungen und anderen autotoxischen
nervösen Störungen bei Krebskranken muß man sehr vorsichtig sein. Eine sorg¬
fältige mikroskopische Untersuchung der Meningen ist erforderlich. Ganz ent¬
sprechende anatomische Veränderungen wie das Karzinom kann auch das diffuse
Sarkom der Meningen hervorrufen. Die klinische Diagnose eines Meningealkrebses
wird man dann stellen, wenn sich bei einem Krebskranken Zeichen einstellen, die
auf eine Beteiligung der Meningen hinweisen; ob es sich aber um einen mani¬
festen oder latenten Meningealkrebs handelt, das werden erst Sektion und Mikro¬
skop zu entscheiden haben. Der Nachweis von Krebszellen im Lumbalpunktat
wird nicht zu erwarten sein.
18) Über pathologlaohe Anatomie und Pathogenese der amyotrophliohen
Lateralsklerose, von M. 8. Margulis. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk.
LII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. ,
Verf. berichtet über drei typische Fälle von amyotrophischer Lateralsklerose
nebst Sektionsbefund (zwei Frauen, ein Mann). Das Alter der Kranken schwankte
zwischen 42 und 49 Jahren. Bei mikroskopischer Untersuchung der Großhirn-
Di gitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
300
rinde aas verschiedenen Teilen derselben werden analoge Veränderungen der Nissl-
Färbung konstatiert: verschiedene Arten von Tigrolyse; atrophische Zellen in ver¬
hältnismäßig kleiner Zahl, pigment-degenerierte recht viel. Das Gebiet der Zentral-
windungen bietet keine Veränderungen im Vergleich zu anderen Teilen. Irgend
welche Degenerationen von Fasersystemen werden bei Weigert-Pal-Marchi-Färbung
weder in der Rinde noch in der weißen Substanz bis zum Stammteil festgestellt.
Die gefundenen Rückenmarksveränderungen werden genau beschrieben. In den
peripheren Nerven findet man verschieden stark ausgesprochene Verdünnung,
Degeneration und Atrophie der Fasern; in der Muskulatur des Rumpfes und der
Extremitäten zeigt sich das Bild einer individuellen bündelförmigen und allge¬
meinen Atrophie der Muskelfasern, am stärksten in den distalen Teilen der Extre¬
mitäten.
In 2 Fällen waren Schmerzen vorhanden, in keinem Falle Sensibilitäts¬
störungen.
Bezüglich der Pathogenese der amyotrophischen Lateralsklerose glaubt Verf.,
daß dieselbe eine infektiös-toxische ist, die Verbreitung des Prozesses ist eine
lymphogene und die Erkrankung ergreift diffus das ganze Vorderseitensegment
des Rückenmarks; in seltenen Fällen verbreitet sie sich auf den ganzen Querschnitt
des Rückenmarks.
14) Über kombinierte Strangerkrankungen des Rückenmarks, von M.Völsch.
(Fortschr. d. Medizin. 1914. Nr. 30.) Ref.: Kurt Mendel.
2 Fälle yon Myelitis werden mitgeteilt „Die weit überwiegende Mehrzahl
der selbständigen Erkrankungen ohne bekannte Ursache, welche unter dem klinisch
gut charakterisierten Bild der kombinierten Strangerkrankung mit oder ohne An¬
ämie verlaufen, beruht auf einem multipel herdförmigen degenerativen Prozeß,
welcher eine gewisse Symmetrie zeigt, aber keinesfalls systematisch ist; er ent¬
steht vermutlich auf vaskulärem Wege. Die sich an ihn anschließende umfang¬
reiche sekundäre Degeneration verstärkt den Eindruck der Symmetrie; er bietet
das Bild der funikulären Myelitis. In einer sehr viel geringeren Zahl solcher
Fälle deuten die Autoren den anatomischen Befund als systematische Degeneration
der in Hinter- und Seitenstrang verlaufenden Fasersyateme.“ Der Beweis hierfür
ist aber nicht erbracht; auch hier liegen vielleicht im Grunde prinzipiell gleich¬
artige Prozesse, wie in der vorerwähnten Gruppe vor, d. h. die Systematik ist
vorgetäuscht durch Symmetrie und sekundäre Degeneration. Auch bei den Fällen
aus der Gruppe der kombinierten Tabes handelt es sich hauptsächlich um eine
mit sekundären Degenerationen verbundene Myelitis.
15) Über Caudatumoren unter dem Bilde der Neuralgie isohiadica sive
lumbosaoralls, von H. Oppenheim. (Monatsschr. f. Psych. u. Neur. XXXVI.
1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
2 Fälle werden mitgeteilt, in denen die Diagnose des Caudatumors dadurch
erheblich erschwert wurde, daß trotz langer Dauer des Leidens objektive Symptome
fast ganz vermißt wurden oder so wenig ausgeprägt waren, daß sie einen charak¬
teristischen Hinweis nicht zu bilden vermochten.
Fall I. 28jähriges Fräulein. Seit 7 Jahren ischiaBartige Schmerzen, erst
links, dann rechts, Kreuzschmerzen und Schmerzen an der Außenfläche des rechten
Oberschenkels. Keine Parästhesien, keine Störungen in der Funktion der Sphink-
teren. Status: Lordotische Haltung der Lendenwirbelsäule. Beiderseits Ischias¬
phänomen und typische Druckpunkte. Fersenphänomen fehlt links, rechts ab¬
geschwächt. Motilität und elektrische Erregbarkeit und Sensibilität im ganzen
normal, nur im rechten Zirkumanalgebiet vielleicht geringe Hypästhesie. Wirbel¬
säule überall druckschmerzhaft. Lumbalpunktion ergibt Xantochromie und starke
Vermehrung des Eiweißgehaltes, keine Pleozytose, keine Geschwulstzellen. Nach
der Punktion Zunahme der Schmerzen in Kreuz und Beinen und leichte Harn-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
301
beschwerden. Letztere schwinden nach Merkurialkur, auch kehrt links das Fersen¬
phänomen zurück. Später schwinden die Fersenphänomene wieder, die zirkum-
anale Hypalgesie kommt wieder zum Vorschein, während die Harnentleerung
normal bleibt. Laminektomie in Höhe des 3. Lendenwirbels. Es zeigt sich die
ganze Cauda in Geschwulstmassen (Fibrosarkom) eingebettet, so daß Badikal-
operation unmöglich. Alsdann dauernde Harnverhaltung, Decubitus, Exitus. —
Das „Kompressionssyndrom“ (Xanthochromie und Eiweißvermehrung) bildet zwar
kein sicheres Zeichen eines das Bückenmark komprimierenden Gewächses, aber es
macht — wie im vorliegenden Falle — diese Annahme doch recht wahrscheinlich.
Der ausgedehnte, die Cauda völlig umklammernde Tumor hatte sich trotz 7jähr.
Bestehens durch kein anderes Symptom als durch die Erscheinungen der doppel¬
seitigen Ischias bzw. Neuritis n. ischiadici verraten.
Fall II. 4&jährige Frau. Seit 1910 Schmerzen im reohten Bein von
wechselnder Lokalisation, auch in Kreuz-, Gesäß- und Leistengegend. Varicen am
rechten Unterschenkel. Nervenbefund bis auf eine geringe Atrophie der rechts¬
seitigen Glutäalmuskeln und ein Fehlen der Bauchreflexe negativ. Druckschmerz¬
haftigkeit in der Gegend der Lenden-, Kreuzbeinwirbel und des Darmbeins.
Lumbalpunktat ergibt Xantochromie, Erhöhung des Eiweißgehaltes bei fehlender
Lymphozytose. Keine Geschwulstzellen. Nach 3 Monaten Harndrang und leichte
Incontineutia alvi, Muskelatrophie am rechten Oberschenkel, besonders am Vastus
internus, Knie- und Fersenpbänomen rechts abgeschwächt, elektrische Erregbarkeit
im rechten Quandrizeps etwas herabgesetzt, Gefühlsabstumpfung in der rechten
äußeren Glutäal- und Inguinalgegend. Laminektomie: in der Höhe des 2. Lenden¬
wirbels ein zwischen die Wurzeln der Cauda eingelagerter, großer, glatter Tumor
von benignem Charakter, oberhalb Liquoransammlung. Die Geschwulst läßt sich
ohne Läsion der Wurzeln herausschälen. Nach anfänglicher Verschlimmerung
fortschreitende Besserung. — Es hatte sich also der Caudatumor 4 Jahre hin¬
durch ausschließlich durch Schmerzen im Bereich der Lumbosakralwurzeln eines
Beines geäußert und auch zur Zeit der ersten Untersuchung keine objektiven
Ausfallserscheinungen geboten. Die Lumbalpunktion brachte dann durch den
Nachweis des Kompressionssyndroms eine festere Stütze für die Diagnose der Ge¬
schwulst. Das Fehlen der Bauchreflexe in beiden Fällen ist als Folge der Liquor¬
stauung oberhalb der Geschwulst anzusehen.
„Die beiden Beobachtungen lehren, daß man den schweren, hartnäckigen,
gegen alle Mittel renitenten Formen der Neuralgia lumbosacralis Mißtrauen ent¬
gegenbringen soll, und daß auch der Nachweis des Ischiasphänomens und der
Druckpunkte keine sichere Gewähr für die Diagnose Neuralgia (oder Neuritis) n.
ischiadici oder cruralis gibt. Freilich ist es nicht nur die Hartnäckigkeit, sondern
auch die im ganzen progrediente Steigerung der Schmerzen, sowie ihr HinauB-
greifen über die typischen Neuralgiegebiete, welches die Differentialdiagnose er¬
leichtern wird.“ Von hohem diagnostischen Werte ist die Liquoruntersuchung
(Kompressionssyndrom).
16) Ein Beitrag zur chirurgischen Behandlung der Büokenmarksgesohwülste,
von Th. Mauss. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 26.) Bef.r
W. Alexander.
Mitteilung eines'"Falles, bei dem sich im Verlauf von 2 l / 2 Jahren folgendes
Krankheitsbild entwickelt hat: Beginn mit Schmerzen im linken Plexus lumbalis,
nach einem Jahr Lähmungserscheinungen erst im linken, dann auch im rechten
Bein, Blasen- und Mastdarmstörungen. Allmähliche Zunahme aller Erscheinungen.
Nach 2Vs Jahren: Vollständige Paraplegie beider Beine, erhebliche Sensibilitäts¬
störungen, Ischuria paradoxa und schwere Verstopfung, Druckschmerzhaftigkeit
über dem linken Querfortsatz des 3. Lendenwirbels. Die Diagnose wurde gestellt
auf Kompression der Medulla spinalis durch einen extramedullären Prozeß in der
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
302
Höhe der Lendenanschwellung, bzw. des 11. und 12. Brust- und 1. Lendenwirbels.
Operation (Coenen-Breslau): ln der Höhe des 11. und 12. Brustwirbels bohnen-
großes Psammom, welches das Rückenmark stark nach rechts verdrängt und kom¬
primiert hat. Nach etwa einem Jahr Gang kaum merklich gestört, geht ohne
Stock über eine Stunde. Motorische Kraft völlig normal. Alle anderen Symptome
restlos verschwunden, nur Babinski und Oppenheim links noch positiv.
Brown-S6quardsche Lähmung.
17) Beitrag ium Symptomenkomplex der Brown-Söquardsehen Lähmung,
von Prof. Dr. M. Bernhardt. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 45.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. schildert die Krankengeschichte eines 39jährigen Patienten mit dem
Symptomenkomplex der Brown-Sequardschen Lähmung und erörtert die Differential¬
diagnose zwischen syphilitischer Affektion der Rückenmarkshäute und Syringo¬
myelie in atypischer Form und die größere Wahrscheinlichkeit dieser atypischen
Syringomyelie. Eigenartig war die Sensibilitälsatörung in der rechten Penis-,
Skrotal- und Dammhälfte; es fehlte die Schmerzempfindung für Stiche, elektrischen
Pinsel, für Kälte und Hitze.
18) Syndröme de Brown-Sequard, par E. Dupre, Heuyer et Bergeret.
(Revue neurolog. 1914. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Brown- Säquard schein Symptomenkomplex nach Schuß Verletzung.
Kugel in Höhe von C 8 und D 2 mit wahrscheinlicher Hemisektion des Rücken¬
marks in dieser Höhe. Die Kugel hatte sich — wie das Röntgenbild zeigt —
in zwei Teile geteilt; der eine Teil saß an dem ersten, der andere au der oberen
Partie des Körpers des 2. Brustwirbels. Bemerkenswert ist, daß, während die
Motilitätsstörungen richtig auf die Lokalisation in C g hinwiesen, die sensiblen
Störungen nicht höher als auf D 6 hindeuteten. Die Störungen der Knochen-
sensibilität bestanden auf der Seite der Läsion, diejenige der Parästhesie — wie
diejenigen des Hautgefühls — auf der entgegengesetzten Seite. Keine Abwehr-
hautreflexe.
19) Zur Kenntnis progressiver, stationärer und regressiver Formen der
Brown-Söqnardsohen Lähmung, von H. Oppenheim. (Zeitschr. f. d. ges.
Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: W. Misch.
Es werden 6 Fälle mit dem Krankheitsbilde einer progressiv, stationär und
regressiv verlaufenden Brown-S6quardschen Lähmung beschrieben, die vorwiegend
Männer im 4. bis 5. Dezennium betrifft und für deren Entstehung eine Ursache
nicht nachweisbar ist. Insbesondere ist eine Lues durch die bei allen Fällen
vorgenommene Blut- und in den meisten Fällen ausgeführte Liquoruntersuchung
auszuschließen. Das Krankheitsbild ist durchweg das einer typischen Brown-
Sequard sehen Lähmung, und zwar stets vom dorsalen Typus, d. h. es besteht eine
spastische Parese des einen Beines und eine dissoziierte Empfindungslähmung de6
anderen. Der Abdominalrefiex ist auf der Seite der Lähmung ganz oder teilweise
erloschen, auf der anderen Seite meist abgeschwächt. Auf der Seite der Lähmung
findet sich ferner meist eine taktile Hypästhesie im gleichen Wurzelgebiete, be¬
sonders in Nabelhöhe. Hinzu kommen Harnbeschwerden und fast stets Impotenz.
Arme und Hirnnerven sind frei. Die Lähmung besteht gewöhnlich in einer
Parese mit Hypertonie, Klonus und spastischen Reflexen, besonders Babinski, auf
der gelähmten Seite, während sich auf der anderen Seite stets nur eine geringe
Schwäche fast ohne spastische Reflexe findet. Außerordentlich wechselnd sind die
Sensibilitätsstörungen: Es können Schmerzen auftreten oder auch nicht; im ersteren
Falle sind sie gewöhnlich an den Beinen vorhanden, nioht radikulär. Zuweilen
finden sich Parästhesien an den Beinen. Die anästhetischen Erscheinungen sind
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
303
stets unvollständig, meist bestehen sie in Hypalgesie und Thermhypästhesie am
nicht gelähmten Bein. Der Verlauf der Erkrankung ist zunächst ein subakuter
oder chronisch progredienter; nach einem oder mehreren Uonaten tritt unter
häufigen Remissionen ein Stillstand ein, der wohl zu einer Besserung, aber nie
zu einer Heilung führen kann. Das Krankheitsbild gibt leicht zur Diagnose
Rückenmarkstumor, besonders im progredienten Stadium, Anlaß. Von der mul*
tiplen Sklerose unterscheidet es sich durch den Verlauf und das hemilaterale Auf¬
treten. Bei der Myelitis ließ sich der Brown-S6quardsche Symptomenkomplex
dagegen zuweilen beobachten. Und hierzu stimmt der Befund bei einem 7. Fall
des erwähnten Krankheitsbildes, bei dem es zur Obduktion kam. Bei diesem
Fall, der mit Schmerzen und Parästhesien in den Beinen, Rückenschmerz, Schwäche
im rechten, dann im linken Bein, Gehstörung, Harnbeschwerden begonnen hatte,
fand sich nach einem Verlauf von 3 Jahren, der zu einer geringen Besserung
geführt hatte, das oben geschilderte typische Bild der Brown-Sequardsehen Läh¬
mung. Eine Operation zeigte keine Geschwulst, nur Liquorvermehrung und arach-
noideale Verwachsungen. Der Obduktionsbefund ergab das Bild der kombinierten
Strangerkrankung, bzw. einer funikulären Myelitis mit besonderer Verbreitung des
Prozesses im rechten Seitenstrang im Gebiet des Pyramiden- und Kleinhirnseiten-
Strangs, auch im Gollschen Strang, und zwar ist der Prozeß ein myelitischer von
unregelmäßiger, aber doch halbseitiger Verbreitung. Es geht daraus hervor, „daß
es eine Form von funikulärer Myelitis, bzw. kombinierten Strangerkrankung gibt
(Myelitis funicularis unilateralis), die durch ihre vorwiegend unilaterale Verbreitung
im Rückenmark das Bild der Brown-Söquardschen Lähmung hervorbringen kann/*
Wirbelsäule.
20) Zur Diagnostik der Wirbelsäulenerkrankungen, von A. Schanz. (Zentral¬
blatt f. Chirurgie. 1914. Nr. 8.) Ref.: Kurt Mendel.
Ein Symptom bei Wirbelsäulenerkrankung, das (z. B. von Traumatikern) un¬
möglich vorgetäuscht werden kann, ist eine krampfhafte Kontraktur der langen
Rückenmuskeln, besonders im Bereiche des Lendenteiles: man sieht beiderseits der
Dornfortsatzlinie zwei reliefartig vorspringende Wülste, die krampfhaft kontra¬
hierten Muskeln. Bei einer Besserung wird die Kontraktur weicher und ver¬
schwindet schließlich, bei Verschlechterung und bei Rezidiven treten die Wülste
aber wieder auf. Dieses Symptom ist bei Schmerzzuständen an der Wirbelsäule
nach Traumen vorhanden, mit und ohne Knochenverletzung, ferner bei Wirbel¬
tuberkulose und bei anderen nicht-traumatischen entzündlichen Erkrankungen der
Säule und ihrer Gelenke, besonders auch bei der sogen. Insufficienta vertebrae
(Schanz). Das Bestehen der Kontrakturen weist auf ernste Wirbelsäulen¬
erkrankung hin. (Das Symptom ist wohl jedem Gutachter in Unfallsachen schon
bekannt. Ref.)
21) Zur Behandlung der 8pina bifida, von Dr. Carl Hennemann. (Münch,
med. Wochenschrift. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Birngroße und birnförmige Geschwulst am Kreuzbein, gespannt, durchscheinend,
mit sehr dünner Haut. Bei Druck auf die Geschwulst hebt sich die Haut über
der großen Fontanelle. Es besteht Anästhesie der Beine, die Beine können nicht
bewegt werden, zeitweilige Muskelzuckungen. Dreimalige Punktion des Sackes
und Einspritzung von Jodlösung. Die entleerte Flüssigkeit war klare Zerebro¬
spinalflüssigkeit. 8 Tage nach der 3. Einspritzung war die Geschwulst ver¬
schwunden, an ihrer Stelle eine geschrumpfte, harte und feste Hautdecke.
22) Eine seltene Form von Epistropheusfraktur mit tödliohem Ausgang,
von Neumann. (Wiener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 30.) Ref.: Pilcz.
Ein Heuballen von 50 bis 60 kg fällt einem Soldaten auf den Kopf. Exitus
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
304
nach wenigen Minuten. Obduktion: Keine äußere Verletzung. An der Innen¬
seite der Kopfschwarte, in Scheitelhöhe, flächenhaft ausgebreitetes, etwa 15 cm im
Durchmesser betragendes Extravasat. Gehirnoberfläche in der Gegend der Basis
des rechten Stirn- und Schläfenlappens, weniger links, von Blutungen durchsetzt
und an zahlreichen, stecknadelkopfgroßen Stellen zertrümmert. Bei intaktem
Bandapparat und ohne Luxation des 2. Halswirbels von rechts vorn nach links
hinten gesprungen, Epistropheus abgebrochen. Medulla im Bereiche des C 2 durch
zwischen Knochen und Dura befindliches Extravasat platt gedruckt.
Verf. betont die Seltenheit, daß ein extramedulläres Hämatom durch Kom*
pression den Tod herbeigeführt hat.
23) Über Wirbelbrüche, Ihre Diagnose und Beurteilung, von Dr. Paul
Ewald. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 21.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die weitaus häufigste Ursache von Rückenschmerzen ist die Spondylitis de-
formans, welche vielfach mit wahren Wirbelbrüchen verwechselt wird. Klinisch
liegt dabei oft ein Krankheitsbild vor, das gemeinhin traumatischer Lumbago ge¬
nannt wird. Verf. stellt folgende Sätze bezüglich der Spondylitis deformans auf:
1. Auch hochgradige Veränderungen an der Wirbelsäule können lange Jahre
latent sein, genau wie jede Arthritis deformans an den Gelenken.
2. Überanstrengung, Erkältung, Verletzung usw. können die Beschwerden zur
Erscheinung bringen und zur Erwerbsfäbigkeit führen.
3. Wirbelbrüche und Spondylitis deformans Bind pathologisch-anatomisch,
klinisch und röntgenologisch genau voneinander abzutrennen.
Verf. bespricht dann die Strümpell-Marie-Bechterewsche Spondylitis ancylo-
poetica, endlich die Wirbelfrakturen mit ihren neurologischen Symptomen, mit
den sofortigen Verletzungsfolgen sowie den Spätfolgen. Letztere bestehen in
Schmerzen, Steifigkeit und Deformität. Das Röntgenbild ist immer von ent¬
scheidender Bedeutung, wenn auch Fälle beobachtet werden, wo man nicht sich
danach mit Sicherheit schlüssig wird, ob ein Wirbelbruch Vorgelegen hat oder
nicht.
24) Über Wirbelsäulenosteome mit Kompression des Rückenmarks, von
M. Bornstein und W. Sterling. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XIII.)
Ref.: Carl Grosz.
Zusammenstellung der Literatur über Rückenmarkskompression durch Osteom¬
bildung.
Eigener Fall: 75jähriger Greis. Seit 10 Jahren krank. Objektiver Befund:
Vollständige Lähmung aller 4 Extremitäten. Ausgesprochene Kontraktur der
Beuger an der rechten Seite und eine sehr gesteigerte Muskelspannung links.
Rechte Pupille größer als die linke, beide verengert, schwach auf Lioht reagierend.
Ausgesprochene Sensibilitätsstörungen. Patellarsehnenreflexe beiderseits gesteigert,
Achillessehnenreflexe beiderseits aufgehoben, beiderseits Babinski +. Nach 7 monat¬
lichem Spitaleaufenthalt Tod durch zufällige Ursache. Sektionsbefund: An der
hinteren Fläche des 3. Halswirbelkörpera Tumor aus Knochengewebe. Aus dem
nach unten folgenden Wirbel wachsen einige kleine Tumoren hervor. Rücken¬
mark im ganzen Hals- und oberen Dorsalteil stark abgeplattet, auf der vorderen
Rücken mar ksfläche eine große Zahl von Vertiefungen. An der Stelle des stärksten
Druckes größte mikroskopische Veränderungen im Sinne ausgedehnter Zerstörungen
der weißen und grauen Substanz, besonders des 2. Halssegmentes, wo einzelne
Stränge der weißen Substanz nur mit Schwierigkeit unterschieden werden können
und wo das Myelin sehr ausgesprochene Veränderungen erlitten hat.
U. a. wurde auch enorme Vergrößerung der Zahl der Gefäße, Verdickung der
Wände, große Zahl der Kerne festgestellt. Im 1. Halssegment aufsteigende Ent¬
artung der Hinterstränge und Seitenstränge. In den unteren Hals- und Dorsal-
segmentou, teilweise auch in den Lenden- und Kreuzsegmenten war eine ab-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
305
steigende Degeneration in den seitlichen und vorderen Pyramidenbahnen deutlich
nachweisbar. Entzündliche Veränderungen wurden nicht festgestellt. Eine be¬
sondere Aufmerksamkeit verdient das Verhalten der Pupillen (unvollständiger
Argy 11-Robertson) als Beitrag zur strittigen Frage der Lokalisation des Pupillar-
reflexes. Obgleich sich die anatomische Untersuchung nur auf das Rückenmark
bezog, so erlaubt doch das Fehlen irgendwelcher klinischer Symptome, das Fehlen
von Symptomen seitens der Augenbewegung, einen nicht medullären Prozeß aus-
zuschließen, um so mehr, als in der Gegend des durch den Tumor ausgeübten
Druckes seitens einiger Forscher (Rieger und Förster, Reichardt) die Ursache
der Pupillenstarre lokalisiert wurde. Die klinisohe Analyse des Falles und seine
Zusammenstellung nach anderen Fällen der Literatur führt den Verf. zu dem
Schluß, daß die Diagnose der das Rückenmark komprimierenden Osteome der
Wirbelsäule als solcher, bzw. deren Abgrenzung von Caries, extramedullären
Tumoren, aber auch von diffusen Rückenmarksleiden chronischen Charakters, die
Grenzen der klinischen Möglichkeiten überschreitet.
25) Zar Diagnostik und Therapie der akuten und eitrigen Wirbelosteo¬
myelitis, von R. Göbell. (Mitteil, des Vereins Schleswig-Holsteinscher Ärzte.
XXII. Nr. 2.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über einen Fall von akuter eitriger Osteomyelitis des 2. und
3* Lendenwirbelkörpers und eitriger Meningitis spinalis und einen Fall von akuter
eitriger Osteomyelitis des Wirbelbogens. In dem zweiten Fall wurde die Heilung
herbeigeführt durch Resektion der 9. Rippe und Drainage der Pleura. Die Mor¬
talität der Wirbelkörperosteomyelitis beträgt 73,3 °/ 0 . Der Fall I des Verf/s ist
der vierte geheilte und der vierte Fall von Meningitis spinalis purulenta, der
durch Laminektomie und Drainage geheilt wurde. Ein fünfter wurde von Kümmel
durch wiederholte Lumbalpunktionen geheilt.
Die hohe Mortalität, die Schwierigkeit der Diagnose in diesen Fällen und
bei anderen Wirbelkörpererkrankungen haben den Verf. dazu geführt, den Wirbel¬
körper zu diagnostischen Zwecken anzubohren. In vier Fällen, in denen dies
Verfahren zur Anwendung kam, konnte Verf. keine Schädigung durch die An¬
bohrung beobachten. Er hält diese für wertvoll bei der Frühdiagnose der akuten
eitrigen Wirbelkörperosteomyelitis und damit für die Besserung der Mortalität.
Auch für die Diagnose von Wir beikörper tumoren dürfte das Verfahren von Be¬
deutung sein.
20) Die Rigidität der Wirbelsäule und ihre Prognose, von B. Beer. (Wiener
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 49.) Ref.: Pilcz (Wien).
Auf Grund persönlicher Erfahrung erachtet Verf., im Gegensatz zur herrschen¬
den Lehre, die Prognose der Spondylose rhizomölique als in der Mehrzahl der
Fälle absolut gutartig; auch nach 2- bis 14jährigem Bestehen kann die Krankheit
vollständig zur Heilung gebracht werden.
Die Behandlung besteht in einer auf der Elastizität des Bindegewebes und
auf dem Umstande, daß bei atrophischen Zuständen die Natur noch hinreichende
latente Reserven im Gewebe gelassen hat, basierte, sehr zart ausgeführte, dem
Redressement nahe verwandte mechanische Manipulation, für deren Erlernung aber
Verf. keine Jünger finden konnte. Verf. behält sich vor, in einer weiteren Publi¬
kation die Einzelheiten dieser Therapie mitzuteilen.
Verf. tritt für die Ziemssensche Anregung warm ein, Krankenhäuser für
chronische Krankheiten zu schaffen.
27) Bemerkungen über die chronisch ankylosierende Wirbelsäulenver¬
steifung, von E. Fraenkel. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 25.)
Ref.: W. Alexander.
Verf. wiederholt seine in seinen bekannten Arbeiten schon mehrfach aus¬
gesprochene (und wohl fast allgemein anerkannte) Ansicht, daß es nicht mehr
xxxiv. 20
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
306
erlaubt ist, von Bechterewscher und Marie-Strümpell scher Krankheit als von be¬
sonderen T^pen zu sprechen. Er zeigt an einer großen Zahl von Präparaten aufs
neue, daß wir jetzt die anatomischen Prozesse sehr genau kennen. Wir müssen
unterscheiden zwischen einer Spondylarthritis ankolopoetica, die auf einer Arthritis
ulcerosa besonders der Gelenkverbindungen zwischen den Processus articulares
ohne wesentliche Verknöcherung der Ligamente beruht, hier sowie in anderen
Gelenken (Hüfte, Symphysis sacro-iliaca, Schultergelenk, Sternoclaviculargelenk usw.)
zur Ankyloße führt und so auch die Wirbelsäule versteift. Streng von diesem
Prozeß zu trennen ist die Spondylitis deformans: Erkrankung der Bandscheiben,
Verunstaltung der Wirbel, marginale Exostosen an den Körpern, aber auch an
den Gelenkfortsätzen, schließlich dadurch extraartikuläre Ankylosierung der Wirbel*
säule. Andere Unterschiede beider Erkrankungen bestehen darin, daß bei der
Spondyl. ankylopoetica in der Regel die ganze Wirbelsäule, bei der Spondyl.
deformans nur einzelne Partien derselben versteift sind; ferner im Röntgenbild
und besonders in der Prognose, die bei der deformierenden Spondylitis relativ
günstig, bei der anderen Form durchaus ungünstig ist.
28) Ein Fall von Wirbelsäulen Versteifung, von H. Hirsch. (Petersb. med.
Zeitschr. 1913. Nr. 12.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Spondylose rhizomälique. Das Primäre war eine Muskelerkrankung,
die Ankylosen waren erst eine Folge der veränderten Gelenkstellung und Gelenk¬
belastung.
29) Die Bedeutung der Laminektomie bei spondylitlsohen Lähmungen,
von Prof. Alexander Tietze. (Berliner klin. Wochenschrift 1914. Nr. 26.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Als Ursache für die Rückenmarkskompression bei spondylitischen Erkran¬
kungen muß man annehmen, daß das Rückenmark auf dem Wirbelkniok reitet
und in dem verengerten Wirbelkanal eingeengt und zusammengequetscht wird.
Diese Erklärung ist meist richtig, aber nicht immer; man findet nicht selten
Granulationslager, Peripacbymeningitis, die eventuell in käsigen Höhlen enden.
In solchen Fällen wird die beste Behandlung, die Streckbehandlung, erfolglos sein.
Die Diagnose muß das klinische Bild berücksichtigen, die Form des Buckels, die
Art der Progredienz und des Übergangs der Reiz- in Lähmungserscheinungen usw.
Das Vorhandensein eines Senkungsabszesses ist im allgemeinen ein Gegengrund
gegen die Operation. Die Operation soll eine Entlastung, eine Dekompression des
Rückenmarks herbeiführen und sich lediglich auf die Fortnahme der Bögen be¬
schränken. Perimeningitische Granulationen sollen nur hinten und eventuell an den
Seiten entfernt werden; dabei muß man sich hüten nach vorn zu weit vorzugehen.
Gerät man in einen Abszeß, so ist der Fall verloren. 3 Fälle waren besonders
interessant. In 2 Fällen sah man an den aus dem Duralsack austretenden Wurzeln
kolbige Verdickungen, die an eine Wurzelneuritis denken ließen, in dem 3. Fall
ergab die mikroskopische Untersuchung des als tuberkulös angesprochenen epi¬
duralen Granulationslagers ein kleinzelliges Karzinom und die Autopsie ein
Bronchialkarzinom als Primärtumor.
Von 13 Fällen schuf die Operation dreimal einen greifbaren und einiger¬
maßen dauernden Nutzen. In allen anderen Fällen waren die Resultate „geradezu
traurig“. Fünf starben im Anschluß aD die Operation. Einmal ging die spastische
in eine schlaffe Lähmung über. Von den fünf anderen zunächst überlebenden
Fällen berichtet Verf., daß es die erste Zeit besser ging, daß es aber bald zu
einem Umschlag kam, dem bald der Exitus folgte. Die Autopsie argab stets eine
schwere tuberkulöse Zerstörung der Wirbelsäule, der Eingriff zeigte keinerlei
Einwirkung. Die inneren Organe waren zweifellos durch das Krankenlager ver¬
schlechtert.
Verf. schiebt die Schuld an seinen schlechten Resultaten zum Teil seiner
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHtGAN
307
strengen Indikationsstellnng zu, nach der er nur Fälle operiert, die aller übrigen
Therapie gegenüber sich refraktär verhalten haben, ferner den zu eingehenden
Eingriffen, die auch zu lange Zeit in Anspruch nehmen.
Die Albee-Henlesche Operation empfiehlt Verf. nur bei Fällen ohne Läh¬
mungen.
30) Ein Fall von Spondylitis oervicalis daroh Sonnenbestrahlung geheilt,
von Eienast und Frankfurter. (Wiener med. Wochenschr. 1913. Nr. 33.)
Ref.: Pilcz (Wien).
15jähr. Mädchen, seit April 1911 in die Schultern ausstrahlende Schmerzen
in der Gegend des obersten Brustwirbels, leichte Schwellung daselbst, allmählioh
Gibbus, spastische Parese der Beine, rechts mehr. Stat. praes«: Gibbus mit Spitze
am 2. Dorsalwirbel, obere Gliedmaßen frei, Sensibilität an der Vorderseite des
Rumpfes vom Rippenbogen abwärts herabgesetzt, rückwärts weniger deutlich.
Rechtes Bein fast unbeweglich, links besser, hochgradige Spasmen, Füße kühl,
zyanotisch. Die Behandlung, welche Januar 1912 mit Sonnenbestrahlung durch
ein im Stützmieder geschnittenes Fenster, ferner Darkauer Jodbädern begann,
brachte bald erhebliche Besserung. Dezember Gewichtszunahme 10 kg, Motilität
normal« Stat. praes. vom April 1915 ergab: Gibbus bis auf Winkel von etwa
150°. Ausgeglichen, Sensibilität und Motilität völlig normal, leichte Steigerung
der Patellarsehnenreflexe, kein Fußklonus, Füße normal warm, nirgends Druck¬
empfindlichkeit der Wirbelsäule, Röntgenbild ergab Ausheilung des Knochen¬
prozesses.
81) Un oas de apondylite typhique, par Philibert (Revue d’orthopädie.
IV. 1914. S. 409.) Ref : K. Boas.
Ausführlicher Bericht neben zahlreichen Röntgenogrammen und Abbildungen
vor und nach der Behandlung über einen Fall von typhöser Spondylitis bei einem
Jungen. Als Behandlungsweise empfiehlt Verf. Anlegung eines Korsetts. Nur wo
eine solche nicht möglich ist, so z. B. bei Decubitus, soll die kontinuierliche Ehr¬
tension an deren Stelle treten.
33) Über die operative Behandlung der tuberkulösen Entzündung der
Wirbelsäule, von Prof. Dr. Oskar Vulpius. (Berliner klin. Wochenschrift.
1914. Nr. 16.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Der ultrakonservative Enthusiasmus ist in der Behandlung der chirurgischen
Tuberkulose übers Ziel hinausgeschossen. Vitale, soziale und pekuniäre Gründe
drängen auf die Bahn einer kombinierten konservativen und operativen Behand¬
lung. Verf. hält die Operation nur für eine Episode in der Behandlung der
Spondylitis. Er bespricht zunächst die tuberkulöse Wirbelentzündung an sich.
Ein geschlossener Herd im Wirbelkörper soll ohne Not nicht angegriffen werden,
während man z B. bei sich unter der Rückenhaut schon vorwölbenden Prozessen
mit dem operativen Eingriff nicht zu warten soll. Verf. bespricht die Operationen,
welche bestrebt sind Wirbelverlötung herbeizuführen, und erwähnt besonders die
Verfahren von Hibbs und Albee; besonders das Verfahren von Albee, dessen
Technik genau beschrieben wird, ist vielversprechend. Die Schmerzen lassen als
erster Erfolg nach und verschwinden prompt. Weiterhin begünstigt die mit Hilfe
der Ankylosierung herbeigeführte Fixierung der erkrankten Wirbel deren Aus-
heilung. Insbesondere sah Verf., daß sich hartnäckige Fisteln auffallend rasch
schlossen. Nachher läßt Verf. die Patienten noch monatelang liegen und gibt
ihnen auch noch ein Stützkorsett, wenn es Albee auch nicht für unumgänglich
notwendig hält. Der Eingriff an sich ist unbedeutend, die Technik einfach.
Verf. wendet sich sodann zur chirurgischen Behandlung der spondylitischen
Lähmungen. Wenn die Fixation der Wirbelsäule, verbunden mit Extension, nicht
zum Ziele führt, kann die Laminektomie vorgenommen werden, deren Zweck darin
beeteht, daß das Rückenmark von dem Druck im Wirbelkanal befreit wird. Die
20 *
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
S08
Operation fahrt nicht selten zur Freilegung und Entfernung von Eiter, tuberku¬
lösen Granulationen und Sequestern. Über ihre Indikation sind die Akten noch
nicht geschlossen. Man soll nicht zu lange damit warten, um so weniger, als die
Operation nicht gefährlich ist. Der Erfolg ist einem gewissen Zufall unterworfen.
Die Chancen bewertet Verf. auf Grund eigener Erfahrungen auf 50°/ 0 . Immer
ist monatelange Nachbehandlung erforderlich.
Wesentlich häufiger als spondylitische Lähmungen erfordern Abszesse im
Gefolge der Spondylitis chirurgischen Eingriff.
33) A propostto di an oaso di morbo di Pott Oonsiderazioni cliniehe,
per G. Bolzani. (Biv. ital. di, Neuropatologia, Psichiatria ed Elettroterapia.
VI. 1913. H. 8.) Bef.: G. Perusini (Mailand). .
Patient, ein 28jähriger Mann, hatte vor 14 Jahren eine tuberkulöse Läsion
der Wirbelsäule dargeboten, die eine vollständige Paraplegie verursachte. Voll-
ständige Heilung trat jedoch ein; die residuäre Kyphoskoliose war nicht schmerz*
haffc. Nach etwa 9 Jahren machten sich wieder asthenische Symptome bemerkbar;
der Zustand verschlimmerte sich allmählich, Incontinentia urinae, Parästhesien,
Paraplegie, Zuckungen im linken Bein traten auf. Verf. nahm an, daß es sich
um eine zweite tuberkulöse Läsion der Wirbelsäule handelte. Tuberkulinreaktion
positiv. Die radiographische Untersuchung wies die Bichtigkeit der vom Verf.
angenommenen zweiten Läsion der Wirbelsäule nach, welch letztere keine mit
bloßem Auge wahrnehmbare Veränderung konstatieren ließ.
34) Über die sogenannte Versteifung der Wirbelsäule and über die Bech¬
terew sehe und Strümpell-Mariesohe Krankheit, von H. Turner. (Zeit¬
schrift f. orthopäd. Chirurgie. XXLV. H. 3 u. 4.) Bef.: Adler.
Auf Grund einer sorgsamen Untersuchung von 10 Wirbelsäulepräparaten aus
der Kaiserlichen Militär-Medizinischen Akademie in St. Petersburg und einer
kritischen Darstellung der vielfach strittigen Ätiologie der Bechterewschen Krank¬
heit kommt Verf zu dem Schlüsse, daß diese Krankheitsform sich im allgemeinen
„im Meere der alten geheimnisvollen Krankheit verliert, welche unter dem Namen
Strümpell-Mariescher Typus auferstanden ist“. Diese Ansicht findet eine Stütze
in der Tatsache, daß viele Autoren auf Schwierigkeiten stoßen, wenn sie den Ver¬
such machen, sich einen klaren Begriff von dem Bechterewschen Typus zu machen
(Senator, Kirchgasser, Schlesinger, Heiligenthal, Bender). Verf. hält
sich für berechtigt, die Existenz der Typen Bechterew und Strümpell-Marie in
Abrede zu stellen. Es handelt sich wohl nie um eine ausschließliche Wirbel¬
affektion; selbst an den von Bechterew beschriebenen Präparaten sieht man
neben der Wirbelerkrankung Synostosen der Synchondrosis sacroiliaca, sowie Ver¬
lötungen zwischen Clavicula und Sternum. Der Ossifikation fallen auch die Bippen-
knorpel anheim und man kann Knochenwucherungen an den Beckenknochen usw.
beobachten. Es handelt sich ohne Zweifel um eine Erkrankung des ganzen Skeletts
und leider vermißt man in fast allen Publikationen eine systematische Untersuchung
des gesamten Knochensystems.
35) Di un interessante oaso di spondilosi risomelioa oon sintomi di ipo-
ovarismo ed ipotiroidismo oronioi, per I. Lucchesi. (Biv. crit. di clin.
medica. XV. 1914. H. 11 u. 12.) Bef,: G. Perusini (Mailand).
Mitteilung einer Krankengeschichte: 33jährige Frau; die Krankheit besteht
seit etwa 10 Jahren. Keine Sensibilitätsstörungen. Seit vielen Jahren bestehen
Symptome, die eine Hypofunktion der Schilddrüse und der Ovarien beweisen.
Besümee der Frage nach der Ätiologie der Krankheit. Zahlreiche Literatur¬
angaben.
36) Zar Pathogenese der Bückgratsverkrümmnngen, von J. Cecikas. (Klin.-
therapeut. Wochenschr. 1914. Nr. 24.) Bef.: G. Stiefler.
46jähr. Frau; vier physiologische Schwangerschaften innerhalb 4 bis 5 Jahren,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHiGAN
309
dann 4 maliger Abortus innerhalb 8 Jahren. Seit 5 Jahren Schmerzen vom«Rücken her
um den Körper ausstrahlend, zuerst im oberen Teil des RückenB, dann in den Beinen,
zuletzt in Schulter und Armen. Allmähliche Verkürzung der Körperlänge um fast
1 / a m; Beugestellung der Beine, wellenförmige Verkrümmung des Rückgrates
(Lordose des Lendenteils, Kyphose des Brustanteils), hochgradige Verkrümmung
des Thorax,-Verbildung der Finger-Endphalangen, die kurze, nach vorn breitere
und hohlere Schaufeln darstellen. Allgemeine Muskelabmagerung. Bauchdecken¬
reflexe schwach, Patellarreflex rechts erhöht, links vermindert. Auf dem Röntgen-
•schirm bogenförmige Kyphose der Brustwirbelsäule (X. bis III.)» die nach oben
und unten in Lordose übergeht, mäßige Drehung der Wirbelsäule; schwere Ver¬
änderungen im Bau derselben an verschiedenen Stellen und besonders an den
höchstgelegenen Strecken der Krümmung(Verdickung, neugebildetes Knochengewebe).
Erinnert auch der Fall zum Teil an die Bechterewsche Kyphose, zum Teil an die
Spondylose rhizomülique, so ist er doch als Osteomalazie zu diagnostizieren, da
der Prozeß zu verschiedenen Perioden an verschiedenen Stellen der Wirbelsäule
auftrat, jedesmal mehrere Wirbel ergriff und zu Zeiten auch andere Skelettpartien
(Endphalangen) betraf. Die bekannteren Schmerzen sind nicht auf eine medulläre
oder radikuläre Affektion zurückzuführen, sondern auf eigenartige Ernährungs¬
störungen der Knochennerven.
Kriegsbeobachtungen.
37) Die Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven. Nach eigenen Be¬
obachtungen und den Berichten anderer Autoren von weiland M. Bernhardt.
(Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 13 u. 14.) Ret: E. Tobias (Berlin).
Die letzte Arbeit des dahingeschiedenen Neurologen, welche — ein seltsames
Spiel des Schicksals — dos Thema behandelt, das in seinem Leben eine so große
Rolle gespielt hat: die peripherischen Nerven; und es braucht nicht hervor gehoben
zu werden, daß die Bearbeitung der Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven
aus der Feder von Bernhardt ganz besonderes Interesse auch ohne speziellen
Hinweis verdient.
Verf. beginnt seine Ausführungen mit statistischen Mitteilungen und schließt
an dieselben eine Besprechung der Ätiologie und der Symptomatologie. Bei der
Erörterung der Therapie werden einerseits die elektrotherapeutischen Maßnahmen
gewürdigt, besonders eingehend wird zum Schluß auf die operative Therapie hin¬
gewiesen, wobei mehrere eigene Erfahrungen ausführlicher zur Besprechung kommen.
38) Über SehtLßverletztLngen der peripherischen Nerven, von Kirschner.
(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel.
Zusammenfassung. Nicht jeder durch einen Schuß hervorgerufenen Nerven¬
verletzung folgt ein Funktionsausfall.
Die klinischen, aber nicht konstanten Zeichen einer Nervenverletzung sind:
1. motorische Lähmungen verschiedensten Grades, 2. sensible Lähmungen, 3. sofort
oder allmählich einsetzende ausstrahlende Schmerzen, 4. vasomotorische und tropho-
neurotische Störungen (Ödem, Muskelatrophien).
Die bei der operativen Freilegung erhobenen pathologisch-anatomischen Be¬
funde sind: 1. der Nerv ist in Narbenmassen eingemauert, 2. in Berührung mit
dem Nerven befindet sich ein reizender Fremdkörper, 3. der Nerv ist ganz oder
teilweise zerrissen, 4. der Nerv zeigt eine gleichmäßige oder eine unregelmäßige
Verdickung, 5. es findet sich trotz funktioneller Störungen kein pathologischer
Befand (Commotio nervorum).
Eine operative Therapie soll wegen vorhandener motorischer Lähmungen nicht
vor Ablauf von 6 Wochen einsetzen.
Es sind alle Fälle ausgesprochener motorischer Lähmungen, die in dieser Zeit
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
310
keine Besqprung zeigen, und alle anderen Fälle, die sich verschlechtern, operativ
freizulegen; im besonderen erfordern die Fälle mit zunehmenden, sich bis zur
Unerträglichkeit steigernden Schmerzen eine Operation. 3ensible Lähmungszustände
geben für sich allein keinen Grund zu einem Eingriff, da sie nur selten in
störender Weise hervortreten und sich mit der Zeit von selbst bessern.
Von operativen Maßnahmen, die sich nach dem angetroffenen pathologisch¬
anatomischen Befunde richten, kommen in Betracht: 1. die Nervennaht (eventuell
nach ausgiebiger Mobilisation), 2. die Überbrückung eines Defektes durch ein
fremdes Material, 3. die Neurolyse. — 4. Die Einhüllung der Nerven in ein ge¬
sundes Gewebe ist nach jeder Freilegung auszuführen.
Über die Erfolge der Nervenoperationen äußert sich Verf. wie folgt:
1. Bei Fällen mit negativem Operationsbefunde konnte einige Wochen nach
dem Eingriffe, der nur in einer Faszienumhüllung des Nerven bestand, eine fort¬
schreitende Besserung festgesteilt werden, die in zwei, genügend lange beobach¬
teten Fällen (5 Monate) fast zu einer vollkommenen Heilung führte.
2. Von zwei Fällen endständiger Nervennaht — beide Male handelte es sich
um eine vollkommene sensible und motorische Lähmung — konnte nur ein Fall
längere Zeit (4 Monate) beobachtet werden. Bei ihm traten nach 6 Wochen die
ersten Zeichen wiederkehrender Empfindung auf und kurze Zeit später die ersten
Zeichen wiederkehrender Bewegungsfähigkeit. Die Besserung machte beständig
Fortschritte.
3. Ausnahmslos sehr befriedigend waren die Erfolge der Neurolyse (mit
nachfolgender Faszienumhüllung}. Wurde der Eingriff wegen starker Schmerzen
vorgenommen, so waren die Schmerzen sofort nach der Operation wie abgeschnitten
und kehrten nicht wieder (bis 7 Monate Beobachtungszeit). — Wurde wegen
kompletter motorischer Lähmungen operiert, so zeigte sich der Beginn der Be¬
wegungsfähigkeit etwa 7 bis 8 Wochen später. Die aktive Gebrauchsfähigkeit
der Glieder machte in diesen Fällen auffallend rasche Fortschritte, so daß sie bei
einem bis 4 Monate beobachteten Falle (Radialislähmung) in dieser Zeit so gut
wie normal wurde.
4. Über den Wert der Überbrückungen von Nervendefekten fehlen mir persön¬
liche Erfahrungen.
30) Zur Behandlung der Sohußverletzungen peripherischer Nerven, von
Siegmund Auerbach. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. Nr. 9.) Ref.:
Kurt Mendel.
Konservativ zu behandeln sind die ganz offenbar leichteren Nervenschu߬
verletzungen, bei denen die motorischen und sensiblen Störungen geringfügig sind
und auch die elektrische Prüfung nur eine qualitative Herabsetzung der Erregbar*
keit oder die geringeren Grade der partiellen Entartungsreaktion ergibt. Bei
diesen wird sich auch schon nach 3 bis 4 Wochen eine Besserung der Funktion
und eine Hebung der elektrischen Erregbarkeit zeigen; die völlige Heilung nimmt
2 bis 3 Monate in Anspruch. Hier ist die Elektro- und Mechanotherapie sowie
langdauernde lokale Wärme (Thermophore, Kataplasmen usw.) am Platze.
Von vornherein ausgeschlossen von diesem konservativen Verfahren sind alle
Fälle mit kompletter motorischer Paralyse und kompletter Entartungsreaktion.
Hier ist die einfache Neurolyse mit eventuell folgender Einbettung in gesundes
Muskelgewebe oder, falls dies nicht mehr ausführbar, die Nervennaht und — bei
größeren Substanzverlusten der verletzten Nerven — die Nervenplastik anzuwenden.
Bei Schußneuritiden empfiehlt Verf. die Bloßlegung des Nerven; jedenfalls
warte man, falls die Elektro- oder Mechanotherapie keinen Erfolg hat, nicht länger
als 6 bis 8 Wochen.
Eine weitere Indikation zur Operation sollten die häufigen Fälle geben, die
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
811
mit lebhaftes, nach einigen Wochen bei entsprechender Behandlung (Ruhigstellung,
Analgetika, Hypnotika usw.) nicht schwindenden Sohmerzen einhergehen.
Nach Heilung der Operationswunde muß eine systematische elektrische und
medikomechanische Behandlung Platz greifen. Sie wäre in den Reservelazaretten
seitens neurologisch geschulter Ärzte vorzunehmen, die Massage hat unter ärzt¬
licher Kontrolle zu erfolgen. Bei den operativen Eingriffen sollte der Nervenarzt
stets zugegen sein, um an der Hand des Ergebnisses der neurologischen Unter¬
suchung den Chirurgen zu beraten.
40) Hebeapparat für Hand und Finger bei Radialial&hmixng, von H. Spitzy.
(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Beschreibung eines Apparates mit Ledermanschette, Hebefeder und Quer¬
schiene, welcher die bei Radialislähmung auftretende Hängehand in möglichst gute
Extensionsstellung bringen soll.
41) Kriegsverletzungen der peripheren Nerven, von Fritz Cahen. (Mediz.
Klinik. 1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
In der großen Anzahl von Nervenverletzungen im Kriege beobachtet man
1. Quetschungen, 2. Einschlüsse von Nerven in Bindegewebsschwielen oder Callus-
massen, 3. Drucklähmungen durch Aneurysmen^ 4. Durchtrennungen oder Durch¬
schüsse durch den Stamm, 5. Durchspießungen auf einem benachbarten Knochen.
Verf. sah am häufigsten betroffen den N. ischiadicus oder seine Verzweigungen
und den N. radialis. In den Fällen, bei denen neben der Nervenverletzung Schu߬
frakturen der Knochen bestehen, und bei welchen man im Frieden möglichst
frühzeitig operiert, soll man im Kriege selbst bei aseptischem Verlauf zunächst
eine gewisse Konsolidation der Knochen vor der Nervenoperation abwarten, weil
die frühzeitige Knochennaht leicht auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen
kann. Grundbedingung ist absolutes Vertrauen zur Aseptik des OperationssaaleB.
Die Nervennaht soll perineural durchgeführt werden. Verf. beschreibt genau die
Methodik und erwähnt eine eigene Methode zur Überbrückung von Nervendefekten.
Er hat zur Ausfüllung eines 10 bis 12 cm langen Defektes des Ulnaris an der
Innenseite des Oberarmes ein Stück eines sensiblen Nerven des N. cutaneus anti-
brachii medialis verwandt.
Zum Schluß gibt Verf. einige allgemeine Regeln zur Ausführung von Nerven-
operationen.
42) Über Kriegsverletzungen des peripheren und zentralen Nervensystems,
von Prof. Dr. Hermann Oppenheim. (Zeitschrift f. ärztliche Fortbildung.
1915. Nr. 4.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. bespricht in einem Demonstrationsvortrag die Kriegsverletzungen des
Rückenmarks, des peripherischen Nervensystems und die Kriegsneurosen.
Bei den Kriegsverletzungen des Rückenmarks unterscheiden wir die mit den
Zeichen der Totalläsion und die mit den Symptomen der partiellen Läsion. Im
ersten Falle deuten die Erscheinungen auf eine totale Leitungsunterbrechung, sei
es, daß das Mark ganz zerrissen ist, oder daß durch histologische Veränderungen
die nervösen Gebilde des Rückenmarksquerschnittes ihre Funktion völlig eingebüßt
haben. Ersteres kommt nur ausnahmsweise vor. Die Prognose ist bei der Total-
läsion infaust, bei der partiellen Läsion verhältnismäßig günstig. Daneben gibt
es noch die disseminierte oder die auf einem Hauptherd und versprengten kleineren
Herden beruhende Läsion. Zu den günstig verlaufenden Fällen fügt Verf. hinzu,
daß die Kugel fast immer außerhalb des Wirbelkanals saß, manchmal weit von
der Wirbelsäule entfernt. Veränderungen an der Wirbelsäule wurden röntgeno- •
logisch meist vermißt Dabei muß aber berücksichtigt werden, daß ganz un¬
scheinbare Läsionen Vorkommen, und daß die Kugel wandern kann. Das Geschoß
kann aber bei einfachem Anprall gegen den Wirbelknochen, von dem es zurück¬
geschleudert wird, schon Rückenmarksläsionen hervorrufen. Auch genügt die Ge-
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
312
walt des Schosses, um auf dem Wege der Fernwirkung das Rückenmark in Mit¬
leidenschaft zu ziehen. Bei den Rückenmarksveränderungen selbst handelte es sich
um Hämatomyelie oder um Myelomalacie und Nekrose oder um Arachnitis circum¬
scripta serofibrosa oder um die disseminierte Myelitis und Myeloencephalitis, die
nahe Beziehungen zur multiplen Sklerose hat.
Bei den Schuß Verletzungen der peripherischen Nerven beschränkt sich Verf.
auf die Besprechung der Schußverletzungen des N. ischiadicus und seiner Äste.
Häufig sah man dabei, daß nur oder ganz vorwiegend der N. tibialis oder die
Plantaräste desselben befallen werden. Je vollständiger die Lähmung war, desto
weniger ausgeprägt waren im allgemeinen die sensiblen Reizerscheinungen und
umgekehrt. Bei den partiellen Lähmungen traten die Schmerzen und Parästhesien
mehr in den Vordergrund. Manchmal war das Fehlen des Fersenphänomens das
einzige objektive Zeichen. Zu den sensiblen gesellten sich sekretorische, trophische
und vasomotorische Störungen. Von besonderem Interesse sind die Störungen im
Haar- und Nägelwuchs. An der verletzten Extremität kommt es zu einem oft
geradezu üppigen Haarwuchs.
Bezüglich der Kriegsneurosen sei auf die speziellen Ausführungen des Verfi’s
(Berlinerklin. Wochenschr. 1915. Nr. 11; s. d. Centr. 1916. Nr. 10) hingewiesen.
43) Die Frage der Laminektomie bei Sohußverletsungen vom neurologi¬
schen Standpunkt, von E. Meyer. (Berliner klin. Wochenschrift. 1915.
Nr. 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Von Verletzungsmöglichkeiten der Wirbelsäule und ihres Inhaltes kommen
eine Frakturierung der verschiedenen Teile der Wirbel, insbesondere der Dorn¬
fortsätze und Bogen, andererseits Durchschuß oder Streckschuß, ohne eigentlichen
Bruch, in Betracht. Im Anschluß daran können Rückenmarksschädigungen ein-
treten, durch direkten Druck der aus ihrer Lage gebrachten Wirbelteile oder
durch abgesprengte Knochenstücke. Weiterhin kann es zu pachy- oder lepto-
meningitischen Veränderungen, zu Blutungen, zur Bildung von Granulations- und
kallösem Gewebe kommen. Auch kommen unmittelbare Geschoßwirkungen in
Betracht.
Verf. bespricht dann die klinisch nach weis- und abgrenzbaren Erscheinungen,
die Klopf- und Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule, den Röntgenbefund, event.
die Liquorerscheinungen und dann vor allem die spinalen Symptome, und wendet
sich sodann zur Indikation zum operativen Eingriff, d. h. zur Laminektomie und
gegebenenfalls zur Beseitigung pachymeningitischer Veränderungen. Sie ist am
einfachsten gegeben bei durch das Röntgenbild nachweisbaren Frakturen an den
Wirbeln und bei der Feststellung von noch im Wirbelbereich oder im Wirbel¬
kanal befindlichen Geschoßteilen. Zu bedenken ist, daß die Einwirkung der Ge¬
schosse oft einem starken „Stoß“ entspricht und irreparable Degenerationen schaffen
kann. Auch wenn keine Fraktur oder Dislokation der Wirbel nachzuweisen ist,
ist eine Operation zum mindesten zu erwägen. Der klinische Befund fällt dann
ganz besonders ins Gewicht. Je weniger vollständig die Läsion des Querschnittes
ist, um so wahrscheinlicher ist ein Erfolg; vor allem bei dem Bilde einer Halb¬
seitenläsion liegt meist keine Stoßwirkung vor, sondern eine Schädigung durch
Splitter, pachymeningitische Veränderungen, Streifschuß, kurz keine solche, die
das Rückenmark als Ganzes betrifft, sondern umgrenzt ist. Der Eingriff ist im
allgemeinen erfolgreicher bei Dislokation der Wirbel als bei Durch- und besonders
Streckschüssen. Nächst den Halbseitenläsionen kommen dann Fälle mit unvoll¬
kommenen Querschnittsunterbrechungen für Operationen am meisten in Betracht,
während am wenigsten günstig für den operativen Eingriff die Fälle mit
totaler Querschnittsunterbrechung erscheinen. Zum Schluß bespricht Verf. noch
den Zeitpunkt der Laminektomien. ^ecubitus und Zystitis lassen ein Zuwarten
bedenklich erscheinen. Weiterhin <larf man die Gefahr der Meningitis nicht
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
313
außer acht lassen. Frühes Eingreifen bietet im allgemeinen bessere Aussichten
als langes Abwarten.
44) Über Büokenmarkssohüsse und Behandlung der im Gefolge der
Laminektomie auftretenden Meningitis, von R. Klapp. (Uünch. med.
Wochen8chr. 1915. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel.
Die baldige Laminektomie bei Rückenmarksschüssen ist fest begründet durch
«die große Aussichtslosigkeit konservativen Verhaltens und durch die Erfahrung,
daß es ebenso häufig Wirbelschüsse mit Dislokation von Wirbelteilen und Mark¬
kompression wie Markverletzungen sind. Die große Gefahr der Laminektomie
stellt die Meningitis dar. Ihre Behandlung geschieht durch Bi ersehe Stauung
am Halse, wodurch der Liquordruck erhöht wird, und durch häufige, zum Teil
täglich vorgenommene große Lumbalpunktionen (unterhalb der laminektomierten
Partie in Seitenlage), wodurch infektiöses Material in größerer Menge entleert wird.
Der Decubitus wird am besten durch aufmerksamste Pflege und dreistündlichen
Lagewechsel vom Rücken auf die rechte Seite, den Bauch, die linke Seite usf.
verhütet.
45) Zur Behandlung der Rüokenmarksverletsungen im Felde, von Heinrich
Schum. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt bei Rückenmarksschüssen sofort nach der Verletzung prinzipiell
die ZjstoBtomie vorzunehmen, um die Pyelonephritis, an der mancher der Ver¬
letzten zugrunde geht, zu verhüten.
40) Über Büokenmarkssohüsse, von 0. Marburg und E. Ranzi. (Wiener
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 5.) Ref.: Pilcz (Wien).
Die das Halsmark treffenden Schüsse erzeugen gewöhnlich schlaffe Lähmung
der oberen und spastische der unteren Extremitäten; doch wurde auch schlaffe
Lähmung der unteren Gliedmaßen mit Areflexie beobachtet. Hautreflexe fehlten
zumeist alle. Sensibilitätsstörung trifft untere Zervikalsegmente, läßt ein bis zwei
obere Dorsalsegmente frei, um nach abwärts in komplette Anästhesie überzugehen.
Retentio alvi et urinae, sehr rasche Decubitusbildung.
Bei Dorsalschüssen sohlaffe Lähmung der Beine mit Urinretention und De¬
cubitus. Sensibilitätsstörung meist höher, als angenommene Wirbelverletzung oder
Sitz des Geschosses.
Bei Lenden- und Sakralschüssen oft Epikonusläsionen, schlaffe Lähmung der
Beine bei erhaltenen Blasen-Mastdarmfunktionen. Auch Gaudaläsionen mit fast
unilateraler Beteiligung der Wurzeln kamen vor.
Hyperalgetische Zone oberhalb der hypalgetisehen nie breiter als ein bis
zwei Segmente. Auffallend geringe Druckschmerzhaftigkeit der Wirbelsäule und
radikuläre Spontanschmerzen.
Von besonderer Wichtigkeit ist, daß eine Differentialdiagnose zwischen mala-
zischen Prozessen der Medulla und zwischen meningealen komprimierenden Pro¬
zessen — Liquorstauungen, Meningitis serosa circumscripta — so gut wie un¬
möglich ist. Daher eher zu viel operieren als zu wenig.
Im ganzen haben die Verff. 35 schwere Rückenmarksschüsse beobachtet, von
denen 12 operiert wurden. Unberücksichtigt blieben Fälle, welche in kurzer Zeit
sich soweit gebessert hatten, daß Operation überhaupt nicht in Frage kam.
Die Verff. Btellen folgende Grundsätze auf:
1. Im Gegensatz zu den Hirnschüssen sind wir bei den Rückenmarksschüssen
zunächst fiir ein gewisses Zuwarten, bis der Zustand ein stationärer geworden ist.
Wenn sich jedoch dann in solchen Fällen nach etwa 4- bis 5 wöchiger klinischer
Beobachtung keine Änderung des Zustandes zeigt, halten wir die Laminektomie
für indiziert.
2. Kontraindikation geben ab pulmonale und abdominale Komplikationen,
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
314
schwere Eiterungen in der Nähe des Operationsfeldes, z. B. eitrige Zystitis und
aufsteigende Pyelitis.
3. Leichte Infektion der Harnwege und granulierender Decubitus gibt keine
Eontraindikation ab.
4. Rückenmarksdurch- und Tangentialschüsse sind im Gegensatz zu den* in¬
direkten Rückenmarksschüssen kaum anzugeben.
47) Schußverletzung der Cauda equina, von E. Gamper. (Wiener klin«
Wochenschr. 1915. Nr. 5.) Ref.: Pilcz (Wien).
Schuß Verletzung am 18. November, stürzte bewußtlos zusammen, dann Schwäche,
nicht Lähmung, beider Beine, Gefühl von Totsein darin, Schmerzen in Gesäß,
Rückseite der Oberschenkel, gegen Waden ausklingend, rechts mehr. Urinretention.
Stat. praes. vom 24. November: Einschuß 3,5 cm unter linker Crista iliaca, 13 cm
von hinterer Medianlinie entfernt, Ausschuß 6 cm rechts von der Mittellinie, etwas
nach außen von Synchondrosis sacroiliaca, 2 cm unterhalb der Grenze zwischen
5. Lendenwirbel und Os sacrum. Motilität der Beine intakt. Anovesikale Läh¬
mung, reithosenförmige Anästhesie im Bereiche der letzten drei Sakral- und
Kokzygealwurzeln; außerdem streifenförmige Hypästhesie links, entsprechend links¬
seitigem S x und S 2 .
Am 1. Dezember Laminektomie, Nervennaht von S 3 beiderseits, S 4 konnte
nicht genaht werden. S x war intakt.
Schon am 18. Dezember konnte Patient, wenn auch mühsam und tropfenweise,
spontan Harn entleeren. Bald darauf ist Spontanmiktion in mattem, aber kon¬
tinuierlichen Strahle möglich. Flatus können noch nicht zurückgehalten werden.
Stuhlentleerung nur auf Einlauf, Sensibilitätsstörung unverändert.
48) Beobachtungen an Schußverletzungen des Gehirns und Rückenmarks,
von Prof. K. Goldstein. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. Nr. 8 u. 9.)
Ref.: Kurt Mendel.
Sind die ZentralwinduDgen beider Seiten durch quer den Schädel durch¬
bohrende Geschosse geschädigt, so ist es typisch, daß auf der dem Einschuß
gegenüberliegenden Körperhälfte gewöhnlich nur das Bein, aus der dem Ausschuß
gegenüberliegenden gewöhnlich Bein, Arm und Fazialis getroffen sind. Aus dem
Lähmungsbefand kann man mit ziemlicher Sicherheit Einschuß und Ausschuß be¬
stimmen. Nicht selten beobachtete Verf. bei Läsionen, die die motorischen und
sensorischen Zentren verschonten, ausschließlich psychische Störungen: Störungen
des Gedächtnisses, insbesondere der Merkfähigkeit, gehobene Stimmung, Neigung
zu Schmerzen, Fehlen der Krankheitseinsicht, Urteilsschwäche, Störungen der
Kombinationsfähigkeit Die Hauptgefahr bei den Hirnschüssen bildet immer die
sekundäre diffuse Meningitis; nicht selten kommen aber auch sekundäre umschriebene
Eiterungen vor, die bei operativer Behandlung bessere Heilungsaussichten bieten.
Diese umschriebenen Eiterungen können auch noch nach anfänglicher Heilung der
Wunde und Besserung des Allgemeinzustandes plötzlich unter Fieber entfernt von
der ursprünglichen Verletzungsstelle auftreten und zu schwersten Lokalsymptomen
Veranlassung geben, schließlich auch in allgemeine Meningitis übergehen, falls der
Eiter nicht operativ entfernt wird. So kann bei Hirnverletzungen eine Eiterung
in den Rückenmarksmeningen der Wirbelsäulen Verletzungen eine solche im Gehirn
sekundär auftreten.
Betreffs der Rückenmarksschüsse scheint die Kombination von Schwäche der
Patellar- und Steigerung der Achillesreflexe für den Ausgang einer leichten
Schädigung des Lendenmarks nicht uncharakteristisch zu sein; sie kann — ebenso
wie der Babinskische Reflex — als Rest einer organischen Störung verwertet
werden. Fälle von Rückenmarksverletzung, in denen eine schlaffe Lähmung mit
Fehlen der Reflexe wochenlang ungebessert fortbesteht, sind für spontane Resti¬
tution sehr ungünstig, sie kommen trotz der besten Pflege nach mehr oder weniger
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
315
langer Zeit zum Exitus, Da bei solchen Kranken wenig zu verlieren und eigent¬
lich nur zu gewinnen ist, sollte man sie operieren, wenn auch die Operation in
manchen Fällen zwecklos gemacht sein wird. Klinisch sind die Fälle, in denen
das Rückenmark völlig oder fast völlig durch das das Rückenmark hindurch¬
gehende Geschoß zerstört ist, von solohen, wo das Rückenmark nur indirekt ge¬
schädigt ist, kaum zu unterscheiden. Die Wartezeit zwischen Verletzung und
Operation wird sich zum Teil nach dem allgemeinen ZuBtand des Patienten richten.
Ist dieser schlecht, die Blasenstörungen sehr ausgesprochen, Neigung zu schwerem
Decubitus vorhanden, so wird man nicht lange warten und jedenfalls eher, schon
nach etwa 3 Woohen operieren. In Fällen, wo das Geschoß im Röntgenbild nach¬
weisbar ist und die nervösen Störungen sich nicht bessern, sollte man immer
operieren.
48) Über einige Sohußverletzungen des Rückenmarks und Gehirns, von
Th. Rumpf. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 4.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. teilt zunächst drei Schußverletzungen der Wirbelsäule und des Rücken¬
marks mit. Die Behandlungsresultate dieser Fälle in Kriegszeiten sind ungünstige,
was Verf. zum Teil auf den weiten Transport, auf die Schwierigkeit der Decubitus-
behandlung sowie auf die besonders starke Kommotionswirkung zurückführt.
Nichtsdestoweniger ist* dabei immer ein chirurgisches Eingreifen zu erwägen. Be¬
sondere Indikationen bieten Fälle, in welchen das Projektil ganz oder teilweise
im Rückenmarkskanal sitzt, solche, in denen Knochensplitter in die Dora mater,
die Wurzeln oder in das Rückenmark eingedrungen sind, besonders wenn dadurch
starke Schmerzen verursacht werden, auch bei starken Konfigurationsveränderungen
der Wirbelsäule mit der regelmäßig vorhandenen Wirbelfraktur ist die Operation
indiziert. Bei früher Operation vermeidet man eine Konsolidation der Knochen
in schlechter Stellung und läßt eine schleunige Entlastung bezüglich des Rücken¬
marks eintreten.
Wesentlich günstigere Verhältnisse zeigten die Gehirnschüsse. In den beiden
ersten Fällen bandelte es sich um Schußverletzungen der Rindenzentren, die bei
dem Fehlen von Komplikationen zu einer teil weisen Ausheilung gelangten. In
dem einen Fall bestand geringe spastische Parese mit wesentlicher Störung des
Gefühls für Lage und Stellung des betreffenden Gliedes, in dem anderen Fall
starke spastische Lähmung des Beines ohne solche Störung, in dem ersten wesent¬
lich Verletzung der hinteren Zentralwindung in ihren mittelsten Teilen, in dem
zweiten Fall Läsion der vorderen Zentralwindung in ihrer obersten Partie. In
drei weiteren Fällen mit Gehirnschüssen ist die Beobachtung noch nicht ab¬
geschlossen.
Verf. beschreibt dann noch eine alte Beobachtung, die die mit dem zweit¬
geschilderten Gehirnfall Ähnlichkeiten aufweist, nachdem er sich schon früher
dahin ausgesprochen bat, daß es neben rein motorischen Monoplegien von seiten
der Hirnrinde auch solche der Fühlsphäre mit geringeren Lähmungserscheinungen
gibt. Der die Ansicht bestätigende Fall ist mit Untersuchungsmethodik, genauem
Befund und Operationsresultat geschildert.
50) Zur Behandlung „traumatischer Epilepsie 44 nach Hirasohußverletzung,
von W. Spielmeyer. (Münchener med. Wochenschrift. 1915. Feldärzt. Beil.
Nr. 10.) Ref.: Kurt Mendel.
In den meisten Fällen von allmählich sich entwickelnder traumatischer Epi¬
lepsie handelt es sich ursächlich um Narbenbildungen im Gehirn oder zwischen
diesem und seinen Häuten. Verf. sah nun in 3 Fällen gute Erfolge von der
„Abkühlungsbehandlung“, die er auf Grund der bekannten Trendelenburgschen
Experimente und der Sauerbruchschen und RothmannBchen Forschungen pro¬
phylaktisch und therapeutisch durchführte; prophylaktisch, indem er täglich ein-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
316
bis zweimal l j 2 Stande Kopfkühlungen mit einem Eisbeutel oder mit in sehr
k<eB Wasser getauchten Tüchern machen ließ; therapeutisch, indem er beim
Einsetzen des Anfalles das gleiche Verfahren anriet. Han sollte diese Abküblungs-
methode regelmäßig und in systematischer Weise bei Fällen von traumatischer
Epilepsie anwenden und auch nach Trepanationen, wo sich Hirnoberfläche und
Häute infolge der Schußverletzungen lädiert erwiesen, sollte man nicht allzu
ängstlich nach einem vollständigen und frühen Knochen Verschluß streben.
Bei Fällen, wo zerebrale Lähmungen mitspielen, ist an die Trendelen-
burgsche Rindenunterscheidung zu denken.
51) Über Erkrankungen nach Granatexplosionen, von J. P. Karplus. (Wiener
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien).
Es ist von jenen Fällen die Rede, in welchen es durch die Nähewirkung
der Artilleriege8cho88e zu Bewußtlosigkeit und weiteren Krankheitserscheinungen
kommt. Es wird zugegeben, daß es durch den Luft- und Gasdruck allein zu
schwereren Störungen kommen kann, meistens wird man — besonders bei schwereren
spinalen Affektionen — an sekundäre Traumen beim Fortschleudern, Anpressen
des Körpers usw. denken müssen. Derartige Traumen bestanden bei einer Anzahl
von Rückenmarkserkrankungen, die Verf. beobachtete und von denen er einen
"vorstellt. (Der Aufsatz ist die Wiedergabe eines Vortrages im Wiener Verein
für Psychiatrie und Neurologie.) Mehr als 40 Fälle konnten genauer untersucht
werdeD, in denen jede schwerere organische Störung am Nervensystem fehlte. Die
Bewußtlosigkeit war 8 mal von Erbrechen, seltener von Pulsverlangsamung begleitet,
die giftigen Gase scheinen bei Explosionen im Freien keine große Rolle zu spielen.
Die Beobachtung konnte frühestens 3 Tage nach der „Granatkontusion“ begonnen
werden, oft erst viel später. Stets waren die Soldaten erschöpft und erregt.
Vasomotorische Störungen traten nicht besonders hervor. Alle Symptome, die
auch im Frieden bei traumatischen Neurosen gesehen werden, kamen zur Beob¬
achtung. Ausgesprochene neurasthenische Bilder kamen vorwiegend bei Belasteten
vor. Unter den hysterischen Erscheinungen waren heftige Tremores die häufigsten,
daneben Lähmungen, Sensibilitätsstörungen, Stottern. Die Untersuchung des Gebör-
organs ergab keine eindeutigen Resultate. Von ungewöhnlichen Komplikationen
wurden Morbus Basedowii, Diabetes mellitus, Incontinentia urinae beobachtet.
Bemerkenswerterweise fanden sich fast niemals Zeichen leichterer organischer
spinaler und zentraler Läsion. Die Frage der akuten Commotio spinalis wird
gestreifr. Der Verlauf dieser großen Gruppe von Fällen zeigte, daß wenigstens
die im Hinterland dargebotenen Symptome durchaus von psychogenen Faktoren
beherrscht waren. Die ungemein günstige Prognose dieser Fälle bei vorher ge¬
sunden Menschen ist geeignet, den Anstoß zu einer Änderung des Rentenwesens
in der Friedenspraxis der traumatischen Neurosen zu geben. Für die rasche
Wiederherstellung der Kranken ist es wünschenswert, daß möglichst viele derselben
rasch in wirklich fachmännische Behandlung kommen.
62) Über den sogenannten Nervenshok nach Granat- und Sohrapnell-
explosionen, von A. v. Sarbo. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 4.)
Ref.: Pilcz (Wien).
An der Hand in ausführlichen Krankheitsgeschichten niedergelegter eigener
Kasuistik versucht Verf. den Begriff der mikroorganischen Veränderungen einzu»
führen, als eines Mitteldings zwischen grob anatomischen und zwischen hysterisch-
funktionellen Veränderungen. Es müsse ein Übergangsstadium geben zwischen den
weder makro- noch mikroskopisch nachweisbaren „molekularen“ Veränderungen,
als Hintergrund der sogen, funktionellen Nervenerkrankungen, und zwischen den
grob anatomischen Läsionen. Es werde in derartigen Fällen die zytologische
Struktur, der Zustand der Ganglienzelle und Nervenfaser derart verändert, daß es
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
317
zu Ausfallserscheinungen kommt, aber die Läsion fährt nioht zur Degeneration
von Nervensubstanz und daher kommt es nur zur äußeren Form einer organischen
Lähmung, ohne daß die bekannten konkomittierenden Symptome dabei anzutreffen
wären.
Anmerkung des Bef.: In seinem Aufsatze „Über Erkrankungen nach Granat*
explosionen“ bemerkt Earplus in einer Fußnote, daß dieser Gedanke der „mikro¬
organischen Veränderungen“ als eines Übergangsstadiums zwisohen hysterischer
und organischer Läsion nicht ohne Widerspruch bleiben kann.
III. Ans den Gesellschaften.
Ärztlicher Verein in Hamborg.
Sitzung vom 12. Januar 1915.
Bef.: M. Nonne (Hamburg).
Herr Nonne: Demonstration von Nerven-Kriegsverletzungen. I. Vortr.
zeigt von neuem den Kranken, den er vor 6 Wochen vorgestellt hat: Sagittaler
Streifschuß in der Medianlinie des Schädels mit nachfolgender doppelseitiger
Peroneuslähmung. Trepanation (Prof. Sick) in der Medianlinie über den beider¬
seitigen Parazentrallappen, Entfernung je dreier rechts und links gelegener großer
Knochensplitter, die die Dura mater beiderseits deprimierten. Die doppelseitige
Peroneuslähmung ist jetzt völlig geheilt. Auch sonst ist der somatische
Nervenbefund normal. Das Allgemeinbefinden des Kranken ist ausgezeichnet, und
er wird in kurzer Zeit zunächst als garnisondienstfähig entlassen werden. —
II. Ferner zeigt Vortr. Fälle von „Grande Hysterie“. Ein Fall von Mono¬
plegie superior deztra. Der Fall war dadurch interessant, daß eine Gewehr¬
kugel über der rechten Glavicula eingedrungen war und die obere
Schlüsselbeingrube durchschlagen hatte, in der oberen Grätengrube heraus¬
tretend. Sofortige Lähmung der rechten oberen Extremität. Der Verletzte kam
3 Monate später in N.’s Beobachtung, nachdem er in verschiedenen Lazaretten,
unter anderen auch 6 Wochen auf einer Universitätsklinik (chirurg. Abteilung)
gewesen war. Der Fall war bisher als unheilbare Plexuslähmung gegangen. So¬
fort auffallen mußte das Fehlen von Atrophie und tropbischen Störungen. Die
elektrische Erregbarkeit erwies sich als völlig normal, und eine (nicht suggestiv!)
angestellte Untersuchung der Sensibilität ergab eine Anästhesie für alle Qualitäten
vom Schultergürtel abwärts bis zu den Fingerspitzen. In Hypnose gelang es,
Bewegungen in allen Gelenken der Extremität ausführen zu lassen. Durch dann
durchgefuhrte Wachsuggestion, kombiniert mit heißen Douchen, Massage und
Elektrizität, war die Lähmung in einer Woche restlos beseitigt. Weitere objektive
Zeichen von Hysterie (sensorische Anästhesien, Gesichtsfeldeinengung usw.) fehlten.
Die Anamnese ergab im Vorleben des Kranken nervöse Stigmata und „Belastung 4 *
(Mutter nervös, Vater Alkoholist). — III. In einem weiteren Fall war im An¬
schluß an eine Durchschießung der Weichteile des rechten Oberarms sowie des
rechten Unterschenkels eine Monoplegia superior et inferior dextra aufgetreten.
Die Lähmung bestand seit 2 Monaten. Die Untersuchung der Sensibilität (Sug¬
gestion vermeidend!) ergab amputationsgrenzenformig begrenzte Anästhesie für alle
Qualitäten von den Durchschußstellen abwärts bis zu den Fingerspitzen bzw. bis
zu den Zehen hinunter. Fehlen sonstiger objektiver hysterischer Stigmata. Durch
die gleiche Behandlung auch hier schnelle restlose Heilung. — IV. Eine Gewehr¬
kugel war rechts dicht neben dem 6. Halswirbel eingeschlagen und hatte die
Weicbteile des Nackens durchquert. Ausschußöffnung in der Nackenmuskulatur
links. Lähmung der rechten oberen und rechten unteren Extremität. Anästhesie
für alle Qualitäten von der Clavicula abwärts, die ganze rechte Körperhälfte be-
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
818
treffend. Die Sehnenreflexe an der rechten oberen und unteren Extremität leb¬
hafter als links. Hautreflexe beiderseits gleich. Keine Sympathicussymptome.
Keine Blasen-Mastdarmerscheinungen. Röntgenbild negativ. Der Fall war bereits
6 Wochen alt. Die Diagnose war auf „Spinallähmung“ gestellt worden. Auch
hier schnelle Heilung unter suggestiven Maßnahmen. Auch hier fehlten Gesicbts-
feldeinengung und sensorische Störungen. Es handelt sich hier um klassische
Fälle von sogen, lokaler traumatischer Hysterie. Die neuerdings von
Vielen «verfochtene Auffassung der rein iatrogenen Entstehung der Sensibilitäts¬
störung bei hysterischen Lähmungen gilt sicher nur mit Einschränkung. — Auf
funktionellem Gebiete bewegen sich auch 3 Fälle von Muskelkrämpfen: V. In
einem Falle hatte ein Bauchschuß (links Regio infracostalis) einen linksseitigen
hochgradigen Accessoriuskrampf mit paretischer (funktioneller) Schwäche
der linken unteren Extremität hervorgerufen. Das Leiden bestand seit über
2 Monaten. Durch suggestive Behandlung heilte auch dieser Fall im Laufe von
2 Wochen restlos aus. VI. Ein Fall von ganz isolierten beiderseits hoch¬
gradigen Krämpfen im Platysma myoides hatte sich bei einem erblich nicht
belasteten und früher nicht nervösen Mann im Anschluß an eine anstrengende,
mehrere Tage und mehrere Nächte währende Eisenbahnfahrt entwickelt. Das
Leiden, das seit 6 Wochen bestand, befindet sich unter suggestiver Behandlung
in langsamer Besserung. — VII. Im Laufe von 2 Wochen geheilt wurde ein Fall
von klonischen Krämpfen der oberen Hälfte des M. cucullaris beider¬
seits, der sich im Anschluß an das in unmittelbarer Nähe erfolgte Platzen einer
Granate bei einem nicht belasteten und früher niemals nervös gewesenen kräftigen
Mann entwickelt hatte. In allen 3 Fällen waren die Krämpfe monosymptomatisch
gewesen. Mehrfach hat Vortr. inzwischen eine Superposition von funktionellen
Schwächeerscheinungen ganzer Extremitäten im Anschluß an lokalisierte trauma¬
tische Nervenlähmungen gesehen, besonders häufig (3 mal) im Anschluß an eine
traumatische Neuritis des N. plantaris medialis et lateralis (N. tibialis). Be¬
sondere Aufmerksamkeit nach N.’s Erfahrungen ist auf eine Erkrankung gerade
dieses Nerven bei allen jenen Fällen zu legen, in denen die Kranken über
Schwäche und Schmerzen in den Füßen klagen. In mehreren Fällen wurde die
Affektion dieses Gebietes erst durch das Resultat der elektrischen
Untersuchung (Entartungsreaktion) festgestellt. — Zum Kapitel der partiellen
Erkrankung der Nerven durch ein Trauma demonstriert Vortr. neue Fälle.
VIII. Quetschung der Nerven in der rechten Achselhöhle durch Verschüttung im
Schützengraben. Erkrankt zeigte sich ausschließlich der Ulnarisanteil
am Hypofhenar, sowie der Medianusanteil am Thenar, und zwar wurde
die Aufmerksamkeit auf die Erkrankung des Thenar lediglich durch Klagen über
Parästhesien gelenkt und lediglich durch die elektrische Untersuchung
(Entartungsreaktion) festgestellt. — IX. Mehrere Male sah Vortr. als einzigen
Ausdruck einer Verletzung des Stammes des Ischiadicus am Oberschenkel
eine Erkrankung des Fußanteils des N. tibialis. Es ist auffallend, wie häufig
man eine Verletzung des Ischiadicus trifft bei Schüssen, die in die Unterbauch-
gegend eindringen und in der Glutäalgegend heraustreten, ohne daß
weitere Störungen hierdurch hervorgerufeu werden. Interessant gerade in
Hinsicht auf die nur partielle Funktionsstörung der Nerven war ein Befund,
der bei der Operation (Prof. Sick) an einem N. medianus erhoben wurde: durch
einen Durchschuß des Stammes des N. medianus am Oberarm war funktionell
nur die Muskulatur des Thenar ergriffen. Bei der Operation zeigte sich,
daß die ulnare Hälfte des Stammes erhalten war, während die andere
Hälfte des Nerven in derbes Narbengewebe verwandelt war. Autoreferat.
Herr Weygandt: Die allmählich zur Beobachtung gelangenden Fälle psychi¬
scher Störungen von Militärpersonen sind wohl recht mannigfach, aber auch auf
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
310
Grand des reicheren Materials muh man der Annahme einer speziellen Kriegs¬
psychose gegenüber skeptisch bleiben. Im wesentlichen bandelt es sich um wohl-
bekannte klinische Formen, bei denen allerdings manche Einzelzüge und vor allem
verschiedene ursächliche Umstände anders liegen als bei den sonstigen Psychosen.
Vor allem wirkt der Krieg in mannigfacher Weise als auslösender Umstand, viel¬
fach aber wird man auch die Frage nicht zurückweisen können, ob der Be¬
treffende nicht auch ohne den Krieg psychisch erkrankt wäre. Wichtiger ah die
mehr theoretische Frage einer spezifischen Kriegspsychose ist daher die Frage,
inwieweit der Krieg ursächlich eine Rolle spielt und daher eine Dienstbeschädigung
in Betracht kommt. Jetzt bereits und erst recht nach dem Krieg ist mit einer
beträchtlichen Zahl von Fällen zu rechnen, die Ansprüche wegen einer Dienst¬
beschädigung stellen werden. Das allgemeine Empfinden geht sicher dahin, daß
in diesem Punkt Deutschland allen, die Opfer an Leib und Leben gebracht haben,
in der denkbar großzügigsten Weise Anerkennung erweisen wird. So leicht auoh
die ursächliche Feststellung bei allen chirurgischen und den meisten internen
Fällen sein wird, so ist bei psychischen Störungen der wissenschaftliche Nachweis
einer bestimmten Ätiologie oft außerordentlich schwer, vielfach kommt man
höchstens zur Annahme einer Wahrscheinlichkeit, manchmal aber auch nicht über
eine vage Möglichkeit hinaus. Auch in solchen zweifelhaften Fällen ist es gewiß
angemessen, mit der Zuerkennung einer Dienstbeschädigung möglichst weit zu
gehen. Gewisse Grenzen freilich wird man einhalten müssen, denn eine Reihe
von Fällen ist schon bei der Mobilmachung manifest geworden, so daß also irgend
eine Kriegsleistung des Betreffenden nicht in Frage kommt. Man sollte nun vom
Sachverständigen nicht verlangen, gegen sein wissenschaftliches Gewissen zu
sprechen, und in höchst zweifelhaften Fällen ein Auge zuzudrücken. Daher liegt
der Schwerpunkt auf einer richtigen, großherzigen Fragestellung. Zweckmäßiger¬
weise darf die Militärbehörde nicht fragen, wie etwa die Versicherungsämter, ob
die psychische Störung durch den Krieg mit Gewißheit oder,an Gewißheit grenzen¬
der Wahrscheinlichkeit verursacht worden ist, sondern vielmehr ob ein Zusammen¬
hang des krankhaften Zustandes mit dem Krieg anzunehmen ist. Wenn eine
dementsprechende Formulierung in der Fragestellung gewählt wird, dann dürften
Härten auf Grund der wissenschaftlich unstreitigen Schwierigkeit eines bestimmten
Nachweises in vielen Fällen am besten vermieden werden. Ein beträchtlicher
Teil der Fälle betrifft die Gruppe der Dementia praecox. Hier ist der Nachweis
einer Verursachung, Auslösung oder Verschlimmerung am schwierigsten. Es finden
sich neben einwandfreien Fällen auch, noch höchst zweifelhafte Fälle. Ein Land-
st arm mann K. von 40 1 / 2 Jahren hatte schon vor dem Abmarsch im Bürgerquartier
in Marburg VergiftungsVorstellungen geäußert. Auf der Fahrt nach Namür glaubte
er morgens von einem Kameraden aufgefordert worden zu sein, dem Oberstleutnant
eine Meldung zu machen. Ihm selbst sei die Lage sonderbar vorgekommen; er
hätte gedacht, es handle sich um eine Verschwörung, worauf er am Bahnhof fünf
Schüsse abgab, wieder lud und auf den betreffenden Soldaten schoß, der umge¬
fallen sei, ohne getroffen zu sein. Den Kaffee und die Liebesgaben bezeichnet er
als vergiftet. Zurzeit halluziniert der Patient noch, spricht den Oberwärter mit
Majestät an und läßt sich nicht ausreden, daß es der Kaiser selbst sei. In dem
Fall war von irgendwelchen erschöpfenden oder auch nur erregenden Umständen
nicht die Rede. Man muß wohl annehmen, daß die Krankheit auch ohne den
Krieg ausgebrochen wäre. — Komplizierter liegt folgender Fall: Unteroffizier M.
war Anfang November in das Feld gezogen und kam bald ins Gefecht. Als er
mit einer Patrouille Freiwilliger auf ein besetztes Dorf loß sollte, wurden sie
heftig vom Feind beschossen, kamen aber auch in das Schußbereich der deutschen
Artillerie. Zwei Schritte von ihm wurden 6 Mann durch eine Granate weggerafft.
Er blieb mit dem Rest liegen bis zur Dunkelheit, kam dann zurück und erstattete
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
320
dem Schützengraben richtig seine Meldung. Daraufhin überfiel ihn ein Fliegen
am ganzen Körper und er wußte nichts mehr von sich. Gr wurde über C. in
das Lazarett nach N. gebracht; unterwegs begegnete ihm Bein bester Freund, den
er nicht erkaonte. Im Lazarett konnte er das, was man zu ihm sprach, erst
nach 1 bis 2 Stunden verstehen. Er glaubte Rufen, Kommandos, Hörner und
dumpfes Dröhnen zu höreo. Wenn ein Automobil kam, schreckte er zusammen
und rief ängstlich: „Auto, Auto“. Gr zeigte längere Zeit psychische Hemmung
und mangelhaften Schlaf. Der Puls ist noch etwas beschleunigt; das Gesichtsfeld
ist für rot ein wenig eingeengt. Auffallend ist nur der Abbau von Hirnrinde,
Hirnmark (schwach), sowie Hoden, während Schilddrüse nicht abbaut. Zurzeit hat
er volle Krankheitseinsicht. Nur wenn er sich bei den Kriegsliedern beteiligt,
spürt er ein fliegendes Gefühl in den Knien. Auch während der Demonstration
trat wieder Zittern auf. Hier ist ganz ersichtlich unter psychischer Shockwirkung
ein Krankheitsbild ausgebrochen, das in manchen Zügen, wie Hemmung, Hallu¬
zinationen und insbesondere der Abderhalden*Reaktion an Dementia praecox er¬
innert, aber doch durch die Umstände des Ausbruchs und auch die außerordent¬
lich weitgehende Besserung mit Einsicht eigenartig erscheint. Im Feld wurde
mehrfach beobaohtet, daß ein einzelner Mann plötzlich aus dem Schützengraben
gegen die feindlichen Linien vorBtürmt und dabei freilich meist abgeschossen wird.
— Schwierig zu beurteilen ist folgender Fall: W. war plötzlich aus dem Schützen¬
graben vorgesprungen und hat in heftigem feindlichen Feuer von einem in der
Mitte zwischen den beiden Feuerlinien stehenden Apfelbaum einen Sack voll Äpfel
gepflückt, mit denen er dann die französischen Schützengräben bewarf. Er wurde
daraufhin in das Lazarett gebracht, wo er einige auffällige Züge aufwies. Er
sprach zunächst, er wolle nicht mehr lebend nach Deutschland zurück, er habe
einen Schandfleck auf dem Herzen. Mehrmal äußerte er großen Rededrang und
Unruhe, auch kletterte er an den Pfosten des Krankensaals hinauf, Bchlug Purzel¬
bäume, verlangte aus dem Stall in den Schützeugraben, dann wieder saß er hin¬
brütend im Stuhl und verweigerte fast jede Nahrung. Körperlich fällt auf etwas
ungleiche Gesichtsinnervation, einseitiger Epikanthus, Rachenareflexie. Abderhalden-
Reaktion ist negativ. Zeitweise erscheint er widerspenstig unter Verdacht auf
Hemmung. Den Anlaß zu seiner Entfernung von der Truppe sucht er als plausibel
zu erklären: Sie hätten tatsächlich Hanger gehabt, deswegen habe er die Äpfel
besorgen wollen, hinsichtlich der feindlichen Schüsse habe er sich wohl vorgesehen.
Er habe nur deshalb Äpfel nach dem Feind geworfen, um die ihn zurückrufenden
Kameraden etwas zu ängstigen. Er habe «mit dem Stückchen den noch etwas
kriegsungeübten Kameraden Mut machen wollen. Gelegentlich scheint er etwas
reizbar. Eine Rubrizierung etwa als Hysterie oder Dementia praecox ist nicht
angängig. Eher handelt es sich um einen leicht hypomanischen Charakter. —
Ein Kriegsfreiwilliger K., der das Notabitur gemacht hat, strammer Sportsmann,
kam Mitte Oktober in das Feld, war viel im Granatfeuer und erhielt am 11. XI.
einen Gewehrschuß, Querschläger, am Oberarm. Das Geschoß wurde entfernt, es
war eine Medianusverletzung entstanden, die heftige Schmerzen verursachte. Die
streng lokalisierten Schmerzen verschlimmern sich bei irgendwelchen körperlich
und besonders bei seelisch packenden Anlässen. Während der Verbandwechsel
noch erträglich ist, kommen die Schmerzen, wenn er jemand auf einer Leiter
sieht oder wenn jemand rasch die Treppe herunter kommt oder wenn er etwa
einen großen Schornstein mit Trittklammern sieht. Er war zunächst so apathisch,
daß er nicht essen, trinken und Wasser lassen wollte. Wenn ein Beruhigungs-
mittel gebracht wurde, ließ der Schmerz schon nach, ehe er es eingenommen hatte.
Bei leiser Berührung auf den Kopf komme schon ein Schmerzanfall wie ein elek¬
trischer Schlag. Ebenso wenn jemand im Begriff sei, die Tür zuzuschlagen, sei
sofort der Schmerz da. Die Wunde ist in Heilung begriffen. Der Puls ist etwas
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
321
beschleunigt. Das Gesichtsfeld ist nur minimal eingeengt. Es handelt sich um
eine hochgradige Hyperästhesie nach Verletzung der peripheren Nerven. Derartige
psychisch-nervöse Folgezustände sind bei den verschiedensten Affektionen gelegent¬
lich zu beobachten und verdienen besondere Berücksichtigung, weil sie das eigent¬
liche Krankheitsbild leicht verwischen können. Autoreferat.
Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten.
Sitzung vom 8. März 1915.
Ref.: K. Löwenstein (Berlin).
1. Herr Schuster: Demonstration einer Lähmung des N. glutaeus sup.
(Erscheint als Originalmitteilung in diesem Centralblatt.)
2. Herr Liepmann: Demonstration von Hüokenmarksverletzungen mit
späterer Krückenläbmung. Vortr. stellt einen Offizier vor, der im September
unmittelbar hintereinander einen Schuß in das rechte Fersenbein und den Nacken
erhielt. Er machte einen schweren Tetanus durch, der unter Serum nach 14 Tagen
heilte. Die Fuß Verletzung, welche kein neurologisches Interesse hat, behindert
ihn heute noch sehr am Gehen. Der Einschuß am Nacken liegt rechts vom
5. Halsdorn, Ausschuß links unter dem Ohr. Der rechte Arm war 6 Tage ge¬
lähmt, erholte sich dann, so daß Anfang Februar zwar Umfang und Kraft der
Muskulatur nicht ganz die frühere Höhe erreicht hatte, aber eine nennenswerte
Schwäche nicht mehr bestand. Offenbar hatten die Wurzeln der 5. bis 8. Zer¬
vikalsegmente durch den Nackenschuß eine vorübergehende Schädigung erlitten.
Vor etwa 4 Wochen trat in dem rechten Arm von neuem Lähmung auf. In den
ersten Tagen bestand Schmerz. Die erst vor 8 Tagen vorgenommene neurologische
Untersuchung ergab vollkommene Lähmung aller vom N. radialis versorgten
Muskeln mit herabgesetzter, aber sonst normaler direkter und indirekter elektri¬
scher Erregbarkeit. Der nächstliegende Gedanke, daß die Lähmung mit der
Schuß Verletzung in direktem Zusammenhang stehe, hatte bei näherem Zusehen
wenig Wahrscheinlichkeit. Wie sollte man sich das Wiederaufflammen des seit
Monaten zur Buhe gekommenen Prozesses und die selektive Schädigung aller und
gerade nur der Radialisfasern erklären? Als offenbare Ursache erwies sich viel¬
mehr die Krücke, die Pat. wegen des kranken Fußes seit Dezember in der rechten
Achselhöhle trug. Der Zusammenhang mit dem Nackenschuß ist also nur ein
mittelbarer, insofern der Druck der Krücke auf einen durch die voraufgegangene
Verletzung weniger widerstandsfähigen Nervenplexus wirkte. Vortr. sah gleich
einen Tag später eine zweite Krückenlähmung bei einem anderen Soldaten. Die
Chirurgen müssen auf derartiges aufmerksam gemacht werden, und der Neurologe
darf über der Einstellung auf das verletzte Gebiet des Zentralnervensystems nicht
die Berücksichtigung äußerer trivialer Ursachen vergessen. Autoreferat.
3. Herr SchuBter: Zur Anatomie und Klinik der Meningitis spinalis
cystiea serosa. Das Krankheitsbild der Meningitis spinalis serosa gehört zu den
KrankjieitsbUdern, deren Erforschung im wesentlichen den Klinikern zu verdanken
ist. Einer der allerbesten Kenner dieses Leidens, Horsley, konstatiert, daß die
Kenntnis des KrankheitBbildes noch lange nicht genügend verbreitet ist. In Deutsch¬
land wurde die Aufmerksamkeit auf die Meningitis serosa spinalis gelenkt durch
Oppenheim und Krause. Weitere Fälle wurden bei uns von Bruns, Adler
und Mendel, Fleischmann u. a. beschrieben. Anatomisch untersuchte Fälle
sind sehr selten. Vortr. beobachtete folgenden Fall: 55jähr. Mann erkrankte an
Parästhesien, später Schmerzen in der rechten Schultergegend, dann Atrophien im
Bereiche des Vorderarmes und der Hand. Zuletzt sehr heftige Schmerzen im
rechten Arm und Parästhesien in der linken Schulter. Außerdem ergab die Unter¬
suchung Verengerung der rechten Lidspalte und rechten Pupille, erhebliche Steige-
xxxiv. 21
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
322
rang der Patellarreflexe, Druckempfindlichkeit der unteren Zervikalsäule und
Schmerzhaftigkeit gewisser Kopfbewegungen. Keine Sensibilitätsstörangen, keine
vasomotorischen Störungen, Röntgen- und Wassermannuntersuchung negativ. Es
wurde ein extramedullärer Tumor im unteren Zervikalmark angenommen und bei
der Erfolglosigkeit der bisherigen Behandlung angesichts der sehr starken
Schmerzen die Operation empfohlen. Bei der Operation wurde kein Tumor ge¬
funden, der Duralsack erschien bei der Operation sehr stark angefüllt. Nach Er¬
öffnung entleerten sich etwa 60 ccm klaren Liquors im starken Strahl. Zwischen
Dura und weicher Haut zarte, spinnwebige Verwachsungen und Rauhigkeiten der
Pia. Das Rückenmark erschien sehr breit. Nach der Operation völlige Lähmung
und Anästhesie der Beine, enorme Hyperästhesie der Arme. Exitus nach 12 Tagen
an Atmungsstörungen. Bei der Sektion wurde eine ganz leichte Trübung der
zerebralen Pia gefunden. Die bei der Operation aufgefallenen dünnen Fasern und
Spangen zwischen Pia und Dura wurden auch vom Anatomen bemerkt. Die Ope¬
rationsstelle sah gut aus. Die mikroskopische Untersuchung zeigte frische und
alte Veränderungen. Erstere bestanden in Erweichungen, besonders der Peripherie
beiderseits von C 7 bis D 2 . Ferner befanden sich in den genannten Höhen frische
Zell Veränderungen in den Vorderhörnern und kleine Blutungen. Die alten Ver¬
änderungen bestanden in einem deutlichen, aber nicht hochgradigen Zellschwund
in dem Vorderhorn der rechten Seite, alten Zellveränderungen beider Seiten, einer
auf zwei Segmente beschränkten Hinterstrangerkrankung — mehr auf der rechten,
weniger auf der linken Seite — (anscheinend aufsteigende Degeneration einer
vereinzelten Wurzel). Ferner fand sich in C 7 und C 8 , der Pia hinten aufliegend,
eine breite, von verdickten Gefäßen durchzogene, alte Schwiele, deren Dicke nicht
erheblich war (die Schwiele entsprach offenbar den bei der Operation und bei der
Sektion beobachteten Fasern zwischen Pia und Dura). Von alten Veränderungen
fand sich schließlich eine — besonders die rechte Hälfte des Querschnittes be¬
teiligende — leichte Abplattung des Rückenmarkes und — gleichfalls auf der
rechten Seite — eine Verschmälerung der grauen Vorderhornsubstanz. Die Ent¬
wicklung der Veränderungen denkt sich Schuster folgendermaßen: Im Zusammen¬
hang mit einer — anscheinend latent verlaufenen zerebralen Leptomeningitis ent¬
wickelte sich ein ähnlicher Prozeß in den weiohen Häuten des unteren Zervikal¬
markes, welcher zur Bildung feiner Stränge und Verwachsungen zwischen Dura
und Pia führte. Hierdurch entstand ein zystenartiger lokaler Liquorabschluß,
welcher allmählich tumorartig wirkte und besonders die rechte Hälfte des Quer¬
schnittes betraf. Die Fortsetzung des Druckes in die Wurzelscheiden führte
wahrscheinlich zu Abknickungs- und Inkarzerationserscheinungen der Wurzeln.
Es ist verständlich, daß die mechanischen Verhältnisse nach Eröfihung der Zyste
und bei der Sektion nicht mehr erkannt werden können. Zum Schluß wird die
in der Literatur behandelte Frage, ob derartige Zysten nur im Anschluß an eine
Wirbelaffektion oder eine intramedulläre Erkrankung usw. oder auch ganz selb¬
ständig auftreten könnten, erörtert, und die Differentialdiagnose gegen den Tumor
gestreift. In letzterer Beziehung glaubt Schuster für die differential diagnosti¬
schen Angaben Horsleys bei den meisten publizierten und in seinem eigenen
Fall keine genügenden Unterlagen gefunden zu haben. Differentialdiagnostisch
wichtig ist die Entstehung des Leidens von dem Gesichtspunkte aus, daß wahr¬
scheinlich häufiger als bisher angenommen wurde, zerebrale Leptomeningitiden als
Vorläufer des Leidens Vorkommen. (Der Vortrag wird ausführlich in der Monats¬
schrift f. Neurol. u. Psych. veröffentlicht werden.)
Diskussion: Herr Cassirer: Es ist zweifelhaft, ob Meningitis serosa cystica
die richtige Benennung für das Krankheitsbild ist. Es sind doch auch die Ver¬
änderungen im Rückenmark besonders zu beachten. Die Degeneration in den
Hintersträngen ist eine typisch aufsteigende Degeneration. Außerdem sind auch
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
323
die Vorderhornveränderungen nicht unbedeutend. Man sollte doch derartige Fälle
nicht zu der Feststellung des Krankbeitsbegriffes Meningitis serosa cystica be¬
nutzen. Es ist doch wahrscheinlicher, daß es sich um einen diffusen Prozeß
handelt, der sowohl Rückenmark wie Meningen, auch die zerebralen, betrifft, also
um eine Enzepbalomyelomeningitis bzw. Myelomeningitis chronica.
Herr Henneberg kann dem Vortr. in der Beurteilung des Falles nicht bei-
stimmen. Der Vortr. spricht von einer Zyste mit lokalisierter Druckwirkung.
Die Präparate lassen aber nichts von einer Zystenwandung erkennen. Was
demonstriert wurde, ist das Bild einer leichten Leptomeningitis chronica fibrosa
mit diffuser Schädigung hinterer Wurzeln, durch die die leichte Hinterstrang¬
degeneration erklärt wird. Die Asymmetrie der Rückenmarksquerschnitte, insonder¬
heit die Verschiedenheit der Gestalt der Vorderhörner, dürfte artefiziell bedingt
sein. Es handelt sich um ein durch die Operation schwer geschädigtes Rücken¬
mark mit ausgedehnten Nekrosen. Verschiebungen im Querschnitt sind in solchen
Fällen sehr häufig. Antoreferat.
Herr Schuster: Wenn Herr Henneberg bemängelt, daß er auf den gezeigten
Präparaten keine Zyste gesehen habe, so kann ich darauf nur erwidern, daß ich es
für ganz selbstverständlich halte, daß eine derartige zystenartige Bildung, deren
spinnwebendünne Wände bei der Operation und bei der Sektion durchschnitten
wurden, sich auf dem gehärteten Präparat nicht als „Zyste“ dokumentieren kann.
Man sieht nur einige Reste der Zyste, nämlich gewisse schwielige Bildungen an
der Pia. Bei der Operation, wo sich die Hirnhäute vorwölbten und beim Ein¬
schnitt in einem starken Strahl ein gewisses Flüssigkeitsquantum entleerten, lagen
die Verhältnisse natürlich klarer. Daß Gewebskulissen und Gewebswände, welche
zwischen harter und weicher Hirnhaut liegen, durch eine besondere Gruppierung
ein FlüssigkeitBquantum absperren, halte ich für recht gut denkbar. Die so resul¬
tierende „Zyste“ mag — darin stimme ich Herrn Henneberg bei — keine „Zyste“
im strengsten Sinne des Wortes sein, doch kommt es hierauf ja auch im vorliegenden
Fall nicht an. Antoreferat.
Herr Henneberg: Die Darlegungen des Vortr. haben mich nicht überzeugt.
Daß leichte Verwachsungen der Häute zu einer zystenartigen Absackung von
Liquor führen können, ist sehr unwahrscheinlich. Selbst bei ausgiebigen Ver¬
wachsungen der Dura mit der Pia, wie sie sich bei Lues spinalis und anderen
chronischen Rückenmarks Veränderungen häufig finden, kommt es nicht zu Liquor¬
zysten. Autoreferat.
Herr Schuster (Schlußwort): Herr Cassirer hat mich in einigen Punkten
mißverstanden. Ich habe ausdrücklich betont, daß ich die Veränderungen in den
Hintersträngen als alte Veränderungen ansehe, welche durch aufsteigende Degene¬
ration einer — von mir nicht entdeckten — hinteren Wurzel herrühren. Übrigens
kann die Hinterstrangveränderung keine große Rolle in der Auffassung des Krank¬
heitsbildes spielen, denn sie erstreckte sich nur über etwa zwei Segmente. Betreffs
der Bemerkung des Herrn Cassirer, daß der Fall nicht rein genug sei, um als
Meningitis serosa zirkumskripta spinalis zu gelten, darf ich darauf hinweisen, daß
in sehr vielen der bisher beschriebenen Fälle sich außer den rein meningitischen
Veränderungen intramedulläre Veränderungen fanden, und daß gerade hierdurch
die — von mir erwähnte — Meinungsverschiedenheit der Autoren entstanden ist,
ob die Meningitis cystica spinalis ein primärer Prozeß sein könne, oder ob er
stets ein sekundärer Prozeß sei. Was insbesondere den Einwand Cassirers be¬
trifft, daß in meinem Falle ja auch die zerebralen Meningen leicht befallen ge¬
wesen seien, so habe ich in meinem Vortrage ja gerade hierauf hingewiesen und
hierauf meine Auffassung gestützt, daß es sich bei dem Leiden um eine spinale
Affektion handle, welche im Zusammenhang mit einer zerebralen Hirnhauterkran¬
kung stände. Meine Deutung des Falles ist — kurz zusammengefaßt — die, daß
21 *
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
324
sich im Zusammenhang mit einer ganz leichten zerebralen Aracfanitis ein ähnlicher
spinaler Prozeß im unteren Halsmark gebildet hat, welcher infolge — vielleicht zu*
fälliger — Wand- und Strangbildungen in dem Raum zwischen Dura und Pia zu
einer Absperrung einer gewissen Liquormenge geführt hat. Die so entstandene
zystenartige Bildung hat ihrerseits durch Druck zu einer Kompression bestimmter
Teile des Rückenmarkes und zu einer Druckatrophie eines Vorderhornes und seiner
Zellen geführt. Das klinische Bild wurde geschaffen nicht durch die relativ un¬
gefährlichen arachnitischen Stränge als solche, sondern durch die als Tamor wir¬
kende Zyste. Daß die Abplattung des Rückenmarks, die besonders auf der rechten
Seite (eben derjenigen, welche auch die hauptsächlichsten Zell Veränderungen auf¬
wies) ausgeprägt war, kein Kunstprodukt ist, geht schon daraus hervor, daß jene
Abplattung schon bei der Operation auffiel. Daß die Verkleinerung der grauen
Substanz der rechten Seite des Rückenmarksquerschnittes nicht mit den frischen
Erweichungen der weißen Substanz und mit etwaigen Quellungsvorgängen zu¬
sammenhängt, erhellt einmal daraus, daß sich jener Unterschied in der Größe der
beiden Vorderhörner auch in Höhen fand, welche gar keine frischen Erweichungen
aufwiesen, andererseits aber auch daraus, daß die Erweichungen einmal die rechte,
ein anderes Hai die linke Seite, ein drittes Mal beide Seiten betrafen, daß aber
die Verkleinerung des Vorderhornes konstant rechts war, also diejenige Seite
betraf, welche die geringere Zahl der Vorderhornzellen aufwies. Aber selbst,
wenn der Unterschied in der Größe der beiden Vorderhörner wirklich ein Artefakt
wäre, so würde dies nichts an den übrigen gefundenen anatomischen Verände¬
rungen und ihrer Bedeutung für die Auffassung des Falles ändern. Autoreferat.
4. Herr Borchardt: Demonstration von Präparaten zur Pathologie der
Rüokenm&rkssQhüsse, Vortr. demonstriert zuerst ein Präparat einer Schu߬
verletzung, bei der es zu einer Querschnittsunterbrechung unterhalb D 10 ge¬
kommen war. Der Pat. konnte trotz DecubituB und Cystitis monatelang im
Dauerbad gehalten werden, erst dann erfolgte der Exitus. Am Präparat ist die
Dura anscheinend verletzt, jedenfalls sieht man innerhalb der Dura ein Stück
Knochen. Die Dura ist mit dem Rückenmark verwachsen. Dann demonstriert
Vortr. das Präparat einer Verletzung in Höhe von D., die durch eine Platzpatrone
erfolgt war. Trotz operativer Entfernung eines Stück Wirbels erfolgte keine Besse¬
rung und trat der Exitus ein. Hier ist die Dura nicht verletzt, das Rückenmark
aber total zerstört. Oberhalb der totalen Zerstörung finden sich im Hinterhorn
nekrotische Zapfen, auch nach unten sind weitgehende Veränderungen vorhanden.
Die mikroskopischen Präparate zeigen eine fast völlige Zerstörung der Struktur
in der Gegend der Verletzung, aber auch noch im oberen Lendenmark schwere
Veränderungen, die hier stellenweise entzündlichen Charakter tragen wie bei in¬
fektiösen Erkrankungen. In den höher als die Verletzung gelegenen Partien
finden sich nekrotische Herde. Auch in diesen Fällen, wie in früher vorgestellten,
sind natürlich chirurgische Maßnahmen zwecklos.
&. Herr Kutzinski: Stauungspapille bei HirnBohüsBen. Vortr. demon¬
striert 2 Fälle von Hinterhauptschüssen, bei denen, ohne daß erheblichere sonstige
Lokal- und Allgemeinerscheinungen bestanden, eine schwere Stauungspapille vor¬
handen war. In dem einen der Fälle hatte sie sich gut zurückgebildet, in dem
anderen Falle aber zu einer schweren Sehnervenatrophie, besonders auf dem rechten
Auge, geführt.
Fall I. Verletzung fand am 24. VIII. durch Schrapnellschuß am Hinterkopf 6tatt
Einschuß und Ausschuß waren 5 cm voneinander entfernt; die Verletzung war etwas
rechts von der Medianlinie. Pat. war */ 4 Stunde bewußtlos; 6 Tage konnte er nichts sehen,
dann bemerkte er auf dem linken Auge Rückkehr des Sehens, sah aber alles neblig. Er
will auch vorübergehend doppelt gesehen haben. In den ersten Wochen hatte er zeitweise
Kopfschmerzen und anfänglich auch mehrmals Erbrechen. Im Monat September wurde
eine Eiterung des Schußkanals festgestellt, daraufhin fand eine Eröffnung statt, auch ein-
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
825
seine Knochensplitter wurden entfernt. Sonstige Allgemeinsymptome fehlten; es bestand
Wohlbefinden. Oktober wurde beiderseits eine deutliche Stauungspapille konstatiert. Bei
der Aufnahme iiu Dezember 1914 zeigte er keine körperlichen Symptome. Der Urin war
frei, der Pols regelmäßig, es bestanden keine Temperaturen. Das Röntgenbild ergab außer
dem Knochendefekt keine Veränderung. Psychisch war Pat. intakt, vor allen Dingen
fehlten Gedächtnisausfälle, besonders auf optischem Gebiet. Auch neurologisch bestanden
keine Symptome. Die Pupillen reagierten gut, es fand sich keine Klopfempfindlichkeit,
die Wunde war völlig verheilt. Unter der Narbe war deutlich ein Knochendefekt fühlbar.
Aphasische, agnostische, apraktische Störungen, Störungen des Form- und Farbensinnes
waren nicht vorhanden. Das Lesen ging langsam, aber gut vonstatten. Der durch Prof. B.
untersuchte Fundus zeigte beiderseits ausgesprochene Prominenz der Papillen, rechts von
2, links von l 1 /? Dio., links bestand ein Exsudat an der Papille; die Venen waren stark
geschlängelt, das Gesichtsfeld war rechts bis auf einen geringen Rest konzentrisch ein¬
geengt; für Farben bestand rechts ein totaler Ausfall. Links war das Gesichtsfeld etwa
normal. Der Visus betrug links 5 / l2 , rechts l / 180 und wurde links durch Glas fast völlig
korrigiert, während rechts eine Besserung durch Gläser nicht möglich war. Die Atrophie
der Papille nahm im Verlauf der Beobachtung noch zu. Bei der letzten Untersuchung
durch Prof. B. zeigte sich beiderseits keine Prominenz mehr; die Schlängelung hatte ab¬
genommen. Die rechtsseitige konzentrische Gesichtsfeldeinengung erschien durch die
Atrophie der Papille hinreichend erklärt. Die Lumbalpunktion ergab keine Lymphozytose
und keine Eiweißvermehrung. Wassermann im Blut und in der Lumbalflüsaigkeit fiel
negativ aus. — Fall II. Verwundung fand am 4. IX. 1914 durch Infanteriegeschoß statt.
Pat. war 14 Tage lang völlig blind. Bewußtlosigkeit fehlte, hingegen hatte er anfangs Er¬
brechen. Kopfschmerzen waren kaum vorhanden. Die Verletzung war am Hinterhaupt
zwei Qüerfinger oberhalb der Protuberantia externa in der Mittellinie etwa 4 cm nach
oben reichend. Im Monat September eiterte der Scbußkanal, und es wurden Knochen¬
splitter entfernt. Allmähliche Besserung des Sehvermögens. Oktober wurde eine doppel¬
seitige, links stärker als rechts vorhandene Neuritis optica festgestellt. Im Dezember war
bei der Aufnahme das Gewebe vernarbt, ein deutlicher Knochendetekt in der Medianlinie
fühlbar. Die inneren Organe waren gesund. Temperaturen bestanden nicht; der Urin war
frei von Eiweiß und Zucker, der Puls ohne Besonderheiten. Die Röntgenuntersuchung
ergab außer dem Knochendefekt keinen Befund. Die serologische Untersuchung fiel negativ
aus. Die Pupillen reagierten prompt; Lähmungen waren nicht vorhanden. Prof. B. stellte
am linken Fundus »eine Prominenz von 2, rechts von 1 l / 2 Dio. fest. Die Gefäße waren
ausgesprochen geschlängelt. Das Gesichtsfeld zeigte eine rechtsseitige untere Quadranten¬
hemianopsie mit Aussparung des zentralen Sehens. Aphasische, agnostische, apraktische
Störungen fehlten, Form- und Farbensinn waren gut, das Erkennen von Objekten des¬
gleichen. Optisches Gedächtnis war gut. Das Lesen geschah mühsam, abgesetzt. Die
Störung des letzteren ließ sich durch die peripheren Veränderungen hinreichend erklären.
Der Visus betrug rechts */u, links 6 / 10 . Die wiederholte Untersuchung ergab eine allmäh¬
liche Besserung des Fundus, immerhin bestand auch noch Ende Februar rechts eine kaum
meßbare, links eine Prominenz von l / t Dio.
In beiden Fällen ist die Annahme eines Abszesses bei dem Verlauf und dem
Fehlen von allen sonstigen Symptomen sehr unwahrscheinlich. Daß Schu߬
verletzungen, bei denen keine schwereren Hirnverletzungen Vorlagen, bei denen
nur Knochen und Weichteile unerheblich geschädigt waren, Stauungspapille ver¬
ursachen, ist sehr ungewöhnlich und in der Literatur (soweit sie zur Verfügung
stand) nicht näher bekannt. Auch die Annahme einer Meningitis serosa ist nicht
gerechtfertigt. Bemerkenswert ist in beiden Fällen, daß es sich um Hinterhaupt-
scbüsse handelt Eine Beziehung zwischen Stärke der Störung und Seite der
Verletzung besteht im ersten Fall, denn die Verletzung besteht rechts von der
Medianlinie, die Stauung sowohl wie die durch die Atrophie des N. opticus
bedingte Sehstörung, besonders die letztere, war auf dem rechten Auge viel aus¬
gesprochener. Im zweiten Fall bestand rechtsseitige Qudranteohemianopsie, dabei
war die Stauung links stärker. Allerdings befindet sich die Verletzung in der
Mittellinie. Autoreferat.
Diskussion: Herr Liepmann fragt, ob alle sonstigen Druckerscheinungen
gefehlt haben.
Herr Kutzinski bejaht das
Herr Henneberg: Stauungspapille nach Hirnschüssen scheint nicht selten
zu sein. Wir wissen, daß bei traumatischen Hirnblutungen, anch nach spontanen
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
326
Hämorrhagien gelegentlich« Stauungspapille auftritt. Ein größeres Blutkoagulum
kann unter uns nicht näher bekannten Umständen wie ein Tumor wirken. In
einem Falle von Gehirntrauma infolge von Sturz im epileptischen Anfall trat nach
dem Unfall Stauungspapille auf. Die Sektion ergab ein kaum walnußgroßes Blut¬
koagulum in einem Stirnhirnlappen. Auf Grund solcher Beobachtungen darf man
anfiehmen, daß es sich wenigstens in einem Teil der Fälle, in denen bald nach
Hirnschuß Stauungspapille auftritt, um Blutungen handelt. Autoreferat.
Herr Kutzinski hat auch an eine derartige Erklärung gedacht, doch wäre
es auch dann auffallend, daß alle sonstigen Druckerscheinungen gefehlt haben.
Herr Liepmann berichtet über einen Unteroffizier,• bei dem wenige Monate
nach einem Hufschlag an die Stirn Stauungspapille und Erblindung eiutrat. Es
wurde Meningitis serosa angenommen. Die Sektion ergab beiderseits Gliomatose
des Stirnhirns.
Herr Rothmann: Die Sehsphäre des Hinterhauptlappens scheint von allen
Hirnzentren am empfindlichsten zu sein. Häufig kommt es hier bei Streifschüssen
des Hinterhauptknochens ohne jede direkte Hirnläsion zu transitorischer Erblindung.
In drei derartigen von R. beobachteten Fällen hielt die Erblindung 2, 10 und
14 Tage an. In einem Fall bestand dann einige Zeit Alezie, so daß daB tem¬
poräre Bestehen einer Hemianopsie nach rechts wahrscheinlich war; in einem
zweiten Fall konnte R. noch eine Hemianopsie nach links konstatieren. Der dritte
Fall zeigte 3 Wochen nach der Schuß Verletzung eine starke konzentrische Gesichts¬
feldeinengung für Farben, die der Augenarzt (Prof. Levinsohn) für eine funktio¬
nelle ansprach. Keiner dieser Fälle ließ eine Stauungspapille oder sonstige Ver¬
änderung des Augenhintergrundes — einige Wochen nach der Verletzung — er¬
kennen. Der Nachweis einer solchen Stauungspapille bei Schädelschüssen, ver¬
bunden mit Sehstörungen, würde R. allerdings veranlassen, die Trepanation vor¬
nehmen zu lassen. Wenn auch die Möglichkeit des spontanen Rückgangs besteht,
so ist doch die Gefahr für die Sehfunktion eine zu große, um ruhig abwarten zu
können. Autoreferat.
Herr Kutzinski glaubt, daß man doch erst die Lumbalpunktion aus¬
führen sollte.
Herr Rothmann meint, daß das nicht genügen dürfte.
Herr Cassirer betont die besondere Empfindlichkeit der Hinterhauptslappen.
Zur doppelseitigen Außerbetriebsetzung der optischen Sphäre kann eine einseitige
Verletzung genügen. Aus einer ursprünglichen Amaurose entwickelte sich in
diesen Fällen, von denen C. bisher schon 4 bis 5 gesehen bat, später eine Hemi¬
anopsie.
Herr Liepmann weist darauf hin, daß vielleicht in dieses Kapitel auch
jene Fälle gehören, bei denen ein Herd des linken Hinterhauptlappens neben
rechtsseitiger Hemianopsie Hemiachromatopsie der anderen Seite hervorge¬
rufen hatte.
Herr Hübotter weist darauf hin, daß er bei einer großen Menge von
Schädelstreifscbüssen nur selten leichte Veränderungen am Sehnerveneintritt be¬
obachten konnte, während er bei 7 Fällen von Hirnabszeß nach Kriegsverletzung,
im Gegensatz zu den Friedenserfahrungen, stets ausgesprochene Stauungspapille
fand, und zwar mehrfach auf der dem Abszeß entgegengesetzten Seite stärker aus¬
gesprochen. Autoreferat.
Herr Henneberg: Die Stauungspapille an sich bildet keineswegs eine Indi¬
kation zur Operation. Die sich häufenden Beobachtungen weisen eben darauf
hin, daß auch bei Blutungen im Gehirngewebe Stauungspapille nicht so selten
auftritt. In einem Fall, den H. sah, bildete sie sich rasch zurück. Nur im Zu¬
sammenhänge mit anderen Erscheinungen kann die Stauungspapille bei der Frage,
ob man operieren soll, Verwertung finden. Autoreferat.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
327
Herr Kutzinski (Schlußwort): Daß Hinterhatfptsschüsse zentrale Seh-
etörungen verursachen, ist in der Literatur wiederholt beschrieben worden. Die
naheliegende Annahme, daß eine Blutung, ein Blutkoagulum, die Stauungspapille
hervorgerufen habe, erscheint deshalb sehr zweifelhaft, weil alle sonstigen Allge¬
meinsymptome sehr geringfügig waren, und weil die Stauungspapille allmählich
progredienter wurde und erst nach Monaten zum Abklingen kam. Autoreferat.
IV.
Zum Andenken an Martin Bernhardt.
Der dauernde, ewig gleiche Anblick des Sterbens hier draußen im Felde härtet
ans ab; der Wert des einzelnen Lebens wird geringer bemessen, die Idee und die
Allgemeinheit ist alles, der einzelne nichts mehr. Hinter dem Sarge des uns
fremden Kameraden schreiten wir her, wissen nicht,.von wannen er kam, wissen
nur, daß er für sein Vaterland gekämpft und sein Leben dahingegeben hat. Wir
tragen den Körper zu Grabe, ahnen wohl, daß wir mit ihm manche Hoffnung auf
ewig versenken, daß daheim manche Träne um den Toten fließt, ahnen und be¬
klagen es und stehen stumm dabei, den Blick der Allgemeinheit zugewandt, die
solche Opfer fordert.
Wenn uns aber dann die Trauerbotschaft von dem Heimgange eines Freundes,
dessen Lebensinhalt uns wert und teuer war, trifft, dann offenbart sich uns in
seiner ganzen Wucht das Persönliche, das der Tod in sich birgt, dann sticht
seine Stachel so tief, dann hat das grausige Wort „Sterben“ seine alte, düstere
Bedeutung wiedererlangt, und wir erkennen, daß der ewige Anblick des Todes
unser Gemüt nur scheinbar abgestumpft hat.
„Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich.“
Und eine Trauerbotschaft war es, die den Tod eines verehrungswürdigen
Freundes meldete, als von daheim die Nachricht kam, daß am 17. März Martin
Bernhardt plötzlich verstorben ist. Unwillkürlich schweiften die Gedanken
zurück zu jenem Tage hin, an welchem Bernhardt (es war am 10. April 1914),
umgeben von treuen Freunden,, seinen 70. Geburtstag feierte und selbst ermessen
konnte, wie viel Liebe und Verehrung ihm, dem Menschen, entgegengebracht
wurde und 'welche Anerkennung seine wissenschaftliche Arbeit allerorts ge¬
funden hat.
Mit dem Namen Bernhardt ist zunächst eng verknüpft der Ausbau der
Lehre von den peripheren Nervenkrankheiten; sein hervorragendstes Werk, das
ihn auch vor allem bekannt und berühmt gemacht hat, ist die in Nothnagels
Handbuch i. J. 1896 erschienene Bearbeitung der „Erkrankungen der peripheri¬
schen Nerven“, ein Werk, welches unter sorgfältigster Benutzung der diesbezüg¬
lichen Literatur und unter Verwertung zahlreicher eigener Beobachtungen in
meisterhafter Klarheit und Prägnanz Aufschluß gibt über die verschiedenen Läh-
mnngsformen, Nervenentzündungen, Neuralgien und Krampfzustände; und so
mancher, der im gegenwärtigen Kriege eine periphere Nervenverletzung zu Gesicht
bekam, hat sich zunächst im „Bernhardt“ Rat geholt und dort sicherlich in vor¬
züglicher und erschöpfender Darstellung gefunden, was er suchte.
Von den überaus zahlreichen weiteren Veröffentlichungen Bernhardts, die
sich mit dem peripheren Nervensystem oder aber mit der Elektrizitätslehre be¬
schäftigen, Beien hier nur als besonders wichtig und wertvoll erwähnt: die i. J.
1874 erschienene Monographie: „Die Sensibilitätsverhältnisse der Haut“, der in
der „Deutschen Klinik am Ausgange des 20. Jahrhunderts“ veröffentlichte Ab¬
schnitt: „Die Lähmungen der peripheren Nerven“, das im Handbuch der physi¬
kalischen Therapie erschienene Kapitel: „Der Nutzen der Elektrotherapie“, die
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
328
„Elektrizitätslehre für Mediziner und Elektrotherapie“ (1884). Bernhardt be¬
arbeitete ferner im „Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte auf dem
Gebiete der Neurologie und Psychiatrie“ den Abschnitt über die Krankheiten der
peripheren Nerven. Allbekannt geworden ist die von ihm zuerst beschriebene
Meralgia paraesthetica unter dem Namen der „Bernhardtschen Krankheit“.
Unter den übrigen Mitteilungen ragt besonders sein 1881 erschienenes Buch:
„Beiträge zur Symptomatologie und Diagnostik der Hirngeschwülste“ hervor. In
der Eulenburg sehen Bealenzyklopädie bearbeitete er die Kapitel: Gehirnblutung,
•entzündung, -abszeß, -erweichung und multiple Sklerose. Als Postarzt sammelte
er reiche Erfahrungen über die beim Telephonieren vorkommenden Unfälle und
legte diese Erfahrungen nieder in dem Buche: „Die Berufsunfälle der Tele¬
phonistinnen.“
Bernhardt war Mitherausgeber des Centralblattes für die medizinischen
Wissenschaften.
Das Neurologische Centralblatt verliert aber in ihm einen seiner ältesten und
treuesten Freunde; zahlreiche Arbeiten hat er ihm zur Veröffentlichung anvertraut,
und oft gab er dem jetzigen Herausgeber zu erkennen, daß er das Wohlwollen
und das Interesse, welches er dem Blatte unter des Vaters Führung entgegen¬
gebracht hat, auch dem Sohne treu bewahrt hat.
Aus Bernhardts äußerem Leben sei nur kurz berichtet, daß er i. J. 1844
zu Potsdam geboren war, nach in Berlin vollendetem Universitätsstudium seine
Laufbahn als Assistent unter Leyden an der inneren Klinik in Königsberg
i. J. 1867 begann; 2 Jahre später berief ihn Westphal an die Berliner Nerven-
klinik in der Kgl. Charite. Dort blieb er bis 1873, nachdem er sich i. J. 1872
habilitiert hatte. I. J. 1882 wurde er zum außerordentlichen Professor und 1903
zum Geh. Medizinalrat ernannt. Bis in die letzte Zeit hinein war Bernhardt
tätig; er wurde in verschiedene Reservelazarette zu neurologischen Fällen zu¬
gezogen. Noch am Vormittage seines Todestages waren bei ihm Soldaten zur
Untersuchung erschienen. Die Erfahrungen, die er in dieser Kriegszeit gemacht
hat, stellte er noch in einem Aufsatze zusammen, dessen Veröffentlichung in der
Berliner klinischen Wochenschrift erst nach seinem Hinscheiden erfolgte. —
Bernhardt in einem Nachrufe zu würdigen, ohne den Wert seiner Persön¬
lichkeit ganz besonders hervorzuheben, ist undenkbar. Was ihn allen, die mit
ihm in Berührung traten, lieb und wert machte, war seine anspruchslose Be¬
scheidenheit, seine Liebenswürdigkeit und Herzensgüte, die Vornehmheit und Grad-
heit seiner Gesinnung und sein nie versagender, nie versiegender, köstlicher Humor.
Wie er bei den „Nachsitzungen“ der Berliner neurologischen Gesellschaft die
ganze Tafelrunde durch Erzählen der ,,neuesten“ Witze belustigte, wie er als
geschickter Finanzminister, der nie Rechenschaft über sein Ressort gab, es ver¬
stand, den Mitgliedern dieser Gesellschaft alljährlich ein herrliches Diner kostenlos
hinzuzaubern, war einzigartig; und der sonst so ungern hervortretende, jeder Pose
abholde Mann schritt dann erhobenen Hauptes durch die Reihen der Festgenossen,
denn „er sähe, daß es gut war“. Leider war in den letzten 2 Jahren seines
Lebens seine Stimmung wehmutsvoll und verbittert geworden, er hatte wohl auch
unter körperlichen Beschwerden zu leiden und zog sich deshalb von der Gesellig¬
keit mehr und mehr zurück. Und drum war es denn auch gut so, daß ein
schmerzloser, plötzlicher Tod ihm stärkere Beschwerden des Alters vorenthielt. —
Wir aber werden, wenn wir heimkehren aus diesem Weltenkriege, den er¬
heiternden Frohsinn manches jungen Freundes, die erprobte Treue manches Alters¬
genossen missen, und auch Dein freundliches Lächeln, Deinen goldenen Humor,
Martin Bernhardt!
Kurt Mendel.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
329
V. Neurologisohe und psychiatrische Literatur
vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914.
(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch
einmal angeführt.)
I# Anatomie, v. SzOts, Mechan., Morphol. d. Nervenelemente. Anat Anz. XLVII.
H. 6 u. 7. — Temi, Innervaz. e voluroe delle cellnle gangliari. Ebenda. H. 14. — Fischei, A. r
Differenzierungsvermögen d. Gehirnzellen. Arcb. f. Entw.-Mech. XL. H. 4. — Schroeder, K.,
Markscheidenschnellfärbemethode. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 6. — Edlnger, L, Ent¬
stehung d. Menschenhirns. Wiener med. Woch. Nr. 43. — Haller, Anat. u. vergl. Anat. d.
Rautengrube. Arch. f. Anat. (n. Phys.). H. 4 bis 6. — Niestl v. Mayendorf, Ober d. Fase,
corpor. callosi cruciat. Mon, f. Psych. Dezember. — Bovero, Gangl. vestibul. du Nerf
acoust. Arch. internat. de Laryngol. XXXVIL Nr. 3. — Kankeleift, Vergl. Murphol. der
Saugetierolive. lnaug.-Dissert. Berlin. — Allis, E. P. v The trigem.-facialis chamber in
amphib. and reptiles. Anat. Anz. XLVII. H. 1 u 2. — Sehr, C., Anat. u. Phys. d. gliösen
Gewebes im Sehnerven. Arch. f. Ophthalm. LXXXIX. H. 1. •— Pedaschenko, Entwickl. d.
Augenmuskelnerven. Anat. Anz. XLVII. H. 6 u. 7. — Timme, Autonomie or vegetat. nerv,
syst. Journ. of nerv. dis. Nr. 12. — Ranke. Histologie u. Histopathol. der Blutgefäßwand,
bes. des Zentralnervensystems. Zeitsch. f. d. ges. Neurol. XXVII. H.3u. 4. — Goldstein. M.,
Anat. u. funkt. Bedeut d. Arterien d. Gehirns, bes. d. Balkens. Ebenda. XXVI. S. 361.
— Glaser, Nerven i. d. Blutgefäßen. Arch. f. Anat. (u. Phys.). H. 4 biB 6. — Potts, Distrib.
of nerves to the arteries of the leg. Anat Anz. XLVII. H. 5.
11« Physiologie, Edinger, L. und Liesegang, Nachahmung d. Vorgänge b. Nerven-
wachstum. Anat Anz. XLVII. H. 8. — Sanguineti, Sost. nerv, e accrescim. dei nervi in
vitro. Riv. di Pat. nerv. XIX. Fase. 5. — Hacker, F., Regeneration von Hantnerven. Zeit¬
schrift f. Biol. LXV. H. 1 u. 2. — Nehl. Einfl. d. Nervensyst a. d. Pigmentgehalt d. Haut
Zeitschr. f. klin. Mediz. LXXXI. H. 1 bis 2. — van Herwerden, Nukleinsäureverb. i. d. Nissl-
körnern d. Gangl.-zellen. Berliner klin. Woch. Nr. 47. — Hoffmann, P., Nervenfasern der
Krebs- u Hummermusk. Zeitschr. f. Biol. LXIV. H. 6. — Heuszelmann, Elektr. Reiz. d.
Nerv, phren. Wienerklin. Wocb. Nr.80. — Geigel, „Kompressionsreaktion“. Deutsche Zeitschr.
f. Nervenheilk. LII. H. 1 u. 2. — Sanders, Wärmelähmung d. Kaltblüternerven. Zeitschr.
f. allg. Physiol. XVI. H. 3 u. 4. — Eichholtz, Refraktärstudium im Refiexbogen. Ebenda.
— Berit off, Zentr. rezipr. Hemmung auf Grund d. elektr. Muskelerscbein. Zeitschr. f. Biol.
LXIV. H. 7 u. 8. — Misch und Lotz, Muskelaktionsströme bei org. u. funkt. Erkr. des Zen-
traluervensyst. Mon. f. Psycb. September. — Bornstein und Saenger, Unters, über Tremor u. a.
path. Bewegungsformen m. d. iSaitengalv. Deutsche Zeitsch. f. Nervenheilk. LII. H. I u. 2.
— Karpus, Hemisphärenexstirp. b. Hapale u. Macacus. Jabrb. f. Psych. XXXVI. S. 243. —
Trendelenburg. W., Ausgleich d. Bewegungsstör, nach Rindenausschaltungen am Affengroß-
hirn. Zeitschr. f. Biol LXV. H. 3 bis 4. — Rothmann, Grenzen der Extieraitatenregion d.
Großhirnrinde. Mon. f. Psych. November. — Sittig, Lokalis. d. sensiblen Rindenzentren.
Prager med. Woch. Nr. 45. — Beck und Blkeles, Einfl. d. Kühlung a. d. Erregbarkeit d.
Groß- u. Kleinhirnrinde. Zentralbl. f. Physiol. XXIX. H. 1. — Bikeles und Zbyszewski,
Einfl. v. Kokain a. d. Erregbarkeit d. psychomot. Region u. d. Kleinhirnrinde. Ebenda. —
Bass, Adrenalinwirk. a. d. Gehirn. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 600.
III. Pathologische Anatomie. Southard and Myrtelle, Norm, looking brains in
Psychopathie subj. Journ. of nerv. dis. Nr. 12. — Erhard!, A., Agyrie u. Heterotopie am
Großhirn. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 4 bis 5. — Schnabel, Gehirnwindungen u. Furchen
des balkenlosen Gehirns. lnaug.-Dissert. Rostock. — Stuchlfk-Sirotow, Pyramidenbahn bei
Porenzephalie. Arch. f. Psycb. L1V. H. 3. — Clarla. Histol. d. senilen Hirnrinde. Ebenda.
LV. H. 1. — Rausch und Schilder, Pseudosklerose. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. HL
H. 5 u. 6. — Bielschowsky. M., Tuberöse Sklerose u. Recklinghausen sehe Krankh. Zeitschr.
f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 183. — Jakob. Pathol. der diffusen infiltrativen Encephaloraye-
litis u. Bezieh, zur mult. Skier. Ebenda. XXVII. H. 3 u. 4. — Schönfeld, A. f Sphäro-
trichie in der Hirnrinde. Mon. f. Psych. November. — Simmonds, Erabol. Pmz. i. d.
Hypoph. Virchows Arcb. CCXVII. H. 2. — Mattioli, Sul origine delle Plasmazellen. Riv.
di Pat. nerv. XIX. Fase. 5.
IV. Neurologie. Allgemeines: Margulids, Diagnost. d. Nervenkrankb. I.: Allg.
patbol. Teil. Berlin, S. Karger. — Fuchs, Alfr, Statistik der Nervenkrankh. Jahrb. f Psych.
XXXV. H. 1. — Friedländer, Nerven- u. Geisteskrankheiten im Felde u. Lazarett. Wies¬
baden, Bergmann. — Oppenheim, Zur Kriegsneurologie. Berliner klin. Woch. Nr. 48. —
Wollenbarg, Nervöse Erkrankungen bei Kriegsteilnehmern. Münchener med. Woch. Nr. 44.
— Katz. O, Nervöse Störungen bei Kindern. Berliner klin. Woch. Nr. 47. — Armbruster,
Übertragung v. Nervenleiden von Mutter auf Embryo. Frauenarzt. H. 9. — Johnson, Aetiol.
of nerv, diseas. Quart. Journ. of med. VII. Nr. 28. — Craig, Peridentale Infektion als Ur-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
SSO
sache von Nervenerkrankungen. Journ. of amer. med. Ass. 5. Dezember. — Rothmann, Aus¬
fallserscheinungen nach Affekt, des Zentralnerv. Deutsche med. Woch. Nr. 29. — Fabritius,
Einil. d. Sensibilität a. d. Motilität. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 478. —
Meningen: van dar Torren, Meningoenceph. tbc. Tijdsclir. v. Geneesk. 4. Juli. — Reich-
mann, Mening. tbc. unter dem Bilde der Hirngeschwulst. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk.
LII. H. 1 u. 2. — Sittig, O., Mening. tbc. m. bitemp.-hemianop. Pup.-Reakt. Mon. f. Psych.
August. — Mandelbaum, Liquor bei Mening. tbc. Virchows Arch. CCXVII. H. 3. —
v. Bikay, Heilungsmöglichkeit d. Mening. tbc. Jabrb. f. Kinderheilk. LXXX. H. 2. —
Kerr, Pneumococc. cerebro-spinal. Mening. Edinb. med. Journ. Juli. — Wollt, S. und Leh¬
mann, W., Pneumokokkenmening. u. Behandl. m. Optocbin. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXX.
H. 2. — Alexander, G., Otogene Spätmeningitis. Jabrb. f. Psych. XXXVI. S. 213. —
Reiche, F., Meningitis bei Diphtherie. Zeitschr. f. Kinderheilk. XI. H. 5 bis 6. — Goebel,
Proteusmening. beim Neugeb. Deutsches Archiv f. klin. Med. CXVL H. 1 u. 2. — Spolverini,
Spez. Behandl. d. Cerebrospinal-Mening. Riv. osped. Nr. 15. — Böiger, Heilung von Men.
cerebrospin. Deutsche med. Woch. Nr. 31. — Markull, Meningitis nach subkut. Verletzung
von Schädel u. Wirbelsäule. Inaug.-Dissert. Leipzig. — Thiem. Pachymening. u. Pia-
Arachnitis chron. Monatsschr. f. Unfallheilk. H. 11. — Koritz, Pachymening. haemorrh.
chron. int. bei Neugeb. Inaug.-Dissert. Kiel. — Leopold, Subarachnoidablutungen. Journ.
of amer. med. Ass. 17. Oktober. — Major and Nobel, Glycyl-Tryptophan-ßeact. in Meningitis.
Arch. of int. Medic. September. — Olivecrona, Geschwulstbild. i. d. weichen Häuten des
Zentralnervensyst. Virchows Archiv. CCXVII. H. 2. — Rabanus, Diffuse Meuingealkarzi-
nose. Inaug.-Dissert. Wtirzburg. — Weigert, R., Meningozele bei Keuchhusten. Mon. f.
Kinderheilk. XIII. H. 3. — Zerebrales: Sawldowltsch, Einfl. v. Ernährung u. Erkrankung
a. d. Wachstum d. Gehirns im 1. Lebensj. Mon. f. Kinderheilk. XIII. H. 5. -— Rhein, H. W.,
Contusion of the brain. Journ. of nerv. dis. Nr. 10. — Köster, H., Kranielle Geräusche.
Zeitschr. f. klin. Med. LXXX. H. 5 bis 6. — Naffzlger Intracran. pressure. Calif. State
Journ. Juli. — Heine, Höhe des Hirndrucks bei Augenkrankheiten. IIL Münchener med.
Woch. Nr. 42. — Frazier, Verh. d. Liquors bei intrakraniellen Operationen. Journ. of
amer. med. Ass. 25. Juli. — Grubert, Ein Dolichozephalus mit Hydroz. u. Spina bifida.
Inaug.-Dissert. Greifswald. — Schüller, Chirurg. Behandl. d. erhöhten Hirndrucks. Wiener
med. Woch. Nr. 43. — Blair, Subtemporale Drainage bei intrakraniellen Beschwerden.
Journ. of amer. med. Ass. 5. September. — Lhermitte, Phdnom. dans Phämipl. Sem. med.
Nr. 29. — Gordon, A., Extrapyramidal hemipl. Med. Record. 12. Dezember. — Gordon, A.,
Spasmodic closing of cerebr. arteries in relat. to Apopl. Journ. of nerv. dis. Nr. 8. —
Szpanbock, Dynam. Eigensch. d. Nervenapparate beim Verlauf d. mot. Ersch. nach hemipl.
Lähm. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LJI. H. 5 u. 6. — Quensel, Posthemiplegiscne
Pseudomyotonie. Ebenda. H. 1 u. 2. — Klein, Th., Gehirnblutung, -Embolie u. -Thrombose.
Klin.-tberap. Woch. Nr. 36 u. 37. — Bouche, Hirnblutung. Journ. de Brux. Nr. 24. —
Voges, Intrakranielle Blutungen bei Neugeb. Inaug.-Dissert. Tübingen. — Shuman, Intra¬
kranielle Hämorrhagien bei einem Kind. Journ. of amer. med. Ass. 14. November. —
Rasch, C., Fall v. hämorrh. Encephalitis durch Neosalvarsan. Dermatol. Zeitschr. September.
— Goebel. 0., Amusie u. Aphasie. Deutsche med. Woch. Nr. 35. — Heveroch, Amerisia.
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 3 u. 4. — Llepmann, H. und Pappenheim, M.. Fall
von Leitungsaphasie m. anat. Bef. Ebenda. H. 1. — Goldstein, K., Bedeut, d. Insel f. d.
Sprache u. d. linken Hemisph. f. d. linksseitige Tasten. Arch. f. Psych. LV. H. 1. —
BonviCini, Bilaterale Apraxie d. Gesichts- u. Sprachmusk. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 563.
— Rossi, Sympt. d. Balkenerweichung. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 5. u. 6.
— Rentz, Stauungspapille u. ihre Bedeut, f. d. Hirnchirurgie. Arch. f. Ophthalm. LXXXIX.
H. 1. — Kutzinski, Stauungspapille bei cerebr. Gefäßerkrank. Mon. f. Psych. September. —
Lenz, G., Hirnlokalisatorische Bedeutung d. Makulaaussparung im hemianop. Gesichtsfeld.
Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. Juli bis August. — Southard, Hyperkinet. Sympt. b. part.
Läs. d. Thalamus opticus. Journ. of nerv. dis. Nr. 10. — Castex und Bolo, Angioma venös,
racemos. der 1. mot. Region. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 5 u. 6. — Stoffel, A.,
Behandl. d. spast Lähm. Zeitschr. f. orthopäd. Chir. XXIV. H. 1 bis 2. — GUmbel, Foerster-
sche Operation bei spast. Lähm. Berliner klin. Woch. Nr. 29. — Hirntumor, Hirn -
abszess: v. Malaisd, Hirntumordiagnosen. Münchener med. Wocü. Nr. 28. — v. Wieg-
Wickenthal, Klin. u. Diff.-Diagnose d. Hirntumoren. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 95. —
Mattauschek, Klin. u. Pathol. d. Gehirngeschwülste. Ebenda. S. 177. —■ KUttner, 100 ope¬
rierte Fälle mit der Diagnose Hirntumor. Journ. of araer. med. Ass. 31. Oktober. — Stern,
Felix, Psychißche Störungen bei Hirntumoren. Habi!it.-Schrift Kiel. — Gordon, A., Mental
manifest, in tumors of the brain. Amer. Journ. of med. sc. August. — Alexander und Unger,
Geheilter Hirntumor. Berliner klin. Woch. Nr. 30. — Natonek, Prim, epitheliale Tumoren
d. Gehirns. Virchows Arch. CCXVIII. H. 2. — van Bouwijdijk Bastiaanse, Primäres me¬
tastasierendes Gehirnkarzinom. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 1. — Hirschmann, B.,
Otitis roedia u. Hirntumor. Inaug.-Dissert. Heidelberg. — Ingersoll, Temperosphenoidal-
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
331
abszeß nach Otitis med. Clevel. med. Journ. Juli. — Heigel, Ätiol. d. rhinogenen Hirn-
abszesse. Prager med. Woch. Nr. 50. — Kutzinski und Marx, Hirnabszeß nach peripherer
Körpereiterung nach Unfall. Mon. f. Psych. Oktober. — Freund, C. S., Traumatischer Him-
abszeß. Berliner klin. Woch. Nr. 50. — Wendel, Chirurgie der Hirntumoren d. Parietal¬
lappens. Zeitschr. f. Psych. LXX1. H. 6. — Jordan, E., Chirurgie der Hirntumoren des
Parietallappens. Inaug.-Dissert. Kiel. — Wittenberg, A., Symptoinatol. der Schläfenlappen-
geschwülste. Inaug.-Dissert. Berlin. — Jlda, Akuter otit. Schläfenlappenabszeß. Inaug.-
Dissert. Gießen. — Remsen, Operation einer Zyste der linken Hemisphäre. Journ. of amer.
med. Ass. 7. Nov. — Wree, Tumor cerebri der großen Ganglien. Inaug.-Dissert. Kiel. —
Kraus, E. J. f Pigment. Gliom des r. Seiten Ventrikels. Virchows Arch. CCXV1I. H. 1. —
Rhein, Tumor im Crus cerebri. Journ. of amer. med. Ass. 7. Nov. — Kato, Teratoide Ge¬
schwülste im Kleinhirnbrückenwinkel. Jahrb. f. Psych. XXXV. H. 1. — Oana and Eisberg,
Cyste of the cerebello-pontine angle. Med. Record. 19. Dez. — Teutschlünder, Tumorart.
Bild. d. Gehirn basis. Virchows Arch. CCXV1I1. H. 2. — Novak, Künstl. Tumor d. Zirbel¬
drüsengegend. Wiener klin. Woch. Nr. 27. — Fukuo, Teratome der Glandula pinealis.
Inaug.-Dissert. München. — Thiem, Verscblimm. e. Zirbeldrüsengeschw. als Unfallfolge.
Monatsschr. f. Unfallheilk. H. 10. — Strubeil, Röntgendiagnose d. Hirntumoren der Hypo¬
physengegend. Fortschr. a. d. Geb. d. ßöntgenstr. XaII. H. 4. — Hellsten, Ganglion Gasseri-
Tumor. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 3 u. 4. — Kleinhirn: Bdräny, Funkt.
d. Flocculu8 b. Kaninchen. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 631. — Hitchings, Zählung der
PurkiDjeschen Zellen im Kleinhirn. Journ. of exper. Medic. XX. Nr. 6. — Mills, Kleinhirn-
lokalisation. Journ. of amer. med. Ass. 21. Nov. — Klein, Wilb., Symptoinatol. der Klein¬
hirntumoren. Inaug.-Dissert. Kiel. — Alexander, A. f Sympt u. Pathol. der Kleinhirnzysten.
Inaug.-Dissert Kiel. — Marks, H. K., Cerebellar syndrome of Babinski. Journ. of nerv. dis.
Nr. 11. — Taft und Morse, Hemiatrophie d. Kleinhirns bei e. Fall v. Katatonie. Ebenda.
Nr. 9. — Halke und Lewy, F. H., Verschluß der Art. cerebelli post. inf. Mon. f. Psych.
XXXVI. H. 1. — Gillis, Dasselbe. Journ. of amer. med. Assoc. 31. Oktober. — Bulbür-
paralyse , Pseudobulbärparalyse, Myasthenie: Kindt, E., Zur akuten Bulbär-
paralyse. Inaug.-Dissert. Kiel. — Schönfeld, A., Pseudobulbärparalyse nach Lues cerebri.
Inaug.-Dissert. Kiel. — Mc Klendree, Myasthenia gravis. Journ. of amer. med. Ass. 31. Okt.
— Diller und Rosenbloom, Metabolism in Myasth. Amer. Journ. of med. sc. Juli. —
Wirbelsäule: Arnheim, G., Ankylose der Wirbelsäule. Mediz. Klinik. Nr. 41. — Hoene,
Seltener Fall von Bechterewscher Krankheit. Deutsche med. Woch. Nr. 37. — Beer, B.,
Rigidität der Wirbelsäule und ihre Prognose. Wiener klin. Woch. Nr. 49. — Hunt, R.,
Syph. of the vertebr. column. Amer. Journ. of med. sc. August. — Rückenmark:
Nikitin, Hinterwurzelfasern des Rückenmarks. Archiv f. Psych. LIV. H. 3. — Karplus und
Kreidl, Schmerzleitung im Rückenmark. Pflügers Archiv. CLVI1I. H. 6 bis 8 . — Völsch,
Kombin. Strangerkrankung des Rückenmarks. Fortschr. d. Med. Nr. 80. — Bernhardt, M.,
Beitr. z. Sympt.-kompl. d. Brown-Sequardschen Lähmung. Berliner klin. Woch. Nr. 45.—
Oppenheim, Progressive, stationäre u. regressive Formen der Brown-Söquardsehen Lähmung.
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 3 u. 4. — Oe Josselin de Jong, Wirbelbruch und Ge¬
schwulstbildung. Monatsschr. f. Unfallheilk. H. 10. — Bailey. Schmerzlose Rückenmarks¬
tumoren. Journ. f. amer. med. Ass. 4. Juli. — Hofmann, H. f Diffuse Sarkomatose der Rücken¬
markshäute mit mult. Geschwülsten im Gehirn. Journ. f. Psych. u. Neurol. XXL H. 2. —
Nowmark, Zunahme der Kompressionserschein, bei extramedull. Rückenmarkstumoren nach
Lumbalpunktion. Berliner klin. Wochenschr. Nr. 43. — Oppenheim, Caudatumoren u. d.
Bilde der Neuralg. ischiadica. Mon. f. Psych. Dezember. — Friedberg, Gertr.. Ischämische
{arterioskl.) Rückenrnarkserweichung. Inaug.-Dissert. München. — Spider, Myelitis nach
periproktitischem Abszeß. Journ. of amer. med. Ass. 31. Okt. — Margulis, Path. Auat. u.
Pathogen, d. amyotr. Lateralskier. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 5 u. 6. —
Flexner und Amoas. Localiz. of the Virus and Pathogen, of epidemic Poliomyelitis. Journ.
of exper. Medic. XX. Nr. 3. — Fraser. Poliomyelitis. Amer. Journ. of med. sc. Juli. —
Loewy, E, Kombin. v. mult. Skier, u. Polioinyel. Berliner klin. Woch. Nr. 52. — Gordinier,
Case of adulte type of Poliomyel. and of acute ascend. Paral. (Landry). Journ. of nerv,
dis. Nr. 10. — Quincke, Lumbalpunktion. Ther. Monatsb. H. 7. — Frazier und Peet, Origin
and circulation of the cerebrospinal fluid. Amer. Journ. of Phys. Oktober. — Neue, Liquor-
und Blutunters. Med. Klinik. Nr. 29 u. 30. — Flesch, Goldreaktion im Liquor. Zeitschr.
t d. ges. Neurol. XXVI. S. 318. — Debenedetti und Otivero, Dasselbe. Riformamed. Nr. 33.
— Cohen, Ludwig, Dasselbe. Inaug.-Dissert. München. — Roger und Hinton, Dasselbe.
Journ. of med. sc. Juli. — Kaplan, Ausflockung kolloidalen Goldes durch Paralytikerliquor.
Zeitschr. t d. ges. Neurol. XXVII. H. 3 u. 4. — Boveri. Nuova reaz. dei liq. cef.-rach.
Riv. di Patol. nerv. XIX. Fase. 5. — Bigelow. Proteid Content of cer.-spin. fluid. Clevel.
med. Journ. November. — Rosenbloom und Andrews, Kaliumgehalt des Liq. bei verschied.
Krankh. Arch. of int. Medic. Oktober. — Multiple Sklerose: Oppenheim, Formen-
Di gitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
332
reichtum der malt. Skier. Deutsche Zeitsehr. f. Nerveaheilk. L1I. H. 8 u. 4. — Collius, J.
and Baehr, E. v Dissiminated Sclerosis (91 cases). Amer. Journ. of med. sc. Oktober. —
Auerbach, S., Frühdiagnose der mult. Sklerose, Tabes u. Paral. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild.
Nr. 15 u. 16. — Stamm, Multiple Sklerose im Kindesalter. Arch. f. Kinderheilk. LXIIL
H. 3 u. 4. — Williams, T. A., Syphilit. mult Skier. Urol. and cut. Rev. Oktober. — Sittig, O.,
Komb. v. mult. Sklerose u. Syring. Zeitschr. f. d ges. Neurol. XXVII. H. 2. — Kennedy,
Sehstörungen bei Sclerosis multiplex. Journ. of amer. med. Ass. 5. Dezember. — Holloway,
Peripheral pigmentation of the corneae, with sympt. simul. mult. scler. Amer. Journ. of
med. sc. August. — Ooinikow. De- u. Regenerat.-erschein. am Achsensyl. bei mult Skier.
Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVII. H. 2. —* Syringomyelie; Dressier, Syringomyelie (Kar
suistik). Inaug.-Dissert. Leipzig. — Wildman, Syringomyelia (case of Morvans type). Med.
Record. 17. Oktober. — Tabes, Friedreich sehe Krankheit: Sepp, Pathogenese der
Tabes. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 1 u. 2. — Sehr, C., Frühdiagnose der
Tabes. Mediz Klinik. Nr. 51 u. 52. — Marburg, O., Diagnose u. Ther. d. initialen Tabes.
Wiener med. Woch. Nr. 43. — Buschke und Michael, Parenchymatös-tox. Wirk. d. Syph.-
kontag. bei visc. Frühsyph. u. Taboparalyse. Berliner klin. Woch. Nr. 51. — Wilenkin,
Tabes dorsalis u. Trauma. Inaug.-Dissert. Berlin. — Grinstein, Inkubationszeit von Tabes
u. Lues spiualis. Inaug.-Dissert. Berlin. — Ptfhlmann, Superinfektion bei Tabes dorsalis.
Münchener med. Woch. Nr. 45. — Kaplan, Wassermannfeste Tabes. Deutsche Zeitschr. f.
Nervcnheilk. LII. H. 1 bis 2. — Antoni. Praetabes. Zeitschr. f. d. ges Neur. XXVII. H.2.
— Tschirjew. Tabes atactica u. Behandl. d. postsyphil. Erkr. d. Nervensyst. (Nachtrag).
Arch. f. Psych. LV. H. 1 . — Gardner, Cofley and Cummius, Intraspin, treatm. of tabes. %
California State Journ. August. — Becher, H. und Koch, R., Fall von durch Salvarsan
günstig bceinti. Tabes. r i heran. Monatsh. August. — Walzer. Tabesbehandl. mit hoch¬
gespannten Gleichströmen. Meaiz. Klinik. Nr. 34. — Wolf, T. H., Vergl. d. Ataxiebehandl.
nach Frenkel u. Malonev. Zeitschr. f. physikal. u. diätet. Ther. H. 7. — Johnson, Bebandl.
d. tabisch. Opticusatrophie m. Salvarsanserum. Journ. of amer. ined. Ass. 5. September. —
Exner und Schwarzmann, Gastrische Krisen u. Vagotonie. Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med.
XXVIII. H. 1. — Leriche, Dehnung d. Plex. solaris b. Bebandl. d. gastr. Krisen. Deutsche
Zeitschr. f. Chir. CXXXI1. H. 1 bis 2. — Krinski, Tabische Gelenke. Inaug.-Disseit. Berlin.
•— Hofmann, Max, Mal. perforans. Erg d. Chir. u. Orthopäd. VIII. — Roick, Zwei Fälle
von Friedreich-Ataxie. Inaug.-Dissert. Jena. — Refleare: Swift, New method of redet
elicitation. Journ. of amer. raed. Ass. 31. Okt. — Vas, J., Physiol. d. Sehnenrefl. im Säug¬
lings- u. Kindesalter. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXX. H. 4. — Gurewicz, Lerisches Vorder-
armphäuomen u. Trömmerscher Malleolarreflex. Inaug.-Dissert. München. — Htdde, Ab¬
dominal-, Kremaster- u. Plantarrefl. Deutsche Zeitschr. f. Nervcnheilk. LH. H. 1 u. 2. —
Kroll, Synergierefl. d. nnt. Extr. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 488. — Bainbridge,
Cardiac retiexes. Journ. of Phvs. XLVIII. Nr. 4. — Forbes and Sherrington, Acoustic refl.
in the decerebrate cat. Amer. Journ. of Phys. November. — Wolker, Hemiopische Papillen¬
reaktion. Journ. of amer. med. Ass. 5. Sept. — Hess, C., Licbtreaktionen bei Tieren und
Pflanzen. Münchener med. Wocb. Nr. 27. — Krampf, Kontraktur: Meyor, Apparate
für Schreibkrampfbehandlung. Münchener med. Woch. Nr. 46. — Williams, E. M., Para-
myoclonus multiplex. Journ. of nerv. dis. Nr. 7. — Jansen, Muskelbündellänge u. neuro¬
gene Kontrakturen. Zeitschr. f. orthop. Chir. XXIV. H. 1 bis 2. — Periphere Nerven¬
lähmungen: Singer, K. t Atypische Schlaf-Drucklähmungen. Mon. f. Psych. September.
— Gordon. A., Geburtslähmung. Journ. of amer. med. Ass. 26. Dez. — Tuczek, Doppelseit.
Axillarislähmung bei Aneurysma a. luet. Basis. Mediz. Klinik. Nr. 36. — Uffenorde, Alkoh.
Posticuslähmung u. postdiphth. Recurrenslähm. Zeitschr. f. Ohrenheilk. LXXII. H. 1. —
Meyer. K.. Fazialislähmungen. Inaug.-Dissert. Göttingen. — Seyler. Statistik u. Sympt. <L
periph. Fazialislähmung. Inaug.-Dissert. Kiel. — Throckmorton. Bilaterale periph. Facialis-
lähmung. Journ. of amer. med. Ass. 3 . Oktober — Broeckaert, Paral. otique de mot. ocul.
ext. asßociee ä la nevralgie du trijumeau. Presse oto-laryngol. Juli. — Neuralgie,
Migräne ; Raoult, Nevralg. d’orig. nas. et otit. Rev. bebdom. de Laryngol. Nr. 29. —
Harris, Intraneurale Alkobolinj. bei Trigeminus- u. a. Neuralgien. Journ. of amer. med. Ass.
14. Nov. — Dutoit, Kerat. neuropar. nach Alkoholinjektion in d. N. maxill. sup. Zeitschr. f.
Angenheilk. Juli. — Meyer. 0. B., Neuralgia bracchialis. Berliner klin. Woch. Nr. 35 u. 37.
— Tyrrell, Mortons Neuralgia or Metatarsalgia. Clevel. med. Journ. Sept. — Dobrokhotoa,
Sciatique radicul. Rev. de med. Nr. 7. — Stoffel, Wesen d. Ischias u. operat. Behandl.
Zeitschr. f. orthopäd. Chir. XXIV. H. 1 bis 2. — Lethaus. Injektionsbehandlung d. Iechias.
Deutsche med. Wocb. Nr. 38. — Dölken, Heilung d. Neuralgie u. Neuritis durch Bakterien¬
toxine. Berliner klin. Woch. Nr. 46 u. 47. — Rosenbaum, Th., Neuralgisan. Reichs-Med.-
Anz. Nr. 15. — Neuritis, Landry, Pellagra, Lepra , Beri-Beri: Friedlinder, P.,
Neuritis postdiphtherica. Berliner klin. Woch. Nr. 33. — Bruck, E., Polyneuritis alcoh.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
333
(schwere Erkr. d. Nervi vestibuläres). Deutsches Arch. f. klin. Med. CXVI. H. 5 bis 6 . —
Nakamura, Zur Pathogenese d. Neuritis acustica alcoholica. Beitr. z Anat. usw., d. Ohres usw.
Till. H. 1 u. 8. — Oettinger, Herpes zoster u. Herpes zoster gaugraenosus nach Salvarsan.
Dermatol. Zeitschr. September. — Deaderick, Herpes zoster u. Malaria. Med. Record. 5. Sept.
— Saeves, Fall von Ulcus perforans mit Neurinom am Nerv, tibialis. Ai*ch. f. Dermatol.,
Orig. CXX. H. 3. — Moschcowitz, Auftreten v. Care. i. Nerven (Krebs d. Plex. solaris).
Virchows Archiv'. CCXVIII. H. 3. — Pereyra, Myxom d. Nerv, opticus. Ann. di Ottalmol.
XLU1. H. 5 bis 7. — Elliott, Allg. Neurofibromatose (Recklinghausen). Journ. of amer. raed.
Ass. 17. Okt. — Schoonheid, Neurofibroms der Haut. Dermatol. Zeitschr. H. 7. — Fisher,
Landrysche Paralyse. Journ. of amer. med. Ass. 21. Nov. — Langer. E., Pathol. Anat der
Landrysehen Paralyse. Inaug.-Dissert. München. — v. Franzoni, Pellagra. Psych.-neur.
Woch. Nr. 16. — Lowery, Pellagra. Medic. Record. 29. August. —* RUhl, Ätiol. d. Pellagra.
Biv. osped. Nr. 12. — Siler, Garrison and McNeal, Beziehung d. Pellagra zu Nahrung u.
Aufenthalt. Arch. of int. Medic. September. — Hunter and Williams, The Widening Pellagra
Zone. Med. Record. 31. Oktober. — Frazer, Mental and nerv, manif. of pellagra. Ebenda.
11. Juli. — Beeton, Schilddrüse bei Pellagra. Journ. of amer. med. Ass. 12. Dezember. —
Nitzesku, Schutzfermente gegen MaiseiweiB im Blut d. Pellagrösen. Deutsche med. Woch.
Nr. 32. — King, Beri-Beri. Dublin Journ. of med.se. Juli. — Sympathien*, Akromegalie,
Basedow, Myxödem, 9 Tetanie, Raynaud, Sklerodermie: Neugebauer, Vago-
tonie. Wiener klin. Woch. Nr. 28. — Rabons and Lifschitz, Secret. Innerv, of the hypo-
physis. Amer. Journ. of Phys. Dezember. — Csipai, Hypophysenerkrankungen; funkt.
Diagnost. d. polyglandul. Erkr. Deutsches Archiv f. klin. Mediz. CXVI. H. 5 u. 6. — Dünn,
Pituitary diseaae. Amer.Journ.ofmed.se. August. — Paulesco, Wirk, künstl. Tumoren
der Hypophyse. Rev. stiintzelor med. Nr. 1. — Zesas, Hypophysischirurgie. Samml. klin.
Vortr. Nr. 700. — Hirsch, Oskar, Dasselbe. Wiener med. Woch. Nr. 27. — Cuthing, Das¬
selbe. Journ. of amer. med. Ass. 31. Okt. — Johnson, Hypophysentumoren. Lancet. 4. Juli.
— Eltester und Schroeder, Fall v. Akromegalie u. Splanchnomegalie. Mediz. Klinik. Nr. 31.
— Berghahn, Hypophysenstruktur bei Akromegalie. Inaug-Dissert. Marburg. — Bergeim,
Stewart and Hawk, Stoffwechsel bei Akromegalie. Journ. of exper. Medic. XX. Nr. 3. —
Boorstein, Dystr. adip.-genit. Journ. of amer. med. Ass. 11. Juli. — Anders and Jameson,
Belat. of glycosuria to pituit. disease. Amer. Journ. of med. sc. September. — Ballard,
Hyperthyroidism. Med. Record. 10. Okt. — Farrant, Exophth. goitre. Brit. med. Journ. 18. Juli.
— Menzer, Tuberk. Ätiol. d. Thyreosen. Ztschr.f.Tuberk. XXII. H. 4. — Schinzinger, Basedow
u. Tbc. Beitr. z. Klin. d. Tbc. XXXIII. H. 1. — Clark, Basedow nach Lues congenita. Journ.
of amer. med. Ass. 28. Nov. — Matti, Thymus u. Basedow. Berliner klin. Woch. Nr. 28.
— Kempner, Basedow u. Jodbasedow. Zentralbl. f. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. 3. Juli. —
Troell, Erklärung der Augensympt. bei Morb. Based. Hygiea. H. 8. — Szel, Galaktosurie
bei Basedow. Wiener klin. Woch. Nr. 29. — v. Barth-Wehrenalp. Physikal. Ther. d. Based.
Prager med. Woch. Nr. 31. — Sielmann, Behandlung des Basedow mit Röntgenstrahlen.
Münchener med. Woch. Nr. 43. — Klinke, Operat. Erfolge b. d. Behandl. d. Morb. Based.
S. Karger, Berlin. — Glaserfeld, Oper, bei Basedow. Mitteil. a. d. Grenzgeb. XXV1I1. H. I.
— Swasey, Basedowheilung. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. — Hertoghe, Thyreoid de-
ficiency. Med. Record. 19. Sept. — Schemensky, Köngen. Myxödem. Med. Klinik. Nr. 30.
— Asch, R., Zungenstruma, Beitr. z. Myxödem u. postoperat. Tetanie. Deutsche Zeitschr. f. Chir.
CXXX. H.ö bis 6. — Leonard, E. F., Myxedema allied to the infect exhaust, group. Med. Rec.
28. Nov. — Oswald, A., Behandl. d. endemischen Cretinismus. Correspbl. f. Schweiz. Ärzte.
Nr. 43. — Dutoit, Augenstör. b. M>xödem. Zeitschr. f. Augenheilk. August. — Greenwald,
Nitrogen and sulphur metabolism in a cretin. .Arch. of int. Medic. September. — Grahe,
Tetanie. Med. Klinik. Nr. 29. — Rosenfeld, G. f Ätiol. d. Tetanie. Boas* Arch. XX. Nr. 6.
— Gebhard, E., Tgtanie bei Dünndarmileus. Wiener klin. Rundschau. Nr. 33 u. 34. —
f. Eiseisberg, Postoperat. Tetania paratbyreopriva. Arch. f. klin. Chir. CVI. H. 1. —-
Wieland, E., Bronchotetanie. Mon. f. Kinderheilk. XIII. H. 5. — Hirschl, J. A., Tetanie u.
Psychose. Jahrb. f. Psych. XXXVI. 8. 1. — Morgenstern, K., Herzmusk. u. Spasmophilie.
Zeitschr. f. Kinderheilk. XI. H. 4. — Löwy, Max, Tetaniesympt. nach u. bei Dysenterie.
Mon. f. Psych. Dezember. — Rohmer, Calciumbehandl. d. Spasmophilie. Mon. f. Kinderheilk.
XIII. H. 5. — Bergeim, Stewart and Hawk, Calciumstoffwechsel nach Tbyreoparathyreoidek-
tomie. Journ. of exper. Medic. XX. Nr. 3. — Roth, Quinckesches Ödem. Deutsche Zeitschr.
f. Nervenheilk. L1I. H. 1 u. 2. — Lederer, Raynaudsche Krankh. i. Kindesalter. Jahrb. f.
Kinderheilk. LXXX. H. 6. — v. Kerczynski, Dercumsche Krankheit. Med. Klinik. Nr. 28.
— Neurasthenie, Hysterie: Gregg, Ursachen bei 100 Psychoneurosen. Journ. of amer.
med. Ass. 28. Nov. — Parker, G. M., Neurosis and Purpose. Med. Record. 14. Nov.
— Wilhelm, Nervöse Äquivalente im Säuglingsalter. Deutsche med. Woch. Nr. 30. —
Williams, T. A., Beschäftigungsneurosen. Clevel. med. Journ. Juli. — Kronfeld, Psychol.
Entstehung sogen. Unfallsneurasth. Vierteljahresschr. f. gerichtl. Mediz. H. 3. — Kleine,
Senile Hysterie. Inaug.-Dissert. Kiel. — Antoni, Dermatosen bei Hysterie. Münchener med.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
334
Woch. Nr. 27. — Bernhardt, M., Errötungefurcht Berliner klin. Woch. Nr. 30. —
Chorea 9 Tic: Fuchs, A., Exper.-tox. choreiforraer Sympt.-Komplex b. Tiere. Jahrb. f*
Psych. XXXVI. S. 165. — McKinnis, Eugenics in Huntingtons chorea. Med. Record.
1». Juli. — Golclj, Hemicborea mit Paresen. Inaug.-Dissert. Kiel. — Kolde. Chorea gravid.
Zentralbl. f. Gynäkol. Nr. 28. — Harfe, Choreapsychosen in der Schwangerschaft Inaug.-
Dissert. Kiel. — Passlni, Lumbalpunktion bei Chorea infectiosa. Wiener klin. Woch. Nr. 42.
— Emmerich und Loew, Behandlung des Tic Convulsif durch Chlorcalcium. Münchener
med. Woch. Nr. 47. — Epilepsie: Bolten, Epilepsie. Wiener klin. Woch. Nr. 28. —
Shaw, Dasselbe. Journ. of ment. so. Juli. — Shaw, Epil. and tuberc. Ebenda. — Kalischer, S.,
Reflexepil. Zentralbl. f. d. Grenzgeb. d. Med. n. Chir. 3. Juli. — Clark, Klinische Diagnose.
Journ. of amer. med. Ass. 7. Nov. — McKennan, Johnston and Henninger, Observ. on epil.
chiefly from an X-ray standpoint. Journ. of nerv. dis. Nr. 8. — Yaclger, Tuberöse Sklerose
als Ursache von Epilepsie. Journ. of amer. med. Ass. 17. Okt — Engelhard, C. F., Zur
Frage der gehäuften kleinen Anfälle. Mon. f. Psych. August und Sept. — Abbot, Fall von
rein psychischer Epil. Journ. of nerv. dis. Nr. 7. — Giese, H„ Epilepsie u. Schizophrenie.
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 22. — Clark, P., Personality study of the epileptic
constit. Amer. Journ. of med. sc. November. — Munson und Shaw, Zirbeldrüse b. Epil.
Arch. of int Medic. September. — Löwy, J., Hämatologie des epilept. Anfalls. Zentralbl. f.
inn. Mediz. 7. Nov. — Nikitin, Lyssaschutzimpfung u. Epil. Münchener med. Woch. Nr. 28.
— Hoppe, J., Behandl. d. Epil. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 6. — Jenkins, Krotalintherapie.
Journ. of amer. med. Ass. 14. Nov. — Grabi, Luminalbehandlung. Münchener med. Woch.
Nr. 31. — Kutzinski, Dasselbe. Mon. f. Psych. August. — Grzywo-Dybrowski, Luminal-
wirkung bei epilept. Demenz. Ebenda. September. — Oberholzer, Sedobrolbehandlung bei
psych. Alterat. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 1. — Tetanus: Stricker, Sammel-
forschung über Tetanus. Deutsche med. Woch. Nr. 52. — Jochmann, Tetanus. Ebenda.
Nr. 43. — Arzt, L., Über Tetanus. Wiener klin. Woch. Nr. 52. — Wolfsohn, G., Zur Tetanus¬
frage. Berliner klin. Woch. Nr. 49. — Pribram, Tet. traumat. Prager med. Woch. Nr. 44.
— Frost, C., Tetanus im Kriege. Inaug.-Dissert. Berlin. — Madelung, Tetanus bei Kriegs¬
verwundeten. Münchener med. Woch. Nr. 52. — Eunike, Tetanus nach Schußverletzungen.
Ebenda. Nr. 43. — Spiegel, Tetanus puerperalis. Arch. f. Gynäk. CIII. H. 2. — Köhler, H.,
Kontaktübertragung. Deutsche militärärztl. Zeitschr. H. 24. — Arnd, C., Prophylaxe des
Tetanus. Korrespbl. f. Schweizer Ärzte. Nr. 48. — Jakobsthal, Tetanusprophylaxe im Heere.
Münchener med. Woch. Nr. 41. — Heister, Verhütung durch intensive Luftbeströmung.
Ebenda. Nr. 52. — Jakobsthal und Tamm, Abtötung der Keime durch ultraviolettes Licht.
Ebenda. Nr. 48. — Hufnagel, Vorbeugende Tetanusimpfungen. Deutsche med. Woch. Nr. 51.
— Blumenthal, F., Symptoraatol. u. Ther. d. Tetanus. Mediz. Klinik. Nr. 44. — Wichmann,
Drei geheilte Tetanusfälle. Ebenda. Nr. 52. — Kreuter, Einige praktisch wichtige Ge¬
sichtspunkte. Münchener med. Woch. Nr. 40. — Siemon, Tetanusfälle u. ihre Behandlung.
Ebenda. Nr. 48. — MUller, Ratschläge zur Behandlung. Ebenda. Nr. 46. — Hochhaus,
Erfahrungen über Behandl. des Tetanus. Ebenda. — Kocher, Th., Behandlung schwerer
Tetanusfälle. Deutsche med. Woch. Nr. 46 u. 47. — Lewandowskl, Behandlung d. Tetanus.
Ebenda. Nr. 51. — Czerny, V., Dasselbe. Ebenda. Nr. 44 u. 45. — Unger, E., Dasselbe.
Berliner klin. Woch. Nr. 42. — Mühsam, H., Dasselbe. Ebenda. Nr. 45. — Angerer, Das¬
selbe. Münchener med. Woch. Nr. 45. — Voelcker, Dasselbe. Ebenda. Nr. 43. — Rothfuchs,
Dasselbe. Ebenda. Nr. 46. — Alexander, Dasselbe. Ebenda. — Teller, Dasselbe. Ebenda.
Nr. 48. — Kellermann, Dasselbe. Ebenda. Nr. 52. — Spanuth, Dasselbe. Mediz. Klinik.
Nr. 46. — Dreyfus, Dasselbe. Therapeut. Monatsh. November. — Dreyfus und Unger, Kombin.
Antitoxinüberschwemmungs- und Narkosetherapie. Münchener med. Woch. Nr. 51. —
v. Behring, Indikationen für serumtherapeut. Tetanusbekärapfung. Deutsche med. Woch.
Nr. 41. — v. Behring, Anwendung des Tetanusserums. Ebenda. Nr. 46. — Heddfius, Heil¬
serumbehandlung. Münchener med. Woch. Nr. 44. — Klrchmayr, Intravenöse Antitoxin¬
behandlung. Ebenda. Nr. 37. — Kreuter, Intraspinale und intravenöse Serumbehandlung
(31 Kriegsfälle). Ebenda. Nr. 46. — Park, Heilwirkung von intraspinaler Tetanusantitoxin¬
behandlung. Journ. of amer. med. Ass. 18. Juli. — Bönheim, lntoxik. nach Tet.-heilserum.
Berliner klin. Woch. Nr. 52. — Simon, Anaphylaxiegefahr bei Serumbehandlung. Münchener
med. Woch. Nr. 45. — Weintraud, Behandlung des Tetanus, bes. Magnesiumsulfattberapie.
Berliner klin. Woch. Nr. 42. — Syring, Behandlung mit Magnesiumsulfat. Deutsche med.
Woch. Nr. 49. — Falk, A., Dasselbe. Ebenda. Nr. 35 u. 44. — Roznowsfci, Dasselbe. Ther. d.
Gegenw. November. — Strohmeyer, Dasselbe. Münchener med. Woch. Nr. 28. — Ennike,
Dasselbe. Ebenda. Nr. 45. — Usener, Indikationen für subkutane Magnesiumsulfatbehand¬
lung. Ebenda. Nr. 48. — Kühn, Luminalbehandlung. Ebenda. Nr. 46. — Durlacher, Be¬
handlung mit serösem Transsudat der Bauchhöhle. Ebenda. Nr. 42. — Jehn, Behandlung
d. Atmungskrämpfe durch Phrenikotomie. Ebenda. Nr. 40. — Vergiftungen : Moravcsik,
Morphinismus. Wien. med. Woch. Nr. 43. — Brelet, Cocainomanie. Gaz. des hopit Nr. 85.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
335
— Fisher, E. D., Toxic diseases of the nerv. syst. Med. Record. 14. Nov. — Guillain et
Laroche, Fixation des poisons sur le syst. nerv. Progr. ra4d. Nr. 28. — Friedmann, Chron.
Quecksilbervergiftung. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 1 u. 2. — Morawski. Fall
von CO-Vergiftung. Ebenaäfc — Williams, Bleivergiftung u. Augenmuskellähraung. Journ.
of amer. med. Ass. 1. August — Quittner, Optic atrophy follow. wood alcohol poisoning.
Clevel. med. Journ. November. — AlkohoUsmus: Tuwim, Chron. Alkoh. Arch. f. Psych.
LIV. H. 3. — Crothers, Periodicity of the drink neuroses. Med. Record. 10. Oktober. —
Clausten, E., Delirium tremens (statist. u. klin). Inaug.-Dissert. Kiel. — Hirsch, E. F..
Doppelbrech. Fettsubstanz in d. Nebennieren bei Delirium trera. Journ. of amer. med. Ass.
19. Dez. — Syphilis: Schacherl, Luetikerfamilien. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 521. —
Corbus, Untersuchung des Nervensystems bei ».geheilter Lues“. Journ. of amer. med. Ass.
15. August — White, Bezieh, zw. Luessympt. u. Tabes oder Paral. Ebenda. 8. August. —
Craig, C. B., Cerebr. syph. in the second stage. Medic. Record. 5. Sept. — Rohde, M.,
Kasuistik d. heredit. Hirnsyphilis. Mon. f. Psych. Dezember. — Quensel. Gehirnsyphilis
nach Gehirnerschütterung. Tod durch progr. Paralyse nach 15 Jahren als Unfallsfolge.
Mon. f. Unfallheilk. Nr. 8. — Walter, R., Hirnsyphilis u. Psychose. Zeitschr. f d. ges. Neur.
XXVI. S. 251. — Hesse, Psychose bei Lues cer.-spin. Inaug.-Dissert. Berlin.— Camp. C. D.,
Syndrom d. I'aral. agitans mit Lues cerebrospin. Journ. of nerv. dis. Nr. 8. — Eicke, Sero-
u. Liquordiagnostik bei Syph. Dermat. Zeitschr. November. — Wile and Hinchman, Study
of the spinal Haid; involvement of the nerv, syst in second. syph. Journ. of cutan. dis.
September. — Mitchell, Darling und Newcomb, Zellzählung im Liquor bei unbehandelten
Fällen v. Lues cerebrosp. Journ. of nerv. dis. Nr. 11. — Fordyce, Behandl. d. Lues cerebro¬
spinalis. Journ. of amer. med. Ass. 15. August — Brown, Treatment of cerebro-spin. syph.
Calif. State Journ. Juli. — Jefferson, Ch. W., Cerebro-spin. Syph. treatment. Therap. Gaz.
Angust. — Sachs, Strauss and Kaliski, Treatm. of syph. of the nerv. syst. Amer. Journ. of
med.se. November. — Guari, Neue Meth. der Behandl. d. Syph. d. Nervensyst. Wiener
klin. Woch. Nr. 33. — Schwarz, Parasyphilis u. Beeinfl. der spez. Erkrank, d. Nervensyst.
durch Salvarsan. Deutsche Zeitschr. t. Nervenheilk. LII. H. 3 u. 4. —■ Weygandt, Jakob und
Kafka, Salvarsaninj. ins Zentralnerv. Münchener med. Woch. Nr. 29. — While, Intradurale
Salvarsaninjekt. bei Lues cerebrospin. Journ. of amer. med. Ass. 11. Juli. — Warfield, Intra-
meningeale Neosalv.-Injekt. bei Lues des Zentralnerv. Ebenda. 26. Dez. — Braun, E.,
Liquor u. Salvarsanther. bei Metalues. Inaug -Dissert. Berlin. — Biach, Kerl und Kahler,
Liquor nach Neosalv. Wiener klin. Woch. Nr. 30. — Löwy, R., Neurotrope Wirkung des
Salvarsans. Ebenda. Nr. 32. — Gordon, Komplikat. nach intraduraler Neosalvarsaninjekt.
Journ. of amer. med. Ass. 21. Nov. — Riggs, Ergehn, v. 100 Injektionen v. Salvarsanserum.
Ebenda. 10. Oktober. — StOhmer, Salvarsanserum (III). Münchener med. Woch. Nr- 49. —
Cr owe II and Munroe, Salv.-Ser. bei Lues cer.-spin. Med. Record. 26. Sept. — Ogilvie, Be¬
handlung d. Lues cerebrospin. mit Salvarsanserum. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. —
Pilsbury, Lähmungen nach Behandl. mit Salvarsanserum. Ebenda. 10. Okt —- Byrnes,
Behandlung der Lues cer.-spin. mit intraduralen Hg-Inj. Ebenda. 19. Dez. — Schacherl,
Ambulant. TuberkuÜnbehandl. der syphilogenen Nervenkraukh. Jahrb. f. Psych. XXXV.
H. 1. — Trauma: Benon, Choc, traumat. Rev. de m£d. Nr. 7. — Eulenburg, A., Korf
tinuierl. Schlafzustand nach Kopftrauma. Mediz. Klinik. Nr. 45 u. 46. — Eschweiler. Stark¬
stromverletzung d. akust. Zentren. Arch. f. Ohrenheilk. XCVI. H. 1 bis 2. — Romeik,
Traumat. mot. Aphasie. Inaug.-Dissert. Leipzig. — # Bietti, Traumat. bitempor. Hemianopsie.
Ann. di ottalm. XLIII. H. 3 u. 4. — Harzhecker, Ätiol. der Granatkontusionsverletzungen.
Deutsche med. Woch. Nr. 47. — Lewandowsky, Kriegsverletzungen d. Nervensyst. Berliner
klin. Woch. Nr. 51. — Hotz, Dasselbe. Münchener med. Woch. Nr. 45 u. 46. — v. Haberer,
Schädelverletzungen im Kriege. Wiener klin. Woch. Nr. 49 u. 50. — Erhardt, E., Schädel¬
chirurgie im Felde. Deutsche med. Woch. Nr. 51 u. 52. — Longard, Tangentialschüsse des
Schädels. Ebenda. Nr. 50. — Hancken, Prognose und Behandlung der Schädelschüsse.
Münch, med. Woch. Nr. 51. — Hosemann, Schädeltrauma u. Lumbalpunkt. Deutsche med.
Woch. Nr. 35. — Sollerl, Stichwunden d. Hirns. Arch. f. klin. Chir. CV. H. 1. — Goldmann,
Kolbenschlag geg. d. Hinterhaupt m. Kleinhirnsympt. Wiener med. Woch. Nr. 52. — Froeh-
lich, E., Fall v. Rückenmarksverletz. Berl. klin. Woch. Nr. 45. — Finkelnburg, R., Klinik u.
Anat. d. Schußverl. d. Rückenm. Deutsche med. Woch. Nr. 50. — Guleke, Behandlung d.
Schußverletzungen des Rückenmarks. Münchener med. Woch. Nr. 45. — Hohmann. Nerven¬
verletzungen. Ebenda. Nr. 49. — Hezel, Kriegsverletzungen d. periph. Nervensyst. Mediz.
Klinik. Nr. 45. — Becker, C. f Bemerk, dazu. Ebenda. Nr. 50. — Froehlfch, E., Schußver¬
letzungen der Armnerven. Berliner klin. Woch. Nr. 44. — Cahen, Transplantation bei
Nerven defekten. Deutsche med. Woch. Nr. 43. — Rumpf, Funktion. Nervenerkr. nach Unf.
Klin.-therap. Woch. Nr. 27 ff. — Kronfeld, A., Unfallsneurasth. Vierteljahresschr. f. ger.
Med. Juli. — Kommerell, Traumat. Neur. Samml. klin. Vortr. Nr. 703. — Grand, Dasselbe,
Practit. Juli. — Williams, T. A., Dasselbe. Amer. Journ. of med. sc. Oktober. — Nauber,
Neurosen nach elektr. Unf. Arch. f. Psych. LIV. H. 3. — Billström, Prognose d. traumat.
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
336
Neurosen. Berliner Klinik. Juli. — Mohr, Myos. ossif. träumat. Ärztl. Sachverst.-Ztg.
Nr. 14. — SchOppler, Dasselbe. Münch, med. Woch. Nr. 40. — Oliver, Dasselbe. Journ. of
amer. med. Ass. 24. Okt — Kurtzig, Anhörung von Ärzten in Unfallsachen. Ärztl. Sacbv.-
Ztg. Nr. 18. — Muskelatrophie f MuskeldystropUie: Orbison, Th. J., Myopathy
(8 cas.). Amer. Journ. of med. sc. Oktober. — Skoog, Myatonia congenita. Zeitsch. f. d. ges.
Neurol. XXV11. 11. 3 u. 4. — Climenko, Dystonia muscul. deformans. Med. Record. 12. Dez.
— Faraly*ia agitans: Marburg, O., Pathol. u. Pathogen, d. Paral. agit. Jahrb. f.
Psych. XXXVI. S. 405. — Blüwstein, Epithelkörp. u. Par. agitans. Wiener klin. Rundsch.
Nr. 27. — Wrede, Paralysis agitans post trauma. Inaug.-Dissert. Freiburg. — Vetlesen,
Paral. agit u. Myxödem. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 462. — Oftzen, Psych. Stör,
bei Paral. agit lnaug.-Dissert. Kiel. — Buia, Nukleinotherapie b. d. Parkinson sehen Krankh.
Spitalul. Nr. 6. — Familiäre Krankheiten: Botten, Family amaur. idiocy. Quart
Journ. of med. VII. Nr. 28. — Rosenbloom, Clinic. and metabolism studies in a case of
myotonia cobgen. Arch. of int. Med. August. — Diller and Rosenbloom, Family periodic
paralysis. Ebenda. Dezember. — Dana, Famil. Form v. progr. spin. Myopathie. Journ.
of nerv. dis. Nr. 11. — Kroll und Terenftjew, Hereditäre Ataxie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
XXVI. S. 352. — Williams, E. M., Hereditary Ataxia. Amer. Journ. of med. sc. September.
— Varia: Abrahams, Analyse du nystagmus. Arch. internat de Laryngol. XXXVII.
Nr. 3. — Neumann, H., Nystagmus u. seine klin. Bedeut. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 550.
— Abranovitsch, Störungen d. Gegenrollung d. Auges bei Erkrankung des Ohres. Arch. f.
Ohrenheilk. XCVI. H. 1 bis 2. — Frank, Jos., Fall von Halsrippe mit abnormem Nerven¬
verlauf. Anat. Aoz. XLVll. H. 8. — Mosbacher, Funkt. Stör. i. weibl. Genitale u. Stör,
i. vegetat. Nervensyst. Zeitschr. f. Geburtsh. LXXVI. H. 2. — Lapinski, Metaniere Verteil,
der d. d. Erkr. d. Organe d. kleinen Beckens auftretenden Schmerzen. Arch. f. Psych.
LV. H. 1. — Mo Cord, Bez. d. Zirbeldrüse zu somat. Erkrank. Journ. of amer. med. Ass.
18. Juli. — v. d. Scheer, Nichtpuerperale Osteomalazie, bes. osteomalazische Lähmungen.
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 397. — Rossl, Angeb. Muskelhyperplasie. Deutsche
Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 5 u. 6. — Bergmann-Grunwald, Hemispasmus d. Unterlippe.
Zeitschr. f. Kinderheilk. XI. H. 5 bis 6.
(Schluß folgt.)
VI. Verschiedenes.
Die Vorstandssitzung und Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte
fällt naturgemäß auch in diesem Jahre aus.
Unser verehrter Mitarbeiter Herr Prof. Stransky- Wien ist zum außerordentlichen
Professor ernannt worden.
Von Herrn Prof. Reichardt-Würzburjg wurden wir darauf aufmerksam gemacht, daß
in der Täglichen Randschau (18.11. 1915) eine Abhandlung des Akademikers W. Bechterew
über „Wilhelm 11., ein Degenerat des Nerotypus“ erwähnt wird. Wir kounten uns ein
ausführlicheres Referat der Petrograder Zeitung vom 11. (24.) XII. 1914 verschaffen, aus dem
tatsächlich hervorgeht, daß W. Bechterew in den Birsh. Wedomosti einen solchen Artikel
geschrieben hat, in dem er es nicht verschmäht, unseren Kaiser als eine Persönlichkeit an
der Grenze von Gesundheit und Geisteskrankheit hinzustellen. W. Bechterew verdankt den
größten Teil seiner Entwicklung deutscher Wissenschaft, und es genügt daher wohl, dieses
Elaborat in solcher Zeit den deutschen Nervenärzten zur Kenntnis zu bringen, um sein Ver¬
halten ausreichend zu brandmarken.
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
fflänn, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbx & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
Neurologisches Centr a lblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prot E. Mendel.
Heraasgegeben
TOD
Dr. Kurt Mendel.
Vierunddreißigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Buchhandlungen des In* und Anstandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
19151 16. Mai. Nr. Yö.
Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Die Relationen des Palaeencephalons (Edinger) sind
nicht fix, von A. Marina. 2. Zur Frage der „Myohypertrophia kymoparalytica" H. Oppen-
heim’s, von Hans Curschmann.
II. Referate. Hirnabszeß. 1. A case of brain abscess, by Reynolds. 2. Brain
abscess caused by fusiform bacilli, by Dick and Emge. S. Brain abscess dne to the bacillus
coli communis, by Bernstein. 4. An unusnal case of cerebral abscess, by Renton. 5. Trau¬
matischer Hirnabszeß, von Freund. 6. Hirnabszeß als Folge peripherer Körpereiterung nach
einem Unfall, von Kutzinski. 7. Über einen ungewöhnlich frühzeitigen Fall von akutem
otitischeo Schädellappenabszeß, von Jida. 8 . Ein Beitrag zur Kenntnis der otogenen Schläfen¬
lappenabszesse, von Leidler. 9. Erfahrungen über den otitischen Hirnabszeß, von Maier.
10. Der orbitogene Hirnabszeß und seine Operation, von Elschnig. 11. Der orbitogene Hirn¬
abszeß und seine Operation, von Elschnig. 12. Über den orbitogenen Hirnabszeß, von
Bailaban. 13. Zur Frage der orbitogenen Stirnhirnabszesse, von Margulidz. 14. Zur Ätio¬
logie der rhinogeneu Hirnabszesse, von Helget. 15. Zur Kasuistik der rhinogenen Stirnhirn-
abszesse, von PifVI. 16. Über die okulo* orbitalen, intrakraniellen und zerebralen Kompli¬
kationen nasalen Ursprungs, von Onodi. 17. Zur Kasuistik der Stirnböhleneiterungen mit
intrakraniellen Komplikationen, von Solowiejczyk und Karbowski. 18. Experimentelle Unter¬
suchungen zur Mechanik der intrakraniellen und zerebralen Komplikationen der Stirnhöhlen¬
entzündungen, von Zwillinger. 19. Über die Verwertung des Abderhalden sehen Dialysier-
verfabrens bei intrakraniellen Komplikationen entzündlicher Ohr- und Nasenerkrankungen,
von Zange. 20. Gehirnabszeß nach Zahnerkrankung. Mißerfolg der Leitungsanästhesie?
von Bannes. — Kleinhirn. 21. Ein Beitrag zur Kenntnis der Kleinhirnbahnen beim
Menschen, von Sauer. 22. Contributo sperimentale allo studio delle Localizzazioni cerebellari,
per Greggio. 23. Untersuchungen über die Funktion des Flocculus am Kaninchen, von
Bäräny. 24. Cerebellar Symptoms and cerebellar localization, by Mills and Weisenburg.
25. Der Kleinhirnanteil der Pyramidenbahn (die zerebellare Pyramide), von Schaffer. 26. Gut¬
artige Affektion im Kleinhirnbrückenwinkel, von Woltfir. 27. Cyste of the cerebello-pontine
angle; Operation, with relief of symptoms, by Dana and Eisberg. 28. Zur Symptomatologie
und Pathologie der Kleinhirnzysten, von Alexander. 29. Ein kasuistischer Beitrag zur
Kenntnis von teratoiden Geschwülsten im Kleinhirnbrückenwinkel, von Kato. 30. On the
cerebellar syndrome of Babinski with report of a case, by Marks. 31. The meebanism of
labyrinthine nystagmus and its modifications by lesions in the cerebellum and cerebrum.
by Wilson and Pike. 32. Occlusion of the posterior inferior cerebellar artery, by Glllis.
33. Klinik nnd Pathologie eines atypischen Falles von Verschluß der Art. cerebelli post,
inf., von Haike nnd Lewy. — Kriegsbeobachtungen. 34. Die Hirnphysiologie im Dienste
des Krieges, von Rothmann. 35. Der Krieg und die traumatischen Neurosen, von Oppenheim.
36. Über Streifschüsse an der Schädelkapsel, von Noehte. -—Psychiatrie. 37. La crimi-
nalidad en Buenos Aires 1887 a 1912. Sus causas y remedios, por Lancelotti.
III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 26. Januar und
9. Februar 1915.
IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914. (Schluß.)
XXXIV.
22
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
I. Originalmitteilungen
1. Die Relationen
des Palaeencephalons (Edinger) sind nicht fix.
Von A. Marina (Triest).
Nachdem ich die Serie meiner Arbeiten über das Ganglion ciliare als peri¬
pheres Zentrum des Sphincter iridis und über die Pathologie des Gangl. ciliare
und der Nn. ciliares beim Menschen 1 abgeschlossen hatte, dachte ich bei der
Besprechung des Argyll-Robertsonschen Phänomens, daß das Charakteristische
dabei nicht das Fehlen der Lichtreaktion, sondern das Bestehenbleiben der
Pupillarreaktion bei Konvergenz wäre, und es war daher geboten, nachzuforschen,
weshalb der Sphincter iridis bei der Konvergenz sich kontrahiere.
Da die allgemeinere Ansicht dahin geht, daß dies durch die Kontraktion
der beiden Recti int. bedingt sei, infolge der Mitwirkung eines Konvergenz¬
zentrums, das man in demselben Kern des Oculomotorius vermutet, wie das
Zentrum für die Lichtverengerung der Pupille, machte ich beim Affen, um zu
ersehen, ob dem wirklich so sei, den Versuch, den Rectus internus auszuschalten
und ihn durch den Obliquus sup. und sogar durch den Rectus externus der¬
selben Seite zu ersetzen, wobei im letzten Falle die beiden Recti hinter dem
Bulbus gekreuzt und die gekreuzten Sehnen, ohne jede Läsion derselben oder
der Muskel selbst, an die Sklera befestigt wurden. 2
Alle diese Operationen, auch die letztgenannte, die sehr schwer war, wurden
von dem verstorbenen Okulist Copleb in glänzender Weise ausgeführt und am
anatomischen Block wurde immer der volle operative Erfolg kontrolliert. So sah
man am Präparat mit den gekreuzten Recti, wie die Muskeln ohne Läsionen
freie Bahn hatten; nur das letzte Stück der Sehnen war mit der Sklera durch
2 mm verwachsen.
Über das Resultat will ich mitteilen, daß die Pupillenverengerung bei Kon¬
vergenz, oder besser ausgedrückt bei Einwärtsrollung der Bulbi, mit jedem
transplantierten Muskel zustande kam, so daß damit die Unhaltbarkeit aller bis
dahin aufgestellten Theorien nur Erklärung der Pupillenverengerung bei Kon¬
vergenz bewiesen war, und ich beziehe mich dabei auf meine schon publizierten
Arbeiten, die das Wie und Warum des Zustandekommens des Phänomens zu
erklären versuchen.
1 Mabtna, I. Über multiple Augenmuskellähmuogen usw. Leipzig-Wien, Deutieke,
1890. — II. II neurone del g. ciliare e i centri dci movimenti pupillari. Rivista di pato-
logia nervosa e mentale. Firenze 1898. Deutsch: Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde.
XIV. S. 356. — III. Studio sulla patologia del g. ciliare nell’uou>o. Annali di neurologia.
Napoli 1901. Deutsch: Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XX. S. 869. — IV. Le
ganglion ciliare comme centre pdripherique de la reaction pupillaire ä la lumiere et le ph6-
n<>men d’Argyll-Robertson. La presse medicale. 1910. Nr. 51. 25. Juni.
* Mabina, Ricerebe sperimentali sul restringimento alia convergenza e sui movimenti
latcrali dei bulbi. Annali di neurologia. Napoli 1913. Deutsch: Deutsche Zeitschrift f.
Nervenheilkunde. XXIV. 1905.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
389
Ans jenen Versuchen ging anch noch eine neue Tatsache hervor, daß
nämlich das Versuchstier, sobald es vom Trauma geheilt war, sowohl die Kon¬
vergenz- wie die Seitenbewegungen der Bulbi gerade so gut ausführen konnte,
als ob es seine normalen Muskeln hätte; das war eine neue Beobachtung, der
man doch nachgehen mußte.
In einer neuen, mit den Kollegen ObiiAth und Dakelon gemachten experi¬
mentellen Arbeit 1 ging ich daran, diese Studien zu vervollständigen, indem ich
dabei vom Grundgedanken ausging, nicht mehr den Ramus medialis, sondern
den Lateralis durch einen anderen Muskel zu ersetzen, weil nach Ansicht vieler
Forscher der Abduzenskern es ist, der — sei es direkt oder indirekt — den
Hauptanteil bei den Seitenbewegungen hat. Ich verschloß mich dabei der Not¬
wendigkeit nicht, auch andere Mechanismen und Erscheinungen zu studieren,
die in den allerletzten Jahren durch die wichtigsten Veröffentlichungen Bim-
bchowsky’b und BäbAny’s bekannt wurden.
Der Arbeitsplan war folgender: Transplantation an Affen des rechten
Rectus superior an Stelle des rechten Externus, nachdem die Aktion des
letzteren ausgeschaltet worden war, darauf Untersuchung, wie sich die willkür¬
lichen Seitenbewegungen, die automatische Einstellung, der Nystagmus und die
Seitenbewegungen bei Reizung der kortikalen Zone der betreffenden Zentren
verhalten. Auf diese Weise konnte ich einen vollständigen Überblick über das
Verhalten des ganzen Mechanismus gewinnen, durch alle Leitungsbahnen, die
den Seitenbewegungen der Bulbi vorstehen.
Man fand konstant bei allen Affen, sowohl bei denjenigen, wo die Operation
vollständig gelungen war (Gruppe A), wie bei den zwei Affen, wo infolge unvoll¬
ständig gelungener Operation der Ramus lateralis zwar etwas hinter dem physio¬
logischen Insertionspunkt am Bulbus haftete, aber noch mitwirkte (Gruppe B),
auch wenige Tage nach der Operation, Deviation des rechten Bulbus nach innen,
die nach erfolgter Vernarbung noch weniger hervortrat, da sie leichter wurde,
außerdem beobachtete man bei einem Affen der Gruppe A eine leichte Ab¬
weichung des Bulbus nach unten und bei zwei Tieren (III und VI) eine leichte
Abweichung nach oben.
Bei allen Affen gelangen die willkürlichen und automatischen
Bewegungen, die schon 8 bis 4 Tage nach der Operation angedeutet
waren, nach erfolgter Vernarbung vollständig. Nur bei einem Tiere
erfolgten sie nicht in vollem Umfang, weil infolge wiederholter Zerrung des
M. externus, die in der Absicht, eine Nissl-Degeneration in dem betreffenden
Abduzenskern hervorzurufen, gemacht worden war, eine stärkere Anschwellung
der Bindehaut am Angulus externus aufgetreten war. Bloß bei zwei Affen (V
und VI) beobachtete man auch Spuren von Bewegungen nach oben.
Bei allen Tieren gelang der Drehnystagmus vollkommen normal
nach beiden Seiten hin.
1 A. Mabina, Ü. Oblath, G. Danelou, Studi sperimentali sui movimenti laterali dei
bulbi oculari. Annali di Neurologia. Napoli 1910.
22 *
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
Bei einem Affen der Gruppe B war der galvanische Nystagmus voll¬
ständig normal nach beiden Seiten hin; bei einem Tiere der Gruppe A
beobachtete man dieses Symptom bloß durch einen Augenblick bei Stromunter¬
brechung mit positivem Pole im äußeren Gebörgang; diese spärlichen Beobach¬
tungen über den galvanischen Nystagmus rechtfertigen keine allgemeinen
Folgerungen.
Etwas verwickelt sind die durch die monopolare faradische Reizung der
Kortikalzonen, die als Zentren für die Augenbewegungen bekannt sind, erzielten
Resultate; doch erhielt man auch hier positive Resultate von großer Bedeutung
für das uns beschäftigende Thema.
Bei Reizung linkerseits zwisohen zwei Punkten (a und b\ siehe Figur in
der Originalarbeit), die oberhalb der Stelle liegen, wo der aufsteigende Ast des
Sulcus frontalis arcuatus nach vorn aufsteigt (die dem hinteren Anteil des Gyrus
frontalis superior und Gyrus frontalis medius homologe Stelle), erhielt man bei
drei Affen bloß assoziierte Bewegungen der zwei ßulbi nach rechts.
Bei einem Affen beobachtete man diese Bewegungen bloß bei Reizung des oberen
Punktes (a; siehe Figur in der Originalarbeit), während man von der Umgebung
dieses Punktes aus Divergenzbewegungen der beiden Bulbi und vom unteren
Punkte b aus nur Bewegungen des linken Bulbus nach oben erzielte. Die
Exkursionen des rechten Bulbus waren konstanterweise weniger vollständig als
die des linken.
Bei den zwei Kontrollaffen der Gruppe B traten bei Reizung derselben Stelle
bei einem Tiere bloß assoziierte Bewegungen nach rechts auf, bei dem anderen
bloß Divergenzbewegungen.
Nur bei Reizung des oberen Anteiles des vorderen Astes des
linken Angularis traten Bulbusbewegungen auf. Bei einem Affen er¬
hielt man dissoziierte Bulbusbewegungen, bei einem dritten minimale assoziierte
ßulbu8bewegungen nach rechts, bei einem vierten bloß Divergenz, die am linken
Bulbus deutlicher war. Bei den zwei Kontrollaffen trat einmal bloß Divergenz
der beiden Bulbi und zuweilen Bewegungen nach oben am linken Bulbus auf,
bei dem anderen Tiere fand überhaupt keine Bewegung statt.
Oft stellte sich bei Reizung der frontalen Zone deutliche Devia¬
tion des Kopfes nach rechts ein, und zwar sowohl bei der Gruppe A wie
bei der Gruppe B.
Wenn man nun die beiden Versuchsreihen, die im Jahre 1903 ausgeführte
und die soeben besprochene, vereint, so sieht man, daß verschiedene und viel¬
fache Muskelsubstitutionen vorgenommen worden sind, und daß die Zahl der
Versuchstiere eine nicht geringe war; und jedesmal stellte sich, sobald die
posttraumatischen Symptome verschwunden waren, die willkürlichen assoziierten
Seitwärts- und Konvergenzbewegungen vollständig wieder her. Bei der
zweiten Versuchsreihe konnte man auch die vollständige Wiederherstellung
der automatischen Bewegungen nachweisen und normalen horizontalen Dreh¬
nystagmus.
Was den Reizeffekt der okulär-motorischen Zone in der Rinde anbetrifft,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
341
so bestätigen unsere Experimente vollständig die von Levinson 1 gewonnenen
Resultate, wonach die größere und konstantere Reizbarkeit in der frontalen Zone
zu finden ist.
Über die von uns Vorgefundene geringe und unkonstante Reizbarkeit des
Gyrus angularis, welche sich nur bei Reizen, die auf dem oberen Teil des
vorderen Astes einwirkten, kundgab, über das Fehlen von Augenbewegungen bei
Reizung des Hinterhauptlappens, will ich mich nicht weiter aussprechen, da dies
von verschiedenen Faktoren abhängen kann; übrigens lag der Zweck unserer Arbeit
nicht darin, Experimente anderer Autoren zu kontrollieren, sondern festzustellen,
ob bei Rindenreizung der Bulbus, bei dem an stelle des Ramus extemus der
Ramus superior transplantiert war, assoziierte Seitenbewegungen ausführte und
dies konnten wir ohne jeden Zweifel feststellen. Ja die Resultate
gingen über unsere Erwartungen hinaus, weil wir auch Divergenzbewegungen
der Bulbi beobachten konnten, die eben die seitliche Deviation des rechten
Bulbus erwiesen, wobei die Leistung des Ramus extemus durch jene
des Ramus superior ersetzt war.
Vollständig fehlte die Leistung des Ramus superior als Heber (bloß der
linke Bulbus ging nach oben) und dies ist ganz natürlich; es sei aber erwähnt,
daß der Anteil an der Hebung, den unter physiologischen Verhältnissen der
Obliquus inferior hat, bei Rindenreizung ganz ausblieb; vielleicht fehlt in
der Rinde ein Zentrum für diese Tätigkeit des kleinen Obliquus.
Diese Ergebnisse lehren uns folgendes: Aus der Tatsache, daß die Kon¬
vergenz auch nach der Substitution eines nicht vom Oculomotorius innervierten
Muskels stattfindet, nämlich nach Transplantation des Obliquus superior und
sogar des Rectus externus, geht hervor, daß beim Affen weder ein supra¬
nukleäres, noch ein nukleäres Zentrum für die Konvergenz besteht.
Aus der Tatsache, daß die Seitenbewegungen, sei es mit zwei Intemi, sei
es mit einem Internus und einem Ramus superior, sei es mit zwei Externi zu¬
stande kommt, geht hervor, daß es beim Affen weder ein supranukleäres,
noch ein nukleäres Zentrum für die Seitenbewegungen der Bulbi gibt
Was die Assoziationsbahnen, die den assoziierten Bulbusbewe¬
gungen vorstehen, und die mit ihrer Disposition die assoziierten Bulbus¬
bewegungen bedingen sollen, anbelangt, so ist es klar, daß für diese Bahnen
keine besonderen Assoziationszentren notwendig sind und viele Autoren solche
auch nicht annehmen; hingegen treten fast alle für das Bestehen von Ver¬
bindungen ein, sei es zwischen den zwei Oculomotoriuszentren für die Kon¬
vergenz, sei es, direkt oder indirekt, zwischen dem Abduzenskem und dem Kern
oder den Wurzeln des kontralateralen Oculomotorins für die Seitenbewegungen.
Wenn auch die Resultate meiner Versuche keiner dieser Hypothesen direkt
widerstreiten, so lehren sie uns doch eine viel wichtigere Tatsache, der gegenüber
alle Hypothesen, alle Diskussionen über die Existenz und über die fixe Dis-
* Lbvinsok, Über die Beziehungen der Großhirnrinde beim Affen zu den Bewegungen
des Anges. v. Graefes Archiv f. Ophthalmologie. LXXI. 1909. H. 2.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
342
Position von Verbindungswegen ihren Wert verlieren. Sie lehren ans, daß
die Leitungsbahnen oder die Sohaltzellen, oder was man da immer
för einen Mechanismus annehmen will, keine fixe Funktion haben;
sie können keine fixe Funktion haben, wenn urplötzlich mit einer neuen Funktion
ein Muskel betraut werden kann, der durch das ganze Leben des Tieres und
durch das Leben seiner Voreltern in den früheren Generationen, durch tausende
von Jahrhunderten, immer eine andere Funktion hatte.
Doch muß man in den Folgerungen weiter gehen. Wir haben gelernt, daß
die verschiedenen Kerne untereinander durch anatomische Bahnen vereint sind,
von denen einige, wie diejenigen, welche einen Teil der Oculomotoriuskerne der
beiden Seiten miteinander vereinigen, sichergestellt sind; wir haben gelernt, daß
durch das hintere Längsbündel Nervenfasern ziehen, die die verschiedenen
okulären Zentren miteinander verbinden und bei bestimmten Läsionen degenerieren;
daß es Nervenfasern gibt, die vom Deitersschen Kern zum Abduzenskern und
den anderen okulären Kernen ziehen —, es entsteht da die Frage: Wenn die
funktionellen Bahnen für die Augenbewegungen bei den Affen nicht fix sind,
können es die anatomischen Bahnen sein?
Nein; denn wir können uns die Funktion der Leistungsfähigkeit nur an
anatomische Bahnen gebunden vorstellen, sonst hätten ja diese keine Existenz*
berechtigung, und so erhält diese ganze Frage, die zunächst nur um die Inner*
vation der Augenmuskeln sich drehte, eine viel größere und weitgehendere
Bedeutung, die nämlich, daß die anatomischen Assoziationsbahnen
für die Zentren der Augenmuskeln nicht fix sind; dieser Satz stößt
tief eingewurzelte Überzeugungen vollständig um, die die Frucht langer und
mühsamer Untersuchungen waren, und macht die bis jetzt geführte Diskussion
über den Mechanismus und über die Bahnen, die die verschiedenen okulären
Zentren miteinander verbinden, müßig.
Jn einer zuletzt erschienenen Veröffentlichung 1 legte ich diese Forschungs¬
ergebnisse dar, stellte sie den Theorien über die assoziierten Bulbusbewegungen
gegenüber, die ich im ersten Teil der Arbeit synthetisch zusammengestellt hatte,
und diskutierte eventuelle Einwände.
In einem Referate von 0. Rossi * wurden in der allerletzten Zeit einige
Bedenken geäußert; er behauptete nämlich, man könne die Möglichkeit einer
Neubildung von regenerierten Fasern vom geschnittenen Muskel aus und Ein¬
dringen derselben in den transplantierten Muskel nicht ausschließen. Dem hielt
ich entgegen, daß es einerseits dooh absonderlich wäre, daß bei jedem Versuch
konstanterweise in der ganz kurzen Zeit der Vernarbung dies eingetreten wäre
und stets mit dem kompletten Erfolg einer vollständig wiederhergestellten
Funktion; daß andererseits der erwähnte Versuch einer einfachen Kreuzung des
1 A. Marina, Le teorie sal mecanismo dei movimenti associati etc. Policlinico. 1911.
Nr. 1 . — Deutsch: Die Theorien Ober den Mechanismus der assoziierten Konvergenz- and
Seitwärtsbewegungen, studiert auf Grundlage experimenteller Forschungsergebnisse mittels
Augenmuskeltransplantationen an Affen. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. XL1V. 1912.
* Kivista di patologia nervosa e mentale. Firenze 1914. Nr. 4. S. 226.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
343
Rectus internus und externus, wobei an Stelle der einen die andere Sehne ge¬
näht wurde, also ohne Muskelschnitte und Muskelläsionen dem Einwurf den
Boden vollständig entzieht
* In meiner letzten, früher zitierten Veröffentlichung befleißigte ich mich
nicht zu verallgemeinern und in erster Linie nicht die infolge experimenteller
Ergebnisse bei Affen gemachten Deduktionen auf den Menschen zu übertragen.
Da jedoch in der letzten Zeit bei Menschen und Affen vielfach Transplantationen
nicht nur von Muskeln, sondern auch von Nerven vorgenommen wurden, sehe
ich mich veranlaßt, die mir bisher auferlegte Zurückhaltung aufzugeben.
Waren schon die Erfolge der Muskeltransplantationen bei Kinderlähmung
frappierend, so implantierte vor kurzem Mabaoliano in einem Falle von voll¬
ständiger Lähmnng eines Beines einen Ast des N. cruralis des anderen Beines in
den Cruralis der verletzten Seite.
Katzenstein 1 ging noch weiter: „Bei einem Affen wurde durch Durch¬
schneidung der vorderen Wurzeln am Halsmark eine Lähmung des Armes, wie
bei der Kinderlähmung, erzeugt und dann von der gesunden Seite ein Nerv in
den Plexus des gelähmten Armes verpflanzt... Auch bei den verschiedenen
Operierten konnte die Neubildung der verschiedensten Nervenzweige des ge¬
pfropften Plexus nachgewiesen werden... Es wachsen vom Plexns einer ge¬
lähmten Extremität aus neue, überpflanzte Nervenfasern in die verschiedenen
Nerven, die vom Plexus ausgehen, ein. Bei Lähmung des Armes wurde einmal
der N. supraclavicularis und zweimal der Ramus descend. hypoglossi der ge¬
sunden Seite hinter den Gefäßen zwischen Oesophagus und Wirbelsäule auf die
kranke Seite gebracht und in den Plexus brachialis der gelähmten Seite ein¬
genäht Am gelähmten Bein wurde der N. obturatorius der gesunden Seite mit
seinen sämtlichen Endzweigungen durchschnitten, retroperitoneal auf die kranke
Seite herübergebraoht und hier in den Plexus lumbosaoralis eingenäht.“
Es erweitert sich, wie man siebt, das Gebiet und greift von den Muskeln
zu den Nerven über. Doch haben alle Operateure ihre Aufmerksamkeit auf die
Peripherie konzentriert und keiner dachte an das Zentrum.
Warum stellt sich die Funktion vollständig und partiell wieder her? Man
fand die Antwort in einem Worte: „Anpassung“, man dachte aber nicht daran,
daß Anpassung das Nichtfixsein der Relationen zwischen den Zentren voraus¬
setzt, und gab sieb mit der Annahme zufrieden, daß sioh langsam, mit der
Übung, neue Wege ausbildeten.
Es ist dies an sich möglich, aber ich hebe die Bedeutung meiner Experi¬
mente hervor, die dartnn, wie die Anpassung sofort eintreten kann bei den
Bulbusbewegungen, wo nämlich der Innervationsmechanismus einfacher ist, wo
man das Wachsen der Nerven und Muskelbündel oder Sehnen für die Wieder¬
herstellung der Funktion nicht abzuwarten braucht. Diese Transplantations¬
versuche beim Menschen und die Transplantationen von der einen Seite auf die
1 Katzbnstbin, Demonstration zur Plexuspfropfung bei spinalen Kinderlähmungen der
Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Berlin April 1914. Münchener med. Wochenschrift.
1914. Nr. 22. S. 1254,
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
344
andere bei Affen sind ebensoviele Bestätigungen meiner experimentellen
Resultate.
Ich wies noch auf eine andere Tatsache hin, die über die wechselseitigen
Relationen der Okularzentren zueinander noch hinausgeht, nämlich das voll¬
ständig normale Gelingen des rotatorischen Nystagmus. Hier kommen
Relationen in Betracht, die das System des Deiterssohen Kernes betreffen, das,
außer mit den Augenmuskeln, noch mit dem Vestibulum, dem Kleinhirn, dem
Rückenmark in Verbindung steht Ja noch mehr.
Robenfeld 1 fand bei Pseudobulbärparalyse neben dem starken vestibulären
Augennystagmus einen Kopfhystagmus von ganz besonderer Intensität und ferner
rhythmische Zuckungen in einem Fazialisast, welche synchron mit dem Augen¬
nystagmus und Kopfhystagmus verliefen und daher als Fazialisnystagmus be¬
zeichnet werden konnten.
Die Relationen des Deitersschen Kernes reichen also über die Okularzentren
hinaus, obwohl sie bloß in bestimmten Fällen zutage treten. Das Niohtfixsein
der verschiedenen Relationen des Palaeenzephalon, das durch meine Versuche
erwiesen wurde, erstreckt sich vielleicht auf verschiedenartige Funktionen, auch
wenn man von der Wiederherstellung der Sensibilität in bestimmten Fällen
zentraler Läsionen absieht, die durch andere Verbindungsbahnen, welche in
Aktion treten, bedingt sein könnte.
Die experimentellen Resultate an Affen verflechten sich also in diesem Ge¬
biete mit den Ergebnissen am Menschen und ergänzen sie. Es ist dies auch nur
zu natürlich. Es ist ja von vornherein unwahrscheinlich, daß in einer so funda¬
mentalen Frage, wie es jene über das Fix- und Nichtfixsein der Relationen des
Palaeenzephalon ist, ein durchgreifender Unterschied zwischen Affen und Menschen
bestehen könne, und man muß zu dem Schluß kommen, daß wahrscheinlich auch
beim Menschen die Relationen daselbst nicht fix sind, ebenso wie die Relationen
zwischen den verschiedenen Bewegungszentren des Rückenmarks beim Menschen
nicht fix sind, wie aus den Muskel- und Nerventransplantationen hervorgeht.
Damit fällt eine für unerschütterlich gehaltene Grundlage unseres theo¬
retischen Gebäudes, das uns eine Reihe fundamentaler Erscheinungen im Bereich
der nervösen Funktionen begreiflich machen und erklären sollte, in sich zu¬
sammen. Man muß sich mit der Annahme zurecht finden, daß anatomische
Wege, die als fix gelten, aufgelassen werden gegen neue, schon bestehende und
nicht erst allmählich sich ausbildende Wege, und zwar automatisch, ohne Mit¬
wirkung des Bewußtseins und des Willens, auf Grundlage eines Mechanismus,
der sein Endziel nicht kennt und der von den an der Peripherie aufgetretenen
Veränderungen nichts erfährt. Es drängt sich uns daher wohl auch die Frage
auf, ob es denn anatomische Bahnen für die Relationen in dem Sinne, wie man
sie gewöhnlich annimmt, wirklich gibt
Wenn man schon die Frage aufrollt, so muß man sie bis zu den letzten
logischen Schlußfolgerungen durchführen. Wenn die Relationen des Palae-
1 Rosenfeld, Über vestibulären Kopfnystagmus und F&zi&lisnystagmns bei Pseudo¬
bulbärparalyse. Archiv f. Psycb. u. Neurol. JjIII. 1914. H. 3.
Digitized b)
Google
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN ^
— 345
enzephalon nicht fix sind, können es die Assoziationen des Neoenzephalon sein?
Erst recht nicht, denn diese haben als die zuletzt ausgebildeten noch weniger
Anrecht auf einen fixen Sitz; man kann gar nicht annehmen, daß die uralten
Relationen des Stammhirns nicht fix, seien und daß dagegen die neueren Asso¬
ziationen der Hemisphären fix seien.
Damit wird aber der ganzen Hirnphysiologie der Boden entzogen und sie
muß vollständig umgearbeitet werden, da der wichtigste Teil der Hirnfunktionen
durch die Assoziationen gegeben ist: durch jene für die willkürlichen Bewegungen,
für die sensoriellen Funktionen, für die Sprache, für die psychischen Funktionen.
Es können vielleicht viele der sich widersprechenden Tatsachen in der Frage
des Sprachmechanismus und dessen Störungen in dem Nichtfixsein der Asso¬
ziationen ihre Erklärung finden, und es ist nicht vorauszusehen, welch neue
Ausblicke diese Tatsache, die durch meine Experimente zutage gefördert wurde,
uns eröffnen kann.
Ich betone auch hier, wie in den anderen Arbeiten, daß ich dabei immer
die Assoziationen und die Relationen im Auge habe, nicht die Projektionen; an
dem fixen anatomischen und funktionellen Bestehen der letzteren wird durch meine
Versuche in keiner Weise gerüttelt; dagegen erscheinen die fundamentalen Grund¬
sätze der verschiedenen Verbindungen erschüttert, und damit ist schon viel gesagt.
Nicht nur ich allein, sondern alle Kollegen, die bei den Versuchen zugegen
waren und am anatomischen Block das Gelungensein der Operationen ersehen
konnten, sind von der Exaktheit derselben überzeugt und hegen nicht den
mindesten Zweifel daran. Doch ist die Sache von zu großer Bedeutung, als daß
man sich auf eine Gruppe von Experimentatoren verlassen könnte, und daher
sind mir Kontrolluntersuchungen erwünscht.
Der operative Eingriff einer totalen Augenmuskeltransplantation hat für
einen Augenarzt, der ein geschickter Operateur ist, keine Schwierigkeiten, und
das Versuchstier kann dann auch noch für andere Experimente gebraucht werden.
Vielleicht wird es einem Kollegen glücken, das Experiment beim Menschen zu
machen, z. B. bei einem Amaurotiker, was weder mir noch dem Augenarzt
Dr. Oblath gegönnt war, um nachzusehen, ob meine Beobachtungen am Affen
auch beim Menschen sich wiederholen; man darf keine Mühe scheuen, wenn
man den Schleier, der das Unbekannte dicht umhüllt, etwas lüften will, und
beim Studium der biologischen Erscheinungen sind Kontrolluntersuchungen not¬
wendig; ich erhoffe und wünsche sie mir.
Wenn dann aber, wie es meine Überzeugung ist, die Untersuchungen
anderer Forscher die von mir dargelegten Tatsachen bestätigen werden, wird
man notwendig zu den logischen Schlußfolgerungen kommen müssen, die sich
aus ihnen ergeben; man wird vor den Schlußfolgerungen nicht zurückschrecken,
sondern man wird sich mit ihnen befassen müssen, denn wenn man sie auch
durch eine kurze Zeit wird ignorieren können, so werden sie endlich doch zur
Geltung kommen müssen.
Es ist ein unnützes Werk, auf Grundlagen aufzubauen, die einstürzen; weiß
man dies aber, so muß man die Grundlagen selbst wieder umbauen.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
346
2. Zur Frage der
„Myohypertrophia kymoparalytica“ H. Oppenheira’s.
Von Hans Cursohmann in Mainz.
H. Oppenheim bat vor kurzem au dieser Stelle über ein interessantes Krank¬
heitsbild berichtet, 1 das er als „Myohypertrophia kymoparalytica“ bezeichnet
Es bandelte sich um eine neuropathische Patientin, bei der sich chronisch und
progressiv Lähmungserscheinungen im rechten Arm, Krämpfe in demselben und
Hypertrophie der Muskeln, besonders des Oberarms, eingestellt hatten. Die
Hypertrophie, die — von 0. konstatierte — Myokymie und die Crampi sind
an den Beugern am stärksten entwickelt; die Parese betrifft zwar auch diese
Muskulatur, erreicht aber ihren höchsten Grad, nämlich den der (schlaffen)
Lähmung in den Extensores carpi, im Extens. digit. commun. und in den langen
Daumenmuskeln (also denjenigen Muskeln des N. radialis, die von der Blei¬
lähmung am häufigsten betroffen werden). Keine Entartungsreaktion der pare-
tischen Muskeln, keine sensiblen Störungen, aber Verlust der Sehnenreflexe an
dem betreffenden Arm.
Oppenheim kommt nach Besprechung und berechtigter Kritik der bisherigen
Literatur der Muskelhypertrophien und der Myokymie zu dem Schluß, daß, wenn
auch einzelne dem obigen ähnliche, wenn auch nicht komplette Fälle beobachtet
zu sein scheinen (Kombinationen von Muskelhypertrophie mit Schwäche, Hyper¬
trophie mit Crampi usw.), der beobachtete Fall doch ein ihm neuartiges Krank¬
heitsbild darstelle.
Da der gerade um die Symptomatologie so hochverdiente Autor eine nicht
geringe und seiner Ansicht nach wahrscheinlich die Kasuistik erschöpfende Reihe
von Literaturangaben macht, unter denen ich meinen Namen nicht finde, so
möchte ich ihn darauf aufmerksam machen, daß ioh bereits 1905 Fälle be¬
schrieben habe, 1 die dem seinigen symptomatologisch so nahe stehen, wie keine
anderen der von ihm zitierten. Denn sie vereinigten an einer Extremität
echte Muskelhypertrophie, Crampi und Lähmung. In einem ganz ana¬
logen 3. Fall (nicht publiziert) trat hierzu noch fibrilläres und grobes fas¬
zikuläres Muskelwogen.
Während die Fälle im Nebeneinander der Symptome den OppENHMM’schen
anscheinend sehr ähnlich waren, entsprach die pathogenetische Deutung,
die ich meinen Fällen geben zu müssen glaubte, nicht derjenigen, die wir in
der Arbeit O.’s finden. Ich faßte die Muskelhypertrophie als Folge von exzessiv
heftigen Crampis und diese motorische Reizerscheinung als — meiner Erfahrung
nach gar nicht so seltene — Folge einer toxischen Polyneuritis auf.
Daß die letztere Annahme wohlbegründet war, dafür spraohen außer den
klassischen Zeichen der Neuritis der schlaffen, sehnenreflexlosen Lähmung mit
partieller Entartungsreaktion (angedeutet) und Sensibilitätsstörungen auch die
1 Nenrolog. Centralbl. 1914. S. 1106 u. f.
* Münchener med. Wocbensehr. 1905, Nr. 34.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Anamnesen und Befunde bezüglich der Intoxikation: Fall I war schwerer
Potator (Bier, Wein, Most, Schnaps), hatte eine Peroneusparese und Fall II
betraf eine Tabakarbeiterin, die neben ihren neuritischen Symptomen eine (von
spezialistischer Seite diagnostizierte) Tabaksamblyopie aufwies.
Die Hypertrophie betraf im Fall I die rechte Wadenmuskulatur, im Fall II
beide M. tibiales antic., in beiden Fällen diejenigen Muskeln, die tagtäglich
schwersten Crampis ausgesetzt waren. Die Parese war — auffallenderweise —
in beiden Fällen in den Antagonisten dieser hypertrophischen Muskeln
lokalisiert, im Fall 1 in den Muskeln des Peroneusgebiets, im Fall II u. a. auch
in den Wadenmuskeln. Die Tatsache der echten Hypertrophie des Muskels
war durch seine normale (nicht verminderte, aber auch nicht gesteigerte) Kraft
und seine elektrische Reaktion, bei der eine Steigerung der direkten galvanischen
Reizbarkeit auffiel, zu erweisen.
In dem 3. Falle, den ich 1907 beobachtete (seitdem habe ich keinen gleich¬
artigen mehr gesehen!), war das Symptomenbild annähernd dasselbe, wie im
Fall II:
Bei einer etwa öOjähr. chronischen Alkoholiatin mit erheblicher Adipositas,
die außerdem als Wäscherin viel im Nassen stand, entwickelten sich die Zeichen
der linksseitigen Ischias mit heftigen Schmerzen, Hypästhesie und schließlich äußerst
hartnäckigen täglichen Crampis des Unterschenkels, die den Fuß und die Zehen
dorBalwärts beugten. Gb entwickelte sich eine hochgradige einseitige
Hypertrophie des M. tibialis anticus und des M. extensor digitorum;
die M. peronei waren links ebenfalls etwas umfangreicher als rechts, wenn auch
nicht so erheblich wie die eben genannten Muskeln. Die Wadenmuskeln und ein
Teil der Beuger des Knies waren deutlich paretiBoh und zeigten quantitativ
herabgesetzte elektrische Reaktionsfähigkeit, keine sichere Entartungsreaktion.
Sensible Störungen am äußeren Fußrand. Fehlen des Achillessebnenreflexes (bei
leicht erhöhtem Patellarreflexe).
Der N. isohiadicus war auf Druck schmerzhaft, das Ischiasphänomen positiv.
Bei Abkühlung des Beins traten besonders in sämtlichen Muskeln des Unter¬
schenkels fibrilläre und faszikuläre Zuckungen auf, in den paretischen Muskeln
allerdings viel stärker als in den hypertrophischen.
Auch in diesem Falle finden wir, wie schon bemerkt, das von Oppenheim
beschriebene Syndrom Mnskelhypertropbie, Crampi und Parese, dazu fibrillär¬
faszikuläre Zuckungen, die ich allerdings nicht als typische „Myokymie“ an¬
sprechen möchte.
Man sieht, der Symptomenkomplex meiner Fälle ist dem der Oppen-
HEiM’schen recht ähnliob, nur in der pathogenetischen Deutung bin ich, wie man
mir bezüglich meiner Fälle Recht geben wird, andere Wege gegangen.
Ich betone dies deshalb, weil es ex analogia nahe liegen kann, auch in dem
OppENHEm’schen Fall die rein myopathische Genese des Leidens für nicht
ganz so sicher zu halten, als es der Autor tut. Ich mache nur darauf auf¬
merksam, daß auch im OppENHEiM’schen Fall sich die Paresen auf ein be¬
stimmtes Nerven gebiet, zufällig genau dasselbe, das von der typischen Blei¬
lähmung befallen wird, nämlich die Extensoren am Unterarm, beschränkte, daß
die paretischen Muskeln quantitativ herabgesetzte elektrische Reaktion zeigten
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
and daß die Sehnenreflexe an dem betreffenden Arm fehlten; sensible Störungen
im Bereich des N. radialis fehlten allerdings, ebenfalls genau wie bei der Blei¬
neuritis.
Weitere Argumente dafür, daß der von mir und nun auch von Oppenheim
geschilderte Symptomenkomplex Hypertrophie, Crampi und Parese auch auf
eine neuritische Ursache zurückgeführt werden kann, sehe ich in dem von
mir schon zitierten Falle Bbesslbb’s, der nach einer „unvollkommen geheilten“
Ischias Crampi und auch von Bb. als sekundär aufgefaßte Hypertrophie der
krampfenden Muskeln erlebte.
Daß auch in den bekannten ScHDLTzs’schen Fällen Muskelhypertrophien
nach Crampis (Ulnarisgebiet und M. tensor fase, lat.) die Annahme einer neu*
ritischen Genese des Leidens sehr nahe lag, habe ich schon anläßlich meiner
ersten Publikation aus dem Fehlen beider Achillessehnenreflexe und
eines Patellarreflexes in dem einen Fall geschlossen. Ich möchte also auch bei
den ScHULTZE’schen Fällen die primären Crampi als das Produkt eines neu-
ritischen Prozesses ansehen.
Wie sehr toxische Neuritis zu Crampis disponiert, ist ja eine aus den
Wadenkrämpfen der Alkoholiker (mit dem stereotypen Verlust der Achillessehnen¬
reflexe) bekannte Erscheinung; Steinebt hat außerdem nichttetanische
Mnskelcrampi bei Bleikranken gesehen, ich konnte seine Erfahrung durchaus
bestätigen.
Oppenheim stellt in der Besprechung seines Falles die Muskelhypertrophie
und die Crampi so nebeneinander, daß man annehmen muß, daß er beide für
koordinierte Symptome hält und die kausale Abhängigkeit der ersteren von
den letzteren verneint Er spricht dies auch bei Besprechung der bekannten
Fb. ScHULTZE’schen Fälle direkt aus.
Demgegenüber haben Fb. Schultze, Bbessleb und auch ich in den be¬
reits erwähnten Fällen die Hypertrophie als eine direkte Folge der Crampi
aufgefaßt.
Ich möchte auch jetzt an dieser Auffassung festhalten und glaube, daß sie
durch meine Fälle hinreichend gestützt wird: denn in beiden Fällen hatten
notorisch die Muskelkrämpfe etwa s / 4 bzw. 3 Jahre bestanden, bis die Patienten
(deren Aufmerksamkeit auf ihre Beine durch die Schmerzen und Lähmungs¬
erscheinungen doch gewiß beständig gelenkt wurde) die Muskelhypertrophien be¬
merkten; genau so im 3. Fall: auoh hier lag über 1 Jahr zwischen dem Auf¬
treten der Crampi und der Ausbildung der Hypertrophie.
Abgesehen von diesem Umstand, ist auch die Tatsache, daß die Hyper¬
trophie stets genau das vom Crampus ergriffene Muskelgebiet befiel und nicht
darüber hinausging, im Sinne eines kausalen Zusammenhangs beider zu ver¬
werten.
Der Einwand Oppenheim’s, daß einfache Spasmen wohl kaum Hypertrophie¬
erzeugend wirken könnten, denn „wir müßten dann die Erscheinung weit häufiger
sehen“, ist gewiß berechtigt. Zwischen der Wirkung maximaler, tetanischer
Muskelkontraktionen von jahrelanger Dauer und täglich, oft stündlicher Wieder-
Digitized by
Gck igle
Original fram
UNIVERSETY OF MICHIGAN
349
holung und derjenigen einfacher Spasmen, ist aber doch ein so starker gradueller
Unterschied, daß wir uns wohl vorstellen können, daß die ersteren einen erheb¬
lichen nutritiven Reiz auf den Muskel abgeben können, der den letzteren nicht
eigen ist.
Wie sehr die Ausbildung der Muskelhypertrophien vom Grade der Hyper-
kinese abhängig ist, sehen wir auch bei anderen mit Hypertrophie einhergehenden
„Myopathien“, z. B. bei der Myotonie. Die oft gewaltige, athetische Ausbildung
der Muskulatur treffen wir fast nur bei der THOMSEN'schen Form des Leidens,
dem ohne Dystrophien einhergehenden Typus, der erfahrungsgemäß eine außer¬
ordentlich starke Ausbildung des Myotonus bei der aktiven Bewegung zeigt.
Bei der dystrophischen (atrophischen) Form der Myotonie (H. Steinrbt u. a.)
ist nun nach meinen Erfahrungen die Hyperkinese weit weniger entwickelt, der
myotonische Widerstand wird viel rascher überwunden. Es fehlen deshalb hier —
auch in Muskelgebieten, die reine Myotonie und keine Spur von Atrophie zeigen
— Hypertrophien der myotonischen Muskeln.
II. Referate.
Hirnabszeß.
1) A oase of brain absoess, by C. E. Reynolds. (Journ. of the Amer. med.
A8soc. LXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles von Hirnabszeß bei einem 46jährigen Manne. Er¬
krankung mit Erbrechen und Kopfschmerzen. Unfähigkeit die rechten Worte zu
finden. Wurde zuerst für Neurasthenie gehalten. Nach einigen Tagen Parese
des rechten Armes, Steigerung der rechtsseitigen Sehnen- und Bauchreflexe, was
auf eine Hirnthrombose hinwies. Erst nach 8 Tagen machte sich eine Neuritis
optica bemerkbar; die Schmerzen wurden jetzt deutlich auf der linken Kopfseite
lokalisiert. Nunmehr wurde sofort operiert und es gelang, in der Region des
linken Linsenkerns zwei Abszesse aufzufinden und zu entleeren. Nach einer
vorübergehenden bedeutenden Besserung kam der Patient am 13. Tage nach der
Operation zum Exitus. Bei der Obduktion fanden sich zwei Abszeßhöhlen in der
weißen Substanz der Gyri angularis und parietalis, sowie noch ein dritter Abszeß
im linken Thalamus opticus, der offenbar den Tod verursacht hatte. Als Erreger
wurden Pfeiffersche Influenzabazillen und Staphylococcus aureus gefunden. Verf.
weist auf die Wichtigkeit frühzeitiger Explorativoperationen hin.
2) Brain abaoess oaused by fusiform baoilli, by G. F. Dick and L. A. Emge.
(Joum. of the Amer. med. Assoo. LXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch.
Bericht eines Falles von Hirnabszeß, der im Gefolge eines Temporosphenoidal-
abszesses aufgetreten war und zum Exitus führte. Bemerkenswert ist an diesem
Falle, daß sich au9 dem Abszeßeiter eine Reinkultur von fusiformen Bazillen
züchten ließ. Dieser Befund spricht sehr dafür, daß die fusiformen Bazillen selbst
die Ursache des Abszesses bilden und nicht lediglich als nachträglich eingewanderte
Saprophyten in einem durch Streptokokken verursachten Abszeß aufzufassen sind,
obwohl man sie häufig mit letzteren kombiniert finden kann.
3) Brain abaoeas due to the baoillus ooli oommunis, by E. P. Bernstein.
(Medic. Record. LXXXV. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles von Hirnabszeß im linken Temporallappen. Gleich¬
zeitig fand sich eine Otitis media purulenta. In beiden Herden ließ sich der
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
350
Colibacillus als Erreger naohweisen. Da zwischen beiden Herden völlig intakte
Oewebsscbichten lagen und traumatische Infektion ausgeschlossen werden konnte,
so muß angenommen werden, daß hier die Übertragung auf dem Lymphwege vom
Mittelohr direkt zum Gehirn stattgefunden hat.
4) An unusual oase of cerebral absceas, by Harrold Ren ton. (Lancet.
1913. 27. September.) Ref.: E. Lehmann (Oeynhausen).
Eine 41jährige Patientin, welche angeblich vor einer Woche an Influenza
erkrankt war, wurde in komatösem Zustand aufgenommen.
Es bestand linksseitige Fazialisparalyse, leichte Parese der linken Extremi¬
täten, träge Reaktion der Pupillen auf Lichteinfall; Augenhintergrund normal,
kein Strabismus. Temperatur 38,5° C.
Man stellte die Diagnose auf Blutung in der rechten Gehirnhälfte.
Nach 2 Tagen wurde Patientin völlig bewußtlos, es stellt sich Pupillen¬
differenz ein (1. < r.); das Fieber nahm einen remittierenden, hektischen Charakter
an. Lungen ohne pathologischen Befund.
Es wurde jetzt eine eitrige Gehirnaffektion diagnostiziert, deren Natur und
Sitz nicht zu bestimmen. Die Untersuchung der Ohren und der Nase ergab
nichts Besonderes.
Kurz vor dem Tode hatte sich nach Angabe der Wärterin aus dem Munde
der Patientin eine übelriechende grünliche Masse entleert. Woher letztere in den
Mund gekommen, konnte nicht festgestellt werden.
Bei der Obduktion fand sich im linken Schläfenlappen ein großer abgekapselter
Abszeß. Die Abszeßhöhle war nur zum Teil gefüllt, und zwar mit derselben
Masse, welohe Patientin kurz vor dem Tode aus dem Munde entleert hatte.
Nach unten kommunizierte der Abszeß mit dem linken Mittelohr durch die
Pars petrosa des Schläfenbeins. Das linke Ohr und Schläfenbein intakt. Die
rechte motorische Region zeigte ausgesprochene Symptome eitriger Meningitis,
während die linke Hirnrinde intakt war. An der Gehirnbasis geringe ExBudat-
massen, aber kein Eiter.
Der mitgeteilte Fall interessiert zunächst dadurch, daß, während die dem
Abszeß benachbarte linke Gehirnhälfte intakt geblieben war, die gegenüberliegende
rechte Gehimregion durch Infektion meningitisch erkrankt war, obwohl die Gehirn¬
basis nur wenig affiziert wurde. Sodann ist der Weg, durch den der Abszeß
sich entleerte, ungewöhnlich. Anstatt durch den äußeren Gehörgang, soheint der
Eiter durch die Tuba Eustachii sich entleert zu haben.
5) Traumatischer Himabszeß, von C. S. Freund. (Berliner klin. Wochenschr.
1914. Nr. 50.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Nach Auffallen eines faustgroßen Steines bei einer Kletterpartie keine Com-
motio cerebri, nur in der folgenden Nacht unruhiger Schlaf. Am nächsten Tage
erneute Gebirgswanderung und erst am Abend Schließung der klaffenden Wunde.
2 Tage danach beginnende Symptome eines traumatischen Hirnabszesses, der trotz
Operation zum Exitus führte. Die Sektion ergab umfangreiche eitrige Ein¬
schmelzung der Hirnsubstanz im hinteren Abschnitt des rechten Scheitellappens
und von da aus senkrecht bis an die Hirnbasis und in den Schläfenlappen. Fast
vollständige ödematöse Erweichung der rechten Gehirnhälfte, im Stirnteil be¬
ginnend, nach dem Scheitellappen sich allmählich verstärkend und schließlich eine
gelbliche Farbe einnehmend.
6) Hirnabszeß % als Folge peripherer Körpereiterung nach einem Unfall,
von Dr. A. Kutzinski. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914.
H. 4.) Ref.: Br atz (Dalldorf).
Nach einer eiternden Unfallsverletzung des linken Fingers trat ein Abszeß
des Stirnlappens auf. Klinisch waren die Erscheinungen die, daß sich bei einem
59jährigen Manne, der eine Fingereiterung hatte, Zeichen einer nervösen Er-
Digitized by Google
Original fro-m
UMIVERSITY QLY '„H
351
krankung erstellten. Im Vordergrund standen zunächst psychische Symptome,
die Schwerfälligkeit in der Unterhaltung und Gedächtnisschwäche, dazu kamen
Kopfschmerzen und Schwindelgefiihl. Ein Anfall, der 2 Monate nach dem Unfall
auftrat, legte, da die Augenuntersuchung negativ ausfiel, die Annahme nahe, daß
es sich um einen arteriosklerotischen Prozeß handelte. Es wurde daraufhin auch
ein Zusammenhang zwischen Unfall und den vorhandenen Symptomen zunächst
nicht angenommen. Die Sektion zeigte, daß eine Arteriosklerose der Hirngefäße
nicht vorlag.
Epikritisch kann man sagen, daß die unbestimmten Allgemeinsymptome, wie
Kopfschmerzen, Schwindel, die psychischen Störungen und die Erschwerung der
Sprache, mit dem Sitz des Herdes im linken Stirnlappen in Einklang zu bringen
sind. Die Lokalisation im Stirnlappen pflegt meist bei rhinogenen Abszessen
vorhanden zu sein; die Obduktion hat aber gezeigt, daß hier eine derartige
Ursache nicht vorliegt.
Als Ursache des Abszesses dürfte vielmehr zweifellos die Fingereiterung an¬
zusprechen sein.
7) Über einen ungewöhnlich frühzeitigen Fall von akutem otitisohen
Sohftdellappenabszeß, von S. Jida. (Inaugural-Dissertation. Gießen 1914.)
Ref.: K. Boas.
Verf. beschreibt einen Fall bei einem 8jährigen Knaben, bei dem am 5. Tag
nach Beginn der Ohrenerkrankung ein Extraduralabszeß durch Operation frei¬
gelegt und schon nach 2 Tagen später ein Schläfenlappenabszeß manifest wurde.
Anfänglich konnte der extradurale Abszeß nicht diagnostiziert werden. Erst nach
der Antrumoperation wurde der vorhandene extradurale Abszeß konstatiert und
erst 2 Tage nach der Operation zeigte der Patient eine amnestische Aphasie,
welche die Annahme eines Schläfenlappenabszesses ermöglichte. Nach der Statistik
Schmiegelows kommt die Aphasie noch nicht bei der Hälfte aller Fälle von
otitischem Schläfenlappenabszeß vor.
Weiterhin verbreitet sich Verf. ausführlich über die Entstehung der Gehirn¬
abszesse, deren Sitz, ferner in bezug auf Alter, Geschlecht, Mortalität auf Grund
neuerer und neuester Statistiken. Hervorzuheben wäre noch, daß die linksseitige
Ohreiterung häufiger vorkommt als die rechtsseitige. Da aber nun der linksseitige
umgebende Knochen resistenter ist als der der rechten Seite, so ist die Möglich¬
keit eines Vordringens der Eiterung und Entwicklung eines Gehirnabszesses rechts
viel größer als links.
8) Ein Beitrag zur Kenntnis der otogenen Sohläfenlappenabszesse, von
Dr. Rudolf Leidler. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 2 bis 4.) Ref.: E. Tobias.
Verf. beschreibt drei eigene Beobachtungen von SchläfenlappenabBzeß.
In dem ersten der mitgeteilten Fälle handelt es sich um einen otogenen
Schläfenabszeß, der sich sehr langsam im Anschluß an eine wegen chronischer
Otitis vorgenommene Operation entwickelte. Die Funktionsprüfung des Ohres
ergab eine hochgradige Mittelohrerkrankung bei normalem Labyrinthbefand, die
neurologische Untersuchung eine deutliche amnestische Aphasie. Der Augenbefund
deckte eine beiderseitige hochgradige Stauungspapille mit zahlreichen Retinal¬
blutungen auf. Die Eröffnung der alten Operationswunde ergab eine mangelhaft
ausgeführte Radikaloperation, bei welcher das Antrum nicht vollkommen eröffnet
worden war, so daß es zu einer hochgradigen Eiterretention kam. Der Eiter
umspülte das stark erweichte und in größtem Umfange sequestrierte Tegmen.
Nach dessen vollständiger Entfernung zeigte sich die Dura in Guldengröße mit
Eiter und Granulationen bedeckt und mindestens um das Fünffache verdickt.
Da nach kurzer Besserung erneut Fieber und heftige Kopfschmerzen auftreteü,
wurde die Dura breit gespalten, wobei ein sehr ausgedehnter, mit fötidem Eiter
und nekrotischen Gewebsfetzen erfüllter Abszeß entleert werden konnte. Nach
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
352
vorübergehender Verschlimmerung trat darauf Besserung ein, bis nach 2 Monaten
plötzlich neu auftretende Kopfschmerzen mit Erbrechen einen neuen Eingriff not¬
wendig machten, bei dem in der alten Abszeßhöhle ein neuer viel größerer Abszeß
gefunden wurde. Seit l 1 /, Jahren Heilung.
Der Fall ist vor allem wegen des schnellen Rezidivs von Interesse, das nicht
leicht zu erklären ist. Vielleicht handelt es sich um einen Durchbruch aus einem
naheliegenden Abszeß in die Abszeßhöhle.
In dem zweiten Fall war wegen typischer Otitis die Radikaloperation ge¬
macht worden, bei der sich schon, wenn auch symptomlos, die latente Labyrinth¬
wand leicht erkrankt zeigte. Nach der Operation heilte die Wunde nicht aus,
die Sekretion wurde immer stärker und sehr fötid. In den nächsten Monaten
entwickelten sich rechtsseitige Kopfschmerzen, attackenweise auftretender Dreh¬
schwindel mit Erbrechen, Abnahme des Hörvermögens; es zeigten sich ein nach
beiden Seiten gerichteter horizontaler Nystagmus, sehr starke Erregbarkeit des
Labyrinths, keinerlei Gehirnsymptome. Die Operation ergab eine Fistel. Am
folgenden Tage zeigten sich die typischen Symptome einer diffusen serösen Laby¬
rinthitis (heftiger Schwindel mit Erbreohen ohne Fieber, Nystagmus rotatorius),
die bald abklangen. Neue schwere Symptome machten erneutes Eingreifen er¬
forderlich und zwar die typische Labyrinthresektion. Danach trat Heilung ein,
nur war die Wundhöhle vollkommen von prolabiertem Gehirn ausgefüllt, ein
retroaurikulärer Prolaps, der auch die hintere Gehörgangswand vorwölbte. Ein
Jahr später bildete sich im Gehörgang ein nässendes Ekzem, das jeder Behandlung
trotzte; gleichzeitig entzündete sich die Haut über dem Prolaps, welcher größer
wurde und deutlich pulsierte. Kopfschmerzen, Schwindel traten auf usw. All¬
mählich traten Symptome einer eitrigen Meningitis und bald der Exitus ein. Die
Sektion ergab einen in der Tiefe des Schläfenlappens sitzenden und in den Ven¬
trikel durchgebrochenen Hirnabszeß und davon ausgehend eine diffuse eitrige
Meningitis.
Besonders instruktiv ist der dritte Fall, bei dem sich in ganz kurzer Zeit
im Anschluß an eine akute Otitis ein Schläfenlappenabszeß entwickelte. Die
Operation zeigte eine Fistel in den Hirnhäuten, durch welche der Schläfenlappen¬
abszeß nach außen durchgebrochen war. Das genügte nicht zur Heilung. Trotz¬
dem der Abszeß gar keine Symptome machte, war es unbedingt notwendig, ihn
von der Fistel aus durch ausgiebige Eröffnung zu drainieren. Bemerkenswert war
dann besonders der Verlauf, indem das Kind, um das es sich handelt, vor dem
operativen Eingriff die schwersten Terminalerscheinungen darbot und dennoch zur
Heilung kam.
9) Erfahrungen über den otitisohen Hirnabszeß, von Max Maier. (Archiv
f. Ohrenheilk. XCV. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über 38 Fälle von otitischem Hirnabszeß (Straßburger Klinik),
und zwar 23 Großhirn- und 15 Kleinhirnabszesse. Davon 12 Heilungen und
26 Todesfälle. Die Schläfelappenabszesse überwiegen an Zahl. Die Abszesse
entstehen links und rechts ungefähr gleich häufig. Meningitis ist häufig, unter
26 Todesfällen hatte 6 mal Ventrikeldurchbruch stattgefunden. Bei Kindern bis
zum 10. Lebensjahre wird der Hirnabszeß selten beobachtet; in diesem Alter spielt
die Meningitis, besonders die tuberkulöse, eine Rolle. Sehr schwierig kann die
Differentialdiagnose zwischen Meningitis und Hirnabszeß sowie zwischen Hirntumor
und -abszeß sein. Als diagnostisches Hilfsmittel kann die Probepunktion nicht
entbehrt werden, wenigstens so lange, als die Diagnose und Lokalisation des
Hirnabszesses nicht absolut sicher gestellt werden kann.
10) Der orbitogeno Hirnabszeß und seine Operation, von El sehnig. (Prager
med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien).
Nach Erörterung der Literatur teilt Verf. folgende Fälle eigener Beobachtung mit:
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
353
I. 23jährige Frau, seit 1 1 / 2 Jahren wachsende Geschwulst der rechten Tränen¬
drüse. Bei der Operation ergibt sich chronische Tuberkulose. Einige Tage später
Nahteiterung, starke Schwellung der Wundgegend. Im weiteren Verlauf einmal
Erbrechen, dann epileptischer Anfall, Mydriase, Bewußtlosigkeit, beiderseits Oph¬
thalmoplegie, Puls 64, Exitus. Obduktion: Fast taubeneigroßer Abszeß im rechten
Stirnlappen, dicht oberhalb der Basis mit umschriebener Verwachsung der Meningen.
Ostitis mit ostitischem Defekte des Orbitaldaches.
II. 12 jähriger Knabe, vor 4 Wochen Phlegmone des linken Oberlides, Inzision,
eine Woche später Erbrechen, Kopfschmerz, Bradykardie, Apathie. Geringe links¬
seitige Ptosis, beiderseits Stauungspapille, links mehr, Apathie, rechtsseitige
Sehnenreflexe ein wenig lebhafter bei Andeutung rechtsseitiger Muskelschwäche,
vielleicht links Anosmie. Temperatur 38, Puls 60. Operation mit Eröffnung des
Orbitaldaches, Inzision der Dura und des Stirnlappens, Eröffnung eines Abszesses.
Heilung.
III. 45jähriger Mann, Periostitis an der inneren, oberen Gegend der linken
Orbita. Wassermann negativ, Klausnersche Pallidinreaktion positiv, was für
tertiäre Lues sprechen würde. Lues zugegeben. Salvarsan, Schmierkur, Entfernung
von Nasenpolypen, Behandlung einer Eiterung aus Stirnhöhle, Orbitalphlegmone,
Operation, dann Radikaloperation der Stirnhöhle. Einige Tage Kopfschmerzen,
unregelmäßiges Fieber. Plötzlich ganz benommen, Puls 60, keine meningitischen
Erscheinungen, fragliche sensorische Aphasie; Operation mit Spaltung eines
Abszesses, im Stirnlappen. Rechtsseitige Hemiparese, Exitus. Obduktion: Die
Abszeßhöhle war entleert, eitrige Meningitis der ganzen rechten Großhirnhemi¬
sphäre, beginnende Enzephalitis des restlichen Stirnlappens und angrenzender
Partien des Schläfelappens.
Verf. schildert genau Operationstechnik. Das Schädelinnere wird durch das
obere Orbitaldach angegangen.
Das Wichtigste ist möglichst frühzeitige Operation. Radiogramm läßt in
Stiob, Stauungspapille weder im positiven, noch negativen Falle sicher zu ver¬
werten. Lumbalpunktion bedenklich wegen Gefahr eines vorzeitigen Durchbruches
des Abszesses. Bei leisestem Verdachte, Fieber, Erbrechen u. dgl. bei orbitalen
Prozessen sollte der Eingriff gemacht werden.
11) Der orbitogene Hirnabszeß and seine Operation, von Prof. Dr. A. El sehnig.
(Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 1914. März/April.) Ref,: Fritz Mendel.
Die vom Verf. gemachten Beobachtungen zeigen, daß der orbitogene Hirn¬
abszeß eine konstante Lokalisation im Stirnhirn hat, daß er durch Operation von
der Orbita aus leicht zugänglich ist, und daß er damit ebenso in die Domäne
des Ophthalmologen gehört, wie der otogene in die des Otiaters. Vorbedingung
des Erfolges ist natürlich frühzeitige Diagnose des Leidens.
12) Über den orbitogenen Hirnabszeß, von Bailaban. (Prager med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 3.) Ref.: Pilcz (Wien).
12jähriges, schwer tuberkulöses Kind. Es entwickelte sich am linken oberen
Orbitalrande ein kalter Abszeß, der operiert wurde. Etwa 3 Wochen später Be¬
wußtlosigkeit, allgemeine Krämpfe mit linksseitiger Deviation, rechtsseitige Fazialis¬
parese, Andeutung von Kernig, Puls 160, klein, Temperatur 38,5. Neuerliche
Operation, wobei die Dura bloßgelegt wurde, die nicht pulsierte. Fundus normal,
Lumbalpunktat klar, von geringem Zellgehalte, ohne Hämolyse. Sensorium in
der Folge wechselnd, Fieber. Neuerliche Operation mit Inzision der Dura und
des Stirnlappens vom oberen Orbitaldache aus. Entleerung eines großen Stirn¬
lappenabszesses. 6 Tage nach der Operation entwickelte sich Neuritis optica und
ein Hirnprolaps, während die Eiterung aus der Abszeßhöhle aufhörte. Lumbal¬
punktat ergab jetzt Leukozytose. Allmählicher Rückgang sowohl der Neuritis
optica wie des Hirnprolapses. Schließlich vollständige Heilung,
xxxiv. 23
Digitized hy
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
354
In den epikritischen Bemerkungen, in denen sich Verf. hauptsächlichst auf
die Arbeiten Elschnigs bezieht, hebt er namentlich den Umstand hervor, daß
Stauungspapille erst während der postöperativen Phase zur Entwicklung kam,
ferner den spontanen Rückgang des Hirnprolapses, endlich das merkwürdige Ver¬
halten der Lumbalbefunde.
13) Zur Frage der orbltogenen Stirnhlrnabszesee, von Marguliez. (Prager
med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. knüpft an die Publikation von Elschnig (s. Ref. 10) Betrachtungen,
in denen er die großen Schwierigkeiten einer Frühdiagnose erörtert. Stauungs¬
papille kann lokaler Genese sein, Erbrechen ist inkonstant und tritt erst zu einer
Zeit auf, da schon ein meningitischer Prozeß vorliegt. Wichtig ist Bradykardie
und Kopfschmerz, namentlich lokale Druck- und Perkussionsempfindlichkeit.
Lumbalpunktion ist nicht ungefährlich, bei bestehendem Abszesse kann eine
Trübung fehlen. Vorwalten polynukleärer Leukozytose und positive Hämolysin-
reaktion zeigt freilich an, daß eine akute Meningitis schon eingetreten ist, daher
ein operativer Eingriff zu spät käme. Ausgesprochene Herdsymptome kommen
nur bei vorgeschrittenen Fällen vor, Andeutungen von Halbseitenerscheinungen da¬
gegen können für die Frühdiagnose von Wert sein.
14) Zur Ätiologie der rhinogenen Hirnabszesse, von Heigel. (Prager med.
Wochenschr. 1914. Nr. 50.) Ref.: Pilcz (Wien).
Fall von mehr spezi fisch- bakteriologischem als neurologischem Interesse.
15) Zur Kasuistik der rhinogenen Stirnhirnabszesse, von Piffl. (Prager
med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien).
36jähriger Mann, Schnupfen, Schwellung des linken Oberlides, starkes ödem
beider Lider, Bulbus stark nach vorn, weniger nach außen, spurweise nach unten
verdrängt. Senkung und Abduktion bedeutend, Hebung und Adduktion weniger
eingeschränkt. Pupillenreaktion prompt, im Fundus leichte Stauungserscheinungen.
Temperatur 38,2. Behandlung einer Nebenhöhleneiterung brachte zunächst Besse¬
rung aller Symptome. Fieber hielt an. Lumbalpunktion förderte stark getrübte
Flüssigkeit zutage, die gram-negative Kokken enthielt. Nach schwankendem Ver¬
laufe Erbrechen, Doppelbilder, die okulären Symptome nahmen an Intensität stark
zu. Radikaloperation der linken Stirnhöhle brachte zunächst wieder günstiges
Resultat. 5 Wochen später schleimig-eitriges Sekret aus Wundrändern, Erbrechen,
Fieber, Zunahme des Exophthalmus und der Beweglichkeitseinschränkung des
Bulbus. Linke Pupille eine Spur enger. Operation von der Stirnhöhle aus mit
Vor- und Eindringen bis in das Cerebrum. Exitus. Obduktion: Weiche Hirn¬
häute rechterseits über der Konvexität wenig, an der Basis reichlich mit Eiter
infiltriert. Im linken Frontallappen ein nußgroßer Eiterherd, sich bis an das
Balkenknie fortsetzend. Im Ventrikel trübe Flüssigkeit, Hirnödem.
In den epikritischen Bemerkungen schlägt Verf. u. a. vor, bei derartigen
Fällen, die ein Zusammenarbeiten zwischen Rhinologen und Okulisten erfordern,
nicht nur den Elschnigschen Weg einzuschlagen (s. Ref. 10), sondern eine
Gegenöffnung nach Abtragung der inneren Stirnhöhlenwand anzulegen, Spaltung
der Dura, Eröffnung und Offenhaltung der inzidierten Hirnsubstanz.
10) Über die okulo-orbitalen, intrakraniellen und zerebralen Komplikationen
nasalen Ursprungs, von Prof. Dr. Onodi. (Med. Klinik. 1914. Nr. 17.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
In der Pathogenese der rhinogenen okulo-orbitalen und zerebralen Kompli¬
kationen spielt die Infektion und die Fortleitung des krankhaften Prozesses die
Hauptrolle. Der Infektionsweg ist in der Kontinuität und durch die Gefäße fest¬
gestellt. Verf. gibt mit statistischen Angaben eine detaillierte Übersichtsschilderung
der einzelnen Störungen und bespricht insbesondere die Neuritis optica retro-
bulbaris, die Meningitis und den Gehirnabszeß. Nicht immer ist es leicht, den
Digitized by
»v Google
Original from
_U.MIVERSITY_QEMl£
355
Zusammenhang mit dem rhinoskopischen Befund festzustellen bzw. die Frage zu
entscheiden, ob es sich um ein akzidentelles Bestehen beider Arten von Störungen
nebeneinander handelt. Zum Schluß wird die Therapie kurz erörtert.
17) Zur Kasuistik der Stirnhöhleneiterungen mit intrakraniellen Kompli¬
kationen, von A. Solowiejczyk und Br. Karbowski. (Zeitschr. f. Laryngol.,
Rhin. u. Grenzgeb. VII. 1914. H l.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Stirnhöhleneiterung; großer epiduraler Abszeß; der Eiter verdrängte
stark die Stirnlappen und füllte die Hälfte der vorderen Schädelgrube aus. Später
Osteomyelitis sämtlicher Knochen des Schädeldaches. Klinisch: keine Stauungs¬
papille. Psychische Unruhe, heftige Kopfschmerzen, völlige Schlaflosigkeit,
pyämische Temperatur. Exitus.
18) Experimentelle Untersuchungen aur Mechanik der intrakraniellen
und zerebralen Komplikationen der Stirnhöhlenentaündungen, von
H. Zwillingen (Archiv f. Laryngologie. XXVIII. 1914. H. 2.) Ref.:
Kurt Mendel.
Die Wege, auf weichen intrakranielle und zerebrale Komplikationen von der
Stirnhöhle aus statt finden können, sind, außer den bekannten, die in direktem
Zusammenhänge mit den perimeningealen Lymphräumen stehenden Lymphwege der
Stirnhöhlenschleimhaut.
19) Über die Verwertung des Abderhaldensohen Dialysierverfahrens bei
intrakraniellen Komplikationen entzündlicher Ohr- und Nasenerkran¬
kungen, von J. Zange. (Archiv f. Ohrenheilkunde. XCIII. H. 3 u. 4.)
Ref.: Max Senator (Berlin).
Das Abderhalden sehe Verfahren scheint berufen, uns auch in der Diagnose
und Prognose intrakranieller Ohr- und Nasenkomplikationen weiter zu bringen.
Es wird voraussichtlich bei der Erkennung subduraler Entzündungsherde, bei der
Diagnose des Hirnabszesses richtige Fingerzeige geben können und uns auch über
den Umfang und die Dauer der Hirnbeteiligung im Verlauf einer Meningitis, usw.
Aufschluß geben können. Das wird aber alles nur möglich sein bei engster An¬
lehnung an das klinische Bild und in Verbindung mit einer gleichzeitigen exakten
Untersuchung des Liquor cerebrospinalis in zytologischer und biochemischer Be¬
ziehung. Um hier gleichmäßige und sowohl untereinander wie mit dem Ergebnis
anderer Kliniken vergleichbare Resultate besonders hinsichtlich des Liquordruckes
zu erhalten, ist dringend zu raten, daß überall der gleiche Praktionsapparat be¬
nutzt wird. Es empfiehlt sich besonders der Reichmannsohe. Denn eine exakte
Liquordruckbestimmung wird wahrscheinlich bei der Diagnose subduraler Ent¬
zündungen von großer Bedeutung werden. Auch nach der Narkose treten im
Blut hirnabbauende Fermente auf, die Abderhalden sehe Reaktion ist positiv; die
erste Blutuntersuchung hat also stets der Narkose voranzugehen und nachher ist
zu warten, bis die Narkoseschädigung des Gehirns überwunden ist, da man sonst
die positive Fermentreaktion fälschlich als durch den entzündlichen Prozeß bedingt
ansehen könne.
Grundlegend für die vorstehenden Ausführungen ist die anderweitig gefundene
Tatsache, daß bei experimenteller Schädigung — mechanisch oder infektiös —
von Nervengewebe im Blute nervengewebeabbauende Fermente auftreten.
20) Gehirnabszeß nach Zahnerkrankung. Mißerfolg der LeitnngsanäathesieP
von Dr. Bannes. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 14.) Ref.: E. Tobias.
Gehirnabszesse sind entweder embolisch-metastatischen Ursprungs, oder sie
verdanken ihr Entstehen einem Infektionsvorgang, der sich in der Nähe des Ge¬
hirns abspielt. Zu letzteren Gehirnabszessen gehören besonders die otitischen und
die traumatischen, dann diejenigen, die sich nach eitrigen Erkrankungen der
Schädelknochen und Schädelhöhlen (Siebbein, Keilbein, Orbita) oder der Schädel¬
weichteile (Erysipelas faciei) entwickeln. Eigenartigerweise ist noch niemals ein
23*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
356
Gehirnabszeß Dach einer Zabnerkrankuog beobachtet worden, was offenbar an ana¬
tomischen Verhältnissen liegt. Um so bemerkenswerter ist der mitgeteilte Fall.
Patient, 27jähriger Landwirt, hat sich 2 Monate vor Krankenhausaufoahme
5 Zähne ziehen lassen; dabei hat er eine Einspritzung in den linken Unterkiefer
bekommen, seit diesem Tage datiert sein Leiden. Die Anamnese bietet nichts
besonderes. Patient macht einen schwerkranken Eindruck. Es besteht eine
leichte Ptosis links, starke Druckempfindlichkeit auf der ganzen linken Kopfhälfte,
besonders an dem Foramen supra- und infraorbitale, vor dem linken Ohr und
am Foramen mentale, ln den großen Zahnlücken sind verschiedene stark gerötete
und gedunsene, granulierende Stellen sichtbar, besonders im hinteren Abschnitt
des linken Unterkiefers. Dort quillt aus den sehr druckempfindlichen Stellen, an
welchen die hintersten Backzähne gesessen haben, Eiter heraus. Temperatur 37,5°.
Augenhintergrund frei. Diagnose: Neuritis infectiosa n. Trigemini sinistri. Im
weiteren Verlauf trat mehrfach Erbrechen auf, dann zeitweilig Nackenstarre,
Kernig. Das Spinalpunktat ergab keinen Befund. Das Sensorium begann sich
zu trüben, die Temperatur zwischen 38 und 39° zu schwanken. Wegen starker
Pulsverlangsamung und Abszeßverdacht wurde darauf in der Gegend des Ganglion
Gasseri trepaniert. Die Operation ergab einen Gehirnabszeß — Exitus.
Es handelt sich demnach um einen Gehirnabszeß, der im Anschluß an eine
Zahnerkrankung entstanden ist, und zwar nach dem pathologisch-anatomischen und
mikroskopischen Befunde durch Fortleitung des Infektionsprozesses in der Nerven¬
scheide des Raum8 mandibularis trigemini. Dabei läßt sich nicht kurzerhand
entscheiden, ob die tödliche Erkrankung durch spontanes Übergreifen des infek¬
tiösen Zahnleidens auf die Nervenscheide entstanden ist oder ob die an den Zähnen
vorgenommenen Eingriffe, insbeson4ere die Injektion zum Zwecke der Mandibular¬
anästhesie dabei ursächlich mitgewirkt haben. Immerhin wird man in Anbetracht
der Möglichkeit der Entstehung eines Gehirnabszesses durch Mandibularanästhesie
die Folgerung ziehen müssen, daß die Leitungsanästhesie bei infektiösen Prozessen
in der Nähe des Foramen mandibulare absolut kontraindiziert ist.
Kleinhirn.
21) Ein Beitrag zur Kenntnis der Kleinhirnbahnen beim Menschen, von
W. Sauer. (Folia neurobiologica. VIII. 1914. Nr. 4.) Ref.: P. Röthig.
An dem Befunde eines Kleinhirntumors beim Menschen wird zunächst die
Literatur der Kenntnis von den afferenten und efferenten Kleinhirnbahnen be¬
schrieben. Es folgt darauf die Darstellung der Untersuchung des beobachteten
Spezialfalles, die zu dem allgemeinen Ergebnis führte, daß die von Cajal,
Edinger und Horsley an Tieren gewonnenen Anschauungen auch für den
Menschen gelten: die efferenten Kleinhirnbahnen entstammen den Kleinhirnkernen,
die afferenten endigen in der Kleinhirnrinde.
22) Contributo sperimentale allo Studio delle Looalizzazioni oerebellari,
perEtt.Greggio. (FoliaNeurobiologica. VIII. 1914. Nr. 2.) Ref.: P.Röthig.
Die Arbeit enthält die Schilderung von Kompressionsversuchen am Kleinhirn.
Die Experimente betrafen — die Kleinhirneinteilung von Bolk (und van R^jn-
beck) zugrunde gelegt — den Lobus anterior, Lobus simplex, Lobulus ansiformis,
Lobulus S von van Rijnbeck und Lobulus paramedianus. Es ließ sich das Vor¬
handensein von Lokalisationen im Kleinhirn feststellen: manche von den eintreten¬
den Erscheinungen an den Tieren (Hunde) sind auf lokale Reizung und auf raBche
Ausfallsläsionen zurückzufiihren.
23) Untersuchungen über die Funktion des Flocculus am Kaninchen, von
Robert B&rany. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. Wagner
v. Jauregg-Festschrift.) Ref.: Kurt Mendel.
Digitized by
Gck .gle
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN
357
Aus den Versuchsergebnissen sei folgendes hervorgehoben: Bei Reizung der
Rinde des linken Flocoulus erhält man eine Bewegung des linken Auges nach
oben und eine Rollung naoh hinten. Diese Bewegung erfolgt stets ganz langsam
und ist in allen Fällen bis auf einen sehr schwach gewesen. Das rechte Auge
macht eine Bewegung nach abwärts und rollt ebenfalls nach rückwärts. Diese
Bewegung ist aber stets schwächer als die Bewegung des linken Auges. Manchmal
ist sie auch gar nicht zu sehen. Exstirpiert man die Rinde des Flocculus durch
vorsichtiges Zerzupfen, so tritt stets dort, wo die Reizung eine Bewegung nach
oben und eine Rollung nach hinten ergeben hatte, eine ganz langsame ebenso
kleine Bewegung des linken Auges nach abwärts und eine Rollung nach vorne
auf. Das rechte Auge macht die entgegengesetzte Bewegung nach aufwärts und
eine Rollung nach vorne. Allein auch hier ist die Bewegung am rechten Auge
noch schwächer als am linken. Wichtig ist der genaue Antagonismus der fara-
dischen Reizung und der Exstirpation, wie er bei allen Eieinhirnexperimenten
wiederkehrt. Hat man die Rinde zerzupft, so erhält man von dem Mark entweder
dieselben ganz geringen und langsamen Bewegungen wie von der Rinde oder über¬
haupt keinen Effekt. Geht man nun mit der Exstirpation gegen die Tiefe gegen
den Flocculusstiel zu, so ändert sich plötzlich das Bild: das linke Auge geht nun
in allen Fällen stark nach aufwärts und rollt deutlich nach rückwärts. Das
rechte Auge geht in geringerem Grade nach abwärts und rollt ebenfalls nach
rückwärts. Auch diese Bewegung ist eine langsame, doch erfolgt sie stets etwas
rascher als die Bewegung nach Exstirpation der Rinde. Wiederholt werden auch
einige Nystagmusschläge dabei sichtbar und diese haben stets eine ganz bestimmte
Richtung. Es sind Schläge von vertikalem Nystagmus am linken Auge nach
abwärts, von horizontalem Nystagmus am linken Auge nach rückwärts, von rota¬
torischem Nystagmus am linken Auge nach vorne. Bei faradischer Reizung erhält
man wiederum genau die entgegengesetzte Bewegung der Augen.
Vom Stiel des linken Flocculus wird auf derselben linken Seite der Abdu-
zenskern für den linken Rectus externus, der Trochleariskern für den rechten
Obliquus superior, der Oculomotoriuskern für den linken Rectus inferior, für den
rechten Rectus superior und Rectus medialis, für den rechten Obliquus inferior
innerviert.
Der Bechterewsche Kern ist ein dem Flocculus untergeordneter Kern;- die
Fasern zum Trochlearis und Oculomotorius derselben Seite ziehen via Bech¬
terewkern.
24) Cerebellar Symptoms and oerebellar loealization, by Ch. K. Mills and
Th. K. Weisenburg. (Journ. of the Amer. med. Association. LXIII. 1914.
Nr. 21.) Ref.: W. Misch.
Als Grundsymptom der Kleinhirnerkrankungen wird die Asynergie bezeichnet,
deren spezielle symptomatische Äußerungen Hypermetrie, Adiadokokinesie und
Tremor sind; als Folgen der asynergischen Anstrengungen sind Asthenie, Atonie
und Ataxie zu betrachten. Aus kinematographischen Beobachtungen von Klein-
himkranken ergab sich folgendes: Der Gang ist schwankend. Die Extremitäten¬
bewegungen bei bestimmten Handlungen sind zu groß; z. B. sind beim Finger-
Nasen versuch der ganze Arm und die Schulter beteiligt. Es besteht ein Verlust
des Emotionsausdrucks. Es findet sich eine Asynergie der Zunge, des Fazialis und
des Larynx, wodurch die zerebellare Sprache entsteht. Asynergische Bewegungen
von Kopf und Nacken sind meist nicht vorhanden. Die Augen sind unruhig in¬
folge einer Asynergie der Augäpfel. Als Herdsymptome für Kleinhirnherde können
asynergische Bewegungsstörungen auftreten in den Augenbewegungen, der Kopf¬
haltung und -bewegung, den Bewegungen der Backen, des Gesichts, der Zunge,
des Larynx usw. (Sprach- und Emotionsstörungen), der Körperhaltung und -be¬
wegung, der speziellen Bewegungen der oberen Extremitäten (feine Bewegungen,
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
358
insbesondere Schreiben), des Schultergürtels, der speziellen Bewegungen der unteren
Extremitäten und des Beckengürtels. Auf Grund der Vergleiche zwischen den
kinematographischen Beobachtungen und Autopsieergebnissen wird folgendes Schema
für die Lokalisation in der Kleinhirnrinde aufgestellt: In der oberen Kleinhirn¬
fläche liegen im Lobus quadrangularis ant. von vorn nach hinten die Zentren für
die Kopf- und Augenbewegungen, für die Gesichts- und Zungenbewegungen, für
die Bewegungen des Larynx und die des Pharynx; im Lobus quadrangularis post,
für die Extensorenbewegungen der oberen Extremitäten, im Lobus semilunaris sup.
für die Flexion der oberen Extremitäten, in den beiden letzteren Lappen zu¬
sammen: medial für die Adduktion, lateral für die Abduktion der oberen Ex¬
tremitäten; im CHvub liegen vorn die Zentren für die Hals-, hinten für die Rumpf¬
bewegungen, dicht neben dem letzteren Zentrum das für die Bewegungen des
Schultergürtels. In der unteren Kleinhirnfläche sind die Zentren für die unteren
Extremitäten, hinten medial für die Bewegungen des Beckengürtels lokalisiert.
26) Der Kleinhirnanteil der Pyramidenbahn (die serebellare Pyramide),
von K. Schaffer. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXVII. 1915.
H. 5.) Ref.: W. Misch.
Die an mehreren Fällen angestellten Untersuchungen über den zerebellaren
Anteil der Pyramide, der bei Paralytikern besonders ausgeprägt sich vorfindet,
hatten die vom Verf. folgendermaßen resümierten Ergebnisse: Es gibt haupt¬
sächlich am paralytischen, aber auch am nicht paralytischen Zentralorgan im
basalen Bereich der Brücke und des verlängerten Marks gewisse Bündel, welche
als Fase, pontis medialis und lateralis, ferner als Fase, bulbi lateralis und ventro-
lateralis bezeichnet werden. Diese Bündel stammen von der ponto-bulbären Pyramide
ab; namentlich von der medialen Abteilung der Pyramide der Fase, pontis medialis,
von dem lateralen Abschnitt der Fase, pontis lateralis und bulbi lateralis, von
dem ventralen Teil der Fase, bulbi ventrolateralis. Somit sind sämtliche Bündel
abgelöste Pyramidenstränge. Der Fase, pontis lateralis kann isoliert Vorkommen;
kann ferner mit einem Fase, bulbi lateralis vergesellschaftet sein, wo dann letzterer
die Fortsetzung des Fase, pontis lateralis darstellt; endlich kann der Fase, bulbi
lateralis gleichfalls allein entwickelt sein. Bildet der Fase, pontis et bulbi late¬
ralis einen einzigen Körper, so kann man von einem Fase, ponto-bulbi lateralis
sprechen. Diese Bündel bedeuten Verbindungen der Pyramide einesteils mit den
motorischen Bulbärkernen, anderenteils mit dem Kleinhirn, indem die Fase, pontis
überwiegend eine nukleo-bulbäre, die Fase, bulbi eine bulbo-zerebellare Pyramide
darstellen. Als essentielle Benennung wird für erstere Tractus pyramidalis nucleo-
bulbaris, für letztere Tractus pyramidalis homolateralis bulbo-cerebellaris vor¬
geschlagen. Ebenso stellt eine bulbo-zerebellare Pyramidenbahn in gewissen Fällen
das Pick sehe aberrierende Pyramidenbündel dar. Die bulbo-zerebellare Pyramide
gelangt mit dem Strickkörper in die homolaterale Kleinhirnhälfte; die innige Ver¬
mengung derselben mit der Strickkörperfaserung läßt mit Berechtigung annehmen,
daß die Fasern der bulbo-zerebellaren Pyramide ebendort endigen wie die Strick¬
körperfasern, d. h. im Wurm. Im Wurm trifft somit eine spino-zerebellare Bahn
mit einer kortiko-bulbo-zerebellaren zusammen; erstere als eine Tonus steigernde,
letztere als eine Tonus schwächende. Da die Endigung dieser Bahnen um die
Purkinjesche Zelle herum geschieht, ist die Annahme, die Purkinjesche Zelle wäre
eine Tonus regulierende Zentrale, nicht ungerechtfertigt. Die geschilderten ponto-
bulbären Bündel sind bald außergewöhnlich stark entwickelt und stellen dann
abnorm erscheinende Bündel dar, bald sind sie mikroskopisch schwach und fehlen
dann makroskopisch. Sie haben einen doppelten Verlauf, einen oberflächlichen
und einen tiefen, von welchen der erstere die obengenannten, makroskopisch sicht¬
baren Bündel entstehen läßt Die erwähnten Bündel stellen Verlaufs- und Ent¬
wicklungsvarietäten der Pyramidenbahn dar, welche im paralytischen Zentralorgan
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
359
eine außergewöhnlich starke Entwicklung erfahren können, und sind alsdann als
Zeichen einer gewissen Anlagelabilität zu betrachten; sie sind bei der Paralyse
im Sinne der Endogenese zu deuten. Als wichtigstes Ergebnis der vorliegenden
Arbeit ist das Vorhandensein eines homolateralen zerebellaren Pyramidenabschnittes
zu betrachten. Somit hat die eigentliche Pyramidenbahn drei Hauptabschnitte:
1. einen spinalen, welcher zu den motorischen Extremitätenkernen (Vorderhörnern)
führt; 2. einen bulbären, bestimmt für die motorischen Hirnnervenkerne und
3. einen zerebellaren, welcher aus a) einer bulbo-zerebellaren und b) einer ponto-
zerebellaren Abteilung bestehen dürfte. Erstere ist für den Menschen durch vor¬
liegende Arbeit erwiesen und leitet via Strickkörper zur gleichseitigen Kleinhirn¬
hälfte, namentlich zum Wurm; letztere konnten Economo und Karplus experi¬
mentell anatomisch bei den höheren Säugern entdecken, welche via Brückenarm
überwiegend ungekreuzt zu den Kleinhirnhemisphären, zum kleineren Teil zu dem
spinalen Teil des Wurmes leitet. Somit bedeutet die bulbo zerebellare Pyramide
einen homolateralen, direkten Zug zum Wurm, die ponto-zerebellare Pyramide
einen überwiegend homolateralen, direkten Zug zur Kleinhirnhemisphäre; die
motorische Großhirnrinde ist daher so mit der Hemisphäre, wie mit dem Wurm
des Kleinhirns in unmittelbarer Verbindung.
26) Gatartige Affektion im Kleinhirnbrüokenwinkel, von Woltär. (Prager
med. Wochenschr. 1914. Nr. 26.) Ref.: Pilcz (Wien\
Fall 1. 39jährige Frau, seit 2 Jahren — letzter Schwangerschaft — Kopf¬
schmerzen, Erbrechen, Taumeln nach links, Schwäche beim Gehen. Linkes, vordem
schwerhöriges Ohr ward in ziemlich akuter Weise völlig taub; seit 8 Tagen
Schlechtsehen, Gefühllosigkeit der linken Wange und Gliedmaßen, Schwäche der¬
selben, heftige Hinterhauptschmerzen. Stat. praes.: Fundus normal, linksseitige
Fazialisparese, Qaintusanalgesie mit Kornealareflexie, linksseitige Extremitäten
kühl, links Bauchdeckenreflex fehlend, Taumeln nach links.
Im Laufe der folgenden Monate vollständiger Rückgang aller subjektiver
Beschwerden, linksseitige Gesichtshälfte blieb schlaff, leicht atrophisch, hyp&lgetisch,
Kornealreflex daselbst fast erloschen. Nur beim Gang mit geschlossenen Augen
starke Neigung nach links abzuweichen.
Verf. glaubt, in diesem Falle einen Tumor ausschließen zu können und denkt
an einen entzündlichen oder sonst irgendwie reparablen Prozeß im Kleinhirn¬
brückenwinkel.
Fall II. 20jähriger Mann, erkrankt akut unter Spracherschwerung, links¬
seitiger Fazialislähmung, linksseitiger Trigeminusanalgesie, Kopfschmerzen, Schwindel,
Neigung nach links auszuweichen, linksseitiger fast völliger Taubheit, Hinter¬
hauptschmerzen. Schwitz- und Schmierkur brachte nur geringe Besserung. Der
Stat. praes. von 1912 ergab: Nystagmus horizontalis, linksseitige Fazialislähmung,
Schwerhörigkeit, Ageusie, Kaumuskelschwäche; Erbrechen, Fundus normal. Befund
blieb nun etwa 2 Jahre ziemlich unverändert, bis eine leichte Verschlechterung in
der letzten Zeit sich bemerkbar machte. Stat. praes. von 1914 zeigte im Fundus
leichte neuritische Erscheinungen, Schmerzen und Zuckungen in dem linken Unter¬
lide und linken M. quadratus mentis, Schwäche der Beine, namentlich links, heftige
linksseitige Hinterhauptschmerzen, Ataxie des linken Beins. Sonst Befund wie
damals.
Verf. denkt an einen langsam proliferierenden Tumor.
27) Cyste of the oerebello-pontine angle; Operation, with relief of Sym¬
ptoms, by C. L. Dana and C. A. Eisberg. (Medic. Record. LXXXVI. 1914.
Nr. 25.) Ref.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles, der mit Erbrechen und Kopfschmerzen begann; nach
und nach traten Schwindelanfälle und Zwangsbeweguugen nach rechts auf; es
bestand Neigung nach rechts zu fallen, Taubheit auf dem rechten Ohr, Ungeschick-
Di gitizeti by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
360
lichkeit der rechten Hand, zunehmender Sehverlost, beiderseitige Neuritis optica,
Nystagmus mehr nach rechts als nach links, leichte rechtsseitige Fazialisparese,
leichte Anästhesie des rechten Trigeminus. Bei der Operation fand sich eine
große, dünnwandige, multilokulare Zyste im Kleinhirnbrückenwinkel, die sich nach
außen und hinten auf die Nerven ausdehnte. Durch Punktion wurden 50 ccm
klarer, gelber Flüssigkeit entleert; Exstirpation der Wände war wegen ihrer Dünne
nicht möglich. Nach der Operation trat eine schnelle, deutliche Besserung der
Symptome ein, die nach 4 Wochen so gut wie alle verschwunden waren.
28) Zur Symptomatologie und Pathologie der Kleinhimzysten, von Alfred
Alexander. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Bef.: K. Boas.
Bericht über einen Fall von zystischem Kleinhirntumor, der wegen der typi¬
schen Symptome bereits intra vitam als rechtsseitiger Zerebellartumor diagnostiziert
worden war.
29) Ein kasuistischer Beitrag zur Kenntnis von teratoiden Gesohwülsten
im KleinhirnbrüokenWinkel, von Toyojro Kato. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol.
XXXV. 1914. S. 43.) Bef.: Pilcz (Wien).
16jähriges Mädchen. Beginn 2 Jahre ante exitum mit in rechter Hinter¬
hauptsgegend lokalisierten Kopfschmerzen, Erbrechen und Drehschwindel, derart,
daß Patientin die Empfindung hat, als ob ihr Körper sich von links nach rechts,
die Umgebung von rechts nach links drehen. Kalorischer Nystagmus rechts kaum
auslösbar, Drehen des Kopfes von links nach rechts ruft Schwindel mit Nystagmus
nach rechts hervor. Schwerhörigkeit und Sausen im rechten, später auch im
linken Ohre. Häufig anfallsweise Exazerbationen — Vestibülaranfalle Ziehens.
Allmählich Hemiplegia alternans facialis mit Hemihypästhesie. Areflexie der
Kornea rechts. Nystagmus horizontalis, zerebellare Ataiie mit Neigung nach
rechts zu fallen. Später rapid zunehmende Stauungspapille, Sprachstörung, rechts¬
seitige Abduzensparese, Taumeln nach links. Endlich linksseitige Fazialislähmung
von peripherem Typus, Störungen des Geschmackes und Gaumensegelbewegung
rechterseits. Exitus an Lobulärpneumonie.
Obduktion: Taubeneigroße Zyste zwischen rechter Kleinhirnhemisphäre, Brücke
und Schläfenlappen. In der Flüssigkeit reichlich Cholestearinkristalle. Die Zyste
verdrängt stark die umgebenden Partien des Kleinhirns, der Brücke und Oblongata
mit Abplattung des rechten Fazialis, Acusticus, weniger des Quintus. Am vorderen
Pol der Zyste ein knöchernes Gebilde, das nach vorn bis zur Gegend des Infun-
dibulum reicht und eine tiefe Grube eingedrückt hat, deren Boden durch den
stark komprimierten rechten Hirnschenkel und vorderen Teil der rechten Brücken¬
hälfte gebildet wird. In dieser Grube eingelagert, seitlich vom rechten Tractus *
opticus umfangen, liegt eine zweite haselnußgroße Zyste. Hydrocephalus internus.
Die histologische Untersuchung ergab Teratom mit ekto- und mesodermalen Ge-
websbestandzellen.
Die sehr genauen, durch Abbildungen im Texte veranschaulichten histo¬
logischen Befunde an Tumor und Zentralnervensystem mögen im Originale nach¬
gelesen werden.
30) On the oerebellar syndrome of Babinski with report of a oase, by
H. K. Marks. (Journ. of nerv, and ment, disease. XLI. 1914. Nr. 11.)
Bef.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles, bei dem nach einem Scharlach mit ausgesprochenen
Delirien, bei erhaltener Motilität und Sensibilität, sowie normalen akustischen und
vestibulären Funktionen, schwere Koordinationsstörungen, nämlich Dysroetrie,
Asynergie, Adiadochokinese, sowie allgemeine choreiforme Bewegungen auftraten.
Es wird sodann auf die Bedeutung dieses sogen. Babinskiscben Kleinhirnsyndroms
gegenüber den von Duchenne beschriebenen Kleinhirnsymptomen hingewiesen.
Das Auftreten der choreiformen Bewegungen mit dem Babinski sehen Syndrom
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
361
weiat darauf hin, daß die choreatischen Störungen wahrscheinlich ebenfalls mit
einer Kleinhirnaffektion Zusammenhängen.
31) The meohanism of labyrinthine nystagmus and its modificatlone by
lesions in the cerebellum and oerebrum, by J.G. Wilson and F. H.Pike.
(Arch. of intern, med. XV. 1915. Nr. 1.) Ref.: W. Misch.
Aus ihren experimentellen Untersuchungen, die in extenso noch an anderer
Stelle publiziert werden sollen, über den Ursprung des langsamen Nystagmus
kommen die Verff. zu folgenden Schlüssen über den Mechanismus des Nystagmus:
Zugrunde liegt demselben irgend ein Agens, welches eine Abweichung der Augen
von der primären Gleichgewichtsstellung hervorruft. Beim Labyrinthnystagmus
ist dieses Agens im Labyrinth zu suchen. Der M. rectus int auf der Seite der
langsamen Abweichung und des M. rectus ext. auf der entgegengesetzten Seite
sind einer größeren Spannung als gewöhnlich unterworfen. Diese Spannung, die
eine Reizung der sensiblen oder afferenten Nervenendigungen der Augenmuskeln
bedingen, löst afferente Impulse aus, die durch die afferenten Fasern im 3., 4. und
6. Hirnnerven zum Gehirn gelangen. Diese afferenten Impulse ihrerseits lösen in
den 0culomotoriu8zellen des Gehirns efferente Impulse aus, die eine schnelle,
ruckweise Kontraktion des M. rectus int. auf der Seite der langsamen Abweichung
und des M. rectus ext. auf der entgegengesetzten Seite bewirken, unter gleich¬
zeitiger Erschlaffung der antagonistischen Muskeln. Die Wirkung hiervon ist eine
Rückkehr der Augen zu der primären Stellung. Über diese Medianstellung gehen
die Augen nicht hinaus, wenn das Gehirn intakt ist, da ja die afferenten Kon¬
traktionsimpulse des M. rectus int. und ext. aufhören, wenn die Augen diese Gleich¬
gewichtsstellung erreichen. Läsionen der Gehirnhemisphären auf der Seite der
Augenabweichung beseitigen oder reduzieren die schnelle Komponente, da von
der Hemisphäre dieser Seite die efferenten Impulse ausgehen, die die Zurück-
beweguDg der Augen zur Medianlinie bewirken. Die Stelle, deren Läsion die
schnelle Nystagmuskomponente ausschaltet, ist im Schläfenlappen oder seiner
Nachbarschaft gelegen.
32) Ooolusion of the posterior inferior cerebellar artery, by A. C. Gillis.
(Journ. of the Amer. med. Assoc. LXIII. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch.
Es werden zwei Fälle von Verschluß der Art. cerebellaris post. inf. mitgeteilt.
Der Symptomenkomplex war in beiden Fällen der durchaus typische: plötzliches
Auftreten ohne Bewußtseinsverlust, Neigung nach einer Seite zu fallen, Aufhebung
der Schmerz- und Temperaturempfindung, ohne Veränderung der Berührungs¬
empfindung und der übrigen Sensibilität, auf der einen Seite des Gesichts und
der gegenüberliegenden Seite des Körpers, dazu Sympathicuslähmung auf der
einen Seite.
33) Klinik und Pathologie eines atypischen Falles von Versohluß der
Art. oerebelli post, inf», von H. Haike und F. H. Lewy. (Monatsschr. f.
Psych. u. Neur. XXXVI. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei einer seit ihrer Jugend an chronischer Mittelohreiterung leidenden Patientin
traten im 60. Jahre allmählich zunehmende Zeichen einer entzündlichen Erkrankung
des inneren Ohres auf. Eine Eröffnung des horizontalen Bogenganges und des
Labyrinthes besserte vorübergehend Schwindel, Kopfschmerz und Nystagmus. Nach
einigen Wochen verschlimmerten sich diese Symptome aber wieder, es trat spontane
und Druckschmerzhaftigkeit der rechten Gesichtsseite und Tränen des rechten
Auges auf; beim spontanen Zeige versuch Abweichen des rechten Armes nach rechts.
Adiadokokinese; Ataxie der rechtsseitigen Extremitäten; abnorme Kopfeinstellung;
Romberg nach hinten, wechselnd nach links und rechts. Verkleinerung der rechten
Lidspalte, Enophthalmus. Geringe abendliche Temperaturen. Tremor der rechten
Hand. Diagnose: Affektion der rechten Kleinhirnhemisphäre nahe der Mittellinie.
Mit Rücksicht auf die vorausgeg&ngene Mittelohr- und Labyrintheiterung wurde
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
362
an einen Hirnabszeß gedacht. Wegen des starken Schwankens der Symptome und
der wiederholten Besserung wurde aber wegen der Möglichkeit eines arterio¬
sklerotischen Prozesses von einer Operation Abstand genommen. Erst als bedroh¬
liche Symptome auftraten, wurde zur Freilegung des Kleinhirns geschritten, nach
deren erstem Akt der Tod eintrat. Sektion: allgemeine hochgradige Hirnarterio¬
sklerose, besonders ausgeprägt im Kleinhirn. In der rechten Hemisphäre im Ver¬
sorgungsgebiet der Art. cerebelli post. inf. eine ältere Erweichung in der Tiefe
des Lob. semilun. inf. und Biventer sowie eine frische Blutung aus einem ge¬
platzten Aneurysma des genannten Gefäßes nahe der Mittellinie, während in der
Medulla oblongata nur geringfügige Störungen nachzuweisen sind. In der Groß-
und Kleinhirnrinde hat die Arteriosklerose zu ausgedehnten Verödungsherden,
dagegen außer der im Biventer usw. erwähnten nicht zu Erweichungen geführt
Im Kleinhirn besteht ein eigenartiger histologischer Prozeß mit Auftreten massen¬
hafter fuchsinophiler Granula, über deren Bedeutung man noch nichts Sicheres weiß.
Auffallend war im vorliegenden Falle, daß weder der Einwärtstonus des Hüft¬
gelenks noch der des Handgelenks, deren Zentren nach Bar&oys Annahme dem
Zentrum des im vorliegenden Falle geschädigten Einwärtstonus des Armgelenks
im Biventer benaohbart liegen, sich in ihrer Funktion als geschädigt erwiesen
haben trotz der ausgedehnten Läsion dieses Kleinhirnabschnittes. Ferner ist be¬
merkenswert, daß das mindestens l 1 /* Jahre bestehende Vorbeizeigen des rechten
Armes nach außen trotz der langen Dauer keine Kompensation erfahren hat« Es
ist aber fast allein auf Grund der Bäranyschen üntersuchungsraethode möglich
gewesen, im vorliegenden Falle eine ungefähre Lokalisation innerhalb der rechten
Kleinhirnhemisphäre vorzunehmen, die dem Sektionsbefund einigermaßen entspricht,
denn der Zeigeversuch findet sich nur bei Hemisphärenläsionen. Von Oblongata-
Symptomen kamen nur eine gleichseitige Tri gern inushyperästhesie sowie Sym-
pathicusstörungen am Auge zur Beobachtung und auch diese nur vorübergehend.
Es lag daher kein triftiger Grund vor, bei dem vermuteten Gefäßprozesse speziell
an die Art. cerebelli post. inf. zu denken, da die beschriebenen Fälle gerade auf
die gekreuzte Sensibilitätsstörung und die sonstigen Oblongatasymptome als
charakteristisch hinweisen.
Kriegsbeobachtungen.
34) Die Hirnphysiologie im Dienste des Krieges, von Max Rothmann.
(Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 14.) Refi: E. Tobias (Berlin).
Verf. bespricht zunächst den Einfluß früherer Kriege auf hirnlokalisatorische
Beobachtungen und hebt hervor, daß das Tatsachenmaterial 1870/71 äußerst
dürftig gewesen ist. Wesentlich bedeutsamer war es im russisch-japanischen Kriege
und in den Balkankriegen. Zu dem großen Weltkriege, der jetzt im Bereioh der
europäischen Kulturländer entbrannt ist, sind zwei Fragen zu stellen: Was kann
die Hirnphysiologie in diesem Weltkriege leisten? und Was für wissenschaftlichen
Gewinn kann die Hirnphysiologie aus den furchtbaren Verletzungen dieses Krieges
ziehen? Es ist dabei von besonderer Bedeutung, daß es sich so gut wie aus¬
schließlich um jugendliche, vorher gesunde Individuen handelt, was für die Frage
der DiaschisiB von Wichtigkeit ist. Spielt die Diaschisis eine Rolle, so muß sie
weitgehend die Erscheinungen der umschriebenen Hirnlokalisation überlagern und
unkenntlich machen; spielt sie keine wesentliche Rolle, so muß sich dies an der
Beobachtung streng umschriebener Hirnlokalisationen und an der weitgehenden
Restitution erkennen lassen. Weiterhin ist von Bedeutung, daß es sioh stets um
Rindenläsionen handelt. Die Infektion der Schädelwunden ist eine wichtige Kom¬
plikation, die die physiologische Beobachtung und Verwertung der Ausfallserschei¬
nungen oft unmöglich macht.
Verf. geht dann zu den Beobachtungen selbst über. Die Hirnschüsse be-
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHiGAN
363
stätigen mit erfreulicher Klarheit fast wie Tierexperimente das uns aus der Physio-
logie und Pathologie Geläufige. Einige wichtige neue Beobachtungen sind zu
verzeichnen. Bezüglich der Extremitätenregion kann man z. B. feststellen, daß
die anfänglich schlaffen Lähmungen der gekreuzten Extremitäten einer weitgehen¬
den Rückbildung fähig sind. Von besonderem Interesse sind dann die ausführlich
besprochenen Affektionen der Gebiete hinter der Zentralfurche, die Schußverletzungen
für die Frage nach der Projektion des Sehens im kortikalen Sehzentrum und die
Verletzungen, die das*Stirnhirn und die Sprachzentren betreffen ubw. Die Be¬
obachtungen ergaben u. a. die wichtige Tatsache, daß bei den Hirnläsionen, die
in der Regel nur begrenzte Abschnitte der einzelnen Hirnzentren ausschalten, eine
außerordentlich weitgehende Restitution der Funktion zu erwarten ist, die durch
planmäßige Übung gefordert und beschleunigt wird. Die Hirnchirurgie vermag
in diesem Kriege zu zeigen, daß sie viel zu leisten imstande ist; eine ganze Reihe
bemerkenswerter Operationen gibt davon beredte Kunde.
35) Der Krieg und die traumatischen Neurosen, von Hermann Oppenheim.
(Berliner klin. Wochenschr. 1916. Nr. 11.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beginnt seine Ausführungen mit einem Überblick über die Entwicklung
der Lehre von den traumatischen Neurosen. Er faßt das Schicksal der trauma¬
tischen Neurosen vor Ausbruch des Krieges etwa wie folgt zusammen: Der Name
„traumatische Neurosen“ durfte nicht mehr gebraucht werden, sie wurden weiter
beschrieben und die Schilderung fand Anklang, wenn eine andere Bezeichnung
wie Schreckneurose, Emotionsneurose oder dergl. gewählt wurde; gestattet wurde
allenfalls der Name Unfallsneurosen. Nur in den letzten Jahren trat hier und
da wieder der Name traumatische Neurose hervor. Anerkannt war der Begriff
traumatische Hysterie, aber mit dem Beigeschmack, daß zwischen ihr und Simu¬
lation keine scharfe Grenze besteht. Das Trauma wird nicht von dem Unfall,
sondern von den Begehrungsvorstellungen gebildet. Blitzschlag und elektrische
Unfälle erhielten ihre Sanktionierung erst durch die Feststellung, daß dabei neben
den funktionellen Schädigungen oft auch organische Veränderungen vorliegen.
Auch gab man zu, daß große Katastrophen wie Erdbeben usw. zu Psychosen und
Neurosen führen können. Verf. erörtert nun die Tatsachen, die der Krieg in
dieser Beziehung vor Augen geführt hat.
Was zunächst die Frage der Disposition anbelangt, so konnte man einwand¬
frei feststellen, daß die schweren Kriegstraumen auch bei bis da gesunden, nicht
belasteten Menschen Neurosen (und Psychosen) hervorbringen können. Die Schäd¬
lichkeiten selbst teilt Verf. in mechanische, seelische und gemischte, wobei er zu
letzteren besonders die starken Detonationen rechnet. Bezüglich der Symptome
und Symptomenkomplexe hat der Krieg Oppenheims frühere Erfahrungen be¬
züglich der traumatischen Neurose vollauf bestätigt, die Kenntnisse vertieft und
den Theorien eine festere Unterlage gegeben. Die KrankheitszuBtäode, in die
sich die Kriegsneurosen in der Mehrheit der Fälle einreihen lassen, sind die
Neurasthenie sowie die Kombination von Hysterie und Neurasthenie, wozu als
verhältnismäßig häufige Symptome der Tic, die Crampi musculorum und verschiedene
Formen des Zitterns hinzukommen; diese Symptome haben in diesen Fällen nichts
mit Hysterie zu tun. Verf. führt des näheren aus, daß mit der Bezeichnung
traumatische Hysterie die Lehre von den traumatischen Neurosen nichts weniger
als erschöpft ist, daß nicht-bysterische Neurosen und bisher wenig bekannte Läh¬
mungsformen, wie die Akinesia amnestica und die Reflexlähmung, hier eine min¬
destens ebenso bedeutende Rolle spielen, daß es Krankheitszustände gibt, die trotz
aller Opposition verflossener Jahre die Bezeichnung traumatische Neurose mit Recht
führen. Schließlich wendet er sich der Frage der Simulation zu und beweist ausführlich
die Hinfälligkeit dieses Verdachts, der bei den früheren leidenschaftlichen Diskussionen
in der Frage der traumatischen Neurose eine so große Rolle gespielt hat.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
364
36) Über Streifschüsse an der Sch&delkapsel , von Dr. Noehte. (Deutsche
roed. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Mehrzahl der Patienten mit Streifschuß an der Schädelkapsel haben nicht
nur über ziemlich erhebliche Beschwerden zu klagen, sondern lassen auch An*
Zeichen von organischen Verletzungen des Zentralnervensystems erkennen; sie ge¬
hören deshalb nicht zu den Leichtverwundeten, sondern brauchen Bettruhe, klinische
Behandlung und Beobachtung; differentialdiagnostische Schwierigkeiten bietet ihre
Abtrennung von Neurasthenikern. Die Streifschüsse machen neben den lokalen
Erscheinungen auch Storungen allgemeiner Art, Puls- und Temperaturanomalien,
Apathie. Die Frage nach der Dienstfähigkeit von Leuten, die einen Streifschuß
am Kopf erhalten haben, läßt sich nicht generell beantworten. Wenn alle Be¬
schwerden und alle objektiven Erscheinungen einer Gehirnverletzung verschwunden
sind, so brauchen keine Bedenken gegen den Wiedereintritt in die fechtende
Truppe geäußert zu werden.
Psychiatrie.
37) La oriminalidad en Buenos Aires 1887 a 1912. Bus oausas y remedioe,
por M. A. Lancelotti. (Rev. de Criminologia, Psiquiatria y Medicina-legal.
1914. Nr. 2.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.).
Auch in Argentinien, und zwar besonders in der Millionenstadt Buenos
Aires gibt die Zunahme der Kriminalität zu Sorgen Anlaß. Die Zahl der Ver¬
brecher stieg von 1887 bis 1912 von 5,4 auf 6,1 pro Tausend Einwohner im
Alter von 15 bis 70 Jahren, und zwar entfällt die Zunahme nur auf die Ausländer,
während bei den Argentiniern der von jeher nicht unbeträchtliche Prozentsatz un¬
verändert geblieben ist. Nach Besprechung der Ursachen schlägt Verf. verschiedene
Mittel, wie Verbesserung des Strafgesetzbuchs, Überwachung der Einwanderung,
Bekämpfung der Landflucht usw. vor.
111. Aus den Gesellschaften.
Ärztlicher Verein in Hamburg.
Sitzung vom 26. Januar 1915.
Bef.: M. Nonne (Hamburg).
Herr Saenger: Über die durch den Krieg bedingten Folgezustände
im Nervensystem. Vortr. beriohtet zunächst über seine Erfahrungen über peri¬
phere Nervenverletzungen. Am häufigsten fand er Verletzungen des N. radialis:
danach kommen die des Olnaris und des Medianus. Hierbei wurden nicht selten
andere Grenzen der Sensibilität festgestellt, als sie in den Lehrbüchern angegeben
sind. Je nach der Art der Verletzung fanden sich inkomplete Lähmungen und
partielle Sensibilitätsstörungen. In sechs Fällen von Medianusverletzungen fanden
sich trophische Störungen: Rötung der Haut, Schwellung, Schweiße. In drei
Fällen verminderten sich die trophischen Symptome nach Freilegen des Nerven
und Befreiung desselben von dem umgebenden Narbengewebe. Vortr. demonstriert
im Lichtbilde sieben Fälle von Plexusverletzungen, um die Verschiedenheit der
sensiblen Ausfallserscheinungen zu demonstrieren; ferner fünf Fälle von /Becken¬
schüssen. Die heftigen Schmerzen nach peripheren Nervenverletzungen sind, ab¬
gesehen von lokal einwirkenden Momenten (Narben, Splitter, Aneurysmen), abhängig
von des Individualität der Verletzten, wobei auch die Zugehörigkeit zu den ver¬
schiedenen Stämmen unseres Volkes eine gewisse Rolle zu spielen scheint. Die
Ansichten Oppenheims über die Kombinationen von Nervenverletzungen mit
psychischen und vasomotorischen Störungen kann Vortr. weder mit Bezug auf ihr
Vorkommen, noch auf ihre Deutung bestätigen. Sie finden sich ebenso bei nicht
„nervösen“ Wunden, wie Bruns sich ausdrückt, und sind als psychische Begleit-
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
365
erscheinungen bei besonders disponierten Persönlichkeiten aufzufassen. Dagegen
beobachtete Vortr. ebenso wie Oppenheim eine oft sehr späte Entwicklung der
Zuckungsträgheit. Zur Operation peripherer Nervenverletzungen muß man erst
nach völliger Verheilung der Wunden schreiten. Bei sehr heftigen Schmerzen ist
nach Versagen anderer Behandlungsmethoden dlp Neurolyse angezeigt. Überhaupt
empfiehlt Vortr. ein mehr aktives Verhalten, da in vielen Fällen nur durch die
Neurolyse und event. Entfernung von Fremdkörpern, Knochensplittern komprimie¬
renden Aneurysmen die Restitution des betr. Nerven ermöglicht wird. In seltenen
Fällen ist sogar ein frühzeitiger Eingriff angezeigt, während für die Mehrzahl der
Fälle ein anfänglich exspektatives Verhalten bessere Heilerfolge gibt. Die Hirn-
sohüsse sind entweder diametrale oder tangentiale oder Steckschüsse. Vortr.
beobachtete 38 Kopfschüsse, von denen acht die Hinterhauptsgegend betrafen.
Besonders lehrreich war ein Fall mit linksseitiger homonymer lateraler Hemi¬
anopsie, der in zwei Lazaretten wegen Fehlens gröberer Hirnsymptome verkannt
worden war, besonders war ferner ein Fall von Tangentialschuß des Hinterhauptes
mit homonymer Hemianopsie der einen und Quadranthemianopsie der anderen
Seite, sowie ein Fall mit Einschuß in der linken Zentralwindung und Ausschuß
in der Medianlinie des Hinterhauptes, der eine rechtsseitige Hemianopsie darbot,
bei der die Trennungslinie durch den Fixierpunkt ging, und ein Fall von Tan¬
gentialschuß des Hinterkopfes mit Erhaltung eines Gesichtsfeldquadranten, der
ohne Eröffnung der Dura erfolgreich operiert wurde. Von drei Tangential¬
schüssen des Stirnhirns verliefen zwei symptomlos, bei dem dritten bestand nur
eine Herabsetzung des Geruches. Auch bei einem Diametralschuß durch das
Stirnhirn konnte ein objektiver Befund nicht erhoben werden, es bestanden nur
Kopfschmerzen. Von sechs Stirnbeinschüssen wurden zwei erfolgreich operiert,
außer einer Herabsetzung des Geruchs in einem Falle und Kopfschmerzen in
einigen anderen wurden nervöse Störungen nicht beobachtet. Schußverletzungen
in der Gegend der Zentralwindungen kamen in 16 Fällen zur Beobachtung, meist
mit kontralateraler Hemiplegie unter Beteiligung der Zunge und des Mundwinkels.
Bei den linksseitigen Verletzungen kam es auch zu aphatischen Störungen. Über¬
raschend war die schnelle Restitutionsfähigkeit der jugendlichen Gehirne. Wäh¬
rend die Streifschüsse häufig mit heftigen Kopfschmerzen einhergehen, ist das bei
den Diametral- und Steckschüssen weit weniger der Fall. Unter acht Gesichts-
schüssen wurden drei Verletzungen des N. opticus, zwei des N. facialis, zwei des
N. facialis und acusticus und einer des N. acusticus beobachtet. Zwei Fälle von
operiertem Hirnabszeß verliefen rasch letal. Zwei Fälle wurden mit günstigem
Erfolg von Prof. Wiesinger operiert. Die Rückenmarks Verletzungen sind zu
trennen in 1. totale Markläsionen, 2. partielle Markläsionen, 3. Halbseitenläsionen
und 4. Commotio spinalis oder Shock. In zwei Fällen von totaler Markläsion
wurde nach neurologischer und röntgenologischer Lokalisation der Kugel erfolg¬
reich operativ eingegriffen. In vier Fällen von partieller Markläsion ging der
Schußkanal in der Nähe des Rückenmarks vorbei und war der Verlauf ein gün¬
stiger. In einem Falle von halbseitiger Läsion wurde die Kugel erfolgreich ent¬
fernt. Bezüglich der Operation nimmt Vortr. auf Grund seiner Erfahrungen einen
vermittelnden Standpunkt zwischen den sehr aktiv vorgehenden Chirurgen und den
extrem konservativen Neurologen ein. Wenn die .Röntgenaufnahme ein Geschoß
oder Knochenteile im Wirbelkanal nachweist, so läßt er auch bei totaler Quer¬
läsion operieren, namentlich wenn dieselbe frischen Datums ist. Zwei Verletzungen
der Cauda equina gaben eine bessere Prognose. Von zwei Verletzungen des Hals-
sympathicus zeigte der eine Miosis und Lidspaltenverengerung, der andere außer¬
dem noch Enophthalmus und Anhidrosis. Bezüglich der Kriegsneurosen und
•psychosen bestätigt Vortr. die Ansicht, daß es eine eigentliche Kriegspsychose
nicht gibt. Natürlich treten auf dem Boden der psychopathischen Konstitution
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
366
im Kriege leicht pathologische psychische Reaktionen auf. Doch darf man nicht
gleich jede Schlaflosigkeit und andere nervöse Störungen als pathologisch ansehen.
Häufig wird latente Dementia praecox, Paralyse, Epilepsie im Kriege manifest.
Doch läßt sich durch genaue Anamnese sehr oft feststellen, daß schon vor dem
Kriege Symptome der Krankheit yorhanden waren. Nach Granatexplosionen kommt
es auch ohne äußere Verletzungen zu eigenartigen Störungen, deren Ursache
(Meningealblutung und dergl.) noch weiterer Aufklärung bedarf. Unter der Zivil¬
bevölkerung beobachtete Vortr. die verschiedenartigsten Kriegsschädigungen, z. B.
Fälle von Manie, von Selbstmord, u. a. Angstneurosen. Andrerseits wurden er¬
freulicherweise viele Psychopathen durch den Krieg günstig beeinflußt. Vortr.
kommt zu dem Schlüsse, daß gerade dieser Krieg zeigt, welch widerstandsfähiges,
kräftiges und gesundes Nervensystem durchgehende unser deutsches Volk besitzt.
Autoreferat.
Sitzung vom 9. Februar 1915.
Herr H ess stellt einen 37jährigen Patienten ohne bemerkenswerte Anamnese
vor, welcher durch eine Halsdrüsenabszeßoperation am 23. XI. 1914 eine akziden¬
telle Inzision oder partielle Diszision des Ramus externus n. aocesaorii sinistri
erlitten hat. Status am 3.II. 1915: Tieferstehen der linken Schulter, welche
auch bei aktivem Heben derselben gegen die rechte zurückbleibt, deutliches
weiteres nicht flügelförmiges Abstehen des Schulterblattes von der Wirbelsäule,
keine Schaukelstellung und keine Andeutung dieser, das seitliche Abheben des
gestreckten Armes ist nicht biB zur Horizontalen möglich (Mollier), das Heben
des Armes nach vorwärts ist bis fast zur Vertikalen möglich, leichte Abflachung
und Eingesunkensein der Schlüsselbeingegend, der klavikuläre Teil des Sterno-
cleidomastoideus ist nicht so scharf kontouriert wie rechts. Kopfstellung und Kopf¬
bewegungen frei. Die elektrische Untersuchung ergibt partielle Entartungsreaktion
(faradische und galvanische Herabsetzung vom Nerven aus — links bei 4 Mill.-A.
KaSZ, rechts bei 2 Mill.-A. KaSZ —, faradische und galvanische Reaktion der
sternalen Portion des Sternocleidomastoideus etwas herabgesetzt, aber vorhanden,
faradische Reaktion vom Cucullaris und der klavikulären Portion des Sternocleido¬
mastoideus erloschen, galvanische nur bei starken Strömen erregbar, teils KaZ,
teils träge AnZ.) Es wird die Ähnlichkeit dieses Falles mit einem von Kaiser
(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. 1913) publizierten, in dem allerdings auch der
interne Ast gelähmt war, besprochen und den Schlußfolgerungen Kaisers in bezug
auf die doppelte Innervation des Sternocleidomastoideus sowohl seitens des Acces-
soriu8 (klavikuläres Bündel) wie der Zervikälnerven beigestimmt (contra Schlodt-
mann), jedoch vor einer Verallgemeinerung des Schlusses gewarnt wegen der
individuellen Verschiedenheiten des Accessoriusverlaufs und der Anastomosen mit
den Zervikalnerven. Autoreferat.
IV. Neurologische und psychiatrische Literatur
vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914.
(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch
einmal angeführt.)
(Schluß.)
V. Psychologie. Ziehen, Physiol. Psychologie. Jena, G. Fischer. 504 S. — Berze,
Psychol. u. Psych. Psych.-neur. Woch. Nr. 15 u. 16. — Binswinger, Psychol. Fragen i. d.
klin. Psych. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 574. — Middlemlss, Cases of psychol.
interest. Journ.ofment.se. Juli. — Forel, Menschliches Erkenntnisvermögen Joum. f.
Psychol. u. Neurol. XXI. H. 2. — Hatschek, Rückschlagserschein. a. psych. Gebiete. J&hrb.
f. Psych. XXXVI. S. 229. — Lechner, K., Das Wesen der Impressionen u. Revelationen.
Wien. med. Woch. Nr. 43 u. 49. — Rose, G., Topisches Gedächtnis. Zeitschr. f. Psychol.
Digitized by
Google
Original from
UNIVERS1TY OF MICHIGAN
LX1X. H. 3 u. 4. — Benuss*. Gestalte Wahrnehmungen. Ebenda. — Heilbronner, Intelligenz-
u. Demenzprüfungen. Die Naturwissenseh H. 28. — Voss, G., Assoziationsprüfung bei
Kindern. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 340. — Gregor, Definitionsraethode. Mon.
f. Psych. XXXVI. H. 1. — Long, Psycho-Anal. Practitioner. Juli. — Maeder, Traum¬
problem. Leipzig-Wien, P. Deuticke. 40 S. — Klages, Traum bewußtsein. Zeitschr. f.
Pathopsychol. III. H. 1. — Sifttig, Zahlenverständnis. Ebenda. — Hevoroch, Beziehungs¬
wahn u. Kausalität. Ebenda.
VI. Psychiatrie. Allgemeines: Bonhosffer, Psychiatrie u. Krieg. Deutsche med.
Woch. Nr. 39. — Derselbe, Psychiatrisches zum Kriege. Mon. f. Psych. Dezember. —
Meyer, E., Psychosen u. Neurosen i. d. Armee während d. Krieges. Deutsche med. Woch.
Nr. 51. — Weygandt, Geisteskrankheiten im Kriege. Münchener med Woch. Nr. 42 u. 43.
— Buschan, Kriegspsychosen. Mediz. Klinik. Nr. 42. — Weygandt, W., Versorg, d. Neuros. u.
Psychosen im Felde. Ebenda. Nr. 39. — Llepmanr, H., Psychiatrisches a. d. russisch-japan.
Feldzug. Deutsche med. Woch. Nr. 40. — Turner, Biol. concept. of insan. Journ. of ment. sc.
Juli. — Boyle, Early nerv, and ment, cases. Ebenda. — Medow, Erblichkeitsfrage in der
Psych. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 493. — Berze, Zur Hereditäts- u. Konstitutions¬
lehre. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 126. — Scholomowitscb, Heredität u. psych. Entartung
bei Geisteskr. u. geistig Gesunden. Mon. f. Psych. Oktober. — Bajenow, Bedeutung großer
Katastrophen f. d. Ätiol. einiger psych. u. Nervenkrankh. Zeitschr.T. Psych. LXXI. H. 6.
— Grinker, Neurol. Unters, v. Geisteskranken. Journ. of amer. med. Ass. 14. November. —
Haymann, H., Körperliche Zeichen bei Geisteskranken. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVII.
H. 1. — Vidonl nnd Gatti, Abnorm, u. Krankh. d. Haut u. ihrer Adnexe b. Geisteskranken.
Arch. di Antrop. crim. Nr. 2. — Liebenthal, Fr., Wiedergabe kleiner Geschichten bei Pseudo¬
logia phantast. Mon. f. Psych. November. — Brodsky, Delirium grave (3 cases). Med.
Record. 19. Dez. —■ Heilig, Pathogen, psychogener Dämmerzust. Arch. f. Psych. LV. H. 1.
— Pick, A. f Psych. Mechanismus d. akust. Halluz. Prager med. Woch. Nr. 52. — Gold-
bladt, H., Einseit. Gehörshalluzin. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 4 bis 5. — Schultze, B. S.,
Gynäkol. u. Psychiatrie. Mon. f. Geburtsh. August. — Gordon, Nerven- u. Geistesstörung
nach Kastration b. d. Frau. Journ. of amer. med. Ass. 17. Okt. — Brill und Karpas, Insanity
among Iews. Medic. Record. 3. Okt. — Green, E. M., Psychosen bei Negern. Journ. of
nerv. dis. Nr. 11. — Haberkant, Napoleon als affektepilept Psychopath. Prager med. Woch.
Nr. 38. — Münzer, A., Dostojewski als Psychopathuloge. Berliner klin. Woch. Nr. 51. —
Togami, Stoffwechsel bei Psychosen. Mon. f. Psyohol. XXXIII. H. 1. — Darling u. Newcomb,
Wasserm.-Reakt. bei akuten u. chron. Geisteskr. Journ. of nerv. dis. Nr. 9. — Sioli , Ab¬
wehrfermente in d. Psychiatrie. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Schroeder, Abderhaldensche
Meth. Berliner klin. Woch. Nr. 28. — Kastan, Dasselbe. Arch. f. Psych. LIV. H. 3. —
Loeb, S., Dasselbe. Klin.-therap. Woch. Nr. 29. — Nieszytka, Dasselbe. Deutsche med.
Woch. Nr. 30, Psych.-neurol. Woch. Nr. 14 u. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 546. —
Schwarz, E., Dasselbe. Mon. f. Psych. XXXVI. H. 1. — Hosental, St. und Hllffert, Klin.
Verwertbarkeit der Abderh. A$eth. in der Psych. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 6. —
Dimitz und Frle», Abderh. Dialysieverf. auf psych. u. neurolog. Gebiet. Wiener med. Woch.
Nr. 43. — Fauser, „Passive“ Übertragung der Fermente von Geisteskr. Münchener med.
Woch. Nr. 29. — Brückner, E. L., Diagnost. Bedeut, d. Hämolysinreakt. f. d. Psych. Arch.
f. Psych. LV. H. 1. — Entres, Schädelinhalt Geisteskr. Ebenda. LIV. H. 3. — Schleich, R.,
Psychose bei Trypanosom. Inaug.-Dissert. Tübingen. — Hummel, Ungewöhnliche Sektions¬
ergebnisse bei Geisteskranken. Psycb.-neur. Woch. Nr. 14. — Myerson, A. t Relat. Gewicht
von Leber u. Gehirn bei Psychosen. Journ. of nerv. dis. Nr. 7. — Southard, Prophylaxe d.
Psychose. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. — Peters, Steriliz. of ment, defect., consid.
from the physiol. standp. Med. Record. 29. Aug. — Starllnger, Schutz und Fürsorge für
Geisteskranke. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 49. — Kunz, G., Psychiatrie u. Zwangserzieh.
Vierteljahrsschr. f. öffentl. Gesundh. XLVI. H. 3. — Meyer, E., Künstl. Abort bei psych.
Störungen. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Angeborener SchwachMnn: Betern u. Lazar,
Analyse einiger Schwachsinnfälle. Zeitschr. f. Kinderheilk. XII. H. 2 bis 3. — Petery,
Mikrozephale Idiotie mit Gehirnmißbildung. Journ. of amer. med. Ass. 15. Aug. — Ziehen,
Ätiol. u. Auffass. d. sogen, „moralischen Schwachsinns“. Wiener med. Woch. Nr. 43. —
SexueUes: Weiler, K„ Exhibitionismus bei larvierter Epilepsie. Friedr. Blätt. f. ger. Med.
H. 4. — Sutton, Trichotillomanie. Journ. of amer. med. Ass. 12. Dez. — Funktionelle
Psychosen: Dryidale, Juvenile Psychose. Journ. of amer. med. Ass. 10. Okt. — Schupplut,
Eifersüchte wahn. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVII. H. 3 u. 4. — Kämmerer, W., Kasuistik
des „moralischen Irreseins“. Inaug.-Dissert. Tübingen. — Kretschmer, E., Wahnbildung
u. man.-depr. Sympt.-kompl. Inaug.-Dissert. Tübingen. — Karpas, Kraepelins Paraphrenie.
Journ. of amer. med. Ass. 29. Aug. — Schnizer, Zur Paranoiafrage. Zeitsch. f. d. ges. Neur.
XXVII. H. 2. — Seelert, Paranoische Erkr. auf man.-depr. Grundl. Mon. f. Psych. Oktober.
— Sehn, Relig. Wahnbildung bei Psychosen, bes. bei Paranoia. Inaug.-Dissert. Kiel« —
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
368
Willburger, Paranoische Zustandsbilder i. d. Manie. Inaug.-Dissert. Tübingen. — v. Economo,
Heredität bei Paranoia querulans. Jahrb. f. Psych. XXXVI. 8. 418. — Seelert, Paranoide
Psychosen i. höh. Lebensalter. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Sirota, Katatonie u. orgauisch-
nery. Begleiterschein. Inaug.-Dissert. Berlin. — Omorokow, Path. Anat der Dem. praec.
Arch. f. Psych. L1V. H. 3- — Emerson, Status lympbat. b. Dem. praec. Arch. of int. Med.
Dezember. — Holmes, Country care of dem. praec. pat. Therap. Gazette. Nr. 7. —
Weiler, K., Mord u. Mordversuch bei Dem. praec. Friedr. Bl. f. gerichtl. Med. Nr. 4 u. 5. —
Holmes, Vorschi, zur Behandl. d. Dem. praec. mit abwehrfermenthaltigem Serum. Med.
Record. 21. Nov. — Stransky, E., Schizophrenie u. intrapsych. Ataxie. Jahrb. f. Psych.
XXXVI. S. 485. — Schilder und Weidner, Symbolähnliche Bildungen bei Schizophrenie.
Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 201. — Bleuler. Verhältnisblödsinn. Zeitsch. f. Psych.
LXXI. H. 4 bis 5. — Büchner, Klin. Bcitr. zum Verhältnisblödsinn. Ebenda. — Infekt
tions- und Int oorikationspsy chosen: Görski, Amentia nach Sepsis. Inaug.-Dissert.
Kiel. — Neumann, K. Th., Psychosen nach Influenza. Inaug.-Dissert. Kiel. — Heiss, E.,
Psychotische Urämie u. Mischformen. Zeitschr. f. klin. Med. LXXX. H. 5 bis 6. — Williams,
Psychose bei Anämia pernic. Journ. of amer. med. Ass. 12. Sept. — Hampel, Delirium bei
Gelenkrheumat. Inaug.-Dissert. Kiel. — Progressive Paralyse : Ehrlich, P., Biolog.
Betracht, über das Wesen d. Paralyse. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 6 . — Marie, A. und
Levaditi. Das Treponema d. allg. Paral. Ebenda. — Marcus, H., Spiroch. pall. in d. Plasma¬
zellen bei der progr. Paralyse. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 245. — Hyde, A. G.,
Beobacht, v. 100 Paralysefällen bei verheirat. Männern, deren Frauen u. Kindern. Clevel.
med. Journ. Oktober. — Obersteiner, Progr. Paralyse, bes. Anfangsstadien. Wiener med.
Woch. Nr. 43. — Schranke, Path. Anat u. Pathogenese der juvenil. Paral. Arch. f. Psych.
LV. H. 1. — Laffer, Juvenile Paralyse. Clevel. med. Journ. September. — Petzsch, Das¬
selbe. Inaug.-Dissert. Greifswald. — Schuster, H. <)., Dasselbe. Inaug.-Dissert. Kiel. —
Pilcz, Progr. Paralyse bei Prostituierten. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 65. — Stöcker, W.,
Pupillenbefunde bei progr. Paral. d. Erwachs, u. d. juven. Form. Zeitschr. f. d. ges. Neur.
XXVI. S. 564. — MUller-SchQrch, Sensibilität u. Refl. b. Paral. Prager med. Woch. Nr. 52.
— Feilbach, Assoziationen bei Dem. paral. Inaug.-Dissert. Gießen. — Neumann, L., Stoff¬
wechsel bei progr. Paral. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 1. — Pappenheim. M. und
Volk, Liquor b. der v. Wagnerschen Tuberkulinbehandl. d. progr. Paral. Jahrb. f. Psych.
XXXVI. S. 356. — Mack, Treatm. of gener. paral. California State Journ. Juli. —
Forensische Psychiatrie: Türkei, Probl. d. Zurechnungsfähigkeit. Jahrb. f. Psych.
XXXVI. S. 257. — Derselbe, Zurechnungsfahigkeitsparagraph im österreichischen Rechte.
Ebenda. XXXV, H. 1. — Gordon, A., Eisenbahnunfälle. Med. Record. 24. Okt. — Adolphi,
Aggregation b. Unfalls-Neuropsychosen. Inaug.-Dissert. Kiel. — Block, Divorce, crime and
Mental defects. Med. Record. 4. Juli. — Reckzeh, Begutachtung arter. u. konstit. psych.
Anomal. Zeitschr. f. Versieh. H. 7. — Collie, Nerv. syst, in medico-legal cases. Practit.
Juli. — Schultz, J. H., Psychoanalyse in gerichtsärztl. Bez. Mon. f. Psych. Oktober. —
Heger, A., Unterbringung geisteskr. Rechtsbrecher. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 4 bis 5. —
Therapie der Geisteskrankheiten: Gregor, A., Psychotherapie. Therapeut. Monatsh.
Dezember. — Putnam, Psychoanalyse u. Prophylaxe d. Psychosen. Journ. of amer. med. Ass.
28. Nov. — Eager, Hypnot. in ment. dis. Journ. of ment. sc. Juli. — Weber, Behandl. d.
Erregungszustände. Zeitsch. f. Psych. LXXI. H. 6.
VII. Therapie. John, Bromtherapie. Münchener med. Woch. Nr. 43. — Stern, Felix,
Dial-Ciba. Berliner klin. Woch. Nr. 27. — Schmidt, Dial-Ciba b. Psychosen. Mediz. Klinik.
Nr. 41. — Stein, J., Phenoval. Prager med. Woch. Nr. 47. — Neumann, A., Embarin bei
Nervenkrankh. Deutsche med. Woch. Nr. 33. — Bufe, Über Calmonal. Zeitschr. f. Psych.
LXXI. H. 6. — Seegert, Verh. d. Calmonals im menschl. Körper. Ebenda. — Telling,
Suggestion. Practit. Juli. — Ladell, Dasselbe. Ebenda. — Mohr, Beeinflussung vegetativer
Zentren durch die Hypnose. Münchener med. Woch. Nr. 40.
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke and Autoreferate an Herrn
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Vfit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzobk & Wittig in Leipzig.
Digitized b'
. Google
Original from
UNIV ERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Pirol E. MendeL
Herausgegeben
von
Dr. Kurt Mendel.
Vierunddrelßigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. “ ^ ^ ’ l.Juni. . Nr. 11.
Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie.
II. Zwei Fälle von einseitigen multiplen Hirnnervenverletzungen, von Dr. Richard Rezniöek.
2. Einige Bemerkungen über Feindscnaftsgeftihle im Kriege, von Dr. J. H. Schultz.
II. Referate. Hirngeschwülste. 1. Hirntumordiagnosen, von v. Malaisä. 2. Zur
Diagnostik und Therapie der Gehirntumoren, von Eichelberg. 3. Die Diagnostik und Therapie
der Hirngeschwülste, von Pussep. 4. Beitrag zur Klinik und Pathologie der HirngeschWülste,
von Mattauschek. 5. Ein Fall von Geschwulstbildung im Gehirn und in den weichen Häuten
des gesamten Zentralnervensystems, von Lahmeyer. 6. Zur Klinik der DifFerentialdiagnose
der Hirntumoren, von v. Wieg-Wickenthal. 7. Zur Differential di agn ose zwischen Erweichungs¬
herd und Gehirntumor. Zugleich ein Beitrag zur Lehre vom Zittern bei Hirntumor, von
Sielaff. 8 . Ein Beitrag zur Differentialdiagnose zwischen Enzephalomalazie und Tumor
cerebri, von Haupt. 9. Le alterazioni istologiche antecedenti alla papilla da stasi, per
Petronio. 10 . La neurite ottica nel decorso deirallattamento, per Zani. 11. Die hemianopische
Pupillenreaktion, ihre physiologische Grundlage und ihre lokaldiagnostische Bedeutung, von
Schlesinger. 12. Gehirngeschwulst mit Gesichtshalluzinationen und Makropsie, von Josefson.
13. Augensymptome bei Gehirntumoren, von Hebenstreit. 14. Beitrag zur Frage der Hör¬
störungen bei Erkrankungen der zentralen Hörbahn und des Acusticusstammes mit be¬
sonderer Berücksichtigung eines Falles von Kleinhirnbrückenwinkeltumor, von Rhese.
15. Tuberkulom des Gehirns, von Ninger. 16. Tuberculomes multiples du cerveau et des
meninges, par Rautier et Baumei. 17. Voluminenx gliome du lobe frontal, par Btriel et
Gardire. 18. Sopra due casi di tumori interessant i lobi frontali, di Agostini. 19. Tumore
del lobo frontale del cervello con papilla da stasi controlaterale, per Lago. 20. Tumore
della faccia interna del lobi prefrontali e della parte anteriore della trave, per Costantlni.
21. Oase of subcortical cerebral tumour, by Hall and Augus. 22. Beitrag zur Lehre von den
Gehirntumoren im Gebiet der Zentralwindungen, von Klementz. 23. Studii sulla seraejologia
dei tumori delle varie zone del lobo temporale, per Mlngazzini. 24. Gliome du corps calleux
et du lobe pariötal gauche, par Laignel-Lavastine et Ldvy-Valensi. 25. Zur Symptomatologie
der Tumoren des Scheitellappens, von Weise. 26. Angioma venosum racemosum der linken
motorischen Region, von Castex und Bolo. 27. Zur Kenntnis des Angioma racemosum des
Gehirns, von Weinberg. 28. Angeioma in cerebellar pedunele: fatal intracranial haemorrhage,
by Wirgman. 29. Cysticercus racemosus fossae Sylvii, von Rein. 30. Un caso di tuwore
del corpo calloso, per Agostini. 31. Tumor of the crus cerebri, by Rhein. 32. Primäres,
metastasierendes Gehirnkarzinom, von Bastiaanse. 33. Ein Fall von Tumor des Nasen-
Rachenraumes mit Metastasen an der Gehirnbasis und im Rückenmark, von Flnzi. 34. Über
einen Fall von pigmentiertem Gliom bei multiplen Gliomen des rechten Seiten Ventrikels,
von Kraus. 36. Über subependymäre Gliaknoten, von Frank. 36. Papillom mit Pflaster¬
epithel im Infundibulum, von Guizetti. 37. Ein Fall von Ganglion uasseri-Tumor, von
Hellsten. 38. Tumor of the middle cranial fossa involving the Gasserian Ganglion, by
Plummer and New. 39. Emiplegia sinistra di origine centrale con paralisi periferica emo-
laterale della lingua da tumore cerebrale a duplice localizzazione, per Bandettini. di Poggio.
40. Zur Röntgendiagnose der Hirntumoren der Hypophysengegend, von Strubeil. 41. Über künst¬
liche Tumoren der Zirbeldrüsengegend, von Novak. 42. Über Vortäuschung von Tabes und
Paralyse durch Hypophysistumor (Pseudotabes pituitaria etc.), von Oppenheim. 43. Der
Pseudotumor cerebri, von Nonne. 44. A Striking acquirement of visualizing power and the
development of dreams following a cerebral tumor exstirpation, by Grey and Emerson.
XXXIV. 24
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
370
45. Operative Intervention in cyst of the left cerebral liemigphere, by Rtmsen. 46. Gitter¬
trepanation, von Dreyer. 47. The results in one hundred operationa performed on the
diagnosis of brain tumor, by KOttner. 48. Zur Chirurgie der GehirngeschWülste, von Babitzki.
49. Beiträge zur Gehirnchirurgie, von Stieda. 50. Zur Chirurgie der Hirntumoren im Be¬
reiche des Parietallappeus, von Wendel. 51. Remades on the treatment of brain tumor, by
Ballanii. — Kriegsbeobachtungen. 52. Hysterie und Kriegsdienst, von Gaupp. 58. Über
psychische Ausfallserscheinungen nach Hirnverletzungen, von Poppelreuter. 54. Klinische
Beobachtungen über Tetanus im Felde, von Goldscheider. 55. Magnesiumsulfat bei Tetanus,
von Meitzer. 56. Praktische Gesichtspunkte bei der Behandlung des Tetanus, von Heile.
57. Über Kontaktinfektion des Tetanus, von Ktfhler. 58. Tetanustherapie mit Magnesium¬
sulfat, von Straub. 59. Kriegstetanus, von Pribram. 60. Behandlung des Tetanus, von
Jetlonek. 61. Meine Beobachtungen über Tetanus im Frieden und im Felde, von Grundmann.
62. Zur Prophylaxe des Tetanus. Ein Vorschlag von Ritter. 68. Tetanus lateralis, von
Harf. 64. Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern, von Schlesinger. 65. Über
nervöse und psychische Erkrankungen im Kriege, von Westphal und Hübner. 66. Mobil-
machungspBychosen, von Fuchs. 67. Wesen und Bedeutung der Kriegspsychosen, von Singer.
68. Die Psyche des Verwundeten, von Münzer. 69. Die Anwendung der Diathermie bei der-
Behandlung der Kriegsverletzungen und der Kriegskrankheiten, von Stein. 70. Die hydro¬
therapeutische Behandlung der im Kriege erworbenen Neurasthenie und Hysterie, von Hirsch¬
feld. 71. Über die Anwendung der physikalischen Therapie bei verwundeten und erkrankten
Kriegern, von Laqueur. 72. Sexuelle Fragen zur Kriegszeit, von BurChard.
III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 28. Februar
und 9. März 1915.
IV. Verschiedenes. XL. Wanderversammlung der südwestdeutschen Neurologen und
Psychiater.
1/ Originalmitteilungen.
[Aus der Nervenheilanstalt „Maria Theresien-Schlössel“ in Wien.]
1 Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie.
II. Zwei Fälle
von einseitigen multiplen Hirnnervenverletzungen.
Von Dr. Blohard Bezniöek.
Eine multiple einseitige Hirnnervenlähmung peripherer Natur ist nicht häufig
und tritt relativ am häufigsten bei Tumoren oder sonstigen raumbeschränkenden
Prozessen an der Schädelbasis auf. Wie frühere Beobachtungen gezeigt haben,
sind auch Schuß Verletzungen imstande, solche multiple Hirnnervenverletzungen
zu setzen und wir wollen im folgenden, nachdem schon Spielmayeb 1 einen
ähnlichen Fall erwähnt hat, in Kürze zwei solche Fälle bei schädelverletzten
Militärpersonen beschreiben, die einen charakteristischen Symptomenkomplex
bieten.
Der erste Fall betrifft einen 24jährigen Infanteristen, welcher im Oktober 1914
durch eine Schrapnellfüllkugel verwundet wurde. Die Einschußöffnung befindet
sich knapp am äußeren Canthus externus des rechten Auges; eine Ausschuß-
Öffnung war nicht vorhanden, doch konnte man das Projektil am hinteren Rand
des rechten M. sternocleidomastoideus etwa drei Querfinger unter dem Ansatz des
Muskels am Processus m&stoideus unter der Haut tasten und operativ entfernen.
Etwa drei Wochen nach der Verletzung ergab die Untersuchung folgenden Befand:
Der Habitus des Patienten bietet keine Besonderheiten, der Ernährungszustand
1 SriEi.MiYER, Münchener med. Wochenschrift. 1915. S. 56.
Digitizeü by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
371
ist entsprechend den überstandenen Strapazen reduziert, Anhaltspunkte für das
Bestehen eines inneren Leidens sind nioht gegeben. Patient ist schmerzfrei,
ambulant und zeigt psychisch normales Verhalten.
Im rechten äußeren Augenwinkel findet sich die junge Narbe der Einschußöffnung.
Der rechte Augenbrauenbogen steht in der Buhe tiefer als der linke, die Haut
der rechten Stirne ist glatt und zeigt beim Versuch des Stirnrunzelns keine Quer¬
faltenbildung. Die rechte Pupille ist etwas weiter als die linke, ist lichtstarr
und verengt sich nur bei Konvergenz oder konsensuell vom linken Auge aus.
Das rechte Auge ist durch Ablatio retinae amaurotisch (Dr. Hitschmann).
Die Sensibilität der rechten Gesichtshälfte und rechten Cornea ist normal.
Das Öffnen des Mundes geschieht ohne seitliches Abweichen des Unterkiefers.
Die rechte Hälfte der dem Mundhöhlenboden aufliegenden Zunge ist ver¬
kleinert und seitlich mehr abgedacht.
Beim Vorstreoken weicht die Zunge stark nach rechts ab. Die rechte ver¬
kleinerte Hälfte, ist im Gegensatz zur linken dunkelrot gefärbten, rosa gefärbt,
ihre Oberfläche stellenweise leicht gewulstet, ihre Konturen gerundet, auch fühlt
sich die rechte Zungenhälfte beim Betasten sehr weich an.
Die elektrische Untersuchung der Zunge ergibt in der linken Hälfte normale
Erregbarkeitsverhältnisse für den faradischen und galvanischen Strom, in der
rechten Unerregbarkeit für den faradischen und starke Herabsetzung der Erregbarkeit
für den galvanischen Strom mit träger Zuckung bei Über wiegen der Ka.
Die Geschmacksempfindung, welche in den vorderen zwei Drittel der er¬
krankten Zungenhälfte normal ist, ist im hinteren Drittel für alle Qualitäten auf¬
gehoben.
Die rechte weiche Gaumenhälfte hängt in der Ruhe schlaff herab. Die sicht¬
baren Teile des Pharynx schieben sich beim Phonieren kulissenartig nach links. Der
Würgreflex ist etwas herabgesetzt. Beim Trinken regurgitiert sehr häufig Flüssig¬
keit durch die Nase. Die Sprache ist näselnd, die Stimme etwas rauh und
undeutlich.
Die laryngoskopische Untersuchung (Dr. Fbühwald) ergibt eine leichte rechts¬
seitige Stimmbandparese.
Der übrige Nervenbefund ist vollständig normal. Von Seiten des Herzens
und der Baucheingeweide liegen keinerlei Störungen vor.
Kurz zusammengefaßt handelt es sich in diesem Falle, abgesehen von der
Paralyse der vom oberen Ast des Fazialis versorgten Muskulatur (Folge der un¬
mittelbar örtlichen Schädigung dieser Nerven am Orte des Einschusses) um eine
Lähmung im Bereich der rechten Zungen-, Gaumen-, Pharynx- und inneren Kehl¬
kopfmuskulatur, sowie eine Lähmung der Geschmacksempfindung im hinteren
rechten Drittel der Zunge. Die Nerven, welche verletzt wurden, sind also der
N. hypoglossus (Zunge), der N. glossopharyngeus (Schlundmuskulatur und Ge¬
schmack) und der N. vagus (Gaumen-, Schlund-* und Kehlkopfmuskulatur). Als
Ort der Verletzung ist eine Stelle im Verlauf der Nerven, wo sie in inniger
Nachbarschaft voneinander verlaufen, anzunehmen. Nach der Verlaufsrichtung
des Geschosses' — vom äußeren Augenwinkel nach den oberen Partien des
M. sternocleidomastoideus derselben Seite — ist die Läsionsstelle im extra-
kraniellen Verlauf der Nerven in der Nähe der Schädelbasis zu suchen. Im
Verlauf der vier Monate dauernden Beobachtung ist eine gewisse Besserung in
den Funktionen eingetreten, wie der fast unveränderte Befund zeigt, nicht
durch Zurückgehen der Lähmungen, sondern durch Gewöhnung und Adaption.
24*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
372
Der zweite analoge Fall betrifft einen 37jährigen Infanteriehauptmann, der
im Oktober 1914 durch ein Infanteriegeschoß am Kopf verletzt wurde. Der Ein¬
schuß befindet sich unmittelbar vor der rechten Anthelix, der Ausschuß in einer
bei aufrechter Kopfhaltung Wagrechten unmittelbar hinter dem linken Ohr. Der
Verwundung folgte eine mehrstündige Bewußtlosigkeit, aus welcher der Patient
mit schweren Symptomen von Schluck- und Sprachstörungen wieder erwachte.
Die neurologische Untersuchung mehrere Wochen nach der Verletzung ergab fol¬
genden Befund: Der Allgemeinzustand und das Allgemeinverhalten bieten keine
Besonderheiten. Die Ein- und Ausschußöffnung sind vernarbt. Der Schädel ist
nirgends druck- oder klopfempfindlioh.
Im Gebiet des Facialis sind keinerlei Störungen vorhanden. Die Pupillen
reagieren prompt, die Bewegungen der Augen sind nach allen Seiten hin frei,
kein Nystagmus.
Der rechte MaBseter kontrahiert sich beim Zusammenbeißen etwas schlechter
als der linke. Der Masseterreflex ist beiderseits deutlich vorhanden. Im Bereich der
rechten Kinnpartie nach oben bis zum rechten Mundwinkel und nach hinten bis
etwa zur Mitte der Wange findet sich eine unscharf begrenzte hypästhetische Zone.
Beim öffnen des Mundes weicht der Unterkiefer nach rechts ab.
Beim Blick in den geöffneten Mund sieht man eigentlich nur die rechte
Zungenhälfte, die Zunge scheint um ihre Längsachse gedreht zu sein. Beim Vor¬
strecken weicht sie stark nach links ab, ihre linke Hälfte ist hochgradig atrophisch,
an det Oberfläche gerunzelt und von matscher Konsistenz. Der Geschmack ist
im linken hinteren Drittel für alle Qualitäten aufgehoben.
Das linke Gaumensegel ist vollkommen gelähmt. Beim Phonieren wird nur
die rechte Pharynxhälfte innerviert. Eine kulissenartige Verschiebung ist nicht
zu konstatieren. Der Würgreflex ist außerordentlich erhöht.
Beim Schlucken weicht der Kehlkopf nach rechts ab.
Der Ansatz des M. sternocleidomastoideus an dem Sternum springt rechts in
der Buhe und bei Kontraktion deutlicher vor als links, besonders augenscheinlich
wird der Unterschied bei Schluckbewegungen. Die Kraft des linken Muskels ist
.stark herabgesetzt. Die linke Schulter steht in der Buhe tiefer als die rechte
|ind bleibt beim Heben der Arme hinter derselben bedeutend zurück.
Der die Hals- Schultergegend konfigurierende Anteil des M. cucullaris ist
links atrophisch, beim Versuch der Kontraktion springen hier nur einzelne
Bündel vor.
Die Nackenmuskulatur ist links etwas reduziert. Die Schulterblätter zeigen
keine Stellungsanomalie.
Die elektrische Untersuchung der Muskulatur ergibt folgenden Befund.
Die linke Zungenhälfte ist faradisch unerregbar, bei Reizung mit dem gal¬
vanischen Strom reagiert die Muskulatur mit träger Zuckung bei Überwiegen
der Ka. Im linken M. sternocleidomastoideus und in der Clavicularportion des
linken M. cucullaris ist faradisch bei sehr starken Strömen eben noch eine Zuokung
wahrnehmbar. Die galvanische Erregbarkeit ist gleichfalls stark herabgesetzt,
es besteht träge Zuckung und Gleichheit der Anoden- und KathodenerregbArkeit.
Im Bereich der Nackenmuskulatur und in der mittleren und unteren Portion des
M. cucullaris bestehen normale Erregbarkeitsverhältnisse.
Die Nahrungsaufnahme ist bei dem Patienten sehr erschwert. Flüssigkeiten
regurgitieren in geringen Mengen aus der Nase oder laufen in die Trachea, so
daß immerwährende Hustenstöße die Flüssigkeitsaufnahme unterbrechen. Noch
schwieriger gestaltet sich die Aufnahme fester Nahrung, da das Schlucken in¬
folge der Lähmung der Schlundmuskulatur und des Ösophagus sehr erschwert ist.
Patient ist gezwungen, die Nahrung sehr klein zu kauen, gut einzuspeicheln oder
mit Flüssigkeit zu mischen und dann in Portionen allmählich zu schlucken. Er
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
373
spürt dabei, wie sich der Bissen nach forcierten Schluckbewegungen langsam
dem Ösophagus nähert, von demselben aufgenommen wird und unter OppressionsgefÜhl
denselben passiert. Für gewöhnlich wird der Bissen nicht in seiner Gänze in
die Speiseröhre befördert, sondern es bleiben Reste im Pharynx stecken; es
sammeln sich während einer Mahlzeit allmählich derartige Mengen an, daß sie
endlich wieder durch einen Würgakt rückbefördert werden. Die eben geschilderte
schwere Störung des Schluckaktes und die Ansammlung der Speisen in diesem so¬
zusagen paralytischen Divertikel des Pharynx und teilweise des Ösophagus sind
unter Anwendung von Wismutbissen auf dem Röntgenschirme gut zu beobachten.
Die Sprache des Patienten ist näselnd, die Stimme aphonisch. Die laryn-
gologische Untersuchung ergibt eine komplette Lähmung des linken Stimmbandes
(Prof. Hajek).
Die zahlreichen schweren Lähmungen im Bereich der Hals- und Schulter¬
muskulatur sind auf eine multiple linksseitige Hirnnervenverletzung zurück¬
zuführen und zwar auf eine Lähmung des linken N. hypoglossus (Zungen¬
muskulatur), des linken N. vagus (Gaumen-, Kehlkopf-, Schlund- und Speiseröhren¬
muskulatur), des linken N. glossopharyngeus (Geschmack und Rachenmuskulatur)
und des linken N. accessorius (M. sternocleidomastoideus und M. cucullaris). Als
Stelle der Verletzung ist nach dem Gang des Geschosses — transversal durch
den Kopf etwas unterhalb der äußeren Gehörgänge — die Gegend außerhalb
des linken Foramen jugulare und Foramen N. hypoglossi anzunehmen, in welcher
die betreffenden Nerven, unmittelbar nach Verlassen der Foramina, noch innig
benachbart, den Erfolgsorganen zustreben. Im Verlauf der mehrmonatlichen
Beobachtung ist bisher keine wesentliche Besserung der Lähmungen eingetreten,
einzig im Gebiet des N. accessorius sind Fortschritte zum Besseren festzustellen,
indem die Kraft des M. cucullaris und M. sternocleidomastoideus, insbesondere
des letzteren, in den letzten Wochen zugenommen hat Jedenfalls ist die Prognose
hier zweifelhaft Immerhin ist zu erwarten, daß durch das vikariierende Ein¬
treten der gesunden Hälfte der entsprechenden Muskulatur, wie z. B. im
Kehlkopf, in manchen Partien ein sich der Norm nähernder Zustand der Funk¬
tion eintreten wird.
2. Einige Bemerkungen
über Feindschaftsgefühle im Kriege.
Von Priv.-Doz. Dr. med. J. H. Sohultz (Jena),
zurzeit im Felde.
Wenn ich mir erlaube, im Folgenden einige anspruchslose Beobachtungen
und Überlegungen mitzuteilen, die sich auf die Feindschaftsgefühle im Kriege
beziehen, so geschieht dies teils anknüpfender allgemeiner Fragen und teils des¬
wegen, weil die Betrachtung gerade dieser Gefühle mir ein gutes Bild des
seelischen Auf und Nieder und der Mannigfaltigkeit psychischen Erlebens in
der Front zu geben scheint Wieviel litterarisch ähnliches vorliegt, ist mir
zurzeit unmöglich festzustellen, so daß ich dieserhalb um Nachsicht bitte.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
374
Die „Feindschaftsgefühle“ stellen zweifellos ein ungemein komplexes Ge¬
bilde dar; aus der Populärpsychologie, die uns in solchen Fragen am goldnen
Gängelband der Muttersprache leitet, treten sogleich die Worte Abneigung,
Zorn, Groll, Haß und Wut herzu, dann im weiteren Sinne und hier zu über¬
gehen Empörung, Erbitterung einesteils, Gleichgültigkeit, Mißtrauen und Ver¬
achtung anderseits; sie werden nur indirekt von Bedeutung sein . 1 Die erst¬
erwähnten fünf scheiden sich zwanglos als mehr dauernde — Abneigung, Groll
und Haß — und i. a. zeitlich beschränktere — Zorn und Wut. Während in
der „Abneigung“ neben rein Affektivem meist viel Urteilsmäßiges steckt, stellen
„Groll“ und „Haß“ vorwiegend affektive Gebilde dar; beide zu Aktionen
drängend, die ihrem Gegenstände nachteilig sind, erscheint der Haß als das
freiere, ungehemmtere und ungebundenere, während der Groll, wie schon sein
finster klingender Karne andeutet, verhalten, gebändigt, in sich geschlossen
oder vor Überlegenheit des Gegners machtlos erscheint Ihm nahe steht der
„Grimm“, jetzt mehr der altertümlich poetischen Sprache zugehörig. Gegen¬
über diesen Typen der Entladungsbereitschaft findet die Explosion selbst in
„Zorn“ und „Wut“ vor allem graduell differente Bezeichnungen, die gelegentlich
auch, dann aber meist mit einem besonderen Beiworte — „stille Wut“ —,
längerdauernde Zustände darstellen.
Schon in Friedenszeiten lassen sich deutlich reaktive Feindschafts¬
gefühle von solchen scheiden, deren Auslösung zunächst unklar ist Wie
Hund und Katze lehren, scheint es eine instinktive Feindschaftsreaktion zu
geben, wobei zweifelhaft bleiben muß, ob von „Feindschaftsgefühlen“ gesprochen
werden darf; vielleicht spielen hier Sinnesempfindungen eine erhebliche
Bolle und sie leiten zu einer ersten Gruppe menschlicher Feindschaftsgefüble.
Es ist namentlich durch sexualpsychologische Untersuchungen erwiesen, daß
intensive Abneigungen oft bewußt oder unbewußt durch Sinnesempfindungen
einfacher, besonders olfaktorischer Art begründet sind. „Ich kann den Menschen
nicht riechen“ ist eine alltägliche Wendung, die in ihrer symbolischen Rück¬
übertragung auf menschliche Verhältnisse oft wörtlich genommen werden darf,
und es bedarf nur irgend einer Verschränkung menschlicher Gemeinschaft, um
aus einer solchen zum Teil dem Gebiete des Ekels zugehörigen Gleichgültigkeit
oder Abneigung auf einer oder beiden Seiten intensive Feindschaftsgefühle ent¬
stehen zu lassen.
Wie hier physische, so können auch psychische Eigenheiten Feindschafts¬
gefühle auslösen; viele Phlegmatiker sind Sanguinischen gegenüber feindlich
eingestellt und umgekehrt; hier liegt eine Wurzel des „Rassenhasses“. Auf
Fremdartiges ganz allgemein feindlich zu reagieren ist eine häufige Erscheinung,
selbstverständlich wieder ungemein komplexer Art.
Neben diesen reaktiven Feindschaftsgefühlen bestimmten Dauerattributen
gegenüber bilden sich auch Feindschaftsgefühle auf einzelne Erlebnisse, Worte,
1 Die passiven Feindschaftsgefüble: Furcht, Angst, Grauen, Schrecken usw. lasse ich
hier unbeachtet.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
375
Handlangen usw. bin; sie liegen in dem Rachemechanismus begründet and be¬
dürfen keiner näheren Erörterung.
Im einzelnen Falle, so beim Klassenbaß, beim Parteibaß usw. finden sieb
in dem Haßobjekt meist Eigenschafts- und Handlungsmotive gemischt Die
Dame der Gesellschaft, die in Abendtoilette eine Arbeiter-Elektrische betritt,
übt durch diese Handlung eine gewisse Provokation und als Reaktion wird ihr
in all und jedem der belle Haß oder dumpfe Groll entgegentreten; dieselben
Leute, die jubeln, daß „unser Kronprinz“ so schön zu Pferde sitzt, werden ihr
die Garderobe mißgönnen. Denn die Dame der Gesellschaft ist nicht „unser“,
sie gehört zu „den Reichen“. Daß dies häßliche Friedensbild jetzt von dem
lodernden Feuer allgemeinster Begeisterung überstrahlt, ja 'zeitweise ausgelöscht
ist, darf nicht hindern, seiner hier zu denken. Die kleine Überlegung von
„unser“ und „nicht unser“ führt auf die Eigenheiten des Trägers der Feind¬
schaftsgefühle.
Feindschaftsgefühle sind auf ein Subjekt gerichtete Unlustgefühle mit
Tendenz zur Abwehr. Darin liegt bereits gegeben, daß derartige Gefühle rein
endopsychisch sich entwickeln können, wie es die paranoide Veranlagung zeigt;
Vielleicht oft hier so, daß bei subjektivem Insuffizienzgefühl der unter diesen
Bedingungen doppelt überlegen wirkende Mitmensch als intensive Unlust¬
quelle gehaßt wird, so daß seinen „Übergriffen“ dauernd und häufig degenerativ-
raffiniert entgegengearbeitet wird. Auch ein erhöhter Grad allgemeiner Irri¬
tabilität, der alle oben angedeuteten Divergenzen verstärkt fühlbar macht, wird
die gleiche Eignung zur Feindschaftsbildung ergeben. Nicht anders die be¬
schränkte „verbissene“ Einstellung auf bestimmte Anschauungen, wie sie oft
als unbewußte Selbsthilfe zu beobachten ist und das Individuum bei jeder
leisesten Berührung dieser Dogmen defensiv, ja oft aus der Unbeirrbarkeit des
Vorurteils aggressiv werden läßt. Es findet sich hier der Übergang zu „Komplex“-
Feindschaftsgefühlen. Neben diesen zu Dauer-Feindschaftsgefühlen führenden,
in gewissem Sinne vorwiegend „sensiblen“ Mechanismen lassen sich unschwer
mehr psychomotorisch, ablaufsmäßig funktionierende erkennen. Da entstehen
Feindschaftsgefühle aus Hemmungslosigkeit, z. B. bei Persönlichkeiten, die der
hypomanischen Veranlagung nahestehen; es geschehen schwere explosive Aus¬
brüche bei „Epileptoiden“. Endlich darf die große Schar suggestiv leicht Be¬
einflußbarer nicht vergessen werden, die sich Feindschaftsgefühle einpflanzen
lassen, um sie oft für Lebenszeit und unkorrigierbar zu behalten, die Opfer
der „Verhetzung“.
Aus diesen kurzen Andeutungen darf entnommen werden, daß i. A. Eigen¬
schaften und Handlungen des Objekts zu Feindschaftsgefühlen führen können;
beim Subjekt kann die Veranlagung erhöhte Eignung bedingen; die „Feindschafts¬
gefühle“ können dauernd und episodisch auftreten und mehr der Trieb- („In¬
stinkt-“) oder der Affekt- oder der kompleien psychischen Sphäre („Urteil“,
„Wertung“) zugehören.
Was lehren nun die Kriegsbeobachtungen?
Da ist es vor allem bemerkenswert, wie schwankend und vielfach beein-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
376
flußbar die Feindscbaftsgefühle im Kriege sind; sie stehen dadurch in einem
wesentlichen Gegensätze zu der Tiefgründigkeit und Unerschütterlichkeit der
Freundschafts- und Kameradschaftsgefühle, für die ich eine Fülle wirklich er¬
hebender Beispiele erlebte. Treue bis über den Tod hinaus, so daß z. B. kleine
Infanteriepatrouillen nachts in waldigem Gelände kilometerlange Märsche durch
feindlich besetztes Gebiet machten, um die Leiche eines gefallenen Kameraden
einzuholen. Selbstverständlich sämtlich Freiwillige! Daß solche Kameraden
ihr Leben einsetzen, Verwundete oder Eingeschlossene einzuholen, braucht nicht
besonders betont zu werden.
Auf dem Gebiete der Feindschaftsgefühle spielen zunächst die im Frieden
wirksamen Mechanismen weiter; wenn ein Kosak, um sich zu schützen, Kinder vor
sich hält, so ist die Reaktion darauf selbstverständlich und psychologisch durch¬
sichtig. Wenn friedliche Heimatdörfer rauchen, ebenso.
Wie stehen nun aber die „Feinde“ im Kriege sonst einander gegenüber?
Bei psychologischen Laboratoriumsversuchen wird oft das Unnatürliche
der Situation bemängelt; aber es dürfte kaum eine „unnatürlichere“ Situation
geben, als die im Kriege. Ganz besonders deutlich wurde das verschiedenen
Offizieren, die mir über ihre inneren Erlebnisse berichteten; so beim Wacht-
dienst, wo aus relativer Sicherheit das Nahen feindlicher Patrouillen belauert
wurde. „Meine Leute schossen, als die Patrouille auf etwa 60 m heran war
und mit sehr gutem Erfolge; ich hatte auch meinen Karabiner mit, aber ich
konnte mich nicht entschließen, diesen ahnunglos heranreitenden Gegnern Feuer
zu geben.“ Derartige Schilderungen erhielt ich mehrfach. Ein anderer Offi¬
zier, der im Walde Auto fahrend noch im letzten Augenblick das Nahen einer
stärkeren russischen Kavalleriepatrouille bemerkte, schnell stoppte, sich mit
seinen 3 Mann in den Chausseegraben warf und die Patrouille durch gut-
geleitetes Feuer zersprengte, beteiligte sich auch persönlich am Feuer und
streckte einen der Gegner durch Kopfschuß aus dem Sattel. Abends war er
deutlich affiziert und wiederholte immer wieder, es sei doch ein ganz eigen¬
artiges Gefühl, so auf einen Menschen zu schießen und noch seltsamer, einen
zu töten.
Diese Erfahrungen, denen ich noch zahlreiche entsprechende beigeselleu
könnte, haben alle ein Gemeinsames; es sind Episoden in kleinsten Verbänden,
wo der Feind als Mensch und Einzelwesen sehr deutlich ist. Hier wird die
schicksalsmäßige, allgemeinmenschliche Gemeinbeziehung fühlbar und es ent¬
wickeln sich dem „Feinde“ gegenüber fast kameradschaftliche Gefühle, wie denn
bei der Kameradschaft sicher die Schicksalsgemeinsamkeit ein wesentliches
Moment ist.
Anders, wenn „der Feind“ entweder auf Kilometer-Entfernung als ein
taktisches Sammelwesen sichtbar oder gar unsichtbar bloß in Entfernung fest¬
gestellt ist. Da schwindet jede persönliche Beziehung; der Artillerist hofft bald
„ordentlich reinhauen“ zu können, ebenso das Maschinengewehr, die Infanterie
sucht ungeduldig nach Stellungen, um das Feuer zu eröffnen, die Kavalleristen
tasten sich spähend in die Deckung vor, alles offensive, frische Bewegung. Aber
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
377
dabei habe ich von „Feindschaftsgefühlen" wenig wahrgenommen; Freude an
der eigenen Wa£fe, Wunsch, die eigene Kraft, den eigenen Mnt zn zeigen, einen
taktischen Vorteil zu erringen, das schienen mir bei Offizieren und Mannschaften
die beherrschenden seelischen Inhalte.
So darf im allgemeinen eine gewissermaßen neutrale Einstellung gegenüber
dem Feinde angenommen werden; ihre nähere Ausgestaltung reguliert sich nun
nach einer Reihe von Faktoren.
Auoh hier ist es zweckmäßig, zwischen Dauer- und Momentgefühlen zu
unterscheiden.
Das Dauergefübl dem Feinde gegenüber ist ungemein von der Kriegslage
abhängig. Ebenbürtige Qegner in taktisch unentschiedener Lage vor sich zu
haben oder zu überwinden, das läßt die Feindschaftsgefühle i. A. ruhen. Da¬
gegen werden sie in exponierten Stellungen, beim Einzelritt durchs Vorgelände
z. B., wie ich selbst oft beobachtete, und in ungünstiger Kriegslage, bei Rück¬
zugsgefechten und bei Einkreisung durch den überlegenen Feind meist schnell
wach; es ist nicht nur der Einfluß persönlicher Qefährdung oder ihres Bewußt¬
seins, der hier entscheidet, sind doch beide bei Offensivgefechten oft größer.
Es ist das Bewußtsein der Unterlegenheit, des überstarken Gedrücktwerdens;
es ist der Anblick hilflos zurückbleibender Verwundeter und vordrängender
Feinde. Nun wird der Feind zum Gegenstand intensivster Feindsohaftsgeföhle
und überall ertönt Schelten und Verwünschen. Beim Einzelvorgehen im
feindlichen Gelände entwickelt sich durch die stete Spannung und Erwartung
eine durch eigenartige Beziehungsgefühle komplizierte einseitigste Einstellung
auf das Eine, auf den Feind. Und wenn auch dem deutschen Soldaten das
Laub am Baum nicht Entsetzen zurauscht, so bleibt doch auch der schneidigste
Patrooillenführer Hunderte von Malen stehen, gebannt durch ein zunächst un¬
erklärliches Geräusch. Ja dies Verhalten teilt sich sogar vielen Pferden mit,
die öfter im exponierten Gelände gingen.
Am intensivsten sah ich Feindschaftsgefühle sich entwickeln in einer mehr¬
tägigen völligen Einschließung durch den Feind; wie da aus Hoffnungslosigkeit
und Ingrimm ein infernalischer Haß heraufwuchs, war interessant zu be¬
obachten.
Die Kriegslage in ihrem Einfluß auf die Entwicklung von Feindschafts¬
gefühlen zeigt einen weiteren, unendlich wesentlichen Gesichtspunkt zugleich:
die Stimmung.
Die Stimmung ist außer den Lebensverhältnissen durch mehr endogene
Faktoren bedingt; Veranlagung und Bildung seien noch kurz gestreift, die
auf diesem Umwege und direkt die Entstehung von Feindschaftsgefühlen be¬
einflussen.
Für die Veranlagung dürfen die Betrachtungen aus dem Frieden über¬
nommen werden; vielleicht ist der leicht hypomanische der beste Soldat. Un¬
ermüdlich, jedem Neuen offen, stets bereit zu guten und schlechten Witzen kann
er eine ganze Kompagnie beleben. Vor dem Feinde entwickelt er die ganze
Verve seiner Reaktionsweise; ein Kind des Augenblickes, spielen bei ibm im
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
378
Nu heftigste Affektstürme, und aus dem Witzbold der Kompagnie wird ein
rabiater, von leidenschaftlichen Feindschaftsgefühlen erfüllter Kämpfer im Ernst*
falle. Der mehr depressiv-gehemmte kämpft schmerzlich-pflichthaft und zäh
neben ihm; er grollt mehr und länger der ganzen Situation als dem Qegner.
Das Bildungsmoment schien besonders durch die Entwicklung der Kritik
von Bedeutung für die Entstehung von Feindschaftsgefühlen; die Offiziere standen
in überwiegender Mehrzahl neutral in einem sohicksalnotwendig gegebenen
Waffengang; dagegen verbreiteten z. B. märchenhafte Gerüchte gegnerischer
Scheußlichkeiten unter den Ungebildeten Epidemien heftiger Feindschaftsgefühle.
Wie im Frieden wirkte hier die „Verhetzung“. Vereinzelt traten auch Individuen
hervor, denen die zerstörende Tendenz des Krieges innerlich zusagte; grobe, un¬
geschlachte, meist körperlich sehr kräftige Subjekte, die in fester Führung Vor¬
zügliches leisteten 1 ; man konnte unschwer an ihnen triebhafte Feindsobafts-
regungen beobachten, die*auch in ihren Beden deutlich hervortraten. Daß
russischerseits Feindschaftsgefühle bei den Mannschaften gezüchtet wurden,
indem die Offiziere ihnen von Gefangenenverstümmelungen u. dgl. bei uns be¬
richteten, erfuhr man oft von Gefangenen.
Rückblickend darf gesagt werden, daß Feindschaftsgefühle im Kriege nach
denselben Mechanismen entstehen, wie im Frieden; Einflüsse der Kriegslage, der
Stimmung und nicht zum wenigsten der Veranlagung sind für ihre Entwicklung
entscheidend; der Ausgleich so vieler Differenzen des Friedens, die Herausgehoben-
heit aus viel Kleinlichem, die persönliche Anteilnahme an der denkbar größten
Aufgabe, der große allgemeine Zwang und die Nähe persönlicher Gefahr bedingen
so eigenartige Lebensverbältnisse, daß gesagt werden darf, der Krieg bietet
geringeren Anlaß zur Entwicklung von Feindschaftsgefühlen, als
der Frieden; dies anscheinende Paradoxon gilt für deutsche Truppen
namentlich auch dem Feinde gegenüber.
II. Referate.
Hirngeschwülste.
1) Hlrntnmordiagnosen, von Priv.-Doz. Dr. v. Malaisö. (Münchener med.
Wochenschr. 1915. Nr. 28.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. bespricht 3 Fälle von Hirntumoren:
I. Ein lljähriger Junge zeigt als erstes auffallendes Krankheitssymptom
schwere Charakterveränderungen und Abnahme der Intelligenz. Das früher heitere
Kind wird verschlossen, faul und unaufmerksam, es stiehlt den Eltern Geld, ver¬
nascht etwas und vergräbt den Best. Erst */ 4 Jahre später zeigen sich Gleich¬
gewichtsstörungen und Klagen über Kopfschmerzen. Die erste Untersuchung ergibt:
Zerebellar ataktischer Gang, doppelseitiger Babinski, rechts Zeichen leichter
spastischer Parese, beginnende Stauungspapille beiderseits bei normalem Visus usw.
7 Monate später: absolute Unfähigkeit zum Gehen, höchster Grad von Asynergie
cerebelleuse, kein halbseitiges Zerebellarsymptom. Auch die Arme zeigen leichte
* Oft vorbestrafte Leute, besonders wegen Brutalitätsdelikten.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
379
spastische Parese. Rechts ist der Mundfazialis in den Bereich der Parese mit
einbezogen usw. Rechts StaunngBpapille sehr ausgeprägt, links beginnende Seh¬
nervenatrophie. Psychisch stärker stuporös. Erhöhte Neigung zu lachen. Aus¬
gesprochene Apraxie der linken Hand. Die Diagnose schwankte zwischen einem
Tumor des Yermis cerebelli und einer Stirnhirngeschwulst. An letztere war u. a.
zu denken wegen der frühzeitigen psychischen und intellektuellen Veränderungen,
wegen des späten Einsetzens der allgemeinen Hirndrucksymptome und der wenig
charakteristischen, teilweise direkt irreführenden Nachbarschaftssymptome, indem
nur der Mundast des Fazialis befallen war; wegen der ausgesprochenen links¬
seitigen Apraxie mußte man an die Umgebung deB Balkens denken. Die be¬
ginnende Atrophie des Sehnerven drängte zur Dekompression. Es wurde infolge¬
dessen in der Gegend des linken Stirnhirns ein Hautknochenlappen angelegt und
eine Ventrikelpunktion angeschlossen. 3 Tage danach erfolgte der Exitus. Die
Sektion ergab ein abnorm großes Gehirn. Es findet sich dann ein äußerst zell¬
reiches Sarkom im Kleinhirn, der Balken ist überall äußerst verdünnt, bis zu
1 mm.
II. 15jährige8 Mädchen, das seit 14 Tagen über heftige, zeitweise exazer-
bierende Kopfschmerzen mit mehrfachem Erbrechen klagt. Seit dieser Zeit
schwankend, unsicherer Gang, Nachlassen im Rechnen in der Schule, vorübergehend
Doppelsehen. Die Untersuchung ergibt sehr ausgesprochene doppelseitige Stauungs¬
papille, linksseitige Abduzenslähmung, Nystagmus horizontal» und verticalis, auf¬
fallend langsame Sprache, stark zerebellar-ataktischer Gang, Hypotonie im linken
Arm und Bein, Fehlen der Sehnenreflexe an den Beinen, keinerlei echt spastische
Phänome, im linken Bein ausgesprochene zerebellare Bewegungsataxie und Dys¬
metrie der Bewegungen, im linken Arm Bewegungsataxie von zerebellarem Typus
und starke Adiadochokinesis. Beginn mit Temperaturen zwischen 38 und 39,2
sowie Leukozytose. Kein Vorbeizeigen links. Die Diagnose lautete: Tumor der
Rinde der linken Kleinhirnhemisphäre. Bei der Operation stößt der palpierende
Finger bei der Spaltung der linken Kleinhirnhemisphäre nicht auf einen Tumor,
die Operation wird abgebrochen. Am nächsten Tage Exitus unter plötzlicher
Atemlähmung. Bei der Obduktion fällt nach Herausnahme des Gehirns ein gut
walnußgroßer Tumor aus der gespaltenen Kleinhirnhemisphäre heraus. Derselbe
fühlt sich weich an, zerbröckelt und birgt in seinem Innern eine noch ziemlich
frische, sehr ausgedehnte Blutung. Die linke Kleinhirnhemisphäre erscheint ein¬
gesunken und stark verdünnt. Auf dem Durchschnitt durch den Tumor erscheint
nahezu die ganze hintere Hälfte von einer ziemlich frischen Blutung eingenommen.
EIs handelt sich um ein gefäßreiches, äußerst zellreiches Sarkom. Durch die
Blutung ist das plötzliche Auftreten der schweren Symptome hinreichend erklärt.
Das Fieber ist eventuell durch die Resorption der Blutung zu erklären.
III. 47jährige Dame, die seit 1 */ 4 Jahren über Kopfschmerzen, amnestisohe
Aphasie, Alexie und zeitweilige Gangunsicherheit klagt. Vor */, Jahr war rechts¬
seitige, später doppelseitige Neuritis optica aufgetreten mit zahlreichen Hämor-
rhagien in der Umgebung des Sehnerveneintritts. Keine spezifische Infektion.
Pat. ist linkshändig. Die Untersuchung ergibt hochgradige doppelseitige Neuritis
optica mit zahlreichen Blutaustritten in der Netzhaut. Visus rechts erheblich
herabgesetzt, links weniger. Amnestische Aphasie, Paraphasie, starke Alexie,
Parese des rechten Abduzens, Doppelbilder, Hemianopsia bilateral» homonym a
dextra usw. Die Diagnose lautete auf einen Tumor im oberen Teile des Schläfen¬
lappens, nach hinten sich bis in den Gyrus angularis erstreckend. Trotz der
Linkshändigkeit wird die Geschwulst links angenommen mit Rücksicht auf die
Hemianopsie, die aber dann der Augenarzt anfangs nicht bestätigen konnte. Als
sie sich als zu Recht bestehend erwies, wurde die Operation zweizeitig ausgeführt.
Ein Gliom wurde teilweise nach Eingehen über dem linken Schläfenlappen ent-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
380
ferat. Der Prozeß macht seitdem Fortschritte. Von Interesse ist, daß die Seiten¬
diagnose sich bestätigte.
2) Zur Diagnostik und Therapie der Gehirntumoren, von F. Eichelberg.
(Deutsche Zeitscbr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Uendel.
Tabellarische Übersicht über 43 Fälle von Hirngeschwulst. Verf. kommt zu
folgenden Schlüssen:
1. Die Diagnose eines Gehirntumors im allgemeinen können wir schon ver¬
hältnismäßig frühzeitig stellen.
2. Bei der Lokaldiagnose bestehen zum Teil noch recht erhebliche Schwierig¬
keiten. In sehr vielen Fällen kann der Tumor erst richtig lokalisiert werden,
wenn er eine gewisse Größe erlangt hat. In 70 bis 80°/ o der Fälle ist eine
richtige Lokaldiagnose zu stellen.
3. Die Zahl der Gehirntumoren, welche gut lokalisiert werden können, dem
operativen Eingriff zugänglich sind und operativ radikal entfernt werden können,
sind nur sehr gering. Die Zahl derartig günstig liegender Fälle ist m. E. auf
höchstens 5°/ 0 zu schätzen.
4. Pathologisch-anatomisch sind die meisten Gehirntumoren Sarkome und
Gliome.
5. Sobald eine Lokaldiagnose mit einiger Wahrscheinlichkeit gestellt werden
kann und der Tumor einer Operation zugänglich ist, muß versucht werden, den
Tumor durch Operation radikal zu entfernen.
6. In allen übrigen Fällen ist man berechtigt, erst durch interne Behandlung
(Quecksilber und Jod) zu versuchen eine Besserung zu erzielen. Tritt unter einer
solchen Behandlung eine Verschlimmerung ein und nimmt insbesondere die
Stauungspapille zu bzw. die Sehschärfe ab, so muß zur Paliativtrepanation ge¬
schritten werden.
7. Spezifisch syphilitische Neubildungen sind zunächst mit Quecksilber und
Jod zu behandeln. In den wenigen Fällen, in denen man hiermit nicht zum Ziele
kommt, muß auch hier operativ eingegriffen werden.
3) Die Diagnostik und Therapie der Hirngesohwülste, von L. M. Pussep.
(Öasopis Seskych. 16k. LIII. S. 1335 u. 1916.) Ref.: J. Stuchlik.
Verf. macht in seinem Vortrage auf die Schwierigkeiten der Differential-
diagnose der Hirntumoren aufmerksam. Charakteristisch ist für Hirntumoren,
wenn nach dem Merkmale der gestörten Tätigkeit des betreffenden Hirnnerven
auch seine Lähmung oder seine Parese folgt. Der Fortgang der Merkmale dient
hauptsächlich dann, wenn die Lokalmerkmale vor den Merkmalen allgemeineren
Charakters erscheinen, als kennzeichnend für die Hirntumoren im Gegensatz zu
den Schädeltumoren. Die beste Therapie ist wohl die chirurgische; die anti¬
syphilitische Therapie kann auch ganz gute Resultate verzeichnen, aber darf nur
etwa 6 Wochen angewandt werden. Wenn in dieser Zeit die subjektiven und ob¬
jektiven Merkmale an der Intensität nicht abgenommen haben, dann muß sie der
Chirurgie Platz machen. Zahlreiche operative Mißerfolge zählt Verf. nur dem
Umstand zu, daß die Chirurgen die Neurologie nicht genügend beherrschen und
stellt die Forderung auf, daß nur die Neurologen operieren sollten. Der Fort¬
schritt der Neurologie bringt es auch mit sich, daß in seinem Gebiete die Neuro¬
logen auch chirurgisch ausgebildet werden müssen, wie es schon zum Teil in
Rußland, durch Einrichtung einer neurochirurgischen Klinik zum Ausdruck ge¬
kommen ist.
4) Beitrag zur Klinik und Pathologie der Hirngeschwülste, von Emil Mat-
tauschek. (Jahrb. f. Psych. u. Neur. XXXVI. 1914. Wagner v. Jauregg-
Festschrift.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. bespricht mehrere Fälle von Hirntumor. I. Hirngeschwülste der hin¬
teren Schädelgrube ohne Stauungspapille: Fall 1: Kleinhirntumor, weich, stark
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
381
• vaskularisiert, infiltrativ wachsend. Gerade dies letztere Moment scheint an dem
Fehlen der Stauungspapille schuld zu sein. Fall 2: Tumor des 4. Ventrikels ohne
StauuDgspapille. Der Mangel der letzteren findet vielleicht am ehesen seine Er¬
klärung darin, daß es sich lange Zeit vorwiegend um passagere Verlegungen des
For. Magendie gehandelt hat, und daß der infiltrativ wachsende Tumor weniger
geeignet war, Dauerdruckerscheinungen schwerer Art zustande kommen zu lassen.
II. Kavernom im Gehirn; der mitgeteilte Fall stellt einen Thalamustumor dar,
dessen klinische Symptome wenig ausgesprochen waren, insbesondere fehlten atak¬
tische, choreatische oder athetotische Erscheinungen völlig. Die Symptomlosigkeit
des großen Thalamusherdes läßt sich aus der histologisch ersichtlichen Adaptierung
und Verdrängung der nervösen Substanz durch die Geschwulst erklären.
5) Ein Fall von Gesohwulstbildung im Gehirn und in den welchen Häuten
des gesamten Zentralnervensystems, von F. Lahmeyer. (Deutsche Zeit¬
schrift f. Nervenheilk. XLIX. 1913. H. 4 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Kasuistische Mitteilung: Es handelte sich um ein Glioma sarcomatodes im
Gehirn und in den weichen Hirnrückenmarkshäuten mit doppelseitigem Exoph¬
thalmus und Gelbfärbung des Liquor cerebrospinalis, welch letztere sowohl bei
diffuser Geschwulstbildung der Häute wie auch bei zirkumskripten Tumoren des
Hirns und Rückenmarks Vorkommen kann. Berücksichtigung der bisherigen
Literatur über diffuse Sarkomatose und Gliomatose der Häute.
0) Zur Klinik der Differentialdiagnose der Hirntumoren, von v. Wieg-
Wickenthal. (Jahrb. f. Psych. u. Neur. XXXVI. 1914.) Ref.: Pilcz.
In der vorliegenden Arbeit werden unter Anführung klinisch und anatomisch
genau untersuchter Fälle von Hirntumoren einzelne Verlaufsweisen derselben, be¬
sonders diejenigen, die unter dem Bilde der Korsakoffschen Psychosen und unter
Paralyse ähnlichen Symptomen auftreten, eingehend behandelt und daran an¬
schließend einzelne differentialdiagnostische Erwägungen besprochen. Bezüglich
der Differentialdiagnose zwischen Hirntumor und Atheromatosis cerebri kommt
Verf. zu folgenden Schlußsätzen:
1. Bei jeder unzweifelhaft vorliegenden Hirnatheromatose ist auch bei den
anscheinend schwersten Tumorsymptomen bezüglich der Diagnose Tumor cerebri
immer die größte Vorsicht geboten.
2. Die Stauungspapille hat keinen absolut differentialdiagnostischen Wert.
3. Rapider Verlauf, Abmagerung, starke Kachexie, vorherrschende Somnolenz
im Verlaufe eines fraglichen Hirnleidens sprechen für Tumor cerebri.
4. Gewöhnliche und Jackson-Epilepsie, Status bemiepilepticus und die ver¬
schiedensten zerebralen Herd- und Reizerscheinungen kommen beiden Krankheits¬
zuständen zu, so daß uns in einzelnen schwierigen Fällen eine sichere Differential¬
diagnose derzeit überhaupt unmöglich ist.
In einem besonderen Abschnitt wird dann die Differentialdiagnose zwischen
Tumor cerebri und Meningitis serosa und dieser verwandten Krankheitszuständen
erörtert (Friedmannscher Symptomenkomplex, Hirnschwellung, intermittierende
Hydrozephalie, Pseudotumor usw.).
Zum Schlüsse werden noch bezüglich Differentialdiagnose gegen Tumor cerebri
gewisse Formen nicht eitriger Enzephalitis, bestimmte Verlaufsarten von multipler
Sklerose und Lues cerebri, die Sinusthrombose und das Duralhämatom und endlich
gewisse zerebrale Zustandsbilder bei chronischer Urämie, Epilepsie und Katatonie
kurz erwähnt.
Bezüglich der Einzelheiten muß auf das Original verwiesen werden. Fünf
klinisch und anatomisch gut studierte Fälle, deren namentlich der erste in muster¬
haft genau geführter Krankheitsgeschichte wiedergegeben ißt. Auch die aller-
jüngste Literatur ist eingehend berücksichtigt.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
382
7) Zur Differentialdiagnose zwischen Erweiohungsherd und Gehirntumor. *
Zugleich ein Beitrag zur Lehre vom Zittern bei Hirntumor, von A. Sie-
laff. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf. beschreibt folgenden Fall:
Ein ööjähriger Arbeiter, der stets gesund gewesen war, erleidet vor 6 Jahren
ein Trauma, das scheinbar ohne Folgen blieb. Seit einem Jahre erkrankte er mit
Abnahme der geistigen Kräfte und Verlust ethischer Begriffe. Sprachstörung und
Anfälle wurden bei ihm nicht beobachtet. Nach einem weiteren Unfälle tritt
eine auffallende Verschlimmerung des Leidens ein. Pat. wird stumpfer und stiller,
vermag anfangs noch zu arbeiten, bis schließlich Verblödung eintritt. Kurz vor
Aufnahme in die Klinik erleidet er eine rechtsseitige Hemiplegie. Die Unter¬
suchung läßt einen Prozeß in der linken Hemisphäre mit Beteiligung der inneren
Kapsel vermuten, und mit Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit einer homo¬
nymen Hemianopsie und sensorischen Aphasie wird die Diagnose auf einen Tumor
des linken Schläfen- und Hinterhauptlappens gestellt. Die Autopsie bestätigte
diese Diagnose.
Verf. erörtert im Anschluß hieran ausführlich die Diflferentialdiagnose gegen¬
über der progressiven Paralyse und Hirnarteriosklerose und geht kurz ein auf
das Vorkommen von Tumor bei Hirntumoren, die in seinem Falle zu beob¬
achten war.
Vorausgeschickt ist der Krankengeschichte eine ausführliche Darstellung der
klinischen Symptomatologie der Hirntumoren.
8) Ein Beitrag aur Differentialdiagnose zwischen Enzephalomalazie und
Tumor oerebri, von A. Haupt. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
In den fünf vom Verf. mitgeteilten Fällen war es schwierig, die Differential¬
diagnose zu stellen zwischen Enzephalomalazie und Hirntumor. Erst der weitere
Verlauf der Krankheitsfälle bzw. die Sektion ergaben die richtige Diagnose.
In Fall I schien die Diagnose Hirntumor gesichert, als deutliche Stauungs¬
papille ausgebildet war. Auch die anderen Krankheitserscheinungen sprachen
sämtlich für Hirntumor und doch zeigte sich bei der Sektion eine Hirnerweichung.
In Fall II und III ließ die klinische Beobachtung ebenfalls längere Zeit auf
das Vorhandensein eines Tumors schließen. Erst der Ausgang in Besserung bzw.
Heilung machte diese Diagnose zu nichte und zeigte, daß es sich um Gefäßprozesse
mit Hirnerweichung gehandelt haben muß.
Die beiden letzten Fälle boten klinisch das ausgesprochene Bild der Hirn¬
erweichung auf arteriosklerotischer Grundlage dar. In beiden Fällen wurde erst
durch die Sektion die wirkliche Krankheit, ein Trauma, aufgedeckt.
9) Le alterazioni Istologiohe antecedenti alla papilla da staai, per G. Pe-
tronio. (Pathologica. V. 1913.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Schlußsätze:
1. Bei den Fällen von Gehirntumor, bei welchen eine Stauungspapille noch
nicht zur Entwicklung gekommen, ist ein erhebliches kleinzelliges Infiltrat der
Optici vorhanden. Dieses Infiltrat kommt infolge einer veränderten Permeabilität
der Gefäßscheiden zustande.
2. Im Krankheitsstadium, in welchem die Stauungspapille noch nicht auf¬
getreten ist, gibt sich die Lymphstauung im intervaginalen Raum nioht deutlich
kund: sie ist dagegen im ganzen interfaszikulären und perivasalen Lymphsystem
der Optici deutlich zu sehen.
3. Trotz der beschriebenen Läsionen läßt sich weder eine primäre noch eine
sekundäre Degeneration der Nervenfasern nachweisen.
10) La neurite ottioa nel deoorao dell’allattamento, per D. Zani. (Riv. ven.
di Scienze mediche. LIX. 1913. H. 4.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Mitteilung eines typischen Falles. Die bilaterale optische Neuritis trat bei
Digitized by
Go .gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
383
einer ganz gesunden 25jährigen Frau etwa 3 Monate nach der Geburt ein. Un¬
regelmäßige Gesichtsfeldeinengung: für Rot und Grün blieb sie naoh der Genesung
beständig. Letztere trat innerhalb etwa \ l j % Monaten ein. Wahrscheinlich hängt
das Zustandekommen der Neuritis von einer Autointoxikation ab, die mit dem
Stillen einhergeht.
11) Die hemianoplsohe Pupillenreaktion, ihre physiologische Grundlage
und ihre lokaldiagnostisohe Bedeutung, von E. Schlesinger. (Zeitschr.
f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 4 u. 6.) Ref.: G. Stiefler.
Verf. hat seine Untersuchungen auf hemianopische Starre mit dem nach
seinen Angaben von der Firma Carl Zeiss in Jena gebauten Peripupillometer aus¬
geführt. Er berichtet zunächst über 3 Fälle (Gumma im Verlauf des Tractus
opticus, Neubildung des Thalamus und seiner Umgebung, Schußverletzung im Um¬
kreis des Thalamus), bei denen die Lokaldiagnose nur durch den einwandfreien
Nachweis der hemianopischen Reaktion möglich war, ferner über 2 Fälle von
bitemporaler hemianopischer Starre bei Erkrankungen der Hypophyse und faßt
die Ergebnisse seiner Untersuchung dahin zusammen:
1. Der Untersuchung auf hemianopische Pupillenstarre hat die Feststellung
des Schwellenwertes sowie die Messung des reflexempfindlichen Bereichs der Retina
vorauszugehen.
2. Der Schwellenwert bei Tractushemianoptikern ist erhöht; diese Erhöhung
ist hauptsächlich auf dem der Hirnlokalisation gegenüberliegenden Auge aus¬
gesprochen.
3. Dem Behr sehen Zeichen, Erweiterung der Pupille des dem Herde gegen¬
überliegenden Auges gebührt für die Diagnose der Tractushemianopsie ein patho-
gnomonischer Wert.
4. Der hemianopische Ausfall ist auf der dem Herde gegenüberliegenden
Seite größer als auf der gleichseitigen.
5. Bei den durch Hypophysenerkrankungen hervorgerufenen bitemporalen
Hemiakinesien besteht eine Pupillendifferenz nicht.
12) Gehirngesohwulst mit Gesiohtshallusinationen und Makropsie, von
ArnoldJosefson. (DeutscheZeitschr.f.Nervenheilk. XLIX. 1913. H.4bis6.)
Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Gliom im linken Okzipitallappen und dessen Umgebung. Von Sym¬
ptomen sind besonders zu nennen: Hemianopsie, optisch-aphasische Störungen, Ge¬
sichtshalluzinationen (Pat. sah braune Sterne, Blätter und Ringe im hemianopischen
Gesichtsfeld); zeitweise sah Pat. die Gegenstände größer, als diese ihrer Erfahrung
nach hätten sein dürfen: „das Zimmer wird so groß, der Arzt so hoch, sein Ge¬
sicht so vergrößert. 1 ' Das Vermögen, Abstand, Tiefe und Perspektive zu be¬
urteilen, ist herabgesetzt.
Wir haben es also im vorliegenden Falle mit einer zentralen Makropsie zu
tun; sie kommt nicht ganz selten während der Aura bei Epileptikern vor. Sie
kann — wie eine Reihe von Fällen aus der Literatur und Verf.’s Fall dartun —
bei Läsion im Okzipitallappen entstehen. Wahrscheinlich handelt es sich um eine
zentrale Umarbeitung im Hinterhauptslappen von der Auffassung der Größe der
Gegenstände; für diese Annahme spricht auch ein von Oppenheim veröffentlichter
Fall, der zeigt, daß das Symptom der Makropsie nicht als ein Zeichen einer par¬
tiellen Seelenblindheit aufgefaßt werden darf.
13) Augensymptome bei Gehirntumoren, von H. Hebenstreit. (Inaug.-
Dissert. Leipzig 1913.) Ref.: K. Boas.
Verf. gibt eine sehr gründliche Bearbeitung in monographischer Breite
(114 Seiten) von 48 Fällen von Gehirntumoren aus der Leipziger medizinischen
Universitätsklinik mit besonderer Berücksichtigung des okulistischen Befundes.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
384
Eine ausführliche Besprechung der zahlreichen im Original nachzulesenden Detail¬
angaben ist an dieser Stelle leider nicht möglich.
14) Beitrag zur Frage der Hörstörungen bei Erkrankungen der zentralen
Hörbahn und des Acusticusstammes mit besonderer Berücksichtigung
eines Falles von Kleinhirnbrüokenwinkeltumor, von H. Rhese. (Beitr.
zur Anatomie, Physiologie, Pathologie u. Therapie des Ohres, der Nase und
des Halses. VII. 1914. ü. 4 u. 5.) Ref.: Kurt Hendel.
4 Fälle werden mitgeteilt: 1. Kleinhirn brücken winkeltumor, 2. Bluterguß in
Kleinhirnbrückenwinkelgegend nach Kopftrauma, 3. Apoplexie mit Beteiligung der
Hörbahn, 4. wahrscheinlich beginnende Erkrankung des Acusticusstammes bzw.
der zentralen Cochlearisbabn.
Schlußfolgerungen: Ist das Krankheitsbild der nervösen Schwerhörigkeit mit
einem Defekt der unteren Tongrenze kombiniert, so ist, wenn eine Mittelobr-
erkrankung ausgeschlossen werden kann, an eine Erkrankung des Acusticusstammes
oder der zentralen Hörbahn zu denken. Für die Frühdiagnose der Erkrankung
oder Beteiligung des Acusticusstammes ist es von besonderer Wichtigkeit, bei der
Fahndung nach vestibulären Symptomen die galvanische Untersuchung nicht zu
unterlassen. Im übrigen ist der Sitz der Hörstörung lediglich aus den Begleit¬
erscheinungen zu erschließen.
16) Tnberkolom des Gehirns, von F. Ninger. (Öasopis öeskych 16k. LIIL
1914.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich).
Verf. beschäftigt sich mit der Frage, in welchem Falle die Symptomatologie
des Hirntumors das Bild einer intrakraniellen Komplikation der Otitis media Vor¬
täuschen kann, d. h. wie könnte man differentialdiagnostisch Hirntumor von Hirn-
abszeß unterscheiden. In der Literatur wurde ziemlich häufig das gleichzeitige
Vorkommen eines Tumors — in den meisten Fällen tuberkulöser Natur — mit
eitriger Otitis verzeichnet, ohne daß man auf die Ätiologie der Erscheinung näher
eingegangen ist. Verf. reiht zu den 12 bisher beschriebenen Fällen seine zwei
Beobachtungen, bei welchen intra vitam die Diagnose auch mit Hilfe der Trepa¬
nation nicht gestellt werden konnte, weil das Bild der freigelegten Hirnpartie
vielmehr an Meningitis serosa circumscripta erinnerte. Differentialdiagnose ist
heute nicht möglich; in der Praxis muß man, nachdem Abszeß ausgeschlossen ist,
in erster Reihe an tuberkulöse Erkrankung denken und zur Trepanation raten,
weil diese chirurgische Behandlung noch dem Pat. das Leben retten kann.
16) Tuberoulomes multiples du oerveau et des mdninges, par Rautier et
Baumei. (Nouv. Iconogr. de la Salpetr. 1913. Nr. 5.) Re£: E. Bloch.
25jährige Kranke. Sie hat eine Entbindung mit Fieber durchgemacht, kein
Trauma, keine Heredität. Aufgenommen wegen heftigen, intermittierenden, bald
tags, bald nachts heftiger werdenden Kopfschmerzen. Seit einem Monat Steigerung
derselben unter Fieber. Sie hat Krampfanfälle; Vorläufer: inkoordinierte Be¬
wegungen in oberen und unteren Extremitäten, ohne Bevorzugung einer Seite. Dann
Bewußtseinsverlust mit Zungenbiß, Schaum vor dem Munde und Urinabgang.
Dauer einige Minuten, es bleibt keine motorische Störung im Arm, Bein oder
Gesicht zurück. Leichte Schmerzen in der Nierengegend. Seit 14 Tagen eine
Abnahme des Sehens, keine Diplopie oder Amblyopie, nur ein leichter Grad von
Amaurose. Gedächtnis erhalten, aber Merkfähigkeit stark abgeschwächt. Kein
Husten oder Auswurf, über den Lungen perkutorisch und auskultatorisch nichts zu
konstatieren, nur eine leichte Dyspnoe ist vorhanden. Gute Verdauung, aber
Appetitlosigkeit. Die Kranke muß häufig Urin lassen, 0,2 °/ 0 Albumen. Men¬
struation regelmäßig.
Status: Dürftiges, kachektisches Aussehen. Totale Fazialislähmung links.
Gang geht ohne Schwierigkeiten, Händedruck links schwächer wie rechts. Reflexe
sehr stark; Babinski positiv. Linke Pupille weiter wie die rechte, träge Reaktion.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
385
Sensibilität o. ß., Kernigscher Reflex positiv. 92 Pulse, Kardiasthenie, kein
Zeichen an den Lungen. In der Folgezeit zeigt sie etwas höhere Temperaturen.
Blasenlähmung. Die Kopfschmerzen lassen nach einer Lumbalpunktion etwas nach,
Stuhl erfolgt selbst nicht nach einem sehr hohen Einguß.
Nach 3 Wochen Exitus.
Autopsie: Im Niveau des 7. Brustwirbels eine eitrige Masse, vom Wirbel¬
körper ausgehend und die Arachnoidea vorwölbend. Sie hat auf diesem Gebiet
den vorderen Teil des Rückenmarks zerstört. Etwa 100 g Flüssigkeit entleert
sich auf Öffnung des Rückenmarkskanals. Das Rückenmark selbst sieht ulzeriert
und angefressen aus. Dura stark verdickt. Auf ihrer Oberfläche drei Neubildungen
von der Größe je einer Weintraube. Der 7. Wirbelkörper ist ganz zerstört und
der Eiter hängt in den Wirbelkanal hinein wie in eine Tasche. Die darüber¬
und darunterliegenden Wirbel sind intakt.
Das Gehirn bietet zunächst nichts abnormes; keine Exsudation an der Basis;
nur hat man beim Betasten das Gefühl rundlicher Körper an einzelnen Stellen;
dasselbe Gefühl hat man beim Medianschnitt.
Aus dem Thalamus opticus kann man eine etwa nußgroße Masse heraus¬
schälen. Nuoleus caudatus und Corpus striatum normal. Aus der rechten Hemi-
sphäre schält man ein Dutzend ähnliche Körper heraus. Sie sitzen meistenteils
in der Regio occipitalis, einige im Niveau der aufsteigenden Zentralfurche in der
Nachbarschaft der Fissura Rolandi, wo sie die Zentren für das Gesicht und obere
Extremität einnehmen. Zwei andere sitzen im Lobus frontalis. Der Temporal¬
lappen ist frei, ebenso ist die linke Hemisphäre ganz normal. Eine Neubildung
von der Größe einer Erbse sitzt im rechten Lappen des Kleinhirns.
In den Lungen und auf dem Peritoneum eine Aussaat von Knötchen.
Eine mikroskopische Untersuchung ergab den tuberkulösen Charakter der
Neubildungen mit zahlreichen Koch sehen Bazillen.
17) Volnmineux gliome da lobe frontal, par L. B6riel et Ch. Gard&re.
(Lyon chirurgical. IX. 1913. S. 504.) Ref.: K. Boas.
Der von den Verff. klinisch und pathologisch-anatomisch genau untersuchte
Fall — einen 33jährigen Tierhüter betreffend — ist in mehrfacher Hinsicht von
Interesse:
Außer dem Umfang der gliomatösen Pseudozyste des Scheitellappens bot der
sonstige pathologische Befund nichts von der Norm Abweichendes, wirft auch
kein neues Licht auf die Pathogenese, auf die der eine der Verf. (Bäriel) an
anderer Stelle (Arch. de m£d. experiment. et d’anatomie pathologique 1913) aus¬
führlich eingegangen ist.
In klinischer Beziehung äußerte sich die Geschwulst in Gestalt einer all¬
gemeinen Epilepsie, welche während dreier Jahre als einziges Symptom das Krank¬
heitsbild beherrschte. Im letzten Monat vor dem Exitus trat dazu eine terminale
progressive Hemiplegie, welche in symptomatischer Hinsicht ganz klassisch verlief.
Fälle, wie der von den Verff. beobachtete, sind folgendermaßen zu erklären:
Entweder entwickeln sich echte Gliome sehr langsam und produzieren in den
allerersten Stadien bereits epileptogene Sekretionen oder Zellveränderungen; oder
umgekehrt die Veränderungen des zerebralen Gewebes, welche eine Epilepsie aus-
lösen, begünstigen das Auftreten von gliomatösen Neubildungen. In diesem Falle
ist der Tumor lediglich eine Komplikation der Epilepsie.
18) Sopra dae c&si di tumori interessant! i lob! frontal!, di C. Agostini.
(Annal. del Manicomoi di Perugia. 1913. Fase. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch.
Es werden zwei Stirnhirntumoren beschrieben. Bei dem einen Fall fand sich
ein Sarkom der Dura mater in der vorderen Schädelgrube, das langsam fort¬
schreitend die beiden Frontallappen, insbesondere die ganze Orbitalregion und
darüberliegende weiße Substanz zerstört hatte unter Unterbrechung der anatomi-
xxxiv. 25
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
386
sehen Bahnen der Gyri frontales snpremus und medius, welch letztere selbst auf
eine dünne, dem Tumor wie eine Haube aufbitzenden Schieht von grauer Substanz
reduziert waren. Klinisch fanden sich bei diesem Fall, außer einer Aufhebung
des Geruchs- und Gesichtssinns, lediglich Störungen der psychisohen Sphäre, die
mit einem Nachlassen der Aufmerksamkeit und des Vorstellungslebens und be¬
sonders mit einer Verschlechterung des Gedächtnisses und einer Charakterverände¬
rung im Sinne einer erhöhten Erregbarkeit, einer auffallenden Affektlosigkeit und
einer fortschreitenden Willensschwäche begannen. Bei dem anderen Fall fand
sich ein Osteosarkom der vorderen Schädelgrube, das, langsam fortschreitend, be*
sonders den den Gyri recti entsprechenden Teil der Regio orbitalis und die dazu¬
gehörige weiße Substanz zerstört hatte. Klinisch war eine Spätepilepsie infolge
von Hirnarteriosklero8e diagnostiziert worden, da, außer epileptischen Anfällen,
als am meisten hervortretende Erscheinung eine Charakterveränderung eintrat,
die sich in einer auffallenden Erregbarkeit, einer Energiehemmung und einer
völligen ethisohen Verwandlung mit ausgesprochener Neigung zu verbrecherischen
Handlungen äußerte.
Aus der Betrachtung dieser Fälle werden folgende Schlüsse gezogen: Bei
Fällen von Läsion oder Tumoren der Lobi praefrontales sind gewöhnlich Störungen
der psychischen Sphäre vorherrschend; insbesondere beobachtet man eine allgemeine
fortschreitende Schwachsinnigkeit, Störungen des Gedächtnisses, der Auffassung,
der Ideenassoziation, eine Herabsetzung der Aktivität und eine Charakterverände¬
rung, ganz der von Bianchi vertretenen Ansicht entsprechend« Diese psychischen
Erscheinungen wechseln an Intensität und Art und äußern sich mehr oder weniger
langsam, je nach dem Teil des Lobus praefrontalis, der ergriffen ist Im allge¬
meinen ist, je ausgedehnter die Läsion, besonders am linken Pole, ist, der In¬
telligenzdefekt desto größer; erstreckt sich die Läsion auf beide praefrontales, so
nehmen die geistigen Fähigkeiten immer mehr ab, so daß schließlich eine völlige
Demenz resultiert. Ist die Läsion auf die Gyri recti beschränkt, so entsteht eine
Veränderung des Charakters, besonders im Sinne einer Umwandlung des ethischen
Gefühls. Auf die kriminelle Bedeutung der Stirnhirnläsionen wird ganz besonders
hingewiesen.
19) Tumore del lobo frontale del oervello oon papilla da stasi oontro-
laterale, per G. Dal Lago. (Riv. veneta di Scienze med. LVIH. 1913.
H. 11.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Krankheitsdauer etwa 4 Monate. Starke Lymphozytose der Zerebrospinal¬
flüssigkeit, Wassermann sehe Reaktion negativ. Parese des linken unteren Fazialis,
Parese des linken Abduzens. Kein Babinski. Patellarreflex beiderseits lebhaft.
Keine Sensibilitätsstörungen. Hypoosmie links. Augenhintergrnnd: links normal,
rechts war die Papille etwa 3 mal größer wie normalerweise. Der Befund erinnert
an denjenigen (Blutungen usw.), den man bei der Retinitis albuminurica beobachtet.
Die Tatsache, daß der Visus gut war, dürfte zugunsten einer Stauungspapille
deponieren. Die Sektion ergab einen taubeneigroßen Tumor, der den linken
Opticus einnahm und sioh etwa 3 cm in die betreffende Hemisphäre vertiefte.
Ver£ nimmt an, daß die Tatsache, daß eine Stauungspapille sich links nicht
nachweisen ließ, auf das Vorhandensein von Verwachsungen, die zwischen Tumor
und Opticusscheide Vorlagen, zurückzuführen ist. Denn die histologische Unter¬
suchung des Tumors wies nach, daß es sich um ein Gliom handelte, welches das
Perineurium erreicht und bis in die Nervenfasern hinein sich vertieft hatte.
20) Tumore della faooia interna dei lobi prefrontali e della parte anteriore
della trave, per Fausto Costantini. (Riv. di patol. nerv, e ment. XVIII.
1913. H. 12.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Verf. teilt die Krankengeschichte eines 25jährigen Mannes mit, der auf einmal
von heftigen Kopfschmerzen befallen wurde; kurz darauf machten ßich psychische
Digitized by
Google
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
387
Störungen bemerkbar. Nach . etwa 3 Monaten Abnahme des Visus, Schwindel¬
anfälle, unsicherer Gang. 4 Monate naob Beginn der ersten Erankheitssymptome
waren folgende Symptome nachzuweisen: Stauungspapille beiderseits, leichter Ex¬
ophthalmus, hauptsächlich links; sehr leichte (rechte) Hemiparese (Steigerung der
entsprechenden Sehnenreflexe), leichte Ataxie, Visus - v, 0 . Hypoosmie rechts.
Leichte Lymphozytose der Zerebrospinalflüssigkeit; Nonne positiv. Sodann voll¬
ständige Blindheit, Nystagmus, Niktitatio; außerdem wurde Pat. von einem Jack«
son sehen Anfall (rechts) befallen. Zuletzt Ptosis beiderseits, Parese der gesamten
Augenmuskeln, besonders des rechten Abduzens; Anisokorie; aufs Licht reagierten
die Pupillen nicht Krankheitsdauer etwa 7 Monate. Die Sektion ergab ein
Gliosarkom, welches die beiden Präfrontallappen einnahm. Links war der Tumor
ausgedehnter wie rechts. Dorsal nahm er nämlich das Septum lucidum, das
Corpus fornicis, einen Teil der zentralen Balkenfaserung und des vorderen Endes
des Nucleus caudatus ein. Verf. stellt einige allgemeine Schlußsätze auf, die auf
die Symptomatologie der Tumoren sich beziehen, welche die oben angedeutete
Lokalisation aufweisen.
21) Oase of 8uboortieal cerebral tumour, by George Hall and H. Brunton
Augus. (Lancet. 1913. 8. März.) Bef.: E. Lehmann (Oeynhausen).
Ein bis dahin gesunder Patient hatte seit einem Jahre an Kopfschmerzen in
der linken Stirnseite und rechtsseitiger Jacksonscher Epilepsie gelitten, wegen
welcher er zweimal ins Hospital aufgenommen wurde, ohne daß man bei dem
Fehlen sonstiger Symptome die Ursache der halbseitigen Krämpfe feststellen konnte.
Als Pat. zum 3. Male aufgenommen wurde, waren die halbseitigen Krämpfe an¬
geblich stets in kürzeren Zwischenräumen wiedergekehrt und hatte Pat. zweimal
dabei auch das Bewußtsein verloren.
Es bestand jetzt leichte Parese der rechten Extremitäten; die rechtsseitigen
Keflexe waren erhöht und zeitweilig bestand rechterseits Babinski. Berührungs¬
gefühl am rechten Bein gegen links etwas abgeschwächt. Beiderseits Neuritis
optica, links in höherem Grade.
Es wurde die Diagnose auf subkortikalen Tumor im Bereioh der linken
motorischen Region gestellt.
Nach der vorgenommenen Trepanation und öffnen der Dura sah man an der
Gehirnoberfläche nichts. Wegen profuser Sinusblutung mußte von weiterer Unter¬
suchung des Gehirns zunächst Abstand genommen werden. Tamponade der Wunde.
Unmittelbar nachher rechtsseitige Hemiplegie und artikulatorisohe Sprachstörung.
Ein Versuch, nach 5 Tagen den Tampon zu entfernen, mußte wieder wegen er¬
neuter Blutung aufgegeben werden.
Erst nach weiteren 8 Tagen gelang es, den eingeführten Tampon ohne Blutung
zu entfernen. Das Gehirn wölbte sich aus der Wunde hervor und zeigte eine
zerrissene Oberfläche. Gleichzeitig sah man unterhalb der lazerierten Partien eine
weiß aussehende Masse, die sioh als frei beweglicher, abgekapselter Tumor erwies
{Tuberkel) und der entfernt wurde.
8 Monate nach der Operation hatte Pat. die Gebrauchsfähigkeit der rechten
Extremitäten wieder erlangt. Nur stellten sich seit einigen Wochen epileptische
Anfälle ein, wahrscheinlich infolge der an der Trepanationsstelle eingezogenen
jtdhärenten Kopf haut narben.
Der Fall illustriert, abgesehen von der Schwierigkeit der Lokaldiagnose, bei
den anfänglich geringen Symptomen die Schwierigkeit der Entscheidung für den
‘Chirurgen, den direkten Versuch zu unternehmen, den Tumor zu finden oder nur
die Dekompressionstrepanation zu machen. Im vorliegenden Falle war die Ent¬
deckung des Tumors mehr ein glücklicher Zufall.
22) Beitrag zur Lehre von den Gehirntumoren im Gebiet der Zential-
windungen, von U. Klementz. (Inaug.-Dissert. Kiel 1913.) Ref.: K. Boas.
25*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
388
Ausführliche Mitteilung der klinischen Krankengeschichte eines Falles von
Tumor cerebri in dem Gebiet der rechten Zentral- und Scheitelwindung nebst
Obduktionsbefund. Der Tod trat infolge Atemlähmung ein nach Vornahme einer
Lumbalpunktion. Dabei muß die Kompression des Bückenmarkskanals im Foramen
magnum bereits so fortgeschritten gewesen sein, daß bei der artefiziell herbei¬
geführten Druckdifferenz zwischen Schädelinhalt und Bückenmark die Medulla
oblongata noch weiter ins Foramen magnum gepreßt und so das Atemzentrum
aufs schwerste geschädigt wurde.
23) Studii Bulla semejologia dei tnmorl delle varie aone del lobo tempo¬
rale, per G. Mingazzini. (Biv. di Patol. nerv, e ment. XVIII. 1913. H. 12 )
Bef.: G. Perusini (Mailand).
Ein 46jähriger Mann bot etwa 6 Monate vor dem Tode Erbrechen, Kopf*
schmerzen, Ohrensausen links. Sodann Stauungspapille beiderseits; vollständige
sensorische Aphasie. Träge Pupillen; Strabismus oonvergens bilateralis. Spastische
Hemiparese, Hypoalgesie und Schmerzen rechts. Die Sektion ergab ein Sarkom,
welches die vordere Hälfte der unteren Partie des linken Temporallappens ein¬
nahm. Zu bemerken ist, daß dem Einsetzen der Bensorisohen Aphasie eine Amnesia
nominum voranging. Bei Geschwülsten des Temporallappens können zur Fest¬
stellung der genaueren Tumorlage folgende Kriterien verwertet werden: eine
Hemiparese und eine Hypoalgie omolateralis kommen sehr oft bei Tumoren der
hinteren Partie, seltener bei Tumoren der vorderen Partie der basalen Oberfläohe
des Temporallappens vor. Bei letzteren überwiegen dagegen häufig, nicht aber
immer, Geruchs- und Geschmaksinnsstörungen. Das Vorkommen einer Hemiplegia
alterna superior spricht zugunsten eines Tumors, der die vordere Partie der kon¬
vexen Temporaloberfläche einnimmt. Ist die genannte Lähmung bilateral und
geht Bie mit bulbo-zerebellaren Symptomen einher, so muß man annehmen, daß
die hintere Partie der konvexen Oberfläche befallen ist.
24) Gliome du oorps oalleux et du lobe parietal gauohe, par Laignel-
Lavastine et Lövy-Valensi. (L’Enc6phale. 1914. Nr. 5.) Bef.: Kurt
Mendel.
Kasuistik. Klinisch: schnell zunehmende Demenz, an Paralyse erinnernd,
aber ohne entsprechenden somatischen Befund; spastische Parese mit Klonus und
Babinski; beiderseitig motorische und ideatorische Apraxie. Exitus 36 Stunden
nach einer Lumbalpunktion. Sektion: Gliom in den beiden hinteren Dritteln
des Corpus callosum, in das Centrum ovale des Scheitellappens dringend (besonders
linkerseits); multiple Hämorrhagien in beiden Hemisphären.
Die Demenz betrachten die Verff. nicht als ein spezielles Balken-, sondern
als ein Fernsymptom. Balkenläsionen rufen im Anfang als psychische Symptome
hervor einen Mangel an Ideenverknüpfung, eine Wesenssonderheit, Beizbarkeit und
Gedächtnisschwäche für Ereignisse jüngsten Datums.
Die beiderseitige Apraxie ist bedingt durch die gleichzeitige Läsion der
hinteren beiden Balkendrittel und des Centrum ovale des linken Scheitellappens,
wobei die Scheitellappenläsion wohl die Hauptrolle spielt; die Balkenläsion ist im
vorliegenden Fall nicht erforderlich, um die Doppelseitigkeit der Apraxie zu
erklären.
Schließlich zeigt der Fall die Gefahren der Lumbalpunktion bei Hirntumoren.
25) Zur Symptomatologie der Tumoren des Soheitellappens, von W. Weise.
(Inaug.-Dissert. Kiel 1915.) Bef.: K. Boas.
Nach allgemeinen und literarischen Bemerkungen über die Symptomatologie
der Scheitellappentumoren beschreibt Verf. einen einschlägigen Fall:
Bei dem 31jährigen Patienten begann das Leiden vor 6 Jahren und zwar
ganz unter den Symptomen der Epilepsie. Außer den Krampfanfällen sprach
noch der langsame Eintritt der linksseitigen Lähmung für Hirntumor, ebenso die
Digitized b)
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
389
psychischen Störungen, der Kopfschmerz, der Schwindel und die Konvulsionen.
Dagegen fehlte die Stauungspapille, die Pnlsverlangsamung und das Erbrechen.
In den letzten Lebenstagen trat noch eine Parese der reohten Extremität ein.
Die Sektion ergab ein sehr aasgebreitetes Gliom des Scheitellappens.
20) Angioma venoaum racemoaum der linken motorischen Region, von
M. R. Castex und P. 0. Bolo. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914.
H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Angioma racemosum venosum der Pia in der linken motorischen
Region. Klinisch: rechtsseitige Hemiplegie, motorische Aphasie, Jacksonsche
Epilepsie. Heilung durch Operation.
27) Zur Kenntnis dea Angioma raoemoaum des Gehirns, von Albert Wein¬
berg. (Inaug.-Dissert. Straßburg 1914.) Ref.: Kurt Mendel.
20jährige Patientin. Mit 18 Jahren während der Schwangerschaft erster
Anfall: Zuckungen im linken Arm und Bein, linke Gesichtshälfte verzieht sioh,
Patientin fällt hin, verliert aber nie das Bewußtsein. Dauer: 4 bis 5 Minuten.
Häufigkeit sehr wechselnd; während der Schwangerschaft häufiger. Kein Zungen¬
biß. Einmal Verletzung des linken Fußes. Selten Kopfschmerzen. Die Unter¬
suchung ergibt eine linksseitige Hemiplegie mit positivem Babinski und fehlenden
Bauchreflexen. Diagnose: Apoplexia cerebri? Tod im Anfall, welch letzterer einen
Schädelbruch herbeiführte. Autopsie: Angioma arteriale racemosum cerebri (rechte
Hemisphäre). Verkalkung in den Hirnkapillaren. (Vgl. auch Oppenheims
Arbeit in d. Centr. 1913. Nr. 1.)
28) Angeioma in oerebellar pedunole: fatal intraoranial haemorrhage, by
C. W. Wirgman. (Lancet. CLXXXVI. 1914. Nr. 25.) Ref.: W. Misch.
Es wird ein Fall mitgeteilt, der außer häufigen Stirnkopfschmerzen niemals
irgend welche Beschwerden gehabt hatte, und der eines Tages plötzlich tot auf¬
gefunden wurde; aus Nase und Mund floß blutiger Schaum, sonst war nichts an
der Leiche bemerkbar. Bei der Sektion fand sich im rechten Kleinhirnstiel ein
Angiom und in der weißen Substanz der rechten Kleinbirnhemisphäre eine mit
geronnenem Blute ausgefüllte Höhlung; auch die Unter fläche der rechten Klein¬
hirnhälfte war mit geronnenem Blut bedeckt. Es hatte also offenbar ein Durch¬
bruch der Geschwulst stattgefunden, der zu einer tödlichen intrakraniellen Blutung
geführt hatte.
29) Cysttoeroos raoemosus fossae Sylvii, von Oscar Rein. (Deutsche med.
Wochenschr. 1914. Nr. 7.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei einer 77jäfirigen, wegen seniler Demenz in die Anstalt aufgenommenen,
an Bronchopneumonie verstorbenen Frau fand sich als zufälliger Befund bei der
Sektion ein Cysticercus racemosus in der rechten Fossa Sylvii. Derselbe hatte
keinerlei klinische Erscheinungen gemacht, vielleicht eine geringe linksseitige
Fazialigschwäche durch Druck auf Teile der inneren Kapsel. Der Parasit bestand
aus einem zusammenhängenden razemösen Gebilde von 9 Blasen und einigen Resten
abgestorbener Zysten, die sämtlich in der erweiterten rechten Fossa Sylvii lagen.
Bei mikroskopischer Untersuchung zeigte das ganze Gehirn allgemein atrophische
und arteriosklerotische Veränderungen, daneben als direkte Folge der Zystizerken-
invasion: Druckatrophie der dem Parasiten benachbarten Rinde und Zystizerken-
meningitis.
SO) Un oaso di tumore del oorpo oalloso, per C. Agostini. (Annali del
Manicomio provinc. di Perugia. 1913. Fase. 1 u. 2). Ref.: W. Misch.
Ein 59jähr. Italiener von ruhigem Charakter erschlug plötzlich ohne besonderen
Grund seine Frau, mit der er sich stets gut vertragen hatte, und lieferte sich
hierauf sofort, ohne jedes Zeichen der Erregung, den Carabinieri aus; als Motiv
der Tat, die er frei gestand, gab er Eifersucht an. Er wurde zu 30 Jahren
Gefängnis verurteilt. Im Gefängnis machte er einen gelangweilten, stumpfen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
390
Eindruck, klagte über heftige Kopfschmerzen und zeigte eine bedeutende Schwäche
besonders der unteren Extremitäten, so daß er nur sitzen oder liegen konnte*
Etwa ] / 2 Jahr nach der Ausführung der Tat trat eine deutliche Parese der rechten
Körperhälfte auf, und die psychischen Symptome verschlimmerten sich; er ließ
Urin und Stuhl unter sich, reagierte nur sehr schwach auf Schmerzreize. Es
fanden sich keine Störungen des Gesichts, Gehörs, des Facialis und der Zunge;
apraktische Störungen ließen sich wegen der vorgeschrittenen Demenz nicht er¬
mitteln. Von Zeit zu Zeit traten klonisch-tonische Kontraktionen auf, die auf
der paretischen Seite begannen und dann auf die ganze übrige Muskulatur über¬
gingen; zuweilen folgte auf die Kontraktionen ein spastischer Kontrakturzustand
besonders auf der rechten Seite und stärker in der unteren Extremität. Die
Ernährung des Kranken wurde immer schwerer, und er starb schließlich in einem
Zustande schwersten Marasmus bei vollkommener echter Demenz. Die Autopsie
ergab ein Sarkom des Splenium corporis callosi und 'der Fissura longitudinalis,
das den mittleren Teil des Balkens und des Gyrus corporis callosi komprimierte.
Als hervorzuhebende Symptome dieses Balkentumors sind zu nennen: Der
frühzeitige psychische Defekt, der sich bis zum Bilde der völligen Demenz steigert;
das Auftreten von motorischen Störungen, zunächst vom paretischen, allmählich
später vom spastischen Typus, und zwar auf beiden Seiten; und das Fehlen jeg¬
licher Störungen von seiten der Gehirnnerven sowie die Abwesenheit der All¬
gemeinsymptome der intrakraniellen Tumoren. Erklärt werden die psychischen
Störungen beim Balkentumor mit einer Störung der interassoziativen Funktion
der Balkenfasern, während die motorischen Störungen abhängig sein müssen von
der Ausdehnung des Prozesses auf die Nachbarschaft, wodurch die Pyramidenbahnen
indirekt beteiligt werden. Die Diagnose des Balkentumors ist im allgemeinen
nicht absolut sicher zu stellen, da es keine eigentlich-spezifischen Symptome dafür
gibt. Im ganzen läßt sich aber doch die Regel aufstellen, daß, wenn frühzeitig
geistige Störungen, insbesondere eine rasch zunehmende Demenz, vorhanden sind
und wenn darauf bilaterale motorische Störungen vom paretisch-spastischen Typus,
ohne Beteiligung der Himnerven, auftreten, ein pathognomisches Syndrom vor¬
handen ist, das den Verdacht auf einen Balkentumor nahelegt.
31) Tumor of the orua oerebri, by J. H. W. Rhein. (Journ. of the amer. med.
Assoc. LXIII. 1914. Fase. 19.) Ref.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles (12jähr. Mädchen), bei dem sich allmählich eine Parese
des rechten Gesichts, Arms und Beins, linksseitige Ptosis und auf das rechte
Gesicht, Arm und Bein beschränkte Konvulsionen entwickelten; später trat eine
Lähmung der Augenbewegungen nach oben, unten und lateral und zuletzt eine
Schwäohe des linken Armes ein. Wie die Autopsie ergab, waren die Symptome
durch einen Tuberkel des linken Crus cerebri verursacht, der die obere Partie
der Brücke einnahm, Oculomotoriuskerne befallen hatte und sich aufwärts bis in
Basalganglien erstreckte. Die Augenmuskellähmung hatte eine Ponsläsion in der
Nähe der Oculomotoriuskerne angezeigt und eine Läsion des Fase, longitudinalis
post. Der Beschreibung des Falles schließt sich eine Besprechung der Symptome
der Tumoren des Crus cerebri und der darüber existierenden Literatur an.
32) Primäres, metastasierendes Gehirnkarzinom, von F. S. v. B. Basti aanse.
(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 1.) Ref.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles mit Kleinhirnsymptomen, bei dem durch die
Neissersche Hirnpunktion in der linken KleinhirnhemiBphäre ein sohleimreicher
Tumor festgestellt wurde, der jedoch operativ nicht erreicht werden konnte. Bei
der Obduktion ergab sich ein primäres Karzinom der linken Kleinhirnrinde mit
zahlreichen Metastasen in Pia und Rinde des Großhirns. Aus der mikrosko¬
pischen Untersuchung geht hervor, daß die Tumorzellen Drüsenepithelzellen und
den primitiven Ependymzellen des Foetus sehr ähnlich sind. Der Tumor ist
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UMIVERS1TY OF MICHIGAN ^
391
jedoch nicht von dem die Ventrikel begrenzenden Ependym ansgegangen. Die
Metastasierung hat auf drei Wegen stattgefunden; durch Verbreitung durch die Cere-
brospinalflüssigkeit in der Richtung des Stromes, durch die kleinen Lymphbahnen
und durch die Lymphbahnen längs der Blutgefäße (die perivaskulären Räume).
33) Bin Fall von Tumor des Nasen-Rachenraum es mit Metastasen an der
OeMrnbasis und im Rflokenmark, von A. Finzi. (Mitteil, der Gesell¬
schaft f. innere Medizin, u. Kinderheilkunde in Wien. XIII. 1914. Heft. 7.)
Ref.: R. Ganter.
22jäbriger Mann, vor 2 Jahren operiert an einer Geschwulst am Halse. Vpr
einem Jahre linksseitige Kopfschmerzen von neuralgiformem Charakter, in letzter
Zeit auch Schmerzen im Bauch, von der Wirbelsäule nach vorn ausstrahlend.
Befund: Schädel nicht klopfempfindlich, leichtes Vorstehen des linken Auges,
Ptosis und vollständige Lähmung des Oculomotorius und Abduzens links. Augen¬
hintergrund o. B. Parese und Atrophie der vom linken Trigeminus versorgten
Muskeln und Anästhesien im ganzen sensiblen Gebiet des Trigeminus. Infolge
der sensiblen Trigeminuslähmung Herabsetzung des Geruchs an der linken Seite
und Geschmacksstörung an der linken vorderen Zungenhälfte. Parese des linken
Gaumensegels. Die dem 5. bis 6. Dorsalsegment entsprechende Zone hyperästhe¬
tisch. Reflexe an den unteren Extremitäten etwas gesteigert, besonders reohts,
rechts zeitweilig Babinskischer Reflex. Der Dorn des 1. bis 7. Brustwirbels
empfindlich. Im linken Nasen-Rachenraum in der Gegend der Tube ein Tumor.
Dieser Tumor (wahrscheinlich ein Sarkom) hat offenbar zu Metastasen in der
mittleren Schädelgrube und in der Wirbelsäule geführt.
34) Über einen Fall von pigmentiertem Gliom bei multiplen Gliomen des
rechten Seitenventrikele, von Erik Johannes Kraus. (Virchows Archiv.
CCXVII. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Hepatitis; Leberkarzinom; multiple Ependymgliome im rechten Ventrikel,
darunter ein walnußgroßes pigmentiertes Gliom im Pulvinar des Thalamus opt.
nebst Ependymitis granularis sämtlicher Himventrikel. Klinisch bestanden Leib¬
schmerzen, Erbrechen, Übelkeit; keine nervösen oder psychischen Störungen. Verf.
weist in Anbetracht der Leber- und Hirnveränderungen auf die Wilson sehe Krank¬
heit und die Strümpell-Westphalsehe Pseudosklerose hin.
36) Ober subependy märe Gliaknoten, von A. Frank. (Frankfurter Zeitschr.
f. Pathologie. XIV. 1913. H. 3.) Ref.: K. Boas.
Verf. beschreibt des genaueren zwei Fälle von subependymären Gliaknoten:
Im ersten Falle handelte es sich um symmetrisch gelegene Knoten an der
Innenfläche der Seitenventrikel, die aus dem subependymären Gliagewebe hervor¬
gegangen waren, im zweiten um einen isolierten Knoten, eingelagert in den Plexus
chorioideus des 4. Ventrikels, ebenfalls aus Glia bestehend.
Beide zufälligen Befunde waren als örtliohe Fehlbildungen (Choristome) zu
bezeichnen.
36) Papillom mit Pflasterepithel im Infundlbulum , von Guizetti. (Centr.
f. pathol. Anat. 1914. Nr. 20.) Re£: K. Boas.
Verf. fand bei der Sektion eines 36jährigen Mannes in der Gegend des In-
fundibulums in den 3. Ventrikel hinein reichend einen mit Plattenepithel über¬
kleideten, papillären Tumor. Derselbe stammte von dem Epithel des Infundibulums
ab. Der Tumor lag in einem mit Plattenepithel auBgekleideten zystischen Raume.
37) Ein Fall von Ganglion Gasseri-Tumor, von Magnus Hellsten. (Deutsche
Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Tabellarische Zusammenstellung über 23 bisher publizierte Fälle von Ganglion
Gasseri-Tumoren und Bericht über eine eigene Beobachtung, bei welcher die
klinische Diagnose zwischen multipler Sklerose und Hirntumor schwankte, die
Sektion eine vom Ganglion Gassen ausgegangene Geschwulst ergab. Als Initial-
Di gitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
392
Symptom dieser Tumoren sind in den meisten Fällen Kopfschmerz und Neuralgien
in einer Gesiohtshälfte angegeben. Später kommt Fehlen des Kornealreflexes,
Ptosis und Anästhesie im Verbreitungsgebiet der Endverzweigungen des Trige¬
minus hinzu. Bei großen Tumoren treten KompressionsBymptome von Kleinhirn,
Pons und Hedulla oblong, auf. In der Mehrzahl der Fälle scheinen die Ganglion
Gasseri-Tumoren linksseitig zu sein (bei 20 Fällen 14 mal). Meist handelt es sich
um ein Sarkom oder Fibrosarkom.
38) Tumor of the middle cranial fosaa involving the Qaaaerian Ganglion,
by W. A. Plummer and G. B. New. (Journ. of the Amer. med. Assoc. LXII.
1914. Nr. 14.) Ref.: W. Misch.
Als Symptome dieses Tumors traten soharfe Schmerzanfälle in der ganzen
Ausdehnung des Trigeminus und ein dumpfer Schmerz dicht vor dem rechten Ohr
auf. Allgemeine Hirndrucksymptome, wie Kopfschmerzen, Erbrechen und Stauungs¬
papille, fehlten. Als umschriebene Herdsymptome fanden sich Anästhesie, Verlost
des Geschmackssinns am rechten vorderen Teil der Zunge und Lähmung aller
rechten Augenmuskeln mit fast völliger Ptosis; Abblassung der rechten Papille;
die rechte Pupille ist weit und reaktionslos. Außerdem fand sich eine bedeutende
Vergrößerung der rechtsseitigen Zervikaldrüsen. Bei der Operation fand sich ein
Rundzellensarkom des Ganglion GasBeri, das inoperabel war. Da die Vergrößerung
der ZervikAldrüsen 3 Monate vor den Schmerzen auftrat, so ist wahrscheinlich,
daß der Tumor von der Dura ausging und erst mit fortschreitendem Wachstum
das Ganglion ergriff.
39) Emiplegia sinistra di origine oentrale oon parallel periferica emolate-
rale della lingua da tuxAore cerebrale a duplioe localizsazione, per
Francesco Bandettini di Poggio. (Riv. ital. di Neuropatologia, Psichiatria
ed Elettroterapia. VII. 1914. H. 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Patient, ein 41 jähriger Mann, bot folgende.Symptome dar: linksseitige Parese
von dissoziiertem Typus, die obere Extremität am stärksten betroffen, Jackson sehe
Anfälle; kein Spasmus, kein Babinski, kein Oppenheim, keine Sensibilitätsstörung.
Parese und Atrophie der linken Hälfte der Zunge; keine Entartungsreaktion.
Wassermann sehe Reaktion positiv im Blutserum, negativ im Liquor (bis 0,6);
Phase I und Phase II negativ. Zuletzt meningitische Erscheinungen; Kernig;
keine Stauungspapille. Krankheitsdauer etwa 3 Monate. Die Sektion ergab in
der rechten Frontalis ascendens ein gut abgegrenztes kleinzelliges Sarkom; eine
nußgroße Metastase lag in der Dura am linken Canalis hypoglossi und nahm den
Hypoglossus ein.
40) Zur Böntgendiagnose der Hirntumoren der Hypophysengegend, von
A. Strubeil. (Fortschritte a. d. Gebiete d. Röntgen strahlen. 1914. Heft 4.)
Ref.: K. Boas.
Verf. konnte mit Hilfe des Röntgenbildes einen Fall von mehrkammerigem
zystischen Dermoid der Hirnbasis, welches vom Hypophysengang ausging, zu einer
Zeit frühdiagno8tizieren, als noch keinerlei klinische Symptome bestanden. Die
Durchleuchtung ergab damals bereits eine Abflachung der Sella turcica. Die
später hinzugetretenen typischen Symptome: Typus adiposo*genitalis, linksseitige
homonyme Hemianopsie bestätigten die röntgenologische Frühdiagnose. Leider
war es dann für die Operation zu spät.
Im Anschluß an diesen Fall bespricht Verf. die Röntgenuntersuchung der
Schädelbasis am Lebenden mit besonderer Berücksichtigung ihrer klinischen Be¬
deutung.
41) Über künstliche Tumoren der Zirbeldrüsengegend, von # J. Novak.
(Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 27.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. experimentierte an etwa 2 Monate alten Hündchen desselben Wurfes.
Die Technik wird genau geschildert. Trepanation in Schläfengegend, Luxierung
Digitized by
Gck .gle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
39S
des Hinterhauptslappens nach der Methode von Karplus-Kreidl, Injektion ge¬
schmolzenen Paraffins von Schmelzpunkt 38. Beim Eontrolltier dieselbe Operation
ohne Paraffininjektion.
Zwei Tiere mußten wegen Räude nach einer Woche getötet werden. Ob¬
duktion zeigte, daß Paraffin an gewünschter Stelle in Gegend der Epiphyse liegen
geblieben ist. Bei einem anderen Paare, das 2 Monate am Leben erhalten blieb,
zeigte sich eine erhebliche Größendifferenz zuungunsten des Par&ffintieres,3230:5580g;
auch das Genitale war beim Kontrolliere besser entwickelt. Obduktion ergab
wieder Paraffintumor an gewünschter Stelle.
Verf. stellt weitere Versuche in Aussicht.
42) Über Vortäuschung von Tabes und Paralyse durch Hypophysistnmor
(Pseudotabes pituitaria eto.), von H. Oppenheim. (Zeitschr. f. d. ges.
Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 4 u. 5.) Ref.: G, Stiefler.
I. 38jähriger Offizier, früher immer gesund; seit vorigem Jahre stetig fort¬
schreitende Abnahme der Sehkraft auf beiden Augen sowie Rückgang der Ge¬
schlechtskraft, weshalb anderwärts die Diagnose auf Tabes gestellt wurde. Oph¬
thalmoskopisch einfache Sehnervenatrophie, r. > 1.; linke Pupille lichtstarr, rechts
auf Lichteinfall reagierend, Sehnenreflexe an den Beinen fehlend. Die vorhandene
Adipositas, die verminderte Behaarung, die weiblichen Mammae, die anamnestisch
erhobene bitemporale Hemianopsie, die tiefe Ausbuchtung der Sella turcica im
Röntgenbild führten den Verf. zur Annahme einer Hypophysisgeschwulst, die rück¬
sichtlich des Typus adiposo-genitalis und der raschen Entwicklung der Gehstörung
möglicherweise als eine maligne zu erwarten war. Bei der Operation (F. Krause)
nach Schloffer wurde eine wegen ihrer tiefen Lage nicht exstirpierbare Ge¬
schwulst gefunden. Kollaps. Exitus. Die Obduktion fand einen hühnereigroßen
Tumor der Hypophyse (Adenokarzinom), dem die Nn. optici bandartig verbreitert
auflagen. Die hintere Wand der Sella turoica fehlte fast vollkommen.
II. 34jähr. Kaufmann; Lues negiert. Seit 2 Jahren Abnahme der Sehkraft,
zuerst links, dann rechts; Mattigkeit der Beine und Rückgang der Potenz. Ge¬
nuine Sehnervenatrophie, träge Pupillarlichtreaktion, leichte Ptosis links. In den
unteren Extremitäten Hypotonie, Kniesehnenreflexe abgeschwächt, Fersenphänomen
fehlend. Schmerzgefühl an den Unterschenkeln etwas abgestumpft. Blut- und
Liquoruntersuchung auf Wassermannreaktion negativ. Im Röntgenbild ziemlich
ausgiebige Usur und Ausbuchtung der Sella turcica. Erst nach */ 2 Jahr Auftreten
von Kopfschmerzen sowie Entwicklung einer unvollkommenen Hemianopsia bitem-
poralis und Fehlen der Kniesehnenreflexe. Operation wurde verweigert. Weiteres
Schicksal des Falles unbekannt.
Verf. betont auf Grund seiner Beobachtungen die bisher noch nicht berück¬
sichtigte Tatsache, daß die Symptomatologie der Hypophysisgeschwulst die der
Tabes (Pseudotabes pituitaria) und auch die der Paralyse bzw. Taboparalyse Vor¬
täuschen kann.
III. 46jährige Frau; seit 4 Monaten Abnahme der Sehkraft, seit 3 Monaten
Amenorrhoe. Lues negiert. Sebnervenatrophie. Wassermann negativ. Träge
Liohtreaktion der Pupillen. Entwicklung der Sehstörung und gleichzeitige Meno¬
pause lenkte den Verdacht auf Hypophysistumor, aber die röntgenologische Unter¬
suchung zeigte eine normale Sella turcica.
Verf. ist der Überzeugung, daß sich ein Teil der nicht syphilogenen Opticus¬
atrophien auf die Hypophysis zurückführen lassen wird, alB ein tabiformes Symptom
des glandulären Prozesses, durch welchen Bedingungen geschaffen werden für die
Entwicklung tabischer Symptome mittels einer Hinterstrangdegeneration, die an
sich nichts mit der der Tabes gemein hat.
IV. 62jähriger Mann; seit 6 Jahren allmählich fortschreitende Sehstörung,
Kopfschmerz, oft mit Erbrechen. Geringe Abnahme der Potenz. Opticusatrophie,
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
394
links scharf umschriebene temporale Hemianopsie. Rechte Pupille lichtstarr.
Fersenphänomen undeutlich. Röntgenoskopisch: erhebliche Erweiterung und Ver¬
tiefung der Sella turcica. Pat. ist vor l 1 / a Jahren wegen progressiver Paralyse
entmündigt worden; damals haben auch psychische Störungen, so besonders in¬
tellektuelle und ethische Abstumpfung bestanden.
Verf. sieht in einer sorgfältigen Analyse derartiger Fälle zur Entscheidung
der Frage, ob eine Pseudoparalysis pituitaria oder eine zufällige Kombination der
Dementia paralytioa mit einem Hypophysistumor vorliegt, die Aufgabe künftiger
Forschung.
Verf. hat sicherlich durch seine Mitteilung gerade in differentialdiagnostischer
Hinsicht wieder etwas Neues gebracht und zu weiterem Schaffen auf diesem Gebiete
reichliche Anregung gegeben.
43) Der Pseudotumor oerebri, von M. Nonne. (Neue Deutsche Chirurgie. XIL
Teil II. S. 105.) Ref.: K. Boas.
Die vorliegende Arbeit behandelt in monographischer Weise:
1. Begriff des Pseudotumors. Grundlegende Beobachtungen.
2. Kasuistik. Symptome. Klinisches Bild.
3. Pathologisch-anatomische Grundlagen.
4. Differentialdiagnose.
6. Therapie.
Ein ausführliches Literaturverzeichnis beschließt die Arbeit.
Die Darstellung geht weit über den Rahmen des Lehrbucbmäßigen hinaus,
indem sie auf Grund zahlreicher neuer eigener Beobachtungen und Gesichtspunkte
ein Gebiet Neurologie behandelt, auf welchem selbst erfahrenen Fachleuten nur
wenige Beobachtungen aus eigener Anschauung zur Verfügung stehen. Verf. hat
weiterhin das Glück gehabt, die Hilfe bewährter Hamburgischer Chirurgen in
Anspruch nehmen zu können, was zu seinen therapeutischen Erfolgen nicht wenig
beigetragen haben mag.
Ref. wünscht der Arbeit recht weite Verbreitung in den Kreisen der Neuro¬
logen, Internen und Chirurgen!
44) A Striking acquirement of viaualiaing power and the development of
dreama following a cerebral tumor exatlrpatlon, by E. G. Grey and L.E.
Emerson. (Journ. ofthe amer. med. Assoc. LXI. 1913. Nr. 24.) Ref.: W. Misch.
Bei einer 22jährigen Lehrerin wurde operativ ein Dura-Endotheliom ent¬
fernt, welches auf die Gegend des Gyrus angularis gedrückt hatte. Diese Patientin
hatte sich vor der Operation durch einen auffallenden Mangel an Gesichtsvor-
stellungen ausgezeichnet, insbesondere fehlte die Erinnerung an Gesichtsempfin¬
dungen jeglicher Art in der Weise, daß sie bei der Beschreibung von Gegen¬
ständen nur solche Eigenschaften derselben reproduzieren konnte, die mit dem
Gehör, Geruch, Geschmack oder Tastsinn wahrgenommen worden waren. Sofort
nach der Operation nun stellten sich optische Vorstellungen von vor langer Zeit
perzipierten Objekten, von Personen, einem früher bewohnten Hause, mit solcher
Intensität ein, daß sie sie aus dem Gedächtnis aufzeichnen konnte, was vor der
Operation ganz ausgeschlossen gewesen wäre. Gleichzeitig traten sehr lebhafte
Träume auf, die die Verff. im Freud sehen Sinne zu analysieren versuchen. Offen¬
bar war das Fehlen der optischen Erinnerungsbilder durch die Tumorkompression
der betreffenden Hirnregion bedingt, und nach der Entfernung des Tumors trat
die unterdrückte Funktion mit verstärkter Intensität hervor.
45) Operative Intervention in oyst of the left cerebral hemisphere, by
Ch. M. Remsen. (Journ. of tbe amer. med. Assoc. 1914. LXIU. Nr. 19.)
Ref.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles von Hirnzyste in der linken Hemisphäre, dessen
Verlauf zunächst eine hämorrhagische Zerstörung von Gehirngewebe mit Aphasie-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
395
Symptomen annehmen ließ, während später die Zunahme der Symptome auf eine
progressiv wachsende Läsion hinwies. Die sensorischen und motorischen Störungen
traten auffallend schnell hervor. Bei der Operation wurde, wegen der gallertigen
Beschaffenheit des Gehirngewebes, die in dieser Gegend jedes operative Vorgehen
ausschloß, eine Drainage der Zyste auf subduralem Wege ausgeführt, um eine
äußere Drainage zu 'vermeiden. Nach etwa 6 Wochen war eine Flüssigkeits¬
ansammlung unter der Dura eingetreten, wie sich durch das Trepanationsloch
feststellen ließ, und damit verbunden waren psychische und sensomotorische Stö¬
rungen. Diese besserten sich wieder, sobald die Resorption der Flüssigkeit ein¬
setzte. Infolge der Operation verschwanden die schwersten Symptome vollkommen,
wie z. B. die Jackson sehen Anfälle, das Nach schleppen des einen Fußes; die Moti¬
lität der reohten Hand besserte sich auffallend, die aphasischen Symptome gingen
deutlich zurück, und es trat eine überraschende Besserung der sensorischen, Stereo-
gnostischen, apraktischen, ataktischen und Lagegefühlsstörungen ein.
46) Gittertrepanation, von Privatdozent Dr. Lothar Dreyer. (Berliner klin.
Wochenschr. 1914. Nr. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Gittertrepanation soll dazu dienen, bei zunehmendem Hirndruck und un¬
klarer Diagnose einen möglichst großen Teil der Schädeloberfläche freizulegen.
Man beginnt mit dem Zurückschlagen eines nötigenfalls die halbe Kopfhälfte
umfassenden Weichteillappens, bei dessen Zurückpräparieren das Periost am
Knochen bleiben muß. Dann trepaniert man zunächst in kleiner Ausdehnung in
der Gegend des wahrscheinlichen Erkrankungssitzes. Findet man hier nichts, so
legt man eine gleiche Öffnung links oder rechts daneben an und läßt immer eine
Knochenspange dazwischen stehen. In dieser. Weise kann man unter Stehenlassen
von Knochenspangen eine ganze halbe Gehirnhälfte freilegen und inspizieren.
Wenn es ein positiver Befand verlangt, kann eine stehengebliebene Knochenspange
nötigenfalls entfernt werden. Durch das geschilderte Verfahren ist eine sehr
große Fläche des Gehirns vom Druck des Schädelknochens befreit, ferner ist die
Gefahr des ausgedehnten Hirnverfalls, welche bei großen Trepanationslücken be¬
steht, erheblich herabgemindert. Eine Gefahr der Nekrose stehen gebliebener
Knoohenspangen besteht nicht bei Erhaltung des Periostes. Verf. hat bei einem
Affen den Versuch auf die gesamte Schädeloberfläche ohne Störung gewagt; er
hält das anfangB angegebene Verfahren zur Anwendung am Menschen auch für
durchaus gefahrlos.
47) The results in one hundred operations performed on the diagnosi s of
brain tumor, by Hermann Küttner. (Journ. of the Amer. med. Assoc.
LXIII. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch.
Von 100 in der Breslauer Klinik in den letzten 6 1 / 2 Jahren operierten
Fällen mit der Diagnose Hirntumor wurde 30 mal der Tumor exstirpiert, in
34 Fällen außerdem der Tumor später nachgewiesen; in 3 Fällen ergab sich später
Meningitis tuberculosa und bei den übrigen Fällen ließen sich die Tumorsymptome
später als Symptome von Hydrozephalus, Reste von Hämorrbagien usw. nachweisen.
45 Fälle starben an den Folgen der Operation; von 24 Fällen ist bekannt, daß
sie am Leben geblieben sind. Von diesen lag bei zweien ein Hypophysistumor,
bei einem ein Tumor an der Basis des Stirnlappens, bei einem eine Geschwulst
des Scheitellappens, bei zweien am Kleinhirnbrückenwinkel und bei dreien in der
Regio centralis vor; in den übrigen 13 Fällen wurde kein Tumor gefunden. Von
den Überlebenden können 11 seit 6 Monaten bis 6 Jahren als geheilt angesehen
werden; nur 2 zeigten keine Besserung der Beschwerden durch die Operation;
bei den übrigen trat bedeutende Besserung ein, unter anderem wurde bei 4 Fällen,
die völlig blind gewesen waren, die Sehfunktion durch die Operation wieder her¬
gestellt. Von nicht operierten Fällen mit der Diagnose Hirntumor starben 68,8 °/ 0 .
Die Operationsresultate, die an sich so schlecht erscheinen, sind es doch keines-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
896
wegs, wenn man bedenkt, daß der Hirntumor unter allen Umständen zum Exitus
fährt. Auch die günstige Wirkung der Entlastung durch die Operation in den
Fällen, in denen es sich nur um einen chronischen Hydrozephalus handelt, ins*
besondere die häufige Wiederherstellung des Sehvermögens, ermutigt zu operativem
Vorgehen.
48) Zur Chirurgie der Gehlrngesohwülste, von Paul Babitzki. (Archiv f.
klin. Chirurgie. CII. H.l.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
24 jähriger Arbeiter. Seit 3 Jahren Krampfanfälle von exquisit Jackson schein
Typ, beginnend an den Zehen des linken Fußes, auf den linken Arm übergehend
und mit Bewußtseinsverlust endend. Seit l 1 / 2 Jahren Kopfschmerzen, Erbrechen,
linksseitige progressive Hemiparese und Amblyopie. Babinski links stark aus¬
geprägt, Sehnenreflexe links erhöht; thermische und taktile Reize am linken Fuß
und Unterschenkel herabgesetzt, Lagegefühlsstörung. Stauungspapille mit beginnen¬
der Atrophie, besonders rechts. Klinische Diagnose: Tumor der rechten vorderen
und möglicherweise auch der hinteren Zentralwindung. Die in zwei Akten mit
8 tägigem Intervall vorgenommene Operation ergibt einen rein subkortikal ge¬
legenen apfelsinengroßen Tumor unterhalb der rechten vorderen Zentralwindung.
Er ließ sich durch einen parallel der Fissura Rolandi geführten Rindenschnitt
freilegen und dank seiner derben Konsistenz stumpf ausschälen. Tamponade des
Tumorbettes. Trotz starken Liquorflusses und hohen Fiebers Ausgang in Heilung.
Der ansehnlichen Größe der Geschwulst entsprach das klinisch eng umgrenzte
Erkrankungsgebiet durchaus nicht. Vielleicht bietet der rein subkortikale Sitz
des Tumors hierfür die Erklärung. Das andauernde Fieber war, wie der günstige
Ausgang zeigte, nicht meningitischer, sondern rein hyperthermischer Natur. Die
Kopfschmerzen und Krampfanfalle schwanden dauernd, die Atrophie des Optikus
und die Hemiparesen blieben stationär. Histologisch erwies sich der Tumor als
Endotheliom.
40) Beiträge zur Gehirnchirurgie, von A. Stieda. (Archiv f. klin. Chirurgie.
CIL H.4.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
Zunächst ausführliche Mitteilung der Krankengeschichte eines 5 jährigen
Kindes, bei welchem v. Bramann ein 125 g schweres Gliom der linken zentro-
parietalen Region in Lokalanästhesie radikal entfernen und trotz breiter Eröffnung
des Seitenventrikels Dauerheilung erzielen konnte. Auffällig war in diesem Falle
das Fehlen der Stauungspapille. Höchst bemerkenswert ist der zweite mitgeteilte
Fall: 11 jähriges Mädchen. Neurologische Diagnose: Tumor, voraussichtlich Gliom,
an der Grenze des linken Scheitel- und Zentrallappens in Höhe des Armzentrums,
etwa 2 cm von der Hirnoberfläche entfernt. Die Operation ergab diffuse Gliomatose
der linken Hemisphäre, es war nur eine partielle Exzision möglich. Trotzdem
befindet sich Patientin jetzt noch, 8 Jahre nach der Operation,«• sehr wohl, hat
nur 1 bis 2 mal im Jahre leichte Krampfanfälle und leichte Hemiparese. Fall III:
40 jähriger Mann, seit 2 Jahren Hirndrucksymptome, jetzt taumelnder Gang, Stau¬
ungspapille, Amaurose. Operation ergibt weiches Gliosarkom im linken Stirnhirn,
welches mit dem Löffel unter Eröffnung des Seiten Ventrikels herausgeholt wird.
Glatte Heilung und prompter Rüokgang der Drucksymptome. Fall IV: 38jähriger
Mann. Turmschädel, taumelnder Gang, schlechtes Sehen, bulbäre Sprache, ge¬
kreuzte, vorwiegend rechtsseitige Lähmungen, keine Stauungspapille. Diagnose:
Tumor der hinteren rechten Schädelgrube. Operation ergibt zystisch erweiohtes
Gliom der rechten Kleinhirnhemisphäre. Trotzdem bei der Operation nur die
Zyste entleert und der zweite Eingriff verweigert wurde, ist vorläufig eine wesent¬
liche Besserung zu konstatieren: Besserung des Ganges, der Sehfunktion und des
Höhrvermögens; Rückgang der Fazialisparese. Fall V: 22jähriger Mann. Seit
2 Jahren anfallsweise auftretende linksseitige Krämpfe, linksseitige Hemiparese;
schließlich Amaurose. Tumor durch Hirnpunktion nachgewiesen. Operation ergibt
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
397
diffuse Gliomatose der reohten motorischen Region. Nur partielle Exzision mög¬
lich. Palliativer Erfolg.
In bezug auf die operative Teohnik empfiehlt Verf. grundsätzlich, in 2 Zeiten
uud nur in Lokalanästhesie zu operieren; letztere macht die Blutstillung durch
Klammern oder Blutleere entbehrlich. Tamponade oder Drainage sind zu ver¬
meiden; der primäre Wundverschluß ist stets anzustreben. Duradefekte können
mit frei transplantierter Faszie gedreht werden, doch ist dies nicht unbedingt
notwendig. Starke Blutungen können leicht und prompt durch Aufdrucken von
Muskelstückchen gestillt werden.
50) Zur Chirurgie der Hirntumoren im Bereiche des Parietallappens, von
Wendel. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Fall I: 20 jähriger Hann. Spastische Kontraktion des rechten Fußes, geringe
Parese und Ataxie des Beines und rechten Armes; Stauungspapille. Kopfschmerz
und Erbrechen. Steigerung der Muskel- und Sehnenreflexe, Patellar- und Fuß-
klonus, positiver Babinski, Sensibilität intakt. Operation: Endotheliom der Falx
cerebri magna, das in die linke Hirnhälfte hineingewachsen war. Heilung.
Rechtes Bein dauernd ataktisch und Kontraktion. Einmal ein epileptischer Anfall.
Der Tumor saß im Grenzgebiete des Scheitellappens und der Zentralwindungen,
schädigte durch seine subkortikale Lage mehr die Bahnen als die Rinde und er¬
klären sich dadurch, daß der Tumor das Gewebe nicht zerstörte, sondern ver¬
drängte, die geringen vom linken Scheitellappen ausgehenden Symptome.
Fall II: 53 jähriger Mann. Links Stimschmerzen, Neuritis optica, Reiz- und
Lähmungserscheinungen auf der rechten Körperseite, Fehlen der Tiefenempfindung
und Störung des Lagegefühls, Dyspraxie beider Arme und Beine, Blasen- und
Mastdarmstörungen; links Ptosis, linke Pupille > r. und anscheinend lichtstarr.
Kopf links klopfempfindlich. Gehör links schwächer als rechts. Operation:
Tumor des linken Scheitellappens. Nach einem halben Jahr Rezidiv (Karzinom)
und Exitus.
Fall III: 26 jährige Frau. Zunehmende Schwäche der linken Körperseite.
Kopfschmerzen. Kopf rechts druckempfindlich, links Mundfazialis paretisch, Ab¬
weichen der Zunge nach links. Spastische Parese der linken Körperseite mit
Ataxie. Stereognostische Agnosie der linken Hand. Zweifelhafte Tiefensensibili¬
tätsstörungen links. Augenhintergrund normal. Operation: Zum Teil zystisch
zerfallenes Duraendotheliom des rechten Scheitellappens. Heilung.
In allen 3 Fällen wurde die topische und histologische Diagnose durch die
Hirnpunktion gesichert. Schädigungen ergab dieselbe nicht, und kann die vor¬
sichtige Anwendung derselben nur empfohlen werden. Im 3. Falle bewährte sich
der Duraersatz durch einen autoplastischen Fettlappen, der den Yorteil hat, daß
er sich allen Ausbuchtungen und Defekten eng anlegt. Zur Blutstillung wurde
entweder eine Gummibinde um Stirn und Hinterhaupt gelegt, oder die Heiden-
hainsche Hinterstichnaht verwendet. Die Blutung aus den Hirngefäßen nach
Entwicklung des Tumors ist davon abhängig, ob der Tumor mit den umgebenden
Hirnmas8en enger verwachsen, oder ob er mehr abgekapselt ist.
Die Unterschiede in der Symptomatik der 3 Fälle erklären sich durch den
Ursprung, die Art und Wachstumsweise der Tumoren.
51) Remades on the treatment of brain tumor, by Charles Ballanii. (Lancet.
1913. 13. September.) Ref.: E. Lehmann (Oeynhausen).
Erörterung der Gesichtspunkte für die chirurgische Behandlung der Gehirn¬
tumoren. Nichts Neues.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
398
Kriegsbeobachtungen.
52) Hysterie und Kriegsdienst, von Prof. R. Gaupp. (Münch, med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 11.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beginnt seine Ausführungen mit einer Bestätigung des Hisschen Aus¬
spruchs: Wenn es au den Kragen geht, hört die Nervosität auf. Er ist un¬
zweifelhaft richtig, wenn auch eine gewisse Überreiztheit und Schlafstörungen
häufig sind, die Widerstandsfähigkeit gegen Alkohol abnimmt usw. Verf. berichtet
nun über Ausnahmen von dieser allgemeinen Erfahrung.
So wächst die Zahl der Nerven- bzw. Geisteskranken, bei denen haftiger
Schreck nach Granatkontusion als Ursache angegeben wird. Bei nervengesunden
Menschen von guter Willenskraft werden diese Störungen gewöhnlioh bald über¬
wunden; desto hartnäckiger sind sie bei krankhafter Veranlagung. Im allgemeinen
werden dabei wie bei anderen nervösen, hysterischen, psychogenen Zuständen akute
Krankheitszeichen wie Lähmungen, Krämpfe, Stummheit, Taubheit, Delirien,
Dämmerzustände usw. meist rasch beseitigt. Sowie aber der Vorschlag auftaucht,
den Dienst wieder aufzunehmen, traten sofort wieder Beschwerden auf, bei denen
selbst der sonst wirksame Zuspruch versagt. Läßt man es trotzdem bei der Ent¬
lassung bestehen, so tritt meist derartige Verschlimmerung ein, daß der Kranke
dauernd Lazarettinsasse bleibt. Angst vor der Rückkehr ins Feld beherrscht das
Bild, ohne daß man darum an „Simulation“ oder „Drückebergerei“ zu denken
braucht. Trotzdem mit der Zeit die Beschwerden verblassen, bleibt ein wirk¬
samer Best.
Sehr bemerkenswert sind dann die Ausführungen des Verf.’s über die Therapie.
Er ist nämlich sehr oft davon abgekommen, mit allen Mitteln die Wiederkehr
der Felddienstfähigkeit bei den Erkrankten zu erzwingen — zum Teil aus Klug¬
heit, zum Teil aus tieferer Einsicht in das Wesen der hysterischen Symptome.
Das Reich muß vor einer Anhäufung von geistigen Invaliden und lebenslänglichen
Kriegsrentenempfängern geschützt werden. Da die geschilderten akut Erkrankten
in ihrem bürgerlichen Beruf ihren Platz voll ausfüllen, ist es unter Umständen
besser, sie praktisch-sozial gesund zu erhalten, statt ihren Rückgang zur Front
durchzusetzen, wo die Gefahr der Kriegsrente droht. Zudem ist der Arzt im
Kampf mit der Hysterie der Schwächere, solange der Krieg dauert. Gefühls¬
starke Erlebnisse setzen sich bei Hysterischen allzu leicht und abnorm lange in
körperliche oder seelische Krankheitszeichen um, wobei das Flickwerk an der
hysterischen Seele wenig nützt.
Weiterhin bespricht Verf. eine Gruppe von meist älteren Männern, bisher
ungedienten Soldaten, bei denen bald nach der Einstellung hysterische Symptome
wie starker Schütteltremor auftreten, die jeder Behandlung trotzen. Hier handelt
es sich nicht um den akuten Effekt des Schreckens, sondern um die relative In¬
suffizienz des Willens gegenüber den physischen und moralischen Anforderungen
des militärischen Dienstes. Manchmal treten familiäre und materielle Sorgen
hinzu.
Worin kann nun hierin angesichts der Tatsache, daß unser Heer keinen
Mann entbehren kann, Abhilfe geschält werden?
Das Geheimnis psychopathischer hysterischer Behandlung liegt darin, die
Kranken am richtigen Ort in richtiger Weise zu beschäftigen; selbstverständlich
muß es sich dabei um vaterländische Arbeit handeln. Verf. teilt nun kurz mit,
wie er sich das nötige Verfahren denkt: das stellvertretende Generalkommando
eines Armeekorps bildet eine Art von militärischem „Arbeitsnachweisbüro“ für
diese halbtauglichen nervösen Mannschaften. Dort wird bekanntgegeben, wo und
welche Arbeitskräfte benötigt werden, und dort findet die Zuteilung der Nervösen
gemäß den Vorschlägen der Fachärzte statt. Auf diese Weise würden viele
Digitized by Google
Original from
UNIVERStTY OF MICHIGAN
399
Arbeitskräfte mobil bleiben, die Rentensucht würde bekämpft, der Simulation und
Übertreibung würde der Ansporn genommen werden, und manche taugliohen Leute
würden frei für den Felddienst werden, indem ihnen ihre Tätigkeit durch Halb¬
taugliche abgenommen würde.
63) Über psyohisohe Ausfallserscheinungen nach Hirnverletzungen, von
Walther Poppelreuter. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil.
Nr. 14.) Ref.: Kurt Mendel.
Verft teilt seine Erfahrungen über die psychischen Defekte der Hirn verletzten
mit. Man ist überrascht, daB Leute mit nach der Schädelbetrachtung recht großen
Hirnzerstörungen bei der gewöhnlichen Untersuchung überhaupt keine ernstlichen
psychischen Defekte zu haben angeben. Sucht man aber in eingehender psycho¬
logischer Untersuchung nach psychischen Ausfällen, so findet man sie auch fast
immer. Vor allen Dingen ist nach Störungen des Lesens und der Sprache zu
fahnden. In allen Fällen, die eine Verletzung im Sprachgebiet aufweisen, war die
Rechenfähigkeit beeinträchtigt, auch dann, wenn eigentliche aphasische Störungen
vermißt wurden. Die Prüfung des Rechnens ist daher ein sehr feines Reagens
auf Hirnschädigungen. Bei drei Verletzungen der unteren linken Okzipitalgegend
wurde bei Erhaltensein der geläufigen Einmaleinsreihen und guter Schreibfahig-
keit eine Unfähigkeit des Kopfrechnens mit größeren Zahlen und der schriftlichen
Rechenoperationen festgestellt. In einem Falle von Granatsplitter ins untere linke
Okzipitalhirn wären alle schriftlichen Rechnungsarten erhalten bei völliger Un¬
möglichkeit des Dividierens, was dem Pat. im Laufe einer Woche beigebraoht
wurde.
Fast bei allen Hirnverletzungen, auch der rechten Hemisphäre, finden sich
Störungen des Gedächtnisses, und zwar überwiegend Störungen der Merkfähigkeit,
des Balkens von neu anzueignendem Material. Die Erinnerungsfähigkeit für die
Vergangenheit scheint mehr durch Allgemeinstörung, Granatshock und Hirn-
erschütterung geschädigt zu werden.
Lokalisierte Hirnverletzungen machen nicht nur die spezfischen Ausfalls-
Symptome, sondern können überhaupt die ganze Persönlichkeit wesentlich ändern.
In einem Falle von ausgedehntem Substanzverlust der vordersten Stirnhirn¬
partien beobachtete Verf. Zotensucht und Haltlosigkeit im Umgang; ein anderer
Fall befand sich dauernd in auffälliger lustiger Stimmung mit Neigung zu Dis¬
ziplinlosigkeit (vgl. die Beobachtung des Ref. bei Stirnhirnverletzungen, d. Centr.
1915. S. 5). In zwei anderen Fällen war die Läsion anscheinend symptomlos
verlaufen.
Die Überempfindlichkeit und geringe Resistenz der Hirnverletzten läßt die¬
selben als felddienstunfähig erscheinen. Der Garnisondienst empfiehlt sich in
leichten Fällen zur Vermeidung späterer traumatischer Neurosen. Betreffs der
Frage der Dienstbeschädigung und des Grades der Erwerbsfähigkeit muß ganz
besonders je nach dem Bedarf individualisiert werden; im allgemeinen scheint ein*
Mehr an Rente angebrachter als ein Weniger. Der Besserungsprozeß scheint un-
gemein individuell zu sein; nur ungefähr kann man vielleicht die Größe des
Hirndefektes mit der Dauer der Besserung proportional stellen. Die motorischen
Sprachstörungen sind stabiler als die sensorischen.
Für die Behandlung ist systematischer Unterricht und Übung von Wichtigkeit.
64) Klinische Beobachtungen über Tetanus im Felde, von Generalarzt Dr.
Goldscheider. (Berliner klin. Wochenschrift. 1916. Nr. 10 u. 11.) Ref.:
E. Tobias (Berlin).
Verf. bespricht eingehend die Symptomatologie, Prognose und Therapie des
Tetanus.
Symptomatologisch gibt zunächst Verf. an, daß er bei den von ihm gesehenen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
400
zahlreichen Tetanusfällen nahezu regelmäßig beobachten konnte, daß der Tetanus
die der Eintrittspforte zunächst gelegenen Muskelgruppen zuerst befällt, daß auch
bei entwickelten Allgemeinerscheinungen eine örtliche Bevorzugung derselben er¬
kennbar ist, und daß bei heilenden Fällen die örtlichen Symptome sich zuletzt
zurückbilden. Nur bei Rumpf- und Kopfverletzungen wird dieses gesetzmäßige
Verhalten zuweilen vermißt. Die Symptome bestehen in zum Teil lokalen schmerz¬
haften Muskelzuckungen und tonischen Spannungen, zum Teil Reflexsteigerungen.
Sowohl die Haut- wie die tiefen Reflexe sind gesteigert. Nahezu bei der Hälfte
der Fälle war Babinski angedeutet» er findet sich bei Tetanus zum Teil als lokales
Symptom, zum Teil als Zeichen einer allgemein gesteigerten Erregbarkeit.
Wahrscheinlich ist das Babinski sehe Symptom in diesen Fällen durch die Über¬
erregbarkeit der Vorderhornzellen bedingt, es ist prognostisch ohne bestimmte
Bedeutung. Der Unterkieferreflex ist gewöhnlich sehr erhöht. Ein bisher bei
Tetanus nioht beachtetes Symptom besteht in der gesteigerten mechanischen
Erregbarkeit der Nervenstämme, wie wir sie von der Tetanie her kennen. Verf.
fand es nur am Ulnaris und Fazialis ausgeprägt. Ein mäßiger Druck löst eine
oft sehr starke, schnell vorübergehende Kontraktion der von ihm versorgten
Muskeln aus. Verf. fand das Ulnarisphänomen fast in der Hälfte aller Fälle, es
kann im Verlaufe des Falles wechseln. Es ist oft schon im Beginn vorhanden
und darum für die Diagnose eventuell wertvoll. Es ist besonders häufig auf der
Seite der Verletzung. Verf. sah das Fazialisphänomen nur 4mal. Häufig ist eine
Druckschmerzhaftigkeit hinter dem Kopfnicker in der Richtung gegen die Quer¬
fortsätze der Halswirbel. Der Trismus entspricht in seiner Stärke meist, wenn
auch nicht immer, der Schwere der Erkrankung. Verf. unterscheidet neben dem
Roseschen Tetanus, der vorzugsweise die Gesichtsmuskeln ergreift, einen Rumpf¬
typus und einen Extremitätentypus. Beim Rumpftypus sind vorwiegend Rücken-
und Bauchmuskulatur steif. Reine Extremitätentypen sind sehr selten. Der un¬
günstige Ausgang kann außer durch die Intensität auch dadurch bedingt sein,
daß der Prozeß bei der individuellen Auswahl der Muskelgruppen gerade solche
befällt, welche von lebenswichtiger Bedeutung sind. Einige kasuistische Beispiele
illustrieren in markanter Weise die ungewöhnlich instruktiven Ausführungen.
Für die Prognose ist die Dauer der Inkubationszeit von Bedeutung. Außer
dieser kommt die mehr oder weniger große Akuität der Entwicklung der mani¬
festen Symptome in Betracht. Die Regel: lange Inkubationszeit, leichter Verlauf
hat auch Ausnahmen. Für die Prognose ist ferner von Bedeutung, in welchem
Maße die Atmung, das Schluckvermögen und der Kehlkopf betroffen sind. Ent¬
scheidend ist stets die Individualität des Falles. Auch nach dem Überstehen eines
Tetanus sind körperliche Überanstrengungen tunlichst hinauszuschieben, Tetanus¬
rekonvaleszenten sind nicht zu früh den Anstrengungen eines Transportes zu
unterwerfen.
Den Schluß der Ausführungen bilden therapeutische Bemerkungen. Die
narkotisierende Behandlung soll nicht schematisch sein, sondern sich der Indivi¬
dualität des Falles und den einzelnen Phasen des Verlaufs anpassen. Besonders
wichtig ist unermüdliche sorgsame Pflege. Die Narkotika sind nicht bloß ein
symptomatisches Mittel, sondern sie entsprechen der indicatio morbi, indem sie
die Nervenzellen unempfindlich gegen das Tetanusgift machen und auf diese Weise
den Organismus Zeit zur Vernichtung der Gifte gewinnen lassen. Auch werden
durch sie die besonderen Gefahren der Erstickung, Hirnblutungen, Erschöpfung usw.
vermindert. Wichtig ist die Fernhaltung aller Reize, Lagerung usw. Der Schwer¬
punkt der Therapie liegt in der prophylaktischen Behandlung. Das Personal muß
die Verwundeten regelmäßig nach Kaubeschwerden abfragen. Bezüglich aller
Einzelfragen, Serumbehandlung, Magnesiumsulfattherapie usw. sei auf die Arbeit
selbst hingewiesen.
Digitized b'
Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
401
56) MagnesinmBUlfat bei Tetanus, von S. J. Meitzer. (Berliner klin. Wochenschr.
1915. Nr. 11.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Magneßiumßulfat kann als starkes Gift wirken, wenn es parenteral und in
relativ starken Dosen verabreicht wird. In richtig gewählten Dosen kann es
eine geeignete Narkose und volle Muskelerschlaffung, ohne Lebensgefährdung
herbei führen. Die Dosen variieren mit der Tierart und den Einspritzungsarten,
die intraspinal, subkutan und intramuskulär sein können. Intravenöse Ein¬
spritzungen sollen beim Menschen gar nicht in Betracht kommen. Die Gefahr
einer Atemlähmung kann durch eine intramuskuläre Einspritzung eines Kalzium¬
salzes oder durch eine Eserineinspritzung rasch beseitigt werden.
Die Behandlung des Tetanus mit Magnesiumsulfat soll sehr früh begonnen
werden, womöglich beim Einsetzen der ersten Zeichen. Die Einspritzung soll
dann rein subkutan gemacht werden. Die Dosis für den erwachsenen Menschen
soll nicht weniger als 0,03 g pro Kilogramm betragen (in 25 °/ 0 iger Lösung also
1,3 ccm) und viermal täglich gegeben werden. Hat der Patient bereits schwere
Krämpfe, so ist am einfachsten die Ausführung einer Kombination Magnesium*
Äther. Der Patient soll zunächst ziemlich gut ätherisiert und bald darauf soll
0,5 (2 ccm einer 25°/ 0 igen Lösung) pro Kilogramm in die Oberschenkelmuskeln
eingespritzt und gut verrieben werden. Darauf hält man den Patienten etwa
20 Minuten in leichter Narkose. Eine solche Einspritzung ist alle 6 Stunden zu
wiederholen. Chloroform ist ungeeignet. Tritt trotz der Behandlung Atemlähmung
ein, so gebe man intramuskulär 0,0015 Eserin und darauf eine intramuskuläre
Einspritzung von 50 bis 60 ccm einer isotonischen Lösung (2 °/ 0 ) von kristallwasser
haltigem CaCl 3 , und zwar fange man mit diesen Prozeduren an, sobald die At¬
mung oberflächlich wird, und warte nicht, bis sie ganz aufgehört hat Werden
die Krämpfe trotz allem nicht überwunden, so greife man sogleich zu einer spi¬
nalen Einspritzung des Magnesiumsulfats unter Äthernarkose; die Dosis soll dabei
nicht weniger als 0,25 g (1 ccm einer 25°/ 0 igen Lösung pro 10 kg Körper¬
gewicht betragen.
Neben der Magnesiumtherapie ist die Serumbehandlung nicht zu vernach¬
lässigen. Bei intraspinaler Behandlung soll man aber nicht beide Flüssigkeiten
kurz nacheinander einspritzen, da schon der mechanische Druck der Flüssigkeit
auf die Medulla schädigend wirken kann. Das Respirationszentrum wird dabei
früher beeinflußt als das vasomotorische Zentrum.
56) Praktische Gesichtspunkte bei der Behandlung des Tetanus, von Dr.
B. Heile. (Berliner klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. hat während des Krieges 12 Tetanusfälle beobachtet, von denen 5
gestorben und 7 gesund geworden sind. Behandelt wurde mit Tetanusantitoxin
und Magnesiumsulfat, sehr ausgiebig mit prophylaktischen Seruminjektionen. Kein
prophylaktisch injizierter Fall erkrankte später an Starrkrampf. Sobald nur die
geringsten Zeichen einer Wahrscheinlichkeitsdiagnose des Starrkrampfs vorliegen,
soll die Behandlung beginnen. Zweckdienlich ist die intraneurale Injektion, zu
der die völlige Freilegung der Nerven nicht notwendig, vielleicht sogar unzweck¬
mäßig ist, da jeder Schnitt mit Weichteilquetschung Gefahr bringen kann. Das
Auffinden der Nerven ist für den Chirurgen leicht; die gewöhnliche Stelle für den
l8cbiadicus zwischen Trochanter und Tuber ischii ist unzweckmäßig, weil hier der
Nerv beweglich ist, der unverändert am Austritt des Ischiadicusstammes liegt.
Diese Stelle .entspricht der Mitte einer Linie, welche von der Spina ischii posterior
zum Taber ischii gezogen wird. An der oberen Extremität wählt man zweck¬
mäßig die Nervenstämme in der Achselfalte oder den Plexus oberhalb der Clavicula.
Ein guter Anhaltspunkt dafür, daß die Vergiftung fortschreitet, bildet der
Nachweis der Steigerung der Reflexe. Dann gibt der Verf. außer dem Antitoxin
sofort Magnesiumsulfat in solchen Mengen, daß die Reflexerregbarkeit herabgesetzt
xxxiv. 26
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
402
wird, am besten intralumbal, anfangs 0,8 bis 1,5, schließlich 3 g und mehr. Be¬
gonnen wurde mit 0,5 bis 1,0 g einer 10 bis 15°/ 0 igen Lösung. Vor der Injektion
muß eine entsprechende Menge Liquorflüssigkeit abgelassen werden, dabei ist auf
den Druck zu achten, denn bei hohem Druck muß man mit der Injektion von
Magnesiumsulfat sehr langsam Vorgehen, da es sonst in dem Duralkanal zu hoch,
zu weit kopfwärts vordringt, so daß die schweren Atmungsstörungen eintreten,
die eine unerwartete Nebenwirkung darstellen und zu großen Mengen von Narco-
ticis zwingen. Das Magnesiumsulfat soll möglichst nicht höher steigen als bis
zur Mitte des Brustmarkes, Beckenhochlagerung ist darum unzweckmäßig. Mag¬
nesiumsulfat kann auch neben der allgemein narkotisierenden Wirkung örtlich
physikalische am Nervenmark auslösen, wie Sektionen ergeben haben, bei denen
man die Pia chronisch entzündet, gerötet, die Konsistenz des Rückenmarks fester
fand, was sich besonders bei zu starker Konzentration und zu großer Menge
Serum nachweisen läßt. Dann treten vorübergehende oder länger dauernde Quer¬
schnittsunterbrechungen des Rückenmarks auf. Um sie zu vermeiden, muß man
von kleineren zu größeren Mengen allmählich übergehen.
Die bösartigsten Fälle sind die Fälle mit kurzer Inkubation von 3 bis 8 Tagen.
Verf. hat immer versucht, aus dem Deckglastrockenpräparat durch den Nachweis
der Keulenbazillen die Diagnose zu stellen. Es ist nur 2 mal geglückt, ein Fall
davon war klinisch außerordentlich leicht.
57) Über Kontaktinfektion des Tetanus, von Köhler. (Deutsche militär¬
ärztliche Zeitschr. 1914. Nr. 24.) Ref.: K. Boas.
Fünf Kranke, die in einem Raum am umschriebenen Platze zusammenlagen,
boten Tetanus dar. Drei davon hatten sich auf dem Schlachtfeld infiziert. Alle
gehörten demselben Regimente an. Verf. nimmt nun eine Übertragung des Tetanus
von dem einen auf dem anderen, also eine Kontaktinfektion an.
58) Tetanustherapie mit Magnesinmsulfat, von Walter Straub. (Münch.
med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 10.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt die intravenöse Einführung des Magnesiumsulfats bei Tetanus.
59) Kriegstetanus, von H. Pribram. (Prager med. Wochenschr. 1916. Nr. 10.)
Ref.: K. Boas.
Auf Grund von 28 Fällen von Tetanus empfiehlt Verf. Magnesiumsulfat zur
Behandlung der Krämpfe, während er sich dem Antitoxin gegenüber ablehnend
verhält
60) Behandlung des Tetanus, von A. Jesionek. (Münch, med. Wochenschr.
1915. Feldärztl. Beil. Nr. 9.) Ref.: Kurt Mendel.
Heilung von 4 Fällen von Tetanus unter Lichtbehandlung. Die Wunden,
von denen angenommen werden konnte, daß sie den Tetanussporen als Eingangs¬
pforte gedient hatten, wurden dem Blaulicht der Quecksilberquarzlampe ausgesetzt.
61) Meine Beobachtungen über Tetanus im Frieden und im Felde, von
Assistenzarzt d. R. Dr. Grundmann. (Berliner klin. Wochenschr. 1915.
Nr. 8.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. faßt seine Erfahrungen dahin zusammen, daß das Wesentliche bei einer
erfolgreichen Tetanusbehandlung folgendes ist:
1. Prophylaxe.
2. Frühdiagnose.
3. Konservative Wundbehandlung.
4. Sofortige Anwendung des Tetanusserums (Einspritzung in die Umgebung
der Wunde, intravenöse und intralumbale Injektionen) und durchschnittliche
Serumbehandlungsdauer von 4 bis 7 Tagen.
5. Sofortige und Dauerbehandlung mit Magnesium sulfuricum bis zum Ver¬
schwinden der Muskelzuckungen und Muskelstarre.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
403
62) Zar Prophylaxe des Tetanus. Ein Vorschlag von Stabsarzt Prof. Dr. Carl
Ritter. (Berl. klin. Wochenschr. 1915. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die wichtigste Frage ist die, wie man dem Tetanos Vorbeugen kann. Verf.
hat zunächst sämtliche Verletzte prophylaktisch mit dem neuen Tetanusserum so¬
fort nach ihrer Einlieferung ins Lazarett geimpft Wichtiger ist die primäre
Wundbehandlung, die nicht durch antiseptische Mittel die Keime in der Wunde
abzutöten versuchen soll. Wir besitzen vielmehr drei Methoden, eine Wunde
keimfrei bzw. keimarm zu machen. Die erste Methode (Friedrioh) besteht
darin, daß die Wundränder in einem Umkreis von 1 cm innerhalb der ersten 6
bis 12 Stunden nach der Verletzung ezzidiert werden; sie ist meist im Kriege
nioht möglich. Die zweite Methode (Bier) ist die Hyperämiebehandlung; die
dritte Methode hat vor den beiden anderen den Vorteil der Ubiquität der An¬
wendungsmöglichkeit, es ist die Anwendung von ätzenden Mitteln.
63) Tetanus lateralis, von Dr. A. Harf. (Berl. klin. Wochenschr. 1916. Nr. 16.)
Ref«: E. Tobias (Berlin).
Verf. schildert einen Fall von Tetanus lateralis. Es handelt sich um eine
primär an Stelle der Verwundung auftretende tetanische Muskelstarre, die all¬
mählich den ganzen linken Arm ergriff. Erst danach entwickelten sich halbseitige
Spasmen des linken Fazialis- und des linken motorischen Trigeminusgebietes, an
denen sich dann absteigend die linke Hälfte des Halses, des Stammes und in
minderem Qrade die linke untere Extremität beteiligten. Die Krampferschei-
nungen sind dann in umgekehrter Reihenfolge bei einer Gesamtdauer der Er¬
krankung von 40 Tagen zurückgegangen. Verf. nimmt eine neurogen-spinale
Verbreitung des Toxins an, das von der Weichteilwunde des linken Vorderarms
die Nervenbahn entlang zu den linken Vorderhornzellen des entsprechenden
Röckenmarkssegmentes gewandert ist. Von dort ist es zu den linken Fazialis- und
Trigeminuskernen der Medulla oblongata gestiegen, dann in die linken motorischen
Zonen der tieferen Rückenmarksabschnitte heruntergewandert. Bemerkenswerte
Symptome waren linksseitiger Patellar- und Fußklonus (kein Babinski!), Fehlen
des linken Bauchdeckenrefiexes usw.
64) Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern, von Prof. Dr. Hermann
Schlesinger. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 14.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Charakteristische Nervenstörungen nach Dysenterie sind bisher nicht be¬
schrieben worden, auch gute Kenner dieser Krankheit halten sie für selten. Verf.
hat nun ziemlich häufig nach Ruhr eine Form der Polyneuritis gesehen, welche
ziemlich charakteristische Züge aufweist. Die kranken Soldaten klagten stets über
unbestimmte, anscheinend rheumatische Beschwerden. In allen Fällen war eine,
zumeist leicht ruhrartige Erkrankung mit blutigen, häufigen Stuhlentleerungen und
Tenesmus im Felde vorausgegangen. Die Gesamtzahl der vom Verf. im letzten
halben Jahre untersuchten Fälle „dürfte mehr als zwanzig (durchwegs Soldaten)
betragen“. Er hält viele sogen. Myalgien nach Dysenterie für multiple Nerven¬
entzündungen. „Die Polyneuritis dysenterica ist einer der häufigeren Folgezustände
der bazillären Dysenterie.“ Sie ist toxischen Ursprungs und tritt zu einer Zeit
auf, in der in den Fäzes keine Dysenteriebazillen mehr nachweisbar sind. Wahr¬
scheinlich präparieren die vorangegangenen schweren körperlichen Anstrengungen
im Verein mit rheumatisohen Schädlichkeiten den Organismus für die Entwicklung
einer Polyneuritis, die hinzutretende Infektionskrankheit löst dann die Nerven¬
entzündung aus.
Die dominierenden Symptome sind Schmerzen, Parästhesien und auch objektiv
nachweisbare Sensibilitätsstörungen, die Erscheinungen im Bereiche der motorischen
Sphäre treten in den Fällen vom Verf. auffallend zurück. Die Schmerzen werden
häufig in die Muskulatur lokalisiert. Die Parästhesien waren besonders lebhaft
an den distalen Extremitätenabschnitten. Die Kranken klagten über ein Ver-
26 *
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
404
totungsgefühl der Finger und Zehen, öfter über intensives Hitze- oder Kältegefühl
an diesen Körperregionen. Die Beschwerden waren meist nachts schwächer, sie
wurden durch Kälte gesteigert. Die Nervenstämme sind druckempfindlich, aber
nicht exzessiv. Paravertebrale Druckpunkte fehlten. Die sensiblen Ausfalls¬
erscheinungen sind oft symmetrisch, alle Qualitäten dabei gleichmäßig. Von
motorischen Erscheinungen waren höchstens Paresen mäßigen Grades zu beobachten,
dabei kein Prävalieren bestimmter Muskelgruppen. Entartungsreaktion hat Verf.
bei dysenterischer Polyneuritis nicht beobachtet. Vorübergehend fehlten in einem
Teil der Fälle die Patellarreflexe. Trophische Störungen waren nur einige Male
vorhanden und immer geringfügig. Der Verlauf ist gutartig, die Therapie die
geläufige.
65) Übernervöse und psyohiseheErkrankungen im Kriege, von A Westphal
u. A. H. Hübner. (Medizin. Klinik. 1916. Nr. 14 u. 16.) Bef.: E. Tobias.
W. geht aus von der divergierenden Anschauung der Autoren in der Frage
der traumatischen Neurose; nach seiner Erfahrung ist das Auftreten von trau¬
matischen Neurosen im Kriege keineswegs selten. Die nervösen Störungen des
Krieges treten zwar nicht ausschließlich, aber fast durchweg bei Disponierten auf.
Nur die sogen. „Granatkommotion“ ist eine so intensive Einwirkung auf das
Nervensystem, daß sie auch bei vorher nicht nachweisbar nervösen Individuen
schwere nervöse Krankheitserscheinungen hervorzurufen imstande ist. Von Sym¬
ptomen sah W. neben hysterischen neurasthenische Symptome in reicher Fülle.
Die Prognose der traumatischen Neurose des Krieges scheint oft günstiger zu sein
als die der Bentenhysterie im allgemeinen, wenn auch Endgültiges erst die Zu¬
kunft lehren kann. Die Zahl der Psychosen im engeren Sinne ist relativ gering.
Ihre Form ist dieselbe wie die der im Frieden zu beobachtenden Psychosen, aber
die Symptome erhalten mitunter eine bestimmte Färbung durch den auf die Kriegs-
erlebnisse eingestellten Gedankengang, was besonders beim manisch depressiven
Irresein deutlich ist. Verhältnismäßig selten waren auffallenderweise in das Ge¬
biet der Dementia praecox gehörige Fälle, was bei den jugendlichen Altersstufen
der Soldaten bemerkenswert ist. W. erwähnt dann drei unklare zum Tode füh¬
rende Fälle nach Art des Delirium acutum. In einigen Fällen traten die ersten
paralytischen bzw. tabischen Symptome im Felde auf, wobei wohl die Summation
der schädigenden Einflüsse des Krieges als auslösendes Moment gewirkt hat.
Die Ausführungen von H. betreffen die Sachverständigentätigkeit. In dieser
Beziehung werden 3 Fragen besprochen: 1. Die Frage nach der Dienstfähigkeit;
2. nach der Berechtigung gestellter Versorgungsansprüche und 3. nach der straf¬
rechtlichen Verantwortlichkeit. Bei der Besprechung der Frage nach der Dienst¬
fähigkeit werden besonders 2 Fragen erörtert: Ob bei der militärärztlichen Unter¬
suchung vor der Einstellung eine geistige Störung hätte bemerkt werden können
und welche Maßnahmen die Einstellung derartiger Kranker wirksam verhindern
könnte. H. regt an, solche Krankheiten, die den Kranken dauernd dienstunfähig
machen, für meldepflichtig zu erklären, wenn auch eine derartige Bestimmung
nicht unbedenklich wäre. Auch ist die Aufklärung des Publikums wichtig. Ein¬
zelne Fälle werden an der Hand von Beispielen erörtert.
66) Mobilmachiingspsyohoseii, von Medizinalrat Walter Fuchs. (Ärztliche
Sachver8t.-Zeitung. 1916. Nr. 3.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. scheidet die Fälle aus, die das eine gemeinsam haben, daß sie sowohl
ätiologisch wie klinisch von der Norm der Friedenspsychosen in keinem Punkte
abweichen. Ihnen gegenüber stehen die Fälle, bei denen aus einer primären,
durch die Mobilmachung bzw. die Einziehung zur Armee erzeugten Erregung hilf¬
loser Angst die Psychose mit einer Art von logischer Steigerung herauswuchs.
Gemeinsam ist diesen Fällen:
1. Die Ätiologie: kongenitale Entartung und Mobilmachungserregung.
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
405
2. Der akute Beginn.
3. Die Stellung des Ich im Gefahrenmittelpunkt.
4. Die Todesangst mit äußerstem Affektausdruck.
5. Die das Subjektive der Situation ergänzenden und gewissermaßen be¬
weisenden Halluzinationen; erst jeweils mit deren Eintritt wurde die Psychose
vollständig.
6. Somatische Symptome.
7. Der Verlauf der akutesten Periode.
8. Die betreffs baldiger symptomatischer Besserung relativ günstige Prognose.
9. Die Gefahr paranoider Weiterentwicklung.
Diese Zusammenfassung ergänzt Verf. nooh durch folgende Sätze:
10. Mobilmachungspsychosen weisen die verschiedenste Ätiologie auf. Immer
aber besteht eine gewisse Degeneration.
11. Die echte Mobilmachungspsychose im engeren Sinne ist ätiologisch eine
reine Angstpsychose auf dem Boden einer besonders gefärbten Degeneration.
12. Die Mobilmachungspsychose im engeren Sinne entsteht auf dem Boden
einer besonders gefärbten Degeneration.
13. Die individuelle Disposition besteht in einer angeborenen Erlebnis¬
unfähigkeit. Diese Minderwertigkeit ist eine Korrelation von vasomotorischer
Übererregbarkeit und von apperzeptiver Schwäche, von Mangel an Willenskraft.
14. Der Abgang dieser unheilbar Minderwertigen ist für die Armee ein Glück.
67) Wesen und Bedeutung der Kriegspsychosen, von Dr. Kurt Singer. (Ber¬
liner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Der größte Teil der Geisteskranken und Nervösen in den Lazaretten haben
ihre Psychose oder Anlage zur Psychose schon vor der Ausmusterung in sich
getragen. Den Anforderungen des Krieges an Körper und Psyche sind sie nicht
gewachsen, unter der bis ins äußerste gesteigerten Affektanspannung, unter den
großen Strapazen brechen diese prädisponierten Individuen sohneil zusammen,
ihre Beaktion auf psychische Beize wird in auffallender Weise abnorm stark.
Daß der Krieg das Auftreten von Psychosen begünstigt, scheint sicher. Den
Einfluß sieht man nicht nur während der Zeit der Operationen, sondern schon
in der Mobilmachungsperiode, reagieren doch schon die Normalen, Intelligenten,
Starknervigen mit Schnelligkeit auf die unglaublichsten Gerüchte usw. Eines
inneren Zusammenhanges mit dem Kriege entbehren, nur durch ihn schneller in
Erscheinung treten Affektionen wie die Paralyse, die Hebephrenie, die Imbezillität.
Bei den Psychopathen sieht man die mannigfachsten Bilder vom einfachen Schwindel
bis zum funktionellen Krampfanfall, von der leichten Erregung bis zur Schreck¬
psychose, von vorübergehender Niedergeschlagenheit bis zur stuporähnlichen Atto-
nität, von der Gliederschwäche bis zur Abasie. Diese mannigfachen Bilder treten
besonders häufig unter der Einwirkung von Granatfeuer ein; wobei auoh besonders
schwere Shockerscheinungen zur Beobachtung gelangen. Auf derselben Basis
treten ferner Zustände von vorübergehender Depression auf, besonders wenn zu den
endogenen Momenten ein exogener, die Erschöpfung, hinzutritt. Sie äußern sich
entweder in der Form der Neurasthenie oder als schwere Verstimmungszustände,
eventuell bis zu Suicidversuchen. Auch der Symptomenkomplex von deliranter
Erregung und halluzinatorischer Verwirrtheit wird des öfteren beobachtet, ferner
Sinnestäuschungen usw., Zustände, die als akute halluzinatorische Verwirrtheit
zusammengefaßt werden können. Bei ihnen spielen körperliche Strapazen eine
entscheidende, krankmachende Bolle, während bei anderen Gruppen das psychische
Trauma, vor allem das akuteste, der Schreck, entscheidend eingreifen, so bei der
Hysterie, ferner bei den epileptischen Krämpfen. Soldaten, deren Anamnese
höchstens Anfälle in der Kindheit aufweist, haben neue Anfälle, in denen die
weittragendsten Delikte Vorkommen können. Bemerkenswert ist, daß wenig Alkohol-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
406
abstinenzerscheinungen beobachtet werden. Die Entziehung des Alkohols wird
von unsern Truppen ganz ausgezeichnet vertragen, aber unter den obwaltenden
Umständen kann schon eine geringe Dosis Alkohol als Exzeß wirken.
Auch die Fälle von Manisch-depressiven häufen sich etwas unter dem Ein¬
druck psychischer Strapazen, desgleichen die Melancholiker.
Das Gros unserer Truppen widersteht den Riesenstrapazen des Krieges mit
einer Riesenkraft an Nerven und Energien.
68) Die Psyche des Verwundeten, von Dr. Arthur Münzer. (Berliner klin.
Wochenschr. 1915. Nr. 10.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. spricht von den ursächlichen Momenten, welche zusammentreten, um
eine Rückwirkung auf den Seelenzustand des Verwundeten auszuüben. Zunächst
der Wundschmerz, das Gefühl der Hilflosigkeit und des Verlassenseins; es dauert
lange, bis Hilfe kommt, wenn sie überhaupt kommt. Währenddem stellen sich
quälend Hunger und Durst ein. Ein Unterschied ist zwischen Leicht- und Schwer¬
verwundeten. Bei letzteren besteht fast immer Shockwirkung, die als eine nervöse
Erschütterung stärksten Grades zu charakterisieren ist. Die Shockwirkung äußert
sich als Hemmung der wesentlichsten Hirnfunktionen, sie ist als oberflächliche oder
in einzelnen Fällen tiefer reichende Bewußtseinstrübung gekennzeichnet. Verf.
nimmt an, daß durch die schwere Verletzung eine ganze Reihe sensibler Nerven
getroffen und hierdurch eine Fülle mannigfacher Reize an das Zentralnervensystem
weitergeleitet werden. Die Summation all dieser fremden Reize beeinflußt wesentlich
den Ablauf der Hirnfunktionen. Auch der Blutverlust wirkt auf das Gehirn.
Der Shockzustand dauert 12 bis 24 Stunden; danach findet ein Ausgleich zur
Norm statt, und der Patient gerät in den seiner Verletzung entsprechenden Seelen¬
zustand, in bezug auf den man zwei Gruppen unterscheiden kann: Die ruhigen,
besonnenen, sich in ihr Schicksal ergebenden wahrhaften Helden und die „trau¬
matischen Neurastheniker“, die übermäßig hohe Ansprüche stellen, alles als selbst¬
verständlich betrachten, jammern und stöhnen. Diese Zustände sind als krankhaft
anzusehen. Offiziere werden von neurasthenischen Zuständen leichter befallen als
Mannschaften, was auf die einschneidendere Wirkung der veränderten Lebensweise
zurückzufÜhren ist. Ferner wird ein feines differentiales Gehirn eher äußeren
Einwirkungen unterliegen als das grob organisierte. Eine zurückbleibende Nervosität
ist durchaus verständlich. Durch den Krieg selbst scheint die seelische Gesundheit
nur in relativ seltenen Fällen erschüttert zu werden; in überwiegender Zahl unter¬
liegen minderwertige psychische Konstitutionen.
69) Die Anwendung der Diathermie bei der Behandlung der Kriegsver¬
letzungen und der Kriegskrankheiten, von Dr. Albert E. Stein. (BerL
klin. Wochenschr. 1916. Nr. 16.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Diathermiebehandlung hat auch neurologisches Interesse. Verf. erwähnt
besonders die Ischias, „die einzige Neuralgieform, die als wirkliche Kriegserkran¬
kung bezeichnet werden kann“; sie tritt in allen Graden auf und verlangt lange
Einzelsitzungen und hohe Stromstärken. Bei der Lumbago unterstützte die
Diathermie andere physikalische Behandlungsmethoden.
70) Die hydrotherapeutische Behandlung der im Kriege erworbenen Neur¬
asthenie und Hysterie, von Arthur Hirschfeld. (Zeitschr. f. physikal. u.
diätet. Therapie. 1915. Februar.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. erwähnt im Gegensatz zu dem vod ihm gewählten Titel seiner Aus¬
führungen in diesen, daß „bei genauer Erhebung der Anamnese“ „schon immer
eine „gewisse Nervosität“ bestanden hat.“ Durch diese Angabe erübrigt sich ein
Eingehen auf die Überschrift der Ausführungen des Verf.’s. Die Therapie ist die
auch in Friedenszeiten übliche, Verf. ist mit Recht ein Anhänger der „thermischen
Kontraste“. Von Interesse ist seine Angabe, daß die von vielen gerühmte An¬
wendung von Fichtennadelbädern in einem geordneten hydriatischen Betriebe
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UMIVERSITY OF MICHIGAN
407
überflüssig erscheint. Sehr za unterschreiben und auch vom Bef. wiederholt aus¬
gesprochen ist die Schlußbemerkung, daß Polypragmasie nicht nur unwirksam,
sondern gefährlich ist. Viele Patienten, welche wegen neurasthenischer Beschwerden
in „Kaltwasserheilanstalten“ geschickt werden, verlassen dieselben nicht nur nicht
gebessert, sondern in einem Zustande hochgradiger Erregung, der allein durch die
dort geübte Polypragmasie zu erklären ist.
71) Über die Anwendung der physikalischen Therapie bei verwundeten
und erkrankten Kriegern, von Dr. A. Laqueur. (Zeitschr. £ physikal. u.
diätet. Therapie. 1915. Februar.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Von den Ausführungen des Verf/s sei in Kürze der neurologischen Fälle
hier Erwähnung getan. Zur Behandlung kamen Fälle von Ischias, peripheren
Lähmungen, Neurasthenie, Herzneurose, Schlaflosigkeit. Die Behandlung ist im
allgemeinen die übliche, bald mehr hydriatisch, bald elektrotherapeutiscb.
72) Sexuelle Fragen zur Kriegsseit, von E. Burchard. (Zeitschr. f. Sexual¬
wissenschaft. I. 1915. S. 373.) Bef.: K. Boas.
Die Arbeit des Verf/s bringt eine Beihe interessanter Fragen aufs Tapet.
Verf. beginnt seine Ausführungen mit den sozialen Formen des Sexuallebens und
behandelt das Verhalten der Ehe im Kriege. Im allgemeinen läßt sich sagen,
daß im Kriege mehr Liebes- als Vernunftehen geschlossen werden alB im Frieden.
Die Prognose dieser Ehe ist in den meisten Fällen eine günstige zu nennen. Die
außerehelichen Verbindungen dürften durch den Krieg vielfach dem Verderben
(Psychosen, Prostitution, kriminelle Eingriffe gegen daB keimende Leben) entgegen¬
gehen. Es wird dann die Frage der Piostitution in der Heimat und Feindesland
berührt und der Geschlechtskrankheiten gedacht. Verf. fordert eine Belehrung
der Soldaten über die Gefahren der Geschlechtskrankheiten in der Heimat. Verf.
kommt dann zu sprechen auf die zahlreichen mit dem Sexualleben in Berührung
stehenden Erkrankungen. Verf. bat in dieser Hinsicht eine Zunahme der dystby-
mischen Störungen bei Frauen im Gefolge von Menstruation, Klimakterium,
Schwangerschaft, Wochenbett und Laktation gesehen, auch psychische Störungen
im Gefolge des Climacterium virile beobachtet. Es sind übrigens durchaus nicht
vorwiegend Frauen von Kriegsteilnehmern, die von jenen, und direkt am Kriege
beteiligte Männer, die von diesen betroffen werden. # Eine umfangreiche Gruppe
der sexuellen Neurosen und Potenzstörungen scheinen durch die machtvolle Subli¬
mierung im Kriege günstig beeinflußt zu werden. Die Militärtauglichkeit bei
sexuellen Nervenleiden kann dementsprechend nur ganz individuell beurteilt werden.
Das gleiche ist der Fall bei den geschlechtlichen Übergangserscheinungen und den
Perversitäten. Bei den Zwischenstufen I. und II. Grades (nach Hirschfeld),
Hermaphroditismus und Pseudohermaphroditismus einerseits, Androgynie und Gyn-
andrie andererseits, hält Verf. wenigstens in den ausgeprägten Fällen dieser Art
die Militärtauglichkeit für aufgehoben, ebenso bei den männlichen und weiblichen
Transvestiten. Auf einem wesentlich anderen Standpunkt steht Verf. gegenüber
den Homosexuellen. Über diese lauten seine im Kriege gemachten Erfahrungen
im allgemeinen recht günstig. Verf. hat namentlich zahlreiche wegen Homo¬
sexualität aus dem Heere entfernte Offiziere gesehen, die darauf brannten, sich,
wenn auch ohne Charge, zu rehabilitieren. Er glaubt jedoch, daß diesem frei¬
willigen Wiedereintritt nicht nur äußerliche Motive zugrunde liegen, sondern
tiefere psychologische Beweggründe, denen er im einzelnen nachgeht. Mehrere
dieser Homosexuellen haben sich sogar das Eiserne Kreuz I. Klasse erworben.
Besümierend meint Verf., daß die Homosexualität an sich auf keinen Fall Militär-
und Kriegsuntauglichkeit bedinge. In dem Falle der sanitären Kriegsbetätigung
standen nach den Erfahrungen des Verf/s die weiblichen Homosexuellen hinter
den männlichen nicht zurück und auch andere Fälle des sexuellen Zwittertums —
bis zu den Hermaphroditen und Pseudohermaphroditen — zeigten das Bestreben,
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
408
sich auf diesem Gebiete nützlich zu machen. Verf. weist dann kurz hin auf die
wechselseitigen Beziehungen zwischen Spionage und Homosexualität bzw. Pseudo¬
homosexualität und Transvestie bzw. Pseudotransvestie. Verf. geht dann auf die
einzelnen Perversitäten (Algolagnie, Tetrichismus, Pygmalionismus, Pädophilie,
Nekrophilie, Exhibitionismus) ein. Wie sich die sexuelle Kriminalität im Kriege
verhält, darüber läßt sich vorerst nichts Bestimmtes aussagen. In Berlin sah
Verf. eine Abnahme der sexuellen Delikte, was jedöch vielleicht auf eine Ver¬
minderung der polizeilichen Überwachung zurückzuführen ist. Ebenso nimmt auch
Verf. eine einschränkende Einwirkung des Krieges auf die kriminelle Betätigung
sexuell Perverser an.
Verf. erwartet ferner Fortschritte für die Bewegungen der Eugenik und
Rassenhygiene durch und naoh dem Kriege.
111. Aus den Gesellschaften.
Ärztlicher Verein in Hamburg.
Sitzung vom 23. Februar 1916.
Bef.: M. Nonne (Hamburg).
Herr Nonne hebt hervor, daß er zwar eine größere Reihe von Neurosen
und schweren Hysterien sehe, daß diese jedoch keineswegs den Schluß zulassen,
daß diese Neurosen bei unseren Soldaten verbreitet seien; denn seine Abteilung
stelle gewissermaßen eine Sammelstelle vor. Im Gegenteil ist es geradezu auf¬
fallend, wie schwere und schwerste Verletzungen fast durchweg ohne „Neurose¬
reaktionen“ ertragen würden. Das trifft auch für die vielen Fälle von schweren
Erfrierungen, die zu Amputationen von Gliedmaßen führen, zu, bei denen Vortr.
bisher noch keinen Fall von allgemeiner Nervosität usw. gesehen hat. — Vortr.
kommt dann noch einmal zurück auf die Fälle von grande hystärie. Er sah sie
in Gestallt von Hutismus, Stottern, isolierten klonischen Krämpfen einzelner
Muskeln, der Halsmuskeln, der Gesichtsmuskeln, auch an den Extremitäten, als
Monoplegien verschiedener Extremitäten, als spinale Hemiplegie, unter dem Bilde
der Paraplegia inferior sowie dem Bilde der zerebralen Halbseitenlähmung. Auch
allgemeine hysterische Krämpfe und hysterische Dämmerzustände kamen zur Beob¬
achtung. Besonders häufig sind Fälle von Abasie. Nicht selten sah Vortr. hyste¬
rische Symptome organisch bedingten Krankheitsbildern, sowohl zerebralen als auch
spinalen, als auch neuritischen superponiert. Es ist Vortr. in einer großen Reihe
von Fällen gelungen, durch Suggestion in Hypnose überraschend schnelle, sogen.
„Wunderheilungen“ zu erzielen. Viele dieser Fälle waren anderweitig fälschlich
als organisch, und zwar zentral bedingte Lähmungen diagnostiziert worden und
waren fast alle bereits mehrere Monate krank. Ein Teil derselben war bereits
als dauernd dienstunbrauchbar und mit einer Erwerbsunfähigkeit von 100 °/ 0 ein¬
gegeben worden. Vortr. demonstriert einen besonders markanten Fall. Der Kranke
kam mit klonischen Zuckungen der Gesichtsmuskeln und mit voller Astasie und
Abasie auf. Es gelang gleich bei der ersten Sitzung, Katalapsie zu erzeugen und
eine wesentliche Besserung der Symptome zu bewirken. Nach der zweiten Sitzung
waren die Symptome nur noch andeutungsweise vorhanden und waren naoh der
dritten Sitzung völlig verschwunden. Da der Kranke überaus leicht in Hypnose
verfiel und jede Suggestion in der Hypnose annahm, so gab Vortr. ihm in der
Hypnose die Suggestion, daß er von niemand anders hypnotisiert und suggeriert
werden könne. Der praktische Versuch ergab, daß auch diese Suggestion fest saß
insofern als einige Tage später einem in der Hypnose besonders geübten Kollegen
es nicht gelang, den Pat. in Hypnose zu versetzen. Vortr. demonstriert, nachdem
er den Kranken in Hypnose versetzt hat, durch Suggestion das ursprüngliche
Krankheitsbild und darauf die Heilung desselben durch Suggestion. Auch dieser
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
409
Pat, war als 100% erwerbsunfähig gemeldet worden, während er tatsächlich zu
seinem Berufe als Kaufmann durchaus wieder fähig sein wird. Nur bei wenigen
Fällen (wie in dem vorgestellten) gelang es Vortr., nennenswerte Stigmata von
Neuropathie im Vorleben der Kranken und nennenswerte neuropathische Belastung
nachzuweisen. Vortr. weist darauf hin, daß bereits im Herodot (Buch VI, Kap. 117)
sich ein Fall beschrieben findet, in dem es sich um eine durch heftigen Schreck
in der Schlacht erzeugte Amaurose handelt. Die Kenntnis der Fälle von grande
bysttrie ist, wie die praktische Erfahrung in diesem Kriege Vortr. gezeigt hat,
bei den Ärzten noch nicht so verbreitet, wie es gerade in Hinsicht auf die
praktischen Konsequenzen unbedingt nötig ist.
Herr Grisson demonstriert aus dem Lazarett des Freimaurer Krankenhauses:
I. Einen Soldaten G., der durch einen merkwürdigen Sohuß eine Commotio
medullae spinalis mit fast allgemeiner Ataxie und Astereognosie erlitten hatte.
Er hatte in der Höhe der obersten Brustwirbel eine 7X3cm große, mäßig ab¬
sondernde Wunde, die nicht wie ein Einschuß, sondern wie ein Ausschuß aussah.
Durch Röntgenuntersuohung konnte nirgends, speziell nicht im Zentralnerven¬
system, ein Geschoß gefunden werden. Endlich wurde der Einschuß am weichen
Gaumen entdeckt. Der Mann hatte liegend sich mit seinem Nebenmann unter¬
halten, als er den Schuß durch den offenen Mund erhielt, ohne Verletzung der
Lippen und Zähne. Er ist nahezu geheilt. — II. Als Erläuterung zu der von
Herrn Saenger betonten Schwierigkeit der Operationen am Plexus braobialis
einen Musketier W., der viele Granatsplitter in der Wand und im Innern des
Thorax aufweist (Röntgenplatte). Ein Splitter lag zwischen den Nerven des
Plexus brachialis und hatte ausgebreitete Lähmungen an der oberen Extremität
bewirkt, so daß er entfernt werden mußte. Die Operation war recht schwer. Die
Nerven erwiesen sich als unverletzt; die Lähmungen bildeten sich nach Entfernung
des drückenden Fremdkörpers zurück, es besteht nur noch eine Schwäche im
Serratus und Atrophie der kleinen Handmuskeln. — III. Die Röntgenplatte eines
Soldaten W. mit einer großen Fraktur und Dislokation der Tabula vitrea durch
Tangentialsohuß an der Stirn. Der Mann kam 4 Wochen nach der Verletzung
ins Lazarett, hatte nur noch mäßigen Kopfschmerz und eine Herabsetzung des
Geruchsvermögens; sonst Wohlbefinden und keinerlei Symptome. Bei diesem ge¬
ringen Befund sahen Saenger und Vortr. von einem Eingriff ab. Der Mann
wurde geheilt. Durch diese Beobachtung soll nichts gesagt werden gegen die
Trepanation der Tangentialschüsse. Es ist aber nützlich, gelegentlich auf die Aus¬
nahmen von allgemein geltenden Regeln hinzuweisen. Autoreferat
Herr Boettiger demonstriert zwei Kriegsverwundete: I. 22jähriger Soldat,
5. X Kopfschuß, Einschuß 1 Finger breit hinter linkem Proc. mastoideus, Aus¬
schuß am oberen Rande der Hinterhauptsschuppe links nahe der Mittellinie. Nach
der Verletzung hatte er seine Sprache verloren und der rechte Arm war leicht
paretisch. Beides verlor sich bald. Am 19. XL wurde er dem Hafenkrankenhaus
angeblich ohne Herderscheinungen überwiesen. Der Status vom 20. XI. ergab
jedoch neben den noch eiternden Schußöffnungen rechtsseitige Hemianopsie und
totale Alexie, und zwar totale Wortblindheit und fast totale Buchstabenblindheit.
Auch konnte er keine Uhr erkennen. Wurde ihm die rechte Hand in der Luft
im Sinne von Buchstaben geführt, so erkannte er sie fast stets durch sein Muskel¬
gefühl. Spontan schreiben konnte er nur seinen Namen, abschreiben hingegen
mittelschwere Worte, ohne jedoch die selbst abgeBchriebenen Worte hinterher lesen
zu können. Zahlen las er bis zu dreistelligen sicher, darüber hinaus unsicher.
Am 3. XII. wurden die Schußöffnungen freigelegt und lose Knochensplitter zum
Teil aus der Hirnsubstanz entfernt. Da damit eine Heilung der Wunden jedoch
nicht eintrat, die Herdsymptome sich fast gar nicht besserten und das Röntgen¬
bild Zertrümmerung des Schädeldachs zwischen beiden Öffnungen ergab, wurde
Digitized b)
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
410
am 13.1. 1915 durch einen großen Hautperiostlappen die ganze Knochenwunde
zusammenhängend freigelegt (Dr. Rothfuchs) und noch sechs größere und kleinere
Sequester entfernt. Nunmehr trat eine rapide Besserung der Alexie ein, so daß
Pat. jetzt alles lesen kann, soweit ihm die unveränderte Hemianopsie das Lesen
nicht erschwert, und auch spontan zu sohreiben vermag. Nur ermüdet er noch
relativ schnell. Sonstige Herderscheinungen haben stets gefehlt. — Es ist anzu¬
nehmen, daß der Schußkanal die Sehbahn des linken Okzipitalhirns direkt zer¬
stört hat, daß die Alexie jedoch bedingt war durch Druckwirkung der verletzten
Schädeldecke auf die darunterliegende Hirnrinde, namentlich den Gyrus angularis. —
II. 24jähriger Soldat, 4. X. Halssohuß, Geschoß sitzt in der Zwischenbandsoheibe
des 4. und 5. Halswirbels, diese selbst nur streifend, nicht splitternd. AnfangB
bestand totale Lähmung aller vier Extremitäten und Retentio urinae. Am dritten
Tage schwand letztere und es begann Beweglichkeit im rechten, nach weiteren
3 Wochen auch im linken Bein; nie Neigung zu Decubitus. Am 6. XI., nach
Aufnahme in das Tropenbygienische Institut, ergab sich Motilität, Sensibilität
und Reflexe am rechten Bein durchaus normal, das linke Bein war noch wenig
paretisch in allen Gelenken; dazu bestand hier Fußklonus und Babinski und
Oppenheim. Bauchdecken- und Kremasterreflexe fehlten. An den Armen fand
sich nur angedeutet Beweglichkeit in rechter Hand und Fingern, links nichts.
Ferner fand sich Hyp- bis Analgesie in einer Zone von 1 Finger breit oberhalb
beider Klavikeln bis zur Höhe der Mamilla, rechts unten etwas schmäler, dazu
Hypalgesie des ganzen linken Armes. Endlich motorische Schwäche in der Nacken¬
muskulatur. Bis zum 3. II. 1915, also in 1 / 4 Jahr, besserte sich spontan der Status
derart, daß Pat. ohne Stütze geht, auch Treppen; dabei stört ihn nicht der links¬
seitige geringe Fußklonus und Babinski. An den Armen ist die Motilität in
Ellbogen, Hand und Fingern beiderseits ausgiebig vorhanden, wenn auch noch
mit geringer Kraft und leichten Spannungen, nur die Aktivität der Deltoidei ist
rechts minimal, links auoh gering. In beiden besteht Entartungsreaktion, rechts
noch ausgesprochener als links. Alle Sensibilitätsstörungen sind geschwunden
bis auf kleine hypalgetische Flecken über beiden Schultern und auf der linken
Brustseite dicht vor der Achselhöhle. Der Heilungsprozeß kann noch nicht als
abgeschlossen gelten. Es handelt sich hier wieder um einen jener prognostisch
günstigen Fälle, in denen die mehr oder minder schweren spinalen Symptome,
hier die doch schwersten Anfangserscheinungen, spontan sich fast ganz zurück¬
bilden, Fälle, in denen eine direkte Verletzung des Rückenmarks und seiner Häute
durch das Geschoß ausgeschlossen ist. Erkennbar sind solche Fälle gegenüber
den direkten Rückenmarksverletzungen vor allem an dem Fehlen trophischer
Störungen, namentlich des Decubitus, und an dem sehr schnell einsetzenden Be¬
ginn einer wenn auch nur langsam sich steigernden Reduktion des anfangs
schweren Krankheitsbildes. Die Resterscheinungen sind hier, abgesehen von einer
leichten Narbenbildung im linken Hinterseitenstrang des Rückenmarks (Babinski,
Fußklonus links), nur mehr auf direkte Läsion der austretenden motorischen und
sensiblen Wurzeln in Höhe des 4. und 5. Halswirbels zurückzufuhren. Die Indikation
für nichtoperative Therapie in solchen Fällen ergibt sich von selbst. Autoreferat
Herr Oehlecker zeigt eine Reihe geheilter Sohftdelaohüase, die wenige
Tage nach der Verletzung schon in Hamburg waren und hier als frische Fälle
operiert wurden. Alle Fälle sind gut ausgegangen; es hat ihnen offenbar der
frühe Transport nicht geschadet. Demonstration von Verletzung der motorischen
Region, des Sehzentrum usw. Auffallend ist, daß besonders das Stirnhirn und
das Kleinhirn große Teile einbüßen können, ohne wesentliche Folgen zu hinter¬
lassen. Der Röntgenbefund bleibt hinter dem Befund bei der Operation zurück
bezüglich der Tiefe der Impression, Splitterung der Tabula vitrea usw. Im
Zweifelsfalle soll stets trepaniert werden. Vortr. hat nie einen Schaden davon
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
411
gesehen. Bei Hinterhauptsschüssen wird sehr häufig der N. occipitalis mit durch¬
schossen. Es können später schwere Neuralgien auftreten. Demonstration eines
solchen Falles, wo die schwerste Neuralgie nach völliger Heilung der Kleinhirn¬
schußverletzung aufgetreten war. Vortr. hat hier die von ihm angegebene Ex¬
stirpation des Ganglion spinale II ausgeführt. Völlige Heilung. Pat. am 11. Tage
nach der Operation. Vortr. berichtet über die bisherigen von ihm ausgefiihrten
fünf Ganglionexstirpationen. — Weiter demonstriert Vortr. eine einseitige und
eine symmetrisehe Cauda equina-Verletzung. 1 . Fall: Schrapnellkugelsteck-
schuß in der Höhe des 2. Lendenwirbels mit motorischer und sensibler Lähmung
des rechten Beines. Laminektomie und Eugelentfernung. Nach 3 Monaten fast
völlige Heilung. 2. Fall: Schußbruch des 5. Lendenwirbels gab das Schulbild der
Konus Verletzung: Blasen-Mastdarmlähmung und Reithosenbesatzanästhesie. Operation.
Zunehmende Besserung. Pat. schon jetzt fast beschwerdefrei. Autoreferat.
Herr Gimbal berichtet über die seelisohen und nervösen Erkrankungen,
welche er seit der Mobilmachung in der Korpsnervenstation beobachtet hat. Die
in allen Veröffentlichungen beobachteten Mobilmachungspsychosen im August und
September haben sich im Bereiche des IX. Korps in außerordentlich geringen
Grenzen gehalten. Durchweg handelte es sich um Geisteskrankheiten, welche
schon lange .vor der Mobilmachung bestanden hatten, zum Teil mit großer Ge¬
schicklichkeit von den Kranken und ihren Angehörigen geheimgehalten worden
waren, um die Aufnahme ins Heer zu ermöglichen und die infolge der militä¬
rischen Disziplin und der außerordentlich sorgfältigen Aufmerksamkeit der Truppen¬
ärzte schon zu Beginn des Feldzugs entdeckt und ausgeschieden wurden. Gleich¬
zeitig kam eine ganze Serie von Kranken zur Beobachtung, welche früher aus
irgendeinem Grunde im Militärdienst gescheitert und als dienstunbrauchbar ent¬
lassen waren und die den Feldzug benutzen wollten, um unter Verschweigung der
früheren Vorgänge sich zu rehabilitieren. Die erste größere Reihe unmittelbarer
seelischer Folgezustände des Krieges entwickelte sich im Anschluß an die großen
in außerordentlicher Hitze zurückgelegten Märsche in Belgien. Ich habe damals
9 Folgezustände von Überhitzung gesehen, die auf organischem Gebiet das Krank¬
heitsbild der akuten Liquorkongestion boten, auf seelischem Gebiet sich durchweg
als stuporartige Hemmungszustände kennzeicbneten. Bei sorgfältiger Prüfung der
Vorgeschichte ließ sich bei den drei chronisch gewordenen Fällen durchweg nach-
weisen, daß es sich um schwer Belastete handelte. Der einzige jetzt noch Kranke
stammt aus einer Dementia praecox-Familie, erkrankte unter dem Bild des hyste¬
rischen Scheinschlafs, bot dann ein melancholisches Bild mit Selbstvorwürfen und
Hemmungen und bietet zurzeit nur noch schwer neurasthenische Symptome. Die
eigentlichen seelischen und nervösen Folgezustände des Krieges können in drei
Gruppen eingeteilt werden, die aber untereinander auf das engste verwandt sind:
1. in die akute nervöse Überreizung, 2. in die Krampfleiden und 3. in die trauma¬
tischen Psychosen im Gefolge von seelischer Erschütterungen oder von übermäßiger
allgemeiner Erschöpfung. Die dabei sich ergebenden praktischen Fragen sind
von außerordentlicher Bedeutung, sowohl für die spätere Begutachtung der Dienst¬
beschädigten, als auch vor allem für die Frage der Verhütung eines übermäßigen
Anwachsens der Dienstunbrauchbaren. Unter den beobachteten Krampfzuständen,
wovon 1 / 3 in klinischer, 2 / s in ambulatorischer Untersuchung begutachtet wurden,
befand sich immerhin */ 3 , die glaubhaft naohweisen konnten, daß sie niemals
früher an krampfartigen oder nervösen Zuständen gelitten hatten. Bei etwa einem
weiteren Drittel ergab die durch die Angehörigen geprüfte Vorgeschichte wohl
Bettnässen, gleichartige Belastung oder Kopfunfälle, aber gleichfalls keine Krampf¬
zustande. In allen diesen Fällen fand sich bei der Untersuchung nicht etwa das
Krankheitsbild des genuinen Epileptikers mit seiner Schwerfälligkeit, den ver¬
langsamten und klebenden Reaktionen und der Einschränkung des Gesichtskreises,
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
412
sondern besonders häufig die nachstehend geschilderten Krankheitszeichen der
nervösen Überreizung und nur in einem geringen Teile echt hysterische Symptome,
und zwar am häufigsten Gesichtsfeldeinschränkung, Aufhebung der Korneal- und
Rachenreflexe und hysterischer Charakter, seltener Lähmungen von hysterischem
Typus. Ich möchte bei dieser Gelegenheit von jeder Ausdehnung der Diagnose
Hysterie über das klassische Krankheitsbild hinaus abraten, jedenfalls für den
praktischen gutachtlichen Gebrauch. Zunächst wird die Diagnose Hysterie von
den Truppenteilen stets mit Simulation übersetzt und der Versuch gemacht, die
Anstellerei durch doppelte Disziplin zu bekämpfen, was sicher nicht im Sinne der
Deutschen Armee* Medizinalforschung liegt. Da das echte klinische Bild der Hysterie
unter die Krankheiten der Anlage l.TL 15 gehört und die Hysteriker zum Kriegs¬
dienst zweifellos ebensowenig geeignet sind wie die Epileptiker der Anlage l.H. 16,
und da die Umgrenzung der Anlage 1. L. 18 Krankheiten mit Bewußtseinstrübungen
ausdrücklich von jeder Dienstbrauchbarkeit ausschließen, so halte ich es für das
Ratsamste, alle echten hysterischen Krankheitsbilder je nachdem als Seelenstörungen
oder Krampf leiden zu bezeichnen, um ein Mißverständnis des viel mißbrauchten
Wortes zu verhüten. Rein psychogene, aggravierte oder gar simulierte Einzel¬
störungen als hysterische zu bezeichnen, ist aber erst recht ein Mißbrauch des
Wortes und sollte im Interesse der Verständigung aufs äußerste vermieden werden.
Wie schon hervorgehoben, fand sich von den Krampf leiden und Bewußtseins¬
trübungen auf echt traumatischer Grundlage ein ununterbrochener Übergang zu
den rein nervösen Formen der Überreizung und Erschöpfung, die unter den Be¬
obachtungsfällen auch die weit überwiegende Mehrzahl bilden. Die häufigsten
Krankheitszeichen betrafen das Gefäßsystem in der Form von Pulsbeschleunigung
und von Verminderung des Blutdrucks, so daß der diastolische Blutdruok auf 60,
der systolische auf 70 bis 90 mm Hg fiel, der Pulsdruck also oft nur 10/20 mm Hg
betrug. Die Sehnenreflexe waren häufiger herabgesetzt als gesteigert. Besonders
durchgehend und daher bei der Nachprüfung verwertbar scheinen mir die Störungen
beim Valsavaschen Versuch insofern, als die Kurzluftigkeit beim Anhalten des
Atems auch bei kräftigen und trainierten Menschen schon nach 8 bis 10 Sekunden
eintrat. Ich habe sehr häufig unter dem Einfluß der entsprechenden Therapie
diese akutesten ErschöpfungBsymptome in etwa 8 bis 10 Tagen schwinden sehen.
Fast immer mit den Erschöpfungssymptomen verbunden ist ein kleinschlägiges
Zittern der Finger, der Zunge und der geschlossenen Augenlider, besonders häufig
auch der Augäpfel beim Blick in die Nähe und in den Endstellungen. Nicht als
zugehörig zu diesem Krankheitsbild erscheint mir das anfallsweise großschlägige
Zittern, das wie das bekannte Schwitzen der Hände und der Achselhöhlen bei
konstitutionellen Nervösen auftritt und völlig unabhängig von der Erschöpfung
zu sein scheint. Unter den Überreizungssymptomen der Muskeln halte ich für die
wichtigsten die Kontrakturen einzelner Muskelgebiete oder selbst auch nur einzelner
Muskelteile, welche nach Verwundungen, aber auch nach einfachem Stoß und selbst
ohne jeden äußeren Anlaß auftreten können und deren Ausbreitung, Langwierig¬
keit und galvanischer Charakter viel mehr von der nervösen Disposition, als von
der Intensität der Verletzung abhängt. Fast in einem Drittel der vom Vortr.
beobachteten Kontrakturen im Anschluß an einfache Gewehrschüsse, die Vortr.
anfangs* als einfache mechanische Folge der Ruhigstellung des Gliedes aufgefaßt
hatte, stellten sich nachträglich nervöse oder psychische Allgemeinsymptome ein, be¬
sonders Schlafstörungen, rapider Gewichtsverlust, vereinzelte Sinnestäuschungen,
allgemeine Hyperästhesien. Vortr. rät deshalb in allen Fällen, wo Verletzung und
Kontraktur in einem auffälligen Mißverhältnis stehen, von vornherein eine reiz¬
mindernde Allgemeinbehandlung eintreten zu lassen und glaubt, damit auch die
Kontraktur rascher lösen zu können als durch die rein mechanische Bewegungs¬
therapie. Reiz- und Ausfallserscheinungen auf dem Gebiete des Empfindungs-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
413
Vermögens waren sehr viel seltener nnd regelloser verteilt. Verhältnismäßig sehr
häufig sind seit der kalten Jahreszeit Lumbago- und ischiatische Neuralgien zur
Beobachtung gekommen, welche durch die Person der getroffenen, ihr bisheriges
Verhalten im Kriege und die allgemeinen Erschöpfungssymptome glaubhaft er¬
scheinen müssen, ohne daß das Lasseguesche Symptom oder irgendein anderes
objektives Zeichen die Nachprüfung der lokalen Beschwerden ermöglichten. Es
wäre von großem Wert, hier objektiv Prüfungsmethoden zu erfahren oder auszu¬
arbeiten. Das Gesichtsfeld war bei einem großen Teil der geschilderten Kranken
anfangs mäßig eingeschränkt, erweiterte sich aber bald, ebenso wie die Atem¬
spanne. Auf seelischem Gebiet war den krankhaft erschöpft und überreizt aus
dem Felde Heimgekehrten ein Krankheitsbild gemeinsam, das auch bei den nicht
nervösen Verwundeten wenigstens andeutungsweise vorhanden ist und als physio¬
logisch gelten darf: Störungen des Schlafs, im Sinne oberflächlichen Schlafs mit
ängstlichen Träumen, vereinzelte Sinnestäuschungen im Halbschlaf, das Nachbild
platzender Granaten und Schrappnells. Bei den Psychosen im engeren Sinne war
es noch viel schwerer, das Gesetzmäßige von dem Zufälligen zu unterscheiden,
einmal weil die Zahl der bisher Erkrankten dafür kaum genügen wird, dann
aber, weil die akutesten Psychosen, auf die es doch nur ankommt, in der kurzen
Zeit des Transportes meist schon wieder abgeklungen waren. Die von Hoche
hervorgehobene Anhäufung von Alkoholpsychosen hat sich bei uns in den be¬
scheidensten Grenzen gehalten, ich habe nur 16 Alkoholdelirien gesehen. Im
November/Dezember sah ich auffallend viele Paralysen, bo daß ich damals glaubte,
daß eine besondere Gefahr für die Syphilitiker darin bestehen würde, daß der
Prozeß unter den Strapazen des Krieges in das Gehirn übergreifen könnte. Im
Laufe der letzten 2 Monate überwiegt die Lues cerebro-spinalis und die Tabes
die Paralyse wieder in der gewöhnlichen Weise und in der Mehrzahl handelt es
sich um Nebenbefunde, die den Kranken in keiner Weise bewußt sind und von
den sehr aufmerksamen Truppenärzten und Lazarettleitern gewissermaßen zufällig
entdeckt worden sind. Unter den typischen Psychosen im engeren Sinne scheinen
mir die häufigsten die schon erwähnten Erschöpfungs- und Überreizungspsychosen,
die besonders nach überstandener Buhr oder Typhus, sehr viel seltener nach peri¬
pheren Verwundungen zur Entwicklung gelangen. Für mich überraschend war
es, dabei niemals das Schulbild der Amentia zu finden, Bondern viel häufiger
Dämmerzustände, die den Charakter leichten Delirierens mit komplexartigen Pseudo¬
erlebnissen boten. Sowohl die Sinnestäuschungen, wie die besonders häufigen nach¬
träglichen Erinnerungsfälschungen lagen in der Richtung verdrängter Abwehr
oder verschwiegener Wunschkomplexe — die Zahl der Imbezillen ist natürlich
groß. Immerhin möchte ich hervorheben, daß der Schwachsinnige bei unserem
Heer schon bei einer Geistesstufe als unbrauchbar ausgeschieden wird, die in
dem Heer unserer Gegner wohl noch sehr oberhalb des Durchschnitts stehen
dürfte. Als eine charakteristische Gefechtspsychose des Stellungskampfes in den
Schützengräben wird mir von Verwundeten geschildert, daß nach mehrtägigem
Liegen im Schützengraben die Kranken plötzlich aufstehen und in dem Glauben,
das Signal zum Angriff bekommen zu haben oder selbst angegriffen zu werden,
heraus und meist auf den Feind zustürzen. Wenn es den Kameraden nicht ge¬
lingt, sie zurückzuhalten, sind sie natürlich verloren. Drei einschlägige Fälle, die
unter Anklage der Feigheit standen, habe ich für das Kriegsgericht untersucht.
Einmal handelte es sich um ein jahrelang bestehendes Zwangsirresein, in zwei
Fällen um psychogene Erregungszustände vom Charakter der Erschöpfungs¬
psychosen. Die Straftat, ein verworrenes sinnloses Laufen parallel zur feind¬
lichen Schützenlinie auf einen nahen Wald zu, war im ersten Falle durch Sinnes¬
täuschungen ausgelöst und hatte eine teilweise Amnesie zurückgelassen. Die
Mehrzahl der vom Feinde zurückgekehrten, die nach dem Gerücht „seelisch und
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
414
neryös völlig zusammengebrochen sein sollten“, waren von Hans ans Nervöse, die
nach einem kurzen Begeisterungsrausch sich als unbrauchbar erwiesen hatten und
meist auf Wunsch der Truppe wegen ihrer praktischen Unzuverlässigkeit zur
Verwendung in der Garnison zurückgeschickt worden waren. An diese Beobach¬
tung möchte ich zum Schluß meiner Zusammenstellung einige praktische Er¬
wägungen und Vorschläge schließen: Zunächst ist es natürlich völlig unmöglich,
aus der Zahl der nervösen oder psychisch Kranken, die ein einzelner Untersucher
gesehen hat, irgend welche Schlüsse auf die nervöse Gesundheit und Widerstands¬
kraft unseres Volkes zu ziehen. Abgesehen davon, daß das Material des Ein¬
zelnen hauptsächlich von der zufälligen verwaltungsmäßigen Verteilung der Kranken
abhängt, sind die psychischen und nervösen Krankheiten unseres Arbeitskreises
durchweg so unauffällig, daß ihre Zahl absolut von der Aufmerksamkeit und der
Sorgfalt der Untersucher abhängt. Die verhältnismäßig große Zahl der entdeckten
leicht abnormen Zustände spricht also lediglich für die außerordentliche Aufmerk¬
samkeit der Lazarett- und Truppenärzte. Durch den Erlaß des Ministers der
geistlichen, Unterrichts- und Medizinangelegenheiten vom 17. April 06 M.-Nr. 6036
sind alle geistig Erkrankten vor dem 18. Jahre den Bezirkskommandos mitzuteilen.
Die Einbeziehung der älteren Dienstpflichtigen war im Frieden nicht erforderlich,
so daß die später psychisch Erkrankten der Ausscheidung, nach Anl. 1. U. 15.
zum Teil entgangen sind. Daraus ergibt sich aber, daß die Bestimmungen der
Anlage 1. U. 15. d. d. U. Mdf. zwar sehr vorsichtig und klug sind, daß aber trotz¬
dem zufällig ins Heer Gelangte früher geistig erkrankt Gewesene in der über¬
wiegenden Mehrzahl die Strapazen des Heeresdienstes gut vertragen haben. Viel
weniger brauchbar und viel störender in der Front sind schwer Nervöse und
Psychopathen, und ich schließe mich Gudden völlig darin an, wenn er im zweiten
Teil des „Feldarztes“ vorschlägt, ihnen die Felddienstfähigkeit zu versagen. Die
nervöse Widerstandskraft unseres Volkes braucht durch uns nicht bewiesen zu
werden, sie ergibt sich aus dem praktischen Verlauf des Krieges. Ich befürchte
auch nicht, daß nach dem Kriege zahlreiche Rentenhysteriker die Weiterarbeit des
Volkes erschweren werden, wenn wir nicht künstlich eine Epidemie von Kriegs-
neurosen züchten. Es gilt nur die Wiederholung der Irrlehre von den Unfalls¬
neurosen zu vermeiden, wodurch einflußreiche Kreise unserer Fachkollegen dem
deutschen Volke die schwere Last tausender Arbeitsunlustiger auferlegt haben,
loh meine damit die Unfallhysteriker, deren epidemisches Auftreten lediglich
durch die Schaffung eines neuen ungreifbaren und unumgrenzbaren Begriffes er¬
möglicht wurde. Es ist also vor allem unsere Aufgabe, mit äußerster Schärfe
die Symptome, Befunde und Beschwerden, die jetzt neu zutage treten, auf ihren
Wert und ihre Zuverlässigkeit durch Austausch der gegenseitigen Erfahrungen
zu prüfen und so für die Militärbehörden eine wirklich sachliche Grundlage zur
Verwertung unserer Untersuchungen zu liefern. Zur Verminderung der nervösen
Dienstunbrauchbaren scheinen mir zwei Vorschläge angängig. Zunächst muß in
den Ruhepausen der Feldtruppen, eventuell mit Hilfe von Medikamenten für
Schlaf gesorgt werden, da ein großer Teil der Zurückkehrenden klagt, auch in
den Ausruhezeiten hinter der Front nicht schlafen gekonnt zu haben. Ein
zweiter wichtiger Faktor zur Verhütung des Schlaff- und Unlustigwerdens der
kämpfenden Mannschaften ist die möglichste Vermeidung des Heimatsurlaubs, da
sich wohl nur Einzelne dem schädlichen Einfluß der oft übergroßen, wenn auch
durchaus verständlichen Sorge und Teilnahme seitens der Familienmitglieder ent*
ziehen. Ins Praktische übersetzt wäre also eine Sichtung der Versagenden in
einer Korpsnervenstation möglichst nahe der Front erforderlich, welche zunächst
mal die einfach Erschöpften von den dauernd im Felde Unverwendbaren scheidet,
und nur die Letzteren dem Truppenteil zum Garnisondienst mit einem kurzen
Bericht über die Art ihres Versagens zuweist. Die einfach Erholungsbedürftigen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
415
sollten dem Heimatsgebiete unter allen Umständen fern gehalten werden, könnten
entweder an Ort und Stelle zur Behandlung gelangen oder aber vorübergehend
einem fremden Ersatztruppenteil zugewiesen werden. Autoreferat.
Sitzung vom 9. März 1915.
Herr Kafka demonstriert folgenden Fall: Bei einem 30 jährigen Landwehr-
m&nn, der früher immer gesund gewesen war und bei dem keinerlei nervöse Be¬
lastung vorlag, traten im Oktober 1914, nachdem Patient viele Oefechte mitgemacht
hatte, aber sich sonst noch völlig gesund fühlte, Krämpfe der Füße auf, die später
auch die Hände ergriffen und um Weihnachten 1914 häufig und stark wurden.
Zu dieser Zeit erkrankte Patient auch an einem Lungenspitzen- und Duodenal¬
katarrh. — Jetzt treten die Krämpfe an den Füßen mehrmals, an den Händen
einmal am Tage auf, mit nachfolgender starker Schmerzhaftigkeit des Fußes oder
der Hand. An der Hand: zu Beginn Extension, dann Flexion der mittleren Finger;
an den Füßen: Volar- dann Dorsalflexion der vier Zehen ohne die große Zehe.
Dabei auch Akroparästhesien. Chvostek angedeutet, Erb vorhanden, Troujseau an
den oberen Extremitäten nicht auszulösen, dagegen leichter Krampfanfall des
Fußes bei fester Umschlingung des Oberschenkels. Es wurde die Diagnose Tetanie
gestellt. Der Abderhalden sehe Versuch (ohne Epithelkörperchen) war negativ,
es bestand keine Glykosurie, das Blutbild wies eine Vermehrung der weißen
Zellen usw. besonders der Lymphozyten und einen Schwund der Eosinophilen
auf. — Es wird auf die Pathologie der Epithelkörperchen hingewiesen, ferner
wird die in diesem Falle besonders interessante Äthiologie und das eigenartige
Symptomenbild hingewiesen. Zum Schlüsse wird noch die moderne Kalzium- und
Organotherapie besprochen. Autoreferat.
Herr Trömner demonstriert I. einen Fall von lokaler traumatischer
Hysterie. Ein 37jähriger Soldat zog sich in Belgien durch Fall in eine Glas¬
türscheibe eine Hautwunde über dem rechten Handgelenk zu. Nachdem er die
Hand wegen Eiterung der Wunde etwa 6 Wochen lang mit wenig Unterbrechungen
im Verband getragen hatte, bemerkte er, daß sich allgemeine Schwäche* des Armes,
Vertaubung des Gefühls und starkes Schwitzen eingestellt hatte, letzteres zeitweise
so Btark, daß der Schweiß herabtropfte. Bei der Untersuchung fand sich starke
Kongestion der rechten Hand, so daß sie 1 1 / 2 cm dicker war als die linke, reich¬
licher Schweiß, große Schwäche des ganzen Arms, besonders von Finger und Hand,
welche unter starkem Zittern des Armes nur spurweise bewegt wurden; alles bei
völlig normaler elektrischer Erregbarkeit und einer annähernd manschettenförmigen
Sensibilitätsstörung, nämlich, Hypästhesie für Berührungen bis zum Ellbogen, Anal¬
gesie bis 3 Finger breit unterhalb, und Anästhesie für Kälte, abermals 2 Finger
breit tiefer — also stufenweis dissoziierte Sensibilitätsstörung wie bei spinalen
Läsionen. Außer dieser Form der Sensibilitätsstörung sind die vasomotorisoh-
sekretorischen Störungen auffällig. — U. Schuß durch den Hala bei einem
24jährigen Soldaten. Einschuß genau am Erb sehen Punkt rechts — trotzdem
keine Lähmung rechts — Ausschuß hinterm lateralen Band des linken Sterno-
cleido. Die Kugel drängte sich offenbar zwischen Ringknorpel und Speiseröhre
hindurch. Unmittelbar nach dem Schuß völlige Aphonie, Stimmbänder in Cadaver-
stellung, Sensibilität des Kehlkopfes normal oder eher gesteigert (Dr. Sinell);
also doppelseitige Rekurrenslähmung. Außerdem Lähmung des linken Cucullaris
mit träger Zuckung im Gesamtmuskelgebiet, sehr geringer faradischer Erregbarkeit,
jedoch erhaltener galvanischer Erregbarkeit vom Nerven aus, also Mit Verletzung
des Accessorius bei seinem Heraustritt unterm Sternocleido. Da eine Mitverletzung
der dritten Zervikalwurzel, die nach Sternberg und Schulz die unteren Teile
des Cucullaris versorgen sollen, unwahrscheinlich ist, muß für diesen Fall Gesamt¬
versorgung des Cucullaris durch den Accessorius angenommen werden. —
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
416
III. Brown-Sdquard-Lfthinuiig durch Nackensohuß ohne Wirbel ver-
letsung. 21 jähriger Soldat erhielt bei Ypern Nackenschuß; gleich danach Lähmung
des linken Armes und Beins. Im Arm trat weitgehende, im Bein geringere
Besserung ein. Jetzt ist linker Arm normal bis auf geringe Verlangsamung in
den Fingerbewegungen, das linke Bein noch in spastischer Schwäche mit den
Phänomenen von Babinski, Oppenheim, Bechterew-Mendel, und dem von
mir beschriebenen Wadenphänomen. Daneben kontralaterale Sensibilitätastörung:
bis zur Höhe des rechten Rippenrandes Hypästhesie für Berührung und Wärme,
bis zur Höhe des Darmbeinkammes herauf Analgesie und Kälteanästhesie, bis zur
halben Höhe zwischen beiden Grenzen eine hypalgetische, jedoch begrenzte Zone.
Interessant und wichtig ist, daß das Röntgenbild keine Wir bei Verletzung zeigte,
sondern das Projektil in der Nackenmuskulatur links neben dem 7. Halswirbel
liegend. Welcher Art die Halbseitenschädigung des Rückenmarks durch den
Anprall der Kugel gewesen ist, läßt sich nicht bestimmen. Ähnliche Fälle wurden
neulich von Schuster und Redlich demonstriert. Die jetzt tiefe Lage der an¬
ästhetischen Zonen ist nach Rothmann, der einen ähnlichen Fall beschreibt, durch
exzentrisohe Lagerung der langen Bahnen und vorzugsweise Schädigung der Rand¬
partien zu erklären. Unmittelbar nach der Verwundung, wo auch der linke Arm
gelähmt war, wird auch die Sensibilitätsstörung weiter hinaufgereicht haben. Ent¬
fernung der Kugel konnte natürlich auf das spinale Bild keinen Einfluß haben.
Autoreferat
IV. Verschiedenes.
Die XL. Wanderversammlung der südwestdeutsohen Neurologen und Psychiater
ist am 29. und 30. Mai 1915 in Baden-Baden im Blumensaale des Kurhauses abgehalten
worden.
Referate: I. Hoc he (Freiburg); Über Hysterie. — II. Wollenberg (Straßburg): Über
die Wirkungen der Granaterschütterung. — III. Aschaffenburg (Cöln): Über das Zu¬
sammenvorkommen von organischen und psychisch-nervösen Erkrankungen. — IV. Säen ge r
(Hamburg): Über die Arbeitsfähigkeit nach Schuß Verletzung des Gehirns.
Vorträge: 1. Axenfeld (Freiburg): Myotonische Akkommodation. — 2. von Szity
(Freibarg): I. Embryonale Gliome. II. Akute Stauungspapille bei Schädeltrauma. (Beide
Vorträge mit Demonstrationen.) — 3. Fried mann (Mannheim): Zur Auffassung der ge¬
häuften kleinen Anfälle. — 4. Nonne (Hamburg): Ist die Aufstellung einer traumatischen
Kriegsneurose berechtigt? — 5. Weygandt (Hamburg): Kriegspsychiatriscbe Begutachtung.
— 6. Stoffel (Mannheim): Die Mechanik der peripheren Nerven. — 7. L. Mann (Mann¬
heim): I. Beobachtungen über Verletzungen der peripheren Nerven. II. Über Störungen
infolge von Granatexplosion. — 8. Leva (Straßburg): Über sekundäre Nervenlähmungen
nach Trauma. — 9. Laudenheimer (Alsbach): Kurze Mitteilungen über I. die Anamnese
der sogen. Kriegspsychoneurosen, II. Arbeitstherapie in Lazaretten. — 10. Steiner (Stra߬
burg): Experimentelle Liquoruntersuchungeu bei Syphilis. — 11. Wittermann (Winnental)
(zurzeit im Felde): Kriegspsychiatrische Erfahrungen aus der Front. —.12. L. R. Müller
(Würzburg): Über die Hungerempfindung. — 13. Poppelreuter (Cöln): Über die psychische
Einzel- und Gesamtscbädigung bei Hirnverletzungen (mit Demonstration von Apparaten für
die psychologische Funktionsprüfung). — 14. Staehelin (Basel): Über einen Fall von Apo¬
plexie im Militärdienst. — 15. O etter (Kutzenberg): Über eine erfolgreiche Behandlungs¬
methode bei Nerven- und Geisteskranken.
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth¬
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an
Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders
um Einsendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden
wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHtGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prot E. Mendel.
Herausgegeben
von
Dr. Kurt Mendel.
Vierunddreißigster Jahrgang«
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Seichs, sowie
_ direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. = 16. Juni. Nr. 12.
Inhalt I. Originalmitteilungen. 1 . Isolierte Lähmung des N. glutaeus superior durch
Schuß Verletzung, von Paul Schuster. 2 . Zum Katatonusversuch (Kohnstamm), von Max
Rothmann«
II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Die Granatkontusion, von Gaupp. 2. Zur
Behandlung der Schädelsohüsse im Felde, von Syring. 3. Zur Pathogenese der Meningitis
bei Schußverletzungen des Gehirns, von Chlarl. 4. Über homolaterale Hemiplegien nach
Kopfverletzungen, von Roemheld. 5. Über Schädelschüsse, von Eschweiler und Cords. 6. Zur
Kasuistik der Rückenmarksschädigungen durch Wirbelschuß, von Gamper. 7. Zur Behand¬
lung der Harnverhaltung bei Rückenmarksschüssen, von Goldberg. 8 . Schuß Verletzungen
des Rückenmarks, von Exner. 9. Nachbehandlung der Verletzungen des zentralen und
peripheren Nervensystems, von Rothmann. 10. Über Polyneuritis gemischter Nerven bei
neurastheniscben Kriegsteilnehmern, von Nonne. 11. Unsere bisherigen Erfahrungen bei
der Behandlung im Kriege verletzter peripherer Nerven, von Heile und Hezel. 12. Über
Kriegsverletzungen der periüheren Nerven, von Nonne. 13. Schußverletzungen der Nerven,
von Exner. 14. Über Schußverletzungen am peripheren Nerven, von Huismans. 15. Ein
Beitrag zur Verletzung peripherer Nerven, von Sauter. 16. Ungewöhnlich frühe Wieder¬
herstellung der Leitungsfähigkeit im resezierten und genähten Nerven (Ischiadicus), von
Thiomann. 17. Zur Methodik der Naht an peripheren Nerven, von Döpfner. 18. Die Pro-
f nose der Nervennaht bei Verletzungen des peripherischen Nervensystems, insbesondere bei
chußVerletzungen, von Steinthal. 19. Über eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu
beurteilen, von Hoffmann. 20. Krieg und Nervensystem, von iacobsohn. 21. Einige allge¬
meine Bemerkungen über den Krieg und unser Nervensystem, von Redlich. 22. I. Die Be¬
handlung der Folgezustände von Gehirnerschütterung, von Weber. II. Bemerkungen zu
der vorstehenden Abhandlung von Prof. E. Weber, von Neubert. 23. Die chirurgische Früh¬
behandlung der Schädelschüsse, von Hosemann. 24 . Zwei bemerkenswerte Fälle von
Rückenmarksverletzung durch Gewehrschüsse, von Fraenkel. 25. Über traumatische Myelitis,
von Mayer. 26. Tabes und Heeresdienst, von Flatau. 27. Erfahrungen auf der Nerven-
Station eines Reservelazaretts, von Jolly. 28. Funktionelle Stimmbandlähmung im Felde,
von Pape. 29. Militärdienst und Thyreotoxie, von Dannehl. 30. Über Hyperthyreoidismus
vom Standpunkte der Kriegsmedizin, von Kahane. — Psychiatrie. 31. Psychiatrie und
Neurologie, von Bonhoeffer. 32. Beitrag zur vergleichenden Rassenpsychiatrie, von Budul.
33. Über Rückschlagserscheinuugen auf psychischem Gebiete, von Hatschek. 34. Über
krankhafte Ideen, von Stransky. 35. Zur Frage der Konzeptionsbeförderung und der Ehe¬
schließung bei Nerven- und Geisteskrankheiten, von Meyer. 36. Physikalische Anschauungs¬
weisen in neurologisch-psychiatrischer Literatur, ein Kapitel zur Leibseelenfrage, von Bunne¬
mann. 37. Körperliche Zeichen bei Geisteskrankheiten, von Haymann. 38. Le sommeil auto-
matique, par Poyer.
III. BUcharbesprechung. 1. Die Traumdeutung, von Freud. 2. Nervenkrankheiten, von
Krön und Misch. 3. Die Gesichtslähmung in der Zahnheilkunde, von Krön.
IV. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬
heiten, Sitzung vom 10. Mai 1915.
XXXIV.
27
□ igitized by
Go igle
Original from
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
I. Originalmitteilungen.
1. Isolierte Lähmung
des N. glutaeus superior durch Schußverletzung. 1
Von Paul Bohoster.
Isolierte Lähmungen des N. glutaeus superior gehören wohl zu den aller¬
seltensten Vorkommnissen. Weder in dem bekannten Werke Bbbnhabdt*s, noch
in der jüngst erschienenen zusammenfassenden Darstellung der peripherischen
Nervenerkrankungen Cbameb’s (in dem Lewandowskysehen Handbuch) finde ich
einen Fall isolierter Schädigung des N. glutaeus superior erwähnt Die Selten¬
heit der Erkrankung des Nerven wird verständlich, wenn man seine geschützte
Lage zwischen dem M. glutaeus medius und minimus berücksichtigt Der
N. glutaeus superior entspringt als oberster der außerhalb des Beckens ver¬
laufenden Aste des Plexus ischiadicus. Er zieht unmittelbar oberhalb des
M. pyriformis durch das Foramen ischiadicum majus, indem er sich ganz dicht
an dessen oberem Bande hält Während der durch den unteren Abschnitt des
Foramen ischiadicum austretende N. glutaeus inferior den M. glutaeus magnus
versorgt, gibt der N. glutaeus superior Muskeläste ab zu dem M. glutaeus medius,
dem M. glutaeus minimus und zu dem M. tensor fasciae latae.
Sensible Aste hat der N. glutaeus superior nicht Eine Lähmung des
Nerven wird also an dem Funktionsausfall lediglich des M. glutaeus medius
und minimus und des M. tensor fasciae latae zu erkennen sein.
Der sogleich näher zu beschreibende Fall, den ich in einem hiesigen
Lazarett zu untersuchen Gelegenheit hatte, stellt eine wohl einwandsfreie iso¬
lierte Lähmung des Nerven dar.
Der etwa SO jährige S. erlitt folgende Verletzung duroh eine Gewehrkugel:
Die Kugel drang links in der vorderen Aohsellinie unmittelbar oberhalb des
Hüftbeinkammes ein, durchquerte den Bauch und kam rechts unmittelbar
oberhalb des Trochanters heraus (vgl. Fig. 1 a).
Die Klagen des Patienten waren: Gefühl der Verkürzung des rechten
Beines beim Gehen und dadurch gesetzte Behinderung des Ganges, leichtes
Sohwächegefühl hei der Dorsalbeugung des Fußes und bei der Beugung der
Zehen.
Die Untersuchung ergab eine ganz geringe Abmagerung des ganzen rechten
Beines, gute Kraftentwicklung bei den Bewegungen des Kniegelenkes, unerheb¬
liche Schwäche der Dorsalbeugung des Fußes und der Zehenbewegungen. Patient
kann jedoch ungestützt beiderseits auf den Zehenspitzen stehen.
Kniereflexe, Aohillessehnenreflexe und Sohlenreflexe sind beiderseits gleich
und normal, die Sensibilität ist überall, besonders im Gebiet des N. ischiadicus,
völlig intakt.
1 Nach einer Demonstration in der Berliner Gesellschaft fBr Psychiatrie and Nerven¬
krankheiten am 8. März 1915.
Digitized by
y Google
Original from
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
- 419
Die Gegend des M. glutaeue roagnoa rechts ist nicht eingefallen, der Muskel
wird gut und fest kontrahiert,. ’ ’
Wenn der Patient gerade dastebfc, so fällt -4 von hinten gesehen — als
am meisten m die Augen springende Erscheinung eine erhebliche Vertiefung der
Gegend unmittelbar ..hinter dem rechten Trochanter auf. Der tastende PiDget
dringt rechte direkt ober halb des-Trochanters zwischen diesem und der Criste
Betrachtet man den Patienten too vorne,
osais ilei in eine tiefe Grube ein,
«o macht sich «ine deutliche Abdachungder Gegend de? rechten M. teiisor
ftöoiae latac bemerkbar. Während die Streckung, die Auswärtsdrehung und
die Adduktion ior reohteü iJüftgelenk mit normaler Kraft gescheheUi ist die
420
Haftbeugung, die Abduktion des Oberschenkels und besonders auch die Einwärts¬
drehung des im Knie gestreckten Beines erheblich geschwäoht.
Bei der forcierten Häftbeugung und bei der Einwärtsrotation des rechten
Beines wird der normalerweise bei diesen Bewegungen stark vortretende M. tensor
fasciae latae nicht sichtbar.
Die bemerkenswerteste Störung tritt beim Gehen zutage. Sobald der
Kranke sich in Bewegung setzt, sieht man eine auffällige Becken- und Rumpf¬
bewegung. Während das Becken in normaler Weise feststeht, wenn der
Kranke mit dem linken Fuß auftritt, hebt sich die rechte, und senkt sich gleich¬
zeitig die linke Beckenhälfte, sobald der Kranke mit dem rechten Fuß auftritt
Den Beckenbewegungen parallel gehen entgegengesetzt gerichtete leichte seit¬
liche Wirbelsäulenbewegungen. Die Analyse der abnormen Beckenbewegung
geschieht im Stehen noch leichter als im Gehen: Läßt man den Kranken mög¬
lichst wenig gestützt auf dem linken Bein allein stehen und das reohte Bein
in der Schwebe halten, so zeigt sich nichts Abnormes (Fig. 1 a). In diesem Falle
bleibt die transversale Beckenacbse horizontal und die Lendensäule bleibt gerade.
Wechselt der Patient die Stellung nunmehr, so daß er auf dem Bein der
kranken Seite steht und das gesunde Bein in der Schwebe hält (Fig. 1 b), so sinkt
das Becken auf der gesunden Seite nach unten. Gleichzeitig macht die Lenden¬
wirbelsäule eine kompensatorische Skoliose, so daß der Oberkörper wieder zurück
nach der Seite des Standbeines gebracht wird. In dieser Stellung des Patienten,
in welcher das Bein der kranken Seite das Standbein darstellt, macht sich der
funktionelle Ausfall des M. glutaeus medius und minimus durch eine tiefe Delle
der Gegend hinter und oberhalb des Trochanters deutlich bemerkbar. Außer¬
dem tritt eine sehr starke Anspannung des M. erect trunci der kranken Seite
in Erscheinung.
Bei der ersten elektrischen Untersuchung zeigte sich erhaltene, wenn auch
stark herabgesetzte faradische direkte Erregbarkeit des M. tensor fasciae latae
und des M. glutaeus medius. Bei einer etwa 14 Tage später vorgenommenen
Untersuchung war der M. tensor fasciae direkt faradisch nicht mehr erregbar,
während der M. glutaeus medius erregbar war. Bei beiden Untersuchungen
war bei direkter galvanischer Reizung die Zuckung im M. glutaeus medius blitz¬
artig, während der M. tensor fasciae träge, bündelformige Zuckung mit vor¬
herrschender ASZ zeigte. Übrigens war auch die galvanische Erregbarkeit beider
Muskeln stark herabgesetzt.
Der M. glutaeus magnus zeigte elektrisch normales Verhalten, ebenso die
übrige Muskulatur des rechten Beines.
Im Laufe der Behandlung (Elektrizität, Massage) machte sich schon bald
eine Besserung bemerkar. Die Besserung schritt so erfreulich vorwärts, daß
heute — etwa 2 Monate nach meiner ersten Untersuchung des Patienten —
die oben genannten Symptome nur noch angedeutet sind.
Jetzt, Mitte April, ergibt die Untersuchung nur noch eine ganz geringe
Schwäche der Hüftbeugung. Der Tensor fasciae spannt sich bei der Hüft-
beugung schon wieder etwas an. Allerdings ist seine faradische und galvanische
Digitized fr
y Goog l e
Original frn-m
UNIVERSITY OF MICH1G,
421
Erregbarkeit noch sehr stark herabgesetzt, nur bündelweise zu erzielen und der
Zuckungscharakter bei galvanischer Reizung ist träge.
Die Einwärtsdrehung des rechten Beines ist noch erheblich geschwächt.
Die Abduktion des rechten Oberschenkels geschieht jetzt kräftig, desgleichen die
Streckung und die Auswärtsrotation.
Der M. glutaeus medius ist faradisch und galvanisch erregbar, die Erregbar¬
keit ist immer noch sehr stark herabgesetzt, die galvanische Zuckung blitzartig.
Die abnormen Beckenbewegungen beim Stehen und beim Gehen sind nur
noch angedeutet vorhanden.
Untersuchung und Verlauf ergeben, daß es sich um eine isolierte Schädigung
des N. glutaeus superior handelt. Von den drei in Betracht kommenden Muskeln
ist offenbar der M. tensor fasciae latae am stärksten beteiligt; der M. glutaeus
medius — nach Dochbnne bekanntlich Abduktor des Beines und vor allem
Beckenhalter — ist, wie Funktionsprüfung und elektrische Prüfung dartun,
weniger stark ergriffen. Der M. glutaeus minimus, der weder einer direkten
elektrischen, noch einer isolierten Funktionsprüfung unterworfen werden kann,
wird höchstwahrscheinlich ebenso wie der M. glutaeus medius nur in leichterem *
Grade geschädigt sein. Aus der ungleichmäßigen Schädigung der von dem
Nerven versorgten Muskeln sowie aus der Richtung des Schußkanals läßt sich
mit Wahrscheinlichkeit folgern, daß nicht der Hauptstamm des Nerven kurz
nach seinem Austritt aus dem Foramen ischiadicum verletzt worden ist, sondern
daß die Schädigung mehr peripherwärts da sitzt, wo der Ast für den M. tensor
fasciae sich von einem der Hauptäste abzweigt.
Es ist müßig, Betrachtungen darüber anzustellen, ob der Nerv direkt von
der Kugel durchschossen ist, oder ob es sich etwa nur um Blutungen in die
Nervenscheide gehandelt hat, ob wir es vielleicht nur mit einer „molekularen“
Shockwirkung auf den Nerven zu tun haben, oder ob schließlich das Resultat
einer narbigen Umschnürung oder Zerrung des Nerven vorliegt; der objektive
Untersuchungsbefund gibt auf diese Fragen keine Antwort.
Zum Schluß soll noch bemerkt werden, daß die bei der Aufnahmeunter-
auchung vorhandengewesene ganz geringfügige Schwäche der Dorsalbeugung des
Fußes und der Zehenhewegung schon wenige Wochen nach der ersten Unter¬
suchung völlig verschwunden war.
2. Zum Katatonuaverauch (Kohnatamm). 1
Von Max Rothmann.
In einer kurzen Mitteilung berichtet Kohnstamm 2 über eine eigenartige
Erscheinung von Nacbdauer der Bewegung nach Abklingen der Willensinner¬
vation beim normalen Menschen, die zuerst ein Flieger an sich selbst beob*
1 Vorgetragen am 10. Mai 1915 in der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie nnd Nerven¬
krankheiten.
* O. Kohnstamm, Neurol. Centralbl. 1915. S. 290.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
422
achtet hat Drückt man den Handrücken des gestreckten Armes in gesenkter
Haltung derart gegen die Wand, als wenn man die Wand fortdrücken wollte,
und gibt nach 5 bis 60 Sekunden den Arm frei, so hebt sich der Arm in
der Richtung des Druckes langsam ohne jede Willensintention in die Höhe,
als ob er „fliegt“. Das Phänomen tritt bei den verschiedenen Versuchspersonen
in sehr wechselnder Stärke hervor, so daß der Arm sich manchmal nur wenig
hebt, manchmal aber bis über die Wagerechte binaufgeht Kohnstamm betont
bereits, daß man auch an anderen Muskelgruppen die gleiche Beobachtung
machen kann, so vor allem an der unteren Extremität. Durch direkte faradische
Muskelreizung ist die Erscheinung nicht auszulösen.
Dieses Experiment, für das Kohnbtamn die Bezeichnung „Katatonus-
versuch“ vorschlägt, ist außerordentlich leicht anzustellen; es glingt bei nor¬
malen Menschen, die nicht wissen, worauf es ankommt, oft in verblüffend aus¬
geprägter Form. Am stärksten tritt es bei Andrücken der Hand in der Richtung
nach oben und außen in die Erscheinung, während es bei starkem Druck
nach oben und innen fast gar nicht hervortritt. Dabei ist der Versuchs-
' person zunächst das Gefühl außerordentlich überraschend, daß die Bewegung
des Armes, völlig vom Willen losgelöst, gleichsam automatisch von statten geht
Das ist besonders auffällig, weil die Bewegung, direkt dem Schwerpunkt ent¬
gegen, nach oben gerichtet ist Denn nur bei der voraufgegangenen intendierten
Hebung und Abduktionsbewegung des Armes kommt diese Nachbewegung
deutlich zustande. Wird dagegen eine starke Abwärts- oder Beugebewegung
gegen ein Hindernis ausgeführt, so fehlt die Nachbewegung entweder ganz oder
tritt nur angedeutet auf.
Die Nachbewegung kommt nun aber am Arm nicht nur aus dem Schulter¬
gelenk heraus zustande, sondern auch bei starker Extensions- und Abduktions¬
bewegung der Hand gegen einen Widerstand aus dem Handgelenk heraus als
Aufwärtsbewegung der Hand allein. Auch am Bein ist die Erscheinung aus¬
geprägt nur nach einem gehemmten Hebeversuch des ausgestreckten und durch¬
gedrückten Beines festzustellen, versagt dagegen bei entsprechender Abwärts¬
bewegung des Beines fast vollständig. Sehr deutlich tritt dann dieses Phänomen
auch nach gehemmter Vorwärts- oder Seitwärtsbewegung des Kopfes auf. Auch
hier fühlt man sofort nach Aufhören des Druckes und Nachlassen der Willens¬
innervation eine deutliche unwillkürliche Bewegung des Kopfes in der ent¬
sprechenden Richtung, also nach vorn oder nach der Seite, mit einem schwachen
Gefühl der Fallneigung im gleiohen Sinne.
Daß diese ganze Erscheinung der Nachbewegung an den verschiedenen
Körperteilen nicht willkürlich zustande kommt, daran ist nicht zu zweifeln.
Nur bei völligem Aufbören der willkürlichen Innervation tritt die Nachbewegung
deutlich hervor. Doch ist Sie allein durch die voraufgegangene Willkürbewegung
bedingt und findet ausschließlich in der Richtung der intendierten Bewegung
statt Fragt man sioh nun, wie diese Bewegung zustande kommt, so entsteht
zunächst die Frage, ob es sich hier einfach um eine Fortdauer der Widerstands¬
bewegung handelt, die nach Fortfall des Widerstandes kräftigen Ausschlag zeigt
Difitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERStTY OF VJi
Dabei ist za betonen, daß bei einer gewöknliohen kräftigen Widerstandsbewegung,
z. B. der Beugung des Unterarmes bei Festhalten des letzteren, die Beuge¬
bewegung bei Loslassen des Widerstandes keine Fortsetzung zeigt, wenn der
Willensimpuls sistiert. Im Gegenteil, es kommt oft zu einem leichten Rück-
schlag in der entgegengesetzten Richtung, indem sich offenbar nun die Antago¬
nistenmuskulatur kräftig anspannt Nur bei Störung des normalen Tonus kann
es zu einer Fortdauer der intendierten Bewegung kommen. So haben Stewabt
und Holmes die Widerstandsprüfung bei der Untersuchung Kleinhirn kranker
angewandt; sie konnten feststellen, daß hier im Gegensatz zum Gesunden an
den atonischen Extremitäten die Widerstandsbewegung bei Aufhören des Wider¬
standes ohne Rückschlag fortgesetzt wird. Es erklärt sich dies daher, daß die
Antagonistenmuskulatur infolge der zerebellaren Störung nicht rasch genug in
Funktion tritt.
Diese Fortsetzung der aktiven Willensinnemtion bei dem Stewabt-
HoLMEs’schen Versuch darf aber mit dem Kohhbtam M’schen Phänomen nicht
identifiziert werden. Ein wichtiger Unterschied besteht auch darin, daß der
STEWABT-HoLMEs'sche Versuch am Arm am stärksten bei Kontraktion der
kräftigsten Muskeln, also der Beugemuskulatur des Oberarms, hervortritt, das
KoHN8TAMn’sche Phänomen dagegen fast ausschließlich nach Willküranspannung
der Extensorenmuskulatur des Armes, die bekanntlich weit schwächer angelegt
ist, zur Beobachtung kommt.
Müssen wir, vor allem nach dem subjektiven Eindruck der völlig yom
Willen losgelösten Naohbewegung, annehmen, daß diese unterhalb der Gro߬
hirnrinde ihre Innervation findet, so tritt also nach Aufhören der Willens¬
innervation eine Spaltung der im Zentralnervensystem bei der Widerstands¬
bewegung ausgelösten Bewegungsimpulse auf, indem die Großhirnkomponente
zum Fortfall kommt, während die subkortikalen Impulse noch andauern.
Gerade bei einer derartigen Annahme wird uns die auffällige Bevorzugung der
Extensorenmuskulatur des Armes bei der Nachbewegung verständlich. Denn
schon aus dem Tierexperiment ist uns bekannt, daß die Extensoren der Ex¬
tremitäten eine kräftigere subkortikale Vertretung haben als die Flexoren. So
kommt es beim Hunde nach Ausschaltung der Extremitätenregion der Großhirn¬
rinde zu einer Strecksteilung der Extremität beim Versenkungsversuch, während
nach Exstirpation der Extremitätenzentren der Kleinhimhemisphäre die Extremi¬
täten beim Versenken die Beugestellung annehmen. Es sind also diejenigen
Muskelgruppen, die von der Großhirnrinde schwächer, von den subkortikalen
Zentren kräftiger innerviert werden, deren Bewegungsimpuls das Aufhören der
Großhirninnervation überdauert.
Fassen wir die Nachbewegung aber als eine subkortikal innervierte auf, so
werden wir an erster Stelle an eine Nachdauer der zerebellaren Innervation
denken müssen. Hatte bereits Luciani einen wesentlichen Einfluß des Klein¬
hirns auf den Tonus der Muskulatur angenommen, so hat vor allem Shebbqio-
toh das Kleinhirn als das Organ hingestellt, das er als Kopfganglion seines
propriozeptiven Systems bezeichnet, wobei er als Propriozeptoren die tiefen
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
424
Rezeptorenorgane, die den Reflextonus der Glieder unterhalten, auffaßt. So
beeinflußt auch nach Shebbington das Zerebellum weitgehend den Tonus der
Skelettmuskulatur. Weiterhin ist uns sowohl durch das Tierexperiment als auch
durch die menschliche Pathologie bekannt geworden, daß das Kleinhirn nicht
nur ein allgemeines Zentrum für die Tonusinnerration des Körpen darstellt,
sondern auch mit bestimmten Abschnitten seiner Rinde bestimmte Körper-
absohnitte beeinflußt. Ja, durch die BABANY’sohen Forschungen wissen wir,
daß von einzelnen Stellen der zerebellaren Hemisphärenrinde der Tonus der
Extremitäten in bestimmter Richtung verstärkt wird. Man könnte also bei
dem KoHNSTAMM’schen Phänomen an eine Nachdauer der bei der Widerstands¬
bewegung aufgehäuften Innervationen in den Zentren für den „Aufwärtstonus“
und den „Auswärtstonus“ denken, da ja die Nachbewegung bei Druck nach
oben und außen am stärksten hervortritt
Um dieser Frage nach der Bedeutung des Kleinhirns für das Zustande¬
kommen dieser Naohbewegung näher zu treten, habe ich nun bei einer Reihe
von Personen, bei denen das KoHNBTAjm’sche Phänomen sehr ausgeprägt
hervortrat, den BAsANY’schen Zeigeversuch angestellt Bekanntlich kommt es
bei Kleinhirnaffektionen oft zu einer Abweichung des Armes, des Beines, auch
des Kopfes bei Zeigebewegungen in bestimmter Richtung, so daß z. B. der
Arm von unten her nach außen, von innen her nach oben abweicht Es
handelt sich hier um die Außerfunktionstellung bestimmter Tonuszentren,
z. B. bei der Abweichung nach außen um Versagen des Zentrums för den
Einwärtstonus. Ba.ba.ny hat sogar versucht, auf Grund pathologisch-anatomischer
Befunde hier ganz genaue Lokalisationen der einzelnen Tonuszentren an der
Kleinhirnrinde festzustellen. Wenn es auch nach neueren Ergebnissen von
der Großhirnrinde auB gleichfalls zu einer Beeinflussung der Richtungslinien der
Bewegung kommen kann, so ist es doch zweifellos, auch nach experimentellen
Befunden (Rothmann, Andbü-Thomas und Dubupt), daß das Kleinhirn hier
die Hauptrolle spielt.
Stellt man nun nach energischer Widerstandsbewegung des gestreckten
Armes naoh oben und außen mit diesem Arm den Zeigeversuch an, indem
man den ausgestreckten Arm in wagerechter Haltung an den Zeigefinger des
Beobachters legt und ihn bei geschlossenen Augen heruntergehen und wieder
heraufführen läßt, so weicht derselbe in wechselndem Aussohlag, aber stets sehr
deutlich, nach außen ab. Läßt man den Arm nach der gleiohen Widerstands¬
bewegung in horizontaler Richtung nach außen gehen und zum Finger des
Untersuchers zurückkehren, wiederum bei geschlossenen Augen, so weicht der¬
selbe deutlich, wenn auch schwächer, nach oben ab. Auch am Bein kann man
nach Widerstandsbewegung nach oben und außen das Abweicheu beim Zeige-
versuch nach außen deutlich konstatieren, ebenso am Kopf nach starker Wider¬
standsbewegung nach einer Seite.
Natürlich kann es sich bei dieser Erscheinung nicht um die Lähmung des
Einwärtstonus bzw. des Abwärtstonus handeln, wie bei den zerebellaren Er¬
krankungen, sondern um eine verstärkte Innervation des Auswärtstonus bzw.
Digitized by
v Goog le
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIG,
des Aufwärtstonus. Es ist aber auch besonders wichtig, daß der Ausfall des
Zeigeversuches erkennen läßt, daß die Nachwirkung der willkürlichen Innervation,
wie sie in dem KoHMSTAMM’schen Phänomen zum Ausdruck kommt, auch noch
l>ei Einschiebung neuer Willkürbewegungen, wie sie bei der Anstellung des
Zeigeversuches notwendig sind, in der Ablenkung des Armes in die Erscheinung
tritt. Auch zeigt sich hier wiederum, daß es die Extensions- und Abduktions¬
bewegung vor allem sind, die diese Nachbewegung hervorrufen. Denn bei
starker Widerstandsbewegung mit Adduktion des Armes kommt es kaum zu
einer seitlichen Ablenkung des Armes nach innen. Ebensowenig läßt sich
irgendeine derartige Störung nach kräftiger Widerstandsbewegung des Armes
nach abwärts oder in gebeugter Stellung nachweisen.
Kohustamm hat bereits betont, daß die Ursache der Erscheinung nicht
im Muskel selbst liegt. Trotzdem ist sie weitgehend von dem normalen Tonus
der Muskulatur abhängig. In 2 Fällen von Deltoideslähmung konnte das Phänomen
naturgemäß nicht zustande kommen, da ja die hierzu notwendige Aufwärts¬
bewegung des Armes bei der Widerstandsbewegung unausführbar war. Auch
bei der ausgeprägten Hypotonie der Tabiker fällt das Phänomen aus; ebenso¬
wenig ist es aber bei der hypertonischen Muskulatur der Hemiplegiker aus¬
lösbar. Es wird in der Folge notwendig sein, bei dem Verdacht zerebellarer
Affektionen diesen Versuch heranzuziehen. Störungen in den hier geschilderten
Ablenkungsreaktionen beim angeschlossenen Zeigeversuch werden vielleicht ge¬
eignet sein, sehr frühzeitig zerebellare Störungen der Richtungsinnervationen
aufzudecken.
Das KoBNSTAHM’sche Phänomen ist jedenfalls eine interessante Erscheinung,
deren Prüfung einen wichtigen Platz in der Methodik der Untersuchung der
Körperinnervationen einnehmen wird. Es beruht auf einer Nachdauer der sub¬
kortikalen Innervation nach Fortfall der Willkürbewegung, die wahrscheinlich
durch fortdauernde Erregungen bestimmter Tonuszentren des Kleinhirns be¬
dingt ist.
II. Heferate.
Kriegsbeobachtungen.
1) Die Granatkontusion , von R. Gaupp. (Kriegschirurgische Hefte der Bei¬
träge zur klin. Chirurgie. XLVI. Heft 3.) Bef.: Adler (Berlin-Pankow).
Unter Granatkontusion verstehen wir die Allgemeinschädigungen der Menschen
ohne erkennbare körperliche Verletzung duroh direkte oder indirekte Geschoßteile.
Auf Grund der im derzeitigen Kriege gemachten Erfahrungen können wir als
Ursache solcher Allgemeinschädigungen wohl den Luftdruck und die giftigen Gase
als mindestens unwesentlich bewerten. Dagegen ist auf die mechanische Er¬
schütterung des Körpers und in noch viel größerem Maße auf die seelische Er¬
schütterung die größte Aufmerksamkeit zu lenken. Anamnestisch ließ sich auch
in vielen Fällen eine ausgesprochene psychopathische Veranlagung ermitteln. Im
klinischen Bilde der Granatkontusion fand Verf. an erster Stelle die Ohnmaoht
oder einen mehr oder minder vollkommenen Grad der Bewußtseinstrübung, in
selteneren Fällen nervöse und psychische Reiz- und Ausfallserscheinungen. Bei
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
426
von Anfang an richtiger Behandlung — Beruhigung durch Buhe und verbale
Suggestion, Überwindung des Stupor durch kameradschaftlich-freundliche Zusprache
— ließen sich diese akuten Zustände im allgemeinen rasch völlig heilen. Aller¬
dings sah Verf. auch mitunter nach Wochen und selbst nach Monaten unter der
Einwirkung rein seelischer Vorgänge plötzlich den anfänglichen schweren Krank¬
heitszustand wiederkehren: aber auch in solchen Fällen trat schließlich dauernde
Heilung ein. Dagegen gelang es in keinem Falle, mit dem psychogenen Affekt¬
stupor gleichzeitig auch die meist vorhandene absolute Amnesie zu beseitigen von
dem Augenblicke des Platzens der Granate an bis zu dem Tage, wo der Patient
aus dem komaähnlichen Zustande erwachte. Prognostisch relativ ungünstiger als
diese akuten Erscheinungen erwiesen sich zahlreiche Begleitsymptome wie Schmerzen
aller Art und meist rein subjektive Beschwerden, die nur ganz allmählich zur
Heilung gebracht werden konnten.
2) Zar Behandlung der Soh&delsohüase im Felde« von Syring. (Münchener
med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 17.) Bef.: Kurt Mendel.
Verf. ist — wie auch Läwen (in der gleichen Nummer der Münch, med.
Woch.) — für Frühoperation bei Schädelschußverletzungen. Tangential- bzw.
Binnenschüsse sollen sämtlich und zwar so bald als möglich (bereits im Feld¬
lazarett) operativ angegriffen werden. Bei Steck- und Durchschüssen ist Operation
erforderlioh a) bei zunehmenden Druckerscheinungen, b) bei Depressionen, die in
den motorischen Begionen liegen, c) bei jedem Hirnprolaps. Sonst konservative
Behandlung.
3) Zur Pathogenese der Meningitis bei SohuBverletiungen dee Gehirns«
von H. Chiari. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 17.)
Bef.: Kurt Mendel.
Bei den nicht sofort durch Zerstörung lebenswichtiger Zentren oder durch
Blutung tödlichen Schußverletzungen des Gehirns spielt die Meningitis suppurativa
die Hauptrolle bezüglich des Exitus. Unter den 41 vom Verf. sezierten Fällen
von Schußverletzungen des Gehirns war in 33 Fällen, die in der Zeit von 4 bis
127 Tagen zum Tode geführt hatten, der Tod infolge von Meningitis suppurativa
eingetreten und nur 8 mal hatte sich keine Meningitis gefunden. Von diesen
33 Fällen hatte sich die Meningitis nur 2mal direkt von den dem Orte der Schu߬
verletzung des Gehirns angrenzenden inneren Meningen aus entwickelt; 3mal war
die Meningitis suppurativa von einer Orbitalphlegmone ausgegangen; 2 mal war
sie rhinogenen Ursprungs; in allen übrigen 26 Fällen, also in 78°/ 0 , hatte die
Meningitis als eine basilare Meningitis eingesetzt, und zwar bei ganz verschiedener
Lokalisation der Schuß Verletzung des Gehirns. In allen diesen 26 Fällen war die
Meningitis basilaris auf einen Übergang der Hirneiterung auf den einen oder
anderen Seitenventrikel zurückzuführen. Der Übergang hatte sich entweder in der
Art vollzogen, daß eine an und für sich tiefgreifende Schußverletzung des Gehirns
bei starker Eiterung und Jauchung sehr bald das Ependym des betreffenden
Seitenventrikels in einem Home oder in der Cella media erreicht hatte oder aber
daß eine ursprünglich kleine und öfters auch gar nicht tiefgreifende Verletzung
des Gehirns durch fortschreitende Eiterung erst allmählich an den Seitenventrikel
herangerückt war und endlich das Ependym durchsetzt hatte. Durch die Ventrikel¬
infektion war es dann stets zur Entzündung der Plexus chorioidei und Telae
chorioideae des Groß- und Kleinhirns gekommen, die sich durch den Querspalt
des Großhirns und des Kleinhirns auf die basalen Meningen fortgesetzt hatte.
Dabei war die eitrige Meningitis zumeist auf die Basis des Gehirns beschränkt
geblieben oder hatte sich, was aber seltener war, auoh auf die Außenfläche der
Großhirn- und Kleinhirnhemisphären ausgebreitet. Immer waren die Plexus und
Telae der Ventrikel entzündlich infiltriert und die Ventrikel mit dem eitrigen
oder serös-eitrigen Exsudate gefüllt.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MIC
427
4) Über homolaterale Hemiplegien nach Kopfverletzungen, von L. Boem-
held. (Münchener med. Wochenschrift. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 17.)
Bef.: Kurt Mendel.
Fall L Tangentialgewehrschnß am Kopf; auf der linken Schädelhälfte, 5 cm
von der Mittellinie entfernt, zwischen Ohr und Sagittalnaht 3 cm lange Wunde.
Bewußtlosigkeit Nach 14 Tagen Schmerzen und Schwäche in der linken oberen
Extremität, Schwindel. Objektiv: leichte Schwäche des linken N. VII und XII,
ausgesprochene Parese des linken Armes, deutliche Ataxie der linken Hand. An
linker Brust, linkem Arm und Gesicht Herabsetzung der Sensibilität für Berührung,
Schmerz, Wärme, Kälte und des Lagegefühls, ausgesprochene Astereognosie links.
Bisweilen links leichter Fußklonus und angedeuteter Babinski; linker oberer
Bauchreflex fehlt — Verf. schließt Hysterie aus, als Ursache der Störungen spricht
er eine (wahrscheinlich epidurale) Spätblutung an, welche durch Contrecoup ent¬
standen ist und das rechte motorische und sensible Bindenfeld lädiert hat.
Fall II. Ältere Dame, Morphinistin, Arteriosklerose, Schwindelanfälle, rechts¬
seitige Hemiparese nach Hinfallen mit leichter Hautverletzung oberhalb des
rechten Auges. Diagnose: linksseitiges Durahämatom. Die Sektion ergab jedoch
einen subduralen frischen Bluterguß über der rechten motorischen Bindenregion.
Links nichts Abnormes (mikroskopische Untersuchung fehlt allerdings. Daher
beweist der Fall nichts! Bef.).
Homolaterale Hemiplegien sind relativ oft bei meningealen Blutungen beob¬
achtet worden.
6) Über Sohädelsohüsse, von Eschweiler und Cords. (Deutsche med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 15.) Bef.: Kurt Mendel.
Die Knochenzertrümmerung ist an der Konkavität des Schädels immer aus¬
gedehnter als an der Konvexität. Bei penetrierenden Sohüssen ist zunächst die
Dara vom Projektil durchlöohert. In der Begel sind dann auch die Splitter der
Tabula interna in die Dura eingespießt, so daß ein größeres Loch mit zerfetzten
Bändern gebildet ist, aus dem zerquetschte und durchblutete Hirnmasse heraus¬
quillt. Bei Tangentialschüssen kann — in seltenen Fällen — die Dura intakt
bleiben. Wegen der Splitterung der Tabula interna wird man aber in keinem
Falle auf Intaktsein der Dura rechnen dürfen. Sehr rasch kann es zur Absze¬
dierung im Gehirn kommen.
Die Hauptsymptome der Kopfschüsse sind: Benommenheit, Unruhe, Auf¬
schreien, Delirien, in denen der Krieg die Hauptrolle spielt, Lähmungen, Kopf¬
schmerz usw.
Die Prognose ist zweifelhaft; zu befürchten ist immer ein größerer Hirn¬
prolaps. Bei transversalen Schüssen ist die Prognose meist viel schlechter.
Jeder nicht ganz desolate Fall von Kopfschuß ist möglichst bald zu trepa¬
nieren, zumal man stets mit größerer Zerstörung an Knochen, Hirnhäuten und
Hirnmasse (Knochensplitter!) zu rechnen hat und der Eingriff an sich kaum
Schaden bringen kann.
6) Zur Kasuistik der Bftekeiimarkssohädigungen durch Wirbelsohuß, von
E. Gamper. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 16 u. 17.) Bef.: Pilcz.
Fall I. Gewehrschuß in die linke Halsseite. Folgen: Leichtgradige Parese
des linken Oberarmes, ausgedehnte gleichseitige Empfindungsstörung, diese Glied¬
maße sowie gleichseitige Bumpf-, Hals- und Nackenhälfte bis ins Trigeminalgebiet
einnehmend und distalwärts noch ins Gebiet der oberen Lendensegmente sich er¬
streckend. Diese Sensibilitätsstörung ist ausgezeichnet dissoziiert Taktilität nur
leicht, thermische und algetische Empfindung bis zu regionär vollkommener Auf¬
hebung beeinträchtigt. Fehlen des linken Bauchdeckenreflexes, Abschwächung des
linken Skrotalreflexes. Nach Angaben des Verletzten habe in der ersten Zeit
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
428
auch Störung der Lageempfindung an den linken Fingern bestanden, derzeit nur
mehr andeutungsweise vorhanden. Wirbelsäule selbst nicht nachweisbar verletzt.
Verf. nimmt ausgedehnte Schädigungen, vorwiegend des Hinterhoragraues der
linken Seite an, und zwar Blutung.
Fall IL Nackenhalsdurchschuß in Höhe des 1. Dorsal wirbeldorafortsatzes.
Sofort Lähmung beider Beine, Lähmung des rechten Armes, Schmerzen in einer
bestimmten ulnarwärts gelegenen Partie am rechten Vorderarm und Hand. Läh¬
mung der Beine schwindet in kürzester Zeit, Lähmung der rechten oberen Glied¬
maße beginnt vom 3. Tage an, sich zunächst proximal — Schulter, Ellbogen —,
* dann langsam in distalen Gelenken zurückzubilden. 2 Monate später dis talwärts
zunehmende Atrophie und Parese in den oberen Extremitäten, am meisten ge¬
schädigt erscheint Ulnaris, weniger Medianus, mit relativer Aussparüng des
M. flexor carpi radialis, am wenigsten betroffen Badialis; Daumenstrecker und
gemeinsame Fingerstrecker mehr beteiligt als Supinator longus und Extensor oarpi
radialis, lateraler Trizepskopf weniger als der mediale. Hypästhesie der ganzen
rechten oberen Extremität, Anästhesie in ulnarer Hälfte der Hand und des Vorder¬
armes. Außerdem Herabsetzung aller Empfindungsqualitäten proximalwärts bis C 4 ,
distalwärts bis D 6 . Okulopupilläre Symptome fehlen.
Verf. nimmt Kombination von spinaler und von Plexusläsion an.
Fall III. Gewehrschuß rechts neben 2. Brustwirbeldornfortsatze. Gleich¬
seitige ausgedehnte Sensibilitätsstörung, in welcher sich Lage- und Vibrations¬
empfindung als besonders schwer geschädigt herausheben, und zwar an den oberen
und unteren Gliedmaßen. Leichteste Parese des rechten Armes, vorübergehende
Schwäche beider Beine, keine Reflexstörangen. Keine okulopupillären Symptome,
Ataxie der rechtsseitigen Gliedmaßen.
Hautempfindungsstörung weist segmental-radikulären Typus auf, Lageempfin-
dungsschädigung dagegen funikulären Charakter, ebenso Ataxie. Mit Rücksicht
auf normale Reflexe ist anzunehmen, daß die Intensität im Bereiche der Hals¬
anschwellung gegen die lateralen Gebiete des Hinterstranges abklingt, die Wurzel¬
zone also weniger geschädigt ist. Sohwere der Sensibilitätsstörung an der Ulnar¬
seite der Hand und des Vorderarmes ist vielleicht begründet in einer Läsion
sensibler Plexusteile, die außer der medullären Affektion besteht.
Schematische Abbildungen im Texte veranschaulichen genau die Sensibilitäts-
Schädigungen in den einzelnen Fällen.
7) Zur Behandlung der Harnverhaltung bei Büokenmarkssohüssen, von
Berthold Goldberg. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beilage
Nr. 13.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. schlägt folgendes Verfahren vor:
1. Vom Tage der Verwundung an gebe man innerlich reichlich Salol, Uro¬
tropin, Kampfersäure oder eines der vielen Ersatzpräparate. Sie sind im Anfang
nützlich, nach Eintritt der UroBepsis aber ohne Wirkung.
2. Man entleere nach Heißwasserseifenwaschung des Penis mit einem aus¬
gekochten mittelstarken, mit Olivenöl ausgesohütteten Nälaton 3 mal in 24 Stunden
die Harnblase; man unterlasse jede Einspritzung, Spülung u. ähnl. Ausgekochte
Weichgummikatheter, in sterile Gaze eingedreht, können in den Verbandkästen
wohl jedem Transport beigegeben werden. Die Einführung ist bei unseren Pat.
meist leicht und kann nötigenfalls, d. h. mangels eines Arztes, intelligenten Sani¬
tätern beigebracht werden.
Die weitere urologische Behandlung der Rückenmarksverletzten muß ebenso
wie die chirurgische und neurologische sorgfältiger Individualisierung Vorbehalten
bleiben und kann wohl selten früher einsetzen, als bis der Pat. eine dauernde
Unterkunft im Inlandslazarett gefunden hat.
Digitized b)
Google
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN
429
8) SohuBverletzimgen des Rüokemnarkfl, von A. Exner. (Neue Deutsche
Chirurgie. XIV. Stuttgart 1915.) Ref.: E. Boas.
* Analog seiner Abhandlung über die Schuß Verletzungen der Nerven gibt Verf.
hier eine Darstellung der Rückenmarksschußverletzungen in den Balkankriegen
1912/13. Die Arbeit hat wegen der Häufigkeit der Friedensscbußverletzungen
des Rückenmarks für den Neurologen noch ein größeres Interesse als die eingangs
erwähnte und wird zweifellos dazu beitragen, manche noch im Fluß befindliche
Fragen — ich erinnere hier nur an die Frage der Behandlung der Blasen¬
lähmungen bei RückenmarkssohÜ8sen — zur Klärung zu bringen. Neben zahl¬
reichen eigenen Erfahrungen ist die Literatur eingehend verwertet.
9) Nachbehandlung der Verletzungen des zentralen und peripheren
Nervensystems, von Hax Rothmann. (Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. XU. 1915.
Nr. 8.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf weist zunächst auf seine früheren Arbeiten über die Rückbildungs¬
erscheinungen nach Erkrankungen des Zentralnervensystems und ihre Therapie hin
und bespricht dann die Nachbehandlung der Verletzungen des zentralen und peri¬
pheren Nervensystems. Er beginnt mit dem Großhirn, und zwar mit den Schu߬
verletzungen der Extremitätenregionen der Großhirnrinde. Von Bedeutung ist,
daß es sich im Kriege durchweg um gesunde jugendliche Gehirne handelt, bei
denen naturgemäß die Chancen der Restitution außerordentlich günstig liegen.
Außerdem geht der Schuß durch größere Strecken des Gehirns, manchmal durch
das ganze Gehirn. Der Schuß trifft dabei meist nur kleine Teile von Zentren,
selten ein Zentrum in seiner ganzen Ausdehnung. Die anfängliche totale Aus¬
schaltung der Funktion hängt dann mit der außerordentlich starken Erschütterung
zusammen. Bei Zerstörung eines Teiles eines Zentrums treten die anderen Teile
dieses Zentrums sehr schnell für die zerstörten Teile ein, Am ungünstigsten
gestellt sind dabei die Abszeßbildungen des Gehirns. „Jede Lähmung der Extre¬
mitäten, die von der Hirnrinde ausgeht, ist bis zu einer gewissen Grenze der
Restitution fähig. Es gibt keine Fälle von Zerstörung des Armzentrums oder
des Beinzentrums, die dauernd total schlaff gelähmt bleiben.“ . Für das Bein tritt
spätestens nach 6 bis 8 Wochen, für den Arm etwa nach 3 bis 4 Monaten eine
Restitution ein. Die Aufgabe des behandelnden Neurologen ist dabei eine mannig¬
faltige: er muß die Lagerung des Patienten gestalten, die gelähmten Muskeln
kräftigen, durch entsprechende Massage, Faradisation, Übungstherapie einzuwirken
suchen usw. Ein orthopädisch-chirurgisches Eingreifen ist nur bei schweren Folge¬
zuständen erforderlich, Verf. weist besonders auf die Stoffelschen Resektionen
einiger motorischer Nervenfasern der hypertonischen Muskeln zur Beseitigung
spastischer Kontrakturen hin. Anhangsweise wird dann die Behandlung der
Sprachstörungen erörtert.
Verf. wendet sich dann zu den Rückenmarksverletzungen. In einer großen
Reihe von Fällen kann man auch noch bei ihnen Nutzen stiften, wenn nur Teile
verletzt sind oder das Rückenmark durch Kompression außer Funktion gesetzt ist.
Die Laminektomie ist nur in einzelnen Fällen indiziert, wo sich Knochensplitter
finden, die man röntgenologisch feststellt, und in einigen Fällen von Meningitis
serosa. Auch bei den Schußverletzungen der peripheren Nerven vertritt Verf.
nicht den weitgehenden operativen Standpunkt Biers, sondern er wartet in allen
Fällen ab mit Ausnahme der Fälle, in denen mit einiger Sicherheit der Nerv als
zerrissen anzusehen ist.
Zum Schluß wendet sich Verf. kurz zu den allgemeinen nervösen Störungen.
Er teilt nicht,den Standpunkt von Oppenheim, daß man eine besondere trau¬
matische Neurose annehmen muß. Zu empfehlen ist die Unterbringung der be¬
treffenden Patienten in Nervenheilanstalten auf dem Lande mit geeigneter Be-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
480
scbäftigung mit Gartenarbeit nsw. Die Frage maß znr Vorbeugung des Renten»
kampfes richtig organisiert werden.
10) Über Polyneuritis gemisohter Nerven bei neurasthenisohen Kriegs»
teilnehmern, von M. Nonne. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI1I.
1916. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. beobachtete während der Kriegszeit mehrere Fälle, welche eine Illu¬
stration zu Edingers Aufbrauohtheorie liefern: Fälle, in denen bei vorher ge¬
sunden Soldaten multiple Neuritiden in den unteren Extremitäten auftraten im
Anschluß und als Folge von anstrengenden Marschleistungen, ohne daß nennens¬
werte Erkältungen, Alkohol, Syphilis usw. ursächlich beschuldigt werden konnten.
Bevorzugt war das Gebiet des N. cruralis und tibialis, da ja beim Marschieren,
besonders beim Steigen* von den Streckern am Oberschenkel und den Beugern am
Unterschenkel stärkere Leistungen erfordert werden als von den Beugern am
Oberschenkel und den Streckern am Unterschenkel. In einem anderen Fall ent¬
wickelte sich links eine Neuritis in allen drei Armnerven bei einem Soldaten, der
stundenlang, das Gewehr in der rechten Hand haltend, einen verwundeten Kame¬
raden links hinter sich herschleppen mußte.
Im vorliegenden Aufsatz beschäftigt sich Verf., ankntipfend an die Arbeit von
Mann in diesem Centr. 1915. Nr. 5, mit der Polyneuritis als Begleiterscheinung
nervöser Erschöpfungszustände im Kriege. Er berichtet über folgende 2 Fälle:
L Ein neuropathisch belasteter, seit Jahren an ausgesprochener Neurasthenie
leidender Mann erhält im Feldzug nach großen körperlichen und seelischen
Strapazen eine leichte Wunde am rechten Oberschenkel. Die neurasthenisohen
Beschwerden nehmen zu. Auf der Höhe derselben erkrankt er subakut an einer
Neuritis multiplex aller vier Extremitäten. Dieselbe stellt sich als eine solche
der gemischten Nerven dar. Sie heilt gleichzeitig mit dem Abklingen der neur¬
asthenisohen Beschwerden in verhältnismäßig kurzer Zeit ab.
II. Ein von Haus aus neurasthenischer Mann erleidet im Anschluß an körper¬
liche und seelisohe Anstrengungen im Feldzug einen nervösen Zusammenbruch und
erkrankt dann 2 Monate später an einer ausgesprochenen multiplen Neuritis der
gemischten Nerven *der unteren Extremitäten. Dabei ist die Verteilung der Läh¬
mung eine andere, als sie den am meisten in Anspruch genommenen Nerv-Muskel¬
gebieten entsprechen würde.
In beiden Fällen fehlen die üblichen Ursachen der Polyneuritis.
Daß die körperlichen Strapazen nicht als solche unmittelbar — im Sinne
Edingers — die Neuritis schufen, ergibt Bich sowohl daraus, daß dieselbe erst
einsetzte, nachdem die Kranken schon längere Zeit zur Ruhe gekommen waren,
als auch aus der Verteilung der Neuritis.
Die Zukunft muß zeigen, ob häufiger bei Fällen von schnell akquirierter
Neurasthenie eine multiple Neuritis („Polyneuritis neurasthenica“) zur Beobachtung
kommt oder ob das vorwiegend der Fall ist bei konstitutionell neurasthenisch
veranlagten und im Kriege exazerbierenden Neurasthenikern.
11) Unsere bisherigen Erfahrungen bei der Behandlung Im Kriege ver¬
letzter peripherer Nerven, von Heile und Hezel. (Kriegschirurg. Hefte
der Beiträge z. klin. Chirurgie. XCVI. H. 3.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
Die Verff. haben 40 Fälle von peripherer Nervenverletzung operativ behandelt.
Die Verletzungen selbst waren teils direkte, teils indirekte, hervorgerufen durch
die von dem durchschlagenden Geschoß verursachte Schwellung der den Nerven-
stamm umgebenden Weichteile. Die Operation selbst wurde vorgenommen, wenn
der ganze Nerv oder Teile desselben Anzeiohen der Leitungsunterbreohung dar¬
boten, und zwar bei der Mehrzahl der Fälle in allgemeiner Narkose wegen der
Gefahr einer nach örtlicher Kokainisierung nachträglich auftretenden Naohblutung
und der dadurch bedingten nachherigen Verwachsungen im Operationsgebiet In
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
431
etwa 4 / 6 der Fälle waren infolge der Verletzung, die übrigens meist durch In¬
fanteriegeschosse verursacht war, noch kleinere oder größere Teile des Nerven-
stammes erhalten geblieben. Stets wurden dann nur die verletzten Fasern im
Nervenstamm aufgesucht und zusammengenäht. Hat eine völlige Kontinuitäts¬
trennung stattgefonden, so sind die beiden Stümpfe fast stets in derbes Nerven¬
gewebe eingehüllt, der zentrale Stumpf weist meist eine Anschwellung: Neurom
auf, während der periphere infolge des Markschwundes der Fasern verdünnt er¬
scheint. Hat keine Kontinuitätstrennung stattgefunden, ist also der Nervenstamm
nur gestreift oder gequetscht, so ist das distale Nervenende infolge von Blut- und
Lymphstauung kolbig aufgetrieben. Bei Durchtrennung der gesamten Kontinuität
wurde die Resektion vorgenommen und der periphere Nervenstamm mit dem zen¬
tralen möglichst ohne Spannung vereinigt. Als Nahtmaterial wurde erst Seide,
später feinstes Katgut verwendet. Zum Ausgleich der durch die Resektion ent¬
standenen Defekte haben die Verff. niemals die Plastik zu Hilfe genommen, sondern
durch extreme Beuge- bzw. Streckstellungen eine Entspannung herbeizuffthren,
eventuell durch feine spiralige Einschnitte in das Perineurium des peripheren und
zentralen Endes eine Verlängerung zu erreichen versucht. Wenn das Perineurium
als Schwarte einen Druck ausübte, wurde es entfernt, desgleichen wenn dasselbe
beim Bestehen einer peripheren Neuritis allgemeine örtliche Entzündungsverände¬
rungen aufwies. Zum Schutze der Nervennaht gegen sekundären Druck, z. B.
gegen Kallusmassen, wurde lebender Muskel interponiert; um neue Ver¬
wachsungen zu verhüten, wurde ebenfalls Muskel interponiert oder die Isolierung
mit gestielten Faszienlappen, seltener mit Fett versucht, am häufigsten jedoch mit
dünnen, nicht vulkanisierten, also organischen Gummiröhren, deren langsamer Auf¬
lösung im Organismus nichts im Wege steht Als günstigsten Zeitpunkt für die
Operation wählten die Verff. die Zeit nach Ablauf des 3. Monats, nachdem sie
früher schon im 2. Monat operiert hatten. Über definitive Heilresultate läßt sich
bei der langsamen Regeneration durchtrennt gewesener Nervenfasern noch nichts
sagen, doch läßt sich jetzt schon eine Reihe von Besserungen verzeichnen.
12) Über Kriegsverletzungen der peripheren Nerven, von M. Nonne. (Mediz.
Klinik. 1915. Nr. 18 u. 19.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. hat seit Mitte September bis zum 1. März 264 Fälle von Eiriegs¬
erkrankungen des Nervensystems gesehen, von denen 152 sich als Verletzungen
und Erkrankungen der peripheren Nerven darstellen. In s / 4 aller organischen
Verletzungen des Nervensystems handelte es sich um solche der peripheren Nerven.
Die überwiegende Häufigkeit der Radialisverletzungen und der Verletzungen des
Plexus brachialis war dabei besonders auffallend, ferner die relative Häufigkeit
isolierter Peroneusverletzungen gegenüber solchen des N. tibialis.
Die peripheren Nerven werden entweder primär verletzt oder sekundär ge¬
schädigt, ersteres in Form von Durchtrennung, Durchreißung, Zerquetschung, durch
Erschütterung, letzteres durch traumatische Aneurysmen oder Frakturen mit
Kallusbildung. Von besonderem Interesse ist die Beobachtung der peripheren
Nerven bei der Autopsia in vivo, t)ei der Operation.
Verf. bespricht dann die Symptomatologie. Ganz auffallend häufig ist die
Ungleichmäßigkeit der Funktionsstörung der verschiedenen Muskeln im Bereioh
eines verletzten Nerven (unter den 152 Fällen 44mal). Zur Feststellung, welche
Muskeln gelitten haben, ist eine genaue elektrische Untersuchung unbedingt nötig.
Verf. hat oft erlebt, daß in motorisch intakt funktionierenden Muskeln sich eine
deutliche krankhafte Veränderung der elektrischen Erregbarkeit zeigte. Die Sensi¬
bilität zeigte sich im allgemeinen weniger gestört, als man aus der Friedens-
praxis anzunehmen gewohnt war. Auch für die Sensibilität zeigte sich die
Häufigkeit des partiellen Ergriffenseins. Wirklich ungewöhnlich heftige Neuralgien
waren selten. N.’s Erfahrungen gehen dahin, daß die sensiblen Fasern gegen
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERS1TY OF MICHIGAN
432
Traumafolgen erheblich resistenter sind als die motorischen und die der elektri¬
schen Leitung dienenden, und daß die Möglichkeit des vikariierenden Eintretens
sensibler Fasern seitens anderer Nerven eine ausgedehntere ist, als man bisher
wußte. Auch die Veränderung der elektrischen Erregbarkeit betrifft häufig das
Lähmungsgebiet nur partiell. Verf. fand ferner häufig normale Kraft in Muskeln,
die faradisch nicht und galvanisch mit Entartungsreaktion reagierten, ferner Ab¬
arten der Entartungsreaktion, trophische Störungen usw.
Verf. bespricht dann die Differentialdiagnose, besonders auch gegen Hysterie
— die Kriegshysterie wird sehr oft verkannt —, die Frage, wann und ob der
Nerv durohtrennt ist und besonders wann die Indikation zum chirurgischen Ein¬
griff gegeben ist. N.’s Erfahrungen gehen dahin, daß nicht lange gewartet werden
soll. Er hat 45 Operationen gesehep, von denen nur in 2 Fällen man sich
-naohher sagen konnte, daß die Operation hätte unterbleiben können. In keinem
einzigen Falle war dabei eine Verschlimmerung zu beobachten, aber in 35 Fällen
gewann Verf. die Überzeugung, daß die lokalen Verhältnisse eine spontane Heilung
unmöglich machen mußten. Er bespricht dann kurz Einzelheiten des chirurgischen
Eingriffs und die Erfolge. Zusammenfassend hebt er hervor: In frischen Fällen
soll operiert werden, wenn der Fall klar zeigt, daß eine glatte Durchtrennung
des Nerven stattgefunden hat und wenn keine Komplikation mit Knochenfrakturen
vorliegt. Die Operation soll bald nach Heilung der komplizierenden Verletzungen
stattfinden.
Sehr wichtig ist die Nachbehandlung, bei der die physikalischen Heilmethoden
— Elektrizität, Heißluft, Massage usw. — eine bedeutsame Bolle spielen, besonders
auoh die Übungstherapie. Endlich muß sich der ganze soziale Apparat an den
Heil- und Fürsorgemaßnahmen beteiligen.
Sehr instruktive Beispiele sind überall zum besseren Verständnis der sehr
lesenswerten Ausführungen des Verf.’s beigegeben.
13) SohuBverletzungen der Nerven, von A. Exner. (Neue Deutsche Chirurgie.
XIV. Stuttgart 1915). Ref.: K. Boas.
Gestützt auf ein eingehendes Studium der einschlägigen Literatur sowie
eigener in Gemeinschaft mit seinen Mitarbeitern (H. Heyrovsky, G. Kronenfels
und C. v. Massari) gemachter Erfahrungen in den Balkankriegen 1912/1913 gibt
Verf. eine ausführliche Darstellung der kriegschirurgischen Schußverletzungen der
Nerven, die besonders in dem gegenwärtigen Zeitpunkte großes Interesse hervor-
rufen wird.
14) Über SohuBverletzungen am peripheren Nerven, von L. Huism ans. (Mün¬
chener. med. Wochensohr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15.) Bef.: Kurt Mendel.
So lange man einen, wenn auoh langsamen Fortschritt in der Funktion be¬
merkt, soll man von einem operativen Eingriff absehen, Massage und Elektrizität
anwenden.
15) Ein Beitrag zur Verletzung peripherer Nerven, von Richard Sauter.
(Münch, med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15.) Ref.: Kurt Mendel.
2 Fälle zeigen, daß da, wo komplizierte Frakturen längere Zeit unter Fieber
eitrige Sekretion unterhalten, ein Hinausschieben der Nervennaht bzw. der Neuro-
lyse, event. bis zu 4 und 5 Monaten, notwendig erscheint, weil selbst bei voll¬
ständiger Abheilung der äußeren Wunden der frühere Infektionsprozeß wieder zur
Aufflackerung gelangt und dadurch von neuem Eiterungen auftreten können, die
die Operationsaussichten sehr verringern.
16) Ungewöhnlich frühe Wiederherstellung der Leitungsf&higkeit im rese¬
zierten und genähten Nerven (Isohiadioua), von H. Thiemann. (Münche¬
ner med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15). Ref.: Kurt Mendel.
Die Zeit bis zur Wiederherstellung der Funktion ist um so länger, je höher
am Nerven die Verletzung liegt, da in solchen Fällen die sog. retrograde Zell-
Digitized b)
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
433
Veränderung event. bis in die entsprechenden Ganglienzellen hinaufreicht und die
Nervenbahn in größerer Ausdehnung zerstört ist und neugebildet werden muß.
Unter den vom Verf. beobachteten Nervenverletzungen und Nähten haben bisher
alle in der Beobachtungszeit von 4 bis 8 Wachen noch keinen Wiedereintritt der
Funktion gezeigt bis auf eine, noch dazu eine Resektion und Naht des Ischia-
dicus. Es handelt sich in diesem Falle um einen Gewehrschuß am Knie mit
Ischiadicuslähmung und unerträglichen Schmerzen. Die Operation zeigt, daß der
iBchiadicus vollständig in hartes weißes Narbengewebe eingebettet und dadurch
absolut unbeweglich ist; 3 cm sind kolbig angeschwollen und unregelmäßig ver-
dickt. Resektion, Nervennaht. Sofort naoh der Operation sind die Sohmerzen
verschwunden. Am Ende der 2. Woche nach der Operation kann Patient die
Zehen bewegen. Die Bewegungsfähigkeit macht zusehends Fortschritte, 4 Wochen
nach der Operation kann Patient mit Krücke und Stock umherlaufeg. Die Be¬
weglichkeit ist in allen Muskeln gut möglich, sowohl in den vom Tibialis als
auch in den vom Peroneus versorgten.
Zur Erklärung der so raschen Wiederherstellung der Leitungsfähigkeit im
Nerven muß man wohl annehmen, daß im Sinne von Neumann und Bethe auoh
das periphere, nur kurze Zeit abgetrennte oder ausgeschaltete Nervenstück mit¬
beteiligt gewesen ist, da ein Auswaohsen der zentralen Fasern allein wohl nicht
in so kurzer Zeit hat erfolgen können. Ferner waren die Bedingungen für die
Naht die denkbar günstigsten: völlig aseptischer Verlauf der Wundheilung und
kurze Frist zwischen Verletzung und Wiedervereinigung. Vielleicht kann bei
baldiger Nabt öfter ein derartig günstiges Resultat erzielt werden.
17) Zur Methodik der Naht an peripheren Nerven, von Karl Döpfner.
(Münchener med Wochenschrift. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 5.) Ref.: Kurt
Mendel.
Wenn nach vorausgehender konsequenter 8 wöchiger Behandlung bei peripheren
Nervenverletzungen keine Besserung eingetreten ist, soll operiert werden: Neuro-
lysis, partielle oder totale Nervennaht. Vorbedingungen für diese Methoden sind
1. Keine Eiterung (granulierende Hautdefekte, benachbarte Fisteln und Sequester
sind für gewöhnlich Kontraindikationen); 2. die gesunde Nervensubstanz darf so
wenig als möglich mit Instrumenten angefaßt werden; 3. Gipsschienenverband
für die ersten zwei Wochen in Zweidrittelentspannung, dann vorerst eine Woche
noch mehr Entspannung und erst dann nach und nach Streckung.
18) Die Prognose der Nervennaht bei Verletzungen des peripherischen
Nervensystems, insbesondere bei SohaBverletsongen, von Prof. Stein-
thal. (Münchener med. Wochenschrift 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15.) Ref.:
Kurt Mendel.
Erfahrungen aus 36 Nervenoperationen: 23 Nervennähte, 13 Neurolysen. In
allen Fällen fiel auf, in was für derben Narbenmassen die verletzten Nerven lagen
und wie weit sich diese Narben in die Nervenbahnen hinein erstreckten. Die
Prognose hält Verf. für nicht allzu günstig. Als bester Zeitpunkt der Operation
gilt allgemein die Zeit im 4. bis 6. Monat nach Eintritt der NervenschädÜgung.
19) Über eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu beurteilen, von
Dr. Paul Hoffmann. (Medizin. Klinik« 1915. Nr. 13.) Ref.: E. Tobias.
In vielen Fällen ist es in sehr einfacher Weise möglich, den Erfolg einer
Nervennaht schon früher zu beurteilen. Fast immer sind bei schweren Nerven-
läsionen neben motorischen Ausfallserscheinungen auch sensible vorhanden: für
die sensibel gelähmte Stelle sind im zentralen Stumpf des verletzten Nerven auch
Fasern mit dem entsprechenden Lokalzeichen da, und Reizung dieser Nervenfasern
muß eine in das unempfindliche Gebiet verlegte Empfindung hervorrufen. Diese
Fasern wachsen nach erfolgter Nervennaht aus. Es bleibt also nur übrig, fest*
xxxiv. 28
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
434
zustellen, ob unterhalb der Nahtstelle durch Reizung des Nerven eine Empfindung
hervorgerufen werden kann, die in das sensibel gelähmte Gebiet lokalisiert wird,
und es wäre damit der Nachweis erbracht, daß die Nahtstelle leitet, daß also
ein Auswachsen der Fasern wirklich erfolgt. Hat der wachsende Nerv die Naht¬
stelle überwunden, so ist die Restitution der Funktion äußerst wahrscheinlich
geworden. Was die Art der Reizung anbetrifft, so sind die jungen Fasern am
besten mechanisch durch Druck erregbar. Starker Druck ist nicht notwendig,
am besten ist Klopfen mit den gestreckten Fingern. Die Methode ist ungeeignet
in Fällen, in denen im anästhetischen Gebiet Parästhesien und Schmerzen vor¬
handen sind. Die Methode ist auch dazu zu benutzen, um zu erweisen, daß eine
Restitution des Nerven auch ohne Naht erfolgt.
20) Krieg und Nervensystem, von Leo Jacobsohn. (Therapie der Gegenwart
1915. Nr. l.y Ref.: K. Boas.
Ohne über eigene Beobachtungen zu verfügen, läßt Verf. in der vorliegenden
Arbeit die einschlägige Literatur vom Anbeginn des Krieges bis ausgangs des
Jahres 1914 Revue passieren. In Anbetracht der sich andauernd häufenden Mit¬
teilungen zur Kriegsneurologie und -psychiatrie wird die Arbeit recht bald eines
Nachtrags bedürfen.
21) Einige allgemeine Bemerkungen über den Krieg und unser Nerven¬
system, von Prof. Dr. Emil Redlich. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 17.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beschränkt sich auf eine mehr allgemeine Erörterung der Frage, in¬
wieweit unser Nervensystem den ungewohnten, zum Teil ungeheuren Anforderungen
des Krieges gewachsen ist, bzw. ob und inwieweit es versagt hat. Der Krieg
hat gezeigt daß die Annahme einer nervösen Zeit bzw. einer fortschreitenden
Degeneration der Kultumationen sich als Übertreibung von Einzelerscheinungen
herausstellte, daß vielmehr unsere Zeit eine Leistungsfähigkeit und nervöse Wider¬
standsfähigkeit aufzubringen in der Lage ist, die allem, was aus der Geschichte
bekannt ist, ebenbürtig ist, es zum Teil sogar in den Schatten stellt. Die An¬
passungsfähigkeit des Menschen an positive Arbeit, an das Ertragen von Ent¬
behrungen ist eine enorme. Auffallende Erscheinungen nach Vorübersein des
ensten Erschöpfungsschlafs waren längere Schlafstörungen sowie eine gewisse
Labilität der Körpertemperatur, sonst war bis auf Ausnahmen das Allgemein¬
befinden bald ausgezeichnet. Von diesen Ausnahmen beschränkt sich Verf. in
seinen Ausführungen auf die funktionellen Neurosen. Sie sind, was die exogenen
Ursachen anbetrifft, gewissermaßen ein Experiment in großem Stile, wobei aller¬
dings die Schädlichkeiten ein auserlesenes Menschenmaterial treffen, wodurch eine
Übertragung auf die Friedenspraxis nicht ohne weiteres möglich ist. Verf. be¬
spricht dabei besonders die traumatischen Neurosen. Nur bei einer relativ kleinen
Anzahl von Unfallverletzten entwickelt sich das geläufige Bild der traumatischen
Neurose, wenn eine Unfallsentschädigung nicht in Frage kommt. Nervöse Dis¬
position, Nervosität usw. begünstigen das Entstehen derselben. Ein nicht un¬
wesentlicher Unterschied besteht dabei zwischen den Fällen, bei denen eine Renten¬
entschädigung, und denen, bei welchen eine einmalige Kapitalabfindung statthat.
Die Erfahrungen, die Verf. im Kriege macht, bestätigen diese Anschauungen, für
die auch die relative Benignität der traumatischen Neurose bei den Verletzten
des Krieges spricht, speziell was ihre Dauer betrifft. Als Begehrungsvorstellung
fungiert meist der bewußte und unbewußte Wunsch und die Hoffnung, nicht mehr
den Gefahren ausgesetzt zu sein, was noch stärker wirkt als Rentenansprüche und
Geldforderungen. Die günstigere Prognose bängt zumeist mit der weitgehenden
Autorität bzw. diziplinaren Gewalt gegenüber den Kranken in der Kriegszeit zu¬
sammen. Verf. sah auch Fälle mit schweren Verletzungen nicht selten mit aus¬
gesprochenen hysterischen Erscheinungen kompliziert, speziell bei organischen
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
435
Schädigungen des zentralen und peripheren Nervensystems, deren Symptome dann
von funktionellen, hysterischen Zutaten ergänzt bzw. überdeckt waren. Sehr be¬
merkenswert sind die dabei erzielten therapeutischen Erfolge, die zu interessanten
Betrachtungen zur Differentialdiagnose gegenüber der Simulation führen, einer
Differentialdiagnose, die durchaus nicht immer leicht ist.
Verf. wendet sich dann zu den neurasthenischen Symptomen, die seine Kranken
darboten. Auch bei ihnen macht sich der Einfluß der prämorbiden Persönlichkeit
vollauf geltend. Die akuten Erschöpfungsneurasthenien sind demgegenüber selten;
seltener ist auch der Aufschwung durch temporäre Kriegsbegeisterung, der nur
vorübergehend in Erscheinung tritt.
Markant ist oft der therapeutische Unterschied bei Neurasthenie und Hysterie.
Verf. erörtert dann kurz einiges über die Psychosen sowie über den Einfluß
auf die Zivilbevölkerung. Auch sie hat den Krieg besser vertragen, als eigentlich
zu erwarten stand. Recht deutlich wird auch während des Krieges die egozentrische
Lebensauffassung vieler Nervöser.
22) I. Die Behandlung der Folgeaustände von Qehlmersohfltterung, von
Prof. Dr. Ernst Weber. — II. Bemerkungen zu der vorstehenden Ab¬
handlung von Prof. E. Weber, von Stabsarzt d. R. Dr. Neubert. (Mediz.
Klinik. 1915. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Fälle von Gehirnerschütterung im Felde rühren entweder von Fall auf
den Kopf von einem erhöhten Punkte oder von Schädelverletzung durch Kugel
oder Granatsplitter her. Als Zeichen für das Eintreten einer Gehirnerschütterung
ist es zu betrachten, wenn der Pat. nach der Verwundung eine Zeitlang bewußtlos
war. Als Folgezustand bezeichnet Verf. die nervösen Störungen, die sofort nach
der Verletzung einsetzen, aber die Heilung monatelang überdauern. Sie bestehen
in einem starken Kopfschmerz, der dauernd gleich stark ist oder sich zu mehreren
Anfällen täglich steigert, in dauerndem Kopfdruck, schlechtem Schlaf, Schwindel-
gefühl, Unfähigkeit zur Ausführung anstrengender Muskelarbeiten usw.
Verf. ist es nun gelungen, mit seiner neuen Untersuchungsmethode solche
Kranke in kürzester Zeit von ihren Beschwerden objektiv klar nachweisbar zu
heilen.
Die Untersuchungsmethode besteht in der Registrierung der Veränderungen
der Blutverteilung im Körper, die bei Gesunden bei äußeren Einwirkungen auf
das Gehirn in bestimmter — vom Verf. früher eingehend beschriebener — Weise
sich zu erkennen gibt. Die Technik ist nicht ganz einfach. Bei Ausführung
einer kurzen lokalisierten Muskelarbeit tritt nun bei Gehirnerschütterung — wie
auch schon bekannt — eine starke Verengerung sämtlicher äußerer Blutgefäße
statt normaler Erweiterung auf. Verf. hat nun ebenfalls nachgewiesen, daß eine
gleichzeitige Störung der Innervation der Hirngefäße besteht, die als Ursache der
Beschwerden anzusehen ist. Damit hat er eine völlig objektive Untersuchung in
der Hand, um das Fortschreiten der Besserung und den Zeitpunkt des Eintretens
der Heilung zu bestimmen, besonders auch um die Wirkung jeder therapeutischen
Maßnahme zu beurteilen.
Versuche mit Medikamenten waren nun vollständig ergebnislos. Erstaunlich
wirkten dagegen Wechselduschen; die Prüfung ergab dabei völlige Übereinstimmung
der Besserung des Befindens sowie der objektiv nachweisbaren Störung der Gefä߬
innervation. Verf. glaubt darum, daß die Frage, ob die Ursache des Kopf¬
schmerzes und Schwindels nach Commotio cerebri wirklich in der Störung der
Innervation der Hirngefäße liegt, „damit wohl endgültig in positivem Sinne er¬
ledigt ist“. Verf. gibt die Wechseldusohen in der Weise, daß etwa 6 bis 7 Minuten
abwechselnd je a /s Minute lang heiße und kalte Dusche (45° und 14° mit Über¬
gängen) gegeben wurde. Die kalte Dusche übertrifft etwas die warme an Dauer,
sie bildet auch den Abschluß. Neubert bestätigt die Versuche von Weber.
28 *
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Dm Instrumentarium besteht aus dem verbesserten Armplethysmograph von
Mosso-Lehmann, einem Kymographion, einem Registrierapparat für die Atmungs¬
größe und zwei Mareysohe Registrierkapseln.
Es ist zweifellos bemerkenswert, daß die Methode, welche in den physio¬
logischen Grundlagen der Hydrotherapie längst anerkannt ist und Bich eines wohl¬
begründeten Rufes erfreut, sich nach den Versuchen von Weber und Neubert
als richtig erwiesen hat und zur Kontrolle therapeutischer Maßnahmen verwandt
werden konnte. Wm dem Referenten bedenklich erscheint, dM sind die aus den
Beobachtungen hergeleiteten Schlösse, dM ist die Verallgemeinerung der Empfehlung
von Wechselduschen gegen die Folgezustände der Gehirnerschütterung, gegen die
nicht zuletzt die Erfahrungen der Friedenspraxis sprechen. Von jeher sind Theorie
und Praxis in der physikalischen Therapie ihre gesonderten Wege gegangen!
Wer sich vor Nackenschlägen hüten will, dem sei bei der Nachprüfung der
WeberBchen Versuche äußerste Vorsicht angeraten.
23) Die ohirurgisohe Frühbehandlung der Bohftdelsohüaie, von Hosemann.
(Deutsche med. Wochenschr. 1916. Nr. 21.) Ref.: Kurt Mendel.
16 Krankengeschichten. Wichtig ist die frühzeitige ausgiebige „Wund-
toilette“, auch bei Tangentialschüssen, eventuell schon auf dem Hauptverbandplatz.
Bei jedem mit intraduraler Blutung einbergehenden Schädeltrauma spielt die Ge¬
fahr des Hirndruckes eine bedeutende Rolle. Oft schwinden alle Hirndrucksymptome
sohnell beim Verbandwechsel, unter ihnen fehlt zumeist der „Druckpuls'', der nur
in der Minderzahl der Fälle von Hirndruck vorhanden ist. Der Hirnprolaps
bildet an sich nur eine geringe Gefahr, ist aber häufig der Indikator eines stärkeren
Innendruckes (intrazerebrale Blutung oder Abszeß!), welcher, wenn irgend möglich,
zu beseitigen ist.
24) Zwei bemerkenswerte Fälle von Rüokenmarksverletzung durch Ge¬
wehrschüsse, von Ernst Fraenkel. (Deutsche med. Wochenschrift. 1916.
Nr. 19.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall I. Gewehrschuß in Gegend des 12. Brustwirbels. Geschoß Bitzt im
Rückenmark in Höhe des 3. Lendenwirbels. Verlauf ungünstig, BlMen- und Mast¬
darmfunktion blieben gestört, Bewegungsfähigkeit blieb aufgehoben. Faradisation
und MMsage hatten keinen Erfolg. Prognose absolut infaust.
Fall II. Geschoß Bitzt in Höhe des 9. Brustwirbeldorns, wird entfernt. An¬
fangs Lähmung aller 4 Extremitäten, Ischuria paradoxe. Rückgang sämtlicher
Symptome. Prognose gut, völlige Restitutio ist zu erwarten.
Verf. veröffentlicht beide Krankengeschichten, um zu zeigen, wie verschieden¬
artig Verlauf und Prognose bei beiden Fällen trotz anfänglich gleicher Symptome
ist. Es ist dies aber — nach Ref. — gar nicht verwunderlich, zumal da im
ersten Falle dM Geschoß so tief sitzt, daß „ein operativer Eingriff ausgeschlossen“
erscheint, im zweiten Falle die „oberflächlich sitzende Schrappnellkugel“ alsbald
nach der Verletzung entfernt wurde. Wahrscheinlich handelt es sich im ersten
Falle um eine Zertrümmerung des Rückenmarks, im zweiten nur um eine Blutung
in demselben.
26) Über traumatische Myelitis, von Wilhelm Mayer. (Münch, med. Wochen¬
schrift. 1916. Feldärztl. Beil. Nr. 19.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. teilt einen Fall mit, in dem nach einer Verletzung nekrotische Vor¬
gänge im Rückenmark (traumatische Myelitis) auftraten. Die Prognose solcher
Fälle ist sehr dubiös, auch in Verf.’s Fall, wo trotz anscheinend leichterer Ver¬
änderungen seit Wochen dM klinische Bild stationär blieb.
26) Tabes und Heeresdienst, von Dr. Georg Flatau. (Mediz. Klinik. 1916.
Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Tabische, auch solche im Anfangsstadium und mit scheinbar nicht progredientem
Verlauf des Leidens, sind nicht als felddienstfähig zu erachten. Ist die Tabes
Digitizeit by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
437
festgestellt, 80 ist körperliche und geistige Schonung unerläßlich; die Kranken
müssen sich vor Erkältungen und Überanstrengungen hüten. Auch die Garnison*
dienstfähigkeit ist nur unter gewissen Kautelen zuzugeben: vor allem ist Be¬
freiung von anstrengenden Marschübungen, von Wachdienst usw. unbedingt zu
fordern. Von drei Tabikern, die Verf. bisher sah, nachdem sie mehrere Monate
Felddienst hinter sich hatten, wiesen zwei erhebliche Zunahme der Beschwerden
und der objektiven Zeichen auf; beide hatten vorher nicht gewußt, daß sie tabisch
krank waren. Die heute allgemein gültige Auffassung, daß die Prognose der Tabes
als nicht zu ungünstig aufzufassen ist, kann trotz einer Reihe gutartig verlaufen¬
der Fälle nichts an dem allgemeinen Postulat ändern, daß ein Tabiker vom Feld¬
dienst fernzubleiben hat.
27) Erfahrungen auf der Nervenstation eines Eeaervelasaretts, von Dr.
Ph. Jolly (Schmidts Jahrb. d. ges. Med. CCCXXL 1915.) Ref.: E.Tobias.
Verf. schildert in der vorliegenden Abhandlung seine Erfahrungen auf der
ihm unterstellten Nervenabteilung eines Reservelazaretts. Er beschreibt im wesent¬
lichen Fälle von angeborenem Schwachsinn, von Psychopathie und Neurasthenie,
von Hysterie, — die in einer ganz auffallend hohen Anzahl zur Beobachtung kam
und zwar in Form von Krampfanfällen, Lähmungen, von Zittern usw. —, von
Epilepsie, die nioht eben häufig gesehen wurde, usw. Gesondert besprochen
werden Fälle von nervösen Folgen nach Schreck, meist Granatshock. Periphere
Lähmungen werden nur summarisch erörtert. Sehr häufig bei Kranken, aber
auch bei Gesunden zeigte sich unruhiger, durch mannigfaohe KHegserinnerungen
gestörter Schlaf.
28) Funktionelle Stimmbandlähmung im Felde, von H. Pape. (Münchener
med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über 6 Fälle von typischer funktioneller Stimmbandlähmung,
sämtlich Infanteristen. Im ersten Falle handelt es sich um einen Menschen mit
labilem Nervensystem. Bei den andern konnte kein Anhalt dafür gefunden werden.
Ein anatomischer Befund war bei keinem zu erheben. Bei der laryngoskopischen
Untersuchung bewegten sich die Stimmbänder und konnten vorübergehend zu
völligem Schluß gebracht werden.
29) Militärdienst und Tbyreotoxie, von Dannehl. (Deutsche militärärztliche
Zeitschrift. 1915. Nr. 3 u. 4.) Ref.: K. Boas.
Die Zahl der Thyreotoxischen in der Armee ist größer als bisher angenommen
wurde. Ungeeignet zur Einstellung in die Armee erscheinen alle Thyreotoxischen
mit voller Ausbildung aller oder mit besonders starker Ausbildung eines der drei
Hauptsymptome sowie alle Formen mit wesentlichen Störungen des Stoffwechsels
oder des Nervensystems. Die Dienstfähigkeit aller Thyreotoxischen mit gesteigerter
Pulsfrequenz und subjektiven Beschwerden ist zweifelhaft. Sie sind beim Ersatz*
geschäft auch bei kräftigem Körperbau bis zum 3. Pflichtjahre zurückzustellen
und möglichst nicht der Infanterie zuzuweisen. Nach der Einstellung müssen sie
dauernd kontrolliert werden, möglichst ohne Lazarettüberweisung. Der Militär¬
dienst kann das Leiden durch Überanstrengung, durch Begünstigung oder Über¬
tragung von Infektionskrankheiten und durch psychische Einwirkungen ver¬
schlimmern. Ätiologisch unaufgeklärte Fälle von Fahnenflucht und von Soldatenmord
beruhen vielleicht nicht Belten auf thyreotoxischer Psychopathie. Interne Behand¬
lung versagt in der Armee fast immer und erfordert auch viel Zeit. Chirurgische
Behandlung erscheint auf Grund ihrer Endresultate und wegen der für die rasche
Wiederherstellung des Soldaten bestehenden „dienstlichen Indikation“ als die
Methode der Zukunft. Der Thymusdrüse muß dabei besondere Beachtung ge¬
schenkt werden.
30) Über Hyperthyreoidlsmua vom Standpunkte der Krlegemedlsin, von
Kahane. (Wien. klin. Wochenschr. 1915. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
438
Während die schwersten Fälle des Hyperthyreoidismus, nämlich der Morbus
B&sedowii, die Eriegsdiensttanglichkeit ohne weiteres ausschließt, ist dies nicht
der Fall hinsichtlich der leichteren Grade, die aber gerade durch die Kriegs-
Schädlichkeiten in ungünstigem Sinne beeinflußt werden. Als objektives diagnosti¬
sches Merkmal, das gleichzeitig eine Beurteilung der Intensität gestatten soll,
empfiehlt Verf. auf Grund seiner Erfahrungen die sogen. Galvanopalpation, welche
als Kennzeichen des Hyperthyreoidismus Galvanohyperästhesie und hochgradige
Gefäßreaktion ergibt. Kathode stabil auf einer beliebigen Stelle; Anode, die
möglichst fein zugespitzte Elektrode haben muß, wird mehrmals nacheinander
rasch aufgesetzt und abgehoben. Bei dieser, vom Verf. sogen. Galvanopalpation
wird, wenn auf Hyperthyreoidismus untersucht werden soll, die Anode an die
Schilddrüse und in seitlicher Halsgegend angelegt. Es zeigt sich dabei, daß
schon bei minimalen Stromstärken die Applikation der punktförmigen Elektrode
stark schmerzhaft empfanden wird, und daß eine intensive Gefäßreaktion an der
Haut, auch über Applikationsstelle hinaus sich verbreiternd, auftritt.
Therapeutisch käme in Betracht: Körperliche und geistige Buhe, laktovege¬
tabilische Diät, Galvanisation der Thyreoidea und der zu ihr in Beziehung
stehenden Nervenstämme auf Grund des galvanopalpatorischen Befundes, und Dar¬
reichung von phosphorsauren Salzen.
Die Untersuchungen des Verf.'s hinsichtlich der „Galvanopalpation“ sind
gewiß einer Nachprüfung wert.
Psychiatrie.
31) Psychiatrie und Neurologie, von K. Bonhoeffer. (Monatsschr. f. Psych.
u. Neurol. XXXVII. 1916. H. 2.) Bef.: Kurt Mendel.
Verf. knüpft an den Aufsatz Erbs in diesem Gentr. 1914. S. 1170 an. Erb
ist für eine völlige Selbständigkeit der Neurologie, insbesondere für die Los¬
trennung der Neurologie von der Psychiatrie (wie auch Näcke). Demgegenüber
führt Verf. folgendes aus: es ist erforderlich oder wenigstens sehr wünschenswert,
daß die neurologischen Spezialisten gleichzeitig eine ausreichende klinisch¬
psychiatrische Schulung haben, so daß sie auch der Beurteilung und Behandlung
psychischer Fälle gewachsen sind; um so mehr, als sich der Lehrstoff der Neuro¬
logie mit dem der Psychiatrie in einem weiten Bereich deckt. Denn in dem
Material des Neurologen sind die organischen Fälle in der Minderzahl, funktionell
neurotische Zustände, Psychopathien und leichtere Defektzustände bilden das Haupt¬
material; diese gehören aber eigentlich dem Bereiche der Psychiatrie zu: die
psychiatrische Klinik hat die Aufgabe, die psychologischen und psychopathologischen
Vorgänge bei diesen Zuständen dem Studenten klar zu machen und sie dem Ver¬
ständnis näher zu führen. Und ebenso wie für den Neurologen es nützlich und
notwendig ist, daß er psychopathologisch die nötige Schulung hat, ebenso ist für
den Psychiater die Kenntnis der Pathologie des Zentralnervensystems unentbehrlich.
So hat die psychiatrische und Nervenklinik gemeinsam zu wirken, und in der
Vereinigung von Psychiatrie und Neurologie in der Klinik sind für die Fort¬
entwicklung der neurologischen und der psychiatrischen Wissenschaft keinerlei
Nachteile, sondern nur Vorzüge zu erblicken.
82) Beitrag zur vergleichenden Basaenpsyohiatrie, von H. Budul. (Monats¬
schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1916. H. 3.) Bef.: Kurt Mendel.
Das Krankenmaterial entstammt der Dorpater Psychiatrischen Universitäts¬
klinik für den Zeitraum 1896 bis 1913. Es zeigte sich folgendes:
Am meisten Erkrankungsfälle an Melancholie geben die Esten (ugro-finnisches
Volk); die Melancholiker estnischer Nationalität liefern auch den größten Prozent¬
satz der Selbstmordversuche. Der größte Prozentsatz der Erkrankungsfälle an
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
439
Imbezillität und Idiotie ist bei den Esten und Juden zu verzeichnen. Die Esten
sind am meisten zu einer Erkrankung an traumatischer Neurose disponiert, sie
haben auch ausgesprochene Neigung zu protrahierten Affektschwankungen. Die
Juden stehen in dieser Beziehung den Elsten ziemlich nahe. Bei Letten (Indo-
germanen) sind die Wahnvorstellungen mit Überschätzung, bei Esten mit Unter¬
schätzung der Persönlichkeit verknöpft; die Letten sind mehr aktiv, die Esten
mehr passiv; die religiösen Wahnvorstellungen spielen bei den Esten eine viel
größere Rolle als bei den Letten. Im großen ganzen leiden die Esten öfters an
funktionellen, die Letten öfters an organischen Geistes- und Nervenkrankheiten.
Die meisten Erkrankungsfälle von Alkoholismus geben die Russen. Syphilitische
Erkrankungen des Nervensystems sind unter den Esten, Letten und Juden weniger
verbreitet als unter den Russen. Tabes kommt besonders häufig bei Russen vor.
Die Zahl der Erkrankungen an Paralyse und Tabes ist in den letzten Jahren
ziemlich stark zurückgegangen, was wohl einer energischeren und sorgfältigeren
Behandlung der Syphilis zu verdanken ist. Der Verlauf der Paralyse ist in den
letzten Jahren weniger stürmisch als vor 10 bis 18 Jahren. Unter den Esten
und Letten kommt die Erkrankung an Dementia praecox quantitativ ziemlich
gleich vor. Einen außerordentlich hoben Prozentsatz der Erkrankungsfälle von
Jugendirresein geben die Juden; bei Russen und Deutschen ist er verhältnismäßig
gering. Die Juden und Deutschen geben nioht nur einen höheren Prozentsatz
der Erkrankungsfälle an manisch-depressivem Irresein, sondern werden schon in
früheren Lebensjahren krank als die Esten, Letten und Russen. Weiter kommt
bei den Juden häufiger als bei den anderen Hysterie vor (13°/ 0 statt 4,7). Auch
das klinische Bild und der Verlauf der Hysterie ist bei den Juden ausgeprägter
als bei den anderen Nationalitäten. Fast ebenso häufig wie Hysterie kommt bei
Juden die Nervosität vor. Auch die Esten haben ziemlich große Neigung zur
Nervosität. Sehr selten erkranken Juden an Epilepsie (l°/ 0 statt 4,7).
33) Über Büoksohlagsersoheinangen auf psychischem Gebiete, von Hat-
schek. (Jabrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. S. 229.) Ref.: Pilcz.
Verf., dessen anregender Vortrag „zur vergleichenden Psychologie des Angst¬
affektes“ wohl jedem Teilnehmer des deutschen Nervenärztetages zu Berlin 1910
noch in angenehmer Erinnerung steht, gelangt in vorliegender Studie zu folgenden
Schlüssen:
1 . Die Ausdrucksbewegungen einer Reihe elementarer Affekte äußern sich
bei vielen höheren Säugern in bedeutend größerer Intensität als beim Menschen.
Wir müssen bei diesen Tieren das Vorhandensein elementarer Gefühle voraus-
setzen. Wiewohl wir für das verwickelte Gefühlsleben des Menschen die volle
Gültigkeit der James-Langeschen Theorie ablehnen müssen, bo haben wir doch
Grund zu der Annahme, daß die ursprüngliche Entstehung der einfachen Gefühle
durch Perzeption der Ausdruckßbewegungen erfolgt und hier also die Jam es- Lange -
sehe Ansicht zu Recht besteht. Die emotionellen Reflexe sind nützliche, durch
Selektion entstandene und verstärkte Instinkthandlungen, die phylogenetisch der
Entstehung der Gefühle vorausgehen. Die weitere phylogenetische Entwicklung
führt beim Menschen durch Wachstum des kortikalen Organs vielfach zur Hem¬
mung und Eindämmung dieser emotionellen Reflexe und damit der elementaren
Affekte.
2. Auch mit der wachsenden Entrichtung der kortikalen Repräsentation der
Sinne erfolgt eine Abstreifung des ursprünglichen Gefühlstons derselben. Die
Gesichts- und Gehörsempfindungen der Säuger dürften des Gefühlstons ebensowenig
entbehren, wie etwa die Geruchsempfindungen des Menschen. Dagegen dürfte
umgekehrt bei vielen Säugern, z. B. beim Hunde, die starke Entwicklung der
Riechsphäre zu einer Externalisierung des Geruchs geführt haben, wodurch in
diesem Falle gerade in dieser Sinnessphäre unter Verminderung der Gefühls-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
440
betonung die Erwerbung von Vorstellungen, Urteilen, individuellem Gedächtnis
gewährleistet wurde.
3. Schon physiologisch, besonders bei rasch eintretenden Reizen, so daß das
Großhirn keine hemmende Wirkung auf den Subkortex entfalten kann, treten
Reminiszenzen aus phylogenetisch älteren Stadien ein; ein sehr charakteristisches
Beispiel dafür bietet das Zusammenfahren beim Erschrecken, das sich bei genauer
Analyse als deutliches Rudiment des Kletterursprungs des Affen darstellt.
4. In pathologischen Zuständen kann durch Beeinträchtigung der Großhirn¬
wirkung das Wiederaufleben phylogenetisch älterer Funktionen zur starken und
impulsiven Äußerung von emotionellen Reflexen und der ihnen korrespondierenden
elementaren Gefühle fuhren. Die Entstehung vieler Angstzustände und Phobien
einerseits, motorisoher Erregungszustände und triebartiger Handlungen andererseits
dürfte einer derartigen Erklärung zugänglich sein. Zwischen die beiden Haupt¬
gruppen der Flucht- und Angriffsreflexe, auf die die genannten pathologischen
Erscheinungen zurückzufuhren wären, schieben sich bei den Tieren noch Schutz¬
reflexe ein, die als Ausdrucksbewegungen bzw. Ausdruckshaltungen der Spannung
anzusehen wären. Vielleicht ist hierin die erste Quelle des Beachtungsgefühls und
seiner pathologischen Steigerung zu suchen. Die mit Empfindungen höherer
Sinne verknüpften Unlustgefühle mancher Nervenkranker wurzeln zum Teil gleich¬
falls in phylogenetischen Reminiszenzen.
6 . Bei der Stärke der Sexualinstinkte und ihrer schon präkortikal mächtigen
Entwicklung erscheint es naheliegend, daß auch die sexuellen Perversionen viel¬
fach auf phylogenetisch älteren Funktionen beruhen, die sich beim krankhaften
Wegfall der kortikalen Hemmung vordrängen.
6 . Neben Erkrankungen können auch andere Momente, wie Inzucht oder un¬
passende Kreuzung, das Auftreten phylogenetisch älterer Mechanismen fördern.
• 34) Über krankhafte Ideen, von Erwin Stransky. (Wiesbaden, J. F. Berg¬
mann, 1914. 53 S.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. beleuchtet in dieser lesenswerten, temperamentvoll geschriebenen Schrift
(den Deutschen gegenüber, denen er wiederholt eine Unterdrückung ihrer Affekte
durch die drillartige, pedantische Erziehung vorwirft, verschwendet Verf. sogar
etwas zu viel Temperament, man hätte ihn sich an diesen Stellen [S. 9, 33 u. a.]
gern „deutscher“ gewünscht) die Bedeutung krankhafter Ideenbildung für die
Psychopathologie und ihren innigen Zusammenhang mit vielen Erscheinungen auch
des nicht krankhaften Lebens. „Die Krankhaftigkeit einer Idee liegt niemals in
ihr selbst und allein begründet, sondern kann stets nur erschlossen werden aus
den Bedingungen, unter denen die Idee zustande kam, und vor allen Dingen aus
der Persönlichkeit, von der sie konzipiert worden ist.“ Verf. beschäftigt sich zu¬
nächst mit den verschiedenen Entstehungsbedingungen der krankhaften Ideen und
führt hierfür an: Affektstörungen (vor allem depressive Stimmnngen und Affekte
[Melancholie], doch auch expansive Verstimmungszustände wie bei der Manie),
ferner die Suggestion, eine der am reichlichsten fließenden Quellen der Ideen¬
bildung (ihre Wirkung vollzieht sich so gut wie stets auf dem Wege über die
Affektivität und nicht auf intellektuellem Wege), des weiteren nennt Verf. die
krankhaften Persönlichkeitsspaltungen und Verschiebungen der Persönlichkeit (wie
bei Hysterie, Epilepsie, Alkoholismus) als Ursache der Bildung krankhafter Ideen,
dann die Störungen im Assoziationsablaufe: Hemmung sowohl wie Erleichterung
desselben, die beide naturgemäß die Ideenbildung beeinflussen, schließlich die Ge¬
dächtnisstörungen und Sinnestäuschungen. Von den verschiedenen Arten krank¬
hafter Ideen bespricht Verf. insbesondere die Erklärungsideen, die Zwangs¬
vorstellungen, die überwertigen Ideen und die Wahnideen. Letztere definiert er
als „ein unter abnormen inneren Bedingungen zustandegekommenes und während
des Bestehens eben dieser es unmittelbar verursachenden Bedingungen nicht
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
441
korrigierbares Fehlurteil“. Die praktisch aufgebauten Wahnideen finden sich bei
Paranoia, Schizophrenie, Degenerierten, Alkoholismus, angeborener Geistesschwäche,
Paralyse, senilen Zuständen,
35) Zar Frage der Konseptionsbeförderung und der Bhesobließang bei
Nerven- und Geisteskrankheiten, von E. Meyer. (Deutsche med. Wochen¬
schrift, 1915. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel.
In einem konkreten Falle sollte sich Verf. entscheiden, ob es angezeigt ist,
bei einer kinderlosen Frau mit Epilepsie einen Eingriff vorzunehmen, der eine
Konzeption befördert. Verf. sprach Bich dagegen aus, weil es nicht auszuschließen
ist, daß die Generationstätigkeit ungünstig auf das schon vorhandene Nervenleiden
einwirkt, daß ferner die Gefahr besteht, daß die Kinder der epileptischen Mutter
Opfer der hereditären Belastung, mit Nervenleiden früher oder später behaftet
werden. Überhaupt ist die Ehe den Epileptischen ihrer selbst wie der etwaigen
Nachkommenschaft wegen auf das strengste zu widerraten, desgleichen wenn
Zeichen schwankenden seelischen Gleichgewichts, ungleichmäßiger Veranlagung,
überhaupt psychopathischer Konstitution deutlich vorhanden sind. Aus dem starken
Hervortreten des Gefühls der Kinderlosigkeit bei Nervösen darf man in thera¬
peutischer Hinsicht an deren Beseitigung keine zu weitgehenden Hoffnungen knüpfen.
Bei Basedowscher Krankheit ist die Heirat wie die Beförderung der Kon¬
zeption gleich kontraindiziert, auch bei den Formes frustes der Krankheit (nach
Ref.’s Ansicht geht Verf. hierin entschieden zu weit).
36) Fhysikalisohe Anschauungsweisen in neurologisch-psychiatrischer
Literatur, ein Kapitel sur Leibseelenfrage, von Dr. Bunnemann. (Monats¬
schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 2.) Bef.: Bratz (Dalldorf).
Die philosophischen und erkenntnistheoretischen Ausführungen des Verf.’s
sowie seine Darlegungen über den Mechanismus der Nervenzellen und Nervenfasern
eignen sich nicht für die Darstellung durch einen kurzen Bericht. Es sei an
dieser Stelle nur nachdrücklich auf die ernst zu nehmenden Anschauungen des
Verf.’s hingewiesen.
37) Körperliche Zeichen bei Geisteskrankheiten, von H. Haymann. (Zeit¬
schrift f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 2.) Bef.: W. Misch.
Aus dem ungeordneten Material der die Geisteskrankheiten begleitenden
Symptome gewinnt Verf. die Anschauung, daß jeder Veränderung auf psychischem
Gebiete irgend eine Störung oder eine Beihe von Störungen im Ablaufe der
körperlichen Vorgänge entspricht. Wie es bei der progressiven Paralyse am evi¬
dentesten hervortritt, so muß es sich auch bei den anderen Psychosen um All¬
gemeinerkrankungen handeln, bei denen eben das Gebirn, als ein sehr empfindliches
Organ, am meisten ergriffen erscheint. Die Psychose ist die dem Gehirn adäquate
Reaktion auf eine allgemeine Schädigung. Auf diese Anschauungsweise weisen
besonders die Ergebnisse der Abderhalden-Untersuchungen hin, die den Funktions¬
störungen der endokrinen Drüsen eine Hauptrolle beim Zustandekommen psychi¬
scher Erkrankungen zuzuschreiben scheinen. Aber von Wert sind auch die vielen
Beobachtungen über Veränderungen des Muskeltonus, des Stoffwechsels, der Vaso¬
motoren, der Sprach-, Schreib- und Gehstörungen, der Anomalien der Sehnenreflexe
und der Pupillen usw. Hier handelt es sich vor allem darum, ein möglichst
großes Material zusammenzutragen, dessen spätere Sichtung schöne Ergebnisse über
die Ursaohen der Psychosen zeitigen kann.
• 38) Le sommeil automatique, par G. Poyer. (Paris, Alfred Ledere, 1914.
92 S.) Bef.: Ph. Jolly (Halle a/S.).
Besonders bei chronischen halluzinatorischen Psychosen hört man die Kranken
häufig darüber klagen, daß man sie einschläfere, daß ihr Schlaf ein künstlicher
sei. Mit diesen interessanten Zuständen beschäftigt sich vorliegende Studie. Die
Kranken geben in der Regel eingehende Beschreibungen von ihren Sensationen,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
442
Der künstliche Schlaf tritt entweder intermittierend auf oder alle Abende.
Während der natürliche Schlaf unter dem Einfluß des Willens steht und man
ihm widerstehen kann, tritt der künstliche Schlaf unabhängig vom Willen ein,
häufig gegen den Willen des Kranken; er ist meist unwiderstehlich und wird auf
eine fremde Macht zurückgeführt. Nicht so konstante Kennzeichen des künst¬
lichen Schlafs sind seine Tiefe, die Plötzlichkeit seines Eintretens, das Auftreten
verschiedener psy chosensorisch er Störungen im Augenblick des Einschlafens und
beim Erwachen. Während der normale Schlaf den Charakter eines willkürlichen
Vorgangs hat, findet man hier die Kennzeichen eines automatischen Vorgangs.
Verf. schlägt deshalb die Bezeichnung automatischer Schlaf vor.
III. Bücherbesprechung.
• 1) Die Traumdeutung, von Sigm. Freud. Vierte, vermehrte Auflage mit
Beiträgen von Otto Rank. (Berlin-Wien, Franz Deuticke, 1914. 498 S.)
Ref.: M. Rothmann.
Die Neigung, abseits von den strengen Forderungen von Wissenschaft und
Kunst sich geistvollen, aber unfruchtbaren und gefährlichen Versuchen hinzugeben,
wie sie in langen Friedensjahren an vielen Stellen aufgetaucht ist, tritt vielleicht
nirgends offenkundiger hervor als in den „psychoanalytischen“ Forschungen Freuds
und seiner Schule. Freuds Traumdeutung, die hier in der 4. Auflage vorli^t,
zeigt diese Züge besonders deutlich. Viele Abschnitte des Buches, so die Lite¬
ratur der Traumprobleme, die Rank sehen Beiträge über Traum und Dichtung
sowie Traum und Mythus sind zweifellos vielfach interessant. Aber die An¬
schauungen über die Herstellung der Traumgedanken und die Umwandlung der¬
selben zum Trauminhalt, vor allem die Vorstellung von der Verschiebung der
psychischen Intensitäten, von der Verdichtung der Bestandteile der Traum¬
gedanken usw. bis zu der allgemeinen Formel: „Der Traum ist die (verkleidete)
Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches“, gehen doch weit über
das sicher Nachweisbare hinaus. Vor allem aber ist das dauernde Bestreben,
sexuelle Vorstellungen in die Träume hineinzudeuten, in diesem Umfange zu ver¬
werfen und auch durchaus nicht unbedenklich, wenn man beachtet, daß es sich
hier zum Teil um Individuen handelt, die sich in „psychoanalytischer“ Behandlung
befinden. Dazu kommt, daß viele der Deutungen völlig auf der Höhe des Lucus
a non lucendo stehen. — So kann Ref. bei bestem Willen dieser Art der Traum¬
deutung (gen Italien = Genitalien) keinen Geschmack abgewinnen. Es ist dringend
zu wüuschen, daß die medizinische Wissenschaft die Kraft gewinnt, dem Über¬
wuchern solcher Schulmeinungen mit Erfolg entgegenzutreten und sie zu überwinden.
• 2) Nervenkrankheiten, von Geh. Sanitätsrat Dr. Hermann Krön in Verbindung
mit Zahnarzt Dr. Julius Misch. (Sonderabdruok aus dem Lehrbuch der
Grenzgeb. d. Med. u. Zahnheilk. Stuttgart, Ferdinand Enke, 1914.) Nicht im
Buchhandel. Ref.: E. Tobias (Berlin).
Nervenkrankheiten haben für den Zahnarzt von drei Gesichtspunkten aus
Interesse und Bedeutung: in erster Linie erzeugen Zahn- und Mundleiden Nerven¬
krankheiten — hierzu gehören besonders die Störungen im Gebiete des Nervus
trigeminus —, in der zweiten Gruppe von Fällen sind Zahn- und Mundleiden die
Folge von Nervenkrankheiten — so die Ernährungsstörungen bei Tabes dorsalis,
bei der Neurasthenie, bei Akromegalie usw. —, endlich müssen gewisse Nerven¬
krankheiten dein Zahnarzt bekannt sein, weil sie gelegentlich seine Wege kreuzen,
wenn sie auch mit den Zähnen weniger zu tun haben. Die Verff. haben sich mit
Erfolg bemüht, in weitestem Umfange und doch in knappem Rahmen allen Fragen
gerecht zu werden, und ein Werk geschaffen, welches, für den Zahnarzt unent¬
behrlich, auch für den ärztlichen — nicht spezialistischen — Praktiker so viel
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
443
Interesse hat, daß es fraglos wünschenswert wäre, wenn die Vcrff. es im Buch¬
handel erscheinen ließen. Jeder Praktiker wird auch den zahnärztlichen Be¬
schwerden seiner Klientel seine Aufmerksamkeit widmen und es gern begrüßen,
wenn er durch ein Werk wie das vorliegende sich kurz über den Zusammenhang
zwischen Nervenheilkunde und Zahnbeschwerden orientieren kann. Die Literatur
hat so weit als nötig Berücksichtigung gefunden. Zum besseren Verständnis sind
— zum Teil aus bekannten Werken — einige Abbildungen einzelnen Kapiteln
beigegeben.
• 3) Die Gesichtslähmung in der Zahnheilkunde, von Hermann Krön.
(Samml. von Vorträgen aus dem Gebiete der Zahnheilkunde. H. 12. Leipzig,
Dyksche Buchhandl., 1914.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. stellt aus der Literatur 22 Fälle von peripherer Gesichtslähmung nach
Zahnextraktion sowie 7 Fälle, bei denen kranke Zähne die Gesichtslähmung ver¬
ursachten, zusammen und fügt der ersteren Gruppe zwei eigene Fälle hinzu. Eine
Eigenart der Fazialislähmungen nach Zahnextraktionen oder in Verbindung mit
Zabnleiden, ist nicht zu eruieren. Verf. führt die verschiedenen Erklärungen an,
die für den Zusammenhang der Fazialislähmung mit der Zahnextraktion bzw. dem
Zahnleiden gegeben worden sind: 1. die Gesichtslähmung entsteht auf infektiös-
toxischer Grundlage: durch den operativen Eingriff wird den ohnehin bei jedem
Zahnschmerz vorhandenen Mikroorganismen ein größerer Spielraum zur Entwick¬
lung und Weiterverbreitung gegeben. In den meisten mitgeteilten Fällen ist auch
das Intervall zwischen Lähmung und Extraktion lang genug gewesen, um der
Ausbreitung und Ansiedlung von Bakterien oder der Einwirkung ihrer Stoff-
wecbselprodukte Zeit zu lassen. Mit der Annahme eines infektiös-toxischen
Ursprungs der Lähmung ist auch am ehesten ihr Auftreten auf der kontralateralen
Seite (das 4 mal verzeichnet ist) zu erklären. 2. Es können sich nach der Zahn¬
extraktion die rheumatischen Einflüsse leichter geltend machen, so daß es sich um
eine Erkältungslähmung handeln würde. 3. Es könnte sich um eine mechanische
Schädigung des N. facialis handeln; sein Stamm ist für einen Druck gegen den
Knochen günstig gelegen, das könnte der Finger bewirken. Oder aber es kann
eine mechanische Irritation des Nerven, vielleicht Quetschung hinter dem Kiefer¬
winkel beim weiten öffnen des Mundes oder eine Luxation des Unterkiefers oder
eine Zerrung des Nerven beim weiten Mundöffnen, statthaben. (Eine solche
mechanische Läsion des Nerven lehnt Verf. als Entstebungsgrund der Lähmung
ab; Ref. möchte demgegenüber diese Entstehungsursache, insbesondere eine Nerven-
läsion infolge Vorspringens des Proc. condyloideus des Unterkiefers gegen den
Nerven hin beim weiten öffnen des Mundes, für sehr wohl möglich halten.) Verf.
hält mit Frankl-Hoch wart als wahrscheinlichsten Entstehungsgrund eine In¬
fektion von der Mundhöhle aus, glaubt aber, daß immer noch eine individuelle
Disposition dazu gehört, um eine Fazialislähmung hervorzurufen.
IV. Ans den Gesellschaften.
Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten.
Sitzung vom 10. Mai 1915.
Bef.: K. Löwenstein (Berlin).
1. Herr Liepmann spricht warm empfundene Gedenkworte auf M. Bern¬
hardt. Er würdigt seine wissenschaftlichen Arbeiten und hebt deren Bedeutung
für die Entwicklung der Neurologie in den letzten Jahrzehnten hervor. Er ge¬
denkt dann besonders des bedeutungsvollen Wirkens Bernhardts für die Ber¬
liner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten und vergißt zuletzt vor
allem nioht, Bernhardts rein menschlicher Persönlichkeit gerecht zu werden.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
444
2. Herr M. Rothmann: Demonstration su den Zwangsbewegungen des
Kindesalters. Zuerst wird ein 7 jähriges Kind mit dem ausgeprägten Symptomen-
komplex der doppelseitigen Athetose demonstriert. Das Kind, das jüngste von
11 Geschwistern, von denen 7 gesund am Leben sind, war von Geburt an am
ganzen Körper völlig schlaff und haltlos, konnte jedoch saugen. Vom 2. Jahr an
traten zugleich mit Besserung des Muskeltonus starke Zwangsbewegungen auf, die
bis jetzt anhalten. Das Kind lernte niemals stehen, laufen und greifen. Kau¬
bewegungen und Sprache fehlten vollkommen. Auch gegenwärtig kann der Kopf
noch nicht fest gehalten werden; die Augenbewegungen und die Mimik des Ge¬
sichts (Lachen, Weinen) sind erhalten. Mit der Zunge, die nicht weit heraus¬
gestreckt werden kann, vermag das Kind Nahrung aufzulecken bei nur schwacher
Andeutung von Kaubewegungen. Kein abnormer Freß-, Gaumen- oder Lippen¬
reflex. Zwangsweise grimassierende Bewegungen des Gesichts treten häufig auf.
Sprache fehlt vollkommen; es finden sich nur minimale Andeutungen von Phonation.
An den Armen und Beinen besteht ausgeprägter Spasmus mobilis neben umfang¬
reichen athetoiden Zwangsbewegungen. An den Armen treten nur schwache An¬
deutungen von Willkürbewegungen ohne jeden greifbaren Effekt hervor, bei
deutlicher Verstärkung der Athetose. Beide Beine zeigen Pes equino-varus.
Aufgestellt macht das Kind schwache Gehbewegungen. Die Rückenmuskulatur
ist stark atonisch; aufgesetzt sinkt das Kind unter starker Kyphose der Wirbel¬
säule in Bich zusammen. An den Füßen Andeutung von Babinski. Wie weit¬
gehend die Intelligenz des Kindes erhalten ist, läßt sich nur aus Augen- und
Kopfbewegungen erschließen. Es besteht ein ausgeprägtes Wortverständnis. Bei
der Demonstration des Kindes weist Vortr. auf die anatomischen Befunde am
Corpus striatum, vor allem am Linsenkern hin, wie sie von Anton, Oppen¬
heim-Vogt und von Fischer bei der doppelseitigen Athetose nachgewiesen
worden sind. — Im Anschluß daran berichtet Vortr. über einen einschlägigen
Fall eines 12 jährigen Mädchens, das er in den Jahren 1899/1900 bis zum Tode
beobachten konnte. Hier handelte es sich um ein anfangs anscheinend normales
Kind, das nur langsam laufen und sprechen lernte. Erst vom 6. Lebensjahre an
entwickelten sich spastische Zustände an den Extremitäten mit choreatisch-atheto-
tischen Bewegungen; doch lernte das Kind noch lesen, schreiben und rechnen.
Erst vom 10. Lebensjahr an verschlimmerte sich der Zustand andauernd, die
Zwangsbewegungen, die auch auf Gesicht- und Schlundmuskulatur Übergriffen,
verstärkten sich derart, daß sie jede brauchbare Willkürbewegung sowohl in den
Extremitäten als auch in der Sprachmuskulatur fast unmöglich machten. Nur im
zusammengekauerten Zustande fand das Kind noch bisweilen Ruhe. Interessant
war das Aufhören der Zwangsbewegungen unter Wiederauftreten leidlicher Willkür¬
bewegungen und verständlicher Sprache bei leichtem Anchloroformieren. Exitus
in schwer besinnungslosem Zustande. Am Gehirn fiel makroskopisch bereits eine
eigentümlich dunkle Verfärbung und Schrumpfung des Globus pallidus des Linsen¬
kerns beiderseits auf (Photographie). Die Hirnrinde erwies sich als intakt. Vortr.
demonstriert mikroskopische Weigert-Präparate der großen Ganglien, auf denen
zahlreiche sklerotische Herde mit reichlicher Gefäßneubildung im Gebiet des
Globus pallidus bei intaktem Putamen und Nucleus caudatus sichtbar sind. —
Da wiederholt auch Mikrogyrie der Großhirnrinde als Ursache dieser Zwangs¬
bewegungen angesprochen worden ist, demonstriert Vortr. das Gehirn eines
9 jährigen Mädchens mit ausgedehnter Mikrogyrie der Großhirnwindungen, das
intra vitam (Krankenhaus am Urban) nur Unvermögen des Lesens und Schreibens
bei sonst intakten Bewegungen gezeigt hat. — Zum Schluß demonstriert Vortr.
die makroskopischen Frontalschnitte des Gehirns des 7 jährigen Knaben, den Herr
Seelert (d. Centralbl. 1914. S. 988) als progressiven Torsionsspasmus demon¬
striert hat. Vortr. hatte damals bereits auf Grund längerer Beobachtungen diese
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
445
Diagnose bezweifelt und den hysterischen Grundcharakter des Leidens betont.
Seit Herbst 1914 beobachtete er den Knaben wieder in seiner Poliklinik und
konnte zunächst im Gegensatz zu den Fällen von progressivem TorsionsBpasmns
eine wesentliche Besserung des Zustandes konstatieren. Der Knabe konnte wieder
laufen, wenn auch unter starken Rumpfverdrehungen; vor allem aber vermochte
er allein auf den Stuhl zu klettern und herunterzuspringen. Da unter dem Einfluß
der sehr ängstlichen Mutter jedoch keine Heilung zu erzielen war, so wurde er
in das Krankenhaus Gitschinerstraße aufgenommen. Hier bekam er gelegentlich
einer hydrotherapeutischen Einpackung einen derart heftigen Wutanfall, daß er
eine Atemlähmung bekam, an der er trotz langdauernder künstlicher Atmung zu¬
grunde ging. Die Sektion ergab außer einigen tuberkulösen Halsdrüsen und
einer abnorm großen Thymus keinen pathologischen Befund. Am Gehirn ist
makroskopisch weder an der Hirnrinde noch an den großen Ganglien eine patho¬
logische Veränderung erkennbar; die mikroskopische Untersuchung steht noch aus.
Jedenfalls dürfte dieser Fall nicht zu den Fällen von progressivem Torsions-
spasmus zu rechnen sein. Autoreferat.
3. Herr Roth mann: Ztun Katatonusversuoh (Kohnstamm) (s. Original¬
mitteilung 2 in dieser Nummer).
Diskussion: Herr Oppenheim hat das Kohnstammsehe Experiment an ver¬
schiedenen Versuchspersonen wiederholt und dabei gefunden, daß es doch individuell
sehr verschieden ausfällt. Er glaubt, die Erscheinung einfach darauf zurückführen
zu können, daß die tonische Innervation einer Muskelgruppe nach Fortfall des
Widerstandes nioht sofort unterbrochen, sondern noch eine Weile weiter aus-
gefÜhrt wird; es handle sioh also nur um eine Äußerung der Perseveration.
Auf einem verwandten Mechanismus beruhe der Hoesslinsche Versuch u. a.
Autoreferat
Herr Rothmann wendet sich gegen die Anschauung Oppenheims, daß
es sich bei dem Kohnstamm sehen Versuch um eine einfache Fortsetzung der
vorher gehemmten Willkürbewegungen handelt. Bereits die subjektive Empfin¬
dung des langsamen Aufwärtsschwebens des Armes spricht entschieden dagegen,
vor allem aber ist es auffällig, daß diese Nachbewegung gerade in den schwächer
angelegten Extensoren und Abduktoren des Armes stark hervortritt, in den viel
stärkeren Beugern und Adduktoren nur angedeutet beobachtet wird. R. weist
auf die von Stewart und Holmes in die Kleinhirnuntersuchung eingeführte
Widerstandsprüfung hin, bei der der Arm tatsächlich infolge der ungenügenden
Antagonisteninnervation der Kleinhirnkranken ohne Rückschlag die Widerstands¬
bewegung fortsetzt. Hiervon ist das Kohnstamm sehe Phänomen scharf zu trennen.
Autoreferat
Herr Schuster: Ich habe den von Kohnstamm beschriebenen Versuch gleich¬
falls an mir angestellt. Er gelang mir nur zum erstenmal. Ich hatte dabei die
Empfindung, daß die Erscheinung daduroh bedingt werde, daß man während und
unmittelbar nach dem Abwenden des Körpers von der Wand die tonische Inner¬
vation der Armstrecker noch fortsetze, bzw. daß man ohne genügende Übung
außerstande sei, die einige Zeit lang (vor dem Abwenden des Körpers) unter¬
haltene tonische Muskelinnervation plötzlich zu unterbrechen. Wir beobachten ja
auch unter anderen Umständen bei Gesunden manchmal, daß gewisse, eine Zeit¬
lang hintereinander aufrecht erhaltene kräftige tonische Innervierungen nicht ohne
weiteres sofort gelöst werden können. Autoreferat.
Herr Liepmann weist darauf hin, daß ein Analogon in der Pathologie die
von ihm als tonische Perseveration bezeichnete Erscheinung bei Apraktischen
(von Kleist Nachdauer der Kontraktion genannt) sei. Er fragt, warum das Phä¬
nomen nicht auch bei anderen Leistungen als bei der Extension zustande komme.
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
446
Herr Rothmann: Gerade der Nachweis, daß, abgesehen von der Nachbewe¬
gung des Armes und der übrigen Eörperabsohnitte, sich eine Richtungsablenkung
bei Anstellung des B&ränyschen Zeigeversuches konstant nachweisen läßt, trotzdem
hierbei neue Willkiirbewegungen zwischengeschaltet werden, spricht für den zen¬
tralen Ursprung des Phänomens. Allerdings ist es richtig, daß hierbei große
individuelle Verschiedenheiten Vorkommen. Erst die Untersuchung einer größeren
Reihe von zerebellaren Affektionen wird ein Urteil darüber gestatten, inwieweit
die Eieinhirndiagnostik durch das Eohnstammsohe Phänomen eine Bereicherung
erfährt. Jedenfalls scheint. R. dasselbe der eingehenden Beachtung der Neurologen
wert zu sein. Autoreferat.
Herr L. Borohardt fragt, ob auch nach anderen Richtungen, als nach außen,
beim Zeigeversuch abgewichen wird.
Herr Rothmann hat Abweichungen nach außen und oben festgestellt; doch
liegen hier noch keine ausreichenden Erfahrungen vor.
4. Herr Eramer stellt 6 Fälle von partieller Nervenläsion bei Schuß-
Verletzung vor. 1. Schußverletzung an der Schulter durch die Achselhöhle nach
der Brust durchgehend. Lähmung des gesamten Radialisgebiets, von dem nur
der lange Eopf des Trizeps erhalten ist. In den gelähmten Muskeln totale
Entartungsreaktion, Sensibilitätsstörung im Radialisgebiet am Handrücken. —
2. Schuß Verletzung am Oberarm dorsal handbreit über dem Ellenbogengelenk,
Ausschuß an der seitlichen Thoraxwand an der hinteren Axillarlinie. Lähmung des
gesamten Radialisgebiets ebenfalls unter Verschonung des langen Trizepskopfes mit
kompletter Entartungsreaktion in den gelähmten Muskeln, Sensibilitätsstörung im
lateralen Teile des Radialisgebiets am Handrücken und im Bereich des Cutaneus
antebrachii dorsalis. In beiden Fällen ist trotz des Erhaltenseins des langen
Trizepskopfes die Eraft der Ellenbogecstreckung sehr gering, was mit den dies¬
bezüglichen Angaben Duchennes übereinstimmt. Die Aussparung des Muskels
ist dadurch zu erklären, daß der Radialisast für den langen Trizepskopf oberhalb
der Äste für die anderen Teile des Trizeps abgeht; der Ort der Läsion des Ra-
dialis läßt sich daher sehr genau bestimmen, was für die operative Behandlung
des 2. Falles, bei welchem der lange Verlauf des Schußkanals sonst eine bestimmte
Lokalisation nicht zulassen würde, von Bedeutung ist. — 3. Schußverletzung am
Vorderarm mit Fraktur des Radius und der Ulna. Lähmung des Extensor pollicis
longus und brevis, des Abductor pollicis longus und des Extensor indicis proprius.
Der Extensor pollicis brevis ist elektrisch stark herabgesetzt zu bekommen, die
übrigen gelähmten Muskeln sind galvanisch und faradisch bei erträglichen Strömen
nicht erregbar; nirgends Entartungsreaktion nachweisbar. Die Verteilung der
Lähmung zeigt, daß es sich um eine isolierte Läsion des Endastes des Radialis
handelt, welcher nach Abgabe der Zweige für den Extensor carpi ulnaris und den
Extensor digitorum communis die 4 betroffenen Muskeln versorgt. Das Fehlen
der Entartungsreaktion zeigt, daß keine Durohtrennung des Nerven vorliegt. —
4. Schußverletzung am Unterarm mit Zertrümmerung eines etwa 3 cm langen
Stückes in der Mitte der Ulna, der Extensor pollicis longus fehlt funktionell und
elektrisch ganz. Der Ausfall ist wahrscheinlich nicht durch Nervenläsion, sondern
durch die Zertrümmerung des Teiles der Ulna, an welchem der Muskel entspringt,
zu erklären. — 5. Schuß Verletzung am Unterschenkel an der Grenze zwischen
mittlerem und unterem Drittel. Lähmung des Extensor digitorum brevis und des
Extensor hallucis longus und brevis. Der Extensor hallucis longus ist an seinem
Reizpunkt faradisch nicht zu bekommen und zeigt galvanisch träge Zuckung.
Vom Nerven aus dagegen ist er sowohl faradisch wie galvanisch mit schneller
Zuckung, jedoch stark herabgesetzt erregbar. Die anderen beiden gelähmten Mus¬
keln zeigen komplette Entartungsreaktion. Die Sensibilität ist gestört an der
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
447
Dorfcalseite des Fußes im Verbreitungsgebiete des Peroneus superficialis und pro¬
fundus. Auffallend ist y daß bei einer so distal gelegenen Verletzung des Nervus
peroneus auch der Extensor hallucis longus mitbetroffen ist. Es findet dies seine
Erklärung wahrscheinlich darin, daß der Nerv in seinem Verlauf am Unterschenkel
mehrere Zweige an den Muskel abgibt, von denen ein Teil oberhalb, ein Teil
unterhalb der Läsionsstelle abgeht, wodurch auch das Verhalten der elektrischen
Erregbarkeit erklärt werden würde. Die Sensibilitätsstörung zeigt, daß die Schu߬
verletzung neben dem Endast des Peroneus profundus auch noch den Hauptast
des Peroneus superficialis betroffen hat. — 6. Aneurysma arterio-venosum der
Subclavia nach Schußverletzung. Das Aneurysma wurde in der chirurgischen *
Klinik operativ entfernt; hierbei erwies es sich als notwendig, den vorderen Ast
der Medianusgabel, der durch das Aneurysma stark gedehnt war, zu durohschneiden
und erst nachher wieder zu vereinigen. Es findet Bich eine Lähmung des Flexor
digitorum sublimis, des Palmaris longus und des Abductor pollicis brevis mit kom¬
pletter Entartungsreaktion. Parese und partielle Entartungsreaktion besteht im
Flexor pollicis longus, während der Flexor carpi radialiß, der Pronator teres und
der Flexor pollicis brevis funktionell und elektrisch vollkommen erhalten sind.
Im Medianusgebiet an der Hand besteht eine leichte Sensibilitätsstörung. — Der
Votilitätsausfall war vor und nach der Operation nicht wesentlich verschieden, so
daß anzunehmen ist, daß die vordere Medianusgabel durch Dehnung schon so ge¬
schädigt war, daß es einer vollkommenen Außerfunktionssetzung gleiohkam. Der
Fall ist bemerkenswert für die Verteilung der Muskelinnervation auf die beiden
Ursprungsäste des Medianus. Autoreferat.
Diskussion: Herr Oppenheim glaubt in einem der demonstrierten Fälle
nicht eine Nervenläsion, sondern eine traumatische Muskellähmung erblicken zu
dürfen. Jedenfalls habe er eine Reihe von Fällen beobachten können, in denen
Schußverletzungen einen völligen Ausfall der MuBkelfunktion verursachten bei
fehlender Entartungsreaktion und stark herabgesetzter oder erloschener elektrischer
Erregbarkeit für beide Ströme. Abgesehen von der Muskel- und Sehnenzerreißung
könne sich an den Insult ein myositischer Prozeß anscbließen, der sich über den
ganzen Muskel verbreite. Auf diese traumatischen Muskelaffektionen sei bisher
nicht genügend geachtet worden. In dem Falle, in welchem bei distaler Peroneus-
verletzung der Extensor hallucis longus beteiligt war, müsse auch mit dem Moment
der Zerrung gerechnet werden. Im Hinblick auf die Frage der Medianus¬
verletzung möchte 0. auf zwei Tatsachen hinweisen: 1. die Schwierigkeit der
direkten elektrischen Reizung des Flexor digit. profundus, wenigstens des Medianus-
anteils und ganz besonders des Zeigefingerbeugers; 2. auf die Tatsache, daß die
ulnare Innervation des Daumenballens, speziell der die Opposition ver¬
mittelnden Muskeln doch eine weit größere Rolle spiele, als bisher bekannt sei. Im
Anschluß an entsprechende Beobachtungen von Oppenheim und Bernhardt habe
letzterer schon erkannt, daß ein Kommunikationsast zwischen Ulnaris und Medianus
den Daumenmuskeln Impulse vom Ulnaris zuführen könne. 0. hatte nun Gelegen¬
heit, an zwei mit M. Borchardt beobachteten Fällen festzustellen, daß bei völliger
Zerreißung des Medianus am Unterarm (mit beträchtlicher Diastase) die Funktion
der Daumenballenmuskeln fast unversehrt sein könne. Es gelang ihm dabei nach¬
zuweisen, daß die elektrische Reizung des N. medianus ohne Effekt auf die ent¬
sprechenden Daumenmuskeln blieb, während vom N. ulnaris aus eine kräftige
Opposition erzielt werden konnte (noch kräftiger freilich bei direkter faradischer
Reizung des Daumenballens). Sicherlich war dabei nicht etwa nur der Adduktor
und tiefe Kopf des Flexor im Spiele, sondern die in der Regel vom Medianns
versorgten Muskeln, ohne daß 0. auseinanderhalten konnte, welchen Anteil daran
der Abductor pollic. brevis und welchen der Opponens hatte. 0. hat dann auch
bei einzelnen gesunden Individuen bzw. an der gesunden Seite derselben Personen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
448
einen auffallend starken Einfluß der Clnarisreizung auf die Daumenmuskeln kon¬
statieren können. Die Frage bedarf der weiteren Untersuchung. Autoreferat.
Herr Toby Cohn antwortet auf die letzte Bemerkung, daß der Flexor digit
prof. regelmäßig an einer — auch in seinem Buche angegebenen — Stelle distal
vom Oleoranon, ganz nahe der Streckseite, reizbar ist, der Zeigefingerast allerdings
oft schwer. Der Ext. hall. long. ist auch in der Norm oft schwer reizbar.
Autoreferat.
Herr Kramer erwidert, daß in dem betreffenden .Falle der Ext. hall. long.
auf der gesunden Seite gut zu reizen war. Bezüglich des Einflusses der Ulnaris-
reizung auf die Daumenmuskeln bemerkt er, daß der Adductor poll. auch eine
Oppositionswirkung hat und so eine Opponenswirkung vorgetäuscht werden kann.
Herr Liepmann hat auch einen Fall gesehen, bei dem alles auf totale
Durchtrennung des Medianus hinwies und doch der Opponens funktionell und
elektrisch intakt war. Die Annahme aber einer ulnaren Innervation des Opponens
ließ sich in diesem Falle nicht elektrisch stützen. Denn der Opponens war nicht
vom Ulnaris aus zu reizen.
Herr Oppenheim: In meinen Fällen gelang das.
Herr Kramer glaubt, daß die besondere Auswahl der vier Muskeln am
Vorderarm in seinem Fall 3 mehr für eine nervöse Läsion, bzw. für das Mit¬
vorhandensein einer solchen spricht. In Fall 5 spricht die Besonderheit der
elektrischen Störung gegen eine Zerrung und für K.’s Erklärung. Bezüglich der
Reizung des Flexor dig. prof. stimmt K. Toby Cohn bei, doch ist gewöhnlich nur
der Teil für den 4. und 5. Finger leicht, der für den 2. und 3. schwerer zu
reizen.
5. Herr L. Borchardt demonstriert zwei Fälle von Ulnarislähmung. Bei
dem ersten Fall fand die Verletzung am Unterarm statt und betraf auch noch
den Hautftst des Radialis. Bei der nach längerer Zeit vorgenommenen Operation
wurde kein wesentlicher Befund erhoben. Trotzdem trat nach der Operation eine
Besserung der Lähmung ein, und auch die sehr starken Schmerzen wurden nach
der Operation wesentlich geringer. Bei dem zweiten Fall war das Verschonteein
des Abductor digiti V auffallend. Die Sensibilitätsstörung war auch nur eine
partielle. Der Sitz der Läsion war ein so peripherer, daß der Ast für den Ab¬
ductor digiti V bereits abgegangen war.
Diskussion: Herr Oppenheim lenkt die Aufmerksamkeit auf die bisher kaum
beachteten Fälle von Verletzung der distalsten Äste des N. ulnaris im Zwischen-
knochenraum zwischen den einzelnen Fingern. Er hat sie auch nur in diesem
Kriege und zwar in größerer Anzahl (und merkwürdigerweise alle aus einem
Spandauer Lazarett) gesehen. Es handelt sich da naturgemäß nur um Lähmung
eines Interosseus-Lumbricalis mit oder ohne Anästhesie an den einander zugewandten
Rändern zweier Finger. Nicht zu überwinden war aber oft die Schwierigkeit zu
entscheiden, ob eine Nervenverletzung oder eine Muskel- bzw. Sehnenzerreißung
vorlag. Autoreferat.
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an
Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu Benden. Es wird besonders
um Einsendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden
wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Vsit & Comp, in Leipzig. — Druck von Mbtzobb & Wrmo in Leipzig.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Profi EL MendeL
Heraasgegeben
TOD
Dr. Kart Mendel.
Vierunddreißigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 1. Juli. Nr. 13.
Inhalt I. Originalmitteilungen. 1 . Das „Zerrungssymptom“ bei Erkrankungen der
Cauda equina, von Hermann Schlesinger. 2. Ober die Rolle des Nervensystems in der
Genese der Stoffwechsel- und Konstitutionskrankheiten, von Adolf Oswald. 3. Kasuistische
Mitteilungen zur Kriegsneurologie. III. Über eine ungewöhnliche zerebrale Erkrankung
nach Schrapnellverletzung, von I. P. Karplus.
II. Referate. Anatomie. 1. Abnorme Bündel des Fornix und der Pyramidenbahn
beim Meerschweinchen, von Wallenberg. 2. Beiträge zur Anatomie und Physiologie des
gliösen Gewebes im Sehnerven, von Behr. — Physiologie. 3. Über den Ausfall der
Ninhydrinreaktion bei Extrakten verschiedener Teile des Kaninchen gehirns, von Bausch.
4. Einfluß von Ernährung und Erkrankungen auf das Wachstum des Gehirns im 1. Lebens¬
jahre, von Sawidowltsch. 5. Schädelimpressionen bei Neugeborenen und ihr Einfluß auf die
spätere Entwicklung, von Glaser. 6. Zum Einflüsse der Schädelimpression auf den Neu¬
geborenen und seine körperliche und geistige Entwicklung, von Gfrörer. 7. Der fehlende
Ausgleich der Scliädelmaße bei anatomisch bedingten Funktionsstörungen des Gehirns, von
Wolfer. 8. Sulla funzione dei lobi frontali, per Rebizzi. 9. Über die Grenzen der Extremi¬
tätenregion der Großhirnrinde, von Rothmann. 10. Über die Ausfallserscheinungen nach
Affektionen des Zentralnervensysteme und ihre Rückbildung, von Rothmann. 11. Die Genital-
zentren bei Gehirnerschütterung, von Ceni. 12. Die Neurologie des Fusionsvermögens, von
Burkholdes. 13. Labyrinthaire invloed op de Oogbewegingen: Let mechanisme der gecon-
jugeerde deviatie, vor Muskens. 14. Die Aufbrauchtbeorie und das Gesetz der Lähmungs¬
typen, von Auerbach. — Pathologische Anatomie. 15. Beiträge zur Klinik und patho¬
logischen Anatomie der Alzheimerschen Krankheit, von Frey. 16. Extensive nigmentation
of the brain associated with nevi pigmentosi of the skin, by Maclachlan. 17. Uber Agyrie
und Heterotopie am Großhirn, von Ehrhardt. 18. Über die Selbsttrepanation der Natur
beim Turmschädel, von Strebet. 19. Zur sekundären Degeneration der Pyramiden bahnen
bei Porenzephalie, von S. u. J. Stuchlfk. 20. Über Kopfhautfalten und Haarlinien, von Ganter.
— Gehirn. 21. Zur fokalen Lokalisation der Sensibilität in der Großhirnrinde des Menschen,
von van Valkenburg. 22. Klinische Beiträge zur Lehre von der Lokalisation der sensiblen
Rindenzentren, von Slttlg. 23. Beiträge zur Frage der kortikalen Sensibilitätsstörungen,
von Marburg. 24. Zur Lokalisation des Tastsinns, von Boenheim. 25. Zur Symptomatologie
der zerebralen Lähmungen, von Bergmark. 26. Sintomatologia del lobo parietale e ptosi
corticale, per Giannuli. 27. Ein Fall von Gehirnerweichung, von Russkich. 28. La lokali-
sation segmentaire de l'ataxie corticale, par Rose. 29. The association of various hyper-
kioetic Symptoms with partial lesions of tue optic thalamus, by Southard. 30. Beitrag zur
Kasuistik der Hemianopsie, von Netouiek. 31. Ein Fall von zyklischer Okulomotoriuslähmung,
von Groethuysen. 32. Zur Lokalisation in den Sehbahnen, mit einem Beitrage zur Lehre
von den Störungen der Orientierung im Raume, von Pick. 33. Progressive lenticular dege-
neration, by Cadwalader. 34. Disartria e nucleo lenticolare, di Garblni. 35. Über die Leber¬
veränderungen bei Pseudosklerose (Westphal-Strümpell) und progressiver Linsen kern dege-
neration (Wilson sehe Krankheit), von Kubitz und Staemmler. 36. La cirrhose hepatique
avec alterations dans les centres nerveux evoluaut chez des sujets d[äge moyen, par
van Woerkom. 37. Ein Fall von organischer Verblödung mit eigenartigen Spannungs¬
zuständen der Muskulatur, von Rosental. 38. Ein Fall von akuter hämorrhagischer Enze¬
phalitis im Pons mit großen Blutungen, von Berg. 39. Beitrag zur Kenntnis der Sympto-
XXXiv. 29
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
450
matologie der Balkenerweichung, von Rotsi. 40. Über einen Fall Yon erworbener Balken¬
erweichung, von Schneider. 41. Die Windungen und Furchen des völlig balkenlosen Ge¬
hirns, von Schnabel. 42. Posthemiplegische Pseudomyotonie, von Quensel. 48. Über die
Beteiligung der dynamischen Eigenschaften der Nervenapparate am Verlaufe der motori¬
schen Erscheinungen nach hemiplegischen Lähmungen, von Szpanbock. 44. Syndrome
mdninge au cours d’une hemorragie ceröbrale, par Livy et Gönnet. 45. Les röactions menin-
gees au cours de Thömorragie cerebrale latente, par Oppenheim et Cliret. 46. Le liquide
cephalo-rachidien dans les hömorrhagies cräniennes, par Babes. 47. Tod durch spontane
Gehirnblutung bei hämorrhagischer Diathese, von Hufschmidt. 48. Beitrag zur Diagnose
der Hirnblutung, von Mendl. 49. Über einige ungewöhnliche Erscheinungen bei Hemiplegie,
von Pariski. 50. Reflexe bei einigen hemiplegischen Kranken durch Beizung der Hornhaut
und bei Kompression des Augapfels, von Dagnini. 51. Hemiplegie bei Abdominaltyphus
mit Ausgang in Genesung, von Wulf. 52. Die orthopädische Behandlung der alten Hemi-
plegiker, von Mayer. 53. Paradoxe Hirnembolie als Unfallsfolge, von Infeld. 54. Zerebrale
Luftembolie, von Wovor. 55. 11 riso ed il pianto spasmodico nelle lesioni cerebrali d’origine
vascolare, di Angola. 56. Eine neue Idee zur Beseitigung der Hyperämie des Gehirns und
der inneren Organe, von Blum. 57. Großhirn Veränderung bei perniziöser Anämie, von
Schröder. 58. Ein Fall von akuter zerebraler Ataxie bei Infektionskrankheit, von Mayer.
59. Über heilbare schwere Neuritis optica, verbunden mit zerebellarer Ataxie beim Keuch¬
husten (Keuchhustenenzephalitis), von Strümpell. 60. Über eine durch die Schwangerschaft
bedingte schwere Hirnerkrankung, von Dreyfus und Traugott. 61. Die Differentialdiagnose
der tuberkulösen organischen Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark, von Nonne.
62. Stauungspapille bei zerebralen Gefäßerkrankungen, von Kutzinskl. — Hirngeschwülste.
63. Beiträge zur Stauungspapille und ihre Bedeutung für die Hirnchirurgie nach dem Material
der Breslauer Universitätsaugenklinik und der Privatklientel, von Uhthoff. 64. Über die
Resultate von druckentlastenden Operationen am Schädel bei Stauungspapille, von GDntz.
65. Augensymptome bei Gehirntumoren, von Hebenstreit. 66. Sarkom der linken motorischen
Region, von Castex u. Bolo. 67. Zur Chirurgie der Hirntumoren im Bereiche des Parietal¬
lappens, von Jordan. 68. Heilung eines bemerkenswerten Großhirntumors, von Alexander u.
Unger. 69. Die chirurgische Behandlung des erhöhten Hirndruckes, von Schüller. 70. Über
den Anton-v. Bramannsehen Balkenstich, von Ringel. — Kriegsbeobachtungen. 71. Neuro¬
logische und psychiatrische Mitteilungen aus dem Kriege, von Löwy. 72. Der Einfluß des
Krieges, insbesondere des Kriegsausbruches, auf schon bestehende Psychosen, von Meyer.
73. Contributo allo studio delle turbe neuro-psichiche dovute ad emozioni dar ante la guerra
italo-turca, per Gorrieri. 74. Funktioneile Neurosen bei Kriegsteilnehmern, von Röper.
75. Primäre Wundnaht bei Schußverletzungen, speziell des Gehirns, von Birdny. 76. Zwei
Fälle von Schußverletzung der zentralen Sehbahnen, von Dimmer. 77. Ein Fall von spontaner
Nagelabstoßung nach Schuß Verletzung des Plexus brachialis, von Schlesinger. 78. Zur Frage
der operativen Behandlung der Schußverletzungen peripherer Nerven, von Redlich. 79. Über
Schußverletzungen peripherischer Nerven, von Reichmann. 80. Über Schußverletzungen der
Armnerven, von Fröhlich. 81. Eine Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe des Gebisses bei
Verlust bzw. Lähmung der Arme, von Grünberg.
III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 26. Januar
und 23. Februar 1915. (Fortsetzung.)
IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Januar bis 31. März 1915.
I. Originalmitteilungen.
1. Das „Zerrungssymptom“ bei Erkrankungen
der Canda equina. 1
Von Prof, Hermann Sohlesinger in Wien.
Da die Unterscheidung zwischen Konns- und Kaudaerkrankungen oft anf
nicht unerhebliche Schwierigkeiten stößt, dürfte die Kenntnis eines, wie es
scheint, wenig bekannten Symptoms bei Affektionen der Cauda equina von
Interesse sein. Ich habe dasselbe vor 8 Jahren das erstemal gesehen and seither
1 Nach einer Mitteilung, erstattet am 11. Mai 1915 in der „Gesellschaft für Psychiatrie
und Neurologie“ in Wien.
Digitizetf by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
451
sechsmal beobachten können. Es findet sieb bei Kaudaaffektionen verschiedener
Natur, ist also nur ein Zeichen einer Erkrankung des Pferdeschweifes, nicht
eines bestimmten Leidens desselben.
Das Symptom besteht in folgender Erscheinung: Der Kranke klagt über
heftige und quälende Schmerzen im Sitzen, auch wenn er beim Liegen, Stehen
oder Herumgehen völlig schmerzfrei ist. Die schmerzhaften Parästhesien werden
im Mittelfleische, in der Analgegend, auch in der Gegend des Genitales oder
im Mastdarm empfunden. Die peinlichen Empfindungen können so heftig
werden, daß die Kranken das Sitzen völlig zu vermeiden trachten. In allen
Fällen waren sichere Erscheinungen einer Kaudaerkrankung nachweisbar, ob¬
jektiv erkennbare Sensibilitätsstörungen, wenigstens vorübergehend, vorhanden
gewesen.
Unsere Fälle betrafen zweimal epidemische Meningitis, in zwei weiteren
Beobachtungen war eine syphilitische Kaudaerkrankung anzunehmen, ein Kranker
hatte nach Sturz, einer durch Schuß eine Kaudaverletzung akquiriert. Das
Symptom war bei allen unseren Kranken ein viele Wochen währendes, bei zwei
Patienten hielt es Jahre lang in ungeminderter Intensität an.
Einer unserer Kranken, ein Kollege mit einer luetischen Wurzelerkrankung,
hatte mäßige Blasen- und Mastdarmstörungen sowie eine asymmetrische Reit¬
hosenanästhesie. Beim Sitzen traten so heftige Schmerzen auf, daß der sonst
ruhige Kranke nicht genug Ausdrücke finden konnte, um seine Qualen zu
schildern. Er spürte sie hauptsächlich im Mastdarm, „wie wenn der Sphinkter
mit Zangen in die Höbe gezogen würde“. Auch im Perineum wurde ein Druck¬
gefühl von großer Intensität empfunden. Der Kranke war durch diesen Zustand
in der Ausübung seines Berufes stark behindert und suchte deshalb in zwei
aufeinanderfolgenden Jahren meine Spitalsabteilung auf, ausschließlich, wie er
betonte, wegen der Schmerzen beim Sitzen. Er konstruierte sich auf seinem
von ihm selbst gelenkten Wagen eine schiefe Ebene, welche es ihm ermöglichte,
halbliegend zu kutschieren.
Eine Frau mit epidemischer Meningitis hatte bei einer Spinalpunktion im
Momente des Einstiches einen ungemein lebhaften Schmerz, welcher in die
Vagina und in die Clitoris ausstrahlte. Der Schmerz verschwand in der Rückenlage,
um immer von neuem sich zu zeigen, wenn Patientin sich aufsetzte. Noch
nach einem Jahre suchte mich die Frau auf, um Abhilfe gegen diese Schmerzen
zu erbitten, welche sie dem Selbstmorde nahe brachten.
Ein Unteroffizier wurde mit einer Schrapnellverletzung der Kauda dem
Krankenhause übergeben. Es bestanden Blasenlähmung, Incontinentia alvi,
Reithosenanästhesie, links viel ausgedehnter als rechts, und heftige Wurzel¬
schmerzen. Die Sensibilitätsstörungen gingen nach und nach zurück, die Blasen¬
lähmung besserte sich, ebenso die Sphinkterschwäche, auch verschwanden die
spontanen Schmerzen im Liegen völlig. Der Kranke stand auf, konnte stunden¬
lang außer Bett 6ein, war aber nicht imstande zu sitzen. Im Momente des
Aufsetzens jammerte er laut auf und konnte auch mit Unterstützung wegen
unerträglicher Schmerzen nicht sitzen bleiben. Er schilderte seine Empfindungen
29*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
452
so, wie wenn man ihm mit glühenden Instrumenten im Mastdarme hernmbohren
würde. Auch dieser Kranke batte im Perineum lebhafte Schmerzen. Interessant
ist der Umstand, daß der Verwundete, welcher einen am Darmbeinteller ein*
dringenden Steckschuß erhalten hatte, unmittelbar nach der Verletzung der
festen Überzeugung war, seine Verletzung müsse den Anus und das Perineum
betreffen, da er nur in dieser Gegend Schmerzen empfand. Diese Gegend war
aber frei von Beschädigungen. Erst nach mehr als Vjjähriger Dauer der Par-
ästhesien klangen letztere spontan ab.
Dieses Symptom ist offenbar ein Analogon des Kernig sehen Zeichens. So
wie das letztere seine Entstehung der Dehnung von. Wurzeln verdankt, welche
schon in den Frühstadien meningitischer Prozesse geschädigt sind, so dürfte
auch in unseren Fällen eine Zerrung sakraler Wurzeln die Entstehung der
eigenartigen Schmerzphänomene erklären. Wenn wir annehmen, daß durch den
Erkrankungsprozeß (Syphilis, meningitische Schwarten, Bindegewebswucherungen
nach Traumen usw.) einzelne Wurzeln fixiert werden, könnten wir den Mecba*
nismus des Phänomens verstehen. Beim Sitzen findet dann ein Anspannen der
angewachsenen Nervenwurzeln statt, welches den in der Peripherie empfundenen
Schmerz auslöst. Bei dem letzterwähnten Kranken war nach Verschwinden des
Symptoms dasselbe neuerlich zu provozieren, wenn man dem sitzenden Manne
den Kopf stark nach vorn auf die Brust beugte, also einen Zug auf die untersten
Rückenmarksabschnitte und die Kauda ausübte.
Als isoliertes Früh- oder als restierendes Spätsymptom könnte gelegentlich
dieses Zeichen eine erheblichere Bedeutung erlangen und auf das Bestehen ana¬
tomischer Veränderungen an der Kauda hinweisen. Da sein Auftreten einer
Dehnung sakraler Wurzeln zuzusebreiben ist, würde ich vorschlagen, dieses
Provokationsphänomen als „Zerrungssymptom“ der Cauda equina zu be¬
zeichnen.
2. Über die Rolle des Nervensystems in der
Genese der Stoffwechsel- und Konstitutionskrankheiten.
Von Adolf Oswald in Zürich.
Die Neigung geht allgemein dahin, bei Stoffwechsel- und Konstitutions¬
krankheiten eine krankhafte Abweichung im Gewebs- und Zellchemismos als
das genetisch wichtigste und primordiale Moment anzunehmen. Darunter
wären zu verstehen eine krankhafte Änderung der chemischen Zusammensetzung
des Zellkörpers oder auch der Körpersäfte, die dann funktionelle Änderungen
nach sich zöge, oder auch nur rein funktionelle Änderungen des Chemismus.
Näher spricht man sich darüber nicht aus, weil unsere momentane Kenntnis
der Zellbiologie keine genaueren positiven Urteile gestattet. Das Studium des
durch den Jodgebrauch mitunter bewirkten Schadens hat mir die Rolle dar¬
getan, welche bei Störungen, die anscheinend rein metabolischer Natur sind,
das Nervensystem spielt.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
453
Vorwiegend bei mit Kropf behafteten Individuen, seltener bei solchen, die
keine klinisch diagnostizierbare Struma haben, kann die Einnahme geringster
Mengen Jod, z. B. mehrtägige Einreibung des Halses mit jodhaltigen Salben,
Bepinselung mit Jodtinktur oder die Einnahme weniger Dezigramme Jod im
Verlauf mehrerer Tage eine besondere Erkrankung bewirken, die wir als Jod-
hyperthyreoidismus bezeichnen. Dieser Zustand hängt mit einer Resorption des
Schilddrüsensekretes (Jodthyreoglobulin) und dessen Übergang in die Körper-
satte zusammen. Die Wirkung einer Überschwemmung des Körperkreislaufs mit
dem normalen Schilddrüsensekret äußert sich in einer Reihe nervöser Symptome
(allgemeine Nervosität, motorische Unruhe, Aufgeregtheit, Schlaflosigkeit, Zittern,
Hitzegefühl, Tachykardie, Herzklopfen, Bulimie, Polydipsie usw.) verbunden mit
meist hochgradiger Abmagerung und Kräfteverfall, außerdem mitunter Glyko-
surie. 1 Dieser toxische Zustand tritt nicht bei allen Individuen gleichmäßig auf,
d. h. es sind nicht alle Menschen dazu disponiert, auch nicht alle disponierten
zu jeder Zeit empfindlich. Das gilt auch für die gewöhnlichen Versuchstiere
(Säugetiere).
Hält man Umschau, welche Menschen daran erkranken, so sind es ausnahms¬
weise solche, welche ein, ganz allgemein gesagt, geschädigtes Nervensystem haben,
d. h. solche, deren Nerven eine größere Ansprechbarkeit besitzen. Es sind Menschen,
die von Kind auf nervöse Störungen zeigen, z. B. Kopfschmerzen seit der Kind¬
heit haben, die an „Nervosität“ leiden, leicht erregbar sind. Dann findet man
unter ihnen auch häufig solche, bei denen Kokainempfindlicbkeit konstatiert
wurde, die lebhaft reagieren auf Adrenalin, Hystamin und andere Gefäßgifte.
Weiterhin trifft man Hemidrosis, halbseitige Rötung des Gesichts bei starker
körperlicher Tätigkeit, also alles Zeichen eines affizierten Sympathikus. Dann
gibt es Epileptiker unter den Disponierten. Endlich und nicht zum geringsten
ist auch eine momentane Disposition gegeben in einer vorübergehenden Schwä¬
chung des Nervensystems infolge geistiger Überanstrengung, intensiver geistiger
Tätigkeit verbunden mit zu wenig Schlaf. Man kann also sagen, daß es sich
durchaus um Individuen handelt, die im weitesten Sinne „neuropathisch“ sind,
in dem Sinne nämlich, daß ihr Nervensystem sich in labilem, übererregbarem
Zustande befindet Wenn nun aber unter den Disponierten lauter solche
Menschen zu treffen sind, so ist das Umgekehrte nicht der Fall. Nicht alle
Neuropathiker scheinen für Jod im genannten Sinne empfindlich zu sein. Es
scheint also noch auf ein besonderes Moment anzukommen, das wir noch nicht
kenneu. Es wird nooh eine weitere Differenzierung notwendig sein, gestützt auf
weitere Beobachtung. Es wird sich namentlich fragen, ob man mit Hilfe der
Prüfuug der Gifte für das autonome (parasympathische) und sympathische
Nervensystem (Pilokarpin, Atropin, Kokalu, Adrenalin und verwandte Substanzen)
einen Schritt weiter kommen wird. Was ich bisher habe ermitteln können,
ist, daß gerade Kokaluempfindlicbkeit sehr häufig — meine Fälle sind nicht
zahlreich genug, um sagen zu können, immer — vorhanden ist. Kokaluemp-
1 Eine ausführliche Beschreibung des Krankheitsbildes soll anderswo erfolgen.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
454
findlichkeit scheint überhaupt in Kropfgegenden viel häufiger zu sein als in kropf¬
freien Gebieten.
Das Bemerkenswerte bei der Jodempfindlichkeit ist, daß der Zustand des
Nervensystems ausschlaggebend für das Auftreten von krankhaft gesteigerten
metabolischen Vorgängen ist. Die OxydationsVorgänge, der Verbrauch an Fett und
der Abbau eiweißhaltiger Zellbestandteile nimmt ganz ungewöhnliche Dimensionen
an; trotz Bulimie und vermehrter Nahrungszufuhr tritt ganz rapid hochgradige
Abmagerung ein, während ein gleiches nicht erfolgt, wenn das Nervensystem
nicht in gesteigerter Weise auf gewöhnliche äußere und physiologische Reize an¬
spricht. Es zeigt dieses Verhalten, daß das Nervensystem auch den Stoffwechsel
unter seinem Einfluß hat, ihn beherrscht und, man kann , wohl sagen, dirigiert.
Die Ausscheidung von Zucker im Urin weist darauf hin, daß der Kohlehydrat¬
chemismus auch dabei inbegriffen ist. Die Kenntnis der Abhängigkeit desselben
vom Nervensystem ist zwar nicht neu. Claude - Bernard zeigte, daß Verletzung
einer bestimmten Stelle der Rautengrube Glykosurie auf einige Stunden bewirkte.
Wir wissen auch, auf welchen Nervenbahnen sich der Reiz fortpflanzt, daß dies
auf dem Wege des Sympathikus und Splanchnikus geschieht. Denn Durch-
schneidung hebt den Effekt der Claude Bernardsehen Piqüre auf. Wir wissen
noch weiter, daß die Nebenniere dabei beteiligt ist, denn ihr Sekretionsprodukt,
das Adrenalin, bewirkt auch Glykosurie. Hier spielt also eine innersekretorische
Drüse eine Rolle, und zwar im Sinne einer Förderung. Das Adrenalin mobili¬
siert den Zucker, der dann wohl nicht rasch genug verarbeitet, d. h. chemisch
abgebaut und oxydiert werden kann. Da nun feststeht, daß die Nebenniere vom
Nervensystem aus ihre Anspornung zur Tätigkeit erhält, wie das für die Drüsen
mit Ausführungsgang schon lange bekannt ist, so ergibt sich auch von dieser
Seite die Tatsache, daß das Nervensystem die Verarbeitung des Zuckers, den
Kohlehydratchemismus in seiner Gewalt hat. Die Schilddrüse liefert ein Sekret,
das Jodthyreoglobulin, das die Adrenalinwirkung bedeutend verstärkt; die Sekre¬
tion der Schilddrüse steht ihrerseits unter dem Einfluß des Nervensystems.
Reizung des N. thyreoideus sup. bewirkt Mehrausscheidung von Schilddrüsen¬
sekret. Auch von dieser Seite beherrscht also das Nervensystem den Kohlen¬
hydratstoffwechsel. Die Schilddrüse erhöht die allgemeinen Oxydationen, den
Fett- und Eiweißstoffwechsel. Da sie vom Nervensystem innerviert wird, steht
auch dieser Teil des Stoffwechsels unter dem Einfluß des Nervensystems.
Wenn nun aber der Stoffwechsel physiologischerweise so sehr vom Nerven¬
system seine Impulse erhält, von ihm dirigiert und reguliert wird, dann ist der
Schluß nicht mehr fern, auch für Stoffwechselkrankheiten abnorme Impulse von
ihm anzunehmen. Tatsächlich sehen wir ja ein abnormes Verhalten des Stoff¬
wechsels unter dem Einfluß eines sonst normalen, nur in übergroßer Menge
gelieferten Sekretes bei affiziertem Nervensystem auftreten. Diese Tatsache stellt
gewissermaßen ein greifbares Paradigma dafür dar, wie das erkrankte Nerven¬
system den Stoffwechsel abnorm beeinflussen kann, während das für die eigent¬
lichen Stoffwechselkrankheiten nicht so unmittelbar zutage tritt.
Die Annahme, daß abnorme Impulse seitens des Nervensystems Stoffwechsel-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
455
alterationen and -krankheiten veranlassen, wird durch die Klfnik nicht widerlegt.
Das häufige Vorkommen von Stoffwechselkrankheiten, namentlich Diabetes, in
der Aszendenz der Jodempfindlichen deutet auf einen genetischen Zusammen¬
hang hin zwischen Störungen des Stoffwechsels und Schädigungen des Nerven¬
systems. Die Häufigkeit des Diabetes in Familien Nervöser und umgekehrt
von Nervosität in diabetischen Familien, das Bestehen einer zweifellosen nervösen
Form des Diabetes, die Verschlimmerung der Glykosurie durch psychische Reize
(Ärger, Kummer, Schreck, Aufregung) weist auf enge Beziehungen zwischen
Nervensystem und Kohlenhydratstoffwechsel bin. Die Verwandtschaft zwischen
Diabetes und Fettsucht läßt das gleiche auch für diese Stoffwechselalteratiou
plausibel erscheinen, und das Gleiche mag in gewissem Sinne auch für die
Gicht stimmen. Man wird nun einwenden, daß die innersekretorichen Drüsen
(Pankreas, Schilddrüse, Hypophyse, Geschlechtsdrüsen) doch sicherlich eine
eminente Rolle bei der Genese dieser Krankheiten spielen. Doch muß mau
bedenken, daß, wie ja schon erwähnt, für eine Anzahl dieser Drüsen die Ab¬
hängigkeit vom Nervensystem erwiesen ist, und wir irren gewiß nicht, wenn
wir das auch für die anderen annehmen. Der Nachweis dafür wird zwar noch
auf sich warten lassen, da er schwierig sein dürfte. Doch ist das kein Grund,
es per analogiam nicht jetzt schon anzunehmen. Im Gegenteil, die vergleichende
und allgemeine Biologie drängt uns darauf hin. Wir kennen bis jetzt keine
ektokrine Drüse, die nicht vom Nervensystem aus beeinflußt würde; für einige
endokrine Drüsen ist das auch erwiesen, da wäre es vom allgemein biologischen
Standpunkt aus weit schwieriger, für die übrigen einen anderen Modus anzu¬
nehmen. Ja ich möchte noch weiter gehen. Jede Zelle ist gewissermaßen
eine Drüse mit innerer Sekretion. Jede gibt Stoffe an die Zirkulation ab, die
weiter verarbeitet werden und eine Bedeutung für den Organismus haben (ich
nenne blos Kohlensäure und ihre Bedeutung für die Respiration). Das Schild¬
drüsensekret (Jodthyreoglobulin) hat sich nun als der Träger ganz eigenartiger
Wirkung auf den Nerventonus erwiesen. Es erhöht denselben. Nachgewiesen
ist das im Tierexperiment für das autonome (parasympatische) und sympatische
Nervensystem, ebenso ergibt es sich aus der klinischen Pathologie für das
animale (zentrale) Nervensystem. 1 Es liegt nun nichts im Wege anzunehmen,
daß auch die Wirkung des Schilddrüsensekrets auf den allgemeinen Stoffwechsel,
d. h. auf den Stoffwechsel jeder einzelnen Zelle, nicht auch durch Vermittelung
des Nervensystems erfolge. Jedenfalls würde sich dann die Funktion der Schild¬
drüse als eine einheitliche herausstellen. Es ist das noch Hypothese, jedenfalls
aber nicht aus der Luft gegriffen.
Das, was von den Stoffwechselkrankheiten gesagt wurde, läßt sich auch
auf die Konstitutionskrankheiten ausdehnen. Auch dort nimmt man ja viel¬
fach eine besondere strukturelle oder funktionelle Veränderung der Gewebe oder
Körperflüssigkeiten an, über die man sich jedoch noch nicht im klaren ist,
1 Die klinischen Befände uud Tierexperimente werden ausführlich an anderem Orte
beschrieben.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
nach dem gegenwärtigen Stande unseres Wissens auch nicht sein kann. Nun
wurde auch der Jodhyperthy reoidismus von seinen ersten Beobachtern als eine
durch die Konstitution gegebene Krankheit aufgefaßt (man sprach von „kon¬
stitutionellem Jodismus“). Heute wissen wir, daß das „konstitutionelle“ Moment,
d. h. dasjenige, was die Prädisposition für den Ausbruch des Leidens schafft,
im Zustande des Nervensystems liegt
Der Umstand, daß für den Jodschaden Disponierte nicht zu jeder Zeit
dafür empfindlich sind, daß also die Disposition nur eine zeitliche sein kann,
legt dar, daß das, was wir in der allgemeinen Pathologie als Disposition be¬
zeichnen, selbst bei Leiden, die den Stoffumsatz umfassen, vom Nervensystem
ausgehen kann.
Der Kernpunkt dieser Mitteilung ist, daß dem Nervensystem eine weit
wichtigere genetische Rolle bei den Stoffwechselkrankheiten zuerkannt werden
muß als bisher vielleicht allgemein angenommen wird. Das Gleiche gilt viel¬
leicht für die Konstitutionskrankheiten, und auch nach der Richtung der Dis¬
position dürfte das Nervensystem eine größere Rolle spielen als man heutzutage
annimmt.
Die zentrale Lage, welche das Nervensystem in den physiologischen Be¬
gebenheiten einnimmt, erstreckt sich auch auf die pathologischen.
[Aas der Nervenheilanstalt „Maria Theresien-Schlöseel“ in Wien.].
3. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie.
III. Über eine ungewöhnliche
zerebrale Erkrankung nach Schrapnell Verletzung.
Von Prof. Dr. I. P. Earplus.
Am 7• November 1914 wurde der 23jährige Kadett N. in die Anstalt auf-
genommen.
Er stammt aus einer nervengesunden Familie, hat im Alter von 10 Jahren
Diphtherie durchgemacht, später keine schwereren Krankheiten, ist seither nie
bettlägerig gewesen. 1911 luetische Infektion. Patient machte damals eine
Schmierkur durch, hatte seither keine weiteren Erscheinungen; keine weitere
Behandlung.
Anfangs August 1914 rückte N. bei der allgemeinen Mobilisierung ein, war
vom 21. VIII. an täglich im Feuer. Am 8. September 1914 saß Patient als
Geschützführer mit zwei Soldaten hinter dem Munitionswagen auf der Erde, als
ein feindliches Artilleriegeschoß im Munitionswagen explodierte. Patient fühlte
noch starke Hitze im Gesicht und einen heftigen Schlag auf das r. Bein und wurde
dann bewußtlos. Als er nach einigen Minuten zu sich kam, sah er den einen
seiner Nachbarn tot und ganz zerfetzt, den anderen tödlich verletzt. Er selbst
war weiter heftigem Feuer ausgesetzt und suchte sich durch Laufen nach einer
Deckung zu retten. Er lief ganz gut etwa 100 Schritte, darauf wurde er neuer*
dings bewußtlos. Er hatte selbst wahrgenommen, daß sein Mantel an vielen
Stellen von Geschossen zerfetzt war uud daß er aus dem Kopfe und aus dem
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
457
rechten Arme blutete. Auf seinem Körper wurde später unter dem Hemde eine
Schrappneilfüllkugel gefunden.
Zwei oder drei Tage nach der Verletzung hatte Patient einen Krampfanfall
mit Bewußtlosigkeit, über dessen nähere Natur und Dauer nichts weiter zu
eruieren ist. Am 20 September 1914 kam Patient nach Wien in ein Reserve-
spital. Daselbst hatte er im Laufe einiger Wochen noch drei Krampfanfälle
Einer dieser Anfälle war ärztlich beobachtet worden und hatte einen mehr funk¬
tioneilen Eindruck gemacht; es soll sich um Bewußtseinsstörungen mit tonisch¬
klonischen Krämpfen ohne auffallende vasomotorische Erscheinungen gehandelt
haben. Von einem der Anfalle gaben die Bettnachbarn an, daß die Krämpfe in
den linksseitigen Extremitäten begonnen hätten. Als Patient nach Wien kam
(20. IX. 1914), sprach er, wie durch mehrere Auskunftspersonen verlässlich fest¬
gestellt ist, noch ganz normal. Im Laufe der nächsten Wochen aber stellte sich
eine hochgradige Sprachstörung ein. Bezüglich dieser Störung wird von der einen
Seite angegeben, daß sie nach den Anfällen sich entwickelt hätte und nach jedem
Anfall sich verstärkt hätte, während von einer anderen Seite die Sprachstörung
nicht mit den Krampfanfällen in Beziehung gebracht wird, sondern damit, daß
Patient angeblich neben einem Kranken mit motorischer Aphasie gelegen sei.
Seit dem Tage seiner Verletzung war Patient bettlägerig. Nach den Anfällen
sei er vorübergehend fast zu jeder aktiven Bewegung unfähig gewesen. Wegen
der Frage eines operativen Eingriffes war er auf eine chirurgische Klinik trans¬
feriert, dort aber zur Operation nicht geeignet gefunden worden.
Die Hauptklagen des Patienten sind die über Sprach- und Gangstörung,
sowie über heftige Schmerzen im Nacken bei dem Versuch einer freien Kopf¬
haltung. Ferner klagt Patient über Mattigkeit, Hitzegefühle, kalte Hände und
Füße, starkes Schwitzen und hartnäckige Obstipation.
Stat. praes. anfangs November 1914: Patient ist groß, kräftig gebaut, gut
genährt Es fällt eine gewisse Leere seines Gesichtsausdruckes auf, die Gesichts-
züge sind immer etwas schlaff, es besteht keinerlei gröbere Intelligenzstörung,
keine auffallende Affektanomalie. Schädel h. u. 57 cm, mäßig dolichokephal.
Rechts in der Scheitelgegend findet sich eine mehrstrahlige Hautnarbe, die aber
nicht mit dem Knochen verwachsen ist; Druck in die Tiefe ist daselbst recht
schmerzhaft, während der Schädel sonst nirgends druck- oder klopfempfindlich ist.
(Die Narbenstrahlen sind einige Zentimeter lang, medianwärts bleiben sie 3 cm
von der Mittellinie entfernt, nach hinten reichen Bie bis zur Scheitel-Ohrlinie.)
Außerdem hat Patient noch einige andere von der Verletzung herrührende Haut¬
narben an der reohten Schulter und dem rechten Oberarm; keine Pigmentano¬
malien. Es besteht ein leichter Grad von Dermographie.
Die Untersuchung der inneren Organe ergibt nichts Pathologisches. Die
Schilddrüse zeigt eine seit Jahren bestehende leichte Vergrößerung, der Herz-
und Lungenbefund ist normal, Puls 72, rhythmisch, beim Versuch sich aufzusetzen
oder bei anderen Anstrengungen oder Erregungen starke Beschleunigung ohne
Arhythmie. Die Untersuchung der Bauchorgane, besonders auch der Leber und
der Milz, läßt nichts Pathologisches erkennen. Eine Probe auf alimentäre Glyko-
surie (mit 100 g Traubenzucker) fällt negativ aus.
Die Pupillen sind rund, gleich weit, reagieren prompt auf Licht und Akkom¬
modation. Die sympathische Pupillenreaktion (Erweiterung auf Sohmerzreiz) ist
beiderseits nicht deutlich. Die Augäpfel in normaler Stellung und Lage. Die
Kornea zeigt keine Verfärbung; Augenbewegungen frei, keine Doppelbilder, kein
Nystagmus. Sehschärfe gut, keine Gesichtsfeldeinengung, kein Skotom. Der
Augenhintergrund normal (Dr. Hitschmann). Nach Adrenalininstillation ins Auge
tritt keine Mydriasis auf. Kein Lidtremor. Konjunktival- und Kornealrefiex
prompt. Nasenreflex vorhanden, Kitzelgefühl im Gehörgang normal.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
458
'Wenn Patient den Kopf auch nur wenige Sekunden frei ohne Unterstützung
hält, klagt er über Steifigkeit und Schmerzen im Nacken, doch sind alle Kopf¬
bewegungen passiv und aktiv in vollem Umfange möglich, kein Druckschmerz
im Nacken.
Eine deutliche gröbere Fazialislähmung besteht nicht, immerhin aber eine
gewisse Differenz zuungunsten der linken Seite. Bei willkütlicher, sowie bei
mimischer Innervation prägt sich die Nasolabialfalte rechts etwas mehr aus als links,
auch tritt die Hebung des Mundwinkels rechts um ein ganz Geringes früher auf
als links. Gesichtssensibilität normal. Die Zunge wird gerade und kräftig herau6-
gestreckt, ausgiebig seitwärts bewegt, doch besteht eine leichte Ungeschicklichkeit
in den Zungenbewegungen, z. B. beim Heben der Spitze gegen den harten Gaumen,
beim Einsenken derselben hinter die Unterkieferzähne. Elektrische Erregbarkeit
der Gesichts- und Zungenmuskulatur normal. Die Lippenbewegungen sind etwas
ungeschickt; besonders beim Pfeifen, Schnalzen tritt das deutlicher hervor. Bei
den Bewegungen der Gesichts- und Zungenmuskulatur besteht keine Andeutung
von Steifigkeit oder Starre, die Muskulatur ist nicht atrophisch. Kauen und
Schluoken ohne Störung. Der MasBeterreflex ist nicht auszulösen, der Rachen-
reflex ist herabgesetzt. Der rechte Gaumenbogen kontrahiert sich stärker als
der linke, die Uvula wird dabei nach rechts verzogen. Im Kehlkopf besteht
eine leichte Parese der Adduktion, insbesondere der M. interni, welche bei
Phonation leicht konkav bleiben, die Stimmbänder zeigen beim Versuch einer
stärkeren Phonation leichten Tremor (Prof. Haick).
Es besteht eine sehr auffallende, hochgradige Sprachstörung. Patient
bringt immer nur eine Silbe hervor, erst nach ein bis mehreren Sekunden die
nächste; dabei gerät er sichtlich in Erregung, es treten heftiges Grimassieren und
sehr lebhafte Mitbewegungen auf: Patient wälzt sich förmlich hin und her, bewegt
alle Extremitäten, greift sich mit der rechten Hand an den Kopf Diese Be¬
wegungen erinnern an choreatisch • athetotische Bewegungen. Die einzelnen
Silben werden stoßweise hervorgebracht, dabei sieht man, bevor es zur Intonation
kommt, häufig mehrmals krampfhafte Bewegungen des Sprechapparates, z. B. Beben
der Lippen. Die Sprache ist näselnd, verwaschen, besonders B, P und L werden
schlecht ausgesprochen. Beim Versuch zu singen bestehen dieselben Störungen
wie beim Sprechen. Bei diesen Versuchen tritt, wie auch sonst bei körperlichen
Anstrengungen, heftiges Schwitzen auf.
Die oberen Extremitäten zeigen eine sehr kräftige Muskulatur. Es besteht
keinerlei trophische oder vasomotorische Störung. Alle Bewegungen sind im vollen
Umfange und mit guter Kraft ausführbar. Der Muskeltonus ist vollkommen
normal. Die tiefen Reflexe sind mäßig lebhaft, rechts und links gleich. Die
oberflächliche und tiefe Sensibilität ist normal, Patient schreibt vollkommen
korrekt ohne Mitbewegung, beim Schreiben mit geschlossenen Augen zeigt er
allerdings auffallend starkes Ausfahren. Weder in der Ruhe noch bei Bewegungen
ist Tremor vorhanden, beim Zeigeversuch keine Störung, keine Adiadochokinesie.
Eine Nadel wird mit der rechten und linken Hand geschickt aufgelesen. Beim
Versuch mit dem 2. oder 5. Finger nach der Nasenspitze zu greifen leichtes
Danebenfahren, besonders bei geschlossenen Augen. Die mechanische Erregbarkeit
des N. ulnaris und medianus erscheint stark erhöht« ebenso die elektrische Erreg¬
barkeit dieser Nerven (gleichwie die des N. facialis). Umschnüren der oberen
Extremitäten ruft keine Krampfatellung hervor.
Aufsetzen aus der Rückenlage gelingt nur mühsam mit Hilfe der oberen
Extremitäten, dabei findet aber gute Kontraktion der Bauchmuskulatur statt
Patient vermag dann ruhig mit normaler Haltung des Oberkörpers zu sitzen, kein
Wackeln, kein Tremor. Die Rückenwirbelsäule zeigt keine auffallende Krüm¬
mung — solange Patient liegt oder im Bett sitzt (s. u.). Leichte Druckempfindlich-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
459
keit der oberen Lumbalwirbeldorne. Bauchhautreflexe beiderseits vorhanden, dabei
rechts deutlich lebhafter als links. Der Kremasterreflex beiderseits sehr lebhaft.
Die unteren Extremitäten zeigen kräftig entwickelte Muskulatur, alle
Bewegungen sind in sämtlichen Gelenken in vollem Umfange ausführbar, links
jedoch mit geringerer Kraft als rechts. Der Tonus der Muskulatur ist beiderseits
gleich, normal. In der Buhe besteht keine Andeutung von Tremor, bei manchen
Beinbewegungen, z. B. beim Heben des im Knie gestreckten Beines in Rücken¬
lage, kommt es zu einem groben Tremor der Beine, mehr als. Wackeln zu
bezeichnen. Bei Einzelbewegungen keine Ataxie. Patellar- und Achillessehnen¬
reflex rechts vorhanden, links deutlich gesteigert Kein Klonus. Kein Babinski.
Die elektrische Erregbarkeit der Muskulatur ist normal. Die Hautsensibilität
für alle Qualitäten ist links vom Knie abwärts leicht gestört. Die Stellung und
passive Bewegungen der Zehen und des Fußes werden rechts stetB richtig erkannt,
links nicht. Der Fußsohlenstreichreflex ist links deutlich schwächer als rechts.
Es besteht eine höchst auffallende Gangstörung. Ganz im Gegensatz zu
der guten Kraft und Beweglichkeit der Beine bei Bettlage, werden beim Geh¬
versuch die unteren Extremitäten am Boden geschleift, der Oberkörper wird stark
zurückgeneigt, es kommt zu einer starken Lordose der Lenden- und unteren
Dorsalwirbelsäule. Sich selbst überlassen macht der Patient, obwohl er sich mit
den Armen stützt, nur wenige kleine Schritte und sinkt dann zusammen. Bei
kräftiger Unterstützung macht er wohl Gehversuche, doch knicken die Beine,
sobald er das eine oder das andere belastet, meist wieder ein. Es kommt zu
einer Art Wackeln des ganzen Körpers, Patient vermag weder beim Gehen noch
beim Stehen sich allein aufrechtzuerhalten.
Bei einer Lumbalpunktion am 12. XI. 1914 werden wenige Kubikzentimeter
wasserheller Flüssigkeit bei einem Druck von 220 mm entnommen. In 1 ccm
findet sich eine Zelle.
Wiederholte Röntgenaufnahmen des Schädels ergeben normalen Befund
(Dr. Kbeuzfuchb, Prof. Schüller).
Die verschiedensten Versuche einer Beeinflussung mit physikalischer und
psychischer Therapie bleiben ohne unmittelbare Wirkung. So haben Kopf-
faradisation und elektrische Vierzellenbäder, Massagen gar keinen nachweisbaren
Einfluß. Auch ein ärgerlicher Zwischenfall, den Patient mit einem Kameraden
hatte und über den Patient in begreifliche hochgradige Erregung geriet, hatte
gar keinen Einfluß auf die Krankheitserscheinungen.
Die Stimmung des Patienten ist gleichmäßig, meist etwas deprimiert, auf¬
fallende Aflektschwankungen werden nie beobachtet, kein Zwangslachen. Bei
wiederholten Untersuchungen können hysterische Stigmata niemals gefunden
werden. Krampfanfälle fehlen.
Ganz allmählich treten leichte Veränderungen in dem Zustande auf. Die
Kopfhaltung des Patienten wird freier, er klagt weniger über Steifigkeit im
Nacken, insbesondere aber werden die Mitbewegungen bei den Sprechversuchen
geringer. Die erhöhte mechanische und elektrische Erregbarkeit verliert sich.
Im Laufe des Monates Dezember bildet sich eine leichte Kontraktur im linken
Kniegelenk aus. Ende Januar 1915 sind die Mitbewegungen beim Sprechen
geringer geworden, doch kommt es noch immer dabei zum Grimassieren, Herum¬
wälzen, zu Extremitätsbewegungen. Die Sprachstörung ist vielleicht etwas geringer
geworden; Bradyphasie, Dysarthrie und Skandieren sind aber nach wie vor deut¬
lich. Die Gangstörung ist im wesentlichen unverändert, nur daß Patient, sich
selbst überlassen, weniger leicht hinfallt als anfangs. Es ist jetzt eine leichte
Kontraktur im linken Knie- und linken Fußgelenk zu konstatieren bei Andeutung
von Spitzfußstellung. Maximale Beinstreckung im Knie, sowie maximale passive
Dorsalflexion des Fußes führt zu lebhaften Schmerzäußerungen des Patienten.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Bewegungen im Fuß* und in den Zehengelenken linke aktiv nieht in vollem
Umfang möglich. Die tiefen Reflexe sind linke lebhafter ale rechte, bo wie
früher. Ee besteht jetzt auch eine Andeutung von Fußklonus. Andeutung des
Oppenheim’echen Phänomene links. Kein Babinski, kein Strümpell. Die SenBi*
bilitätsstörung im linken Bein ist unverändert. Der obere und untere Bauchhaut*
reflex ist rechte lebhafter als links, so wie früher. Auch jetzt läßt sich nirgends
im Bereich der gesamten willkürlichen Muskulatur mit Ausnahme der erwähnten
Kontrakturen eine Steifigkeit, ein Rigor nachweisen, solange Patient in Ruhe ist.
Beim Gehen und Stehen allerdings kommt es, wie beim Sprechen, zu einer Menge
falscher Innervationen und Mitbewegungen.
Trotz des negativen Befundes bei der Wassermann’schen Probe wird vom
20.1. bis 9. III. 1915 ein Versuch mit intramuskulären Quecksilberinjektionen
(20 Injektionen k 0,02 Hydrarg. succinimid.) unternommen. Danach Joddarreichung.
Auch dieser therapeutische Versuch hat gar keine Wirkung, und der Zustand des
Patienten ist Ende März 1915 so, wie er Ende Januar war. 1
Ein 25jäbriger gesunder Mensch erkrankt durch eine Schrapnellexplosion
in seiner nächsten Nähe, wobei er mehrfach, auch am Schädel, verletzt wird.
Nach kurzdauernder Bewußtlosigkeit vermag er einige Schritte zu laufen und
wird neuerdings bewußtlos. Einige Tage darauf tritt ein Anfall mit Bewußt¬
losigkeit und allgemeinen Konvulsionen auf, und derartige Anfälle wiederholen
sich mehrmals im Laufe der nächsten Wochen. Um diese Zeit entwickelt sich,
angeblich im Anschluß an die Anfälle, eine hochgradige Sprachstörung und
Unbeweglichkeit des Körpers. Wir sehen den Patienten 2 Monate nach der
Verletzung. Es besteht eine mäßige Parese des linken Beines mit Steigerung der
Sehnenreflexe und Sensibilitätsstörung, Herabsetzung der linksseitigen Bauchreflexe.
Etwas schlaffe Gesichtszöge, etwas geringere Innervation des linken Fazialis,
äußerst hochgradige dysarthrische Sprachstörung, Skandieren und leichte Brady-
phasie, leichte Ungeschicklichkeit der Zunge, leichte Parese des linken Gaumens.
Höchst auffallende Mitbewegungen beim Sprechversuch. Steifigkeitsgefühl im
Nacken beim Versuch den Kopf frei zu halten, ein Wackeln der unteren Extre¬
mitäten bei einzelnen Intentiousbewegungen, vollkommene Unfähigkeit zu gehen
und zu stehen. Beobachtung durch 4 1 / 2 Monate. Während dieser Zeit tritt
in der gelähmten linken unteren Extremität eine leichte Kontraktur auf, das
Wackeln der Beine bei Einzelbewegungen hört auf, die Mitbewegungen werden
schwächer, die Sprach- und Gangstöruugen bleiben bestehen, werden eher etwas
geringer, anscheinend durch Anpassung des Kranken an seine Störungen. Keine
Beeinflußbarkeit der Symptome, weder durch therapeutische Versuche, noch
durch psychische Alterationen.
Es ist von vornherein klar, daß ein Teil der Symptome organischer Natur
ist. Hierher gehören die linksseitige Beinlähmung, die Erhöhung der Sehnen-
refiexe, die Kontraktur, die Differenz der Bauchbautreflexe. Diese Symptome
treten aber im Krankheitsbild ganz zuröck; es wird vielmehr beherrscht von
1 Anmerkung bei der Korrektur: Bis Ende Juni keine wesentliche Veränderung.
Patient vermag jetzt mit 2 Stöcken einige Schritte zu gehen, auch mit gespreizten Beinen
ohne Stock zu steheu. Sonst Status idem. Anfälle sind während unserer Beobachtung
nicht aufgetreten.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
461
der dysarthrischen Sprachstörung (Dysarthrie, Bradyphasie, Skandieren) mit
den Mitbewegungen und von der Dysbasie. Diese Symptome nnd die Krampf¬
anfälle des Patienten konnten bei oberflächlicher Beobachtung auch auf Ärzte
den Eindruck hervorrufen, es läge Hysterie vor. Die genauere Untersuchung
und insbesondere die Beobachtung des Patienten während längerer Zeit veranlaßte
uns jedoch, eine derartige Annahme fallen zu lassen. Die schlaffen Gesichts¬
züge, die leichte Parese der Gesichts- und Zungenmuskulatur, die Differenz in
der Gaumeninnervation zeigten deutlich organische Gepräge; insbesondere hat
aber das ganze Verhalten des Patienten während der 4‘/jinonatigen Beobachtungs¬
zeit, die gänzliche Unbeeinfiußbarkeit und Konstanz der Symptome, die sich
nur ganz allmählich ein wenig veränderten, entschieden gegen eine funktionelle
Natur des Leidens gesprochen. Es ist wohl nicht zweifelhaft, daß die links¬
seitige Beinparese von einer leichten Läsion der rechten Großhirnhemi¬
sphäre entsprechend der Läsion am Schädel herrührt; die Hauptsymptome des
Kranken können aber durch eine derartige Läsion nicht veranlaßt sein.
Das Bild erinnert in manchen Zügen an Erkrankungen des Hirn¬
stamms, die gerade in den letzten Jahren im Vordergrund des Interesses ge¬
standen sind. Zunächst an die progressive lentikuläre Degeneration. 1
Es ist freilich ausgeschlossen, daß unser Pall zur Wilsonschen Krankheit gehört
Wir haben weder die unwillkürlichen Bewegungen, den rhythmischen Tremor,
noch den Hypertonus. Auch war in den akutesten bekanntgewordenen Fällen
dieses Leidens der Beginn ein allmählicher, kein perakuter, im Anschluß an ein
Trauma wie hier. Rein symptomatologisch aber stimmt die hochgradige Dys¬
arthrie, und die Mitbewegungen erinnern an die unwillkürlichen Bewegungen
der Kranken Wilson’s, während freilich andererseits das Unvermögen, das
Gleichgewicht beim Stehen und Gehen zu erhalten in unserem Falle nicht die
Folge eines Rigors ist, sondern eine eigentümliche Koordinationsstörung darstellt.
Begreiflicherweise lassen sich auch Anklänge an jene Krankheiten finden, die
mit Wilson ’s Fällen mehr weniger verwandt sind. So zu den als Pseudo-
Sklerose bekannt gewordenen Fällen. Hier sei an Oppknheim’s jüngste Arbeit
über diesen Gegenstand erinnert 8 , in der wieder auf die innigen Beziehungen
der Pseudosklerose zur Wilsonschen Krankheit hingewiesen wird. Die hysteri-
formen Anfälle, die Sprachstörung stimmen mit unserem Fall überein; an die
motorische Störung der Einzelbewegungen bei der Pseudosklerose erinnern die
Störungen dieser Bewegungen bei unserm Patienten. Über die Dysbasie ist
dasselbe zu sagen wie bei Wilson. Auch bei der Pseudobulbärparalyse
haben wir eine ähnliche Sprachstörung, doch fehlt in unserm Falle die eigent¬
liche Lähmung des Sprechapparates, sowie die Erhöhung der Reflexe. Obwohl
nun Pseudosklerose und Pseudobulbärparalyse, wie schon die Hervorhebung des
negativen (Pseudo-)Charakters in ihrer Bezeichnung andeutet, Krankheiten sind,
deren Kenntnis keineswegs abgeschlossen ist, läßt sich doch sagen, daß unser
1 Wilson. Handb. d. Neurologie. V. 1911.
* Neurolog. Centralbl. 1914. Nr. 22.
Digitized by
Gck igle
Original fru-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Fall gewiß nicht in ihren Rahmen fällt. Die eigentümliche Dysbasie erinnert
am meisten an das als Asynergie cerebelleuse beschriebene Bild, doch finden
sich keinerlei Anhaltspunkte für eine zerebellare Erkrankung.
Eine bestimmte Diagnose ist in unserem Falle nicht zu stellen. Doch auch
der Versuch, dem physiologischen Verständnis der Symptome näher zu kommen,
stößt auf große Schwierigkeiten. Motorische Innerrationsstörungen sind im
letzten Dezennium mit mehr weniger Glück wiederholt auf Affektion bestimmter
„Extrapyramiden“bahnen bezogen worden. Auch Wilson hat in einer Be¬
sprechung seiner Fälle den Versuch gemacht, die choreatischen und athetotiscben
Bewegungen durch eine Läsion der afferenten zerebello-rubro-thalamo-kortikalen
Bahn zu erklären, den Tremor aber durch eine Störung der lentikulo-rubro-
spinalen Bahn. Es lassen sich tatsächlich auch sonst noch manche Erfahrungen
für eine derartige Beziehung einzelner langer afferenter und efferenter Bahnen
zu gewissen motorischen Störungen anführen, und diese Beziehung wurde ins¬
besondere für die diagnostische Lokalisierung einer Erkrankung wiederholt mit
Erfolg verwendet; andererseits darf doch nicht vergessen werden, daß bei der
Kompliziertheit der zerebralen Mechanismen, die anatomisch und physiologisch
hier in Betracht kommen, offenbar mit solchen Beziehungen und Erk'ärungen
recht grob schematisiert wurde. Wir glauben uns daher auch mit der Fest¬
stellung begnügen zu sollen, daß in unserem Falle Dysarthrie und Dys-
basie kein Ausdruck einer direkten Läsion des kortikospinalen
Systems sind, sondern Koordinationsstörungen, die wohl von einer
Läsion des Hirnstammes herrühren dürften.
Es ist nicht leicht zu sagen, wie das Trauma diese Affektion hervorgerufen
hat und welcher Natur die Veränderung des HirnBtammes sein mag. Immerhin
ist daran zu erinnern, daß von vielen Seiten, so auch von uns, unzweifelhafte
Fälle beobachtet und mitgeteilt wurden, in denen schwere Rückenmarkserkran¬
kungen (Blutung, Erweichung, Entzündung) als indirekte Schuß Wirkungen oder
ganz ohne Schuß Verletzung nur durch heftige Erschütterung zustande kamen.
Es ist bemerkenswert, daß in unserem Falle das Symptomenbild nicht gleich
nach dem Trauma voll entwickelt war, sondern in den ersten Wochen ein
deutlich progressiver Verlauf bestand. Möglicherweise hat die Lues für Ent¬
stehung und Verlauf eine Prädisposition geschaffen. Es ist auch auf die Mög¬
lichkeit einer Gehirnschädigung durch kohlenoxyd-haltige Explosionsgase bin-
gewiesen worden.
Wir konnten keine bestimmte Diagnose stellen, und auch der Versuch einer
Analyse der Symptome fiel wenig befriedigend aus. Wenn wir uns trotzdem
entschlossen den unklaren Fall mitzuteilen, so hat uns die Erwägung dazu be¬
wogen, daß wir dadurch den Anstoß geben wollen, daß der eine oder andere
Kollege ähnliche Erfahrungen mitteilt. Ein Vergleichen der Fälle, die Möglich¬
keit, in manchen Fällen den Verlauf durch längere Zeit zu verfolgen, vielleicht
einmal auch eine Autopsie, könnten uds im Verständnis derartiger Störungen
des Hirnmechanismus weiter bringen.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
463
II. Referate.
Anatomie.
1) Abnorme Bündel des Fornix und der Pyramidenbahn beim Meer¬
schweinchen, von Adolf Wallenberg. (Anat. Anzeiger. XLVIII. 1915.)
Ref.: P. Röthig (Charlottenburg).
Das abnorme Fornixbündel hat folgenden Verlauf: Es zweigt sich an der
Kreuzung von Commissura anterior und linker Fornixsäule von letzterer ab, zieht
ventromedial wärts, dann kaudal in der Richtung zum Corpus mamillare, wobei es
ventromedial von dem Querschnitt der Fornixsäule liegt. Es endigt zum Teil
mit dem Gros der Fornixfasern im Ganglion laterale des Corpus mamillare, zum
Teil weiter kaudal an der ventrolateralen Grenze des kaudalen Mamillarpols.
Die Pyramidenkreuzung erfolgt beim Meerschweinchen zur Basis der Hinter¬
stränge hin. Von der linken Pyramidenfaserung zweigt sich an der Basis des
rechten Burdachschen Kerns ein Bündel „x“ ab, das nicht spinal-, sondern zerebral -
wärts zieht. Es liegt zunächst ventral von der Furche zwischen Gollschem und
Burdachschem Kern, sodann ventromedial von der spinalen IX. bis X. Wurzel,
weiter frontal, in der Höhe der größten Ausdehnung des XII. Kerns, zwischen
Radix spinalis IX bis X und Radix spinalis VIII und „endigt in dem zwischen
beiden Wurzeln eingelagerten Grau, dessen Zugehörigkeit zur Vestibulariswurzel
wahrscheinlicher als zur Vaguswurzel ist 41 . Es ähnelt in seinem Verlaufe dem
Pickschen Bündel beim Menschen.
Von diesem Bündel „x“ zweigt sich an dem Beginne seines frontalen Ver¬
laufs ein anderes Bündel „y“ ab, das in medialem Verlaufe zur linken Seite
hinüberzieht und an der linken lateralen Grenze des Höhlengraues aufsplittert.
Zu der Stelle seiner Aufsplitterung gelangt aus der linken Pyramide ein direkter,
ungekreuzter Zug.
Das Wallenbergsche Versuchsmaterial waren Meerschweinchen, die zum
Zwecke der Verfolgung des basalen Riechbündels operiert und mit der Marchi-
Methode untersucht worden waren.
Die Arbeit ist Ludwig Edinger zum 60. Geburtstage gewidmet.
2) Beiträge zur Anatomie und Physiologie des gliösen Gewebes im Seh¬
nerven, von C. Behr. (v. Graefes Archiv t Ophthalmologie. LXXXIX. 1914.)
Ref.: G. Abelsdorff.
Anatomische sowie experimentelle Untersuchungen (Injektionen von Berliner
Blau und chinesischer Tusche) überzeugten den Verf., daß zwischen dem Glia¬
fasersystem und den Achsenzylindern innige Verbindungen bestehen, indem sich
von den gröberen Gliafasern feine Fädchen abzweigen, welohe die Markscheiden
durchbohren und unmittelbar an den Achsenzylinder herantreten.
Nach der Annahme des Verf.’s spielt das Gliafasersystem bei dem inneren
FlüssigkeitswecliBel der nervösen Substanz die Hauptrolle, so daß er dasselbe als
das Lympfgefäßsystem der nervösen Substanz bezeichnet. Außer den fixen Glia-
zellen existiert noch eine zweite Art mit amöboiden und phagozytären Eigen¬
schaften. Die letzteren lassen sich im menschlichen Sehnerven bei Degeneration
des nervösen Gewebes beobachten, zugleich erfolgt eine Proliferation der Glia-
zellen durch amitotische Teilung.
Physiologie.
3) Über den Ausfall der NJnhydrinreaktion bei Extrakten verschiedener
Teile des Kaninchengehirns, von Wilhelm Bausch. (Klinik f. psychische
u. nervöse Krankh. IX. H. 2. Halle a/S., Carl Marhold, 1914.) Ref.: Bratz.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
464
Bei gleichbleibender Versucbsanordnung reagieren die verschiedenen Einzel¬
extrakte von Gehirnrinde, Gehirnmarksubstanz und von Kleinhirn durchaus nicht
gleichmäßig mit Ninhydrin. Was von vornherein anzunehmen war, ist damit be¬
wiesen: daß diese drei Gehirnabschnitte biochemisch nicht gleich zu achten sind.
Das gilt nach Bauschs Untersuchungen vorerst nur fürs Kaninchengehirn, aber
auch beim menschlichen Gehirn werden sich vermutlich diese Unterschiede fest¬
stellen lassen.
4) Einfluß von Ernährung und Erkrankungen auf das Wachstum des Ge¬
hirns im 1. Lebensjahre, von Dr. Wolf Sawidowitsch. (Monatsschrift f.
Kinderheilk. XIII. H. 5.) Ref.: Zappert (Wien).
Die Größenverhältnisse des Gehirns erschloß Verf. aus dem Wachstum des
Kopfes. Er konnte hierbei nachweisen, daß künstliche und natürliche Ernährung
für das Gehirnwachstum gleichwertig sind, daß einseitige fettarme Kost das Ge¬
hirnwachstum hemme, Ernährung mit Vollmilch und kondensierter Milch „große
Köpfe 44 macht. Ernährungsstörungen rufen Störungen im Gehirnwachstum hervor,
hingegen beeinflußt die Rachitis nicht die Gehirnentwicklung; ebensowenig ist
dies bei exsudativer Diathese der Fall, wenn nicht infolge therapeutischer Ma߬
nahmen eine Unterernährung des Kindes eintritt. Die ausführliche Arbeit er¬
scheint als Berliner Dissertation.
5) Sohädelimpresslonen bei Neugeborenen und ihr Einfluß auf die spätere
Entwicklung, von Fr. Glaser. (Inaugural-Dissertation. Würzburg 1914.)
Ref.: K. Boas.
Nach einer Übersicht über die einschlägige Literatur erörtert Verf. die Be¬
deutung der Impressionen des Schädels des Neugeborenen für- die spätere Ent-
wicklung auf Grund von 16 Fällen aus der Würzburger Universitäts-Frauenklinik.
Aus den Untersuchungen des Verf.’s ergibt sich zweierlei:
1. Eine besondere Therapie der Schädelimpressionen ist bei Neugeborenen
nicht einzuleiten auf Grund eines günstigen Ausganges von 100°/ o in den Fällen
des Verf.’s.
2. Ein Einfluß auf die spätere geistige Entwicklung besteht nicht. Niemals
wurde ein Zurückbleiben in der Schule, Kopfschmerzen oder ähnliche von der
Impression ausgehende Erkrankungen beobachtet.
6) Zum Einflüsse der Sohädelimpression auf den Neugeborenen und seine
körperliche und geistige Entwicklung, von W. Gfrörer. (Zeitschrift f.
Geburtsh. u. Gynäkologie. LXXV. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Ver£ kommt auf Grund Beiner Untersuchungen zu dem Ergebnis, der un¬
komplizierten Schädelimpression des Neugeborenen jeglichen Einfluß auf dessen
spätere körperliche und geistige Entwicklung abzusprechen.
7) Der fehlende Ausgleich der Sohädelmaße bei anatomisch bedingten
Funktionsstörungen des Gehirns, von Dr. Leo Wolf er. (Medizin. Klinik.
1914. Nr. 13.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. bespricht in einer vorläufigen Mitteilung die Fälle, in denen die Er¬
gebnisse der Kraniometrie und Kranioskopie mit der physiologischen Dignität des
betreffenden Gehirns nicht in Einklang zu bringen sind. Er geht in seinen kurz
skizzierten Betrachtungen von den experimentell physiologischen Ergebnissen und
klinischen Beobachtungen aus. Die für die Intelligenz in erster Linie in Be¬
tracht kommenden Gehirnpartien liegen in jenem Teil des Schädels, der von zwei
Geraden begrenzt wird, wovon man sich die eine vom oberen Ohrmuschelansatze
zur Haar grenze, die andere vom oberen Ohrmuschelansatze zum Haarwirbel
gezogen denken kann. Ein Dreieck entsteht dann durch die Verbindung von
Haargrenze und Haarwirbel. Zwei andere Dreiecke entstehen durch Verbindung
von Ohrmuschelansatz mit der Protuberanz des Hinterhaupts einerseits bzw. mit %
dem Nasensattel andererseits. Das mittlere Dreieck ist immer das größte, die
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
465
Größe der beiden anderen ist bei Gesunden wie bei Geisteskranken sehr
variabel. Das mittlere Dreieck ist bei Psychopathen kleiner als bei Geistes-
gesunden. Beim Gesunden macht sioh im Gegensatz zum Psychopathen immer
ein Ausgleich zwischen den drei Dreiecken geltend.
8) Sulla funzione dei lobt frontal!, per R. Rebizzi. (Estratto dal volume
pubblicato in omaggio al Prof. Agostini.) Ref.: R. Ganter.
Verf. gibt zunächst einen Überblick über den Stand der die Funktion der
Stimlappen betreffenden Fragen, um dann selbst einen klinischen und anatomischen
Beitrag zu bringen. Es handelte sich um eine 52 Jahre alte, an progressiver
Paralyse erkrankte Frau mit zunehmender Verblödung und Charakterverschlech-
terung. Die Sektion ergab eine bedeutende Atrophie der Stirnwindungen, eine
wirkliche erworbene Mikrogyrie. Verf. sieht hierin einen unwiderleglichen Beweis
dafür, daß im Stirnlappen der Sitz der intellektuellen Funktionen ist.
9) Über die Grenzen der Extremitätenregion der Großhirnrinde, von Max
Rothmann. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. Heft 5.)
Ref.: Kurt Mendel. /
1. Es findet sich beim Hunde hinter der Munkschen Extremitätenregion eine
Zone für die Tiefensensibilität, für das Vorderbein im Gyrus suprasylviacus an¬
terior, für das Hinterbein im vordersten Teil des Gyrus marginalis. Bei Aus¬
schaltung dieser Zone handelt es sich im wesentlichen um ein Verstellen der ge¬
kreuzten Extremitäten nach allen Richtungen und um einen positiven Versenkungs¬
versuch in Beugestellung.
2. Beim Affen bewirkt Ausschaltung des Gyrus supramarginalis eine leichte
Ungeschicklichkeit der Hand und Finger des gekreuzten Armes, aber keine
Störung der Augenbewegungen. Während dieser ventrale Teil der Munkschen
Augenregion daher zur .Armregion hinzuzurechnen ist, gehört der Gyrus angularis
zur Sehsphäre. Seine Ausschaltung, ein- oder doppelseitig, bewirkt eine sich
allerdings rasch zurückbildende Sehstörung.
3. Ausschaltung der hinteren Zentralwindung allein führt bereits neben
Schwäche und Ataxie zu einer leichten RichtungsBtörung des gekreuzten Armes,
die rasch vorübergeht. Dagegen bedingt die gemeinschaftliche Ausschaltung von
Gyrus centralis posterior und Gyrus supramarginalis eine schwere Richtungs¬
störung des gekreuzten Armes beim Greifen in Verbindung mit starken Störungen
des Haut- und Muskelsinns. Der Arm greift in der Horizontalen nach innen,
seltener nach außen vorbei, in der Vertikalen nach oben zu hoch, nach unten zu
tief. Diese Störung der von beiden Gyri aus zustande kommenden Innervation
der Richtungsempfindungen wird durch Mitausschaltung des zerebellaren Arm¬
zentrums der Kleinhirnhemisphäre nicht wesentlich verstärkt.
4. Das Vorhandensein elektrischer Reizfozi in der hinteren Zentralwindung
des Affen nach Ausschaltung der vorderen Zentralwindung wird an der Hand der
mikroskopischen Serienschnitte eines einschlägigen Falles sichergestellt. Zugleich
werden derartige Fozi an dem hinteren Wall der hinteren Zentralwindung am
Fundus der Interparietalfurche nachgewiesen.
5. Sowohl die Inaktivität des gekreuzten Armes nach Ausschaltung des
Gyrus centralis posterior, als auch die Restitution isolierter Bewegungen des
Armes nach Ausschaltung des Gyrus centralis anterior beweisen das Vorhanden¬
sein motorischer Elemente in der Rinde des Gyrus centralis posterior.
6. Im Gyrus centralis anterior greift die motorische Zone weit nach vorn
über die elektrisch bestimmte Armarea hinaus. Eine funktionelle Differenzierung
der Area gigantopyramidalis und der Area agranularis ist bisher nicht möglich.
10) Über die Ausfallserscheinungen nach Affektionen des Zentralnerven¬
systems und ihre Rückbildung, von Max Rothmann. (Deutsche med.
Wochensehr. 1914. Nr. 29.) Ref.: Kurt Mendel.
xxxiv. 30
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
466
Verf. bekämpft die Monakowsche Diaschisistheorie. Das Bestehen der
DiaBchisis in dem von v. Monakow betonten Umfange würde eine Hirnlokalisation
in der bisher angenommenen Form (Munk) vollkommen illusorisch machen und
ließe die bisherigen Bindenzentren nur noch als die Brennpunkte ausgedehnter,
über das ganze Gehirn verteilter Erregungskreise erscheinen» Diese Diaschisis¬
theorie lehnt Verf. an der Hand der experimentellen Hirnphysiologie, insbesondere
auch der Erfahrungen am großhirnlosen Hunde, sowie mit Rücksicht auf die
Beobachtungen am Menschen, speziell bei der Hirnchirurgie, mit Entschiedenheit
ab. Vielmehr besteht für ihn kein Zweifel, daß im Bereich des Rückenmarks, der
Hirnrinde und der tieferen Hirnzentren eine außerordentlich streng durchgeführte
Lokalisation herrscht.
Die Ausfallserscheinungen nach Herden im Zentralnervensystem folgen dem
phylogenetischen Grundgesetz, das sich folgendermaßen formulieren läßt:
Je älter im phylogenetischen Sinne eine Funktion ist, und je früher sie sich
daher auch ontogenetisch entwickelt, um so mehr ist sie von tieferen phylogenetisch
alten Zentren abhängig, die sich weitgehende Selbständigkeit gegenüber den
höheren Zentren, vor allem der Großhirnrinde, bewahrt haben. Dagegen sind die
phylogenetisch jungen Funktionen ausschließlich von der Großhirnrinde abhängig,
nach deren Ausfall sie teils erst nach längerer Zeit, teils überhaupt nicht zur
Restitution kommen. Auch innerhalb der Großhirnrinde selbst hat dieses phylo¬
genetische Grundgesetz Geltung und führt zur Abspaltung bestimmter, erst beim
Menschen auftretender Funktionskreise (Aphasie, Apraxie).
Verf. stellt unter Anführung von Beispielen für jeden Modus folgendes Schema
der Rückbildung der Ausfallserscheinungen nach Hirnherden auf:
1. Rückbildung durch abgeänderte Funktion der erhalten gebliebenen Ab¬
schnitte des gleichen Hirnzentrums.
2. Rückbildung bei normaler Weise bilateral angelegten Funktionen durch
Erstarken der anderen Hemisphäre.
3. Rückbildung durch Eompensationswirkungen von Hirnteilen, die normaler¬
weise in Synergie mit den ausgescbalteten Zentren funktionieren.
4. Rückbildung durch Wiedererstarken der phylogenetisch alten subkortikalen
Zentren nach Ausschaltung der phylogenetisch jungen Zentren oder Bahnen.
(Wichtigster Modus!)
5. Rückbildung durch Eintreten der Zentren der anderen Himbälfte mittels
Eommissurenbahnung. —
In diagnostischer und therapeutischer Hinsicht (diese Übungstherapie ist weit¬
gehend imstande, den Restitutionsvorgang zu beschleunigen und zu vervoll¬
kommnen, s. auch d. Centr. 1914. S. 536) scheint dem Verf. die Frage der Rück¬
bildung der Ausfallserscheinungen von Wichtigkeit.
11) Die Genltalzentren bei Gehirnerschütterung, von Carlo Ceni. (Archiv
f. Entwicklungsmechanik der Organismen. XXXIX. 1914. H. 1; vgl. d. Centr.
1914. S. 505.) Ref.: Kurt Mendel.
Versuche (Gehirnverletzungen) an Hühnern, Tauben und Hunden zeigten, daß
die Geschlechtsorgane, besonders die Spermatogenesis und die Eierentwicklung,
besondere funktionelle und trophische Zentren in der Hirnrinde besitzen: nach
Verletzung einer Hemisphärenzone tritt Atrophie in dem Hodenparenchym bzw.
Degeneration der am meisten entwickelten Eier des Eierstockes ein. Allmählich
erfolgt eine teilweise anatomische Restitution der Organe, eine völlige Funktions¬
restitution der Geschlechtsdrüsen tritt aber nicht auf. Starke, wiederholte Gehirn¬
erschütterung führte ein Aufhören der Spermatogenesis und Hodenatrophie herbei.
Nach 35 bis 80 Tagen völlige Wiederherstellung. Bei einem jungen Manne mit
Schädeltrauma und schwerer Hirnerschütterung zeigte sich völliger Stillstand der
Spermatogenesis mit dem Charakter einer akuten Atrophie der Hoden, der Canales
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
467
efferentes, der Epididymis und des Ductus deferens, Die Hirnerscbütterong hat
also einen ungeheuren Einfluß auf die männlichen Geschlechtsorgane und besonders
auf die Geschlechtsdrüsen. Diese ausgezeichnete Empfindlichkeit der Genitalzentren
des Gehirns gegen eine rein dynamische Einwirkung ist viel stärker als die der
motorischen und der Sinneszentren und steht im direkten Verhältnisse zur Ent¬
wicklungsstufe des Tieres selbst.
12) Die Neurologie des Fus io ns Vermögens, von Burkholdes. Ophthalmo-
logy. X. 1914. S. 691.) Ref.: Kurt Steindorff.
Bei niederen Tieren, Fischen, Amphibien, Vögeln, deren zerebrale Diffe¬
renzierung noch gering ist, liegt das Zentrum für die Augenmuskelbewegungen
im oberen Paar der Corpora quadrigemina, die bei den Fischen entsprechend den
an sie gestellten Anforderungen noch gering, bei den Vögeln aber stärker ent¬
wickelt sind. Je höher in där Tierreihe die Hirnrinde entwickelt ist, desto
stärker geht das obere Vierhügelpaar zurück. Weiter regulieren sie die grobe
Orientierung der Augenmuskeln; die feinere Fusion beim binokularen Sehen über¬
nimmt das Rindenzentrum im Hinterhauptslappen, das demnach sowohl die Inter¬
pretation der Scheineindrücke wie auch die Regulierung der feineren Augen¬
bewegungen zu besorgen hat. Durch die hinteren Fasern des Corpus callosum
besteht eine Verbindung der beiden Hinterhauptszentren.
13) Labyrinthaire invloed op de Oogbewegingen: Lat meohanlsme der
geoonjugeerde deviatie, vor L. H. H. Muskens. (Ned. Tijdschr. v. Geneesk.
1914. S. 893; vgl. Klin. Monatsbl. f. Augenheilkunde. LIH. 1914. S. 688.)
Ref.: Kurt Steindorff.
Auf Grund anatomischer, physiologischer und pathologisch-anatomischer
Untersuchungen muß dem hinteren Längsbündel eine große Bedeutung bei der
Erklärung der konjugierten Deviation in horizontaler Ebene beigelegt werden.
Eigene Untersuchungen stützen diese aus dem Studium der Literatur entstandene
Ansicht. Eine zweite Reihe von Versuchen ergibt, daß das Corpus Striatum und
die Lamina medullaris ext beim Zustandekommen von Manegebewegungen eine
Rolle spielen können. Schließlich erörtert Verf. den Wert des Symptoms der
konjugierten Deviation für die Lokalisation von Eirankheitsherden.
14) Die Aufbrauohtheorle und das Gesetz der L&hmungstypen, von Sieg¬
mund Auerbach. (Deutsche Zeitsohr. f. Nervenheilk. LIU. 1916. H. 6.)
Ref.: Kurt Mendel.
Das Gesetz der Lähmungstypen, welches Verf. verficht, ist folgendes: Die¬
jenigen Muskeln hzw. Muskelgruppen erlahmen am raschesten und vollkommensten,
bzw. erholen sich am langsamsten und am wenigsten, die die geringste Elraft
(ausgedrückt durch das Muskelgewicht) besitzen und ihre Arbeitsleistung unter
den ungünstigsten physikalischen, physiologischen und anatomischen Bedingungen
zu vollbringen haben, während die in dieser Beziehung besser gestellten Muskeln
von der Lähmung größtenteils verschont bleiben.
Pathologische Anatomie.
16) Beiträge zur Klinik und pathologischen Anatomie der Alzheimersohen
Krankheit, von E. Frey. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u.Psych. XXVIL 1916.
H. 6.) Ref.: W. Misch.
Auf Grund seiner klinischen Beobachtungen und eingehender histologischer
Untersuchungen kommt Verf. zu dem Ergebnis, daß die Alzheimer sehe Krankheit
trotz der eigentümlichen Sprach- und praktischen Störungen keine selbständige
Krankheit, sondern eine atypische Form der senilen Demenz ist, die am häufigsten
im präsenilen Alter, aber auch im vorgeschrittenen Alter beobachtet wird. Ana¬
tomisch besteht ein Unterschied der beiden Formen nur in ihrer Lokalisation und
30*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
468
ihrem Grad, indem die schwersten anatomischen Veränderungen der Alzheimer-
sehen Krankheit im Gyrus angularis und im Schläfenlappen zu beobachten sind.
Bei der Alzheimerschen Krankheit hat die Architektonik der Binde gelitten; sie
ist charakterisiert durch hochgradigen Hirnschwund, Drusenbildung, Ganglien¬
zellen- und Fibrillendegeneration. Die Drusen sind wahrscheinlich als pathologische
Stoffwechselprodukte aufzufassen, die sich im verdichteten Gliaretikulum einlagern,
zwischen denen gliöse Abraumelemente erscheinen; die Achsenzylinder weisen an
der Peripherie und im Innern der Drusen zum Teil degenerative Veränderungen,
zum Teil proliferative Reizerscheinungen auf; das umgebende Gliagewebe reagiert
auf die Einlagerung der pathologischen Stoffwechselprodukte durch Bildung großer
faserbildender Gliazellen, deren Fasern den Herd einkapseln. Die Ganglienzellen
neigen zur fettig-pigmentösen Degeneration; ein Teil der fettig-degenerierten Zellen
geht zugrunde, der andere sklerosiert. In den in tieferen Schichten liegenden
Zellen gibt sich der Untergang der Zelle in einer feinkörnigen Umwandlung des
Zellprotoplasmas kund, die dann zur Vakuolenbildung führt. Die Fibrillen¬
degeneration besteht in einer Verdickung der Fibrillen, die dadurch entsteht, daß
sich die feinen Fibrillen durch eine Kittsubstanz verkleben und klumpig werden;
die verdickten Nervenfibrillen neigen zu Schlingeubildungen; die verklebten
Fibrillen zeigen eine große Affinität zu Silberstoff.
16) Extensive pigmentation of the brain assooiated with nevi pigmentosi
of the skin, by W. W. G. Maclachlan. (Journ. of med. Research. XXIX.
1914. Nr. 3.) Ref.: K. Boas.
Verf. untersuchte Kleinhirn, Pons und Thalamus opticus eines 2 Honate alten
Kindes, das auf der Haut mehrere Naevi pigmentosi zeigte. Es fanden sich in
den genannten Hirnteilen wie in den Naevis pigmentierte und nicht pigmentierte
Naevuszellen, deren Entstehung Verf. nach Ribbert von den Chromatophoren der
Haut (Mesoblast) ableitet.
17) Über Agyrie und Heterotopie am Großhirn, von Ehrhardt. (Allgem.
Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Das Gehirn stammt von einer epileptischen Idiotin, die Erscheinungen von
Kinderlähmung darbot, auf ganz infantiler Stufe des Körperwachstums stehen ge¬
blieben war und im 9. Lebensjahre an Tuberkulose starb. Es fand sich eine
Wachstumshemmung und Mißbildung der Himentwicklung. Die hinteren zwei
Drittel der Hirnoberfläche zeigten noch keine Furchung und Gliederung in Win¬
dungen. Die Rinde war verbreitert; unterhalb lag, von ihr durch einen linien-
schmalen Markstreifen getrennt, eine abnorme graue Masse, die nur durch eine
2 / s cm breite Markschicht von der Ventrikelwand abgedrängt war. Diese Masse
enthielt neben vereinzelten Pyramidenzellen nur polygonale Stemzellen und war
nicht durch radiäre Markstrahlen zerteilt. Entzündungserscheinungen waren
nirgends nachweisbar.
Bei der Erklärung dieser Mißbildung schließt sich Verf. der Matellschen
Anschauung an, daß infolge Ausbleibens der normalen Markentwicklung die untere
Grenzschicht der Rinde in Wucherung geraten ist. Dem Verf. sind leider die
grundlegenden neueren Arbeiten von v. Monakow und H. Vogt entgangen, welche
eine erschöpfende Darstellung der Heterotopie grauer Substanz und ihrer Patho¬
genese enthalten. In diesen Arbeiten hätte er auch die von ihm besonders be¬
dauerte „Lücke in unseren Kenntnissen der normalen Hirnentwicklung“ ausgefüllt
gefunden. Speziell berücksichtigt Vogts bekannte Arbeit „Über Anatomie, Wesen
und Entstehung mikrozephaler Mißbildungen“ (in „Arbeiten aus dem hirnanatomi-
8chen Institute in Zürich“ I) ganz besonders die Rinden- und Markentwicklung des
normalen Gehirns vom 4. Fötalmonat bis zur Geburt.
18) Über die Selbsttrepanation der Natur beimTurmsohädel, von J. Strebe).
(Correspondenz-Blatt f. Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 17.) Ref.: Kurt Mendel.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
469
Ans den Schlußsätzen sei folgendes hervorgehoben:
Bei Befunden von scheinbar primärer Sehnervenatrophie ist der Schädel¬
varietät bzw. Konfiguration erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken und die Unter¬
suchung durch eine Röntgenaufnahme des Schädels zu ergänzen.
In 9 Fällen von totalen Oxyzephalen war 7 mal eine sekundäre Sehnerven¬
atrophie als Folge einer früheren Stauungspapille nachzuweisen. In den zwei
anderen Fällen mußte die Frage offengelassen werden, ob die Atrophia nerv. opt.
sekundärer oder primärer Natur war.
In 2 Fällen von Turmschädel konnten als Zeichen chronischen Himdruckes
Anfälle von klonischen Krämpfen mit Erbrechen und Bewußtseinsstörung beob¬
achtet werden. Das wachsende und in seinem Wachstum gehemmte Hirn selbst
ist der Grund des gesteigerten intrakraniellen Druckes.
Vom chirurgisch-therapeutischen Standpunkt aus ist zu unterscheiden: 1. Turm-
schädel im amaurotischen Stadium ohne Zeichen chronischen Hirndruckes; keine
Indikation zur Operation; Überweisung in ein Blindenheim» 2. Turmschädel im
Stadium der Stauungspapille oder der Sehnervenatrophie mit Zeichen bestehenden
chronischen Hirndruckes; möglichst baldige Operation, besonders wenn Stauungs¬
papille besteht, und zwar multiple Dekompressionstrepanation an Stelle der
stärksten Druckbelastung.
Die anatomischen Korrelationen des Turmsohädels mit einem oft reichen
Netz von entwicklungsgeschichtlichen Anomalien weisen mit Gewißheit darauf hin,
daß der TurmBchädel ebenfalls eine solche darstellt.
19) Zur sekundären Degeneration der Pyramidenbahnen bei Porenzephalie,
von S. u. J. Stuchlik. (Revue v. neuropsychopathol. XI. 1914. S. 177.)
Ref.: J. Stuchlik (Zürich).
Diskutiert ist die Frage über die Ursachen, Möglichkeiten und Formen der
Erhaltung von Pyramidenfasern bei zentralen porenzephalisohen Läsionen mit
Berücksichtigung klinischer Fälle sowie experimenteller Untersuchungen. Die
Mitteilung knüpft an die Arbeit von S. Stuchlik (Archiv f. Psych. 1914) an.
20) Über Kopfhautfalten und Haarlinien, von R. Ganter. (Allgem. Zeitschr.
f. Psych. LXXII.) Ref.: Zingerle (Graz).
Verf. beschreibt eigenartige Kopfhautfalten und Haarlinien, die zu den Bil¬
dungsanomalien der Haut zu reohnen sind und Degenerationszeichen darstellen.
In allen Fällen kommen auch noch, andere Degenerationszeichen vor; die bisher
bekannten Fälle von Kopfhautfalten betrafen mikrozephale Idioten, Epileptiker
oder sonst sehr stark degenerierte Familien.
Gehirn.
21) Zur fokalen Lokalisation der Sensibilität in der Großhirnrinde des
Menschen, von C. T. van Valkenburg. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych.
XXIV. H. 2 n. 3.) Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Verf. versuchte an zwei Patienten mit sensiblen Jackson-Anfällen im Dienste
der notwendigen Orientierung am operativ in Angriff genommenen Hirnteil durch
faradische Reizung der Rinde hinter dem Sulcus centralis — bei voll erhaltenem
Bewußtsein — sensorische Eindrücke in der Peripherie des Körpers zu erzeugen.
Er kam dabei zu viel exakteren Abgrenzungen als Cushing, der bisher allein
solche Versuche angestellt hatte, indem er fand, daß die vor dem Sulcus centralis
liegenden Foci für Bewegungen sich in derselben Horizontalebene befinden wie
jene Stellen der hinteren Zentralwindung, auf deren Reizung die den bewegten
Gelenken benachbarte Hautbekleidung mit Parästhesien reagiert. Eine normale
Berührungsempfindung ließ sich durch Kortexreizung nicht hervorrufen, Schmerzen
und Muskelgefühle traten nie auf. Die Hautberührung scheint mit dem am
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
470
meisten frontal gelegenen Teil der hinteren Zentralwindnng in Verbindung zu
stehen, die Wärmeempfindung wenigstens zum Teil in diesem Rindenteil lokalisiert
zu sein, doch ist die Art des Zusammenhangs wohl wesentlich verschieden von
der der einfachen Hautberührung.
Die in beiden Fällen vorgenommene Ausscheidung der „primären parästhe-
tischen“ Zentren ergab Ausfälle, die sich mit den klinischen Beobachtungen
moderner Autoren in Fällen von Großhirnherden deckten (Hypästhesie für Be¬
rührung, gestörte Diskrimination, gestörter Muskelsinn, Astereognose, verspätete
Thermästhesie und Verlust der Unterscheidung benachbarter Temperaturen —
„thermische Diskrimination“ —, Ataxie, dagegen Erhaltenbleiben der richtigen
Lokalisation der empfundenen Reize, des Schmerzsinnes, der Empfindung starken
Druckes, der Thermästhesie — wenn auch verlangsamt). Die zur Auslösung der
gestörten Empfindungsarten notwendigen Impulse müssen in unmittelbarster Nähe
zueinander in die Rinde gelangen oder sogar alle der nämlichen Faserleitungen
bedürfen, um in den Cortex cerebri rezipiert zu werden. Demgegenüber müssen
die Empfindungen von Schmerz, Temperatur und starkem Druck auch in anderen
Rindenteilen primär zur Aufnahme gelangen können. Die schon in der Rücken¬
marksleitung vorgebildete Empfindungsspaltung kehrt in typischer Form beim
Rindenherde, dessen Sitz entsprechend kompliziert, wieder. Die Wahrscheinlich¬
keit relativ abgegrenzter „höherer“ Sensibilitätszentren ist nicht von der Hand
zu weisen. Die scheinbaren Gegengründe sucht Verf. zu erklären bzw. zu ent¬
kräften.
22) Klinisohe Beiträge zur Iiehre von der Lokalisation der sensiblen
Bindenzentren, von Sittig. (Prager med. Wochenschrift. 1914. Nr. 45.)
Ref.: Pilcz (Wien).
Fall I. 40jähr. Mann, typisch-megalomane Paralyse mit Krampfanfällen.
Gelegentlich auch Anfälle von Parästhesien in der rechten Gesicbtshälfte, nament¬
lich Mund, Zähnen und Zunge, und in der rechten Hand, speziell im Daumen.
Obduktion ergab Lissauersche Paralyse.
Fall II. 39jähr. Mann, Lues in Anamnese. Anfälle von Ameisenlaufen in
linker Hand und Wange, speziell in einer dorsalen Partie zwischen Daumen und
Zeigefinger und im linken Anteile der Oberlippe. Auf diese Parästhesien erfolgten
generalisiert epileptische Anfälle. Wassermannreaktion war negativ; Heilung.
Verf. nimmt eine zirkumskripte Meningitis an.
Fall III. 15jähr. Knabe, großer Naevus vasculosus an linker Stirn wird
mit Kohlensäureschnee behandelt. Bald darauf epileptische Anfälle mit Aphasie,
Alexie, Agraphie und Hemianopsie, abnormen Geschmacksempfindungen. Bemerkens¬
wert waren anfallsweise auftretende Parästhesien im rechten Nasenflügel, Mund¬
winkel und in der rechten Hand. Verf. nimmt eine ausgedehnte Erweichung an,
vermutlich infolge fortschreitender Thrombosierung von Venen, die sich vom
Naevus aus durch Knochen auf die Duravenen erstreckte. Die Erweichung muß
den linken Schläfenlappen bis zur Tiefe der Sehstrahlung, nach hinten bis zum
Scheitellappen und Gyrus unoinatus umfassen.
Diese Beobachtungen im Zusammenhalt mit den Valkenburgschen Versuchen
sprechen dafür, daß das Zentrum für die Sensibilität des Mundwinkels benachbart
dem für die Hand, speziell Daumen, und für die Nase gelegen sei. Ein gleichzeitiges
Befallensein dieser Partien von anfallsweise auftretenden Parästhesien spricht also
für einen Prozeß in Gegend der hinteren Zentralwindung.
23) Beiträge zur Frage der kortikalen Sensibilitätsstörungen v von Otto
Marburg. (Monatsschr. f. Psychiatrieu. Neurologie. XXXVII. 1916. H. 2.)
Ref.: Kurt Mendel.
Fall I. Schrapnellstreifschuß am linken Scheitelbein. Geringer Grad sen¬
sorischer Aphasie, leichte Schwäche des rechten Armes mit gesteigerten Reflexen,
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
471
Anästhesie an der Radialseite der rechten Hand für alle Qualitäten inkl. Schmerz?
Temperatur, Lagegefühl und Stereognose. Die Operation zeigte einen kleinen
Abszeß in der Hirnrinde; nach der Inzision blieb nur die Sensibilitätsstörung in
ihrer ursprünglichen Ausdehnung bestehen, Sprache und Motilität wurden normal;
keine Ataxie.
Fall II. Tangentialschuß am linken Scheitelbein. Sohlechtes Sprechen und
Schwäche der ganzen rechten Hörperhälfte, sensorische Aphasie, leichte Hypalgesie
an der ganzen rechten oberen Extremität; Daumen-, Zeige- und Mittelfinger waren
besonders stark betroffen; Verlust der Stereognose. Die Operation ergab einen
Abszeß; nach derselben Besserung der Sprache und der rechtsseitigen Parese; die
Sensibilitätsstörung an der rechten Hand bleibt aber unverändert, während die
Hypalgesie des Vorder- und Oberarmes gleichzeitig mit der Parese geschwun¬
den war.
Fall III. Schrapnellschuß am linken Scheitelbein. Sensorische Aphasie,
leichte Hemiparese rechts, leichte Hemihypalgesie, schwere Störung der Stereognose
an Daumen, Zeige- und Mittelfinger rechts. Nach Operation (Abszeßauslöffelung)
Heilung der Sprach- und Motilitätsstörung, hingegen deutliche Störung des Muskel¬
gefühls und der Stereognose an Daumen, Zeige- und Mittelfinger, während die
anderen Qualitäten nur eine Herabsetzung zeigen. Hier — wie auch in Fall II
— Störung des Lokalisierungsvermögens.
Diese Fälle partieller Tastlähmung finden sich häufiger bei linksseitiger Hirn¬
läsion als bei rechtsseitiger. Die Stelle der Läsion befindet sich in einem Gebiete,
das zwischen vorderer Zentralwindung und den Gyri profundi der ersten Temporal¬
windung links gelegen ist. Da aber die auf letztere zu beziehenden Erscheinungen,
die Hemiparese und Sprachstörung, zurückgegangen sind, so muß man annehmen,
daß die Schädigung, die den stationären Ausfall bedingt, das dazwischen gelegene
Rindengebiet, d. h. die hintere Zentralwindung und den Gyrus supramarginalis,
betrifft. Die Fälle des Verf.’s stützen die Annahme Muskens’, der die Radial-
seite der Hand in das Gebiet knapp über der Sylvischen Furche, die Ulnarseite
über die Mitte der hinteren Zentralwindung und den angrenzenden Scheitellappen
reichen läßt. Es scheint ferner, daß bezüglich der Verteilung der Sensibilität auf
Körperareale ein vorgebildeter Mechanismus besteht, der Daumen, Zeigefinger und
wohl auch Mittelfinger in sich begreift. Diese Finger sind diejenigen, welche für
feinere Tastvorgänge als wesentlich in Frage kommen, und es scheint, daß es ^ich
hier um Zentren für ganz bestimmte Empfindungsmechanismen handelt, die kom¬
biniert aufzutreten pflegen, ähnlich wie wir kombinierte Bewegungsmechanismen
in der Rinde vertreten haben.
Verf. schließt: „In der hinteren Zentralwindung und dem benachbarten Gyrus
supramarginalis besitzen wir ein Zentrum für kombinierte Empfindungsqualitäten,
dessen Ausfall besonders linksseitig zu einer Tastläbmung des Daumens, Zeige¬
fingers und Mittelfingers führt, mit gleichzeitiger Schädigung der protopathischen
Sensibilität und des Lokalisationsvermögens.“
24) Zur Lokalisation des Tastsinns, von Felix Boenheim. (Berliner klin.
Wochenschr. 1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. hat in einem Falle von Weichteilverletzung am Kopf durch Anlage des
Krönlein sehen Schemas am Kopf festgestellt, daß die Erscheinungen des Patienten,
die kurz geschildert werden, auf eine Blutung in den Gyrus praecentralis zurück¬
geführt werden müssen.
25) Zur Symptomatologie der zerebralen Lähmungen, von G. Bergmark.
(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Tumor im obersten Teil des linken Gyrus centralis anterior. Be¬
merkenswert ist die proximale Lähmung der oberen Extremität vor der Operation;
sie widerspricht der Angabe Bonhoeffers, daß es eine zerebrale Lähmung,
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
472
die in den proximalen Gelenken mehr als in der Hand ausgesprochen sei, nicht
gebe (vgl. Referat über Söderbergh, d. Gentr. 1914. S. 509). In 18 vom
Verf. aus der Literatur gesammelten Fällen war die zerebrale Lähmung des
Armes proximal mehr ausgesprochen als distal. Von diesen 18 Fällen waren auf*
fallenderweise 11 Fälle Tumoren. — Nach der Operation trat im vorliegenden
Falle eine schwere Lähmung der rechten Extremitäten, sowie eine Diaphragma-
lähmung auf; die rechte Zwerchfellshälfte bewegte sich — wie auch das Röntgen*
bild ergab — nach oben und nach unten nur halb so sehr als die linke. In
7 von 8 * vom Verf. untersuchten Fällen von Hemiplegie zeigte sich eine Ein¬
schränkung der Diaphragmabewegungen auf der hemiplegischen Seite. Diese
Zwerchfellsparese führt auch perkutorische Veränderungen herbei: der Schall erhält
auf der hemiplegischen Seite einen tympanitischen Beiklang, bedingt durch eine
nach dem Zusammensinken des Brustkorbes eintretende Retraktion der Lunge.
Trotz hochgradiger Parese von kortikal ganz nahe lokalisierten Muskelgruppen
waren im vorliegenden Falle beide Sternocleidomastoidei kontraktionsfähig. Verf.
erklärt dieses Verhalten mit der Annahme einer bilateralen Innervation des
Sternocleidomastoideus.
Ferner ist eine im Anschluß an die Operation aufgetretene agraphische
Störung der linken Hand bemerkenswert (Herd im linken Gyr. centr. post.!).
Es ist allerdings möglich, daß bei dem stumpfen Hinausheben des Tumors von
der medialen Seite der linken Hemisphäre das Corpus callosum lädiert wurde,
vielleicht war auch die Agraphie ein Ausdruck der Aphasie oder aber aprak-
tischer Natur. Jedenfalls hängt aber die linksseitige Agraphie hier von einer
linksseitigen Läsion ab.
Schließlich ist zu erwähnen die Störung des Analysevermögens der linken
Hand; dasselbe war anfangs völlig aufgehoben: Pat. konnte passiv ausgeführte
Schreibbewegungen nicht deuten, wenn die Schreibzeichen auch mehr als 10 cm
hooh waren. Der Parallelismus, der zwischen Agraphie und Störung des Analyse¬
vermögens bestand, spricht für eine linksseitige Lokalisation auch des Analyse¬
vermögens. Die linke Hemisphäre übt eben einen Einfluß auch auf gewisse sen¬
sible Funktionen der linken Hand aus, die auffällig mit der Sprache in Zusammen«
hang stehen. Der stereognostische Sinn war übrigens völlig intakt.
20) Sintomatologia del lobo parietale e ptosi oortloale, per F. Giannuli.
(Rivista sperimentale di Freniatria. XL. 1914. H. 3.) Ref.: R. Ganter.
An der Hand eines Falles von Mikrogyrie der Scheitellappen bespricht Verf.
unter Anführung der betreffenden Literatur die klinischen auf Affektion der
Scheitellappen beruhenden Symptome. Er kommt zu folgenden Ergebnissen:
1. Bei Analphabeten verursacht die Affektion des linken Gyrus angularis keine
phasisohen Symptome. 2. Die Zerstörung der 1. und 2. rechten Parietalwindung
bewirkt weder asymbolische, noch agnostische, noch apraktische Symptome. Da¬
gegen müssen diese mit den Affektionen der Windungen des linken Parietallappens
in Beziehung gebracht werden. 3. Da Astereognosie nach Zerstörung der rechten
Parietal Windungen nicht auftritt, so muß man annehmen, daß sie in keiner Be¬
ziehung zum rechten Parietallappen steht. Da nun in der Literatur Fälle von
Astereognosie bei Verletzung des linken untern Scheitellappens beobachtet worden
sind, so muß man schließen, daß dieses Symptom nur an die linke Hemisphäre
geknüpft ist. 4. Außer den von Verletzungen des linken Parietallappens ab¬
hängigen agnosti8chen Symptomen ist auch die optische Asymbolie (Alexie) an
diese Verletzungen geknüpft, ö. Die Apraxie Liepmanns gehört nicht zu den
Symptomen des rechten Parietallappens und auch nicht immer zu denen des
linken. Dieses Symptom hängt mit der Zerstörung assoziativer Bahnen zusammen.
6. Die agnostische, asymbolische Apraxie (Agraphie) kann der Ausdruck einer
Verletzung des Parietallappens, aber nur des linken, sein, weil allein da bei
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
473
Rechtshändigen die optischen symbolischen Zentren und die Zentren für die
sekundäre Identifikation für das Sehen und das Tastgefühl ihren Sitz haben.
7. Die Verletzung der 1. und 2. rechten Parietalwindung hat keine sensitiven
Störungen zur Folge, so daß diese Windungen nicht zur kortikalen Gefühls¬
sphäre gehören können. 8. Herde im Gyros angularis, sowohl rechts wie linkB,
bewirken kortikale Ptosis. 9. Die Demenz, die vornehmlich von der Zerstörung
der phasiBchen Felder abhängt, kommt im allgemeinen bei Affektionen des linken
Parietallappens vor, besonders bei schreibkundigen und gebildeten Personen. Die
Affektionen des rechten Parietallappens, die keine Bedeutung für das Zustande¬
kommen phasisoher Symptome haben, stehen auch in keiner Beziehung zu den
geistigen Störungen. Zur Entstehung der Demenz bei Affektionen des linken
Parietallappens tragen auch die anormalen histologischen und zirkulatorischen
Verhältnisse im Gehirn bei, ebenso die Unterbrechung der subkortikal verlaufenden
Assoziationsbahnen, die die funktionelle Verbindung der einzelnen Lappen be¬
sorgen. 10. Die von der Verletzung des Parietallappens abhängigen Symptome
sind dem Zufall unterworfen. Sie wechseln nicht nur bei analphabetischen und
unterrichteten Individuen, sondern auch, je nachdem die linke oder rechte Hemi¬
sphäre, oberflächliche oder tiefe Teile ergriffen sind. 11. Die gemachten Beob¬
achtungen bestätigen die Anschauung Bianchis, wonach der Parietallappen der
Sitz der durch die Kultur bedingten Entwicklung der Intelligenz ist.
27) Bin Fall von Gehirnerweichung, von W. N. Russkich. (Monatsschr. f.
Psych. u. Neur. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
26jähr., mit Tuberkulose belasteter Patient. Lungentuberkulose. Plötzlich
Lähmung der linken Extremitäten ohne Bewußtseinsverlust, Babinski, Muskel¬
rigidität, Fuß- und Patellarklonus, Tast-, Schmerz- und Wärmeempfindung links
gestört. Rechts Embolie der A. centr. retinae. Langsame Besserung. Nach
2 Jahren Exitus an Lungentuberkulose. Autopsie: Zerstörung beinahe der ganzen
hinteren Zentralwindung mit Ausnahme ihres obersten und untersten Teils, Zer¬
störung eines bedeutenden Teils der 1. und 2. Schläfenwindung. Die Erweichung
verbreitet sich nach innen und nimmt einen großen Teil der äußeren Wandung
des Seitenventrikels an der Basis der Lobi centrales und parietales ein, erfaßt
das Tapetum des Hinterhorns und erstreckt sich auf die Oberfläche der Thalami,
die Insnla Reilii und die hintere Hälfte des Nucleus lenticularis. Es haben also
diejenigen Teile der Hirnsubstanz am meisten gelitten, die vom 2. Aste der
A. fossae Sylvii versorgt werden, der für die zentralen Windungen bestimmt ist,
ferner von der A. lobi temporalis und Art. lenticulooptica. Diese Hirnverände¬
rungen erklären auch das klinische Bild.
28) La looalisation segmentaire de l’&taxie oortioale, par F. Rose. (Semaine
mödic. 1914. Nr. 13.) Ref.: W. Misch.
Nach einer heftigen Kopfverletzung in der rechten Regio parietalis superior
waren u. a. eine Anzahl Symptome aufgetreten, die auf umschriebene Läsionen
der beiden Hemisphären, und zwar besonders der linken, offenbar durch Contre-
coup, hinwiesen. Noch 9 Monate nach dem Trauma ließ sich folgender Befund
erheben: Fehlen des rechten Bauch- und Cremasterreflexes, leiohte Ataxie der
rechten Extremitäten, die an der oberen, besonders am Schultergelenk lokalisiert
ist; Hypästhesien an Stirn und Kopf, Herabsetzung der Vibrationsempfindung;
links fand sich nur eine geringe Herabsetzung des Cremasterreflexes und eine
ganz leichte Ataxie der oberen Extremität. Im übrigen war der Nervenstatus
normal. Nach zwei weiteren Monaten war die Ataxie links verschwunden, rechts
stark vermindert. Auf Grund einer eingehenden Analyse kommt Verf. zu dem
Schluß, daß es sich hier um eine kortikale Läsion außerhalb der motorischen
Zone, offenbar im Parietallappen, handeln muß, und daß hier, wie aus der Besse¬
rung zu schließen ist, eine starke Kontusion der Nervensubstanz oder höchstens
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
474
eine leichte submeningeale Blutung, die wieder resorbiert wurde, yorlag. Die
Rindenataxie braucht sich nicht stets durch eine Eoordinationsstörung der feinsten
Fingerbewegungen zu äußern, sondern kann, da die Sensibilität sich, wie die
Motilität, auf bestimmte Bindenregionen projiziert, je nach der befallenen Rinden¬
zone variieren.
29) The aBsooiation of various hyperkinetio Symptoms with partial lesiona
of the optio thalamus, by E. E. Southard. (Journ. of nerv, and ment,
disease. XLI. 1914. Nr. 10.) Ref.: W. Misch.
Bei den untersuchten Fällen von Thalamuserkrankung wurden solche mit
totalen oder herdförmigen Läsionen ausgenommen; berücksichtigt wurden nur
solche mit diffusen chronischen Prozessen, mit partiellem Verlust oder Ausfall
des Mechanismus (Atrophie, Aplasie) in der Weise, daß also die sensorischen
Bahnen erhalten sind. Eine derartige Läsion experimentell hervorzurufen, war
bisher nicht möglich. Es wurde nun gefunden, daß bei derartigen Thalamus«
läsionen auffallend häufig hyperkinetische Symptome Vorkommen; hierzu gehören
psychomotorische Erregung, Gewalttätigkeit, Zerstörungssucht, Mordversuche, Reiz¬
barkeit, Exaltation. Unter 25 Thalamusfällen wurden bei 96°/ 0 ein oder mehrere
dieser hyperkinetischen Symptome beobachtet. Nur bei 40°/o von diesen Fällen
wurden depressive Symptome (einschließlich Selbstmordneigungen) gefunden. Zum
Vergleich wurden 261 Fälle mit normalem Gehirnbefund herangezogen; unter
ihnen fanden sich nur bei 64°/ 0 hyperkinetische Symptome, und 52°/ 0 wiesen
depressive Symptome auf. Eis scheint hieraus mit Sicherheit ein Zusammenhang
der hyperkinetischen Symptome mit dem Thalamusbefund hervorzugehen. Theo¬
retisch läßt sich dies vielleicht mit einem Ausfall der kortikolhalamiBchen Hem¬
mungsimpulse erkläre^.
30) Beitrag aur Kasuistik der Hemianopsie, von Netou&ek. (Öasopis eeskych
16kaI*uo. LIII. 1914.) Ref.: Jar. Stuchlik.
Verf. gibt in seiner Arbeit eine klare, eingehend analysierende Übersicht
der topographischen Diagnose der Hemianopsien und publiziert in extenso 2 Fälle;
bei einem handelte es sich um eine subkortikal gelegene Läsion in der hinteren
Partie der Capsula interna, im zweiten Falle um eine kortikale Läsion, deren
Sitz in der Rinde deB Gyrus occipitalis zu suchen ist.
31) Ein Fall von zyklischer Okulomotoriuslähmung, von G. Groethuysen.
(Archiv f. Augenheilk. LXXVI. H. 3/4.) Ref.: Fritz Mendel.
Der geschilderte Fall unterscheidet sich von den bisher beschriebenen durch
die starke Beeinflußbarkeit des Ablaufs der einzelnen Perioden. Durch diese
Beeinflußbarkeit erscheint die Annahme, daß es Bich als Ursache der zyklischen
Okulomotoriuslähmung um einen kortikalen Prozeß handelt, die wahrscheinlichste
unter den verschiedenen Deutungsarten zu sein.
32) Zur Lokalisation in den Seilbahnen, mit einem Beitrage zur Lehre
von den Störungen der Orientierung im Baume, von Pick. (Prager
med. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Ref.: Pilcz (Wien).
Junger Mann, ohne Migränebelastung, selbst niemals an Migräne gelitten,
akquiriert November Lues. April darauf erster Hemikranieanfall, beginnend mit
Verdunkelung vor den Augen, ausschließlich den rechten unteren, homonymen
Quadranten des Gesichtsfeldes betreffend. Dauer etwa 10 bis 15 Minuten, darauf
Aufhellung des Gesichtsfeldes, intensiver Kopfschmerz durch 22 Stunden. Bei
den späteren, recht häufigen Anfällen wurden auch noch folgende Erscheinungen
vom Pat. geschildert: Paraphasie, „Hölzernwerden 44 der Zunge, motorische und
sensible Parese der rechten Hand; einmal ein sonderbares Gefühl, als ob der von
der rechten Hand gerade umklammerte Regenschirmgriff „einsch rümpfen“ würde.
In der Zwischenzeit Fundus und Gesichtsfeld immer ganz normal.
Es handelt Bich um eine ätiologisch auf die syphilitische Infektion zurück-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
475
zuführende, die Konvexität der linken Hemisphäre anfalls* und fleckweise in
ihren Funktionen schädigende Störung.
33) Progressive lentloular degeneration, by W. B. Cadwalader. (Journ. of
the amer. med. Assoc. LXIV. 1915. Nr. 5.) Ref.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles von Linsenkerndegeneration, welche Diagnose sich
allerdings erst bei der Autopsie ergab. Klinisch fand sich, außer bereits früher
aufgetretenen Anfällen von Depression, ein deutlicher Intelligenzdefekt; die Stirn*
mung war gleichgültig, lethargisch, zuweilen erregt; das Gedächtnis und alle
geistigen Prozesse waren so herabgesetzt, daß zuweilen die Entwicklung einer
Dementia praecox vermutet wurde. Von Beginn trat eine Neigung zu Spasmen
an allen Extremitäten und dem Gesicht hervor; es bestand ein starker Tremor,
der zuerst nur die rechte obere Extremität und die Gesichtsmuskeln betraf und
allmählich auf alle Muskeln überging. Eine Lues ließ sich nicht nachweisen.
Der Tod trat 13 Monate nach Beginn der Erkrankung ein. Eine Ätiologie ließ
sich nicht feststellen.
34) Disartrla e nuoleo lenticolare, di G. Garbini. (Annal. del Manicomio
provinc. di Perugia. 1913. Fase. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch.
Die Beziehungen zwischen Dysarthrie und Läsionen des Linsenkerns werden
durch folgenden mitgeteilten Fall illustriert: Bei einem 59jährigen starken Po¬
tator, einem Rechtshänder, waren nach einem apoplektischen Anfall folgende
Residuen zurückgeblieben: Linksseitige spastische Hemiplegie, schwere Parese des
linken unteren Fazialis, leichte Ptosis links, Hypästhesie und -algesie der linken
Körperhälfte, Klonus von linker Hand und linkem Fuß, Babinski links, mäßige
Dysarthrie, Paraphasie, schlechtes Gedächtnis für die Objektbenennungen, Zwangs¬
weinen und Intelligenzdefekt. Als pathologisch*anatomischer Befund ergab sich:
Linke Hemisphäre intakt; in der rechten Hemisphäre ein alter, scharf begrenzter
hämorrhagischer Herd in der hinteren Hälfte des rechten Linsenkernes und dem
entsprechenden Zug des hinteren Armes der Capsula interna; in den Frontal¬
schnitten läßt sich nirgends ein anderer Herd feststellen. Aus den Befunden
geht zunächst die auch von anderen Autoren betonte Tatsache hervor, daß auch
bei den Rechtshändern die rechte Hemisphäre für die Sprachfunktionen eine be¬
deutende Rolle spielt; daß insbesondere der rechte Linsenkern für die Artikulation
eine große Bedeutung hat, und daß dessen Läsion die Verbindung zwischen den
beiden Artikulationszentren unterbricht; und zwar ist es offenbar die hintere
Hälfte des rechten Putamen, durch die eine vielleicht geringe, aber doch nicht
zu vernachlässigende Anzahl von Artikulationsbahnen verläuft.
36) Über die Loberveränderungen bei Pseudosklerose (Westphal-Strümpell)
und progressiver Linsenkerndegeneration (Wilsonsohe Krankheit), von
A. Kubitz und M. Staemmler. (Beiträge z. pathol. Anat. u. allg. Pathol.
LX. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Die Verff. berichten über die Leberveränderungen in 2 Fällen von Pseudo¬
sklerose (Westphal-Strümpell) und progressiver Linsenkerndegeneration (Wilsonsche
Krankheit).
In klinischer Beziehung stand Fall I zwischen Pseudosklerose und Wilson¬
scher Krankheit. Eine scharfe Trennung zwischen beiden läßt sich nicht durch¬
führen. Fall II war wahrscheinlich eine Pseudosklerose; intra vitam standen
neben den motorischen die psychischen Symptome im Vordergründe. Ferner war
die Fleischersche Kornealpigmentierung vorhanden.
Die Besprechung des pathologischen Befundes wird eingeleitet durch eine
Wiedergabe und kritische Stellungnahme zu den Befunden von Rumpel, Yoko-
yama und Fischer, Wilson und Heinrichsdorff.
Die chemische Untersuchung ergab von Metallen in der Leber die Anwesen¬
heit von Eisen und Kupfer sowie Spuren von Arsen, in der Niere und Milz
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
476
waren Eisen und Spuren von Kupfer vorhanden, die Galle enthielt ebenfalls Arsen
in Spuren.
Makroskopisch fanden die Verff. das Bild einer grobknotigen Leberzirrhose,
ebenso ergab die mikroskopische Untersuchung das Vorhandensein eiper chronisch*
entzündlichen Zirrhose auf Grund einer entzündlichen Hyperplasie des Binde*
gewebes, atrophischer und degenerativer Prozesse am Leberparenchym, Regenera-
tionserscheinungen und Gallengangswucherungen.
Sowohl das makroskopische wie das mikroskopische Bild lenkten bezüglich
der Ätiologie der Erkrankung auf Syphilis hin. Dafür spricht in den Fällen der
Verff. 1. der positive Ausfall der Wassermann sehen Reaktion in Fall I (in Fall II
war die Wassermann sehe Reaktion negativ), 2. die Miterkrankung der Milz, die
bald in einer einfachen Hyperplasie wie im ersten Falle der Verff., bald in einer
Bindegewebsvermehrung besteht, zuweilen ganz vermißt wird (Fall I der Verff.).
Ob auch die Veränderung der Ovarien in Fall II so erklärt werden kann, muß
einstweilen noch offen bleiben.
Die Verff. kommen zu dem Schluß, daß die Syphilis allein zwar nicht die
vorliegende Erkrankung verursacht, daß es sich aber bisher in allen Fällen, wo
üherhaupt eine bestimmte Ätiologie nachgewiesen werden konnte, um Lues ge¬
handelt hat.
Was die Beziehungen zwischen den Veränderungen der Leber und des Ge*
hiras anbelangt, so vertreten die Verff. den Standpunkt, daß aller Wahrscheinlich¬
keit nach die Vorgänge an Leber und Gehirn unabhängig voneinander verlaufen,
zumal zum mindesten in einem Teil der Fälle Syphilis im Spiele ist. Die Verff.
kommen also im wesentlichen zu der Auffassung Bostroems.
86) La oirrhose hepatique aveo altdrations dans les oentres nerveux 6vo-
luant ohez des sujets d’äge moyen, par van Woerkom. (Nouv. Iconogr.
de la Salpetriire. 1914. Nr. 1.) Ref.: E. Bloch (Kattowitz).
Man kann unter den Nervenkrankheiten, welche mit einer Lebercirrhose ein¬
hergehen, zwei große Gruppen unterscheiden: Entweder entwickeln sich die
Nervensymptome rapide, die Patienten werden meist unter epileptischen Krämpfen
ins Krankenhaus gebracht und gehen im Koma zugrunde, oder aber die Nerven¬
krankheit entwickelt sich, namentlich bei jüngeren Leuten, mehr chronisch und
die Lebercirrhose gibt sich nur durch mehr oder weniger großen Ikterus zu er¬
kennen.
Letztere mehr chronisch verlaufende Krankheitsform kann man wieder in
2 Abteilungen scheiden. Bei der ersten eröffnen bald mehr psychische, bald
mehr körperliche Symptome die Szene: Die Kranken werden apathisch, kindisch,
es werden Halluzinationen beobachtet, Starre der Muskulatur, Zittern, athetotische
Bewegungen. Bei der Sektion ergibt sich Cirrhosis hepatis und Veränderungen
im Linsenkern.
Bei der zweiten Unterabteilung bestehen sehr starke Zitterbewegungen im
ganzen Körper, sich steigernd bei Gemütsbewegungen, verbunden mit Charakter¬
veränderungen, Reizbarkeit und Verminderung der Intelligenz. Bei der Sektion
ergab sich außer einer CirrhoBis hepatis: Die Neurogliazellen waren 2 bis 3mal
so groß als normal, arm an Chromatin, manche deformiert. Die normale Struktur
der Rinde war zum Teil erhalten.
I. 59jähriger Hafenarbeiter. Keine Heredität, Ehefrau zwei Aborte, keine Syphilis.
Beginn der Krankheit 5 / 4 Jahre vor der Krankenhausaufnahme mit Ikterus, Anschwellung
der unteren Extremitäten, Hoden, Bauchdecken und Somnolenz, vereinzelter Amnesie und
unersättlichem Durst Im Verlauf des nächsten Monats Zunahme der Somnolenz, der
Kranke schläft fast andauernd; Hände und Füße zittern lebhaft, unter Zunahme bei Körper¬
bewegungen. Im Januar 1912 ein Erysipel, die Somnolenz nimmt etwas ab, um aber bei
Heilung des Erysipels wieder aufzutreten. Vergißt im nächsten Moment alles, was man
zu ihm sagt, steckt statt der angezündeten Pfeife das Streichholz in den Mund. Es werden
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
477
aber auch Zustande von Schlaflosigkeit mit erhöhter Reizbarkeit beobachtet. Er kann nur
mit Unterstützung gehen, die Nahrung muß ihm löffelweise gereicht werden. Status:
Tiefe Somnolenz. Gallenblase sehr hart und vergrößert, Milz geschwollen, Urin o. B. Die
atonische Haltung wird von Zeit zu Zeit von Muskelzuckungen unterbrochen. Gereichte
Bissen werden nioht geschluckt, folgt aber einer Kerze mit den Augen. Pupillen sehr
weit, Lichtreaktion vorhanden, Augenhintergrund o. B. Patellarreflexe sind nicht gesteigert.
Es gelingt nur zeitweise, ihn aus seiner Somnolenz aufzurütteln, er weiß, wo er sich be¬
findet, erkennt seine Umgebung usw. Im Dezember zeigen sich Ödeme an Händen und
Füßen, Tod im Januar. Autopsie: Alle inneren Organe gelb gefärbt. Gallenblase hart,
Oberfläche gerunzelt, mikroskopisch in Ordnung. Dura gelb gefärbt, Pia verdickt, viel
gelblich gefärbter Liquor, Seitenventrikel beiderseits erweitert. Mikroskopisch zeigen sich
die Gefäße der weichen Hirnhäute stark verdickt, viele verstopft durch Thromben. Rinde:
Die verschiedenen Lagen gut erkennbar, nur sind einzelne Zellen in sämtlichen Lagen
verschwunden bzw. färben sich schlecht. Die übrig gebliebenen sind stark degeneriert,
haben unregelmäßige Konturen, sind teilweise geschwollen, und das Protoplasma hat eine
spongiöse Struktur. Einzelne Neurogliazellen haben einen sechsmal größeren Umfang als
normal. Nach Alzheimer gefärbt findet man das subpiale Netz verdickt. Es ist im
ganzen eine Proliferation der Neuroglia zu sehen, welche sich kundtut in der Produktion
von großen, klaren mißgestalteten Kernen. Dieser Vorgang zieht sich durch die ganze
Rinde, ferner das Corpus striatum, Thalamus opticus, Nucleus dentatus des Kleinhirns usw.
In Pons und Medulla oblongata zeigen sich die Veränderungen nioht.
IL Kranker von 45 Jahren, seit 6 Monaten ikterisch. Aufgenommen im November 1911.
Urin braun, seit 2 Monaten Aszites und Ödem der Beine. Trinker. Im März 1912 Pleuritis
und Abmagerung. In den letzten Monaten Verfolgungsdelirien, Beziehungswahn, glaubt
sich elektrisiert usw. Bei der Autopsie zeigt sich, daß der anatomische Befund dem
Fall I völlig gleicht, mit Ausnahme der Lungentuberkulose.
Bei älteren Personen, im Alter von 45 bis 60 Jahren, ist die Leberoirrhose,
kombiniert mit Atrophie der Hoden und der Schilddrüse, die Ursache zur Ent¬
stehung von schweren Veränderungen des Zentralnervensystems, welche sich
klinisch äußern in bestimmten psychischen und somatischen Zeichen, sowie in
immer wiederkehrendem anatomischem Befunde.
Im Vergleich zu den „klassischen 11 Fällen (mehr stürmischer Verlauf während
der Cirrhose) entwickeln sich die Nervenerscheinungen in den eben beschriebenen
Fällen mehr chronisoh.
37) Ein Fall von organisoher Verblödung mit eigenartigen Bpannungs-
austftnden der Muskulatur, von St. Rose nt al. (Demonstration im natur-
historisch-medizin. Verein in Heidelberg am 6. Mai 1914.) Autoreferat.
Bei einem 56jährigen früher immer gesunden Manne trat auffallende Wesensverände¬
rung ein; zunächst wurde nur leichte Herabsetzung der Aufmerksamkeit und der Merk¬
fähigkeit nachgewiesen, dann zeigten sich amnestisch-aphasische und ideatorisch-apraktische
Störungen. Das Auffassungsvermögen nahm rasch ab. Patient wurde stumpf und
regungslos; nach ungefähr dreimonatlicher Dauer der Erkrankung entwickelte sich auf diese
Weise eine hochgradige terminale Demenz. Wiederholt wurden dann leichte anfallsartige
Zustände beobachtet, in welchen vorübergehend nur Fußklonus und Babinskisches Zeichen
am rechten Fuß auftraten, ohne daß deutliche Lähmungserscheinungen zurückblieben. Es
zeigte sich Inkontinenz der Blase und des Mastdarmes.
Seit V 4 Jahr liegt Patient völlig verblödet. Er ist weder rindenblind noch hemi-
anopisch, wie es aus dem erhaltenen »Drohreflex“ zu erschließen ist, aber er erkennt die
ihm vorgezeigten Gegenstände, wie auch überhaupt seine Umgebung nicht. Auch sonst
sind die eigentlichen SinneBfunktionen erhalten und es liegen nur weitgehende agno-
stische Störungen vor. Das Gesprochene faßt Pat. nicht auf und reagiert überhaupt auf
keine akustischen Reize. Das Sprachvermögen ist völlig aufgehoben, während die dafür
in Betracht kommenden Muskelgebiete, abgesehen von einer leichten Fazialisdifferenz nicht
gelähmt sind.
In motorischer Hinsicht besteht eine hochgradige Akinese. Pat. führt keinerlei
Handlungen aus, zupft nur manchmal in ungeschickter und stereotyper Weise an seinem
Körper herum. Die Patellarreflexe sind beiderseits etwas gesteigert, manchmal, aber nur
vorübergeheud, läßt sich rechts Fußklonus und Babinskisches Zeichen nachweisen. Die
motorische Kraft ist nur in der rechten Peroneusgruppe leicht abgeschwächt. Aber weder
an den Armen, noch an den Beinen findet man sonst Anzeichen einer cerebralen Parese,
d' reh welche man den Ausfall der willkürlichen Bewegungen in befriedigenderWeise er¬
klären könnte. Es liegt offenbar ein Verlust der Innervationsformel für zusammengesetzte
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
476
Bewegungen und Handlungen vor. Trotz des akinetischen Verhaltens wird willkürlich
die Muskulatur schon in der Rückenlage in eigentümlicher Weise gespannt. Wenn man
an den Extremitäten passive Bewegungen vornimmt, so spürt man zunächst einen jetzt
kaum überwindbaren Spannungszustand der Antagonisten, welcher sich jedoch durch
rasche Nacheinanderfolge der antagonistischen Bewegungen lösen läßt; dadurch unter*
scheiden sich diese beiderseits in gleicher Weise ausgesprochenen Spannungen wesentlich
von etwaigen auf Pyramidenläsion beruhenden spastischen Erscheinungen. Derartige
Spannungen werden von Kleist in eine Beziehung zu den apraktisohen Motilitäts¬
störungen gebracht.
Bei Gehversuchen, wobei Pat. geführt werden muß, zeigt sich eine ausgesprochene
„Brachybasie“ („Marche ä petits pas"), außerdem aber hochgradige Störungen des Gleich¬
gewichts und der groben Synergie.
Mit Hinsicht auf die anatomischen Befunde bei ähnlichen Störungen, welche
von Pierre Marie und seinen Schülern erhoben wurden, meint Vortr., daß der
beim Pat. vorliegende destruktive Hirnprozeß neben der Rindenschadigung auch im
Bereiche der Stammganglien zu multiplen Gewebseinschmelzungen geführt haben
mußte, ohne daß die Pyramidenbahn dadurch eine wesentliche Schädigung er¬
litten hat.
Was die Art des destruktiven Hirnprozesses anbetrifft, so ist es wahrschein¬
lich eine arteriosklerotische Erkrankung.
88) Ein Fall von akuter hämorrhagischer Encephalitis im Pons mit großen
Blutungen, von Sigurd Berg. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LL 1914.
Heft 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Kasuistik. Die spastischen Symptome im licken Arm und Bein, rechtsseitige
Fazialisparese und Reizungssymptome vom rechten Oculomotorius wiesen auf eine
Ponsaffektion hin. Die zum Tode führende Blutung war entzündlicher Natur,
wahrscheinlich handelte es sich um eine Influenzainfektion. In der Anamnese
figurierte ein Kopftrauma; durch dasselbe ist wohl irgendwelche Läsion ent¬
standen, die, sich später in Anfallen von Kopfschmerzen manifestierend, für die
Influenzainfektion einen Locus minoris resistentiae gebildet hat.
89) Beitrag zur Kenntnis der Symptomatologie der Balkenerweiohung,
von 0. Rossi. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. Heft 5 u. 6^)
Ref.: Kurt Mendel.
Patient mit spastischer Tetraparese, besonders rechts; ferner vorübergehende
Anisokorie, Fozialisschwache, Apathie, keine echten apraktischen Symptome (nur
einmal leichte tonische Perseveration), ausgesprochene Sprachstörungen: Pat. be¬
nutzte die Sprache niemals spontan als Ausdrucksmittel, er zog die Zeichensprache
vor, die Antworten waren kurz, farblos und oft mit Mühe zu erhalten, Pat. konnte
nur schwer die Gegenstände bezeichnen, zuweilen Haftenbleiben und Paraphasie;
dos Fehlen der Substantiva dauerte nach dem Betasten der Gegenstände und
nach richtigem Hantieren mit denselben an. Die Autopsie ergab eine streng auf
den Balken beschränkte Erweichung, und zwar war der Balken rechts mehr ge¬
schädigt als links. Auffallend ist das Fehlen von Apraxie, allerdings war Pat.
links- und rechtshändig gleich geschickt. Bezüglich der amnestisch-motorischen
Aphasie ist hervorzuheben, daß die ganze Sprachzone unversehrt war. Vielleicht
handelt es Bich hierbei um DiaschisisWirkungen, vielleicht kann man aber auch
annehmen, daß die linke Biocasche Region ihre Funktion unter dem Einfluß
auch der homonymen der rechten Hemisphäre ausübt, welcher von Balkenfasern
geleitet wird; im vorliegenden Falle könnte man dann die aphasischen Störungen
auf den Umstand zurückführen, daß die zur Funktion der Sprache dienenden
Fasern, welche durch den Balken vom rechten F s zur linken homonymen Win¬
dung gehen, unterbrochen sind. Auch'ist schließlich zu berücksichtigen, daß bei
dem ambidextren Patienten der rechten Spraohregion eine größere Bedeutung als
normalerweise zukommt, d. h. daß die von dieser ausgehenden und naoh links
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
479
ziehenden Fasern ziemlich erhebliche Komponenten der Sprachfunktion besorgen.
Unter diesen Verhältnissen kann man verstehen, warum die Balkenläsion Störungen
aphasischer Art zur Folge hat.
40) Über einen Fall von erworbener Balkenerweiohung, von R. Schneider.
(Inaug.-Dissert. Würzburg 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über einen Fall von ausgedehnter Balkenerweichung:
Bei einer an septischem Abort zugrunde gegangenen Frau fand sich eine
Erweichung des Balkens bei der Sektion. Verf. schildert den makroskopischen
Befund wie folgt:
„An der vorderen Hälfte des Corpus callosum ist der ganze mittlere Teil als
4 mm breiter Streifen stark unter das Niveau eingesunken. Def Grund leicht
bräunlich verfärbt und etwas netzförmig. Der Balken ist hier nur papierdünn.
Diese Veränderung hat eine Längenausdehnung von 20 mm. Dann folgt eine
18 mm lange normale Partie und dann eine 15 mm lange ebenso veränderte, nur
nicht ganz symmetrisch liegende, rechts bis zur Hemisphäre rüokende, links die
Mittellinie kaum überschreitende Stelle. Der hinterste, 2 mm breite Teil des
Balkens ist wieder ganz normal.“
Die mikroskopische Untersuchung ergab, daß die oberste und unterste Schicht
der schmalen Balkenkommissur fast vollständig intakt war und in das Epithel der
Seitenventrikel überging. Septum pellucidum und Fornix zeigten keinerlei Ver¬
änderungen. Dagegen war der größte Teil der queren Balkenfasem zerstört und
gliöses Narbengewebe an ihre Stelle getreten. Der Prozeß war als ein weit
zurückliegender aufzufassen.
Die Stelle dieser Balken Veränderung gehörte dem Versorgungsgebiet der
Arteria cerebri anterior an und läßt sich in ätiologischer Beziehung vielleicht
auffassen als Folge einer hämorrhagischen Erweichung mit Thrombose eines Astes
dieser Arterie.
Degenerative Veränderungen der Hirnrinde wurden nicht gefunden.
Die weitere mikroskopische Untersuchung eines Teiles der vorderen Zentral¬
windung führte zu einer Bestätigung und teilweisen Erweiterung der Befunde
van Valkenburgs (Experimental and pathologico-anatomical researches on the
corpus callosum. Brain 1913) nach experimenteller Durchschneidung des Balkens.
Die Färbbarkeit der Zellen war vermindert. Dagegen konnte Verf. im Gegensatz
zu dem genannten Autor eine Abnahme der kleinen Pyramidenzellen nicht fest¬
stellen. Das Zellzwischengewebe schien vermehrt zu sein. Absolut vermindert
war die Zahl der Pyramidenzellen im Gehirn mit der Erweichung gegenüber
dem normalen gesunden. Riesenpyramidenzellen, wie sie im normalen Hirn sich
finden, konnte Verf. auch bei genauer Untersuchung nioht finden. Schließlich
fand er in Übereinstimmung mit den erwähnten experimentellen Untersuchungen
van Valkenburgs ein Fehlen der Fortsätze der Pyramidenzellen.
41) Die Windungen und Furchen des völlig balkenlosen Gehirne, von
J. Sohnabel. (Inaug.-Dissert. Rostock 1914 u. Sitzungsberichte u. Ab¬
handlungen der naturforschenden Gesellschaft zu Rostock. Neue Folge. VI.
1914. S. 111.) Ref.: K. Boas.
Verf. stellt zunächst die Fälle von totalem Balkenmangel aus der Literatur
zusammen. Er unterscheidet mit H. V ogt zwei Typen, nämlich:
a) Fälle, bei denen außer dem Balkenmangel am ganzen Gehirn noch andere
hochgradige Aufbaustörungen und morphologische Veränderungen vorhanden sind;
b) Fälle, bei denen sich folgende Veränderungen finden: an der medialen
Hemisphärenwand Radiärtypus und Fehlen des Gyrus fornicatus.
Vom Typus a) stellt Verf. insgesamt 11 Fälle aus der Literatur zusammen,
vom Typus b) 20 Fälle. Im Anschluß daran zitiert Verf. 2 Fälle von partiellem
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
480
Balkenmangel ans der Literatur, nämlich die Fälle von Arndt und Sklarek und
Grosz.
Verf. berichtet alsdann über einen weiteren Fall von totalem Balkenmangel
bei einem 19jährigen Mädchen, von der sich in klinischer Beziehung nur in Er*
fahrung bringen ließ, daß die Patientin von Geburt an Schwachsinn und kurz
vor dem Tode die Symptome einer Basisfraktur darbot. Wiedergegeben wird
vom Verf. lediglich der äußere Bau des Gehirns, die histologische Untersuchung
soll später stattfinden. Verf. gibt eine durch mehrere Tafeln erläuterte Be¬
schreibung der medialen und konvexen Fläche der linken bzw. rechten Hemi¬
sphäre sowie der Hirnbasis. Kleinhirn, Pons und Medulla oblongata zeigten
keine Besonderheiten.
Zusammenfassend sagt Verf., daß der von ihm beschriebene Fall dem Typus b)
angehört. Möglicherweise wird auch die histologische Untersuchung später dem¬
entsprechend ausfallen.
42) PoBthemiplegisolie Pseudomyotonie, von F. Quensel. (Deutsche Zeitschr.
f. Nervenheilkunde. LII. 1914. H. 1. u. 2.) Bef.: Kurt Mendel.
Ein damals 28jähriger Mann erleidet 1899 eine sich allmählich ausbildende
Hemiplegie links mit halbseitiger Empfindungsstörung, Schmerzen und rechts¬
seitiger Oculomotoriuslähmung. Nach und nach gehen die Lähmungserscheinungen
zurück, desgleichen die Empfindungsstörungen und die Ataxie.' Seit dem Jahre
1902 traten dann eigentümliche Krampfanfälle in der linken Hand und im linken
Arm auf, und zwar Aktionskrämpfe, pathologisch gesteigerte, nachdauernde und
ausgebreitete Innervationsaffekte hei willkürlichen Bewegungen, die in erster Linie
Ähnlichkeit mit myotonischen Störungen, in zweiter Linie mit tetanischen An¬
fällen zeigen. Bezüglich dieser Krampfanfälle spricht sich Verf. gegen Hysterie,
Tetanie, echte Myotonie aus, er hält sie vielmehr für zentral bedingte myotonische
Erscheinungen infolge Läsion der frontopontinen Bahnen und nimmt im vor¬
liegenden Fall als Diagnose eine Gefäßaffektion auf luetischer Basis im rechten
Pedunculus cerebri an. Diese posthemiplegische Pseudomyotonie würde demnach
ein vollwertiges Lokalsymptom organischer Entstehung darstellen. In Zukunft
wird man auf solche Fälle von pedunkulärer Hemiplegie mit myotonischen Er¬
scheinungen besonders achten müssen.
43) Über die Beteiligung der dynamischen Eigenschaften der Nerven-
apparate am Verlaufe der motorisohen Erscheinungen nach hemi-
plegischen Lähmungen, von A. Szpanbock. (Deutsche Zeitschr. f. Nerven-
heilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Bef.: Kurt Mendel.
Aus der Arbeit Bei folgendes hervor gehoben: Die Bewegungsstörung bei
hemiplegischen Lähmungen kann sämtliche Muskel- und Nervenapparate befallen,
jedoch pflegt sie konstant in den einen Organen stärker, in den anderen dagegen
schwächer aufzutreten. Lähmungen sowie auch Besserungen umfassen meistens
synergetisch funktionierende Organe, doch sind die Abstufungen der Lähmung und
der Besserung einer jeden Einheit der synergetischen Gruppe verschieden. Bei
hemiplegischen Lähmungen gewinnen meistens die unteren Extremitäten ihre
funktionellen Eigenschaften schneller und teilweise stärker wieder als die oberen
Extremitäten. Die Erregbarkeit der zentralen und peripheren Nervenapparate
pflegt eine verschiedene zu sein. Diejenigen Mechanismen, welche eine größere
Erregbarkeit der Nervenzentren und -bahnen bedingen, bilden auch die Grund¬
lage einer stärkeren Widerstandsfähigkeit gegen schädliche Lähmungsmomente und
die Basis von ungleichmäßiger Lähmung, folglich also vom Prädilektionstypus der
Lähmungen. Die Nervenorgane von höherer Erregbarkeit sind auch einer be¬
deutenderen und stärker ausgedrückten Besserung der entsprechenden Bewegungs¬
effekte fähig und folglich eines restitutionellen Prädilektionstypus. Je länger die
Nervenapparate, durch welche die wirkende Kraft von den Zentren geleitet wird,
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
481
desto stärker wäehst die Spannung dieser Kraft an, und in der Nervenfaser voll¬
zieht sieh die Transformation jener erregenden Kraft in eine Kraft von höherer
Spannung. Angesichts der Längsdifferenzen, welche in den die wirkende Kraft
zu den oberen und unteren Extremitäten leitenden Nervenbahnen bestehen, wird
in den längeren Bahnen die gleiche erregende Kraft transformiert, und die
Spannung wächst stärker an als in den kürzeren, wodurch auch in den gelähmten
unteren Extremitäten stärkere Effekte als in den oberen ermöglicht sind.
44) Syndröme meninge au oours d une hömorr&gie cerebrale, par L. L6vy
et Gönnet. (Revue neurologique. 1914. Nr. 7.) Ref.: Kurt Mendel.
Mitteilung eines Falles, der zeigt, daß die klinisohen Zeichen einer Hirn¬
blutung lange Zeit fehlen und dafür nur mehr oder weniger ausgesprochene
meningeale Symptome vorhanden sein können, welche die Diagnose auf falsche
Fährte zu leiten imstande sind. Im vorliegenden Falle ergab die Autopsie einen
großen hämorrhagischen Herd in der linken parieto-temporalen Region; klinisch
waren anfangs keinerlei Paresen, kein Babinski, kein Klonus, keine Augenmuskel¬
störungen nachweisbar; die Kniereflexe waren etwas gesteigert; der Liquor cerebro¬
spinalis stand unter hohem Druck, war eiterartig, zeigte reichlichen Bodensatz,
auf 100 Leukozyten kamen 92 neutrophile Polynukleäre, 5 Mononukleäre, 3 Lym¬
phozyten.
45) Lea rdaotious möningees au oours de lliömorragie oeröbrale latente, par
R. Oppenheim et H. Claret. (Progr.möd. 1914. Nr.17.) Ref.: Kurt Mendel.
Mitteilung eines Falles, der während des 9tägigen Verlaufes seiner Krank¬
heit meningeale Symptome ohne jede paretische Erscheinungen, ohne Sprach¬
störungen, Amaurose oder Hemianopsie darbot Die Autopsie ergab einen
hämorrhagischen Herd in der Wernickeschen Zone der linken Hemisphäre, weit
nach hinten in die retrolentikulare Region reichend. Klinisch hatte man Menin¬
gitis oder Meningismus angenommen, zumal Pat. Stupor, Kopfschmerz, Nacken-
und Rumpfsteifigkeit, Kernigsches Zeichen, Koma ohne Paresen darbot. Die
Hirnblutung dokumentierte sich also im vorliegenden Fall lediglich durch die
Symptome der Meningealreizung. Es gibt eben Fälle von Hirnblutung, die,
wenn der Herd nicht die Gyri der Hirnrinde, die zentralen Kerne oder ein
wichtiges Projektionsbündel zwischen Kortex und Hirnstamm, Kleinhirn oder
Rückenmark trifft, ganz latent bleiben oder nur ein unbestimmtes Syndrom von
Meningealreizung oder das Bild einer aseptischen Meningitis darbieten.
46) Le liquide eöphalo-raohidien dans les hömorrhagies oräniennes, par
A. Babes. (Compt. rend. Soc. d. Biol. LXXVII. 1914. Nr. 22.) Ref.: W. Misch.
Eis wird bei 2 Fällen von intrakranieller Hämorrhagie der Gehalt des Liquors
an Hämolysinen untersucht. Es geht daraus hervor, daß der Liquor nach Hämor-
rhagien keine spezifisch hämolytischen Substanzen besitzt. Es ließ sich auch in
den kurz nach dem Auftreten der Hämorrhagie erhaltenen Punktaten eine Hämo¬
globinauflösung im Liquor nicht feststellen, obwohl zahlreiche rote Blutkörper¬
chen darin enthalten waren. Auch das Fehlen von Gallenfarbstoffen, die für die
Hämoglobinzersetzung charakteristisch sind, ist ein Beweis dafür, daß diese Sub¬
stanz mit der Xanthochromie des Liquors nichts zu tun hat. Es ergibt sich also
in Übereinstimmung mit früheren Beobachtungen, daß die Xantochromie des
Liquors durch das normale Luteinpigment des Blutplasmas hervorgerufen wird.
47) Tod durch spontane Gehirnblutung bei hämorrhagischer Diät hese, von
A. Hufschmidt. (Münch, med. Wochschr. 1914. Nr.17.) Ref.: W. Alexander.
23jähriges, sonst ganz gesundes Mädchen aus nicht hämophiler Familie zeigt
seit 8 Tagen Symptome der hämorrhagischen Diathese. 16 Stunden vor der
Krankenhausaufnahme Klagen über Kopfschmerzen. Befund: Bewußtlos, Kopf und
Bulbi nach links gedreht, Pupillen lichtstarr. Reflexe in Ordnung. Urin frei.
An den Extremitäten Suggillationen, an den Unterschenkeln frische Purpura,
xxxiv. 31
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
482
Retinalblutungen. Nach 2 Stunden Reflexe erloschen, rechte Fazialis paretisch,
rechts Babinski+, tonische Starre, Puls von 74 auf 122 gestiegen. Diagnose:
Hämorrhagische Diathese mit Blutung in die linke Hemisphäre, Durchbruch in
den linken Seiten Ventrikel. Nach 6 Stunden Exitus. Sektion: Blutungen in der
Nierenfettkapsel, im Nierenbecken, subepikardial, subperiostal am Schädeldach*
Sämtliche Ventrikel mit Blut gefüllt. Frische Blutung im Globus pallidus des
linken Nucl. lentiformis. — Ätiologie völlig unklar. — Wenn Menschen mit
hämorrhagischer Diathese über stärkere Kopfschmerzen klagen, muß man eine
energische Therapie einleiten: Serum, Calcium chloratum, Ruhe, frische Gemüse,
rohes Obst. Bei männlichen Blutern Ovarialtabletten. „Man gibt diese Ovarial-
substanz aus der Überlegung heraus, daß bei dem weiblichen Geschlechte, das
als Überträger dieser eigentümlichen Konstitutionsanomalie in den Bluterfamilien
außerordentlich selten von abnormen Blutungen befallen wird, ein Produkt der
inneren Sekretion diese Erscheinung verhütet, ein Produkt einer Drüse, die dem
männlichen Geschlechte fehlt: das Ovarium.“
48) Beitrag aar Diagnose der Hirnblutung, von Josef Mendl. (Münchener
med. Wochenschrift. 1914. Nr. 14) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. beschreibt folgendes Symptom der beginnenden Hirnblutung: Es tritt
eine auf eine Gesichts- und Kopfhälfte beschränkte Hyperämie auf, die manch¬
mal von einer halbseitigen kongestiven Seborrhöe begleitet sein kann; die be¬
treffende Gesichtshälfte ist dann von einer dünnen, etwas flüssigen Fettschicht
bedeckt. Die halbseitige Hyperämie entspricht derjenigen Kopfhälfte, in welcher
der zu erwartende Blutungsherd liegt. Im Anschlüsse an die erwähnte Er¬
scheinung richten sich die Kopfhaare halbseitig auf und behalten diese Stellung
stundenlang bei (spastische Kontraktur der M. arrectores pilorum); das Gesicht
wird dann blaß und verfallen. In denjenigen Fällen, wo halbseitige Spasmen
der Haarmuskeln in der Kopfhaut auftreten, ist eine sehr schwere Hirnblutung
zu erwarten, die Prognose sehr ernst; man könnte bei Auftreten dieses Symptoms
durch einen frühzeitig ausgeführten, ausgiebigen Aderlaß die zu erwartende schwere
Hirnhämorrhagie vielleicht aufhalten. (Das in der Arbeit Beschriebene klingt
alles sehr unwahrscheinlich und bedarf wohl sehr der Nachprüfung. Bef.)
49) Über einige ungewöhnliche Erscheinungen bei Hemiplegie, von A. P a üsk i.
(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. Nr. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch.
Es wird eine Anzahl von hemiplegischen Symptomen beschrieben, die zwar
schon von einigen Autoren kasuistisch als Begleitsymptome der Hemiplegie be¬
schrieben wurden, die aber vom Verf. so häufig angetroffen worden sind, daß er
sie nicht zu den Begleiterscheinungen, sondern zu den Symptomen der gewöhn¬
lichen Hemiplegie gerechnet wissen will. Hierher gehören vor allem einzelne
Pseudobulbärsymptome wie Artikulationsstörungen der Sprache, Schluckstörungen,
reichlicher Speichelfluß, Geruchs- und Geschmacksstörungen, den invertierten
Geschmack inbegriffen, und Paresen der Kaumuskeln; außerdem fand sich auf¬
fallend häufig belegte Zunge, heftiger Singultus, Blasen- und Mastdarmstörungen,
sowie unwillkürliches Lachen und Weinen. Alle diese Beobachtungen werden
mit zahlreichen Fällen und kasuistischen Mitteilungen in der Literatur belegt.
Die erwähnten Erscheinungen entstehen gleichzeitig und infolge derselben Ursache
wie die Hemiplegie und müssen deshalb als Symptome derselben aufgefaßt werden.
Anatomische Veränderungen ließen sich an den betreffenden Zentren bisher nicht
nachweisen; es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, daß sie auf Shokwirkungen
zurückzuführen sind. Zur Erklärung derselben wird das von Monakow in die
Aphasielehre eingeführte Diaschisisprinzip auf die hier beschriebenen Störungen
ausgedehnt, wonach entfernt liegende Neuronen verbände, die von den zerstörten
Stellen aus Erregungen zu empfangen pflegten, „in elektiver Weise und in physio¬
logisch präformierten Komplexen ihre Tätigkeit einstellen“. Demnach ist die
Digitized by
Go gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
483
Hemiplegie ein direktes Herdsymptom des lädierten Hirnbezirkes, die oben er«
wähnten Störungen dagegen sind als indirekte, durch Spaltung der Funktion im
Sinne der Diaschisis hervorgerufene Symptome aufzufassen.
Endlich werden noch 3 Fälle beschrieben, bei denen ein bestehender Diabetes
nach einer Hemiplegie verschwand. Wenn auch häufig durch das Auftreten
einer Hirnerkrankung Diabetes bedingt werden kann, so lassen sich andererseits
keine Belege dafür finden, daß das Verschwinden desselben unmittelbar durch
eine Hemiplegie hervorgerufen werden kann. Vielmehr ist anzunehmen, daß die
Bedingungen, unter denen der Kranke nach der Apoplexie lebt, die strenge Diät,
die minimale Muskeltätigkeit, der geringe Wärme verbrauch bei der Bettruhe,
Ernährungsbedingungen schaffen, die den Diabetes günstig beeinflussen. Wenn
der Zucker nach der Besserung der Lähmung nicht wieder aufzutreten pflegt, so
ist das auf die inzwischen erworbene größere Toleranz gegen Kohlehydrate zurück¬
zuführen. Ob auch direkte Beziehungen zwischen der Apoplexie und dem Ver¬
schwinden des Diabetes bestehen, ist vorläufig noch unentschieden.
60) Beflexe bei einigen hemiplegisohen Kranken durch Beizung der Horn¬
haut und bei Kompression des Augapfels, von Dagnini. (Riv. crit. di
clin. med. X« Nr. 36 u. 37; vgl. CentralbL f. Augenheilk. XXXVII. 1914.
S. 441. Suppl.) Ref.: Kurt Steindorff.
Bradykardie bei zwei Hemiplegikern duroh Kompression des Bulbus; bei
zwei anderen Kranken (Hirnblutung; Embolie der Art. fossae Sylv.) erlangte Verf.
noch durch ähnliohe Kompression Öffnung des Mundes, tiefe Inspiration mit Ver¬
minderung des Hornhautreflexes und Fazialiskrampf auf der Seite des kompri¬
mierten Auges. Das gleiche Bild sowie Bewegung des gelähmten oberen Gliedes
ergaben andere Hemiplegiker. Dadurch werden die schweren Störungen der Him-
funktionen bewiesen; ferner zeigt sich, daß solche Reflexstörungen leicht von neuen
funktionellen Beziehungen zwischen LeitungB* und Reflexbahnen und von Ablenkung
der Reize nach niederen Zentren abhängen oder auch von Unterdrückung der
Hemmungen oder von der Entstehung besonderer Reaktionen in ihnen.
61) Hemiplegie bei Abdominaltyphus mit Ausgang in Genesung, von
G. Wulf. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 25.) Ref.: W. Alexander.
Unterleibstyphus bei einem 44jährigen Manne. In der 3. Krankheitswoche
apoplektischer Insult mit linksseitiger Halbseitenlähmung, völlige Genesung. Ana¬
tomische Klärung nicht möglich; Hämorrhagie oder Erweichung? Ausgangsstelle
für Embolie nicht nachweisbar. Enzephalitis nicht gerade wahrscheinlich.
62) Die orthopädische Behandlung der alten Hemiplegiker, von Leo Mayer.
(Berliner klin. Wochenschr. 1916. Nr. 23.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Ein 60jähriger Mann, der infolge eines Schlaganfalls eine Halbseitenlähmung
erlitten hat, ist trotz seines Alters ebenso der orthopädischen Behandlung bedürftig
und zugänglich wie das Kind mit einer angeborenen Hemiplegie oder der Soldat,
der eine Verletzung des motorischen Zentrums erlitten hat Verf. schildert zwei
Fälle von alten Hemiplegien, die durch orthopädische Behandlung wesentlich ge¬
bessert werden konnten. Notwendig ist eine systematische Frühbehandlung. Die
Maßnahmen werden an der Hand von Abbildungen kurz skizziert.
63) Paradoxe Hirnembolie als Unfallsfolge, von Moriz Infeld. (Wiener
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz (Wien).
Daß die Verstopfung einer Arterie auch ohne Herzerkrankung erfolgen könne,
nämlich aus einer Vene des großen Kreislaufs bei offengebliebenem Foramen ovale
der Vorhofscheidewand, ist 1887 durch Cohnheim bekanntgemacht worden.
Dieser später als paradoxe Embolie bezeichnete Vorgang betrifft sehr selten das
Hirn, bisher nur die Arteria fossae SylviL Verf, berichtet von zwei Bolchen
Fällen.
I. 28jähriger Arbeiter, ausgedehnte Verletzung der Wadenmuskulatur durch
31*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
484
eine Sense, sehr großer Blutverlust, Bewußtlosigkeit. Nach einigen Stunden neuer¬
liche Bewußtlosigkeit, der rechtsseitige Hemiplegie und Aphasie folgte, später
Abschwächung der Intelligenz und epileptische Anfälle. Sonst ganz gesund; keine
Schädelverletzung.
II. 52jähriger Arbeiter; seit der Jugend starke Varicen an den Beinen. —
Sturz; viele schwere Kontusionen, sonst niohts bemerkenswertes, keine Bewußt¬
losigkeit. Nach 11 Tagen Apoplexie, rechtsseitige Hemiplegie, nach 2 Wochen
Tod an Pneumonie. — Obduktion: Embolie der linken Arteria fossae Sylvii mit
entsprechender Erweichung der Lungenarterien, anämische Herde in der Leber
und in einer Niere. Thrombose zahlreicher Venen der unteren Körperhälfte.
Offenes Foramen ovale; Myodegeneratio cordis; Klappen zart und schlußfähig.
An den weichen Schädeldecken, am knöchernen Schädel und an den Hirnhäuten
nichts besonderes.
In einem 3. Falle, von dem Verf. nach einer mündlichen Mitteilung des Ana¬
tomen Prof. Kolisko berichtet, war es bei einer Strumaoperation zu Lufta^pira-
tion, Luftembolie durch ein offenes Foramen ovale und Hirnerweichung gekommen.
Daß Blutverlust ohne Erkrankung der inneren Gefäß- oder Herzwand zu
Embolie führen könne, ist bisher nicht erwiesen; in jenen spärlichen Fällen der
Literatur, wo Rückenmarkserkrankungen auf Blutverluste bezogen wurden, handelte
es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um toxische oder infektiöse Neuritiden. —
Der Gefäßpfropf stammte in den Fällen des Verf.’s aus den Venen der unteren
Extremitäten, im ersten Fall aus der Wunde, im zweiten aus den thrombosierten
Varicen. Da das Foramen ovale häufig offen bleibt, bei Erwachsenen in 20 bis
50°/ 0 der mitgeteilten Dntersuchungsreihen, muß noch etwas hinzutreten, um die
Kommunikation duroh die Vorhofscheidewand wirksam werden zu lassen. Verf.
legt Gewicht auf Schwächezustände, wodurch der Druck, der sonst die beiden
Blätter des Septums aufeinanderpreßt, sinkt und der Weg durch das Foramen
ovale frei und für einen Embolus gangbar wird: im ersten Fall sei dies infolge
des starken Blutverlustes, im zweiten infolge anderer mit dem Unfall zusammen¬
hängender schwächender Umstände eingetreten.
54) Zerebrale Luftembolie, von E. Wever. (Beitr. z. Klinik d. Tuberk. XXXI.
1914. H. 2. Eppendorfer Festschrift.) Ref.: E. Leschke (Berlin).
Zur Klärung der Frage nach dem Mechanismus der Luftembolie hat Verf
auf Anregung von Brauer eine große Reihe von Tierversuchen angestellt, indem
er Kaninchen', Hunden und Affen verschieden große Luftmengen in die Carotis
einspritzte. Bei Kaninchen wurde sowohl nach Injektion von Luft wie von Kohle
Schreien und Krämpfe beobachtet; die Kohle fand sich im Gehirn wieder. Bei
Hunden beobachtete Verf. nach 8 bis 10 Sekunden ein Aufschreien und einen kurzen
Krampf; darauf trat bisweilen Naokensteifigkeit, bisweilen Nystagmus, bisweilen
Manegebewegungen, bisweilen Erbrechen, bisweilen aber auch gar keine Erschei¬
nungen ein. In einigen Fällen fanden sich nach Tötung der Tiere Luftbläschen
im Gehirn. Am deutlichsten waren die Erscheinungen bei Affen: Zuerst ein¬
maliges kurzes Anstößen, darauf mäßig starke Krämpfe, Paresen der Extremitäten,
die aber meist vorübergingen, und in einigen Fällen epileptische Anfalle, die
häufig nach dem Jackson sehen Typus verliefen. Die Größe der erforderlichen
Luftmenge ist sehr wechselnd und abhängig davon, in welchen Teil des Gehirns
die Luft zufällig gelangt. In einigen Fällen genügte weniger als 1 ccm, in
andern bleibt eine Injektion von über 2 ccm ohne Folge. Auch die Art des
Gases (ob 0 oder N) spielt bei der intraarteriellen Einverleibung keine Rolle.
Die mikroskopische Untersuchung des Gehirns (Prof. Spielmeyer) zeigte zünachst
beginnende Verflüssigung der Hirnrindenzellen und Inkrustation der feinen Nerven«
geflechte um die Zellen. Am 3. bis 5. Tage tritt eine Gliawucherung an der
Stelle der erkrankten Nervenzellen ein. Dabei sind die Wucherungen vorwiegend
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
485
herdförmig und auf bestimmte Bezirke beschränkt. Nirgends kommt es zu einer
Einschmelzung von Gewebe, zu Nekrose oder Blutungen. — Im Anschluß hieran
stellt Verf. die gesamte Literatur über Luftembolie zusammen und würdigt kritisch
die Fälle, in denen es zu Erscheinungen von seiten des Nervensystems gekommen
ist. Dabei berichtet er über eine Beihe von Fällen aus der Beobachtung von
Brauer und einen Fall von Hegler, bei dem die Luftembolie in den Gefäßen
des Augenhintergrundes zu sehen war. Eine schöne, von Wilbrand angefertigte
Zeichnung des Befundes ist beigefügt. Es wird zur weiteren Klärung des Krank¬
heitsbildes der zerebralen Luftembolie nötig sein, in kommenden Fällen den
Augenhintergrund zu spiegeln und, wenn der Tod erst naoh Ablauf von mindestens
einigen Stunden eintritt, das Gehirn histologisch zu untersuchen.
• 65) II riso ed il planto spasmodioo nelle lesioni oerebrali d’origine vasoo-
lare, di C. Angela. (Torino, S.Lattes & Co., 1913. 157 S.) Ref.: W. Misch.
Diese ausführliche Monograpie über das Zwangslachen und -weinen besteht
aus drei Abschnitten. In dem ersten allgemeinen Teil wird die Dissoziation, die
zwischen der willkürlichen Motilität des Gesicht* und den mimischen Ausdrucks¬
bewegungen der Affekte besteht, untersucht. Für diese beiden Arten von Bewe¬
gungen sind ganz verschiedene Bahnen vorhanden, da die ersteren willkürlich,
die letzteren unwillkürlich sind. Beide Bahnen enden am peripheren Fazialiskem,
und die Dissoziation zwischen den beiden Arten von Bewegungen läßt sich nur
bei der Fazialislähmung zentralen Ursprungs beobachten, nicht aber bei der peri¬
pheren, bei der beide Arten von Motilität aufgehoben sind. Es werden Fälle
mitgeteilt, die eine solche Dissoziation im einen oder anderen Sinne aufweisen.
Während die Zentren der Willkürmotilität des Gesichts in der Regio Rolandi ge¬
legen sind, sind die Koordinationszentren der mimischen Bewegungen im Thalamus
lokalisiert. Es werden Experimente von Bechterew, die den Sitz derartiger
Zentren in dem erwähnten Ganglion nachgewiesen haben, und klinische und patho¬
logisch-anatomische Fälle von Thalamusläsionen, bei denen sich Amimie auf einer
oder auf beiden Gesichtshälften zeigte, mitgeteilt. Endlich werden die bereits
bekannten anatomischen Befunde über die Verbindungen des Thalamus mit der
Rinde der gleichen Seite und mit den Bulbus- und Brückenkernen der anderen
Seite zusammengef&ßt. — Im zweiten Teil werden eigene und aus der Literatur
zusammengesuchte klinische und pathologisch-anatomische Fälle von Zwangslachen
und -weinen beschrieben und insbesondere eine Schilderung der Läsionen mit
verschiedener Lokalisation gegeben. — Im dritten Teil, der von der Pathogenese
handelt, werden endlich die verschiedenen Theorien über das Zustandekommen des
ZwangslachenB und -weinens auseinandergesetzt. Dejerine faßt diese Erscheinung
als eine Rückkehr ins kindliche Alter auf. Nach Brissaud findet durch die
Läsion eine Reizung des vorderen Teiles der Capsula interna und eine Lähmung
des motorischen Fazialisbündels, nach Bechterew eine Unterdrückung der Hem-
mung8babnen, die von den kortikalen motorischen Zentren zum Thalamus ziehen,
statt. Goldstein sieht als Ursache eine Läsion des Linsenkernes und kortikale
Zirkulationsstörungen an, während Mingazzini eine Unterdrückung der korti¬
kalen Hemmung im allgemeinen, und in Ausnahmefällen eine irritative Läsion
der mimischen Zentren annimmt. Nach einer Diskussion aller dieser verschiedenen
Theorien entwickelt Verf. dann folgende eigene Anschauung:
Das Zwangslachen und -weinen sind zwei mimische Akte, die ihr Koordina¬
tion s Zentrum im Thalamus opticus haben, und zwar wahrscheinlich in dem mitt¬
leren und vorderen Kern dieses Ganglions. Der Thalamus opticus, der mit den
Lappen der Großhirnhemisphäre durch seine Stiele verbunden ist, empfängt von
der Rinde die sensorischen und physischen Reize, die dazu bestimmt sind, sich
nach außen durch eine mimische Tätigkeit zu äußern, koordiniert sie und über¬
mittelt dem Fazialiskem die Ausführungsordnung. Der von den mimischen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
486
Reizen durchlaufene Weg ist verschieden von dem, der die Willkürbewegungen
des Gesichts vermittelt; beide enden am Fazialiskern, aber die Lähmung des
einen schließt nicht die des andern in sich. Das ZwangBlachen und -weinen, als
Folge von organischen Hirnläsionen vaskulären Ursprungs betrachtet, ist ein
Phänomen, das als Folgeerscheinung der verschiedensten Affektionen der zerebralen
und mesenzephalen Zentren auftreten kann. Es ist gewöhnlich entweder durch
einen Ausfall kortikaler Hemmung oder durch eine Reizwirkung auf das mimische
Zentrum bestimmt. Die Hemmungsfunktion der mimischen Bewegungen wird
ausgeübt einerseits von der Regio Rolandi der Hirnrinde vermittelst der Tractus
rolandico-thalamici, wobei die Wirkung eine analoge ist wie die der Pyramiden¬
bündel auf die Vorderhornzellen des Rückenmarks, und andrerseits von den psy¬
chischen Zentren, dem Stirnlappen aus, durch die zahlreichen Assoziationsbahnen,
die ihn mit den anderen Großhirnlappen verbinden, wodurch eine Kontrolle und
Ordnung der verschiedenen für die Mimik bestimmten sensorischen Reize möglich
ist. Alle Läsionen nun, die die hemmenden Tractus rolandico-thalamici unter¬
brechen oder die Assoziationsbahnen zerstören, können Zwangslachen und -weinen
oder nur die Neigung zum Lachen oder Weinen, je nach der Schwere der Läsion,
auslösen. Diese Läsionen sind ihrer Lokalisation nach verschieden, sie können
kortikale, subkortikale oder ganglionäre sein. Das Reizmoment des mimischen
Zentrums wird gewöhnlich durch eine von einem Erkrankungsherd auf den Thala¬
mus opticus ausgeübte Kompression dargestellt; es ist so gut wie immer mit
dem Hemmungsausfall verbunden, da leicht eine Läsion der Hemmungsfasern in
der Nachbarschaft des Thalamus, zu dem sie konvergieren, Vorkommen kann. In
Ausnahmefällen kann auch die Erregung des mimischen Zentrums allein Zwangs¬
lachen und -weinen herbeiführen, bei Thalamusläsionen nämlich, die nicht den
vorderen und mittleren Kern dieses Ganglions, in welchen die mimischen Koor-
dinationszentren lokalisiert sind, zerstört haben. Der mimische Ausdruck ent¬
spricht in der großen Mehrzahl der Fälle, bei dem Lach- und Weinvorgang, dem
diesem entsprechenden psychischen Zustande; er repräsentiert aber nur eine Asso¬
ziation von koordinierten unwillkürlichen Bewegungen, die, auf Grund eines
biologischen \ onto- und phylogenetischen Prozesses, einen derartigen Charakter
und eine derartige Form angenommen haben. Das Zwangslachen und -weinen
nach zerebralen Läsionen ist nicht immer der Ausdruck einer freudigen oder
traurigen Stimmung, vielmehr steht es häufig in Widerspruch mit dem psychischen
Verhalten. Dieser Kontrast ist auf eine Funktionsstörung des mimischen Zen¬
trums, auf eine Desorientierung seiner Zellelemente, die Folge eines ständigen
Reizzustandes dieser Elemente von seiten der Läsion, zurückzufübren.
56) Eine neue Idee zur Beseitigung der Hyperämie des Gehirnes und der
inneren Organe, von Blum. (Berl. klin.Woch. 1914. Nr. 25.) Ref.: E. Tobias.
Verf. denkt zur Entlastung der Gehirnzirkulation an das Gegenteil der Auto¬
transfusion. An allen 4 Extremitäten wird eine Stauungshyperämie hervorgerufen;
dazu wird möglichst proximal eine Binde angelegt und so fest angezogen, daß
die arterielle Zufuhr nicht abgesperrt, der Rückfluß aber verhindert wird. Die Ab¬
sperrung kann mehrere Stunden durchgeführt werden. Die Methode ist auch beim
Hydrocephalus acutus und chronicus, beim Status paralyticus und epilepticus, beim
Lungenödem, beim Glottisödem, bei Hämoptoö, vielleicht auch bei Aneurysmen
der Aorta und der Hirnarterien zwecks Aufhaltens in ihrer Entwicklung, beim
Habitus apoplectious, bei Schwindel, Wallungen usw. zu empfehlen. Das Ende
der Stauung darf nicht brüsk vonstattengehen.
57) Großhirnverftnderung bei perniziöser Anämie, von P. Schröder. (Monats¬
schrift f. Psycb. u. Neur. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei perniziöser Anämie fand Verf. im Gehirn kleine miliare Herdchen, und
zwar mit großer Regelmäßigkeit, wenn auch nicht in allen Fällen gleich zahlreich.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
487
Der Sitz dieser Herdehen sind die Markleisten der Großhirnwindungen und zwar
mit Vorliebe ihr Grenzgebiet gegen die graue Rinde; ganz gelegentlich reichen
sie hinein in die unterste Ganglienzellschicht des Kortex, häufiger liegen sie
weiter abwärts im Markkegel. Mitten im Rindengrau oder im Kleinhirn fand sie
Verf. bisher nie. Die Herdchen haben kugelige oder leicht oblonge Gestalt,
liegen stets isoliert, meist in weiten Abständen, ein jedes Herdchen weist in
seiner Mitte eine Kapillare auf. In sehr vielen, aber nicht in allen Herdchen
finden sich rote Blutkörperchen. Daneben kommen vereinzelt kleine petechiale
Vollblutnngen vor, die analog den Blutungen in Retina, Dura usw. lediglich aus
dicht gedrängten roten Blutkörperchen bestehen. Im Gegegsatz zu Oeller, der
die Herdchen für primär kleine Blutungen mit sekundären histologischen Folge¬
zuständen hält, glaubt Verf., daß der Austritt der roten Blutkörperchen und das
gelegentlich nachzuweisende Auftreten von Fibrin einen sekundären Vorgang,
bezw. eine Erscheinung darstellt, die neben dem zur Entstehung der Herdchen
führenden Prozeß einhergeht. Es bleibt dahingestellt, ob dem Auftreten der
Herdeben feststellbare klinische Symptome entsprechen und ob die Herdchen
nicht etwa auch in Fällen von Anämie, die interkurrent ohne gröbere psychotische
Erscheinungen sterben, zu finden sind.
58) Ein Fall von akuter zerebraler Ataxie bei Infektionskrankheit, von
O.Mayer. (Journ. f. Psychol.u NeuroL XXI. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Ein junger, bis dahin gesunder Mann bekommt am 4. Tage einer kroupösen
Pneumonie einen Zustand schwerer Benommenheit mit Delirien, 8 Tage lang
dauernd und noch 6 Tage nach dem kritischen Temperaturabfall anhaltend.
Vorübergehend auch motorische Reizerscheinungen in Form von fibrillären Zuckungen
in der beiderseitigen Gesichtsmuskulatur. Während des Rückganges der Benommen¬
heit trat als erstes Symptom eine eigentümliche Sprachstörung zutage, die offen¬
sichtlich auf einer Koordinati onset örung beruhte. Dann ausgesprochene, durch
AugenBchluß unbeeinflußte, statische und lokomotorische Ataxie des Rumpfes und
der Extremitäten, Steigerung der Sehnen-, insbesondere der Patellarreflexe,
doppelseitiger Babinski, keine Lähmungen, keine Schmerzen, keine Sensibilitäts-,
Blasen- oder Mastdarmstörungen. Unter langsamem Rückgang der Symptome all¬
mählich in 5 Wochen völlige Genesung.
Diagnose: rein zerebrale Ataxie nach Pneumonie, wohl bedingt durch eine
vorübergehende, durch Toxinwirkung hervorgerufene Gewebsschädigung im Gro߬
hirn. Genauere Lokalisation nicht möglich.
Ein zweiter ähnlicher Fall (bei Pyelitis nach Partus) wird anhangsweise
noch mitgeteilt.
59) Über heilbare schwere Neuritis optica, verbunden mit zerebellarer Ataxie
beim Keuchhusten (Keuohhustenensephalitis), von Adolf Strümpell.
(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. 1915. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über einen 4 1 / 2 jährigen Knaben, der Mitte Juli 1914 an
Keuchhusten erkrankte. Am 13. August plötzlich wie gelähmt, Pat. konnte nicht
allein auf den Beinen stehen und schien fast nichts zu sehen. Es trat dies nicht
im unmittelbaren Anschluß an einen besonders heftigen Keuchhustenanfall ein, die
Hustenanfölle hatten damals schon an Heftigkeit nachgelassen. Kein Kopfschmerz,
kein Erbrechen, keine Bewußtseinsstörung. Objektiv: beide Pupillen weit,
reaktionslos. Auffallend ist die Geringfügigkeit der Augenbewegungen. Beider¬
seits völlige Amaurose, hochgradige beiderseitige Stauungspapille von nicht ganz
1 mm Elevation. Arme frei. Beine etwas ataktisch, Patellarreflexe nicht zu
erzielen. Achillesreflexe deutlich. Links schwacher Babinski. Linker Bauch¬
reflex <. Sensibilität normal. Beim Stehen unsicheres Körperschwanken. Gehen
unmöglich wegen allgemeiner Rumpfataxie. Liquor klar, unter Druck von
60 mm Wasser entleert. Keine Zellvermehrung, ganz geringe Nonnesche Reaktion.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
488
Allmählich fortschreitende Besserung; der Befund am Nervensystem wird
völlig normal, die Erscheinungen der Stauungspapille verschwinden, die Sehschärfe
wird gut, aber beide Sehnerven Behen glänzend weiß aus wie bei vollständiger
Atrophie. Sonst Heilung.
Die Neuritis optica, die zerebellare Ataxie, die deutliche Beschränkung der
Augenbewegungen, die Abschwächung des linken Bauchreflexes und der angedeutete
linksseitige Babinski weisen lokal isatori sch auf die Vierhügel gegen d mit Über¬
greifen des Prozesses auf die linke Pyramidenbahn hin; das Fehlen beider Palellar-
reflexe ist bei Kleinhirnerkrankungen bekannt, kommt vielleicht aber auch bei
Vierhügelläsionen vor. Die Art des Prozesses ist wahrscheinlich eine hämorrha¬
gische Enzephalitis mit zahlreichen kleinsten punktförmigen Blutungen. Die um¬
schriebene Lokalisation der Erkrankung spricht für eine unmittelbare bakterielle
Entzündung. Verf. glaubt an das Vorkommen einer echten Keuchhustenenzepba-
litis, abhängig vom Eindringen der (nooh nicht sicher bekannten) Keuohhusten-
erreger ins Oehirn. „Unwillkürlich drängt sich einem dabei die Analogie mit
der Infiuenzaenzephalitis auf. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Erreger
der beiden Krankheiten Influenza und Keuchhusten eine gewisse biologische Ver¬
wandtschaft untereinander besitzen und demgemäß auch beide die Neigung bzw.
Fähigkeit haben, unter Umständen sich an einer Stelle des Gehirns (eventuell
auch des Bückenmarkes) anzusiedeln und dort einen umschriebenen Krankheits¬
herd hervorzurufen, von dessen besonderer Lokalisation dann die auftretenden
klinischen Erscheinungen abhängen.“
Bezüglich der Prognose der Keuchhustenenzephalitis zeigt der Fall des Verf’s,
ebenso wie andere Fälle, daß dieselbe trotz anfänglicher bedrohlicher Symptome
günstig ist* Die Trepanation ist nicht erforderlich, allerdings wurde in einem
trepanierten Falle von Nacht der Augenspiegelbefund völlig normal, während in
Verf.’s nicht trepaniertem Falle zwar das Sehvermögen wieder ausgezeichnet wurde,
die Papille aber ein auffallend weißes, atrophisches Aussehen behielt. Gerade
diese Inkongruenz zwischen Sehschärfe und Augengrund wird durch den vor*
liegenden Fall gut demonstriert
60) Über eine durch die Sohwangersohaft bedingte schwere Hirnerkran¬
kung, von Georges L. Dreyfus und Marcel Traugott. (Medizin. Klinik.
1914. Nr. 13.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Die Verff. schildern die Krankengeschichte einer 26jährigen Frau, die mehr¬
mals normal geboren hat und bei der im Verlauf einer neuen Schwangerschaft
nach 6 Wochen mit Erbrechen unerträgliche Kopfschmerzen auftraten. Allmäh¬
lich zeigten sich Benommenheit, Nackensteifigkeit, ausgesprochenes Kernigsches
Phänomen sowie erhebliche Druckempfindlichkeit der WadenmuBkulatur. Die
Untersuchung ergab etwas verlangsamte Pupillenreaktion, am Augenhintergrunde
rechts ziemlich erhebliche, links beginnende Neuritis optica. Die Diagnose lautete
auf Meningitis. Fieber bestand nicht, so daß eine tuberkulöse oder epidemische
Meningitis nicht in Frage kommen konnte; Wassermann war negativ, so daß
auch an luetische Ätiologie nicht zu denken war. Auch die Lumbalflüssigkeit
wurde untersucht, ohne daß auf eine der drei Formen eine Annahme hinwies.
Ebensowenig kamen Schwangerschaftsurämie, Enzephalitis, Pachymeningitis hoemor-
rhagica, ein Hirntumor in Frage. Die Annahme eines Hydrozephalus hatte die
größte Wahrscheinlichkeit, obwohl eine Ursache nicht vorlag. Nun können aber
in der Schwangerschaft schwere zerebrale Symptomenkomplexe auftreten, die
nicht durch eine Störung in der Nieren- oder Herzfunktion oder durch eine
Thrombose, Embolie oder Blutung bedingt sind:
1. Die in der Schwangerschaft physiologische Volumenzunahme der Hypo¬
physe kann pathologische Formen annehmen und so entweder als Tumor an der
Schädelbasis Hirndruckerscheinungen bedingen oder bei nicht so übermäßiger
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSETY OF MICHIGAN
489
Schwellung diese Hirndrucksymptome indirekt durch einen sekundären Hydro¬
zephalus heryorrufen.
2. kann die Schwangerschaft durch das Auftreten toxischer Substanzen im
mütterlichen Organismus funktionelle Störungen an den verschiedenen Organen,
so auch am Großhirn, herbeiführen.
Der Versuch, den intrakraniellen Druck durch Lumbalpunktion herabzusetzen,
mißlang vollkommen. Weitere therapeutische Wege wiesen auf Ventrikelpunktion
und Palliativtrepanation oder Unterbrechung der Schwangerschaft hin. In An¬
betracht dessen, daß die Ventrikelpunktion ein harmloser Eingriff ist, durch
den bei einmaliger Entleerung Fälle von idiopathischem Hydrocephalus externus
und internus bereits geheilt worden sind, wurde mit Rücksicht auf den sich
immer bedrohlicher gestaltenden Zustand diese Operation der künstlichen Ent¬
bindung vorausgeschickt. Letztere erfolgte durch Sectio caesarea. Sohon am Tage
nach der Operation ließen die Kopfschmerzen nach, ging die Somnolenz etwas
zurück. 36 Stunden später waren die Kopfschmerzen vollkommen verschwunden,
desgleichen war die Patientin völlig bei Bewußtsein und klar. 5 Tage später
befand sich die Patientin in voller Rekonvaleszenz. Außer der Neuritis optica
bei normalem Visus und normalem Gesichtsfelde fand sich keinerlei von der
Norm abweichender Befund am Nervensystem mehr. Es bestand völlige Amnesie
für die schweren Tage der Krankheit. Zeitweilig zeigten sich später leichte
Kopfschmerzen, es bestand einzig eine Druckschmerzhaftigkeit der Nervi occipi-
tales. Ferner stellte sich eine Vergrößerung der Schilddrüse ein. Im Laufe des
folgenden halben Jahres nahm die Neuritis optica erheblich ab, dafür wurde die
Atrophia nervi optici zusehends deutlicher.
Es handelte sich in dem besprochenen Falle um einen Hydrocephalus chro¬
nicus externus mit Symptomen wie beim Nonneschen Pseudotumor cerebri. Die
Ursache war die Gravidität.
61) Die Differentialdiagnose der tuberkulösen organischen Erkrankungen
von Gehirn und Rückenmark, von 11. Nonne. (Tuberkulose-Fortbil¬
dungskurs des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Eppendorf; heraus¬
gegeben von Prof. Dr. Ludolf Brauer. Bd. I, S. 157; Würzburg, Curt
Kabitzsch, 1913.) Ref.: K. Boas.
Verf. gibt eine sehr eingehende Darstellung der Differentialdiagnostik* der
tuberkulösen Erkrankungen des Gehirns und des Rückenmarks, wobei er auf zahl¬
reiche Beobachtungen aus der eignen Praxis zurückgreift. Auf die einzelnen
Punkte und die zum Teil recht interessante Kasuistik kann an dieser Stelle nicht
eingegangen werden. Die Lektüre der Arbeit wird auch dem Fachmann mancherlei
Neues bringen.
62) Stauungspapille bei zerebralen Gefäßerkrankungen, von A. Kutzinski.
(Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Ref.: Bratz (Dalldorf;.
Bei einer 30jährigen Patientin war im Anschluß an die infolge Uterusruptur
erfolgte Exstirpation des Uterus nach 14 tägigem Intervall, in dem leicht febrile
Temperaturen bestanden haben, eine linksseitige Lähmung und teils linksseitige,
teils totale Anfalle aufgetreten. Gleichzeitig bestanden in den ersten Tagen
Temperaturen, die bis zu 40 Grad anstiegen und keine gynäkologische Ursache
hatten. Im Laufe der Beobachtung entwickelte sich eine Stauungspapille, die
ihren Höhepunkt erreichte, als bereits die Allgemeinsymptome weniger stark aus¬
geprägt waren und Anfälle nicht mehr bestanden. Dagegen war bemerkenswert,
daß die seit Beginn vorhandene Nackensteifigkeit an Intensität zugenommen hatte.
Die Lumbalpunktion, die wiederholt vorgenommen wurde, ergab stets eine erheb¬
liche Druck Vermehrung, dabei war der Liquor stets klar, niemals bluthaltig; es
bestand keine Eiweißvermehrung. Die mikroskopische Untersuchung ergab keine
Bakterien, eine geringe Vermehrung bis zu 12 Lymphozyten, keine Leukozyten;
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
490
die bakteriologisobe Untersuchung fiel negativ aus. Die Nachuntersuchung ergab
ein Stationärbleiben der linksseitigen Tastlähmung, eine geringe linksseitige Parese
des Armes und einen normalen Augenbefund.
Zur Erklärung der Entstehung der Stauungspapille zieht Verf. Resorptions¬
vorgänge heran. Diese Resorptionsvorgänge äußern sich in einer zeilig-serösen
Infiltration der Umgebung und diese wiederum bildet ein mechanisches Moment
der Drucksteigerung. Die letztere Möglichkeit würde es uns auch erklären, daß
ein erhöhter Druck des Liquors festgestellt wird, und daß anfänglich wie auch
in anderen Fällen nur geringe meningeale Reizerscheinungen auftreten, während
sie später deutlicher werden. Eis ist bemerkenswert, daß anfänglich nur eine
Neuritis optica vorhanden war, und daß diese erst im Verlauf von 14 Tagen
ihren vollen Höhepunkt erreichte. Diese allmähliche Entwicklung der Stauung
macht es, abgesehen vom Verlauf, unwahrscheinlich, daß eine Blutung, die bis
zur Basis gedrungen ist, für die Entstehung der Stauungspapille in Frage kommen
könnte, denn diese pflegt meist plötzlich wirksam zu werden. In Erwägung zu
ziehen ist also, ob nicht ein sich allmählich entwickelnder sekundärer Hydro¬
zephalus oder eine stärkere seröse Durchtränkung des Hirngewebes, eine Hirn¬
schwellung, den erhöhten Druck hervorgerufen hat. Daß es sich um eine
Stauungspapille ohne entzündliche Vorgänge gehandelt hat, wird auch durch die
völlige Rückbildung wahrscheinlich gemacht. Die Erwägung, daß es sich um
eine zufällige Koinzidenz von Wochenbett und einem tumorösen Prozeß handelt,
erscheint berechtigt.
Hirngeschwülste.
63) Beiträge zur Stauungspapille und ihre Bedeutung für die Hirn-
Chirurgie nach dem Material der Breslauer Universit&taaugenklinik
und der Privatklientel, von Prof. Uhthoff. (Graefes Arcb. LXXXIX.
H. 1.) Ref.: K. Steindorff.
Die umfangreiche, hochinteressante Arbeit stützt sich auf 220 Fälle. Die
Stauungspapille war 180mal doppelseitig, davon waren 130 Fälle von Tumor
cerebri, 18 von Lues, 8 Tuberkulose, je 7 Hydrozephalus und Turmschädel usw.
Tumor, Lues und Tuberkulose lagen auch den 19 Fällen qeuritischer Atrophie zu¬
grunde. Doppelseitige Neuritis war nie durch Tumor, sondern durch Hydrozephalus,
Nephritis, angeborenen Turmschädel und Salvarsan bedingt. Von den 35 Fällen,
in denen ein Auge pathologischen, das andere normalen Befund aufwies, beruhten
46°/o auf einer Orbitalerkrankung, 20% auf Tumor. Kleinhirntumoren bildeten
in % der Fälle die Ursache der Papillitis. Die Tumoren der hinteren Schädel¬
grube verhielten sich zu denen der übrigen Hirnteile wie 9:10. Ein Drittel der
Tumoren waren Sarkome, Gliome und Endotheliome. Dem subjektiven Augen¬
symptom gehen stets die allgemeinen zerebralen voraus. Selten fehlen die vor¬
übergehenden, periodischen Verdunkelungen. Der Verfall des Sehvermögens erfolgt
meist langsam. Funktionsstörung und Spiegelbefand stehen oft im Mißverhältnis.
Die Höhe der Prominenz besagt nichts über den Sitz der Geschwulst. Die Retina
war 48 mal mitbeteiligt (Blutungen, helle Herde). Die Intensität der ophthalmo¬
skopisch sichtbaren Veränderungen gestattet keine Schlüsse auf den Sitz des
Tumors. Der Ausgang ist fast stets der in neuritisohe Atrophie. Das Gesichts¬
feld war in 8 (frischen) Fällen frei, 43mal konzentrisch eingeengt, 33mal war
der blinde Bleck vergrößert. Von hirnlokalisatorischer Bedeutung ist nur die
Hemianopsie. Augenmuskelstörungen bestanden 47 mal (Lähmungen 16,6 %,
Nystagmus und Blicklähmung 18,5%); meist ist der Abduzens gelähmt (20mal,
davon 16mal doppelseitig); die Lähmungen der Augenmuskeln werden meist durch
Fernwirkung bedingt. Anisokorie bestand bei 5%, besagt aber nichts über den
Sitz des Tumors. Der Hornhautreflex war 11 mal (8%) verändert. — Lues
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
491
cerebri: Von 18 doppelseitigen Stauungspapillen beruhten 5 auf basaler Meningitis
gummosa, 13 auf anderen syphilitischen Hirnerkrankungen; von 4 Fällen ein¬
seitiger Hintergrundserkrankungen waren 2 Neuritiden und 2 neuritische Atro¬
phien. Die Therapie bewirkte 6 mal eine Rückbildung der Papillitis; 8 mal
besserte sich die Sehkraft. Augenmuskelstörungen bestanden in 35°/ 0 , sie fehlten
nie bei basaler Meningitis gummosa. — Tuberkulose: 7 Solitärtuberkel, 2 Menin¬
gitiden, Hydrozephalus 7 Fälle, Hirnabszeß 1, Cysticercus cerebri 2, Nephritis 1,
Anämie 1, Bleivergiftung 1, Basisfraktur 1, Turmschädel 7, multiple Sklerose 2,
Siebbeimempyem 2, Orbitalerkrankungen 16, Salvarsangebrauch 6 Fälle, Blitz¬
verletzung 1 Fall. Die Lumbalpunktion wurde — meist aus diagnostischen
Gründen — in 75°/ 0 gemacht; 3mal erfolgte im Anschluß daran der Tod. Die
Hirnpunktion nach Neisser-Pollak, 12mal ausgeführt, sicherte 5mal die
Diagnose. Der Balkenstich wurde 2 mal, die Palliativtrepanation 29mal (7 Kranke
starben im Anschluß an den Eingriff), Exstirpation des Tumors 14 mal (8 Todes¬
fälle) gemacht. So lange Sehkraft und Gesichtsfeld normal sind, operiere man
nicht, erst wenn sie sinken, soll operiert werden, und zwar sofort.
64) Über die Beeultate von druckentlastenden Operationen am Schädel
bei Stauungspapille, von A. W. J. Güntz. (Inaug.-Dissert. Jena 1914.)
Ref.: K. Boas.
Der vorliegenden Arbeit liegt ein Material von 8 Fällen aus der Jenenser
Augenklinik zugrunde. In 4 Fällen wurde die Trepanation ausgeführt, in den
übrigen der Anton-v. Bramannsche Balkenstich. Todesfälle ereigneten sich nicht
im Anschluß an die Operation. Von der ersten Gruppe starben drei Patienten
innerhalb eines Zeitraums von 5 Monaten bis zu l l / 2 Jahren. Von der zweiten
Gruppe starben zwei Kranke nach 2 bzw. 6 Monaten, einer lebt (1 Jahr nach
der Operation), über den 4. Fall liegen keine weiteren Nachrichten vor.
Unter drei Trepanationsfällen ging die Stauungspapille einmal nach 14 Tagen
um 2 bzw. 1 Dioptr. zurück, um nach 1 / 4 Jahr vollständig zu verschwinden; einmal
war ein Abschwellen nach 4 Wochen nach der Operation nicht zu bemerken, und
einmal trat nach der Operation in 17 Tagen sogar eine Steigerung der Intensität
auf, die Stauung verschwand erst nach 8 / 4 Jahren vollständig.
Unter den Balkenstichfällen war einmal keine Besserung zu konstatieren,
einmal ging die Stauung nach 4 Wochen, ein anderes Mal nach 4 Monaten zur
Norm zurück.
Auf Jodkalium und Schmierkur konnte Verf. eine vorübergehende Besserung
um 0,5 Dioptr. in einem Falle feststellen; in einem Falle trat keine Besserung auf.
Von der Lumbalpunktion, die nur einmal vorgenommen wurde, war kein Erfolg
zu sehen.
Die Wirkungen auf den Visus waren folgende:
Gruppe I (Palliativtrepanation):
Fall I. Vor der Operation praktisch unbrauchbares Sehvermögen, nach der
Operation Erblindung.
Fall II. Sehkraft vor der Operation fast normal, nach der ersten Operation
zur Norm gestiegen; im zweiten Schub der Erkrankung wurde die völlige Er¬
blindung nicht gebessert.
Fall III. Sehvermögen, das vor der Trepanation auf der einen Seite schlecht
war, nahm auf den Eingriff noch mehr ab.
Fall IV. Visus, vor der Operation normal, wurde erhalten.
Gruppe II (Balkenstich):
Fall L Sehschärfe, die vor der Operation gut war, blieb erhalten.
Fall IL Der unbrauchbare Visus ging in Erblindung über.
Fall III u. IV verliefen ohne alle Sehstörungen.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
492
Zu erwähnen ist, daß nach einer Trepanation einmal eine Hirnhernie unan>
genehme Lähmungserscheinungen nach sich zog.
Eine Trepanation ohne Duraeröffnung ließ die Stauungserscheinongen an den
Papillen (wenn auch nur für kurze Zeit) verschwinden.
Die zwei Fälle, bei denen Tumor cerebri sicher vorlag, zeigten beide eine
stärkere Papillenprominenz auf der dem Tumor entgegengesetzten Seite. Es scheinen
diese Beobachtungen dafür zu sprechen, daß ein diagnostisches Hilfsmittel in der
Ungleichheit der Stauungspapillen nicht bestehe.
Zusammenfassend bemerkt Verf., daß die Wirkung bei der Operation auf die
Sehkraft die beste dann ist, wenn von dem Visus noch nichts verloren gegangen
ist. Es soll daher nicht erst auf den Beginn einer Sehstörung gewartet werden;
es zeigt sich auch hier, daß die Indikation zum chirurgischen Handeln schon
dann gegeben ist, wenn die Stauungspapille diagnostiziert wurde.
Von einer Entscheidung, welcher der beiden Methoden man den Vorzug
geben muß, sieht Verf. im Hinblick auf die geringe Anzahl der von ihm beob¬
achteten Fälle ab.
65) Augensymptome bei Gehirntumoren, von Hebenstreit. (Inaug.-Dissert.
Leipzig 1914.) Bef.: K. Boas.
Auf Grund der in den letzten 10 Jahren in der Leipziger medizinischen
Universitätsklinik beobachteten einschlägigen Fälle, in denen eine Bestätigung der
Diagnose durch Autopsie stattgefunden hat, bespricht Verf. die Augensymptome
bei Kleinhirn-, Pons-, Medulla oblongata-, Akustikus- und Zirbeldrüsentumoren
sowie desjenigen des 4. Ventrikels und gibt auch eine statistische Übersicht der
von ihm beobachteten Fälle. Die sehr gründliche Arbeit des Verf.’s lohnt ein
Studium in Muße.
66) Sarkom der linken motorischen Region, von M. R. Castex u. P. 0. Bolo.
(Archiv f. Psyoh. LV. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
16jähr. Jüngling. Im Alter von 13 Jahren fielen ihm einige Bretter auf
den Kopf und quetschten ihn am Hinterkopf, an der rechten Scheitelgegend und
Pfeilnaht. Längere Zeit betäubt. Beginn des Leidens etwa 2 Jahre später mit
epileptischem Anfall. Dann entwickelte sich das Bild eines kortikalen Tumors
der linken motorischen Region. Nach zweizeitiger Operation, welche ein Spindel¬
zellensarkom aufdeckte, das mit seinem Stiel an den Meningen und der Hirnrinde
der linken motorischen Region haftete, schnelle Besserung. Erwähnenswert ist
das Vorhandensein starker Muskelatrophien an Hals, Schultergürtel, rechtem Arm
und Bein, trotzdem es sich um einen zerebralen Prozeß handelte.
67) Zur Chirurgie der Hirntumoren im Bereiche des Parietallappene, von
Erich Jordan. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Nach vorausgebenden Bemerkungen über die Symptomatologie der Parietal¬
lappentumoren teilt Verf. drei einschlägige, von Wendel (Magdeburg) operierte
Fälle mit pathologisch-anatomischem Befund mit. In allen 3 Fällen trat Heilung
oder doch zum mindesten bedeutende Besserung ein. In den Fällen I und 111
bestand am Tage nach der Operation Lähmung der Extremitäten der gegenüber¬
liegenden Seite, die jedoch ebenso wie die übrigen Symptome in der Folgezeit
völlig wieder verschwanden, so daß eine Restitutio ad integrum eintrat. Zur
Blutstillung bediente man sich entweder einer Gummibinde, die um Stirn und
Hinterhaupt gelegt wurde, oder der Heidenbainsehen Hinterstichnaht. Beide
Methoden erfüllten ihren Zweck vollständig. In 2 Fällen wurde die Hirnpunktion
nach N eisser-Pollak mit Vorteil ausgeführt. In dem einen Falle wurde neben
der Artdiagnose des Tumors die neurologische Lokaldiagnose mit wesentlich
größerer Sicherheit und Genauigkeit festgestellt, in dem anderen Falle ergab die
Punktion wertvolle Aufschlüsse über die Art des Tumors, indem neben dem Tumor
das Vorhandensein einer Zyste festgestellt wurde. In dem einen Falle fand sich
Digitized b)
Gck gle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
493
an der Punktionsstelle in der Tiefe über dem Tumor ein offenbar von der Puoktion
herrührender kleiner Bluterguß, Bei Hirnabszessen und Solitärtuberkeln muß man
für die Punktion ganz besonders strenge Indikationen fordern.
68) Heilung eines bemerkenswerten Großhirntumors, von W. Alexander und
E. Unger. (Berliner klin, Wochenschrift. 1914. Nr. 30.) Bef.: E. Tobias.
Ein 26jähriger Beamter mit belangloser Anamnese hatte in der Schulzeit
fast täglich Kopfschmerzen, die sich aber später verloren» so daß er seiner Militär-
pflicht ohne Störung genügen konnte. Vor etwa 4 Jahren nach einem Alkohol¬
exzeß Krampfanfall mit Bewußtlosigkeit und Zungen biß, weitere Anfälle in den
nächsten Monaten ohne Alkoholexzeß; daneben mehrere kleine Anfälle mit erhal¬
tenem Bewußtsein und abnormen Sensationen im linken Gesicht und linken Arm
und Hand Bowie einem bitteren Geschmack auf der linken Zungenhälfte. Dabei
aufsteigendes Angstgefühl. Später ging diese Art Aura auch den großen Anfällen
voraus. Bromkur erfolgreich. Diagnose nach Charitöbehandlung und Röntgen¬
aufnahme: Epilepsie, Pseudo Jackson sehe Form. August 1913 zum ersten Male
Kopfschmerzen und taubes Gefühl in der linken Hand, Schwindel, Erbrechen,
Befand im September 1913: Leichte Parese im linken unteren Fazialis, Stauungs¬
papille r. > 1. Allgemeine Hirndruckerscbeinungen wie Kopfschmerzen, Erbrechen.
Schwindel, Pulsverlangsamung. Die Diagnose lautete auf Tumor im Marklager
der rechten Hemisphäre, gegen die Binde zu wachsend, wahrscheinlich mehr unter¬
halb der hinteren Zentralwindung. Die Diagnose wurde durch das Röntgenbild
bestätigt und ergänzt. Die im Januar 1914 vorgenommene Operation ergab ein
Endotheliom von 85 g Gewicht, 7 om lang, 6 cm breit, von der Duraoberfläche
7 om in die Tiefe reichend und Kalksubstanz enthaltend. Die Operation ist ein¬
zeitig in Lokalanästhesie durchgef&hrt. Die Blutung wurde durch kontinuierliches
Absaugen beherrscht.
Nach der Operation vorübergehende Fazialisparalyse. Nach 3 Wochen sohwerer
epileptischer Anfall mit mimischer Fazialisparese links, die darauf zurüokgeführt
werden mußte, daß wahrscheinlich durch die Entfernung des so großen Tumors wohl
auch der Thalamus in der Tiefe durch Blutung oder ödem geschädigt war. Nach
etwa 3 Monaten kann Pat beschwerdefrei entlassen werden. Er hat seine Arbeit
wieder aufgenommen.
Der Tumor war abgekapselt, im Röntgenbilde direkt sichtbar und ist an¬
scheinend in toto entfernt worden. Als einziger Defekt ist eine reine Stereoagnosie
geblieben.
69) Die chirurgische Behandlung des erhöhten Hlrndruokee, von A. Schüller.
(Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 43.) Ref.: Pilcz (Wien).
Klinischer Vortrag, gehalten im Verein f. d. ges. Therapie, Wien 1913. Verf. hat
gerade auf diesem Gebiete bekanntlich selbständig durch seine röntgenologischen
Studien bei Hirndrucksteigerung wichtige Ergebnisse zutage gefördert und eine
Methode, die der sellaren Palliativtrepanation, empfohlen. Unumstrittene Geltung
erlangten die Quinckesche Lumbalpunktion und der Anton-Bramannsehe Balkenstich.
70) Über den Anton-v Bramannsohen Balkenstich, von Ringel. (Beitr. z.
klin. Chirurgie. XCII.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
Bericht über weitere 5 Fälle von Balkenstich. Gänzlicher Mißerfolg bei
einem Fall von Hirntumor, bei welchem überhaupt kein Hydrocephalus internus
bestand. In den übrigen 4 Fällen handelte es sich um Hydrocephalus internus
und hier war der Erfolg in allen Fällen mehr oder minder deutlich zu kon¬
statieren. Dauernde Abnahme des Kopfumfangs, Zunahme der geistigen Ent¬
wicklung, Verschwinden der spastischen Lähmungen, Rückkehr des Gehvermögens.
Ein Dauererfolg wurde nur in einem Falle erzielt. Verf. empfiehlt den Balken¬
stich als fast ungefährlich in allen Fällen von Hydrozephalus; erst, wenn er ver¬
sagt, kommen die eingreifenden Operationen in Betracht
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
494
Kriegsbeobachtungen.
71) Neurologische und psychiatrische Mitteilungen aus dem Kriege, von
Max Löwy. (Monatsschrift f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1915. H. 6.)
Ref.: Kurt Mendel.
Bei etwa 1000 gewohnheitsmäßigen mäßigen und zum Teile starken Bier¬
trinkern kam nach wochenlanger Abstinenz unter sonst für das Delirium tremens
disponierten Momenten, wie Darmstörungen, Fieber, Pneumonien usw., kein einziges
Abstinenzdelir vor; allerdings können die starke körperliche Bewegung und der
Aufenthalt in freier Luft als entgiftende Momente gegen den Ausbruch eines
Delirs angesehen werden.
Sicher auf sexuelle Abstinenz zurückgehende Störungen kamen nicht zur
Beobachtung. Zur Zeit der schweren Strapazen fehlten nach vielen überein¬
stimmenden Angaben die Morgenerektionen und jede Libido.
Bei den dem Artilleriefeuer lange ausgesetzt Gewesenen fiel ein besonderer
Gesichtsausdruck, das „Kanonengesicht“ auf: Ausdruck düsterer Spannung im Ge¬
sicht, der bei einzelnen auch etwas weltschmerzlich-ironisches hatte.
Nach schwerer Beschießung waren Klagen über Parästhesien und Schwäche-
gefühl in den Beinen häufig.
Bei den psychischen Störungen handelt es sich um reaktive Störungen bei
Gesunden, um einen Niederbruch unter der Belastung durch die Kriegserlebnisse
und die Kriegsstrapazen. Es entstehen psychopathische Episoden von Erregung
und reaktiver Depression. Bald überwiegt die Apathie, bald die Erregung, am
häufigsten besteht eine Mischung von Depression, Erregbarkeit und Apathie.
72) Der Einfluß des Krieges, insbesondere des Kriegsausbruches, auf schon
bestehende Psychosen, von E. Meyer. (Archiv f. Psych. LV. 1915. H. 2.)
Ref.: Kurt Mendel.
Eine nach außen bemerkbare Beeinflussung schon bestehender Psychosen durch
den Kriegsausbruch ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, einerlei welche
Krankheitsform vorlag, nicht nachweisbar. Höchstens bei einem oder zwei der
DepressionBzustände machte sich eine Steigerung der Angst und Unruhe bemerkbar.
Hingegen ist der Ausbruch des Krieges als solcher in der überwiegenden Mehr¬
zahl der Fälle zur Auffassung gekommen; diese Perzeption ist aber eine rein
äußerliche geblieben, die Kranken haben den Kriegskomplex nicht verarbeitet.
Ganz allgemein wird der Einfluß des Kriegsausbruches auf schon bestehende
Psychosen vor allem ein Gradmesser für den Zustand des Affektlebens, die all¬
gemeine gemütliche und ethische Ansprechbarkeit sein. Bei den chronischen
Alkoholisten trat der Ausfall auf affektivem Gebiete besonders klar hervor, des¬
gleichen bei der Paralyse und der Dementia praecox. Bei den manisch gefärbten
Krankheitsbildern sieht man Teilnahme, aber nicht tief. Bei den Kranken mit
Melancholie fehlt jede Beeinflussung.
Die krankhafte einseitige Betonung des Ich-Komplexes, wie wir sie als ein
Merkmal tiefgreifender geistiger Störung finden, verhindert eine wesentliche Ein¬
wirkung des Krieges bzw. des Kriegsausbruches auf bestehende Psychosen.
73) Contributo allo Studio delle turbe neuro-psiobiohe dovute ad emozioni
durante la guerra italo-turca, per Arturo Gorrieri. (Rassegna di studi
psichiatrici. III. 1914. H. 5.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Verf. teilt 6 Krankengeschichten mit. Er kommt zu dem Schluß, daß die
während des Krieges entstandenen Psychosen nichts Charakteristisches darbieten.
Meistens handelt es sich um depressive oder stuporöse Zustände, die rasch heilen,
ln der großen Mehrzahl der Fälle kommen sie bei hereditär belasteten Indi¬
viduen vor.
74) Funktionelle Neurosen bei Kriegsteilnehmern, von E. Röper. (Deutsche
militärärztl. Zeitschr. 1915. H. 9 u. 10.) Ref.: Kurt Mendel.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
495
Vortrag mit Demonstration einer Anzahl nenrasthenischer und hysterischer
Soldaten. Die Zahl der psychisch Erkrankten sowie diejenige der an funktionellen
Neurosen leidenden Krieger ist im Marinelazarett Hamburg eine verhältnismäßig
kleine. Die Neurasthenie tritt oft als Erschöpfungsneurasthenie, die Hysterie
monosymptomatisch auf. Überstandene oder noch bestehende Geisteskrankheiten
sowie angeborener Schwachsinn und krankhafte seelische Veranlagung machen zum
aktiven Dienst und in der Ersatzreserve dauernd untauglich und heben bei
militärisch ausgebildeten Mannschaften die Garnisondienstfähigkeit auf. Chronische
Nervenleiden, die den Gebrauch der Gliedmaßen und die allgemeine Leistung»*
fähigkeit nicht wesentlich und nicht dauernd beeinflussen, namentlich nicht mit
Bewußtseinsstörungen verbunden sind, heben die See- bzw. Felddienstfähigkeit auf,
nicht aber die Garnisondienstfähigkeit. Im allgemeinen ist der Grundsatz fest¬
zuhalten, daß alles, was auch nur im geringsten nach Bewußtseins- oder Seelen¬
störungen aussieht, felddienstunfähig ist.
76) Primäre Wundnaht bei SohuBverletsungen, speziell des Gehirns, von
B&r&ny. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Bef.: Pilcz.
Arbeit von vorwiegend chirurgischem Interesse, daher Bef. mit einer ein¬
fachen Anzeige derselben sich hier begnügt.
70) Zwei Fälle von Sohußverletzung der zentralen Sehbahnen, von F. Dimmer.
(Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Bef: Pilcz (Wien).
Fall I. 29jähriger Mann, 22. X. 1914 Gewehrschuß gegen linke Schläfe, keine
Bewußtlosigkeit, Parästhesien rechts, konnte weder sprechen, noch lesen und
schreiben, verlor das Namensgedächtnis. Bei späterer Untersuchung Beste von
amnestischer Aphasie bei normaler sensorisch-motorischer Sprachfunktion, leichte
Fazialisparese rechts. Hechts Andeutung von Fußklonus, ganz minimale rechtsseitige
Hemihypästhesie. Schußkanal verlief 2 cm vor oberem Ansätze der linken Ohrmuschel,
ziemlich sagittal, Ausschuß 4 cm hinter Ohransatz etwas höher als Einschuß.
Fundus, Pupillarreaktion und Augenbewegungen normal, homonyme Quadranten¬
hemianopsie nach rechts oben mit stumpfer Begrenzung des Gesichtsfelddefektes
gegen Fixationspunkt, so daß Gesichtsfeldausfall etwa 3° von diesem beginnt.
Fall II. 25jähriger Mann, 23. VIII. 1914 Schuß, Bewußtlosigkeit, naohher
hochgradige Herabsetzung des Sehvermögens, die sich allmählich besserte, bis auf
Unfähigkeit zu lesen. Bei Operation mit Entfernung von Knochensplittern
(19. und 30. X. 1914) zeigte sich Verletzung des Gehirnes wie folgt: Rechts in
Ausdehnung von 2 cm querer, 0,75 cm senkrechter Richtung, links weiter nach
unten und in tiefere Hirnpartien sich erstreckend. Thrombose des Sinus longi-
tudinalis. Splitterfraktur in Gegend der Protuberantia occipitalis. Pupillen auf¬
fallend weit, prompt reagierend, Bulbusbewegungen frei, Fundus belangloser Befund.
Gesichtsfeld in Außengrenzen links wenig, rechts mehr eingeschränkt. Im rechten,
unteren Quadranten beiderseits absolute, homonyme Skotome. Am oberen Rande,
der von 10 bis 20° dem horizontalen Meridiane folgt, liegt vom Fixationspunkt
bis 10° eine leichte Ausbuchtung im erhaltenen Gesichtsfeldteil, die sich gerad¬
linig gegen Fixationspunkt abdacht, nach der anderen Seite ziemlich steil abfällt.
Im vertikalen Meridiane ist Begrenzung geradlinig.
An der Hand dieser beiden Fälle geht nun Verf. auf die Henschen-Wil-
brandsche Theorie bezüglich der Verbindung des Sehzentrums mit der Retina
ein und auf die Theorie von Monakow-Wehrli.
Der erste Fall gestattet eine Auslegung nach beiden Hypothesen; der zweite
Fall jedoch nur nach der Henschen-Wilbrandschen.
Es ist klar, daß homonyme, durch eine Erkrankung der Hirnrinde oder der
Sehstrahlung bedingte und in das sogenannte makuläre Gebiet hineinragende
Skotome, oder Skotome, die außer dem Fixationspunkt auch noch in beiden Ge¬
sichtsfeldern homonym gelegene Skotome des makulären Gebietes betreffen, nur
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
496
Dach der Projektionstheorie erklärbar sind. Nach Monakow müßten gerade die
zentralen Partien des Gesichtsfeldes bei partieller Zerstörung der Hirnrinde er¬
halten bleiben, und auch ausgebreitete Bindenherde könnten nicht zentrale oder
parazentrale, homonyme Defekte hervorrufen.
Das ganze Skotom in Fall II kann man sich zerlegt denken a) in ein kleines,
zentrales, absolutes Skotom, b) in ein der rechten unteren Hälfte der rechts¬
seitigen sogenannten Makulaaussparung entsprechendes Skotom, c) in ein Skotom,
das den zentralen Teil einer nach rechts und unten gelegenen Quadrantenhemi-
anopsie einnimmt.
a) weist auf eine doppelseitige, durch Läsion der Hirnrinde oder der Seh¬
strahlung erzeugte Erkrankung hin.
b) fuhrt gleichfalls zu einer doppelseitigen, links aber stärkeren Läsion der
Rinde des Sehzentrums hin. Bei dieser Gelegenheit setzt Verf. auseinander, daß
statt der wenig passenden Bezeichnung „Makulaaussparung“ man besser von der
Aussparung eines kleinsten perizentralen Gesichtsfeldteiles im hemianopischen
Gesichtsfelde sprechen sollte.
c) würde durch Zerstörung eines Teiles der in der oberen Caloarinalippe
gelegenen Partie dee Sehzentrums Zustandekommen, und es würde das Zentrum
für die Makulagegend iu den hinteren Teil der Fissura calcarina zu lokali¬
sieren sein.
Abbildungen im. Texte veranschaulichen genau Gesichtsfeldbefunde in beiden
Fällen. Außerdem sind Gesiohtsfeldbilder von einschlägigen Fällen aus der Literatur
wiedergegeben.
77) Ein Fall von spontaner Nagelabstoßung nach SohußVerletzung des Plexus
brachialis, von Hermann Schlesinger. (Mitteil. d. Gesellschaft f. innere
Medizin u. Einderheilk. in Wien. 1916. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel.
Vortr. demoustriert einen Offizier, der im Oktober 1914 eine Schußverletzung
des linken Plexus brachialis mit nachfolgender vollständiger motorischer und sen¬
sibler Lähmung der linken oberen Extremität und eine komplizierende Brust-
verletzung erlitten hat. Ende Dezember bemerkte der Kranke das Wiederkehren
der Sensibilität an den Fingern und an der Hand, jedoch ist nur die Berührungs¬
empfindung an der linken oberen Extremität wiedergekehrt, die anderen
Empfindungsqualitäten (oberflächliche und tiefe) waren hochgradig gestört, die
Motilität noch aufgehoben. Zu gleicher Zeit mit der Wiederkehr der Sensibilität
bemerkte man eine rasch fortschreitende Abstoßung der Nägel der ersten 4 Finger,
also im Ausbreitungsgebiet des Medianus, und Bildung neuer Nägel ohne Defor¬
mitäten derselben. Der Fall bietet ein gewisses Interesse, weil er konform den
Beobachtungen Bernhardts zeigt, daß auch an gelähmten Extremitäten ein
Nagelwachstum stattfindet, während Weir-Mitchel noch nicht sicher war, ob
eine Lähmung nicht das Nagelwachstum aufhebt. Der Nerveneinfluß auf das
Nagelwachstum ist in diesem Falle besonders deutlich, da zu gleicher Zeit mit
der wiederbeginnenden Herstellung der sensiblen Funktionen die Nagel¬
abstoßung begann. Dieses Verhalten würde der Annahme Cassirers zur Stütze
dienen, daß in den sensiblen Nerven auch die Bahnen für die trophisohen Ein¬
flüsse auf die Gewebe verlaufen, jedoch in umgekehrter Leitungsrichtung wie die
ersteren.
78) Zur Frage der operativen Behandlung der Sohnßverletsungen peri¬
pherer Nerven, von Emil Bedlich. (Monatsschr. f. Psych. u. Neur. XXXVII.
1915. H. 6.) Bef.: Kurt Mendel.
Verf. sah Fälle von peripherer Nervenverletzung, deren Prognose ihm recht
zweifelhaft erschien, im Laufe der Monate heilen, so einen Fall von Fazialis¬
lähmung nach Lanzenstich vor dem Ohre mit schwerer Entartungsreaktion, An¬
ästhesie im Bereiche des 2. und 3. Astes des Trigeminus und schwerster Atrophie
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
497
und nahezu erloschener elektrischer Erregbarkeit im Masseter; nach 6 Monaten
war sowohl die Fazialislähmung wie die Lähmung des motorischen Trigeminus¬
astes völlig geheilt, nur die sensible Trigeminuslähmung bestand teilweise fort.
Bei der Operation wurde in einer beträchtlichen Zahl von Fällen der Nerv
vollständig durchschossen gefunden, mitunter waren die durchtrennten Teile des
Nerven vom Projektil förmlich nach dem Wundkanal fortgeris6en und hier durch
Narbengewebe fixiert. In anderen Fällen sah Yerf. — relativ häufig am Ischiadicus
— eine nur partielle Durchtrennung des Nerven mit Erhaltenbleiben einer Brücke.
Häufig ist zwar die Kontinuität des Nerven erhalten, aber es sind infolge
der Schub Verletzung so schwere Veränderungen im Peri- und Endoneurium des
Nerven eingetreten, dab eine spontane Restitution unmöglich ist.
Unter 8 Fällen fand Yerf. 4mal (Verletzung des MedianuB, Ulnaris, Radialis
nahe der Oberfläche mit ausgedehnten Hautnarben) im Nerven Haare, die von
der umgebenden Haut in den Nerven fortgerissen waren.
Die oft sehr heftigen Schmerzen wurden in einer Zahl von Fällen günstig
beeinflubt. Das Verhalten der Sensibilität ist wechselnd. Neben Fällen, wo sie
früher als die Motilität sich zurückbildete, gibt es, wenn auch selten, solche, wo
sich dies umgekehrt verhält.
Die Resultate bei Frühoperationen (in den ersten 6 bis 8 Wochen) sind durch¬
aus nicht immer günstiger als bei einem späteren Zeitpunkte (nach 2 bis 4 Monaten),
auch besteht dort noch die Gefahr der Infektion. Wenn der klinische Befund
nicht strikte Indikationen für eine frühere Operation bringt, kann man im
allgemeinen 3 bis 4 Monate zuwarten; in neurologischer Beziehung sind die Ver¬
hältnisse bis dahin in vielen Fällen schon besser zu übersehen. Zu einer all¬
gemeineren Empfehlung der Probeinzisionen kann sich Verf. nicht entschlieben.
70) Über Sclmßverletzti&gen peripherischer Nerven, von Frieda Reichmann.
(Deutsche med, Wochenschr. 1915. Nr. 23.) Ref.: Kurt* Mendel.
Die Schußverletzungen des Ischiadikusstammes boten vorwiegend Ausfalls¬
erscheinungen im Peronealgebiet; und zwar ist es bald sofort am stärksten ge¬
troffen, bald bilden sich die übrigen Schädigungen zurück, während die Läsion
dfes Peroneus hartnäckig bestehen bleibt. Bei den peripheren Nervenverletzungen
handelt es sich nur in wenigen Fällen um eine wirkliche Durchscbießung der
betroffenen Nerven. Vielmehr sieht man bei Freilegung des Nerven in der
größeren Zahl der Fälle letzteren von stark komprimierendem Narbengewebe um¬
wachsen, nach dessen Lösung aber in seiner Kontinuität erhalten und makro¬
skopisch intakt. Der starke Druck des in der Umgebung des Nerven durch
Schußverletzung zerstörten und narbig geheilten Gewebes oder der Druck organi-
siertef lokaler Blutungen ist in solchen Fällen als Ursache der Leitungsunter¬
brechung anzusehen. Häufig handelt es sich auch zunächst um einfache Shock-
Wirkung, um Erschütterung ohne nachweisbare mikroskopische Veränderungen,
die zu vorübergehenden Funktionsstörungen des Nerven fuhren; seine Restitution
wird dann durch sekundäre Narbenbildung in der Umgebung verhindert.
Neben den organischen bestehen oft psychogen bedingte Beschwerden. Häufig
ist die Empfindlichkeit für Nadelstiche nur verlangsamt, nicht erloschen. Trophische
Störungen (Atrophie, ödem mit Zyanose, An-, Hyperhidrosis, Verfärbung der
Extremitäten, Veränderungen an den Nägeln) sieht man sehr oft.
Gegen die Schmerzen empfiehlt Verf. Pantopon als Tropfen oder subkutan,
Luminal (Tabl. zu 0,1), eiskalte oder feuchtwarme Umschläge.
Die ersten 3 bis 6 Monate ist konservativ zu behandeln (Galvanisieren
(Kathode auf Läsionsstelle deB Nerven, Anode beweglich auf die betroffenen
Muskeln, 6 bis 8 M.-A.], Übungen, Schienenverbände nachts zur Vermeidung von
Kontrakturen); zeigt sich innerhalb 3 bis 6 Monaten keine Heilungstendenz, so
empfiehlt es sieb, operativ vorzugehen.
xxxiv. 82
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
498
80) Über Sohußverletzungen der Arxnnerven, von E. Fröhlich. (Berliner
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Kef.: E. Tobias (Berlin).
Die Nervenstränge weichen bei Durchschüssen der oberen Gliedmaßen oftmals
dem Geschoß aus. Nervenentzündungen in der Nähe von Verletzungen sind selten.
Verf. schildert dann an der Hand von Beispielen die Schußverletzungen der ein¬
zelnen Armuerven und die Möglichkeiten der Therapie.
81) Eine Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe des Gebisses bei Verlust
bzw. Lähmung der Arme, von Zahnarzt J. Grün borg. (Berliner klin.
Wochenschr. 1915. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. versucht bei Armlähmung das Gebiß zum Schreiben heranzuziehen. Die
Modelle des Ober- und Unterkiefers wurden in Artikulation gestellt und der Biß
so weit gesperrt, daß sich zwischen den Zahnreihen ein Zwischenraum von etwa
2 mm bildete. Aus Wachs wurde ein schienenartiges Mundstück modelliert, das
etwa die Hälfte der Kronen der unteren Zähne umfaßte; die oberen Zähne bissen
dagegen nur mit den lingualen Flächen auf die Schiene, ihre Schneidekanten und
labialen Flächen blieben frei. Verf. konstruierte dann einen Halter mit drei
Gelenken, von denen das mittlere, mit einer Feder versehen, die genügende
Elastizität gewährleistete. 4 Abbildungen machen das Verfahren verständlich.
IIL Aus den Gesellschaften.
Ärztlicher Verein in Hamburg.
Sitzung vom 26. Januar und 23. Februar 1915.
(Fortsetzung.)
Ref.: M. Nonne (Hamburg).
Diskussion zu den Vorträgen der Herren Saenger und Cimbal (s. d. Centr.
1915. S. 364 u. 411).
Herr Nonne kommt auf Grund seines Materials zu folgenden Feststellungen:
A. Verletzung der peripheren Nerven. Es ist außerordentlich häufig, daß bei
Verletzungen peripherer Nervenstämme nur partieller Funktionsausfall zu¬
stande kommt. Dies versteht sich sowohl für die motorischen als auch für die
sensiblen Funktionen. Im allgemeinen tritt der sensible Funktionsausfall außer¬
ordentlich hinter dem motorischen zurück. In einzelnen Fällen beherrschen in¬
tensive und gegen die Therapie refraktäre Schmerzen das Bild; doch bat N. diese
Fälle nur selten gesehen, seltener als N. es nach den einschlägigen Veröffent¬
lichungen geglaubt hat. Die elektrische Erregbarkeit zeichnet sich gegenüber den
Verletzungen der Friedenspraxis dadurch aus, daß man nicht selten Erloschensein
der faradischen Erregbarkeit bei normaler galvanischer Erregbarkeit und umge¬
kehrt exquisite galvanische Entartungsreaktion bei erhaltener faradischer musku¬
lärer Erregbarkeit findet Auffallend häufig findet man auch intakte oder nur
wenig geschädigte motorische Funktion in Muskeln, die ausgesprochene Entartungs¬
reaktion bieten. Nicht selten ist die Entartungsreaktion noch nach 4 und 5 und
6 Monaten auf der Höhe, dauert also sehr lange an. Es ist deshalb, um die
Ausdehnung der Schädigung einer Verletzung von peripheren Nerven festzusteilen,
eine genaue elektrische Untersuchung überall erforderlich. Die Ope¬
rationsbefunde sind sehr mannigfach: Durchtrennungen mit und ohne Ersatz
der Lücke durch Narbengewebe, kolbige Auftreibung der Nervenstümpfe duroh
Narbengewebe, torartige Durchlochung von Nervenstämmen, hochgradige allgemeine
Verdickung und starke Verdünnung der Nervenstämme, neuromartige lokale Ver¬
dickungen der traumatisierten Nerven, Erschlaffung der Nervenstämme in Gestalt
von schlaffer Schlängelung, Umwachsung der Nerven durch Narbengewebe, strang-
artige Einschnürung sowie Umwucherung und Einbettung der Nerven durch
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
499
Knochencallusmassen. Besonders durch letztere werden die Nervenstränge oft
weit aus ihrem gewöhnlichen Verlauf herausgedrängt, so daß ihr Anfsuchen bei
der Operation oft mit größten Schwierigkeiten verbunden ist. Die klinische
Untersuchung ist nicht in der Lage, mit Bestimmtheit zu sagen, ob eine Tren¬
nung der Kontinuität der Nerven stattgefunden hat Über die Diagnose „schwere
Schädigung“ kommt der Kliniker nicht hinaus. Andererseits ist der Kliniker in
der Lage, zu sagen, daß eine Trennung der Kontinuität nicht stattgefunden
hat Betreffs der operativen Behandlung steht N. auf dem Standpunkte, daß
die konservative Methode nur da gerechtfertigt ist, wo bereits eine
spontane Besserung eingesetzt hat, oder wo die elektrische Erregbarkeit nicht
oder nur wenig (partielle Entartungsreaktion) verändert ist. Da man bei schwerer
funktioneller und elektrischer Schädigung nicht mit Bestimmtheit oder Wahrschein¬
lichkeit sagen kann, ob und wann eine spontane Besserung eintreten wird, emp¬
fiehlt N. in solchen Fällen die operative Revision des Nerven. Schädigung hat
er niemals bei solchem Vorgehen gesehen, hingegen in einer Reihe von Fällen
Bedingungen vorgefunden, deren operative Beseitigung den Heilungsverlauf be¬
schleunigen muBte* (Loslösung vom Callus, Beseitigung umschnürender Narben usw.).
Die Resektion des Nerven läßt N. nur da vornehmen, wo jede von dem be¬
treffenden Nerven abhängende motorisohe Funktion erloschen ist; bei noch par¬
tiell erhaltener motorischer Funktion warnt N. vor Resektion. Über
den schließlichen Erfolg der Nervennaht werden wir erst nach vielen Monaten,
vielleicht erst nach Jahr und Tag urteilen können. Die Neurodese birgt die Gefahr
des Auftretens von Lähmung im Gebiet des „spendenden“ Nerven. — B. Bei Rücken-
marksVerletzungen läßt N. operieren, wenn die Annahme gerechtfertigt er¬
scheint, daß es sich um eine nicht im Rückenmark sitzende Veränderung bandelt.
In zweifelhaften Fällen hält N. die Probelaminektomie für gerechtfertigt. —
C. Die Erfahrung bei Hirnverletzungen lehrt, daß besonders häufig zerebrale
Monoplegien, die sich nioht selten auf das Gebiet einzelner Nervenstämme, beson¬
ders Peroneus, Tibialis, Radialis beschränken, zur Beobachtung kommen. Die
Beobachtung, daß die Restitutionsfahigkeit der jungen rüstigen Gehirne eine oft
überraschend gute ist, kann N. bestätigen. — D. Häufig sind Fälle von soge¬
nannter grande hystärie. Die Prognose dieser Fälle ist bei schnellem energischem
Vorgehen weit günstiger als in der Friedenspraxis. N. sah fast alle seine
Fälle bei geeignetem Vorgehen schnell heilen. Besonders häufig sah er Fälle von
grande hystärie da, wo die Diagnose von anderer Seite auf organische Erkrankung
des Hirns oder des Rückenmarks gestellt war. Fehldiagnosen in dieser Beziehung
sah N. häufig. Nur in wenigen Fällen war eine neuropathische Belastung nach¬
weisbar. N. sah die grande hystärie als Kombination mit organischen Erkran¬
kungen, d. h. mit zerebralen und peripher neuritischen häufiger als in der Frie¬
denspraxis. N. warnt dringend davor, jetzt die Lehre der traumatischen
Neurose wieder Boden gewinnen zu lassen. Die damit in der Unfalls¬
praxis gemachten Erfahrungen sollten uns davor behüten. Bei etwa 250 Fällen
von Traumen, organischen sowohl wie psychischen, sah N. nur viermal ein Bild,
welches als „traumatische Neurose“ aufgefaßt werden konnte, und diese Fälle heilten
bei energischer psychischer Behandlung schnell. Zum Schluß bespricht N. die Fälle
von multipler peripherischer Neuritis, die als Folge von Überanstrengung
anzusehen ist. N. sah bisher davon 4 Fälle; 3mal handelte es sich um peripherische
Neuritiden in den unteren Extremitäten, einmal um eine solche in allen drei Ästen
der rechten oberen Extremität. In allen Fällen hatten sohwere lokale Überan¬
strengungen (Marsch, Klettern, bzw. anhaltendes schweres Tragen) Veranlassung
gegeben. Die Prognose dieser Fälle ist eine günstige. Autoreferat. 4
Herr Weygandt betont die Schwierigkeiten, die die Verwertung der gewal¬
tigen neurologisch-psychiatrischen Experimente dieses Krieges darbietet, da das
32*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
500
Beob&chtungsmaterial lückenhaft ist und nicht ausreichend lange dargeboten wird.
Die Hinweise auf die Stammesverschiedenheit im Ertragen von Schmerzen, Stoi¬
zismus der Altbayern, Weichheit der Ostpreußen usw. bedürfen auch der Vorsicht,
da z, B. die von Sa eng er erwähnte Hamburger Bevölkerung zum großen Teil,
vielleicht zur Hälfte, aus Zugezogenen besteht Bei Hirnprolaps ist es manchmal
erstaunlich, wie gering die Einwirkung auf die Psyche ist. In einem Falle be¬
traf der Prolaps das Beinzentrum, doch waren die entsprechenden Funktionen
intakt, während der Arm paretisch war; offenbar war das Armzentrum durch
Fortleitung der mechanischen Einwirkung, durch Splitter u. a. geschädigt Neben
rascher Verschlechterung von Tabes konnte ich auch beobachten, daß unter Um¬
ständen trotz anstrengenden Dienstes das Befinden eines Tabikers vorzüglich blieb
und auf endolumbale Salvarsaninjektion ausgezeichnet reagierte. Erst nach Jahren
sind wichtige Aufschlüsse zu erwarten über die Frage, inwieweit die Kriegs*
* Schädlichkeiten auslösend hinsichtlich einer Tabes und Paralyse bei vorhandener
syphilitischer Disposition wirken. Ebenso muß unsere Aufmerksamkeit eingestellt
werden auf das Problem der Beeinflussung des Zentralnervensystems infolge der
Kriegsstrapazen, insbesondere der dauernden intensiven Spannung, im Sinne einer
zerebralen Arteriosklerose. Der Vortrag Cimbals beruht auf der eingehenden Ver¬
arbeitung eines riesigen Materials, das größer scheint, als es irgend einer anderen
Veröffentlichung über Kriegspsychosen zugrunde liegt. Seine wesentlichsten
Schlußfolgerungen entsprechen auch den Beobachtungen an dem Hamburger Ma¬
terial. Ganz besonders wichtig tritt allgemein hervor, daß die bedeutsamste
Grundlage psychischer Störungen in der pathologischen Disposition liegt. Aber
doch erlauben die Kriegserfahrungen mehr als das Friedensmaterial, die Bedeu¬
tung des Hirntraumas, der körperlichen Erschöpfung und des psychischen Traumas
einzuschätzen. Freilich ist auch in solchen Fällen vielfach eine bereits vorhan¬
dene Disposition mit zu berücksichtigen, aber es gibt auch einwandsfreie Fälle
ohne eine solche Grundlage. Auf Grund des Materials in Friedrichsberg muß
aber doch die Bedeutung der Kriegsschädlichkeiten als Auslösung einer Disposition
für Epilepsie noch mehr unterstrichen werden. Nicht ganz selten sind die Falle,
die in der Jugend einige Symptome aufwiesen, dann abgeheilt schienen, aber nun
unter dem Kriegseinfluß wieder Anfalle, Dämmerzustände oder sonstige schwerere
Störungen auf weisen. Auch bei dem von Cimbal erwähnten Falle mit Debilität
und Adiposogenitaldegeneration muß ich dies annehmen: In der Kindheit waren
Anfälle zu beobachten, mit 11 Jahren trat eine Serie gut beschriebener Absenzen
ein, und im Feldzug erfolgte ein Dämmerzustand. Offenbar handelte es sich bei
den verschiedenen Störungen um ein und dieselbe Ursache, insofern auf Grund
einer Meningitis serosa ein Hydrocephalus internus die Hypophysis schädigte und
die epileptischen Symptome provozierte. Auf die systematische Stellung der
Hysterie will ich hier nicht eingehen, aber ich gebe durchaus monosymptoma¬
tische Fälle zu und bin der Überzeugung, daß bei der hysterischen Degeneration
der Übergang von Schulfällen zu abortiven Fällen eher noch häufiger in Er¬
scheinung tritt, als bei anderen psychischen Affektionen. Von Interesse sind die
Kriegsbeobachtungen über Schlafstörungen, insbesondere über hypnagogische Hallu¬
zinationen, worüber auch ganz gesunde Kriegsteilnehmer anschauliche Selbstbeob¬
achtungen mitteilen. Die Erscheinungen des Granatenfangens treten bei dem
Hamburger Material keineswegs so hervor wie in Altona. Als praktische Folge¬
rungen ist neben der Mahnung einer noch energischeren Bekämpfung des Alko¬
holismus und der Infektion noch hervorzuheben, daß am besten die psyohisch auf¬
fallenden Militärpersonen möglichst rasch aus der Front und auch der Etappe
zurückzuziehen und spezialärztlicher Untersuchung zu überweisen sind, der Begriff
der Garnisondienstfähigkeit kann dann ziemlich weit ausgedehnt werden. Kon¬
sultierende psychiatrische Tätigkeit in der Etappe scheint durchaus ratsam. Er-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERS1TY OF MICHIGAN
501
freulicherweise ziehen die Militärgerichte öfter die Hilfe des psychiatrischen
Sachverständigen in zweifelhaften Fällen heran. Autoreferat.
Herr Trömner: Bei dem Inhaltsreichtum der von Herren Saenger und
Gimbal behandelten Themata kann ich nur auf eine Reihe von Einzelheiten
eingehen. Am peripheren Nervensystem hat der Krieg eine Menge von Details
kennen gelernt, welche der Friedenspathologie nicht oder selten zu Gesicht kamen.
Wir begegnen partiellen Plexuslähmungen in verschiedensten Varietäten; z. B.
sah ich eine Lähmung durch Plexusschuß, welche sich auf die Muskeln der Hand
und des Unterarms beschränkte, also zwischen Dejerine-Klumpkescher und Erb scher
Lähmung in der Mitte steht. Im Plexus selbst können einzelne Nerven betroffen
werden, z. B. nur der Peroneus oder der Radialis, ja aus den einzelnen Nerven
heraus wiederum, wie durch eine Stoffel sehe Operation, nur einzelne Muskeln;
z. B. sah ich vom Radialis einmal nur die Hand-, aber nicht die Fingerstrecker
paralysiert und, gleich Herrn Nonne, in einem Fall von Medianusverletzung nur
die ihm zugehörigen Thenarmuskeln. Auch das elektrische Verhalten der ge¬
lähmten Muskulatur bietet große Mannigfaltigkeit; jedoch habe ich niemals Er¬
haltensein faradischer Erregbarkeit bei vollkommenster Entartungsreaktion (d. b.
mit Doumers longitudinaler Reaktion) beobachtet. Die Störung der Sensibilität
ist, wie wir es auch sonst bei mechanischer Schädigung peripherer Nerven ge¬
sehen haben, weniger auffällig und ausgebreitet als die der Motilität. Immerhin
fehlt auch hier keine Mannigfaltigkeit. Daß die peripheren Anästhesien, wie
Herr Saenger bemerkte, nicht immer die in den Büchern vorgeschriebenen
Grenzen respektieren, habe auch ich öfter gefunden, und zeige einige Beispiele
dafür ans den Gebieten des Peroneus superficialis und des Ulnaris im Bilde.
Auch die Grenzen von Schmerz-, Temperatur- und Berührungsempfindungen fallen
nicht immer zusammen. Manchmal sind sogar die zentralen Bündel eines Nerven
anders betroffen als die randständigen; z. B. sah ich zweimal in einem anästhe¬
tischen Felde des Peroneus communis eine lindenblattgroße Stelle auf dem Fuß-
rilcken, welche einmal erheblich mehr, das andere Mal erheblich weniger empfind¬
lich war als die Umgebung. Entgegen diesen häufigen elektiven Störungen kommt
nicht selten auffallende Irradiation der Störungen vor, also Ausbreitung der
Paresen zentralwärts von der Verietzungsstelle; z. B. auffallende Schwäche der
Oberarm- und Schultermuskulatur bei Lähmungen nur im Unterarm. Einige
Male konnte ich sogar in den oberhalb gelegenen Muskeln Herabsetzung der
galvanischen und faradischen Erregbarkeit bis etwa um das Doppelte fest&tellen,
ein Beweis dafür, daß die Irradiation keine hysterische Zutat war; ebensowenig
ließ sich eine aufsteigende Neuritis feststellen. Ob diese Störung trophischen
oder reflektorischen Ursprungs, oder nur Folge der Aktivitätsbeschränkung ist,
läßt sich noch nicht entscheiden. In der Behandlung würde auch ich Operation
anraten, wenn die Zeichen vollkommener Durchtrennung des Nerven vorliegen
oder wenn nach 2 bis 3 Monaten noch gar kein Zeichen einer Besserung ein¬
getreten ist. Lange Ruhigstellung des Gliedes muß nach Möglichkeit vermieden
werden, um Überlagerung durch weitergehende hysterische Lähmungen zu ver¬
hüten, wie wir das jetzt gar nicht so selten sehen; meistens an Armen, welche
mehrere Wochen im Verband getragen wurden. Von schwereren Rückenmarks¬
verletzungen habe ich bis jetzt fünf gesehen, davon vier auf Herrn Dr. Alsbergs
Abteilung im Israelitischen Krankenhaus. Außer der heute vorgestellten eine
Hämatomyelie, in der Ausbreitung vom Halsmark bis etwa zum 7. Brustwirbel,
wie sich nach einer Hyperästhesie unterhalb bestimmen ließ. Sie war verursacht
durch einen Nackenschuß, welcher aber, röntgenologisch nachweisbar, die Wirbel
nicht verletzt hatte. Auch in zwei anderen Fällen standen klinischer Befund und
Röntgenbild im Mißverhältnis; in einem bestand nur Rippenbruch und Dislokation
des Dornfortsatzes vom 10. Brustwirbel und trotzdem völlige Querschnittsunter-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
602
brechung, welcher der Patient in 3 Monaten erlag; in einem anderen Falle
schwere Zerstörung des Bogens vom 6. Lendenwirbel und klinisch nur partielle
Lähmung der Cauda equina, motorische und zum Teil sensible Lähmung des
linken Beines mit zirkumanaler und Reithosenanästhesie auf beiden Seiten, ln
diesem Falle konnte Herr Dr. Alsberg die Wirbelbögensplitter entfernen nnd
dadurch eine wenigstens geringfügige und zögernde Besserung anbahnen. Von
jenen oben erwähnten Fällen schwerer Systemschädigung ohne sichtbare Wirbel¬
verletzung leitet eine Skala von Zwischenstufen zu Fällen hinüber, von denen
ich im Nervenlazarett Barmbeck zwei Beispiele sah, schmerzhafte Spannungs¬
zustände fast im ganzen Hinterwurzelbereich abwärts bei Krümmung der Wirbel¬
säule nach vorn nach Nackenschüssen. Diese leichtesten Fälle, auf die ich noch
näher eingehen werde, werfen doch vielleicht, weil sie der ganzen Sachlage nach
nicht als rein funktionell aufzufassen sind, noch einmal ein Licht auf die alte
Lehre von der Railway Spine bzw. auf gewisse Gruppen von traumatischen
Spinalneurosen. Autoreferat
Herr Boettiger berichtet über das Material, das ihm als Neurologen des
V. Reservelazaretts (Hafenkrankenhaus, tropenhygienisches Institut usw.) bis jetzt
zur Beobachtung kam. Es handelt sich um reichlich 100 Fälle auB den ersten
4 l / 2 Monaten der Belegung, darunter 52 Fälle von Verletzung peripherer Nerven,
8 des Rückenmarks, 29 des Schädels und Gehirns (Gesichtsschüsse nicht ein¬
gerechnet) und ein kleiner Rest Neurosen und Psychosen. 1. Von peripheren
Nerven war isoliert am häufigsten der Radialis betroffen. Die Lähmungen des
Ischiadicus zeigten mehrfach gleichen Typus; es waren verschont die Äste für
Semimembranosus und Semitendinosus, leichter beteiligt Bizeps und Wadenmuskeln,
am schwersten betroffen stets das Peroneusgebiet. — Die Diagnose der völligen
Durchtrennung eines Nerven ergibt sich aus vollständiger motorischer und sensibler
Lähmung, totaler Entartungsreaktion, Muskelschwund und sonstigen trophisohen
und vasomotorischen Störungen. Fehlt nur eins dieser Momente, so ist eine totale
Durchtrennung unwahrscheinlich. Namentlich zeigen Fälle schwerer Erschütterung
des peripheren Nerven, z. B. Facialis, Radialis, Ischiadicus, bei denen die Operation
makroskopisch intakte Nerven ergab, gleichfalls totale motorische und sensible
Lähmung, totale Entartungsreaktion, aber weniger Muskelatrophie und keine
sonstigen trophisohen Störungen. NB. ist auch die Restitution solcher Nerven
eine enorm langsame. Die erste aktive Bewegung begann zum Teil erst nach
4 bis 5 Monaten. Hält man die Symptomgruppierungen zusammen mit Beobach¬
tungen aus der Friedenszeit bei Nervenlähmungen und bei Gelenktrophoneurosen,
so ergibt sich die unzweifelhafte Tatsache in allgemein wissenschaftlicher Be¬
ziehung, daß die motorische und sensible Nervenfaser nicht selbst trophische
Funktionen hat, sondern, daß der periphere Nerv noch eigene trophische Nerven¬
fasern führen muß, daß diese Fasern aber im Nervenstamm für Traumen Behr
widerstandsfähig, am verwundbarsten dagegen in ihren Endausbreitungen in der
Peripherie sind. — 2. Von den Rückenmarksverletzungen wurde keine operiert.
2 Fälle direkter Verletzung des Rückenmarks mit rasch einsetzendem Decubitus
gingen in wenigen Tagen zugrunde. Ein schweres Hämatom des Duralsacks und
eine Verletzung der Cauda equina besserten sich genügend ohne Operation, nnd
die übrigen 4 Fälle betrafen indirekte Schädigungen des Rückenmarks durch
Fernwirkung des Geschosses auf dieses mit teilweise recht schweren klinischen
Erscheinungen, im schwersten Falle zuerst Paraplegia superior et inferior. In
diesen Fällen erscheint eine Operation stets unnötig, deren Prognose ist gut.
Das Ausbleiben trophischer Störungen, namentlich des Decubitus, ermöglicht hier
die richtige Diagnose und IndikationBstellung. — 3. So langweilig die Erfolge
operativen Eingreifens bei Verletzungen der peripheren Nerven sind, so über¬
raschend sind sie oft bei Schädelschüssen nach Entfernung von Impressionen und
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
503
Sequestern. Es entspricht dieses durchaus unseren Friedenserfahrungen bei Schädel-
träumen und Selbstmördern, an denen beiden das HafenkrankenhauB stets großes
Material hat. B. geht auf einzelne Kasuistik nicht ein. Die Kriegsbeobach-
tungen haben ihm aber, zumal die Schußverletzungen oft die exakte Beobachtung
fast eines physiologischen Experimentes darstellen, Gelegenheit gegeben, Material
zu einigen strittigen Fragen der Hirnlokalisation zu sammeln. Auf die Aphasie-
fragen will er nicht eingehen, dagegen bezüglich der Lokalisation der Zentren
für die einzelnen Gliedabschnitte des Beines hervorheben, daß die Anschauung
total falsch ist, die in letzter Zeit an Boden gewonnen hat und die in der
vorderen Zentralwindung von unten nach oben die Armzentren in aufsteigender
Folge (Hand, Ellbogen, Schulter), die Beinzentren aber in absteigender Folge
(Hüfte, Knie, Fuß) lokalisiert. An das Schulterzentrum schließt sich zweifellos
das Fußzentrum an. Genaueres behält sich B. für gelegenere Zeit vor. —
4. Die Neurosen und Psychosen bringen im Verhältnis zu den Friedensbeob-
aohtungen nichts Neues. Eine spezifische Kriegsneurose wie früher die unglück¬
selige „traumatische Neurose“ möge uns erspart bleiben. Sie wäre ein wissen¬
schaftliches und soziales Unglück. Von Hysterien sah B. nur 2 Fälle mit
hysterischen Anfällen, die beide geheilt sind. Sie waren, wie auch fast alle
Friedenshysterien B.s, monosymptomatisch, und B. hat sich bei der Untersuchung
und Behandlung mit Erfolg Mühe gegeben, sie vor einer Vergrößerung ihres
Symptomenbildes duroh die sogenannten hysterischen Stigmata und vor einer
Behandlung auf dem Umwege über diese zu bewahren. B. weist auch bei dieser
Gelegenheit wiederholt darauf hin, daß die wahren Stigmata des Hysteriekrank¬
heitsbildes in der Abundanz und Inkonsequenz der Symptome zu suchen sind,
nicht aber in den Charcotsehen Kunstprodukten einer übergenauen Untersuchung
suggestibler Patienten. Autoreferat.
Herr Oehlecker hat bei den Kriegsverletzungen der peripheren Nerven,
besonders im Gebiete des N. ischiadicus, sehr lebhafte und sehr hartnäckige
Schmerzen und Beschwerden beobachtet, die nicht selten die Vornahme einer
Operation beschleunigten. Am Arm sah O. nach Nervenverletzungen verhältnis¬
mäßig selten länger dauernde Beschwerden (auf schwere Neuralgien des Hinter¬
hauptsnerven als Spätfolge von Hinterhauptsschüssen ist an anderer Stelle hin¬
gewiesen worden). Operationsbefunde haben die strikten Beweise dafür erbracht,
daß die Variation der Nervenverteilung eine weit größere ist, als man gewöhn¬
lich anzunehmen pflegt, und zwar gilt dieses nicht nur in sensibler, sondern vor
allem auch in motorischer Hinsicht. Vornehmlich ist 0. aufgefallen, daß die
Arbeitsteilung und Arbeitsabgrenzung der Armnerven oft sehr schwankt und sich
durchaus nicht an die Lehrbücher kehrt Man gewinnt vor allem den Eindruck,
daß oft ein geschädigter Nerv durch die Anastomose (und weitere Ausbildung
dieser Straße) seines Nachbarn lebhaft unterstützt oder teilweise ersetzt wird.
Praktisch wichtig ist die Regel, daß ein Nerv, der nach dem Lehrbuch noch
einen Teil oder Rest seiner Funktion zu haben scheint, und den der Kliniker
deshalb nur als teilweise geschädigt hinstellt, doch vollständig durchtrennt und
zerrissen sein kann. Hier haben Operationsbefunde sehr wichtige und interessante
Tatsachen aufgedeckt Was die operative Behandlung der peripheren Nerven¬
verletzungen angeht, so ist 0. anfangs zu konservativ gewesen und hat sich mehr
und mehr zu einem aktiveren Vorgehen gezwungen gesehen. Da der Weltkrieg
sogar die elektrischen Untersuchungsmethoden etwas ins Wanken gebracht hat,
und da sich fast immer gezeigt hat, daß die Wiederkehr der Funktion^ bei ge¬
prellten und geschädigten Nerven ein viel feineres Zeichen für eine sich ein¬
stellende Besserung darstellt als das elektrische Unterenchungsergebnis, so sei ein
ganz besonderes Gewicht auf eine fortlaufende, feine Beobachtung der gelähmten
Muskeln gelegt. Hierzu ist aber unbedingt nötig, daß einer Kontraktur der
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
504
Antagonisten der gelähmten Muskeln, einer Versteifung der Gelenke usw. aufs
kräftigste und dauernd entgegengewirkt wird. (Es ist, beiläufig gesagt, recht
traurig, was für viele und unnötige Gelenkversteifungen wegen allzu ängstlicher
Ruhigstellung und wegen Mangels an systematischer Übung der Gelenke beim
Verbandwechsel man zur Zeit bei oder nach der Behandlung von Schußwunden,
Frakturen usw. zu sehen bekommt!!) Bei ständiger Mobilisierung und Geschmeidig¬
erhaltung der geschädigten Glieder werden womöglich täglich auch Versuche mit
aktiven Bewegungen gemacht. Die gelähmten Muskeln werden in die bequemste
Arbeitslage gebracht und nun der Patient aufgefordert, die Impulse in die ge¬
lähmten Muskeln hineinzusenden. Haben sich bei diesen unterstützenden Ma߬
nahmen die ersten Anzeichen einer wiederkehrenden Funktion geltend gemacht,
so wird der Pat. mit individuell verschiedenen Mitteln angefeuert, weiter zu üben,
denn kein Mittel der ganzen Bewegungstherapie leistet das, was die aktive Be¬
wegung schafft. — Hat sich nach einer derartigen sorgfältigen Funktionsüber¬
wachung und Beobachtung in 6 (bis 8) Wochen keine Besserung herausgestellt,
so wird operiert und der Nerv freigelegt. Alsdann fand man unter 10 Fällen
vielleicht einen, wo makroskopisch am Nerven nichts verändert schien, und wo
gleichsam die Operation überflüssig war. In keinem Falle wurde aber hier ge¬
schadet* Es konnte vielmehr eine nützliche Dehnung vorgenommen werden, und
der Fall war jedenfalls diagnostisch und prognostisch mehr geklärt. In den neun
anderen Fällen aber konnte jedesmal operativ etwas Nützliches geschaffen werden,
und ein weiteres Zuwarten hätte nur einen schweren Zeitverlust bedeutet Ja,
in einigen Fällen konnte man aus dem Operationsbefunde schließen, daß ein
weiteres Zuwarten wohl geschadet hätte, und zwar sind das jene Fälle, wo es
sich um barte, ringförmige, feste Einschnürungen des Nerven durch Narben¬
gewebe handelt, und wo durch Schrumpfen des manchmal etwas Knochen ent¬
haltenden Narbengewebes vermutlich noch die letzten Reste des Nervengewebes
erdrückt worden wären. Auch für die technische Ausführung der Operation ist
ein allzulanges Warten hinsichtlich der Schrumpfung von Narben, der zuehmenden
Atrophie und Veränderung der Nervenstümpfe usw. nicht von Vorteil. Besonders
gilt dies auch für Operationen am Plexus, die oft recht schwierig werden können,
die aber auch, ohne jeden Schaden zu verursachen, ausgeführt wurden. Unbe¬
dingtes Erfordernis für die Operation ist selbstverständlich, daß die Schußwunden
verheilt sind, und daß man seiner Asepsis sicher ist. Was die Verletzungen des
Rückenmarks angeht, so sind für den Chirurgen besonders dankbar die Ver¬
letzungen der Cauda equina. So wurde eine einseitige Pferdeschweifkompression
durch Schrapnellkugel mit Lähmung eines Beines nach Entfernung der Schrapnell-
kugel aus dem Duralsack geheilt, und ebenso günstig verlief ein operierter
Schußbruch des Bogens des 5. Lendenwirbels, der das Schulbild einer Conus¬
verletzung gegeben hatte. Was die Schädelsohüsse angeht, so verweist 0. auf
seine frühere Demonstration. Autoreferat.
Herr Kafka weist darauf hin, daß bei der Beurteilung der im Kriege
psychisch Erkrankten ganz besonders die ätiologischen Fragestellungen berück¬
sichtigt werden müssen. Bei der Sichtung eines großen Materials muß hierbei
vor allem der weite Rahmen der Rassendisposition beachtet werden; bo können
wertvolle Aufschlüsse gewonnen, andererseits das Material selbst geklärt werden.
Innerhalb dieses großen Rahmens ist dann die Frage der individuellen Disposition
zu beantworten; auch dies würde durch statistische Untersuchungen an einem
großen Material manches Interessante ergeben und wäre besonders für die
schizophren und manischdepressiv im Kriege Erkrankten von Wert Außerdem
wären auch die Reaktionen, die einen parenteralen Eiweißzerfall anzeigen, hier
nicht außeracht zu lassen. — Bezüglich der Einwirkung der Kriegsereignisse auf
die Zurückgebliebenen kann betreffs der Frauen K. als Arzt der Frauenaufnahme-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
— 505 —
Station der Hamburger Staatsirrenanstalt berichten, daß in den Kriegsmonaten
die Anzahl der psychisch Erkrankten nicht zugenommen hat. Der Krieg spielt
nur eine Bolle im Inhalte der Psychosen, es ist aber kaum ein Fall als direkt
durch psychische Traumen infolge kriegerischer Ereignisse entstanden anzusehen.
Herr Köper (Marine-Lazarett Hamburg): Das Hamburger Marine-Lazarett
ist für 3000 Betten eingerichtet und durchschnittlich mit 2000 Verwundeten be*
legt; es interessiert wohl, im Anschluß an die Vorträge einiges über die an
diesem großen Material gemachten Erfahrungen zu hören. Funktionelle Neu¬
rosen wurden relativ wenige gesehen. Hysterien — im Anfänge waren es mehr
als jetzt, was Bich wohl daraus erklärt, daß die zu dieser Krankheit neigenden
Krieger sich entweder angepaßt haben, oder ausgemerzt sind — betrafen vor¬
wiegend Kriegsfreiwillige; sie waren meistens monosymptomatisch. Hysterische
Stigmata, besonders Seneribilitätsstörungen, fanden sich nur in der Minderzahl der
Fälle, obgleich in allen Fällen daraufhin untersucht wurde. Am häufigsten waren
in dieser Gruppe die Erschöpfungsneurasthenien. Die Diagnose traumatische
Neurose mußte mehrfach gestellt werden; B. kann die Ansicht, wonach man diese
Bezeichnung ganz fallen lassen solle, nioht recht verstehen. Er schildert einen
typischen Fall und weist darauf hin, daß bei frühzeitig gestellter Diagnose und
genügend lange durchgeführter, geeigneter Behandlung die Prognose keineswegs
ungünstig zu sein brauche. Psychosen — es gibt äußer der Abteilung des B.
im Lazarett noch eine kleine psychiatrische Abteilung, die aber ständig schwach
belegt ist — wurden nur vereinzelt gesehen. Außer einigen Paralysen, Epilepsien
und verschiedenen Schwaohsinnsformen, sah K. zwei typische Depressionszustände,
bei denen die Vorgeschichte nichts für einen zirkulären Typ ergab und offen¬
sichtlich Erschöpfung und seelische Eindrücke bei wohl von Hause aus wenig
widerstandsfähigen Menschen das Krankheitsbild hervorgerufen hatten. Sehr groß
ist die Zahl der Verletzungen des peripheren Nervensystems. Partielle Aus¬
fälle sind auch klinisch häufiger als totale. Oft gehen Anästhesien mit Hyperal-
gesien einher. Auffallend oft wird über Schmerzen in der Fußsohle oder im
Handteller geklagt. Operationen zeigen, daß völlige Nervendurchtrennungen
selten sind, B. schätzt 5 auf 100. Trotzdem wurde die Indikation zu operativem
Eingreifen ständig erweitert. Den Fürsprechern allzu konservativer Behandlung
und langen Zuwartens ist einzuwenden, daß es nicht nur unsere Pflicht ist, die
Verwundeten überhaupt wiederherzustellen, wir sollen auch die Krieger dem Vater¬
lande möglichst schnell wiedergeben. Die Entartungsreaktion gibt keine absolut
sicheren Anhaltspunkte. In einem Falle war der Medianus motorisch ganz, sen¬
sibel größtenteils ausgefallen, es bestand komplette Entartungsreaktion; der Befund
war so gering, daß der Operateur dachte, B. habe sich im Nerven geirrt, bei
längerem Suchen fand sich, von einem Schlußkanal ausgehend, ein dreieckiger,
bindegewebiger Strang, der auf der ganzen Breite des Nerven aufsitzend diesen
etwas verzog. Bei längerem Zuwarten verschlechterte sich in mehreren Fällen
der Befund, die Operation ergab, daß eine zirkuläre Narbe den Nerven strangulierte.
Zweimal nach Freilegung des Badialis, die in Blutleere ausgefUhrt wurde, zu der
man eine breite Gummibinde verwandt hatte, waren im Anschluß an die Operation
Medianus und Ulnaris ausgefallen, die Operation hatte je etwa 40 Minuten ge¬
dauert« Allmähliche Besserung nach 6 bis 8 Wochen. Kückenmarksver¬
letzungen, bei denen lange Zeit Blasenlähmung bestand, verliefen durchweg
ungünstig. Mehrere Fälle, bei denen das obere Brustmark lädiert war, scheinen
quoad vitam eine günstige Prognose zu geben. B. setzt die Kranken baldmög¬
lichst in einen Stuhl, an dem eine Vorrichtung ist, um den Kopf dauernd zu
extendieren, so ließ sich der Decubitus vermeiden. Zu operativem Eingriff wurde
bei lebhaften .Beizerscheinungen und Erfolg versprechendem Böntgenbefund ge¬
raten. Kopfsohüsse, die ja zum Teil über alles Erwarten günstig verlaufen,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
506
sind prognostisch wegen der Spätabszesse mit einer gewissen Reserve zu be¬
urteilen. R. sah 5 Fälle, in denen nach 4 und mehr Monaten, während welcher
die Kranken ständig außer Bett und fieberfrei waren, ganz plötzlich die heftigsten
Allgemeinerscheinungen auftraten, die Sektion ergab große Abszesse, die ohne
ersichtlichen Grund aufgeflackert und zum Teil durchgebrochen waren. Bei frei¬
liegender Hirnrinde mit stark infizierten Wunden, ebenso bei Hirnabszessen ergab
die Sektion nie eine diffuse, sondern immer nur eine lokalisierte Meningitis.
Daß allzu konservatives Verhalten die Prognose der Schädelschüsse erheblich ver-
schlechert, lehrten mehrere Beobachtungen. In einigen Fällen, die vom Chirurgen
als gute Erfolge demonstriert wurden, bestanden erhebliche psychische Ausfälle.
Autoreferat.
Herr WohlwHl bespricht 1. einen Fall, bei dem sich im Anschluß an eine
naoh Mandibulafraktur entstandene Lymphdrüsenvereiterung der linken Supra-
klavikulargrube eine Myelitis des mittleren Zervikalmarks herausgebildet hatte.
2. einen Fall, bei dem nach einer Verletzung des Rückens schwere spinale Symp¬
tome aufgetreten waren und zum Tode geführt hatten. Die Sektion ergab, daß
die Wirbelsäule absolut unverletzt war. Es fand sich im oberen Bru&tmark eine
einfache Degeneration ohne Blutung und ohne entzündliche Prozesse. 3. geht W.
auf die Resultate bei der Untersuchung der von Herrn Prof. Sick aus Nerven
exzidierten Narben ein. Nicht immer fanden sich am zentralen Abschnitt wohl¬
erhaltene Nervenfasern. Es ergibt sich daraus die Forderung, soweit die Technik
es irgend erlaubt, wenigstens am zentralen Stumpf möglichst proximal im Ge¬
sunden zu arbeiten. Autoreferat.
Herr Thost: Unter den nervösen Schädigungen, die im Felde beobachtet
sind, wurde auch die hysterische Taubheit genannt. Hysterische Taubheit ist im
Frieden eine sehr seltene Erkrankung, wenn sie auoh im Felde bei dem Platzen
der Geschosse häufiger sein mag und vielleicht rasch heilt. Auch wenn man
äußerlich bei der Untersuchung völlig normalen Befund feststellt, kann es sich
um eine Erschütterung durch Luftdruck handeln, vor allem wenn die Granaten
im geschlossenen Raum explodieren, oder wie in einem meiner Fälle, wenn die
Schußbahn nicht frei ist, und die Gase auf die Bedienung des Geschützes zurück¬
wirken. Es kommen dann ähnliche Störungen des Gehörorgans vor wie bei der
Gaissonkrankheit. Findet man dann keine nachweisbaren Veränderungen und
treten die Erscheinungen bald zurück, so könnte man an Hysterie denken, in
Wirklichkeit handelt es sich aber um Störungen der Hörzentren durch Luftdruck.
Eigentümlich für Hysterie ist der Unterschied des Verhaltens bei der Prüfung
mit Stimme und Stimmgabel. In dem einzigen Fall von Hysterie bei Soldaten,
den ich sah, gab der Mann an, überhaupt nichts zu hören, er verstand aber
ziemlich alles, was man in etwas erhobener Stimme ihn fragte. Nach zwei¬
maligem Katheterismus war er geheilt. Autoreferat
Herr E. Franke bespricht 3 Fälle von Tangentialschüssen am Hinterkopf,
durch welche eine Verletzung der Sehsphäre herbeigeführt wurde. In allen 3 Fällen
wurde von chirurgischer Seite die Entfernung der eingedrückten Knochenteile
vorgenommen und dadurch eine Besserung der Verhältnisse erreicht. In dem
1. Fall handelt es sich um eine linksseitige Hemianopsie, von der rechten Gesichts¬
feldhälfte war nur der obere Quadrant erhalten. Am Tage nach der Operation
wurden bereits Handbewegungen, auch in der unteren Hälfte des rechten Gesichts¬
feldes erkannt. Bei einem 2. Patienten fand sich Ausfall der unteren Gesichtsfeld¬
hälfte. Auch hier trat nach dem chirurgischen Eingriff eine Erweiterung der
vorhandenen Gesichtsfeldteile, sowie eine Vergrößerung des Gesichtsfeldes in den
unteren Abschnitten ein. In dem 3. Fall schließlich handelt es sich um völlige
Blindheit, wo nach Entfernung von mehreren zum Teil bis zu fünfmarkstückgroßen
Knochensplittern wenigstens vorläufig undeutliches Erkennen von Fingern vor
Digitized by
Gck igle
Original frorn
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
507
dem Auge eiugetreten ist« Augenspiegelbefund und Pupillenreaktion in allen
3 Fällen normal. Im Anschluß daran wird über 3 Fälle von neurasthenischen
bzw. hysterischen Erscheinungen berichtet, in welchen nach Streifschüssen an der
Orbita oder am Hinterhaupt angeblich eine erhebliche Herabsetzung des Seh¬
vermögens eines Auges eingetreten sein sollte. In allen 3 Fällen ließ sich mit
Leichtigkeit das Vorhandensein des normalen Sehvermögens feststellen, ein charak¬
teristisches Gesichtsfeld mit außerordentlich starker hysterischer Einengung wird
gezeigt. Die Frage, ob solche Verwundete garnisondienstfähig oder auch feld¬
dienstfähig seien, wird kurz gestreift. Autoreferat.
Herr W. Hansing: In der I. Chirurg. Abteilung des Allgem. Krankenhauses
Barmbeck (Prof. Sudeck) wurden die bisher vorgetragenen Erfahrungen im wesent¬
lichen bestätigt. — Bei peripheren Nervenverletzungen durchaus aktives
Vorgehen, wobei Gewicht darauf gelegt wird, daß die Wunden vorher absolut
reaktion8lo8 abgeheilt sind, auch in der Tiefe, was besonders bei stärkeren
Knochenzertrümmerungen häufig zwingt, die von Oehlecker verlangten 6 bis
8 Wochen Wartezeit zu überschreiten. Wird klinisch oder röntgenologisch eine
quere Läsion des Rückenmarks sichergestellt, muß die Operation als aussichts¬
los abgelehnt werden. Bei den übrigen Rückenmarksverletzungen, besonders dem
Typ Brown-S6quard, Erfolge erheblich besser. — Bei den Schädelverletzungen
mit größeren Knochendefekten Prognose ziemlich infaust-. Auch nach monate¬
langem, fieberfreiem Verlauf Komplikationen mit tödlicher Meningitis bzw. Gehirn¬
abszeß, ohne daß ein erneutes Trauma eingewirkt hatte. Gelegentlich diese Kom¬
plikation durch Sequesterentfernung hervorgerufen. Bei geringem Defekt, bei voll¬
ständig geschlossener Wunde Trepanation meist von Behr gutem Erfolg. Autoreferat.
Herr Säen ge r (Schlußwort) hebt hervor, daß im allgemeinen bei sämtlichen
Diskussionsrednern eine dahingehende Übereinstimmung herrscht, einen mehr
aktiven Standpunkt bei den Verletzungen des Nervensystems einzunehmen. Dieses
Resultat steht im Widerspruch zu manchen Diskussionsergebnissen in anderen
Gesellschaften. Vortr. ist mit Nonne ganz einig darin, eine sogenannte trauma¬
tische Kriegsneurose abzulehnen und verweist auf die üblen Erfahrungen, die man
bei den unfallerkrankten Arbeitern in dieser Beziehung gemacht hat. Rothmann
äußerte sich ähnlich. Bei richtiger anfänglicher Behandlung der Hysterie und
der Schreckneurosen im Krieg ist die Prognose günstig. Nonne bevorzugt in
manchen Fällen die Hypnose; Vortragender hat dieselben Resultate mit Wach-
Buggestion gehabt Oehleckers Beobachtung, daß die Schmerzen im Ischia-
dikusgebiet heftiger waren als an den oberen Extremitäten, kann Vortragender
bestätigen. Daß die Funktion früher wiederkehrt als die normale elektrische
Erregbarkeit, ist eine bekannte Tatsache. Den von Herrn Trömner erwähnten
Fall von Erblindung durch Explosion einer Granate, vermag Vortragender zu
erklären, da er diesen Fall auch untersucht und rechts eine Opticusatrophie
konstatiert hatte. Er veranlaßte Herrn Prof. Albers-Schönberg den Fall zu
untersuchen. Nun wurden in beiden Orbitae zahlreiche kleine Granatsplitter
konstatiert, wahrscheinlich sitzen einige im Opticus. Wiederum ein Beweis, wie
wichtig die Röntgenuntersuchung in der Diagnostik der Kriegsverletzungen ist.
Zum Schluß hebt Vortragender hervor, wie bedeutungsvoll es ist, gleich zu Anfang
die richtige Diagnose auf Hysterie zu stellen, da die gleich darauf gerichtete
zielbewußte Therapie meist einen raschen Erfolg hat. Die von Herrn Boettiger
perhorreszierten hysterischen Stigmata sind wertvoll und beweisen, auch falls sie
vom Arzt suggeriert wären, doch, daß es sich um eine Hysterie bandelt, da bei
einem normalen Menschen es nicht gelingt, solche Symptome zn suggerieren. Ist
doch gerade die leichte Suggestibilität ein Hauptsymptom der echten Hysterie!
Autoreferat.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
508
IV. Neurologische und psychiatrische Literatur
vom 1. Januar bis 31. Mfirz 1915.
(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch
einmal angeführt.)
I. Anatomie. Vogt, E. u. 0., Angebl. Fase, corporis callosi cruciatus. Jonrn. f. Psjchol.
u. Neurol. XXI. H. 8 u. 4. — Schaffer, Kleinhirnanteil d. Pyramidenbahnen. Zeitschr. f. d.
ges. Neuro]. XXVII. H. 5. — v. Haberer, Sehr seltene Varietät d. N. nlnaris. Anat. Anz.
XLV1I. H. 22 n. 23. — Simonelli, Espasioni nervosi nel derma della cute humaoa. Internat.
Mon. f. Anat. u. Phys. XXXI. H. 4 bis 6. — Brill, Unters, über d. Nerven d. Ovariums.
Arch. f. raikrosk. Anat. LXXXVI. H. 3 u. 4.
II. Physiologie« Jennings, Die niederen Organismen, ihre Reizphysiologie n. Psycho).
(Übers, v. E. Mangold.) Leipzig. B. G. Teubner. — Timme, Autonomie reciprocal activities
of brain and viscera. Jonrn. of Amer. med. Ass. 23. Jan. — Fischer, Cb. S.., Sympath.
Nervensyst. n. Magendarmfunktionen. Medic. Record. 23. Jan. — De Kleijn n. Socin, Ver¬
lauf d. postganglionären Sympathicusbahnen f. Pupillenerweiterung. Lidspaltenöffnung u.
Nickhautreakt. b. d. Katze. Arch. f. d. ges. Phys. CLX. H. 7 u. 8. — Burlet, Anatom.
Bemerk, dazu. Ebenda. — öhrwall, Muskelsinn. Skand. Arch. f. Physiol. XXXII. H. 4 bis 6.
III. Pathologische Anatomie« Lafora, Neoformations dendritiquea dans les ncu-
rones et alterations de la neuroglie chez le chien sönile. Journ. f. Psycho], u. Nenrol. XXI.
H. 8 n. 4. — Bielschowsky, Bezieh, zw. tuberöser Sklerose n. Gliomatose. Ebenda. — Frei¬
feld, Unansgereifte Neurome n. multiple Neurofibrome. Beitr. z. path. Anat. LX. H. 2. —
Berblinger, Beitr. zur epithelialen Genese des Melanins. Vircb. Arch. CCXIX. H. 3. —
Glomset, Malignant Sympatb. Tumor of the right suprarenal. Arch. of intern. Medic.
XV. Nr. 3.
IV« Neurologie« Allgemeines: Jacobsohn, L., Krieg n. Nerveusyst. Therapie d.
Gegenw. Nr. 1. — Jolly, Pb., Erfahr, a. d. Nervenstation eines Reservelazaretts. Schmidts
Jahrb. März. — Flatau, E., Neurol. Schemata f. d. ärztliche Praxis. Berlin, Springer. —
France, Nerv, and ment, sympt. of beart diseases. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. Febr.
— Meningen: Klefstadt, Exper. Unters, über d. resorptiven Funktionen d. Epithels d.
Plexus chorioideus n. d. Ependyms d. Seitenventrikel. Zentralbl. f. allg. Pathol. XXVI.
Nr. 6. — Mygind, Otogene Meningitis. Zeitschr. f. Ohrenheilk. LXXII. H. 2. — Thomsen,
Case of chron. Meningitis possibly of otitic origin. Ann. of otol. XXIII. Nr. 3. — Baci-
galupo, Neue Behandlungsmethode d. tuberkulösen Meningitis. Münch, med. Woch. Nr. 7.
— Zerebrales: Black, Brain in primitive man. Clevel. med. Journ. März. — Römer,
Pathogenese d. Sonnenstichs. Mon. f. Psych. Febr. — Knapp, Pulmonary complications
of apoplexy. Journ. of nerv. dis. März. — Sluder, Clinical relat. of tbe sphenoid sinus to
the cavernous sinus and the 8., 4., 5., 6. and Vidian nerves. Ann. of otol. XXIII. H. 4.
— Oden, Hydrocephalus. The possible relation of a contracted pelvie to hydrocepb. deve-
loping after birth. Journ. of Amer. med. Assoc. 6. März. — v. Bökay, Pathol. n. Ther. d.
chron. Hydroceph. int. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXI. H. 1. — Pollock, Hypopitaitarism
in chronic Hydrocephalus. Journ. of Amer. med. Ass. 80. Jan. — Potts, Encephalitis due
to the inhalation or the fumes of gasoline. Journ. of nerv, diseases. Jan. — Mingazzini,
Gegenwart. Kenntnis d. Aphasielehre. Mon. f. Psycb. März. — Niessl v. Mayendorff, Beitr.
z. Kenntnis v. zentralen Mechanismus d. Sprache. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII.
H. 3 n. 4. — Bonhoeffer, Schläfen- n. Parietallappenherde als Ursache v. Worttaubheit u.
Agnosie. Mon. f. Psycb. Jan. — Schroeck, Kongenitale Wortblindheit. Klin. MoDatsbl.
f. Augenheilk. Febr./März. — Marburg, Kortikale Sensibilitätsstörungen. Mon. f. Psych.
Febr. — Wenderowic, Verlauf d. sensiblen, akust. n. a. Systeme auf Grund eines Falles v.
Bluterguß in d. basalen Hemispbärenabschnitte. Arch. f. Psycb. LV. H. 2. — Pick, A.,
Lokalis. in d. Sehbahnen, ein Beitr. z. Lehre v. d. Störungen d. Orientierung im Raum.
Prager med. Woch. Nr. 8. — Cadwalader, Progress, lenticular degeneration. Journ. of
Amer. med. Ass. 80. Jan. — Eisburg, Puncture of the corpus callosum. Journ. of nerv,
diseas. März. — Wilbrand u. Saenger, Neurol. d. Auges. Bd. VI: Erkrank, d. Chiasmas.
Wiesbaden, Bergmann, 1915. — Förster u. Schlesinger, Physiol. Pupillenunruhe u. Psycborefl.
d. Pupille. Mon. f. Psycb. März. — Sharpe and Farrell, New operat. treatm. for cerbr.
spast. paral. Journ. of Amer. med. Assoc. 6. Febr. — Biesalski, Erfahr, m. d. Försterschen
Operation b. d. Littleschen Krankheit. Zeitschr. f. orthopäd. Chirurgie. XXXV. H. 1. —
Hirntumor 9 HImabszess: Cushing, Results of operations of Brain Tumor. Journ. of
Amer. med. Assoc. 16. Jan. — Burr, Contin. clonic spasm. of the left arm (epilepsia Con¬
tinua) caused by a tumor of the brain. Am. Journ. of med. Sciences. Febr. — Cattex,
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
509
Sarkom der linken motor. Region. Arch. f. Psyeh. LV. H. 2. — Bailaban. Orbitogener
Hirnabszeß. Prager med. Woch. Nr. 8. — Harms, Geheilter Hirnabszeß nach Otit. med.
Zeitschr. f. Ohrenheilk. LXX1I. H. 2. — HObig, Kombin. y. Sinusphlebitis n. Hirnabszeß.
Wiener klin. Rundschau. Nr. 6/6 u. 7/8. — BQIIer, Nachbehandl. d. Hirnabszesses, insbes.
d. Kleinhirnabszesses. Arch. f. Ohren-, Nasen-, Kehlkopfheilk. XCVIII. H. 1. — Bäräny,
Drainage d. Hirnabszesse m. Guttapercha. Munch, med. Woch. Nr. 4. — Kleinhirn:
Polimanli, Fisiol. comparata del cervelletto. Internat. Mod. f. Anat. u. Physiol. XXXI.
H. 7 bis 9. — Wilson u. Pike, Mechanismus d. labyrintb. Nystagmus u. seine Veränd. b.
Kleinhirn- u. Gehirnläsionen. Arch. f. int. Med. Jan. — Strümpell, Heilbare schwere Neu¬
ritis optica, verb. mit zerebellarer Ataxie beim Keuchhusten (Keuchhusten-Encephalitis).
Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. H. 3 u. 4. — Mitamura, Doppelseitige Blickparese
supranukleären Ursprungs b. Kleinhirnerkrank. Mitteil. d. mediz. Fakultät Tokio. XIII.
Nr. 2. — Bulbärparalyss, Pseudobulbärparalyse % Myasthenie: Erbsen, Trau¬
matische Bulbärparal. i. 5. Lebensj. Mon. f. Kinderheilk. Xlll. H. 6. — Joughin, Syringo-
bulbia. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. März. — Taylor, Progressive vagus-glossopharyngeus
paralysis with ptosis. Journ. of nerv, disea*. März. — Wirbelsäule: Swanberg, The
intervertebral foramina in Man. Med. Record.. 80. Jan. — Lydston, Case of sypb. of tbe
cranium and spine. Med. Record. 9. Jan. — Ryerson, Recurr. Spondylolisthesis, with
Paralysis. Journ. of Amer. med. Assoc. 2. Jan. — Farretl, Hibbs* osteoplastic Operation
for Pott’s disease (Results in 158 cases). Ebenda. 30. Jan. — Jacobs, Bone transplant.
(Albee method) for the eure of tuberc. spine disease. Ebenda. — Rückenmark: Starr,
Senile Paraplegia. Med. Record. 80. Jan. — Taylor and Stephenson, Spinal decompression
in Meningoinyelitis. Journ. of nerv, diseas. Jan. — Hennemann, Behandl. d. Spina bifida.
Müncb. med. Wocb. Nr. 7. — Collins, J., Frübdiagn. d. Rückenmarkstumoren. Am. Journ.
of med. Science. Jan. —- Gierlicb, Eigenapparat d. Conus terminalis. Arcb.f.Psvch. LV. H. 2.
— Tftiem, Progress, spinale Muskelatropnie als Unfallfolge. Mon. f. Unfallheilk. H. 3. —
Flexner, Noguchi u. Amoss, Virulenz d. gezüchteten Poliomyel.-virus. Journ. of exp. Med.
Jan. — Leegard, Die akute Poliomyelitis in Norwegen. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk.
LIII. H. 8 u. 4. — Halbey, Poliomyelitis im Kreise Kattowitz. Veröffentl. a. d. Geb. d.
Medizinalverwalt. IV. H. 7. — Frissell, Case of acute Poliomyel. Journ. of Amer. med.
Assoc. 6. Febr. — Ltfwansteln, P., Fall v. Poliomyel. m. abnormen. motor. Reizerschein.
Dissert. Würzburg. — Auer, Funkt. Wirkung v. intraspin. Seruminj. Journ. of exp. Med.
Jan. — Kafka, Heutiger Stand d. Liquordiagnostik. Münch, med. Woch. Nr. 4. — Bigelow,
Cytology of cerebrospinal fluid. Clevel. med. Journ. März. — Multiple Sklerose:
Gjesslng, Oiensymptomer ved den multiple cerebro-spinabsklerose. Norsk Magaz. for laege-
vidensk. Febr. — Syringomyelie: Stähle, Remiss. im Symptomenbild d. Syringomyelie.
Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. H. 5. — Tabes 9 Friedreich sehe Krankheit:
Spüler, Tabetic ocular palsy. Relation of sypb. to parasyphilitic diseases. Journ. of nerv,
dis. Jan. — Donath, Wie sind Tabes und Paralyse in ihrem Beginn zu behandeln? Österreich.
Ärztezeit. Nr. 8 u. 4. — Reflexe: Bernhardt, Der Kremasterreflex. Deutsche Zeitschr. f.
Nervenheilk. L1IJ. H. 3 u. 4. — Magnus u. de Kleijn, Beobacht, über Hals- u. Labyrinth¬
reflexe a. d. Gliedermuskeln d. Menschen. Arch. f. d. ges. Physiol. CLX. H. 9 u. 10. —
Periphere Nervenlähmungen: Kramer, Lähm. d. Sohlenmusk. b. Schußverl. d. Nerv.
tibialis. Mon. f. Psych. Jan. — Neuralgie, Migräne: Randolph, Sciatica, a Symptom
of appendicitis. Journ. of Amer. med. Assoc. 18. Febr. — Hirschei, Hei), v. Trig.-Neuralg.
durch Alkoholinj. ins Gangl. Gasseri. Münch, med. Woch. Nr. 1. — Leszynsky, Ischias-
behandl. m. perineuralen Kochsalzinfiltr. Med. Record. 6. Febr. — Strauss, J., Ischias-
behandl. m. epiduralen Kochsalzinjekt. Ebenda. — Zapffe, Autogenous vaccines in treatm.
of Sciatica. Journ. of Amer. med. Assoc. 16. Jan. — Neuritis, Landry , Pellagra,
Lepra, Beri-Beri: Page, Atiol. d. Pellagra. Med. Record. 2. Jan. — Kühl, Dasselbe.
(Exper. Beitr.) Dermatol. Woch. LX. Nr. 5 bis 7. — Singer, Ment, and nerv, disordera
assoc. with Pellagra. Arch. of int. Medic. Jan. — Sympathicus 9 Akromegalie,
Basedow, Myxödem f Tetanie, Raynaml, Sklerodermie: Metzner u. WOIfflin,
Klinische u. exper. Unters, über Halssympathicuslähmung. Arch. f. Ophthalmol. LXXXIX.
H. 2. — Kemp, Relat. of pituit. disturb. to paronoidal trends. Journ. of Amer. med. Assoc.
20. Febr. — Ribbert, Basedowstruma. Virch. Arch. CCXIX. H. 2. — Staemmler, Struma
congenita u. ihre Bezieh, zu Stör. d. inneren Sekr. Ebenda. — Kahane, Hyperthyreoid. v.
Standp. d. Kriegsmedizin. Wiener klin. Wocb. Nr. 6. — Bumstad, Some clinical features
of exophthalmic goiter. Med. Record. 20. März. — Parhon, Manie b. Schilddrtisenhyper-
trophie; Heil. d. Oper. Wiener med. Woch. Nr. 1. — v. Habsrer, Therapeut. Mißerfolge
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
510
b. Basedow. Wiener klin. Woch. Nr. 1. — Barfon, Partial Myxedema. Journ. of Amer.
med. Assoc. 20. März. — Gebbardt, Elektr. Nachw. d. Spasmophilie b. Initialkrämpfen.
Mon. f. Kinderheilk. XIII. H. 6. — Quieke, Tetanie u. Knochentrauma. Arch. f. klin.
Chir. CVI. H. 2. — Graul, Tetanie im Verlauf v. Gallensteinkolik. Deutsche med. Woch.
Nr. 9. — Blau, Fall ▼. Tetanie b. einem Landsturinmann, komb. m. anfallsweisen Krämpfen
(Myotonia congenita?'. Wiener klin. Woch. Nr. 11. — Schloss, Behaudl. d. Spasmophilie
m. Lebertran u. Kalzium. Mon. £ Kinderheilk. XIII. H. 6. — Buerger, Vasomot. and
trophic disturb. of the upper extrem. Amer. Journ. of the med. Sciences. Februar. —
Neurasthenie 9 Hysterie: Head, Neurastb. u. Tuberkulose. Journ. of Amer. med. Ass.
1914. 19. Sept. — Gaupp, Hysterie u. Kriegsdienst. Münch, med. Woch. Nr. 11. — Hirsch¬
fehl, A., Hydrotherapeut. Behandl. d. im Kriege erworb. Neurasth. u. Hyst. Zeitschr. f.
phvsik. u. aiätet. Ther. Febr. — Rasch, Fall v. hysterischer Dermatose. Dermat. Woch.
CXXI. Nr. 1. — Chorea 9 Tic: Albrocht, Ätiol. d. Chorea gravid. Zeitschr. f. Geburtsh.
LXXVI. H. 3. — Clark, L. P., Tic neurosis. Med. Record. 30. Januar. — Epilepsie:
Mac Robert, Epileptic type of nerv, constit. Med. Record. 6. März. — Weiler. Unfall n.
Epilepsie. Fnedr. Blätter f. gerichtl. Med. LXV. H. 6. — Stuchlik, Heredit. Bezieh, zw.
Alkoholismus u. Epilepsie. Schweiz. Korr. Nr. 3. — Meyer, C., Epilepsie u. Schwanger¬
schaft. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Pick, A., Häufung epilept. Anfälle zu best. Nacht¬
zeiten. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Reed, Probable cause and logical
treatment of epilepsy. Journ. of Amer. med. Assoc. — Spielmeyer, Behandl. „traumatischer
Epilepsie“ nach Hirnschußverletzung. Münch, med. Woch. Nr. 10. — Tetanus: v. Behring,
Ätiol., Prognose u. Ther. d. Tetanus. Schmidts Jahrb. Jan. — Derselbe, Mein Tetanus¬
serum. Bcrl. klin. Woch. Nr. 6 . — Kelley, Case of TetanuB. Journ. of Amer. med. Assoc.
6 . März. — Knippler, Erfahrungen über Tetanus. Schmidts Jahrb. Febr. — Goldscheider,
Klin. Beobacht, über Tetanus im Felde. Berl. klin. Wochenschr. Nr. 10 u. 11. — Chiari,
Prognose u. Ther. »Wiener klin. Woch. Nr. 8. — Piorkowski, Prophylaxe gegen Tetanus.
Münch, med. Woch. Nr. 7. — Ritter, C„ Dasselbe. Berliner klin. Woch. Nr. 6. — Grund¬
mann, Beobacht, über Tetanus. Ebenda. Nr. 8. — Heller, Tetanus. Korresp.-Bl. d. Württemb.
Landesvereine. Nr. 9. — Blumenthal, Symptomatol. u. Ther. d. Tetanus. Allg. med. Zentral¬
zeitung. Nr. 7. — Heile, Prakt. Gesichtspunkte b. d. Behandl. Berl. klin. Woch. Nr. 7.
— Riehl, Tetanusbehandl. Med. Klinik. Nr. 2. — Wienert, Dasselbe. Deutsche med. Woch.
Nr. 4. — Hinterstoisser, Dasselbe. Wiener klin. Woch. Nr. 7. — Meyer, E. J., Serumbehandl.
Therap. Gaz. Jan. — Straub, Exper. Unters, über Wesen u. Aussicht der Magnesiumsulfat¬
therapie. Münch, med. Woch. Nr. 1 . — Mahsfeld, Dasselbe. Ebenda. Nr. 6 . — Schütz,
Magnesiumsulfatbehandl. Ebenda. Nr. 4. — Straub, Dasselbe. Ebenda. Nr. 10. — Meitzer,
Dasselbe. Berl. klin. Woch. Nr. 11. — Reingruber, Dasselbe. Therap. Monatsh. März. —
Jesionek, Lichtbehandlung des Tetanus. Münch, med. Woch. Nr. 9. — Vergiftungen:
Alt, Neuritis des Hörnerven nach Intoxikation mit Kohlenoxydgas. Arch. f. Ohrenheilk.
XCVI. H. 3 u. 4. — Alkoholismus: Steinebach, Zerebrospinalflüssigkeit u. Wirkung d.
Lumbalpunktion b. Delirium potatorum. Deutsche ined. Woch. Nr. 13. — v. d. Porten,
Behandl. d. Delir, trem. mit Veronal. Ebenda. Nr. 2. — Syphilis: Barbach, Newer
&8pects on nerve syphilis. Urol. and. cut Rev. Jan. — Robertson and Klauder, Various
types of Lucs. Journ. of Amer. med. Ass. 16. Jan. — Kafka, Luetinreakt. bes. b. Spätlues
d. Zentralnervenst. Berl. klin. Woch. Nr. 1 . — Wile and Stokes, Involvement of the nerv,
syst, during the priraary stage of syphilis. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. März. —
Read, Syphilit Erkrank, d. Zentralnervensyst 2 Wochen nach Auftreten des Primäraffekts.
Urolog. and cutan. Rev. Febr. — Craig, Anarthria due to syph. Journ. of Amer. med.
Ass. 2. Jan. — Hnatek, Der syphil. Kopfschmerz. Deutsche med. Woch. Nr. 3. — Weisen¬
burg, Wert d. Wassermann sehen Reakt. b. Lues cerebrospin. Journ. of Amer. med. Assoc.
20. März. — Ellis, Cullen u. Slyke, Aminosäurengehalt v. Blut u. Liquor bei Syph. u. Nicht-
Syphilitikern. Ebenda. 9. Jan. — Nonne, Ther. d. syphilogenen Nervenkrankh. i. Lichte
d. neueren Forschungsergebnisse. Münch, med. Woch. Nr. 8 tu 9. — Draper, Intravenöse
u. intraspinale Behandl. d. Lues cerebrospin. Arch. of int. Medic. Jan. — Synnot, Intra-
spinale Behandl. d. Lues cerebrospin. Med. Record. 20. März. — Rytlna and Zudd, Treatm.
of cerebrosp. syph. by intraspin. inject of saivare. Ser. Amer. Journ. of med. Sc. Febr.
— Boehm, Blasenlähroung nach Syph., behandelt m. intraspin. Inj. von Salv.-ßerum. Urol.
and cutan. Rev. Febr. — Lowlnsohn, J., Lähmung d. Atemzentr. nach endolumbaler Neo-
salvarsaninj. Deutsche med. Woch. Nr. 9. — Trauma: Oppenheim, Krieg u. traumat
Neurosen. Berl. klin. Woch. Nr. 10. — Horn, Zusammenhang zw. Nervenleiden nach
Unfäll u. Arteriosklerose. Mon. f. Unfallheilk. H. 1. — Derselbe, Schreckneurosen. Deutsche
Zeitschr. f. Nervenheilkunde. L1II. H. 5. — Derselbe, Rechtsprechung u. Unfallsneurose.
Ärztl. Sachverständ.-Ztg. Nr. 4. — Weber, Zur Entstehung der Unfallsneurosen. Münch,
med. Wochenschr. Nr. 12. — Wollenborg, Rumination als angebl. Unfallsfolge. Ebenda.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
511
Nr. 2 bis 4. — Kaess, Bilat* nukl. Hypoglossuslähmung u. Parese beider Arme durch Unfall.
Wed. Klinik. Nr. 7. — Karplut, Erkrank, nach Granatexplos. Wiener klin. Woch. Nr. 6.
— Sarbo, Nervenshock nach Granat- u. Schrapnellexplos. Ebenda. Nr. 4. — Frischeis,
Kriegssprachstorungen. Militärarzt. Nr. 5. — Oppenheim, Kriegsverletzungen d. periph.
u. zentr. Nervensyst. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 4. — Goldstein, Beobacht, an Schutt*
verl. d. Gehirns u. Rückenm. Deutsche med. Woch. Nr. 8 n. 9. — Noehte, Streifschüsse
a. d. Schädelkapsel. Ebenda. Nr. 8 . — Orth, Behänd!, v. Gehirnprolaps n. Schädeldefekten.
Med. Klinik. Nr. 1. — v. Baeyer, Orthopäd. Behandlung d. Spasmen nach Kopfschüssen.
Münch, med. Woch. Nr. 4. — Rumpf, Schuttverl. d. Rückenm. u. Gehirns. Med. Klinik.
Nr. 4. — Marburg u. Ranzi, Rückenmarkschüsse. Wiener klin. Woch. Nr. 5. — Gamper,
Schuttverl. d. Cauda equina. Ebenda. — Schott, Schwere Rückenmarksläsion n. leichtem
Trauma. Med. Klinik. Nr. 2. — Klapp, Rückenmarksschüsse u. Behandl. d. nach Laminek-
tomie auftrot. Meningitis. Münch, med. Woch. Nr. 5. — Schum, Behandl. d. Rückenroarks-
verl. im Felde. Ebenda. — Meyer, Laminektomie b. Schuttverl. vom neurol. Standpunkt.
Berl. klin. Woch. Nr. 12. — Noehte, üperat. Behänd), d. Rückenmarksverl. im Feldlazarett.
Deutsche med. Woch. Nr. 1. — Goldberg, Behandl. d. Harnverhaltung b. Rückenmarks¬
schüssen. Müncb. med. Woch. Nr. 18. — Kirschner, Schuttverl. d. periph. Nerven. Deutsche
med. Woch. Nr. 11. — Cahen, Kriegsverl. d. periph. Nerven. Med. Klinik. Nr. 9. —
Reznicek, Verletz, d. periph. Nerven im Krieg u. ihre Behandl. Wiener med. Wochr. Nr. 8.
— Tresling, Verletz, d. Sehnerven. Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. Febr./März. — Hoepfl,
Schuttverletzung d. N. radialis. Müncb. med. Woch. Nr. 6. — Spltzy, Hebeapparat für
Hand u. Finger b. Radialislähmung. Ebenda. — Fleischhauer, Nervenverletzungen. Berl.
klin. Woch. Nr. 9. — Körner, Kriegs verletz, d. N. vagus. Zeitschr. f. Ohrenbeilk. LXX1I.
H. 8. — Hoffmann. Verl. d. N. recurrens. Münch, med. Woch. Nr. 1. — Zesas, Klin. u.
Ther. d. Vagusverl. am Halse. Centralbl. f. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XVIII. H. 6.
— Auerbach, S., Behandl. d. Schuttverletzungen periph. Nerven. Deutsche med. Woch. Nr. 9.
— Stoffel, Behandl. verletzter Nerven im Kriege. Münch, med. Woch. Nr. 6. — OrDner,
Chirurgie d. periph. Nerven. Ebenda. — Spielmayer, Nervennaht. Ebenda. Nr. 2 u. 8. —
Hoffmann, P. 9 Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu beurteilen. Med. Klinik. Nr. 18.
— Hofmeister, Doppelte u. mehrfache Nervenpfropfung. Med. Korresp. d. Württemb. Landes¬
vereins. Nr. 12. — Kredel, Verhalten d. auf operierte schuttverl. Nerven überpflanzten
Faszienlappen. Centralbl. f. Chir. Nr. 13. — Mnnkelatrophie , MunkelffyntropMe:
Vormann, Kasuistik d. myopath. Muskelatrophien. Deutsche militärärztl. Zeitschr. H. 9 u. 4.
— Sala, Pseudohypertroph. Paralyse. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Görres, Dystrophia
muscul. progress. u. Unfall. Mon. f. Unfallheilk. H. 3. — Grober, Zur Entstehung u. Kritik
d. umschriebenen Muskelverknöcherung. Münch, med. .Woch. Nr. 12. — Paralynjn
agitann: Mingazzinl, Parkinson-ähnlicher Symptomenkomplex. Arch. f. Psych. LV. H. 2.
— Familiäre Krankheiten: Rothmann, Familiäres Vorkommen v. Friedreich-Ataxie,
Myxödem u. Zwergwuchs. Berl. klin. Woch. Nr. 2. — Varia: Redlich, Zur Narkolepsie-
frage. Mon. f. Psych. Febr. — Pfeiffer, NeuropathoL Befunde bei einem Fall v. perniziöser
Anämie. Journ. of nerv, disease. Febr. — Linck, Ohrenkopfschmerz. Ther. d. Gegenw.
H. 1 u. 3. — Babbit, Labyrinthine studies. Ann. of otol. XXIII. Nr. 3. — Frischeis, Stottern
u. Nystagmus. Mon. f. Ohrenheilk. Febr./März. — Wilson, J. G., Vertigo. Journ. of Amer.
med. Asboc. 13. Febr. — Pape, Funktionelle Stiinmbandlähmung im Felde. Münch, med.
Woch. Nr. lt. — Cohn, Nervöse Retentio urinae. Berl. klin. Woch. Nr. 9. — Simmonds,
Torticollis. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. Febr. — Blssell and Le Count, Relat. frequency
of the various forms of Coma. Ebenda. 27. März.
V* Psychologie. Hoche, Krieg und Seelenleben. Freiburg, Speyer u. Kärner. —
Inglis, Unconscions mental phenomena. Med. Record. 27. Febr. — Schulhof, Psychologisches
aus Kants Schriften. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVIII. H. 1. — Ziehen, Lehre vom
absoluten Eindruck. Zeitschr. f. Psychol. LXXI. H. 8 u. 4. — Fricke, Zur Psychologie
d. Aussage. Aussageuntersuchungen nach kinematogr. Vorführungen. Inaug.-Dissertation,
Leipzig. — Lambrecht, Verknüpfung v. Farbe u. Form b. Gedächtnisleistungen. Zeitschr.
f. Psychol. LXXI. H. 1 u. 2.
TL Psychiatrie. Allgemeinen: Rosanoff, Program of psychiatric progress. Med.
Record. 20. Febr. — Bonhoeffer, Psych. u. Neurol. Mon.’f. Psych. Febr. —- Badul, Vergl.
Rassenpsych. Ebenda. März. — Münzer, Die Psyche d. Verwundeten. Berl. klin. Woch.
Nr. 10. — Oeconomakis, Paychiatr. Beobacht, a. d. letzten Balkankriege. Athen 1915. —
Stelzner, Aktuelle Massensuggestionen. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Schröder, P., Hallu¬
zinationen. Mon. f. Psych. Jan. — Stearns, Diagnost. value of hallucinations. Journ. of
nerv, diseases. Jan. — Sokolow, Auslös. d. Gehörshalluzinationen durch periph. Reize. Arch.
f. Psych. LV. H. 2. — Birnbaum, Über Wertigkeit u. Wahnbildung. Mon. f. Psych. Jan./Febr.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
512
— Schneider, K., Erinnerungsfälschungen b. Zwangsdenken. Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
XXVIII. H. 1. — Diller, Löss of memory alieged by murderers. Journ. of nerv, diseases,
Febr. — Pick, A.; Erkl. gewisser Hemmungserschein. Mon. f. Psych. März. — Jolly, Ph.,
Menstruation u. Psychose. Habilitationssehr., Halle. — Meyer, E„ Konzeptionsforderung u.
Eheschließung b. Nerven- n. Geisteskrankh. Deutsche raed. Woch. Nr. 1. — Treiber, Erfahr,
über Entlassung Geisteskranker gegen ärztl. Rat. Allg. Zeitschr. f. Psych. LXX11. H. 1.
— Moeli, Fürsorge f. Geisteskranke u. geistig Abnorme. Halle, C. Marhold. — Angeborener
Schwachsinn: Richter, Dienstfähigk. u. Zurechnungsfähigk. b. d. erethischen Form d.
angeborenen Schwachsinns. Deutsche militärarztl. Zeitschr. H. 1 u. 2. — Tergast, Ver¬
blödung im spät. Säuglingsalter m. Apraxie. Mon. f. Kinderheilk. XIII. Nr. 6. — Sexuelles:
Sadger, Sexualität u. Erotik im Kindesalter. Moderne Medizin. VI. Nr. 2. — Höhtier,
Unusual forme of sexual neuroses. Interstate med. Journ. XXI. Nr. 12. — Bloch, Iwan,
Behandl. d. sexuellen Insuffizienz. Med. Klinik. Nr. 8. — Liebermann, H., Die exogenen
Zonen. Zeitschr. f. Sexualwissenscb. Jan./Febr. — Sadger, Neue Forschungen z. Homo¬
sexualität Beri. Klinik. H. 315. — Funktionelle Psychosen: Singer, Wesen u. Be¬
deutung d. Kriegspsychosen. Berl. klin. Woch. Nr. 8. — Meyer, E., Einfl. d. Kriegs auf
schon bestehende Psychosen. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Ru off, Genese paranoider
Symptomenkompl. im Verlauf d. manisch-depress. Irreseins. Journ. f. Psychol. u. Neurol.
aXI. H. 3 u. 4. — Smith, J„ Catatonic states in manic depress. insanity. Med. Record.
20. Febr. — Jffrger, Die Mobilmachung als krankheitsauslös. Trauma b. Dem. praecox.
Correspondenzbl. f. Schweizer Ärzte. 1914. Nr. 50. — Breiger, Körperl. Frühsympt d. Dem.
praecox. Med. Klinik. Nr. 4. — Straaaer-Eppelbaum, Das autistische Denken b. Dem. praecox.
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Davis, Mastoidectomy in Dem. praecox with
improvement. Ann. of otol. XXIII. Nr. 3. — Neubörger, Wirkung subkut. Adrenalininj. a.
d. Blutdruck b. Dem. praecox. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Frey, Klinik u. path. Anat
d. Alzheimer sehen Krankh. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 5. — Bleuler, Senile
Psychosen. Schweiz. Correspondenzbl. Nr. 1. — Borchardt, L., Ungewöhnl. Symptomen¬
kompl. b. symptomat. Psychose. Mon. f. Psych. Febr. — Infektions- und In toxi -
kationspsychosen: Melzer, K., Psychose bei Diphtherie. Inaug.-Dissertation. Kiel. —
Schabelitz, Experimente u. Selbstbeobachtungen im Bromismus. Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
XXVIII. H. 1. — Schneider, K., Veronal-Delirium. Allg. Zeitschr. f. Psych. LXXII. H. 1.
— Möller, E., Bezieh, zwischen bösartigen Geschwülsten u. Geisteskrankh. Ebenda. —
Progressive Paralyse : Haskell, Familial syphilitic infection in general paresis. Journ.
of Amer. med Ass. 13. März. — Enge, Bedeutung der progressiven Paralyse und ihre Be¬
handlung in der Praxis. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 4 u. 5. — Nissl, Fall von Para¬
lyse mit dem klinischen Verlauf einer Dementia praecox. Beitrag zur Frage nach den
Beziehungen zwischen klin. Verlauf u. anatom. Befund bei Nerven- u. Geisteskrankh. I.
H. 8. Berlin, J. Springer. — Hainicke u. Könzel, Kombin. Tuberkulin-Quecksilberbehandl. d.
Paral. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Forensische Psychiatrie: Gdring, Gemeingefahr-
lichkeit Monogr. a. d- Geb. d. Neurol. u. Psych. H. 10. Berlin, J. Springer. — Weiler,
Arbeitsfähigkeit psychisch Erkrankter. Friedr. Blätter f. gerichtl. Med. LXV. H. 6. —
Kronfeld, Kriminol. u. Psychopathol., insbes. beim moralischen Schwachsinn. Allg. Zeitschr.
f. Psych. LXXII. H. 1. — Thumm, Kasuistik u. Bewertung d. Heimwehdelikte. Zeitschr.
f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Therapie der Geisteskrankheiten: Williams,
T. A., Treatm. of psychoneurotic patients. Cleveland med. Journ. Jan.
VII« Therapie« Kowarschik, Ergebnisse d. Elektrotherapie 1913—1914. Therapeut
Monatsh. Febr. — Mayer, F., Sedrobrol i. d. neurol. Praxis. Berl. klin. Woch. Nr. 6. —
Streblow, Diogenal, ein neues Sedativum u. Hypnotikum. Deutsche med. Woch. Nr. 10. —
Friedländer, Nervagenin, ein neues Baldrianpräparat. Klin.-therap. Woch. Nr. 11 u. 12.
> Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
mann, Berlin W«, Motzstra߀T89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an
Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders
um Einsendung von Kriegserfabrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden
wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Vxit & Comp, in Leipzig. — Druck von Mstzobs & Wime in Leipzig.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centr a lbutt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet Ton Profi E. MendeL
Herausgegeben
Ton
Dr. Kurt Mendel.
V iernnd dre I ßigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Buchhandlungen des In* nnd Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie
__direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 16. Jnli. Nr. 14.
Inhalt I. Oriflinalmitteilungen. 1. Zur traumatischen Neurose im Kriege, von
H. Oppenheim. 2. Zur genaueren histologischen Charakteristik der Ganglienzellenschwellung,
von Karl Schaffer.
II. Referate. Poliomyelitis. 1. Penetration of the virus of Poliomyelitis frora the
blood into the cerebrospinal fluid, by Flexner and Amoss. 2. Localization of tbe virus and
pathogenesis of epidemic Poliomyelitis, by Flexner and Amoss. 3. Experimental studies in
Poliomyelitis, by Oubois, Neal and Zingher. 4. Beitrag zur Ätiologie der Heine-Medin sehen
Krankheit (Poliomyelitis aenta anterior), von Lust und Rosenberg. 5. Die Kontagiosität der
Heine-Medin sehen Krankheit im Lichte epidemiologischer und experimenteller Forschung
der letzten Jahre, von Langer. 6. Keimträger bei Kinderlähmung, von kling u. Pettersson,
7. Über spinale Kinderlähmung im Stadt- und Landkreis Kattowitz. von Halbey. 8. Ober
eine Anstaltsendemie von Heine Medin scher Krankheit, von Kern. 9. Die Heine-Medin sehe
Krankheit in Steiermark während der letzten 5 Jahre, von FOrntratt. 10. Die akute Polio¬
myelitis in Norwegen, von Leegaard. 11 . Eine Poliomyelitisepidemie im Frühjahr 1912 in
Lindaas (Norwegen), von Aaser. 12. Neuere Forschungen über Poliomyelitis in Amerika,
von Fitzgerald 13. Blutbefunde bei Poliomyelitis. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen
aus der Kinderklinik in Frankfurt a/M. von Mettenheimer, F. Götzky u. F. Weihe. 14. Beitrag
zur pathologischen Histologie der unter dem Bilde der Landryschen Paralyse verlaufenden
Fälle von Poliomyelitis acuta anterior, von Loewy. 15. The study of a case of the adult
type of Poliomyelitis and of a case of acute aseending paralysis of the type of Landry, by
Gordinler. 16. Beiträge zur Klinik der sporadischen Fälle Heine-Medin scher Krankheit, von
v. Korczlnski. 17. Einiges über die spinale Kinderlähmung, von Zipperlen. 18. Die menin-
gitische Form der Poliomyelitis, von Netter. 19. Report of a case of acute Poliomyelitis,
by Frissell. 20. Ein eigentümlicher Fall von Poliomyelitis anterior acuta mit abnormen
motorischen Reizerscheinungen, von Löwenstein. 21. Radiographisches Studium der Knochen
in den gelähmten Gliedern, von Audenino. 22. The treatment of paralysis of anterior Polio¬
myelitis, by Frauenthai. 23. Heine Medin sehe Krankheit, von Korczyneki. 24. Znr Lähmungs¬
therapie, von Wollenberg. — Therapie. 25. Zur Anwendung der Diathermie, von Kraus.
26. Über Diathermie nnd ihre Kombination mit Ultraviolettbestrahlung und anderen Heil¬
mitteln, von Mendel. 27. Ergebnisse der Elektrotherapie 1913 bis 1914, von Kowarschik.
28. Über Psychotherapie, von Gregor. 29. Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz, von
Bloch. 30. Zur Frage der Bromtherapie, von John. 31. Sedobrol in der neurologischen
Praxis, von Mayer. 32. Le sedobrol, par Ladame. 33. Adalin im Hochgebirge und in heißen
Ländern, ^on Masarey. 84. Vergiftungsversuche mit Adalin. Ein Beitrag zur relativen
Unschädlichkeit übermäßiger Dosen, von v. Hirsch-Gereuth. 35. Über längeren Gebrauch von
Adalin, von Freund. 86. Über Diogenal, ein neues Sedativum und Hypnotikum, von Streblow.
37. Unsere Erfahrungen mit Diogenal, von Tuch. 38. Klinische und experimentelle Grund¬
lagen der Schlafmitteltherapie, von Gregor. — Psychiatrie. 39. Über den gegenwärtigen
Stand des Schutzes und der Fürsorge für Geisteskranke, von Starllnger.
III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬
heiten, Sitzung vom 14. Juni 1915.
XXXIV.
33
%
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
514
I. Originalmitteilungen.
1. Zur traumatischen Neurose im Kriege.
Von H. Oppenheim.
Ich war darauf vorbereitet, daß mein Aufsatz: „Der Krieg und die trau¬
matischen Neurosen “ 1 nicht ohne Widerspruch aufgeuommen werden würde. Auch
die lebhafte und zum Teil begeisterte Zustimmung, die mir von einigen der
ungesehensten Facbgenossen in Zuschriften bekundet wurde, konnte mich nicht
darüber hinwegtäuschen, daß der Widerspruch der alten und neuen Gegner
nicht verstummen würde. Es ist auch keineswegs meine Absicht, an dieser Stelle
darüber Klage zu führen und den verschiedenen Einwendungen entgegenzutreten.
Es steht uns ja jetzt so wenig Zeit zur Arbeit am Schreibtisch zur Verfügung,
da der Krieg dringendere Forderungen an uns stellt. Dem ungeachtet, habe
ich damit begonnen, mein gesamtes reiches Material zusammenzustellen, aber
es wird noch mancher Monat vergehen, ehe die meine Beobachtungen zu¬
sammenfassende Darstellung dem Druck wird übergeben werden können. Aber
was ich schon jetzt nicht hingehen lassen darf, ist der von einigen Autoren ge¬
machte Versuch, meine Lehren unrichtig, in einer geradezu entstellten Weise —
wobei ich natürlich überzeugt bin, daß es sich nur um einen lapsus, nicht um
eine Absicht gebandelt bat — wiederzugeben nnd dann den Kampf gegen dieses
von ihnen geschaffene Scheingebilde zu eröffnen.
Diesen Vorwurf muß ich gegen Saengeb 2 erheben, dessen Ausführungen
ich hier wörtlich wiedergebe: „Eine sogen. ,traumatische Kriegsneurose', für die
leider Oppenheim wieder so nachdrücklich eintritt, lehne ich ebenso wie
Nonne u. a. ab und verweise auf die üblen Erfahrungen die man bei der
Auffassung der Unfallnervenerkrankungen der Arbeiter als ,traumatische Neu¬
rose 1 gemacht bat. Auch im Hinblick auf den enormen wirtschaftlichen
Schaden für den Staat ist diese Auffassung nicht nur vom wissenschaftlichen,
sondern auch vom praktischen Standpunkt aus abzuweisen .' 1
Also für eine „traumatische Kriegsneurose 11 — in Gänsefüßchen — bin ich
so nachdrücklich eingetreten. Das möge mir Kollege Saengeb einmal aus
meinen Abhandlungen beweisen. Ganz im Gegenteil habe ich das größte Gewicht
darauf gelegt, zu zeigen, daß die Kriegserfahrungen nur bestätigt haben, was
die Eisenbahnunfälle und andere Katastrophen schon vor bO Jahren gelehrt
hatten, und daß ich gerade in dieser Bestätigung meiner alten im Frieden ge¬
wonnenen Erfahrungen und auf Grund derselben aufgestellten Theorien ein
mir willkommenes Ergebnis der Kriegsbeubachtungen erblicke.
1 Beiliner klin. Wo oben sehr. 1915. Nr. 11. Vgl. auch meinen Artikel: Ober Kriegs¬
verletzungen des peripheren nnd zentralen Nervensysteme. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. 1915.
Nr. 4, sowie die Diskussion im Anschluß an einen Vortrag BoMBOEFm’s im Nenrolog.
Centralbl. 1916. Nr. 2.
* Über die durch den Krieg bedingten Folgeiustände im Nervensystem. Münchener
med. Wochenschr. 1915. Nr. 15 n. 16.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Ich würde es sehr bedauern, wenn nun die „traumatische Kriegsneurose“,
deren Vaterschaft ich unbedingt ablehnen muß, in die Referate und in die
Literatur übergehen würde. Wir haben jetzt gewiß keine Zeit zu eingehenden
Studien fremder Abhandlungen, aber ich kann verlangen, daß jeder, der eine
von mir mitgeteilte Beobachtung oder von mir aufgestellte Theorie an greift,
wenigstens die Abhandlung, die das Angriffsobjekt bildet, gründlich durch*
gelesen bat. — Den wesentlichen Inhalt meiner neuen Ausführungen in dieser
alten Frage will ich noch einmal in ein paar Sätze zusammenfassen, um den
Gegnern ihre Aufgabe so bequem wie möglich zu machen.
D<e Kriegsverletzungen haben es mit den traumatischen Schädigungen ge¬
wöhnlicher Art gemein, daß sie nicht nur materielle Veränderungen im zentralen
und peripherischen Nervensystem hervorbringen, sondern auch Neurosen. Die
Ärzte, die sich anfangs dahin aussprachen — und es sind recht angesehene
Neurologen darunter —, daß sie seit dem Beginn des Krieges noch keine
traumatische Neurose gesehen hätten, werden sich, wie auch ihre eigenen
Demonstrationen erkennen lassen, inzwischen gründlich davon überzeugt haben,
daß sie sich geirrt hatten, und daß die traumatischen Neurosen in diesem
Feldzuge eine ganz hervorragende Rolle spielen.
Unter den Neurosen dieser Genese nimmt die Hysterie keinen besonders
breiten Raum ein, wenn man sich an die gewohnten Anschauungen von dem
Wesen und Charakter dieses Leidens hält. Reine Hysterie, rein psychogen ent¬
standene Symptomenkomplexe finden sich nur in der Minderzahl der Fälle.
Ich stehe deshalb auch den Mitteilungen von Nonne 1 u. a., welche sich auf
Schnellheilungen durch Hypnose beziehen, skeptisch gegenüber. Wenigstens
insoweit, als ich die völlige und dauernde Heilung — nach den bekannten Er¬
fahrungen der Friedenszeit — bezweifle.
Ein ausgedehntes Feld nimmt die Neurasthenie ein. In zahlreichen
Fällen habe ich die Symptome der Neurasthenie in ihrer schwersten Ausbildung
gesehen, besonders die Insomnie, die Reizbarkeit und Depression, die kardio¬
vaskulären und sekretorischen Symptome usw. Die Kombination von Hysterie
und Neurasthenie ist das Krankheitsbild, dem eine große Zahl von Fällen ent¬
spricht. Aber dazu kommen Symptome und Symptomenkomplexe, die in diesen
Rahmen nicht recht hinein passen. Die Blasenstörung (selten), die Temperatur-
Steigerung 3 (ziemlich häufig) und der Gewichtsverlust sind Erscheinungen, die
sich vielleicht noch der Symptomatologie der Neurasthenie einreihen lassen.
Die Stellung, welche gewisse nicht-hysterisohe und auch nicht-typisch-epi¬
leptische Krampfformen im System einnehmen, bedarf noch der weiteren Er¬
forschung. Aber der Tic, verschiedene Formen des Zitterns und namentlich die
Crampi musculorum sind Krankheitserscheinungen, die sich nur dann in den
Kreis der Hysteroneurasthenie unterbringen lassen, wenn man diesen ungebührlich
erweitert.
1 Ref. Nenrolog. Ceutralbl. 1915. Nr. 2 n. a.a. 0., Med. Klinik. 1915. Nr. 18 u. 19.
1 Bestätigt von Redlich, Med. Klinik. 1915. Nr. 15 bis 17, dessen Ansichten über die
traumatischen Neurosen der Kriegsverletzten von den ineinigen sonst erheblich divergieren.
88 *
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
516
Za einem Verständnis dieser nnd anderer Phänomene gelangt man, wenn
man bei der Deutung des Wesens der traumatischen Neurose sich von dem
ganz irrtümlich verallgemeinerten Begriff der psychogenen Entstehung und Grund¬
lage losmacht. Damit komme ich zu einem der wichtigsten Punkte meiner
Ausführungen, za der von mir schon vor langer Zeit aufgestellten Erschütterungs-
tbeorie, nach welcher sowohl das zentral wie das peripherisch angreifende
Trauma nicht anatomische, aber doch physikalisch entstehende Veränderungen
erzeugen kann. Hir schien es unzweifelhaft, daß die feine Organisation des
Nervengewebes direkt und indirekt geschädigt werden könne — abseits von den
materiellen Vorgängen der Blutung, Entzündung, Degeneration und Nekrose.
Ich dachte dabei an feinere physikalische Vorgänge usw. — Den Einfluß dieser
überstarken Impulse stelle ich mir so vor, daß sie eine Betriebsstörung in dem
zentralen Innervationsmecbanismus bervorrufen, mag es sich um die Heraus-
lösung eines Gliedes aus der Kette, um eine Verlagerung feinster Elemente, um
eine Sperrung von Bahnen, eine Zerreißung von Zusammenhängen, eine Diaschisis,
kurz um einen Vorgang handeln, der auch dem Auge des Mikroskopikere ent¬
gehen würde, der auch keine definitive Zerstörung irgend eines Nervengebildes
darstellt, aber auf jeden Eall Leitungshindernisse für die motorischen Impulse
schallt. Diese Betriebsstörung findet ihren Ausdruck 1. in der falschen Ver¬
teilung der motorischen Impulse, wie wir sie oben geschildert haben, 2. in der
Hypoinnervation und 3. in der Hyperinnervation der Muskeln, derart, daß in
die Stelle der einfachen Muskelkontraktion der Tremor und die tonische oder
spastische Muskelaktion, der Crampus tritt. 1 Den höchsten Grad dieser Ano¬
malie bildet die Lähmung usw.
Von der Richtigkeit dieser Auffassung (gegenüber der ideogenen, die
eine bescheidenere Rolle spielt) habe ich mich nun immer mehr überzeugt, je
mehr Fälle dieser Art ich gesehen und je tiefer ich in das Wesen der Er¬
scheinungen eingedrungen bin. Gerade hier erhebt sich die stärkste Scheidewand
zwischen mir und den Gegnern meiner Anschauungen. Und hier müßte ihr
Angriff einsetzen. Denn es ist ganz klar, daß sich der von ihnen geschaffene
und so sehr verallgemeinerte Begriff der Rentenhysterie nur aufrecht erhalten
laßt unter der Voraussetzung der psychischen, der ideogenen Entstehung aller
Erscheinungen mit der so bequemen Verschiebbarkeit der Grenze zwischen
Hysterie und Simulatiou.
Bezüglich der Annahme der Simulation bei den Kriegsverwundeten ver¬
halten sich ja die Forscher, die mir entgegengetreten sind, noch zurückhaltend.
Aber es wäre ganz erwünscht, wenn sie sich auch über diesen Punkt einmal
deutlich aussprechen wollten. Ich habe schon erklärt, wie verhältnismäßig selten
ich diesem Versuch bei meinen Patienten begegnet bin. Aber außer der echten
Simulation gibt es ja auch ein Sichliebevollhingeben der Erkrankung., ein Mangel
au Energie, sie abzuschütteln und zu ignorieren. Ich habe mich bei den Kriegs-
1 Auf die Kontrakturen und ihr bemerkenswertes Verhalten in der Narkose werde ich
an anderer Stelle eingehen.
Digitizer! b'
»Google
Original fro-m
LINKER'
verletzten nicht davon überzeugen können, daß diese Erscheinung (Kohnstamm’s
defektes Gesundheitsgewissen) stark verbreitet ist, gebe aber zu, daß es nicht
immer leicht ist, über diesen Punkt ins klare zu kommen. Meist fand ich
aber in dem Verhalten des Pulses (und der Atmung) einen sehr zuverlässigen
Gradmesser für die Willensanstrengung der Kranken, indem der Versuch, eine
Lähmung oder eine Kontraktur zu überwinden, eine Tachykardie bis zu 140
und 160 p. M. im Gefolge hatte.
Ich wäre den Hamburger Facbgenossen 1 , die sich so energisch gegen die
traumatische Neurose verwahren, dankbar, wenn sie einen anderen Namen für
diese Affektionen Vorschlägen wollten. Wer vorgibt, daß mit der traumatischen
Hysterie nicht alles erfaßt ist, was in dieses Gebiet gehört, kann doch nicht
verlangen, daß aus opportunistischen Gründen — um den Rentenansprüchen
den Boden zu entziehen — diese Bezeichnung gewählt wird. Überhaupt kann
der Krankheitsname nicht verantwortlich gemacht werden für die sozialen Mi߬
stände, die aus der Versicberungsgesetzgebung entspringen. Ich weiß wohl,
was die Kollegen meinen. Sie sind der Ansicht, daß das Bewußtsein, eine
Rente beanspruchen zu können, die Jagd nach Krankheitssymptomen zur Folge
hat und dem Verletzten die Energie raubt, die zur Überwindung seines Leidens
führen würde. Es wird die Aufgabe der ärztlichen Forschung und Kunst sein,
diesen Mißbrauch im Einzelfalle aufzudecken und zu bekämpfen. Aber das
gibt uns nun und nimmermehr das Recht, ernste und oft recht schwere post¬
traumatische Nervenkrankheiten mit einem Namen zu belegen, der dem Leiden
sofort einen Makel anheftet oder es wenigstens mit einem Argwohne belastet
Ich sage, es sind oft recht schwere Erkrankungen und habe dabei besonders
meine Kriegserfahrungen im Auge. Wie manchen Fall von Schußverletzung
des Rückenmarkes habe ich gesehen, der nach dem Maße und der Art der
subjektiven Beschwerden, der objektiven Erscheinungen und des Verlaufes sich
weit günstiger darstellte als z. B. eine große Zahl der Granatexplosionsneurosen.
Nach meinen früheren Erfahrungen halte ich es für wünschenswert, vor¬
beugend noch zwei Tatsachen anzuführen: Es ist in den Diskussionen genau
wie vor 30 Jahren wieder flüchtig der Gedanke zum Ausdruck gekommen, daß
das Berliner Material bezüglich des Charakters, der Persönlichkeit der Kranken
1 Geradezu wunderlich und doch auch wieder charakteristisch wirken in dieser Hin¬
sicht die Ausführungen Cimbal’s in seinem Antoreferat (Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 11).
Nachdem er die Symptome der traumatischen Neurosen an der Hand der Kriegsbeobachtungen
ganz entsprechend meinen Mitteilungen geschildert hat — wenn er auch andere Bezeich¬
nungen wie die der akuten nervösen Überreizung usw. wählt —, nachdem er sogar in der
Einschränkung des Begriffs Hysterie und der Anwendung dieses Namens noch viel weiter
gegangen ist, kommt doch zum Schluß ohne jede innere Motivierung und geradezu im Wider¬
spruch zn den vorhergegangenen Lehren das Ceterum censeo gegen die traumatischen Neu¬
rosen: „Es gilt nur die Wiederholung der Lehre von den Unfallnenrosen zu vermeiden, wo¬
durch einflußreiche Kreise unserer Fachkollegen dem deutschen Volke die schwere Last
tausender Arbeitsunlustiger auferlegt haben. Ich meine damit die Unfallhysteriker, deren
epidemisches Auftreten lediglich durch die Schaffung eines neuen ungreifbaren und unum-
grenzbaren Begriffes ermöglicht wurde." — Ob wohl der Begriff akute nervöse Überreizung
das deutsche Volk vor der schweren Last behütet haben würde?
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
eil} audert'S sei als z, B, das Hamburger, und dub sich daraus gewisse Beob-
achtwäipvem-bieil^lieiteu erklären, Diese Arg'ameütatiot} ist eiäe vidrichüge,
weil dw Patienten poseres Lazarettes sich au« dem ganzen Reiche .mkratieren,
' '• fSdjjkt ferner unter den Emwändön der frnbenm Epoche auch der hervor*
getreten, daß die UnfaUkiaDkeu ia de« HflspMleitt der 'Öroßat&dt «ich gegen¬
seitig ■■' belehrten and iuSzie.rieu oder daß'es sogar Simi;lii.ute>.i,s( hu.ien gebe.
Demgegenüber möchte ich gleich heryoriieben, daß alle von mt heobacbteiba
Individuen üß traumatischa- Neurose dem Lazarett gleich : mji; dem fertigen
Leiden ttberwiesen wurden* &o daß ich überhaupt noch k«wd^!lgöj^ti...j&!a8.ie,
eine psychische Infektion, gesehweige.dern eiae Kraukbatsuaddahoiang oder
-sucht uiü? ;.u beobachten.
2. Zur genaueren
hislülogjBeben Charakteristik vier Ganglienzeikehwelliuig.
Vor« Kart SeiiaffiBf in Budapest.
|Dieser Auf«itz war tiir die Festoumnier aei.äfiüch des geplanten Internationalen Kongresse-
ttir N : far»!>'gi<'. Psychiatrie and Psychologie (Bern. September 1914) bestimmt, i
Die Schwellung der Qaiiglieiizfelie ist eine Erkrankimgst’orm, welche erst seit
Niisai’s Ariveiten mit Jvissris FärbougsmeUibde richtig zur Darstellung kam.; in
at'uesfer üeit wurde sie auch Qiit der Fibrillenmetlwde studiert, ln Anbetracht
der gebotenen Kurse dieses AufeaU.es möchte ich mir auf die Tatsache hin-
weisen, daß die Oamiiieo^nsoiiweilung als eine akute Reaktioustbrm auf espen-
inepteik wie patlioiogrsöhe Mervcn- VFafsekehaddpnng im Bereiche desseibep ; r
Fu:. i. Ufö}.>niDgm‘0«3 des ÜVßoglmuk. • %bwflUur.£ ijci OahglSf.D^eile‘ »Wh
des Server uehit ÜWd, Rin
Figg t bis- 4- geben tieu eiug^oon. Fig£. 0 -umF <> «Unc endogenen T'*\i ■ dfcr ÄWig)U'n*ei-U
bchweiluöi? wieder. — Färbung . Ti>lui;Jb»b^»u. ^özeiehiieV ba .Ecidiipte,
IkcnK'm XMml, &• . •« < ’ <
•Neurons, daoü aber auch w iv«mtaklnboron; ?.n beobachte© ist; .ich föhre hier
VfirherbornzeiJ^ aqf".(& Fisjy 2), wie wti.
519
■ .
CMerbv*iiampafäfivm (s. Fig. 3); schließlich einen Fall von Schwellung der Spinal*
panglienzeile ‘bei FoEBSTRB’sohec Radikotomh? (s. Ftp. -S) uq.
'J&Vit&QÜ
■■ r
■
Fi&ijfc Metiscten. :. *lir, Üsu^lienMlIe aof fikc '.
Xnj'selbicr.nng. wekbe .naHa >> W.-chc« letal emkre.
deren wohlbekauiHe Emzelzfige sißiik Schwelhirig des Zellkörpers mit zentraler
rhrumnlvse, weiche. sich in einer chromatischen Zemiitshung kundgibt, wobei' die
Fnriphem. 4«» Xellleibes die chromatische Sahstanz aöch bewahrt; Dendriten
sied normal oder höchstens diffus ge-
sch^peilfc (a Fig. 1); endlich der Xellkdrn
ist ganz randatäödig geworden, er¬
scheint auch wie gedunsen, ist hell und
weist nebst dein Fatuißgephäoometi »in
scharfes, linnkeigeHrbtes Kernsorper-
cben anfG?.V’•. -?*' •
Diesem geläufigen Bilde dertJangl ien-
zeUscbweiltfüg hoüiiteu die behaöflten
• x
* • ■ ‘ i- TÖ >?>rVys. ■■■•’ ' ■
. ■ • *■
‘v. W- W ; : - . ‘ ßMi
p
Fig,. ;: .'Vbrdei&vrpzelle de* SitrAhuarkd Fig. •». Kleine Siiinatganglientelle fca Men-
<H*h Meri/.^jeo. Strli^eUun^r der G*«dk>n- sfWn; Schwellung derselbe« auf FoeraUr sehe
auf üatejrhtfinttnrpüfcnfctDt»^■* Kadikotorme, (Clnterauchuög Üwh. 8*40 TrtgMi»..
t*nters)ieh»»»geh übei die fomi.ljär*a»aa.uroti.sehe Idiotie (Sachs, Schaf pgst, Spiei.-
apsER. Yqö% zhleföt KtEi.6C.fir<wfRT) eine: Bob wellungsform der Öangfienzetle
Sf-genäiim.ii'ilen, deren huuektige teilweise bereits geschildert worden, doch er¬
fahren «Je kerne Äasammeöiaasnng: in hin charakteristisches 'Gesamtbild. In
:knapj)sti‘t Kurze iaht sah die Gangiietuei!schwelittng bei genannter hereditär*
Go gle
Original from
ITY OF MICH
familiärer,, also endogener Erkrankung? wie folgt sctalde.ro (s. Figg. 5 u. fjj; £■-
schwillt außer dem Zellkörper noch der DejidntenSertsäte LökM»hal hm förmig an,
die chromatische Substanz, zeigt am Bande des Zellkörpers iucsgeprägten Sch w u q< i
und grsßheiot -ma, dea. Kern herum ko gut wie erhalten; es ist «irgend» v.-ue
Spar von ehrointdjUseliör Zerstäubung ' auiaußöden, sondern eine znnehoivn-W
Verklöiuüfuag der öbromutEefeea Suhstat»® ida zum Volikmnm.eue«- SuliMruude;
endlich der 'Kern behält oft seine zentrale Lagerung (sicherlich im A Mangs»
Stadium; und ersc-heiot diffus dunkel gefärbt, sowie etwas yerkieiaeri, ist io tut.
geschriiteneren Fällen direkt atrophisch, mit dem ivernkörperehen üi eine ruureUge
Masse verschmolzen.
Fig, h. Vtmitniinrnzelh- des .Sakrahnarks eines Fakieö von Tay-Sacbsiniber K’mnkbüit; ne,bsi
Schwellung des Zellkörpers noch die lokale t alten förmige Tlläbung des* Uendriten an de
TeUvtigssfftffe betaerkeuewerr.
Allein die sqiumftrtsifbß Aöllfrruyg .teuer Zöge der Qä^|ieri2«l)^ffweU«og,'
weldie einerseits auf esogsn^aumtische, andererseits auf ■ eodogifcmkrankliatL;
■Ein flösse hin entstehen, läßt erkeimeu. daß- ea sich in beiden Füllern «in eine ganz
vffirHchiedeue. Morphologie des- zytopaüiologischea Prozesses handelt, .dies d'irttr.
besonders aus folgender t* bereicht fteivofgeho«;
L Zallsahwelfung auf exogen-trau- If, ZeU8oh,weilting durch eudogne-
mathstf ben EinflaU: bödlngrsn Einfluß entstehend.
1. Zcttiraife phfunwly se. l. Psdphei*f"->%hwund det .^hreinau-
2. Cb'fotriiilytische Zerstäubung. scheu Substanz.
3. Periphere Lagerung des Kerns. 2. FörtsciirH'teuder 'Schwund der chio-
4. Kern gedunsen und hell. m&tisoheff Sübstauz.
5. ZeUfeijirpefSchwellung, Djendciteu frei, 3. fTfaerwiogeiid zentrale Lagertiug des
höchstens diffus-geschwellt. Kerns.. ■ L ; ‘
l lveru gefärbt und kk\im>i.
5. Nebst Zellkörpersohweliups noch
kal-baUonlbrmige Dendriten biähung.
V T on den Gharaktereuigeu der Bubrik II ist bisher allein der fbrtsohteih*Udi?;
Schwund der chroiaätieclic-b Substanz im Gegensatz zur chromolrttschen Zer-
Go gle
521
SK
staubueg der Rubrik I noch im Jahre li'OtV durch mich hertörgebobeii und
ganz jüngst auch durch öiEnaoanwaa* betont; worden. Obige Ö-egeohtM^
Stellung laßt «feer außer der differenten Erkraakuogsiorni der $iss]-iNi>b?daaz
noch eiütb anffaiiend verschiedene Topografie der ASektion iu 4e® Sirme :»r-
keuuen, daß sie m einem Falle (bei I; zeutral, im «udereri (II) pedphst einsetzt,
iai erstereu fbrtnlich jd imkieofugäier, iru meiten in nukleopetalöi AusbreUßn'g
erscheint. Üb sich hieraos oicht eLri VerhäitniB zwischen Kern und plasuiatisuber
Nissi-Substanz ergeben durfte, truur vorläufig
dahingestellt• seib; immerhin Idetbb die luter--
essante Tatsttcha {j«4tebeö» daS ah> das uitiusiim ; • • •
raorteus bei exogea-(.raunifttischer Neuro&t-ii*
verletzii'Bg die pori|jhere chromatische Substanz
erscheint, hingegeu es bei endogener Nefirboeu-
Erkrankung dk-entruien, perinukleären jSTssl-
Törtinuen sind, Eäi&t unleugbar, daß teils
düwitt die rer&ebiedeatf Erta-amkträgsart, teils
durch dje ab»?euefaefi^
kraüki.ng der ■Nksl-bjybatanfc. ftbvrie des ent* ;P%. Stfinalga^liaozölb ei««a
•sprecbendeo YerballCjis des Kerns du- :/.vto- Balles von
Pathologie. jjst allgawerufii eine gar)?, verschie¬
dene ößaraiterzeicbGüug bekoujxüt «öd dürfte daran denken lassen, ob dehn
diese Differenz shdu md mim .-pmizipUdlen Verschiedenheit dev oben bezeietb
aeteo zwei ail^i'iae^PiajgßYN . •. ■..v; . 1 , ■• ' - s • <•"
ln ismier Arbeit; „Zur anätomkebdo Wesenäbßätimmuug der Beredodege*
neraüüö** 1 hob ich zwei Momente als die wichtigsten hervor; ,1. Der primär
(j»idugwu) erkrankte Neoronenbestaudteti ist die frlasajstiseho ikuniisübstanz.
•$*. -Der Prozeß ist von rein ektodvvuialem^Typus-, ersbHeiofc /idW'iöjt.; Ausschluß
edier Erkrankung der mesodermten ÄtrköDsiuiuigft. £ei eurer anatomisch Solch’
schatte« Kennzeichauag dürfte- ea nicht. äberraschjettj wMi n eiu beredbdege«.
iVEfriihirer, also endogeu U»dirigter Si’-lv«• e]luiigsprozeti in der &"aug-
itenzelle anders äössiebt, als bei exv-gen-träumatiscber Matur. Wohl
bin ich mir bewußt, daß mit dtewm Ougeusdi.z obige Yoraussefeung noch nicht
bewiesen ist, dennoch, scheint es nur keine überflüssige Arbeit zu sein,;, darauf
& idelbt der späteren Forschung rurbehaltern zu .be-
weisen, -daß die Ssii4f^Öi^. ; >^h>kbßh .^l^fWoldgid nicht allein morpho*
logisch, S'indern auch biologisch verschieden sein dürfte, Diese Frage zu be¬
lasten; andererseits die infantile aiuaürotikih-familiäre Idiotie höchst 'göbtgäet,
Clehn während die; erster« wohl- zweifellos iur. eine rein-fremde.BgeialrächUgdflg
des Säuroaciilbbans betrachtet werden kann, dürfte letztere auch das Törbild
für cm inhärentes Neuröneugebrechen bedeuten. Verin.ige lior Faniiiiaiitä:, der
1 H irnpathetoglsche- <; Beitrage aus llenj UrohutoWtetec» testitb.t der UtiVVer-itiVt
i!a.'ia|.'«t ZeUseht-, f. d. ge». Nsorcl. o. Pßyrb. 5313
Go gle
522
exquisiten Rassendispoeition, des Ausschlusses von äußeren Noxen (Syphilis,
Alkohol usvv.), schließlich des zeitlichen Einsetzens und relativ raschen Verlaufs
der Krankheit haben wir nicht allein in klinischer, sondern gleichzeitig in ana¬
tomischer Beziehung den lehrreichsten Stoff endogener Natur zur Verfügung.
Namentlich die einförmige und durchgreifende Schwellung der Ganglienzellen,
welcher Prozeß sich auf einen Verlauf von 1, höchstens l 1 /» Jahre erstreckt, die
wohlbekannte Allörtlichkeit und der ausschließlich ektodermale Typus der Affek¬
tion gestalten das anatomische Substrat als so scharf gezeichnet, daß, wenn
irgendwo, dann hier von einem vorbildlichen endogenen Prozeß gesprochen
werden kann. Fällt unter solchen schematisch-klaren Umständen ein Vergleich
zwischen exo- und endogener Ganglienzellschwellung in dem Sinne aus, daß
beide eine differente Morphologie aufweisen, dann dürfte in dieser auch etwas
Wesensversohiedenes ausgedrückt sein. Doch will ich mich zu keinen verfrühten
Verallgemeinerungen verleiten lassen und eine breitere Basis für obige Frage
suchen; vorläufig begnüge ich mich mit der Feststellung jener Tatsache, daß
die Ganglienzellschwellung von exo- und endogener Natur morpho¬
logisch verschieden ist.
11. Referate.
Poliomyelitis.
1) Penetration of the vlrus of Poliomyelitis flrom # the blood into the
oerebrospinal fluid, by S. Flezner and H. L. Amoss. (Journ. of exper.
Medic. XIX. 1914. Nr. 4) Ref.: W. Miscb.
Da das Poliomyelitisvirus längere Zeit braucht, um vom Blut ins Zentral¬
nervensystem zu gelangen, so ist anzunebmen, daß es nicht auf direktem Wege
dorthin gelangt. Vielmehr ist anzunehmen, daß es auf dem Umwege über die
Zerebrospinalflüssigkeit vom Blute in das Bindegewebe der nervösen Zentralorgane
eindringt. Aus Versuchen an Affen, denen das Virus in die Blutbabn gespritzt
wurde, geht hervor, daß das Virus, um in den Liquor zu gelangen, zunächst
durch den Plexus chorioideus passieren muß, welcher Vorgang einige Zeit in
Anspruch nimmt. So läßt sich bei diesen Versuchen nach dem Verlauf von
48 Stunden noch kein Virus im Liquor nachweisen; nach 72 Stunden treten ganz
geringe Mengen auf, und erst nach Ablauf von 96 Stunden sind größere Mengen
Virus im Liquor nachweisbar. Beim Beginn der Lähmung, 19 Tage nach der
intravenösen Injektion, war das Virus nur noch im Liquor, nicht mehr dagegen
im Blute nachzuweisen. Aus den Experimenten geht ferner hervor, daß patho¬
logische Zustände der Leptomeningen und des Liquor cerebrospinalis bei der
Pathogenese der Poliomyelitis epidemica eine wichtige Rolle spielen.
2) Looalization of the virus and pathogenesis of epidemio Poliomyelitis,
by S. Flexner and H. L. Amoss. (Journ.ofexperim.Medic. XX. 1914. Nr.3.)
Ref.: W. Misch.
Es werden hier einige Versuche an Affen beschrieben, die neue Gesichts¬
punkte über die Pathogenese der Poliomyelitis ergeben. Impfung von Polio¬
myelitisvirus in den Glaskörper des Auges erzeugt nach einer gewissen Zeit eine
echte Poliomyelitis; das Virus passiert dabei die Retina, ohne hier irgendwelche
nachweisbaren Veränderungen zu setzen, und gelangt so zum Zentralnervensystem.
Das in die Blutbahn injizierte Virus wird schnell in Milz und Knoohenmark ab-
Digitized by Gck >gle
Original fro-m
UNIVEBSITY.OF MICHIGAN
623
gelagert, nicht aber in den Nieren, im Rückenmark oder Gehirn. Trotz der
Affinität der Nervengewebe zu dem Virus, wird dasselbe doch nicht von Gehirn
und Rückenmark aus dem Blute aufgenommen, wenn nicht der Plexus chorioideus
und die Blutgefäße irgendwie geschädigt sind. Die Intervertebralganglien nehmen
das Virus eher aus dem Blute auf als Gehirn und Rückenmark. Durch eine
aseptische Entzündung, die durch intraspinale Injektion von Pferdeserum hervor¬
gerufen werden kann, wird das Eindringen des Virus in die nervösen Zentral¬
organe und also auch das Auftreten der Lähmung leichter und sicherer bewirkt;
ohne derartige Präparierung ist das Übergehen des Virus, selbst wenn es in
großen Mengen gegenwärtig ist, von Blut auf die Gehirn- und Rückenmarks-
substanz nicht konstant zu erzielen. Gelangt das Virus aus dem Blut nicht in die
Zentralorgane, entsteht also keine Lähmung, so wird es von dem Körper all¬
mählich zerstört, wobei durch die Milz und vielleicht auch durch andere Organe
eine Verminderung der Virulenz bewirkt wird.
Die histologischen Veränderungen nach intravenöser Viruseinführung unter¬
scheiden sich in einigen, wenn auch nicht in allen Fällen, von den nach intra¬
neuraler Infektion auftretenden Läsionen. Beim Übergang von Blut in Gehirn
und Rückenmark bewirkt das Virus eine lymphozytäre Infiltration des Plexus
chorioideus und eine weit ausgebreitete perivaskuläre Infiltration, von welch
letzterer aus dann Zelleinwanderungen in das Nervengewebe stattünden. Eine
ähnliche lymphozytäre Infiltration des Plexus chorioideus kommt auch bei intra¬
zerebraler Viruseinführung vor. Die bei der menschlichen Poliomyelitis im Zentral¬
nervensystem auftretenden histologischen Veränderungen entsprechen durchaus den
beim Affen nach intraneuraler Infektion beobachteten Veränderungen.
Durch intraspinale Injektion von Immunserum kann das Virus beim Übergang
von Blut durch den Liquor zum Rückenmark und Gehirn neutralisiert werden,
so daß die Entstehung einer Lähmung verhütet wird.
Führt man steriles und fein verteiltes Karmin in die Meningen und Ventrikel
ein, so entsteht eine aseptische Entzündung; das Karmin wird aber dann rasch
von den Zellen, insbesondere den Ependymzellen, aufgenommen. Ist schon vorher
mittels Pferdeserum eine aseptische Entzündung gesetzt worden, oder ist das
Nervengewebe durch das Poliomyelitisvirus geschädigt, so scheint der Farbstoff
rascher in die Ependymzellen überzugehen.
Die beschriebenen Versuche bestätigen die Anschauung, daß die Poliomyelitis¬
infektion beim Menschen eine lokalisierte Infektion des Nervengewebes auf dem
Lymphwege, nicht aber eine Allgemeininfektion auf dem Blutwege ist. Sie unter¬
stützen also die Annahme, daß die Eintrittsstelle der Infektion in der Schleim¬
haut des oberen Respirationstractus zu suchen ist.
3) Experimental studiee in Poliomyelitis, by Ph. L. Dubois, J. B. Neal and
A. Zingher. (Journ. of the amer. med. Association. LXII. 1914. Nr. 1.)
Ref: W. Misch.
Impfungsversuche mit Poliomyelitisvirus an Affen ergaben folgende Resultate:
Die Überimpfung von Fäzes eines Patienten mit typischer Poliomyelitis hatte ein
negatives Ergebnis. Dagegen wurde ein positives Resultat, das sich sowohl duroh
Lähmungen wie duroh die mikroskopischen Befunde dokumentierte, bei einem
Affen erzielt, dem das Nasen- und Rachensekret eines abortiven Falles von
Poliomyelitis am 17. Tage nach dem Beginn der Erkrankung injiziert wurde.
Durch Überimpfung von Gehirn und Rückenmark dieses Affen ließ sich bei einem
anderen Affen ebenfalls eine typische Poliomyelitis hervorrufen. Hervorzuheben
ist, dnß die Virulenz von Gehirn und Rückenmark rasch abnimmt.
4) Beitrag zur Ätiologie der Heine-Medinsohen Krankheit (Poliomyelitis
aouta anterior), von F. Lust und F. Rosenberg. (Münchener med. Wochen¬
schrift. 1914. Nr. 3.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
524
Das Jahr 1913 brachte eine Epidemie in einer Ausdehnung, wie sie bisher
in Süddeutschland wenigstens noch nicht beobachtet worden ist. In der Heidel¬
berger Kinderklinik wurden 71 Fälle behandelt. Das Material wird zunächst vom
statistischen und besonders vom epidemiologischen Standpunkt aus gesichtet. Es
ergibt sich, daß nach Beendigung des 4. Lebensjahres die Altersdisposition nur
noch eine sehr geringe war. Die Verff. üben dann Kritik an der vielfach be¬
haupteten Kontagiosität der Krankheit, deren überwiegende Bedeutung sie ent¬
schieden bestreiten. Unter ihren Fällen befand sich ein einziges Oeschwisterpaar:
nur zweimal trat die Erkrankung im gleichen Haus auf, und nur bei 6 von
71 Patienten war ein sicherer direkter Kontakt nachweisbar. 28 mal (=39,4°/ 0 )
ergaben sich nicht die geringsten Anhaltspunkte für direkten oder indirekten
Kontakt. Besonders eingehend wurde die Frage der Übertragung durch Haus¬
tiere studiert. In 28 Fällen wurden allerdings Erkrankungen von Haustieren
bejaht. (Die weitaus überwiegende Mehrzahl der Erkrankten stammte aus länd¬
lichen Bezirken.) Aber nur 14mal waren echte Lähmungszustände der Tiere zu
vermuten. Bei 4 Hühnern konnten sich die Verff. selbst von dem Vorhandensein
echter Lähmungen überzeugen und somit das Vorkommen gelähmter Tiere in
Poliomyelitisgegenden bestätigen. Die pathologisch-anatomischen Untersuchungen
ergaben aber bei drei der Tiere jeweils ganz verschiedenartige, schwere Ver¬
änderungen teils des zentralen, teils des peripheren Nervensystems. Impfversuche
mit dem Hirn und Rückenmark eines solchen gelähmten Huhnes auf andere Hühner
verliefen vollkommen negativ. Ebenso war es hinsichtlich der Versuche der Über¬
tragung auf natürlichem Wege. Die Verff. brachten vier junge Hühner in einen
mit 10 bis 14 Poliomyelitiskindern belegten Isoliersaal; mit negativem Ergebnis.
Auch auf künstlichem Wege durch Versuche mit einer für Affen virulenten
Poliomyelitiskultur konnten keine Erkrankungen bei Hühnern hervorgerufen werden.
Solange nicht die Empfindlichkeit der Tiere für das Virus der Heine-Medinschen
Krankheit bewiesen sei, dürften aus den klinischen und histologischen Beobach¬
tungen allein niemals der Schluß einer Identität der beiden Erkrankungen ge¬
zogen werden. Es wäre gewiß denkbar, daß, trotzdem die infektiöse Natur der
betreffenden Hühnererkrankungen noch nicht nachgewiesen ist, sie ätiologisch doch
zu der Poliomyelitis nahe verwandtschaftliche Beziehungen haben. „Weitere ätio¬
logische Schlüsse aber,“ so schließen die Verff. ihre Abhandlung, „oder gar pro¬
phylaktische, sanitäre Maßnahmen auf Grund dieser bisher nur rein kasuistisch
interessierenden Beobachtungen zu empfehlen, scheint uns zum mindesten noch
verfrüht und zurzeit jedenfalls jeglicher begründeten Beweise zu entbehren.“
5) Die Kontagiosität dar Heine-Medinschen Krankheit im Liehte epi¬
demiologischer und experimenteller Forschung der letzten Jahre, von
J. Langer. (Mitteil. deB Vereins der Ärzte in Steiermark. LI. 1914. Nr. 2.)
Ref.: G. Stiefler.
Verf. geht zunächst auf die Definition des Begriffes Kontagiosität ein und
erörtert ihn im Gegensatz 'zu miasmatischen Krankheiten, bei denen die Kranken
keine wesentliche Rolle spielen, der Ansteckungsstoff sich in der Umgebung des
Kranken (Erde, Wasser) weiter verbreitet. Bei den kontagiösen Krankheiten ist
der Kranke das Zentrum der Ansteckung, in welchem sich die Bildung des in¬
fektionsfähigen Ansteckungsstoffes vollziehe, der dann als Kontagium nach außen
weitergegeben wird, entweder direkt durch Berührung oder innigen Verkehr mit
einem Kranken oder indirekt durch Personen, Tiere oder Sachen aus der Um¬
gebung eines Kranken. Verf. kommt dann auf die Keimträger, deren Existenz
die Kontagiosität mancher Infektionskrankheit nicht unwesentlich erhöhe, zu
sprechen, sowie auf die Abortivformen, die bei der Entstehung der Keimträger
mitwirken. Verf. gibt dann eine Analyse der steirischen Epidemie aus dem Jahre
1909, die in der Baginsky-Festschrift veröffentlicht ist (ref. in d. Centr. 1914.
Digitized by
■V Google
Original frorn
UNIV ER5ITY 0= V CH GAN
525
»
Nr. 2) und schließt mit einer übersichtlichen Darstellung der experimentellen
Forschungsergebnisse, von der Verimpfung virulenten Rückenmarks (Landsteiner)
angefangen bis zur Erzielung von Reinkulturen des Poliomyelitiserregers (Flexner*
Noguchi). Verf. tritt für den kontagiößen Charakter der Poliomyelitis ein und
erwähnt noch das Vorkommen von Hausinfektionen in Kinderspitälern (Klagen-
furt, Wien, Budapest, München), Die angeführten therapeutischen Maßnahmen
beruhen im wesentlichen auf Isolierung, Mund« und Zahnpflege, gründlicher Hände¬
reinigung, Inhalationen von Mund- und Nasenhöhlen mit 1 bis 2°/ 0 iger H 2 0 2 -
Lösung, innerlicher Darreichung von Salol, Aspirin, insbesondere Urotropin.
6) Keimträger bei Kinderlähmung, von Karl Kling und A. Pettersson.
(Deutsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 7.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. suchte die Frage experimentell zu entscheiden, ob gesunde Zwischen¬
träger auch bei der Poliomyelitis anterior acuta Vorkommen. Es gelang ihm,
unter acht gesunden Personen aus der Umgebung von Poliomyelitiskranken
wenigstens einen Keimträger nachzuweisen, dessen Schleimhautsekret typische
Poliomyelitis beim Affen hervorrief.
7) Über spinale Kinderlähmung im Stadt- und Landkreise Kattowitz, von
Halbey. (Veröffentlichungen a. d. Gebiete der Medizinal-VerwaltuEg 1915.
IV. H. 7.) Ref.: K. Boas.
Die vorliegende Arbeit gibt eine Übersicht über eine in Kattowitz, Stadt-
und Landkreis, beobachtete Poliomyelitisepidemie. Sie ist nicht nur vom rein
statistischen und epidemiologischen Standpunkte aus interessant, sondern bringt
auch sonst mancherlei, was für die Symptomatologie der gesamten Erkrankung
von Bedeutung ist. Einen ausführlichen Raum nehmen schließlich die Bekämpfung
sowie prophylaktische Vorschläge ein.
8) Über eine Anstalteendemie von Heine-Medinsoher Krankheit, von
H. Kern. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 19.) Ref.: W. Alexander.
Auf der von den übrigen Stationen ziemlich isoliert liegenden Abteilung für
luetische Kinder über 1 Jahr kam in dem Friedrichs-Waisenhaus der Stadt Berlin
in Rummelsburg eine Endemie von Poliomyelitis zum Ausbruch. Am 30. Sept.
1913 erkrankten gleichzeitig drei Kinder, das vierte am 2. Oktober, das fünfte
am 22. Oktober. Alle Kinder lagen in einem Raum, ihre Betten standen noch
beieinander. Durch strenge Isolierung kam die Endemie zum Stehen. Die Quelle
der Ansteckung war nicht nachweisbar; wahrscheinlich Einschleppung durch Be¬
such zu einer Zeit, wo im Südosten Berlins eine leichte Epidemie herrschte. Die
Kinder standen alle im 2. und 3. Lebensjahr. Die Symptomatologie war 4mal
die gewöhnliche, bei einem Fall bestand nur Bronchitis und Abduzenslähmung,
die in einigen Wochen zurückging. Die Therapie war die übliche.
9) Die Heine-Medinsche Krankheit ln Steiermark während der letzten
6 Jahre, von K. Fürntratt. (Mitteil, des Vereins der Ärzte in Steiermark.
LI. 1914. Nr. 2; vgl. d. Centn 1913. S. 444) Ref.: G. Stiefler.
Im zweiten Halbjahr 1909 wurden 615 Fälle bekannt, im Jahre 1910 betrug
die Gesamtzahl der Erkrankungen nur mehr 64, in beiden Jahren 1911 und
1912 je 20, im Jahre 1913 65 Fälle. Während im Jahre 1909 die Häufung
der Fälle in den Sommer- und Herbstmonaten sehr ausgesprochen war, war sie in
den folgenden 3 Jahren kaum augedeutet, erst im letzten Jahre wieder mehr
erkennbar. Im Jahre 1909 kam die Erkrankung in allen 26 politischen Bezirken
des Landes vor, während in den folgenden 4 Jahren die überwiegende Anzahl
derselben verschont blieb. Der Bildung größerer Krankheitsherde steht aber
stets das gleichzeitige Auftreten von vielen ganz zerstreuten einzelnen Fällen
gegenüber. Was das Alter betrifft, so fiel im Gegensatz zu früheren Beobachtungen
auf, daß 1911 und 1912 sich in den vorgeschrittenen Altersstufen Verhältnis-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
526
mäßig mehr Krankheitsfälle ereigneten, als dies sonst bei der Poliomyelitis vor¬
zukommen pflegt.
Der Mortalitätsprozent betrug im Jahre 1909 15, im folgenden Jahre 17,
in den Jahren 1911 und 1912 jedesmal 20, im Jahre 1913 hingegen nur 4,6
(mit Ausschluß von Abortivformen).
Geschwistererkrankungen wurden in 52 Fällen beobachtet; in der Hälfte der
Fälle gleichzeitig, in der zweiten Hälfte mit einem Intervall von 1 bis 2 Wochen.
Abortivfälle bei Geschwistern der Erkrankten wurden in nicht zu großer Anzahl
bekannt; in der Regel bleiben sogar die Geschwister trotz manchmal innigsten
Verkehrs ganz gesund. Verf. bringt eine Reihe sehr schöner Beispiele von Über¬
tragung durch direkten oder indirekten Kontakt, läßt aber trotzdem die Frage
der Kontagiosität offen.
10) Die akute Poliomyelitis ln Norwegen, von Chr. Leegaard. (Deutsche
Zeitschrift f. Nervenheilk. LIII. 1915. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel..
Bezüglich der Poliomyelitis in Norwegen kann man nach einigen Jahren der
Ruhe wieder eine größere Verbreitung des Leidens erwarten, deren Umfang man
nicht ahnen kann. Die Jabreskurve des Verf/s stimmt in dieser Hinsicht pessi¬
mistisch. Ob sich die Mikrobe der Krankheit außerhalb des menschlichen Körpers
in der Natur befindet, ist unbekannt, doch ist die Möglichkeit vorhanden. Gerät
die Mikrobe (durch Mund, Rachen, Magen- und Darmkanal) in den menschlichen
Körper, so deutet alles darauf hin, daß sie sich später auf gesetzmäßige Weise
von Person zu Person verpflanzt. Sie tritt in den verschiedensten Klimaten und
unter den verschiedensten Naturverhältnissen auf, aber sie folgt der Pflanzennatur
darin, daß sie ihre reichste Entwicklung in den Sommermonaten hat, wenn sie
auch gelegentlich im Winter gedeihen kann. Sie verträgt Eintrocknung, ist in
Staub gefunden worden und findet sich wahrscheinlich in verschiedenen Nahrungs*
mittein und auf Gegenständen. Die Krankheit wird nicht leicht übertragen; oft
scheint die reichste Gelegenheit zur Ansteckung vorhanden zu sein, ohne daß
letztere erfolgt. Die Übertragung kann erfolgen von Mund zu Mund, von Hand
zu Mund, von Hand zu Hand und von dort weiter mit oder ohne Gegenstand als
Zwischenglied.
Prophylaxe: Isolierung der Kranken mit eigener Pflegerin, am besten Kranken¬
hausaufnahme, Desinfektion, bei größerer Ausbreitung der {Epidemie Schließung
der Schulen, Verbot größerer Zusammenkünfte. Die Bevölkerung muß aufgeklärt
werden, daß der beste Schutz gegen Poliomyelitis eine sorgfältige Reinhaltung,
insbesondere der Hände, Kleider, Wäsche, Speisen und Eßgeräte ist. In Eisen¬
bahnen ist auf ein größeres Reinhalten der Wagen und hinreichende Gelegenheit
zum Waschen, besonders der Hände, zu achten; durch Anschlag soll zur Beob¬
achtung von Reinlichkeit, besonders bei Behandlung mitgebrachter Eßwaren, auf¬
gefordert werden. Das Gleiche gilt für Automobile und Dampfschiffe.
Das Material des Verf.’s umfaßt 3290 Fälle (55,57°/ 0 männlichen, 44,43°/ 0
weiblichen Geschlechts). Reichlich 3°/ 0 sind unter einem Jahre, 10 bis ll°/o
Alter von 1 und 2 Jahren, 4 bis 6°/ 0 in den folgenden Jahresgruppen; im Alter
von 7 Jahren ist wiederum eine kleine Steigerung vorhanden, dann sinkt die
Kurve kontinuierlich. Ende der zwanziger geht die Zahl der Erkrankten auf etwa
1 % herab. 26,2°/ 0 der Kranken wurden geheilt, 56,7°/ 0 invalide, 17,1 °/ 0
starben.
11) Eine Poliomyelitisepidemie im Frühjahr 1912 in Lindaas (Norwegen),
von Dr. Einar Aaser. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 6.) Ref.:
E. Tobias (Berlin).
Das Studium der Epidemie in Lindaas wurde sehr erleichtert durch schlechte
Verkehrsverhältnisse, große Distanzen, nur zeitweiligen Schulbesuch. Verf. schildert
die einzelnen Fälle, die in zwei Herden auftraten, und die unzureichenden hygieni-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
527
sohen Verhältnisse. Alles sprach dafür, daß die Kinder in der Schule infiziert
wurden, ohne daß diese allein die Schuld fiir die Ausbreitung der Epidemie trug,
an der auch Kaufläden usw. teilnahmen.
12) Neuere Forschungen über Poliomyelitis in Amerika, von J. 6. Fitz*
gerald. (Ergebnisse cL Immunitätsforschung, experimentellen Therapie, Bak-
teriologie u. Hygiene. I. 1914.) Ref.: K. Boas.
Auf Grund der zahlreichen experimentellen (Flexner und Schüler nebst
anderen), symptomatologischen und statistischen Arbeiten gibt Verf. eine aus¬
führliche Darstellung des gegenwärtigen Standes der Poliomyelitisforschung in den
Vereinigten Staaten. Wegen der für uns zum größten Teil unbekannten Literatur
ist ein Studium der Arbeit im Original empfehlenswert
• 13) Blutbefunde bei Poliomyelitis. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen
aus der Kinderklinik in Frankfurt a/M. von H. v. Metten heimen F. Götzky
und F. Weihe. (Berlin, Springer, 1914.) Ref.: Zappert (Wien).
Die von Müller bei dieser Krankheit gefundene Leukopenie ließ sich bei
vier untersuchten Fällen nicht nachweiseo. Hingegen fand sich nach Ablauf des
akuten Stadiums eine auffallende Eosinophilie, die allmählich absank. Es handelt
sich vermutlich um eine postinfektiöse Eosinophilie.
14) Beitrag zur pathologischen Histologie der unter dem Bilde der Landry-
sohen Paralyse verlaufenden Fälle von Poliomyelitis acuta anterior,
von Erna Loewy. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. H. 5.)
Ref.: Kurt Mendel.
Zwei Fälle mit dem Symptomenbilde und Verlauf der Landrysehen Paralyse,
im ersten Falle bei einem 20jährigen Manne unter dem Bilde einer Angina ein¬
setzend (hier waren die entzündeten Tonsillen höchstwahrscheinlich die Ein¬
gangspforte der entzündlichen Noxe), im zweiten bei einem 4jähr. Mädchen. In
beiden Fällen ergab die Autopsie einen Erkrankungsprozeß entzündlich-degenera-
tiver Natur mit ausschließlichem Befallensein der grauen Substanz, insbesondere
der Vorderhörner.
Der Fall I zeigt die Erkrankungsprozesse im floriden Stadium und es ergab
die mikroskopische Untersuchung dieses Falles das anatomische Substrat für die
akut in die Erscheinung getretene, auf die Erkrankung des Rückenmarksquer-
Schnittes hindeutenden klinischen Symptome. Der pathologisch-anatomische Be¬
fund war hier der einer stärksten Hyperämie der Gefäße des Rückenmarksquer¬
schnittes, besonders der grauen Substanz, mit dichter perivaskulärer, aus Leuko¬
zyten und besonders Lymphozyten bestehender Infiltration. Daneben fanden sich
degener&tive Prozesse in verschieden hohem Grade der Ausbildung an dem
Parenchym.
Die mikroskopische Untersuchung des zweiten Falles ergab, daß der Er¬
krankungsprozeß in der grauen Substanz schon weitgehende Veränderungen gesetzt
hatte. Hier fand sich ein fast vollständiger Schwund der (großen motorischen
Ganglienzellen sowie Schwund der Markscheiden und Achsenzylinder. Das in den
mikroskopischen Präparaten am reichlichsten zu beobachtende Element waren
typische Körnchenzellen, also Zellen, wie man sie bei degenerativen Prozessen im
Zentralnervensystem konstant beobachten kann; Neuronophagien waren nicht fest-
zustellen. Als Grund hierfür nimmt Verf. an, daß der Prozeß nicht mehr im
Stadium der Akuität untersucht wurde, daß die Neuronophagie bereits vollendet
und die Reste der zerfallenen Nervenzellen bereits vollständig ph&gozytiert waren.
Der Grund, warum im ersten Falle nicht die Bilder der Neuronophagie beobachet
wurden, ist wohl darin zu suchen, daß der Tod eher eingetreten ist, ehe Neurono¬
phagie zustande gekommen war.
Beide Fälle reden einer primären vaskulären Genese der Veränderungen des
Rückenmarks das Wort: daß also die Noxe im Blutweg in das Rückenmark
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
528
hineingelangt und durch die Gefäßwand hindurch diffundiert ist, zunächst also
entzündliche Veränderungen am Blutgefäßbindegewebsapp&r&t des Rückenmarks
gesetzt hat und erst sekundär degenerativ auf das spezifische Parenchym ein¬
gewirkt hat. Besonders die starken Veränderungen am Blutgefäßbindegewebs-
apparat des ersten Falles, welche quantitativ die des Parenchyms übertrafen 9
scheinen diese Ansicht in guter Weise zu stützen.
15) The study of a ease of the adult type of Poliomyelitis and of a oase
of acute asoendlng paralysis of the type of Landry, by H. C. Gor-
dinier. (Journ. of nerv, and ment. dis. XLI. 1914. Nr. 10.) Ref.: W. Misch.
Bei dem beschriebenen Fall von Poliomyelitis eines Erwachsenen war plötz¬
lich eine rasch aufsteigende Lähmung aufgetreten; keine Sensibilitätsstörungen;
afebriler Verlauf bis einen Tag vor dem Tode; Tod nach 8 Tagen durch Atem¬
lähmung., Die Obduktion gab makroskopisch keinen Befund; mikroskopisch fanden
sich Degeneration der Vorderhornzellen und kleine kapillare Hämorrhagien; auf¬
fallend war das Fehlen der für Poliomyelitis so charakteristischen Rundzellen¬
infiltration der Gefäßwände und der Pia. Der beschriebene Fall von Landryscber
Paralyse begann mit hohem Fieber und erst 24 Stunden später mit einer Läh¬
mung der beiden oberen und der einen unteren Extremität; Tod nach 5 Tagen
durch Atemlähmung. Die Obduktion ergab eine Hyperämie der Hirn- und Rücken¬
markshäute, sowie der grauen Rückenmarkssubstanz mit deutlicher interstitieller
und vaskulärer Rundzelleninfiltration. Diesen letzten Fall hält Verf. für so charak¬
teristisch für das von Landry beschriebene Bild der aufsteigenden Paralyse, daß
es unter allen Umständen gegenüber der multiplen Neuritis und der Poliomyelitis
der Erwachsenen abgegrenzt zu werden verdient.
16) Beiträge zur Klinik der sporadischen Fälle Heine-Medin scher Krank¬
heit, von v. Korozinski. (Wiener klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 16.)
Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. berichtet zunächst flüchtig über einen Fall vom Typus der aufsteigen¬
den Landryschen Paralyse, der nach einiger Zeit mit Defekt ausheilte, und teilt
die genauen Krankheitsgeschichten folgender Fälle mit:
Falll. 24jähriges Mädchen, vor 2 Wochen vorübergehende Parese der rechtsseitigen
Gliedmaßen. Dann Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen, Hyperästhesie des ganzen Körpers,
Erbrechen, zunehmende Schwäche, Delirien, Apathie. Stat. praes.: Parese des rechten Ober¬
lides nnd Mundfazialis. Zeitweise Nystagmus rotatorius, Schlaffheit der Nackenmuskulatur
und rechtsseitigen Bauchmuskeln. Beugekontraktur des rechten Oberarms, Parese des rechten
Beines. Rechtsseitige Hyperästhesie, Patellarsehnenreflexe beiderseits fehlend. Fibrilläre
Zuckungen, besonders der rechteu Gesichtshälfte und unteren Extremität. Decessus involontar,
urin. Starke Schweiße, vasomotorische Erregbarkeit der Haut, Milztumor, Puls wechselnd
zwischen 80 bis 120, Ternp. 37,3 bis 38,7. Lumbalpunktat klar, mit spärlichen Lymphozyten.
Koprostase. In der zweiten Woche Besserung des Sensoriums, dagegen Zunahme der Läh¬
mungen, besonders rechts. Sehnenreflexe links gesteigert. Nach einem Monate Besserung
der Blasen-Mastdarmfunktionen, Sprache ward leichter, allmählicher Rückgang der Lähm rings-
erscbeinungen. Fazialislähmung blieb, Volumsabnahrae der rechten Gliedmaßen. Leichte
Entartungsreaktion. Bei der Entlassung, nach etwa2 l / 2 Monaten: Spur rechtsseitiger Fazialis¬
parese, Gang ungestört, geringe Volumsdifferenzen und Unterschiede im Dynamometer zu¬
ungunsten der rechten Gliedmaßen. Sehnenreflexe rechts gesteigert.
Fall II. 14jähr. Knabe, vor 5 Tagen Gliederschmerzen, Fieber. Stat. praes.: Sensorium
klar, enorme Hyperästhesie, Beine angezogen. Nackenstarre, Hirnnerven frei. Remittierend-
intermittierendes Fieber, Koprostase, im Blutbild Vermehrung der Lymphozyten. Puls
wechselnd zwischen 84 bis 128, starke Schweiße. Am 10. Tage vorübergehende Besserung,
hohes Fieber, Druckschmerzhaftigkeit der Wirbelsäule, besonders im Halsteile, Schwellung
des rechten Kniegelenks. In den nächsten Tagen Erbrechen, Nackenstarre, Parese des
rechtsseitigen Faziaiis, Hypoglossus und der Beuger des rechten Armes. Nach einigen
Tagen zunehmende Besserung. Es schwanden die Paresen der Unterarmmuskulatur voll¬
ständig. Faziaiis- und Hypoglossusparese blieb in Spuren bestehen, ohne wesentliche
Funktionsbehinderung.
Fall III. 45jähr. Mann, vor etwa 12 Tagen Fieber, Bewußtseinsstörung, vorüber¬
gehende Hemiparese. Stat. praes.: Sensorium getrübt, Sprache erschwert, klanglos. Hyper-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
529
ästhesie der Haut und Muskulatur. Zungen- und Gaumenmuskulatur schlaff, Milztumor,
Harnverhaltung, Puls 100, Lähmung der rechten oberen und linken unteren Extremität,
Patellarsehnenreflex links fehlend. Am nächsten Tage Besserung des Allgemeinzustandes.
Parese des rechten Fazialis und, im geraden Gegensätze zum Befunde vom Vortage,
Lähmung der linken oberen und der rechten unteren Gliedmaße. Hyperleukozytose. Lumbal-
punktat klar, mit spärlichen Lymphozyten. Dann rasch fortschreitende Besserung, Heilung
nach 8 Wochen. Therapeutisch hatte Verf. u. a. Urotropin und Elektrargol verwendet
Drei Photogramme veranschaulichen den Befund.
17) Einiges über die spinale Kinderlähmung, von Dr. Zipperlen, (Medic.
Korrespondenz-Blatt des Württembergischen ärztl. Landesvereins. 1914. Nr. 5.)
Bef.: Kart Mendel.
Beobachtung von 14 Fällen während einer Poliomyelitisepidemie im Jahre
1913. Gleichzeitige Vieherkrankungen wurden nirgends beobachtet. Verf. glaubt,
daß die Art der Übertragung mit der Jahreszeit (Sommer) und mit dem Wetter
(warme, sonnige Tage) zusammenhängt. Wahrscheinlich wird das Leiden durch
Stechmücken übertragen; Verf. konnte auch in all den befallenen Wohnungen
zahlreiche Stechmücken nachweisen.
18) Die meningltisohe Form der Poliomyelitis, von Arnold Netter. (Monats¬
schrift f. Kinderheilk. XII. 1913. Nr. 9.) Bef.: Zappert (Wien).
Etwas häufiger als in anderen Ländern scheint in Frankreich d^ bereits
mehrfach beschriebene meningitische Form der Poliomyelitis vorzukommen.
Da Zerebrospinalmeningitis und Poliomyelitis oft gleichzeitig epidemisch auf-
treten, ist die Differentialdiagnose nicht leicht. Wichtig ist die Beschaffenheit
der Lumbalpunktionsflüssigkeit. Klinisch beachtenswert ist das frühzeitige
Schwinden des Patellarreflexes und das Auftreten von Gliederschmerzen bei der
meningitischen Poliomyelitis.
19) Beport of a oase of acute Poliomyelitis, by L. F. FrisselL (Journ. of
amer. med. Assoc. LXIV. 1916. Nr. 6.) Bef.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles, bei dem auf eine Bhinitis und eine Pharyngitis eine
isolierte Blasenlähmung folgte. Ausgesprochene Poliomyelitissymptome waren nicht
vorhanden. Dagegen fand sich eine Zellvermehrung im Liquor auf 96. Hiernach
kamen nur Lues, Tuberkulose oder Poliomyelitis als Ursache in Betracht. Da die
erstere durch die Wassermannsche Reaktion, die zweite durch den Verlauf aus¬
geschlossen werden konnte, so ließ sich per exdusionem die Diagnose Poliomyelitis
stellen. Es handelte sich also offenbar um einen abortiven Fall ohne weitere
Lähmungssymptome als die Blasenlähmung.
20) Ein eigentümlicher Fall von Poliomyelitis anterior jaonta mit ab¬
normen motorischen Beizersoheinangen, von Paul Löwenstein. (Inaug.-
Dissert. Würzburg 1914.) Bef.: K. Boas.
Der besprochene Fall von Poliomyelitis anterior acuta zeichnet sich aus durch
die ausgedehnte, nach Art der Landrysohen Paralyse einsetzende symmetrische
Lähmung der Bein-, Rumpf- und Armmuskeln, durch das Freibleiben der Fu߬
beweger, endlich durch die eigenartigen tetanusähnlichen Zuckungen in den pare-
tischen Extremitäten.
21) Badiographi8ohes Stadium der Knochen in den gelähmten Gliedern,
von E. Audenino. (Biv. di Patol. nerv. XIX. 1914. Nr. 9.) Bef.: G. Min-
gazzini (Rom).
Die vom Verf. angestellten Beobachtungen beziehen sich auf Kinder und
Erwachsene, die radiographischen Untersuchungen wurden an den Händen, den
Füßen, den Ellbogen- und Kniegelenken vorgenommen. Je nach der Zeit des
Auftretens der Verletzung konnten verschiedenartige Knochenveränderungen wahr¬
genommen werden; es ist nämlich bei den zerebralen Kinderlähmungen das
Volumen der Knochen reduziert, dieselben sind weniger verkalkt, ohne in ihrem
XXXIV. 34
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
530
Zusammenhänge Veränderungen aufzuweisen; in der Entwicklung weisen sie eine
Verspätung auf.
Bei den Poliomyelitikern treten dieselben Tatsachen, doch in ausgeprägterem
Grade auf. Bei den erwachsenen Hemiplegikern, in verhältnismäßig kurzer Zeit
nach dem Iktus, bemerkt man eine verschiedenartige Lichtung, die besonders die
distalen Segmente der Glieder (akute Atrophie) befällt. Die Hypo- und Akinesis
der Glieder haben einen großen Anteil an der Produktion der Knochenmuskelhypo¬
plasie der Kinder. Bei den Erwachsenen wird die Atrophie außer durch Unter¬
drücken der Motilität durch zirkulatorische Störungen, durch alterierten Nerven-
trophismus und andere noch nicht gänzlich bekannte Faktoren hervorgerufen.
Ferner ist die Lues in Betracht zu ziehen, die bei den Hemiplegikern nichts
weniger als selten ist; infolge derselben können sich kurze Zeit nach dem Iktus
arthritische und periarthritische Entzündungsprozesse bilden, und diesen könnte
auch teilweise die Ursache der so ausgeprägten Knochenatrophien wie sie Verf.
gesehen, zugeschrieben werden.
22) The treatment of paralysis of anterior Poliomyelitis, by H. W. Frauen¬
thal. (Journ. of the amer. med. Assoc. LXI. 1913. Nr. 25.) Ref.: W. Misch.
Zur Behandlung der Poliomyelitislähmungen kommen elektrische, hydrothera¬
peutische und Massagebehandlung sowie Bewegungsübungen in Betracht. Bei der
Elektrotherapie wendet man am besten Sinusoidalströme abwechselnd mit kom¬
binierten galvanischen und faradischen Strömen, und zwar in einer dem Herz¬
rhythmus entsprechenden Frequenz von 72 pro Minute, an; der angewandte Strom
soll gerade so stark sein, daß er eine Kontraktion auslöst; jede einzelne Muskel¬
gruppe soll nicht länger als 2 bis 3 Minuten, und der ganze Körper nicht länger
als 6 bis 12 Minuten pro Sitzung behandelt werden. Auch bei der Massage,
deren Heilwirkung in mechanische, thermische, elektrische und Reflexwirkungen
eingeteilt wird, wird hervorgehoben, daß eine zu lange Behandlung schädlich ist;
die Tagesbehandlung soll nicht die Zeit von 15 bis 20 Minuten überschreiten.
Eine gute Unterstützung für die Behandlung sind warme Bäder, die jeden Abend
20 Minuten lang zu verordnen sind. Wenn alle diese Behandlungsmethoden es
erreicht haben, daß die Muskeln wieder unter die Kontrolle des Willens gelangt
sind, so kommen als wichtigste Behandlungsmethode Bewegungsübungen der pare-
tischen Muskelgruppen an die Reihe. Diese sind vor dem Spiegel, für jede Mnskel-
gruppe einzeln, zunächst mit Unterstützung des Arztes, also halb aktiv und halb
passiv, auszuführen. Verf. hat auf diese Weise bei zahlreichen Fällen eine so gut
wie vollständige Wiederherstellung der Funktion erzielen können, indem, wie er
meint, die motorische Leitung vom Gehirn zur Peripherie sich im Laufe der Zeit
unter Umgehung der geschädigten Regionen neue motorische Bahnen gesucht hat.
Es werden als Beispiele 10 Fälle mit zahlreichen Photographien aufgeführt.
23) Heine-Medinsohe Krankheit, von L. Korczynski. (Przegl. lek. 1913.
Nr. 44 u. 45.) Ref.: Kurt Mendel.
Urotropin und Elektrargol zeigen einen sehr günstigen Einfluß bei einigen
sporadischen Fällen von Poliomyelitis.
24) Zur Lfthmnngstherapie, von G. A. Wollenberg. (Berliner klin. Wochen¬
schrift. 1914. Nr. 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. teilt die Krankengeschichte eines 12jährigen Mädchens mit, das in
früher Kindheit eine Poliomyelitis durchgemacht und ausgedehnte Lähmungen an
beiden Beinen davongetragen hat. Es konnte sich nur an Krücken fortbewegen.
Das linke Bein war vom Hüftgelenk bis zu den Zehen total gelähmt, am rechten
Bein bestand Quadrizepslähmung und paralytischer Pes valgus. Beide Kniegelenke
waren Schlottergelenke und wurden beim Gehakte in hochgradiger Rekurvation
benutzt. Therapeutisch kam nur die dauernde Apparatbehandlung oder die
Arthrodese auch des rechten Kniegelenks in Betracht. Ersteres kam sozial nicht
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
531
in Frage, letzteres hätte beide Beine in unbewegliohe Prothesen verwandelt.
Verf. beschloß nnn, am rechten Kniegelenk eine knöcherne Arretierungsvorriohtung
anzubringen, welche die Beugung nicht störte, die Überstreckung aber absolut
verhinderte, und dazu gewissermaßen das Kniegelenk in ein dem Ellbogengelenke
mit Beinern Olekranon ähnliches Gelenk zu verwandeln. Die Operation wird an
der Hand von Abbildungen genau beschrieben, desgleichen werden die operativen
Eingriffe am rechten Bein angegeben. Das Resultat ist ausgezeichnet. Das rechte
Kniegelenk zeigt bei passiver Streckung einen festen knöchernen Widerstand und
freie Beugung; auch die aktive Streckung kann mit großer Kraft und Schnellig¬
keit vollkommen ausgeführt werden, desgleichen ist der Gang gut und sioher, nur
die schleudernde Bewegung am linken Hüftgelenk ist nooh unschön.
Therapie.
26) Zur Anwendung der Diathermie, von Fritz Kraus, (liedizin. Klinik.
1915. Nr. 20.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Während über eine Reihe neuerer elektrotherapeutischer Heilmethoden, wie
besonders über die d’Arsonvalisation und den Bergoniö die Urteile fortdauernd
schwanken und alle Zwischenstufen zwischen höchster Anerkennung bis zu schroffer
Ablehnung vertreten sind — Ref. ist der Anschauung, daß die Grenzen für die
Anwendung der d’Arsonvalisation enger gesteckt werden müssen, und daß oft
mehr Kritik wünschenswert wäre, daß andererseits der Bergoniö nur als Muskel¬
übungsapparat anzusehen ist, als welcher er Zukunftsmöglichkeiten hat, denen
aber der ungewöhnlich hohe Anschaffungspreis hindernd im Wege steht —, ge¬
winnt die Diathermie ständig an Boden; allerdings läßt auch die Literatur über
die Diathermie nooh allzu oft einen überschießenden therapeutischen Enthusiasmus
erkennen, der der Sache selbst nicht förderlich ist. Vor allem verlangen die
Mitteilungen über innere Organdiathermie noch viele Fragezeichen; die strenge
wissenschaftliche Kritik vermag da oft nicht zu folgen, was entschieden bedauerns¬
wert ist, denn Übertreibungen verdecken allzu leicht den zweifellos vorhandenen
guten Kern, der es wohl verdient, gefördert und vertieft zu werden. Immer das
gleiche Bild: eine Fülle von Indikationen, von denen die Mehrzahl der Kritik
nicht standhält — anstatt, wie es sein sollte: einige sicher erwiesene gute Er¬
folge, von denen mit zunehmender Erfahrung weitere hinzukommen....
Verf berichtet — die einleitenden Worte gelten der Diathermieliteratur im
allgemeinen — über seine mit der Diathermie auf Grund mehrjähriger Beobach¬
tung erzielten Resultate. Er wandte sowohl die lokale wie die allgemeine Dia¬
thermie an. Es soll nur erwähnt werden, was neurologisch von Interesse ist.
Für Lokalbehandlung hält Verf. Sitzungen von mindestens 20 bis 30 Minuten für
erforderlich. Anfangs sieht man häufig Exazerbationen. Von Neuralgien wurde
besonders die Ischias behandelt, bei der eine längere Behandlungsdauer notwendig
ist. Bei Anwendung des Kondensatorbettes sind niedrige Stromstärken (4 bis
6 Ampöre) und kurze Sitzungen (20 Minuten) erforderlich, um einen sedativen
Effekt zu erzielen, der sich bei neurasthenischen und hysterischen Symptomen, bei
Schlaflosigkeit, rascher körperlicher und geistiger Ermüdbarkeit, bei Erschöpfungs¬
zuständen nach geistiger Überanstrengung usw. wirksam erweist. Die Di&thermie-
behandlung von Neuralgien wie Ischias gibt ,,minder sichere Resultate“. Die
weiteren neurologischen Erfahrungen, die Verf. mitteilt, sind allzu vereinzelt, als
daß man aus ihnen Schlüsse zu ziehen berechtigt wäre. Verwunderlich ist, daß
Verf., der sich vollständig Nagelschmidt anschließt, von den Arbeiten und dem
Lehrbuch des um die Diathermie nicht minder verdienten Kowarschik auch in
«einer Literaturzusammenstellung mit keinem Worte Erwähnung tut.
34*
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
532
26) Über Diathermie und ihre Kombination mit Ultraviolettbestrahlung
und anderen Heilmitteln, von Felix Mendel« (Therapie der Gegenwart«
1915. Februar.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Methodik der kombinierten Therapie des Verf.’s besteht in einer An¬
wendung der allgemeinen Diathermie auf dem Kondensatorbett und der gleich¬
zeitigen Ultraviolettbestrahlung des Körpers mit der über dem Kondensatorbett
angebrachten Höhensonne bei langsamem Einschalten und allmählichem Ausschalten.
Verf. rühmt die analgesierende Wirkung dieser Kombination, durch die auch der
Blutdruck herabgesetzt wird. Der beruhigende Einfluß läßt ihre Anwendung bei
allgemeiner Neurasthenie, bei nervösen Depressionszuständen, bei den lanzinierenden
Schmerzen der Tabiker und bei Neuralgien, besonders bei Isohias, geraten erscheinen.
27) Ergebnisse der Elektrotherapie 1913 bis 1914, von Josef Kowarschik.
(Therapeut. Monatsh. 1915. Februar.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. vergleicht den elektrotherapeutischen Enthusiasmus früherer Zeiten mit
dem MöbiusBchen Nihilismus, der wenigstens das Gute hatte, daß er einen Um¬
schwung einleitete, begründet einerseits in einer Vertiefung unserer theoretischen
Kenntnisse, die uns eine Vorstellung von den biologischen und therapeutischen
Wirkungen der Elektrizität vermittelten, andererseits in den Fortschritten der
Technik. Besonders befruchtend hat die Elektronentheorie gewirkt. Verf. be¬
spricht nun der R6ihe nach Gleichstrom, Wechselstrom und Hoohfrequenzströme.
Bei der Besprechung des Gleichstroms werden besonders die neueren Ver¬
suche erörtert, große Stromstärken zur Anwendung zu bringen bzw. die Strom¬
richtung zu verändern. Die therapeutische Wirkung des galvanischen Stroms ist
eine chemische; der elektrische Strom stellt nichts anderes dar als eine Atom¬
verschiebung, was man zur Iontophorese benutzt hat, die Verf. eingehend schildert.
Er erörtert ferner auch die Elektrolyse und ihre verschiedenartigen Anwendungen
an der Hand der neueren Literatur, ferner besonders den Einfluß der Galvanisation
beim Morbus Basedowii.
In bezug auf den Wechselstrom werden, abgesehen von den Untersuchungen
von Strubeil, nur die Veröffentlichungen einer Besprechung unterzogen, die sieb
auf das Verfahren von Bergoniö beziehen. Von Interesse ist dabei, daß Verf.
mit dem Verfahren auch bei spinaler progressiver Muskelatrophie und bei ver¬
schiedenen anderen Lähmungen Erfolge erzielen konnte.
Sein Urteil über die Hochfrequenzströme leitet Verf. mit der Überzeugung
ein, daß „der Hochfrequenztherapie reale Heilwerte innewohnen“. Er bespricht
das Anwendungsgebiet der eigentlichen Hochfrequenztherapie, der d’Arsonvalisation,
sowie der Diathermie.
Alles in allem: ein Übersiohtsreferat, welches nicht zum letzten wegen des
ausführlichen Literaturverzeichnisses Interesse verdient (wenn auch die in ihm
zusammengefaßten Anschauungen — wenigstens zum Teil — nioht als allgemein-
gültige Anschauungen angesehen werden dürfen; s. v. Noorden, Therapeutische
Monatshefte. 1915. Januar. D. Ref.).
28) Über Psyohotherapie, von Adalbert Gregor. (Therapeut. Monatsh. 1914.
Dezember.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beginnt mit den Grundlagen der Psychotherapie. Sie gründet sich auf
die Einsicht weitgehender gegenseitiger Beeinflussung von somatischen und psychi¬
schen Prozessen, auf die praktischen Erfahrungen über die Wirkung willkürlicher
Muskelaktion, insbesondere systematischer körperlicher Arbeit auf psychische Zu¬
stände und auf die Kenntnis, daß psychische Störungen vielfach direkt oder in¬
direkt auf psychische Ursachen zurückgehen. Verf. bespricht besonders eingehend
die Bedeutung des Psychischen für innere Krankheiten, die Verwendung der
Psychotherapie in der Kinderheilkunde, dann die Beeinflussung psychischer Zu-
stände durch Behandlung körperlicher Funktionen, die aktive Psychotherapie usw*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
533
Im weiteren Teil seiner Ausführungen behandelt Verf. die speziellen Methoden,
die Hypnose, die Psychoanalyse und zum Schluß die Persuasion.
29) Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz, von Iwan Blooh. (Mediz.
Klinik. 1915. Nr. 8.) Ref.: £. Tobias (Berlin).
Die ganze Lehre von der Impotenz ist in einer Umwandlung begriffen, seit¬
dem wir wissen, daß nicht nervöse, sondern chemische Einflüsse das Wesen der
Sexualität ausmachen, und daß das Zentralnervensystem erst sekundär durch
chemisch wirksame Stoffe der inneren Sekretion beeinflußt wird. Die Vorstellung
einer rein nervösen Impotenz ist zugunsten einer endokrin bedingten Impotenz
oder sexuellen „Insuffizienz“ in den Hintergrund getreten. Die Wirkung der
inneren Sekretion der Pubertätsdrüsen tritt mit der Sicherheit einer chemischen
Reaktion ein. Für die Therapie ergibt sich danach die Zweckmäßigkeit der
Organotherapie. Yohimbin wirkt wie opotherapeutische Mittel rasch und intensiv,
aber nioht nachhaltig. Verf. ließ in seinem Sinne zwei Mittel hersteilen: Testogan
und Thelygan. Testogan ist ein Extrakt von Stierhoden, Thelygan ein Auszug
von Kuhovarien/ Beide enthalten auch Yohimbin. Sie kommen in Ampullen und
Tabletten in den Handel. Verf. resümiert die bisherigen Erfahrungen dahin, daß
beides wertvolle Mittel für die rationelle und kausale Behandlung der sexuellen
Insuffizienz darstellen, deren Anwendung durchschnittlich eine längere Zeit er¬
fordert, dann aber auch in den meisten Fällen einen nachhaltigen Dauererfolg
verbürgt.
30) Zur Frage der Bromtherapie, von K. John. (Münchener med. Wochen¬
schrift. 1914. Nr. 43.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. gibt folgende Zusammenfassung:
1. Sasedanwürze Dr. Haas (konzentrierter, künstlicher, genuines Albumin und
Fleischalbumosen in beträchtlicher Menge enthaltender Fleischsaft, wovon 5 ccm
genau 1,0 g Bromsalze neben 0,15 Chlornatrium entsprechen) ist geeignet, die
Brommedikation in der Form einer schmackhaften Bromsuppe bei salzarmer Diät
als Dauerdiät mit Leichtigkeit durchführen zu lassen.
2. Die bisherigen Versuche lassen erwarten, daß mit wesentlich kleineren
Bromdosen eine bedeutend stärkere Bromwirkung ohne wesentliches Hervortreten
von Intoxikationserscheinungen erzeugt wird, besonders bei der genuinen Epilepsie.
3. Wegen seiner einfachen Anwendungsweise eignet sich das Mittel auch zur
Behandlung psychisch Kranker, die auf diese Weise eventuell unwissentlich Brom
bekommen können, da diese Bromsuppe sioh kaum von einer gewöhnlichen salz¬
haltigen Suppe im Geschmack unterscheidet.
4. Bisher hat sich namentlich auch die Anwendung des Mittels bei Formen
von Neurasthenie, allgemeiner Überreiztheit, Schreckneurosen, leichteren halluzina¬
torischen Zuständen, nervösem Kopfweh, nervöser Schlaflosigkeit (Nichteinschlafen¬
können) bewährt, während es bei hysterischen Anfällen und schweren psychischen
Erregungen unwirksam bzw. zu schwach wirksam ist.
5. Die von Bürgi empfohlene Arzneikombination von Brom und Opium zur
Erreichung einer potenzierten therapeutischen Oesamtwirkung hat bei den Ver¬
fluchen bisher keinen über die summierte Wirkung hinausgehenden Erfolg ge¬
zeitigt.
81) Sedobrol ln der neurologischen Praxis, von Felix Mayer. (Berliner
klin. Wochensohr. 1915. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. rühmt zunächst in bezug auf das Sedobrol die „Anonymität“, indem
■den Patienten unbekannt ist, daß sie damit Brom nehmen, ferner die Schmack¬
haftigkeit, endlich die suggestive Wirkung, die wohl auf die ungewöhnliche Form
der Darreichung des Mittels zurückzuführen ist. Ein Bouillonwürfel enthält 1,1 g
Bromnatrium. Sedobrol ist gleich wirksam wie die übliche Solutio natr. brom.
oder die Erlenmeyersche Mischung oder das brausende Bromsalz und überlegen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
534 —
den organisch gebundenen Brompräparaten. Verf. gibt nie weniger als l l / t und
nie mehr als 2*/ 2 Tabletten, pro die nicht mehr als 4, meist 3 Tabletten. Sedobrol
wirkt besonders gegen Schlaflosigkeit, geschlechtliche Übererregbarkeit, Herz¬
klopfen, Zwangsvorstellungen, klimakterische Beschwerden, Hysterie usw.
32) Le sedobrol, par Ch. Ladame. (Annales mädico-psychologiques. LXXIL
1914. Nr. 6.) Ref.: E. Boas.
Verf. empfiehlt auf Grund ausgezeichneter Erfolge das Sedobrol bei Epilepsie,
das sich ihm sogar in chronischen Fällen bewährt hat. Das Sedobrol steht seiner
Ansicht nach in der therapeutischen Bewertung auf gleicher Stufe wie die
Toulouse-Richetsche Behandlungsmethode.
33) Adalin im Hochgebirge und in heißen Ländern, von Arnold Masarey.
(Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 28.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. hat die Wirkung des Adalin an sich selbst untersucht gelegentlich
einer Reise nach Heluan, wo er an leichter, aber zunehmender nächtlicher Unruhe
litt und durch das Mittel vollkommenen Schlaf erzielte, und nach Oberägypten,
wo auch Nephritiker und Leichttuberkulöse davon auf das Günstigste in ihrer
durch die Hitze veranlaßten Schlaflosigkeit beeinflußt wurden. In der Oase schien
Adalin in Dosen von 1,5 sogar eine gewisse Unempfindlichkeit gegen die brennen¬
den Insektenstiche zu erzeugen. Verf. empfiehlt darum Adalin für die erste Zeit
der Akklimatisation in der Wüste, er hat nie Angewöhnung gesehen. Adalin ist
vor allem dem Alkoholmißbrauch vorzuziehen, dem sich viele in heißen. Ländern
hingeben, um Schlaf zu erzwingen. Auch im Hochgebirge war Adalin wirksam,
was Verf. in der fast 4000 m hohen spanischen Sierra Nevada erprobte. Er nimmt
an, daß es auch bei drohender Bergkrankheit von Erfolg sein müßte.
34) Vergiftungsversuohe mit Adalin. Ein Beitrag zur relativen Unschädlich¬
keit übermäßiger Dosen, von v. Hirsch-Gereuth. (Therapie der Gegen¬
wart. 1915. Nr. 1.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über folgenden Fall von Vergiftungsversuch mit dem Schlaf¬
mittel Adalin:
Eine Hysterika nahm 17 bis 18 g von dem Mittel ohne bedenkliche Folge¬
erscheinungen. Der Schlaf dauerte 3 Tage. Danach bestand noch Schwächegefühl.
In 5 Tagen waren alle Intoxikationserscheinungen abgeklungen.
35) Über längeren Gebrauch von Adalin, von H. Freund. (Mediz. Klinik.
1915. Nr. 2.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Im Gegensatz zu einer Mitteilung über Adalin Vergiftung von Dierling
(Mediz. Klinik. 1914. Nr. 47) gibt Freund einen Bericht über einen Fall von
Adalingebrauch seit l l / 4 Jahren ohne Unterbrechung, der an die „Unschädlichkeit
des Präparates selbst in großen Dosen“ denken läßt, und ist der Meinung, daß
der Fall Dierling auch eher für Unschädlichkeit spricht. Der Freundsohe
Patient nahm zuerst 1 g, später 1 / 4 bis l / 2 g Adalin täglich mit Zeichen ge¬
steigerter Arbeitsfähigkeit.
36) Über Diogenal, ein neues Sedativum und Hypnotikuxn , von Fritz
Streblow. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 10.) Ref.: Kurt Mendel.
Die kumulierende Wirkung, die dem Veronal anhaftet, fällt beim Diogenal
fort. Letzteres zeigt keinerlei Reizerscheinungen auf den Verdauungstraktus. Als
Sedativum .gibt man 3 mal 0,5 bis 3 mal 1,0 pro die, als Hypnotikum 1,0 g. Keine
Nachwirkungen. Wird gern genommen und kann auch leicht unbemerkt verab¬
reicht werden.
37) Unsere Erfahrungen mit Diogenal, von Ludwig Tuoü. (Münchener med«
Wochenschr. 1915. Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel.
Diogenal bewährte sich als vollwertiger Ersatz des Veronals. Als Sedativum
gab Verf. morgens und abends 0,5 g, bei Schlaflosigkeit 1,0 g. Keine schädigenden
Nebenwirkungen.
Digitized hy Gck >sle
Original fro-m
535
38) Klinische and experimentelle Grundlagen der Sehlaftnitteltherapie, von
A. Gregor. (Therapeut. Monatsb. 1913. August.) Bef.: H. HaeneL
Ein Sammelreferat wie das vorliegende läßt sich schwer nochmals in einem
Referate zusammenfassen, muß vielmehr selbst gelesen werden. Verf. bezeichnet
als leichte Hypnotika Bromural und Adalin, beide bromhaltig und einander in der
Wirkung verwandt. Von den mittleren Hypnoticis steht an erster Stelle das
Veronal oder besser sein Na-Salz Medinal, das zur Behandlung der Schlaflosigkeit
in allen 'Formen genügen kann und nur wenig Neigung zur Angewöhnung oder
Abstumpfung zeigt. Die stärker wirkenden Schlafmittel sind darum nur mehr
oder weniger Ersatz für das Veronal, so Trional, Neuronal, Isopral, Proponal
(leicht toxische Dosis, wenn über 0,3), als energischstes Luminal (keineswegs
harmlos, Zwangsmittel ähnlich wie Hyoszin). Die neueren Mittel Aleudrin und
Aponal sind zu den schwächeren zu zählen, haben keine Vorzüge vor den vorher
genannten. Zu Kombinationen von Schlafmitteln ist man nur berechtigt, wenn
man die Wirkungsweise jedes einzelnen genau kennt und jedeB derselben einzeln
im vorliegenden Falle erprobt hat. Am zweckmäßigsten ist die Vereinigung der
Opiumalkaloide mit Veronal. Die Nebenwirkungen der Schlafmittel wurden haupt¬
sächlich durch Blutdruckmessungen verfolgt; die meisten führen zu einer Herab¬
setzung des Blutdruckes. Schließlich wurde durch das psychologische Experiment
( 1 / s bis Istündiges Addieren am folgenden Morgen) die Nach- und Dauerwirkung
der Hypnotika studiert, mit folgendem Ergebnis: von Adalin kann erst nach 1,0
eine schädigende Wirkung auf die psychische Leistungsfähigkeit erwartet werden;
Bromural ist hierfür auch bei 0,6 indifferent, drückt die Arbeitsleistung erst bei
0,9. 0,5 Trional schädigte bei einem Drittel der Versuchspersonen die Leistung,
1,0 bei allen. Isopral, sowohl 0,5 bis 1,0, ist fast indifferent, Neuronal beginnt
erst bei 1,0 die Leistung zu vermindern. 0,25 Medinal war durchaus unschädlich,
0,6 aber bei der Mehrzahl der Fälle nachteilig. Luminal: 0,2 in 3 von 5 Fällen,
0,4 in allen 5 Fällen schädigend. Diese Reihenfolge der Schlafmittelnachwirkung
verdient Beachtung. Die Wirkung anfänglich schädlicher Dosen tritt aber bei
fortgesetztem Gebrauche zurück und es erfolgt eine Gewöhnung auch an die
Nebenwirkungen. Die Gewöhnung kann zur Folge haben, daß das Einnehmen des
Mittels zur Voraussetzung optimaler Leistungsfähigkeit wird und Aussetzen des¬
selben zu einer Abnahme der Leistungen führt. Der sicherste Weg, um die An¬
gewöhnung zu verhindern, ist im öfteren Wechsel der Mittel gegeben.
Psychiatrie.
39) Über den gegenwärtigen Stand des Schutzes and der Fürsorge für
Geisteskranke, von J. Stärlingen (Jahrb. f. Psycb. u. Neurol XXXVL
S. 49.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. geht von dem derzeitigen Stande der Irrenfürsorge in Niederösterreich
aus und glaubt, daß trotz des Hochstandes der Anstaltseinrichtungen daselbst
nach den heutigen Erfahrungen und Ansichten in nachfolgenden Punkten dem
weiteren Ausbau der Irrenfürsorge praktisch näher zu treten wäre, um allgemein
auf die volle Höhe zu gelangen. Hierbei ist allerdings in Rechnung zu ziehen,
daß diese Aufgaben nicht lediglich in der Macht der niederösterreichischen Landes¬
verwaltungen gelegen sind, sondern nicht zum geringen Teil auch Sache des
Staates sind, da manches in diesen Einrichtungen ohne Reform der derzeitigen
Irrengesetzgebung nicht zu erledigen ist. Eine moderne Irrenfürsorge würde
hauptsächlich folgende vier Punkte umfassen:
I. Die praktische Durchführung der Alkoholfrage durch Errichtung von
Trinkerberatungsstellen, Trinkerheilanstalten, Trinkerversorgungshäusern und Ab¬
stinenzvereinen.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
536
II. Die Errichtung von Anstalten für Schwachsinnige und Epileptiker.
IIL Die Errichtung von Anstalten für Kriminelle.
IV. Die Obsorge für Psychopathen.
Verf. hält bei dem fortwährenden Anwachsen der Heil- und Pflegeanstalten
die Schaffung dieser Spezialanstalten auch aus dem Grunde für unerläßlich, weil
in den großen Anstalten die spezielle Behandlung, die diese Kategorien von Geistes¬
störungen erfordern, nicht mehr möglich AbL Es muß dabei nicht die Forderung
durchgeführt werden, als ob in diese Anstalten nur die eine oder die andere
dieser Kategorie aufgenommen werden darf, sondern es können auch Geisteskranke
anderer Art zur Aufnahme zugelassen werden, wenn nur die spezielle Behandlung
der zuständigen Geisteskranken dadurch nicht behindert wird. So könnte man
einen Teil der Schwachsinnigen ganz gut mit Epileptikern vereinigen und anderer¬
seits manche schwere Epileptiker in Anstalten für Kriminelle unterbringen und
vice versa. Hit Rücksicht auf die beträchtlichen Kosten kann naturgemäß die
Errichtung dieser Anstalten nicht auf einmal erfolgen. Verf. fordert aber, daß
wenigstens in jedem Lande nach einem Generalplan in diesem Sinne mit dem
Ausbau der Fürsorge vorgegangen werde. Ferner weist Verf. auch darauf hin,
daß zur Verbesserung schon heute insbesondere zwei Reformen Platz greifen
können, die die finanzielle Inanspruchnahme der Landesverwaltungen keineswegs
erheblich erhöhen würden, aber eine beträchtliche Verbesserung in den irren¬
fürsorglichen Einrichtungen bedeuten. Hierher werden vom Verf. gerechnet:
I. eine moderne Pflegerausbildang,
II. die Gründung von Irrenfürsorgeorganisationen.
Die moderne Irrenpflege verlangt 1. daß kein ungeprüftes Pflegepersonal mehr
Verwendung findet, 2. daß die Ausbildung allgemein und ausreichend stattfindet,
was erst geschehen kann, wenn die Pflegepersonen eine gewisse Summe von Er¬
fahrungen gesammelt und sich charakteriologisch als geeignet erwiesen haben.
Um diesen beiden Punkten gerecht zu werden, stellt sioh Verf. vor, daß in
jeder großen Anstalt fortlaufend regelmäßige Pflegervorträge stattfinden, um selbst
den Neueintretenden gleich eine gewisse Vorbildung zu ermöglichen, daß aber die
Hauptausbildung erst nach dem zweiten Dienstjahre einsetzt, dann aber mit mög¬
lichster Gründlichkeit durchgeführt wird.
Die zweite zeitgemäße Verbesserung unserer IrrenfÜrsorge bildet die Durch¬
führung einer verläßlichen Fürsorgeorganisation für Geisteskranke und Geistes¬
schwache, die von jeder Anstalt für ihre Aufnahmsbezirke in Form eines Vereins
zu bilden wäre und sich auf eine große Zahl von Vertrauensmännern stützt und
durch private Sammlungen, eventuell Subventionen, seine Auslagen decken müßte.
Die Wirksamkeit dieser Organisation erstrecke sich:
a) auf die Erteilung von Ratschlägen und Hilfeleistungen bei geistigen Er¬
krankungen ;
b) auf die Erleichterung der Rückkehr von Anstaltspfleglingen in das bürger¬
liche Leben;
c) auf die Hebung der öffentlichen Irrenpflege und Bekämpfung der Vor¬
urteile gegen Geisteskranke und Irrenanstalten;
d) auf die Fürsorge für die Familie, welche durch die psychische Erkrankung
eines ihrer Angehörigen in Not geraten ist.
In Mauer Oehling wurde zum 10jährigen Jubiläum der Anstalt im Jahre
1912 eine solche Irrenfürsorgeorganisation für Geisteskranke und Geistesschwache
ins Leben gerufen, und dieselbe hat sich in jeder Hinsicht vorzüglich bewährt
Den Schluß der Arbeit bilden die Statuten der Irrenfürsorgeorganisation für
Geisteskranke und Geistesschwache der Kaiser Franz Josef-Landes-Heil- und Pflege¬
anstalt Mauer Oehling.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
537
III. Aus den Gesellschaften.
Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten.
Sitzung vom 14. Juni 1915.
Eef.: K. Löwenstein (Berlin).
1. Herr Eutzinski: Eigenartige Halbseitenläsion nach Sohnßverletzung.
2. Herr 0. Maas: Über die Ursachen der Arthropathien bei Tabes
dorsalis. Die Ursache der bei manchen Fällen von Tabes auftretenden Gelenk-
veränderungen ist bisher nicht klargestellt. Eine Reihe von Autoren führen die
Gelenkveränderungen direkt auf das Nervenleiden zurück, andere glauben, daß
infolge mangelhafter Koordination und krankhafter Beschaffenheit der die Knochen
umgebenden Gewebe an diese ungewöhnliche Anforderungen gestellt würden, denen
sie nicht gewachsen wären. Auch als echt syphilitische Prozesse sind die Arthro¬
pathien aufgefaßt worden. Es ist bemerkenswert, daß die Arthropathien gelegent¬
lich schon im Frühstadium der Tabes dorsalis auftreten, und daß die Gelenke der
oberen Extremitäten nur selten betroffen werden. Ich beobachtete folgende Fälle:
I. 49jähriger Schlächter, vollentwickelte Tabes dorsalis bzw. Taboparalyse. Seit
2 Jahren Arthropathie des rechten Schultergelenkes. II. 57jährige Waschfrau,
Tabes dorsalis in präataktischen Stadium, seit 2 Jahren Arthropathie des linken
Handgelenkes (Demonstration der Patienten). Bei diesen beiden Patienten ist
durch den Beruf eine starke Inanspruchnahme der oberen Extremitäten ohne
weiteres verständlich, und somit die Annahme mechanischer Schädigung der Ge¬
lenke sehr naheliegend. Arthropathie an den oberen Extremitäten bei Tabes habe
ich vor diesen Fällen nur zweimal gesehen. Das einemal bei einem Zigarren-
macher, das anderemal bei einer Näherin, also ebenfalls Berufen, bei denen die
oberen Extremitäten in hervorragender Weise in Anspruch genommen werden.
Ich glaube somit, daß die besonders starke Inanspruchnahme bestimmter Gelenke
die Lokalisation der tabischen Arthropathie bestimmt, nehme aber an, daß eine
durch die Tabes bewirkte, pathologische Veränderung der Gelenke diese für die
Arthropathie disponiert. Diese Disposition braucht aber nicht von dem Nerven¬
leiden direkt abhängig zu sein. Es erscheint mir sogar wahrscheinlich, daß der
abnorme Zustand der Knochen und Gelenke, der sie zur Arthropathie disponiert,
vom Blut aus hervorgerufen wird. Autoreferat.
Diskussion: Herr Henneberg: Wir wissen, daß durch Ansiedlung von
Spirochäten im Gewebe sehr heterogene Veränderungen bedingt werden können,
d. h. entzündliche und atrophische Prozesse. Es liegt nahe anzunehmen, daß auch
die tabischen Arthropathien durch Spirochäten veranlaßt werden können, wenn
diese sich im Knochen und in den Gelenken ansiedeln. loh weiß nicht, ob Unter¬
suchungen in dieser Richtung angestellt worden sind. Autoreferat.
Herr Maas (Schlußwort): Die Ansicht, daß die Arthropathien bei Tabes auf
syphilitiBohe Prozesse zurüokzuführen seien, ist namentlich von Stargardt ver¬
treten worden. Auch wenn diese Anschauung zu Recht bestehen Bollte, so wäre
nicht erklärt, warum die tabische Arthropathie bestimmte Gelenke, namentlich das
Kniegelenk, besonders häufig befällt, während andere Gelenke, ,z. B. das Hand¬
gelenk, äußerst selten betroffen werden (Büdinger, Nonne, eigene Beobachtungen).
Die von mir gezeigten Fälle machen es sehr wahrscheinlich, daß häufige Inan¬
spruchnahme bestimmter Gelenke, d. h. also mechanische Momente, für die Lokali¬
sation der tabischen Arthropathie von wesentlicher Bedeutung sind. Autoreferat.
3. Herr Krueger: Über die lokalisierten Muskelatrophien bei Tabes.
Vortr. stellt einen 59jährigen Mann vor, der im Alter von 40 Jahren Lues ak¬
quirierte, seit 1903 tabische Erscheinungen zeigt, die sich langsam verstärkten,
und der jetzt an ausgebildeter Tabes leidet Seit 1910 entwickelten sich bei dem
Pat Atrophien mit entsprechenden Paresen, die zuerst die Muskulatur des rechten
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
538
Daumenballens und der radialen Interossealräume betrafen, dann auch die Munkeln
des rechten Vorderarmes ergriffen und jetzt zu völliger Atrophie der Daumen¬
ballenmuskulatur geführt haben. Seit Juni 1914 ist daneben eine starke Atrophie
des linken M. deltoideus, infraspinatus, biceps, brachialiß, brachio-radialis und
supinator mit entsprechenden Paresen festzustellen. Die Sensibilitätsprüfung erwies
grobe Herabsetzung der Empfindlichkeit für alle Qualitäten im Gebiete der Ulnar¬
teile der Hände und Vorderarme und der Innenfläche der Oberarme entsprechend
dem 8. Zervikal- und den ersten beiden Dorsalsegmenten, daneben eine anästhe¬
tische und analgetische Rumpfzone, die links bis zum Nacken hinaufreichte. Die
elektrische Prüfung ergab im Gebiete der linksseitigen Erb sehen Lähmung kom¬
plette Entartungsreaktion, an der rechten oberen Extremität nur völliges Er¬
loschensein der Erregbarkeit der Muskeln des Daumenballens, sonst normale Ver¬
hältnisse. Fibrilläres Zittern wurde in den atrophischen Muskeln nur im An¬
schluß an die elektrische Untersuchung beobachtet; außer typisch lanzinierenden
Schmerzen in den Beinen fehlten jegliche Schmerzen, besonders auch in den von
Atrophien befallenen Extremitäten. Vortr. referiert noch kurz über einen zweiten
Fall, in dem sich bei einem Tabiker im Laufe von etwa 4 Jahren eine fast
völlige Atrophie aller Muskeln der Arme, des Rückens, Nackens und der Brust
herausgebildet hatte. In diesem Falle ergab die elektrische Untersuchung eine
Mischung von quantitativen und qualitativen Störungen. Vortr. deutet kurz an,
daß man in diesen Fällen die peripher-neuritische Genese, wie sie von D&j6rine
vertreten wird, wohl ausschließen könne, daß auch ein Sitz des Krankheitsprozesses
im Zentrainerrensystem unwahrscheinlich sei, und daß besonders mit Rücksicht
auf den ausgesprochen radikulären Charakter der Atrophie wie der Sensibilitäts¬
störung im vorgestellten Falle ein Sitz der Erkrankung im Gebiete der Rücken¬
markswurzeln am wahrscheinlichsten sei. Autoreferat.
Diskussion: Herr Kramer: Die Atrophien sind wohl nichts für Tabes Charak¬
teristisches, sondern eher eine direkte luetische Affektion. Anatomisch dürfte es
Bich um eine Kompression der vorderen Wurzeln durch meningeale Prozesse
handeln. Diese Fälle reagieren gewöhnlich nicht auf antiluetische Behandlung.
Herr T. Cohn ist derselben Ansicht wie Herr Kramer, nur sah er solche
Prozesse durch spezifische Behandlung oft wenigstens zum Stillstand kommen.
Herr S. Kalischer betont, daß in derartigen Fällen oft heftige Schmerzen
in denselben Gebieten bestehen, die duroh eine Erkrankung der entsprechenden
hinteren Wurzeln zustande kommen.
Herr Krueger (Schlußwort) stimmt mit Herrn Kramer bezüglich der Wahr¬
scheinlichkeit einer luetisch-meningitischen Genese der Atrophien in dem vor¬
gestellten Falle durchaus überein, im Gegensatz zu den Ansichten Lapinskys,
Schaffers u. a., die eine primäre Erkrankung der Vorderhornzellen in den frag¬
lichen Fällen annehmen. Vortr. habe absichtlich mit Rücksicht auf die zur Ver¬
fügung stehende Zeit weitergehende Erörterungen dieser Frage unterlassen.
Autoreferat.
4. Herr H. Oppenheim und Herr M. Borchardt: Der Mensch ohne Gands
equina. Der Musketier K. erhielt am 22. VIII. 1914 bei Chatolet einen Gewehr¬
schuß; Einschuß in rechter Brustseite etwa in Höhe der 12. Rippe; Ausschuß
in Höhe des linken Darmbeinkammes. Beide Beine waren sofort gelähmt und
gefühllos. Nur in den beiden ersten Tagen mußte er katheterisiert werden, dann
vermochte er den Urin stets spontan zu entleeren, wenn auch unter Pressen. Er
entleerte ihn 3 bis 4mal am Tage, meist kam der Strahl schnell, er merkte
auch, ob der Urin abging oder nicht. Er verspürte den Drang in normaler Weise,
ebenso ging es mit dem Stuhl. Status 5. II. 1915: Wirbelsäule ohne Deformität
Starke Druckempfindlicbkeit des 4. Lendenwirbels, dessen Processus transversus
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Ö39
röntgenologisch verletzt ist. Kein Decubitus. Ausgebreitete zirkumanale und
perineale Anästhesie. Analreflex fehlt. Atrophische Lähmung der Glutäalmuskeln,
sowie der gesamten Muskulatur der unteren Extremitäten. Nur der linke Sartorius
und die Adduktoren können noch ein wenig angespannt werden. Sehnenphänomene
erloschen. Elektrische Erregbarkeit an den Beinen fast überall erloschen, nur
der Sartorius reagiert noch auf starken faradischen Strom. Auoh im linken
Peroneusgebiet noch Andeutung von Entartungsreaktion. Anästhesie an Unter¬
schenkeln, Füßen sowie im Gebiet der 3. und 4. Sakralis. Diagnose: Schu߬
verletzung der Cauda equina in der Höhe des 4. Lendenwirbels, schwere Ver¬
letzung, eventuell Zerreißung einzelner Wurzeln. Operation am 16. IV. 1915
(Prof. Borchardt). Im Bereich des 4. Lendenwirbels Kallusmassen. Dura lädiert,
Abfluß von 1 Schnapsglas voll Liquor. Dann findet sich eine leere Höhle. Bei
genauerem Zusehen in der linken vorderen Durawand eingebacken ein einziger
dünner Nervenfaden; sonst nichts. Weithin nach oben und unteo keine Wurzeln
zu sehen. Es wird versucht, den Faden herauszupräparieren. Am Tage nach
der Operation mußte Pat katheterisiert werden. Dann aber vollzieht sich die
Urinentleerung wieder spontan unter Pressen. Motilität und Sensibilität wie vor
der Operation. An den Fersengegenden entwickelt sich ein leichter Decubitus.
Von dem normalen Verhalten der Stuhlentleerung habe ich mich überzeugt. Er
verspürt den Drang, entleert in normaler Weise, auch ohne Verzögerung, beschmutzt
sich nicht, weiß, wann er fertig ist. Ähnlich mit der Urinentleerung, nur daß er
dabei stärker drücken muß. Er hat noch nie kohabitiert Es kommt aber selten zu
Erektionen und nokturnalen Pollutionen. (Es folgt die Demonstration des Kranken.)
Die Bedeutung, die dieser Beobachtung zukommt, ist nicht zu verkennen. Es
handelt sich um eine Caudaverletzung in ihrem oberen Abschnitt, die wir wohl
einer Vernichtung der Cauda gleichsetzen dürfen. Der sonst von ihr eingenommene
Raum des Canalis sacralis ist in eine leere Höhle verwandelt, nach oben und
unten nichts von Wurzeln zu finden, nur im Gewebe der vorderen Durawand ein
Faden eingewoben, der einer Wurzel zugehören dürfte. Es ist aber wohl nicht
angängig, diesem noch eine Leitungsfähigkeit zuzuschreiben. Das Geschoß hat also
die^gesamte Cauda zerrissen und verlagert, so daß die Stümpfe sich weit zurück¬
gezogen haben. Dieser Vernichtung entspricht dann auch die Aufhebung aller
motorischen und sensiblen Funktionen der Lumboeakral wurzeln, etwa von der 3.
oder 4. Lumbalis an. Im vollen Gegensatz dazu sind die Funktionen der Blase
und des Mastdarms, anscheinend auch die der Genitalsphäre fast unversehrt. Nur
die ersten beiden Tage muß Pat. katheterisiert. werden, dann regulieren sich diese
Funktionen in nahezu normaler Weise. Sicher gilt das für die Stuhlentleerung,
während das Urinieren etwas erschwert ist. Der Fall soheint also durchaus geeignet,
die Lehre von L. R. Müller zu unterstützen, er zeigt, daß nach Ausschaltung der
Cauda equina unter uns noch unbekannten Umständen die sympathischen Zentren
die Funktion der Blasen- und Darmentleerung in einer nahezu der Norm ent¬
sprechenden Weise übernehmen können. Auf die Literatur der Frage wollen wir
hier nicht eingehen. Sie ist ziemlich vollständig in der 6. Auflage meines Lehr¬
buchs der Nervenkrankheiten angeführt. Autoreferat
Diskussion: Herr Bonhoeffer fragt, ob er recht verstanden habe, daß der
Pat trotz fehlender Cauda den Vorgang der Stuhl- und Urinentleerung (Stuhl¬
durchtritt, Sphinkterschluß) fühle und ob die Möglichkeit ganz auszusohließen sei,
daß es sich nicht um einen Verlust, sondern nur um eine Dislokation der Cauda-
fasern im Narbengewebe handelte. Autoreferat
Herr Oppenheim: Ich halte es für möglich, daß unter den vorliegenden
Verhältnissen das Gefühl des Urin- und Stuhldrangs sowie die Empfindung der Darm¬
und Blasenkontraktion durch den Sympathicus vermittelt wird. Von einer ein¬
fachen Verdrängung der Cauda kann keine Rede seil*. Autoreferat
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
540
5. Herr H. Oppenheim und Herr M. Borchardt: Zur Medianuslähmung,
ln unserer letzten Sitzung erwähnte ich gelegentlich der Diskussion zum Vortrag
des Herrn Kramer, daß ich mehrere Fälle beobachtet hätte, in denen bei Schu߬
verletzung des Medianus am Unterarm im wesentlichen nur Sensibilitäts-
störungen Vorlagen, während die Daumenballenmuskeln trotz Atrophie und partieller
Entartungsreaktion mit nahezu völliger Kraft funktionierten. Ich verwies auf die
Bernhardtsche Deutung dieser Erscheinung und erblickte den Wert unserer Beob¬
achtungen darin, daß hier durch die operative Freilegung der Beweis der Zer¬
reißung des Nerven und der starken Diastase geliefert war. Ferner teilte ich
mit, daß es mir gelungen sei, vom N. ulnaris eine Opposition des Daumens zu
erhalten. Ich hatte die Absicht, Ihnen das heute zu demonstrieren, fürchte aber,
daß das nicht mehr in überzeugender Weise möglich ist. Krankenpfleger C., 20 Jahre.
Im September 1914 im Felde Qlasscheibenverletzung an der Beugeseite des rechten
Unterarms mit Blutvergiftung. Sofort Taubheitsgefühl an den drei ersten Fingern
und leichte Beweglichkeitsbeschränkung. Befund: An der Grenze von mittlerem
und unterem Drittel des Unterarms eine T-förmige Narbe. Sehr deutlich aus¬
gesprochen ist die Abgrenzung des Medianusgebiets durch stärkere Bötung der
Haut. Berührungen werden am ganzen Daumenballen gefühlt, im übrigen Medianus¬
gebiet nicht, auch nicht an der Dorsalfläche der beiden Endphalangen des 2. und
3. Fingers, ebenso verhält sich das Schmerzgefühl. Die Motilität des Daumens er¬
halten, besonders gilt das auch für die Opposition. Indes wurde nicht festgestellt,
ob alle Muskeln dabei in Aktion treten. Elektrisch: faradische und galvanische
Erregbarkeit des N. medianus über dem Handgelenk erloschen. Die direkte fara¬
dische Erregbarkeit der opponierenden Muskeln des Daumenballens erhalten, aber
galvanisch träge Zuckung, auch im Abduktor brevis. Diagnose: Stiohverletzung
des N. medianus; keine Zerreißung. 20. IV. Operation (Prof. Borchardt): In¬
zision über dem Handgelenk, der Narbe entsprechend, etwas 12 cm nach aufwärts
zu Narben eingebettete Sehne des M. palmariß longus gefunden und freipräpa¬
riert, mit ihr an der Unterseite verwachsen der periphere Stumpf des Medianus,
der merkwürdigerweise vollkommen durchtrennt ist. Nach einigem Suchen wird
das zentrale Ende oben gefunden, das etwa 4 bis 5 cm von dem peripheren entfernt
liegt und zwar in ein dickes Neurom umgewandelt ist. Ein Zweifel an der völligen
Durohtrennung des Nerven ist unmöglich. Ausschneiden des Neuroms, Anfrischung
des peripheren Nervenstumpfs, bis überall die Querschnittszeichnung deutlich ist
Exakte Nervennaht unter starker Spannung bei starker Volarflexion der Hand.
22. V. Motilität und Sensibilität wie vor der Operation. Bei der elektrischen
Beizung des N. ulnaris über dem Handgelenk sieht man eine Opposition zustande
kommen; aber sie ist unvollkommen. Weit deutlicher und kräftiger ist sie bei
direkter faradischer Beizung, wenn es auch nicht sicher ist, ob es sich um den
Opponens handelt In einem anderen von uns beobachteten Fall dieser Art betrug
die Diastase mindestens 8cm. Der Versuch, durch die elektrische Beizung des
N. ulnaris eine Opposition des Daumens bei zwei Patienten herbeizuführen, gelang
nioht in überzeugender Weise. Autoreferat
Diskussion: Herr T. Cohn: Im zweiten Falle fehlte die Drehung des Daumens,
die übrige Wirkung kann aber durch die vom Ulnaris versorgten kleinen Hand¬
muskeln hervorgebracht werden. Die elektrische Beizung überzeugte Herrn C.
nicht, dagegen stellte die willkürliche Bewegung in dem ersten Falle tatsächlich
eine Opposition dar. Das ist natürlich bei einer Medianuslähmung sehr auffallend.
Herr Kramer: Der tiefe Kopf des Flexor pollicis brevis wird immer vom
Ulnaris versorgt So habe K. es auch in Lewandowskys Handbuch dargestellt.
K. schließt sioh im übrigen völlig Herrn T. Cohns Auffassung an.
Herr Oppenheim: Ich habe das ja auch selbst voraus betont, daß das keine
vollkommene Opposition ist. Aber ich habe mich an diesen und anderen Fällen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
541
überzengt, daß es nicht selten gelingt, daroh elektrische Beizung des N. ulnaris
eine Wirkung auf Daumenballenmuskeln zu erreichen, die in der Regel vom
Medianus innerviert werden (wobei natürlich von Stromschleifen abzusehen ist).
Daß der tiefe Kopf des Flexor brevis vom N. ulnaris innerviert wird, scheint
mir noch nicht allgemein anerkannt. Es ist weder in meinem Lehrbuch noch in
der Monographie von ^Bernhardt erwähnt. Herr Kramer hat allerdings —
wovon er mich noch m der Sitzung überzeugt hat — die Tatsache angeführt,
aber er schreibt (S. 536) gerade die opponierende Wirkung dem vom N. medianus
innervierten oberflächlichen Kopf zu, während er ausdrücklich erwähnt, daß der
Adduktor und der tiefe Kopf des Flexor den Daumen aus der Oppositionsstellung
zurückführen. Hier liegen also noch Unklarheiten und Widersprüche vor, und
ich bin sicher, daß die Herren sich bei eigenen Studien davon über¬
zeugen werden, daß der Ulnaris in individuell wechselndem Grade
an der Opposition des Daumens teilnimmt.
Herr Oppenheim stellt dann noch einen dritten Fall von Medianusläh¬
mung vor. Reservist G., 26 Jahre. Am 30. XII. 1914 Verwundung durch
Infanteriegeschoß an der rechten Schulter in der Axillargegend, danach Schwäche
und Gefühllosigkeit der rechten Hand. Ostern Verbrennung am Ofen in der
Gegend des Kleinfingerballens. Einschuß in der vorderen Axillarlinie, Ausschu߬
narbe 6 cm unterhalb der Mitte der rechten Spina Bcapulae. Unbedeutende
Schmerzen. Atrophie der kleinen Handmuskeln. Streckung im Handgelenk
schwach, Streckung der Finger fehlt in allen Gelenken. Beugung der Hand und
Finger aufgehoben. Pronation erhalten. Anästhesie im Ulnarisgebiet und darüber
hinausgreifend für Berührungen und Nadelstiche. Am Kleinfingerballen eine Ver¬
brennungsnarbe. Elektrisch: im N. ulnaris völlige Entartungsreaktion. Im Medianus
ebenso, nur reagiert der M. pronator teres. Radialis: Erregbarkeit im Triceps,
Sup. long. und Extensores carpi erhalten, sonst Entartungsreaktion. Diagnose:
Schwere Schußverletzung des Plexus brachialis mit besonders schwerer Schädigung
des N. ulnaris, der zerrissen sein kann. 7. V. Operation (Prof. Borohardt).
N. medianus in Narbengewebe eingebettet, sieht sonst gut aus. Ulnaris mit
Vene verwachsen, 8 / 4 seiner Fasern zerrissen, x / 4 erhalten. Exzision, dann Naht.
Der gut aussehende Medianus wird längs inzidiert, da zeigt sich keine normale
Zeichnung, sondern lange fibröse Narbe. Deshalb auch hier Quersektion, bis nor¬
male Zeiohnung sichtbar wird. Exakteste Nervennaht. 21. V. M. pronator teres
reagiert bei direkter Reizung normal. Nicht vom N. medianus aus, auoh nicht vom
N. rad. aus. Vom Erb sehen Punkte aus überwiegt die Bizepswirkung, man fühlt
aber in der Gegend des Pronator teres eine deutliche Anspannung. Wir haben
hier die, soviel mir bekannt, bislang nicht beobachtete Tatsache, daß der M. pro¬
nator teres nicht vom Medianus innerviert wird. Vielleicht ist es der
N. musculo-outaneus, der ihn hier innerviert. Autoreferat.
6. Herr Henneberg: Erweichung des Sakralmarkes nach Schuß in
die Brustwirbelsäule. Der Fall betrifft einen 33jährigen Webrmann, der am
4. Oktober 1914 in Frankreich verwundet wurde und am 5. April 1915, also nach
6 Monaten, hier im Elisabeth-KrankenhauB (Dr. Hennig) starb. Das Infanterie¬
geschoß hatte den rechten Arm oberhalb des Ellenbogens durchschlagen, war in
der mittleren Axillarlinie zwisohen 6. und 7. Rippe eingedrungen und hatte deh
Thocax durchquert. An der entsprechenden Stelle in gleicher Höhe fand sich
links die Ausschußöffnung. Die Erscheinungen von seiten der Lunge waren ziemlich
gering. Nach Lage des Schußkanals ist die Wirbelsäule getroffen oder gestreift.
Eine Röntgenaufnahme ergab allerdings keine Knochenverletzung. Es ist also
möglich, daß eine Zwischenwirbelscheibe getroffen wurde. Etwas näheres vermag
ich über diesen Punkt nicht zu sagen, da bei der Sektion nichts an der Wirbel¬
säule gefunden wurde, allerdings wurde sie nicht herausgenommen und mazeriert.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
542
Ich habe nun an Skeletten und an Lebenden zu ermitteln gesucht, weloher Wirbel¬
körper nach Lage der Schußrichtung getroffen sein muß. Ich kam bald auf den
8., bald auf den 9. Wirbelkörper bzw. auf die dazwischenliegende oder auf die an¬
liegenden Bandscheiben. Die Differenz ist natürlich abhängig von dem Grade
der Rippenneigung. Pat. hatte nach der Verletzung sofort eine totale schlaffe
Paraplegie, Blasen- und Mastdarmlähmung, Areflexie und Anästhesie bis zur Nabel¬
höhe. Der Befund wies somit auf eine Läsion des 10. Dorsalsegmentes hin, das
hinter dem 8. Wirbelkörper liegt. Während der klinischen Beobachtung rückte
die Sensibilität8grenze allmählich nach unten trotz Verschlechterung des Allgemein¬
befindens durch Decubitus, Cystitis und Sepsis. In den letzten Monaten waren
die Ausfallssymptome konstant. Die Sensibilitätsstörung betraf das 1. bis 5. Sakral¬
segment und das 5. Lumbalsegment. Auch die Motilität hatte sich etwas gebessert.
Pat vermochte minimale Bewegungen im Quadriceps und in den Adduktoren aus-
zuführen. Auch der Patellarreflex war andeutungsweise vorhanden. An den
Unterschenkeln bestahd sehr starkes Ödem. Der Bauchdeckenreflex fehlte. Bei
der Herausnahme des Rückenmarks fand sich keine Veränderung an der Wirbel¬
säule. Die Dura war völlig intakt, auch erschien bei oberflächlicher Betrachtung
das Rückenmark normal. Erst beim Auseinanderlegen der Cauda equina zeigte
sioh eine Verkleinerung und Erweichung des Conus terminalis und deB Epiconus.
An einer kleinen Stelle an der ventralen Fläche des Rückenmarks war in der
Höhe des unteren Sakralmarks die Dura leicht adhärent. Im Zervik&lmark findet
sich eine hochgradige Degeneration des Gollschen Stranges, vorwiegend im dor¬
salen Abschnitt desselben. Im unteren Dorsalmark zeigt sich, abgesehen von der
Degeneration im Hinterstrang, ein diffuser Faserausfall in den Vorderseitensträngen,
nirgends herdförmige Veränderungen. Die Clarkeschen Säulen sind in ihren me¬
dialen und dorsalen Abschnitten stark gelichtet. Im oberen und mittleren Lum¬
balmark finden sich noch keine herdförmigen Veränderungen. Das Degenerations¬
bild in den Hintersträngen bietet keine Besonderheiten. Das dorsomediale Bündel
ist sehr schwach entwickelt. Das Markfasernetz der Vorderhörner ist stark ge¬
lichtet, die Ganglienzellen sind aber zum großen Teil gut erhalten. Ein erheblicher
Faserausfall findet sich in den Vorderseitensträngen. Sehr schwere Veränderungen
finden sich im untersten Lumbal- und im ganzen Sakralmark. Der Markmantel
2eigt in Palpräparaten eine sehr weitgehende Abblassung. Immerhin ist das Gewebe
der weißen Substanz weit besser erhalten als das der grauen. Die graue Substanz
zeigt das Bild der Erweichung. Es finden sich zahllose Körnchenzellen, eingelagert
in dem erhaltenen Gefäßnetz. Die Gefäße zeigen stark verdickte kernarme Wan¬
dungen. Auch die Hinterhörner sind in dieser Weise verändert. Ganglienzellen
lassen sich in der grauen Substanz nicht aiiffinden. Es liegt somit das Bild einer
schweren, abgelaufenen Poliomyelitis vor. Nirgends finden sich Blutungen oder
Residuen von solchen, wie Pigmentkörnchenzellen. Es findet sich auch nirgends
eine leukozytäre oder lymphozytäre Infiltration. Dagegen sieht man stellenweise
eine sehr starke reaktive Gliazellwucherung. Die Dura zeigt an der Stelle, wo
sie mit dem Rückenmark verklebt war, in ihren inneren Lamellen eine sehr starke
Einlagerung von jungen Bindegewebszellen. Auch in der Umgebung der Nerven¬
wurzeln findet sich das Bild einer fibrösen Perineuritis. In den unteren Teilen
des Conus sind die Veränderungen die gleichen, es finden sich fast keine Nerven¬
fasern, keine Ganglienzellen, dagegen sehr zahlreiche, noch mit Weigert färbbare
Körnchenzellen. Der Fall ist zunächst dadurch von Interesse, daß er zeigt, daß
die Läsion des Rückenmarks nicht der Stelle zu entsprechen braucht, die von
dem Geschoß getroffen bzw. am meisten erschüttert worden ist. Eis kommen bei
der Geschoßerschütterung der Wirbelsäule und des Rückenmarks offenbar mecha¬
nische Verhältnisse in Frage, die wir keineswegs zu übersehen vermögen, die
vielleicht beeinflußt werden durch die Haltung, die der Getroffene in dem Moment
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
543
einnahm, als das Geschoß ihn erreichte. Ich habe in der Januarsitzung bereits
darauf hingewiesen, daß es in anderen Fällen, abgesehen von der Hauptläsions-
stelle, zu disseminierten Nekrosen im Rückenmark kommt, die weit von der Haupt¬
läsionsstelle entfernt sein können. Man wird somit wahrscheinlich Fälle beobachten
können, die klinisch dem Bilde der disseminierten Myelitis nahe stehen. Der
Fall ist weiter dadurch bemerkenswert, daß die graue Substanz im Sakralmark
die schwersten Veränderungen aufweist, während der Markmantel, wenigstens im
oberen Sakralmark, besser erhalten erscheint. Man wird daher damit rechnen
müssen, daß gelegentlich durch Geschoßerschütterung der Wirbelsäule das Bild
einer Poliomyelitis bedingt wird« Auch dieser Fall zeigt, daß bei der Kontusions¬
nekrose des Rückenmarks Blutungen keine Rolle zu spielen brauchen. Eis ist dies
eine immerhin recht auffallende Erscheinung, da wir im Gehirngewebe traumatischen
Nekrosen größeren Umfanges ohne Hämorrhagien nicht begegnen. Wahrscheinlich
ist dieser Umstand in Zusammenhang zu bringen mit der Gefäß verqprgung des
Rückenmarks. Etwas näheres über diese Dinge wissen wir nicht. Wir wissen
auoh zur Zeit nooh nicht, wie die Kontusionsnekrose des Rückenmarks zustande
kommt. Es ist leicht verständlich, daß durch eine hochgradige Erschütterung die
hochdifferenzierten Gewebselemente, die Ganglienzellen und die Nervenfasern, ab¬
getötet werden. Eis ist aber nicht verständlich, wie es kommt, daß stellenweise,
wie z. B. in dem von mir in der Januarsitzung demonstrierten Falle, das gesamte
Gewebe, das heißt auch die Glia und die kleinen Gefäße, der Nekrose anheim¬
fallen. Zur Erklärung dieses Umstandes muß man noch einen besonderen Faktor
annehmen. Ich habe bereits ausgeführt, daß es sich höchstwahrscheinlich um eine
Störung der das Blut vorwärts bewegenden Kapillarfunktion handelt, die zur
Stase führt. Unter dieser Annahme wird es leicht verständlich, daß wir bei der
Kontusionsnekrose des Rückenmarks ganz die gleichen Bilder finden wie bei der
akuten degenerativen Myelitis. Wir brauchen uns nur vorzustellen, daß das Bakterien¬
gift, das bei der Myelitis wirksam ist, die gleiche Störung der Kapillarfunktion
bedingt wie der Erschütterungsreiz. Der Endeffekt der Störung der Blutzirkulation
muß in beiden Fällen der gleiche, die Nekrose, sein. Autoreferat.
Diskussion: Herr Schuster: Die Diskrepanz zwischen der Höhe des Elin¬
oder Ausschusses und der Höhe der Rückenmarksschädigung läßt sich in einer
Reihe von Fällen dadurch erklären, daß durch den Ein- oder Ausschuß eine Rippe
durohschlagen worden ist. Denn da die Rippen schief verlaufen, so kann durch
Übertragung der Erschütterung von der Rippe auf die Wirbelsäule die Quer¬
schnittsläsion des Rückenmarks in einem anderen Niveau stattfinden, als der Elin¬
schuß oder der Ausschuß erfolgte. Daß in der Tat die Erschütterung, welche
eine durchschossene Rippe erleidet, auf die Wirbelsäule bzw. das Rückenmark
übertragen werden und hier zu Läsionen führen kann, habe ich an mehreren Fällen
gesehen. Ich besitze die Röntgenbilder zweier Fälle von schweren Rückenmarks-
läsionen, bei welchen die Wirbelsäule völlig normal ist, während eine bzw. zwei
Rippen in etwa 5 bis 10 cm Entfernung von der Wirbelsäule durchschossen sind.
Ich möchte Herrn Henneberg fragen, ob in seinem Falle Rippen durchschossen
worden sind. Autoreferat.
Herr Cassirer demonstriert Präparate folgenden Falles. Verletzung am
22. I. 1915. Gleichzeitig zwei Schüsse, einer den Hinterkopf streifend, der keine
weiteren Symptome hervorgebracht hat, ein zweiter Einschuß rechts neben der
Wirbelsäule in der Höbe der 7. Rippe. Das Geschoß liegt links von der
Wirbelsäule in derselben Höhe und wird später exzidiert. Kein Bewußtseins-
verlust; sofort völlige Lähmung der Beine. Untersuchung am 28. I. in der Kgl.
Klinik. Völlige schlaffe Lähmung beider Beine, der Bauchdecken, der Brust¬
muskeln. Atmung nur durch Bauchfell und Hilfsmuskeln. Alle Reflexe (Sehnen¬
reflexe, Hautreflexe an den Beinen, Bauchreflexe) fehlen dauernd; völlige Blasen-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
544
Mastdarmlähmung. Aufhebung aller Qualitäten der Sensibilität rechts bis zur
Mamillarlinie, links bis zum unteren Band der 7. Rippe. Pupillen y Lidspalten
gleich. Diagnose: Querschnittslähmung durch Schädigung des Rückenmarks bis
zur Höhe von I>3* also weit über das Niveau der Einschußstelle hinaus, die etwa
D 9 entsprechen würde. Keine Besserung; da mit der Möglichkeit einer kom¬
plizierenden Haemorrhagia meningealis gerechnet wird, trotz negativen Röntgen¬
bildes, das nur eine Fraktur in der 3. Rippe ergibt, am 15. II. Operation.
Knochen in der Höhe des Schußkanals erweicht, gelblich verfärbt Dura in dieser
Höhe rauh. Nach rechts mit dem Knochen verwachsen, unmittelbar darauf kleiner
Knochensplitter, der entfernt wird. Verwachsungen gelöst. Das Mark erscheint
unter der lebhaft pulsierenden Dura stark eingesunken. Duralsack nicht eröffnet
Operationswunde heilt. Status nervosus dauernd unverändert. Exitus 11. III.
Bei der Sektion Dura außer an der Operationsstelle, wo sie mit festen Auflage¬
rungen bedqckt ist, normal; keine Blutungen; Pia normal. Rückenmark im höchsten
Maße erweicht. Trotz wochenlanger Härtung in Formol völlige Erweichung durch
das ganze Lumbosakralmark bis in den Conus hinein, der blasig aufgetrieben ist,
und nach oben bis zum 3. Dorsalsegment. Im ganzen unteren Dorsal- und oberen
Lendenmark ist nur die meningeale Hülle stehengeblieben, so daß es nicht gelingt,
irgendwelche Schnitte anzufertigen, von da aus nach unten und oben allmähliche
Erholung; es findet sich in der meningealen Hülle, die von den relativ gut er¬
haltenen Wurzeln begleitet ist, ein Rest von nervösem Gewebe, in dem allmählich
die einzelnen Bestandteile differenzierbar werden. Noch in D 2 zentrale nekrotische
Herde, darüber hinaus aufsteigende Degeneration, nirgends stärkere Blutungen.
Der Fall erweist die enorme KontusionsWirkung, die auch auf das Rückenmark
auf weite Strecken hin durch Geschosse ausgeübt werden kann. Diagnostisch
wichtig ist die Darlegung der Inkongruenz zwischen Schußkanal und Höhe der
V erletzung. Autoreferat
Herr Oppenheim erinnert daran, daß das Trauma nach bekannten Erfahrungen
auch in der Ätiologie der akuten disseminierten Myeloencephalitis und multiplen
Sklerose eine Rolle spielt. In einem mit Henneberg und Liepmann gemein¬
schaftlich beobachteten Falle sei die Frage ja auch diskutiert worden. Er Belbst
habe (Zeitschr. f.ärztl. Fortb. 1915. H. 4) Fälle vorgestellt, in denen er die Diagnose:
disseminierte Entzündungsherde nach Schußverletzung, stellen mußte. Autoreferat
Herr Liepmann hält die traumatische Entstehung in dem von Herrn Oppen¬
heim erwähnten Fall für nicht sicher erwiesen.
Herr Henneberg: Da die Rippen nioht getroffen waren, ist eine Fortleitung
der Erschütterung durch die Rippen auf die Wirbelsäule und auf das Rücken¬
mark unwahrscheinlich. Ich nehme nicht an, daß durch die Erschütterung eine
disseminierte Myelitis oder eine Sclerosis multiplex entstehen kann. Wohl aber
glaube ich, daß eine multiple Nekrose das klinische Bild der genannten Affektionen
bedingen kann. Autoreferat
Herr Oppenheim: Die Grenze zwischen Nekrose, Malazie und Myelitis wurde
von Henneberg selbst als eine fließende betrachtet. Autoreferat
Zar gefälligen Beachtung.
Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth-
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an
Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders
um Einsendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden
wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen.
Verlag von Vm & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgkb & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prof. R MendeL
Herausgegeben
▼Ott
Dr. Kurt Mendel.
Vierumldreißigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nnmmern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 1. August. Nr. 15.
Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Über Spätabszesse nach S<;hußverletzungen des
Gehirns, von Prof. Dr. Otto Marburg und Prof. Dr. Egon Ranzi. 2. Über einige Beobach¬
tungen bei Schußverletzungen im Umkreis der Wirbelsäule und des Rückenmarks, von Dr.
Artur Stern. 8 . Über Schußverletzungen der peripheren Nerven, von Prof. A. Bittorf.
II. Referate. Allgemeines. 1. Zur Statistik der Nervenkrankheiten, von Fuchs.
2. Zur Schätzung der verflossenen Zeit und über ihre Rolle bei Aufnahme von Krankheits¬
geschichten, von Kollarlts. 3. Tuberkulose und Nervensystem, von Hezel. — Sprache
4. Das Valsalva-Morgagnisehe Gesetz. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Aphasie, von.
Ebstein. 5. Über einen im Anfänge des 18. Jahrhunderts von Dr. Peter Rommel klassisch
beschriebenen Fall von transkortikaler motorischer Aphasie, von Gans. 6. t Ober Aphasie
bei Japanern, von Asayama. 7. Über Wort Vorstellungen, von Heveroch. 8. Über den gegen¬
wärtigen Stand unserer Kenntnis der Aphasielehre, von Mingazzini. 9. Weitere Unter¬
suchungen über die motorischen Sprachbahnen, von Mingazzini. 10. Ein Beitrag zur Lehre
von der Bedeutung der Insel für aie Sprache und der linken Hemisphäre für das links¬
seitige Tasten, von Goldstern. 11. Zur Frage der Rolle der linken Insula, von Benedeie und
Zsakö. 12. Über einen Fall von sogen. Leitungsaphasie mit anatomischem Befund, von
Liepmann und Pappenheim. 13. Über die Leitungsaphasie, von Stertz. 14. Un cas d’aphasie
motrice par lesion du centre de Broca avec autopsie. Un cas d’agraphie. Un cas d’aphasie
d’intonation. par van Gebuchten et van Gorp. 15. Über das motorische Sprechen samt einem
Falle von motorischer Aphasie ohne Läsion der Rinde, von Travaglino. 16. A case of sub-
cortical or pure raotor aphasia (Dejerine) or anarthria (Marie), by Dercum. 17. Ein Fall
von transkortikaler motorischer Aphasie mit Lähmung und Lesestörung, von Finzi. 18. Über
traumatische motorische Aphasie, von Romeick 19. Die klinische Stellung der amnestischen
und transkortikalen motorischen Aphasie und die Bedeutung dieser Formen für die Lokal¬
diagnose, besonders von Hirntumoren, von Stertz. 20. Zur Lokalisation der Wortfindung
bzw. der amnestischen Aphasie, von Pick. 21. Un cas d’aphasie complfcte avec h^mipl^gie
droite par absc&s d’origine otique du lobe temporal gauche, par van Gehuchten et Goris.
22. Ein Fall von partieller Seelenblindheit, optischer Aphasie und Alexie. von Herzog.
23. Über die Assoziationsprtifung bei Kindern nebst einem Beitrag zur Frage der Wort¬
blindbeit, von Vos*. 24. Perseveration und andere Mechanismen als Ursache agrammatischer
Erscheinungen nebst Bemerkungen über die Beziehungen des „Verschreibens“ zum „Ver¬
sprechen“, von Pick. 25. Sur certains troubles psychiques observes dans l’aphasie, par
Davidenkof. 26. Mirror writing and other associated movements occuring without palsy,
by Burr and Crow. 27. Kasuistik, a) Ein Fall von linksseitiger Hemiplegie mit leichten
Schreibstörungen der rechten Hand bei einem Linkshänder; b) Muskelwogen in einem
hypertrophischen Triceps surae und Abductor hallucis bei einem neurotisch Deprimierten;
c) Meningomyelitis mit Spondylosis luetica cervicalis bei einem Patienten mit leichter
Distematomyelie. unter dem Bilde einer progressiven spinalen Muskelatropbie; d) Ein Fall
von infantiler Pseudobulbärparalyse, von Gans. 28. Die Komponenten des musikalischen
Leistungsvermögens, von Alt. 29. Bemerkungen zu v Monakows Kapitel „Die Lokalisation
der Apraxie“, in seinem Buch: Die Lokalisation im Großhirn, von Liepmann. 30. Un cas
d’agenesie partielle du corps calleux, par Roubinowitsch et Barde. 31. Zwei Fälle von Ver¬
blödung im späteren Säuglingsalter mit vorübergehenden Halbseitenerscheinungen (Apraxie
einer Hand), von Tergast. 32. Expression simultanee d’ömotions differentes sur les deux
xxxiv. 35
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
546
moitils da visage (diplomimique), par Regnault. 33. Observations on the preferential ase
of the right and the left hanus by moDkeys, by Franz. 34. Die Asymbolien, von Moehi.
35. Über das Wesen des Stotterns, von Frischeis. 36. Stottern und Nystagmus, von Fröschels.
37. Ein Beitrag zur Kasuistik des Stotterns, von Tit us. — Tetanus. 38. Zur Magnesium¬
behandlung des Tetanus, von Strohmeyer. 39. Zur Serumprophylaxe bei Tetanus traumaticus,
von Dubs. 40. Über die Behandlung des Tetanus mit subkutanen Injektionen von Magnesium
sulfuricum, von Reingruber. 41. Tetanusinfektion einer Fremdkörperstichverletzung der Orbita
mit Zurückbleiben des Fremdkörpers ohne Ausbruch des Tetanus, von NUremann. 42. Glyzerin¬
phosphorsaures Magnesium (Merck) als Ersatz für Magnesiumsulfat bei der Behandlung des
Tetanus, von Zueizer. 43. Über die „Fibrillentheorie“ und andere Fragen der Toxin- und Anti¬
toxinwanderung beim Tetanus, von Aschoff und Robertson. 44. Serumexanthem mit Grün¬
sehen nach Einspritzung von Tetanusantitoxin, von Catlomon. — Psychologie. 45. Leit¬
faden der physiologischen Psychologie in 16 Vorlesungen, von Ziehen. 46. Fortschritte der
Psychologie und ihrer Anwendungen. Bd. II. H. 4. 47. Der psychologische Ursprung der
Stotterns, von Aronsohn. 48. Der Traum ein assoziativer Kurzschluß, von Henning. 49. Zur
Psychologie konträrer Strebungen, von Horstmann. 50. Unsere heutige Kenntnis der sogen.
Doppelempfindungen, von Hilbert. 51. Die Frau als Klientin, von Horch. — Kriegsbeob¬
achtungen. 52. Über die traumatischen Lähmungen des N. radialis und ihre Behandlung,
von Volp. — Psychiatrie. 53 Leitfaden zum Unterricht für das Pflegepersonal an öffent¬
lichen Irrenanstalten, von Schlöss. 54. Über weibliche Pflege auf der Männerabteilung* der
Kgl. Sachs. Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß bei Colditz, von Hösel. 55. Die neuen Aufnahms-
gebäude der Anstalt Leipzig-Dösen, von Müller. 56. Elementi di assistenza e tecnica manico-
miale ad uso degli infermieri, per Bianchini. 57. Frühe Entlassungen, von Bleuler. 58. Überdas
numerische Verhältnis der Ärzte und Pflegepersonen in den öffentlichen und privaten Heil- und
Pflegeanstalten für Geisteskranke zur Anzahl der Kranken, von Schlöss. 59. Die soziale
Stellung der Anstaltsärzte, von van Deventer. 60. Über die Notwendigkeit psychiatrischer
Fortbildungskurse für Kreisärzte, von Kluge. 61. Über Prosekturen in den Irrenanstalten,
von Weygandt. 62. Die zahnärztliche Behandlung in Irrenanstalten, von KOhns. 63. Jugend-
^ e in Heilanstalten, von Flister. 64. Über familiäre Irrenpflege, von Stamm. 65. Die
.ndlung der Erregungszustände in der Anstalt, von Weber. 66. Über die Maßregeln
gegen Bazillenträger in den Anstalten für Geisteskranke, von Schultz. t>7. Heredität und
physische Entartung bei Geisteskranken und geistig Gesunden, von Scholomowltsch. 68. Er¬
gebnisse der Abderhalden-Methode für die Psychiatrie, von Nieszytka. 69. Zur Frage der
Geschlechtsspezifität der Abderhalden sehen Abwehrfermente und über die Beeinflussung
der Abbauvorgänge durch Narkotika, von Wegener. 70. Die Anwendung des Abderbalden-
schen Dialysierverfahrens auf psychiatrischem und neurologischem Gebiet, von Dimitz und
Fries« 71. Von den Halluzinationen, von Schröder. 72. Die Beziehungen zwischen körper¬
lichen Erkrankungen und Geistesstörungen, von Enge. — Therapie. 73. Über Nervagenin,
ein neues Baldrianpräparat, von Friedländer. 74. Mekonal ein Schlafmittel, von Schmidt.
75. Foligan „Henning“, „ein neues pflanzliches Sedativum, von Rose. 76. Erfahrungen mit
Adalin, von Golm. 77. Über die Fortschritte der Elektrotherapie, von Tobias. 78. Farado-
palpation; Arsofaradisation, von Kahane.
III. Aus den Gesellschaften. Kriegsärztlicher Demonstrationsabend in der Nervenheil¬
anstalt von San.-Rat Dr. K. Edel in Charlottenburg.
IV. Berichtigung.
I. Originalmitteilungen.
[Aus der I. Chirurg. Universitätsklinik des Prof. Dr. A. Freiherrn von Eiselsberg.]
1. Über Spätabszesse nach Schußverletzungen des Gehirns.
Von Prof. Dr. Otto Marburg und Prof. Dr. Egon Ranzi.
Von den der Klinik in dem ersten Halbjahr des Krieges in recht großer
Anzahl eiugelieferten Schädelschüssen wurden 62 an der Klinik selbst operiert,
während eine nicht unbeträchtliche Zahl bereits an anderen Orten operiert, der
Klinik zur Nachbehandlung überwiesen wurde. Unter den 62 operierten Fällen
(mit 23 Todesfällen) konnte 42 mal bei der Operation Abszeß naebgewiesen
werden. Von diesen starben 22 im Anschluß au die Operation meist in den
ersten Wochen nach derselben. Immerhin hatten wir doch eine beträchtliche
Digitized by
Gougle
Original from
UNIVERSiTY OF MICHJGAN
547
Anzahl Kranker, die sich im Anschluß an die Operation wohl befanden, bei
denen die klinischen Erscheinungen schwanden und die nach Monaten als ge¬
heilt zu bezeichnen waren.
Bei einer Reihe dieser Fälle nun entwickelte sich anscheinend aus völligem
Wohlsein ein Krankheitsprozeß, der trotz aller angewandter Mittel in wenigen
Tagen zum Tode führte. Am besten werden einige Beispiele das Ganze illu¬
strieren :
G. P., 22'Jahre alter Infanterist, war am 23. XI. 1914 verwandet worden
(rechte Stirngegend). Am 30. XI. Operation — Stirnhirnabszeß, der bakterio-
logisoh ein Bakteriengemenge enthält. Vor Weihnachten bereits vollständig ge¬
heilt. Am 13. V. 1915 erkrankte er auB völligem Wohlsein mit Kopfschmerzen und
einer leiohten Temperatursteigerung, in den nächsten Tagen Erbrechen, die Tem¬
peratur nimmt zu. Es zeigt sich eine leichte Angina. Am 22. V. Erscheinungen
meningealer Reizung.
Am 26. V. vollständig entfiebert, klar, verlangt nach Essen. Dies alles nach
Nasenbluten. Am 26. V. leichte Benommenheit, Nackensteifigkeit, Kernig, keine
Hirnnervenlähmung. Eine Spinalpunktion ergibt intrazellulär gelegene Diplo¬
kokken. Am 27. V. Pneumonie, die meningealen Symptome deutlicher ausgeprägt.
Am 29. V. Exitus. Eine durch die Narbe vorgenommene Punktion war ergebnislos
geblieben.
Die Obduktion ergab nun eine Diplokokkenmeningitis und in der Tiefe der
Narbe des Stirnhirns einen kleinkirschgroßen, mit dicken Wandungen versehenen
Abszeß, der makroskopisch wohl keine Beziehungen zu den Ventrikeln hat. Die¬
selben müssen aber wohl bestehen, weil ein Pyozephalus vorhanden ist.
Ein zweiter Fall (D. S.) wird am 13. XI. 1914 der Klinik bereits operiert
eingeliefert. Der Prolaps bessert sich und heilt schließlich aus. Er hat allerdings
seltene Jackson-Epilepsieanfälle auch nach der Abheilung des Prolapses. Am
8. V. 1915 wurde er von dem Filialspital der Klinik wieder überwiesen, weil er
seit einigen Tagen fiebert. Es zeigt sich ein ausgesprochen meningeales Bild; die
Spinalpunktion ergibt trüben Liquor. Am 9. V. freier, am 10. V. ist die Nacken-
starre geschwunden, Kernig nur angedeutet. An der Prolapsstelle deutliches Pulsieren
des Gehirns. Da wiederum am 12 V. ein epileptische* Anfall und sohwere menin-
geale Erscheinungen auftreten, so wird eine Punktion und Inzision des Prolapses
vorgenommen, wobei dicker, rahmiger Eiter entleert wird. Exitus am Abend.
Es findet sioh bei der Sektion ein kleinnußgroßer, alter Abszeß in der Tiefe
des Prolapses, beiderseitiger Pyozephalus, eine alte Erweichung in der Nähe des
Prolapses und eine ältere, fibrinös-eitrige Leptomeningitis über dem Hirnstamm.
Ein am 19. XII. 1914 eingelieferter Patient (K. T.), gleichfalls im Felde
operiert, mit mächtigem Prolaps, ist Mitte Januar soweit hergestellt, daß er lokal
als geheilt bezeichnet werden kann. Eine rechtsseitige Hemiplegie bildet sich
vorläufig vollkommen zurück, die Aphasie desgleichen. Er hat nur einmal einen
epileptischen Anfall. Da bei dem Patienten ein eingebrochener Knochen gegen
die Haut heraussteht, so wird er am 14. V. 1915 operiert, um diesen Knochen
abzumeißeln. Deckung des Defektes durch freie Transplantation aus der Tibia.
Schon am 15. V. meningeale Symptome, die am 26. V. nach Eröffnung der Nähte
der Wunde und Entfernung des Knoohens nahezu verschwunden sind. Am 6. VI.
plötzlich wieder zunehmende meningeale Erscheinungen. Am 8. VI. plötzlich Exitus.
Auch hier war, wie die Obduktion zeigte, in der Tiefe des Prolapses ein kleiner
Abszeß, beiderseitig Pyozephalus und Meningitis.
Noch länger bis zum Manifestwerden dieses Abszesses dauerte es bei einem
russischen Kriegsgefangenen (M. G.), der bereits am 29. IX. 1914 operiert mit
85*
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
548
Segmentalschuß der Klinik überwiesen wurde (komplette Aphasie, rechtsseitige
Hemiplegie; und bei dem am l.X. 1914 eine ausgedehnte Trepanation wegen
starker Eiterung an der debridierten Schußöffnung nötig war. Schon Mitte
Oktober beginnt der Kranke zu sprechen, er lernt lesen, fängt an herumzugehen
und befindet sich bis zum 4. VI. 1915 vollständig normal.
Am 9. VL beginnt er leicht zu fiebern, klagt über Kopfschmerzen, erbricht
am 12. VI., die Temperatur steigt, er wird am 13. VI. ans dem Filialspital wieder
an die Klinik transferiert, hat hier ein typisches meningeales Bild. Spinalpunktion
ergibt dicken, rahmigen Eiter, Punktion und Inzision durch die Narbe desgleichen.
Exitus an demselben Tage.
Die Obduktion zeigt auch hier einen Abszeß in der Tiefe mit Durchbruch
in den Ventrikel, Pyozephalus und frische Meningitis. In diesem Falle erscheint
besonders auffallend, daß der Patient ante exitum relativ guten Puls bot und die
Atmung durch 10 Stunden lang aussetzte und künstlich erhalten wurde, wobei
der Puls in seiner Qualität sich eigentlich wenig änderte.
Von Interesse erscheint auch ein am 10. XI. 1914 eingelieferter Patient (H. T.),
der bereits Mitte September einen Schädelschuß erlitten hatte und Ende September
oder Anfang Oktober in Krakau operiert wurde. Er mußte am 13. XI. 1914
neuerlich operiert werden, weil sich die Erscheinungen eines Abszesses zeigten.
Letzterer wurde tatsächlich entsprechend dem Elinschuß gefunden. Der Einschuß
lag am Scheitelbein, der Ausschuß okzipital; an dieser zweiten Stelle fand sich
jedoch nichts. Der Kranke erholte sich allmählich, war aber von Zeit zu Zeit
etwas somnolent, klagte über Kopfschmerzen, hatte gelegentlich Erbrechen und
eine von Anfang an bestandene Stauuungspapille zeigte gleichfalls wechselnde
Schwellungserscheinungen. Gegen Ende Januar 1915 werden die Lähmungs¬
erscheinungen stärker, am 3. II. ein schwerer Jackson-Anfall, der sich wiederholt
und im Anfall zum Exitus führt. Es zeigt sich bei der Sektion, daß zwischen
dem ersten und zweiten Defekt, die ungefähr 12 cm auseinander lagen, im Be¬
reich des Schußkan&ls ein alter Abszeß bestand.
Ein interessanter Fall wurde von einem von uns in einem anderen Spital
beobachtet. Hier war das Intervall zwischen der ersten Operation mit nach¬
folgender absoluter Heilung und Auftreten meningealer Symptome ungefähr
5 Monate. Die meningealei\ Symptome verbanden sich hier jedoch mit einer Ver¬
stärkung der vordem bestandenen Lähmungserscheinungen.
Wir fassen diese Fälle unter dem Begriff des Spätabszesses zusammen.
Klinisch charakterisieren sie sich dadurch, daß die durch das Trauma bedingten
Erscheinungen sich ganz oder teilweise zurückbilden und nach einem bald
längeren, bald kürzeren freien Intervall plötzlich zerebrale Erscheinungen auftreten.
Anatomisch finden wir in solchen Fällen abgekapselte Abszesse, welche lange Zeit
latent bleiben und ohne jeden ersichtlichen Grund sich plötzlich manifestieren.
Die Zeit, in welcher sich die Spätabszesse klinisch bemerkbar machen, ist
gewöhnlich mehrere Monate (4 bis 5) nach der ersten Operation bzw. Verletzung.
In einem unserer Fälle war das Intervall mehr als 8 Monate. Das gilt für die
reinen Fälle von Spätabszeß, denn der eine Fall, bei dem sich der Abszeß in
der Mitte des Schußkanals entwickelt hat (T.), kann nicht recht hierher gezählt
werden, da er eigentlich kontinuierliche Erscheinungen bot. Hier war das Inter¬
vall wesentlich geringer.
Die Symptomatologie des Spätabszesses ist ganz eindeutig. Unter Temperatur¬
anstieg machen sich plötzlich Allgemeinsymptome bemerkbar (Kopfschmerz, Er-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
549
brechen), an die sich schon in den ersten 24 Standen meningeale Reizerechei¬
nungen anschließen. Es sind immer die Erscheinungen der beginnenden
Meningitis: Nackensteifigkeit, Kernig, allgemeine Prostration bei wechselndem
SenBorium und meist akzeptiertem, dem Fieber entsprechendem Puls. Lähmungen
irgendwelcher HimuerFeu, durch die Meningitis bedingt, werden vermißt. Von
besonderer Bedeutung erscheint der rasche Exitus, der übrigens aus dem ana¬
tomischen Befund zur Genüge erklärt ist, wie gleich gezeigt werden soll. Eiu
zweites Moment, das allerdings nicht immer deutlich hervortritt, ist das Stärker-
werden der bestandenen Lokalsymptome, also einer Hemiplegie, einer Aphasie
oder ähnlichem. Es erscheint von Bedeutung, daß Jackson-Anfälle nur in zwei
Fällen bestanden, in dem einen von Beginn seiner Aufnahme, in dem anderen
ein einziges Mal auftraten, so daß sie als Zeichen eines progressiven Hirn¬
prozesses keineswegs gedeutet werden konnte. Auffällig ist auch das Remissieren
im Prozeß, das sich schwer erklären läßt.
Wenu also bei einem Sohädelschuß mit Hirnverletzung, sei er
noch so erfolgreich operiert, einige Zeit nach dem Eingriff unter
Temperatursteigerung meningeale Symptome einsetzen und die
Lokalsymptome eine leichte Verstärkung erfahren, so haben wir das
Recht, einen Spätabszeß anzunehmen.
Woher stammen nun diese Symptome? Offenbar von der Propagation des
Eitere in die Meningen. Der Weg ist sehr einfach. Der oft nur kleine Abszeß
steht durch eine häufig kaum merkbare Lücke mit den Ventrikeln in Verbindung.
Es tritt ein Pyozephalus auf; der Eiter ergießt sich dann durch das Foramen
Magendi zunächst in die Meningen des Hirnstammes und von da auf die Hemi¬
sphären. Am meisten findet sich der Eiter in der hinteren Arachnoidealzysterne,
und so erklärt sich wohl auch durch die enge Mitbeteiligung des 4. Ventrikels
der rasche Exitus. Es zeigt sich also dann durch diesen Befund, daß, wenn
der Spätabszeß Erscheinungen hervorruft, es bereits für den therapeutischen
Eingriff häufig zu spät ist. Die Spinalpunktion ergab in diesen Fällen die
Meningitis, die bei der Obduktion meist als ganz rezente befunden wurde. Der
gleioh vorgenommene Eingriff gestattete wohl eine Eröffnung des Abszesses nach
außen, war aber meist nicht mehr imstande, dem Pyozephalus und der Meningitis
wirksam entgegenzutreten.
Daß man durch einen frühzeitigen Eingriff in solohen Fällen auch Heilung
herbeiführen kann, zeigt folgende Beobachtung:
Ein am 11. X. 1914 verwundeter Fähnrich J. H. (Tangentialschuß) wurde
2 Tage spater in der Dirisions-S&nitätaanstalt debridiert und kam wohlauf am
2&.X mit in Heilung begriffener Wunde nach Wien. Dann änderte Bich sein
Zustand. Er wurde moros, zeigte Hirndruckerscheinungen, eine rechtsseitige Parese
und eine motorische Aphasie. Am nächsten Tage Zunahme der Erscheinungen. Eine
noch an demselben Tage vorgenommene Inzision ergab in der Mitte des Knochen-
defektes im Gehirn einen ziemlich ausgedehnten Abszeß (Staphylokokken), der sehr
tief hineinreichte. Nach dem Eingriff Besserung, eiu Monat später die klinischen
Symptome so wesentlich gebessert, daß nur kleine Reste mehr vorhanden Bind.
Ein weiterer, hierher gehöriger Fall betraf einen Zivilpatienten der Klinik:
J. H., 10 Jahre alt, erlitt anfangs September einen Hufschlag gegen die rechte
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
550
Stirnseite. Die daselbst befindliche Wände wurde vom Arzt vernäht, ging später
wieder auf und heilte per granulationem. Einige Wochen nach der Verletzung
vollkommen wohl. Später traten Kopfschmerzen und Erbrechen auf, welche Sym-
ptome immer mehr Zunahmen und endlich die Eltern veranlaßten, das Kind auf
die Klinik von Pirquet zu bringen, von wo es behufs Operation auf die I. Chirurg.
Klinik transferiert wurde. Die folgenden Symptome machten die Annahme eines
rechten Stirnhirnabszesses wahrscheinlich: Klopfempfindlichkeit des rechten Stirn-
beins, leiohte Fazialisparese, Lähmung des rechten Olfactorius, Romberg stark
positiv. Patient fällt nach rückwärts und rechts, keine Ataxie der oberen Extre¬
mitäten, keine Temperatursteigerung. Am Röntgenbild Fraktur des rechten Stirn¬
beines mit Defektbildung. 17. X. 1914 Inzision eines großen Abszesses (Strepto¬
kokken), der weit nach hinten reicht und vermutlich mit einem Pyozephalus zu¬
sammenhängt. Im Wundverlauf bildete sich ein Prolaps aus, der auf Schwamm¬
kompression zurüokging. Nach 8 Wochen geheilt.
Es zeigen diese Beobachtungen, daß man bei Abszessen, die sekundär nach
Verletzung oder Operation entstehen, durch einen relativ frühen Eingriff die
Propagation verbäten kann. Jedenfalls ergibt sich das eine, daß jeder Sohädel-
verletzte durch viele Monate in Beobachtung bleiben muß, und daß bei den
ersten Zeichen zerebraler Reizung und leichter Temperatursteigerung sofort die
Punktion der Narbe vorzunehmen ist Ergibt diese Eiter, dann kann nur eine
breite Inzision und Dauerdrainage von Vorteil sein.
[Aus dem Kriegslazarett IV in Br. (Chefarzt: Oberstabsarzt Prof. Dr. Lbnzmamm).]
2. Ober einige Beobachtungen bei Schußverletzungen im
Umkreis der Wirbelsäule und des Rückenmarks.
Von Dr. Artur Stern.
Obwohl in dem reichhaltigen kriegsneurologischen Material, das mir seit
meiner Tätigkeit in Br. zur Verfügung steht, aus äußeren Gründen die Ver¬
letzungen des Rückenmarks bzw. der Wirbelsäule eine geringe Rolle gespielt
haben im Verhältnis zu denen des Schädels, der peripheren Nerven, habe ich
u. a. doch einige Beobachtungen machen können, die mir der Mitteilung wert
erscheinen. Zunächst die Krankengeschichte einer typisch Browu-Sequardschen
Lähmung mit interessantem Röntgenbefund 1 :
Der 24jährige Ers.-Res. Sch. wurde am 26. X. 1914 in Belgien verwundet,
am 5 XI. in das hiesige Lazarett aufgenommen. Der Befund ergab 1. eine große
Einschußwunde der linken Hüftgegend, im Röntgenbild ein freies Infanteriegeschoß
im Becken, 2. eine schwere Verletzung der linken Schulter mit freiliegendem
Humeruskopf in der Wunde. Diese letztere Wunde, die nach der Wirbelsäule
zu unter der Rückenhaut in horizontaler Richtung eine Tasche bildete, ist auch
jetzt noch Gegenstand chirurgischer Behandlung. Eis bestand im Anfang hohes
Fieber, Decubitus des Kreuzbeins, Lähmung des linken Beines. Stuhl- und Drin¬
verhältnisse normal.
1 Das Krankenmaterial entstammt zum Teil selbstbeobachteten Fällen, zum Teil ver¬
danke ich es der ohirargisohen Abteilung des Lazaretts.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
551
Bei der neurologischen Untersuchung am 5.1. 1915 konnte ich folgenden
Befund erheben:
Es besteht eine schwere Parese im ganzen linken Bein von spastischem
Charakter mit gesteigertem Patellarreflex, Fußklonus, Babinski Oppenheim +,
Ros8olimo +• Geringe Parese auch in den distalen Partien der rechten unteren
Extremität mit Fußklonus, unbestimmtem Zehenreflex. Bauchreflexe fehlen beider¬
seits (bei etwas aufgetriebenem Abdomen). Funktion der Bauchpresse beider-
Fig. 1.
seits gleich gut. Die oberen Extremitäten, auch die linke (soweit Verwundung,
Verband des linken Armes eine Prüfung gestatteten), waren frei von Störungen
der Motilität und Sensibilität. Eine spätere eingehendere Untersuchung des linken
Armes ergab hier 1. geringe Störungen, 2. leichte (und inkonstante) Hypästhesie
an der Ulnarseite des Unterarmes, eine leichte Atrophie der kleinen Handmuskeln
(ohne wesentliche Funktionsstörungen) und geringfügige elektrische Störungen (im
Daumenballen überwiegt bei leioht träger Zuckung An > Ka). Ferner: die linke
Pupille und Lidspalte sind eine Spur enger als rechts. Der Befund bleibt kon¬
tant im weiteren Verlauf. In der ganzen rechten Körperseite bis hinauf zur
Difitized
by Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
3. Rippe (s. Fig. 11 h&rteht. eine ausgesprochene Hypalgeöio und Therm&nägthe*ie
(speziell fite kalt). TMb Lbge^etlihi fehlt in der linken großen 2eh«v hl rechts
vorlmnäeir Oh^btiib der ^oid^ti$ihen:'.%-e026 an der dritten reeh^e Rrppe be¬
zieht din« hypevÄtgetischö Zqw* Die Diagnose lautete demnach auf eipe Halb*
seiteuUwJon des RU&kenmaTk«?, ln der Höhe der obersten Dorsalsegmente^ offenbar
Recht*
Zusammenhang mit der oberen Schtdte/sehußverietEung* Die Dornfortsätze des
am] 2 r Bntstwiibeh- waren drtvck?mp&mTHch r Die/Eäbfgenaufo^hme (s* .Fig- 2)
tet~? eine Ausgezeichnete Ergänzung dear k}mMan siebteswischen
i 1. tind % Brustwirbel vo® links her einen linregejmÄiJig gestalteten länglicher!
woiiUiI gestellten' ÖrauatepUUer,-. der fast ha&rechaif mit der ab-
i&idet. teider gelang lj@fi dem hioJaUtgen
* * :
• *
■
••
♦
*
Diqitized
553
Patienten nioht, wir konnten nur in der Durchleuchtung auf dem Schirm bei
Drehung feststellen, daß das Geschoß jedenfalls dorsal vom Wirbelkörper sitzt.
Ob aber im Wirbelkanal (in Übereinstimmung mit dem klinischen Befund) oder
noch weiter dorsal, ließ sich nicht eruieren. Die weitere Beobachtung ergab keine
wesentlichen Veränderungen des Nervenbefundes, nur die Parese im linken Bein
besserte sich. Der Bauchreflex ist jetzt rechts +, links —. Die Sensibilitäts-
Verhältnisse unverändert. Es ist zu bemerken, daß Patient während der ganzen
Erankheitsdauer weder über Schmerzen im linken Bein, noch solohe radikulären
Charakters, nur über Unbehagen in der Wirbelsäule beim Sitzen geklagt hat.
Die Frage einer operativen Entfernung des Granatsplitters kam bisher wegen der
ungünstigen Wund Verhältnisse an der linken Schulter noch nicht in Betracht.
(Patient wurde vor kurzem in die Heimat überführt.)
Das Interesse des Falles liegt in der fast reinen Ausprägung eines Brown-
Sdqoardschen Symptomenkomplexes (die geringen spastischen Erscheinungen am
rechten Fuß sind als Nachbarsohaftssymptome von der rechten Rückenmarks-
hälfte unschwer zu erklären) in Verbindung mit der röntgenologisch fast rein
halbseitigen Lage des Geschoßsplitters. Ein Beweis dafür, daß das Geschoß
auch anatomisch das Rückenmark rein halbseitig lädiert hat, läßt sich freilich
nicht erbringen, auch durch das Röntgenbild nicht erhärten, obwohl es sehr
wahrscheinlich ist.
Auffallend ist bei der Lage des Geschosses (Nähe der austretenden Wurzeln)
das Fehlen von Schmerzen. Die Beteiligung der okulopupillären Fasern des
linken Halssympathicus ist unschwer auf eine Läsion der 1. linken Dorsalwurzel
zu beziehen, die ja zwischen dem 1. und 2. Dorsalwirbel (dem Sitz des Ge¬
schosses) das Rückenmark verläßt Dem würden auch die leichten Störungen
an der linken Hand entsprechen, die etwa auf D t zu beziehen sind. Die be¬
troffene Segmenthöhe im Rückenmark müßte (nach Lage des Geschosses im
Röntgenbild) etwa dem 2. bis 3. Dorsalsegment entsprechen. Nun reicht aber die
kontralaterale Analgesie und Thermanästhesie bis etwa zum 3. Dorsalsegment,
also etwas höher, als nach den sonstigen Erfahrungen bei Tumoren z. B. dem Sitze
des Geschosses nach zu errechnen wäre. 1 Das kann aber auf Veränderungen
beruhen, die in dem Bezirk oberhalb des Geschosses im Rückenmark (Blutung,
Nekrose, Liquorstauung?) aufgetreten sein könnten.
Daß uns der Brown-Söquardsche Symptomenkomplex bei den Schu߬
verletzungen der Wirbelsäule in mannigfacher Ausbildung begegnet, darauf
wurde bereits von verschiedenen Autoren (Oppenheim, Schosteb, E. Redlich u. a.)
hingewiesen, auch auf die Tatsache, daß ohne nachweisliche Verletzung der
Wirbelsäule durch eine bloße Kontusion Erscheinungen von seiten des Rücken¬
marks, selbst totale Querschnittslähmungen, bei intakter Dura auftreten können,
die auf örtliche Blutungen, akute Degeneration, Nekrose zu beziehen sind. 2 Ich
sah u. a. einen Fall, wo das Geschoß (Schrapnellkugel) im Röntgenbild links
1 Nach diesen Erfahrungen würde einer Läsion im 2. bis 3. Dorsalsegment eine oberste
Sensibilitätsgrenze von etwa D 4 and D t entsprechen.
* Vgl. Diskussion der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten,
Sitzung vom 11. Januar 1915. Neurolog. Centralbl. 1915. S. 136.
Digitizer! by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
554
ip|Jp
■ V r <5 V'V' r % •
WM ' 4
Mmi
seitlich von der Halswirbelsätüe saß und. klinisch ein BrowmSequard der linken
Seite gerade eben; äagedeütet msi geringe atrophische P&rese im Gebvet w®.
C g und Dp lihksv Erhobnßg der Sehnenphänomene am liaken ofid Hjpalgesie
am rechte» Bern, dabei viel Schmerzen im liuVeu Bein.
Die Läsion der okulopupillären Fasern im Balssyu^thteü*' öSfe Uib' ^r.
außer in 'dem oben beschriebenen Pali — als Begleitsjrxnp
Verletzonfgeu dieser Gegend, ja kemem F&U aber als so
Läsiön, wia .bei. dm folgenden Kranken K. (Fig; $):
Er würde am 20, Xil bei Ypern durch einen
linken, Halsseitß ^eFwttndft« . ©i#.'.;-atibeU«liteiide Wöode
Öraoat^litter an der
^ _ . ..
hidfcer ctain linken Ohr rvuf dein' StefttocieidoiöäsiöidÄuar heiiie r^äch* bestand
Herpes tost er, ja dem einen Falle war die Einschußöffnung"io HAh» etwa
des 1. ajfid ’i> Leadern* irbeK etwa 4 ein rechts von der }S irbeisiHite ' entfernt, im
RhßtgtiöbiM .sah der GraaaupHttep dicht ueb»ö der äwiBeirrfnwirbelsebaibe
zwischen '-EL Bru&iwtrbej rechts. Die Verwundung ertoigie m» n,XID
1914 und serursaclite rau Anbeginn viel ausstrahiendfr Sohnienen. Im »fanüar
entwickelte sich unter hel’tigereu aeuralgisebeu Schmerzen ein Herpes zoster
Itechts
Lin fcs
Hg ■
mmm
KJ.
V
.
.i -
Mä
.
rechts tß S.aheliiC'he (etwa 11. DarsAlsegmeut), la diesem ßezuk 'besteht (uacb
gpentaner Öeilung de« Herpes) üaeh jetzt HypästheSi« aod Hj pidge.sie.
In einem zweiten Falle war der Emsebuli etwa dem rechts vom HK uhd
11. Brustwirbel, dät, GranatäpUtter 8a# 4® nntereh Bande defi reebifiÄ j. JLtmtl«!-
wirbeia. Vm Auiaüg m bestände« • Beinamen' na' Rücken, besonders beim
Rücken. Lange ßiicb der WuMbeilung entwickelte sich (Februar d. Ji). eine
tizeob, Go gle
D
Original from
JNtVERSITY OF MICHIGAN
556
akute Herpeseruption rechts hinten etwas unterhalb des Darmbeinkammes. Die
Heilung erfolgte langsam, und auch bei der letzten Untersuchung bestanden noch
Bläschensohorfe und Hyperalgesie in dieser Gegend. Der Sitz des Herpes (etwa
1. Lumbalsegment) dürfte auch hier mit dem Sitz des Geschoßsplitters überein¬
stimmen. Ein zufälliges Zusammentreffen von Herpes und Steoksohußverletzung
kann man in diesen beiden Fällen wohl ausschließen.
Ob es sich hier nun um entzündliche Vorgänge im Bereich des Ganglion
spinale oder des Interkostalnerven bandelt, bleibe dahingestellt Für die Tat¬
sache einer traumatisch-entzündlichen Entstehung des Herpes zoster sind diese
Fälle immerhin bemerkenswert.
[Aas dein Reservelazarett I. Leipzig (Chefarzt: Oberstabsarzt Dr. 8 ojcnekbs).J
3. Ober Schußverletzungen der peripheren Nerven. 1
Von Prof. ▲. Bittorf, Assistenzarzt d. L. II.
Die zahlreichen Schuß Verletzungen* der peripheren gemischten Nerven
lassen sich meiner Erfahrung nach in zwei Gruppen trennen, die sich nach
Häufigkeit, Symptomatologie und Prognose verschieden verhalten.
Die erste, größere Gruppe umfaßt die weitaus häufigsten Verletzungen
des N. radialis, Plexus brachialis, besonders des oberen Teiles, und des
N. ischiadicus und seiner Äste. Hier herrscht die motorische Lähmung
vor, sensible Störungen fehlen in einem Teile ganz oder treten zurück. Sub¬
jektive Gefüblsstörungen, besonders Schmerzen sind sehr selten, eigentlich nur
mitunter bei Ischiadicusverletzungen deutlich.
Die Prognose der motorischen Lähmung ist ungünstig, zum mindesten
ist die Heilungsdauer sehr lang.
Oft ist selbst in Fällen, wo die Operation keine schwerere, äußerlioh am
Nerven nachweisbare Veränderung ergab, nach vielen Monaten die Lähmung
noch total.
Die zweite, kleinere Gruppe umfaßt die Fälle mit vorwiegend sen¬
siblen, häufig auch vasomotorischen, sekretorischen, trophisohen
Störungen, die motorischen Ausfallserscheinungen fehlen vielfach oder treten
erheblich zurück. Hierher gehört vor allem die auffallend häufige Verletzung
des N. medianus. Sehr häufig sind hier subjektive Sensibilitätsstörungen und
sehr quälende Schmerzen.
Zu dieser Gruppe gehöreu — oder stehen ihr nahe — die etwas selteneren
Verletzungen des N. ulnaris, weil auch hier oft die sensiblen Erscheinungen
die motorischen überwiegen.
1 Nach einer Demonstration: Kriegsärztlicher Abend 12.11. 191h.
1 Neben direkten Schuttrerletzungen der Nerven gehören hierher indirekte Nerven-
Schädigungen durch Knochenverletzungen mit Druck auf den Nerven (unmittelbar oder durch
den Callus), Blutungen in und um den Nerven, Narbenwirkungen und anderes.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Prognostisch gestalten sich diese Fälle (auch ohne Operation) günstiger.
Selbst bei anfänglich bestehenden schwersten Erscheinungen können verhältnis¬
mäßig schnell Besserung und Heilung eintreten.
Die Ursache dieses Unterschiedes ist nicht recht durchsichtig. An der
Art der Verletzung kann es meiner Erfahrung nach nicht liegen. Daß wir
ähnlichen Verschiedenheiten auch schon früher bei andersartigen Schädigungen
(infektiösen, toxischen, mechanischen) begegneten, besonders beim Medianus und
Radialis und Peroneus, kann nicht die Frage klären.
Wir müssen — meines Erachtens — zur Erklärung nicht nur eine ver¬
schiedene spezifische Widerstandsiähigkeit der verschiedenen Nerven, sondern
auch der einzelnen Bahnen in den verschiedenen Nerven — vielleicht entsprechend
den spezifischen Hauptfunktionen jedes Nerven — annehmen. Daher gehen
bei Medianusverletzungen auch die eventuell anfänglich vorhandenen motorischen
Störungen schnell zurück.
Der folgende (demonstrierte) Fall von Medianuslähmung zeigte die Kom¬
bination schwerer sensibler, vasomotorischer, sekretorischer und trophischer, die
schnelle Heilung motorischer Störung besonders deutlich. Er sei darum kurz
angeführt
Sch., 25.X. linker Armschuß, Einschuß Sulcus bicipitalis, oberes bis mittleres
Drittel, Ausschuß Mitte des Trizeps. (Keine Knochenverletzung.)
Sofort Gefühllosigkeit und mäßig starke Schmerzen im Daumen, Zeige- und
Mittelfinger, die sich bläulich-rot verfärbten, lähmungsartige Schwäche der Daumen«
ballenmuskeln, die nach und nach weicher und schlaffer wurden.
Während die motorische Lähmung im November zurückging, wurden Daumen,
Hohlhand — radiale Seite —, Zeigefinger und Mittelfinger (innere Hälfte) bis
zum Grundglied blau-schwarz; äußere Hälfte des Mittelfingers etwas heller blau¬
rot. Gefühl völlig aufgehoben, dazu heftige Schmerzen.
Im Februar (durch Verbrennung?) fünfpfennigstückgroßes Geschwür auf der
Volarseite des Endgliedes des Zeigefingers. Bei der Demonstration: Tiefste Zyanose
und Kühle des Daumens, Zeige- und Mittelfingers links, etwas weniger stark in
der Hohlhand (Radialseite). Haut dünn, glatt, spiegelnd. Flaches Geschwür am
Endglied des Zeigefingers ohne Heilungstendenz. Keine Schweißsekretion.
Gefühl für alle Arten an diesen Fingern bis zum Grundgelenk auch dorsal
aufgehoben, an Hohlhand (bis auf schmalen Saum des Daumenballens) und Ulnar-
seite des Mittelfingers herabgesetzt. Keine Muskelatrophien, nur Opposition des
Daumens erschwert.
Eintauchen in kaltes Wasser fuhrt nicht zur Vasokonstriktion.
Ende März heilte das Geschwür.
Schmerz, Kriebeln, Gefühlsstörungen und Zyanose nahmen ständig ab.
Ende April war an den beschriebenen Gebieten nur mäßige Blaurotfärbung
nachweisbar, am stärksten am Endglied des Zeigefingers. Ulnarseite des Mittelfingers,
Hohlhand normal gefärbt. Geschwür geheilt. Haut noch besonders am Zeige¬
finger kalt, dünn, spiegelnd.
Gefühl für alle Qualitäten — distal stärker — mäßig herabgesetzt; an der
Ulnarseite des Mittelfingers normal; am Endglied des Zeigefingers noch (fast)
völlig aufgehoben. Motilität normal. Subjektive Beschwerden gering. 1
1 Mitte Mai waren nur noch leichte Zyanose und Gefühlsstörungen am Zeigefinger,
besonders Endglied, nachweisbar, das allein auch noch glatte spiegelnde Haut zeigte.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
558
Dieses Beispiel mag das oben Gesagte kurz beleucbteu. Wichtig an dieser
und ähnlichen Beobachtungen erscheint mir:
1. Die enge Zusammengehörigkeit der vasomotorischen und sensiblen (be¬
sonders der Schmerz- und Temperatursinn) Bahnen auch im peripheren Nerven,
wie wir sie ähnlich bei RQckenmarkserkrankungen 1 beobachten.
2. Der enge Zusammenhang zwischen Temperatur-, Schmerz- und Vaso¬
motorenlähmungen und trophischen Störungen.
Therapeutisch möchte ich nach meinen Erfahrungen bei motorischen
Lähmungen (soweit möglich) frühzeitige Operationen empfehlen. Eine Ope¬
ration, die sich als unnötig erweist, schadet nichts. Vor solchen Irrtümern ist
man aber auoh bei Spätoperationen einerseits nicht vollkommen gesichert, anderer¬
seits ist bei sich als notwendig erweisender Operation ungenützt lange Zeit ver¬
laufen und das Operationsfeld eventuell ungünstiger gestaltet. Unbedingt
notwendig ist aber in allen Fällen fortgesetzte passive Bewegung aller
Gelenke, damit keine Versteifungen und Kontrakturen eintreten. Erst in
letzter Linie kommen Massage und elektrische Behandlung.
Bei sensiblen Störungen umgekehrt möchte ich Heißluftbehandlung
aller Art, auch volle Dampfbäder, Fangopackungen und ähnliches
empfehlen. Nächstdem kann elektrische Behandlung versucht werden. Erst
nachträglich werden mir die Mitteilungen von Oppenheim 1 und von Bbuns 3
bekannt, deren Erfahrungen sich in vielen Punkten mit den eben vorgetragenen
Ansichten decken. Auf einzelne Differenzen kann jetzt nicht eingegangen
werden.
11. Referate.
Allgemeines.
1) Zur Statistik der Nervenkrankheiten, von Alfr. Fuchs. (Jahrb. f. Psvch.
u. Neurol. XXXV. 8.1.) Ref.: Pilcz (Wien).
Hervorgegangen ans einem Ambulatorium für Elektrotherapie, hat das Ambulatorium
der Wiener Nervenklinik eine ständig zunehmende Frequenz aufzuweisen; sie betrug 1884,
dem Jahre der Gründung: 2037, 1894: 5038, 1904: 6373 (3284 Männer + 3089 Weiber),
1913: 6101 (3230 Männer + 2871 Weiber). Die große Zahl der vom Verf., der das Ambu¬
latorium seit 1901 leitet, beobachteten Fälle (die Frequenz betrug 1901 bis 1913 78105)
ermöglicht es, eine statistische Durcharbeitung dieses großen Materials zu unternehmen,
ohne daß die Gefahr von Fehlschlüssen wegen allzu kleiner Zahlen entstehen kann. Es
ergab sich folgendes Resultat: I. Epilepsie (mit Ausschluß von symptomatischer Epilepsie
und epileptiformen Insulten bei Hirnerkrankungen): 5859 Fälle (d. i. 7,5% der Gesamt¬
frequenz). II. Multiple Sklerose: ln klassischer Ausbildung 523 Fälle (d. i. 0,67% der
Gesamtfrequenz), dagegen 319 fragliche Diagnose (d. i. 0,40% der Gesamtfrequenz). Die
meisten Fälle waren im 4. Lebensdezennium zu konstatieren. III. Spastische Spinalparalyse:
607 Fälle (d. i. 0.77% der. Gesamtfrequenz). IV. Chronische Muskelatrophie auf spinaler
Grundlage: 301 Fälle (d. i. 0,38% der Gesaratfrequenz), und zwar darunter Syringomyelie:
126 Fälle (d. i. 0,15 % der Gesamtfrequenz), progressive spinale Muskelatrophie: 51 Fälle
1 Bei Syringomyelie beobachtet man dies oft an Störungen lokaler Gefäßreflexe auf
thermische Reize (neben allgemeinen vasomotorischen ReSexstörungen, auf die bereits wieder¬
holt hingewiesen worden ist),
* Ref. Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 1.
* Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 1.
Digitized by
Gougle -
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
559
d. i. 0,06% der Gesamtfreqnenz), amyotrophische Lateralsklerose: 22 Fälle (d. i. 0,02%
der Gesamtfrequenz). V. Erb sehe Muskeldystrophie: 79 Fälle (d. i. 0,1% der Gesamt¬
frequenz). Die meisten Fälle waren im 3. Lebensdezennium zu konstatieren. VI. Morbus
Basedowii: 245 Fälle, und zwar 210 Frauen, 35 Männer (d. i. 0,82 bzw. 0,27 und 0,05%
der Gesamtfrequenz). Am meisten Fälle waren bei Frauen im 6., bei Männern im 7. Lustrum
zu konstatieren. Es wurden in der Statistik ausnahmslos Fälle von klassischer Ausbildung
berücksichtigt. VII. Paralysis agitans: 283 Fälle (d. i. 0,36% der Gesamtfrequenz). Ara
meisten Fälle waren im 6. Lebensaezennium zu konstatieren. VIII. Tumor cerebri: 471 Fälle
(d. i. 0,6% der Gesamtfrequenz); in 318 Fällen war die Diagnose fraglich. IX. Trigeminus¬
neuralgie: 1459 Fälle (d. i. 1,9% der Gesamtfrequenz), 178 Fälle (d. i. 0,23% der Gesamt¬
frequenz) waren vorher erfolglos chirurgisch behandelt worden. Die höchsten Frequenz¬
zahlen fallen auf die Sommermonate. Die kombinierte Akonitin-Bitterwassertherapie ergab
in allen Fällen befriedigende Dauerresultate. X. Poliomyelitis anterior: 296 Falle (d. i.
0,38% der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl von Erkrankungen fällt ins Jahr 1910, die
höchste Anzahl von Erkrankungen in die Monate August und Oktober; am meisten Er¬
krankungsfälle weist das 4. Lustrum auf. XI. Zerebrale Kinderlähmung: 381 Fälle (d. i.
0,48 % der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl der Erkrankung fällt ins Jahr 1906, die
höchste Anzahl von Erkrankungen in den Monat Juli, am meisten Erkrankungsfälle weist
das erste Dezennium auf. Nur Fälle mit akutem Beginn wurden berücksichtigt. XII. Chorea
minor: 1032 Fälle (d. i. 1,32% der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl von Erkrankungen
fällt in die Jahre 1901 und 1905, die Mindestzahl in die Jahre 1910 und 1912, die höchste
Anzahl in die Monate März und Juni, am meisten Erkrankungsfälle fallen in das 10. bis
12. Lebensjahr; die Pubertätszeit zeigt eine geringe Zahl von Erkrankungsfällen. XIII. Peri¬
phere Fazialislähmung: 820 Fälle (d. i. 1,05% der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl der
Erkrankungen fällt in die Jahre 1906 und 1908, die höchste Anzahl von Erkrankungen in
den Monat September. XIV. Hemiplegie: 817 Fälle (d. i. 1,04% der Gesamtfrequenz).
XV. Syphilitische und syphilogene Erkrankungen des Zentralnervensystems. A. Tabes:
1094 Fälle (d. i. 1,4% der Gesamtfrequenz), darunter 829 Fälle manifester, 265 Fälle be¬
ginnender Tabes (d. i. 75,8 bzw. 24,2 % aller Tabiker). Wassermannreaktion im Blut wurde
bei 547 Fällen manifester Tabes untersucht und war in 395 Fällen positiv, in 152 Fällen
negativ. Mit Hg wurden von den Patienten mit positiver Wassermannreaktion 305 be¬
handelt; soweit sie später untersucht werden konnten, war die Wassermannreaktion bei
52 Patienten positiv, bei 40 negativ. In den nächsten 6 Monaten wurden in 10 Fällen die
negativ gewordene Wassermannreaktion wieder positiv. Wassermannreaktion im Blute
wurde in 204 Fällen inzipienter Tabes untersucht und war in 152 Fällen positiv, in
52 Fällen negativ. Sämtliche Patienten mit positiver Wassermannreaktion wurden mit
Hg behandelt; in 76 Fällen war sie nach der Behandlung positiv, in 11 Fällen negativ.
Bei Tabes mit Opticusatrophie, wovon 155 Fälle beobachtet wurden, war bei den 64
auf Wassermannreaktion untersuchten Patienten der Befand in 48 Fällen positiv, in
16 Fällen negativ. Von den Fällen mit positiver Wasserm an nreaktion wurden 28 mit
Hg behandelt; die Wasserm an nreaktion blieb immer positiv. 473 Fälle bloß mit Argyll-
Robertson wurden beobachtet (d. i. 0,6% der Gesamtfrequenz). Bei 193 wurde auf
Wassermannreaktion im Blut untersucht; der Befund war in 117 Fällen positiv, in 76
negativ. 37 Patienten mit positiver Wassermannreaktion wurden mit Hg behandeltj 5
wurden bleibend, 2 vorübergehend negativ, 11 blieben positiv. — B. Dementia paralytica.
Sichere Fälle: 1411 Fälle (d. i. 1,8% der Gesamtfrequenz), darunter 1118 Männer. 298 Frauen.
Fragliche Fälle 369, darunter 131 mit positiver Wassermannreaktion. 244 Fälle wurden
auf Wassermannreaktion im Blut untersucht; in 211 Fällen war der Befund positiv, in 33*
negativ. Von den 88 Fällen mit positiver Wassermannreaktion, die mit Hg behandelt
wurden, war nach der Kur die Wassermannreaktion in 7 Fällen bleibend, in 4 Fällen
vorübergehend negativ, in 69 positiv. — C. Taboparalyse: 871 sichere Fälle (d. i 0,47%
der Gesamtfrequenz). Auf Wassermannreaktion im Blut wurde untersucht in 118 Fällen;
der Befund war in 73 Fällen positiv, in 40 Fällen negativ. Von den Fällen mit positiver
Wassermannreaktion wurden 41 mit Hg behandelt; nach der Kur war die Reaktion in
3 Fällen negativ, in 21 positiv. — D. Lues cerebri: 341 Fälle (d. i. 0,43% der Gesamt¬
frequenz). Von den 115 auf Wassermannreaktion im Blut untersuchten Fällen war der
Befund bei 99 positiv, bei 16 negativ. 90 Patienten mit positiver Wassermannreaktion
wurden mit Hg behandelt; die Reaktion wurde bleibend negativ in 12 Fällen, vorüber¬
gebend negativ in 2 Fällen, sie blieb positiv in 22 Fällen. Verf. schließt aus dem Ver¬
halten der Wassermannreaktion bei amaurotischer Tabes und Dementia paralytica, daß bei
dieser Lokalisation der Spirochäteninvasion die übrigen Teile des Zentralnervensystems
seltener befallen werden, dafür aber die Erkrankung am hartnäckigsten ist.
2) Zar Schätsung der verflossenen Zeit and über ihre Bolle bei Aufnahme
von Krankheitsgesohiehten, von J. Kollarits. (Wiener klin. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 1.) Ref.: Pilcz (Wien).
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
560
Recht interessante und zu Nachprüfungen an einem größeren Materiale an¬
regende Beobachtungen.
Sowohl Kranke, die zur Feststellung ihres erstmaligen Erscheinens im Nerven-
ambulatorium irgendeinen Anhaltspunkt assoziativer Art batten, als auch solche,
die keinen derartigen zur Verfügung hatten, schätzten die verflossene Zeit viel
zu kurz, in der Regel um etwa ein Fünftel, z. B. bei 4 Monaten Irrtum um einen
Monat« Bei Paralytikern freilich kommen Fehler bis über 200°/ o vor.
Die Feststellung des Erinnerungsfehlers wird mit Unlustgefübl zur Kenntnis
genommen, ebenso übrigens auch, wenn Ungeübte in Schätzung von Längen, Ent¬
fernungen usw., wobei auch Tendenz zur Verkleinerung besteht, das richtige Maß
erfahren«
Interessant wären systematische derartige Untersuchungen, je nach Alter,
Geschlecht und bei normalen und abnormen Kindern«
Bei der Erhebung der Anamnese wäre auf diese Beobachtungen Rücksicht
zu nehmen, ebenso bei gerichtlicher Zeugenvernehmung.
S) Tuberkulose und Nervensystem, von 0. Hezel. (Handbuch d. Tuberkulose,
herausgegeben von Brauer und Schröder. Leipzig, Barth, 1916.) Ref.:
R. Ganter.
Der, erste Abschnitt bringt die Darstellung der Beziehung zwischen der
Tuberkulose und den Psychosen und Psychoneurosen. Weiter folgt ein Überblick
unserer, wenn auch spärlichen, Kenntnisse der pathologischen Anatomie der tuberku¬
lösen psychischen und psychoneurotischen Störungen. Dann wird die Bedeutung
der durch die Tuberkulose bedingten psychischen Veränderungen in Hinsicht auf
kriminelle Handlungen erörtert. Zuletzt wird die Behandlung der psychischen
und psychoneurotischen Störungen der Tuberkulösen besprochen. Der zweite Ab¬
schnitt handelt von den Schädigungen, die das periphere Nervensystem durch die
Tuberkulose erfährt, sei es auf direktem Wege oder durch Reflexwirkung, ferner
von den pathologisch-anatomischen Befunden. In einem Anhang werden die
Tuberkulose der Nebennieren, die Basedowsymptome bei Tuberkulösen, die Muskel¬
veränderungen abgehandelt. Den Beschluß macht die Behandlung der Nerven¬
störungen der Tuberkulösen«
Sprache.
4) Das Valsalva-Morgagnisohe Gesetz. Bin Beitrag zur Vorgeschichte der
Aphasie, von Erich Ebstein. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIIL 1914.
H. 1 u. 2) Ref.: Kurt Mendel.
Auf Valsalva geht das Dogma zurück, daß bei der Apoplexia sanguinea die
Herde im Gehirn meistenteils auf der der Lähmung entgegengesetzten Seite sich
befinden, Morgagni (1682 biB 1771) konnte dieses Gesetz der „kontralateralen
Innervation“ bei fast allen eigenen Autopsien bestätigen und beschreibt als erster
2 Fälle von rechtsseitiger Hemiparese mit Aphasie. Das Zusammenauftreten von
rechtsseitiger Lähmung mit Sprachstörung kann geradezu als Valsalva-Mor-
gagnisches Dogma oder Gesetz angesprochen werden.
6) Über einen im Anfänge des 18. Jahrhunderts von Dr. Peter Rommel
klassisch beschriebenen Fall von transkortikaler motorischer Aphasie,
von A. Gans. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie. XXIV. H. 4.) Ref.:
M. Pappenheira (Wien).
52jährige Frau mit hemiplegischer Lähmung, besonders des Armes. Sprach¬
verständnis erhalten. Patientin konnte außer ,.ja“ und „und“ keine Silbe aus-
sprechen. Dagegen gelang ihr das Sprechen von Reihen. Wörter, die sie in der
Reihe ausgesprochen hatte, konnte sie außerhalb derselben nicht nachsprechen.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
561
6) Über Aphasie bet Japanern, von T. Asayama. (Deutsches Archiv f. klin.
Medizin. CXIII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Die japanische Schriftsprache ist eine der kompliziertesten und unpraktischsten
in der Welt. Diese Kompliziertheit bietet eine sehr geeignete Gelegenheit für
die Erforschung der Verhältnisse der eigentlichen Sprachzentren, des optischen
Zentrums, des Schreib- und Begriffszentrums. Es werden Kana, die den Buch¬
staben der Europäer entsprechen, und chinesische Charaktere in der japanischen
Schriftsprache neben- und durcheinander gebraucht. Verf. veröffentlicht nun einen
Fall von kortikaler sensorischer und motorischer Aphasie, in welchem- zwischen
diesen beiden Schriftarten sowohl bezüglich des Schreibens als des Verstehens ein
auffallender Unterschied bestand: für die KanabuchBtaben waren Schriftverständnis,
willkürliches und Diktatschreiben fast völlig aufgehoben, für die chinesischen
Charaktere hingegen fast unbeeinträchtigt geblieben.
Erklärung: beim ersten Erlernen chinesischer Wortzeichen spielt auch das
sensorische Zentrum eine große Rolle; durch Übung und Erfahrung nimmt aber
allmählich die Bedeutung dieses Zentrums ab, und schließlich geschieht die Ver¬
bindung des optischen Zentrums mit dem „Begriff“ direkt und unter Umgehung
desselben. Da andererseits bei Lautschriften die Verbindung des Begriffs und des
optischen Zentrums notwendigerweise durch Vermittlung des sensorischen'Zentrums
geschieht, so ist es erklärlich, daß bei den erwachsenen und gebildeten Japanern
das Verständnis der chinesischen Charaktere bei aphasischen Störungen unversehrt
bleiben kann, während die aus Kanabuchstaben zusammengesetzten Wörter gar
nicht verstanden werden.
7) Über Wortvorstellungen, von A. Heveroch. (Öasopis fteskych. 16k. LIII.
1914. S. 679.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich).
Die Analyse der klassischen Lehre über Aphasie bringt den Verf. zum
Schluß, daß nicht die Verbalstörungen, sondern eine Reihe automatischer erworbener
Funktionen unsere Sprache bedingt. Diese automatischen Funktionen sind nicht
bei allen gleich gegliedert, weil die Gliederung von der Art des Erlernens ab¬
hängig ist. Und weil die komplizierteren Funktionen bei der Erkrankung be¬
trächtlicher leiden, beobachtet man, daß zuerst Störungen des Stils, dann der
Sätze- und Wortbildung und endlich des Silben- und Buchstabenaussprechens auf-
treten. Zum Aufwecken der Automatiemen dient in erster Reihe der Wille; aber
auch andersartige Reize sind imstande das zu tun. Die Funktionen: sich zu
äußern und das Geäußerte zu verstehen, sind sehr mannigfaltig zusammengesetzt;
deshalb ist auch das klinische Bild der Sprachstörungen so mannigfaltig.
8) Über den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnis der Aphaslelehre, von
G. Mingazzini. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1915. H. 3.)
Ref.: Kurt Mendel.
Unter bewundernswerter Beherrschung des Materials und der Literatur aller
Nationen gibt Verf. ein Bild von dem gegenwärtigen Stande unserer Kenntnisse
der Aphasielehre.
Er unterscheidet zunächst folgende 4 Serien von Fällen:
I. Der linke Linsenkern ist mehr oder weniger ausgedehnt in der hinteren
Hälfte bzw. in den hinteren zwei Dritteln verletzt, oft ist auch die äußere Kapsel,
das Claustrum (und manchmal die hintere Insel) daran beteiligt; in diesen Fällen
bestand deutliche Dysarthrie (Langsamkeit, Zögerung, mühsames Ansprechen und
Steckenbleiben).
II. Verletzt sind die vorderen zwei Drittel des linken Linsenkerns mehr oder
wenig, aber nicht vollständig. Diese Kranken hatten so grobe Dysarthien auf¬
gewiesen, daß sie selbst einzelne Worte schlecht oder geradezu unverständlich aus-
sprachen, außerdem hatten sie residuäre Symptome von motorischer Aphasie (Tele¬
graphenstil).
xxxiv. 36
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
562
III. Zerstört war der ganze linke Linsenkern. Es hatte vollständige und
dauernde motorische Aphasie bestanden.
IV. Die kortikale und subkortikale Gegend der erweiterten Brocaschen Zone
war unversehrt; nur das vordere Ende des Linsenkerns und die anstoßende da¬
rüberliegende Balkenstrahlungsgegend (Regio supra- und praelenticularis) waren
vollständig oder fast zerstört. Hier bestand keine Dysarthrie, wohl aber eine völlige
und dauernde motorische Aphasie.
Es entwickeln sich also residuäre Symptome einer motorischen Aphasie in*
folge unvollständiger Zerstörung des vorderen Drittels des linken LiDsenkerns;
ausgeprägte Dysarthrien treten auf, wenn die beiden hinteren Drittel desselben
verletzt sind; vollständige Anarthrie, wenn der ganze linke Linsenkeru zerstört
ist; andauernde motorische Aphasie nach Verletzung der Zona prae-supralenti-
cularis links. Je schwerer und ausgedehnter die Zerstörung des linken Linsen¬
kerns ist, um so mehr neigt die Dysarthrie dazu, sioh der Anarthrie zu nähern,
um schließlich den Grad eines wahren Hutismus zu erreichen. Um eine dauernde
motorische Aphasie hervorzurufen, ist ausschließlich die Unterbrechung der pha-
sisch-motorischen Projektionsfasern und der linken Balkenausstrahlung an der
Eintrittsstelle oberhalb und vor dem linken Linsenkern (nämlich die Zerstörung
der Regio prae*supralenticularis) erforderlich. Die Aphasie Typus Broca ent¬
wickelt sich, wenn die „erweiterte“ Brocasche Zone, welche die Pars triangularis
und opercularis der Fs. die Insula anterior und das Operculum Rolandi umfaßt,
verletzt ist. Das „erweiterte“ Brocasche Gebiet, der Linsenkern einbegriffen,
funktioniert rechts, an zweiter Stelle, mehr oder weniger je nach den Individuen.
Wird das homologe Gebiet links zerstört, 60 kompensiert es nicht, sondern über¬
nimmt allmählich die früher durch das linke Gebiet ausgeübten Funktionen. In
diesem Falle ist es richtiger, von einer Wiederaufnahme der Funktion der ersten
Stelle als von einer Kompensation zu reden. Damit die „reine motorische
Aphasie“ zustande kommt, ist die Integrität eines Teiles der erweiterten Broca¬
schen Zone und die Erhaltung der Assoziationsbahnen mit dem motorischen Zen¬
trum der rechten Hand notwendig; die Integrität dieses Teiles der Brocaschen
Zone macht die innere Revokation der Silben möglich, das Erhaltensein der Asso¬
ziationsbahnen mit dem motorischen Zentrum der rechten Hand ermöglicht die
mehr oder weniger gute Schreiblähigkeit. Indessen gestattet die Läsion der linken
Balkenaus8chalung und die prälentikuläre Verletzung weder die spontane Sprache,
noch die Wiederholung der Wörter. Daher kann auch eine Rindenverletzung deB
Brocaschen Gebietes das Bild der reinen motorischen Aphasie hervorrufen. Die
transkortikale motorische Aphasie kann durch eine Zerstörung irgend eines Teiles
der der vorderen Region der Sprache entsprechenden Marksubstanz hervorgerufen
werden. Die transkortikale sensorische Aphasie hängt ab. von einer Läsion in der
ausgedehnten Zone des hinteren Gebietes der Aphasie (Marksubstanz der beiden
ersten Schlafenwindüngen, der Gyrus supramarginalis und angularis) und in einer
solchen Tiefe, daß die mittleren und langen Assoziationsfasern des linken Lobus
temporalis wie auch die Balkenfasern unterbrochen werden. Das Gebiet, dessen
Zerstörung, wenn auch nur vorübergehend, Anlaß zur sensorischen Aphasie geben
kann, ist sehr ausgedehnt und umfaßt das ganze von den hinteren Ästen der Art.
Sylvii versorgte Gebiet, nämlich das hintere Drittel von Tj, ferner T Jt T 3 , die
Gyri tempor. transversi, die Gyri angularis und supramarginalis; eine dauernde
sensorische Aphasie kann nicht ohne die gleichzeitige Verletzung links, wenigstens
der T x und des Gyrus temp. transvers. poster. von Heschl bestehen; je mehr man
sich von diesem zentralen Punkte entfernt, um so ngehr neigt die sensorische
Aphasie dazu, zu verschwinden. Letztere wird erst dann vollständig, wenn die
Wernickeschen Zonen beiderseits verletzt sind; in letzterem Falle gelingt es dem
Kranken, nur eine Reihe von Silben oder von einsilbigen Wörtern auszustoßen.
Digitized by
Gch 'gle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
563
Ebenso bleibt, wenn nicht bloß die Eernzone der Wernickeschen Zone verletzt,
sondern die ganze kortikale und subkortikale Substanz der T 2 links zerstört ist,
der sensorisch Aphasische fast seines ganzen Wortschatzes beraubt, so daß man
an das Bild der totalen Aphasie erinnert wird. Die Wort Wiederholung, die bei
tranBkortikaler motorischer und sensorischer Aphasie möglich ist, erheischt als
Bedingung weder die Integrität der Regio subinsularis, noch die der Gyri tempor.
transversi, Bondern die Erhaltung der linken Regio supra-praelenticularis oder zum
mindesten der Balkenausstrahlungen, die bei den sensorischen Formen unberührt
sind. Wahrscheinlich geht die Wort Wiederholung auf dem Wege von der
Wernickeschen Zone zu der motorisch-aphasischen Zone vor sich und von hier
aus, durch den Balken verlaufend, durch die linke und bisweilen auch durch
die rechte Regio lentioulo-capsularis. Die Ergebnisse der Forschungen des
Verf. sprechen für die Richtigkeit der Bastianschen Theorie, nach welcher auch
in den rechten Schläfenwindungen die verbo-akustischen Bilder registriert sind
und die rechte verbo-akustische Zone mittels der schräg durch das Corpus callosum
ziehenden Kommissurfasern auf die dritte linke Frontalwindung einwirkt. Die
bilaterale Verletzung des verbo-akustischen Zentrums verursacht nicht nur eine
vollständige Asensorische phasie, sondern schränkt auch den Wortschatz sehr ein.
Die Sprache, die letzte und edelste Funktion, die der Mensch erworben hat,
kann die Beteiligung anderer geistiger Prozesse, mit denen sie verkettet ist, nicht
entbehren, so daß die Zone, in welcher sich die Foci für die einzelnen Wortbilder
auBarbeiten und konzentrieren, sehr verschieden ist von der Zone, welche, wenn
verletzt, das aphasische Syndrom setzt. Die zur Funktion der Sprache bestimmten
Hirnzonen sind wohl umschrieben, aber ohne scharfe Grenzen, ausgedehnter als
man glaubte, und sie funktionieren, obwohl in verschiedenem Grade, in beiden
Hemisphären. Infolge der Übung und vielleicht infolge einer angeborenen Dis¬
position ist das Vorherrschen einiger Bekleidungen phasischer Bilder von einem
Menschen zum andern verschieden, alle sind untereinander verbunden und nicht
gänzlich unabhängig von den sensorischen Bildern. Die für die Sprache bestimmten
Mechanismen sind nicht nur Gruppen von Nervenzellen, sondern auch Bündel von
Nervenfasern; sowohl die einen wie die andern, wenn sie isoliert verletzt sind,
bedingen wesentlich identische und bloß dem Grade nach verschiedene Störungen;
zwischen den kortikalen, sub- und transkortikalen Aphasien bestehen die ver¬
schiedenartigsten Zwischengrade, so daß es schwer fällt, die einen von den andern
zu trennen.
„Eine andere Ansicht aber beginnt jetzt sich Bahn zu brechen, nämlich daß
die verschiedenen Formen der Sprache untereinander verbunden sind; deshalb
entfaltet sich die sensorische Aphasie stets unter Störungen des Lesens und der
gesprochenen wie der geschriebenen Sprache: die Agraphie bzw. die Dysgraphie
ist eine Folge der Abtrennung der verbosensorischen und verbooptischen Bilder
aus dem Rindenarmzentrum. Die Fähigkeit zum Lesen versagt, so oft die andern
Grundformen der Sprache gestört sind; sogar die motorische Aphasie, selbst in
den reinsten Fällen, zeigt ihre Verbindung mit den verboakustischen Bildern
durch eine (nicht immer wahrnehmbare) Unsicherheit oder Verlangsamung im
Begreifen des Sinnes der Worte oder durch die Schwierigkeit im Lesen. Die
Sprache, die letzte der vom Menschen in der Phylo- und Ontogenese erworbene
Funktion, ist also ein Zeichen der Bedeutung, welche die Assoziationsbahnen in
der Entwicklung des Geistes haben.“
9) Weitere Untersuchungen über die motorischen Sprachbahnen, von Prof.
Dr. G. Mingazzini. (Archiv f. Psych. LIV. 1914.) Ref.: G. Ilberg.
Verf. beobachtete viele Jahre lang eine Patientin mit vollständiger, bestän¬
diger motorischer Aphasie, vereint mit rechtsseitiger spastischer Hemiplegie. Bei
der Sektion fand sich links Zerstörung der mittleren Stirnwindung und der Pars
36*
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERS1TY OF MICHIGAN
564
opercularis der unteren Stirnwindung mit den entsprechenden M&rk&usstr&hlungen
einschließlich der Balkenstrahlungen, so daß jede Verbindung sowohl der einen
wie der anderen mit dem Linsenkern unterbrochen war. Ferner war der obere
Teil des Gyrus praecentralis zerstört; der mittlere und untere Teil desselben war
degeneriert und verkleinert, das Pulvinar war teilweise zerstört.
Verf. hat das Gehirn in eine Serie von Frontal schnitten zerlegt; die Schnitte
wurden mit Pal oder mit Pal-Fuchsin gefärbt; die Befunde werden eingehend
mitgeteilt unter Beifügung einer Anzahl wohlgelungener Photographien. Der
klinische Befund wird im Zusammenhang mit dem pathologisch-anatomischen Be¬
fund behandelt und das Problem der motorischen Sprachbahnen an der Hand der
Ergebnisse anderer Autoren erörtert.
10) Ein Beitrag aur Lehre von der Bedeutung der Insel für die Sprache
'und der linken Hemisphäre für das linksseitige Tasten, von Kurt
Goldstein. (Archiv f. Psychiatrie. LV. 1914. Heft 1.) Bef.: Kurt Mendel.
53 jährige Frau, bei welcher eine große Erweichungszyste in der linken
Hemisphäre zu einem Krankheitsbild geführt hat, das sich aus Aphasie und
doppelseitiger ideatorischer Apraxie und Störungen des Tastens und der Tiefen-
sensibilität zusammensetzt. Der Fall zeigt, daß Berde in der linken Hemisphäre,
wenn sie besonders die Gegend des Gyrus supramarg, betreffen und geeignet sind,
gleichzeitig eine diffuse Schädigung der ganzen linken Hemisphäre zu setzen, das
Bild der ideatorischen Apraxie erzeugen. Die Sprachstörung im vorliegenden
Falle war eigenartig: spontane Sprache reduziert auf eine Anzahl immer wieder¬
kehrender kurzer Sätze und Worte, geringe Neigung zum Sprechen überhaupt;
Sprachverständnis für alles etwas Schwierige stark gestört; Nachsprechen hoch¬
gradigst gestört; Spontanschreiben bis auf den eigenen Namen fehlend, ebenso
Diktatschreiben; Kopieren etwas besser, doch auch nur für Buchstaben möglich,
dabei Defekte in den Formen der Buchstaben; Lesen völlig aufgehoben.
Demnach ein schwerer Verlust der Sprachvorstellungen mit starker Störung
des Nachsprechens; dies ist auf die schwere Schädigung der Insel (Mark und Binde)
zuriickzuführen. Der Defekt der Insel erklärt weiter die Störung des Lesens,
Schreibens, Gegenstandbezeichnens. Klinisch entsprach der Symptomenkomplex
dem Bilde der Leitungsaphasie. Die vollständige Aufhebung des Gegenstand¬
bezeichnens ist als Folge der Schädigung des Begriffsfeldes und des Sprachfeldes
zu betrachten; die Schreibstörung ist teils eine Folge der Sprachstörung, teils
auf eine Läsion im Begriffsfeld zurückzuiühren, nämlich auf eine Beeinträchtigung
der Buchstabenformvorstellungen. Die beide Hände betreffende Tastlähmung
(Ausfall des taktilen Erkennens) spricht dafür, daß — wie für das Handeln —
auch für das Erkennen eine Überwertigkeit der linken Hemisphäre besteht: das
Tastvermögen und ferner die Beurteilung der Bewegungsempfindungen auch der
linken Hand ist abhängig von der Funktion der linken Hemisphäre. Verf. glaubt,
daß zwar die linkshirnigen Tastmerksysteme auch für das Tasten mit der linken
Hand eine Bolle spielen mögen, daß aber auch ein Tasten mit Umgehung des
linken Tastfeldes durch direkte Verbindungen zwischen dem rechtshirnigen Tast¬
feld und dem Begriffsfeld in der linken Hemisphäre möglich ist und daß das
Tasterkennen an sich überhaupt erst im Begriffsfeld zustande kommt.
11 ) Zur Frage der Bolle der linken Insula, von L. Benedek u. St. Zsakö.
(Gyögy&szat 1913. S. 908. Ungarisch.) Bef.: Hudovernig (Budapest).
Die Verff. veröffentlichen einen Fall, bei dem sich nach einem apoplektischen
Insult eine totale Aphasie einstellte. Im Laufe von 10 Jahren erlernte Pak von
neuem sprechen. Pat. wurde wegen Demenz und Inkompensation des Herzens ins
Krankenhaus aufgenommen. Zurzeit bestand gar keine Sprachstörung. Die In-
kompensation führte zum Exitus. Die Sektion ergab eine nußgroße Zyste in dem
vorderen unteren Abschnitte der Fossa Sylvii, welche sich in der Tiefe bis zum
Digitized b)
Google
Original from
UNIVERS1TY OF MICHIGAN
565
Put&men erstreckt. Die lioke Ineula samt Umgebung war total zerstört. Auf
Grund dieses Falles nehmen die Verff. an, daß die Läsionen der Insula bei den
Sprachstörungen eine große Bolle spielen. Daß in diesem Falle die Sprach¬
störung sich gänzlich restituierte, kann nur duroh die vikarierende Funktion der
rechten Hemisphäre erklärt werden.
12) Über einen Fall von sogen. Leitungsaphasie mit anatomischem Be¬
fund, von H. Liepmann und M. Pappenheim. (Zeitsohr. f. d. ges. Neurol.
u. Psych. XXVII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch.
Beschreibung eines Falles, dessen Befunde folgendermaßen zusammengefaßt
werden: Ein 62jähr. Mann, herz- und nierenkrank, erleidet einen Insult, wird
schon 10 bis 14 Tage danaoh in der Klinik beobachtet und zeigt nun weitere
8 Wochen hindurch bis zu seinem Tode eine Sprachstörung, die sich quantitativ
mäßig besserte, aber in der ganzen Beobachtungszeit qualitativ dasselbe Bild
zeigte. Dieses Bild bietet 4 bis 6 Wochen nach dem Insult folgende hervor¬
stechendsten Merkmale: Pat zeigt beim Sprechen schwere Paraphasie und darüber
hinausgehende Beeinträchtigung in der Wortfindung, beim Nachsprechen eine gleich
schwere Paraphasie, etwas stärker ausgesprochen bei sinnlosen Silbenverknüpfungen;
ferner Paragraphie. Für die eigenen Fehler beim Sprechen besteht das Bewußt¬
sein des Fehlerhaften. Beim Lautlesen aber, das schon zu Anfang viel besser als
das Spontan- und Nachsprechen war, trat in dieser Zeit und bei gewissen Reihen
(Zahlen usw.) von vornherein eine gut erhaltene Sprechfähigkeit hervor; die
Fähigkeit also, Buchstaben, Silben und Worte motorisch zu bilden, war intakt.
Auf der anderen Seite war das Sprachverständnis ebenfalls fast intakt, jedenfalls
nicht entfernt im Verhältnis zu der Störung der Expressivsprache gestört. Die
schwere Expressivstörung kann also einesteils nicht auf der letzten Station des
Sprachprozesses, der motorischen Bildung der Laute und Lautverbindungen liegen,
andererseits auch nicht durch die Unerweckbarkeit der akustischen Wortresiduen
verursacht sein. Denn wären sie erloschen oder unerweckbar, so dürfte nicht
verstanden werden. Das Wort als Buchstabenkomplex, das sogen. Buchstaben-
wort, ist gestört, nur vom Lesen aus kann buchstabiert werden. Wäre auch das
Wortverständnis erheblich gestört, so läge das gewöhnliche Bild der sensorisohen
Aphasie vor, nur mit der nicht ganz ungewöhnlichen Abweichung, daß das Laut¬
lesen und Lesesinnverständnis relativ verschont sind. Paraphasien und Para¬
graphen der gleichen Art kommen häufig bei sensorischer Aphasie vor. Durch¬
aus nicht immer überwiegen bei dieser die abenteuerlichen, ganz aufgabeunähnlichen
Silben- und Wortkonglomerate. Die Benennung von Gegenständen ist quoad
Wortfindung etwas besser, als es bei typischen Fällen von sensorischer Aphasie
zu sein pflegt. Es liegt der Tatbestand vor, der seit langem viele Autoren zu
dem Schluß drängte: Hier ist weder die motorische noch die sensorische Kompo¬
nente des Wortes betroffen, Bondern ihr Konnex: die Übertragung vom Akusti¬
schen aufs Motorische ist gestört. Oder, der andere Autoren .annehmen ließ: ein
zwischen Wernickes und Brocas Stelle liegendes Feld „der Spraohvorstellungen“ ist
betroffen.
Nach der geschilderten Auffassung wäre der Herd als zwischen Wernickes
und Brocas Gebiet liegend zu postulieren. Diese Erwartung wird jedoch durch
den anatomischen Befund in keiner Weise bestätigt Es fand sich nämlich eine
erhebliche, aber nicht entfernt totale Erweichung des hinteren Drittels der
Heohlschen Windung, eine mäßige Schädigung der Werniokesohen Windung und
Läsion des Marks von Gyrus supramarginalis und angularis bei Erhaltung des
größten Teils beider Windungen. Von entscheidender Bedeutung ist, daß nicht
nur die ganze vordere Sprachregion (Opercul. front, und Rolandi), sondern auch
die ganze mittlere Sprachregion (Inselrinde und Linsenkernzone) intakt sind und
daß die Läsion ausschließlich das temporoparietale Sprachgebiet betrifft Es zeigt
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
566
also hier die allerdings grobe Beziehung des klaren anatomischen Befundes zu
dem ebenso klaren klinischen Befunde, daß das Bild der „Leitungsaphasie“, der
„zentralen“ Aphasie, nicht durch einen Herd der Inselrinde und auch nicht durch
einen Herd im Inneren des Inselgebietes verursacht wird, sondern daß Para¬
phasie im Nachsprechen, Paragraphie und Schädigung des inneren Wortes ohne
nennenswerte Worttaubheit durch eine Läsion der hinteren Sprachregion im
Temporoparietallappen der erweiterten Wernickeschen Region selbst zustande kommt.
13) Über die Leitungsaphasie, von O. Stertz. (Monatsschr. f. Psychiatrie u.
Neurol. XXXV. 1914. H. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Mitteilung und genaue Analyse eines Falles von Wernickescher Leitungs¬
aphasie (schwere paraphasische Störung der Spontansprache und des Nacbsprechens,
Lese- und Schreibstörungen, Leseverständnis ganz gut, Sprechfähigkeit kaum ge¬
stört, Wortfindung anfangs gestört, erhaltenes oder nur ganz geringfügig gestörtes
Sprachverständnis). Dazu Apraxie und Taststörung der rechten Hand. Verf.
nimmt einen ziemlich umfangreichen Herd an, der sich von der Inselrinde aus
bis in das Parietalhirn erstreckt. Er faßt seinen Fall als eine Form von par¬
tieller motorischer Aphasie auf. „Wenn er symptomatologisch den Anforderungen
der Wernickeschen Leitungsaphasie entspricht, so gibt das einen Hinweis darauf,
daß der Wernickesche Komplex kein selbständiger zu sein braucht. Es handelt
sich, ganz allgemein gesagt, um eine Läsion des inneren Wortes, die je nach
ihrem Sitz sich bald mehr an die motorische, bald an die sensorische Aphasie
anlehnt, sich aus einer anfänglichen Kombination beider heraus entwickeln kann.
Da eine einfach konstruierte lange Verbindungsbahn der Wortbewegungs¬
vorstellungen und Klangbilder abzulehnen ist, vielmehr für die Verbindungen der
beiden Bestandteile des inneren Wortes ein kompliziertes assoziatives Über¬
tragungssystem erforderlich ist, das sich aus verschiedenen Gruppierungen senso¬
rischer und motorischer Erregungsbestandteile zusammensetzt, so ist bei jeder
Läsion dieses Mechanismus eine nach der einen oder anderen Richtung tendierende
Störung die Folge bei im wesentlichen gleicher Symptomatologie, deren Kern die
Paraphasie der SpontanBprache und des Nachsprechens bildet.“
14) Un pas d’aphasie motrioe par lesion du oentre de Brooa aveo autopsie.
Un oas d’agraphle. Un oas d’aphasie d'intonation, par A. van Ge¬
buchten et van Gorp. (Bullet. Acad. roy. de m6d. de Belgique. XXVIII.
1914. Nr. 4.) Ref.: W. Misch.
Als Beweis gegen die Behauptung der Pierre Marieschen Schule über die
Bedeutungslosigkeit des sogen. Brocaschen Zentrums wird hier zunächst ein Fall
von Läsion dieses Zentrums beschrieben. Bei diesem Fall war plötzlich ohne
apoplektischen Insult eine motorische Aphasie, Agraphie, Lähmung des rechten
unteren Facialis und Parese der rechten oberen Extremität aufgetreten, ohne
irgend eine Störung von seiten der unteren Extremitäten. Es lag weder Wort¬
taubheit noch Wortblindheit vor, so daß also das Wernickesche Zentrum intakt
sein mußte. Bei der Autopsie fand sich eine große Erweichungszone in der
unteren Hälfte der vorderen Zentralwindung, der unteren Hälfte der mittleren
Stirnwindung in der Gegend ihre» hinteren Drittels, im Fuß und in einer großen
Partie des Kopfes der Brocaschen Windung sowie in dem benachbarten Teil der
Orbitalwindungen. Es liegt also hier bei einem Fall von motorischer Aphasie
zweifellos eine kortikale Läsion des. Brocaschen Zentrums vor, die im übrigen auf
die Verstopfung eines Astes der Art. Fossae Sylvii zurückzuführen war.
Bei einem zweiten 68jährigen Pat. war plötzlich ein Verlust der graphi¬
schen Bilder aller Buchstaben und Wörter eingetreten, obwohl er dieselben mit
dem Gesicht und dem Gehör wiedererkennt und sie spontan aussprechen kann.
Dabei ist er imstande, geschriebene Wörter abzuschreiben, indem er Buchstaben
auf Buchstaben genau nachzeichnet; gedruckte Wörter kann er dagegen nicht
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
567
kopieren, obwohl er sie lesen und buchstabieren kann. Es muß demnach in der
Hirnrinde zwei voneinander ganz unabhängige psychische Zentren für die Vor¬
stellungen des gesprochenen und des geschriebenen Wortes geben. Innerhalb
dieser Zentren für das Wortsprache- und Wortschriftgedächtnis muß es außerdem
Spezialzentren geben, in denen das Gedächtnis für die Buchstaben, für die Worte,
für die Zahlen usw. lokalisiert ist, denn die Fähigkeit, Buchstaben zu schreiben,
geht nicht Hand in Hand mit der Fähigkeit Worte zu schreiben.
Endlich wird noch kurz ein Fall mitgeteilt, bei dem nach einigen alarmie¬
renden Vorsymptomen eine Veränderung der Schrift eintrat, keineswegs im Sinne
einer Agraphie; vielmehr ist Pat. nicht mehr imstande, mit den Fingern, die er im
übrigen gut bewegen kann, zu schreiben, sondern er schreibt mit der ganzen Hand,
so daß die Schrift ganz kindlich wird. Gleichzeitig trat zwar keine Aphasie,
aber eine Veränderung im Klange der Stimme („Intonationsaphasie“) auf, so daß
er seine Muttersprache mit falscher Artikulation wie eine fremde Sprache aus¬
spricht Auch hier muß eine kortikale Läsion vorliegen. Es muß aus all
diesen Beobachtungen geschlossen werden, daß die kortikale Lokalisation wahr¬
scheinlich viel feiner, genauer und komplizierter ist, als sich bisher feststellen ließ.
16) Über das motorische Sprechen samt einem Falle von motorischer
Aphasie ohne Läsion der Binde, von P. H. Travaglino. (Psychiatrische
en neurologische Bladen. 1914. Nr. 4 u. 5.) Bef.: M. Rothmann
Unter Bezugnahme auf die von Liepmann u. a. gezogene Parallele
zwischen der Praxie und EzpresBivsprache beriohtet Verf. über einen Fall von
motorisch-aphasischen Symptomen ohne Verletzung der Rinde. Es handelt sich
um einen 68jäbr. Potator mit Symptomen von Arteriosklerose, der nach einem
Kopftrauma allmählich Rückgang der geistigen Fähigkeiten zeigte. Nach einem
Schlaganfall bestanden neben schwerer rechtsseitiger spastischer Hemiparese
Sprachstörungen kortikal-motorischen Charakters; da das Schreiben nicht geprüft
werden konnte, könnte der Fall auch zur subkortikal-motorischen Aphasie gerechnet
werden. Bei unverletztem ideatorischem Entwurf waren die kinetischen Engramme
geschädigt. Die Spontansprache war sehr eingeschränkt, Reihensprechen, Nach¬
sprechen und Lautlesen fehlten ganz bei richtigem Leseverständnis. Störungen
der inneren Sprache und Dysarthrie waren nioht nachweisbar. Nach einem zweiten
Insult nahm die Lähmung zu, und der Wortschatz war nooh mehr beschränkt.
Die Autopsie des Gehirns zeigte die Rinde ungeschädigt; dagegen fand sich ein
linksseitiger Herd im Gebiet von Capsula interna, Schwanz- und Linsenkern. Die
mikroskopische Untersuchung ergab, daß der Herd den Schwanzkern, das Putamen
des Linsenkerns, den vorderen Schenkel der Capsula interna und den vorderen
Abschnitt des hinteren Schenkels derselben zerstört hatte. Die Balkenstrahlung
ist geschädigt; auch ein Teil der Stabkranzfaserung von den Frontal Windungen
sowie der Fasciculus uncinatus sind lädiert. Verf. nimmt an, daß die Zerstörung
des vorderen Schenkels der inneren Kapsel mit Schwanz- und Linsenkern die
3. Frontalwindung völlig abgespalten hat. Doch sind auch die Stellen mög¬
licherweise getroffen, an denen, wie Mingazzini annimmt, eine Zusammenschal-
tung der Ringe der Sprachregion und der operkularen Zentren stattfindet. Doch
ist das Fehlen einer Dysarthrie dabei bemerkenswert.
16) A oaae of suboortioal or pure motor aphasla (Dejerine) or anarthria
(Marie), by F. X. Der cum. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 3.)
Ref.: Artur Stern.
32jähr. Amerikaner, irischer Abkunft, rechtshändig. Wassermann ++.
Erkrankt 1 Tag vor der Aufnahme ins Hospital plötzlich mit einer Unfähigkeit
zu sprechen und Schwäche der rechten Seite. Befand: leichte Hemiparesis dextra
einschließlich Fazialis, deren unterer Ast gelähmt ist, und einer Abweichung der
Zunge nach rechts. Geringe Sohluckbeschwerden. Leichter Babinshi rechts, keine
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
568
Sensibilitätsstörungen. Vollständiger Sprach verlast, kein artikulierter Laut wird her¬
vorgebracht. Weder „ja“ und „nein“, noch seinen Namen, noch irgendwelche
Füllworte bringt er heraus, wie sie bei der Brocaschen Aphasie gewöhnlich noch
vorhanden sind. Sprachverständnis völlig erhalten, ebenso Lesen und Schreiben
(letzteres mit einigen Fehlern). Unter antisyphilitischer Behandlung allmähliche
Besserung, so daß Pat. nach 3 bis 4 Wochen seinen Namen und gelegentlich
andere Worte sprechen konnte, anfangs stark dysarthrisch. Aus der kompletten
Anarthrie wurde unter der Beobachtung eine Dysarthrie. Das Krankheitsbild ent¬
sprach sowohl der Dejerineschen subkortikalen oder reinen motorischen Aphasie,
wie der von Marie beschriebenen Anarthrie.
Nach Ansicht vom Verf. hatte der Kranke eine umschriebene Bubkortikale
Läsion, die daB Knie der Capsula interna und die angrenzende Partie des Linsen-
kerns einnahm. (Danach ist die relativ stärkere Beteiligung des Fazialis gegen¬
über den Extremitäten der rechten Seite erklärlich, ebenso die Beteiligung des
Hypoglossus und die geringe Schlucklähmung.) Keine Beteiligung der Rinde.
Das Interessante des Falles ist der Übergang einer völligen Anarthrie in eine
Dysarthrie unter der Beobachtung. Solch eine subkortikale Sprachstörung aber
sollte man nicht Aphasie nennen. Dieses Wort sollte auf kortikale d. h. psy¬
chische Sprachstörungen beschränkt bleiben. Das Wort „Anarthrie“ scheint weit
passender zu sein, denn es schließt eine Sprachstörung ein, die teils paralytisch,
teils ataktisch, niemals aber intellektuell ist.
17) Ein Fall von transkortikaler motorisoher Aphasie mit Lähmung und
Lesestörung, von Finzi. (Wiener klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 14.)
Ref.: Pilcz (Wien).
38jähr. Mann, Nikotinmißbrauch, Lues wahrscheinlich, wenngleich W'asser-
mannreaktion negativ, seit l 1 / 2 Jahren psychische Veränderungen, wie Reizbarkeit,
Depression, Vergeßlichkeit, Intelligenzverfall. 1 / 2 Jahr später Sehstörungen, zeit¬
weise Schwächezustände der Gliedmaßen. Mitte Januar 1913, ohne Bewußtlosig¬
keit, ziemlich akut komplette rechtsseitige Lähmung mit Aphasie. Die Störungen
besserten sich allmählich. Nach 3 Wochen schwand Störung des Sprachverständ¬
nisses, während Sprachvermögen weiter gestört blieb. Erst allmählich konnte
Pat. einige Worte sprechen und mit der linken Hand einige Worte schreiben.
Stat. praes.: Residuen rechtsseitiger Lähmung mit leichten Koutrakturerscheinungen,
ohne Sensibilitätsstörungen. Rechtsseitige, homonyme Hemianopsie bei normalem
Fundus. Keine gröberen Intelligenzdefekte. Spontansprache aufgehoben, Nach¬
sprechen erhalten, zum Teil paraphasisch, Sprachverständnis intakt. Reihensprechen
bis zu einem Grade möglich, jedenfalls besser als Spontansprechen. Spontan-
schreiben, mit einer gewissen Einschränkung, erhalten. Alexie.
Verf. nimmt einen enzephalomalazischen Herd an im Bereiche des 3. Astes
der linken Art. foss. Sylv., der zu einem Herde im Gyrus angularis geführt hat,
und einen zweiten Herd im Bereiche des 1. und 2. Astes. Außerdem können
auch diffuse Veränderungen des Gehirns angenommen werden.
Die ausführlichen Untersuchungsprotokolle, sowie Literaturstudien mögen im
Originale nacbgelesen werden.
18) Über traumatische motorische Aphasie, von Karl Romeick. (In&ugural-
Dissert. Leipzig 1914.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über einen eigenen Fall von traumatischer motorischer Aphasie
und fügt 26 Krankengeschichten mit dem gleichen Symptomenbilde aus der neueren
Literatur hinzu. Die traumatische Aphasie bietet eine bessere Prognose als die
durch organische Hirnveränderungen bedingte nichttraumatische. In 8 von den
zusammengestellten Fällen trat spontane Heilung ein, von 18 zur Operation ge¬
langten Fällen heilten 10 vollständig, 6 wurden bedeutend gebessert, während nur
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
569
in 2 Fällen der Erfolg der Operation ein unbefriedigender war. Betreffe letzterer
schließt sich Verf. völlig den Forderungen Pueseps an:
„Die operative Behandlung der traumatischen Aphasie ist in denjenigen
Fällen durchaus indiziert, in denen nach dem Trauma rasche Wiederherstellung
der Sprache nicht eintritt.
Die Operation darf nicht auf die Entfernung der Knochensplitter beschränkt
bleiben, vielmehr muß man auch die harte Hirnhaut eröffnen, da unter der wenig
veränderten Hirnhaut häufig große Veränderungen der weichen Hirnhaut und der
Hirnsubstanz selbst beobachtet werden.
Auch in denjenigen Fällen, in denen trotz der augenscheinlichen Intaktheit
der Knochen nach Schädeltrauma stabile Aphasie besteht, ist die operative Inter-
vention indiziert, da unterhalb des anscheinend unveränderten Knochens bisweilen
eine bedeutende traumatische Zyste vorhanden sein kann, durch deren Druck
Aphasie bewirkt wird.“
19) Die klinische Stellung der amnestischen und transkortikalen motori¬
schen Aphasie und die Bedeutung dieser Formen für die Lokaldiagnose
besonders von Hirntumoren, von Georg Stertz. (Deutsche Zeitschrift f.
Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Untersuchungen des Verf.’s beziehen sich auf 11 Fälle von amnestischer
Aphasie, von denen acht durch Hirntumoren, einer durch einen apoplektischen
Insult, einer durch Trauma und einer duroh Epilepsie hervorgerufen worden waren.
Zum Vergleich wurden drei Tumoren des linken Stirnhirns herangezogen, die in
ihrer Symptomatologie den Komplex der transkortikalen motorischen Aphasie
enthielten. — Das Ergebnis seiner Untersuchungen faßt Verf. in folgenden Sätzen
zusammen:
1. Zwischen der Wortamnesie als Symptom und der amnestischen Aphasie
besteht kein prinzipieller Unterschied.
2. Allgemeine Störungen der Hirnfunktion (Benommenheit, Merkfähigkeits¬
und assoziative Störungen) vermögen die amnestische Aphasie nicht hervor¬
zubringen. Die letztere ist vielmehr als unabhängig von dergleichen Störungen
anzusehen.
3. Sie hat als Lokalsymptom einer Läsion des Sprachgebietes zu gelten, und
zwar des motorischen Anteils desselben und ist lokalisatorisch für das Bestehen
eines Herdes in der Nachbarschaft der Wernickeschen Stelle zu verwerten.
4. Die transkortikale motorische Aphasie ist von der amnestischen Aphasie
zu trennen und gibt in lokalisatorischer Beziehung einen Anhalt für einen Herd
in der Umgebung der Broca sehen Stelle.
5. Beide sind in der Mehrzahl der Fälle nicht als selbständige Aphasieformen
anzusehen, sondern als Verlaufsstadien von motorisch- bzw. sensorisch-aphasischen
Störungen.
20) Zur Lokalisation der Wortfindung bsw. der amnestischen Aphasie,
von A. Pick. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXV. H. 3.)
Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Verf. vertritt in Ausführungen, die sich nicht zum Referate eignen, gegen¬
über Äußerungen von Kehrer und v. Monakow seinen bekannten Standpunkt
von der Möglichkeit der Lokalisation der amnestischen Aphasie im Schläfenlappen,
und zwar in der 2. bzw. 3. Temporalwindung.
21) Un oas d’aphasle oomplete aveo hemiplögie droite par absoes d’origine
otique du lobe temporal gauohe, par A. van Gebuchten et G. Goris.
(Bullet. Aoad. roy. de m6d. deBelgique. XXVIII. 1914. Nr.4.) Ref.: W. Misch.
Bei einem Fall von otogenem Hirnabszeß, der den unteren Teil des linken
Temporallappens zerstörte und die zur oberen Temporalwindung gehörige weiße
Substanz komprimierte, war zunächst keine Worttaubheit vorhanden, sondern
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
570
Paraphasie, als ob die zentripetalen Fasern des kortikalen Zentrums der akusti¬
schen Wort Vorstellungen verschont geblieben und nur die zentrifugalen Fasern,
die den hinteren Teil der oberen Temporalwindung mit dem Fuße der Brocaßchen
Windung verbinden, betroffen wären. Erst bei dem Zunehmen der Kompression
bildete sich eine totale Aphasie aus und trat rasch Worttaubheit hinzu. Daß nur
die Kompression der Fasern der weißen Substanz und nicht eine Zerstörung dei>
Belben die ganzen Symptome hervorgebracht hat, geht daraus hervor, daß nach
dem operativen Ablassen einer großen Menge des Eiters alle Symptome ver¬
schwanden. Auch die außerdem vorliegende rechtsseitige Hemiplegie ist nur durch
eine indirekte Kompression der Fasern der Capsula interna zu erklären.
22) Bin Fall von partieller Seelenblindheit, optischer Aphasie und Aleade,
von Sanitätsrat Dr. Herzog. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 19.)
Ref.: Kurt Mendel.
35jähr. Patient war zwischen zwei Puffer geraten, für einige Zeit bewußtlos,
Blut kam aus Nase und Mund, am Hinterkopf eine etwa 6 cm lange, bis auf das
Periost reichende Wunde. Während Pat. alles, was man zu ihm sagt, von den
Lippen lesend, versteht, erkennt er manches nicht: erstens die Schrift (weder Ge¬
drucktes noch Geschriebenes, auch seine eigene Handschrift nicht; Pat. schreibt
einen Brief an seine Frau und kann ihn nachher nicht lesen), ferner manche
Gegenstände (z. B. Schlüssel). Andere Gegenstände erkennt er wohl, kann aber
die Wortbilder auf optischem Wege nicht flott machen, sie nicht bezeichnen
(optische Aphasie; für Taschentuch sagt er z. B. „zum Wischen“). Von der Funk¬
tion einzelner Gegenstände (Portemonnaie, Messer) wußte er nichts; gab man sie
ihm aber in die Hand, so erkannte er sie nach einigem Betasten und bezeichnete
sie richtig; nahm man ihm aber den Gegenstand wieder fort, so konnte er ihn
gleich darauf nicht mehr erkennen und nennen (Verlust der optischen Erinnerungs¬
bilder, d. i. Seelenblindheit). Also: Seelenblindheit, optische Aphasie und Alezie,
bedingt durch ein Trauma, welches Blutungen in beide Hinterhauptslappen (es
bestand konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes!) und Schläfenlappeu und den
von hier aus nach dem Klangbildzentrum (links oder beiderseits) ziehenden Bahnen
verursacht hatte. Sehr auffallend ist, daß diese Seelenblindheit das Ablesen vom
Munde, die Orientierung im Raum und das Erkennen violer Gegenstände doch
gestattet, also durchaus partiell ist.
23) Über die Assoaiationsprüfung bei Kindern nebst einem Beitrag zur
Frage der Wortblindheit, von G. Voss. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u.
Psych. XXVI. 1914. S. 340.) Ref.: W. Misch.
Aus den Untersuchungen des Verf.’s ergibt sich, daß auch bei Kindern die
Assoziationsprüfung gute Resultate gibt. Es fand sich gute Übereinstimmung
zwischen dem Reaktionstypus einerseits und dem Alter und der geistigen Ent¬
wicklung andererseits. Zudem ist die Methode auch bei Kindern wertvoll
bei der Aufdeckung von Komplexen, sowie insbesondere von gewissen Sprach¬
störungen, wie an dem eingehend geschilderten Fall von ,,Worthlindheit“ gezeigt
wird. Zur Untersuchung genügt ein Schema von 20 Worten. Somit erweist sich
die Methode der Assoziationsprüfung auch bei Kindern als eine brauchbare Er¬
gänzung der Intelligenzprüfung.
24) Perseveration und andere Meohanismen als Ursache agrammatiseher
Erscheinungen nebst Bemerkungen über die Beziehungen des „Ver-
schreibens“ zum „Versprechen 0 , von A. Pick. (Monatsschr. f. Psych. u.
Neurol. XXXV. 1914. H. 5.) Ref.: K. Goldstein.
Die kleine Arbeit stellt gewissermaßen eine Ergänzung zu der kürzlich er¬
schienenen Darstellung der agrammatischen Sprachstörungen von seiten des Vert’s
dar. Verf. weist in ihr auf jene Defekte hin, die das Vorliegen agrammatiseher
Störungen Vortäuschen können, vor allem auf die pathologische Perseveration.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
571
Wie er an zahlreichen Beispielen zeigt, kann gerade die Perseveration in ver¬
schiedenartiger Weise zur Entstehung eines — scheinbaren — Agrammatismus
führen. Verf. betont mit Recht, daß es zu einer Klärung der komplizierten Ver¬
hältnisse beim Agrammatismus unbedingt nötig ist, diesem scheinbaren Agramma¬
tismus besondere Beachtung zu schenken.
26) Sur oertains troubles psyohiques observös dane raphasie, per Serge
Davidenkof. (Revue neurologique. 1914. Nr. 12.) Ref.: G. Mingazzini.
Auf Grund der Untersuchung zahlreicher Aphasiker jeder Art hebt Verf.
hervor, daß sie eine typische Veränderung der Persönlichkeit aufweisen, welche
sie, bezüglich ihres Charakters und ihrer Stimmung, untereinander sehr gleich
macht. Diese Veränderung besteht in einem dauernden und ganz besonderen
Zustand ihres affektiven Lebens, für welchen Verf. die Benennung „Syndrom der
Sentimentalität der Aphasiker“ vorschlägt. Er entwirft ein vollständiges und
sehr suggestives Bild dieses Syndroms, das, obwohl es nichts weniger als selten
bei den Aphasikern beobachtet wird, weder in den großen Abhandlungen über die
Aphasie, noch in den speziellen, den Geisteszustand der Aphasiker betreffenden
Arbeiten beschrieben ist.
26) Mirror writing and other assooiated movements ooouring without
palsy, by Charles W. Burr and C. B. Crow. (Journ. of nerv, and ment,
dis« 1913. Nr. 5.) Ref.: Arthur Stern.
Es handelt sich (bei einem 27jähr. Manne) um seit der Kindheit bestehende
Mitbewegungen der Art, daß jede Finger- oder Handbewegung der einen von der
anderen Seite in derselben Weise mitgemacht und entsprechend beim Schreiben
mit der linken Hand Spiegelschrift geschrieben wird. Bei gespannter Aufmerk¬
samkeit lassen sich die Mitbewegungen (aber nur für kurze Zeit) unterdrücken.
Nervensystem und psychisches Verhalten intakt. Eine Lähmung war nicht voraus¬
gegangen. Jede Tätigkeit, bei der beide Hände unabhängig voneinander arbeiten
mußten, war erschwert; so fiel Pat. z. B. beim Seilklettern auf dem Schiff herunter.
Es kann sich um einen mangelhaft ausgebildeten Hemmungsapparat handeln, der
— auch in der Entwicklung des Kindes — die Einzelbewegungen isolieit, es
konnte aber auch eine komplette doppelseitige Vertretung der Hände in der
motorischen Hirnrinde vorliegen.
27) Kasuistik, a) Ein Fall von linksseitiger Hemiplegie mit leichten
Sohreibstörungen der rechten Hand bei einem Linkshänder; b) Muskel¬
wogen in einem hypertrophischen Triceps snrae und Abduotor halluols
bei einem neurotisch Deprimierten; c) Meningomyelitis mit Spondyloste
luetioa cervioalis bei einem Patienten .mit leichter Diatematomyelie,
unter dem Bilde einer progressiven spinalen Muskelatrophie; d) Bin
Fall von infantiler Pseudobulbärparalyse, von A. Gans. (Zeitsehr. f. d.
ges. Neurol. u. Psych. XIX. H. 3.) Ref.: M. Pappenheim (Wien).
a) Bei einem Linkshänder, der stets mit der rechten Hand geschrieben hatte,
zeigten sich beim Auftreten einer linksseitigen motorischen und sensorischen Hemi¬
plegie, die auch mit motorischer Amusie verbunden war, geringe Störungen beim
Schreiben mit der rechten Hand (Fehler in der Wiedergabe der Form einzelner
Buchstaben) ohne Apraxie und Astereognose.
b) Auf Grund deB Elektromyogramms wurde eine psychogene Natur des
Zitterns, das auch im Schlafe fortbestand, ausgeschlossen. Verf. nimmt eine spinale
Lokalisation für dasselbe an.
c) Die Frau des Pat. hat wiederholt abortiert. Pat. hat lichtstarre Pupillen,
stark positiven Wassermann im Blute, eine Alopecia areata, die sehr verdächtig
auf Lues erschien. Außer dem Bilde einer ziemlich ausgebreiteten progressiven
Muskelatrophie, die die beiden oberen Extremitäten asymmetrisch ergriffen hatte,
fand sich eine scharf umgrenzte Herabsetzung der Sensibilität für alle Qualitäten,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
572
rechts im Gebiete der oberen, links in dem der unteren Zervikalsegmente,
Schmerzen im Halse und in der rechten Schultergegend, die abends etwas heftiger
wurden, leichte Blasenbeschwerden, gesteigerte Patellarsehnenreflexe, abnormer
Fußsohlenreflex links. Eine vorhandene Spondylose der Halswirbelsäule, die zur
Erklärung der Erscheinungen nicht ausreicht, wird unter näherer Begründung als
luetisch erklärt. Außerdem bestanden ein Satyrschwanz, eine eigentümliche Ver¬
bildung der Analgegend, breite Lendenwirbel, angeborene Hohlfüße als Ausdruck
einer leichten Diastematomyelie, die als prädisponierendes Moment für die Er¬
krankung aufgefaßt wird. Unter antiluetischer Behandlung bildeten sich die
Motilitätsstörungen etwas, die Sensibilitätsstörungen völlig zurück.
d) Einer der seltenen Fälle von juveniler Pseudobulbärparalyse ohne Mit¬
beteiligung der Extremitäten — paralytische Form der infantilen Pseudobulbär¬
paralyse extrauteriner Ätiologie nach Peritz —, die im Anschluß an eine fieber¬
hafte Erkrankung im Alter von etwa 1 / 2 Jahr entstand. Seit einem Jahre be¬
standen bei dem 14jähr. Knaben Jacksonsche Anfälle.
28) Die Komponenten des musikalischen Leistungsvermögens, von Alt
(Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 12.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. erörtert hauptsächlichst, nach Besprechung der Literatur, die verschiedenen
Typen der „moteur“ usw. in ihren Beziehungen zur musikalischen Befähigung;
bei Musikalischen prävalieren die akustischen Empfindungen, bei musikalisch
weniger Begabten die Muskelinnervationsempfindungen, eine scharfe Grenze gibt
es übrigens nicht.
Zu kurzem Referate nioht geeignet, jedoch allen Interessenten zu eingehendem
Studium empfohlen.
29) Bemerkungen su v. Monakows Kapitel „Die Lokalisation der Apraxie“
in seinem Bnoh: Die Lokalisation im Großhirn, von H. Liepmann.
(Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. zeigt, wie er von v. Monakow („Lokalisation im Großhirn“ [s. d. Centr.
1914. S. 503]) mißverstanden worden ist. v. Monakow seien bezüglich der
Agnosie und Apraxie zahlreiche Irrtümer im Verstehen der Loschen Arbeiten
unterlaufen (die einzelnen Stellen des Monako wachen Buches werden kritisch
besprochen), auch seine Di aschisislehre könne durchaus nicht allgemeine Geltung
beanspruchen. Besonders irrtümlich Bei die Ansioht Monakows, daß L. den
Hauptsitz der Apraxie in die vordere Balkenregion verlege.
80) Un oas d’agönösie partielle du oorps oalleux, par Roubinowitsch
et Barde. (Nouv. Iconogr. de la Salpetr. 1913. Nr. 6.) Ref.: E. Bloch.
Ein 4 Jahre alter Kranker, komplette Idiotie. Kann nioht gehen und stehen
wegen Unfähigkeit, sich im Gleichgewicht zu erhalten. Intelligenz ist Null. Er
versteht nichts, spricht nichts, kann nicht allein essen, ist vollständig unsauber usw.
Hingestellt, fällt er sofort um, Interesse an der Umgebung nicht zu bemerken.
Exitus an Bronchopneumonie. Sektion: Ein merklicher Unterschied zwischen den
beiden Hemisphären schon beim Abziehen der Dura zu bemerken. Biegt man die
Hemisphären ganz leicht auseinander, sieht man im Grunde der Fissura hemi-
sphärica keine Spur von Balken. Trennt man die Hemisphären ganz auseinander,
so sieht man unterhalb der Balkenwindung eine starke Kompression, welche den
Platz zwischen den Hemisphären und dem Thalamus einnimmt; man sieht nur eine
dünne Membran, vermutlich den Rest des Trigonums. Von der Balkenkommissur
nicht eine Spur zu sehen. Macht man jetzt einen Horizontalschnitt durch beide
Hemisphären, so sieht man ein Band von weißer Substanz an der Innenwand der
Seitenventrikel verlaufen, welches den Lobus occipitalis und den Lobus frontalis
verbindet. Es ist also eine Spur von Balkenkommissurfasern in jeder Hemisphäre
vorhanden. Es ist eine Bestätigung der Ansicht von Lassalle-Archambault,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
573
daß in den Fällen von Fehlen des Balkens es sich nur um das Fehlen der eigent¬
lichem Balkenkommissur handelt.
31) Zwei Fälle von Verblödung im späteren Säuglingsalter mit vorüber¬
gehenden Halbseiten er s oheinungen (Apraxie einer Hand), von K. Tei¬
gast. (Monatsschr. f. Kinderheilk. XIII. H. 6.) Ref.: Zappert (Wien).
Bei zwei bisher gut gediehenen Säuglingen stellten sich plötzlich Krämpfe
ein, die nicht eigentlich konvulsivischen Charakter besitzen, sondern durch Auf¬
schrecken, Atemstillstand und tonische Parese sich charakterisieren; letztere ist bei
dem einen Fall vorwiegend auf einen Arm beschränkt. Bei beiden Kindern zeigt
sich im weiteren Verlaufe eine Hemiparese, die namentlich eine Hand betrifft.
Diese Parese geht allmählich zurück und es resultiert schließlich eine auffällige
geistige Trägheit, die sich in Idiotie um wandelt. Wahrscheinlich bandelt es sich
um eine diffuse Hirnsklerose.
32) Expression simultane© d’ömotions differentes sur les deux moities du
vlsage (diplomimique), par F. Regnault. (Compt. rend. Soc. de biol.
LXXVI. 1914. Nr. ft.) Ref.: W. Misch.
Es wird darauf hingewiesen, daß viele Gesichter in beiden Hälften einen verschie¬
denen Ausdruck darbieten, und zwar findet sich der eigentliche oder der ausgepräg¬
tere Ausdruck meist auf der rechten Gesichtshälfie, während die linke Gesichtshäifte
entweder gar keinen oder den gewöhnlichen Gesichtsausdruck hat. Es scheint dem¬
nach, als ob die meisten Menschen, ebenso wie Bie Rechtshänder sind, auch bezüglich
ihrer Gesichtsmimik Rechtser sind. Am besten kann man dies bei leichten Emotionen
beobachten, die sich unter Umständen allein auf der rechten Gesichtshälfte aus-
drücken, während die linke ihre gewöhnliche Physiognomie beibehält; die rechte
drückt das Gewollte, die linke das Unbewußte aus. Es werden verschiedene be¬
kannte Porträts als Beispiele angeführt, so Leonardos Giaconda, die nur mit der
einen Seite lächelt, und das Selbstporträt des alten Reinbrandt in der Londoner
National Gallery, dessen rechte Gesichtshälfte mit den angespannten Muskeln den
intensiv arbeitenden Künstler zeigt, während die linke Hälfte mit ihren schlaffen
Zügen ein Bild des vom Leben und vom Alkohol verwüsteten Menschen gibt.
33) Observation« on the preferential use of the right and the left bands
by monkeys, by S. J. Franz. (Journ. of amer. behaviour. III. 1913. Nr 2.)
Ref.: K. Boas.
Die Beobachtung von 6 Affen ergab, daß einer von ihnen eine besondere
Vorliebe für die Benutzung der rechten, zwei der linken Hand zeigten. Doch
sind die Untersuchungen noch zu wenig zahlreich, als daß man über die Bevor¬
zugung des Gebrauchs der einen oder der anderen Hand beim Affen irgend
etwas Bestimmtes aussagen könnte.
84) Die Asymbolien, von A.Mochi. (Siena. 1914.) Ref.: G. Mingazzini (Rom).
Diese unter der Leitung von Prof. Fragnito (Siena) ausgeführte Arbeit ist
das beste und wichtigste, was man bis jetzt über die Pathogenese und die klinische
Bedeutung der Asymbolien kennt. Nachdem Verf. mit bewunderungswürdiger
Klarheit der Ausdrucksweise die optischen und taktilen Asymbolien von allen
anderen äußerlich ähnlichen Störungen deutlich unterschieden hat, behandelt er
in dem ersten Teil der Arbeit die optischen Asymbolien und verbreitet sich be¬
sonders über die sicherste Art und Weise, sie klar zu legen. Die semiologische
Analyse der genannten Asymbolien wird durch gut gewählte klinische Kranken¬
geschichten belegt, unterstützt durch Erfahrungen über das Sehgedächtnis, die
symbolische Wahrnehmung und Orientierungsstörungen. Ein besonderes Studium
ist den sensorischen und motorischen Störungen gewidmet (sekundäre Dyspraxie),
welche Verf. ganz vorzüglich von den primären Apraxien unterscheidet.
Der zweite Teil der Arbeit ist den taktilen Asymbolien gewidmet, und hier
setzt der Autor, nachdem er alle klinischen Krankengeschichten, weiche Bich auf
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
574 —
Sprachstörungen beziehen, kurz zusammengefaßt hat, mit seinen selbständigen
Untersuchungen ein, welche das vorläufig noch dunkle Rätsel, die Pathogenese der
Stereagnosie, zu beleuchten bestimmt sind. Er schließt dieses Kapitel mit einer
sehr gründlichen klaren Analyse der Interpretationen der anatomischen Befunde
bei an derartigen Störungen leidenden Patienten.
Verf. folgert nach meiner Meinung sehr logisch, daß die Hirnsphäre, in
welcher die Läsionen auftreten, sehr ausgedehnt ist, daß sie sich jedenfalls längs
des Gebietes erstreckt, welches die sensomotorische Sphäre mit der äußeren
Fläche des Okzipitallappens verbindet, und in der Tat beweist auch mein vor
mehreren Jahren veröffentlichter Fall, daß wenigstens vorübergehend auch die
Läsion der präzentralen Stirnwindung eine Stereagnosie hervorrufen kann. Bei
einer Patientin, welche an einem Tumor des unteren Drittels der präzeutralen
Stirnwindung litt, wurde Stereagnose der Hand auf der entgegengesetzten Seite
konstatiert, eine Störung, welche sofort verschwand, nachdem die von mir dia¬
gnostizierte Geschwulst entfernt worden war.
Ich muß schließlich der Behauptung des Verl’s vollständig beistimmen, daß
nicht jede Läsion des Thalamus immer Stereagnosie hervorrufen muß. Das sogen.
Dejerine-Roux-thalamische Syndrom ist nur eins von den vielen infolge von
Läsionen des Thalamus auftretenden Syndromen. Diese Ansicht ist bereitB
Gegenstand einer Untersuchung meines Assistenten Dr. Piazza gewesen, und seine
Schlußfolgerungen stimmen vollständig mit denen des Verf.’s der besprochenen
Arbeit überein.
35) Über das Wesen des Stotterns, von E. Frösch eis. (Wiener med. Wochenschr.
1914. Nr. 20.) Ref.: Pilcz (Wien).
Nach Besprechung der Symptomatologie wendet sioh der Verf. vor allem
gegen die Kussmaulsche Definition „spastische Koordinationsneurose“ bei der Silben¬
bildung, da er auch Patienten beobachten konnte, welche bei einem isolierten
Laut stotterten. Der Verf. hält diese Konstatierung für um so wichtiger, als
bei Annahme einer Silbenstörung allein eine psychologische Erklärung des Übels
kaum möglich wäre und die rein mechanische Deutung der Kussmaul-Gutzmann-
scheu Richtung zu Recht bestände, gegen die auch sonst so vielerlei spricht.
Das Stottern hat auch verschiedene Entstehungsmöglichkeiten. Am häufigsten ist
das sogen. Entwicklungsstottern, das in einem frühen Stadium auftritt und als
reine Silbenwiederholung sich darstellt. Als Ursache dafür konnte Verf. ein
fehlendes Wort oder einen fehlenden Begriff bei starkem Sprachdrang des Kindes
feststellen. Diese initiale Störung ist fast physiologisch. Erst wenn das Kind
auf diese geringfügige Sprachhemmung (sensorischer Art) aufmerksam wird und
sich, meist durch Zwang von der Umgebung, veranlaßt sieht, sie zu überwinden,
kommt es zu übermäßigen motorischen Anstrengungen, die fälschlich als Krampf
beschrieben werden. Dann tritt Sprechfurcht dazu, da ja die Kleinen den senso¬
rischen Grund ihrer Sprachstörung nicht kennen und nur die motorische Hem¬
mung fühlen. Sie beginnen deshalb an „schwere Buchstaben“ und „schwere
Worte“ zu glauben, ein Gedanke, der von nun ab immer wieder zu Hemmungen
führt, die dann auf die gewohnte Art überwunden werden. Die Kussmaul-
Gutzmannsche „Krampftheorie“ erscheint nach diesen Ausführungen nicht als
stichhaltig.
36) Stottern und Nystagmus, von E. Frösch eis. (MonatBschr. f. Ohrenheilk.
u. Laryngo-Rhinologie. XL1X. 1915. H. 2 u. 3.) Ref.: K. Boas.
Bei Stottern sah Verf. niemals Nystagmus auftreten, wohl aber oft tonisches
Verdrehen der Augen nach einer Seite. In allen am Stottern beteiligten Muskel¬
gruppen treten tonische und klonische Bewegungsstörungen auf, die auf abnormen
Bewegungen beruhen, welche aus willkürlichen Bewegungen hervorgegangen sind
und auch immer in einem gewissen Zusammenhänge mit dem Willen stehen.
Digitized by
Go. igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
575
37) Ein Beitrag zur Kasuistik des Stotterns, von Titius. (Allgem. Zeitsohr.
f. Psychiatrie. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz).
Bei Geisteskrankheiten kommt es zu mannigfachen Veränderungen der Sprache,
darunter auch zu solchen im Sinne des Stotterns. Im Gegensätze, dazu berichtet
Verf. über 2 Fälle (Kalatonie und manisch-depressives Irresein), bei welchen in
Zeiten heftigster Erregung der angegebene Fehler des Stotterns vollkommen ver¬
schwand, in der Buhe aber sich wieder einstellte. Ursache dafür sind Affekte,
welche Euphorie und gehobenes Selbstbewußtsein erzeugten und die gewöhnlichen
ängstlichen Vorstellungen, welche beim Stottern eine Bolle spielen, unterdrückten.
Tetanus.
38) Zur Magnesiumbehandlung des Tetanus, von Kurt Strohmeyer. (Münch,
med. Wochenschr. 1914. Nr. 28.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. berichtet über fünf mit Magnesium behandelte Tetanusfälle, DieBesultate
waren schlecht: 80°/ 0 Mortalität. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß
zwei der Gestorbenen mit schweren Pneumonien in die Behandlung traten. Be¬
merkenswert ist, daß in zwei Fällen eine weitgehende Anästhesie auftrat; die
Magnesiumeinführung erfolgte subdural nach Auswaschung des Subduralraumes mit
physiologischer Kochsalzlösung. In dem einen Falle stellte sich ein Deoubitus
ein von einer Ausdehnung und Schwere, wie man ihn sonBt nur bei tropho-
neurotischen Störungen beobachtet. Als konstante Wirkungen waren Schlaf, Auf¬
hören der Krämpfe, Herabsetzung des Muskeltonus und der Beflexerregbarkeit und
Verlangsamung der Atmung festzustellen. Atmungsstörungen traten nie ein. Zur
Anwendung gelangten kleine Dosen; das prompte Abklingen der Symptome er¬
mutigt den Verf., die Anwendung größerer Dosen für später ins Auge zu fassen.
Die schlechten Besultate führt er auf die außerordentliche Schwere der Fälle
zurück.
39) Zur Serumprophylaxis bei Tetanus traumatious, von J. Dubs. (Korre-
spondenzbl. f. Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 20.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über einen 17jährigen Menschen mit Verletzung am rechten
Unterarm. Es wurde eine zweimalige prophylaktische Injektion von Tetanusserum,
und zwar nach einer und nach 24 Stunden, vorgenommen. Nach 2 l / 2 Tagen erfolgte
Amputation, nach 5 Wochen ging der Pat. an Tetanus zugrunde.
Im Anschluß an den geschilderten Fall erhebt Verf. die Forderung, daß die
prophylaktische Seruminjektion während eines Zeitraumes bis zu 5 Wochen in
kürzeren Intervallen, z. B. alle 7 bis 12 Tage, wiederholt werden müsse. Die
Menge des zu injizierenden Serums ist höher, als man es bisher tat, zu bemessen.
Bei der Lokalbehandlung dürfen die regionären Lymphdrüsen nicht außer acht
gelassen werden, da sie der Sitz von Bazillen sein können. Wenn man genötigt
ist, zur Amputation zu schreiten, so soll man die regionären Lymphdrüsen stets
mit entfernen.
40) Über die Behandlung des Tetanus mit subkutanen Injektionen von
Magnesium sulfurioum, von Fr. Reingruber. (Inaug.-Dissert. Göttingen
1915 u. Therapeut. Monatsh. 1915. März.) Ref.: K. Boas.
Zwei aus der Göttinger Universitätskinderklinik mitgeteilte Fälle beweisen,
daß durch große gehäufte Magnesiumdosen es gelingt, auch wenn die Krankheit
noch im Fortschreiten begriffen ist, die Anfalle und namentlich auch den all¬
gemeinen Spasmus wirksam zu bekämpfen. Verf. betont jedoch ausdrücklich, daß
man bösartige Fälle von Tetanus auch hiermit nicht wird beeinflussen können,
weder bei Neugeborenen, wie Verf. selbst in einem Falle sab, noch bei Erwachsenen.
Bei leichten Fällen von Tetanus ist die subkutane Magnesiumbehandlung
überflüssig. Die Aufgabe dieser Methode ist es vielmehr, mittelschwere und schwer
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
576
protrahierte Fälle — jedoch nicht schwerste Fälle —, die durch Behinderung der
Atmung und der Nahrungsaufnahme und Erschöpfung zugrunde zu gehen drohen,
durch symptomatische Linderung von Spasmus und Anfällen über die schwerste
Zeit hinwegzuhelfen.
Die subkutane Magnesiumtherapie dürfte sich folgendermaßen gestalten:
Technik: Bei einem Kinde verwende man 20- bis 25°/ 0 ige, bei Erwachsenen
nach Usener (Münchener med. Wochenschr. 1914) 40- bis 50°/ o ige Lösung von
Magnesium sulfuricum cristallisatum. Als Lösungsmittel .nehme man entweder
frisch destilliertes Wasser oder reines Leitungs wasser, filtriere und koche es vor
Gebrauch auf. Die Kanüle wird so tief eingestochen, daß man unter das Fett
gerade auf die Faszie gelangt; mit einer mit physiologischer Kochsalzlösung ge¬
füllten Spritze injiziert man ein wenig davon; liegt die Kanüle richtig, so ent¬
steht keine Quaddel. Jetzt erst injiziere man mit einer anderen Spritze die
Magnesiumlösung. Danach kann man noch einmal vermittelst der Kochsalzspritze
die Kanüle mit physiologischer Kochsalzlösung füllen, damit beim Heraußziehen
kein Magnesium in das Fett gelangt. Doch ist dieser Akt nicht so notwendig
wie bei Neosalvarsan. Diese Wechselmann sehe Technik hat sich hier ebenso wie
bei Neosalvarsan bewährt.
Dosierung: Die Einzeldose beträgt 0,2 pro Kilogramm Körpergewicht; doch
mag man sich zu Anfang mit 0,16 bis 0,18 begnügen. Die Wiederholung der
Einspritzung erfolgt in 2- bis 3 ständigen Intervallen, bis eine gewisse Wirkung
erzielt ist; also z. B. vormittags bis in die frühen Nachmittagsstunden. Dann ist
eine längere, selbst über 12ständige Pause möglich und wenigstens zweifellos
größere Intervalle ratsam. Am nächsten Morgen beginne man in derselben Weise.
Die Methode ist bereits von Usener zur Behandlung des Kriegstetanus mit
Erfolg verwendet worden.
41) Tetanuslnfektion einer Fremdkörperstichverletzung der Orbita mit
Zurückbleiben des Fremdkörpers ohne Ausbruch des Tetanus, von
R. Nüremann. (Inaug.-Dissert. Gießen 1914.) Ref.: K. Boas.
Ein 15jähriger Weißbinderlehrling, der mit dem linken Auge auf einen im
Chausseegraben liegenden, mit Dorngestrüpp bedeckten spitzen Stein gefallen
und 1 / 2 Stunde bewußtlos geblieben war, wurde am nächsten Tage in die Augen¬
klinik eingeliefert. In dem stark geschwollenen linken oberen Augenlid befand
sich in der einen Hälfte eine mit Eiter bedeckte, unregelmäßige, gequetschte
Hautwunde. Bulbus stark vorgetrieben, nach unten außen verdrängt, schwer be¬
weglich, namentlich nach oben. Zwischen den Lidern quillt die chemotiscbe Binde¬
haut hervor. Starker Schmerz in der Orbita. Bei Druck auf das Lid entleert
sich aus der Wunde blutig-eitriges Sekret mit Luftblasen. Fundusbild normal.
Sehschärfe ®/jo bis 6 / 7 t ß. Temperatur über 38°. Im Röntgenbild kein Fremd¬
körper sichtbar. Zur Vorsicht Einspritzung von 20 I.-E. Tetanusantitoxinserum.
In den drei ersten Tagen war die Temperatur etwas erhöht, dann immer unter 37°.
Trotz Abnahme der Lidschwellung Zunahme der Eiterung aus der Lidwunde bei
gleichbleibender Stellungsveränderung und Beweglichkeitsstörung des Auges. Nach
4 Tagen wurde hinter der Mitte des oberen Augenhöhlenrandes in der Orbita
eine Resistenz sichtbar, die auf Druck nicht schmerzhaft war. In tiefer Narkose
Inzision. In der Tiefe wird fest eingekeilt ein 3 l / 2 cm langes und Vs 0 ™ dickes
Stück eines Strauchastes gefunden, das sich nur schwer extrahieren ließ. Von
dem Fremdkörper wurden Tetanusbazillenkulturen gewonnen, die für Mäuse und
Meerschweinchen virulent waren. Es wird eine zweite und nach einigen Tagen
eine dritte Injektion von je 20 I.-E. Tetanusantitoxin gemacht. Die zur Wund¬
tamponade benutzten Gazetampons wurden mit Tetanusantitoxin durchtr&nkt.
Dauernde Eiterabsonderung aus der Wunde und Stellungsveränderung des Auges
mit schwerer Beweglichkeitsstörung. Bei einer 14 Tage nach der letzten Injektion
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
577
aasgeführten Sondierung der Orbitalwande kommt mit etwas Eiter ein kleiner
borkenähnlicher Fremdkörper aus der Wunde hervor, und unter dem Orbitaldache
wird wieder eine Resistenz fühlbar. Nochmals tiefe Inzision und Entfernung eines
gleich großen Fremdkörpers, die andere Hälfte des Strauchastes. Auch an diesem
Fremdkörper wurden noch virulente Tetanusbazillen in Kultur- und Tierexperi¬
ment nachgewiesen. Daraufhin eine vierte Injektion von Tetanusantitoxin. Nun¬
mehr tritt bald völlige Heilung ein. 3 Monate nach der Verletzung war der Pat.
völlig wiederhergestellt.
Der vorliegende Fall beweist von neuem, daß eine frühzeitige Injektion von
Tetanusantitoxin den Ausbruch des Tetanus trotz starker Wirkung der Bazillen
zu verhüten imstande ist. Den fünf Heilungsfallen, in denen Tetanusantitoxin
angewendet wurde, stehen neun Fälle gegenüber, in denen trotz der Anwendung des
Serums der Exitus letalis eintrat. Diese zweifelhafte Wirkung des Tetanusantitoxins
nach ausgebrochener Erkrankung hat sich auch bei von irgend einer anderen
Stelle des Körpers ausgehendem Tetanus bestätigt, ebenso wie die rechtzeitige
prophylaktische Injektion auch dort stets gute Erfolge gebracht hat.
42) Qlyzdrlnpho8phorsatirea Magnesium (Merok) als Ersatz für Magnesium¬
sulfat bei der Behandlung des Tetanus, von G. Zuelzer. (Berliner
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. geht von der Annahme von Meitzer (vgl. d. Centr. 1915. S. 401)
aus, daß dem Magnesiumsulfat bei intraspinaler Anwendungsweise eine in gewissem
Sinne kausale Wirkung zukommt. Er warnt davor, zwecks Lumbalpunktion den
Patienten zu ätherisieren; er hat in mehreren von vornherein schweren Fällen
infolge der Narkose ernste Kollapse erlebt, die zweimal zum Tode führten. Die
Kombination von Magnesium mit Schlafmitteln ist nach Verf. verhängnisvoll.
Verf. hat nun das Magnesiumsulfat durch das glyzerinphosphorsaure Magnesium
ersetzt in der Annahme, daß die Glyzerinphosphorsäure als Spaltungsprodukt des
Lezithins dem Nervengewebe, in welchem das Magnesium seine blockierende
Wirkung auszuüben hat, adäquater sein müßte, von ihm leichter aufgenommen
werden würde als das Sulfat. Das glyzerinsaure Magnesium wird in der Höchst-
konzentration von 25°/ 0 in sterilen Ampullen von je 5 und 10ccm von Merck
geliefert. 10 ccm der 25°/ 0 igen Lösung können anstandslos intravenös injiziert
werden, ohne eine merkbare Alteration des Pulses herbeizuführen. Intramuskuläre
und intravenöse Einspritzung wurden gut vertragen und kaum als schmerzhaft
empfunden. Beide Einspritzungsarten haben eine augenblickliche Wirkung: die
Krämpfe — selbst schwerste — hören sehr schnell auf; alle 3 bis 4 Stunden je
10 ccm injiziert genügen, um die Krämpfe vollkommen latent und den Patienten
fast schmerzfrei zu halten. In schweren Fällen sind 5 ccm intralumbal zu in¬
jizieren. Verf. hat tagelang 10 bis 20 g der 25 °/ 0 ig e n Lösung pro die ohne die
geringsten Schädigungen injiziert. Er schildert ferner einen Fall, der die Über¬
legenheit des Merck sohen Präparates vor dem Sulfat erkennen läßt.
43) Über die „Fibrillentheorie* 4 und andere Fragen der Toxin- nnd Anti-*
toxinwanderung beim Tetanus, von L. Aschoff und H. E. Robertson.
(Medizin. Klinik. 1915. Nr. 26 u. 27.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die VerfF. kommen zu folgenden Schlußfolgerungen:
1. Bei bereits eingetretener Tetanuserkrankung, d. h. bei der gewöhnlichen
durch Trismus charakterisierten deszendierenden Form, ist eine sofortige intra¬
venöse Injektion von 20 A.-E. geboten. Wenn der Zustand des Verwundeten es
gestattet, kann daran eine subarachnoidale, zervikale oder lumbale Injektion von
20 bis 100 A.-E. angeschlossen werden, welch letzterer eine Beckenhoohlagerung
folgen muß, wenn sie überhaupt Bedeutung haben soll. Alle subkutanen Injek¬
tionen, auch in mehrstündlichen Wiederholungen, sind entweder zwecklos oder
ersetzen wenigstens die sofortige intravenöse Injektion in ihrer Wirkung nicht,
XXXIV. ' 37
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
578
bedeuten daher, besonders bei Anwendung großer Dosen, eine nach unsern bis¬
herigen Kenntnissen der Toxin- und Antitoxinwanderung nicht gerechtfertigte Ver¬
schwendung des kostbaren Materials.
2. Dagegen kann gegen eine etwa in wöchentlichen Zwischenräumen vor-
genommene wiederholte Injektion von 20 A.-E., diesmal subkutan, oder gegen die
Anwendung von Antitoxinverbandstoffen nichts eingewendet werden. Vielmehr ist
eine solche Wiederholung aus prophylaktischen Gründen immer geboten, wenn
etwa ein späterer chirurgischer Eingriff an der verletzten Extremität geplant wird.
3. Für die prophylaktische Injektion des Tetanusantitoxins gilt als erste
Vorschrift, daß dieselbe so früh wie irgend möglich, wenn angängig noch inner¬
halb der ersten 24 Stunden nach der Verletzung, subkutan oder intravenös ge¬
geben wird. Im Notfälle kann die Injektion durch Begießen des Verbandstoffs
mit Antitoxin ersetzt werden. Die Herstellung und Benutzung von gebrauchs¬
fertigem, trockenem Antitoxinverbandstoff ist wünschenswert und nicht aussichtslos.
Sie würde die Wirkung der späteren Injektion nur unterstützen.
4. Der Schutz einer prophylaktischen Antitoxininjektion dauert praktisch
eine Woche. Wunden, die sich bis dahin nicht gereinigt haben, würden am
8. Tage mit Antitoxinverbandstoff zu verbinden sein. Jedem am 8. Tage oder
später vorzunehmenden chirurgischen Eingriff an einer verletzten Extremität mit
ungereinigter Wunde sollte eine erneute Antitoxininjektion von 20 A.-E. entweder
subkutan 24 bis 48 Stunden oder intravenös kurz vor der Operation vorausgehen.
44) Serumexanthem mit Grünsehen nach Einspritzung von TetanuBanti-
toxin, von Fritz Callomon. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 27.) Ref.: E.Tobias.
Verf. schildert einen Fall von Kriegsverletzung, bei dem ein Musketier am
13. Tage nach einer subkutanen Einspritzung von 100 I.-E. Tetanusantitoxin
Höchst einen Temperaturanstieg auf 38,1 bekommt, Kopfweb, Gliederschmerzen und
ein juckendes, frischrotes Exanthem; serpiginös begrenzte Flecken und Rötungen
von urtikariellem Charakter am ganzen Körper, doch weniger am Stamm als an
den Extremitäten, besonders an deren Streckseiten, zum Teil schon nach Stunden,
zum Teil in den nächsten 3 bis 4 Tagen abblassend; die quaddelartigen Herde
nehmen dabei zentral einen lividen Farbenton an. Am Tage des Ausbruchs
sieht Pat. alles um sich herum und an sich selbst nur in grüner Farbe, eine
Erscheinung, welche mehrere Stunden andauert, um nach völligem Abklingen nor¬
maler Farbenempfmdung zu weichen.
Psychologie.
• 45) Leitfaden der physiologischen Psychologie in 16 Vorlesungen, von
Th. Ziehen. (10., völlig umgearbeitete Auflage. Jena, Gustav Fischer,
1914.) Ref.: Bratz (Dalldorf).
Ziehens physiologische Psychologie, eine der bedeutendsten Veröffentlichungen
in seinem bisherigen Lebenswerke, ist ein Buch, dessen Darstellungsart auch die¬
jenigen rühmen, welche grundsätzlich auf einem anderen Standpunkt stehen.
Dieser Leitfaden ist aber in seinen früheren Auflagen an dieser Stelle so oft be¬
sprochen worden, daß eine Würdigung des Buches sich erübrigt.
Es genügt daher, bei der vorliegenden 10. Auflage darauf aufmerksam zu
maohen, daß sie völlig umgearbeitet, mit dem neuesten Literaturnachweise und
mit genauer Beschreibung aller messend-psychologischen Methoden versehen ist.
Ein sorgfältig bearbeitetes Sach- und Personenregister erleichtert rasches Nach¬
schlagen bestimmter Gegenstände.
46) Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen. Bd. II. H. 4.
Januar 1914. Ref.: Th. Ziehen.
Psychiatrisches bzw. neuropathologisches Interesse bietet in diesem Heft außer
drei kürzeren Mitteilungen von Pick (Zur Psychologie der Abstraktion, Zur Psycho-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
579
logie der sogen. Impersonalien, Zar Psychologie des pathologischen Plagiats)
namentlich die zusammenfassende Darstellung von v. Frey „Neuere Untersuchungen*
über die Sinnesleistungen der menschlichen Haut“. Auch diejenigen, welche den
Freyschen Standpunkt nicht teilen, werden diese übersichtliche und klare Zu¬
sammenstellung seiner Ansichten willkommen heißen. Insbesondere berücksichtigt
Verf. dabei auch seine neueren, in der Zeitschrift f. Biologie veröffentlichten
Forschungen über die Verschmelzung und die räumlichen Eigenschaften der Haut¬
empfindungen. Auch auf die Ausführungen über die Hitzeempfindungen, welche
in der Neuropathologie noch lange nicht die ihnen gebührende Beachtung gefunden
haben, sei speziell hingewiesen. Auch die Arbeit von Peters und Nömeöek
„Massenversuche über Erinnerungsassoziationen“ ist für die Pathologie interessant.
Die Verff. riefen den Versuchspersonen (Schülern der Handelsakademie und Volks¬
schülern) ein Reizwort zu, und diese hatten den Auftrag, darauf mit einer Er¬
innerung an ein persönliches Erlebnis zu reagieren. Durch Fragen wurde dann
festgestellt, ob und wie das Erlebnis selbst beim Erleben gefühlsbetont war, ob
auch im Augenblick des Erinnerns ein Gefühlston vorhanden war usf. Im ganzen
blieben nur 12 °/ 0 der Versuche ohne Reaktion. Die meisten der erinnerten Er¬
lebnisse (80 bis 86°/o) waren gefühlsbetont, und zwar wurden lustbetonte Erleb¬
nisse häufiger reproduziert als unlnstbetonte. Mit dem Alter scheint der Prozent¬
satz der reproduzierten lustbetonten Erlebnisse zuzunebmen. Die Verff. nehmen
an, daß „der Mensch erst allmählich lernt, die Unlust abzuwebren, indem er das
Aufsteigen von Erinnerungen an unlustbetonte Erlebnisse unterdrückt“. Auf die
Pubertät ist es nach den Verff. wohl zurückzuführen, daß doch andererseits die
16jährigen Handelsakademiker in größerer Zahl mehr unlustbetonte als lust-
betonte Erlebnisse erinnern (im Gegensatz zu Volksschülern und Erwachsenen).
Die Pubertät bedingt nicht nur eine stärkere Emotionalität überhaupt, sondern
auch speziell eine stärkere Betonung der Unlastseite des emotionalen Lebens.
Auch die Erinnerungen selbst sind bei allen Kategorien der Versuchspersonen
öfter gefühlsbetont als indifferent, namentlich bei jugendlichen Personen, und
zwar gleichfalls öfter lustbetont als unlustbetont („Tendenz zur Unlustminderung“).
Ref. hat im Anschluß an eine frühere Arbeit (Gesellsch. d. Naturf. u. Ärzte, 1913.
Allg. Teil u. Das Gedächtnis. Berlin 1908. S. 14) bereits ähnliche Untersuchungen
bei Melancholie und Manie angestellt und kann nur empfehlen, diese Versuche
weiter auszudehnen und zwar in Verbindung mit Messung der Assoziationszeit.
47) Der psyohologisohe Ursprung des Stotterns, von Oscar Aronsohn.
(Samml. zwangl. Abhandl. a, d. Geb. d. Nerven- u. Geisteskrank!). XI. H. 1.
Halle a/S. 1914. 24 S.) Ref.: Th. Ziehen.
Verf., der leider vor kurzem durch den Tod der Wissenschaft entrissen worden
ist, gibt in dieser seiner letzten Arbeit eine interessante Analyse der psychischen
Vorgänge, welche dem Stottern zugrunde liegen. Er betont namentlich, daß das
Stottern ursprünglich nur an den Anfang des Sprechens geknüpft ist und des¬
halb die Stottererscheinungen zu Anfang des Sprechens als primär zu betrachten
sind. Die unmittelbare Ursache der letzteren ist nach Verf. einerseits das pflicht¬
gemäße Bestreben des Stotterers, sein leicht erregbares Innenleben zu verbergen
und andererseits der Drang, den Gedanken in überhastender Rede Ausdruck zu geben.
Die Angst vor bestimmten Worten oder vor Worten mit bestimmtem Anlaut wird
auf den Einfluß hysterischer „Duldervorstellungen“ („Dulderneurose“) zurückgeführt.
• 48) Der Traum ein assoziativer Kurzschluß, von Hans Henning. (Wies¬
baden, J. F. Bergmann, 1914. 66 S ) Ref.: Tb. Ziehen.
Nach einer zutreffenden, an viele interessante Einzelbeobachtungen anknüpfen¬
den Kritik der Freud sehen Traumtheorie versucht Verf. den Traum bzw. be¬
stimmte Eigentümlichkeiten der Ideenassoziation des Traumes auf einen „Kurz¬
schluß“ der Assoziationsbahnen zurückzuführen. Als Paradigma eines Kurz-
87*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
580
Schlusses im Wachleben wird z. B. folgende Assoziation angeführt: Als Reizwort
wird „Vater“ gegeben, und das Reaktionswort „Gott“ ist bereits assoziativ an¬
gebahnt, als interkurrent, vor Abschluß der Assoziation, als Störungswort „Mutter 14
zugerufen wird; darauf erfolgt statt der angebahnten Assoziation „Gott“ die Asso¬
ziation „Familie“. Damit verbindet sich eine Verkürzung der Assoziationszeit
und Lustbetonung. Auch unlustbetonte Verlängerungen der Reaktion durch das
Störungswort (Langschlüsse) glaubt Verf. beobachtet zu haben. Er nimmt dann
weiter an, daß im Traum solche und andere Kurzschlüsse eine erhebliche Rolle
spielen und für den springenden Vorstellungsablauf des Traumlebens eine Er¬
klärung geben.
49) Zur Psychologie konträrer Strebungen, von W. Hör stmann. (Zeitschr.
f. d. ges. Neurol. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: G. Stiefler.
Dem Prinzip der Anziehung und Abstoßung, das sich bei Betrachtung des
Physischen immer wieder und allerorts in den Vordergrund drängt, entspricht eine
gewisse Polarität der Bewußtseinserscheinungen, die wir uns als in unserer Organi¬
sation begründet vorstellen dürfen.
1. Diese Polarität sämtlicher seelischer Prozesse, die Neigung des Gefühls
zur Invertierung und die Labilität des Gleichgewichts der Kontrastvorgänge sind
disponierende Momente für die Entstehung konträrer Strebungen.
2. Ob eine Erregung positiv (Vitalität erhöhend) oder negativ (Vitalität
störend) registriert wird, ist a priori nicht abzusehen. Die Registrierung wird
eine verschiedene sein entsprechend den verschiedenen Dispositionen der psycho¬
physischen Organisation.
3. Der Negativismus stellt im Ausbau der Persönlichkeit eine konstruktive
Notwendigkeit dar.
4. Der Kontrasthunger ist ein aktives Moment bei der Entstehung konträrer
Strebungen.
6. Der Negativismus ist ein Ermüdungssymptom.
6. Sadismus und ein Teil der Zwangsvorstellungen und der impulsiven Hand¬
lungen stellen in vielen Fällen möglicherweise nur eine veränderte Entäußerungs¬
form des Negativismus dar.
Verf. führt dann weiter aus, daß wir auch in der höheren geistigen Betätigung
auf die gleichen Wirksamkeiten stoßen, die ihm für die Entstehung konträrer
Strebungen in den primitiven psychischen Prozessen von grundlegender Bedeutung
zu sein scheinen, und versucht durch kurze Hinweise, unter Anführung von Bei¬
spielen und Aufstellung von Vergleichspunkten, zu zeigen, wie diese Prinzipien in
verschiedenen Disziplinen bestimmend auftreten.
60) Unsere heutige Kenntnis der sogen. Doppelempflndungen, von Hilbert.
(Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 1914. Mai.) Ref.: Fritz Mendel.
Das Gemeinsame aller Doppelempfindungen besteht darin, daß sie um so
stärker empfunden werden, je weniger das damit behaftete Individuum darauf acht
gibt, und daß sie bei jedem Individuum stets in gleicher und unveränderlicher
Weise auftreten. Weiter sind die Doppelempfindungen in der Kindheit intensiver
als in späterem Alter, auch hat es sich herausgestellt, daß sie in hohem Grade
vererblich seien. — Doppelempfindungen bei psyohopathischen Personen kommen
nicht häufiger vor als bei normalen.
61) Die Frau als Klientin, von Horch. (Archiv f. Frauenkunde u. Eugenetik.
1915. H. 1.) Ref.: Jolly (Halle aS.).
Aus seiner langjährigen Anwaltspraxis teilt Verf. zur Psychologie des Weibes
nicht uninteressante Beobachtungen mit. Selten finde sich größte Offenheit, rück¬
haltloses Vertrauen in so schroffem Gegensatz zu tiefstem Mißtrauen und hart¬
näckiger Verlogenheit, echte Dankbarkeit so eng gepaart mit schroffstem Undank
als bei der rechtsuchenden Frau. Die Frau sei entweder derart verzagt, daß die
Digitized by
Gougle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
581
umsichtige Darlegung ihres Rechtes sie von ihrer Scheu, dieses Recht vor Gericht
zu suchen, nicht befreien könne, oder derart hartnäckig, daß jede Möglichkeit, ihr
Recht als zweifelhaft darzustellen, ausgeschlossen erscheine. Müsse sie einen Eid
leisten, so sei sie entweder so ängstlich, daß jede ruhige Überlegung ausgeschlossen
sei und sie den Eid verweigere, oder aber, sie lasse das Kampfmittel unter keinen
Umständen aus den Händen. Die letzte Ursache bei Ehescheidungsprozessen liege
sehr häufig in der bewußten oder unbewußten Differenzierung der sexuellen Be¬
dürfnisse. Die Frau zeige in der Mitteilung sexueller Dinge fast stets weniger
Zurückhaltung. Bei* Verfolgung persönlicher Rechtsansprüche sei der weibliche
Klient gegenüber den eigenen Geschlecbtsgenossen selten entgegenkommend und
nachsichtig. _
Kriegsbeobachtungen.
62) Über die traumatischen Lähmungen des N, radialis und ihre Behand¬
lung, von 0. Volp. (Inaug.-Dissert. Würzburg 1914.) Ref.: K. Boas.
Zusammenfassung: 1. So lange die primären Lähmungserscheinungen nicht
zunehmen, kann man exspektativ verfahren.
2. Da man kein absolut sicheres Mittel hat, zu entscheiden, ob eine Kon*
tinuitätstrennung des Nerven vorliegt oder nicht, so muß der Nerv freigelegt
werden, wenn die Lähmung nicht in wenigen Tagen zurückgeht.
3. Bei Kontinuitätstrennung soll möglichst sofort nach dem Unfall die
Nervennaht vorgenommen werden.
4. Die Abtragung eines Stückes des Humerus muß vorgenommen werden,
wenn die Entfernung zwischen den Nervenenden so groß ist, daß eine Annäherung
ohne allzu große Spannung nicht möglich ist. Unter Umständen kann aber auch
die indirekte Verbindung mit Katgutfäden und Einlegung der beiden Nerveu-
stümpfe nebst den Verbindungsfäden in ein aufsaugbares Drain verbucht werden.
Die Anwendung des letzteren allein erscheint zu unsicher.
5. Jede sekundär aufgetretene Radialislähmung indiziert sofort den operativen
Eingriff, zumal wenn die Lähmungserscheinungen zunehmen. Was den Zeitpunkt
der Operation betrifft, so soll man möglichst früh operieren, um ein Weitergreifen
degenerativer Prozesse am Nerven aufzuhalten; aber auch in ganz veralteten
Fällen soll blutig eingegriffen werden, da man konservativ nicht zum Ziele kommt.
Die durch die Operation erzielten Resultate in der Literatur wie in der Marburger
chirurgischen Klinik sind als absolut günstig zu bezeichnen.
Verf. stellt in seiner Arbeit zusammen: 1. 5 Fälle von primärer Naht: 1 Fall
aus der Marburger chirurgischen Klinik und 4 Fälle aus der Literatur;
2. 20 Fälle von sekundärer Nervennaht: 1 Fall aus der Marburger chirurgi¬
schen Klinik und 19 Fälle aus der Literatur;
3. 22 Fälle von Loslösung des Nerven aus drückendem Gewebe: 2 Fälle aus
der Marburger chirurgischen Klinik und 20 Fälle aus der Literatur.
4. 2 Fälle von Heilung traumatischer Radialislähmung ohne Operation aus
der Marburger chirurgischen Klinik.
Im Anschluß an die obige Kasuistik werden klinische Betrachtungen an¬
gestellt.
Psychiatrie.
•63) Leitfaden sum Unterricht für das Pflegepersonal an öffentlichen
Irrenanstalten, von Heinrich Schloss. (5. Aufl. Wien u. Leipzig, Franz
Deuticke, 1915.) Ref.: Bratz (Dalldorf).
Unter den 5 bis 10 Leitfäden, welche wir für den Unterricht des Pflege¬
personals besitzen und unter denen man je nach Wunsch einen knapper oder
breiter gehaltenen auswählen kann, ist das in 5. Auflage erschienene Büchelchen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
582
des erfahrenen österreichischen Irrenarztes, Regierungsrat und Direktor Schlöss,
eins der ältesten und besten, von mittlerem Umfange. Wie die meisten, behandelt
auch dieser Leitfaden in einem ersten Teile die allgemeine Krankenpflege, in
einem zweiten die besonderen Bedürfnisse der Irrenanstaltsbehandlung. Volkstüm¬
licher Vortrag und klare Bilder helfen der Verdeutlichung.
Das Lehrbuch wird neben anderen wohl von den meisten Lehrenden als
Vorbereitung für die Unterrichtskurse benutzt. Daneben würde Ref. es gern in
die Hand älterer und schon unterrichteter Pfleger zur Selbstunterweisung und
Wiederholung geben, mit der Maßgabe, daß das Büchlein in den Besitz der Pfleger
als immer bereiter Lehrstoff übergeht. Merkwürdigerweise scheint diese nahe¬
liegende, nicht allzu kostspielige Weise der Fortbildung wenig benutzt zu werden.
64) Über weibliche Pflege auf der Mftnnerabteilung der KSnigl. Sächs.
Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß bei Colditz, von Hösel. (Zeitschr.
f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. H. 2.) Ref.: Bratz (Dalldorf).
Verf. berichtet über die günstigen Erfahrungen, welche er bei dem Ersatz
des männlichen Pflegepersonals durch weibliche Kräfte auf einem Teil der Männer^
abteilung der Sächsischen Landesanstalt Zschadraß gemacht hat.
Die Durchführung erleichterte gerade im Königreich Sachsen der Umstand, daß
hier bereits seit 25 Jahren eine staatliche Einrichtung besteht, welche die Heran¬
bildung weiblicher Fflegekräfte zur Aufgabe hat. Das ist das Königl. Schwestern¬
haus in Hubertusburg.
In Zschadraß sind übrigens nur die Hälfte der weiblichen Pflegerinnen
Schwestern, die andere Hälfte sind Hilfswärterinnen. Ferner sind noch einige
männliche Pfleger tätig, welche für Ausnahmefälle zur Hand sind, die rüstigeren
Kranken baden, während die hinfälligen von den Schwestern gebadet werden.
66) Die neuen Aufnahmsgebftude der Anstalt Leipzig*Dösen, von Müller.
(Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Die Anstalt wurde durch ein Männer- und ein Frauenhaus für je 110 Kranke
vergrößert. Die eingehende Beschreibung der mit den neuesten Errungenschaften
des Anstaltswesens ausgestatteten Gebäude muß im Original nachgelesen werdend
• 66) Element! di aaslstenza e teonica manioomiale ad uso degli informiert,
per L. Bianchini. (Padua, Drucker, 1914.) Ref.: K. Boas.
Der vorliegende kurze Leitfaden ist dazu bestimmt, dem Pflegepersonal eine
Anleitung zum Umgang und zur Behandlung Geisteskranker zu gehen. Auf Grund
der Durchsicht des Büchleins kann man, ohne mit der Darstellung in allen
Punkten einverstanden zu sein, sagen, daß es seinen Zweck vollständig erreicht
67) Frühe Entlassungen, von Bleuler. (Wiener raed. Wochenschrift. 1914.
Nr. 50.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. bespricht diese für den Anstaltsirrenarzt wichtige Frage an der Hand
seiner reichen Erfahrung unter Erörterung der einzelnen speziellen Krankheits¬
formen. In Betracht kommen hauptsächlich schizophrene Fälle. Verf. batte be¬
kanntlich denselben Gegenstand schon in der Psychiatrischen Wochenschr. 1905
einer eingehenden Studie unterzogen.
68) Über das numerisohe Verhältnis der Ärzte und Pflegepersonen in den
öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke
zur Anzahl der Kranken, von Schlöss. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.)
Ref.: Zingerle (Graz).
Verf. berücksichtigt die österreichischen, deutschen, französischen, englischen,
italienischen, belgischen, niederländischen und schweizerischen Anstalten. Das
Ergebnis ist, daß bezüglich des numerischen Verhältnisses der Anstaltsärzte zur
Anzahl der Kranken Deutschland die günstigsten (1 Arzt auf 112 Kranke),
Großbritannien die ungünstigsten Verhältnisse (1 Arzt auf 278 Kranke) aufweist.
Das numerische Verhältnis der Ärzte zur Zahl der Aufnahmen beträgt für Deutsch-
Di gitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
583
land 1 Arzt auf 45 Aufnahmen, Österreich 1 Arzt auf 53 Aufnahmen, ist am
besten für Belgien 1 Arzt auf 39 Aufnahmen. In Deutschland kommt 1 Pflege¬
person auf 5,91 Kranke, in Österreich (außer Niederösterreich) auf 6,46, in Frank¬
reich auf 10,22, in den Niederlanden auf 5,22 Kranke.
Eingehend bespricht noch Verf. die ungünstigen bezüglichen Verhältnisse der
Anstalt Steinhof bei Wien.
59) Die soziale Stellung der Anstaltsftrzte, von van Dev ent er. (Allgem.
Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz).
Die Aufgaben des Psychiaters sind in und außerhalb der Anstalt in den
letzten Jahren immer mehr gewachsen und stellen Anforderungen, die vom Ein¬
zelnen nur mehr mit Aufbietung aller Kräfte geleistet werden können. Im Gegen¬
sätze damit und trotz der Tatsache, daß alle Verbesserungen in der Pflege und
Behandlung Geisteskranker ausschließlich auf die Initiative der Anstaltsärzte selbst
zurückgehen, werden diese Ärzte im allgemeinen noch immer falsch beurteilt und
genießen einen unerwünschten Buf, der auf alte Vorurteile sioh stützt und be¬
dauerlicherweise gerade von der Presse genährt wird. Immer noch ist der Glaube
an das Vorkommen ungesetzlicher Internierungen und sonstiger Schandtaten inner¬
halb der vier Mauern der Anstalten verbreitet und wird jede noch so leichtsinnig
verbreitete Mär geglaubt. Will man durch eine derartige Untergrabung des An¬
sehens der Ärzte den Zuzug von geeigneten Kräften nicht ganz unterbinden, muß
eine bessere und gerechtere Würdigung des Wirkens der Irrenanstalten und der
Anstaltsärzte Platz greifen. In erster Linie ist es Pflicht der Presse, das Publikum
darüber aufzuklären.
60) Über die Notwendigkeit psychiatrischer Fortbildungskurse für Kreis¬
ärzte, von Kluge. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bet: Zingerle.
Die infolge der Überfüllung der Anstalten immer mehr sich ausbreitende
Familienpflege Geisteskranker stellt neue Aufgaben an die Kreisärzte, die zur
Überwachung und Fürsorge herangezogen werden müssen.
Es ist darum dringend notwendig, speziell für Medizinalbeamte Fortbildungs¬
kurse über Psychiatrie einzurichten, um dem Amtsärzte Gelegenheit zu geben,
sein psychiatrisches Wissen und Können zu ergänzen und aufzufrisohen. Die
Kurse sollen in Vorträgen, Kranken Vorstellungen und ärztlichen Visiten bestehen,
damit der Betrieb der Familienpflege aus eigener Anschauung kennengelernt werden
kann. In solchen etwa 3 wöchigen Kursen kann auch die psychiatrische Sach¬
verständigentätigkeit berücksichtigt werden.
61) Über Prosekturan in den Irrenanstalten, von Weygandt. (Allgem.
Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz).
Nur in einzelnen deutschen Anstalten Bind eigene Prosekturen eingerichtet,
die sich überall, wo sie bestehen, bewährten. Durchführbar ist eine solohe Ein¬
richtung nur in größeren Anstalten und unbedingt nötig in solchen mit 150 Betten
und darüber.
62) Die zahnärztliohe Behandlung in Irrenanstalten, von Kühns. (Allgem.
Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz).
Die Zahnbehandlung, der in Uchtspringe durch Errichtung einer Zahnärzt¬
lichen Station Bechnung getragen ist, ist aus allgemein hygienischen Gründen und
aus spezieller Bücksicht auf die Gesundheitsverhältnisse der Insassen in allen An¬
stalten für Geisteskranke eine nicht mehr abzuweisende Forderung. Zahnerkran¬
kungen finden sich besonders reichlich bei Geistesgestörten und sind Ursache
vieler sekundärer Störungen in der Mundhöhle, des Verdauungstraktes, Schmerzen,
Nahrungsverweigerung u. dgl.
63) Jugendpflege in Heilanstalten, von Flister. (Allgem. Zeitschr. f. Psych.
LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz).
In der Anstalt Uchtspringe wird schon seit dem Bestehen die Jugendpflege
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
584
als Erziehungsfaktor besonders berücksichtigt, um die Jugend körperlich und
sittlich zu kräftigen. Als Mittel hierzu dienen Turnen, Wandern, Lesen, Singen,
das Abhalten von Lichtbildervorträgen; all dies wird nicht einseitig, sondern in
harmonischer Verbindung betrieben, bei der alle Schablone vermieden wird. Die
Teilnahme beruht nicht auf Zwang, sondern ausschließlich auf freiem Willen. Der
Altersgrenze der Teilnehmer ist ein großer Spielraum gegeben, die Oberleitung
liegt in den Händen der Direktion. Mit der Ausführung ist Verf. als Haupt¬
lehrer betraut, dem Helfer zur Seite stehen. Selbstverständlich ist ein einmütiges
Zusammenwirken von Jugendpfleger und Arzt notwendig.
64) Über familiäre Irrenpflege, von Stamm. (Allgem. Zeitschr. f. Psych.
LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Die Familienpflege findet noch immer nicht die ihr gebührende Verbreitung,
trotzdem sie große Vorteile besitzt, die Kosten der Irrenfürsorge verringert, von
den Kranken bevorzugt wird und hervorragende Heilerfolge zeitigt. Sie ist nicht
ein spezifisches Heilmittel für bestimmte Krankheitsformen, sondern ein Behand¬
lungsverfahren, dessen man sich bei den verschiedensten Psychosen bedienen kann.
Am besten eignen sich Idioten und Imbezille, Schizophrene und Paranoiker späterer
Krankheitsstadien, rekonvaleszente Erschöpfungspsychosen und Alkoholpsychosen.
Auszuschließen sind Patienten, von welchen eine Gefahr für sich und die Um¬
gebung zu befürchten ist. Vorbedingung für die gedeihliche Entwicklung der
Pflege ist, daß in der Nachbarschaft einer Anstalt eine Bevölkerung vorhanden
ist, welche die für die Pflege Geisteskranker erforderlichen Eigenschaften besitzt.
Am besten eignen sich kleine Ackerbürger, Handwerker, Unterbeamte mit eigenem
Grund und Viehwirtschaft. Notwendig ist eine regelmäßige Kontrolle. Es ist
vorteilhaft, wenn die Patienten nach Möglichkeit in ihnen zusagende, altgewohnte
Verhältnisse kommen und sollen möglichst viele Kranke an einem und demselben
Orte untergebracht werden. In eine Familie soll man nicht mehr als zwei
Kranke, natürlich gleichen Geschlechts, geben.
Die Kosten der Familien pflege sind erheblich niedriger als die der Anstalts¬
pflege (in Uchtspringe 80 Pfg. bis 1,50 Mk. pro Kopf und Tag).
65) Die Behandlung der Erregungszustände in der Anstalt, von Weber.
(Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Die mechanische Beschränkung ist — abgesehen von Ausnahmsfällen, z. B.
Transporten schwer erregter Kranker durch ungeschultes Personal oder in Form
von kleinen beruhigenden Maßnahmen, wie Fausthandschuhe, steife Verbände an
den Händen — zu vermeiden. Die Isolierzellen, die eine Zeitlang als entbehrlich
ganz verschwanden, erscheinen in den neuen Bauplänen der unruhigen Abteilungen
wieder in gemäßigter Zahl. Sie sind auch in den Pflegeanstalten notwendig, weil
in diesen viele chronisch unruhige, störende Elemente untergebracht sind. Be¬
sonders die Psychopathen mit unsozialen Neigungen bedürfen während der häufigen
Erregungsattacken der Isolierung. In den kleinen Landkrankenhäusern lassen die
Verhältnisse und Aufgaben der Krankenpflege ein gut gebautes Isolierzimmer un¬
entbehrlich erscheinen. Für den Bau und die Einrichtung sind kostspielige Aus¬
stattungen zu vermeiden und ist der Grundsatz feststehend, das Selbstmord¬
verdächtige nicht ins Isolierzimmer gehören. In größeren Anstalten hat sich die
Vereinigung der Zellen zu einer Zellstation mit Dauerbad bewährt.
Die chemischen Beruhigungsmittel können mit Vorsicht gebraucht werden,
besonders wenn sie nur als Vorbereitung auf andere, z. B. hydrotherapeutische
Maßnahmen, verwendet werden oder wenn sie eine heftige Erregung auf ein er¬
trägliches Maß herabdrücken sollen.
Die Bettruhe ist von größter Bedeutung, darf aber auch bei frischeren Fällen
geistiger Störung nicht übertrieben werden. Zu lange fortgesetzt Bchadet sie z. B.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
GAN^j^
585
stuporösen Katatonikern, manchen Paralysen, Deliranten, Manisch-Depressiven.
Bei manchen Kranken empfiehlt sich auch im Bette eine ablenkende Beschäftigung.
Für die Dauerbäder eignet sich am besten ein Baum für zwei Bäder neben
dem Wachsaal. Diese Bäder sind — wenn auch ihr Einfluß zweifellos ist —
doch kein jedesmal sicher wirkendes Beruhigungsmittel. Ganz ungeeignet ist das
Bad für die zielbewußten Erregungen der Psychopathen. Abzusehen ist auch von
der Fortsetzung der Bäder während der Nacht, weil die Erfolge den aufgewandten
Mitteln nicht entsprechen.
Zur Beschäftigung gehört nicht nur die Zuteilung von Arbeit, sondern das
ganze Eingehen des Arztes und Pflegepersonals auf die Individualität des Kranken.
In diesem Ausmaße ist sie das beste Behandlungsmittel auch bei sehr vielen Er¬
regungszuständen, bei denen andere Mittel versagen. Günstig ist oft auch die
Verlegung der Kranken in eine andere Umgebung.
Alle verfügbaren Mittel müssen im einzelnen Falle kritisch ausgewählt und
individuell angewendet werden und soll vor allem eine schematische, dem Personal
überlassene Anwendung vermieden werden.
66) Über die Maßregeln gegen Bazillenträger in den Anstalten für Geistes¬
kranke, von J. H. Schultz. (Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Medizin u. öffentl.
Sanitätswesen. XLIX. 1915. H. 2.) Bef.: K. Boas.
Ohne über eigene Beobachtungen zu verfügen oder neue prophylaktische Vor¬
schläge zu bringen, erörtert Verf. gestützt auf ein eingehendes Studium der Lite¬
ratur — das Literaturverzeichnis führt nicht weniger als 173 Nummern auf —
in monographischer Weise das Auftreten von
1. Typhus, Paratyphus, Dysenterie, Cholera,
2. Diphtherie,
3. Meningitis cerebrospinalis,
4. Tuberkulose und Syphilis
in den Irrenanstalten sowie die Maßnahmen zu ihrer Verhütung.
67) Heredität und physische Entartung bei Geisteskranken und geistig
Gesunden, von Dr. med. A. S. Scholomowitsch. (Monatsschr. f. Psych. u.
Neurol. XXXVI. 1914. H. 4.) Bef.: Bratz (Dalldorf).
Nach Verf. sind 60°/ o der gesunden Bevölkerung überhaupt als „belastet“
in dem Sinne aufzufassen, wie dieser Ausdruok in der Psychiatrie bei der Samm¬
lung anamnestischer Daten angewendet wird; 45°/ 0 sind „belastet“ in der direkten
Linie, 27°/ 0 in der Linie des Vaters, 8°/ 0 in derjenigen der Mutter, 10°/ o in beiden
Linien gleichzeitig. Psychisch Kranke sind um 10 °/ 0 häufiger belastet als Gesunde.
68) Ergebnisse der Abderhalden-Methode für die Psychiatrie, von L. Nie-
szytka. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXVI. 1914. S. 546.)
Bef.: W. Misch.
Es wird eine zusammenfassende Übersicht über die Ergebnisse des Dialysier-
verfahrens in der Psychiatrie gegeben. Es geht insbesondere aus der Zusammen¬
stellung der bisher veröffentlichten Protokolle über die Dialysierresultate bei der
Dementia praecox hervor, daß das Ergebnis dieser Untersuchungen ein viel ein¬
heitlicheres ist, als sich nach den Schlüssen der einzelnen Untersucher aus ihren
Protokollen erwarten ließ. Und zwar überwiegt die serologische Diagnose der
Dementia praecox durch Nachweis von Geschleohtsdrüsenabbau an Sicherheit die
klinische Diagnose, ohne diese jedoch ersetzen zu können. Insbesondere ist die
serologische Trennung von Unter formen der Dementia praecox noch nicht genügend
gesichert. Im ganzen ergibt sich überhaupt, daß Psychosen mit gleichzeitigen
Störungen der Geschlechtsdrüsenfunktionen häufiger sind als man annimmt. Das
Dialysierverfahren ist zurzeit das einzige Mittel zur objektiven Unterscheidung
zwischen Geisteskrankheit und Simulation, so daß es forensisch verwertet zu
werden verdient. Auch für die funktionellen Psychosen und die Paralyse werden
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
586
die Fauserschen Angaben durch die meisten Untersucher bestätigt. Bei Epilep¬
tikern läßt sich die Regellosigkeit des Abbaues mit Gehirn durch Auffassung der
epileptischen Krämpfe als anaphylaktischen Shocks verstehen, wobei die negativen
Resultate nach schweren Anfällen teils durch völligen Komplementschwund, teils
durch Eintritt der Antianaphylaxie zu erklären sind. Durch den Zusammenhang
mit immunisatorischen Vorgängen läßt sich die häufige Erkrankung Geisteskranker
an ubiquitären Infektionskeimen und andrerseits die bisweilen beobachtete Besserung
von Geisteskrankheiten nach interkurrenten Infektionskrankheiten verstehen. Aus
der Feststellung von Immunitätsreaktionen im Verlaufe von Psychosen ergibt sich
die Veranlassung zu therapeutischen Versuchen mit aktiver und passiver Immuni¬
sierung gegen die im betreffenden Falle als affiziert nachgewiesenen Organe.
09) Zur Frage der Gesohleohtsspesifltät der Abderhalden sohen Abwehr¬
fermente und über die Beeinflussung der Abbauvorgfinge durch
Narkotika, von Dr. Erich Wegener. (Münchener med. Wochenschr. 1914.
Nr. 32.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Im ersten Teil seiner kurzen Ausführungen weist Verf. nach, daß die Ge¬
schlechtsspezifität der Abderhalden sehen Abwehrfermente absolut gewahrt ist. Im
zweiten spricht er sich für die Spezifität der Abderhalden sehen Ab wehr fermen te
aus. Manchmal war Gehirnabbau positiv, wo er nicht erwartet wurde; stets hatten
dann die Patienten längere Zeit Narkotika erhalten. Verf. hat diesbezüglich Tier¬
versuche angestellt, weitere sind in Aussicht genommen.
70) Die Anwendung des Abderhalden sohen Dialysier Verfahrens auf psychi¬
atrischem und neurologischem Gebiet, von L. Dimitz und Fries.
(Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 43.) Ref.: Pilcz (Wien).
Zunächst geht aus den Versuchen der Verff. hervor, daß sie die Währung
der Geschlechtsspezifizität nicht bestätigen konnten. Menschliches Ovarium wurde
5 mal durch männliches Serum, menschlicher Hoden 5 mal durch weibliches ab¬
gebaut, und zwar war dies bei 15 Fällen untersuchten Ovariums und unter
42 Fällen beim Testikel zu beobachten.
Von 9 Epileptikern reagierte 2 mal menschliches, 5 mal Kuhovarium positiv,
Thyreoidea 5 mal, Gehirn 4mal.
Von den Dementia praecox-Fällen bauten, bis auf einen Fall, sämtliche weib¬
liche, akut oder chronisch, Ovarium ab, 4 männliche im akuten Stadium 3 mal,
13 chronische nur 4mal Hoden. Gehirnabbau wurde bei den akuten niemals, bei
den chronischen 7mal gefunden. Thyreoideaabbau ziemlich gleichmäßig, bald
positiv, bald negativ, sowohl bei akutem, wie bei chronischem Verlaufe.
Die periodischen Psychosen bauten durchwegs Ovarium ab, nicht aber Gehirn
und Schilddrüse.
4 Hirntumoren bauten Hirnsubstanz nicht ab.
Fälle von chronischem Alkoholismus und psychopathischer Minderwertigkeit
bauten wahllos die verschiedenen Organe ab.
Zusammenfassend finden die Verff., daß sich die Hoffnungen, die auf diese
Methode von psychiatrisch-neurologischer Seite gesetzt worden sind, nicht erfüllt
haben. Die Schizophrenie läßt sich auf Grund des Dialysierverfahrens von anderen
Geisteskrankheiten nicht trennen, wenngleich bei ihr häufig Abbau von Geschlechts¬
drüsen konstatiert werden kann.
Sehr genaue Tabellen veranschaulichen die Versuchsprotokolle im einzelnen.
Sehr bemerkenswert ist auch, daß auch Tierorgane — Verff. untersuchten
auch Kuhovarium — von menschlichem Serum abgebaut werden können.
71) Von den Halluzinationen , von P. Schröder. (Monatsschr. f. Psycb. u.
Neurol. XXXVIT. 1915. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. erläutert an einigen Fällen das häufige Abweichen des Inhalts der
Sinnestäuschungen von normalen Wahrnehmungen und die Unsicherheit der Kranken
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
587
bezüglich der Beziehung ihrer Halluzinationen auf bestimmte Sinnesgebiete. Verf.
schließt: „Halluzinationen sind krankhafte Erscheinungen, die nur schwer isoliert,
losgelöst von dem psychotischen Gesamtzustand, in dessen Rahmen sie auf treten,
beurteilt werden können; das Halluzinieren ist nicht ein einheitlicher, stets gleich
zu bewertender Vorgang, deshalb wird auch vermutlich nicht eine Theorie für alle
Halluzinationen passen; aus demselben Grunde empfiehlt es sich nioht, wie das viel¬
fach geschieht, kurzweg über die Halluzination zu spekulieren, sondern sich zu
vergegenwärtigen, daß es mannigfach differenzierte Phänomene sind, welche man
als Halluzinationen zu bezeichnen pflegt (W. Specht); den Charakter eines sinn¬
lichen Erlebnisses haben die einzelnen Halluzinationen in sehr verschiedener Grad-
abstufung; den Alltagswahrnehmungen in jeder Beziehung gleich sind die Sinnes¬
täuschungen für den Kranken nur in einem kleinen Teil der Fälle; die Ausscheidung
der voll leibhaftigen und den normalen Wahrnehmungen für völlig gleichwertig
gehaltenen Halluzinationen als „der“ echten ist künstlich und praktisch nicht
durchführbar; es gibt bestimmte Arten von Sinnestäuschungen, die erfahrungs¬
gemäß niemals oder selten den Alltagswahrnehmungen gleich sind (isolierte Ge¬
sichtstäuschungen); häufig sind die Kranken nicht imstande, mit Bestimmtheit
anzugeben, vermittels welches Sinnesorgans sie wahrzunehmen vermeinen; durch
Wahrnehmungstäuschungen und durch Erinnerungsfälschungen bekommt für die
Kranken sehr vieles den Wert von Wahrnehmungen, was in keinem Moment den
Charakter einer Wahrnehmung gehabt hat.“
72) Die Beziehungen zwischen körperlichen Erkrankungen und Geistes¬
störungen, von Enge. (Med. Klinik. 1915. Nr. 25 u. 26.) Ref.: E. Tobias.
Die Beziehungen zwischen körperlichen Erkrankungen und Geistesstörungen
sind vornehmlich dreierlei Art:
1. Eine körperliche Erkrankung ist imstande, eine Geistesstörung hervor¬
zurufen.
2. Eine Geisteskrankheit kann ihrerseits eine körperliche Erkrankung hervor-
rufen oder ihr Entstehen begünstigen.
3. Eine bereits bestehende Geisteskrankheit kann durch den Hinzutritt einer
körperlichen Erkrankung in ihrem Verlauf und in der Schwere ihrer Erscheinungen
wesentlich beeinflußt werden.
Verf. beginnt nun seine Ausführungen mit den akuten Infektionskrankheiten,
die in etwa 2°/ 0 aller Geisteskrankheiten als Ursache anzusehen sind. Vorzugs¬
weise führen dazu Typhus, Influenza, akuter Gelenkrheumatismus, Pneumonie,
akute Exantheme, Erysipel, Cholera, Pocken usw. Die Krankheitsbilder setzen
sich aus Reiz- und Lähmungserschoinungen des Gehirns zusammen. Es gibt aber
keine spezifische Geistesstörung für jede einzelne Infektionskrankheit. Zu unter¬
scheiden Bind Fieberdelirien, die von den Erscheinungen der Hirnreizung zur
Himlähmung hinführen und vier Stadien durchlaufen, Infektionsdelirien oder
Infektionspsychosen, die von dem Infektionsgift ihren Ursprung nehmen und sich
zu einer Zeit entwickeln, wo noch kein wesentliches Fieber besteht und endlich
postfebrile und postinfektiöse Geisteskrankheiten, die prognostisch meist ungünstiger
sind. Geisteskranke sind für die Entstehung von Infektionskrankheiten mit Aus¬
nahme der katarrhalischen bzw. hypostatischen und Schluckpneumonie wenig
disponiert. Was den Einfluß anbetrifft, den die akuten Infektionskrankheiten auf
sohon bestehende Geistesstörungen haben, so erwähnt Verf., daß Typhus- und
Erysipelkranke während der Krankheit oft für längere Zeit geistig klar sind, daß
aber die Besserungen nie andauern. Er ist der Meinung, daß die therapeutische
Verwertung dieser Erfahrungstatsachen bedenklich ist insofern, als die Gefährlich¬
keit der durch Einimpfungen von Streptokokkenkulturen oder Erysipelkokken
bedingten körperlichen Krankheit nicht im richtigen Verhältnisse zu der entfernten
Möglichkeit einer Besserung der Psychose steht.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
586
Verf. wendet sich nach den Infektionskrankheiten zu den „dyskrasischen“
Erkrankungen, zu der allgemeinen chronischen Tuberkulose, zur Syphilis, zur all¬
gemeinen Karzinose, den chronischen Stoffwecbselstörungen, Diabetes, Albuminurie,
Anämie, Chlorose und zu den auf Erkrankung der Schilddrüse zurückzuführenden
Erkrankungen. Die Tuberkulose ist ein erhebliches hereditär prädisponierendes
Moment für Psychosen. Tuberkulose und Psychosen alternieren in der Deszendenz.
Bestimmte Formen von psychischen Krankheiten begünstigen die Entstehung der
Tuberkulose. Die Statistik weist unzweifelhaft nach, daß unter den Geistes¬
kranken die Dementen, Stuporösen und Melancholischen am häufigsten an Tuber¬
kulose erkranken und sterben. Verf. bespricht dann die Syphilis cerebrospinalis
und die progressive Paralyse und geht dann über zu den bei karzinomatösen
Erkrankungen irgend eines Körperorgans auftretenden geistigen Störungen. In
einer Reihe von Fällen, wo bei Karzinomatose eines Organs Geistesstörungen auf-
treten und wo nachweisbare Befunde im Gehirne fehlen, wird man die durch die
Ernährungsstörung der Nervensubstanz gesetzte Erschöpfung verantwortlich machen
müssen. In anderen Fällen kann es sich um — zuweilen nur mikroskopisch
nachweisbare — multiple Metastasen im Gehirn und Rückenmark handeln. In
einer dritten Reihe von Fällen will man die Störungen durch toxische Einwir¬
kungen auf die Hirnrinde erklären; dies sind die Fälle, bei denen man Degene¬
rationen in den Hintersträngen des Rückenmarks fand. Bei Nierenerkrankungen
sieht man außer den bekannten komatösen Zuständen ausgesprochen länger dauernde
Geistesstörungen aller Art in Begleitung von Albuminurie verlaufen. Die Be¬
ziehungen zwischen Diabetes und Geisteskrankheiten sind wenig einheitlich. Auf
eine Intoxikation zurückzuführen sind die gelegentlich nach schwerem Ikterus
beobachteten psychischen Erscheinungen. Die thyreogenen Irreseinsformen beruhen
auf allgemeinen Stoffwechselstörungen; wir kennen den endemischen und sporadi¬
schen Kretinismus, das Myxödem und die Basedowsche Krankheit.
Verf. bespricht weiterhin den Zusammenhang von Erkrankungen des Zirku-
lationesystems mit Geistesstörungen, der primär vom Herzen aus da sein kann.
Man sieht Psychosen auf organischer und funktioneller Basis dabei. Auch Ohreu-
leiden findet man in der Vorgeschichte chronischer, namentlich halluzinatorischer
Psychosen. Die nach Kataraktoperationen gelegentlich beobachteten delirösen Zu¬
stände ereignen sich meist bei senilen, durch Alkohol und schlechte Ernährung
geschwächten Individuen. Die Bedeutung der Magendarmkrankheiten in der
Pathogenese psychischer Störungen wurde zweifellos überschätzt. Verf. bespricht
zum Schluß kurz die Beziehungen zwischen Sexualorganen und Psychosen.
Therapie.
73) Über Nervagenin, ein neues Baldrianpräparat, von Julius Friedländer.
(Klin.-therapeut. Wochenschr. 1915. Nr. 11 u. 12.) Ref.: E. Tobias.
Nervagenin ist ein Baldrianprodukt, zu dessen Fabrikation ausgesuchte Exem¬
plare einer wildwachsenden, echten Harzer Gebirgswurzel nach einem besonderen
Verfahren verwendet werden. Der Preis ist darum ein wesentlich höherer wie
der anderer Baldrianpräparate. Es ist eine klare, dunkelbraune Flüssigkeit von
angenehmem mildem Geschmack. Je einem Eßlöffel Nervagenin hat Verf. 1 dzg
des leicht löslichen Natrium diaethylicum barbituricum zusetzen lassen. Er
empfiehlt diese Kombination bei funktionellen Neurosen, wo eine beruhigende,
antispasmodische, reflexherabsetzende Wirkung erstrebt wird, so auch im Klimak¬
terium, bei Herzneurosen, bei Migräne, bei der Seekrankheit, bei der akuten
Nikotinvergiftung, bei dem Erbrechen Schwangerer und besonders bei nervöser
Schlaflosigkeit als „EinBchlafmittel“. Nervagenin ist unschädlich und ohne Nach¬
wirkung. Die Dosis beträgt einen, bei Schlaflosigkeit zwei Eßlöffel. Der Baldrian¬
geschmack ist mit Orangenblütentee zu verdecken.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
589
74) Mekonal ein Schlafmittel, von Dr. Schmidt (Bielefeld). (Deutsche med.
Wochenschr. 1915. Nr. 30.) Ref.: Kurt Mendel.
Mekonal enthält Morph, mur. 0,003, Natr. diaethylbarbit. 0,15 und Acid.
acetylos&lic. 0,3. Als Schlafmittel 1 bis 2 Tabletten. Keine Nebenerscheinungen.
75) Foligan „Henning“, ein neues pflanzliches Sedativum, von Erich Rose.
(Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Ref.: Kurt Mendel.
Foligan ist aus Orangenblättern in Tablettenform hergestellt. Verf. empfiehlt
es bei Neurasthenie, Basedow, Chorea minor als Sedativum (3 mal tägl. 1 Tabl.
k 0,5) und bei nervöser Schlaflosigkeit (abends 2 bis 3 Tabletten in heißem
Zuckerwasser) als Beruhigungsmittel, ohne daß es ein Hypnotikum ist.
70) Erfahrungen mit Adalin, von G. Golm. (Deutsche med. Wochenschrift.
1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt Adalin: als Sedativum 4mal am Tage 0,25, als Schlafmittel
1,0 t>is 1,5 g, auch bei organischen Herzkrankheiten und am Vorabend einer
Operation.
77) Über die Fortschritte der Elektrotherapie, von E. Tobias. (Berliner
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. zeigt, daß mit der stürmischen Entwicklung, welche die elektrischen
Behandlungsmethoden in den verflossenen Jahrzehnten durchgemacht haben, die
Erfolge nicht Hand in Hand gegangen sind, und wendet sich dann den Fort¬
schritten zu, welche die Hochfrequenzbehandlung, die Diathermie und die Bergoni-
sation im Laufe des Jahres 1914 gemacht haben. Am aussichts- und zukunfts¬
reichsten erscheint die Diathermie. Verf. warnt aber für alle drei Behandlungs¬
methoden vor übertriebenem, nicht durch streng wissenschaftliche klinische
Beobachtung berechtigtem Enthusiasmus, vor Herabdrückung der Wissenschaft zu
einer Art Industrie und vor dem Schlagen der Reklametrommel.
78) Faradopalpation; Arsofaradisation, von Kahane. (Wiener klin. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 23.) Refi< Pilcz (Wien).
Verf., dessen „Galvanopalpation“ in dem Referat über „Hyperthyreoidismus
vom Standpunkte der Kriegsmedizin“ besprochen wurde, verwendet dasselbe Prinzip,
nämlich Elektroden von maximalster Stromdichte, d. b. kleinstem Querschnitte,
also Nadelelektroden auch bei der Faradisation. Intensivste Einwirkung auf glatte
Hautmuskulatur, subkutane Venen, Wirkung auf willkürliche Muskulatur vom
Nerven aus leichter als vom Muskel, während bei Verwendung von gewöhnlicher
Spitzelektrode Wirkung auf Haut- und Venenmuskulatur viel weniger ausgeprägt,
dagegen hinsichtlich direkter und indirekter Reizung der quergestreiften Musku¬
latur kein Unterschied bemerkbar ist.
Therapeutisch besonders wirksam hei Ischias, chronischen Arthralgien und
Muskelrheumatismus. Verf. denkt aber auch an die Möglichkeit einer direkten
Faradisation des Herzens durch Einstich einer Nadelelektrode in Herzmuskulatur
bei drohender Herzlähmung — ideale Sterilisierb&rkeit der Elektrode.
Bei Einschaltung eines als Kondensator wirkenden Gebildes in Stromkreis
und bei Anwendung von Nadel-, bzw. Spitzelektroden, gelingt es, von sekundärer
Spule unipolare Entladungsschläge zu erhalten, von Verf. „Arsofaradisation“ be¬
zeichnet. Wirkungsweise wie bei der gewöhnlichen bipolaren Applikation. Die
Arsofaradisation ist ihrem Wesen nach eine unipolare Faradopalpation. Verein¬
fachung durch Wegfall der zweiten Elektrode besonders bei Behandlung des
Ohres, Kehlkopfes usw. wertvoll, zumal durch Nadelelektrode feinste Lokalisation
ermöglicht ist.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
690
III. Aus den Gesellschaften.
Kriegsärztlioher Demonstrationsabend in der Nervenheilanstalt von
San.-Rat Dr, K. Bdel in Charlottenburg.
Herr Max Edel berichtet, daß bisher 500 Soldaten Aufnahme gefunden haben,
davon sind 847 entlassen, so daß ein Bestand von 158 Mann verbleibt. Von den Entlassenen
wurden 254 als dienstfähig entlassen, 62 wurden nach anderen Lazaretten überführt, da
die früher aufgenommenen chirurgischen Kranken entsprechend der Absicht, das Vereins-
lazarefct ausschließlich für Nerven- und Geisteskranke zu bestimmen, in geeignete spezia-
listische Heilanstalten, Genesungsheime und Badeorte verlegt worden sind. Gestorben sind
5 Personen, von denen 3 nach schwerer Verwundung starben, 2 Offiziere sind an Herz¬
schwäche und deliranter Verwirrtheit zugrunde gegangen, wobei Überanstrengung eine
Rolle gespielt haben mag, bei dem einen von ihnen auf Grundlage von Tabes. Als dienst¬
unfähig wurden hier 26 Mann entlassen, wobei zu berücksichtigen ist, daß der Begriff der
Arbeitsverwendungsfähigkeit erst später bekannt wurde. Sonst wären wohl einige weitere
Leute unter diesen Begriff gefallen, die anfangs als dienstuntauglich angesehen wurden.
Ein Epileptiker, der wiederholt vor dem Kriege wegen Erregungs- und Verwirrungszuständen
in unserer Anstalt behandelt worden war, nat trotz Alkoholgenusses den ganzen Feldzug
bis vor kurzem mitgemacht und ausgezeichnet durchgehalten, bis er wieder einen Dämmer¬
zustand bekommen hat, der ihn zufällig in die ihm bekannte Anstalt brachte. Er wurde
wieder hergestellt und als dienstfähig entlassen, da bei vereinzelten epileptischen Anfallen
bzw. Dämmerzuständen keine Bedenken gegen die Verwendung im Militärdienst erhoben
werden können. Ein Alkoholepileptiker, der hier eine Pneumonie mit einem deliranten
Zustand duichgemaoht hatte und den wir als dienstuntauglich angesehen haben, wurde
weiter im Heeresdienst verwandt. Außer den klinisch behandelten Kranken sind vom
Elisabeth-Regiment etwa 100 Mann zur spezialärztlichen Untersuchung hergeschickt worden,
größtenteils Neurosen. Zur Beobachtung des Geisteszustandes sind eine Reihe von Soldaten
hier aufgenommen worden, bei denen es sich meistens um Entfernung handelte. Wir
mußten meist zu dem Ergebnis kommen, daß den Soldaten der Schutz des § 51 zuzusprechen
war, während da, wo das nicht geschehen konnte, die nervösen Erscheinungen hervor¬
gehoben wurden, welche die Tat in milderem Lichte erscheinen ließen. Ein abschließendes
Urteil über den Einfluß des Krieges auf die Geistesstörungen konnte nicht gegeben werden,
da in den meisten die Anamnesen lückenhaft waren. Einige, die an hysterischen Verwirrt¬
heitszuständen litten und von uns als genesen entlassen worden sind, tauchten nach kurzer
oder längerer Zeit wieder in anderen Lazaretten auf, was durch Einfordern der Kranken¬
geschichten ersichtlich wurde. Erst der ganze Verlauf der Krankheiten kann in Verbindung
mit der Anamnese ein klares Bild ergeben. In einem ambulant behandelten Falle von
ausgesprochener Dementia praecox wurden telefonisch und schriftlich Bedenken gegen
dessen Einstellung geäußert, da er unter anderem wahnhafte Äußerungen über persönliche
Dreieinigkeiten und Sinnestäuschungen hatte und zu impulsiven Handlungen neigte. Die
Einstellung war erfolgt, weil ein Kreisarzt, der ihn vor einigen Monaten gesehen hatte,
zwar Nervenschwäche festgestellt hatte, aber keine Bedenken gegen seine Verwendung
in der Garnison erhobeo hatte. Die Krankheit batte sich aber inzwischen sichtlich ent¬
wickelt. Das Bezirkskommando veranlaßte an demselben Tage seine Aussonderung. Ein
Offizierstellvertreter, der an melancholischer Verstimmung erkrankte und als dienstuntauglich
ohne Anerkennung einer Dienstbeschädigung entlassen war, machte draußen einen Suicid-
versuch. Die Ehefrau machte geltend, daß Dienstbeschädigung vorliege, da er bei seiner
Entlassung unterschrieben hätte, daß er keine Ansprüche auf Dienstbeschädigung zu stellen
hätte. Bei derartigen Kranken mußte man natürlich an Simulation denken, die Beobachtung
ergab aber, daß tatsächlich eine ernste Seelenstörung vorlag, mit Gewichtsabnahme, Bett¬
flucht, Selbstbeschädigungstrieb usw. Ein anderer Kranker hatte schon früher einmal
einen melancholischen Zustand gehabt, er bekam während des Krieges eine erneute Phase
von Melancholie. Weitere Fälle von Geistes- und Nervenkrankheiten wurden beim weiteren
Bundgang durch das Lazarett demonstriert.
Herr de la Motte: Demonstration zweier forensischer Fälle. 1. Ein 26jähr.
Landsturmrekrut fallt während seiner Ausbildungszeit durch lässige Haltung, Unsauberkeit
and stilles Wesen auf, kommt einmal zu spät vom Urlaub zurück und wird von seinen
Stubengenossen mit der Klopfpeitsche verprügelt. Am nächsten Morgen wird er zum
Tragen eines Maschinengewehres kommandiert und erklärt nach kurzem, die Last wegen
seiner Schmerzen nicht mehr tragen zu können, wirft das Gewehr hin und macht Miene,
zur Kaserne zurückzugehen. Er kommt in psychiatrische Beobachtung, weil er erklärt, er
wisse zeitweilig nicht, was er tue. Pat. verhält sich anfangs geordnet, äußert nur, er habe
Klingen und Singen im Kopfe, deutet dabei auf das linke Ohr, an dem eine Otitis media
besteht. Schulkenntnisse und allgemeine Erfahrungen ans dem praktischen Leben sind
gut erhalten. Auffallend ist von vornherein seine Teilnahmlosigkeit und das Bedürfnis,
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
591
ßich von seiner Umgebung abzuschließen. Erst nach wiederholter Exploration kommen
eine Reihe typischer schizophrener Symptome zutage. Er hört seit 2 Jahren mit wech¬
selnder Intensität drohende, beängstigende Stimmen, fühlt zeitweise einen Schleier vor den
Augen, der ihn am Verkehr mit anderen Menschen hindert, hört seine Gedanken laut
werden, glaubt, seine ganze Persönlichkeit verändere sich allmählich. Neuerdings fühlt
er, wie seine Gesichtszüge sich allmählich in die des Arztes verwandeln. Die Gehörs*
halluziationen sind oft so quälend, daß er vor lauter Befehlen manchmal gar nicht weiß,
was er zuerst tun soll. Wegen der bestehenden schweren Psychose (Schizophrenie)
sind die Voraussetzungen des § 51 RStGB. gegeben. Auch die Frage der Dienstbeschä¬
digung muß bejaht werden, da sich die Geistesstörung im Dienst nachweislich verschlimmert
hat. — II. Ein 31 jähriger Ingenieur, im Beginn des Feldzuges als Landwehrmann eiugezogen,
wird, da er Adventist ist, zunächst im Sanitätsdienst in Berlin beschäftigt; dann aber zum
Dienst mit der Waffe herangezogen und hat nun erhebliche Schwierigkeiten zu bestehen,
da er in der bisher üblichen Weise der Adventisten sich weigert, am Sonnabend Dienst
zu tun. Er wird von einer Kompagnie zur andern abgeschoben, die Offiziere nehmen an¬
scheinend Rücksicht auf ihn. Es kommt erst zu einem ernsten Konflikt, als er sich weigert,
sich impfen zu lassen; er wird mit strengem Arrest bestraft. Nun entwickelt sich unter
den Schädigungen der Haft eine psychogene Psychose; er hört deutlich Gottes Stimme,
die ihm zuruft, seinen Mitmenschen zu verkünden, das Ende dieses Krieges sei gleich¬
bedeutend mit dem Ende aller Dinge. Nach Verbüßung der Strafe wird er in der Kaserne
scharf bewacht und hört wieder eine Stimme; du kommst fort, geh weg. Als er kurz
darauf einen Moment unbewacht ist, sieht er dies als Zeichen des Himmels an und entfernt
• sich. Seine „Offenbarungen“ läßt er in Form von Traktaten drucken; unter seinen Freunden
in Bremen hält er Tag und Nacht Bibelstunden ab, sucht die Zeichen der Zeit an der
Hand unklarer Bibelsprüche zu deuten und bringt seine Glaubensgenossen derartig in
Verwirrung, daß ihn einer von ihnen schließlich der Polizei überantwortet. Das Kriegs¬
gericht beschließt seine psychiatrische Beobachtung. Körperlich bestehen zahlreiche Stig¬
mata ausgesprochener Hysterie. Ein Intelligenzdefekt ist nicht vorhanden. Im Lauf der
Beobachtung wird Pat. allmählich freier und zugänglicher, schildert in durchaus glaub¬
würdiger, plastischer Weise seine Halluzinationen und Visionen, weiß, daß er sich straf¬
bar gemacht hat, behauptet, unter einem unwiderstehlichen Zwange gehandelt zu haben.
Für die Exaltiertheit seines religiösen Wesens hat er kein Verständnis; auch darüber, daß
er sich durch seine Handlungen von den Anschauungen seiner eigenen Glaubensgenossen
getrennt hat, setzt er sich leicht hinweg. Die Schriftleitung der Adventistengemeinde hat
nämlich im Beginn des Feldzuges ihren Mitgliedern offiziell empfohlen, „die militärischen
Pflichten freudig und von Herzen zu erfüllen.' 4 Auch hier werden die Voraussetzungen
des § 51 als vorliegend angesehen, da eine hysterische Psychose bestanden hat, die erst
allmählich abgeklungen ist, eine Psychose, bei der der im Unterbewußtsein schlummernde
Wunsch, vom Militärdienst befreit zu Bein, klar zum Ausdruck kommt.
Herr Piotrowski stellt drei Kranke mit traumatischen Neurosen vor. I. Der
23jährige Reservist B. wurde am 4.1. 1915 in das hiesige Lazarett aufgenommen. Am
7. X. 1914 verlor er bei Arras die Sprache infolge Shocks nach Granatexplosion in seiner
Nähe. Erst nach 15 Tagen vermochte er wieder zu sprechen. Später stellten Bich Zuckungen
in der linken Schulter und in der Stirn ein; sie hatten den Charakter eines Tic impulsif.
Der Kranke kam nach Berlin zu seinen Eltern und wurde ambulant behandelt. Da sein
Zustand sich nicht besserte, erfolgte seine Überführung in das hiesige Lazarett. Aber
auch hier blieb jede Therapie zunächst erfolglos. Der Zustand besserte sich nicht; besonders
das subjektive Befinden des Pat war schlecht. Pat. empfand jede Behandlung als Qual.
Er war überempfindlich; er konnte den geringsten galvanischen Strom nicht vertragen,
das Geräusch des rotierenden Motors am Multostaten störte ihn und rief intensive Unlust*
gefühle in dem Kranken hervor. Der Kranke wurde unruhig, reizbar, schlaflos, litt sehr
unter schreckhaften Träumen, sein Körpergewicht sank. Nun wurde ihm absolute Ruhe
verordnet. Er blieb etwa 8 Wochen im Bett und bekam gute reichliche Kost und zuletzt
Injektionen von Natr. kakodyl. Allmählich besserte sich sein Zustand. Der Kranke beruhigte
sich, schlief gut, nahm an Gewicht zu; die Zuckungen ließen an Intensität nach und ver¬
schwanden schließlich ganz. Zurzeit besteht noch ein leichtes Stirnrunzeln. — IL Der
30jährige Landwehrmann L. wurde am 10. XII. 1914 im hysterischen Dämmerzustände mit
einer rechtsseitigen Hermiplegie in das diesseitige Lazarett eingeliefert. Der rechte Arm
und das rechte Bein waren bis zum Rumpf manschettenförmig anästhetisch und unbeweglich.
Dem Kranken ist in Lille ein durch Schrapnellgeschoß losgelöstes Mauerstück auf den
Kopf gefallen; im Anschluß daran entwickelte sich sein Leiden. Auch heute noch bietet
er dasselbe Bild wie zu Beginn seines Hierseins. Die rechte Gesichtshälfte ist schwach
innerviert; der rechte Arm hängt schlaff herunter, die Körperlaßt ruht auf dem linken Bein.
Beim Gehen pendelt der rechte Arm kraftlos hin und her, das rechte Bein wird mühsam
nachgeschleppt. Bei der Behandlung spielte neben anderen physikalisch-therapeutischen
Maßnahmen die Übungstherapie im Gehen die wichtigste Rolle. Die Behandlung wurde
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
592
oft ausgesetzt, weil sie vom Kranken schlecht vertragen wurde. Der Pat. ermüdete rasch;
er fühlte sich dann matt und kraftlos, er war unzufrieden, mißmutig, deprimiert, weinerlich,
reizbar. Er klagte über schlechtes Allgemeinbefinden und verlor an Körpergewicht. Ab
und zu bekam er hysterische Anfälle. Der Kranke wurde zu Bett gebracht und mußte
längere Zeit absolute Ruhe beobachten; daneben bekam er gute reichliche Kost. Dann
wurden im Bett passive und aktive lokale Motilitätsübungen von kurzer Dauer schonend
vorgenommen, allmählich aufsteigend von den Fingern zum Schultergelenk, von den Zehen
bis zur Hüfte und zwar mit Erfolg. ITaltung und Gang des Pat. sind zwar noch unverändert-
Aber im Gegensatz hierzu steht die ausgiebige aktive Beweglichkeit der Glieder der paretischen
Seite. Der Kranke vermag die rechte Hand zum militätischen Gruß und das rechte Bein
fast bis zur Horizontale zu heben. — III. Der 34jährige Landwehrmann M. wurde am
18. XI. 1914 wegen hysterischer Stummheit eingeliefert. Bei Dixmuiden verlor er die
Sprache infolge Schrecks bei Explosion einer Granate in seiner Nähe. Der Kranke vermochte
nicht einen Laut von sich zu geben, auch nicht bei Anwendung starker Ströme. Er hatte
die Fähigkeit verloren, seinen Sprechmechanismus geordnet in Funktion zu setzen. Erst
eine langwierige, mühsame, vorsichtige und schonende Übungstherapie im Bilden von
Lauten, Vokabeln, Konsonanten, Silben, Worten und Sätzen hat den Kranken so weit ge¬
bracht, daß er jetzt spontan ganze Sätze auszusprechen vermag. Auch dieser Kranke hat
zunächst die Behandlung schlecht vertragen. Infolge seiner, übergroßen Ermüdbarkeit und
verminderten Leistungsfähigkeit befand er sich nach den Übungen schlecht; er nahm an
Körpergewicht ab; die Behandlung mußte daher zeitweise unterbrochen werden und dem
Kranken absolute Bettruhe verordnet werden. Jetzt befindet er sich recht wohl, ist kräftig
und ohne Beschwerden. — Die vorgestellten Patienten bieten an sich nichts Besonderes.
Derartige Kranke wurden schon oft vorgestellt, besprochen und beschrieben. Das Neue
an ihnen ist der Umstand, daß sie sich ihr Leiden im Felde geholt haben und zwar infolge
Explosion großer Geschosse in ihrer Nähe. Ihrem Charakter nach gehören die demonstrierten
Krankheitsbilder den traumatischen Neurosen an. Wir beobachten hierbei verschiedene
Formen: reine Hysterien, reine Neurasthenien, aber am häufigsten Verbindungen beider
Krankheitsformen. Selbst bei den reinen Hysterien finden wir deutlich hervortretende,
neurasthenische Symptoraenkomplexe: Asomnie, kardiovaskuläre Phänomene, Alteration der
Gemütssphäre. Auf diese Erscheinungen hat Oppenheim mit Nachdruck hingewiesen.
Auffallend bei unseren Kranken ist die lange Dauer des Leidens; die Behandlung verlangt
deshalb viel Geduld vom Arzt und Patienten. Allgemeine Regeln lassen sich hierbei
nicht aufstellen; es muß streng individualisiert werden. Eine genaue Analyse des Leidens
wird den Hinweis auf die geeignete Therapie bieten. Bei den vorgestellten Kranken fällt
besonders die übergroße Empfindlichkeit, die außerordentlich leichte Ermüdbarkeit nnd
geringe Leistungsfähigkeit auf. Die Kranken vertragen oft die bestgemeinten therapeutischen
Praktiken schlecht. Wegen Überempfindlichkeit dürfen nur milde Reize von geringer Inten¬
sität angewandt werden. Die leichte Ermüdbarkeit, die herabgesetzte Leistungsfähigkeit läßt
nur geringe Anforderungen an die Energie und Aktivität der Kianken zu; dieser Umstand muß
bei der oft notwendigen Übungstherapie berücksichtigt werden. Es empfiehlt sich daher, die
Kranken zunächst zu schonen durch längere Bettruhe; durch gute reichliche Kost müssen die
Kräfte gehoben werden. Das labile, leicht erregbare überempfindliche Nervensystem dieser
Kranken muß zunächst sein früheres physiologisches Gleichgewicht erlangt haben. Die Lang¬
wierigkeit der Behandlung ist in dem Charakter der geschilderten Krankheiten begründet; sie
dürfte keine Veranlassung zur Mutlosigkeit geben, denn die Prognose ist im allgemeinen
günstig. _
IV. Berichtigung.
Auf S. 490 ist im Referat 63 Prof. Uhthoff als Autor der Arbeit angeführt, tatsächlich
hat aber sein Assistent Dr. Rentz das Material verarbeitet.
Mitteilung.
Da es mir voraussichtlich möglich sein wird, von jetzt ab die Redaktion des
Neurologischen Centr&lblattes wieder regelmäßig selbst zu leiten, so bitte ich,
Originalmitteilungen und Referate fortan wieder an meine Adresse, Berlin, Augs¬
burgerstraße 43, zu senden. Ich möchte aber nicht verfehlen, meinen beiden
Vertretern und Freunden, Herrn Prof. Rothmann und Herrn Dr. Tobias, für
die große Mühe und Arbeit, welche sie im verflossenen Kriegsjahre für das Central¬
blatt in liebenswürdigster Weise verwandt haben, auch an dieser Stelle meinen
herzlichsten Dank auszusprechen. 9 KurtMendeL
Verlag von Virr & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgeb & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prot R MendeL
Herausgegeben
von
Dp. Kart MendeL
Vierunddrei ßtgster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
_ direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915._ 16. August Nr. 16.
Inhalt I. Originalmittellungen. 1. Zur Differentialdiagnose zwischen arteriosklero¬
tischen und urämischen Zerebralstörungen, von Prof. H. Strauss. 2. Bemerkung über Be¬
teiligung der M. intercostales bei Hemiplegie, und zwar bei solcher a) kapsulären, b) korti¬
kalen Charakters, von 6. Bikeles. 3. Zur Therapie der Alkoholpsychosen, von Dozent Carl
Hudovernig.
II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Einiges zur Psychiatrie und zur Psycho¬
logie im Kriege, von Stransky. 2. Über Wundbehandlung in den Kriegsspitälern, von
v. Ruedlger. 3. Beiträge zur Chirurgie der Schußverletzungen des Gehirns, von Frey und
Selye. 4. Über Gehirnverletzungen durch Granatsplitter, von Qoetjes. 5. Zwei Fälle von
Trigeminusläsion durch Schußverletzung, von Uhthoff. 6. Direkte Verletzung der Vagus¬
gruppe, eine Kriegsverletzung, mit Reflexkrampf des Vagus, von Gross. 7. Über Ver¬
letzungen des Rückenmarks im Kriege, von Leva. 8. Über Rückenraarksschüsse, von Bittorf.
9. Ein typischer Steckschuß des Rückenmarks, von Coenen. 10. Bemerkenswerter Fall von
Malum perforans pedis nach Prellschuß der Wirbelsäule, von Kuznitzky. 11. Beobachtungen
über Schußverletzungen des Kehlkopfs. 3. Reihe (d. Centr. 1915. Nr. 7 u. 8), von KOrner.
12. Ein traumatisches Hämatom im Mediastinum mit starker Verdrängung der Speise- und
der Lufttöhre, aber ohne Rekurrenslähmung, von Körner. 13. Beitrag zur Beurteilung und
Behandlung der Schußverletzungen peripherischer Nerven, von Oppenheim. 14. Zur Frage
der Schußvcrletzungen der peripheren Nerven, von Marburg und Ranzi. 15. Operative Be¬
funde bei Schußverletzungen peripherer Nerven, von Voelcker. 16. Neurolyse des Plexus
bracbialis, von Mehler. 17. Der plastische Ersatz der Interossealmuskulatur der Hand durch
den Extensor digitorum communis, von MUller. 18. Beitrag zur Behandlung der Peroneus¬
lähmung, von Fleischhauer. 19. Über die Behandlung der Ischiadicusneuralgie nach Schu߬
verletzung mit Nervendehnung, von Brunzol. 20. Die Lagerungsbehandlung der Nerven¬
verletzungen, von Mayer. 21. Zur Mobilisation versteifter Finger- und Handgelenke bei
Kriegsverwundeten, von Laqueur. 22. Der Krieg und die traumatischen Neurosen, von
Förster. 28. Hystero-somatische Krankheitserscheinungen bei der Kriegshysterie, von Blnt-
wanger. 24. Zur Entstehung, Vorhersage und Behandlung nervöser und depressiver Zu¬
standsbilder bei Kriegsteilnehmern, von Mohr. 25. Herzneurosen mit Hauthyperasthesie,
von Brasch. 26. Über Störungen der Herztätigkeit, von Aschenheim. 27. Erfahrungen über
Epilepsie und Verwandtes im Feldzuge, von Bonhoeffer. 28. Enuresis und ähnliche Blasen¬
störungen im Felde, von Böhme. 29. Forensisch-psychiatrische Beobachtungen an Ange¬
hörigen des Feldheeres, von Kasfan. 30. Lazarettbeschäftigung und Militärnervenhcilstätte,
von Wollenberp. 31. Übungsschulen für „Gehirnkrüppel“, von Hartmann. 32. Die Erwerbs¬
fürsorge für Kriegsinvalide in unsern Heil-und Pflegeanstalten, von Fischer. — Therapie.
33. Sonnenbäder und Nervensystem, von Römer. 34. Über Foligan, ein neuartiges Sedativum,
von Friedländer. 35. Klinische Erfahrungen mit Diogenal, einem neuen Beruhigungsmittel,
von Serejtki.
Hl. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬
heiten. Nachtrag zur Sitzung vom 14. Juni 1915 u. Sitzung vom 12. Juli 1915. — Ärzt¬
licher Verein in Hamburg, Sitzung vom 1. Juni, 15. Juni und 6. Juli 1915.
Max Rothmann f.
XXXIV. 38
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
594
I. Originalmitteilungen.
[Aus der inneren Abteilung des jüdischen Krankenhauses zu Berlin.]
1. Zur Differentialdiagnose zwischen arteriosklerotischen
und urämischen Zerebralstörungen.
Von Prof. H. Strausa.
Nicht ganz selten kommen dem Internisten und dem Neurologen Fälle zur
Untersuchung, in welohen die Differentialdiagnose zwischen arteriosklerotischen und
urämischen Zerebralstörungen erheblichen Schwierigkeiten begegnet. Man trifft
dies besonders bei Hypertonikern. Das klinische Bild beider Zustände kann
bekanntlich überaus vielgestaltig sein, und es kann die Differentialdiagnose be¬
sonders schwierig in denjenigen Fällen werden, in welchen lokalisierte Reiz¬
oder Ausfallserscheinungen fehlen. Vor einer längeren Reihe von Jahren habe
ich schon hervorgehoben, 1 daß Fälle von zerebraler Arteriosklerose leicht auch
mit Zuständen von gastro-intestinaler Autointoxikation verwechselt werden können.
Bei der praktischen Bedeutung, welche der Differentialdiagnose von urämischen
und arteriosklerotischen Zuständen namentlich in prognostischer Richtung zu¬
kommt, möchte ich hier auf den Wert der Blutuntersuchung besonders hin-
weisen. Seit einer Reihe von Jahren habe ich diese in Form von Reststickstoff¬
bestimmungen zur Unterscheidung der hier in Frage kommenden ätiologischen
Momente mit Vorteil herangezogen. Allerdings herrschte über den Begriff
„Urämie“ bis vor kurzem noch manche Unstimmigkeit und auch manche Unklarheit.
Nachdem eine große Anzahl von Arbeiten der letzten V/ 2 Jahrzehnte gezeigt
hat, daß bei den echt urämischen Zuständen eine Vermehrung des Reststick¬
stoffgehaltes des Blutes kaum vermißt wird, ist man neuerdings dazu über¬
gegangen, den Reststickstoffgehalt des Blutes auch als differentialdiagnostisches
Kriterium zwischen urämischen und pseudourämischen Zuständen zu benutzen.
Genaueres über diese Frage habe ich an anderer Stelle 8 besprochen. Ich will
deshalb hier nur bemerken, daß für die genannten Blutuntersuobungen 5 und
allenfalls auch 2 ccm Blutserum genügen, und daß sich mir als Enteiweißungs¬
methode für die Bestimmung des Reststickstoffs diejenige von Folin am besten
bewährt hat
Man füllt in ein auf 50 ccm eingestelltes Kölbchen 20 ccm azetonfreien
Methylalkohol und läßt tropfenweise 5 ccm Blutserum zufließen. Alsdann füllt
man bis zur Marke 50 mit Methylalkohol auf, läßt 2 Stunden stehen, filtriert
durch ein trockenes Filter, setzt dem Filtrat 3 bis 4 Tropfen 10°/ 0 ige alkoholische
Chlorzinklösung zu, läßt stehen, bis sich ein flockiger Niederschlag abgesetzt hat
und filtriert wieder durch ein trockenes Filter. Von dem Filtrat nimmt man
' H. Stbaüss, Senator-Pestschrift. Berlin, A. Hirschwald, 1904.
' H. Stbauss, Berliner klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 15 u. a. a. O.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
595
30 ccm, läßt den Methylalkohol auf dem Wasserbad abdampfen, nimmt den
Rest in wenig Wasser auf und macht eine Stickstoffbestimmung nach
Kjeld ahl.
Re8tstiekstoffbestimmungen am Blutserum haben für den vorliegenden Zweck
deshalb eine große Bedeutung, weil nur echte Nephritiden und diese auch
nur bei stärkerer Ausbildung bzw. Ausdehnung des Prozesses eine erhebliohe
Stickstoffretention in den Säften zur Folge haben. Einfache Nierensklerosen,
führen nur zu geringgradiger Retention von Reststickstoff. Man trifft bei diesen
nur etwa 40 bis 80 mg Rest-N in 100ccm Blutserum, während man bei urä¬
mischen Zuständen meist 100 bis 150, ja sogar gelegentlich 200 bis 300 mg
Rest-N in 100 ccm Blutserum vorfinden kann. Man kann also den Satz so
formulieren: Niedere bzw. mittlere Werte für den Rest-N, d. h. Werte unter
80 bis 90 mg, sprechen in dubio mehr für arteriosklerotischen als für urämischen
Ursprung der Störung. Selbstverständlich kann sich bei einem Nephritiker mit
starker N-Retention gelegentlich auch einmal ein Coma apoplecticum entwickeln.
Es liegt dann aber eine Mischung zweier verschiedener Zustände vor. Deshalb ist
die differentialdiagnostische Bedeutung niedriger und mittlerer Werte im all¬
gemeinen größer, als diejenigen hoher Werte. In dieser Form der Verwendung
hat mir die relativ einfache Bestimmung des Reststickstoffgehaltes des Blutserums
in einer großen Reihe von Fällen, in welchen die Differentialdiagnose zwischen
Urämie und arteriosklerotischer Zerebralaffektion wichtig erschien, wertvolle
Dienste geleistet, und ich möchte mit Rücksicht auf die oft wichtigen prognosti¬
schen Zwecke die reichliche Benutzung dieses Vorgehens für den vorliegenden
Zweck auch hier empfehlen.
2. Bemerkung über Beteiligung der
M. intercostales bei Hemiplegie, und zwar bei solcher
a) kapsulären, bj kortikalen Charakters.
Von G. Blkelea.
Um einen etwaigen Unterschied in den beiderseitigen Thoraxbewegungen
deutlich hervortreten zu lassen, wurde der Patient aufgefordert, durch Rippen¬
hebung — ohne Inanspruchnahme der Schultergürtelmuskulatur — tief zu
atmen.
Zur Untersuchung gelangten vor allem Fälle von Schädel-Schuß- (bzw.
Säbel-)Verletzungen mit hemiplegischen Krankheitserscheinungen teils mit aus¬
schließlichen oder überwiegenden Störungen kortikalen Charakters, teils mit aus¬
gesprochenen Erscheinungen, die für kapsuläre Läsionen typisch sind.
Ich verfüge über 13 in dieser Hinsicht untersuchte Fälle. Bei 7 Fällen
war auch bei tiefer Atmung kein Unterschied in den beiderseitigen Thorax¬
bewegungen zu konstatieren; bei 6 Fällen hingegen waren die Thoraxbewegungen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
596
auf der hemiplegischen Seite ausgesprochen schwächer als auf der gesunden.
In allen 6 Fällen, in denen bei der willkürlichen tiefen Atmung die M. inter-
costales sich ebenfalls paretisch zeigten, waren ansgesprochen spastische
Erscheinungen (typische Kontrakturen) mehr oder minder ausgedehnt an den
Extremitäten der betroffenen Seite vorhanden. Hingegen bestanden in den
7 Fällen von gleichmäßiger beiderseitiger Beteiligung der M. intercostales auch
an der tiefen Atmung entweder keinerlei Spasmen oder nur minimale Spuren
von solchen beim Vorwalten von Hantierungsstörungen; der Grad der noch be¬
stehenden Lähmung der Extremitäten war in manchen dieser letzteren Fälle
noch ein recht bedeutender, eventuell war auch ein deutlicher Babinski vor¬
handen.
(Das entsprechende Krankenmaterial verdanke ich den Herren Kollegen
Prof. ScHLEsmoEB und Prof. Mabbubg.)
3. Zur Therapie der Alkoholpsychosen.
Von Dozent Carl Hudovernig,
Chefarzt des hauptstädtischen Spitals för Geisteskranke in Budapest.
Der Alkohol ist ein Nervengift par excellence, es sind die alkoholischen
Psychosen eine typische exogene Vergiftung des Nervensystems. Eben deshalb
erscheinen die Alkoholpsychosen besonders geeignet, daß in ihrer Behandlung
die dreifache therapeutische Indikation: Indicatio causae, Indicatio morbi und
ludicatio symptomatica befolgte werde.
In der Behandlung der Alkoholpsychosen haben wir bisher eigentlich bloß
die erste und dritte Indikation wissentlich befolgt. Die Indicatio causae damit,
daß den Kranken der Alkohol entzogen wurde, wie dies ja bei allen toxischen
Psychosen geschieht. Dem Prinzip der Indicatio symptomatica entsprechen wir
seit langer Zeit, indem wir gegen die Unruhe, Schlaflosigkeit, Herzschwäche,
anderwärtige Komplikationen chemo- oder physikotherapeutisch Vorgehen. Die
Krankheit selbst ist bei der Alkoholpsychose eine Durchtränkung der gesamten
Gewebe, in erster Reihe der Nervenelemente mit Alkohol. Gegen diesen patho¬
logischen Zustand haben wir bisher eigentlich kaum etwas getan, meist bloß
abgewartet, bis der Alkohol aus dem Organismus spontan ausgeschieden wird.
Selbstverständlich können wir einer Indicatio morbi im Wege einer raschen
Alkoholentfernung, mag dieselbe nun entweder spontan oder künstlich erfolgen,
nur in jenen Fällen entsprechen, wo der Alkohol im Organismus und im Nerven¬
system noch keine irreparablen Veränderungen hervorgerufen hat.
In der letzten Zeit sehen wir schon gewisse Bestrebungen in der Therapie
der Alkoholpsychosen, welche einer Indicatio morbi Genüge leisten wollen.
Mobavcsie, Kbäpelin, Chaslin u. a. betonen in ihren Lehrbüchern, daß bei
Alkoholkranken die protrahierten Bäder nicht bloß beruhigend, sondern zum Teil
auch den Stoffwechsel befördernd wirken, was durch schweißtreibende Prozeduren
Digitized by
Gck igle
Original fru-rn
UNIVERSETY OF MICHIGAN
597
gesteigert werden kann. Ja Ganser, der seine Alkoholkranken wenigstens im
Anfänge „wegen der Unberechenbarkeit der Herztätigkeit“ im Bette hält und
mit Digitalispräparaten behandelt, wendet mit Vorliebe eine 1 °/ 0 ige Lösung von
Natrium aceticum als Getränk an, um damit „eine Auswaschung der Gewebe“
zu beschleunigen.
Ich war deshalb bestrebt, eine solche therapeutische Maßregel festzustellen,
welche es ermöglicht, bei den Alkoholpsychosen der Indicatio morbi in einer
wirksameren Weise als bisher zu entsprechen, d. h. welche eine rasche Durch¬
waschung der Gewebe und des Nervensystems und damit eine rasche Elimination
des angehänften Alkoholgiftes gestattet. Als ein geeignetes Mittel erschien mir
das Pilokarpin, welches bekanntlich die Speichel- und Schweißdrüsensekretion
mächtig anregt, dabei aber ein Herzgift sein kann, denn es verursacht nach
einer initialen Beschleunigung der Herztätigkeit und Atmung in toxischen Dosen
Herzlähmung. Der Flüssigkeitsverlust des Körpers ist bei Pilokarpin nach der
Darstellung von Cloetta-Filehne ein gewaltiger: der Verlost des Körper¬
gewichts durch Schweißabsonderung kann bis 1 1 / 2 , durch Speichelfluß bis zu 1 / 2 ,
im übrigen bis zu 2kg, in toto somit bis zu 4 kg betragen!
Diese physiologischen und pharmakologischen Eigenschaften ließen mir das
Pilokarpin als besonders geeignet erscheinen, um mit seiner Hilfe die toxisch
saturierten Gewebe der Alkoholiker rasch durchzuwaschen. Zwei Gründe , aber
erheischen eine ganz besondere Sorgfalt auf das Herz der mit Pilokarpin be¬
handelten Alkoholiker: einerseits die bekannte Wirkung des Pilokarpins auf das
Herz, andererseits die bei Alkoholikern so häufige Herzschwäche, welche in den
ersten Tagen so oft den Tod verursachen kann. Gerade mit Rücksicht hierauf
sind aus der später zu schildernden Pilokarpinbehandlung alle Fälle mit aus¬
gesprochener Herzschwäche und Arteriosklerose ausznschließen.
Das Behandlungsschema, welches ich fast seit einem Jahre bei den Alkohol¬
kranken meiner Abteilung befolge, ist folgendes: absolute Bettruhe in allen
Fällen, selbst bei scheinbar intakter Herztätigkeit, ein Digitalispräparat, ferner
während 8 bis 10 Tagen täglich eine Injektion von salzsaurem Pilokarpin, dessen
Anfangsdosis am ersten Tage 0,005 (quasi als Versuchsdosis), dann aber 0,01 g
beträgt. Ferner bekommen die Kranken in der ersten Woche bloß leichte, zu¬
meist flüssige Diät Schlaflosigkeit und andere nervöse Erscheinungen erheischen
eine besondere Behandlung. Hingegen gelangen Bäder, Packungen usw. nur
ausnahmsweise zur Anwendung.
Diese Behandlung habe ich bei allen Alkoholisten angewendet, welche im
Laufe des letzten Jahres in meine Abteilung eingeliefert wurden: in Fällen von
Delirium tremens, bei chronischen Trinkern, falls dieselben delirierten oder
halluzinierten, ja auch in solchen Fällen, wo das Delirium tremens mit anderen
psychischen Erkrankungen kombiniert war; ausgeschlossen erscheinen mir bloß
Fälle alkoholischer Nerven- und Geisteskrankheiten, wo-nicht mehr alkohol¬
toxische Erscheinungen vorhanden sind, z. B. auf alkoholischer Grundlage auf¬
tretende Paranoia, Neuritiden usw. Behandelt wurden im Ganzen 15 Kranke,
alle mit überaus günstigem Resultat. Die Kranken haben die Behandlung gut
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
598
vertragen, unangenehme Komplikationen traten nicht auf, nachdem die vorher
erwähnten Kontraindikationen stets vor Augen gehalten worden. Nach 0,01g
Pilokarpin trat bei jedem Kranken mächtige Salivation und Schweißausbruch
auf; bei einigen, aber nicht bei allen Kranken hatte der Schweiß Alkoholgeruch.
Die psychische Aufhellung erfolgte stets überraschend schnell, auch die körper¬
lichen Erscheinungen der Alkoholvergiftung zeigten eine raschere Rückbildung,
wenn auch nicht in dem Maße wie die Delirien und Halluzinationen. Die
durchschnittliche Behandlungsdauer der Kranken war kürzer. Die Gesamt-
statistik ergab auch günstigere Resultate, was zweifellos für die Vorteile der
Behandlungsweise spricht.
Bevor ich zur statistischen Zusammenstellung der Ergebnisse schreite, will
ich zwei besonders lehrreiche Fälle kurz schildern, ohne mich in die Detaillierung
sämtlicher Krankengeschichten einzulassen:
I. Der 56jährige Bahnbedienstete J. B. trinkt seit Jahren, in der letzten
Zeit täglich, um 1 Krone Rum; hat bereits mehrmals „getobt“. Bei der Ein¬
lieferung am 12. April 1914 ist Patient vollkommen verwirrt, große psychomoto¬
rische Unruhe, lebhafte Halluzinationen, intensiver Tremor am ganzen Körper,
welcher in den Händen an das Zittern bei multipler Sklerose erinnert, macht im
Bett mit den Händen Abwehrbewegungen. Lichtstarre Pupillen. Am 13. April
0,005 g Pilokarpin und regelmäßige Digitalistherapie bei flüssiger Diät. Am
14. April 0,01 g Pilokarpin, darauf lebhafter Schweißausbruch und Salivation;
Patient ist schlaflos, verwirrt, träg reagierende Pupillen. Am 15. April psycho¬
motorische Unruhe und Tremor geringer, aber noch verwirrt. Am 16. April be¬
ginnt Patient zusammenhängend zu sprechen und sich zu orientieren. Am 19. April
psychisch aufgehellt, minimaler Tremor. Am nächsten Tage befindet er sich ganz
Wohl, minimaler Tremor, spricht vernünftig, ist gut orientiert, Halluzinationen
bestehen nicht mehr. Am 25. April wird die ganze Therapie eingestellt. Patient
ist psychisch vollkommen normal, kein Tremor. Am 2. Mai geheilt entlassen.
II. Der 44jährige Hausbesorger M. H. ist ein hartnäckiger Trinker, welcher
in den letzten 4 Jahren viermal wegen Delirium tremens in meine Abteilung ein¬
geliefert wurde. ~Zum ersten Male stand er vom 9. Dezember 1909 bis 27. Januar
1910 in Behandlung, bei welcher Gelegenheit sich die ersten Zeichen der psychi¬
schen Aufhellung am 12. Tage der Behandlung zeigten. Die zweite Erkrankung
war heftiger, Patient wurde vollkommen verwirrt am 11. Juli 1911 eingebracht
und die psychische Aufhellung erfolgte erst am 26. Behandlungstage. Beginn der
dritten Behandlung am 7. Juni 1913, erste Anzeichen einer Aufhellung abermals
am 12. Behandlungstage. Seine vierte Erkrankung fällt bereits in die Periode
der Pilokarpinbehandlungen und erfolgte am 13. Oktober 1913; lebhafte Delirien
und Sinnestäuschungen; die Pilokarpinkur wurde sofort am ersten Tage begonnen,
die ersten Anzeichen einer psychischen Aufhellung zeigten sich bereits am 18.,
d. h. am 3. Tage der Behandlung, als Patient bei partieller Krankheitseinsicht
„seine elende Trunksucht verfluchte“; am 21., d. h. am 5. Tage der Behandlung,
war Patient bereits psychisch geordnet; die Rückbildung der somatischen Er¬
scheinungen erheischte längere Zeit.
Mit der geschilderten Pilokarpinkur wurden seit Herbst 1913 insgesamt
15 Kranke meines Spitals behandelt; darunter waren 12 Fälle von Delirium
tremens oder halluzinierendem chronischem Alkoholismus, welche alle geheilt
entlassen werden konnten; bei zwei weiteren Deliranten bestand gleichzeitig
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
599
progressive Paralyse, and obwohl auch bei diesen das alkoholische Delirium auf¬
fallend rasch verschwand, will ich diese Fälle denn doch bloß als gebesserte be¬
zeichnen, um nicht die Absicht einer geflissentlichen Statistikverbesserung auf-
kommen zu lassen; endlich war der eine Trinker ein seniles Individuum, welches
noch in den ersten Tagen der Pilokarpinkur an einer Pneumonie verschied.
Behufs Nachweises der Vorteile der Pilokarpinkur bei Trinkern erscheint
es nötig, die Ergebnisse derselben denen der bisherigen quasi exspektativen Be¬
handlungsweise gegenflberzustellen, weil bloß tin derartiger Vergleich die Basis
zu einer Wertung der von mir vorgeschlagenen Eur bilden kann. Die Heil¬
ergebnisse der beiden Behandlungsarten habe ich in den beiden nachstehenden
Tabellen nach zwei Gesichtspunkten zusammengestellt: Tabelle I gibt Aufschluß
Aber das Eintreten der psychischen Aufhellung (wozu ich das Schwinden der
Delirien, Desorientiertheit und Sinnestäuschungen rechne) und über die Gesamt¬
dauer der Anstaltsbehandlung. Tabelle II enthält die statistischen Daten über
die Heilergebnisse der Gesamtbehandlungen.
Tabelle I.
Eintritt der psychischen Auf-
Dauer der Anstaltsbehandlung
hellang am Behandluugstage
in Tagen ausgedrückt
Minimum
Maximum
1 Durch-
1 schnitt
Minimum
Maximum
Durch¬
schnitt
105 Fälle ohne Pilokarpin-
1 !
behandlung ....
15 Fälle mit Pilokarpin-
7
! 83
80
11 1
126
J 41,8
behandlung ....
B
10
1 5,7
13
45
25,5
Tabelle II.
Es wurden entlassen
geheilt
gebessert
gestorben
Zahl
% |
Zahl
1 # /o
1 Zahl
1 °/
1
Von 105 nicht mit Pilokarpin behandelten Fällen
61
1 58,1
14
13,4
30
28,5
Von 15 mit Pilokarpin behandelten Fällen . .
12
1
SO
2 J
13,3
1
6,7
Ein Vergleich der beiden Tabellen ergibt als zweifellos, daß die Pilo¬
karpinbehandlung der Alkoholisten im Vereine mit der damit ver¬
bundenen Digitaliskur und Bettruhe die Gesamtdauer der Anstalts-
beha'ndlung bedeutend verkürzt, daß bei derselben die psychische
Aufhellung bedeutend rascher eintritt, ferner kann festgestellt
1 Bezieht eich auf zwei besonders leichte Fälle, welche das Spital vorzeitig entlassen
maßten.
* Bezieht sich auf die bereits erwähnten 2 Paralytiker mit Delirium tremens, deren
Delirium geheilt war, welche aber wegen der gleichzeitig bestehenden Paralyse bloß als
gebessert bezeichnet sind.
Digitized fr
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
600
werden, daß die perzentuelle Zahl der Heilungen bedeutend steigt,
von 58% auf 80%, und daß die relative Zahl der Todesfälle im
gleichen Verhältnisse abnimmt, und zwar von 28,6% auf 6,7%
sinkend. Diesen letzteren Umstand will ich nicht dem Pilokarpin zuschreiben,
vielmehr der damit verbundenen Digitaliskur, welche quasi eine Präventivma߬
regel gegen die bei den Alkoholikern stets drohende Herzschwäche darstellt und
welche die meisten Todesfälle bei den Trinkern, namentlich im deliranten
Stadium, verursacht. #
Meine besonders günstigen Ergebnisse berechtigen mich dazu, die geschilderte
Behandlungsart wärmstens zu empfehlen.
II. Referate.
Kriegsbeobachtungen.
1) Einiges zur Psychiatrie und zur Psychologie im Kriege, von E. Strausky.
(Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 27.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf., der viele Monate im Felde, teils bei einem mobilen Reservespitale,
teils bei der Truppe als Chefarzt eines österreichisch-ungarischen Infanterieregi¬
mentes gestanden ist, berichtet über eine Reihe von Beobachtungen, die er im
Felde zu machen Gelegenheit hatte. Von Interesse sind gewisse pathologische
Affektzustände, die er vereinzelt zu sehen bekam, für die er den Namen „Kriegs-
knall“ vorschlägt und die er etwas näher beschreibt. Eigenartige Delirien bei
den Choler&kranken, deren Verf. eine große Menge untergekommen sind, hat er
auch in einigen Fällen gesehen, aber infolge Verlegung des Spitals, das einige
Zeit lang als Epidemielazareit diente, nicht zu Ende beobachten können.
Verf. zitiert weiter eine Reihe anderer deutscher Autoren, die über psychia¬
trische Beobachtungen im Felde berichtet haben, und kommt gleich ihnen zu dem
Schlüsse, daß es eine besondere Kriegspsychose nicht gibt, sondern daß der Krieg
nur den Inhalt der Psychose determiniert oder als psychisches Trauma wirkt; die
Nutzanwendungen gegenüber dem Umsichgreifen der sogen. Psychoanalyse in der
Psychiatrie werden kurz beleuchtet.
Im allgemeinen ist die Zahl der Psychosen keine besonders hohe; es sind
eben auf mitteleuropäischer Seite — Deutschland und Österreich-Ungarn — die
besseren Nerven.
In einem besonderen Abschnitte geht der Verf. auf die psychologische Seite
ein, berichtet über die Grenzbeziehungen zu der neuropathischen Minderwertigkeit
bezüglich der Reaktion auf die Kriegsereignisse, über die Anpassung der Mehrzahl
an das Leben im Felde und an die Strapazen und Gefahren desselben und ver¬
gleicht die Erfahrungen dieser Art mit psychologischen Phänomenen auf anderen
Gebieten. Mut und Mutlosigkeit werden besonders untersucht und analysiert und
dargetan, daß es komplizierte Phänomene verschiedener Dignität sind, insbesondere,
daß es Zwangsbefürchtungen auch im Felddienste gibt, die mit vulgärer Mutlosig¬
keit nicht das mindeste gemein haben.
Ref. möchte noch speziell bemerken, daß man eB diesem höchst lesenswerten
und interessanten Aufsatze Zeile für Zeile anmerkt, daß Verf. seine Erfahrungen
direkt an der Front gesammelt und den Krieg im Felde und Schützengraben
kennen gelernt hat.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
601
2) Über Wundbehandlung in den Kriegsspitälern, von v. Ruediger. (Wiener
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 25.) Ref.: Pilcz (Wien).
In dieser vorwiegend für den Chirurgen wichtigen Studie seien, als auch für
den Neurologen von Interesse, folgende Punkte hervorgehoben:
a) Schädelschüsse: Tangentialschüsse möglichst früh operieren, wenn
klinisches Bild und Röntgenogramm für Rnochenfraktur, auch nur der Tabula
interna, einigermaßen entsprechen. Durchschüsse ezspektativ zu behandeln, außer
bei Drucksteigerungsefrscheinungen durch Blutung aus Art. meningea media. Bei
Steckschüssen nur zu operieren, wenn wichtige Zentren gedrückt werden oder
Symptome einer Infektion auftreten. Bei Blutungen aus der Art. meningea media
ist immer sofort einzugreifen. Bei allen Schädelverletzungen mit Bewußtlosigkeit
nicht den Füllungszustand der Blase vergessen.
b) Rückenmarksschüsse. Bei spinaler Verletzung Operation zwecklos,
sogar gefährlich. Bei Druckwirkung dagegen, durch Blutung, Knochensplitter usw.
Operation dann indiziert, wenn sich nach etwa 6 bis 8 Wochen der Zustand nicht
geändert hat.
c) Tetanus. Antitoxin bei ausgebrochenem Tetanus nahezu stets wirkungslos,
um so wichtiger prophylaktische Antitoxinbehandlung bei allen verdächtigen Ver¬
letzungen, wie komplizierten Schrapnellwunden oder dergl. Symptomatisch bei
abgebrochenem Tetanus Chloral bis zu 8,0 pro die, eventuell Narkose, bei
Bronchitis Chloroformnarkose, Fälle mit langer Inkubation sind prognostisch
günstiger.
d) Nervenverletzungen. Hauptschwierigkeit: Frage der Spät- oder Früh¬
operation. Intensives Hand- in Handarbeiten des Chirurgen mit Neurologen und
Orthopäden erforderlich; letzterer hat namentlich hinsichtlich Nachbehandlung
wichtige und große Aufgabe.
8) Beiträge zur Chirurgie der Sohußverletzungen des Gehirns, von H. Frey
und H. Selye. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 25 u. 26.) Ref.: Pilcz.
Studie, gestützt auf reichliches eigenes Material, von vorwiegend chirurgischem
Interesse. Für den Neurologen aber auch von Wichtigkeit. Die Verff. gelangen
zu folgenden Schlußsätzen:
Aus dem äußeren Aspekt der Wunde lassen sich keine verläßlichen Folge¬
rungen auf die Ausdehnung der Zerstörungen in der Tiefe ziehen.
Es sind demnach alle Fälle zunächst operativ zu explorieren; bei etwa intakt
befundenem Knochen ist dann kein weiteres Vorgehen indiziert; ist der Knochen
verletzt, so muß unbedingt an der betreffenden Stelle das Schädeldach eröffnet
werden. Der Knochen ist soweit abzutragen, bis nach allen Richtungen normale
Dura sichtbar ist
Nach Entfernung von Fremdkörpern, Knochensplittern und zerfallenem Hirn¬
gewebe ist die Dura bis an den Knochenrand kreuzförmig zu inzidieren.
Die Operationswunde ist so zu versorgen, daß weder durch den Verband,
noch durch die natürliche Bedeckung ein Druck auf die freigelegten Hirnpartien
ausgeübt werde.
Während der Nachbehandlung auftretende Hirnprolapse sind nur dann von
Bedeutung, wenn die Hirnpulsation auf hört. In diesem Falle müssen die Prolapse
abgetragen und das Gehirn neuerlich exploriert werden. Ist die Hirnpulsation
erhalten, so ist der Prolaps ohne Bedeutung und kann der spontanen Rückbildung
überlassen bleiben.
Die Prognose ist nach den Erfahrungen der Verff. bei dieser Behandlung
überwiegend günstig; nur 8°/ 0 Mortalität; Lähmungen und andere Herderschei¬
nungen bilden sich rasch zurück.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
602
4) Über. Gehirn Verletzungen durch Granatsplitter, von Dr. Goetjes. (Mün¬
chener med. Wochenschrift. 1915. Nr. 26. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt
Mendel.
Verf. war in der Lage, 18 Gehirn Verletzungen duroh Granatsplitter, die in
den ersten 24 bis 48 Stunden in seine Behandlung kamen, zu operieren und dann
wochenlang bis zur fast beendigten Abheilung bzw. bis zum Tode mit folgender
Autopsie zu beobachten. Chirurgisch geheilt wurden 7 Fälle, es starben an Luft¬
embolie 4, an sekundärer Blutung 3, an Meningitis (Gasphlegmonen) 1 und an
der Größe der Verletzung 3 Fälle.
Jede Granatsplitterverletzung des Schädels ist in den ersten 24 bis 48 Stunden
operativ zu behandeln. Die Operation soll eine möglichst gründliche sein und in
der sorgfältigsten Ausräumung der breit zugänglich gemachten Zertrümmerung»«
höhle von Gehirnbrei und Knochensplitter bestehen. Die Nachbehandlung erfolgt
mit Tamponade, die im Bereich des Knocbenloches als Pelotte den drohenden
Prolaps verhindern soll.
6) Zwei Fälle von Trigeminusläsion duroh Sohußverletzung, von W. Uht-
hoff. (Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. LIV. 1915. April-Mai.) Ref.: Kurt
Mendel.
Fall I. 29jähriger Patient. Beim Platzen einer Granate Verletzung an der
rechten Schläfenseite. Etwa 1 / 2 Stunde bewußtlos. Augenlider rechts stark an»
geschwollen. Blutende Wunde an rechter Schläfe. Es blieb eine Reizbarkeit des
rechten Auges bei äußeren Schädlichkeiten, welches sich dann perikorneal injizierte
und im unteren Hornhautteil kleine Epithelerosionen zeigte. Neurologische Unter¬
suchung: Rechte Kornea ist gegen leichte Berührungen unempfindlich, Sensibilität
in ihren verschiedenen Qualitäten im ganzen Bereich des rechten 1. und 2. Trige¬
minus hochgradig herabgesetzt. Geruch rechts etwas herabgesetzt, Sensibilität der
rechten Nasenschleimhaut vermindert. 3. Trigeminusast intakt. Am Gaumen
Herabsetzung der Sensibilität rechts. Zäpfchen weicht etwas nach rechts. Ge¬
schmack auf der ganzen rechten Zungenhälfte herabgesetzt. Das rechte Auge
hat die Fähigkeit zum Weinen eingebüßt, während Konjunktiva und
Kornea normal befeuchtet waren. Bei dem Versuch durch soharfriechende Sub¬
stanzen die Tränensekretion anzuregen, gelang dies auf dem linken Auge bis zum
Überfließen der Tränen, während dies rechts nicht der Fall war. Sympathicus
intakt. Die Röntgenuntersuchung ergab einen Granatsplitter rechts unmittelbar
vor dem Ganglion Gasseri. Zeitweise Blutandrang nach dem Kopf, leichter
Schwindel mit Übelkeit. Sonst keine subjektiven Beschwerden.
Die Exkoriation der Hornhaut deutet Verf. als trophische Störungen. Be¬
treffs des Aufhörens der Tränensekretion glaubt Verf., daß die sekretorischen
Fasern aus dem Fazialisgebiet stammen und auf dem Wege des N. petrosus super¬
ficialis major und des Ganglion sphenopalatinum in das Trigeminusgebiet über¬
treten.
Fall II. 21 jähriger Student. Gewehrschuß in die linke Schläfengegend;
Einschuß dicht hinter dem äußeren oberen Orbitalrand, Ausschuß an der unteren
rechten Halsseite. Bewußtlos, Blut aus Nase und Mund; linkes Auge erblindet,
Lider stark geschwollen, Schluckbeschwerden; Aufhebung des Gefühls im Gebiet
des 2. Trigeminusastes einschließlich der linken Nasenschleimhaut und einer Partie
des harten Gaumens; Sensibilität an Oberlippe, Zunge und Kornea normal. Ge¬
ruch links herabgesetzt, Geschmack nicht gestört. Keine Anomalie der
Tränensekretion. Der Bulbus war stark erschüttert durch das Geschoß,
letzteres hatte im unteren Abschnitt der Orbita den 2. Ast des Trigeminus lädiert,
denselben ganz isoliert lähmend. Wichtig ist, daß die Tränensekretion intakt
blieb; es spricht dies gegen die Annahme einiger Autoren, daß die sekretorischen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
603
Fasern für die Tränendrüse ans dem 2« Aste des Trigeminus auf dem Wege des
N. subcutaneus malae zur Tränendrüse verlaufen.
0) Direkte Verletzung der Vagusgruppe, eine Kriegsverletzung, mit Hefiex-
krampf des Vagus, von H. Gross« (Deutsche Zeitschr. f. Chirurgie. CXXXIII:
1916. H. 2.) Bef.: K. Boas.
Eine Schädelbasisfraktur, die in ihrem Beginn oder Ende oder durch nächste
Nachbarschaft das Foramen jugulare einbegreift, ist die normale Ursache einer
Verletzung der Vagusgruppe (Nn. glossopharyngeus, vagns, acoessorius und hypo-
glOB8Ufl).
Diete Verletzung als Folge eines Schädelbrucbs ist bisher 12 mal beschrieben
worden.
Indessen gibt es auch eine direkte Entstehung, wie bisher 4 Fälle von Schuß-
Verletzungen aus der Literatur lehren, welche das Foramen jugulare und seine
nächste Umgebung trafen.
Einen 5. Fall beschreibt Verf. bei einem Hauptmann, der duroh Schrapnell¬
mantel eine Verletzung in der linken Halsseite erlitt, die sofort heftige Atem¬
beschwerden mit bis zum Lufthunger sich steigernden ErstickungsgefÜhl zur Folge
hatte. Pat. verlor ferner sofort die Stimme.
Bei der Aufnahme zeigte sich im Röntgenbilde ein Sohrapnellstück in der
Nähe des Foramen jugulare. Die Erscheinungen bestanden in beschränkter Ge-
schmacksstörung der linken Zungenhälfte, Atrophie des M. genioglossus und der
vorderen Halsmuskeln. Der Schluckakt war nur gestört, nicht völlig aufgehoben,
so daß nur eine Reizwirkung, keine völlige Unterbrechung der in Betracht
kommenden Nerven (Glossopharyngeus, Vagus, Hypoglossus) vorlag, der Accessorius
war intakt.
Bei der Operation konnte festgestellt werden, daß ein Druck auf das Foramen
jugulare und die durchsetzenden Nerven seitens des Sprengstückes nicht bestand.
Im übrigen mißlang der Versuch, das am oberen Rande der Incisura jugularis
sitzende Sprengstück zu entfernen.
14 Tage nach der Operation bei geheilter Wunde bekam der Pat. plötzlich
einen schweren Reßexkrampf des Vagus in Form eines Kollapszustandes mit
schwerem Angst- und Kältegefühl und kaltem Schweißausbruch. Die Atmung war
ganz flach, zeitweise aussetzend, Puls 64 Schläge. Diese Anfälle wiederholten
sich im Laufe der nächsten 14 Tage in fast gleicher Intensität noch zweimal, in
geringerer noch öfters. Es konnte festgestellt werden, daß eipe Reizung der
peripherischen Vagusausbreitung lediglich duroh eine keineswegs übermäßige An¬
füllung des Magens ausreichte, um einen typischen Reflexkrampf auszulösen. Erst
bei reduzierter Abendkost blieben die Anfälle dauernd fort
7) Über Verletzungen des Rückenmarks im Kriege, von J. Leva. (Müncb.
med. Wochenschr. 1916. Nr. 27. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. fand bei 21 Fällen von Rückenmarksverletzung nach einer durchwegs
J / 2 jährigen Beobachtungszeit eine Mortalität von 2, d. h. 9,5 °/ 0 . Allerdings war
das Rückenmark in zahlreichen Fällen nur in unerheblichem Grade verletzt
(KommotionsWirkung) und die meisten Verletzten hatten bei der Lazarettauf¬
nahme das kritische Stadium (Wundinfektion, Meningitis, andere schwere Kom¬
plikationen) schon erfolgreich überstanden; daher das verhältnismäßig sehr günstige
Resultat.
Bei einem großen Teile der im Kriege entstandenen Rückenmarksverletzungen
können — eventuell auoh noch nach Monaten — erhebliche Besserungen eintreten.
Andrerseits können sich an verhältnismäßige, unbedeutende Rückenmarksverletzungen
— auch an periphere Nerven- und sogar Weichteilverletzungen — noch lange
Zeit später sekundär degenerative Prozesse mit ungünstiger Prognose anschließen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
604
(sekundäre traumatische Lähmungen). Daher Vorsicht in der Prognosenstellum'
Rückenmarksverletzter!
8) Über Büokenmarkssohüsse, von Prot Bittorf. (Münch, med. Wochenschr.
1916. Nr. 27. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel.
2 Fälle. Trotz anfänglich sehr schwerer (Kommotions-)Erscheinungen kann
die Prognose außerordentlich günstig 6ein, die Lähmungen können sehr schnell
zurückgehen.
9) Ein typischer Steckschuß des BüokenmarkB, von Prof. Coenen. (Berl.
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. hat 2 Fälle von Steckschuß des Rüokenmarks, den einen im ersten
Balkankriege 1913, den anderen zurzeit im Weltkriege beobachtet, die sich beide
außerordentlich glichen, so daß nur der eine Fall genauer referiert zu werden
braucht. Beiden Fällen gemeinsam war die Unkenntnis des Verwundeten von der
Art der Schuß Verletzung, der lange Schußkanal von der Schulter bis ins untere
Brustmark, das schließliche Steckenbleiben des Geschosses im Rückgratkanal, der
Symptomenkomplex und der Bchließliche Tod.
In dem jüngstbeobachteten Falle handelte es sich um einen Soldaten, der
nach seiner Meinung durch MinensprengBtüoke verwundet war, die ihn angeblich
mit solcher Wucht trafen, daß er sofort zusammenknickte, sioh überschlug und
liegen blieb. Er blutete an der linken Schulter, an der man eine schräg nach
unten und innen verlaufende längliche Wunde von etwa Daumengliedgröße sah,
die, stark zerrissen, in einen in der Längsrichtung der Wunde liegenden Schuß-
kanal führte. Die beiden Beine sind völlig schlaff gelähmt, feine Berührungen
werden nur im oberen Drittel empfunden, desgleichen Schmerzempfindungen,
Lagerungsgefühl, Temperatur- und Tastsinn. Patellar- und Achillesreßexe fehlen,
Bauchdecken- und Kremasterreflexe vorhanden. Die Gegend deB 11. und 12. Brust¬
wirbels ist auf Druck deutlich empfindlich. Die Röntgenaufnahme wies über¬
raschenderweise im 12. Brustwirbel ein Spitzgescboß nach, das schräg mit der
Spitze gegen die linke Schulter gerichtet war, sich seit Verlassen des Laufes um
180° gedreht hatte und in der Mitte des genannten Wirbels offenbar im Rück¬
gratkanal lag. Es war also im 12. Brustwirbel stecken geblieben. Die Operation
wurde in Lokalanästhesie ausgeführt. Nach Entfernen der Dornen des 11. und
12. Brust-, des 1. und 2. Lendenwirbels sieht man die Geschoßspitze, die, heraus¬
gezogen, deutlich verkrümmt ist. Die Dura ist blutig verfärbt, ein Schußloch
nicht zu sehen. Sie wird gespalten, worauf lockere, im Liquor schwimmende
Blutgerinnsel zum Vorschein kommen. Darauf erkennt man im Brustmark ein
Loch von Bleistiftdicke, von graulich verfärbtem und erweichtem Mark umgeben.
Weiterhin erscheint links ein halbstreichholzlanger Knochensplitter, ein langes
Blutgerinnsel usw. Nach 9 Tagen Exitus. Charakteristisch ist, wie auch im
anderen Falle, der lange Schußkanal. Die Wirbelsäule fällt in die Schußlinie
hinein, und zwar ganz zuletzt, nachdem das Geschoß einen langen Weg durch
die Weichteile gemacht und einen Teil seiner lebendigen Kraft eingebüßt hat.
Am Ende seiner Bahn ist es nicht mehr fähig, den knöchernen Widerstand der
Wirbelsäule zu brechen; es bleibt stecken. Steckschüsse sind therapeutisch nur
operativ anzugreifen.
10) Bemerkenswerter Fall von Malum perforans pedis nach Prellschuß
der Wirbelsäule« von M. Kuznitzky. (Münch, med. Woohenschr. 1915.
Nr. 23. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel.
Minenexplosion. Einschuß in der vorderen Axillarlinie zwischen 8. und
9. Rippe, Ausschuß in Höhe des 2. Lendenwirbels. Lähmung beider Beine,
Blasenlähmung, hochgradige Überempfindlichkeit im Bereich des Mons veneris,
Penis und Skrotums. Außerdem hatte sich schon in der ersten Woche auf der
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
605
licken Ferse ein von der Plantar- auf di^ Dorsalfläche übergreifendes, keinerlei
Beschwerden verursachendes Malum perforans gebildet, wahrscheinlich als Folge
der zugehörigen trophischen Nervenzentren in den vordersten lateralen Ganglien¬
zellen der Vorderhörner des Lendenmarks in Höhe des 2. Lendenwirbels.
11) Beobachtungen über Schußverletzungen des Kehlkopfs. 3. Reihe (d.
Centr. 1915. Nr. 7 u. 8), von 0. Körner. (Zeitsohr. f. Ohrenheilk. u. f. d.
Krankh. d. Luftwege. LXXIII. 1915. H. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. fügt den von ihm bereits veröffentlichten 7 Beobachtungen von Schutt¬
verletzungen des Kehlkopfs vier neue hinzu. In dem ersten handelte es sich um
einen Schrägschuß durch den oberen Teil des Kehlkopfs, in dem zweiten um
einen Querschuß mit Verletzung des rechten Stimmbandes, in dem dritten um
einen Schrägschuß durch den untersten Teil des Kehlkopfs mit partieller Schädigung
des rechten N. accessorius Willisii und in dem vierten um eine Kehlkopfkontusion
mit funktioneller Stimmstörung. Bemerkenswert ist, daß nur in dem dritten Falle
eine Komplikation bestand und zwar die Lähmung des mittleren Astes des Nervus
accessorius Willisii zum M. trapezius, der in der Austrittsgegend des Geschosses
am Halse geschädigt worden war.
12) Ein traumatisches Hämatom im Mediastinum mit starker Verdrängung
der Speise- und der Luftröhre, aber ohne Rekurrenslähmung, von
0. Körner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. LXXIII.
1915. H. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Etwa 5 Tage nach einer starken Thoraxkontusion durch stürzende Erdmassen
im Schützengraben war ein Schluckhindernis aufgetreten, dessen Sitz in der
Speiseröhre vermutet wurde. Man dachte an ein traumatisches Aortenaneurysma, *
gab aber diese Annahme bald auf. Die Ösophagoskopie ergab, daß es sich um
eine Verdrängung der Speiseröhre im oberen Abschnitte des Thorax nach rechts
handelte, und der Einblick in die Luftröhre zeigte später eine Verlagerung der¬
selben nach vorn und rechts. Das Röntgenbild zeigte einen Schatten oberhalb
des Herzschattens, den der schattengebende Speisebrei ebenso wie der Gummi¬
schlauch bogenförmig umwanderten. Die Kontusion hatte eine Blutung in das
Mediastinum herbei geführt, das Hämatom saß im hinteren Mediastinalraum. Dabei
wurden die Rami recurrentes beider Nervi vagi stark verdrängt, aber eine Kehl¬
kopflähmung ist nicht aufgetreten.
13) Beitrag zur Beurteilung und Behandlung der Sohußverletaungen peri¬
pherischer Nerven, von Hermann Oppenheim. (Therapie der Gegenwart.
1915. Juni.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Symptomatologie der peripherischen Nervenlähmung wird nach den Er¬
fahrungen des gegenwärtigen Krieges überaus häufig kompliziert und verwischt
durch die Verknüpfung mit Lähmungszuständen bez Reiz- und Ausfallserschei¬
nungen, die nicht als die direkte Folge des lokalen Verletzungsprozesses im peri¬
pherischen Nerven angesehen werden können, sondern auf nicht-organische zentrale
(zerebrale und wahrscheinlich auch spinale) Vorgänge zurückgeführt werden müssen.
Verf. denkt dabei an alle die Zustände, welche als psychogen-hysterische, als
Gewohnheitslähmung, als Akinesia amnestica, als Reilexlähmung gedeutet werden,
Zustände, welche im Anschluß an Traumen bzw. starke zentripetale (sensible und
sensorische) Erregungen auch außerhalb der Hysterie und ohne jede hysterische
Begleiterscheinung Vorkommen können. Das Verhältnis der auf der materiellen
Läsion beruhenden Erscheinungen zu dieser „dynamischen Akinesie“ ist ein überaus
wechselndes. Verf. sah in einem Falle eine echte Lähmung mit Entartungsreak¬
tion neben einer Paralyse von dynamischem Charakter. Manchmal war nur eine
Muskelgruppe oder nur ein Nerv von der dynamischen Akinesie betroffen, während
ein anderer Nerv eine echte Lähmung aufwies. Bei der echten Lähmung bietet*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
606
der Nachweis der Entartungsreaktion jlen Schlüssel zur Diagnose, denn im Bereich
der dynamisch bedingten Bewegungsstörung ist die elektrische Erregbarkeit normal
oder nur unbedeutend herabgesetzt. Daneben kann nur noch der Sitz der Störung
einen Fingerzeig abgeben.
Der Akinesia amnestica und der Reflexlähmung fehlt die Inkonstanz, die
Ungesetzmäßigkeit usw. der hysterischen Lähmung.
Schwierig ist oft die Beurteilung bei gleichzeitigem Bestehen von echter
Lähmung und dynamischer Akinesie, wobei das Verhalten der elektrischen Erreg¬
barkeit das Urteil irreleiten kann, eine Frage, die für die Neurolyse oder Nerven¬
naht Beaohtung verdient.
Eine große, noch vielfach ungeklärte Rolle spielen die myositischen Prozesse,
mag es sich um direkte Muskelverletzungen, um ischämische Vorgänge oder para¬
lytische Kontrakturen handeln. An Muskelnarben und an Nervenverletzungen
können sich entzündliche Veränderungen in der Muskulatur anschließen, die einer¬
seits zu Schwellung und Infiltration, andererseits zu Schrumpfung und Induration
des Muskels führen können. Sie vermögen auch das Heilresultat insofern zu be¬
einflussen, als die Kontraktur ein dauerndes BewegungBhindernis bilden kann.
Zum Schluß weist Verf. auf den ungünstigen Einflnß hin, den die Muskel¬
erschlaffung und Muskeldehnung auf die Funktion ausübt, und die daraus folgende
Indikation, durch Lagerung und zweckmäßige Hilfsapparate (Gipshülsen usw.)
möglichst frühzeitig der Überdehnung der Muskeln entgegenzuwirken.
14) Zur Frage der Sohußverletzungen der peripheren Nerven, von Mar¬
burg und Ranzi. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 23.) Ref.: Pilcz,
Die Verff. überblicken ein Material von 48 operierten Fällen und fassen ihre
Erfahrungen wie folgt zusammen:
1. Wenn nach einer Schuß Verletzung sich die motorischen und sensiblen
Ausfallserscheinungen einer Nervenverletzung mit völligem Fehlen elektrischer
Reaktion verbinden, dann ist nach der Wundheilung der sofortige Eingriff in¬
diziert.
2. Wenn bei einer Nervenverletzung mit motorischer und sensibler Ausfalls-
erscheinüng die elektrische Reaktion, welcher Art immer, eine progressive Ver¬
schlechterung aufweist, dann ist der Eingriff gerechtfertigt.
3. Wenn bei einer Nervenverletzung mit motorischen und sensiblen Ausfalls¬
erscheinungen, die sich nicht bessern, die elektrische Entartungsreaktion durch
mehrere Wochen stationär bleibt, dann ist der Fall zu operieren.
Gegenindikationen sind: bestehende Eiterungen, derentwegen man am besten
auch nach völliger Abheilung noch mehrere Wochen zu wartet, und zweitens
Krampfzustände bestimmter Nervengebiete.
Zahlreiche interessante Einzelheiten dieses Aufsatzes, die sich nicht zu kurzem
Referate eignen, mögen im Originale nachgelesen werden.
Für den Neurologen wie Chirurgen in gleichem Maße wichtig; besonders
interessant muß ein Vergleich dieses Aufsatzes mit der Studie von Redlich ge¬
nannt werden, der in der Monatsschr. f. Psycb. u. Neurol. 1915. S, 333 zu dem¬
selben Thema auf Grund eigener Erfahrung und eingehender Berücksichtigung der
Literatur Stellung nimmt (s. d. Centr. 1915. S. 496).
16) Operative Befunde bei Sohußverletzungen peripherer Nerven, von
Fr. Voelcker. (Deutsche Zeitschrift f. Chirurgie. CXXXIII. 1916* H. 1.)
Ref.: K. Boas.
Die Indikationsstellung für operative Eingriffe an peripheren Nerven ist nicht
leicht, vor allem, was den Zeitpunkt des operativen Vorgehens anbetrifft.
Operiert man spät, so werden die unnötigen Operationen seltener, die Erfolge
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
607
aber auch umso zweifelhafter ausfallen. Jedenfalls ist es naeh den Erfahrungen
des Yerf.’s verkehrt, eine Wartezeit von etwa 2 bis 3 Monaten verstreichen zu
lassen. Einen direkt bald naoh der Operation einsetzenden greifbaren Erfolg
erzielt man nur in den Fällen, in denen Schmerzen die hauptsächlichste Indikation
zur Operation abgegeben haben, da schon 3 bis 4 Tage nach der Operation die
quälenden Neuralgien mit Sicherheit verschwinden. Der wichtigste Befund ist
die schwielige Degeneration des Schußkauals. Bei der Operation wurde stets ein
Faszien- oder Fettmantel um den Nerv gehüllt.
16) Neurolyse des Plexus braohialis, von Hehler. (Deutsche Zeitschrift f.
Chirurgie. CXXXUI. 1915. H. 3.) Ref.: E. Boas.
In einem Falle, wo die Einschußstelle sich am Erbschem Punkte befand,
woraus eine völlige schlaffe Lähmung resultiert war, führte Verf. erfolgreich die
Loslösung des Plexus brachialis aus seinem Narbengewebe aus.
Vert empfiehlt deshalb die Neurolyse des Plexus brachialis bei Schußver¬
letzungen im Bereiche des Plexus braohialis.
17) Der plastische Ersatz der Interossealmuskulatur der Hand duroh den
Extensor digitorum communis, von Cornelius Müller. (Münchener med.
Wochenschr. 1915. Nr. 27. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Zerstörung der Interossealmuskulatur des kleinen Fingers und des
Hypothenars. Gutes funktionelles Resultat durch den Ersatz durch den Extensor
digitorum communis.
18) Beitrag zur Behandlung der Peroneuslähmung, von Kurt Fleisch¬
hauer. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias.
Auch nach erfolgreicher Nervennaht kann die motorische Lähmung peripherer
Nerven noch monatelang bestehen bleiben. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit
alle Maßnahmen konservativer Behandlung gleichmäßig anzuwenden, gewisser¬
maßen unter dem Gesichtspunkte der Prophylaxe elektrischen Strom, passive Be¬
wegungen, Massage, Diathermie usw. zu applizieren. Das funktionelle Resultat
kann dann immer noch durch Atrophie der Muskulatur, Kontrakturen usw. in
Frage gestellt sein. Für die Peroneuslähmung empfiehlt Verf. folgende Vor¬
richtung:
Über die Kappe eines gutsitzenden Schnürstiefels mit fester Sohle wird ein
Lederriemen in einer Weise angenäht, daß ein Zug ausgeübt werden kann, der
den Fuß dorsalwärts hebt, proniert und abduziert, damit die typische Gang¬
störung ausgeglichen wird. Alles Nähere ist angegeben und bildlich veran¬
schaulicht.
19) Über die Behandlung der Isohladiousneuralgie naoh Sohußverletzong
mit Nervendehnung, von H. F. Brunzel. (Münch, med. Wochenschr. 1915.
Nr. 26. Feldärztl. Beil) Ref.: Kurt Mendel.
In 2 Fällen mit heftigen Ischiasschmerzen nach Ischiadicusverletzung tat die
stumpfe Dehnung des Ischiadicus in Narkose gute Dienste: die Schmerzen waren
sofort erheblich gebessert und bald ganz geschwunden. Die spätere Freilegung
des Ischiadicus ergab im ersten Falle als Grundlage für die Schmerzen ein in
den lateralen Teil des Ischiadious eingetriebenes, erbsengroßes Knochenstückchen,
im zweiten Falle mehrere kleine Bleispritzer ebenfalls im lateralen Teil des
Nerven; beide Male war der Nerv zugleich in starke Schwielen eingebettet, die
gelöst wurden* ln einem dritten Falle bestand als Ursache der Schmerzen eine
feste, mit der Unterlage verwachsene Narbe; Dehnung des Nerven, Freilegung des
Ischiadicus, Neurolyse, Muskelplastik brachten Heilung.
20) Die Lagerungsbehandlung der Nervenverletzungen, von Leo Mayer.
(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: Kurt Mendel.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
608
Eine Nervenlähmung ist oft nur scheinbar, obwohl sie schon Uonate besteht.
Sie beruht nicht auf einer Durchtrennung des Nerven, sondern auf unrichtiger
Lagerung der Extremität (Überdehnung der Muskeln). Für die Nervenverletzung
ist eine Schiene gerade so wichtig wie für eine Knochenverletzung, das betreffende
Glied ist richtig zu lagern: bei Radialislähmung ist die Hand zu extendieren und
zu supinieren, bei Axillarislähmung ist der Arm mindestens bis 90° zu abduzieren,
bei Medianuslähmung sind Finger und Hand stark zu flektieren, bei Ulnaris¬
lähmung die Finger zu spreizen, in den proximalen Gelenken zu flektieren, in
den beiden distalen Gelenken zu extendieren. Sind Flexoren und Extensoren ge¬
lähmt, wie bei einer Ischiadicus- oder bei gleichzeitiger Radialis- und Medianus¬
verletzung, dann benutzt man die Mittelstellung. Gewöhnlich erholen sich die
Flexoren rascher als die Extensoren. Dementsprechend muß man die Lage ändern,
sobald eine Muskelgruppe überwiegend kräftig wird.
21) Zur Mobilisation versteifter Finger- und Handgelenke bei Kriegs¬
verwundeten, von A. Laqueur. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 26.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Bei schmerzhaften Versteifungen und Kontrakturen .— besonders nach Schut*-
verletzungen der Nerven — genügen oft einfache warme Handbäder und Fango¬
packungen nicht; man muß bei ihrer Anwendung eine bestimmte Lagerung vor¬
nehmen. Verf. hat für diese mit gutem Erfolge einen Apparat aus Holz mit
verstellbarem Scharniergelenk angewandt, den sein Bademeister Flake konstruiert
hat. Der Apparat kann rein als solcher angewandt Mobilisationsversuchen dienen,
Beugungen und Streckungen, oder aber mit der Fangopackung zur Anwendung
gelangen. Flake hat auch gegen Fingerversteifungen und Kontrakturen, ferner
zur Korrektur von Radialislähmungen mit flanellgefütterten Schnallen versehene
Kissen angegeben; sie sind aus Roßhaar mit Flanellüberzug hergestellt. Auch
hat er gepolsterte Schienen angefertigt.
22) Der Krieg und die traumatischen Heurosen, von Prof. Förster.
(Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurologie. XXXVIII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.:
Kurt Mendel.
Verf.’s Erfahrungen in einem Kriegslazarett sind andere als diejenigen Oppen¬
heims (8. d. Centr. 1915. S. 514). Neue Krankheitsformen sind durch den Krieg
nicht entstanden. Bei den „traumatischen Neurosen 1 * im Kriege handelt es Bich
um Depressionen, um von jeher willensschwache, leicht reizbare Menschen, um
Degenerierte, Hysterische, um ausgesprochen vasomotorische Erscheinungen, Unregel¬
mäßigkeiten und Aussetzen des Pulses, um Epileptoide usw. Den sogen, trauma¬
tischen Neurosen liegt also kein einheitliches Material zugrunde, und bei genauer
Untersuchung läßt sich bei allen diesen Patienten nachweisen, daß es Bich um
schon früher neuropathisch veranlagte Individuen handelt, die auch vor dem
Kriege nicht die volle Widerstandsfähigkeit des Gesunden besessen haben. Bei
allen diesen Persönlichkeiten spielten die Begehrungsvorstellungen eine große
Rollen am leichtesten ersichtlich und nachzuweisen war dies bei den Hysterischen;
bei ihnen sah Verf. auch häufig die Charcotsche Grande hystörie mit Are de
cercle, attitudes passionelles, die man im Frieden bei Männern fast nie sieht. Die
Genese lag in Begehrungsvorstellungen und der Sucht, die Aufmerksamkeit auf
sich zu lenken.
Bei den rein depressiven Formen der traumatischen Neurose fehlten oft Be¬
gehrungsvorstellungen; es waren im Gegenteil oft mehr oder minder ausgeprägte
Versündigungsvorstellungen vorhanden.
Durch die Verwundungen oder die Anstrengungen, Strapazen und Schrecken
des Krieges bekommt ein nicht neuropathisch veranlagter Mensch keine „trauma¬
ische Neurose". Die Zahl der Patienten, die unter diese Kategorie fallen, ist
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
609
eine verhältnismäßig sehr geringe; die Friedensprozentzahlen werden auch hier
im großen ganzen ihre Gültigkeit behalten.
23) Hy stero-somatische Krankheitsersoheinungen bei der Kriegshysterie,
von Otto Binswanger. (Monatsschr. f. Psycb. u. Neurol. XXXVIII. 1915.
H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
17 Krankengeschichten mit scharf umrissenen hystero-somatischen Symptomen-
komplexen. Soweit letztere in Frage kommen, zerfallen die Kriegshysterien 1. in
Fälle mit konstitutioneller hysteropathiscber Veranlagung schon vor Ausbruch des
Krieges und vor dem Einsetzen der ausgeprägten Kriegshysterie (3 Fälle nur)
und 2. in Fälle, in denen mit Sicherheit jede konstitutionelle Erkrankung im
obigen Sinne auszuschließen ist (11 Beobachtungen). In 3 Fällen war die Frage
nach einer konstitutionellen Veranlagung unsicher. In den Fällen sub 1 begegnet
man mehrfach der Tatsache, daß schon mit Beginn des Krieges ausschließlich
unter dem Einfluß gemütlicher Spannungen und körperlicher Anstrengungen der
krankhafte Zustand sich entwickelt hat. Im übrigen kommen als ursächliche und
vorbereitende Momente in Betracht: der emotionelle Shock, die Commotio cerebri
et mednllae spinalis, die toxischen Schädigungen durch Geschoßgase, unregelmäßige,
zum Teil ungenügende Ernährung, Schlafentziehung, seelische Hochspannung.
Die hystero-somatischen Krankheitsbilder entwickeln sich entweder unmittelbar im
Anschluß an diese Schädigungen oder es liegen kürzer oder länger dauernde In-
kubationsstadien vor bis zur Entwicklung des Krankheitsbildes. Tiefergreifende
Bewußtseinsstörungen scheinen wenigstens für die zweite Kategorie von Fällen
eine notwendige Vorbedingung für das Zustandekommen der hysterischen Erkran¬
kung zu sein. Eine Verschiedenartigkeit der hystero-somatischen Krankheitsbilder
für die Fälle der ersten oder zweiten Kategorie ist nicht nachweisbar. Die Sym-
ptomenbilder entsprechen den bislang bekannten Erfahrungen, die wir an ein¬
deutig ausgeprägten Fällen schwerer Hysterie — sowohl der konstitutionellen als
auch der traumatischen — kennen gelernt haben. Wenn auch — insbesondere
für die Fälle der zweiten Kategorie — die mannigfachsten ursächlichen Momente
bei dem Zustandekommen der Erkrankung mitgewirkt haben, so muß doch für
die Entstehung der spezifisch hysterischen Merkmale dem psychischen Faktor die
Hauptrolle zugewiosen werden. Die psychischen Entstehungsbedingungen dieser
Krankheitsfälle umfaßt überaus verwickelte Vorgänge, die durch die landläufigen
anamnestischen Erhebungen oder durch Psychoanalyse nicht klargelegt werden
können. Nur das eine scheint sicher zu sein: die hysterische Veränderung ist
für die Fälle der zweiten Kategorie gebunden an psychische, mechanische oder
toxische Schädigungen des Gehirns, die klinisch ihren Ausdruck in den Bewußt¬
seinsstörungen finden. Im weiteren kann der Vermutung Raum gegeben werden,
daß für die besondere Art des hystero-somatischen Krankheitsbildes, vor allem
für die regionäre Gestaltung motorischer, sensibler, angioneurotischer und
sekretorischer Störungen äußere und innere Momente wirksam sind, die die Be¬
wußtseinsvorgänge, vor allem die Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperteile im
Augenblick des psychischen und mechanischen Insults hingelenkt haben. Und
schließlich muß auch angenommen werden, daß akzidentelle, mit dem ursächlichen
Faktor der hysterischen Erkrankung nur indirekt zusammenhängende somatische
Erkrankungen für die besondere Gestaltung des hysterischen Krankheitsbildes ver¬
antwortlich zu machen sind.
Therapeutisch kommen bei diesen Kriegshysterien in Betracht: die als Suggestiv¬
mittel wirkenden hydro- und elektrotherapeutischen Prozeduren, gymnastische
Übungen und Beschäftigungstherapie. Auffallend hartnäckig sind die hysterischen
Sprach- und Phonationsstörungen. In einzelnen Fällen von Kriegshysterie blieben
die geheilten, zur Front zurückgekehrten Soldaten gesund, in anderen löste jede
neue gemütliche Erschütterung nervöse Störungen aus.
xxxiv. 39
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
610
24) Zur Entstehung, Vorhersage und Behandlung nervöser und depressiver
Zustandsbilder bei Kriegsteilnehmern, von Fritz Mohr. (Mediz. Klinik.
1915. Nr. 22.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Von nervösen und depressiven Zustandsbildern sehen wir bei Kriegsteilnehmern
einerseits Fälle mit vorwiegender Beteiligung der körperlichen Sphäre wie großer
Erschöpfung, abnormer Ermüdbarkeit, Schlaflosigkeit, Zittern, abnormer Erregbar¬
keit des Herzens, Herzklopfen, Parästhesi§n, Dermographismus, Kälteempfindungen
in den Extremitäten, mit Schmerzen von abgelaufenen Wunden oder rheumatischen
Erkrankungen usw., andererseits Fälle mit hauptsächlicher Beteiligung der psychi¬
schen Sphäre in Form von Gemütsverstimmung, psychomotorischer Hemmung,
Angst, Beklemmung, Reizbarkeit, Lach- und Weinkrämpfen, Zwangsvorstellungen,
Schreckhaftigkeit. Die körperlichen und psychischen Zustände hängen dabei oft
aufs engste zusammen.
Zeitlich sind die Krankheitsbilder entweder vor dem Auszug inB Feld oder
im Felde selbst oder nach der Rückkehr aus dem Felde entstanden. Bei den
letzteren beiden Formen ist die körperliche Erschöpfung oft von großer Wichtig¬
keit, bei der ersteren müssen wir meist nach psychischen Erklärungen suchen.
Aber auch in den beiden anderen kommt dem psychischen Faktor eine ganz außer¬
ordentliche, oft überwiegende Beteiligung zu.
Die Kriegserfahrungen weisen nun darauf hin, daß in der Neurosenforschung
uns nur eine psychophysiologische Betrachtungsweise, nicht eine rein körperliche,
fördern kann. Verf. bespricht von diesem Standpunkte aus die Entstehung ner¬
vöser Zustände. Die elementare Tatsache, daß jeder Mensch — so auch der
Kriegsteilnehmer — Lust sucht und Unlust vermeidet* ist die Ursache davon,
daß wir ganz automatisch bei furchtbaren Eindrücken, dauernder höchster geistiger
Anspannung oder großen körperlichen Strapazen „uns in die Krankheit flüchten“.
Der Wege dieser unbewußten Flucht gibt es viele, sie sind durch die einzelne
Persönlichkeit, durch die Lage usw. gegeben, was Verf. des Näheren ausführt.
Die Vorgänge können sich dabei unter der Schwelle des Bewußtseins abspielen
und sich der bewußten Willenstätigkeit entziehen.
Die Prognose nervöser und depressiver Krankheitsbilder ist bei einer schema¬
tischen, nur körperlichen Behandlung fast absolut schlecht, wenigstens so lange
der Krieg dauert. Und wenn er beendet ist, droht der Kampf um die Ent¬
schädigung. Besser ist die Prognose, wo die körperliche Erschöpfung das Wesent¬
liche des KrankheitBbildes ausmacht, und wo sich die psychischen Komplikationen
nicht hinzugesellen, ferner wo ein anderer starker Affekt wie Ehrgeiz, große Be¬
geisterung ubw. sich den krankmachenden Affekten entgegenstemmt und sie wirk¬
lich überwindet. Diese Falle sind aber Ausnahmen.
Da nun durch die schlechte Prognose unserem Volkskörper Verluste drohen,
die noch Jahrzehnte an ihm nagen können, entsteht die Frage, ob sich nicht die
* Prognose bessern läßt. Diese Frage bejaht Verf.; er ist der Ansicht, daß dies
durch eine die physische und psychische Seite berücksichtigende Behandlung
sehr wohl erreichbar ist. Bisher war dieselbe fast ausschließlich körperlich, was
nicht genügt für die psychischen Faktoren; der zweite und wichtigste Teil der
Behandlung ist der psychische Teil. Verf. erwähnt nur die grundlegenden Ge¬
sichtspunkte derselben: Nicht alle Nervösen im Felde sind nach der Heimat zur
Behandlung zu schicken, sehr zweckmäßig sind die Erholungsheime in der Etappe,
wenn dort die richtige Behandlung einsetzt. Spezialanßtalten und Spezialbäder
sind nicht selten verhängnisvoll.
25) Herzneurosen mit Hanthyperftsthesie, von Brasch (Nürnberg). (Münch.
med. Wochensohr. 1915. Nr. 20. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei allen Fällen von Herzneurose fand Verf. eine hyperästhetische Zone über
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
611
dem Herzen, zuweilen war die Hyperästhesie sehr stark ausgesprochen. Die über*
empfindlichen Hautpartien waren fünfmarkstück- bis handtellergroß und fielen
wenigstens zum Teil mit der Herzdämpfung zusammen. Organische Herzfehler
weisen solche hyperästhetisohen Zonen nicht auf.
26) Über Störungen der Herztätigkeit, von Erich Aschenheim. (Münch,
med. Wochenschr. 1915. Nr. 20. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel.
Unter den großen Anstrengungen des Krieges erlahmt bei einer gewissen
Anzahl von Menschen die Regulation des Herzens und der Gefäße — also eine
Neurose des autonom-sympathischen Nervengeflechtes —, und zwar tritt diese Er¬
schöpfung bei Menschen auf, bei denen sich in beständiger Wiederkehr mehr
oder minder Zeichen einer nicht vollwertigen Körperbeschaffenheit finden: Lordose
der Lendenwirbelsäule, geringe Behaarung, verhältnismäßig kleine Hoden, Ver¬
größerung der Schilddrüse, Schwellung des lymphatischen Apparates. (Minder¬
wertigkeit der endokrinen Drüsen?)
27) Erfahrungen über Epilepsie und Verwandtes lm Feldzüge, von K. Bon-
hoeffer. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVIII, 1915. H. 1 u. 2.)
Ref.: Kurt Mendel.
Der weitere Verlauf des Krieges scheint die in den ersten Monaten gemachte
Erfahrung zu bestätigen, daß die beiden Hauptgruppen der manisch-depressiven
und der schizophrenen Erkrankungen im Kriege nicht häufiger sind, als ihrem
Anteil in der Bevölkerung entspricht. Wahrscheinlich gilt dasselbe für die pro¬
gressive Paralyse. Ein unbestreitbarer Einfluß der Kriegserlebnisse ist bis jetzt
nur ersichtlich in dem starken Hervortreten der auf dem Boden der psychopathi¬
schen Konstitution erwachsenen psychischen und nervösen Anomalien. Häufiger
sah ferner Verf. eine den psychogenen hysterischen Zuständen verwandte Gruppe,
die der pathologischen Schwindler; weiterhin scheint die konstitutionell depressive
Veranlagung besonders unter den Offizieren mit der Steigerung der Verantwort¬
lichkeit stärkere depressive Reaktionen zu zeitigen.
Betreffs der Epilepsie ist hervorzuheben, daß die Zahl der epileptischen In¬
dividuen verhältnismäßig groß ist; bis Anfang März waren es etwa 33 Fälle.
Hiervon bestanden bei 20 die Anfälle schon vor dem Feldzuge. Bei ihnen ließen
sich als auslösende Faktoren 5 mal starke anstrengende Märsche, 7 mal das Gefecht
selbst feststellen; 2mal war es die Wirkung der Granatexplosionen aus nächster
Nähe, die in einem Fall sofort einen Anfall auslöste, in einem andern trat
6 Stunden später der Anfall auf und wiederholte sich 4 Wochen später. Bei
3 Fällen trat der Anfall anschließend an Schußverletzungen im Gefecht auf.
Bemerkenswert war die Häufigkeit psychischer Begleitsymptome (vielleicht ist
hierbei dem Kriege eine besondere Bedeutung beizulegen): bei 13 Fällen ließen
sich solche nachweisen; von den transitorischen Störungen waren besonders häufig
Verstimmungen von depressiv-reizbarem Charakter neben eigentlichen Dämmer¬
zuständen und pathologischen Räuschen. Intellektuelle Defektzustände, Schwer¬
fälligkeit und Debilität fand sich bei mehreren.
Bei 13 Fällen schien erst der Krieg die epileptischen Anfälle zum Ausbruch
gebracht zu haben. Doch ist bei genauerem Zusehen deutlich, daß auch bei
diesen scheinbar als „Feldzugsepilepsie“ sich darstellenden Erkrankungen sich
pathologische Antezedentien zeigen: Enuresis, nächtliches Aufschrecken, anfalls¬
weise Kopfschmerzen, Alkoholintoleranz, Reizbarkeit, Schwindelanfälle usw.
Bei einer Reihe von Fällen hält es Bchwer, die Art der Anfälle zu rubri¬
zieren; diese Individuen haben ein labiles Vasomotorium, werden im Anschluß an
Emotionen leioht blaß und ohnmächtig, sind Psychopathen, nähern sich der Hysterie
(psyohasthenische Anfälle).
?>9*
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
612
Schwere, von Jugend auf bestehende Epilepsie fand sich nur infolge von
Verheimlichung der Anfälle oder von Versehen bei der Einstellung. Von diesen
Fällen ist keiner bis ins Feld gelangt.
Nur disponierte Individuen erkranken im Kriege an Epilepsie. Es hat sich
kein sicherer Fall gefunden, bei dem ausschließlich die Kriegserlebnisse als Ursache
der Epilepsie in Betracht gekommen wären. Dagegen ist die Zahl der Fälle
nicht gering, bei denen von Reaktivepilepsie insofern gesprochen werden kann,
als ausschließlich anschließend an distinkte Kriegsschädigungen Anfälle aufgetreten
sind. Daraus ergibt sich eine im wesentlichen günstige prognostische Beurteilung
dieser Fälle.
28) EnuresiB und ähnliche Blasenatörungen im Felde, von Fritz Böhme.
(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 21. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. bespricht die Enuresis im Felde, soweit sie ohne organische Blasen¬
erkrankungen vorkommt. Als Ursache derselben wurden durchwegs Aufenthalt in
feuchten Schützengräben, anhaltende Durchnässung und Kälteeinwirkung auf
Patrouillengängen, naßkalte Quartiere angegeben. Diese äußere Reize, insbesondere
Kältereize, vermögen unter bestimmten Verhältnissen eine im Kindesalter vor¬
handen gewesene Enuresis wieder auszulösen; anämnestisch bestand mit relativ
wenigen Ausnahmen EnuresiB in der Kindheit (Enuresisrezidiv). Schmerzhafte
Empfindungen fehlten, der unwillkürliche Harnabgang kam dem Kranken oft erst
durch die Durchtränkung der Unterkleider mit Urin zum Bewußtsein. Die Unter¬
suchung des Urogenitaltraktes stellte nichts Pathologisches fest, nur wurde meist
die Palpation der Prostata per rectum als sehr schmerzhaft empfunden, es wurde
auch oft ein starker Füllungszustand dieses Organs konstatiert, außerdem Sphinkter¬
krampf.
Therapie: Vermeidung der in Frage kommenden äußeren Reize, Entfernung
aus der bisherigen Umgebung, Lazarettaufnahme, Wärme, Ruhe, regelmäßige Er¬
nährung und Verdauung, Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr (von 6 Uhr abends
an keine Getränke mehr bei Enuresis nocturna!); später warme Sitzbäder, milde
Hydrotherapie, Arzbergerapparat.
29) ForensiBCh-psyohiatrisohe Beobachtungen an Angehörigen des Feld¬
heeres, von Max Kastan. (Deutsche med. WochenBchr. 1915. Nr. 25.)
Ref.: Kurt Mendel.
Bei den Vergehen in der Armee und Marine tritt eine nicht zu verkennende
Eintönigkeit hervor: Fahnenflucht, Entfernung von der Truppe, Gehorsamsverweige¬
rung, Achtungsverletzung.
Von 50 in dieser Arbeit berücksichtigten Fällen waren vier früher vom Militär
entlassen, und zwar zwei wegen geistiger Störung. Fünf haben sich in Trinker-
heil- oder Irrenanstalten befunden, 15 waren vorbestraft (einer wegen Geistes¬
schwäche exkulpiert); die in Zivil begangenen Verbrechen waren fast durchweg
andere als diejenigen, welche im Kriege begangen waren.
Die sogen, einfachen Seelenstörungen machten einen ziemlich geringen Prozent¬
satz der Beobachteten aus. Die Manisch-Depressiven fehlten überhaupt, ebenso die
Paralytiker. 8 Fälle gehörten zur Dementia praecox (bei zwei von ihnen Dia¬
gnose zweifelhaft), bei ihnen beeinflußten die Ereignisse des Tages zuweilen die
Färbung der Wahnvorstellungen lebhaft. 9 Kranke waren imbezill, sie sind zum
großen Teil der Entfernung von der Truppe bzw. der Fahnenflucht angekl>.
Bei ihnen besteht dann die Unfähigkeit, aus eigener Initiative ihren Truppenteil
wieder aufzufinden, und die Angst vor Bestrafung.
Das Hauptkontingent stellten die Degenerativen und Psychopathen, es waren
im ganzen 12. Alle Typen, von hoch intelligenten Affektmensohen bis zum ge-
Digitized b)
Google
Original from
UMIVERSITY OF MICHIGAN
613
meinen Verbrecher, waren vertreten. Fast alle hierher gehörigen Personen liefien
es za Affektverbrechen kommen: Achtnngsverletzung, Gehorsamsverweigerung,
Sachbeschädigung. Fast alle wiesen schon in ihrem Vorleben abnorme Züge auf;
sie waren unzuverlässig, scheu, unstet, abenteuersüchtig, wechselten dauernd ihre
Berufstätigkeit, waren vorbestraft, in Fürsorgeanstalten, Gefängnissen, Irren¬
anstalten oder waren hereditär belastet.
Zwei Hysterische waren fahnenflüchtig, desgleichen drei von vier Epileptikern.
Die Anklagen bei 12 Alkoholisten bezogen sich auf AchtungsVerletzung, Ge¬
horsamsverweigerung, Beleidigung, Diebstahl, Entfernung von der Truppe.
Als Vorbeugungsmittel im Frieden ist zu verlangen, daß nicht nur die Irren¬
anstalten, sondern auch die Kliniken angewiesen werden, die Geisteskranken den
militärischen Behörden anzuzeigen, ebenfalls muß die Anzeigepflicht der Hilfs¬
schulen eingefährt werden, und diese Anzeigepflicht ist auch auszudehnen auf die
Amtsgerichte bei volljährigen Personen, die wegen Geisteskrankheit oder Geistes¬
schwäche entmündigt werden.
30) Lazarettbesohftftigung und Militfirnervenheilstätte, von R. Wollenberg.
(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei Kriegsnervenkranken mit funktionellen Störungen ist eine zweckmäßige
Beschäftigung während ihres Lazarettaufenthaltes erforderlich als wesentlichster
Heilfaktor. Diese Beschäftigung muß der Eigenart des Kranken angepaßt werden,
Bie muß in Arbeit und auch in geeigneter Unterhaltung bestehen, muß nützlich
sein, ohne Hast und ohne Übertreibung der Anforderungen getan werden, in die
militärische Ordnung hineinpassen und soll keine unzulässige Konkurrenz für die
Geschäftsleute der Zivilbevölkerung bedeuten. In Betracht kommen die verschie¬
densten Handarbeiten, kaufmännische Lehrkurse, Turnübungen und vor allem
Feldarbeit; sehr empfehlenswert ist eine dem Lazarett anzugliedernde ländliche
Kolonie.
31) Übungssohulen für ,,Gehirnkrüppel“, von Fritz Hartmann. (Münchener
med. Wochenschr. 1915. Nr. 23.) Ref.: Kurt Mendel.
Lernen und Üben ist das vornehmste Heilmittel für das rüstige, strukturell
meist nicht disseminiert oder diffus geschädigte, in seinen Leistungen erfahrungs¬
gemäß enorm restitutionsfähige Gehirn der Gehirn verletzten. Verf. hat eine Übungs¬
schule für Sprach kranke und andere Gehirn verletzte unter Mitarbeit eines
Pädagogen an seine Klinik angegliedert und sehr günstige Resultate erzielt. Es
soll so den sonst als minderwertig sicher sozial untergehenden hirnverletzten
Kriegern (besonders der qualifizierten Berufsstellungen) die Wiederherstellung der
durch eine lokalisierte Funktionsuntüchtigkeit des zentralen Nervenapparates un¬
möglich gewordenen oder die Erreichung einer neuen (dem unheilbaren Reste der
Defekte angepaßten) Berufstätigkeit ermöglicht werden.
32) Die Erwerbsfürsorge für Kriegsinvalide in nnsern Heil- und Pflege¬
anstalten, von Max Fischer. (Psychiatr.-neurol. Wochenschr. XVI. Nr. 51
u. 52.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt, die in Irrenanstalten vorhandenen Beschäftigungseinrichtungen
für die Zwecke der Erwerbsfürsorge der Kriegsinvaliden nutzbar zu machen. Die
Kriegsinvaliden können sich hier wieder in ihrem seitherigen Handwerk und
Beruf nach Möglichkeit einüben und die alte Fertigkeit zu erlangen suchen; sie
haben aber auch eventuell die Gelegenheit, unter Anleitung der Werkmeister und
Beamten in neuen Berufsarten angelernt und ausgebildet zu werden.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
614
Therapie.
33) Sonnenbäder nnd Nervensystem, von C. Römer. (Deutsche med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 28.) Ref.: Kurt Mendel.
2 Fälle von Sonnenstich nach Sonnenbad. In beiden Fällen traten, nachdem
die betreffenden mit unbedecktem Kopf und Nacken stundenlang in der strahlenden
Sonne gelegen hatten, Kopfschmerzen und meningitische Symptome auf. Durch
Spinalpunktion wurde in beiden Fällen der Beweis einer echten Meningitis serosa
erbracht (vermehrter Liquordruck). Daher Vorsicht bei Sonnenbädern und indi¬
viduelle Dosierung, wenn die Besonnung als Kurmittel dienen soll!
34) Über Foligan, ein neuartiges Sedativum, von RosaFriedläfider. (Deutsche
med. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kurt Mendel.
Foligan enthält die wirksamen Bestandteile der Orangenblätter, es wird in
Tablettenform gegeben, hat eine deutliche sedative Wirkung, trägt wesentlich zum
Schwinden der nervösen Symptome bei und hat sich besonders bei Neurasthenikern
bewährt; es wird gern genommen, ist unschädlich und wirkt gleichzeitig in ge¬
wissem Grade als Stomachikum.
35) Klinische Erfahrungen mit Diogenal, einem neuen Beruhigungsmittel,
von M. Serejski. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kurt
Mendel.
Die sedative Wirkung des Diogenals ist durchaus die wesentlichere, die hyp¬
notische kommt erst in zweiter Linie in Frage. Diogen&l wirkt elektiv auf ge¬
wisse Gruppen von Kranken, am deutlichsten auf leicht erregbare Psychopathen
und Hysterische und nicht sehr tiefgehende Depressionen. In den Fällen, wo die
Erregung immer crescendo ging, war auch das Diogenal völlig machtlos. Das
Diogenal ist da angezeigt, wo das Opium entweder vom Pat. absolut verweigert
wird oder wo es kontraindiziert ist, wie z. B. bei nervösen Hyperämien des Ge¬
hirns, bei älteren Leuten und Kindern mit schwacher Herztätigkeit. Bei der
Kombination Opium und Diogenal wirkt letzteres unterstützend.
Dosis: 3mal täglich 0,5 bis 1,0 g in Form von Tabletten oder Pulvern,
Suppositorien von 1,0 g. Keine Nebenerscheinungen, keine kumulierende Wirkung,
keine Gewöhnung.
IIL Aus den Gesellschaften.
Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten.
Ref.: K. Löwenstein (Berlin).
Nachtrag zur Sitzung vom 14. Juni 1915 (vgl, d. Centr. 1915. S. 537).
Herr Kutzinski demonstriert eine eigenartige Halbseitenlftsion nach
Sohußverletzung.
B. L., 32 Jahre alt, Verletzung im Oktober durch Infanteriegeschoß. Einschuß an
der linken Seite des Unterkiefers. Die Kngel wurde ira November operativ entfernt.
Zwischen den Asten des Plexus cervicalis an der vorderen Wirbelsäule liegend wurde das
Geschoß gefunden. Die Nerven des Plexus selbst waren nicht verletzt. Wund verlauf
normal. Aufnahmebefand (dorch Prof. Oassirer erhoben) zeigte eine völlig schlaffe Läh¬
mung des linken Armes. Linke Pupille und Lidspalte sind enger als rechte. Pat. schwitzt;
nur rechts Pupillenreaktion. Bauchreflex fehlt links. Patellarreflexe gleich, Achiilesrefkx
links stärker. Links Babinski, Parese des linken Beines. In der linken oberen Extremität,
sowie in der linken oberen und unteren Schlüsselheingrube Störung der Schmerz* und Be-
rührungsempfindung. Auf der rechten Seite Störung der Temperatur- und Sehmerzeraptindung
bis zum Rippenbogen reichend. Lagegefühl beiderseits intakt. Zwerchfellbewegungen
rechts stärker als links. Jetzt bietet Pat. folgende Symptome: Linker Cucullaris voll¬
kommen gelähmt und atrophisch, ebenso Supra- und Infraspinatus. In diesen Muskeln
komplette Entartungsreaktion. Dieser Befund ist wohl als Operationsfolge aufzufassen.
Die linke Schulter hängt. Delta und Serratus gut. Ellenbogenbewegungen gut. Schulter
und Ellenbogengelenk sind nicht spastisch, Handgelenk und Finger stark spastisch. Finger
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
615
in Pfötehenstellung. Finger- und Handbewegungen nur in geringem Umfange möglich.
Trizepsreflex rechts lebhaft, fehlt links, Radiusperiostreflex rechts lebhaft, fehlt links. Elektrisch
in den Muskeln der linken oberen Extremitäten nirgends qualitative Veränderungen, außer in
den oben genannten. Quantitativ besteht faradisch in den Extensoren der Hand Herabsetzung.
Zwerchfell elektrisch beiderseits prompt. Untere Extremität: Unerhebliche Parese links, links
Fußklonus angedeutet Patellarreflex links stärker als rechts. Achillesreflexe gleich, Babinski
links unsicher. Bauchreflex rechts lebhaft, links schwach. Lidspalten und Pupillen links
enger. Sensibilität: Herabsetzung für Berührung und Schmerz, sowie Temperatur in der¬
selben Weise wie bei der Aufnahme. Das Gebiet der ersten linken Dorsalis ist aus¬
gespart. Rechts Sensibilitätsstörung am Rumpf und am Bein in der Weise, daß kalt meist
als warm empfunden wird, warm als lauwarm. Die Grenze für Hypalgesie ist unsicher
und reicht nicht soweit, wie die für Temperaturstörung. Die letztere erstreckt sich bis
zur 4. Rippe. Bewegungs- und Berührungsempfindung rechts gut. Blasen- und Mastdarm-
störungen bestehen nicht. Kopfnerven o. B.
Es handelt sich um eine kleine umschriebene Läsion, die, in der Höhe
des 8. Zervikalsegmentes beginnend, sieh naoh oben bis in die obersten
Partien des Halsmarkes erstreokt. Autoreferat.
Diskussion: Herr Cassirer: Meine Diagnose lautete damals: Verletzung des
Rückenmarkes, wahrscheinlich keine Verletzung des Plexus selbst. Zu Anfang be¬
stand übrigens eine totale Lähmung des Armes.
Herr Oppenheim fragt, wie der elektrische Befund ist.
Herr Kutzinski (Schlußwort): Am Arm fand sich nur eine Herabsetzung
für den faradischen Strom.
Sitzung vom 12. Juli 1915.
1. Herr Schuster: Demonstration eines Falles von spinaler Hemiplegie.
Das Bild der spinalen Hemiplegie ist ein so seltenes und in manchen Punkten
noch s) sehr der weiteren Erforschung bedürftiges, daß ich Ihr Interesse für
einen derartigen Fall erbitten zu dürfen glaube.
Der 32 jährige Unteroffizier erhielt am 8. November 1914 einen Gewehrschuß in die
Gegend des linken Unterkieferwiokels. Die Kugel verließ den Körper rechts etwa 2 cm
lateralwärts vom Proc. spinös, des 2. Halswirbels. Die allerersten Folgen waren angeb¬
lich eine totale Lähmung der linken Körperseite, eine partielle der rechten und eine Ge¬
fühllosigkeit der linken Körperseite. Die Lähmung der rechten Seite verschwand ganz,
diejenige der linken Seite besserte sich. Der heutige Befund ist kurz gesagt folgender:
Leichte Atrophien der linken Schultergegend, des linken Armes und der linken Hand.
(Anscheinend sogen. Inaktivitätsatrophie.) Die linke Hand ist etwas kühler und leicht
cyauotiscb. Linker Arm und linkes Bein zeigen deutliche Muskelsteifigkeiten nnd sind
paretisch. Die Nacken- und Halsmuskeln lassen keine spastischen Symptome erkennen.
Das Zwerchfellpbänomen ist links gut ausgeprägt. Die Sehnenrefiexc sind am linken Arm
und am linken Bein gesteigert, es besteht Andeutung von Handklonus und ganz leichter
Fußklonus. Kein sogen. Rotationsklonus. Kein Babinski. Die Bauchdeckenreflere sind
links nur zum Teil vorhanden. Sehr merkwürdig ist nun, daß der linke Rekurrens ge¬
lähmt ist, ohne daß ein sonstiges Vagussymptom vorhanden wäre. Insbesondere ist die
Sensibilität im Larynx normal (Prof. Finder). Sehr auffällig ist ferner das Verhalten der
Sensibilität: Während nach Angabe des Patienten anfänglich eine starke „Gefühllosigkeit“
der linken Seite bestanden haben soll, war bei meiner ersten Untersuchung vor etwa
4 Wochen nur eine ganz leichte Hypästhcsie auf der linken Seite vorhanden; stärker war
die Sensibilität damals nur herabgesetzt auf der linken Seite des Halses, des Nackens und
auf dem linken Arm. Auch im Gesicht bestand vor 4 Wochen deutliche Hypästhcsie links.
Weitere Erscheinungen im Gesicht (Fazialisstörungen oder dergl.) bestanden nicht. Rechts
war das Gefühl nirgendwo herabgesetzt. Das Lagegefühl war im linken Fuß gestört. Bei
einer 10 läge später vorgenommenen Untersuchung klagte Pat. über Parästhesien in der
Unken Gesichtnseite. Die Untersuchung ergab eine Hyperästhesie der linken Gesichtsseite
und eine Hyperästhesie des rechten Beines bis zur Nauelgegend; ob diese hei der ersten
Untersuchung schon da war, kann ich leider nicht sagen Sonst w r ar der Sensibilitäts¬
befund der alte. Heute ist nun von der Hypästhcsie nur noch die Gegend C 5 bis C T
links betroffen (also der linke Arm radial wärts), die übrigen Bezirke der linken Seite
fühlen normal. Dagegen besteht eine deutliche Hyperästhesie in der Zone bis C 4 (linke
Nacken* und Halsseite, linker Unterkiefer). Deutlich hyperästhetisch ist ferner das ganze
rechte Bein bis zur Nabelgegend. Kalt und warm wird überall gut unterschieden, sowohl
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
616
rechts als links. Die Röntgenuntersuchung (Dr. Holst) ergab eine leichte Verletzung des
rechten seitlichen Wirbeibogens des 2. Halswirbels.
Bei weitem das interessanteste Symptom des demonstrierten Krankheitsbildes
ist die linksseitige Rekurrenslähmung. Wie soll man sich ihr Zustandekommen
bei einem in das mittlere Halsmark zu lokalisierenden Krankheitsprozeß vor¬
stellen? Der periphere Nerv kann selbstverständlich nicht verletzt sein. Es gibt
zwei Möglichkeiten der Erklärung: Entweder ist die von Rothmann (auf Grund
seiner Tierexperimente) gehegte Vermutung richtig, daß im oberen Halsmark
irgendwelche motorische Zellen für die Kehlkopfinnervation liegen, oder aber es
handelt sich um eine Fernwirkung vom Halsmark aus auf die medullären Kerne,
wie wir eine solche auf den Fazialiskern gelegentlich bei Tumoren sehen. (Daß
derartige Fern Wirkungen auf den Fazialis auch bei Schuß Verletzungen Vorkommen,
sah ich neulich bei einer Schädigung des Halsmarkes, die gleichfalls die mittleren
Segmente betraf, aber im Gegensatz zum vorliegenden Fall beiderseitig lokalisiert
war.) Bei einer Fern Wirkung auf den Nucl. ambiguus oder auf den dorsalen
Vaguskern könnte ja — wie Rothmann annimmt — das Solitärbündel eine
Rolle spielen. Ich möchte mich auf Grund meines Falles nicht mit Bestimmtheit
entscheiden, glaube jedoch, daß nach unseren gesamten Erfahrungen diejenige Auf¬
fassung die wahrscheinlichere ist, welche ebenso wie bei der Beteiligung des
Fazialis, so auch bei derjenigen des Rekurrenskernes an eine Fernwirkung auf
die medullären Gebilde denkt. Sehr auffällig und schwer zu erklären ist auch
das Verhalten der Sensibilität. Da alle übrigen Symptome auf eine Affektion
der linken Hälfte des Querschnittes hinweisen, so ist die Lokalisation der Hyp-
ästhesie links sehr überraschend — wenigstens insofern wir von der Hypästhesie
des linken Armes (die als intramedulläres Wurzelsymptom zu deuten ist) ab-
sehen. Die Hyperästhesie im obersten Zervikalgebiet links ist ohne weiteres ver-
ständlich. Auch die — jetzt zum großen Teil wieder verschwundene — Hyp¬
ästhesie auf der linken Rumpfseite und auf dem linken Bein läßt sich wohl
erklären, wenn wir uns daran erinnern, daß die spinalen Nekrosen nach Schu߬
verletzungen häufig multipel und auf beiden Seiten des Querschnittes auftreten.
Kaum zu erklären bleibt es nur, wieso die zweifellos erhebliche Schädigung der
linken Hälfte des RückenmarksquerschnitteB nicht zu einer Hypästhesie der rechten
Körperseite geführt hat. (Die einzige Sensibilitätsstörung der rechten Körperseite
war bekanntlich eine Hyperästhesie des rechten Beines.) Möglicherweise ist die
Schädigung des linken Seitenstranges auf die hinteren Teile des Stranges be¬
schränkt geblieben, so daß fast nur die Pyramidenbahn beeinträchtigt wurde.
Was die Höhenlokalisation angeht, so habe ich mich vorhin schon für das mittlere
Zervikalmark entschieden. Für diese Lokalisation spricht das Fehlen spastischer
Symptome oberhalb der Armmuskulatur, das Freibleiben des Phrenicus und sowohl
die Höhe der hyperästhetischen, als auch der hypästhetischen Zone links. Freilich
dürfen wir nach unseren bisherigen Erfahrungen bei den Schußverletzungen des
Rückenmarkes die Möglichkeit nicht außer acht lassen, daß mehrere kleine nekro¬
tische Herde in verschiedenen Höhen vorliegen, deren Folgeerscheinungen sich
addieren. Hervorzuheben ist schließlich noch, daß der Schußkanal den 2. Zervikal¬
wirbel, also eine Querschnittshöhe betraf, welche mehrere Segmente über der von
uns angenommenen Hauptläsion saß. Autoreferat.
Diskussion: Herr Rothmann warnt davor, die Schußverletzungen zu so feinen
Lokalisationsversuchen zu verwerten. Was die Rekurrenslähmung anbelangt, so
sei zu bemerken, daß der Herd in diesem Fall tiefer säße, als das experimentell
festgestellte Zentrum; außerdem muß natürlich auch mit einer Fernwirkung ge¬
rechnet werden.
Herr Henneberg berichtet über einen Fall von Schußverletzung des Rücken¬
markes im mittleren Dorsalmark. Es bestand zunächst totale Paraplegie, sie
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN
617
bildete sioh rasch zurück bis auf hochgradige Schwäche des linken Beines, am
linken Bein bestand auch beträchtliche Herabsetzung der Sensibilität. Es handelt
sich in solchen und ähnlichen Fällen zweifellos um diffuse Veränderungen, die im
Querschnitt so verteilt sind, daß auf der einen Seite die Pyramidengegend, auf der
anderen Seite der Vorderseitenstrang besonders stark betroffen ist. Autoreferat.
2. Herr Kramer demonstriert einen Fall von Schuß Verletzung des N.
suralis, in dem sich eine Sensibilitätsstörung, die in ihrer Ausbreitung fast genau
dem in den Schematen für diesen Nervus angegebenen Bezirk entsprach, fand.
Verletzt war der N. communicans tibialis. Daß nicht durch den N. communicans
peronei ein Erhaltensein der Sensibilität bewirkt wurde, kann entweder daran
liegen, daß dieser Nerv für die Sensibilität nicht so in Betracht kommt, wie der
N. communicans tibialis, oder daß er mit verletzt war, was nach den Narben¬
verhältnissen möglich war.
3. Herr L. Borchardt demonstriert einen Fall von Schußverletzung des
Medianus am Oberarm, bei dem die Mm. pronator teres und flexor carpi ra-
dialis motorisch und elektrisch frei von Störungen waren. Der elektrische Befund
spricht gegen eine teilweise Restitution, es dürfte sich also um eine Aussparung
der für diese Muskeln in Betracht kommenden Fasern bei der Verletzung handeln.
Diskussion: Herr Otto Maas: Bei einem heute von mir untersuchten Pat.
habe ich etwas Ähnliches gesehen. — Nach einer Schußverletzung am Unter¬
schenkel besteht als einzige motorische Störung: Unfähigkeit die große Zehe aktiv
dorsalwärts zu bewegen. Alle übrigen Muskeln der Zehen, sowie auch des Fußes
wirken mit voller Kraft. Daß aber die Schädigung durch den Schuß sich nicht
auf den einen Ast des Nervus peroneus beschränkt, geht daraus hervor, daß an
der Dorsalseite des Fußes und der Zehen die Sensibilität leicht gestört ist, und
daß außer in den Extensören der großen Zehe auch im Extensor digitorum brevis
bei galvanischer Reizung träge Zuckung eintritt. Faradisch waren der Nervus
peroneus und der tibialis bei gleicher Stromstärke wie auf der gesunden Seite
erregbar. — Pat. gibt an, daß die Störung unmittelbar nach der im März 1915
erlittenen Verletzung eingetreten sei; die übrigen Zehen und den Fuß habe er
stets in normaler Weise bewegen können. Autoreferat.
Herr Oppenheim verweist auf seinen Beitrag zur Frage der partiellen
Medianuslähmung und bringt zur Ergänzung eine ihm von Bruns-Hannover ge¬
machte schriftliche Mitteilung: „Als eine sehr gute Bestätigung in umgekehrter
Form Ihrer letzten Mitteilungen über die Innervation des Daumenballens durch
den Ulnaris kann ich Ihnen mitteilen, daß ich gerade heute einen Fall von Ul-
narisläsion am Unterarm sab, wo der Daumenballen in toto atrophisch, elektrisch
nicht erregbar und gelähmt war. Der Medianus war hier sicher nicht be¬
teiligt“. Autoreferat.
(Schluß folgt.)
Ärztlioher Verein in Hamburg.
Sitzung vom 1. Juni 1915.
Ref.: M. N o n n e (Hamburg).
Herr Trömner: I. Eine Hfimatomyelie durch Naoken schräg schuß. Trotz
röntgenologisch nicht sichtbarer Wirbel Verletzung Bewußtlosigkeit, dann schlaffe
Extremitätenlähmung, die nach einigen Tagen sich auf die Arme zurückzog.
14 Tage nach der Verwundung bestand noch völlige Lähmung von Schulter und
Armen mit Areflexie und (außer geringer Störung der Fingergelenkempfindung)
erhaltener Sensibilität. Beine waren schlaff paretisch mit gesteigerten Sehnen¬
reflexen (Babinski, Oppenheim, Wadenphänomeo). Eine bis etwa zur Magengrube
heraufreichende Hyperästhesie gegen Schmerz und Kälte erlaubte die untere
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
618
Grenze der Blutung am 8. Dorsalsegment anzunehmen, mit Beginn etwa beim
5. Zervikalsegment. Trotz dieser großen Ausdehnung über 12 Segmente ist Pat.
jetzt nach 4 Monaten fast geheilt. Bei der Prognose solcher Blutungen hat jugend¬
liches Alter eine entscheidende Bedeutung. — II. Eine Reihe von psyohogenen
und kortikalen Sensibilitfitsstorungen. Hysterische Störungen fand Vortr. bei
etwa 1 / 0 seiner Fälle von Kriegs-Nerven verletzten und zwar bei Individuen, welche
sonst keinerlei sogenannte Stigmata hatten. Artefakte waren auszuschließen, weil
jene nur bei einem gewissen Bruchteil auftraten, obwohl alle Fälle nach genau
derselben Methode untersucht wurden und weil bei positiver Vermutung eher
desuggestive als suggestive Fragen gestellt wurden. Merkmale psychogener SenBi-
bilitätsatörungen sind 1. die bekannten, seit 3 / 4 Jahrhundert immer wieder be¬
obachteten geometrischen Begrenzungen, die zweifellos gewissen motorischen Vor¬
stellungskomplexen entsprechen. Auf optische Komponenten weist auch die schärfere
Begrenzung an der Vorderseite des Körpers hin. Es sind gewisse primitive
Partialvorstellungen des Körpers, welche eventuell der Ausschaltung aus dem Be¬
wußtsein unterliegen. Auch die dabei meist beteiligten Empfindungen, Schmerz
und Temperatur, sind primitive (Heads „protopathische Sensibilität“). Seltener
und meist weniger stark sind Tastempfindungen beteiligt, frei sind meist die für
Motilität und räumliche Orientierung unerläßliche Tiefensensibilität. Die Disso¬
ziation der Empfindungen ist weder Ausnahme noch Regel, sie kommt bei allen
organischen und funktionellen Störungen vor. Absolute Anästhesie sind viel
seltener als bloße Hypästhesie, charakteristisch aber sind weiterhin die Fluktua¬
tion der Grenzen (abhängig von Aufmerksamkeit und Ermüdung), die Verlang¬
samung der Reaktionen (der Antworten bei der Prüfung) und die häufige In¬
differenz des persönlichen Verhaltens. Die meisten Kranken wissen von ihren
Hypästhesien nichts oder kümmern sich nicht darum. Die Entstehung solcher
Störungen setzt besondere neuropathische Fixation gewisser Komplexhemmungen
voraus, welche andeutungsweise und vorübergehend auch als physiologische Affekt¬
oder Vorstellungswirkungen auftreten können. Anlaß Bind entweder relativ leichte,
aber schmerzhafte Verletzungen — hier bewirkt der Schmerz eine Art kompen¬
satorischer Oberflächenhemmung — oder lange dauernde Fixation in Verbänden
oder, wie in den meisten meiner Fälle, organische Paresen, die dann von der
psychogenen Komplexhemmung vollkommen überdeckt wurden. Daß der Schmerz
tatsächlich die Anästhesie bewirken kann, zeigt Vortr. an einer hysterischen
Luxationslähmung der Schulter, welche von der bekannten Schulterkappe umgeben
ist. Wenn man durch Hochhebung des Oberarms den Schmerz erheblich ver¬
mehrt, so erweitert sich bei dem Kranken das analoge Gebiet um mehrere
Finger breit. Besonders interessant sind die symmetrischen oder, wie man sagen
könnte, Spiegelungsanästhesien; z. B. hat ein Kranker des Vortr. infolge von
Saphenusverletzung (durch Oberschenkelschuß) eine organische Anästhesie an der
Unterschenkelinnenseite und als hysterisches Pendant dazu einen hypästhetischen
Wadenstrumpf um den anderen Unterschenkel. Ein anderer Kranker mit orga¬
nischer Lähmung einer Hand hatte eine hysterische Handschuhanästhesie an beiden
Unterarmen. Besondere Schwierigkeiten erheben sich nun bei Differenzierung von
psychogenen und kortikal-organischen Störungen der Hautempfindungen. Störungen
der Tiefensensibilität, der Lokalisation und der Stereognosis sind ja häufigere
Folgen der Läsion retrozentraler Hirnteile. Störungen der Hautempfindungen
sollen nach verschiedenen Autoren im allgemeinen senkrecht zu den Grenzen radi-
kulärer Störungen verlaufen, also an den Gliedern quer, am Rumpf längs ge¬
richtet. Ebenso verhalten sich aber auch hysterische Störungen. Vortr. zeigt zum
Teil in natura, zum Teil im Bilde 5 Hirnschüsse der hinteren Scheitelgegend mit
wahrscheinlicher Verletzung der hinteren Zentral- oder der Parietalwindung mit
derartigen Sensibilitätsstörungen, welche nach Begrenzung uud sonstigen Merk-
Digitized by
vGougle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
619
malen als hysterische gelten müssen. Da es sämtlich Verletzungen der retro-
zentralen Windungen sind, so darf man annehmen, daß die organische Läsion
dieser Gemeingefühlszentren Anlaß zur Entstehung der psychogenen Störung ge¬
geben hat, in ähnlicher Weise wie periphere Lähmungen Anlaß zu hysterischen
Ueberlagerungen geben können, so daß also die hysterische Sensibilitätsstörung am
kortikalparetischen Gliede eine Art indirektes Hirnsymptom sein könnte. Korti¬
kale Phänomene sind ja die hysterischen Störungen auf jeden Fall. Drei
Scheitelschüsse mit Verletzung nur der vorderen Zentralwindung waren da¬
gegen frei von psychogenen Dysästhesien trotz ausgesprochener motorischer Herd¬
erscheinungen. Autoreferat.
Sitzung vom 15. Juni 1915.
Herr Nonne stellt eine 18jährige Zwergin vor (Höhe 90 cm). Der Knochen¬
bau ist durchaus proportioniert. Es besteht körperlicher und geistiger Infantilis-
mus. Speziell sind die Genitalien unentwickelt; dementsprechend niemals Menstrua¬
tion. Eine Ätiologie läßt sich nicht nachweisen. Patientin kam mit normalem
Körpergewicht (6 Pfd.) zur Welt. Der Nachlaß des Wachstums fiel den Eltern
im 3. Lebensjahre auf. Kein Potus, keine Lues in der Aszendenz. Patientin
selbst bietet auch nach yornahme aller neueren Untersuohungsmethoden keinen
Anhalt für eine luetische Ätiologie. Die Röntgenuntersuchung der Knochen ergibt
das Erhaltensein der Epiphysenfugen, Nichtverknöcherung des Kehlkopfes. Die
Stimme ist kindlich. Zahnwechsel hat stattgehabt. Der geistige Habitus ent¬
spricht dem eines 7 jährigen Kindes. Nach Ausschluß einer rhachitischen, chondro-
dystrophischen, chyreagenen Form des Zwergwuchses entscheidet sich Vortr. für
das Vorliegen einer echten Nanosomie, und zwar der infantilen Form derselben
(v. Hansemann). Es handelt sich offenbar um eine endokrine Störung. Irgend¬
welche Symptome seitens einer Störung der Funktion der Thyreoidea fehlen ebenso
wie solche seitens der Nebenschilddrüsen, der Nebennieren, der Zirbeldrüse. Für
die Annahme einer Erkrankung der Hypophyse spricht Glykosurie, sowie (Unter¬
suchung seitens des Herrn Dr. Kafka, Friedrichsberg) Abbau von Hypophyse
nach Abderhalden. Die Sella turcica erscheint im Röntgenbild normal. Ein ab¬
normer Schatten in derselben ist nicht nachweisbar. Vortr. weist auf die Be¬
ziehungen der Hypophyse zum Skelettwachstum und zum Genitalismus hin (ex¬
perimentelle Erfahrungen von Cushing, Erfahrungen bei der Dystrophia adiposo-
genitalis bei Kastraten, bei Akromegalie und bei Gravidität, ferner die Fälle von
Zwergwuchs bei Fällen von Tumoren der Hypophyse und bei Fällen von Kopf¬
trauma) und kommt zum Schluß, daß im vorliegenden Falle die Ursache des echten
Zwergwuchses in einer Hypofunktiori bzw. Dysfunktion der Hypophyse gelegen sein
müsse. — Vortr. zeigt dann Diapositive eines zweiten Falles: Der 38 jährige Mann
war bis zum 30. Jahre als Zwerg mit einer Liliputanertruppe herumgezogen. Die
Genitalien waren gänzlich infantil geblieben. Die Stimme unentwickelt. Auch
der psychische Habitus war ausgesprochen infantil. Im 30. Jahre begann ein
längeres Wachstum der unteren Extremitäten. Auf die Abteilung von Vortr. kam
Pat. wegen eines tuberkulösen Leidens der Lungen und des Perikards. Es fand
sich psychischer und somatischer Infantilismus, kindlicher Habitus der Genitalien,
röntgenologisch die Sella turcica stark ausgeweitet und in ihrer Mitte ein tiefer
Schatten. Außerdem bestand Polyurie und Glykosurie. Die Diagnose wurde auf
einen seit der Jugend bestehenden Tumor der Hypophyse gestellt. Pat. erlag
seinem tuberkulösen Leiden. Bei der Sektion fand sich ein großes verkalktes
Teratom (Prosektor Prof. Simmonds) der Hypophyse. Die Hoden fanden sich
bei mikroskopischer Untersuchung auf dem Standpunkte eines neugeborenen
Kindes. Dieser Fall reiht sich denen von Benda, Wood und Hutchinson und
Hueter an.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
620
Sitzung am 6. Juli 1915.
Herr Wey gandt: I. Pat. erlitt am 18. Dezember 1914 einen schweren Berufs¬
unfall, Indem ein eiserner Maschinenteil Sohftdel, Hirnteile und linkes Auge
zertrümmerte. Die untere Hälfte des linken Stirnlappens entleerte sieb, der licke
Augapfel mußte entfernt werden, ein riesiger Lappen der Kopfschwarte war bis
auf das rechte Scheitelbein abgeschält. Dabei war die tiefe Wunde schwer ver¬
unreinigt, die ersten Tage bestand leicht febrile Temperatur, bis 38,5°. Pat. kam
eine Stunde nach dem Unfall in das Krankenhaus und war zunächst bewußtlos
und noch mehrere Wochen hindurch schwer benommen. Die rechte Pupille war
anfänglich klein und starr, die Atmung röchelnd; Flüssigkeiten wurden aus der
Schnabeltasse geschlürft. In deliriöser Weise zupfte Pat. am Verband. Nach
zwei Tagen machte Pat. Abwehrbewegungen auf Nadelstiche, es waren Hornbaut-
und Pupillenreflex festznstellen. Gelegentlich nannte er seinen Vornamen und gab
die Zahl der ihm vorgehaltenen Finger richtig an. In der 3. Woche fiel Ab¬
magerung auf, es herrschte durchweg noch Benommenheit vor, abends ging die
Temperatur oft auf 38°. Auch in der 5. Woche bestand Inkontinenz. Ganz
langsam trat etwas Besserung ein, doch ohne Bestand, sinnvolle Antworten
wechselten mit sinnlosen. Dazwischen setzte am Ende des 3. Monats ein Er¬
regungszustand mit sinnlosem Fortdrängen eiü. Die Wunden granulierten noch,
und es war am Kreuzbein und an den Fersen starker Decubitus hinzugetreten.
Zurzeit ist die Verletzungsstelle ausgeheilt, die Pupille reagiert, die Herztätigkeit
ist beschleunigt. Arm- und Bauchrefiex sind normal, die Kreraasterreflexe fehlen,
der rechte Kniereflex ist leicht erhöht, rechts besteht Achillessehnenklonus. P&t.
ist noch schwer dement, dabei wechselt der Zustand, er wurde wohl wieder ruhiger,
doch ist er an manchen Tagen klarer, an anderen verworrener. Seine Intelligenz
ist wegen des fremden Dialekts schwer zu prüfen. Er ist im ganzen besonnen,
doch völlig unorientiert. An den Unfall hat er keine Erinnerung. Vorgezeigte
Gegenstände erkennt er richtig, auch Modelle, Bilder und Silhouetten. Die ihm
vorgezeigte Atrappe einer Wurst bezeichnete er als Knackwurst, daun biß er
kräftig hinein und war nur schwer davon abzuhalten, das abgebissene Stück
herunterzuschlucken. Er hielt es für eine wohlschmeckende, richtige Wurst. Bei
der Geschmacksprüfung bezeichnete er alle 4 Geschmacksqualitäten als „scharf*.
Die Leistungen im Rechnen sind minimal, 3X4 bringt er fertig, aber kleine
Additionen mißlingen. Dabei sucht er seinen Defekt etwas zu bemänteln, wie bei
Senilen. Geübte Reihen, wie die Monatsnamen, nennt er vorwärts und mit einiger
Mühe auch rückwärts, ebenso Zahlen. Man könnte daran denken, daß Rechen¬
leistungen, die einen Denkprozeß erfordern, wie Additionen, infolge der Vei-
nichtung des von Möbius als Lokalisation der Rechenfähigkeit bezeichneten
Hirnwindung, ausgeschlossen sind. Es ist begreiflich, daß der zunächst behandelnde
Arzt, Herr Physikus Dr. Schmidt, noch etwa 4 Monate nach der Verletzung er¬
klärte, daß der Kranke unerwarteter- und wunderbarer weise am Leben blieb.
Erstaunlich ist, daß dieser sich von dem allgemeinen körperlichen Verfall, 46,5 kg,
und dem schweren Decubitus jetzt wieder erholt hat und das Bett verlassen kann.
Aber auch in psychischer Hinsicht scheint eine Übung vikariierender Hirnpartien
im Gange zu sein, wenn er auch früher offenbar schon psychisch nicht besonders
hoch stand. Der gegenwärtige Zustand läßt trotz der außerordentlich schweren
Hirnverletzung doch eine weitere Besserung, vielleicht sogar die Erlangung einer
bescheidenen Arbeitsfähigkeit erwarten.
II. Patient erlitt einen Unfall am 6. September 1912, indem er vom Bau¬
gerüst fiel und anscheinend nur eine Rippenquetschung davontrug. Am 8. No¬
vember 1912 ist er dann angeblich in selbstmörderischer Absicht von einem
Balkon herabgesprungen, wobei er einen Oberarmbruch und geringe Kopf¬
verletzungen erlitt. Er wurde zunächst chirurgisch behandelt, zeigte aber sofort
Digitized by
Gö< igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
62 i
psychische Störung schwerer Art, kam in neurologische Behandlung und am
17. Januar 1913 in die Irrenanstalt Friedrichsberg. Rein klinisch erinnerte das
Bild sehr an eine Dementia praecox mit heftiger Erregung und Wahnideen, er
nannte sich einen Märtyrer für die Geschichte, er müsse die ganze Zeit wach
sein, er müsse 300 Jahre in der Hölle braten, sein Geist sei unvergänglich usw.
Es bestanden Stereotypien der Bewegung, Maniriertheiten, Neigung zu Selbst¬
verletzungen, plötzliches Brüllen usw. Er war hochgradig hypalgetisch. Die
Pupillen reagierten, die Kniereflexe waren lebhaft, zeitweise recbts stärker als
links, auch Kniescheibenklonus war rechts auslösbar, doch ohne Babinski, Wasser¬
mann war negativ, die Sprache war mangelhaft artikuliert. Es war Schlund¬
sondenernährung notwendig. Das Gewicht fiel auf 45 kg. Unter leichter Tem¬
peratursteigerung trat b l / 2 Monate nach dem ersten Unfall der Tod ein. Die Pia
war über der linken Hemisphäre blutig verfärbt, aber nicht getrübt. Die Dura
war besonders in der mittleren Schädelgrube gelblich verfärbt, mit festen rost¬
braunen Auflagerungen, dabei mit der Schädelbasis verwachsen. Makroskopisch
waren keine Herde sichtbar, auch keinerlei Atrophien. Histologisch fielen jedoch
sofort zahlreiche Blutungen kleineren Umfanges auf, insbesondere in der Pia und
in der Rinde. Die Pia ist an solchen Stellen mehrfach verdickt und gewuchert.
Stellenweise findet sich herdförmiger Ausfall von Ganglienzellen, was auch als
Restzustand früherer Hämorrhagien aufzufassen ist. Die Ganglienzellen zeigen
vielfach ausgedehnte fettige Degeneration. Es fehlen aber irgendwelche Anzeichen
einer entzündlichen Hirnerkrankung vollständig, vor allem Infiltrationen der Ge¬
fäße, Plasmazellen, Gliawucherungen. Nichts erinnert an den Befund bei Para¬
lyse, Arteriosklerose, Alkoholismus, auch Katatonie. Es muß deshalb doch eine
Psychose auf Grund von Hirntrauma mit Blutungen angenommen werden. —
In beiden Fällen ist der Zusammenhang zwischen Trauma und Psychose zweifellos,
so sehr auch der Vortr. im allgemeinen mit der Annahme eines solchen Zusammen¬
hanges zurückhält. Im zweiten Fall ist auffallend, wie nach verhältnismäßig
leichtem Unfall doch zahlreiche kleine Blutungen mit schweren Folgeerscheinungen
auftreten. Die Verletzungen erinnern etwas an die experimentellen Hirnschädigungen,
wie sie im Tierversuch von Jakob untersucht sind und auch in Friedrichsberg
weiterhin bearbeitet wurden. Schwer zu bestimmen ist, ob die histologisch nach¬
weisbaren Läsionen verschiedenen Alters der Rückbildung durch die zwei ver¬
schiedenen Unfälle vom September und November verursacht sind. Der erste Fall
bestätigt die auch bei Kriegsverletzungen des Hirns mehrfach beobachtete relativ
günstige Prognose mancher zunächst als äußerst schwer und hoffnungslos erschei¬
nenden Fälle. * Autoreferat.
Herr Trömner demonstriert: I. Einige verbesserte Instrumente für Sen-
sibüitätsuntersuohungen. a) zur Prüfung von Kälte- und Wärmeempfindungen
zwei Mfctallkesselchen für Füllung mit heißem Wasser oder Eis: kurze Metall¬
zylinder von 160 ccm Inhalt, unten in abgestumpfte Kegel endend, oben ver¬
schlossen durch einen zugleich als Handgriff dienendeu engeren Zylinder, welcher
durch einfachen, dicht schließenden Bajonettverschluß aufgesetzt wird. Eis- und
Heißwasserfüllung halten sich darin J /a bis 1 Stunde lang, zumal wenn man das
Heiükesselchen noch durch einen kleinen gefütterten Überzug schützt. Vorteile
gegen sonst gebrauchte solide Metallzylinder (Goldscheider) oder gar die meist
gebrauchten Reagenzgläser sind Unzerbrechlichkeit, große Wärme- oder Kälte¬
kapazität, große Zeitersparnis bei den Untersuchungen, Gebrauchsfähigkeit in
allen Lagen, Möglichkeit kleine und große Flächen zur Prüfung zu benutzen u.a.
Noch größere Kältevorräte lassen sich natürlich schaffen durch Füllung mit Kälte¬
mischungen, z. B. Eis -f- Kochsalz, Eis -f- Chlorkalzium oder gar Eis + Ammonium
nitricura. Noch größeren Wärmevorrat würde Füllung mit Natr. aoet. ergeben
(Thermophorfüllung), b) ein Algesimeter: Ein Metallstab mit konischer Spitze,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
622
der in einem kleinen fingerdicken Rohr auf Federn schwebt, deren Spannung sich
von 0,1 bis 4 kg ablesen läßt. Durch allmählichen Druck bis zur Schmerzreaktion
, läßt sich die Schmerzempfindlichkeit annähernd quantitativ bestimmen. Ein zum
Teil ähnliches Instrument wurde von Buch angegeben. Die von Alrutz, Thun¬
berg und Auerbach benutzten Nadelalgesimeter sind zur Messung unpraktischer
wegen der leicht anftretenden Hautblutungen, der immerhin zu beachtenden In*
fektionsmöglichkeit und weil scharfe Nadeln zu leicht die Haut perforieren und
dann die Schmerzempfindung sofort relativ absinkt. Exakter, aber auch etwas
umständlicher sind die Nadelalgesimeter mit vorzuschraubender Spitze von Moczu-
kowski, He88-Hamburg, Kulbin und Hösslin. c) Ein Prüfer der Gelenk¬
sensibilität (Arthrästhesiometer): Zwei durch ein Querblatt verbundene 4 cm lange
Metalltuben, welche sioh vermöge eingepaßter Innentuben millimeterweise ver¬
längern lassen. Man gibt dem Kranken erst das eine und dann das andere, um
1 bis 2 mm verlängerte Ende zwischen Daumen und Fingerspitze und läßt ihn
Gleichheit oder Differenz abschätzen. Da die Unterschiedsschwelle der Gelenk¬
sensibilität keine relative, sondern eine absolute ist (durchschnittlich 1 bis 2 mm),
so gestaltet sich die Prüfung sicher und einfach. Die genannten Instrumente
werden von Krauth-Hamburg verfertigt. — II. Eine Reihe von Mißbildungen,
zum Teil mit Enuresis zusammenfallend. In dieser Beziehung verhält sich die
Enuresis infantum (nocturna oder diurna) verschieden von der die Pubertät über¬
dauernden Enuresis tarda. Erstere ist, wie ich früher ausfährte, ein Reflex¬
infantilismus, d. h. Persistenz des automatischen bzw. autonomen (Meyer-Fröh¬
lich) Blasenentleerungsmodus so lange bis das Großhirn bewußt oder im Schlaf
gelernt hat, ihn zu beherrschen, d. h. zu hemmen. Mit dieser Persistenz einer
infantilen Reflexstufe können andere Entwicklungsanomalien neuropathischer oder
dysplasischer Art einhergehen, brauchen es aber nicht. Peritz* Behauptung,
daß die Enuresis infantum meist auf Entwicklungsstörungen im Sakralmark be¬
ruhe und sich oft durch Spina bifida dokumentiere, muß ich nach wie vor ab¬
lehnen. Röntgenaufnahmen von etwa 20 Kindern zwischen 8 und 12 Jahren
haben keine Spur einer Rhachischisis ergeben. Auch die anderen von Fuchs
angegebenen Merkmale von Myelodysplasie habe ich bei Kindern fast nie ge¬
funden . Degenerationszeichen, welche man manchmal findet, haben nur allgemeine
Bedeutung. Sehr selten sind Greif- oder Affenfüße, welche ich bei zwei Ge¬
schwistern im Alter von 5 oder 10 Jahren gefunden habe und im Bilde zeige.
Die Großzeh sitzt wie der Daumen der Hand etwas unterhalb der zweiten Zehe.
Röntgenaufnahme (HäniBch) zeigt in der Großzeh drei statt zwei Phalangen.
In weniger ausgesprochener Form kommt diese Fußbildung bei den tiefstehenden
Negern australischer Inseln vor. Sie ist also in unserem Falle ausgesprochene
Rückschlagbildung, d. h. Atavismus, aber keine Myelodysplasie. Ebenfalls Ent¬
wicklungsstörungen zeigen zwei erwachsene Enuretiker, Soldaten vom Barmbecker
Lazarett, der eine mit deutlicher Andromastie, mit fühlbarer Drüsensubstanz in
der rechten Mamma, ohne andere Zeichen von Feminismus, der andere mit Syn-
daktylie am linken Fuß (zweite und dritte Zehe). Nur bei letzterem finden sich
als Wirbelanomalie ein offenbleibender Sakralwirbel bis zum vierten, also keine
eigentliche Spina bifida. — III. Einen Fall von bulbfirer Aplasie, der in dieser
Form ein Unikum zu sein scheint. Ein 24jähriger junger Mann, neuropathisch
belastet, der vom 15. bis 16. Jahr allmählich fast taub wurde. Der Befund von
Dr. Nadoleczny-München spricht für labyrinthäre bzw. neurogene Taubheit.
Außerdem findet sich Asymmetrie des Gesichts infolge geringer Hypoplasie der
linken Unterkieferhälfte, Obrläppchendefekt, im Innern des rechten Auges eine
fast das halbe Hintergrundsbild einnehmende, marmorweise, halbkugelige Masse,
welche Prof. Deutschmann als Teratom deutete, als Produkt einer Keimzell¬
abschnürung, welche offenbar aus der Papille herauswuchs (bereits abgebildet in
623
Oertels Atlas seltener Augenhintergrundbefunde). Die geschwulstfreie Hälfte der
Retina kann Finger in mittlerer Entfernung zählen. Trotzdem ist die Pupille
dieses Auges völlig reaktionslos gegen Licht. Weiter bat Pat. Lähmung des
linken Gaumenhebers, der linken Schlundwand, so daß bei Schluckbewegungen die
Pharynxrückwand sich wie eine Eoulisse nach rechts schiebt, ferner Lähmung des
linken Stimmbandes, Geschmacksstörung im rechten hinteren (also Glossopharyngeal)
Gebiet der Zunge und endlich Defekt des linken Sternocleidomastoideus und
Cucullaris. Da alle diese Störungen angeboren zu sein und jedenfalls schon in
der Kindheit bestanden zu haben scheinen, obwohl sie bisher noch nicht syste¬
matisch beachtet wurden, so darf man sie größtenteils als angeborene Defekte
auffassen. Die später ausgebildete Taubheit dürfte ebenfalls auf Grund ange¬
borener Schwäche entstanden sein. Es lägen also, abgesehen von den Störungen
des rechten Auges, Aplasien im Bereich der linken 8., 9., 10. und 11. Hirn¬
nerven vor, die wohl kaum anders als auf angeborene Defekte der betreffenden
Bulbärkerne bezogen werden können. Damit gewinnt die, z. B. von Lorenz ab¬
gelehnte, neurogene Entstehung derartiger Mißbildungen eine wichtige Stütze.
Ob es sich hier um einen infantilen Kernschwund im Sinne von Möbius oder
um reine Aplasie (Heubner, Zappert) handelt, dürfte schwer zu entscheiden sein.
(Ausführliche Publikation des wichtigen Falles an anderer Stelle.) Autoreferat.
Herr Kafka demonstriert: I. einen Kriegsteilnehmer, bei dem es sich um
die Dififerentialdiagnose Psyohoneurose oder multiple Sklerose handelt.
Beginn der Erkrankung nach starken psychischen Aufregungen mit Wein- und
Lachkrämpfen, Angst, schweren Träumen, Mattigkeit, Sensibilitätsstörungen. Später
im Kriegslazarett: Nystagmus, „manisch-depressives Verhalten“, Steigerung der
Reflexe. Jetzt sehr gesteigerte Sehnenreflexe, Tremor, schwere Träume. Die
Diagnose wurde trotz Fehlens von deutlichem Nystagmus, Intentionstremor, Augen¬
hintergrundsveränderungen auf Grund des an multiple Sklerose erinnernden psy¬
chischen Verhaltens (Depression mit einer gewissen Euphorie, Witzelsucht), ferner
auf Grund der vollkommen fehlenden Suggestibilität, ferner der skandierenden Sprache
und des Ausfalls der Abderhalden-Reaktion, die Gehirnabbau ergab, auf multiple
Sklerose gestellt, hervorgerufen vor allem durch psychische Traumen; II. einen
Verwundeten, der Ende April einen Gehirnsohuß mit besonderem Betrofiensein
des linken Okzipitalhirns erhielt. Es bestehen neben einer Nerventaubheit psy¬
chische Ausfallserscheinungen, wie sie von Poppelreuter beschrieben worden
sind: leichte Seelenblindheit, leichte apraktische Störungen, Schreib- und Lese¬
störungen. Es wird auf die Bedeutung des Nachweises solcher Ausfallserschei¬
nungen und der Behandlung ^fcrselben hiügewiesen. Autoreferat.
Herr Römer demonstriert einige Kurven, welche zeigen sollen, in welcher
Weise der Krieg auf die Zahl der Alkoholikeraufaahmen eingewirkt hat.
Da die im Krankenhause St. Georg aufgenommenen Alkoholiker fast durchweg
einem bestimmtem Stadtteil entstammen, so dürften die Kurven trotz der relativ
kleinen Zahlen ein Spiegelbild der ganzen Stadt sein. — Die Zahl der wegen
„Alkoholismus“ (Trunkenheit, Delir, tremens, Neuritis alc. usw.) pro Monat auf¬
genommenen Männer schwankte in den Jahren 1913 und 1914 zwischen 25 und 55,
im ganzen wurden im Jahre 1913 456 Männer aufgenommen. Am niedrigsten
waren in allen Jahren die Zahlen im April und November. Die ersten Monate
des Jahres 1914 übertrafen die entsprechenden Monate des Vorjahres. Da brach
der Krieg aus und so zeigte im August die Kurve einen steilen Abfall, der bis
zum November anhielt, von da ab steigt die Kurve wieder an bis zum Februar,
fallt dann etwas ab, um im Monat Juni, in welchem auch in anderen Jahren
hohe Zahlen erreicht wurden, wieder anzusteigen. Dem Einwurf, daß das
günstigere Ergebnis der Kriegszeit allein auf die Abwesenheit der waffenfähigen
Mannschaft zurückzuführen sei, wird begegnet durch eine Kurve, welche nur
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
624
Männer über 40 Jahre in Betracht zieht Auch diese Kurve zeigt, daß im großen
und ganzen die Zahl der Alkoholiker abgenommen hat Man könnte glauben, die
Veränderung wäre durch seltener gewordene akute Trunkenheit hervorgerufec.
Eine Kurve der Betrunkenen, welche Männer allen Alters umfaßt zeigt auch, daß
im August die Zahl der wegen Trunkenheit aufgenommenen Männer sich stark
vermindert hat Während im Juli 24 Betrunkene aufgenommen wurden, waren
es im August nur 4 Männer. Ein Vergleich mit den Zahlen der älteren Männer
aber zeigt, daß dieser Rückgang eo gut wie allein durch das Fehlen der jungen
Männer eingetreten ist Die Zahlen der Männer über 40 Jahre sind nur un¬
bedeutend kleiner als in den Voijahren. In welcher Weise die Bestimmungen,
betr. die Schließung der Schankwirtschaften, gewirkt, dürfte ebenfalls aus der
Kurve der Betrunkenen hervorgehen: Im August war die Polizeistunde auf 11 Uhr
festgesetzt: 4 Betrunkene; von September bis Januar auf 12 Uhr: langsames An¬
steigen der Kurve bis 13 Betrunkene. Von Februar ab waren die Wirtschaften
bis 1 Uhr geöffnet: im März wurde die Zahl 19 erreicht Ist der Rückgang der
Aufnahmen bezüglich der Betrunkenen nicht von Dauer gewesen, so zeigt sich ein
erstaunlich gutes Resultat bei den wegen chronischen Alkoholismus aufgenommenen
Männern. Unter diesen befinden sich seit September nur noch wenige junge
Männer, aber auch die Zahl der Männer über 40 Jahre hat sich sehr stark ver¬
mindert : während durchschnittlich früher 20 bis 25 Personen aufgenommen wurden,
sind es in den letzten Monaten nur 6 gewesen. Man wird nicht fehlgehen, wenn
man diese Beobachtung auf die günstigere Arbeitsgelegenheit zurückführt, die
auch für Männer über 40 Jahre im Kriege sich ergeben hat Autoreferat.
Max Rothmann +
In der Nacht zum 12. August starb er, plötzlich und unerwartet
und in der Vollkraft seines Lebens und Schaffens. Tief erschüttert
sende ich ihm den Abschiedsgruß nach, die Würdigung seiner wissen¬
schaftlichen Bedeutung späterem Nachrufe vorbereitend. Noch in
dem letzten Hefte dieses Centralblatts konnte ich ihm danken für
treue Freundesdienste, die er mir durch Übernahme der Redaktion
während des ersten Kriegsj&hres leistete; und nun sind die weiten,
leuchtenden Augen für immer geschlossen, nun ist die klar und ein¬
dringlich niederschreibende Feder, das scharfer^enktätigkeit gehorchende
Messer der ersterbenden Hand entglitten. Voll von nie erlahmendem
Fleiße, voll von Begeisterung und ehrlichem Streben diente er der
Wissenschaft und der Wahrheit, er war ein gerader aufrechter Mann,
ein verläßlicher Freund, ein ehrlicher Gegner, ein guter Arzt, weil er
ein guter Mensch war.
Seine Freunde, zu denen ich mich zählen durfte, trauern um ihn
wie um einen Bruder, sie haben durch seinen Tod viel, sehr viel verloren.
Sein Name bleibt aber für alle Zeiten weithin leuchtend ein¬
geschrieben auf den Ruhmesblättern, auf denen die Neurologie ihren
Meistern in Dankbarkeit huldigt. Kurt Mendel
Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel
in Berlin W f Augsburgerstr. 43.
Verlag von Veit ft Comp, in Leipzig. — Druck von Mstzqbb & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Profi E. MendeL
Herausgegeben
Ton
Dr. Kurt Mendel.
Vlerunddreißlgster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 18 Mark. Zn beziehen durch alle
Bachhandlangen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Brutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 1. September. Nr. 17.
Inhalt I. Oriflinalmitteilung. Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegsverletz¬
ungen, von Dr. Kurl Ldwenstein.
II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Die Bolle des Krieges in der Ätiologie
nervöser, insbesonders psychischer Störungen, von Moravcsik. 2, Beiträge zu den Kriegs¬
verletzungen und -erkrankungen des Nervensystems, von Donath. 3. Über Sensibilitäts-
störungen von spino-segmentalera Typus bei Hirnrindenläsionen nach Schädelschußverletz¬
ungen, von Gersfmann. 4. Über Therapie und Prognose der Schädelschüsse, von Guleke.
6. Über Schädelverletzungen aus Leichtkrankenzugen und den Transport Schädelverletzter,
von Canon. 6. Über Neurasthenie bei Kriegsteilnehmern, von Riebeth. 7. Zur Behandlung
der nach Granatexplosionen auftretenden Neurosen, von Bittorf. 8. Über hysterische (psycho¬
gene) Funktionsstörungen des nervösen Ohrapparates im Kriege, von Zange. 9. Über
Funktionelle Hörstörungen, von Szäsz. 10. Beitrag zur funktionellen Stirambandlähmung
im Felde, von Böttger. 11. Fußstützmasehine für Peroneus-Tibialislähmungen, von Welty.
— Multiple Skerose. 12. Über De- und Regenerationserscheinungen an Achsenzylindern
bei der multiplen Sklerose, Von Doinikow. 13. Ein Beitrag zur Ätiologie der multiplen
Sklerose, von Flaschen. 14. Der Formenreichtum der multiplen Sklerose, von Oppenheim.
15. Zur Pathologie der multiplen Sklerose, von Pulay. 16. Disseminated sclerosis: its fre-
quency compared with other organic diseases; its etiology and pathogenesis; the differential
diagnosis of the disease; its course and treatment.. A ciinical study of ninetyone cases,
by Coliins and Baehr. 17. Beitrag zur Beziehung zwischen Neuritis retrobulbaris acuta und
<ier multiplen Sklerose, von Tarle. 18. Welche Störungen der Vestibularbahn können beim
Schwindel infolge Sclerosis cerebrospinalis multiplex vorhanden sein? von Lang. 19. Die
Bedeutung der Sensibilitätsstörungen für die Diagnose der multiplen Sklerose, von Siffig.
20. Über atypische multiple Sklerose und luetische Spinalleiden bei Heeresangehörigen, von
Curschmann. 21. Über psychische Störungen bei multipler Sklerose, von Nagel. 22. Ein
Beitrag zur Kenntnis der Psychosen bei der multiplen Sklerose des Gehirns und Rücken¬
marks, von Duge. 23. Ungewöhnlicher Symptomenkompiex bei einem Fall von sympto¬
matischer Psychose, von Borchardi 24. Ein Fall von fraglicher Kombination der multiplen
Sklerose mit Poliomyelitis, von Loewy. 25. Kombination von multipler Sklerose und Syringo¬
myelie, von Siffig. 26. Zur Frage der Kombination organischer und funktioneller Er¬
krankungen, von Wissmann. J27. Zur Differentialdiagnose zwischen Hysterie und multipler
Sklerose, von Schürhoff. 28. Über Pseudosklerose, von Rausch und Schilder. — Muskuläre
Erkrankungen. 29. Ein Beitrag zur Muskelpatbologie im Kindesalter, von Krasnogorskl.
30. Zur Kasuistik und Kritik der umschriebenen Muskelverknöcherung (Myositis ossificans
circumscripta), von Gruber. 81. Myositis ossificans traumatica. Ein kasuistischer Beitrag
von Schtippler. 32. Die pseudohypertropbische Paralyse, von Sala. 33. Zur Kasuistik der
myopathiseben Muskelatrophien. Über einen Fall von Dystrophia muscularis progressiva
(Erb), von Vormann. 34. Über Dystrophia rausculorum progressiva und Unfall, von Görres.
35. The spinal changes in pseudo-hypertr^phie paralysis, by Bruce. 36. Sur un cas d'ätrophie
chez un negre, par Austregesilo. 37. Myopathy: with ciinical records of eight cases com«
prising various types, by Ortoison. 38. A case of dyBtonia musculorum deformans, by Belong.
39. Ein Fall von Dystonia musculorum deformans, von Biach. 40. Über eine atypische
Form familiärer Myopathie des Kindesalters, von Bibergeil. 41. Myatonia congenita. Klinische
Beobachtungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik in Frankfurt a. M., von Mettenheimer,
xxxiv. . 40
Digitized by
Gck igle
Original from
UMIVERS1TY OF MJCH1GAN
626
GBIzfcy und Weihe. 42. A case of myatonia congenita (Oppenheim), by Courtney and Eaton.
43, Zur Kenntnis der Myatonia congenita, von v. Rad. 44. A case of myatonia, by Belonf.
45. A case of myatonia congenita, by Purter. 46. A case of facial hemiatrophy, by Men-
städter. 47, Sur an oas d’hemiatropbic faciale avec signe d’Argy 11 Robertson contralateimL.
par Langelaan. 48. Über symmetrischen progressiven Fettschwund im Kindesalter, von
Hiisler. 49, Unilateral hypertrophy, involving the entire left side of the body, by Basso*.
50. Angeborene Muskelhyperplasie, von Rossi. — Psychiatrie. Dementia praecox.
51. Die Kritiken der Schizophrenien, von Bleuler. 52. Die Ursache der Dementia praecox,
von Ebbel. 53. Les voiea d’invasion de la ddmence precoce, par Masseion. 54. Ober Syphilis
in der Aszendenz von Dementia praecox-Kranken, von Meggendorfer. 55. Zur Pathogenese
der Dementia praecox, von Mollweide. 56. Jnfluence du mflieu et du travail sur les sterdo-
typies, par Charon et Courbon. 57. Ein Fall von Katatonie nach Sonnenstich, von Repowd.
68. Über einen schizophrenen Prozeß im Gefolge einer hirn drucksteigern den Erkrankung,
von Rosental. 59. A study of the braiu in a case of catatonic „Hirntod“, by Orton. 60. Alte-
razioni delle cellule g&ngliari del bulbo in un caso di demenza precoce con morte improv-
visa, per Rezza. 61. La sero-reaction d’Abderhalden dans la ddmence precoce, par Obrogift
et Pitulesco. 62. Le coöfficient d’Ambard dans la ddmence prdcoce, par Obregia, ürechia
et Popela. 63. Eicerche sulla deViazione del complemento della demenza precoce, per
Pellacani* 64. Blutuntersuchungen bei einem Fall von Dementia praecox mit periodischem
Verlauf, von Kahlmeter. 65. Beitrag zur Kenntnis der Leukozytose bei der Dementia
praecox, von Zimmermann. 66. Über die Wirkung subkutaner Adrenalininjektionen auf den
Blutdruck bei Dementia praecox, von NeubUrger. 67. Eine Hypothese zur psychologischen
Bedeutung der Verfolgungsidee, von Lang. 68. Ober Pubertät und Psychopathie, von
Klieneberger. — Therapie. 69. Klinische Erfahrungen mit Phenoval, von Boyor.
III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬
heiten, Sitzung vom 12. Juli 1915. (Schluß.)
IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. April bis BO. Juni 1915.
V. Mitteilung an den Herausgeber.
I. Originalmitteilung.
[ Aus der Nervenstation (Leiter: Prof. H. Oppenheim) des Beservel&zaretts Kunstgewerbemuseum
(Chefarzt: Stabsarzt Bkrnhbim).]
Zerebellare
Symptomenkomplexe nach Kriegsverletzungen . 1
Von Dr. Kurt Löwenstein (Berlin).
Die Krankheitsbilder mehrerer Kriegsverletzter, bei denen zerebellare oder
besser gesagt Störungen des Gleichgewichts im Vordergrund standen, scheinen
mir deswegen mitteilenswert, weil einerseits bei ihnen die Ergebnisse der Unter«
Suchungen mittels der Bär&ny’schen Methode von wesentlicher Bedeutung sind,
andererseits sie anch in diagnostischer wie symptomatologisoher Hinsieht be¬
sonderes Interesse bieten. In letzter Beziehung ist, wie ich voraasschicken will,
die Unterscheidung and Verquickung von Organischem und Funktionellem, die
in letzter Zeit so oft. anch bei anderen Kriegsverletzungen des Nervensystems
besprochen wurde, bei ihnen besonders beachtenswert.
L Th, 37. Jahre alt, Koppelknecht. Früher gesund, keine Nervosität, kein
Potus. 29.X. 1914 verspürte er im Infanteriefener, daß er einen Schoß gegen
die rechte Kopfseite bekam. Es war „gerade so, als ob ihm einer einen kleinen
1 Nach einer Demonstration in der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie and Nerven¬
krankheiten am 12. VII. 191&.
Digitized b}
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
627
Kieselstein gegen den Kopf geworfen hätte“. Weiter erinnert er' sich an nichts.
Erst nach 14 Tagen kam er in einem Lazarett zu sich; dorther haben wir die
erste Nachricht von ihm, dort wurden bereits vernarbte Ein* und Ausschuß-
Öffnungen links hinten am Schädel festgestellt. Als er zum erstenmal aufstehen
wollte, fiel er nach rechts. Seitdem besteht eine starke Unsicherheit beim Geben
und Stehen, eine Verlangsamung der Sprache, eine Verschlechterung des Gedächt¬
nisses. Sonst keine Störungen, keine Kopfschmerzen, kein Erbrechen, kein wesent¬
licher Schwindel. Keine allgemeine Nervosität, Reizbarkeit usw. Sprache und
Gang sind in letzter Zeit etwas besser geworden; bieten aber noch das typische
Bild wie seit Beginn unserer Beobachtung.
In der linken HinterhauptBgegend finden sich 2 oberflächliche, kleine, nicht
mit dem Knochen verwachsene Narben. Von der einen gibt Patient Belbst an,
dafi sie von einem Sturz im 17. Lebensjahre herrühre. Entsprechend dieser Narbe
findet sich röntgenologisch eine Fraktur des Hinterhauptbeins, eine Knickung der
Kontur, die nach dem Urteil dee Röntgenologen Herrn Dr. Katz sehr wohl auch
von der im 17. Lebensjahr erlittenen Verletzung herriihren kann.
Ophthalmoskopisch normal, Pupillen reagieren prompt, Fazialis, Hypoglossus
frei. Motilität, Sensibilität und Reflexe völlig normal. Keine Bewegungsataxie
in den Armen und Beinen, keine Adiadochokinesis. Die Sprache ist langsam,
schleppend und tremolierend, es besteht ein Langziehen der einzelnen Silben. Die
Sprache erinnert etwas an die skandierende, doch bietet sie nicht das typische
Bild dieser Sprachstörung.
Patient steht breitbeinig; er geht breitbeinig mit kleinen, wippenden, gleich¬
mäßigen Schritten, doch ohne eigentliches Schwanken. Sobald er die Beine nähert,
fällt er und zwar immer nach rechts. Auch durch Stoß wird er sofort aus dem
Gleichgewicht gebracht. Im Sitzen .besteht keine Unsicherheit. Auch wenn er
an beiden Händen gehalten wird, fällt er nach Fußschluß in derselben Weise nach
rechts. Unipedales Stehen unmöglich. (Näheres Aber diese Störungen wird noch
unten gesagt werden.)
Obrbefund: Links: Trommelfell und Gehör normal. Rechts: Trommelfell
normal; laute Flüstersprache am Ohr, Knocbenleitung für tiefe und mittlere Töne
stark herabgesetzt, für hohe Töne aufgehoben. Ebenso aber noch stärker ist die
Luftleitung herabgesetzt. Weber nicht lateralisiert. Also: hochgradige, wohl
nervöse Schwerhörigkeit. Eine besonders angestellte Simulationsprüfung ließ keine
Simulation nachweisen.
Es besteht spontaner geringer Nystagmus nach rechts. Spontan besteht beider¬
seits kein Vorbeizeigen.
Kaltspülung des linken Ohrs erzielt starken Nystagmus nach rechts, danach
kein Vorbeizeigen beiderseits. Das Fallen geschieht danach in genau der gleichen
Weise wie spontan oder noch stärker nach rechts (!), niemals nach links.
Kaltspülung deB rechten Ohre ergibt keinen, bzw. einmal ganz schwachen
Nystagmus nach links, danach besteht beiderseits kein Vorbeizeigen. Fallen danach
nach rechts wie Bpontan.
Diese Prüfungen wurden mehrmals und immer mit dem gleichen Resultat
wiederholt.
Es bandelt sich danach hier um eine traumatische Affektion des rechten
nervösen Hörapparats (Labyrinth oder N. octavus) und des Cerebellums. Ob es
sich dabei um eine Schußverletzung gehandelt hat, scheint nach den oben mit¬
geteilten anamnestischen Daten und den Narbenverhältnissen zweifelhaft, ja fast
unwahrscheinlich. Muß es also auch dahingestellt bleiben, welcher Art das
Trauma gewesen ist, jedenfalls maß es doch ein sehr erhebliches gewesen sein,
40*'
□ igitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
628
das geht schon aus der etwa 14tägigen Bewußtlosigkeit hervor und der 17 Tage
nach der Verletzung gemachten ersten Notiz des anderen Lazarettes: „Patient
schläft fast anhaltend, macht einen somnolenten Eindruck, spricht undeutlich
und verworren, über Zeit und Ort nicht orientiert.“ — Die Labyrinth- bzw.
Octavusaffektion ergibt sich aus dem Resultat der Ohrprüfung und aus der
schweren Herabsetzung bzw. Aufhebung der rechten kalorischen Reaktion. Die
Läsion des Cerebellums läßt sioh aus dem Nystagmus, der Gleichgewichts¬
störung und dem Verhalten der Bäräny'sehen Reaktionen ableiten. Daß der
Nystagmus kein labyrintbärer ist, ergibt sich aus der Dauer seines Bestehens
(jetzt 9 Monate). Er ist also intrakraniell, und zwar bei dem Fehlen aller
sonstigen Symptome von seiten der Medulla oblongata zerebellar bedingt.
Bäräny’scher Befund und Gleichgewichtsstörung bedürfen aber noch der
näheren Erörterung. Was den ersteren anlangt, so fehlt natürlich das Vorbei¬
zeigen nach rechts wegen der fehlenden kalorischen Reaktion rechts. Aber auch
das Vorbeizeigen nach links ist beiderseits, trotz guter kalorischer Reaktion links,
nicht zu erzielen. Es ist eben überhaupt keine Vorbeizeigereaktion zu erzielen.
Ich habe früher das Fehlen aller Vorbeizeigereaktionen als nicht seltene Er¬
scheinung bei Tumoren des Kleinhirns oder solchen, die einen Druck auf das¬
selbe ausüben, beschrieben 1 und als diffuse Schädigung des Cerebellums auf-
gefaßt. So ließe sich auch hier das Fehlen aller Reaktionen durch eine diffuse
Schädigung des Cerebellums erklären.
Ich möchte aber bemerken, daß ich die Möglichkeit für gegeben halte,
daß sowohl hier wie in den erwähnten Fällen bei dem Fehlen der Reaktionen
eine funktionelle Kompensation des Vorbeizeigens im Spiele ist. Man könnte
daran, denken, daß die im Kleinhirn geschädigten Individuen, die nun darauf
angewiesen sind, ohne die Regulation durch das Kleinhirn auszukommen, auch
so die kalorisch hervorgerufenen Kleinhirnreaktionen vom Großhirn funktionell
kompensieren. Etwas in ähnlicher Richtung spricht das Verhalten der Fall¬
reaktion bei dem eben besprochenen Patienten. Fallreaktionen waren beiderseits
nicht zu erzielen, es bestand dagegen sogar nach Kaltspülen links das Fallen
nach rechts in unveränderter Weise fort. Wenn auch die Eigenart, die Lokali¬
sation der Fallreaktionen noch nicht geklärt sind, so ist doch dieses Verhalten,
daß das spontane Fallen nach rechts sowohl nach Links- wie Rechtskaltspülung
unverändert und völlig das gleiche bleibt, ein sehr auffallendes. Mit einer
Lähmung des Linksfallzentrums läßt sich das nicht erklären, denn es wäre kaum
denkbar, daß alle Zentren, da ja auch die Zeigereaktionen fehlten, zerstört sein
sollten, außer nur dem Rechtsfallzentrum. Hier glaube ich allerdings annehmen
zu müssen, daß das geschädigte Cerebellum durch den kalorischen Reiz nicht
mehr so gereizt werden kann, daß die spontane Gleichgewichtsstörung beeinflußt
wird, bzw. daß letztere so stark ist, daß durch sie eine Kompensation der durch
die kalorischen Reize hervorgerufenen Reaktionen herbeigeführt wird. Und da¬
mit komme ich auch zu dem zweiten, wohl wichtigsten Punkt bei diesem
Krankheilsbilde.
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Ptych. XXIV. H. 5.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
629
Das Fallen nach rechts, wie die ganze Gehstörung and die Sprachstörung
haben ein von dem gewöhnlichen durchaus abweichendes Gepräge. Hier ist
sicher ein funktioneller Faktor mit im Spiele. Das Fallen hat gewissermaßen
etwas Sicheres, Zielbewußtes. Sobald der Patient die Beine aus seiner gewöhn¬
lichen Stellung entfernt und etwas nähert, kommt er nicht erst ins Schwanken,
sondern er fällt sofort nach rechts um. Auch wenn er von einer anderen
Person unterstützt wird, fällt er in der gleichen Weise. Er fällt bei offenen
Augen ebenso wie bei geschlossenen. Diesem Fallen fehlt durchaus das In¬
koordinierte, Ungleichmäßige, ja das eigentlich Ataktische. Es hat gewissermaßen
etwas Systematisiertes. Ganz ähnlich ist der Gang. Anch hier kommt es nie
zu einem eigentlichen Wackeln und Schwanken, es sind gleichmäßige, zitternde,
fast rhythmische, leicht wippende Bewegungen, die sich übrigens auch in der
Buhe beim Sitzen einstellen. Patient kann sich aus sitzender Stellung nur er¬
heben, wenn er die Füße breit auseinander macht. Tut er das nicht, so fällt er
völlig in sich zusammen, auch wenn man versucht, ihn vom Stuhle aufzuheben.
Es kommt dabei zu gar keinem eigentlichen Stehversuch. Gewissermaßen eine
Photographie des Ganges ist die Sprache. Auch hier das Abgehackte, Zögernde,
dabei völlig Gleichmäßige; es besteht keine Spur einer Inkoordination, im Gegen¬
teil, die Sprache ist von einem gewissen Rhythmus durchdrungen. Die Sprache
unterscheidet sich noch viel mehr wie der Gang von dem Typus der organischen
Störung.
Die Gleichgewichtsstörung also wie die Sprachstörung weisen zweifellos
eine funktionelle Komponente auf. Wie weit diese den Charakter des echt Trau¬
matisch-Neurotischen hat, wie weit sie psychogen ist oder hysterisch oder welche
von den in letzter Zeit vielfach diskutierten Bezeichnungen und Auffassungen
hier in Frage kommt, das soll heute nicht abgegrenzt und näher besprochen
werden. Es scheint mir aber jedenfalls bei diesem Patienten das Psycho¬
gene eine wesentliche Bolle zu spielen. Das geht schon aus dem ganzen Wesen
des Patienten hervor. Er steht völlig unter dem Eindruck der schweren Kopf¬
verletzung. Seine ständige Redensart ist: „wenn einem im Kopf was fehlt,
dann ist nichts zu machen,“ Er‘fürchtet, daß durch seine Gewichtszunahme
die Gehstörung sich steigern möge, der Gedanke daran; daß ihm das Gleich¬
gewicht fehle, beherrscht ihn völlig.' Sein ganzes Fühlen und Denken ist davon
erfüllt, er, meint auch, daß sein Gedächtnis, seine intellektuellen Fähigkeiten
dadurch sehr nachgelassen haben. Er ist früher ein- sehr lebhafter, vivei
Mensch gewesen, ist viel im Ausland herumgekommen and hat sich immer gut
und schnell zureehtgefunden. Daß hier eine organische zerebellare Schädigung
vorliegt, ist oben auseinandergesetzt worden, darüber kann kein Zweifel seih.
Die Symptome derselben sind aber psychogen fixiert und auch verändert, und
gerade diese Kombination des Psychogenen- mit der organischen Störung scheint
mir hier das Interessante. Gegen, die funktionellen Störungen war bisher
psyche-therapeutisch nur wenig zu erreichen. '
II. E., 25 Jahre alt, Metalidracker. Früher gesund, angeblich nicht nervös.
Am 30. XL. 1914 erlitt er eine Scbrapnellprellnng am Kopf. Am Belben Tage
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
eso
wurde in einem Kriegslazarett folgendes notiert: „Bewußtlos gewesen y mehrfach
gebrochen, klagt jetzt über fortwährendes Flimmern und Doppeltsehen. Äußer¬
lich keine Verletzung am Kopf, aber sehr starke Druckempfindlichkeit von Hand¬
flächenumfang oben auf Scheitel, wo sich auch subkutanes, flächenbaftes Hämatom
findet“. Das Doppeltsehen soll sohneil geschwunden sein, das Erbrechen aber
2 Monate angehalten haben. Außerdem bestanden Kopfschmerzen und Schwindel.
Er ist seit der Verletzung leicht aufgeregt, sehr reizbar und klagt über schlechten
Schlaf. Sowie er das erstemal aufstand, fiel er nach rechts hin. Seitdem falle
er beim Gehen und Stehen immer nach rechts, sei vollkommen unsicher und könne
sich ohne Hilfe nur wenige Schritte fortbewegen. In der ersten Zeit nach der
Verletzung habe er überhaupt nicht laufen können. Nach einer früheren Kranken¬
geschichte trat noch 4 Wochen nach der Verletzung bei jedem Aufrichten Schwindel
und fast regelmäßig Erbrechen ein.
Ophthalmoskopisch normal, Pupillen reagieren prompt; leichte Parese des
rechten Mundfazialis, besonders deutlich beim Lachen. Hypoglossus frei. Röntgeno¬
logisch am Schädel keine Veränderung. Motilität, Sensibilität und Reflexe an
Armen und Beinen ohne Störungen, keine Bewegungsataxie an Armen und Beinen.
Keine Adiadochokinesis.
Es besteht ständig ein spontaner Nystagmus nach rechts. Nach links be¬
stehen zeitweilig geringe Zuckungen, die aber nicht sicher pathologisch sind. Bei
Hintenüberneigen des Kopfes nimmt der Nystagmus deutlich zu und wird
besonders stark, wenn er den Kopf so weit hintenüber neigt, daß Schwindel¬
empfindungen eintreten.
Im Sitzen besteht keine Unsicherheit. Er steht breitbeinig, fällt aber dabei,
sobald er sich nicht festhält, nach rechts; auch wenn er sich mit der linken Hand
festhält, hat er das Gefühl, als ob ihn etwas nach rechts hinüberzieht; an der
Hand des Untersuchenden findet er scheinbar keine Stütze, man hat den Eindruck,
daß ein phobisches Moment im Spiele ist. Er sieht verängstigt aus und drängt,
wie von einer Gewalt gezogen, nach rechts hinüber und dreht sich dabei oft um
seine vertikale Achse nach rechts. Beim Gehen besteht hochgradige Unsicher¬
heit, er stürzt dabei immer nach rechts und fällt, wenn er sich nicht festh<en
kann, nach einigen Schritten hin. Es kommt dabei auch zu einer Deviation
nach rechts, aber nicht in dem Maße, wie beim freien Stehen. Dabei stürzt er
beim Gehen auf einen Gegenstand zu; geht man neben ihm, so merkt man, daß
er nach rechts hinüberdrängt. Beim Stehenbleiben kommt es gewöhnlich zu einer
Rechtsdrehung des ganzen Körpers. Das Rückwärtsgehen ist ungemein unsicher.
Bei all diesen Versuchen kommt es zu starker Erregung, Angstgefühl, Schweiß*
ausbrach und Tachykardie.
Er selbst gibt z. B. einmal an: Er könne jetzt manchmal eine kurze Strecke
gut laufen, wenn es auch innerlich schaukelt, aber bei größerer Anstrengung ar¬
beite es in der Brust und in den Beinen, und es komme ein Nebel von links
nach rechts vor den Augen. Dann erfolge das Fallen nach rechts. Zu einem
wirklichen Hinfallen ist es nur zweimal gekommen. Die Gegenstände der Um¬
gebung führen nur beim Gehen eine oszillierende Bewegung aus, und zwar ist
es ein Heben und Senken der Gegenstände. Er macht diese Angaben sehr be¬
stimmt, Nausea stellt er dabei in Abrede. In der Regel hat er keinen Schwindel,
sobald er aber im Liegen mit dem Kopf tief kommt, und zwar wenn der Kopf
tiefer liegt wie das Genick 1 , stellt sich ein Drehschwindel ein, das Bett bewegt
sich im Kreis, im Sinne des Uhrzeigers. Der Schwindel bildet sich in der Regel
schnell zurück; selbst nach Treppensteigen, wobei es zu stärkeren Anfällen
kommt, braucht er sich nur 1 Minute fest anzulehnen, um den Schwindel zu
unterdrücken.
Die Puls Veränderung bei diesen Erscheinungen ist eine erhebliche, so war
Digitizer! by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
631
z. B. bei einer Untersuchung der Puls in der Buhe beim Sitzen 18 in 1 / i Minute;
bei Hintenäberlegen des Kopfes bis zum Schwindel 26 in 1 / i Minute; beim Stehen,
wenn er sich festhielt, 27 in l j i Minute; nach einem Gehversuch 34 bis 35 in
*/ 4 Minute.
Ohrbefund: Flüsterspraohe beiderseits 4 m, Weber nicht lateralisiert. Rinne
beiderseits positiv. Knochen* und Luftleitung rechts nur wenig verkürzt.
Kaltspülnng des rechten Ohrs: typischer Nystagmus nach links. Typisches
Vorbeizeigen beiderseits nach rechts. Fallen nach rechts ebenso oder stärker
als spontan.
KaltBpülung des linken Ohrs: Nystagmus -nach rechts nur mäßig verstärkt,
wesentlich geringer als der Nystagmus nach links bei Rechtsspülung. Danach im
rechten Arm kein Vorbeizeigen nach links (innen!, also nicht sicher pathologisch),
im linken Arm bei mehreren Prüfungen kein Vorbeizeigen, einmal ganz schwaches
Vorbeizeigen nach links. Bei allen Prüfungen blieb danaoh das Fallen nach
rechts (!) in demselben Maße wie spontan bestehen.
Auch in diesem Krankheitsbild mischen sich zweifellos organische und
funktionelle Symptome. Organisch ist der Nystagmus, organisch ist auch die
Herabsetzung der linken kalorisohen Reaktion und das Fehlen, bzw. die starke
Herabsetzung der Vorbeizeigereaktion nach, außen im linken Arm. Auch die
nach der Verletzung bestehende Bewußtlosigkeit und das Erbrechen gehören
hierher. Hier liegt also ein Prozeß am linken Cerebellum vor, der auf die Prellung
durch das Schrapnell zurückzuführen ist, und bei dem es sich wohl um eine
Blutung gehandelt haben dürfte.
Auch bei diesem Patienten ist das Verhalten der Fallreaktionen ein eigen¬
artiges, auch hier wird durch Links-Kaltspülung ein deutlicher Nystagmus,
aber kein Fallen nach links erzeugt, sondern das Fallen nach rechts bleibt auch
hier so stark, wie es spontan ist. Nach Rechts-Spülung wird das Fallen nach
rechts eher stärker. Man könnte das ja durch eine Lähmung des Linksfall-
zentrums oder durch eine Reizung des Rechtsfallzentrums allein erklären, ich glaube
aber doch, daß die Eigenart des Fallens nach rechts, auf die ich noch eingehen
will, auch hier daran denken , läßt, daß eine funktionelle Kompensation des
kalorisch hervorgerufenen Linksfallens durch das starke spontane Fallen nach
rechts statthat.
Daß eine derartige Verletzung auch eine zerebellare Ataiie zur Folge hatte,
ist natürlich. Es unterscheidet sich aber auch hier die Gleichgewichtsstörung
durchaus von der gewöhnlichen zerebellaren Ataxie. Das, was vor allem auf¬
fällt, ist das Zwangsartige der Gleichgewichtsstörung. Zwangsbewegungen und
Zwangshaltungen bei Kleinhirnverletzungen sind ja nun bekannt, vor allem ex¬
perimentell beim Tier. Allerdings treten sie ja hier vor allem in der ersten
Zeit nach der Verletzung auf, werden ja auch vielfach nur als Reizsymptome
aufgefaßt, worauf ich hier nicht eingehen will. Aber auch beim Menschen sind
ja Zwangshaltungen und Zwangsbewegungen in vereinzelten Fällen, so von
Bbukb, Russell u. a. bei Tumoren und auch Abszessen (Zelleb, Vallon) be¬
obachtet worden. Die Zwangshaltungen bei diesem Patienten aber unterscheiden
sich von den gewohnten wesentlich und zeigen ein ganz besonderes Gepräge.
Vor allem charakteristisch ist, daß sie nur bei Bewegungen und beim Stehen
Digitized by
Gck igle
Original frn-m
UNIVERSiTY OF MICHIGAN
632
auftreten. ln der Bube, im Liegen und Sitzen, fehlen sie völlig. Hier verhält
sich Patient wie ein Gesunder. Er verrichtet seine täglichen Gewohnheiten wie
jeder andere und beschäftigt sich auch. Erst, sobald er geht oder steht, treten
die Erscheinungen auf. Sobald er sich stützt oder beim Gehen gestützt wird,
werden die Symptome etwas geringer, hören aber nicht auf. Beim Stehen ist
es ein krampfhaftes Fallen, beim Gehen ein solches Fallen und Abweichen nach
rechts. Es 6ieht aus, als ob der Patient von einem Magnet zur Seite gezogen wird.
Faßt man ihn an, so fühlt man, daß ein aktives Drängen naoh der rechten
Seite vorhanden ist. Er drückt auf den Begleiter und zieht ihn in krankhafter
Weise nach rechts hinüber. Bleibt er plötzlich stehen, so setzt sich diese Be¬
wegung oft in eine eigenartige Drehung nach rechts fort.
Unterscheidet sich durch dieses Symptom das Krankheitsbild durchaus von
dem vorigen, so zeigt die Gleichgewichtsstörung doch ähnliche, ebenfalls von der
gewöhnlichen zerebellaren abweichende Punkte. Auch hier besteht eine gewisse
Gleichmäßigkeit und Regelmäßigkeit, gewissermaßen etwas Zielbewußtes, das
Inkoordinierte, Wechselnde, Richtungslose, eigentlich Ataktische fehlt auch hier.
Außer diesen Merkmalen zeigen noch folgende Momente, eine wie große Rolle
ein funktioneller Faktor auch bei diesem Patienten spielt. Es fehlt anscheinend
jedes Bestreben, die Gehstörung in der üblichen Weise zu korrigieren. Dagegen
sagt er selbst, durch den Schwung könne er sich beim Schnelllaufen besser
halten. Wenn er einen Gegenstand sieht, geht es besser, weil er weiß, daß er
sich festhalten kann. Beim Gehen hält er schon immer etwas seitwärts vom
Ziel, weil er doch nach rechts hinüberkommt. Ein Stock nützt ihm nichts, er
stolpert gewissermaßen über ihn, stößt sich dann ab und fällt schließlich über
ihn hin. Auch breitbeiniges Stehen mildert die Unsicherheit nur unwesentlich.
Er gibt an, daß er an der rechten Kopfseite an der Stelle des Traumas das
Gefühl habe, als ob ihm Wasser herunterlaufe. Von da ziehe es ihn rechts
am Körper herunter. Auf der Straße und überall, wo viele Menschen seien,
sei die Störung stärker. Therapeutisch ist bisher nur eine geringe Besserung
zu erzielen gewesen.
Also auch hier haben sich zu der sicheren organischen, zerebellaren Läsion
wesentliche funktionelle Symptome hinzugesellt, durch die das Krankheitsbild ein
kompliziertes geworden ist Wie diese funktionellen Symptome zu erklären sind,
das soll, wie bereits oben bemerkt, hier nicht entschieden werden. Immerhin
sei bemerkt, daß auch bei diesem Patienten manches psychogenen Charakter
trägt, daß aber hier im Gegensatz zum ersten Patienten (Th.) die echt trauma¬
tisch-neurotischen Erscheinungen eine wesentliche Rolle spielen. Es sei nur auf
die starke Reizbarkeit und Erregtheit, den schlechten Schlaf hingewiesen; alle
seine Geh- und Stehversuche sind von Schweißausbruch und Angst, Er¬
regung und Tachykardie begleitet; darauf weisen auch seine entsprechenden,
oben mitgeteilten Angaben über seine Schwindel- und Unsicherheitsempfin¬
dungen hin.
In einem Gegensatz zu diesen beiden Krankbeitsbildern stehen zwei Klein¬
hirn Verletzungen; die nun noch kurz mitgeteilt werden sollen.
Digitized b'
■V Google
Original frum
UNIVERSITY OF MICtUüA
633
III. S. y 19 Jahre alt (wurde nur mehrmals ambulant untersucht, konnte auch
aus äußeren Gründen nicht demonstriert werden). 21. IL 1915 Verletzung durch
Infanteriegeschoß. Einschuß drei Querfinger breit unter dem linken Auge. Aus¬
schuß und Operationenarbe, die von einer im März 1915 vorgenommenen Öffnung
eines kleinen Abszesses mit Entfernung von Splittern herrührt, am Hinterhaupt
in der Mittellinie, bis in die obere Nackengegend berunterreichend. Nach der
Verletzung 8 Tage Bewußtlosigkeit. Seitdem starke Kopfschmerzen, Ohrensausen,
Schwerhörigkeit links, Lähmung der linken Gesichtshälfte, Unsicherheit des Ganges,
starker Schwindel, kein Erbrechen. Zuerst soll auch eine Beinlähmung bestanden
haben, über die aber nichts Näheres bekannt ist, und eine Sprachstörung wohl
mechanischer Natur. Die Beschwerden haben sich gebessert, Kopfschmerzen,
Schwindel, Unsicherheit, Schwerhörigkeit bestehen aber noch.
Ophthalmoskopisch normal, Pupillenreaktiob prompt, Zunge gerade, totale
linksseitige Fazialislähmung in allen Zweigen mit kompletter Entartungsreaktion
und Geschmacksstörung. Leichte Hypalgesie und Hypästhesie im linken zweiten
und dritten Trigeminusast.
Motorische Kraft, Reflexe und Sensibilität an Armen und Beinen normal. In
den Armen keine Bewegungsataxie, im linken Bein leichte Bewegungsataxie,
rechts nicht. Ausgesprochene Adiadochokinesis in der linken Hand, rechts nicht.
Beim Stehen mit geschlossenen Augen und Füßen starkes Schwanken mit vor¬
wiegendem Fallen nach links. Beim Gehen leichte, aber typische zerebellare Ataxie.
Spontaner Nystagmus nach links, nicht Dach rechts.
Ohrbefand: Links: Trommelfell normal. Konversationssprache am Ohr.
Knochenleitung sehr stark verkürzt, Luftleitung für Stimmgabel aufgehoben.
Rechts: Normal. Also: hochgradige nervöse Schwerhörigkeit links, es könnte auch
Taubheit bestehen, das links Gehörte von rechts herüber gehört werden.
Spontanes Vorbeizeigen im linken Arm nach außen und nach oben, im rechten
Arm kein Vorbeizeigen.
Kaltspülung des linken Ohrs erzielt keinen Nystagmus nach rechts. Danach
kein Vorbeizeigen beiderseits, Fallen nach links wie spontan.
Kaltspülung des rechten Ohrs erzielt erhebliche Verstärkung des Nystagmus
nach linke, danach im rechten Arm Vorbeizeigen nach außen, im linken Arm kein
Vorbeizeigen. Nach Kopfdrehung nach rechts im linken Arm Vorbeizeigen nach
oben (wie spontan), auch nach Kopfdrehung nach links Vorbeizeigen im linken
Arm nach oben oder richtig Zeigen, aber kein nach unten Zeigen. Typisches
Fallen nach rechts. .
Es handelt sich bei diesem Patienten einerseits um eine periphere Ver¬
letzung des N. facialis und des N. octayus links. Beide sind schwer betroffen,
der Octavus sowohl in seinem kochlearen wie in seinem vestibulären Anteil.
Möglicherweise sind diese Nerven zerrissen. Wahrscheinlich sind auch der
zweite und dritte Trigeminusast peripher betroffen, doch läßt sich das nicht
sicher entscheiden. Andererseits besteht eine schwere Verletzung des linken
Cerebellume. Ihre Erscheinungen sind: Nystagmus nach links, zerebellare
Ataxie mit vorwiegendem Fallen nach links, Bewegungsataxie im linken Bein
und Adiadochokinesis in der linken Hand.
Dazu kommen die Befunde bei der Bätäoy'schen Untersuchung. Im linken
Arm spontanes Vorbeizeigen nach außen und Fehlen der kalorischen Reaktion
nach innen; im linken Arm spontanes Vorbeizeigen nach oben und Fehlen der
kalorischen Reaktion nach unten (nach JKopfdrehung nach links). Das bedeutet
also eine Läsion der linksseitigen Vorbeizeigezentren nach innen und unten.
Digitized b'
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
634
£rsteres ist nach Bäbäny im Lobus biventer am Übergang der vorderen in die
seitliche Fläche, letzteres am medialen Ende der Lobi semilunaris sup. et inf.
lokalisiert. Daß diese Lokalisationen keine ganz sicheren sind, habe ich an
anderer Stelle früher (1. c.) besprochen. Diese rein klinische Beobachtung kann
natürlich für die Lokalisation der einzelnen Zentren im Cerebellum nicht verwertet
werden. Das typische Verhalten im spontanen Vorbeizeigen und gleichzeitigen
Fehlen der entsprechenden Reaktionen zeigt aber wieder die Richtigkeit der
angenommenen Wirkungsweise der Bäräny’schen Zentren und die diagnostische
Bedeutung dieser Methode. Das Fallen nach links erlaubt na 9 b meinen früher
mitgeteilten Erfahrungen keine Erklärung im Sinne der Läsion eines bestimmten
Fallzentrums. Beachtenswert ist für uns vor allem, daß hier trotz des Fallens
nach links eine kalorische Fallreaktion nach rechts zu erzielen war. Bei diesem
Patienten ist nun das Symptomenbild ein einheitlich organisches. Die Erschei¬
nungen erklären sich restlos aus der Läsion der entsprechenden Gebilde. Irgend¬
welche Anzeichen des Hinzutretens einer funktionellen Erkrankung ließen sich
nicht feststellen.
Ähnlich verhält es sich bei dem folgenden Patienten. Auch hier handelt
es sich um ein rein organisches Krankheitsbild. Die diagnostische Bedeutung
des Bäräny’schen Befundes ist aber hier eine noch größere.
IV. B., 20 Jahre alt, Versicherungsbeamter. Früher immer gesund, keine
Nervosität. 21. X. 1914 durch Infanteriegeschoß am Kopf verletzt. Er lag 4 Tage
bewußtlos, hat mehrmals erbrochen. Kopfschmerzen, die aber nicht sehr stark
waren. Seit der Verletzung besteht Schwerhörigkeit rechts. Als er zuerst auf-
stand, fiel er um. Er ging wie ein Betrunkener und mußte sich festhalten, er
ist oft hingefallen. Die Unsicherheit hat sich gebessert, besteht aber in gewissem
Grade noch fort und ist besonders stark im Dunkeln. Er fallt besonders nach
rechts. Seit der Verletzung hat Schwindel bestanden, der aber wesentlich nach¬
gelassen hat. Seit Januar ist der Zustand stationär. Er klagt jetzt außer über
die Unsicherheit, den Schwindel und die Schwerhörigkeit nur noch über leichte
Kopfschmerzen und Müdigkeit. Sonst keine Beschwerden, keine Schlafstörung,
keine Erregtheit, überhaupt keine Zeichen allgemeiner Nervosität.
Einschuß am lateralen Ende der rechten Augenbraue, Ausschuß dicht hinter
dem rechten Ohr, mit dem Knochen verwachsen, nicht druckempfindlich. Röntgeno¬
logisch: keine Knochenverletzung.
Ophthalmoskopisch normal, Pupillenreaktion prompt, Hypoglossus frei, der
linke Mundwinkel wird etwas weniger innerviert als der rechte. Motorische Kraft,
Sensibilität und Reflexe an Armen und Beinen normal. Keine Bewegungsataxie
in den Armen und Beinen. Bewegungsfolge in der linken Hand etwas verlang¬
samt, aber nicht sicher pathologisch. Schon beim Sitzen und Augenschluß tritt
leichtes Schwanken ein. Beim Stehen mit geschlossenen Augen und Füßen
schwankt er nach rechts und etwas nach vorn. Beim Gehen und Kehrtmachen
nur wenig Unsicherheit, beim Gehen mit geschlossenen Augen starke Unsicherheit.
Ohrbefund: Links: normal. Weber nach links. Rechts: Flüsterspraohe am
Ohr, Rinne positiv. Knoohen- und Luftleitung stark verkürzt, hohe Töne fehlen.
Der Kopf wird immer etwas nach rechts geneigt gehalten. Es besteht
spontaner Nystagmus nach beiden Seiten, der gewöhnlich nach rechts stärker ist
als nach links. Es besteht im linken Arm spontanes Vorbeizeigen nach innen
(konstant). Im rechten Arm kein Vorbeizeigen.
Kaltspülung des linken Ohrs ergibt Verstärkung des Nystagmus nach rechte.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Abseh wlchung bzw. AuBlöaohung des Nystagmus nach links. .Danach im rechten
Arm deutliches Vorheizeigen nach links (innen), im linken Arm kein Vorbeizeigen
naoh außen, der Arm zeigt richtig, manchmal sogar wie spontan nach rechts
(innen) vorbei. Danach starkes Fallen naoh links.
Ealtspttlung des rechten Ohrs ergibt mäßige Verstärkung des Nystagmus
nach links, Abschwächung des Nystagmus nach rechts. Danach typisches Vorbei-
zeigen in beiden Armen nach rechtB und starkes Fallen nach rechts.
Es handelt sich also hier einerseits am eine Affektion des rechten Nervus
octavns, bzw. des rechten Labyrinths. Eine sichere Unterscheidung ist hier
wohl nicht möglich. Jedenfalls ist der kochleäre Teil stärker betroffen als der
vestibuläre, die Hörschärfe ist wesentlich herabgesetzt, der kalorische Nystagmus
nur wenig abgeschwächt Es muß aber noch außerdem eine Affektion des Cere-
bellums vorliegen, denn weder die starke zerebellare Ataxie beim Augenschluß
noch der starke Nystagmus, die beide schon seit ®/ 4 Jahr bestehen, können durch
die Labyrinthaffektion erklärt werden.
Das wird nun noch bestätigt und ergänzt durch das Ergebnis der Bäräny-
sehen Untersuchung: Im linken Arm spontanes Vorbeizeigen nach innen und
Fehlen der kalorischen Reaktion nach außen, d. h. hier liegt eine Läsion des
linken Außenzentrums vor (Lobus semilunaris sup. et inf., laterale Partie).
Sehr auffallend ist natürlich, daß es sich hier um das linke Cerebellum handelt.
Der Befund ist aber bei vielfachen Untersuchungen ein so eindeutiger, daß daran
nicht gezweifelt werden kann. Hier ist wohl eine Blutung in der hinteren
Schädelgrube oder eine indirekt« Läsion durch Contrecoup anzunehmen. Das
spontane Fallen nach rechts ist nicht auf eine Lähmung des Fallzentrums nach
links zurückzuführen, da das kalorische Fallen nach links zu erzielen war. Auf
letzteren Punkt sei mit Rücksicht auf das Verhalten bei den beiden ersten
Patienten (Th. und E.) besonders hingewiesen. Wie bei dieser Prüfung, so fehlt
überhaupt diesem Krankheitsbilde jede andere funktionelle Komponente. Die
Symptome sind restlos durch den organischen Prozeß, die Kombination einer
Erkrankung des Cerebellums und eines Labyrinthapparats, erklärt; es sind bei der
langen Beobachtung des Patienten niemals funktionelle Erscheinungen hervor¬
getreten.
Der Gegensatz, den das klinische Bild dieser beiden letzten Patienten gegen¬
über den beiden ersten bildet, ist ein sofort offensichtlicher. Das war ein Grund,
die Krankheitsbilder in einer Zusammenstellung mitzuteilen. Das ganze Zu¬
standsbild ist ein durchaus verschiedenes; bei den beiden letzten Patienten ein
restlos organisch erklärtes Krankheitsbild, bei den beiden ersten ein starkes
Hervortreten der funktionellen Erscheinungen. Ich glaube, schon die bloße Be¬
trachtung der beiden ersten Patienten, der kritische Eindruck, den man bei der
Beobachtung ihres ganzen Verhaltens, ihres Gehens und Stehens gewinnt, zeigt
auch schon ohne eine nähere Analyse, daß hier funktionelle Symptome vorliegen.
Das ist von vornherein einleuchtend, das scheint mir auch nicht das Wesent¬
liche an den Krankheitsbildem zu sein. Das Wichtige scheint mir vielmehr,
daß sie nicht rein funktionell sind, wie es bei der bloßen Betrachtung den An¬
schein haben mag, sondern daß ihnen ein organischer Prozeß zugrunde liegt,
Digitized by
Gck igle
Original ffom
UMIVERSITY OF MICHIGAN
636
dessen Symptome und Nachweis ich oben ausführlich auseinandergesetzt habe.
Zu diesem organischen Kern haben sich die funktionellen Erscheinungen hinzu¬
gesellt, ja, sie scheinen ihn fast zu überwuchern. Wie das zustande gekommen
sein mag, wie weit es rein psychogene Fixation, die sicher eine Holle spielt, wie
weit andere Faktoren vom Charakter der echten traumatischen Neurose, und
wie weit es noch andere sind, das soll, wie ich oben bereits betont habe, hier
nicht erörtert werden. Aber erkannt werden müssen die organischen Ver¬
änderungen, sie dürfen nicht übersehen werden. Das scheint mir nach der ver¬
schiedensten Richtung hin von wesentlicher Bedeutung. «
Besonders beachtenswert ist es nun, daß sich, abgesehen von der Affektion
des Labyrinthapparates der organische Prozeß nur durch den Nystagmus und
das Ergebnis der Bärany’schen Untersuchung nach weisen ließ, da ja die funk¬
tionellen Erscheinungen bei der zerebellaren Ataxie ein entscheidendes Urteil
durch das Vorhandensein der Ataxie allein nicht zuließen. Bei Krankheits¬
bildern mit anderer Lokalisation, in Gegenden, wo derartige Symptome nicht
vorhanden sind, mag es oft viel schwieriger sein, einen organischen Prozeß fest¬
zustellen und ebenso, ihn auszuschließen. Daß man da nicht an feinere organi¬
sche Veränderungen vergessen mag, das scheint mir doch von wesentlicher
Bedeutung zu sein.
Bei der diagnostischen Beurteilung aller vier Krankheitsbilder haben sich
die Bäräny’schen Methoden wieder weitgehend bewährt. Auf die hervorragende
Bedeutung der kalorischen Vestibularisprüfung braucht wohl kaum noch hin¬
gewiesen zu werden. 'Aber auch die Vorbeizeigereaktionen gaben wenigstens bei
den letzten drei Patienten ein positives und eindeutiges Resultat im Sinne der
Bärany’schen Zentren. Über die Einzelheiten ist bei den einzelnen Besprechungen
schon das Nähere gesagt worden. Ihre diagnostische und lokalisatorische Be¬
deutung wird unbeschadet der früheren Einschränkungen und Vorbehalte auch
durch die Ergebnisse bei diesen Patienten bestätigt
Eines Wortes bedarf noch das Verhalten der Fallreaktionen. Bei den beiden
letzten Krankheitsbildern, die rein organischer Natur waren, trat, wie das das Ge¬
wöhnliche ist, bei entsprechender kalorischer Reizung eine dem spontanen Fallen
entgegengesetzte Fallreaktion auf« Im Gegensatz dazu kam bei den beiden ersten
Patienten, bei denen die ausgeprägten funktionellen Erscheinungen bestanden, trotz
erhaltener kalorischer Reaktion links keine Fallreaktion nach links zustande, sondern
nach Kaltspülung des linken Ohrs bestand das Fallen nach rechts in unver¬
ändertem Grade, wie spontan'fort. Ich habe angenommen, daß das von vornherein
organisch bedingte, dann aber funktionell verstärkte und psychogen fixierte, spon¬
tane Fallen nach rechts imstande ist, das kalorische Fallen nach links zu kom¬
pensieren. Ich habe das in Parallele gesetzt zu dem Fehlen aller Bäräny’schen
Reaktionen bei diffusen Schädigungen des Kleinhirns, wobei ich in ähnlicher
Weise eine Kompensation der Reaktionen hier nun nicht durch funktionelle
Faktoren, sondern durch vom Großhirn ausgehende, die fehlende Kleinhirn¬
regulation ersetzende Innervationen angenommen habe. Gewissermaßen eine
Kombination liegt nun bei dem Patienten I (Th.) vor, bei dem einerseits idle
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
637
Vorbeizeigereaktionen fehlten, andererseits die Falireaktion nach links fehlte, und
das Fallen nach rechts trotz entgegengesetzter Spülung bestehen blieb. Wo¬
durch hierbei nun die Kompensation zustande kommt, das läßt sich nicht ent¬
scheiden. Wie weit ist hier eine im klinischen Sinne funktionelle, psychogene
Kompensation im Spiele, wie weit eine im physiologischen Sinne funktionelle, also
im klinischen Sinne organische Kompensation durch entsprechende Großhirn-
innerrationen? Hier sieht man wieder, wie nahe sich oft die von uns so unter¬
schiedenen organischen und funktionellen Erscheinungen berühren.
Sehr auffallend ist es jedenfalls, daß das funktionelle, psychogene Fallen
imstande sein soll, die kalorische Fallreaktion zu kompensieren, die doch eine
Erscheinung von so ausgesprochen organischem, der Willkür nicht unterworfenem
Charakter ist. Doch schien es mir bei der Bewertung aller Faktoren nicht
anders zu erklären. Immerhin wenn man bedenkt, daß beim Zustandekommen
der Fallreaktionen doch auch durch den Nystagmus ausgelöste, zum Teil un¬
bewußte Empfindungen, Scheinbewegungen usw. eine Rolle spielen, so ist es
schon eher erklärlich, daß die so lange filierten, funktionellen Faktoren über
die ersteren das Übergewicht erlangen. Dabei ist zu erwägen, daß bei diesen
beiden Patienten die Erscheinung des Fallens im Vordergrund des ganzen
nervösen Geschehens steht und von einer bisher unbeeinflußbaren Festigkeit und
Überwertigkeit gewesen ist. Daß durch dieses Verhalten der Fallreaktionen der
Wert der Bäräny’schen Untersuchungen als diagnostische Methode, der ja-jetzt
von so vielen Seiten und hier auch wieder von mir erwiesen worden ist, nicht
leidet, braucht wohl nicht ausdrücklich betont zu werden. Es zeigt dieses Ver¬
halten aber, daß man auch bei dieser, wie bei den meisten anderen Methoden,
allen, auch den funktionellen Faktoren Rechnung tragen muß.
II. Referate.
Kriegsbeobacht ungen.
1) Die Bolle de* Kriege* in der Ätiologie nervöser, insbesondere psyohi-
soher Störungen, von E. E. Mornvceik. (Orvoskepz6s. 1915. Nr 1 bis 3.)
Ref.: Hudovernig (Budapest).
Verf. betont, daß bei der Würdigung des Einflusses, welchen der Krieg auf
die nervösen, namentlich auf die psychischen Störungen ausübt, man verschiedene
endo- und exogene Faktoren berücksichtigen muß. Nach Nennung derselben hebt
er jene seelischen Momente hervor, welche die Widerstandsfähigkeit zur Ertragung
der körperlichen und psychischen Widerwärtigkeiten steigern können, wohin er
rechnet die edle Ambition, das patriotische Gefühl, das Pflichtbewußtsein, die
Begeisterung, das trotz unausbleiblicher, ungünstiger Wendungen unerschütterte
Vertrauen, die Hoffnung, die gehobene allgemeine Stimmung, den suggestiven und
anspornenden Einfluß der obersten Leitung. In Übereinstimmung mit deutschen
Autoren konstatiert Verf., daß Psychosen im Kriege relativ in geringer Anzahl
Vorkommen, und daß der Krieg keine neuen charakteristischen Geistesstörungen
hervorbringt; in bedeutend überwiegender Zahl kommen .die organischen, durch
Verletzungen bedingten und die funktionellen Nervenleiden vor. Ganz auffallend
häufig sind die totalen oder teilweisen Verletzungen der peripheren Nerven, da
Digitizeü by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
638
ja die Körperverletzungen auch an den Gliedern häufiger Vorkommen als an der
Brust und am Kopfe. Ziemlich oft fand Verf. zerebrale Herdsymptome, Mono-
und Hemiplegien, verschiedene Formen der Aphasie, auch apraktische Störungen,
Anfälle von kortikaler Epilepsie, spinale Paraplegien, Erscheinungen einer Myelitis
transversa und auoh vereinzelt die Brown- SSquardsehe Lähmung. Unter der Ein¬
wirkung von traumatischem oder psychischem Shock fand Verf. recht häufig Hyper*,
Hyp- und Anästhesien, Lähmungen, Kontrakturen, choreiforme Bewegungen, Kon¬
vulsionen, Zittern, ferner paraplegisohe Erscheinungen der unteren Extremitäten
in Verbindung mit Sensibilitätsstörungen, aber mit fehlenden Blasen- und Mast¬
darmstörungen, sowie ohne Dekubitus; auch plötzlich auftretende Taubstummheit,
welche dem von C har cot bei Hysterie beschriebenen Typus ähnelt, fand Vert
vereinzelt; die Kranken waren auch aphonisoh und machten überhaupt keinen
Versuch, die gestellten Fragen mit Worten zu beantworten, sondern verlangten
mit Gebärdensprache Papier und Bleifeder, um ihre Antwort niederschreiben zu
können. Bei denselben Kranken fand sich oft Einengung des Gesichtsfeldes mit
Farbeninversion, doch unterschieden sie sich von den Hysterischen durch ganz
geringe Suggestibilität. Die Erklärung dieses letzteren Umstandes sucht Verf.
darin, daß trotz eines gewissen Pfiichtbewußtseins die Furcht einer Wiederholung
dieses Zustandes bei neuerlicher Dienstleistung im Felde eine starke antdsuggeetive
Wirkung ausübt.
In den meisten Fällen von Psychosen bei Militärpersonen, welche aus dem
Felde zurückkehrten, handelt es sich sehr oft bloß um die Verschlimmerung einer
bereits bestandenen Psychose (Dementia par&lytica, Dementia praecox, Alkoho¬
lismus U8W.), wieder bei anderen Kranken handelt es Bich um halluzinatorische
Formen, mit Agitiertheit verschiedenen Grades, Bewußtseinsstörungen, aber mit
relativ kurzer Dauer und rascher Aufhellung, ßelativ häufig sah Verf. einfache
Erschöpfungserscheinungen: Appetit- und Schlaflosigkeit, Abmagerung, Blutarmut,
Benommenheit, Schmerzen im Kopf, im Körper und in den Extremitäten, schwacher,
leicht unterdrückbarer Puls, Anenergia, verlangsamtes Denken, verschiedene Formen
der Apathie, welche sich oft bis zu einem stuporösen Zustand steigerte. Eine
mehrwöchige Buhe mit roborierender Behandlung bringt die Symptome gänzlich
zum Schwinden. Doch kann es auch zu stürmischeren Erscheinungen auf dem
Boden der Neurasthenie kommen; einzelne mit hypochondrischen Sensationen satu¬
rierte Kranken kommen in ganz verändertem Zustand vom Kriegsschauplätze nach
Hause, sind aufgeregt, gehen unruhig herum, sind überaus empfindlich, halten fast
fortwährend ihren Kopf, haben häufige Weinanfälle mit kongestiven Erscheinungen,
fliegendem Puls, pulsierenden Karotiden und sind absolut schlaflos.
Unter dem Einfluß des Kriegsausbruches und der Kriegsvorbereitungen und
der damit verbundenen gemütlichen Erregungen kam es nicht nur bei unmittelbar
interessierten Personen, deren Angehörige mobilisiert wurden, sondern auoh bei
direkt nicht mitbetroffenen Personen und bei bestehender Disposition (Neurasthenie,
Hysterie, Arteriosklerose) zum Ausbruch nervöser Erscheinungen, wie Schlaf- und
Appetitlosigkeit, Kopfschmerz, Schwindel, Angstzuständen, Furcht vor dem Kriege,
Verzweiflung wegen der Zukunft, weinerliche Stimmungen, schreckhafte Träume,
in welchen verschiedene kriegerische Erlebnisse und Momente (Gewehrfeuer,
Kanonendoner, Metzeleien, Angstgeschrei, Tote und Verletzte) Vorkommen. Bei
einzelnen traten paranoide Wahnideen (Beobachtung, Verfolgung, Verdächtigung
der Spionage) auf, welche Symptome aber ziemlich rasch zur Rückbildung gelangen.
2) Beiträge zu den Kriegsverletzungen und -erkrankungen des Nerven»
Systems, von J. Donath. (Wiener klin. Wochenschr. 1916. Nr. 27 u. 28.)
Bef.: Pilcz (Wien).
Beichliche, in kurzen Krankheitsgeschichten mitgeteilte Einzelkasuistik bei
jeder der vom Verf. genauer besprochenen Hauptgruppen seines Materials.
Digitized
Google
Original fram
UNIVERSITY OF MICHIGAC
639
1. Funktionelle Störungen dea Nervensystems.
Verf. beobachtete interessante Dämmerzustände bei Individuen, die vordem
nie an epileptischen oder hysterischen Zuständen gelitten hatten, ferner die ver¬
schiedenen Formen der traumatischen Neurose und traumatischen Hysterie auch
bei erblich nicht belasteten und früher nie neuropathisch gewesenen Leuten,
hysterisch bzw. psychoneurotisch bedingte Formen im Anschlüsse an und aufgepfropft
auf organische Läsionen, im Gefolge von echten Gehirnerschütterungen. Auch ein
Fall von latenter Lues oerebrospinalis, bei welchem es durch die Kriegsstrapazen
zum raschen Ausbruche einer Paralyse gekommen ist, wird mitgeteilt. Bei der
Zivilbevölkerung sah Verf. mehrfach Fälle* von Angstneurosen mit Kriegsinhalt
des Vorstellungskreises.
2. Schädel- und Hirnverletzungen.
Scbädeldurohschüsse bieten, sofern nicht sofort tödlich, eine bessere Prognose
als Tangentialschüsse. Hauptgefahr liegt in zuweilen erst spät aus anscheinend
voller Gesundheit perakut auftretenden Erscheinungen von HirnabszeB und eitriger
Meningitis. Interessant ist weitgehende Restitutionsfähigkeit. Man sieht nach
kortikalen Verletzungen schwere motorische und amnestische Aphasien, Benommen¬
heit, Gedächtnisabnahme, Demenz bald nach Operation sich bessern und Bchon
nach wenigen Wochen Schreib- und Konzeptvermögen wiederkehren, wenngleich
Störungen der Wortfindung oder Buchstaben- und Silbenversetzungen oder Ver¬
wechslungen beim Schreiben noch geraume Zeit fortbestehen können. Schwere
Gehirnerschütterungen können Lähmungen aller vier Gliedmaßen hervorrufen, ohne
bulbäre Erscheinungen, Blasen- und Mastdarmstörungen. Verf. will auch Hirn¬
erschütterungen ohne Bewußtseinsaufhebung oder ohne Erbrechen beobachtet haben,
sich äußernd nur in Kollapserscheinungen, Apathie und Sprachlosigkeit.
3. Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks.
. Schußverletzungen der Wirbelsäule können mit Paraplegie, Incontinentia alvi
et urinae einhergehen, ohne Durchtrennung oder Zertrümmerung der Medulla.
Bei nicht schweren Wirbelverletzungen, besonders bei Halbseitenläsion, empfiehlt
Verf. konservatives Verfahren. Eine tödliche Myelitis kann durch Granat¬
explosionsluftdruck entstehen, ohne daß der Körper durch Geschoß direkt ge¬
troffen wurde.
4. Verletzungen der peripheren Nerven.
Meist Verletzungen an oberen Gliedmaßen. Besonders auffallend starke
sensible Reizerscheinungen. In Rekonvaleszenz findet man oft herabgesetzte Tast¬
empfindung bei Hyperalgesie, also Ungleichheit der Regeneration der Empfindungs¬
und Schmerzfasern. Bezüglich der Frage, ob der Nerv vollständig durchtrennt
ist, betont Verf die Schwierigkeiten. Spontane Schmerzen, dem peripheren Aus¬
breitungsgebiete entsprechend, bieten Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Nerven-
kontinuität erhalten bzw. nicht ganz aufgehoben ist Auch Verf. bringt wieder
interessante Beispiele von partiellen Läsionen der Nervenstämme, Schädigungen
der Peroneusfasern isoliert von Tibialisfasern. Selbst innerhalb der Peroneusgebiete
können isolierte Lähmungen bzw. verschiedenes elektrisches Verhalten der einzelnen
Muskeln Vorkommen. Hyperästhesie nach Hypästhesie darf als ein sicheres Zeichen
für beginnende Regeneration gelten, öfters sah Verf. auffallende Hyperhydrose
an nerven verletzten Gliedmaßen, zuweilen aber auch eine allgemeine Hyperhidrose.
Die vielen interessanten Einzelfalle, auch betreffs Operationsergebnissen usw.,
müssen im Original nachgelesen werden.
S) Über Sensibllitfttsstörnngen von spino-segmentalem Typus bei Hirn»
rindenlftsionen nach SohftdelsohußVerletzungen, von Josef Gerstmann.
(Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref: Pilcz (Wien).
Unter den vielen seit Beginn des Krieges zur Beobachtung gelangten Fällen
von Schußverletzung des Gehirns konnte Verf. in 6 Fällen mit sicherer lokaler
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
640
Hirnrindenläsion Empfindangsstörungen von segment&ler Anordnung feststellen,
eine Erscheinung, die sich bei Erkrankungen spinalen Ursprungs in der Regel
findet, hingegen bei zerebralen Prozessen nicht vorzukommen pflegt. Bemerkens-
wert ist der diesen Fällen gemeinsame Sitz der Verletzung in der vorderen
Scheitelbeingegend an einer Stelle, die, auf die Hirnoberfläche übertragen, im
wesentlichen der hinteren Zentralwindung und den eng angrenzenden vorderen
Abschnitten (Gyrus supramarginalis) des Parietallappens entspricht. Von den
beobachteten 6 Fällen zeigten vier eine Verletzung der linken Hemisphäre, während
in den zwei anderen die Schußverletzung die rechte Schädelseite bzw. die rechte
Hirnhälfte betraf.
Ein Überblick über die hier mitgeteilten Sensibilitätsbefunde ergibt, daß die
daraus resultierenden eigenartigen Empfindangsstörungen mit den für Hirnrinden¬
läsionen als typisch bezeichneten Merkmalen sieb in vollem Widerspruche befinden.
Nach der heute allgemein gültigen Anschauung verteilen sich kortikale Gefühls*
Störungen nach Gliedteilen und Extremitätenabschnitten, also in einer im Ver*
hältnis zur Extremitätenachse vertikalen Richtung. In den angeführten Fällen
aber verlaufen die von den SensibilitätsBtörungen betroffenen Hautgebiete (sowohl
im Bereiche des Ober-, Vorderarms und der Hand, als auch des Ober-, Unter¬
schenkels und des Fußes) nicht senkrecht, sondern parallel zur Extremitätenachse,
also in segmentalem Sinne, und wenn man nun die Bezirke gestörter Empfindung
mit den betreffenden spinalen Innervationsfeldern in Beziehung zu bringen ver*
sucht, so zeigt es sich, daß an den oberen Extremitäten entweder hauptsächlich
die der Ulnarhälfte der Hand und der Radialseite des Vorder- und Oberarms
entsprechenden Partien aus dem Versorgungsbereiche des 5. bis 8. Zervikal- und
zum Teil auch des 1. Dorsalsegments (wie z. B. Fall I) oder das vom 8. Zervikal-
und 1. Brustsegment innervierte Hautgebiet (wie andere 3 bzw. 4 Fälle des Verf.*s
es beweisen), an den unteren Extremitäten hingegen Teile des 5. Lumbal- bis 2.
bzw. 3. Sakralsegments ergriffen werden. Ferner stehen die hier vorliegenden
Sensibilitätsstörungen bis zu einem gewissen Grade im Gegensatz zu der bei zere¬
bralen Gefühlsstörungen sonst immer betonten und für diese als charakteristisch
angesehenen Abnahme ihrer Intensität gegen die proximalen und Zunahme und
Beharren derselben an den distalen Enden der Extremitäten, indem in dem einen
oder anderen der mitgeteilten Fälle auch eine entgegengesetzte Reihenfolge zu
beobachten war. Schließlich wichen dieselben von zerebraler Eigentümlichkeit
noch in der Hinsicht ab, daß bloß die ulnare Hälfte der Hand von sensiblen
Störungen befallen war, während die Radialseite derselben, speziell der Daumen
und der Zeigefinger, von denen man vermöge ihrer funktionell höheren Diffe¬
renzierung erwarten sollte, daß sie bei kortikalen Störungen der Gefühlssphäre
am stärksten und längsten beeinträchtigt werden, im wesentlichen freiblieben.
Aus den beobachteten Fällen läßt sich bezüglich der Frage der inneren
Struktur und Gliederung des sensiblen Rindenzentrums folgende Annahme ableiten:
Das kortikale Projektionsfeld der gesamten Sensibilität stelle sicher kein einheit¬
liches Zentrum dar, in dem die ganze Körperoberfläche und die verschiedenen
Gefühlsqualitäten gleichmäßig und diffus verteilt wären. Es bestehe vielmehr
mosaikartig aus einer Reihe von Spezialzentren, die sowohl den einzelnen Körper¬
abschnitten, als auch den verschiedenen Hautsegmenten, wie schließlich den ein¬
zelnen Empfindungsqualitäten zugeordnet sind. Einem jeden dieser Zentren komme
eine mehr oder minder große Selbständigkeit zu, sie stehen jedoch im engsten
topographischen Konnex zueinander. Die Verteilung der sensiblen Sphäre für
die verschiedenen Körperregionen finde nicht nur gliedweise, sondern auch segment¬
weise statt.
4) Über Therapie und Prognose der Sohädelsohüsse, von Prof. Guleke.
( Münch, med. Woch. 1915. Nr. 29. Feldärztl. Beilage.) Ref,: Kurt Hendel.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
641
Bei den Schädeldurchschüssen (kleiner Einschuß, größerer Ausschuß; ver¬
hältnismäßig geringe Zertrümmerung der Hirnmasse) ist es erlaubt abzuwarten
und nicht primär zu trepanieren; allerdings muß dafür gesorgt werden, daß der
Wundk&nal sich nicht sekundär infiziert. Bei großen offenen Wunden, bei Auf¬
treten von zunehmendem Hirndruck, von Abszessen und beginnender Meningitis
muß ausgiebig operativ eingegriffen werden. Bei Steckschüssen (das Projektil
bleibt im Schädelknochen, an demselben oder im Qehirn liegen) soll, wo das
Geschoß lokalisierbar und erreichbar ist, wo ausgesprochene Impressionen vorhanden
sind, operiert, d. h. die Beseitigung des Fremdkörpers oder des Knochensplitters
angestrebt werden. Eis muß aber vorher eine Röntgenaufnahme zwecks Bestimmung
der Lage des Projektils und zwecks-Feststellung, von wo aus man am besten an
das Projektil herankommt, gemacht werden. Bei Tangentialschüssen (Gin-
und Ausschuß liegen nabe zusammen, der dazwischenliegende Knochen ist völlig
zertrümmert, daB Projektil trifft nicht senkrecht auf die knöcherne Schädelober-
fiäche auf, sondern streift sie nur oder durchschlägt sie oberflächlich) ist so früh
wie möglich zu operieren. Von 75 Tangentialschüssen mit offener Hirnverletzung
starben dem Verf. 35 = 46,6°/ 0 Mortalität. Auffallend ist es, eine wie viel bessere
Prognose die Schädelschüsse, die die basalen Teile des Hirns und besonders den
Frontallappen betreffen, im Gegensatz zu Konvexitätsverletzungen geben. Die
häufigste Todesursache ist die Meningitis. Nicht selten ist der Hirnabszeß, dessen
Abgrenzung gegenüber der infektiösen Enzephalitis, besonders während der ersten
Wochen nach der Verletzung, nicht immer möglich ist. Die Hirnabszesse sind
viel häufiger bei nicht operierten als bei primär operierten Schädelschüssen, und
zwar kamen bei den frühzeitig operierten Fällen Hirnabszesse 4 mal seltener vor
als bei den nicht operierten. Diese Beobachtung fällt gewichtig in die Wagschale
zugunsten der frühzeitigen operativen Behandlung der Tangentialschüsse. Selbst
ein mehrmonatliohes völliges Wohlbefinden nach Verheilen der Wunde und das
Fehlen aller objektiven Symptome schließt das Bestehen eines Hirnabszesses nicht
aus; zuweilen weisen nur leichte Kopfschmerzen und Temperatursteigerungen bis
37,2 oder 37,3 auf den Hirnabszeß hin. Zu den Nachkrankheiten gehört schlie߬
lich die Rindenepilepsie infolge von Zystenbildung, Narben, Verwachsungen,
Knochenirapressionen und -Unebenheiten. Die Anfälle können noch Jahre nach
der Verletzung plötzlich einsetzen. — Nach allem ist die Prognose der Schädel-
und besonders der Hirnschüsse wegen des beträchtlichen Prozentsatzes von Nach-
krankheiten mit Vorsicht zu stellen.
5) Über Sobädelverletzungen aus Leiohtkrankenzügen und den Transport
Sohädelverletzter, von San.-Rat Canon. (Deutsche med. Wochenschr. 1915.
Nr. 32.) Ref.: Kurt Mendel.
Viele Verwundete mit Schädelschüssen vertragen schlecht die Eisenbahnfahrt
in Leichtkrankenzügen; sie zeigen allerhand Hirnerscheinungen, Knochen- und
Metallsplitter in Gehirnfurchen senken sich bei solchen Transporten, zumal wenn
gleichzeitig Eiterung besteht. Der Verbreitung von InfektionBkeimen im Gehirn
wird durch den Eisenbahntransport, besonders beim Sitzen auf Holzbänken, wahr¬
scheinlich in hohem Maße Vorschub geleistet. Transport zu Wasser ist sicherlich
für die Schädel Verletzungen viel weniger nachteilig als der zur Bahn, und wo
Wasserwege in Betracht kommen, soll man sie auch speziell für Schädel verletzte
ausnutzen.
6) Über Neurasthenie bei Kriegsteilnehmern, von San.-RatRiebeth. (Psychiatr.-
neurol. Wochenschr. XVII. 1915. Nr. 13 u. 14.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Neurasthenie im Kriege tritt in allen Bevölkerungsschichten, auch bei
der Landbevölkerung auf, in weit größerem Umfange sind aber die den gebildeten
Kreisen und der Arbeitsbevölkerung der Großstädte angehörenden Soldaten von
neurasthenischen Erscheinungen heimgesucht.
xxxiv 41
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
642
Die Symptomatologie der Neurasthenie der Kriegsteilnehmer sowie ihre
Therapie sind die gleichen wie diejenigen der Friedensneurasthenien. Nervöse
Herzbeschwerden mit Tachykardie sind häufig. Die Behandlungsdauer der Neur¬
asthenie im Lazarett ist nioht zu lange auszudehnen (nicht länger als 2 Monate).
Meist können die Neurastheniker als garnisondienst- oder arbeitsverwendungsfähig
wieder zur Truppe entlassen werden. Noch ungeklärt ist die Frage, was am
besten mit ihnen geschehen soll, falls sie dienstunbrauchbar und erwerbsunfähig
oder erwerbBbeschränkt entlassen werden. Nach allgemeiner Ansicht wird man
zweierlei zu vermeiden haben, einmal daß die Kranken mit Rente wie die Unfall¬
verletzten in der bisherigen Weise nach Hause geschickt werden und sich selbst
überlassen bleiben und zweitens, daß sie in einen Rentenkampf verwickelt werden.
Bei der Rentengewährung müßte zur Vermeidung des Rentenkampfes eine spätere
Entziehung oder Herabsetzung der Rente ausgeschlossen sein, eine Forderung,
deren Notwendigkeit allerseits anerkannt wird (deren Durchführbarkeit aber dem
Ref. fraglich erscheint). Ob von Arbeitssanatorien (von Rothmann vorgeschlagen)
ein Erfolg zu erreichen sein wird, ist zweifelhaft. Viel wichtiger dürfte es sein,
auf ein Entgegenkommen der Arbeitsgeber und Arbeitsvermittlungsstellen hinzu¬
wirken, auch diesen Kranken, wie es bereits für die Kriegsverstümraelten zum
Teile zugesagt worden ist, unter Berücksichtigung ihrer geminderten Leistungs¬
fähigkeit Arbeitsgelegenheit zu gewähren und ihnen bei dem Suchen nach Arbeit
mit Rat und Tat unter Mithilfe der Ärzte beizustehen. (Wenn Verf. empfiehlt,
mit der Diagnose: Epilepsie vorsichtig zu sein und sich auf die Bezeichnung
„geistige Minderwertigkeit mit Krampfzuständen“ zu beschränken [um das spätere
Fortkommen der Patienten nicht zu sehr zu erschweren], so erscheint letzterer
Ausdruck für Arbeitsuchende nach Ansicht des Ref. durchaus nicht unverfäng¬
licher, im Gegenteil).
7) Zur Behandlung. der nach Granatexplosionen auftretenden Neurosen,
von A. Bittorf. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 30. Feldärztl. Beil.)
Ref.: Kurt Mendel.
Psychischer Shock, Schalleindrücke und mechanische Momente (Luftdruck)
treffen bei Granatexplosionen zusammen, um die hysterischen Krankheitsbilder
(Stummheit, Taubheit, Taubstummheit, Sprachstörungen, Aphonien, Kopfzittern,
Gehstörungen, Paresen, Kontrakturen, Krämpfe, Erregungszustände) hervorzurufen.
Eis kommt unter diesen Einwirkungen zur Entstehung einer fixierten, alles be¬
herrschenden Vorstellung. Betreffs der Behandlung dieser hysterischen Storungen
verlangt Verf., daß der Arzt seine suggestiven Maßnahmen nicht dem Personal
überläßt, sondern selbst ausführt, und zwar so frühzeitig als möglich. Die Be*
handlung muß in erster Linie psychotherapeutisch sein: tröstliche Versicherung
der Heilbarkeit des Leidens, ernste, strenge Beeinflussung, Erweckung des Pflicht¬
gefühls und des Willens zur Gesundheit; strenges Individualisieren*ist erforderlich.
Das. Elektrisieren (mit starken Strömen) boII der Arzt selbst ausführen. Selbst
noch in veralteten Fällen können schnelle Heilungen erzielt werden.
8) Über hysterische (psychogene) Funktionsstörungen des nervösen Ohr¬
apparates im Kriege, von Johannes Zange. (Münchener med. Wochenschr.
1915. Nr. 28. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel,
Die psychogenen Hörstörungen, sowie diejenigen der Vestibularisfunktion treten
in der Regel doppelseitig auf, gemischt mit gleichzeitigen organischen Schädigungen
des nervösen Ohrapparates, sie sind also auf ein organisches Grundleiden auf¬
gepfropft. Außerordentlich häufig sind sie bei Soldaten, die durch Granatexplosion
ohne äußere Verletzung Ohrschäden (Commotio labyrinthii) erlitten hatten, und
zwar in 75°/ 0 dieser Fälle, wohl infolge der gleichzeitigen starken Schreck- oder
Shockwirkung. Die Diagnose der psychogenen, hysterischen Natur der Schwer¬
hörigkeit oder Taubheit ist oft recht schwer, auch die Unterscheidung von Simu-
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
643
lation kann Schwierigkeiten bereiten. Der Vestibularapparat kann bei Hysterischen
mit Hör- und Gleichgewichtsstörungen auf nicht organischer Basis sehr verschieden
reagieren f er kann normal erregbar, über- und untererregbar sein; aus dem Ver¬
halten des Vestibularapparates sind also auf eine organische oder rein funktionelle
Natur des Leidens nur mit aller Vorsicht Schlüsse zu ziehen. Ein Schluß in
dieser Richtung ist nur bedingt zulässig und zwar nur dann, wenn noch andere
Zeichen, z. B. die Art und Schwere des Traumas, eine organische Läsion des
Vestibularapparates oder seiner höheren Nervenbahnen wahrscheinlich oder sicher
machen. Ala sicher psychogen können Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und
etwa vorhandener Nystagmus nach Ausschluß anderer Ursachen nur dann dia¬
gnostiziert werden, wenu die Vestibularreaktion normal ausfällt.
Die Behandlung der psychogenen Störungen des Hörapparates besteht in
Vermeidung starker Gehörseindrücke und psychischer Erregung, in Isolierung in
ruhiger Umgebung und in Weckung der Überzeugung beim Kranken, daß das
Leiden nur vorübergehend sein wird. In schweren Fällen von plötzlicher hyste¬
rischer Taubstummheit sind starke faradische Ströme anzuwenden.
9) Über funkt ioneile Hörstörungen, von T. Sz&sz. (Wiener klin. Wochensohr.
1915. Nr. 30.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. meint, daß bei den zahlreichen funktionellen Hörstörungen, welche der
Militärarzt jetzt zu sehen bekommt, wobei das grobe Mißverhältnis zwischen ana¬
tomisch normalem Befunde und den Angaben hinsichtlich Taubheit oder dergl. den
Verdacht auf Simulation erwecken muß, gleichzeitige Sensibilitätsprüfung das
Vorhandensein ausgedehnter anästhetischer, hypalgetischer und analgetischer Haut¬
partien, Hemianästhesien usw. ergibt, kurz, daß es sich um hysterische Hör¬
störungen bzw. traumatische Neurosen handle.
10) Beitrag nur funktionellen Stimmbandlfthmung im Felde, von K. Böttger.
(Münchener med. Woohenschr. 1915. Nr. 31. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt
Mendel.
Verf. empfiehlt bei funktioneller Stimmbandlähmung kräftige künstliche At¬
mung und jedesmaliges Phonieren während der Expression des Brustkorbes. In
3 Fällen hatte Verf. nach 1 bis 3 Minuten einen sofortigen Dauererfolg. Auch
zur Abkürzung von hysterischen Krämpfen und Dämmerzuständen leistete die
künstliche Atmung sehr gute Dienste.
11) Fußstütsmaschine für Peroneus-Tibialislähmungen, von Dr. Welty.
(Münchener med. Woohenschr. 1915. Nr. 31. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt
Mendel.
Beschreibung und Abbildung eines Apparates, welcher den Fuß in beliebig
starke Dorsalflexion bringen kann.
Multiple Sklerose.
12) Über De- und Begenerationaeraoheinungen an Aohsenzylindern bei
der multiplen Sklerose, von B. Doinikow. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
u. Psych. XXVII. 1914. H. 2.) Ref.: W. Misch.
Die Ergebnisse der Untersuchungen werden folgendermaßen zusammengefaßt:
Fälle von akuter multipler Sklerose bzw. frische Herde bei der gewöhnlichen Er¬
krankungsform sind für das Studium der Regenerationsvorgänge besonders geeignet,
da bekanntlich die Regeneration mit der Degeneration auch zeitlich eng verknüpft
ist. Es zeigt sich an solchen Herden, daß es außer zu leichten Degenerations¬
erscheinungen, welche nicht zum Untergang der erkrankten Achsenzylinder führen,
auoh zu schweren Veränderungen der Achsenzylinder kommt, welche ausschließlich
der Wallerschen Degeneration verfallen. In ein und demselben Fall ist die An¬
zahl der zugrunde gegangenen Axone in den einzelnen Herden sehr verschieden.
41*
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
644
Die Regeneration sowohl wie die Degeneration führt zur Bildung von Endkugeln
an den Achsenzylindern, welche dementsprechend als Wachstumskugeln oder Re*
traktionskugeln bezeichnet werden. Nach den Ergebnissen des Tierexperiments
(Cajal) beschränken sich nämlich die durch eine Läsion bedingten Veränderungen
am zentralen Abschnitte der unterbrochenen Achsenzylinder nicht auf die unmittel¬
bare Nachbarschaft der Läsionsstelle, sondern schreiten allmählich in zentripetaler
Richtung fort, bis es zur Bildung einer stationären Retraktionskugel am erhaltenen
Achsenzyliuderstumpf kommt. Treten Regenerationserscheinungen auf, so sprießen
entweder aus den Retraktionskugeln oder aus zentripetal gelegenen Teilen des
Achsenzylinders dünne, mit Endkugeln versehene Äste hervor. Somit sind durch¬
aus nicht alle mit Endkugeln versehenen Axone als Regenerationsphänome auf¬
zufassen. In den Herden und deren Umgebung treten bei akuter multipler Sklerose
zahlreiche, mit Endkugeln versehene Achsenzylinder sehr häufig auf. Diese Bil¬
dungen kommen in den verschiedensten Teilen des Zentralnervensystems vor, be¬
vorzugen aber gewisse Stellen derselben, wie etwa die Hinterhörner des Rücken¬
marks, die Körnerschicht des Kleinhirns.
Die Entscheidung, ob es sich um Retraktions- oder Wachstumskugeln handelt,
ist in diesem Falle häufig besonders schwierig, denn die Wachstumskugeln selbst
zeigen wohl unter dem Einfluß der fortdauernden Noxe oft Degenerationsphänomene
in Form von Quellungen und auch die präexistierenden Endapparate an den
Ganglienzellen (Endfüßchen) schwellen zu großen Endkugeln. Es können nur dort
mit Sicherheit Regenerationsphänomene angenommen werden, wo es zu abnormen
Verzweigungen der Axone kommt.
Trotz dieser Einschränkungen konnte in diesem Fall festgeatellt werden, daß
Regenerationsvorgänge an Achsenzylindern stattfinden, wobei allerdings die Aus¬
giebigkeit dieser Erscheinungen in verschiedenen Teilen des Zentralnervensystems
nicht dieselbe ist. In Übereinstimmung mit dem Tierexperiment waren Sprossungs-
Vorgänge am ausgiebigsten an den Axonen der grauen Substanz des Rückenmarks
(insbesondere der Hinterhörner), alsdann, wenn auch viel seltener, in den weißen
Strängen, und zwar vornehmlich in den Hintersträngen desselben. Im Kleinhirn
beschränkten sich die progressiven Vorgänge nach dem Untergang des distalen
Teils des Purkinje scheu Axonstammes auf Verdickungen der Kollateralen, vielleicht
auch auf Bildung von neuen Ästen derselben. In der weißen Substanz des Gro߬
hirns konnten mit Sicherheit keine Sprossungsvorgänge an den erkrankten Achsen¬
zylindern nachgewiesen werden. Demnach werden wir auch annehmen müssen,
daß die überwiegend größte Anzahl der Axone in alten sklerotischen Herden auf
persistierende Achsenzylinder zurückzuführen sei, wie dies auch heute von der
Mehrzahl der Autoren angenommen wird. Ob die neugebildeten Bahnen auch zu
ihrem physiologischen Endpunkt hinwachsen, Verbindungen wieder herstellen und
von funktioneller Bedeutung sind, läßt sich selbstverständlich nicht sagen, so lange
das Tierexperiment auf diese Fragen keine Antwort gegeben hat.
13) Ein Beitrag zur Ätiologie der multiplen Sklerose, von Stan. Flaschen.
(Zeitschr. f. experim. Path. u. Ther. XVI. 1914. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Das häufige Auftreten der multiplen Sklerose im jugendlich-erwachsenen
Alter und der wechselnde Verlauf des Leidens sprechen zugunsten einer ätiologisch
einheitlichen, also spezifischen Ncxe. Verf. dachte nun an eine Tuberkulose als
ätiologischen Faktor der multiplen Sklerose und berichtet über 18 Fälle, in denen
neben letzterer eine Lungenspitzenveränderung nachweisbar war. Er hält es für
möglich, daß die multiple Sklerose einer tuberkulösen Infektion des Organismus
ihren Ursprung verdankt.
14) Der Formenreichtum der multiplen Sklerose, von H. Oppenheim.
(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mende).
Verf. unterscheidet je nach der Verlaufsart eine akute, subakute, cbro-
Digitized b'
Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
645
nische, sowie — am häufigsten vorkommend — die in Schüben verlaufende
(Etappen-)Form der multiplen Sklerose. Bei der akuten multiplen Sklerose sind
folgende Besonderheiten hervorzuheben: die Häufigkeit der Amaurose, der Be¬
nommenheit und Pulsverlangsamung, der schweren Pupillenstörungen (minimale
Reaktion bis reflektorische Starre), der schlaffen Lähmung mit Hypotonie und
Areflexie, zuweilen auch mit Atrophie und des Decubitus. Von diesen Momenten
verdienen die Pupillenanomalien und die Hypotonie besondere Beachtung, da sie
bei der chronischeh Form des Leidens besonders ungewöhnlich sind. Nicht selten
besteht bei der akuten Form ein ungleichmäßiges Verhalten des Knie- und Fu߬
phänomens, z. B. Verlust des ersteren bei Steigerung des letzteren und umgekehrt,
sowie der zeitliche Wechsel derart, daß Steigerung und Verlust miteinander ab¬
wechseln. Bei der akuten multiplen Sklerose sind ferner psychische Störungen
häufig (Verf. teilt einen solchen Fall mit einer Psychose vom Typus des Korsa-
koff mit).
Nach der Lokalisation des Prozesses ist die zerebrale, spinale und
zerebrospinale Form der multiplen Sklerose zu unterscheiden. Jede dieser Haupt¬
gruppen ist in Untergruppen einteilbar. Dem Typus cervicalis geben 2 Momente
gegenüber dem dorsalen und dorsolumbalen ein besonderes Gepräge: 1. die akute
Entstehung und der akute bis subakute Verlauf, 2. die Prävalenz der sensiblen
bzw. Hinterstrangssymptome. Die Symptomatologie des sakralen Typus wird von
den Störungen der Blasen- und Mastdarmfunktionen beherrscht. Von weiteren
spinalen Typen nennt und bespricht Verf. den Seitenstrangtypus oder die spastische
Spinalparalyse, den Hinterstrangtypus oder die sklerotische Pseudotabes, den
Hinter- und Seitenstrangtypus, welcher das Bild der kombinierten Strangerkrankung
nachahmt, den Vorderhorntypus oder die Pseudopoliomyelitis, den Vorder-Hinter-
horntypus oder die sklerotische Pseudosyringomyelie, den Vorderhorn-Seitenstrang¬
typus oder die sklerotische Pseudoform der amyotrophischen Lateralsklerose, den
Typus der Myelitis transversa, den der Brown-S6quardsehen Lähmung und des
Tumor medullae spinalis.
Als Unterformen des zerebralen Typus der multiplen Skleroäe nennt Verf.
die folgenden: die psychische, hemiplegische, pseudobulbäre, kortikalepileptische,
tumorartige, pontine oder bulbäre mit der speziellen Abart der sklerotischen En¬
cephalitis pontis et medullae oblongatae, die zerebellare, die okuläre.
Die Mehrzahl der vorgeschrittenen Fälle von multipler Sklerose gehört zur
zerebrospinalen Form des Leidens.
Schließlich bespricht Verf. noch eine benigne Form der multiplen Sklerose,
wobei die Intermissionen über ein Dezennium betragen, ferner die familiäre Form,
die Sclerosis multiplex dolorosa, das Vorkommen von vasomotorischen Erscheinungen
und von Fieber.
Eine große Zahl von Krankengeschichten illustriert die klaren Ausführungen
des Verf.*s, die — ihrer Bestimmung gemäß — ein treffliches Referat auf dem
Berner Internationalen Neurologenkongresse abgegeben hätten, wenn nicht durch
den Weltkrieg alles so anders gekommen wäre!
15) Zur Pathologie der multiplen Sklerose, von Erwin Pulay. (Deutsche
Zeitschr. f. Nervenheilk. LIV. 1915. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. sah kurz hintereinander eine größere Zahl von multiplen Sklerosen mit
einer Verschiebung der sekundären Geschlechtscharaktere im betreffenden Indivi¬
duum. Es bestanden heterosexuelle sekundäre Charaktere; es fand sich bei
Männern: besonders spärlicher Bartwuchs, geringe Behaarung der Axilla, geringes
Behaartsein von Brust, Armen und Beinen, ein feminines Abschneiden der Genital-
bebaarung, schmale Schultern und breites Becken, Knochenbau im allgemeinen
grazil, glatte, zarte und weiche Haut. Bei Frauen fanden sich hingegen: männ¬
lich gezeichnete Gesichtszüge, kräftig entwickelte Nase, derb entwickeltes Kinn,
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
646
stärkeres Betontsein der Protuberantiae supraorbitales und Hervortreten der Joch¬
bogen, breite Schultern, enges Becken, derbe, reich behaarte Haut, maskuline
Genitalbehaarung, Störungen der Menses, mindere Entwicklung der Mammae,
stärkere Entwicklung der Clitoris.
Diese Beobachtung veranlaßte den Verf., eine größere Anzahl von multiplen
Sklerosen (und zwar 56 Fälle) auf die sekundären GeBchlechtscharaktere hin zu
untersuchen. Die folgende Tabelle veranschaulicht das Ergebnis dieser Unter¬
suchungen:
Es fanden sich :
I Männer (30)
Frauen (26)
Bemerkungen
Abnorme Behaarungsverhältnisse
Auffallendes Betontsein der linken
Körperhälfte.
Bedeutende Störungen der Men¬
struation .
Zeichen einer lymphatischen Kon¬
stitution (große Entwicklung
der Rachenmandeln) . . .
Frühere Krankheiten, die vielleicht
auf abnorme Konstitutions¬
verhältnisse schließen lassen
25 1 26 |
I I
17 | 6 In vielen Fällen ließen sich
die einzelnen Symptome auf
der linken Seite früher be¬
obachten alsauf der rechten;
z. B. Auslösbarkeit bzw.- Er¬
loschensein der Bauchdecken-
1 refleie, Spasmen, Klonus,
Babinski, Oppenheim sches
Zeichen u. dgl.
( Chorea 1
Epilepsie 3
Enuresis 1
Zittern 7 |
Diese Beobachtungen lassen die Annahme als nicht unwahrscheinlich er*
scheinen, daß es sich bei der multiplen Sklerose vielleicht um eine Hypoplasie des
gesamten spezifischen Gewebes im Zentralnervensystems handelt, und daß das ge¬
ringste Trauma, sei es nun mechanischer, infektiöser oder toxischer Natur, mit
einem sklerotisierenden Prozeß beantwortet werden kann. Auch Ziegler und
Schmauss fassen ja die multiple Sklerose als eine an eine kongenitale Entwick¬
lungsstörung der Neuroglia anknüpfende multiple Gliose des Rückenmarks auf.
Weiter lassen diese Befunde auch an einen Zusammenhang mit dem glandulären
System denken, wobei die Qualitätsänderung der sekundären Geschlechtscbaraktere
als Ausdruck für einen pluriglandulären Prozeß anzusehen wäre. Der Befund
scheint dem Verf. nicht nur für die Ätiologie der multiplen Sklerose im Sinne
von Strümpell und Eduard Müller als einer kongenitalen Erkrankung, sondern
auch für die Prophylaxe, Frühdiagnose und Differentialdiagnose von einiger Be¬
deutung zu sein. Prophylaktisch müßten vielleicht nervös veranlagte Kinder, bei
denen sich Zeichen eines in das „Zwischenreich“ gehörenden Habitus zeigen, schon
frühzeitig besonders behandelt werden, um vor Traumen verschiedenster Art be¬
wahrt zu bleiben. (Wie ist dies möglich? Ref. Und die armen Kinder und —
Mütter! Ref.) Zum Schluß berichtet Verf. über ein 22 Jahre altes Mädchen, das
plötzlich Schluckbeschwerden bekam, die Sprache verlor und das Bild einer
motorischen Aphasie bot, ferner reflektorische Pupillenstarre, bulbäre Symptome,
sekundäre männliche Geschlechtsoharaktere. Nach einigen Wochen typische mul¬
tiple Sklerose.
Auch bei der Hysterie fand Verf. übrigens, wenngleich in quantitativ weitaus
geringerem Maße, dieselben Verhältnisse im Habitus wie bei der multiplen Sklerose.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
647
Sehr richtig bemerkt Verf. am Schluß, daß es noch größerer genauerer Nach¬
untersuchungen bedarf, um diese Beobachtungen verallgemeinern zu dürfen (wie
Ref. glaubt, auoh bei einem Vergleichsmaterial von Gesunden und von an anderen
Nervenleiden als an multipler Sklerose Erkrankten).
19) Disseminated solerosis: its frequenoy oompared with other organio
diseases; its etiology and pathogenesm; the differential diagnosis of
the disease; its eonrse and treatment. A olinioal study of ninety-
one oases, by J. Collins and E. Baehr. (Amer. Journ. of med. Sciences.
CXLVIII. 1914. Nr. 4.) Ref.: K. Boas.
Der klassische Charcotsche Typus der multiplen Sklerose ist selten. Trauma,
Beruf, Beschädigung, Vergiftungen, biologische Krisen, geistige Shockzustände usw.
tragen zu der Entwicklung der Erkrankung lediglich bei. Die Verff. betrachten
die multiple Sklerose als beruhend auf einer parenchymatösen Degeneration, ver¬
anlaßt durch ein im Liquor cerebrospinalis kreisendes Toxin.
„Typen“ der multiplen Sklerose lassen sich strenggenommen nicht aufstellen.
Immerhin schälen sich einige heraus: spastisch-paretischer, ataktischer und hemi-
plegischer Typus.
Die diagnostisch wertvollste Hilfe ist die Untersuchung des Liquor cerebro»
spinalis. Die Wassermann sehe Reaktion ist stets negativ. Die Zahl der Lympho¬
zyten ist niedriger als 16. Es besteht kein vermehrter Globulingehalt. Dies ist
ein gegenüber der Lues cerebrospinalis differentialdiagnostisch wertvoller Anhalts¬
punkt.
Charakterisch für die Erkrankung sind die gelegentlichen Remissionen, die
die Verff. an ihrem Material jedoch nur in spärlichem Maße zu Gesicht bekamen.
Von diagnostischer Wichtigkeit ist das Fehlen der Bauchdeckenreflexe.
Der Arbeit liegen 91 selbstbeobachtete Fälle zugrunde.
17) Beitrag zur Bestehung zwisohen Neuritis retrobulbaris acuta und der
multiplen Sklerose, von I. Tarle. (Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 1915.
S. 412.) Ref,: G. Abelsdorff.
Verf. berichtet über 29 Fälle von frischer Neuritis optica retrobulbaris acuta
der Tübinger Augenklinik. In mehr als einem Drittel der Fälle waren sichere
und, wenn die Fälle mit Wahrscheinlichkeitsdiagnose eingeschlossen werden, bei
mehr als der Hälfte der Erkrankten schon beim Auftreten der Augenerkrankung
andere neurologische Symptome nachweisbar, welche die Diagnose der multiplen
Sklerose ergaben.
18) Welohe Störungen der Veatibularbabn können beim Schwindel infolge
Solerosis cerebrospinalis multiplex vorhanden sein? von J. Lang.
(Öasopis öesky'cb. lek. LIII. 1914. S. 1453.) Ref.: J. Stuchlik.
Verf. beschreibt einige Fälle, bei welchen er bei an Solerosis cerebrospinalis
multiplex erkrankten Patienten Schwindel beobachtet hat; derselbe wurde durch
einen Reiz des labyrinthalen Endes des Vestibularnerven verursacht. Die Ursache
dieses Reizes ist meistens zentral zu sucheD. Praktisch wichtig ist in jedem Falle,
den Patienten genau zu fragen, was er unter Schwindel versteht, weil oft andere
Störungen für Schwindel gehalten werden.
19) Die Bedeutung der Sensibilitätsstörungen für die Diagnose der mul¬
tiplen Sklerose, von Sittig. (Prager med. Wochenschr. 1915. Nr. 12.)
Ref.: Pilcz (Wien).
Fall I. I8jähriger Manu; seit 2 Jahren Verlangsamung der Sprache, seit
3 Monaten Kopfschmerzen, Ermüdbarkeit im rechten Beine, Gefühllosigkeit der
linken, dann der rechten Körperseite, besonders der Hände, Klagen über Ver¬
geßlichkeit. Stat. praes.: Rechter Mundfazialis schwächer, Bauchdeckenreflexe fehlend,
Fußphänomen angedeutet, Romberg, Ataxie der rechten oberen Gliedmaße und des
rechten Beins, Herabsetzung der taktilen Sensibilität rechterseits, Anästhesie der
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERS1TY OF MICHIGAN
648
rechten Hand, Störung des Lagegefiihls und der Stereognose rechts. Sprache ver¬
langsamt, Schrift zittrig.
Fall II. 19jähriger Hann; seit etwa einem Jahre Ohrensausen; eines Tages
plötzlich Sprachverlust, Schwäche der rechten Hand. Nach 5 Tagen nur mehr
artikulatorische Dysarthrie, rechtsseitige Fazialisparese, Zunge in Beweglichkeit
nach rechts eingeschränkt. Endlich weiterer Rückgang. Dann Klagen über Par-
ästhesien in den Endphalangen des rechten 3. bis 4. Fingers, dann des 5. linker¬
seits, später auch rechts. Nystagmus bei seitlicher Blickrichtung, Bauchdecken¬
reflexe vorhanden. Verf. stellt die Wahrscheinlichkeitsdiagnose auf multiple
Sklerose.
Fall III. 29jährige Frau. Seit 1901 in remittierendem Verlaufe Doppel¬
bilder, Sehstörungen, Schwindel, Steifheit in den Händen, Schwäche daselbst und
in den Beinen. Allmählich psychische Störungen, Intelligenzverfall. 1913 St&t.
praes.: Spur weise Lichtreaktion, temporale Papillenabblassung, zuweilen Nystagmus
rotatorius nach link?. Linksseitige Fazialisparese, Händezittern, Gang spastisch,
Romberg nach links, Bauchdeckenreflexe erloschen, Patellarsehnenreflexe gesteigert,
rechts Babinski. Lumbalpunktat normal, speziell sowohl darin, wie im Serum
WassermaDnreaktion negativ. Sensibilitätsstörungen, vorwiegend an Händen loka¬
lisiert, von wechselndem Verhalten.
Verf. erinnert an die ersten Beobachtungen von Oppenheim und bespricht
in den epikritischen Bemerkungen die Schwierigkeit der Differentialdiagnose bei
wenig ausgesprochenen Fällen gegenüber der Hysterie.
20) Über atypische multiple Sklerose und luetische Spinalleiden bei
Heeresangehörigen, von H.Curschmann. (Münch, med. Wochenscbr. 1915.
Nr. 31. FeldärztJ. Beil.) Bef.: Kurt Mendel.
Im ersten Fall handelt es sich um einen vor 12 Jahren luetisch infizierten
Mann, der infolge der Strapazen des Feldzuges an spastischer Ataxie, insbesondere
einem Intentionstremor der Füße beim Bergabgehen, leichter Blasen-, Mastdarm-
und Potenzschwäche erkrankt; objektiv finden sich pathologische Hyperreflexe der
Beine, Klonus und Babinski, Fehlen der Bauch- und Kremasterreflexe; Tremor
des Kopfes, leichter Nystagmus; bei normaler Pupillenreaktion bitemporale Ge¬
sichtsfeldeinschränkung, Andeutung von Neuritis optica und leichte, oberflächliche
sensible Störungen an den Beinen; alle vier Luesreaktionen fallen negativ
aus. Diagnose: Sclerosis multiplex in luetico. Es ist vielleicht kein Zufall und
im Sinne der Edingerschen Aufbrauchtheorie wohl zu erklären, daß bei einem
Soldaten nach enormen Marschleistungen und nach der die Koordination der Beine
ganz besonders anstrengenden Maisch- und sonstigen Arbeit das pathognomonische
Symptom des Intentionszitterns sich an den Beinen einstellte. Das Leiden war
auf die Strapazen des Krieges zurückzuführen.
Betreffs der Therapie erwähnt Verf. einen Fall, in welchem eine Fibrolyain-
kur sehr gut wirkte.
Ein weiterer Fall zeigt den Wiederausbruch einer im Stadium der Remission
befindlichen multiplen Sklerose während des Frontdienstes. Daß dieser Rückfall
sich bei dem Infanteristen in einer Ataxie der Beine äußerte, ist wieder im Sinne
der Edingerschen Aufbrauchtheorie leicht erklärlich. Pat. hatte bei der Ein¬
stellung sein Leiden verschwiegen, und Verf. glaubt nicht, daß Pat. im Falle einer
von nun ab dauernd zurückbleibenden Schädigung oder einer nun erst eintreten¬
den pausenlosen Progression der multiplen Sklerose das Recht hat, eine Kriegs-
dienstbeechädigungsrente zu beanspruchen.
Im letzten Falle bestand nur nächtliches Bettnässen, bisweilen rheumatische
Schmerzen in den Beinen und Potenzabnahme. Objektiv nur Abschwächung eines
Patellar- und Fehlen eines Achillesreflexes; aber alle 4 Reaktionen positiv. Dia¬
gnose: beginnende Tabes.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
649
21) Über psychisohe Störungen bei multipler Sklerose, von Adolf Nagel.
(Inaug.-Dissert Erlangen 1915.) Ref.: K. Boas.
In dem von dem Verf. beschriebenen Falle von multipler Sklerose traten an
psychischen Störungen hauptsächlich die Veränderungen der Stimmung im Sinne
der Euphorie und Labilität und die starke Abnahme aller intellektuellen Fähig¬
keiten (Gedächtnis- und Merkstörung mit Urteilsschwäche) besonders hervor. Im
Beginn der Beobachtung bot die Patientin mit ihrer Desorientierung in Ort und
Zeit, der mangelhaften Erinnerung an die jüngste Vergangenheit und der schwer
herabgesetzten Merkfähigkeit das Zustandsbild der Korsakoffschen Psychose.
Verf. weist zum Schluß auf die sehr große Häufigkeit der multiplen Sklerose
mit psychischen Störungen hin. Die letzteren bestehen in der allmählichen Ent¬
wicklung einer eigenartigen euphorischen Demenz mit vornehmlicher Störung des
Gedächtnisses und der Urteilsfähigkeit.
22) Ein Beitrag zur Kenntnis der Psychosen bei der multiplen Sklerose
des Gehirns und Bückenmarks, von Dr. Duge. (Deutsche Zeitschr. f.
Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel.
4 Fälle von Psychose bei multipler Sklerose. Unter weiteren 10 Fällen von
multipler Sklerose fand sich nur einer, der keine Intelligenzdefekte oder Stimmmungs-
Anomalien aufwies. Ganz besonders waren dos Erinnerungsvermögen und die
Ideenassoziationen in Mitleidenschaft gezogen.. Die Intelligenzstörungen gehören
durchaus zum Symptomenkomplex der Krankheit. Die multiple Sklerose ver¬
ursacht eine eigenartige Demenz, deren Hauptgewicht in der Einschränkung des
Erinnerungsvermögens und der Beeinflussung des Ablaufs der Ideenassoziationen
liegt und die als polysklerotische Demenz bezeichnet werden kann, ohne damit
behaupten zu wollen, daß sie sich charakteristisch von den anderen Formen des
Schwachsinns unterscheidet.
23) Ungewöhnlicher Symptomenkomplex bei einem Fall von symptomati¬
scher Psychose, von Ludwig Borchardt. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol.
XXXVII. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. bringt die Geschichte einer Patientin, die anscheinend aus voller Ge¬
sundheit heraus, vielleicht im Anschluß an eine psychische Emotion, vor l l / 2 Jahren
erkrankt ist. Damals standen im wesentlichen somatische Beschwerden im Vorder¬
grund; objektiver Befund absolut negativ. Nach einer relativ langen Zeit des
Wohlbefindens setzten dann ohne erkennbare äußere Veranlassung wieder Krank¬
heitserscheinungen ein, zunächst auch wieder rein körperliche Symptome, Durch¬
fälle, Schwäche, Mattigkeit usw., die so erheblich wurden, daß sie die Patientin
ins Bett zwangen. Dann Konfabulationen, unsinnige, maßlose Größenideen, Orien-
tierung88törungen, wechselnde Affektlage, bald heiter, bald traurig oder ängstlich,
im ganzen aber stets flach und oberflächlich; Krankheitsgefühl nur zeitweise, und
zwar in bezug auf die körperlichen, nicht für die psychischen Störungen. Aniso-
korie, beiderseits etwas träge Lichtreaktion, blasse Papillen, Sprach- und Schrift-
störung, passagere Pyramidensymptome, Bauchreflexe schwach, zeitweise fehlend,
Intentionstremor. Wassermann im Blut und Liquor konstant negativ; keine
Lymphozytose des Liquor.
Verf. schließt progressive Paralyse, arteriosklerotische Nervenerkrankung,
Alkoholintoxikation aus und entscheidet sich für die Diagnose einer spät (46 Jahre!)
einsetzenden und ungewöhnlich verlaufenden multiplen Sklerose, im Verlauf welcher
sich, vielleicht ausgelöst oder begünstigt durch interkurrente exogene Faktoren
(Durchfälle usw.), psychische Störungen in Form einer Paralyse geltend machten.
24) Ein Fall von fraglioher Kombination der multiplen Sklerose mit
Poliomyelitis, von Erwin Loewy. (Berliner klin.Wochenschr. 1914. Nr. 52.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Bei einem Falle von sicherer multipler Sklerose ergibt die Anamnese eine
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
650
in früher Kindheit überstandene Poliomyelitis, von der noch die schwöre Atrophie
eines Beines herrührt. Verf. bespricht den Fall näher, weil in der Literatur von
einer Kombination der multiplen Sklerose mit Poliomyelitis nirgends die Rede ist,
dagegen die multiple Sklerose zuweilen als Poliomyelitis acuta anterior auftritt,
so daß man an eine intermittierende Form der multiplen Sklerose denken könnte.
Die Frage ist in dem vorliegenden Fall nicht leicht zu entscheiden, Verf. setzt
die verschiedenen Fragen auseinander, neigt selbst mehr dabei zu der Annahme
einer Kombination mit Poliomyelitis.
25) Kombination von multipler Sklerose und Syringomyelie, von 0. Sittig.
(Zeitschr. f. d. ge s. Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 2.) Ref.: VV. Ui sch.
Mitteilung eines Falles, bei dem l x / 2 Jahre nach einem Typhus die Symptome
einer multiplen Sklerose sich entwickelten, die durch Atrophie an den oberen
Extremitäten und ThermanäBthesie kompliziert waren. Die Untersuchung des
Zentralnervensystems ergab die Kombination von multipler Sklerose und Syringo¬
myelie. Die Skleroseherde waren an einigen Stellen so umschrieben, daß der
Verdacht, diese Herde hätten mit der Syringomyelie zu tun, ausgeschlossen war.
Die Syringomyelie wies stellenweise erhebliche Gefäßneubildung und Bindegewebs¬
wucherung auf. Die Gehirnherde der multiplen Sklerose zeichneten sich besonders
durch entzündliche Gefäßinfiltrate aus, sind also frischeren Ursprungs. Ein Zu¬
sammenhang der multiplen Sklerose mit dem Typhus ließ sich nicht nachweisen;
ebensowenig trugen die akuten Herde die Kriterien einer Entwicklungsanomalie
an sich, so daß aus der Kombination mit der als Entwicklungsstörung aufgefaßten
Syringomyelie nicht auf eine gleiche Genese der multiplen Sklerose geschlossen
werden kann.
26) Zur Frage der Kombination organischer und funktioneller Erkran¬
kungen, von Wissmann. (Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. LIII. H. 1 u. 2.)
Ref.: K. Steindorff (Berlin).
Bei einer 28 Jahre alten Frau sank plötzlich die Sehschärfe des linken Auges
unter Kopfschmerzen und Schmerzen bei Augenbewegungen; tags darauf Amaurose
links mit Pupillenstarre (bei erhaltener konsensueller Reaktion) und im übrigen
normalem Befund; am Ende der 3. Woche beginnen Sehvermögen und Pupillen¬
reaktion zurückzukehren, dabei Unscharfe der temporalen Papillenhälfte, zentrales
Farbenskotom. Rechts Klagen über Sehverschlechterung, der objektive Befund
ist negativ, das Gesichtsfeld konzentrisch eingeengt Am Ende der 4 Woche
S = °/ 18 beiderseits, prompte Pupillenreaktion. Unter starker psychischer Depression
engt sich das Gesichtsfeld beider Augen bis auf 10 bis 15° unter totaler Achro-
matopsie ein. Neurologisch fand sich: links Paresis N. VIII, Babinski +, Bauch-
decken-, Acbillessehnenreflex (links) —; Patellar- und Achillesklonus, mannigfache
Sensibilität>störungen. Es handelt sich um eine Kombination von Hysterie mit
multipler Sklerose; dieser ist der Opticusbefund und die Pupillenstarre, jener die
konzentrischen Gesichtsfeldeinengungen und der Sehschärfenbefund zuzuschreiben.
Das Verhalten der Sehnenreflexe ist wohl organisch bedingt.
27) Zur Differentialdiagnose zwischen Hysterie und multipler Sklerose.
von E Schürhoff. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Der differentialdiagnostirch interessante Fall betraf eine 32jährige Frau, bei
welcher auf Grund der erheblichen, stets gleichmäßigen Spasmen, der Sehnenreflex-
ßteigerungen, des Bewegungstremors und vor allem des positiven Ausfalls des
Babinski sehen Phänomens eine multiple Sklerose diagnostiziert wurde. Von
anderer Seite war der Fall jedoch als Hysterie angesprochen worden. Die von
den letzteren Gutachtern als Übertreibung erklärten Störungen stellten sich während
der klinischen Beobachtung als wirklich krankhaft heraus. Mithin mußte die
Diagnose „multiple Sklerose 14 aufrecht erhalten werden.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
651
28) Über Pseudosklerose, von R. Rauseh und P. Schilder. (Deutsche Zeit¬
schrift f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Hendel.
Die Verff. berichten über zwei Schwestern mit Pseudosklerose. Die eine
Patientin erkrankt in ihrem 26. Lebensjahr. Gegenwärtig besteht die Krankheit
17 Jahre. Symptomatologisch liegt vor: Pigmentierung der Hornhaut, Leber-
insuffizienz (alimentäre Lävulosurie) und ein nervöses Leiden, welches sich im
wesentlichen in rhythmischen Zitterbewegungon bei Intentionen und statischer
Innervation, in Adiadochokinese, Hyperästhesie und in einer zerebralen Ataxie
äußert. Die Sprache ist skandierend. Affektiv ist Pat. labil, intellektuell ein¬
geschränkt. Bei der Schwester setzt das Leiden im 33. Lebensjahre ein und be¬
steht seit reichlich 4 Monaten. Es besteht ein Hornh&utring und eine Leber¬
veränderung (Palpation, Lävulosurie). Es überwiegen im Krankheitsbild Schüttei-
bewegungen. Adiadochokinese, etwas skandierende Sprache. Keine Hypertonien.
Die Untersuchung dieser beiden Fälle führt die Verff. zu folgenden Resultaten:
1. Es gibt eine heredodegenerative Erkrankung, welche sich in gleichzeitiger
Erkrankung der Leber und des Gehirns äußert. In einer Reihe von Fällen findet
sich ein eigenartiger grünlichgelber Ring in der Peripherie der Cornea.
2. Die Wilsonschen Fälle stellen eine gut abgegrenzte Sondergruppe dieser
Erkrankung dar.
3. Vermutlich handelt es sich in allen Fällen um eine Gesamtschädigung des
Gehirns, doch ist der subkortikale motorische Apparat in besonders schwerer
Weise betroffen. In den Wilsonschen Fällen dominiert die Erkrankung des
Linsenkerns.
4. Ob die Hirnveränderung sekundär ist in bezug auf die Leberveränderung,
ist derzeit noch nicht entschieden, aber doch wahrscheinlich.
5. Die nervöse Symptomatologie besteht in bestimmt charakterisierten Hyper¬
tonien, einem eigenartigen Schütteltremor, in Ataxie und Adiadochokinese. Psy¬
chische Störungen sind häufig. Die einzelnen Symptome haben eine selbständige
Bedeutung und können nicht auseinander abgeleitet werden.
6. Die Adiadochokinese ist einer allmählich sich steigernden Herabsetzung
der Innervationsfähigkeit gleichzusetzen. Die skandierende Sprache ist wesentlich
durch sie bedingt. Das Symptom hat eine große allgemeine Bedeutung.
7. Für die Erklärung der nervösen Störungen ist die Schädigung des ge¬
samten subkortikalen motorischen Apparates in seiner Kompensationsfähigkeit mit
heranzuzieheu.
8. Diagnostisch ist der eigenartige Hornhautrjng besonders zu beachten, da
er bei anderen Krankheiten nicht beschrieben ist.
Muskuläre Erkrankungen.
29) Ein Beitrag zur Muskelpathologie im Kindesalter, von N. Krasnogorsk i.
(Jahrb. f. Kinderheilk. LXXIX. H. 3.) Ref.: Zappert (Wien).
Durch eine sinnreiche Versuchsanordnung konnte sich Verf. Kurven über die
Art der Muskelzuckung bei kleinen Kindern (M. quadriceps) verschaffen. Be¬
achtenswert sind die Latenzzeiten zwischen Reiz und Beginn der Zuckung, der
Dauer und der Höhe der Zuckung. Es ergibt sich hierbei eine auffallende Ver¬
längerung der Latenzzeit und der Zuckungsdauer beim Frühgeborenen, hingegen
kein wesentlicher Unterschied des Zuckungsablaufs beim ausgetrugenen Neugeborenen
gegenüber dem späteren Kindesalter. Interessant ist die Tatsache, daß Tetanie,
Hypertonie und Rachitis eine gleiche Zuckungsart aufweisen, nämlich verkürzte
Latenzzeit, verlangsamtes Erreichen der Höhe der Zuckung, geringe Verzögerung
der gesamten Kontraktionsdauer. Diese letztere Veränderung ist bei Tetanie ganz
besonders stark ausgeprägt. Diese eigentümlichen Befunde bei Rachitis, Hyper-
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
652
tonie und Tetanie fuhrt Verf. auf Störungen des Nervensystems zurück, welches
eine Disposition zur Irradiierung des Reizes besitzt. Diese Neigung der Säuglinge
zur „paradoxen Irradiation der Reizung“ bedingt auch das rasche Eintreten von
Krämpfen im Säuglingsalter.
30) Zur Kasuistik und Kritik der umschriebenen Muskelverknöcherung
(Myositis ossificans circumscripta), von Georg Grub er. (Münch, med.
Wochenschr. 1915. Nr. 12) Ref.: E. Tobiaß (Berlin).
Verf. bespricht die Verknöcherungen im Bereiche von Muskelschüssen oder
Muskelstichverletzungen. Das Trauma ist nicht der alleinige Grund zur Muskel¬
verknöcherung, anscheinend spielen dabei auch Faktoren des Kalksalzwechsels im
Organismus eine Rolle.
.31) Myositis ossiüoans traumatica. Ein kasuistischer Beitrag von Hermann
Schöppler. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 40.) Ref.: Tobias.
Verf. teilt einen Fall von Myositis traumatica ossificans mit, bei dem als
unmittelbare Folge einer Ellenbogenluxation die Verknöcherung der umliegenden
Muskulatur eintrat. Er nimmt an, daß es sich bei allen derartigen Fällen um
Schädigungen in den Weichteilen, in denen sich der Prozeß abspielt, handelt; sie
führen dazu, daß ein Teil dieses Gewebes zugrunde geht, so z. B. durch Blutungen,
Zerreißungen von Muskelgewebe, Quetschungen von Periost, Knochenabsprengungen
u. a. m. Auf Grund dieser Läsionen entwickelt sich ein junges, zellreiches Binde*
gewebe, durch das der Verkalkungsprozeß seine Bedingungen findet. Das Kalk¬
material wird aus dem Kalkbestand des Skeletts bezogen, so daß es sich um ein
Problem des Kalkstoffwechsels dabei handelt. Der Faktor der Disposition ist
dabei aber nicht zu übersehen.
32) Die pseudohypertrophisohe Paralyse, von Guido Sala. (Arch. f. Psych.
LV. 1915. H. 2.) Ref: Kurt Mendel.
Mitteilung von 13 Fällen von Dystrophia musculorum progressiva. Bei 9
dieser Fälle waren die genauesten Forschungen auf Heredität verneinend; die
hereditäre Anlage der Krankheit fehlte vollständig. Nur in 2 Fällen war eine
familiäre Anlage nachzuweisem Das Leiden bevorzugte auch in Verf.’s Material
deutlich das männliche Geschlecht.
Die elektrische Reaktion der pseudohypertrophischen und atrophischen Muskeln
wies beständig quantitative und qualitative Veränderungen verschiedenen Grades
je nach der Zeitperiode der Krankheit auf. Immer hat man außer der einfachen
Verminderung der Reizbarkeit andere Eigentümlichkeiten der Entartungsreaktion
nach weisen können, und zwar: langsame, wurmförmige Zuckung, Annäherung in
der Formel der polaren Reaktionen, Gleichheit in der Formel derselben (KSZ =
AnSZ), Vorherrschen der Wirkung des positiven Pols (AnSZ > KSZ). Einige
dieser Reaktionen kann man in einigen Muskeln schon in den ersten Stadien der
Krankheit feststellen. Oft ist auch AnOZ > AnSZ, zuweilen besteht AnOTe.
Den verschiedenen elektrischen Reaktionen entsprechen verschiedene Veränderungs-
zustände der Muskeln.
Des genaueren schildert Verf. die von ihm gefundenen histopathologischen
Veränderungen in den durch Biopsie bei 7 Kranken entfernten Muskeln. Näheres
s. im Original.
Therapeutisch empfiehlt Verf. eine energische Strychninkur (Strychn. nitr. in
Dosen von 2 bis 5 mg pro die subkutan für längere Zeit), Galvanisation (mit
negativem Pol, Stromunterbrechung).
33) Zur Kasuistik der myopathisohen Muskelatrophien. Über einen Fall
von Dystrophia musoularis progressiva (Erb), von Vormann. (Deutsche
militärärztliche Zeitschr. 1915. Nr. 3 u. 4.) Ref.: K. Boas.
Verf. teilt einen Fall von myopathischer Muskelatrophie bei einem Rekruten
mit, welcher der jugendlichen Form zuzurecbnen war. Bestimmte Muskelgruppen
Digitized b)
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
653
waren befallen. In den Rahmen des Krankheitsbildes paßt auch, daß ein Bruder
des Pat. ebenfalls an myopathisoher Muskelatrophie litt.
34) Über Dystrophia mueonlorum progressiva und Unfall, von Dr. Gör res.
(Monatsschr. f. Unfallheilk. 1915. Nr. 8.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Dystrophia musculorum progressiva. Das Leiden bestand als kon¬
genitale fehlerhafte Anlage bereits vor dem Unfall in nicht merklicher Form,
wuchs aber dann durch das Trauma (Fall auf Gesäß) zu den deutlichen Erschei¬
nungen der Muskeldystrophie aus.
35) The spinal ohanges in pseudo-hypertrophio paralysis, by N. Bruce.
(Edinb. med. Journ. XU. 1914. Nr. 1.) Ref.: W. Misch.
Die pathologisch*anatomischen Befunde am Rückenmark bei einem Fall von
paeudohypertrophischem Typus der Dystrophia musculorum progressiva werden be¬
schrieben: Die Nervenfasern der vorderen Wurzeln waren schmaler als gewöhnlich,
einige erschienen atrophisch, das Bindegewebe war deutlich vermehrt. Die Vorder¬
hornzellen erschienen bei genauerer Untersuchung teilweise verkleinert und ge¬
schrumpft; nur selten fand sich Chromatolyse in den Zellen, die Nisslsehen Granula
waren erhalten, es fand sich kein Pigment; die Zahl der Nervenzellen war um
ein Viertel vermindert, die vorhandenen waren gut erhalten; sekundär fand sich
eine leichte Vermehrung der Neuroglia. Diese Zellverminderung entsprach der
Verminderung der Wurzelfasern, welch letztere bis zu den Muskeln verfolgt werden
konnte, ohne daß sich in den Nervenscheiden irgendwelche entzündlichen Prozesse
nachweisen ließen. Aus diesen minimalen zentralen Veränderungen im Verhältnis
zu den Muskelveränderungen ist ohne weiteres zu entnehmen, daß die Muskel¬
veränderungen die primären, die Nerven Veränderungen die sekundären sind.
30) Sur un oas d'&trophie ohez un negre, par Austregesilo. (Nouv. Icon.
de la Salpetriöre. 1913. Nr. 5.) Ref.: E. Bloch (Kattowitz).
Ein 12jähriger Schwarzer, der über sein Vorleben, Heredität usw. keine An¬
gaben machen kann.
Facies myopathica: Mund halb offen, Gesichtsausdruck stumpf. Die Pecto-
rales sind atrophisch; Deltoideus ist nicht so sehr betroffen, er kann die Arme
eine Zeitlang horizontal halten, ermüdet aber sehr leicht. Dagegen findet sich
eine vollständige Atrophie der Rhomboidei, so daß es zu einem flügelförmigen
Abstehen der Schulterblätter kommt. Die Wadenmuskulatur fühlt sich im Gegen¬
satz dazu hart und hypertrophisch an. Kompensatorisch Lordose mit Kyphose
der Lumbalwirbelsäule. Elektrische Reaktion vermindert ohne Entartungsreaktion.
Der Gang ist schleppend, er geht unter starker Hebung der Oberschenkelmusku¬
latur. Er benutzt zum Aufstehen und Hinlegen alle vier Extremitäten. Die
Reflexe an Armen und Beinen sind sehr schwach, Prüfung der Sensibilität wegen
des geistigen Zustandes — der im übrigen normal ist — des Pat. nicht anzu¬
stellen.
Es handelt Bich um eine Atrophia muscularis progressiva. An den Waden
ist eine Pseudohypertrophie, bedingt durch eine Proliferation des Bindegewebes.
Wegen der Seltenheit der Erkrankung bei der schwarzen Rasse ist der Fall
bemerkenswert.
37) Myopatby: with olinioal records of eigbt cases oomprising various
type», by Th. J. Orbison. (Amer. Journ. of the med. Sciences. CXLVIII.
1914. Nr. 4.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über 8 Fälle von Myopathie, die sämtlich verschiedenen
klinischen Typen angehörten:
Fall I und II betrafen Atrophie kombiniert mit pseudomuskulärer Hyper¬
trophie. Ersterer vertrat den Typus Werdtiig-Hoffmann, letzterer den Duchenne-
schen Typus. Fall III war eine infantile Dystrophie. Fall IV betraf eine Myo-
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
654
pathie im erwachsenen Alter, die nach einem progressiven Stadium stationär ver¬
blieb. Fall V war eine progressive Atrophie des Schultergürtels, der Dorsal-,
Thorakal- und Nackenmuskeln. Fall VI war eine progressive Atrophie, mit dem
Trapezius beginnend. Fall VII betraf eine progressive neurotische muskuläre
Atrophie und Fall VIII eine Myasthenie, besonders der extraokulären Muskeln.
Besonders bemerkenswert war Fall IV, der eine farbige Person betraf.
Die elektrischen Reaktionen in jedem Falle waren eine sehr verlangsamte
Reaktion auf den unterbrochenen faradischen Strom in den affizierten Muskeln.
Zwei der Fälle des Verf.’s betrafen Brüder. In den anderen Fällen dagegen
fehlte das familiäre Vorkommen. In keinem Falle bestand Erblichkeit. Die
elektrische Behandlung war zum mindesten iü einem Falle von wohltuender
Wirkung.
Außer in 2 Fällen (Nr. VI u. VII) konnte ein ätiologisches Moment nicht
gefunden werden.
38) A oaso of dystonla musoulorum deformans, by C. C. Belong. (Journ.
of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern.
Ein bisher gesundes Mädchen russisch-jüdischer Abkunft, ohne hereditäre
Momente wird im Alter von 7 Jahren von der Krankheit befallen. Man bemerkt
zunächst Einwärtsdrehung des rechten Fußes mit zunehmender Torsion, Gang auf
äußerem Fußrand. 2 Jahre später ähnliche Affektion des linken Beines. (3 monate¬
langer Gipsverband ohne Einfluß.) Weiterhin Deformität der Wirbelsäule, Ver¬
drehung des Rumpfes. Dann stellten sich unwillkürliche Bewegungen in den
unteren Extremitäten, im Rumpf, rechten Arm, schließlich Hals und linken Arm
ein. Gesicht frei. Es wurde „bilaterale Athetose“ diagnostiziert. Befund: Sitzt
buckelig-gedreht mit rückwärts gebeugtem Nacken; linker Ellenbogen stark ge¬
beugt, Vorderarm halbproniert, Hyperextension der linken Hand, Finger stark
zum Daumen gebeugt. Rechter Unterarm auch halbproniert, weniger als links.
Rechtes Bein im Knie gebeugt, in Hüfte leicht auswärts rotiert. Schenkel links
extendiert, Knie leicht gebeugt, Fuß in Hyperextension, Zehen gebeugt. Rechts
Glutäalregion vorspringend. Geringe Lordose, ausgeprägte linkskonvexe Skoliose
der Dorsalwirbelsäule. Die Lordose verschwindet im Sitzen, während die Kypho¬
skoliose wie ein KameelshÖcker vorspringt.
Die unwillkürlichen Bewegungen sind im ruhigen Sitzen im ganzen wenig
und wechselnd. Sie haben tonischen und klonisohen Charakter, affizieren alle
Extremitäten, Hals und Rumpf, speziell aber die Beine. Charakteristisch ist der
an Intensität wechselnde allgemeine tonische Spasmus, der zu einer starken Torsion
der Extremitäten, des Rumpfes und Halses führt. Die klonischen Bewegungen
haben teilweise mit der Chorea, teilweise mit dem Tic Ähnlichkeit. Die willkür¬
lichen Bewegungen sind zum Teil sehr erschwert. Die Spasmen werden am
stärksten beim Versuch zu gehen oder zu stehen. Im Schlaf sistieren sie gänzlich.
Der Gang ist bizarr und ähnelt dem eines Dromedars. Am meisten ist die linke
Seite betroffen. Füße sind in Equinus- bzw. Equinovarusstellung. — Außer einer
Abschwächung des Achillesphänomens sind die Reflexe normal. Übriges Nerven¬
system, innere Organe o. B. Wassermann negativ. Chloroanämie. — Intellekt
erhalten. Keine Hysterie, normaler Gemütszustand. Kein suggestiver Einfluß auf
das Leiden. Charakteristisch ist die fehlende Beteiligung der Gesichtsmuskulatur,
die das Leiden u. a. von der bilateralen Athetose unterscheidet.
39) Ein Fall von Dystonia musoulorum deformans, von P. Biach. (Mitteil.
d. Gesellsoh. f. innere Med. u. Kinderheilk. in Wien. XIII. 1914. H. 7. >
Ref.: R. Ganter.
20jähriger Mann, seit 5 Jahren krank, schleppte den rechten Fuß nach.
Seit 3 Jahren Schmerzen im rechten Fuß, hat daselbst ein drehendes Gefühl und
Krampferscheinungen in den Zehen. Vor 2 Jahren stellten sich stechende Schmerzen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
655
im Rücken längs der Wirbelsäule ein, seit über 1 Jahr krümmte sich der Rüoken.
Beim Aufstehen fiel der Kopf nach rückwärts, die Halsmuskeln spannten sich,
infolge dessen Erstickungsgefühl. Bei Bettruhe nichts wahrzunehmen, nur der
rechte Fuß zeigt eine klumpfußähnliche Stellung, dabei Hypertonie im Bereich
der Zehengelenke und des Sprunggelenkes, Muskelzuckungen. Beim Gehen fällt
der Schwerpunkt nach hinten, so daß Pat. besser rückwärts als vorwärts geht.
Beim Kriechen auf allen Vieren verschwinden Lordose und Spasmen. Es handelt
sich hier um einen der seltenen Fälle der Ziehen-Oppenheim sehen Krankheit.
Heilung aussichtslos. Der Sitz der Störung liegt wahrscheinlich in den Klein¬
hirnbahnen.
40) Über eine atypische Form familiärer Myopathie des Kindesalters, von
Eugen Bibergeil. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXII. H. 4 u. 5.)
Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Krankheitsgeschichten zweier Brüder, von denen der jüngere, ß^gjährige, —ein
Zwilling, dessen anderer Teil vollkommen gesund ist — das Bild einer typischen
Myatonie aufweist. Gegen die Auffassung der Muskelaffektion des älteren, b l j 2 jähr.
Knaben als Myatonie sprechen: Das Einsetzen der Krankheitserscheinungen im
Laufe des 2. Lebenshalbjahres, ausgesprochene fibrilläre Zuckungen, starke Muskel¬
atrophie, verschiedene Hypotonie beider Körperhälften, Familiarität des Leidens,
schließlich auch das Fehlen der Pronationskontraktur in den Unterarmen und
Händen (Pfaundler) bei dem Vorhandensein starker Kontrakturen in den unteren
Extremitäten. Die Beteiligung des Hypoglossus und Facialis beim älteren Knaben,
ferner die Beugekontrakturen an den Hüft« und Kniegelenken und die Thorax-
und Wirbelsäulendeformität, die in geringerem Grade auch beim jüngeren Knaben
vorhanden sind, gehören zwar nicht zu den gewöhnlichen Vorkommnissen bei der
Myatonie, lassen sich jedoch mit dem Bilde derselben vereinigen.
Im ganzen liegt bei dem älteren Knaben die Annahme einer Werdnig-Hoff-
mannsehen Affektion nahe, wenn auch das elektrische Verhalten und die Neigung
zur Besserung gegen sie spricht. Die Fälle legen den Verdacht nahe, ob nicht
doch die Myatonie als eine klinisch eigenartige Form der Amyotrophie an¬
zusehen ist.
41) Myatonia congenita. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen aus
der Kinderklinik in Frankfurt a. M., von H. v. Mettenheimer, F. Götzky
und F. Weihe. (Berlin, Springer, 1914.) Ref.: Zappert (Wien).
I. 8monatiges Kind, kann Kopf, Arme, Beine nicht bewegen, nicht sitzen.
Mit Pneumonie moribundus eingebracht. Die anatomische Untersuchung ergab
frische Erkrankung der Ganglienzellen, sowie Atrophie und Ausfall von Vorder¬
hornzellen. Keine Entzündungserscheinungen; die Muskelfasern sind atrophisch, zum
Teil hypertrophisch.
II. ömonatiges Kind, von Geburt an gelähmt. Unkomplette schlaffe Lähmung
der Körpermuskulatur (außer dem Gesicht). Fehlende Reflexe. Partielle Ent¬
artungsreaktion an den unteren Extremitäten. Starb an Pertussispneumonie.
Anatomisch: Schwere degenerative Veränderungen an den Ganglienzellen des
Rückenmarks ohne entzündliche Infiltrate oder Herderkrankungen.
In beiden Fällen war klinisch Poliomyelitis in Betracht gezogen worden,
die aber auf Grund der histologischen Befunde abzulehnen ist.
42) A caao of myatonia congenita (Oppenheim), by J. W. Courtney and
H. B. Eaton. (Boston med. Joum. 1914, Nr. 4.) Ref.: W. Misch.
Beschreibung eines typischen Falles von Myatonia congenita, der, bei der
Geburt am stärksten ausgeprägt, sich mehr und mehr besserte. Zur Behandlung
wird eine Stütze der atonischen Muskeln besonders empfohlen; es wurden Tonika,
Massage, Elektrizität angewandt.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
656 • —
43) Zur Kenntnis der Myatonie congenita, von Carl v. Rad. (Festschr. zur
Feier des BOjähr. Bestehens des Cnopfschen Kinderspitals. Nürnberg 1914.)
Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Myatonia congenita. Auffallend war die innerhalb weniger Monate
eintretende wesentliche Besserung unter Elektrisieren, Massage, Salzbädern; die
Schwäche der Muskeln des Nackens, des Rückens und der Beine besserte sich so,
daß das Kind den Kopf gerade halten, sitzen, stehen und gehen konnte. Die
Hypotonie der Muskeln hat sich dagegen so gut wie gar nicht verändert, obwohl
die Sehnenreflexe weit stärker wurden; anfangs waren letztere st^rk abgesohwächt.
Die Mutter der Patientin gab an, daß sie während der Gravidität auffallend
schwache und seltene Kindsbewegungen gefühlt habe.
44) A oase of myatonia, by C. C. Belong. (Journ. of nerv, and ment. dis.
1914. Nr. 4.) Ref.: Artur Stern.
5 jähr. Mädchen, ohne nervöse Heredität. Die mangelhafte Beweglichkeit der
unteren Extremitäten wurde bald nach der Geburt bemerkt. Befund: Kypho¬
skoliose der Lumbal- und unteren Dorsalwirbelsäule, die im Liegen verschwindet.
Beugekontraktur in den Kniegelenken, Hypotonie der Hüft- und Fußgelenke,
so daß die Beine in phantastische Stellungen gebracht werden können. Allgemeine
Hypotonie, von der die oberen Extremitäten weniger als die unteren betroffen
sind. Die aktive Beweglichkeit ist überall erhalten, doch zum Teil sehr schwach.
Die Fortbewegung geschieht durch Rollung des Körpers von einer Seite auf die
andere. Die Schwäche in den Beinen sitzt hauptsächlich in den proximalen Ab¬
schnitten, während die Zehen z. B. leidlich bewegt werden. Keine fibrillären
Zuckungen, keine örtlich begrenzte Atrophie; Bauch-, Kremaster-, Knie-, Achilles¬
reflexe fehlen, Reflexe der oberen Extremitäten vorhanden. Rachitis, Poliomyelitis
ist auszuschließen. Auffallend ist die ungleichmäßige Verteilung der Schwäche
und Hypotonie, die Bevorzugung der unteren Extremitäten, auch ist eine Seite
mehr betroffen als die andere, die Hüftmuskeln stärker als die Zehen.
45) A oase of myatonia oongenita, by F. G. Purser. (Dubl. Journ. of med.
Scienc. 1914. S. 241.) Ref.: W. Misch.
Es wird ein Fall von Myatonia congenita beschrieben, der sich von der
Mehrzahl der früher beschriebenen Fälle durch das Vorhandensein von Nystagmus
und das gleichzeitige Auftreten von Rachitis unterscheidet. Die Kombination
mit der letzteren Krankheit hatte eine allgemeine Schlaffheit zur Folge, wie man
sie bei Myatonie allein nie beobachtet. Das Muskelleiden würde unmittelbar nach
der Geburt bemerkt, lange bevor die Rachitis aufgetreten war. Unter der Be¬
handlung mit Eisen und Leberthran, Massage und galvanischem Strom wurde im
Krankenhaus eine bedeutende allgemeine Besserung erzielt, nämlich eine bessere
Haltung von Rumpf und Kopf, doch nicht der Extremitäten.
40) A oase of faoial hemiatrophy, byM. Neustädter. (Medio.Record. LXXXV.
1914. Nr. 16.) Ref.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles von Hemiatrophia faciei, bei dem die sehr seltene
Erscheinung sehr hervortrat, daß Druckschmerzhaftigkeit der Trigeminusäste be¬
stand. Im späteren Alter trat eine Epilepsie auf. Mittels der Röntgenstrahlen
ließen sich keine Veränderungen der Knochenstruktur feststellen, nur betrugen
die Knochenmasse auf der hemiatrophischen Seite die Hälfte derer auf der ge¬
sunden Seite. Dies weist, da die Erkrankung mit dem 12. Lebensjahre
eingesetzt hat, vielmehr auf eine Wachstumshemmung als auf eine Atrophie als
Ätiologie hin.
47) Sur un oas d’hömtatrophie faoiale aveo eigne d’Argyll Robertson
contralateral, par J.-W. Langelaan. (Revue neurolog. 1913 Nr. 21.)
Ref.: Kurt Mendel.
11 jähr. Knabe. Keine Heredität. Vor 3 Jahren kurze Krankheit mit rheu-
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
657
matischen Sohinerzen in den Beinen; Pat. konnte einige Tage nicht gehen. Ob«
jektiv: Deutliche Hemiatrophia faciei links (besonders in der Oberkiefergegend),
rechts etwas enge Lidspalte, starke Mydriasis, reflektorische Pupillenstarre, leichter
Nystagmus, leichte Insuffizienz der M. recti externi, Zuckungen in den Armen,
Unsicherheit beim Stehen. Wassermann im Blut negativ.
Verf. nimmt eine Läsion in Höhe des Nuoleus ruber an dort, wo die Okulo-
motoriuskerne und der Nucleus parvicellularis das periependymäre Grau des
Aquaeductus Sylvii berühren. Von diesen Stellen aus haben Karplus und Kreidl
Pupillenbewegungen bei ihren Experimenten erhalten.
Der vorliegende Fall und andere zeigen, daß die Ursache der Hemiatrophia
faciei in Läsionen der zentralen Sympathikusbahnen, die im periependymären
Grau des Aquaeductus Sylvii und des 4. Ventrikels liegen, bestehen kann. Diese
Annahme schließt nicht die Möglichkeit einer Hemiatrophia faciei aus, die auf
einer Affektion des Gangl. cervicale super, und seiner af- und efferenten Bahnen
beruht. In diesen Fällen hat man es mit einer peripheren Lokalisation im
gleichen System zu tun. Wahrscheinlich gibt es klinische Differenzen zwischen
den zentralen und peripheren Läsionen; im vorliegenden Falle fehlten vasomoto¬
rische Störungen und eine Differenz in der BlutfÜlle beider Seiten, während bei
den Fällen mit peripherer Lokalisation im Gangl. cervic. super, diese Störungen
fast konstant beobachtet werden.
48) Über symmetrischen progressiven Fett sch wund im Kindesalter, von
J. Husler. (Zeitschr. f. Kinderheilk. X. H. 2 bis 4.) Ref.: Zappert (Wien).
Das bei zwei Knaben beobachtete Krankheitsbild besteht in einem progres¬
siven Schwund des Fettes im Gesicht (bei einem Kinde auch des Halses) bei
völlig intakter Muskulatur und Knochenbeschaffenheit. Das Gesicht sieht wie
skelettiert aus, während sonst der Körper wohlgebildet erscheint. Die Progredienz
des Leidens ließ sich nicht einschränken. Für beiderseitige Hemiatrophia faciei
hält Verf. die Krankheit nicht, sondern bringt sie eher in Zusammenhang mit
A. Simons’ Lipodystrophie progressiva, welche ausschließlich erwachsene weibliche
Individuen betrifft und außer der fortschreitenden Abmagerung des Gesichts einen
Fettansatz am Gesäß und an den Oberschenkeln aufzuweisen pflegt. Die Ursache
des Leidens ist unbekannt.
49) Unilateral hypertrophy, involving the entlre left side of the body, by
P.Bassoe. (Worcest. State Hosp. Papers. XIII. 1913. S. 61.) Ref.: W.Misch.
Beschreibung eines Falles von angeborener Hemihypei trophie der ganzen
linken Körperseite unter gleichzeitiger Vergrößerung des rechten Fußes. Die
Hauptbesch werden des 16 jährigen Knaben sind duroh die verschiedene Länge der
beiden unteren Extremitäten bedingt. Gegen Akromegalie, an die die Vergrößerung
der beiden Füße erinnert, spricht sowohl der Verlauf wie das Fehlen anderer
Symptome und der negative Röntgenbefund an der Sella turcica. Daß keine
Hypoplasie der rechten Seite vorliegt, dafür sprechen sowohl die Vergrößerung
von Wange, Zahnfleisch und Zähnen auf der linken Seite, wie auch zahlreiche
Nävi und Pigmentierungen der Haut der rechten Körperhälfte. Vielmehr liegt
hier eine kongenitale Deformität, eine angeborene Hemihypertrophie, vor.
50) Angeborene Mnskelhyperplasle, von Ottorino Rossi. (Deutsche Zeitschr.
f. Nervenheilk. LII 1914. H. 6 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von angeborener echter muskulärer Hyperplasie, ohne nervöse Störungen
und ohne Veränderungen der Haut und der Knochen.
Psychiatrie. — Dementia praecox.
51) Die Kritiken der Schizophrenien , von E. Bleuler. (Zeitschr. f. d. ges.
Neurol. u. Psych. XXII. H. 1.) Ref.: Carl Grosz.
Beantwortung der gegen die „Schizophrenie 44 seitens der Kritik (die Arbeit
xxxiv. 42
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
658
bezieht sich hauptsächlich auf Gruhles einschlägige Veröffentlichungen) gemachten
Einwände. Ihre Wiedergabe erweist sich als im Rahmen eines kurzen Referates
undurchführbar.
52) Die Ursaohe der Dementia praecox, von B. Ebbe). (Norsk Magazin for
Lägevidevgkaben. 1915. Nr. 12.) Ref.: E. Boas.
Nach Ansicht des Verf.’s stellt sich die Dementia praecox als eine Folge¬
erscheinung einer primären Anomalie des Thymus dar. Diese erklärt sowohl die
klinischen Erscheinungen als auch die pathologisch-anatomischen Befunde bei der
Dementia praecox.
63) Des voies d’invasion de la dömenoe preoooe , par Ren6 Masseion.
(L’Encöphale. 1914. Nr. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. gelangt zu folgenden Schlußsätzen: 1. Es gibt Fälle, in denen die
Dementia praecox als ein primärer Prozeß erscheint mit bestimmter Symptomato¬
logie, bestimmtem Verlauf und Ausgang, entweder kontinuierlich fortschreitend
oder in Schüben mit mehr minder langen Remissionen verlaufend.
2. In anderen Fällen erscheint die Dementia praecox als ein sekundärer
Prozeß, welcher entweder einer gewissen Anzahl von Anfällen manisch-depressiven
Irreseins oder Zuständen folgt, die am besten als „Hebephreno-Katatonie“ be¬
zeichnet werden; letztere gehören zu der Gruppe der toxi-infektiösen -Psychosen.
Die Dementia praecox entsteht aus verschiedenartigen Ursachen, sie ist das
Resultat vieler Momente, unter denen die Heredität, die geistige Minderwertig¬
keit, die verschiedensten Intoxikationen und Infektionen zu nennen sind, sie stellt
also keine völlig abgeschlossene KrankheitBeinheit dar.
54) Über Syphilis in der Aszendenz von Dementia praeoox-Kranken, von
Friedrich Meggendorfer. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. i914.
H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei 3 von 6 Fällen von Dementia praecox handelte es sich um Nachkommen
von Tabikern und Paralytikern, beim vierten bot der Vater Pupillendifferenz und
positiven Wassermann im Blut; bei "den beiden übrigen Fällen hatte der Vater
bzw. die Mutter Syphilis gehabt. In keinem Falle gleichartige Heredität
Lues bei den Eltern von Dementia praecox-Kranken ist ein viel häufigeres
Vorkommnis, als bisher angenommen wurde.
In den vom Verf. mitgeteilten Fällen von Dementia praecox mit Syphilis in
der Ascendenz fällt auf der feminine Habitus der Männer, die Neigung zu im¬
pulsiven Handlungen, der langsame, aber progressive Verlauf und das lange, relativ
gute äußere Komponiertbleiben der Kranken.
65) Zur Pathogenese der Dementia praeoox, von K. Moll weide. (Zeitschr.
f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXII. 1914. H. 4 u. 5.) Ref.: G. Stiefler.
Verf. faßt seine Ausführungen dahin zusammen:
Der Vergleich der Dementia praecox mit den heredofamiliären Nervenkrank¬
heiten läßt weitgehende Analogien der hereditären Verhältnisse sowie des all¬
gemeinen Verlaufßtypus erkennen, welche eine nahe Verwandtschaft dieser Krank-
beitsformen vermuten lassen.
E8 ist daher für jene Erkrankung die Annahme eines Aufbrauchprozesses
auf Grund einer minderwertigen Anlage gewisser Partien des Zentralnervensystems
am besten mit den Tatsachen in Einklang zu bringen. In demselben Sinne spricht
der Nachweis häufig vorkommender psychischer Anomalien vor dem Ausbruoh der
eigentlichen Erkrankung sowie die Bedeutung gewisser Gelegenheitsursachen.
Die von F aus er gegebene Erklärung der mittels der Dialysiermethode ge¬
wonnenen Ergebnisse, nach welchen die Dementia praecox die Folge einer primären
Dysfunktion .der Geschlechtsdrüsen darstellt, ist nicht die allein mögliche. Es besteht
noch die weitere Möglichkeit, daß die Dysfunktion der Geschlechtsdrüsen bzw.
anderer endokriner Organe ein sekundärer Vorgang nach primärer Erkrankung
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
659
der Gehirnrinde ist, sowie drittens die Möglichkeit, daß es sich bei den nach¬
gewiesenen Abbauprodukten der Ovarien um normale Sekrete handelt, welche in¬
folge der Erkrankung der Hirnrinde in derselben nicht mehr verwertet werden
können und deshalb in vermehrter Menge im Blute zirkulieren.
60) Influenoe du milieu et du travail sur les Stereotypie», par R. Charon et
P. Courbon. (Nouv. Iconogr.delaSalpetr. 1914. Nr. 2.) Ref.: EurtMendel.
In dem Falle der VerfE ähnelte die stereotypische Haltung, die Pat. zum
Schlafen einnahm, derjenigen des Fötus im Mutterleib. Die Veiff. erblicken
hierin den Index einer dementieilen Regression, die auf die Zeit deB intra-uterinen
Lebens zurückgeht, ein Wiederaufleben einer durch den Organismus im Augen¬
blick seiner Bildung angenommenen Gewohnheit.
Es zeigte sich ferner im vorliegenden Falle der Einfluß, welchen Müßigkeit
und Arbeit auf Eintreten und Verschwinden der Stereotypien ausübten. Letztere
entstanden immer während einer üntätigkeitsperiode und schwanden beständig
während der Beschäftigungsperioden. Die Arbeit ist ja auch das beete Heilmittel
gegen die Demenz.
67) Ein Fall von Katatonie naoh Sonnenstich, von A. Repond. (Monatsschr.
f. Psych. u. Neurol. XXXVIII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
16jähriger Arbeiter. Mutter aufregbar. Pat. war früher stets gesund und
psychisch normal. Seit April 1913 war er bei seiner Arbeit den Sonnenstrahlen
stark ausgesetzt, was er sehr unangenehm empfand. Nach einem besonders warmen
Junitag mit außerordentlicher Sonnenstrahlungskraft klagte Pat. über Kopfschmerzen,
Mattigkeit, Muskelschmerzen, Schwindel und Brennen in der Magengegend. Tem¬
peratur 38,9, Gesichtsröte, Injektion der Augen. Nachts Erbrechen, Schlaflosig¬
keit. Am nächsten Morgen starke Kopfschmerzen und Müdigkeit; gegen Abend
plötzliche Veränderung: benommen, blödes Lachen, Pat. kaute an Knöpfen, sprang
aus dem Bett, spielte wie ein kleines Kind, versuchte auf den Händen zu stehen
und zu gehen, dann Vergiftungsideen, Nahrungsverweigerung, Angst vor der
Sonne und vor Helligkeit, erschwerte Auffassung, grundloses Lachen, blöder Ge¬
sichtsausdruck, Stimmenhören. Die psychisohen Symptome nahmen immer mehr
zu: Pat. wurde interesselos, verschlossen, mißtrauisch, hatte Gehörstäuschungen,
Vergiftungsideen, schließlich Stupor mit beständiger Nahrungsverweigerung, Sinnes¬
täuschungen religiösen Inhalts, Negativismus, Echopr&xie, Mutacismus, Speichelfluß,
Grimmassieren. Somatisch bis auf lebhafte Kniereflexe nichts Abnormes.
Verf. glaubt an eine durch Sonnenstich hervorgerufene Katatonie, läßt aber
die Frage offen, ob bei solchen traumatischen Katatonien eine Wesens- oder nur
eine Symptomidentität mit den gewöhnlichen Katatonien besteht.
68) Über einen schizophrenen Prozeß im Gefolge einer hirndruokateigernden
Erkrankung, von St. Rosental. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV.
1914. H. 3.) Ref.: G. Stiefler.
Bei H. H., 28jährigem Fabrikarbeiter, neuropatbiscb nicht belastet, der in früheren
Jahren angeblich verschiedene Infektionskrankheiten (Eryflpel, Gonarthritis, Pleuritis) durch-
gemacht hatte, traten 1897 nervöse Erscheinungen auf, die in Beziehung zu einer chro¬
nischen Hirndrucksteigerung gestanden haben dürften, ohne daß sich eine Ursache
dafür feststellen ließ: Anfangs Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindelgefühl, taumelnder
Gang; Zunahme dieser Beschwerden, aber nicht gleichmäßig, sondern bei wechselnder In¬
tensität. Nach etwa 10 wöchiger Dauer plötzliche Verschlimmerung angeblich unter Auf¬
treten von Fieber und in anmittelbarem Anschlüsse hieran wurde Pat. plötzlich verwirrt,
gab auf Anreden keine Antwort, sprach zusammenhanglos und führte verkehrte, unsinnige
Handlungen aus. Dauer dieser geistig^u Störung nur wenige Tage mit vollkommener Zurück-
bildung, während die nervösen Erscheinungen des Hirndruokes erst nach 2 Monaten allmäh¬
lich so weit abnahmen. daß der Kranke zwar wieder arbeitsfähig wurde, aber auch in der
Folge, besonders bei körperlichen Anstrengungen, über Kopfsensationen zu klagen hatte und
seine Umgebung bei ihm Vergeßlichkeit und Reizbarkeit feststellen konnte. Nach 7jähriger
Pause, in welcher Pat. weder körperlich noch psychisch sonst Auffälliges darbot, im Jahre
1904, traten wieder, und zwar in viel stärkerer Weise als früher, allgemeine Hirndruck-
42*
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
660
Symptome (Kopfschmerz, Übelkeit, Schwindelgefühl, Puls Verlangsamung, Stauungspapille)
auf, außerdem hochgradiges Taumeln mit Neigung nach rechts zu fallen, Nystagmus beim
Blick nach rechts. Wahrscheinlichkeitsdiagnose eines Tumors des Kleinhirns (Wurm),
eventuell eines Pseudoturaors (Nonne). Der geschilderte Zustand dauerte zuerst ein Jahr
ohne Veränderung; dann (Herbst 1905) traten unter Zunahme der Beschwerden eigenartige
Anfälle von Bewußtlosigkeit mit krampfartigen Zuckungen in den Extremitäten ein, die an¬
geblich manchmal */ f bis 2 Stunden dauerte, anfangs nur jede 1 bis 2 Wochen vorkamen,
ira Laufe des folgenden Jahres wesentlich häufiger wurden, aber seit September 1906 aus¬
geblieben sind, während der übrige neurologische Befund unverändert bestehen blieb. Mit
dem Sistieren der Anfälle trat im psychischen Verhalten des Pat. eine auffallende Veränderung
ein. Er wurde mißtrauisch, äußerte plötzlich weitgehende Vergiftnngsideen und andere
Wahnvorstellungen; so beschuldigte er seine Frau der ehelichen Untreue, war maßlos und
unsinnig eifersüchtig, hatte Gehörstäuschungen, bedrohte Frau und Familie mit Totschlag.
Nach dmonatiger Dauer dieses psychischen Verhaltens zeigte sich plötzlich eine Besserung
der körperlichen Erscheinungen (Kopfschmerzen und Taumeln verschwinden) und ein Monat
hindurch auch der psychischen, die aber dann in verstärktem Maße hervortraten, so daß er
1907 interniert werden mußte. Er zeigte nun manchmal ein mürrisches Wesen, meist aber
eine alberne Vertraulichkeit, stumpfes Verhalten, eigentümliche verschrobene Redeweise mit
verworrenen biblischen Sprüchen. Die körperlichen nervösen Erscheinnngen bildeten sich
dauernd fast vollkommen zurück. Der weitere Verlauf der Psychose äußerte wohl einige
leichtere Remissionen, Pat. befand sich aber dauernd unter dem Eiufluß seiner Beeinträeh-
tigungswahnideen, die heftigen Erregungszustände wiederholten sich, das ausgesprochen
verschrobene Wesen, die schwachsinnige und manirierte Färbung der Eifersüchte- und Ver¬
folgungsideen, ihre stereotype Wiederholung, Abhalten von verworrenen Predigten ließen den
schizophrenen Charakter immer deutlicher erkennen; seit 1910 ist Pat. dauernd interniert.
Bei Erörterung des Falles zunächst vom neurologischen Gesichtspunkte aus
entscheidet Verf. nach gründlicher Besprechung der DifiPerentialdiagnose (Tumor,
Pseudotumor, Hydrocephalus), daß bei H. eine organische intrakranielle Erkrankung
mit Hirndrucksteigerung Vorgelegen hat, die mit aller Wahrscheinlichkeit als
idiopathischer Hydrocephalus internus (mit stärkerer Ausprägung im rechten
Seitenventrikel) anzuspreeben ist, wobei eine scharfe Trennung gegenüber einer
Meningitis serosa nicht durchführbar erscheint. Was die psychische Seite des
Falles betrifft, so entspricht der jetzige Zustand zweifellos einem schizophrenen
Prozesse (Dementia praecox); schwierig hingegen ist der Versuch, den Beginn
dieser psychischen Erkrankung klarzulegen. Verf. erörtert dann eingehend die
Frage nach der Beziehung zwischen der Hirnerkrankung und dem schizophrenen
Prozesse, wobei er zunächst die Annahme einer ganz zufälligen, gleichzeitigen
Kombination in Rücksicht des Gesamtverlaufes der Erkrankung, namentlich des
zweimaligen Hervortretens der psychischen Erscheinungen und zwar während der
Schübe in einer hirndrucksteigernden Erkrankung entschieden ablehnt und später
darauf hinweist, daß bei einer Anzahl der Fälle aus der klinisohen Dementia
praecox-Gruppe histopathologische Hirnrindenbefunde erhoben wurden, die nach
den Erfahrungen von Niss 1 und Alzheimer in kausale Beziehung zur
Psychose zu bringen sind und die durchaus nicht histologisch gleichartig, sondern
häufig weitgehend voneinander verschieden sind, wie überhaupt die eigentliche
Grundlage und Entstebungsweise der Hirnveränderungen bei Dementia praecox
bis heute nicht faßbar ist. Zweck der vorliegenden Arbeit ist, die zeitlichen
Beziehungen zwischen der organischen Hirnsckädigung und dem schizophrenen
Prozesse hervorzuheben und eine ähnliche Betrachtungsweise mancher chronischer
Psychosen anzuregen, die im Gefolge von verschiedenartigsten Läsionen des Ge¬
hirns auftreten (toxische Hirnscbädigungen bestimmten Ursprungs, namentlich
auf alkoholischer Grundlage).
59) A study of the braln in a case of oatatonio „Hirntod 44 , hy S. T. Orton.
(Worcester State Hospital papers. 1912/13. 1913. S. 137.) Ref.: W. Misch«
Bei einem Fall von katatonischem Hirntod werden die Ergebnisse der ein¬
gehenden anatomischen Untersuchung mitgeteilt. Der betreffende Fall begann
ganz akut und kam innerhalb von 14 Tagen zum Exitus, ohne daß bei der Ob¬
duktion an den Visceralorganen makroskopisch oder mikroskopisch Veränderungen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
661
gefunden wurden, die als Faktoren bei der Erkrankung oder als Todesursachen
io Betracht kommen konnten* Obwohl die klinisohe Diagnose wegen der kurzen
Dauer der Beobachtung und des Verhaltens des Patienten nicht durchaus sicher
ist, ist der Fall wohl als katatonische Form der Dementia praecox aufzufassen.
Mittels der Thionin- und der Bielschowsky-Methode ließen sich in den Gehirn¬
schnitten nur Veränderungen nachweisen, die wahrscheinlich zum größten Teil
postmortal waren. Mittels der Herxheimer sehen Methode und der Färbung mit
Osmiumsäure wufeffin beträchtliche Lipoidmengen in den Ganglienzellen, den Glia-
zellen und den Leukocyten der perivaskulären Räume gefunden. Mit der Alz¬
heimer sehen Methode IV und VI ließen sich endlich verschieden granulierte
amöboide Gliazellen nachweisen, die überall im Gehirn in den tieferen Rinden¬
schichten und besonders in der subkortikalen weißen Substanz weit ver
breitet waren.
60) Alterazioni delle oeliule gangliari del bulbo in un oaso di demenza
preoooe con morte improvvisa* per Alberto Rezza. (Riv. di Patol. nerv,
e ment. XVIII. 1913. H. 7.) Ref.: G. Perus ini (Mailand).
Im Hypoglos8U8- und im dorsalen Vaguskern konnte Verf. eine besondere
Ganglienzellenveränderung nachweisen. Das Ganglienzellenzytoplasma wies nämlich
große, gut abgegrenzte Vakuolen auf; im Inneren derselben und auf der sie um¬
grenzenden scharfen Konturlinie (Mannsche Färbung) lagen zahlreiche Granula,
die mitunter angehäuft waren und Inkrustierungsbildern ähnlich aussahen. Mit
andersartigen Färbungsmethoden ließ sioh eine wenig ausgeprägte retikuläre
Struktur darstellen. Fettfarbstoffe nahmen die Granula nicht auf. Alles in allem
entsprachen die mikrohistochemischen Reaktionen dieser Granula denjenigen, die
wir bei dem Methylblaugrauula beobachten. Dem beschriebenen Befund mißt
Verf. keinen spezifischen Wert bei; jedenfalls hebt er mit vollem Recht hervor,
daß die histopathologische Untersuchung des Gehirns und ganz besonders der
Oblongata bei den Fällen von sogen, plötzlichem Tod von Dementia praecox-
Kranken erforderlich ist. Der Arbeit ist eine gute lithographische farbige Tafel
beigefügt.
61) La söro-röaotion d’ Abderhalden dann la dömenoe preoooe, par A.Obregia
etPitulesco. (Compt.rend. Soc. debiol. LXXVI. 1914. Nr. 1.) Ref.: W.Misch.
Es wird über die Ergebnisse der Abderhalden sehen Reaktion bei 30 Fälleu
von Dementia praecox, die nach Stadien bzw. Erkrankungsdauer Bowie nach Er¬
krankungsformen geordnet sind, berichtet. Aus den Untersuchungen gebt hervor,
daß bei den frischen Fällen die positive Reaktion mit den Geschlechtsdrüsen
vorherrscht, weniger häufig mit Thyreoidea und am seltensten mit Hirnrinde.
Dagegen verhalten sich alte Fälle gerade umgekehrt: hier ist die Reaktion am
häufigsten mit Hirnrinde, am seltensten mit Geschlechtsorganen positiv. Hinsicht¬
lich der Unterscheidung der verschiedenen klinischen Formen hat die Reaktion
nichts Brauchbares ergeben; nur scheint die positive Reaktion mit Schilddrüse
eine Beziehung zu den katatonischen Erscheinungen der Patienten zu haben. Die
relative Konstanz der positiven Reaktion scheint für eine Persistenz der Dys¬
funktion des betreffenden Organs zu sprechen und insofern prognostisch bedeu¬
tungsvoll zu sein. Differentialdiagnostisch ist die Reaktion wenig brauchbar
und nur als Hülfsmittel neben anderen klinischen Symptomen nützlich.
62) Le ooSffloient d'Ambard dans la dömenoe pröoooe, par A. Obregia,
C.-J. Ureohia et A. Popeia. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914.
Nr. 1) Ref.: W. Misch.
Aus den Untersuchungen an 50 Fällen geht hervor, daß in der Mehrzahl der
Fälle (70°/ 0 ) von Dementia praecox die StickstoffiauBscheidung eine normale ist,
während in 30°/ o der Fälle eine Stickstoffretention vorliegt. Unter den letzteren
finden sich paranoide und katatonische Fälle, wobei die Katatoniker in einem
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
662
relativ höheren Prozentsatz vertreten sind. Es ließen sich keine Beziehungen
zwischen dem Wert des Stickstoffkoeffizienten und dem Erregungs- oder Depres-
sionszustand des Kranken finden.
63) Rioerohe eulla deviazione del complemento della deinen za preoooe,
per G. Pellacani. (Riv. di patol. nerv, e ment. XIX. 1914. H. 3.)
Ref.: G. Perusini (Mailand).
Komglementablenkungsversuche, die bei 22 an Dementia praecox Leidenden
vorgenommen wurden, fielen stets negativ aus. Zumeist wufte bloß das Blut-
serum, bei einigen Patienten auch der Liquor untersucht. Als Antigen hat sich
Verf. wäßriger oder alköholiscber Extrakte von Hoden, Schilddrüse, Hypophysis
cerebri und Großhirnrinde bedient, die aus Leichen von typischen Dementia
praecox-Kranken entnommen worden waren. Die Reaktionstechnik war die übliche,
die man bei dem Wassermann sehen Verfahren anwendet.
64) Blutuntersuohungen bei einem tfall von Dementia praeoox mit perio¬
dischem Verlauf, von G. Kahlmeter. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psycb.
XXIV. H. 4.) Ref.: Carl Grosz.
Verf. teilt die Krankengeschichte eines Mannes mit, der, in der Jugend hoch-
begabt, im 33. Lebensjahre an einem Verwirrtheitszustand mit hochgradiger moto¬
rischer und psychischer Erregung erkrankt, der bald mit vollkommen geordneten
Zeiten abwecbselt. Dabei bestehen in den unruhigen Zeiten Stereotypien, Hallu¬
zinationen, werden unsinnige Handlungen verübt. Naoh einjähriger Remission
der Krankheit fixieren sich die immer plötzlich einsetzenden Unruheperioden in
7- bis 8 tägigen Intervallen. Verf. läßt die Frage, ob Dementia praecox oder manisch-
depressives Irresein vorliegt, offen. Serienweise vorgenommene Blutuntersuchungen
lassen ihn zu folgenden Resultaten kommen: Während der Unruheperioden steigt
die Zahl der weißen Blutkörperchen auf 9 bis 12000, dabei prozentische Zunahme
der Neutrophilen. Während der Ruheperiode beträgt die Gesamtzahl der weißen
5 bis 8000, der Prozentsatz der Lymphozyten schwankt zwischen 30 und 45°/ 0 .
Diese Ergebnisse stimmen mit den „Blutkrisen“ Lundvalls im wesentlichen
überein, nur daß im beschriebenen Falle keine Eosinophilie beobachtet wurde.
Auch Verf. kommt zum Schlüsse, daß diese Blutkrisen nicht nur durch die moto¬
rische Erregung, sondern vor allem auch durch für Dementia praeoox spezifische
Toxine hervorgerufen seien.
65) Beitrag zur Kenntnis der Leukozytose bei der Dementia praecox, von
Richard Zimmermann. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXII. H. S )
Ref.: Carl Grosz.
Untersuchungen wurden an 60 Kranken aus der Praecox-Gruppe angeetellt:
an frisch Erkrankten, an gebessert Entlassenen und an den langjährigen Anstalts¬
pfleglingen mit mehr oder minder hochgradiger Verblödung. Als Zählflüssigkeit
wurde die Türksche benutzt, gefärbt wurden fast stets mehrere Präparate nach
v. Millern und nach May-Grünwald. Bei Berücksichtigung aller hier in Be¬
tracht konmenden Fehlerquellen und physiologischen Schwankungen im normalen
Blutbilde ließ sich konstatieren, daß im Verlauf einer Dementia praecox die
Normalzahl der weißen Blutkörperchen nur selten angetroffen wird. (Verf. fand
bei 96 Zählungen 41 mal Leukopenie, 46 mal Vermehrung der weißen Blutzellen.)
Unter den Kranken, welche Normalzahlen, zwischen 7 bis 8000 Zellen aufwiesen,
waren 2 / 3 tief verblödete Anstaltspfleglinge. Aber auch unter 15 Kranken, bei
denen im Kubikmillimeter 10000 Zellen und darüber gezählt wurden, fanden sich
nicht weniger als 11 Verblödete. Nicht ganz so unklar wie der quantitative
Befund stellt sich das qualitative Blutbild dar, das auch im Gegensatz zum quan¬
titativen nur geringen Schwankungen ausgesetzt ist. Die Vermehrung der kleinen
Lymphozyten ist im Verhältnis zu ihrem normalen Vorkommen nicht selten eine
hochgradige. In */ 10 der Fälle beteiligten sich an der Leukozytose auoh die
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
663
großen mononukleären Zellen und die Übergangszellen. Auffallend stark, ungefähr
in % der Untersuchungen, fand sich eine manchmal ausgesprochene Eosinophilie.
Diese Vermehrung der Lymphozyten, Mononukleären und Eosinophilen vollzieht
'-eich auf Kosten der neutrophilen Zellen, deren Zahl in ungefähr 95°/ 0 der Fälle
herabgesetzt angetroffen wird. Für die Prognose sind aber diese Befunde allein
nicht verwertbar; Lymphozytose und Vermehrung der großen Monokularen findet
sich bei den schwersten Verblödungeformen und bei Fällen, die wesentlich gut¬
artiger verlaufen, ein normaler Blutbefund, wenn man die Lymphozytose abrechnet,
mitunter bei schwer dementen Kranken.
66) Über die Wirkung subkutaner Adrenallninjektionen auf den Blut¬
druck bei Dementia praecox, von Karl Neubürger. (Archiv f. Psych.
LV. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei reichlich 80% aller untersuchten Katatoniker und Hebephrenen trat
gar keine oder nur geringe Blutdrucksteigerung auf Adrenalin ein, während bei
anderen Fällen dies Verhalten nur relativ Belten zu konstatieren war. Welche
Störungen, vermutlich innersekretorischer Art, diese mangelhafte Erregbarkeit des
sympathischen Nervensystems hervorrufen, darüber läßt sich noch nichts mit
Sicherheit sagen..
67) Eine Hypothese zur psychologischen Bedeutung der Verfolgungsidee,
*r ■ von Josef B. Lang. (Psycholog. Abhandlungen [G. G. Jung]. Bd. I. Leipzig
u. Wien, F. Deuticke, 1914.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. kommt zu folgenden vorläufigen Ergebnissen: „Der Dementia praecox-
Kranke stellt in der Regel den Familientypus im Assoziationsexperiment am
reinsten dar. Bekommt er Verfolgungsideen, so wurden jene Mitglieder der Familie
zu Verfolgern gewählt, die nach ihm den Familientypus am reinsten repräsentieren
(oder vom Kranken als Symbol für eine verdrängte endopsyohische Strebung ge¬
wählt wurden). Es scheint, daß das Geschlecht der zum Verfolger gewählten
Person keine große Rolle spielt. Die Verfolger sind nur Objektivationen des
Familientypus, gegen den sich die Verfolgungsideen richten. Im letzten Grunde
richtet sioh die Verfolgungsidee gegen jenen Teil der eigenen Persönlichkeit des
Kranken, welcher nooh allzu stark an den Familientypus gebunden ist. Die bio¬
logische Bedeutung des Verfolgungswahnes wäre nach dieser Hypothese der Ver¬
such des Kranken, sich von der allzu festen Bindung an den Familientypus
(Kollektivitätsgefühl der Familie) zu befreien, ein Versuch (Verfolgungswahn
als Heilungsversuch), der wohl deswegen mißlingt, weil der Befreiungskampf statt
auf der Subjektstufe noch auf der Objekt-(Projektions-)stufe geführt wird.“
• 68) Über Pubertät und Psychopathie, von 0. Klieneberger. (Wiesbaden,
Bergmann, 1914.) Ref.: W. Gorn.
Verf. geht von der Tatsache aus, daß normalerweise in der Pubertätszeit mit
den somatischen Symptomen der Reife die geistige Entwicklung einhergeht, charak¬
terisiert durch starke affektive Erregbarkeit und Affektlabilität. Das kongenital
oder durch früher erworbene Hirnkrankheiten minderwertige Zentralnervensystem
der Psychopathen zeigt diese Eigenschaften in der Pubertät in gesteigertem Maße.
Hier tritt eine „verzögerte geistige Pnbertätsentwicklung“, häufig wirkliche
„Pubertätskrisen 41 in Erscheinung. Im weiten Gebiet der Psychopathie gruppiert
man zweckmäßig eine konstitutionelle neurast honisch-hypochondrische und eine
depressiv hypochondrische Abart, neben denen man noch der Epilepsie zuneigende,
duch Zornesausbrüche sich kennzeichnende epileptoid-degenerative und Fälle
hysterisch psychopathischer Konstitution mit Affektschwankungen, Egozentrizität
und übermäßig gesteigerter Einbildungskraft bis zur Pseudologia phantastica
unterscheiden kann. Differentialdiagnostisch kommen in Betracht angeborene Ent-
wicklnngsstörungen und Schwachsinnszustände, die jedoch Intelligenzdefekte auf¬
weisen, epileptoide Störungen, die der epileptoiden Form der Psychopathie mit
Digitized by
Go. igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
664
ihren bisweilen auftretenden „psychasthenischen“ und den dem Petit mal ähnlichen
narkoleptischen Anfällen besonders nahe stehen, ferner zyklothymische Schwan¬
kungen und die leichten katatonen und heboidophrenen Formen der Dementia
praecox in Betracht. Eine Pubertätsneurose oder -psychose gibt es nicht im
engeren Sinne. Die Psychopathie zeigt dagegen im allgemeinen keinen progredienten
Charakter. Oft tritt Besserung ein nach Abschluß der bei Psychopathen aber
verzögerten und verlängerten Reifeentwicklung. Prophylaktische Behandlung zur
Zeit der Pubertät ist bei Psychopathen besonders wichtig. Möglicherweise liegen,
wie die Erscheinungen der normalen sexuellen Reife durch weitgehende Umwand¬
lungen im Stoffwechsel bedingt sind, auch den psychopathischen Störungen auto¬
toxische Vorgänge im Organismus zugrunde.
Therapie.
69) Klinisohe Erfahrungen mit Phenoval, von Ernst Geyer. (Therapeut.
Monatsh. 1915. Mai.) Ref.: E. Tobias (Berlin),
Phenoval ist seiner Zusammensetzung nach ein antineuralgisches Hypnotikum,
das nicht mehr antipyretisch wirkt, wohl aber die subjektiven Fieberbeschwerden
lindert. Es ist völlig geschmacklos. Verf. gab Phenoval in Einzeldosen von 1 g,
in Tagesdosen von 3 g, und zwar bei Agrypnie, Zephalalgie, Neurasthenie,
Hysterie, bei klimakterischen Beschwerden, Angina pectoris und Migräne. Es
versagte nur 4mal, \ind zwar in besonders schweren Fällen, wie bei einer hart¬
näckigen Neuralgie, langjähriger Migräne usw. Verf. gibt das Mittel z. B. 5 Tage
hintereinander 3mal täglich lg und setzt es dann einige Tage aus. Nach seiner
Ansicht ist es
1. ein Schlafmittel, das ebenso wie andere gute Brompräparate auch bei
längerer Verabreichung nicht die geringste Gewöhnung zeitigt, das im Gegenteil
die Disposition des Großhirns zu einem Schlafzustand ohne Hypnotika zu steigern
vermag;
2. ein harmloses Mittel gegen den Kopfschmerz;
3. ein Mittel, das, systematisch bei nervösen und neurasthenischen Zuständen
gegeben, diese Fälle äußerst günstig beeinflußt.
III. Aus den Gesellschaften.
Berliner Gesellsohaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten.
Ref.: K. Löwenstein (Berlin).
Sitzung vom 12. Juli 1915.
(Schluß.)
Herr K. Löwenstein: Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegs¬
verletzungen (8. Originalmitteilung in dieser Nummer d. Centr.).
Diskussion: Herr Schuster: Wenn der Herr Vortr. sich auch schon vor¬
sichtig ausgedrückt hat, so möchte ich meinerseits doch nochmals betonen, daß
bei Verwertung der sekundären (ich meine der vom Kleinhirn beeinflußten)
Reaktionen der B&r&nyschen Prüfung die größte Vorsicht geboten ist, wenn es
sich um Patienten handelt, welche so offenkundige funktionelle und psychogene
Symptome darbieten, wie die beiden ersten Patienten des Herrn Vortr. Ich halte
die Möglichkeit durchaus für vorliegend, daß die Fallre&ktion und die Zeige¬
reaktion psychogen, bewußt oder unbewußt, gefälscht werden. Ebenso wie eine
reflektorische Abwehrbewegung psychisch unterdrückt oder gefälscht werden kann,
so muß man mit der Möglichkeit der Fälschung auch beim Bäranyschen Versuch
rechnen, um so mehr, als es ja in dem Belieben des Patienten steht, die Fälschung
des Reflexes vorzunehmen, bevor der normale Reflex auftritt. So kann ein Kranker,
der (psychisch) dauernd nach rechts schwankt, jenes Schwanken auch bei Aus-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
665
Spülung des linken Ohres zeigen und intensiv betonen, noch ehe der normale
Reflex mit der Abweichung nach links zur Geltung kommen kann, Selbstver¬
ständlich gilt das Gesagte nicht für den Nystagmus, Autoreferat.
Herr Bonhoeffer: An dem organischen Kern der beiden von Herrn Löwen»
stein gezeigten Fälle besteht, da sie echten Nystagmus haben, kein Zweifel.
Hinsichtlich der Beeinflußbarkeit des B&ränyschen Versuches durch psychogene
Faktoren sind die Bedenken des Herrn Schuster vielleicht niobt ganz ungerecht¬
fertigt. Das zerebellare Schwanken gehört auch nach meinen Beobachtungen zu
den Symptomen, die sich gern bei psychopathischen Individuen vielleicht im Zu¬
sammenhang mit ihrer leiohten Darstellbarkeit hysterisch fixieren. Wogegen ich
mich aber wenden möchte, ist die verklausulierte Art, in der der Vortr. bei den
beiden erst demonstrierten Fällen den psychogenen Charakter der vorliegenden
funktionellen Störung zugibt. Ich sehe bei den beiden erstgenannten Kranken,
abgesehen von den besprochenen organischen Resten, nichts, was sich nicht aus dem
bekannten hysterischen psyohogenen Mechanismus erklärte. Bei dem ersten Kranken
würde es wohl nicht schwer sein, das ganze Bild einer hysterischen Pseudodemenz
hervorzurufen. Ich halte es nicht für forderlich, in Fällen, wie es die gezeigten sind,
an Stelle der doch wohl klarliegenden psychogenen Genese unklare Vorstellungen
von molekulären organischen Veränderungen zu supponieren. Autoreferat.
Herr Oppenheim: Der Angriff des Herrn Bonhoeffer richtet sich offenbar
gegen mich und gegen die von mir vertretene Lehre. Es ist hier nicht der Ort,
und es fehlt uns hier auch die Zeit, um die Frage so eingehend, wie sie es ver¬
dient, zu diskutieren. Aber wenn ich, der ich mich seit 30 Jahren mit ihr be¬
schäftige, eine Auffassung so beharrlich vertrete, so dürfte das auch die anderen
zu einer gewissen Vorsicht mahnen. Und es ist doch ein wesentlicher Unter¬
schied, ob man hier rasch, auf den bloßen Eindruck hin, sein Urteil abgibt, oder
ob es von mir, der ich gründlich zu untersuchen pflege, auf Grund einer monate¬
langen Beobachtung gewonnen worden ist. In dem ersten Falle hat Herr Löwen-
stein ja selbst sofort erklärt, daß er hier neben den zerebellaren Symptomen,
die doch nicht in Abrede gestellt werden können, eine psychogene hysterische
Komponente annimmt. Und ich halte es nicht für berechtigt, zu supponieren, daß
außerdem noch andere hysterische Symptome vorliegen, die uns entgangen oder
nicht angeführt word&i sind. In dem zweiten Falle ist uns die Deutung viel
schwerer geworden trotz wiederholter gründlichster Untersuchung. Es steht doch
fest, daß derartige Zwangsrollungen und Zwangsabweichungen gerade bei Klein¬
hirnerkrankungen Vorkommen, und es muß doch jedem zu denken geben, daß
das Symptom nun gerade bei einem Verletzten aufgetreten ist, der ausgesprochene
Kleinhirnsymptome bietet. Ich bin trotzdem dazu gelangt, diesem Zeichen einen
nicht-organischen Ursprung zuzuerkennen, weil es — im Gegensatz zu der weit¬
gehenden Restitutionsfahigkeit der traumatischen Zerebellarerkrankungen — hier
ganz stabil und unbeeinflußbar ist, und weil der Patient noch eine Summe anderer
Erscheinungen der allgemeinen Nervenschwäche bietet. Aber ich kann mich nun
einmal nicht dazu bekehren, alles, was nicht organisch bedingt ist, hysterisch zu
nennen. Eis gibt für mich noch andere Wege, als den der Vorstellung, auf
welchen Verletzungen nicht-materiell bedingte Reiz- und Ausfallserscheinungen
hervorbringen. Darüber Näheres zu sagen, werde ich in einer meine Erfahrungen
zusammenfassenden Arbeit Gelegenheit finden. Autoreferat.
Herr Bonhoeffer: Herr Oppenheim hat mich mißverstanden. Ich habe
nicht davon gesprochen, daß Symptome kaschiert worden seien, sondern lediglich
zur Betonung des hysterischen Charakters des erst demonstrierten Kranken gesagt,
daß es wohl nicht schwer wäre, bei ihm eine hysterische Pseudodemenz zu er¬
zeugen; daß er sie noch nicht hatte, halte ich sogar für ein Verdienst der bis¬
herigen Untersuchung, da es gewiß besser ist, bei solchen Individuen die Zahl
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
666
der hysterischen Symptome nicht noch zu vermehren. Es scheint mir ein erbeb»
liches praktisches Interesse vorzuliegen, — deshalb habe ich es für notwendig
gehalten, zu diesem Punkt der Demonstration das Wort zu nehmen, — daß wir
das, was uns die Unfallpathologie in den letzten Jahrzehnten über den Einfluß
von Begehrungen und Wünschen in der Hysteriefrage gelehrt hat, in der jetzigen
Zeit festhalten, und nicht die Vorstellungen von organischen Schädigungen bei
diesen Fällen wieder aufleben lassen, die in früheren Jahren in der praktischen
Beurteilung von Unfallrenten Schaden gestiftet haben. Daß ich nicht alles, was
funktionell ist, für hysterisch halte, brauche ich wohl ebensowenig eu sagen, als
daß nicht alles, was in der Pathologie psychogen ist, hysterisch ist. Autoreferat.
Herr Löwenstein (Schlußwort): Ich glaubte, in meinen Ausführungen schon
deutlich betont zu haben, daß ich einen wesentlichen Teil der jetzt bestehenden
Erscheinungen bei den beiden ersten Patienten für funktioneller Natur halte.
Daß aber diese funktionellen Störungen sioh erst im Anschluß an einen orga¬
nischen Krankheitsprozeß entwickelt haben, daß eben nicht nur funktionelle
Krankheitsbilder vorliegen, das halte ich gerade für das Interessante. Gerade
den Diskussionsbemerkungen der Herren Schuster und Bonhoeffer gegen*
über möchte ich doch betonen, daß ich es nicht nur theoretisch, sondern auch
praktisch für von wesentlicher Bedeutung halte, ob außer funktionellen Stö¬
rungen organische Veränderungen vorliegen oder nicht. Die Frage, wie weit
die funktionellen Störungen rein psychogen waren und wie weit nicht, hatte ich
absichtlich nicht diskutiert. Herr Oppenheim hat sioh ja schon gegen Herrn
Bonhoeffers Ansicht gewandt. Ich kann nur in Übereinstimmung damit sagen,
daß ich vieles für psychogen entstanden halte, daß aber besonders bei dem zweiten
Patienten auch genügend Erscheinungen vorhanden waren, die sich nicht als
psychogen oder hysterisch deuten lassen. — Was die funktionelle Beeinflussung
der B&r&nyschen Fallreaktionen anlangt, so ist ja die schließliche Auffassung des
Herrn Schuster dieselbe wie die meine. Ich glaube aber nicht, daß die so
elementar auftretende kalorische Fallreaktion so leicht zu unterdrücken und zu
falschen ist, wie Herr Schuster meint. Von einer bewußten Fälschung kann
Überhaupt kaum die Bede sein, da ja die Patienten über die Art der Reaktionen
nicht unterrichtet waren. Ich halte eine solche Fälschung auch nur für sehr
schwer ausführbar. Daß unbewußt in diesen Fällen das funktionelle Fallen von
so intensivem Einfluß ist, daß es das kalorische Fallen kompensiert, nehme ich,
wie oben auseinandergesetzt, ja selbst als möglich an, ich halte es aber jedenfalls
für eine sehr auffallende Erscheinung. An der diagnostischen Bedeutung der
B&r&nyschen Methode ändert das aber nichts, und wenn auch ihre Deutung durch
derartige Erscheinungen komplizierter wird, so ist das doch kein Mangel -der
Methode, sondern zeigt nur, daß die Beurteilung auch ihrer Ergebnisse nicht
schematisch, sondern unter Bewertung aller in Frage kommenden Faktoren ge*
schehen muß. Autoreferat.
6. Herr Liepmann: Gehirnbefunde bei Aphasleohen und Agnoetisohen.
Vortr. demonstriert zunächst das Gehirn einer alten Frau, die bis wenige Wochen
vor der Einlieferung in die Anstalt ihrer Umgebung nur durch eine Veränderung
des Charakters (Reizbarkeit, Zanksucht) aufgefallen war. Dann Sprachstörung
und Verfall. In der Anstalt: Leichte sensorische Aphasie mit völliger Alexie,
rechtsseitiger Hemianopie, optisch-taktile Agnosie. Der Augenhintergrund konnte
wegen Sträubens und Katarakt nicht gesehen werden. Diagnostiziert wurde: Herd
in dem linken Schläfenlappen, sich in den Hinterhauptlappen erstreckend.
Autopsie: Große Geschwulst, welohe von hinten das Mark des linken Hinterhaupts¬
und hinteren Scheitellappens einnimmt und nach vorn in das basale Mark des
Schläfenlappens reicht, ohne bis an die Wernickesche Windung zu gelangen.
Kleine Metastasen im Septum pelluoidum und im Balken, besonders im Splenium
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSm' OF MICHIGAN
der rechten Seite, Sotiet ä'etslste HemisphSre Alsa wieder ii«t die Addition
von Hn#8^5t}ge(ü OkÄipttft)her4 »Jt Spleftusraheträ Seelenbli«4heit bt-wirkt. Öas
Sehvermögen :W»r 'trotz Katarakt aasteichssd. Di» eBitsörisobe Af&iftai* -j«ir
Sftchbamhaff8Ör«tkpyrnptnsi3, — Fora»? beriebtet Vortn über «sscü fali so-
Cen aiUte r re#t i t a i a r te r A phasi e, Eins Frao hatte Sß Jahre TOr tJer
Einliefeiijßg io lfm?® 30. Jabte «rta«M Schlaganfail erlitten. Sie -vrar ikiäSig
lauge Zeit «tuen®, die Sprache kehrte i* Laufe der Jahre wieder, *bw lnaagel-
haiY. Jetat wurde sie «ater dea Zeiciiee der KorBakoffachen Psychose ii> die
Anstalt vdijgelieleft.lo einem Kraokotohawse w«? vorher, Wie so oft, über der
inhaltliche« Verwirrtheit die Sprachstörung übersehen worden. Die bei flüchtiger
Betm&dung g»t »ichl so sehr aaffälUgs Spf«chfltftrtt«g erwies sich bei näherer
Prüfung »ach sehr erheblich: Schlechte Artikulation, Erschweren der Wortfindung,
DyegtäinnjatisiBU*, grobe Varnphasten, die aictt mH Zunahme der Aufgaben unter
starker Perseveration : »ehr häuften, Unfähigkeit au büchstebierea, leichte Störung
des Vmt&adjiMfe», starke Störung der
Serienechnitte ergehen t-insn großen ulten Defekt m der 'Hohen Hemisphäre (rechte
int«fetV Derselbe betrifft das nalere Fünftel roß boläeti Zentehlwindüngeh und
des uamUtelbar anschließenden Teiles der Bars opemdAriS ¥0» w di« oWe
SchläfenmpduDg unter TerBchöDtspg ihre* hinteren VierieiW das aber teilweise
unißrminiieri S$* die g&nze lüHelrinde dnscMi*B!tdh der. Capsuln extrema und des
■ . • .
K.Uu»tn;tsDS (s, Photographie;. Da* linke Vordere und mittlere Sprachgebiet
h\ 3tr also sehr schwer and Teile des hinteren SprachgeMetea erheblich gelitten.
Trotz dem- M die Kinanke weder wörUtvwm, ooch wort tanh geblieben. Wie bei
jugeodltdhft»,. iödwdtli«a gewöhnlich, ist fcine erheb/jclje Restitution eingetv-o-n
Trotz des lange»' Sfeiitwm* too 30 Jahren aber k&tm von eioer eioigerrmaß&n
vollen ui^hi entfernt die Rede sein. E* rind »i-hr «cbwem Defekte
in allen Sptwchfuuktioüen airrückgebliebeö. Ein ekdgertaa&m ausrei eben der Er¬
satz für die Verlö^nen Partien der linken Sprftchgegend ißt io 3 Jabiadhöten
nicht emgetretsn: Aotorofer&tv
mmM&
Original frorn
Go gle
668
Diskussion: Uerr Oppenheim richtet an den Vortr. die Frage nach der
psychischen Beschaffenheit der Patientin — im Hinblick auf die Frage der
Restitutionsfähigkeit und fragt, ob Alkoholismus vorlag.
Herr Liepmann: Die Patientin bot die Erscheinungen eines leichten Korsa-
koffs dar, die aber nicht derart waren, daß dadurch die Sprachstörung erklärt
würde. Man könne allerdings die Möglichkeit nicht von der Hand weisen, daß
der Alkoholmißbrauch bei der Patientin ungünstig auf die Restitution ge¬
wirkt hat.
IV. Neurologische und psychiatrische Literatur
vom 1. April bis 30. Juni 1916.
(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch
einmal angeführt.)
!• Anatomie. Matti, Projektion der Gehirnzentren a. d. Schädeloberfläche ohne
Kraniometer. Münch, med. Woch. Nr. 25. — Bregman, Neue Untersuch, z. Kenntnis d.
Pyramidenbahn. Anat. Anzeiger. XLVIII. Nr. 3. — Wallenberg, Abnorme Bündel d. Fornix
n. d. Pyramidenbahn b. Meerschweinchen. Ebenda. H. 5/6. — Keim, Das Nervensystem
v. Astacus fluviatilis. Zeitschr. f. wissenschattl. Zool. CXI1I. H. 4.
II. Physiologie. Rothmann, Hirnphysiol. i. Dienste d. Krieges. Berl. klin. Woch.
Nr. 14. — Mills, Hirnmorphol. u. Hirnlokalisation, Jourp. of nerv, diseas. Juni. — Funk¬
häuser, The visual cortcx, its localization, histol. structuies and physiol. function. Journ.
of exper. Medic. XXI. Nr. 6. — Lloyd, Morphol. and functions of tho corpus striatum.
Jonrn. of nerv, diseas. Juni. — Pighini, La biochiwica del cervello. Turin, Rosenberg u.
Lellier.
III. Pathologische Anatomie. Robertson, Das Ganglioneuroblastom, ein bes. Typ.
i. Syst. d. Neurome. Virch. Arch. CCXX. H. 2. — Derselbe, Fall v. Ganglioneurom a.
Boden d. 8. Ventr. mit Einbeziehung d. Chiasraa opticum. Ebenda. Nr. 1. — Schmiacke,
Glioblast. Sarkom d. Kleinhirns m. Metastasenbildung im Hirn u. Rückenm. Frankf. Zeit¬
schrift f. Pathol. XVI. H. 3. — Cowe, Der gliöse Anteil d. senilen Plaques. Zeitschr. f.
d. ge«. Neurologie. XXIX. H. 1. — Blond), Fett i. d. Nervenzelle. Virchows Archiv.
CCXX. H. 2.
IY. Neurologie. Allgemeines : Muskens, Psychiatrie, Neurol. n. Neurochirurgie.
Mon. f. Psych. Juni. — Dercum, Nerv, aud ment, diseases and the newer pathology, Journ.
of nerv, diseases. Juni. — Redlich. Krieg u. Nervensystem. Mediz. Klinik. Nr. 17. —
Löwy, M., Neurol. u. psychiatr. Mitteil. a. d. Kriege. Mon. f. Psych. Juni. — Saenger.
Die durch den Krieg bedingten Folgezustände im Nerveusyst. Münch, med. Woch. Nr. 15/Itf.
— Westphal n. Hübner, Nervöse u. psychische Erkrankungen^ im Kriege. Mediz. Klinik.
Nr. 14/15. — Birnbaum, Kriegsneurosen u. -psychoseu (Sammelreferat). Zeitschr. f. d. ges.
Nenrol. Ref. XI. Nr. 5. — Mohr, Entstehung, Vorhersage u. Bebandl. nervöser u. depres¬
siver Zustandsbilder b. Kriegsteilnehmern. Mediz. Klinik. Nr. 22. — Spitzig, Vagotonie
neurosis. Cleve), med. Journ. April. — Timme, Viszeroptosis as part of a neurol. syndrome.
Ebenda. Mai. — Blau, Nasale Reflexueurosen u. ihre Behandl. »Schmidts Jahrb. April. —
Auerbach, Aufbrauchtbeorie u. Gesetz d. Lähmungstypou. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk.
LIII. Nr. 6. — Meningen: Paal, Pachymeningitis u. Unfall. Mon. f. Unfallheilk. April. —
Orbison, Angioma racemosa of the Pia with epileptoid convulsions of the Jacksoniau type.
Jorn. of amer. med. Assoc. 8. Mai. — Schuster, Auat. u. Klinik d. Mening.serosa spinalis
circumscripta. Mon. f. Psych. Juni. — Thiem, Tuberkul. Hirnhautentzünd, durch Quetschung
eines tuberkul. Nebenhodens hervorgerufen. Mon. f. Unfallb. Juni. — Brockmann, Pseudo¬
meningitis b. tuberkulösen Kindern. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXI. H. 5. — Ghon, Ein¬
sendung v. Untersuchungsmaterial z. Diagnose d. Meningitis Weicliselbaum. Prager med.
Woch. Nr. 17. — Obö, Nachw. v. Meningokokken i. Liquor. Münch, med. Woch. Nr. 17.
— Krüger, Fall v. Mening. eerebrospin. in. flecktyphusartigem Exanthem. Fortschr. d. prakt.
Med. Nr. 7. — Kutschers, Genickstarre i. Pustertal. Wiener klin. Woch. Nr. 18. — Brach
u. Fröhlich, Serotheiapie d. epidcm. Genickstarre. Ebenda. Nr. 20. — Fuchs-Reich, Kasuistik
der Meniugitis purul. Mediz. Klinik. Nr. 21. — Leighton and Pringle, Recovery in two
cases of Streptococeous Meningitis. Journ. of amer. med. Assoc. 19. Juni. — Wegtlin.
Aktinomykotische, eitrige Meningitis. Corresp. f. Schweizer Ärzte. Nr. 1P. — Löw, Fall
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
v. Mening. typhosa serosa. Wiener klin. Wocb. Nr. 21. — Rueck, Case of round cell sar-
coma of the Meninges of the Brain. Med. Record. 1. Mai. — Zerebrales: Uhthoff, Angen¬
veränderungen b. d. Erkrank, d. Gehirns. Graefe-Saemisch, Handbuch. IT. Teil. Bd. XI.
Leipzig, Engelmann. — Poppelreuter, Psychische Ausfallserscheinungen nach Hirnverletzung.
Münch, med. Woch. Nr. 14. — Wright, Infantile Hemiplegie. Journ. of amer. med. Assoc.
8. Mai. — Gerstmann, Sensibilitätsstörungen v. spino-segmentalem Typus b. Hirnrinden¬
läsionen nach Schädelschußverl. Wiener med. Woch. Nr. 26. — Herzog, Fall v. partieller
Seelenblindheit, optischer Aphasie u. Alexie. Deutsche med. Woch. Nr. 19. — Churchman,
Motor aphasia, with fracture of the base of the skull. Journ. of amer. med. Ass. 10. April.
— Posey, Unusual changes in the visual fields, the result of vascular lesions in the brain
and optic nerves. Ebenda. 8.Mai. — Hirntumor, Hirnabszess: Goodhart u. Climenko,
7 Fälle y. Hirntumor, m. bes. Berücksicht, d. DifFerentialdiagn. Journ. of nerv, and ment,
disease. April. — Thlerauch, Großbirntumor unter d. Bilde d. progr. Paral. Zeitschr. f.
d. ges. Neurol. XXVIII. H. 2/8. — Alin, Fall v. Gehirntumor, Eklampsie vortäuschend.
Nord. med. Ark. XLVII. — Fumarola, Syndrom d. Kleinhirnbrückenwinkeltumoren. Arch.
f. Psych. LV. H. 8. — Monrad-Krohn, Et tilfaelde av cerebellopoutin tumor (behandles med
subtentoriel dekompression) samt generelle betragtninger over cerebellar diagnostikken.
Norsk Magaz. for laegedivensk. Juni. — Pollock, Tumor of the third ventricle. Journ. of
amer. med. Assoc. 5. Juni. — Beck, Mening. suppurat., extradural abscess of the post, fossa
of the skull after purul. tonsillitis. Ann. of otol. März. — Bannes, Gehirnabszeß nach Zahn¬
erkrankung. Mediz. Klinik. Nr. 14. — Bulbürparalyse, Pseudobulbärparalyse,
Myasthenie: Hart, Thymusbefunde b. Myasthenia gravis pseudoparalytica. Vircb. Arch.
CCXX. H. 2. — Rückenmark : Schlesinger, Erfolgreich operierte Rückenmarkstumoren
u. „Kompressionssyndrom" d. Liquor cerebrospinalis. Wiener klin. Wochenschr. Nr. 18.
— Gerstmann, Erkrankung der Cauda equina. Ebenda. Nr. 19. — Flexner, Simon and
Amoss, Diffusion of the Poliomyel. virus. Journ. of exp. Medic. XXI. Nr. 5. — Langermann,
Kinderlähmung i. Großherzogtum Hessen von 1909 bis 1914. Zeitschr. f. Hygiene. LXXX.
H. 1. — Lovett, Treatment of infantile paralysis. Journ. of amer. med. Assoc. 26. Juni.
— Veer, Liquor b. Pneumonie. Ebenda. 10. April. — Hall, Presence of arsenic in the
spinal fluid. Ebenda. 24. April. — Multiple Sklerose: Gjessing, Augensympt. b. mult.
Zerebrospinalsklerose. Norsk Mag. f. laegevid. Nr. 2. — Tarle, Bezieh, zw. Neuritis retro-
bulb. acuta (Neuritis axialis acuta) und mult. Skier. Monatsbl. f. Augenheilk. April-Mai.
— Tabes, Friedreichflehe Krankheit: Linow, Spontanfrakturen b. Tabes. Mon. f.
Unfallheilk. Juni. — Reflexe: Pfister, Der Glutäaltonus, ein Pyramidenzeichen. Mediz.
Klinik. Nr. 22. — Periphere Nervenlähmungen: Kleinschmid, Diphth.-Lähraung u.
Diphth.-Antitoxin. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXI. H. 4. — Hoffmann, Ein bei Rekurrens-
paralyse beobachtetes Phänomen. Zeitschr. f. Laryngol. VII. H. 5. — Körner, Fazialis¬
lähmung infolge v. Erkrank, d. Ohrmuschel (Herpes, Perichondritis, Othämatom). Zeit-
sehr. f. Ohrenneilk. LXX1I. Nr. 4. — Derselbe, Fazialislähmung infolge v. Operat. i.
Mittelobr u. Schläfenbein. Ebenda. — Derselbe, Isolierte Lähmung d. Mundäste d. Fazialis
infolge v. Schädigung d. Nervenstämme innerh. d. Schläfenbeins. Ebenda. — Derselbe,
Stellung der Augenbrauen b. periph. Fazialislähmung. Ebenda. — Neuralgie, Migräne :
Cadwalader, Inject, of alcool solut. of different strengths into peripher, nerves. A comparison
of the results obtained. Journ. of amer. med. Assoc. 5. Juni. — Donath, Behandl. d. Tri¬
geminusneuralgien m. Alkoholinjekt. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 1 . — Schoppe,
Operat. Ther. b. Ischias. (Sammelreferat.) Zentralbl. f. die Grenzgeb. d. Med. u. Chir.
XIX. H. I u. 2. — Neuritis, Landry, Pellagra, Lepra, Beri-Beri: Nonne, Poly¬
neuritis gemischter Nerven b. neurasthen. Kriegsteilnehmern. Deutsche Zeitschr. f. Nerven-
heilk. LI1J. H. 6. — Schlesinger, Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern. Mediz.
Klinik. Nr. 14. — Hansell, Monocular optic ncuritis. Med. Record. 10. April. — Rosenow
and Oftedal. Ätiol. u. experiment. Erzeugung v. Herpes zoster. Journ. of amer. med. Assoc.
12. Juni. — Sharpe, Herpes zoster of the cephalic extremity (geniculate, auditory, glosso-
pharyngeal and vagal syndromes). Amer. Journ. of med. Science. Mai. — Palmer and
Secor, Autoserother. d. Pellagra. Journ. of amer. med. Assoc. 8. Mai. — Sympathitms,
Akromegalie, Basedow, Myxödem, Tetanie, Raynaud, Sklerodermie:
Thios, Vegetat. Nervensyst. u. abdominale Erkrank. Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u.
Chir. XXVIII, H. 3. — Harbitz, Geschwülste d. sympath. Nervensyst. u. d. Medullaris d.
Nebennieren. Norsk Mag. f. laegevid. Nr. 1. — Lublinski, Beitr. z. Vagotonie. Berl. klin.
Woch. Nr. 20. — Schepelmann, Hypophysentumoren. Deutsche Zeitschr. f. Chir. CXXXIIL
II. 4. — Weyer, Akromegalie u. Hypophysenzyste. Mon. f. Psych. April. — Kraus, W. M.^
Pilous cerebral adiposity: a new syndrorae. Amer. Journ. of med. Science. Mai. — Kahl«
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
670
moter, Hypophysäre Pseudotabes. Norsk Magaz. f. laegevid. Nr. 6. — Macy, Pituit. gland
in gonorrheal arthritis. Medic. Record. 19. Juni. — C. Hart, Basedow. Mediz. Klinik.
Nr. 14. — Hensel, Modern phases and treatment of Basedow disease. Med. Record. 8. Mai.
— Schröder, H. S., Erfolge d, operat. Behänd!, d. Morb. Based. Therap. Monatsh. April.
— Blair, Indicat. for operat. interference in goiter. Journ. of amer.-med. Assoc. 5. Juni.
— Fuchs, Ergotismus o. Tetanie. Wiener klin. Woch. Nr. 19. — Fuchs u. Wasicky, Sekale-
ätiologie d. Tetanie. Ebenda. Nr. 25. — Leppmann, Symmetr. Gangrän als Unfallsfolge.
Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 8. — Koppang, Et tilfaelde av sklerodermi. Norsk Magaz. f.
Laegevid, Juni. — Neurasthenie, Hysterie: Röper, Funkt. Neurosen b. Kriegsteil¬
nehmern. Deutsche militärärztl. Zeitschr. Mai. — Epilepsie: Benedikt, Die Epileptiker
b. d. Musterung. Wiener klin. Woch. Nr. 22. — Watkins, Fall von Jacksonscher Epil.
Medic. Record. 26. Juni. — Zimmermann, Beitr. z. Kenntnis d. epilept. Blutbildes. Zeitschr.
f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 4/5. — Hebold, Tod infolge epilept Anfalls. Arch. f. Psych.
LV. H. 3. — Löwy, J., Kasuistik d. Noktambulismus. Zentralbl. f. inn. Mediz. Nr. 20. —
Williams, Treatment of epil. from metabolic disturb. in adolescence. Med. Record. 8. Mai.
— Kellner, Wert der Flechsigschen Opium-Brorabebandl. b. d. Epil. Münch, med. Woch.
Nr. 17. — Tetanus ; Blumenthal, F., Der Starrkrampf, seine Entstehung u. Behandlung.
Berlin, Urban u. Schwarzenberg. — Aschoff u. Robertson, Über die „Fibrillentheorie“ u. a.
Fragen d. Toxin- u. Antitoxinwanderung b. Tet Mediz. Klinik. Nr. 26 u. 27. — Irons,
Tetanus and antitetanic serum. Complications and late death in Tet. Journ. of amer.
med. Assoc. 8. Mai. — Pribram, Kriegstetanus. Prager med. Woch. Nr. 10 . — Oubs,
Serumprophylaxe b. Tetanus traumät. Corresp. f. Schweizer Ärzte. Nr. 20. — Beer, Pathol.
u. Ther. d. Tetanus. Wiener klin. Woch. Nr. 14. — v. Roznowski, Klin. Beobacht, über
Tetanus u. prakt. Gesichtspunkte b. d. Behandl. Ther. d. Gegenw. H. 4. — Teutschländer,
Tet-Infekt. u. Abortivbehandl. d. Tet. Deutsche med. Woch. Nr. 20. — Liebold, Tetanus-
behandl. Münch, med. Woch. Nr. 20. — . Nicoll, Intraspinale Antitoxin-Behandl. b. Tet.
Journ. of amer. med. Assoc. 12. Juni. — Bellazzl, Exper. Unters, über die Wirkung d.
Magnes. sulfuric. b. Tetanus. Riv. ospedal. V. Nr. 7. — ZUIzer, Glyzerinphosphorsaures
Magnesium (Merck) b. Behandl. d. Tet. Berl. klin. Woch. Nr. 26. — Vergiftungen:
Santo, Bleivergiftung durch Kosmetika. Journ. of amer. med. Assoc. 8. Mai. — Alko -
holismus ; v. Bunge, Alkoholvergiftung u. Degeneration. 4. Aufl. Leipzig, J. A. Barth, —
Sceleth and Beifeld, Cerebral edema (wet brain) in chronic alcoholism. Amer. Journ. of
med. Sciences. Juni. — Syphilis: Nonne, Syphilis u. Nervensystem. 3. Aufl. Berlin,
S. Karger. — Zondek, Irrtümliche Diagnose d. Hirnlues b. e. Säugling. Deutsche med.
Woch. Nr. 19. — Stevens, Mongolian idiocy and syphilis. Journ. of amer. med. Assoc.
15. Mai. — Ellls and Swift, Invohrement of the eigth nerve in syph. of the centr. nerv,
syst. Ebenda. 1 . Mai. — Neisser, Wann soll bei Syphilitikern die Spinalflüssigk. untersucht
werden? Berl. klin. Woch. Nr. 19. — Wite and Stokes, Studies on spinal fluid, witb
reference to the involvement of the nerv. syst, in early syphilis. Journ. of am. med. Ass.
1. Mai. — Stoner, The Ogiivie meth. of treatm. of syph. of the centr. nerv. syst, witb
salvarsanized serum. Clevel. med. Journ. Juni. — Smith, Comparison of the Swift-Ellis
and modified Ravaut intraspinal injections for syph. of the nerv. syst. Journ. of amer.
med. Assoc. 8. Mai. — Ogiivie, Intraspin. Injekt. v. Salv.-Serum (15 Fälle). Med. Record.
26. Juui. — Zadek, Todesfall nach intralumbaler Neosalvarsan-Injekt. Mediz. Klinik. Nr. 22.
— Trauma: Weber, E., Behandl. d. Folgezustände v. Gehirnerschütterung. Med. Klinik.
Nr. 17. — Gaupp, Die GranatkontnsioD. Beitr. z. klin. Chir.. XCVI. H. 3. — läwen, Be¬
obachtungen über Schädelschußverl. i. Feldlaz. Münch, med. Woch. Nr. 17. — Thismano,
Schädelsohüsse. Ebenda. — Eschweiler u. Cords, Dasselbe. Deutsche med. Woch. Nr. 15.
— Goetjes, Gehirnverl. durch Granatsplitter. Münch, med. Woch. Nr. 26. — Muck, Ge-
staltveränd. einer Hirn wunde, durch Kopfverletzung hervorgerufen. Ebenda. Nr. 25. —
Römheld, Homolaterale Hemiplegien nach Kopfverl. Ebenda. Nr. 17. — Ouken. Intra¬
kranielle Pneumatozele nach Schußverl. Ebenda. — Chiari, Pathogenese d. Meningitis b.
Schußverl. d. Gehirns. Ebenda. — Hosemann, Chirurg. Frühbehaudl. d. Schädelschüsse.
Deutsche med. Woch. Nr. 21. — Syring, Behandl. d. Schädelschüsse i. Felde. Münch,
med. Woch. Nr. 17. — Biriny, Wundnaht b. Schußverl., soez. d. Gehirns. Wiener klin.
Woch. Nr. 20. — Börner, Operat. Verfahren zur Verhütung a. Hirnprolapses nach Schädel*
Schüssen. Mönch, med. Woch. Nr. 17, — Rothmann, Nachbehandl. d. Verletzungen d. zentr.
u. periph. Nervensyst. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 8. — Rumpel, Rückenmarkschüsse.
Münch, med. Wocn. Nr. 19. — Fraenkel, E., Rückenmarksverl. durch Gewehrschüsse.
Deutsche med. Woch. Nr. 19. — Gamper, Rückenmarksschädig, durch Wirbelschuß. Wiener
klin. Woch. Nr. 16/17. — Mayer, Traumat. Myelitis. Münch, med. Woch. Nr. 19. — Porthot,
Laminektomie b. Steckschüssen d. Rückenmarks. Beitr. z. klin. Chir. XCVII. H. 1. —
Oppenheim, Beurteil, u. Behandl. d. Schußverl. periph. Nerven. Ther. d. Gegenw. Juni. —
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
671
Bernhardt, Kriegsverletzungen d. peripli. Nerven. Berl. klin. Woch. Nr. 13/14. — Nonne,
Dasselbe. Mediz. Klinik. Nr. 18. — Marburg u. Ranzl, Dasselbe. Wiener med. Woch. Nr. 23.
— Reichmann, Dasselbe. Deutsche raed. Woch. Nr. 28. — Hehler, Neurolyse d. Plexus brach.
Deutsche Zeitschr. f. Ckir. CXXX1II. H. 3. — Croissant, Radialislähmuug. Münch, med.
Woch. Nr. 24. — Woods, Trauiuat. interruption of sciatic-nerves. Journ. of the amer. med.
Assoc. 10. April. — Uhthoff, Trigeminusläsion d. Schußverl. Klin. Monatsbl. f. Augenheilk.
April/Mai. — Russeff, Lähmung d. Halssympath. m. Augenerscheiuungen b. Kriegsverletzten.
Zeitschr. f. Augenheilk. Mai/Juni. — Heile u. Hozel, Erfahr, b. d. Behandl. i. Kriege ver¬
letzter periph. Nerven. Beitr. z. klin. Ckir. XCVI. H. 3. — Cassirer, Operat. Behandl. d.
Kriegsverl. d. periph. Nerven. Deutsche med. Woch. Nr. 13. — Redlich, Dasselbe. Mon.
f. Psycb. Juni. — Voelcker, Operat. Befunde b. Schuß verl. d. periph. Nerven. Deutsche
Zeitschr. f. Chir, XXXI. Hl. — Mayer, L., Lagerungsbehandl. d. Nervenverl. Deutsche
med. Woch. Nr. 25. — v. Hofmeister. Doppelte u. mehrfache Nervenpfropfung b. Schußverl.
d. Nerven. Beitr. z. klin. Chir. XCVl. H. 3. — Steinthal, Verkürz, größerer Nervendefekte
durch Tubularnaht. Ebenda. — Stoffel, Nervenmecbanik n. ihre Bedeutung f. d. Behandl.
d. Nervenverl. Münch, med. Woch. Nr. 26. — Brunzel, Behandl. d. lschiadicusneuralgie
nach Schußverl. mit Nervendehnung. Ebenda. — Familiäre Krankheiten: Lehn¬
dorff, Fall v. Mjotonia congenita. Fortschr. d. Mediz. Nr. 40/41. — Reitter, Neue Familie
m. spastischer Spinalparalyse. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. L11I. H. 6. — Engelhard,
Familie mit hereditärem Nystagmus. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 4/5. —
Varia: Cheney, Gastric headaches.^Amer. Journ. of med. Science. Mai. — Alkin, Post-
operat. nerv, and ment, disturb. Ebenda. — Dünner, Pupillenstarre bei Diabetes. Ther. d.
Gegenwart Nr. 4. — Schmidt, P., Einseitiger Nystagmus. Monatsbl. f. Augenheilkunde.
April/Mai. — Collins, J., Astasia-Abasia. Med. Record. 24. April. — Bllsslg, Funkt Stimm¬
bandlähmung i. Felde. Münch, med. Woch. Nr. 24. — Bittorf, Folgezustände d. Hitzschlags.
Ebenda. Nr. 25. — Woher, Schädliche Einflüsse d. Heißluftbehandl. v. Verwundungen a.
d. Nervensystem u. ihre Verhütung. Mediz. Klinik. Nr. 22.
V. Psychologie. Braunshausen, Einführ. i. d. exper. Psychol. Leipzig, Teubner. —
Baade, Aufg. n. Begr. einer „darstellenden Psychologie'*. Zeitschr. f. Psychol. LXX1.
H. 5/6. — Schulz, B., Das Bewußtseinsproblem. Wiesbaden, Bergmann. — v. Wieg-Wlcken-
thal, Psychol. Betracht über Intellekt u. Willen u. deren Bedeutung in norm. u. pathol.
Bewußtseinszusfcänden. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 2/8. — Grüble. Selbst-
Bebilderung n. Einfühlung. Ebenda. — Körte, Psychol. d. Gestalt u. Bewegungserlebnisse.
Zeitschr. f. Psychol. LXXII. H. 3 u. 4. — Schulhof, Intelligenzprüfung. Zeitschr. f. d. ges.
Neurol. XXVIII. H. 2/8. — Bloch, Wiederhol, d. Binet-Si mon sehen lntelljgenzprüfung a.
denselben schwachsinnigen Kindern nach einem Jahre. Ebenda. H. 4/5. — A. Pick, Ver¬
hältnis zw. pathol. Vorstell, u. Assoziation. Mon. f. Psych. Mai. — Poppelrouter, Revision
d. psychophysiol. Lehre v. d. elementaren Assoziat n. Reprod. Ebenda. — JOrger, Asso¬
ziationen d. Alkoholikern. Ebenda. April, Mai.
VI. Psychiatrie. Allgemeines: Gaupp, Klassifikation i. d. Psychopathol. Zeitschr.
f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 2/3. — Moll, Psychopathol. Erfahr, v. westl. Kriegsschau¬
platz. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 9. — Alt, Psych. Störungen im deutschen Heere u.
ihre Behandl. Ebenda. Nr. 11. — Burr, Prevalence and prevention of insanity. Journ. of
amer. med. Assoc. 10. April. — Enge, Bezieh, zw. körperl. Erkrank, u. Geistesstörungen.
Mediz. Klinik. Nr. 25/26. — Borger, Trauma u. Psychose, in. bes. Berücksiebt, d, Unfall-
begutacktung. Berlin, J. Springer. — Krauss, Geisteskranke u. Betriebsunfall. Mon. f.
Unfallheilk. April. — Jotly, Menstruation u. Psychose. Arch. f. Psych. LV. Nr. 3. —
Hegar, Abnorme Behaarung b. weibl. Geisteskranken. Beitr. z. Geburtsh. XIX. Erg.-ll.
— Mayer, Abderhalden sehe Reakt. i. d. Psych. Münch, med. Woch. Nr. 17. — Pick, Erkl.
einer Störung d. Gedankenablaufs (die autochthonen Ideen Wernickes). Zeitschr. f. d. ges.
Neurol. XXIX. H. 1. — Brown, Measures for promoting the nutrition in the psychoses.
Journ. of amer. med. Assoc. 12. Juni. — Angeborener Schwachsinn: Lomer, Graphol.
Kennzeichen d. Schwachsinns. Arch. f. Psych. LV. H. 8. — Funktionelle Psychosen:
Lind, Kombinierte Psychosen. Journ. of nerv, disease. April. — Raecke, Hysterische u.
katatonische Situationspsycbosen. Arch. f. Psych. LV. H. 3. — Walter u. Krambach. Vegetat.
Nervensyst. u. Schizophrenie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXV1I1. H. 2/3. — J. H. Schultz.
Somat. Symptomatik u, Diagnostik d. Dem. praecox. Mon. f. Psycb. April. — Elsath.
Paranoia, Querulantenwahn u. Paraphrenie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 1. —
Krüjer, Nosologische Stellung d. „Paraphrenien *. Ebenda. XXVIII. H. 4/5. — Krambach,
Chron. paranoide Erkrankungen (Paraphrenie u. Paranoid). Arch. f. Psych. LV. H. 8. —
Pick. A., Pathol. d. Denk Verlaufs b. Korsakoff. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 4/5.
— Plahl, KorsakofFsche Psychose i. d. Schwangerschaft. Mon, f. Geburtshilfe. April. —
Progressive Paralyse : Roth, Plasmazellen i. d. Hirnhäuten u. d. Hirnrinde b. progr.
Digitized by Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
672
Paral. Beitr. z. path. Anat. LX. H. 3. — Haymann, Prodromal- u. Initial Symptome d. progr.
Paral. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 1 . — Staindl, Diff.-Diagn. zw. beginnender
progr. Paral. n. Neurasth. Prager med. Woch. Nr. 24. — Forensische Psychiatrie:
Consiglio, Militärpsychiatrie u. -krirainologie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol XXVIII. H. 4/5. —
Kastan, Forensisch-psychiatrische Beobachtungen an Angehörigen d. Feldheers. Deutsche
med. Woch. Nr. 25. — Therapie der Geisteskrankheiten: Jackson, Hydrotherapy
in the treatment of mental diseases. Journ. of araer. med. Assoc. 15. Mai.
VII. Therapie. Jungmann, „Funkt Therapie“ ra. bes. Berücksichtigung d. Kriegs-
bescbädigtenbehandl. Mon. f. Unfallheilk. Juni. — Ollendorff, Valbroraid, brausendes Bai-
drian-Brom-Salz. Fortschr. d. Mediz. Nr. 88/39. — Rose, Foligan-„Henning“, ein neues
pflanzliches Sedativum. Münch, med. Woch. Nr. 20. — Mc 6uigan and Ross, Intraspin,
adrainistr. of morphin. Journ. of amer. med. Ass. I. Mai. — Topp, Terpazid. Zentralbl.
f. inn. Mediz. Nr. 23. — Hartmann, Übungsschule f. „Gehirnkrüppel“. Münch, med. Woch.
Nr. 23. — Mayer, Orthopäd. Behandl. d. alten Hemiplegiker. Berl. klin. Woch. Nr. 23. —
Kahane, Faradopalpation; Arsofaradisation. Wiener med. Woch Nr. 28. — Arnheim, Be¬
handlung v. Muskelatrophien nach Schußverl. m. d. „Myoroborator*. Fortschr. d. Mediz.
Nr. 38/89.
V. Mitteilung an den Herausgeber.
Sehr geehrter Herr Kollegei
Mit großem Interesse habe ich Ihr Referat der Asayamaschen Arbeit über
Aphasie bei Japanern (d. Centr. 1915. Nr. 15) gelesen. Mein Interesse an der yon
Ihnen referierten Arbeit ist deshalb so groß, weil durch die Arbeit des Japaners
ein Postulat erfüllt wird und eine Schlußfolgerung bestätigt wird, welche ioh vor
6 Jahren in meiner Arbeit „Beitrag zur Kenntnis der Alexie und verwandter
Störungen 44 (Mon. f. Psych. u. Neurol. XXV. 1909. Erg.-Heft) ausgesprochen hatte.
Ich schrieb damals bei der Analyse des Lesevorgangs: „Es wäre interessant zu
wissen, wie sich das klinische Bild bei Menschen gestaltet, welche eine Hiero-
glyphensohrift schreiben, wenn sich ein Krankheitsherd etabliert hat, der bei uns
Alexie erzeugt. Wenn unsere Auseinandersetzungen stimmen, so müssen die Hiero¬
glyphenleser viel besser gestellt sein aU wir. Denn die Hieroglyphen —
Abbildungen — werden durch einen einzelnen Herd lange nicht so leicht
assoziationslos oder assoziationsarm gemacht wie unsere Buchstaben oder Wort¬
bilder. 44
Die Asayamasche Publikation demonstriert nun aufs deutlichste die Richtig¬
keit meiner Vermutung und zeigt, daß die (unseren Schriftzeichen entsprechenden)
Kanabuchstaben bei alektischen Störungen verloren gingen, während die chinesi¬
schen (Hieroglyphen) Lettern (bei dem gleichen Kranken) erhalten blieben.
Auch bezüglich der Erklärung des beschriebenen Phänomens und verwandter
anderer (erhaltene Fähigkeit des Zahlenlesens bei Alexie), sowie hinsichtlich der
Möglichkeit des Lesens ohne Zuhilfenahme des akustischen Zentrums bestätigt die
A8&yama8che Arbeit meine damaligen Ausführungen.
Da der japanische Verfasser offenbar meine Arbeit aus dem Jahre 1909 nicht
gekannt hat, so darf ich Sie, sehr geehrter Herr Kollege, vielleicht bitten, obiges
in einem Nachtrag zu Ihrem Referat zum Abdruck bringen zu wollen.
Mit kollegialer Hochachtung
Ihr
P. Schuster.
Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel
in Berlin W, Augsburgerstr. 43.
Verlag von Vxit ft Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbs & Wittio in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICJtjIGACJ__j
Nedrologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prot E. MendeL
Herausgegeben
TOD
Dr. Kurt Mendel.
Vierunddrelßigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Buchhandlnngen des In» und Anslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 16. September. Nr. 18.
Inhalt L Original Mitteilungen. 1. Zum Andenken an Max Roth mann, von H. Oppen¬
heim. 2. Untersuchungen über Adrenalinmydriasis bei Geisteskranken und Gesunden, ron
Dr. W. M^ran der Scheer.
II. Referate. Reflexe. 1. Le temps de latence et la localisation des r&lexes, par
Pidron. 2. Sur le temps de latence du reflexe plantaire, par Drabowltch. S. A new method
of reflex elicitation, by Swift. 4. Le reflexe oculo-cardiaque dans le diagnostic de la nature
des bradycardies, par Loeper et Mougeot. 5. Un syndröme syphilitique: aortite et abolition
du reflexe oculo-cardiaque, par Loeper et Mougeot. 6 . Ein bemerkenswertes Reflexphänomen
bei einem Aneurysma der Art. femoralis, von Wigdorowitsch. 7. Über die physiologische
Pupillenunruhe und die Psychoreflexe der Pupille, von Förster u. Schlesinger. 8. Le reflexe
de pröhension dans les affections organiques de Tencephale, par Janischewsky. 9. Klinische
Studien über Synergiereflexe der unteren Extremitäten (reflexes de defense), von Kroll«
10. Einige Reflexuntersuchungen, die namentlich die Konstanz gewisser Reflexe betreffen,
von WUrtzen. 11. Der Glutäalklonns — ein Pyramidenzeichen, von Pfister. 12. Wie man
die Patellarreflexe untersuchen soll, von Heveroch. 13. Ein einfacher Handgriff zur Aus¬
lösung des Patellarreflexes, von Gerson. 14. Beitrag zur Kenntnis der Abdominal-, Kre¬
master- und Plantarreflexe, von Hedde. 15. Valore semeiologico dell’estensione continua
dell’alluce, per Pastine. 16. Untersuchungen über die faradische Auslösung des normalen
und des Babinskisehen Fußsohlenreflexes, von Tremmel. 17. Erklärung der Entstehungs¬
weise des Spasmus nutans beim Kinde mit Hilfe des Bedingungsreflexes, von Vas. 18. Rumi-
nation im Säuglingsalter — Heilung durch Diphtherie, von Wanietschek. — Meningen.
19. Über Meningitis nach subkutanen Verletzungen des Schädels und der Wirbelsäule, von
Markull. 20. Zur Bakteriologie und Prophylaxe der Meningitis epidemica, von Klinger und
Fonrman. 21. Flecktyphusartiger Verlauf von Genickstarre, von Umber. 22. Zur Kasuistik
der Meningitis purulenta, von Fuchs-Reich. 23. Ein Fall von Meningitis cerebrospinalis mit
flecktyphusartigem Exanthem, von Krilger. 24. Lesions oculaires dans la meningite cörebro-
spinale äpidömique, par Vinsonneau. 25. Zur pathologischen Anatomie der basalen Hirn-
nerven bei der Meningitis Weichselbaum, von Agazzi. 26. Ein geheilter Fall von schwerer
Meningitis cerebrospinalis mit einseitiger Erkrankung des inneren Ohres, von Dölger.
27. Ein einfaches Verfahren zur Erleichterung des Nachweises von Meningokokken in der
Lumbalflüssigkeit, von Obi. 28. Prophylactic vaccination against epidemic meningitis, by
Black. 29. Über die Serumtherapie der epidemischen Genickstarre, von Brach und Fröhlich.
30. Accidents following the subdural injection of the antimeningitic serum, by Flexner«
31. Parameningococous and its antiBerum, by Wollstein. 32. Proteusmeningitis and Proteus¬
sepsis bei einem Neugeborenen, von Goebel. 33. Über aktinomykotische eitrige Meningitis,
von Wegelln. 34. Meningitis bei Diphtherie, von Reiche. 35. Ein Fall von Meningitis
typhosa serosa, von Löw. 36. Die akute hämorrhagische Leptomeningoenzephalitis bei der
Milzbrandinfektion des Menschen, von Fulci.,, 37. Drei Fälle von Malaria mit ungewöhnlich
schweren Symptomen, von Ettinger. 38. Über rechtsseitige Otitis, kombiniert mit links¬
seitiger Meningitis, von Kutvlrt. 39. Die in den Jahren 1907 bis 1913 in der Breslauer
Universitäts-Ohrenklinik beobachteten Fälle von otogener Meningitis, von Fleck« 40. Die
otogene Spätmeningitis, von Alexander. 41. Deux cas de meningite otogene suppuree, par
Coulet. 42. Zur Heilbarkeit der otogenen und traumatischen Meningitis, von Denker.
43. Des voies snivies par l’infection endocranienne, au cours des antrites suppurees de la
face, par Sieur. 44. Les meningites ourliennes, par Roux. 45. Tuberkulöse Hirnhaut-
xxxiv. 43
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
674
entzünduog durch Quetschung eines tuberkulösen Nebenhodens hervorgerufen, von Thiem.
46. Über herdförmige Destruktionsprozesse im Großhirn und Veränderungen im Kleinhirn
bei tuberkulöser Meningitis, von Sittig. 47. Untersuchung tuberkulös meningitischer Punk-
tionsflüssigkeiten mit Hilfe der Ninhydrinreaktion, von Nobel. 48. The glycyl-tryptophan
reaction in meningitis, by Major and Nobel. 49. Über eine seltene Form von Hirnhaut¬
tuberkulose, von v. Czirer. 50. Über das Vorkommen von Meningitis tuberculosa bei ander¬
weitiger Organtuberkulose, von Steinmeier. 51. Über zwei unter dem Bilde einer Hirn¬
geschwulst verlaufende Hirnhautentzündungen, nebst Bemerkungen zur Frage über die
Entstehung und Ausbreitung der Meningitis tuberculosa, von Reichmann. 52. Ein Fall von
tuberkulöser Meningitis mit bitemporal-hemianopischer Pupillenreaktion, von Sittig. 53. Forme
clinique de möningite tuberculeuse döbutant par un syndröme de paralysie du nerf moteur
oculaire commun, par Marie et Weill. 54. Über die Heilungsmöglichkeit der Meningitis
tuberculosa, von v. Bökay. 55. Eine neue Behandlungsmethode der tuberkulösen Meningitis,
von Bacigalupo. 56. Zur Entstehungsweise seröser Meningitiden bei tuberkulösen Kindern,
von Finkeistein. 57. Zwei Fälle von Pseudomeningitis bei tuberkulösen Kindern, von
Brockmann. 58. Les hemorrhagies möningees, par Barthölemy. 59. Pachymeningitis haemor-
rhagica interna, par Tarassevitch. 60. Beitrag zur diffusen Meningealkarzinose, von Baranus.
61. Ein Fall von Geschwulstbildung in den weichen Häuten des Zentralnervensystems, von
Olivecrona. 62. Ein Fall von Meningozele, eine seltene Komplikation des Keuchhustens,
von Weigert. 63. Ein Fall von mehrfacher Meningozele, von Frank. — Hydrozephalus.
64. Zur Kasuistik des kongenitalen Hydrozephalus, von Motzfeldt. 65. 6 Monate altes Kind
mit enormem Hydrozephalus, von Steinebach. 66. Ein seltener Fall von Hydrozephalus, von
v. Blomberg. 67. Hydrozephalus nach intrakranieller Blutung, von v. Reuss. 68. Beiträge
zur Pathologie und Therapie des chronischen Hydrocephalus internus, von v. Bökay. 69. Ein
diagnostizierter und operativ (Trepanation und Balkcnstich) geheilter Fall von Hydrocephalus
internus acquiBitus, von v. Sarbö. — Psychiatrie. Dementia praecox. 70. Früh-
symptome der Dementia praecox, von Treiber. 71. Die körperlichen Frühsymptome der
Dementia praecox, von Breiger. 72. Über Wesen und Bedeutung katatonischer Symptome,
von Schneider.
I. Originalmitteilungen.
1. Zum Andenken an Max Rothmann.
Von H. Oppenheim.
Wenn auch Ohr und Seele jetzt an schlimme Kunde gewöhnt sind, hat
die Nachricht von dem fast plötzlichen Tode Rothmann’s doch für alle, die ihn
kannten, etwas schmerzlich Überraschendes und für viele geradezu Erschütterndes
gehabt.
Es wird ans schwer, uns an den Gedanken zu gewöhnen, daß ein Mann,
dessen äußere Erscheinung, dessen Wort und geistiges Wirken so von lebendiger
Kraft zeugte, kaum auf der Höhe seiner Lebensbahn angelangt, vor dem ge¬
bieterischen Halt des Todes die Hände, die so viel Gutes geschaffen hatten,
für immer sinken lassen mußte.
Freilich hatten die, die ihn ans der Nähe beobachteten oder ihm auch nur
in der Arena der wissenschaftlichen Diskussion begegneten, seit dem Beginn
des Krieges eine Veränderung an ihm wahrgenommen. Es schien, als hätten
die gewaltigen Ereignisse, die hohen, heiligen Forderungen der Zeit an ihm
besonders mächtig gerüttelt. Auch der Soldatentod seines geliebten Sohnes
wirkte nicht lähmend auf ihn, sondern schien ihn eher za einer gesteigerten
Tatkraft und leidenschaftlichen Hingabe an die große Sache anzuspornen. Aber
in den letzten Monaten wurde er ruhiger; der sonst so beredte Mann, den jede
wissenschaftliche Frage znr Mitteilung der eigenen Anschauungen anregte, der
mit solchem Naohdrnok und solchem Feuer seine Gedanken zum Ausdruck
Digitized b)
Google
Original fro-m
UNIVERSiTY OF MICHIGAN
675
brachte, war auffallend schweigsam — und es schien, als ob die seelischen
Erschütterungen auch in das feste Gefüge seines Körpers eingegriffen hätten.
Auf Krankheit, auf ein Yorübergehendes Brachliegen seiner ersprießlichen Tätig¬
keit waren wir gefaßt, aber nicht auf den unwiderruflichen Absohluß eines
noch jungen Lebens.
Max Rothmann ist am 26. April 1868 als Sohn eines noch lebenden,
sehr angesehenen Berliner Arztes geboren. Seine Studienjahre verbrachte er in
Berlin und in Freiburg. Nachdem er 1891 kurze Zeit unter Weigbbt ge¬
arbeitet hatte, trat er als Assistent in die von A. Fbaenkel geleitete Ab¬
teilung des Urbankrankenhauses und fand hier Gelegenheit, sich einige Jahre
in der inneren Medizin auszubilden.
In das Jahr 1894 fallt der Beginn seiner experimentellen Studien in
Munks Laboratorium unter der Leitung dieses hervorragenden Forschers, der
auf ihn den stärksten Einfluß ausgeübt hat Diese Tätigkeit, die bis 1907 und
später au der Nervenklinik der Charitö fortgesetzt wurde, ist richtunggebend für
das wissenschaftliche Denken und auch für den praktischen Beruf Rothmann’s
geworden, denn es lag in der Natur der Sache, daß er auf dem Wege der
Hirn- und Rückenmarksphysiologie zur Neurologie hinübergeleitet wurde.
Gelegenheit zu den entsprechenden klinischen Beobachtungen fand er be¬
sonders in der von ihm im Jahre 1906 gegründeten Poliklinik. Mit der Habili¬
tation im Jahre 1899 begann seine Lehrtätigkeit; den Professortitel erhielt er 1910.
In der akademischen Laufbahn sind ihm zwar die starken Erschütterungen
erspart geblieben, aber das Leben ist ihm da, wie er mir gegenüber einmal
äußerte, auch nicht leicht gemacht worden.
Seit 1912 beschäftigte ihn die Idee der Schaffung einer Anthropoidenstation
. auf Teneriffa. Unter der tatkräftigen Hilfe Waldeyeb’s kam es zur Aus¬
führung des Planes. Über die Ziele und Aufgaben dieses Institutes konnte
Rothmann vor kurzem einen interessanten Bericht erstatten, der in den Ab¬
handlungen der K. Preuß. Akademie der Wissenschaften (Jahrgang 1915) er¬
schienen ist
Von seinen wissenschaftlichen Leistungen können nur die wichtigeren
hier angeführt werden. In die ersten Jahre seiner schriftstellerischen Tätigkeit
(1893/94) fallen Abhandlungen, die verschiedenen Gebieten der Medizin an¬
gehören, aber das neurologische Interesse tritt schon in den Vordergrund.
1895 erschien die wertvolle Arbeit über die kombinierten Strangerkrankungen
des Rückenmarks. Es folgten klinische und experimentelle Studien am Rücken¬
mark: über die Degeneration der Pyramidenbahnen, über Rückenmarksverände¬
rungen nach Abklemmung der Aorta, über die sekundäre Degeneration nach
Ausschaltung des Sakralmarks, dann im Jahre 1900 Mitteilungen über den
Stenson’sohen Versuch, über die Pyramidenkreuzung, die funktionelle Bedeutung
der Py, das Monakow’sche Bündel. Das Jahr 1902 brachte Untersuchungen
über die spinalen Atmungsbahnen, das Problem der Hemiplegie, die hohe
Durchschneidung des Seitenstrangs beim Affen. Aus dem folgenden Zeitraum
(1903—1906) sind hervorzuheben die Arbeiten über die spastische Spmalparalyse,
43*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
676
die Anatomie and Physiologie des Vorderstrangs, experimentelle Läsionen am
Zentralnervensystem des Affen, diagnostische Bedeutung der Haot- and Sehnen*
reflexe usw. Dann folgten experimentelle und klinische Beobachtungen über
die Leitang der Sensibilität im Rückenmark, über die transkortikale motorische
Aphasie, eine tabesartige Erkrankung beim Affen, die Pyramidenbahn, die Er¬
gebnisse der Hörprüfung an dressierten Affen (1908), über Echinococcus der
Wirbelsäule (1909, mit M. Bobohabdt), Myatonia congenita, Therapie cerebraler
Lähmungen. Das Jahr 1910 ist besonders bedeutungsvoll durch die Mitteilungen
und Demonstrationen, welche sich auf den Hund ohne Großhirn beziehen.
Es war Rothmann gelungen, einen Hund, dem er beide Großhirnhemisphären
exstirpiert hatte, mehrere Jahre am Leben zu erhalten und seine Funktionen
sorgfältig zu studieren. In der Folgezeit (ab 1910/11) beschäftigte er sich
eingehend mit der experimentellen Physiologie des Kleinhirns: „Zur Lokali¬
sation im Kleinhirn des Affen, Funktion der Rinde der Kleinhirnhemisphäre“,
elektr. Erregbarkeit des Kleinhirns, über Kehlkopf und Kleinhirn usw. Das
Interesse für diese Frage beschäftigte ihn auch noch in den nächsten Jahren,
wenn auch manches andere klinische Gebiet dabei in Angriff genommen wurde,
wie das besonders die schöne Abhandlung „über die Gegenwart und Zukunft
der Rüokenmarkschirurgie“, die Beiträge zu dem Bäräny’schen Versuch und
die von Rothmann selbst entdeckte Erscheinung der Richtungsablenkung bei
Herderkrankungen des Großhirns zeigen.
So bietet uns sein Leben eine Fülle von wissenschaftlicher Tätigkeit, deren
bedeutungsvollster Teil zweifellos in den experimentellen Untersuchungen am
zentralen Nervensystem der höheren Säugetiere besteht Hier hatte er sich die
Methodik seines berühmten Lehrers Munk — auf den er bei jeder Gelegenheit
mit dem Ausdruck höchster Verehrung hinwies — angeeignet, sie weiter aus*,
gebildet und besonders auf die verschiedenen Rückenmarksbahnen angewandt
In den ersten Jahren waren es die Pyramidenbahnen, die sein Interesse
in Anspruch nahmen; er kam dabei zu der Überzeugung, daß den extra-
pyramidalen Faserzügen eine große, bis da nicht genügend gewürdigte Bedeutung
zukäme. Später hat ihn die Frage der Leitung der Sensibilität im Rückenmark
zu experimentellen Forschungen angeregt. Durch seine mit besonderem Eifer
und Beharrlichkeit durchgeführten Beobachtungen am großhirnlosen Hund hat
sich Rothmann weit über die Kreise der Faohgenossen hinaus bekannt gemacht
In den letzten Jahren war es das Kleinhirn und seine Bahn«), die Frage
nach dem Wesen, der physiologischen Bedeutung dieses Gebildes, die ihn zu
eingehenden Untersuchungen anregten, die — soweit ich zu beurteilen vermag —
die volle Anerkennung der auf diesem Gebiet kompetenten Forscher gefunden
haben.
Aber Rothmann verband mit dem experimentellen das klinische Interesse,
er war auch mit ganzer Seele Arzt, und so ist das experimentelle Studium für
ihn niemals der Endzweck. Erst in der Übertragung der so gewonnenen Er¬
gebnisse auf den kranken Menschen findet er das erstrebenswerte und beglückende
Ziel der physiologischen Forschung. So sehen wir ihn auf jedem Gebiet seiner
Digitized by
■v Google
Original frn-m
UMIVERS1TY OFMICHIG/
Tätigkeit den Versuch machen, die experimentell festgestellten Tatsachen der
Klinik zugute kommen zu lassen. Und es war fast stereotyp für die Vorträge
und Diskussionen Rothmahh’b, daß er immer wieder eine Brücke zu schlagen
verstand zwischen den am Tiergehirn nachgewiesenen Erscheinungen und der
klinischen Beobachtung.
Ich weiß nicht, ob alles das, was Rothmann ins Erdreich der Wissenschaft
gepflanzt hat, aufgehen und oh alle Halme Früchte tragen werden. Aber das
weiß ich, daß er ein von ernstem Streben erfüllter und für seine Wissenschaft
begeisterter Forscher gewesen ist, und daß vieles von dem, was er geschaffen
hat, einen bleibenden Wert für die medizinische Wissenschaft behalten wird.
In den ärztlichen nnd wissenschaftlichen Gesellschaften Berlins war Rothkann
eine bekannte, von .den meisten hochgeschätzte Persönlichkeit Seine Vorträge
und Bemerkungen erhielten durch die innere Anteilnahme des ganzen Menschen
etwas Packendes und Überzeugendes. Auch in der Gesellschaft Deutscher
Nervenärzte, der er als eifriges und tatkräftiges Mitglied angehörte, hat er eine
anregende und befruchtende Tätigkeit entfaltet.
Wir leben in einer Zeit, in der der Schmerz um den Verlust eines Einzelnen
nicht laut und nicht nachhaltig sein darf — aber wenn der Tod eine für die
Menschheit wertvolle Persönlichkeit nnd so in der Vollkraft ihres Schaffens weg¬
gerafft hat, soll, die Klage der Freunde und Fachgenossen nicht stumm verhallen.
2. Untersuchungen über
Adrenalinmydriasis bei Geisteskranken und Gesunden.
Von Dr. W. M. van der 8obeer, Meerenberg (Holland).
Ein Artikel Schultz’s in der Monatsschrift f. Psychiatrie u. Neurologie
(Bd. XXXVII, H. 4): „Beitrag zur somatisohen Symptomatik und Diagnostik der
Dementia praecox“, erregte mein Interesse, da in ihm eine äußerst einfache
Methode angegeben wird, bei der Dementia praecox eine Erscheinung nachzu¬
weisen, die bei den rein funktionellen Psychosen nicht vorkomme. Die Adrenalin-
einträuflüng in den Konjunktivalsack des Auges sollte nämlich bei einer großen
Zahl Schizophrener eine Veränderung der Pupillen weite hervorrufen. In un¬
gefähr 50°/ 0 der Fälle sah Schultz Mydriasis, in lö°/ 0 Miosis, in 15 % zweifel¬
hafte Reaktion.
Diese Pupillenveränderung käme bei Normalen nie und bei rein funktio¬
nellen Psychosen fast nie vor, bei organischen Hirnerkrankungen, wie bei der
Depientia paralytica, bei der Dementia senilis, bei der organischen Epilepsie,
sei die Adrenalinmydriasis nioht selten.
Schultz stützt seine Schlüsse auf die Untersuchung von 60 Fällen von Dementia
praecox, 48 Fällen funktioneller Psyohosen und Neurosen, von 28 Fällen orga¬
nischer Himerkrankungen und 20 Normalen und ist der Meinung, „daß die
einseitige Prüfung der Adrenalinmydriasis, unter Kontrolle der anderen Pupille
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
und in technisch einwandfreier Weise aasgeführt, eine einfache gefahrlose
klinische Methode ist, die anscheinend praktisch von Interesse ist (( .
Ich habe diese Untersuchungen fortgesetzt und kam zu anderen Schlüssen.
Deshalb glaube ich mich berechtigt, sie mitzuteilen. Für die Literatur verweise
ich auf Schultz, Biedl und Cords.
Eigene Untersuchungen.
Die Zahl meiner Versuchspersonen beträgt 283, zusammen habe ich 575mal
auf Adrenalinmydriasis untersucht. Die Schlüsse aus meinen Untersuchungen
habe ich aber aus einer viel kleineren Zahl gezogen, und zwar aus den Unter¬
suchungen bei 172 Menschen, bei denen ich im ganzen 397 Einträuflungen
vornahm.
Damit ich mich nicht fortwährend wiederhole, teile ich vorher mit, wie ich
untersuchte und welche die Gründe waren, die mich dazu bestimmten, eine
verhältnismäßig große Zahl von Untersuchungen außer Betracht zu lassen.
Meine Methode war die, welche durch Cords 1 und später durch Schultz
angegeben wurde.
Jeder. Versuchsperson habe ich innerhalb ungefähr 5 Minuten 3mal zwei
Tropfen einer l°/oo*8 en Lösung Suprareninum hydrochloricum syntheticum
(Höchst) in ein Auge eingeträufelt. Nachher wurde das Auge 10 Minuten ge¬
schlossen und die Pupillenweite in Intervallen von 30 Minuten, während 2*/ a
bis 4 Stunden, bestimmt, das eingeträufelte mit dem nicht eingeträufelten Auge
vergleichend. Auch noch längere Zeit als 4 Stunden nach der Einträuflung
habe ich bei zahlreichen Personen Pupillenunterschiede untersucht
Die Methode läßt an Einfachheit nichts zu wünschen übrig, nur die regel¬
mäßige Kontrolle beansprucht sehr viel Zeit
Der Untersuchung geht selbstredend eine genaue Bestimmung einer even¬
tuell bestehenden Pupillendifferenz voraus, die man am besten bei diffusem,
nicht zu starkem Licht vornimmt, wobei man dafür sorgt, daß beide Pupillen
gleich stark belichtet werden. Dabei stellte sich nun heraus, daß eine rich¬
tige Vergleichung nur dann stattfinden kann, wenn man sich hinter
die Versuchspersonen stellt und diesen den Kopf hinten überbeugen läßt, sie
nach oben blicken läßt, so daß man von oben, ohne durch die Lichtreflexe ge¬
stört zu werden und ohne daß man die Lichtquelle verdunkelt, den Unter¬
suchten ansieht
Dabei ist es mir aufgefallen, wie viele Personen, sowohl Normale wie
Kranke, ungleiche Pupillen haben.
Die Differenz ist oft sehr gering, aber doch sehr deutlich. Von den 134
untersuchten normalen Personen fand ich 63 mit Pupillendifferenz, also in un¬
gefähr 40%, und bei Geisteskranken fand ich eine Zahl, die etwas größer war.
Diese Zahl ist also bedeutend größer, als man allgemein annimmt. Ich
muß gestehen, daß nicht jeder dieser Fälle von mir sofort als ein Fall mit un¬
gleichen Pupillen bei der, den Versuchen vorangehenden, einmaligen Kontrolle
1 Neurolog. Centralbl. 1911. Nr. 18.
Digitized by
Gck .gle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
erkannt ist. Erst während der wiederholten Kontrolle, dem Sachen nach
Unterschieden, mehr aber noch durch die regelmäßige Einträuflung beider Augen
an verschiedenen Zeiten, wurde mir der Unterschied deutlich, ln nicht wenigen
Fällen, wo ich schon gleiche Pupillen angenommen hatte, fand ich dann nach
Einträuflung das eine Mal Mydriasis vorgetäuscht, das andere Mal Miosis
des anderen Auges.
Die später durchgeführte genauere Kontrolle wies in fast all diesen Fällen
eine geringe Anisokorie nach.
Will man also seine Besultate verwerten, dann muß man verlangen, daß
bei jeder Versuchsperson beide Augen auf Adrenalinmydriasis untersucht werden;
erst wenn man für beide Augen dasselbe Resultat findet, darf man annehmen,
daß ein Irrtum ausgeschlossen ist.
Daß diese Kontrolle dringend notwendig ist, darauf muß ich bestimmten
Nachdruck legen!
Dies ist eine der Ursachen, die mich dazu bestimmt haben, einen großen
Teil der Fälle von meinen Untersuchungen auszuschließen.
Ja ich habe gemeint, alle Fälle mit Anisokorie außer Betracht lassen zu
müssen.
Wohl habe ich versucht, auch bei diesen Personen den Einfluß auf die
Pupillenweite zu bestimmen und war in vielen Fällen davon vollkommen über¬
zeugt, speziell in den Fällen, wo die ursprünglich engere Pupille weiter wurde
als die ursprünglich weitere. Um zwar zu bestimmen, ob z. B. die ursprünglich
weitere Pupille weiter wurde oder ob die engere Pupille gar nicht reagierte,
müßten Irrtümer und autosuggestive Einflüsse ausgeschlossen werden, wenn
diesen Untersuchungen objektiver Wert zugeschrieben werden sollte.
So wurde die Zahl der untersuchten Fälle auf 172 reduziert.
Wenn beide Augen konstant mit einer deutlichen Mydriasis reagieren,
spreche ich von positiver Reaktion, negativer, wenn in beiden Versuchen die
Mydriasis ausbleibt, von paradoxer, wenn die Pupille enger wird (Schultz).
Die Zahl der Fälle, wo es mir nicht möglich war, eine Pupillenreaktion
festzustellen oder auszuschließen, war nicht gering. Diese nenne ich Fälle mit
zweifelhafter Reaktion.
Auch die Fälle mit wechselnder Reaktion habe ich zu dieser Gruppe ge¬
rechnet, wiewohl eigentlich diese Fälle nicht identisch sind.
Schließlich war der Ausgangspunkt dieser Untersuchung, den praktischen
Wert der Methode für die psychiatrische Untersuchungsmethodik zu bestimmen.
Ich kam zu folgenden Resultaten:
Von den im ganzen untersuchten 90 Fällen von Dementia praecox
fielen 35 weg wegen ungleicher Pupillen. 6 konnten nur einmal untersucht
werden und bleiben also auch außer Betracht Es blieben 48 Fälle übrig
(36 Weiber und 12 Männer). Von diesen reagierten:
positiv für beide Augen 15 *■ 31,0%
negativ „ „ ., 18 = 37,5 %
zweifelhaft .... 15 = 31,0%.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
680
Paradoxe Reaktion konnte ich in keinem einzigen Falle mit Bestimmtheit
nachweisen.
Bei den Männern fand ich 3 mit positiver, 6 mit negativer und 3 mit
zweifelhafter Reaktion, während bei den 36 Weibern die Verteilung der Fälle
folgende war: positiv 12, negativ 12, zweifelhaft 12.
Die Zahl der negativen mänulichen Fälle war also relativ größer als die
Zahl der negativen weiblichen Fälle; der Unterschied ist aber zu klein, um
daraus etwas zu schließen.
Was die Fälle mit positiver Reaktion anbelangt, so sei gesagt, daß hierunter
einzelne Fälle waren mit ausgiebiger Reaktion, daß aber der größte Teil eine
mittelmäßige Pupillenerweiterung zeigte. Die Erweiterung wurde erst */» bis
1 Stunde nach der Einträuflung deutlich.
Eine Bemerkung muß noch gemacht werden: daß zwar der größte Teil
der untersuchten Fälle zu den chronischen gehörte, aber auch ziemlich viele
akute und subakute Fälle untersucht wurden. Einen deutlichen Unterschied
zwischen diesen zwei Qruppen habe ich nicht entdecken können, ebensowenig
wie einen Unterschied zwischen den verschiedenen Untergruppierungen, welche
man für die Dementia praecox aufzustellen versucht hat.
Genuine Epileptiker untersuchte ich ungefähr 16; von diesen fallen 6
weg aus denselben Gründen, die für die Dementia praecox gelten. Bei den 10
übrigen kam ich zu den folgenden Resultaten: positiv 4, negativ 3, zweifelhaft 3.
Bei diesen Fällen waren keine organischen Abweichungen festzustellen.
Die 2 Fälle vou organischer Epilepsie auf dem Boden der Hemiplegia
spastica infantilis reagierten beide positiv, wovon einer sehr ausgiebig.
Imbezille und Idioten untersuchte ich ungefähr 26. Von diesen fielen
etwa 19 weg aus den schon genannten Ursachen. Von den übrigen 16 reagierten:
positiv 9 m* 56,0 °/ 0
negativ 5 = 32,0 °/ 0
zweifelhaft 2 = 12,5 °/ 0 .
Ich untersuchte 20 Fälle von manisch-depressivem Irreseiu, wozu
ich bequemlichkeitshalber auch die Melancholien gerechnet habe, ohne hier¬
durch zu präjudizieren, daß ich diese Fälle als „einheitliche“ Gruppe auffasse.
10 Fälle mußte ich wieder aus den schon genannten Ursachen wegfallen lassen.
Vou den übrigen fand ich: positiv 5, negativ 3, zweifelhaft 2.
Von diesen 5 positiven Fällen gehörten 3 zu den sicheren Fällen von
manisch-depressivem Irresein. 2 von diesen, welche die deutlichste Reaktion
zeigten, wurden während einer manischen Phase untersucht, der 3. im sym-
ptomenfreien Intervall. Bei einem der Fälle darf die Diagnose angezweifelt
werden. Hier spielen degenerative Momente eine große Rolle. Einer der Fälle
gehört zur Augstmelancholie.
Zu den übrigen der untersuchten Fälle, deren geringe Zahl so wie so nicht
berechtigen eine Folgerung zu ziehen, gehören noch 4 Fälle von Hysterie
(2 Männer und 2 Weiber), welche alle deutlich positiv reagierten.
Digitized by
Gck igle
Original frorn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
681
Wenn wir also die organische Epilepsie außer acht lassen, als unbedingt
von organischem Ursprung, so finden wir.-
Dementia pracox 48:
positive Reaktion 15 = 31,0%
negative „ 18 = 37,5 %
zweifelhafte „ 15 = 31,0 %
und von den übrigen untersuchten Psychosen:
Positiv Negativ Zweifelhaft Total
Genuine Epilepsie. 4 3 3 10
Imbezillitas und Idiotie. 9 5 2 16
Manisoh-depressives Irresein und Melancholie 5 3 2 10
Hysterie. 4 — — 4
22(55%) 11(27,5%) 7(5%) 40
Ein sehr großer Prozentsatz der positiven Fälle gehört der Gruppe der
Imbezillen und Idioten und der der genuinen Epilepsie an, Krankheiten, welche
jetzt wohl niemand mehr als von funktionellem Ursprung auffassen wird, und
bei welchen eine organische Affektion des Zentralnervensystems in vielen Fällen
angenommen werden darf.
Aber auch bei denjenigen Psychosen, welche wir bis jetzt zu den unbedingt
funktionellen Psychosen gerechnet haben, finde ich öfters eine deutliche Adrenalin*
mydriasis.
Nicht immer war diese ausgiebig, aber immerhin sehr deutlich. Ja zu¬
fällig zeigten die vier einzigen Fälle von Hysterie, die ich untersuchen konnte,
alle eine deutliche Adrenalinmydriasis.
Die relativ geringe Zahl der untersuchten Fälle schließt eine Vergleichung
der Prozentzahlen der verschiedenen Gruppen aus, wohl aber berechtigen meine
Resultate zu folgendem Schluß:
Die Prüfung auf Adrenalinmydriasis hat für die Diagnose der
Dementia praecox vorläufig keinen praktischen Wert.
Um deshalb auch meinerseits festzustellen, ob es sich nicht bloß um zu¬
fällige Nebenbefunde handle, habe ich 134 somatisch und psychisch Gesunde,
bei denen auch Augenerkrankungen ausgeschlossen werden konnten, auf eventuelle
Adrenalinmydriasis untersucht — genau in derselben Weise, wie ich es bei
meinen Kranken ausführte.
Dabei konnte ich 53mal Größendifferenz der nicht dirokt belichteten
Pupillen feststellen.
Nur die Ergebnisse, welche ich bei 81 Normalpersonen fand, wobei ich im
ganzen 183 Einträuflungen verrichtete, kann ich, um vergleichbare Resultate
zu erhalten, also verwerten.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
682
Es ergab sich folgendes:
Somatisch und psychisch Gesunde (81):
Positiv für beide Augen 28 = 34,5 °/ 0
Paradox „ „ „ 3= 4,5 %
Zweifelhaft. 20 = 24,5 %
Negativ für beide Augen 30 = 37,0 %.
Die Resultate verteilen sich im allgemeinen bei den beiden Geschlechtern
ziemlich gleichmäßig.
Die kleinere Anzahl männlicher Personen erklärt zur Genöge den Unter¬
schied in den Prozentzahlen.
Gesunde Frauen (65):
Positiv für beide Augen 22 = 34,0 °/ 0
Paradoi „ „ „3= 4,5 °/ 0
% Zweifelhaft.17 = 25,0%
Negativ für' beide Augen 23 = 85,5 %
Gesunde Männer (16):
für beide Augen 6 = 37,5%
Zweifelhaft . ”. . 3 = 18,5%
Negativ für beide Augen 7 = 44,0 %
Positiv
Paradox
Was die Fälle anbetrifft, welche deutlich auf die Einträufelung mit Adrenalin
reagierten, zeigten die 3 Personen, bei denen eine paradoxe Reaktion stattfand,
dieselbe sehr deutlich.
Die Dauer der Verengerung war ungefähr 4 bis 5 Stunden.
Von den 25 Personen, welche Adrenalinmydriasis zeigten, war die Reaktion
in 10 Fällen schwach positiv, immerhin deutlich nachweisbar. Von den 15
stärker positiv reagierenden Fällen war einzelne Male die Erweiterung sehr
ausgiebig.
In den meisten Fällen wurde die Mydriasis erst nach einiger Zeit — 30
bis 60 Minuten — deutlich, in einigen Fällen noch später.
Die Reaktionsdauer ist für die verschiedenen Personen außerordentlich
verschieden.
In einigen Fällen blieb die einmal festgestellte Differenz einen ganzen Tag
besteben, andere dagegen zeigten schon nach 3 bis 4 Stunden keine Diffe¬
renz mehr.
Obwohl die Reaktion für beide Augen positiv war, war zwischen den beiden
Untersuchungen öfters ein ziemlich großer Unterschied, das eine Mal z. £. war
sie stark positiv, das andere Mal nur angedeutet. Welche Einflüsse hier im
Spiel sind, habe ich nicht feststellen können. Ein einziges-Mal war es mir, als
ob die gleichzeitige Menstruation Einfluß auf die Stärke der Reaktion ausübte,
Sicherheit hierüber habe ich jedoch nicht bekommen, und in den meisten Fällen
war es mir nicht möglich, eine Ursache ausfindig zu machen (Ermüdung, Nacht-
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAI
wachen; am Morgen oder am Abend, vor und nach der Mahlzeit). Ebenso¬
wenig wie bei den Fällen, die wechselnd auf die Adrenalineinträufelung reagierten.
Was die zweifelhaften Fälle anbetrifft, will ich bemerken, daß der größte
Teil, meiner Meinung nach, eher zu den schwach-positiven als zu den negativen
Fällen gehört
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen, wobei ich also in 34,5 % der Normal-
fälle eine deutliche, wenn auch selten eine ausgiebige Adrenalinmydriasis fand,
könnten erklären, daß Schultz in fast 50°/ o seiner Praecoxfälle eine positive
Reaktion fand, wäre es nicht leicht, daß als allgemeine Regel angenommen wird,
daß bei normalen Personen die Adrenalineinträuflung die Pupillenweite nicht
beeinflußt, eine Annahme, die von vielen Untersuchem geteilt wird.
Daß die meisten Untersucher bei Normalen andere Resultate erhielten als
ich, wäre vielleicht auf ein verschiedenes Suprarenin zurückzuführen oder
vielleicht darauf, daß die anderen Untersucher nicht während genügend langer
Zeit nach der Einträuflung untersucht haben. Da ich dasselbe Präparat wie
Schultz angewandt habe, kann nur die verschiedene Untersuchungsmethode
den Unterschied erklären.
Antoni 1 kommt betreffs der Reaktion normaler Menschen zu demselben
Resultat wie ich; er sagt: „An einem sehr großen Kontrollmaterial von Geistes¬
kranken, somatisch Kranken, Gesunden, hat sich gezeigt, daß der landläufige
Satz von dem normaliter refraktären Verhalten des Dilatators gegen die kon-
junktivale Applikation des Adrenalins nicht allgemeine Geltung hat. Es ist
etwas ganz gewöhnliches, daß sich die Pupille auf Adrenalineinträuflung, aller¬
dings nur schwach, aber doch vollkommen deutlich erweitert Das eigentümliche
dabei, und was sicherlich daran schuld ist, daß diese Beobachtung nicht vorher
gemacht wurde, ist, daß diese physiologische Erweiterung sehr langsam, erst 3
bis 5 Stunden nach der Einträuflung, erfolgt.“
Schultz, der die Beobachtung Antoni’s erwähnt, behauptet, zu diesen
Untersuchungen keine Stellung nehmen zu können, da Antoni seine Methodik
und sein Präparat nicht nennt
Zwar spricht Antoni von einer l°/ 0 igen Adrenalinlösung, jedoch nennt er
das von ihm eingeträufelte Quantum nicht, aber auch derart untersuchend, wie
es Schultz getan hat, finden die ANTONi’schen Behauptungen durch meine
Resultate Bestätigung.
Nur fand ich oft schon innerhalb der ersten Stunde eine deutliche Adrenalin¬
mydriasis. Weshalb der eine reagiert, der andere aber nicht, entzieht sich meiner
Beurteilung. Der Zustand des vegetativen Nervensystems wird hierauf von
großem Einfluß sein.
Meine Resultate sind:
1. Die Anisokorie kommt bei normalen Menschen viel öfter vor, als bisher
angenommen wurde. Während die Prozentzahl der verschiedenen Untersucher
zwischen 2,6 °/ 0 (Bach) und 24°/ 0 (Reichmann*) schwankt, fand ich in 40%
1 Adrenalin nnd Papille. Nenrolog. Centr&lbl. 1914. 8. 674.
* Archiv f. Psych. LIII.
Digitized b'
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
684
Papillendifferenz, die nicht immer sehr gleich deutlich war, aber bei wieder¬
holter genauer Untersuchung bei verschiedener, aber stets diffuser Beleuchtung
sicher nachweisbar war.
2. Bei gesunden Menschen fandich in 34,5 °/ 0 der Fälle Adrenalinmydriasis
[(Adrenalin = Suprareninum hydroohloricum syntheticum (Höchst)], Die Mydriasis
ist meistens nicht sehr stark, aber deutlich, tritt nach und nach auf, oft erst
nach ziemlich langer Zeit ( l / 2 > 1* 1V» Stunde). In einzelnen Fällen kommt
Adrenalinmiosis vor.
3. Die Adrenalinmydriasis tritt bei verschiedenen Psychosen etwas häufiger
auf als bei Normalen. Sie ist einzelne Male sehr stark und dauert lange,
namentlich bei der Katatonie und bei der Epilepsie.
4. Der Adrenalinmydriasis kommt als differentielles Diagnostikum funktio¬
neller oder organischer Psychosen bislang keine praktische Bedeutung zu.
II. Referate.
Reflexe.
1) Le temps de latenoe et la looalisation des räfiexes, p&r H. Pieron.
(Compt. rend. Soc. de biol. LXXYII. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Misch.
Aus der Latenzzeit der Reflexe des Menschen lassen sich gewisse Schlüsse
auf die Lokalisation derselben ziehen. So beträgt z. B. die Latenzzeit des Patellar-
reflexes und des Achillessehnenreflexes gleichmäßig 40 biB 50 a (1 a = 0,001 Se¬
kunden); eine außerordentlich kurze Latenzzeit, die auf eine Lokalisation der
Sehnenreflexe im Rückenmark hinweist. Dem gegenüber steht eine auffallend lange
Latenzzeit der Hautreflexe (z. B. Latenzzeit des Plantarreflexes = 230 a), die auf
die kortikale Lokalisation der Hautreflexe hinweist; nur der Babinskische Reflex
macht davon eine Ausnahme. Obwohl diese Lokalisation der Hautreflexe mit den
klinischen Beobachtungen im allgemeinen übereinstimmen würde, so steht dem
doch eine Beobachtung Dejerines gegenüber von einem Fall von Zerstörung des
7. Zervikalsegments, bei dem die Hautreflexe, insbesondere der Plantarreflex,
erhalten blieben. Es wäre also nicht ausgeschlossen, daß die Hautreflexe trotz
ihrer langen Latenzzeit ihre Lokalisation im Rückenmark* hätten. Hiermit würde
die Tatsache übereinstimmen, daß die sogen. Abwehrreflexe, deren medulläre
Lokalisation ganz unzweifelhaft ist, ebenfalls eine außerordentlich lange Latenz¬
zeit besitzen. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß die lange Latenzzeit dieser
Reflexe durch ganz heterogene Ursachen bedingt ist, deren Feststellung ein neues
Licht auf den Mechanismus des Reflexablaufs werfen würde.
2) Sur le temps de latenoe du röflexe plantalre, par W. Drabowitch.
(Compt. rend. Soc. de biol. LXXVII. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Misch.
Aus den zahlreichen Untersuchungen geht hervor, daß die Latenzzeit des
Fußsohlenreflexes, bei Auslösung durch elektrische Reizung, durchschnittlich
29 /ioo Sekunden beträgt. Es ist also ein sehr langsamer Reflex, wenn man damit
die Latenzzeit der Sehnenreflexe von 4 /ioo Sekunden und des Blinzelreflexes von
8 /ioo Sekunden vergleicht.
3) A new method of reflex elioitation, by W. B. Swift. (Journ. of the amer.
med. A8SOC. LXI1I. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch.
Es wird untersucht, wie sich die Sehnenreflexe während der Einwirkung einee
schwachen faradisohen Stromes verhalten. Es ergibt sich, daß normale Reflexe
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSiTY OF MICHIGAN
685
in etwa der Hälfte der untersuchten Fälle unter diesen Umständen verstärkt
werden, und daß insbesondere fehlende Reflexe zuweilen dnrch diese Methode
hervorgerufen werden können, wenn alle anderen Methoden versagen. Besonders
ist dies auf die Kniesehnen- und Achillessehnenreflexe anwendbar. Es sollte des¬
halb diese Methode der elektrischen Refiexverstärkuug unter die neurologischen
Untersuchungsmethoden aufgenommen werden, denn sie kann von diagnostischer
Bedeutung werden, wenn selbst der Jendr&ssiksche Handgriff versagt.
4) Le röfiexe ooulo- o»rdiaque dann le diagnoatie de la nature des brady-
cardies, par M. Loeper et A. Mougeot. (Compt. rend. Soo. de Biol. LXXVI.
1914. S. 104.) Ref.: W. Misch.
Die zentripetale Bahn des okulokardialen Reflexes scheint der Trigeminus,
die zentrifugale der Vagus zu sein; sein Zentrum scheint da zu liegen, wo der
Vagus bei seinem intrabulbären Verlaufe den sensiblen Trigeminuskern trifft.
Durch medikamentöse Therapie läßt sich diese Rolle des Vagus zuweilen darstellen,
wie sich z. B. bei drei Magenleidenden der Reflex durch Belladonna- und Atropin¬
wirkung zum Verschwinden bringen ließ. Neben der Pulsverlangsamung äußert
sich der Reflex noch in einer Herabsetzung der Pulsamplitude und des arteriellen
Druckablaufs, die auch als alleinige Symptome auftreten können. Eine Qefahr,
bei der Auslösung des Reflexes eine partielle Dissoziation durch eine totale zu
ersetzen, besteht bei der Geschwindigkeit des Reflexphänomens nicht.
6) Un syndröme syphilitique: aortlte et abolition du röflexe ooulo-oar-
diaque, par M. Loeper et A. Mougeot. (Progräs mödic. 1914. Nr. 22.)
Ref.: Kurt Mendel.
In 7 von 10 Fällen mit syphilitischer Aortitis fanden die Verff. das Fehlen
des okulokardialen Reflexes, d. h. der Pulsverlangsamung bei Kompression des
Augenbulbus. Meist, doch nicht immer, besteht gleichzeitig das Argyll-Robertson-
sche Zeichen. Das Syndrom: Fehlen des okulokardialen Reflexes und Aortitis hat
ähnlichen Wert wie das von Babinski aufgestellte Syndrom: Aortitis und Argyll-
Robertson.
6) Bin bemerkenswertes Reflexphänomen bei einem Aneurysma der Art.
femoralis, von Dr. Wigdorowitsch. (Deutsche med. Wochenschr. 1915.
Nr. 24.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Aneurysma der Art. femoralis. Drückt man die Art. femoralis unter
dem Ligam. Pouparti des verwundeten Beines zusammen, so sinkt der Pols von
72 sofort auf 42 bis 45 Schläge in der Minute. Dasselbe Verfahren am gesunden
Beine beeinflußt den Puls nicht.
7) Über die physiologische Pupillenunruhe und die Psyehoreflexe der
Pupille, von E. Förster und Erich Schlesinger. (Monatsschr. f. Psyoh. u.
Neurol. XXXVH. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel.
Nach der Meinung einer Reihe von Autoren fehlt die Pupillenunruhe, die als
eine Ausdrucksbewegung seelischer Vorgänge aufgefaßt wird, beim gesunden
Menschen nie, wenn eine völlige Adaptation an das bei der Untersuchung benutzte
Licht ein getreten ist; auf zugeföhrte sensorische, sensible oder rein psychische
Reize reagiert die Pupille immer im Sinne einer Erweiterung. Die Verff. führten
nun ihre Untersuchungen mit dem Peripupillometer (s. d. Centr. 1914. S. 863)
aus, welcher eine Einrichtung besitzt, die gestattet, die Akkommodation des unter¬
suchten Auges auszuschließen. Sie fanden nun, daß nach genügender Adaptation
für dunkel, bzw. für das zur ständigen Besichtigung der Papille erforderliche
seitlich angebrachte Lämpchen von etwa 3 Meterkerzen Intensität die Pupillen-
rinruhe stets fehlte, und daß auf sensible, sensorische und psychische Reize eine
Erweiterung der Pupille nicht eintrat. Die physiologische Pupillenunruhe sowie
die auf sensible, sensorische und psychische Reize erfolgende Pupillenerweiterung
ist demnach nach Ansicht der Verff. eine Folge ständiger kleiner Schwankungen
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
686
der Akkommodation, eventuell auoh der Lichtintensität. Sie kommen dadurch
zustande, daß der Pat. infolge beabsichtigter oder unkontrollierbarer Beize ver¬
anlaßt wird, momentan seine Akkommodationseinstellung zu ändern. Ihr Fehlen
bei der Dementia praeoox (feumke) erklärt sich durch die geringe psychische
Begsamkeit der Kranken, die sich durch unbedeutende äußere Reize wenig oder
gar nicht ablenken lassen.
8) Le reflexe de prdhenBion dans les affeotions organiques de l’encephale,
par A. Janischewsky. (Revue neurol. 1914. Nr. 10.) Ref.: Kurt Hendel.
Verf. fand den Greifreflex — kräftiger Handschluß bei Berühren der Vola
manus mit einem Gegenstand — in einem Falle von wahrscheinlich subkortikaler
Läsion des Lobus frontalis. Da die Bahn zwischen Lobus frontalis und subkorti¬
kalen Kernen (subkortikal-thalamisches Bündel) lädiert war, konnte die Hirnrinde
nicht mehr ihren hemmenden Einfluß ausüben auf die Reflextätigkeit der sub¬
kortikalen Zentren. In Fällen von kapsulärer Hemiplegie fand Verf. den Greif¬
reflex nicht.
Der Greifreflex ist nachweisbar, wenn die Reflextätigkeit erhöht ist infolge
Verminderung der Willkürtätigkeit der Hirnrinde, z. B. bei Paralysis agitans mit
spastischer Form und bei organischen Hirnläsionen. Das Reflexzentrum findet sich
in den großen subkortikalen Zentren, wahrscheinlich im Thalamus opticus. Der
Greifreflex kann eine Läsion des Lobus frontalis oberhalb der subkortikalen Zentren
anzeigen.
9) Klinische Studien über SynergierefLexe der unteren Extremitäten (re-
flexes de döfense), von M. Kroll. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych.
XXVI. 1914. S. 438.) Ref.: W. Misch.
Aus den Beobachtungen an neun mitgeteilten Fällen werden folgende Schlu߬
folgerungen gezogen: Die sogen. Abwehrreflexe oder besser Synergiereflexe der
unteren Extremitäten hängen von einer organischen Läsion des zentralen Nerven¬
systems ab. Sie gestatten eine Orientierung in bezug auf die Höhenlokalisation
des pathologischen Prozesses und im Zusammenhang mit den Sensibilitätsstörungen
über die Ausdehnung desselben; außerdem geben sie eine gewisse Orientierung in
bezug auf den Querschnitt: es darf wohl angenommen werden, daß sie dann auf-
treten, wenn die Pyramidenbahn lädiert, jedoch nicht gänzlich zerstört ist und
dabei auch die extrapyramidalen Bahnen (stärker?) affiziert sind. Die Teilnahme
gewisser zentripetaler Bahnen ist auch anzunehmen. Die kontralateralen Reflexe
sind nicht selten in den Fällen zu beobachten, wo Synergiereflexe hervorgerufen
werden. Mitunter stehen sie an Intensität den homolateralen Synergiereflexen
nicht nach, mitunter sind sie nur angedeutet. Fast stets tragen sie den Charakter
einer Verlängerung der Extremität.
10) Einige Reflexuntersuohungen, die namentlich die Konstanz gewisser
Reflexe betreffen, von C. H. Würtzen. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk.
LIII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. untersuchte an 2000 Personen, bei denen ein organisches Nervenleiden
nicht nachweisbar war, die folgenden Reflexe systematisch durch: Bizeps-, Trizeps-,
Patellar-, Achilles-, Bauch-, Kremaster- und Plantarreflex. Bei funktionellen Neu¬
rosen konnte ein dauerndes Fehlen dieser Reflexe nie konstatiert werden. Bei
allen Kindern waren sämtliche Reflexe ohne Ausnahme vorhanden und auch leb¬
hafter als bei Erwachsenen. Der Bizepsreflex fand sich bei allen untersuchten
Personen, der Trizepsreflex fehlte nur bei einer Frau zwischen 70 und 79 Jahren,
und zwar einseitig; die Armreflexe sind also sehr konstant, sie sind auch in der
Regel leicht zu untersuchen. Der Patellarreflex erwies sich als absolut konstant.
Der Achillesreflex fehlte in 7 Fällen (4 mal beiderseits, 3 mal einseitig) = 3,5 °/ oc *
der Abdominalreflex bei 1,61% (oft wegen schlaffer Bauchdecken); immerhin hat
das Fehlen des Bauchreflexes eine wesentliche Bedeutung, sofern die Bauchwand
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
687
nicht in ausgeprägtem Grade verändert ist und sofern sich kein krankhafter Zu¬
stand der Leiborgane (Cholelithiasis usw.) nachweisen läßt Der Kremasterreflex
fehlte bei 4 Individuen zwischen 50 und 70 Jahren (3mal beiderseits, lmal ein¬
seitig), einen stärkeren Zusammenhang mit dem Geschlechtsleben scheint er kaum
zu haben, zumal er bei Kindern oft sehr lebhaft ist und bei Greisen nicht fehlt.
Der Plantarreflex zeigte sich absolut konstant.
11) Der Glutäalklonus — ein Pyramidenseiohen, von H. Pfister. (Medizin.
Klinik. 1915. Nr. 22.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. hat in 4 Fällen von multipler Sklerose Glutäal- oder Gesäßklonus be¬
obachtet, den er wie folgt nachweist: Der Kranke liegt mit ausgestreckten Beinen
flach auf dem Bauche. Man umfaßt nun mit der Hand, dicht an der Rückseite
des Oberschenkels, von unten her die Hinterbacke und drängt sie mit kurzem,
kräftigem Rucke nach oben bzw. nach oben upd etwas nach außen. Dann treten,
wenn das Zeichen vorhanden und typisch ausgeprägt ist, dem Patellar- und Fuß-
klonus nach Rhythmus analoge Zuckungen im Glutaeus maximus auf, die, wie bei
den genannten Phänomenen, andauern, solange die Hand mit dem Druck auf den
Muskel (mit der Zerrung seiner distalen Partie) nicht nachläßt. Bei den vier
Fällen fand sich der Glutäalklonus zweimal doppelseitig, zweimal einseitig.
Der Glutäalklonus ist, wenn ausgeprägt vorhanden, als Pyramidenzeichen auf-
zufassen.
12) Wie man die Patellarreflexe untersuchen soll, von A. Heveroch.
(Üasopis ceskych 16k. LIII. 1914. S. 1037.) Ref.: J. Stuohlik (Zürich),
Verf. zeigt, daß die Patellarreflexe, die als objektives Symptom bei trauma¬
tischen Neurosen gelten, namentlich bei der üblichen Untersuchungsart ebenso wie
andere Symptome sehr wenig Wert besitzen. Denn meistens gesellt sich zu dem
eigentlichen Reflex eine „Reaktion aus Überraschung“, d. h. der Patient, der
durch plötzlichen Schlag auf % die Sehne überrascht ist, zuckt mit dem ganzen
Körper, was wohl sehr oft als „kolossal“ erhöhte Patellarreflexe beschrieben wird.
Deshalb empfiehlt Verf., mit beiden Händen ganz unregelmäßig eine Zeitlang auf die
eine oder die andere oder auf beide Sehnen gleichzeitig zu schlagen. In diesem Falle,
auch dann, wenn der Pat. absichtlich das Bein in die Höhe wirft, ermüdet seine
Aufmerksamkeit bald, und zum Schluß der Prüfung kommt tatsächlich nur das
zum Vorschein, was eigentlich als Patellarreflex aufgefaßt werden kann. An einigen
Fällen demonstriert Verf. die Wichtigkeit des empfohlenen Verfahrens.
13) Ein einfacher Handgriff zur Auslösung des Patellarreflexes, von Karl
Gerson. (Therapie der Gegenwart. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel.
Man setze sich an die rechte Seite des sitzenden Patienten, dessen Füße auf
dem Boden aufruhen, führe den linken Unterarm unter den rechten Oberschenkel
des Patienten und lege die linke Hand auf seinen linken Oberschenkel oberhalb
des Knies. Alsdann ruht das rechte Bein des Pat freischwebend auf dem Unter¬
arme des Untersuchers. Man fordert nun den Pat. auf, das rechte Bein schlaff
herunterhängen zu lassen, und kann am eigenen, das Bein tragenden Arme fühlen,
ob Pat. noch die Beinmuskeln anspannt oder nicht.
14) Beitrag zur Kenntnis der Abdominal-, Kremaster- und Plantarreflexe,
von Karl Hedde. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.)
Ref.: Kurt Mendel.
Bei 65 Fällen von multipler Sklerose waren nur in 9 Fällen = 13,8 °/ 0 die
Bauchdeckenreflexe vorhanden, in einem dieser Fälle waren sie sogar gesteigert.
In den übrigen 56 Fällen « 86,2°/ 0 fehlten die Bauohreflexe entweder vollständig
(in 36 Fällen) oder teilweise.
Bei 32 Fällen von multipler Sklerose fehlte einer oder beide Kremaster¬
reflexe in 11 Fällen ■■ 34,4°/ 0 , in allen diesen 11 Fällen fehlten gleichzeitig die
Bauchreflexe.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
688
Bei 43 Fällen von multipler Sklerose fehlten nur in 3 Fällen = 7% neben
den Bauchreflexen auch die Plantarrefiexe.
Bei chronischem Alkoholismus kommt ziemlich konstant ein Fehlen der Bauch¬
deckenreflexe vor.
Ferner untersuchte Verf. 120 Fälle der verschiedensten Nervenkrankheiten
auf den Kremasterreflex und fand folgendes: in 38 Fällen waren die Kremaster¬
reflexe gestört, 12 mal fehlten sie beiderseits, 2 6 mal nur einseitig. Ein isoliertes
Fehlen der Kremasterreflexe fand Verf. unter diesen 38 Fällen nur 7-mal; in den
übrigen 31 Fällen waren die übrigen Hautreflexe nicht völlig intakt und zwar
fehlten meist einige oder alle Bauchreflexe, zuweilen der eine oder beide Plantar¬
reflexe. Unter diesen 38 Fällen befanden sich 9 Apoplexien, in allen fehlte der
Kremasterreflex auf der gelähmten Seite. Bei 10 Fällen war als einzige Ursache
für das Fehlen der Kremasterreflexe chronischer Alkoholismus nachweisbar. In
4 Fällen von Tabes fehlte ein, in einem Falle beide Kremasterreflexe. In 2 Fällen
fehlte der Reflex bei alten Leuten ohne organische Erkrankung. In einem Falle
von hysterischer Armlähmung fehlte zuweilen einer der Kremasterreflexe, ohne daß
die reflexogene Zone Sensibilitätsstörungen aufwies. In einem Falle von Neur¬
asthenie bei einem D£gener6 fehlten Kremaster- und Bauchreflexe, ohne daß eine
organische Erkrankung bestand.
16) Valore semeiologico deirestensione oontinua delPalluoe, per C.Pastine.
(Rivista di Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914. H. 8.) Ref.: R. Ganter.
In einer früheren Untersuchung hat Verf. den diagnostischen Wert der spon¬
tanen und anhaltenden Dorsalöexion der großen Zehe für verschiedene Nerven¬
krankheiten mit Affektion der Pyramidenbahn erörtert. Jetzt fand er dieses
Zeichen auch in Fällen von fortgeschrittener Lungentuberkulose und führt sein
Entstehen auf den Einfluß des tuberkulösen Giftes »vor allem auf die Nerven-
zentren zurück.
16) Untersuchungen über die faradisohe Auslösung des normalen und des
Babinskisohen Fußsohlenreflexes, von E. Tremmel. (Zeitschr. f. d. ges.
Neurol. u. Psych. XXV. H. 4 u. 6.) Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Verf. faßt die Resultate seiner Untersuchungen folgendermaßen zusammen:
1. Es gelingt mittels faradisoher Reizung der Fußsohle bei Individuen mit
normalem Nervensystem und normaler Erregbarkeit der Sehnen- und Hautreflexe
durchweg einen normal gerichteten Hautreflex auszulösen.
2. Dagegen tritt bei Individuen mit funktioneller Steigerung der Sehnen¬
reflexe und gleichzeitiger Abschwächung des Sohlenreflexes nicht selten einseitiges
oder (etwas seltener) doppelseitiges Babinskiphänomen bei faradisoher Reizung auf^
häufig derart, daß bei der einen Stromrichtung Plantarflexion, bei wechselnder
Stromrichtung Dorsalflexion der großen Zehe erfolgt.
3. Bei Individuen mit mangelhafter Entwicklung oder Unterbrechung der
Pyramidenseitenbahnen waren die Resultate der faradischen Reflexprüfung ver¬
schiedenartig. Bei Säuglingen war nicht immer, wie zu erwarten, faradisches
Babinskiphänomen bei beiden Stromrichtungen auszulösen. In den Fällen, in denen
das Babinskiphänomen durch Streichen stets und besonders stark auszulösen war
(z. B. bei multipler Sklerose, bei frischen Herderkrankungen des Gehirns), war
durch faradische Reizung mit beiden Stromrichtungen der Babinskische Dorsal¬
reflex der großen Zehe auszulösen. Dagegen war in Fällen von schon lange be¬
stehender Unterbrechung der PyramidenBeitenbahn durchaus nicht regelmäßig
faradisch Babinski auszulösen, meist fand sich nur bei „normaler“ Stromrichtang
Dorsalflexion, bei Stromwendung jedoch Plantaiflexion der großen Zehe.
Es hat daher nur jener faradisch ausgelöste Babinski eine Bedeutung, der
bei jeder faradischen Stromrichtung auftritt — seine Erzielung in Fällen, in denen
nach Streichen oder Stich der Plantarreflex fehlt, ist entschieden von praktischer
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
689
Bedeutung —, nicht aber der „Stromwechsel-Babinski“, der sich mehr bei funk¬
tionellen Neurosen findet.
Verf. begründet, daß das Phänomen nicht der Effekt einer einfachen Muskel¬
reizung, sondern ein sensibler Reflex ist. Bei funktionellen Fällen ist er der
Ausdruck einer natürlich ebenfalls rein funktionellen Störung in den der Reflex¬
hemmung dienenden Zentren und Bahnen.
17) Erklärung der Entstehungsweiae des Spasmus nutans beim Kinde mit
Hilfe des Bedingungsreflexes, von J. Vas. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII.
H. 2.) Ref.: Zappert (Wien).
Verf. erklärt das Zustandekommen des Spasmus nutans dadurch, daß das
Kind — unabhängig davon, ob es sich in einer finsteren oder hellen Wohnung
befindet — durch angestrengtes ständiges Kopfwenden nach einer Licht- oder
Tonquelle (tickende Wanduhr) eine Muskelüberanstrengung erleidet, die als patho¬
logischer Bedingungsreflex schließlich die krampfhaften Bewegungen zur Folge hat.
Die Ursache des Leidens liegt also in einer Ermüdung der köpf bewegen den
Muskeln.
18) Bumination im Säuglingsalter — Heilung durch Diphtherie, von Wa-
nietschek. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII. H. 1.) Ref.: Zappert.
Eine seit dem Säuglingsalter bestehende, bis zum 7. Lebensjahr erfolglos be¬
kämpfte Rumination verschwand nach einer postdiphtherischen Lähmung. Die
Schwierigkeit des Schluckaktes hatte zweifellos das Kind veranlaßt, das Wieder¬
kehren der Speisen zu vermeiden und so eine Spontanheilung (des pathologischen
Bedingungsreflexes. Ref.) bedingt.
Meningen.
19) Über Meningitis nach subkutanen Verletzungen des Schädels und
der Wirbelsäule, von F. Markul]. (Deutsche Zeitschr. f. Chir. CXXX.
H. 1 u. 2.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
Verf. stellt zunächst 4 Fälle von Meningitis tuberculosa, 8 Fälle von Menin¬
gitis purulenta und 3 von Meningitis serosa, welche nach subkutaner Verletzung
der Wirbelsäule bzw. des Schädels aufgetreten waren, aus der Literatur zusammen
und gibt die Krankengeschichten im Auszug wieder. Im Anschluß hieran be¬
richtet er über zwei eigene Beobachtungen aus dem Stadtkrankenhause in Danzig.
Im ersten Falle handelte es sich um eitrige Meningitis, welche 7 Tage nach Fall
auf den Rücken aus einer Höhe von zwei Stockwerken entstanden war; auch im
zweiten Falle trat 6 Tage nach Fall auf den Kopf (Schädelbruch) eine eitrige
Meningitis auf; im Lumbalpunktat wurden Diplokokken und Pneumokokken ge¬
funden. Nachdem in beiden Fällen wiederholte Lumbalpunktion nur vorüber¬
gehende Besserung erzielt hatte, entschloß sich Barth zur Laminektoraie am 3.
bis 4. Lendenwirbel, Inzision und Drainage der Dura; beide Fälle genasen, und
solche Erfahrungen beweisen, daß die Laminektomie und Drainage des Subdural¬
raums selbst in hoffnungslosen Fällen, bei welchen wiederholte Lumbalpunktionen
versagten, noch Heilung zu bringen vermag.
20) Zur Bakteriologie und Prophylaxe der Meningitis epidemica, von
R. Klinger und F. Fourman. (Münchener med. Wochenschrift. 1915.
Nr. 31.) Ref.: Kurt Mendel.
Eine nach Ort und Zeit wechselnde Virulenz, eine meistens nur geringe
Pathogenität des Meningococcus sowie die individuelle Disposition beeinflussen die
Ausbreitung der Meningitis epidemica. In Zürich konnten die Verff. 11 an epi¬
demischer Genickstarre erkrankte, im Militärdienst befindliche Personen sowie zwei
Zivilisten beobachten. Sie besprechen zunächst das serologische Verhalten der
einzelnen Meningokokkenstämme, heben die schlechte Agglutinierbarkeit vieler der-
XXXIV. 44
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
690
selben hervor und zeigen, daß wir vorläufig kein dem Meningococcus allein zu¬
kommendes, stets vorhandenes Merkmal besitzen. Bei atypischen Stämmen kann
häufig eine sichere Diagnose nicht gestellt werden. Dadurch ist der Wert der
auf dem Meningokokkennachweis begründeten Isolierung der Kokkenträger sehr
in Zweifel gestellt, und auch die Erfahrung hat uns ihren Nutzen keineswegs er¬
wiesen. Vielmehr ist die Feststellung und Isolierung aller Kokkenträger bei Auf¬
treten von Meningitis epidemica selbst innerhalb von Kasernen und anderen ge¬
schlossenen Anstalten praktisch undurchführbar und unnötig. Der Meningococcus
wird sicher durch den Menschen, vermutlich sogar ausschließlich durch ihn,
weiterverbreitet; es müssen somit Zwischenträger Vorkommen. Prophylaktisch
ist aber im allgemeinen eine zwangsweise Isolierung der ganzen Umgebung des
Erkrankten nicht erforderlich, sondern nur dann, wenn plötzlich in Kasernen,
Krippen u. dergl. gehäufte und klinisch schwere Fälle auftreten, so daß eine
momentane Virulenzsteigerung des Erregers angenommen werden muß. Sonst sind
prophylaktisch anzuwenden: Verbesserung der allgemeinen hygienischen Verhältnisse,
gute Ernährung, reichlicher Aufenthalt in freier Luft, Ortswechsel der Truppe,
Entlastung der Soldaten hinsichtlich der von ihnen geforderten Arbeitsleistungen;
denn größere physische Anforderungen unter ungünstigen äußeren Bedingungen
schaffen eine erhöhte Disposition für die Meningitis epidemica; daher kommt sie
bei Soldaten relativ häufiger vor als bei der gleichaltrigen Zivilbevölkerung.
21) Fleoktypbusartiger Verlauf von Genickstarre, von F. Umber. (Mediz.
Klinik. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Der klinische Befund war der folgende: plötzlich mit Schüttelfrost einsetzende
Continua naoh eintägigen Prodromalerscheinungen, Pulsbeschleunigung, Status
typhosu8, heftige Glieder- und Muskelschmerzen, katarrhalische Erscheinungen der
Schleimhäute, Bronchitis, Milzschwellung, Roseolen und Petechien in typischer Ver¬
breitung. Die Diagnose wurde auf Flecktyphus gestellt, obwohl die Petechien
schon am ersten und nicht erst am dritten Tag nach dem Schüttelfrost aufgetreten
waren, und von einem besonderen Kenner des Flecktyphus als außer Zweifel
stehend bestätigt. Die Obduktion ergab dann das überraschende Resultat, daß
eine Leptomeningitis purulenta der Konvexität sowie seröse Meningitis spin&lis
vorlag. In dem Abstrichpräparat fanden sich gramnegative, zum Teil intrazellulär
gelegene Meningokokken; Blut, Spinalsaft sowie Milzsaft erwies sich dagegen
völlig steril sowohl in aeroben wie anaeroben Kulturen verschiedenster Art. Somit
lag zweifellos ein sporadischer Fall von Genickstarre vor.
22) Zur Kasuistik der Meningitis purulenta, von F. Fuchs-Reich. (Mediz.
‘Klinik. 1915. Nr. 21.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Der Fall, der geschildert wird, ließ zunächst an Flecktyphus denken und
zwar berechtigten dazu die plötzliche, aus voller Gesundheit mit Schüttelfrost ein¬
setzende hohe Temperatur, Pulsbeschleunigung, Bronchitis, Milzschwellung, Be¬
nommenheit, Roseolen und Petechien (allerdings atypisch, weil am ersten anstatt
am dritten Tag auftretend). Der weitere klinische Verlauf belehrte aber eines
anderen. Nach 36 Stunden Patient entfiebert, benommen; nach 48 Stunden
Exanthem abgeblaßt, ungleiche Reaktion der Pupillen, leichte Fazialisparese, Bauch
"eingezogen und Nackenstarre angedeutet. Dies führte zu der Diagnose Meningitis
mit unklarer Ätiologie; von der Lumbalpunktion mußte abgesehen werden. Die
Obduktion ergab: Meningitis purulenta baseos et convexitatis. Die Ätiologie
blieb unklar. Die Eröffnung des Mittelohrs beiderseits und der Stirnhöhle ergab
keinen pathologischen Befund, auch das Siebbein war intakt. Verf. nimmt an,
daß es sich um ein Eindringen der Infektionserreger auf dem Wege des Lymph-
stroms von der Oberfläche des Respirationstraktus bei einer Influenza gehandelt
habe, also um eine Influenza- oder Pneumokokkenmeningitis.
□ igitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OFMICHl
691
23) Ein Fall von Meningitis cerebrospinalis mit fleoktyphusartigem Exan¬
them, von W. Krüger. (Repertorium der prakt. Medizin. XII. 1915.
Nr. 7.) Ref.: K. Boas.
Der Patient des Verf/s war bei der Aufnahme leicht benommen, fieberte
(40 °C) und batte mehrmals diarrhoische Stühle. Nach 12 Stunden sistierten die
Durchfälle, die Benommenheit hatte zugenommen. Jedoch konnte der Kranke
seinen Namen und Wohnort angeben. Er berichtete ferner, daß er sich seit
2 Tagen unwohl fühle. Er klagt über heftige Kopfschmerzen. Temperatur 40,2°.
Puls beschleunigt, über 120, klein, weioh, nicht ganz regelmäßig. An den inneren
Organen nichts Krankhaftes nachweisbar. Papillenreaktion normal, Reflexerregbar¬
keit normal, mimische Muskulatur in Ordnung. Seit heute Morgen hat sich am
Rumpf und an den Beinen ein lebhaft blaurotes Exanthem gebildet, das anfangs
in Petechien, später Ekchymosen bis zu Dreimarkstückgröße mäßig reichlich sich
au8breitete. Da in der weiteren Umgebung der Stadt in einem Gefangenenlager
zahlreiche Fälle von Flecktyphus beobachtet waren, wurde bei den Patienten die
Differentialdiagnose zwischen Flecktyphus oder septischem Darmkatarrb gestellt.
Nach einer weiteren Stunde kam der Kranke Bchon ad exitum.
Die Obduktion ergab pathologisch-anatomisch und bakteriologisch einwandfrei
die Diagnose Meningitis cerebrospinalis.
24) Löaions ooulalres dans la möningite oörebro-spinale öpidemique, par
Vinsonneau. (Arch. de l’ophthalmologie. XXXIV. 1914. Nr. 6.) Ref.:
K. Boas.
Im Beginn einer jeden Meningitis soll eine äugen ärztliche Untersuchung statt¬
finden. Während bei manchen Genickstarreepidemien nur geringe Veränderungen
des Auges, wie Conjunctivitis, Keratitis, vorübergehende Störungen der äußeren
und inneren Muskulatur, leichte Papillitis auftreten, kommen bei anderen schwere
Erscheinungen wie Iridochorioiditis mit Atrophie des Augapfels sowie Neuroretinitis
mit Blindheit vor.
Die Konstatierung dieser Augensymptome von Anbeginn an muß zu einer
Wiederholung der Punktionen und Seruminjektionen führen trotz negativen
Resultats in den beiden mitgeteilten Fällen des Verf.’s.
Die Veröffentlichung aller Fälle von Zerebrospinalmeningitis mit Augen¬
erscheinungen ist notwendig, um auf diese Weise zur Aufstellung typischer Krank¬
heitsbilder zu gelangen.
25) Zur pathologischen Anatomie der basalen Hirnnerven bei der Menin¬
gitis Weichselbaum, von Benedetto Agazzi. (Archiv f. Ohrenheilkunde.
XCV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
9 Fälle von Meningitis cerebrospinalis. In sieben derselben hatte der Nerv,
opticus Veränderungen akuter eitriger Entzündung gezeigt, in einem Falle geringe
Veränderungen einer subakuten Entzündung. Nur in einem Falle war der Op¬
ticus frei von entzündlichen Veränderungen. Der Nerv selbst war übrigens in
allen Fällen frei, es waren immer nur seine Hüllen von dem entzündlichen Pro¬
zesse betroffen. Der Oculomotorius war nur in einem der Fälle frei von Ver¬
änderungen, sonst immer stark an dem Prozesse beteiligt. Auch der Trigeminus
war fast regelmäßig mitbefallen. Der Fazialis war in 5 von den 9 Fällen nicht
getroffen, der Acusticus zeigte in allen 9 Fällen entzündliche Veränderungen, und
zwar beiderseitig. Der Acusticus ist nicht nur am häufigsten an dem entzünd¬
lichen Prozesse der Hirnhäute bei der Meningitis cerebrospinalis beteiligt, er zeigt
auch die schwersten Veränderungen, insofern als der entzündliche Prozeß am
öftesten den Nerven selbst durchsetzt und nicht nur seine Hüllen betrifft, wahr¬
scheinlich sowohl wegen seiner Lage als auch wegen seines anatomischen Baues.
Im Fazialis kann sich der Entzündungsprozeß über das Ganglion geniculatum in
den Fallopischen Kanal fortsetzen. Beim Trigeminus ist nicht selten auch das
44*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
692
Ganglion Gasseri und oft sehr schwer am entzündlichen Prozesse beteiligt. In
einem Falle konnte eine Beteiligung des N. IX nachgewiesen werden. In 8 von
9 Fällen war das parabypophysäre Gewebe beteiligt, die Hypophyse selbst war
stets frei.
26) Ein geheilter Fall von schwerer Meningitis cerebrospinalis mit ein¬
seitiger Erkrankung des inneren Ohres, von Robert Dölger. (Deutsche
med. Wochenschr. 1914. Nr. 31.) Ref.: Kurt Mendel.
Hervorzuheben ist im vorliegenden Falle die günstige Beeinflussung der
schwerenZerebrospinalmeningitis durch Antimeningokokkenserum (Kolle-Wasser¬
mann), die prompte Wirkung des Yatrens (Jodoxychinolinsulfosäure) auf die
Meningokokken im Nasenrachenraum, die einseitige Beteiligung des inneren
Ohres (N. cochlearis + N. vestibularis), die stärkere Erkrankung des N. vestibularis,
der im allgemeinen teils aus phylogenetischen Gründen, teils wegen seiner dicken
Beschaffenheit meist widerstandsfähiger als der N. cochlearis erscheint, schließlich
die günstige Beeinflussung des Hörvermögens nach innerlicher Darreichung von
Jodkalilösung.
27) Ein einfaches Verfahren zur Erleichterung des Nachweises von Meningo¬
kokken in der Dumbalflüssigkeit, von M. Obe. (Münchener med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel.
Einfaches Verfahren, das eventuell auch in Feldlazaretten angewandt werden
kann: es werden l / i bis 1 ccm einer sterilen 10°/ 0 igen Traubenzuckerlösung 5ccm
der Punktionsflüssigkeit zugesetzt, das Röhrchen wird während 10 bis 12 Stunden
auf einer Temperatur von durchschnittlich 37° gehalten. Alsdann, meist schon
nach 8 Stunden, fanden sich da, wo im frischen Präparate nur vereinzelte oder
überhaupt keine sicheren Meningokokken nachgewiesen werden konnten, in jedem
Gesichtsfelde Leukozyten, in denen Gram-negative Diplokokken eingeschlossen
waren; manche Zellen waren damit geradezu überladen.
28) Prophylaotic vacoination against epidemio meningitis, ky J. H. Black.
(Journ. of the amer. med. Assoc. LXILL 1914. Nr. 24.) Ref: W. Misch.
Aus serologischen Untersuchungen mit der Methode der Komplement fixation
geht hervor, daß die prophylaktische Vakzination gegen Meningitis epidemica in
den meisten Fällen eine hochgradige Immunität bewirkt, die sich noch nach zwei
Jahren nachweisen läßt. Bei einigen findet sich eine akute Erhöhung des Immun¬
körpergehalts am Ende des ersten Jahres nach der Impfung. Die Komplement¬
fixation von Meningitisrekonvaleszenten ist bei weitem nicht so hochwertig wie
die bei Vakzinierten. Demnach scheint die prophylaktische Vakzination von größter
Bedeutung zu sein.
29) Über die Serumtherapie der epidemisohen Genickstarre, von C. Brach
und J. Fröhlich. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Ref.: Pilcz.
Die Verff. behandelten 9 Fülle von typischer, auch durch wiederholte Lumbal¬
punktion sichergestellter epidemisoher Zerebrospinalmeningitis mittels intraduraler
Injektionen von hochwertigem, frischem, körperwarmem Meningokokkenserum —
Paltaufsches, im k. k. serotherapeutischen Institute von Pferden gewonnenes
Serum.
Die Injektionen wurden mehrmals, bis zu 7 mal, vorgenommen. Nur ein Fall,
der erst nach 10 Tagen in sehr schwerem Zustande eingebracht worden war, und
der mangels frischen Serums nicht injiziert werden konnte, gelangte ad exitum.
Ein Fall wurde bisher therapeutisch nicht beeinflußt; die übrigen acht wurden
restlos geheilt. Das Kernig sehe Symptom war am längsten nachzuweisen. Sorge
t’iir Stuhl und gründliche Reinigung und Desinfektion des Nasen-Raohenraums.
30) Acoidents following the aubdural injeotion of the antimeningitic
serum, by S. Flexner. (Studies from the Rockefeller Institute for medical
Research. XIX. 1914. S. 1.) Ref.: K. Boas.
Digitized b)
Gougle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
693
Kramer hatte auf gewisse Gefahren hingewiesen, die die Injektion von Anti-
menmgokokkenserum möglicherweise mit sich bringen könne. Verf. sucht diese
Ansicht namentlich dadurch zu widerlegen, daß er die angeblich nach der Injek¬
tion auftretenden Schädigungen auf das Phenol bezieht, das man jedoch bequem
ausschalten könne. Wenn derartige Erscheinungen überhaupt sich zeigen, dann
liegen sie an dem erhöhten intrakraniellen Druck, nicht an dem Serum.
Wenn man sich demgegenüber vorstellt, daß das Antimeningokokkenserum
das einzige Mittel gegen die Meningitis cerebrospinalis darstellt, so kann man die
geringen Nachteile der Injektion ohne weiteres mit in Kauf nehmen. Jedenfalls
erscheint es dem Verf. gewagt, durch Tierexperimente allein das Antimeningo¬
kokkenserum in Mißkredit bringen zu wollen.
31) PArameningooooous and its antiserum, by M. Wöllstein. (Journ. of
exper. Medic. XX. 1914. Nr. 3.) ßef.: W. Misch.
Die Tatsache, daß manche Fälle von epidemischer Meningitis nicht durch
Antimeningokokkenserum beeinflußt werden, läßt sich vielleicht darauf zurück*
führen, daß es sich in diesen Fällen um eine Infektion mit Parameningokokken
gehandelt hat. Letztere sind zwar kulturell von den Meningokokken nicht, zu
unterscheiden, verhalten sich aber serologisch durchaus verschieden und sind auch
nur durch ganz spezifisches Serum zu beeinflussen. Es wird daher vorgeschlagen,
bei der Herstellung des gewöhnlichen polyvalenten Antimeningokokkenserums auch
Kulturen von Parameningokokken mit zu verwenden.
32) Proteusmeningitis und Proteussepsla bei einem Neugeborenen, von
Fritz Goebel. (Deutsches Archiv f. klin. Med. CXVI. 1914. H. 1 u. 2.)
Ref.: Kurt Mendel.
Eitrige Meningitis bei einem Neugeborenen. Als einziger Erreger konnte
ein Proteus festgestellt werden. Durchaus fieberfreier Verlauf, ja sogar Neigung
zu Untertemperaturen. Diagnostisch verwertbar war vielleicht der charakteristische
Proteusgeruch des Patienten. Auffallend waren die Unterschiede zwischen Ven¬
trikel- und Lumbalpunktat in Farbe, spezifischem Gewicht und Fibringehalt.
33) Über aktinomykotische eitrige Meningitis, von C. Wegelin. (Corresp.-
Blatt f. Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall I. 18jähr. Mann erkrankt 7 Wochen vor seinem Tode an einer typischen
Meningitis. Von den basalen Hirnnerven war der Abduzens betroffen, ferner be¬
stand eine Neuritis optica. Der Liquor enthielt vorwiegend multinukleäre Leuko¬
zyten, das Resultat der bakteriologischen Untersuchung war völlig negativ. Die
Sektion ergab eine eitrige, nicht-tuberkulöse Meningitis, ferner eine frische Broncho¬
pneumonie und einen Abszeß im Oberlappen der rechten Lunge. Die Untersuchung
von Schnittpräparaten der Meningen ergab drusenartige Gebilde, diejenige des
Eiters des Lungenabszesses eine Aktinomykose. Es ist anzunehmen, daß der
Lungenabszeß den primären Infektionsherd darstellt, und daß von hier aus die
Metastasierung in die Meningen erfolgte, indem die Aktinomycesfäden auf dem
Blutwege verschleppt wurden. Es bestand in diesem Falle auch* ein kleiner aktino-
mykotischer Abszeß ira Lendenmark.
Fall II. 36jähr. Frau. Den primären Herd bildet eine Aktinoroyces-Peri-
ostitis des rechten Oberkiefers. Nach etwa 2 Jahren großer Abszeß in der rechten
Wange, wahrscheinlich infolge Mischinfektion mit Streptokokken. Unterdessen
hatte sich die Aktinomykose bereits nach der Schädelbasis ausgebreitet, und zwar
über die rechte Orbita. Von hier aus drangen die Pilze offenbar längs des ersten
Trigeminusastes durch die Fissura orbitalis superior in die mittlere Schädelgrube
vor und erzeugten hier in der Gegend des rechten Ganglion Gasseri eine größere
Gramilationsgeschwulst. Durch Übergreifen dieser Geschwulst auf den Sinus
cavernosus kam es dann zur Protrusion des rechten Bulbus und zur Eiterung in
der Sella turcica. Schließlich wurde in der Gegend des rechten Trigeminus die
Digitized by
Go igle
Original frorri
UNIVERSITY OF MICHIGAN
694
Innenfläche der Dura erreicht, worauf sich auch hier kleinere Granulations-
geschwiilste entwickelten. Die größte derselben komprimierte die rechte Ponsseite
und bewirkte eine linksseitige Hemiplegie. Die Ausbreitung des aktinomykotischen
Prozesses erfolgte hauptsächlich auf dem Wege der perineuralen Lymphbahnen.
Jodtherapie und Röntgenbestrahlung waren erfolglos geblieben.
Schlußsätze: 1. Von manifesten oder latenten aktinomykotischen Herden aus
kann sich eine hämatogene, metastatische Meningitis entwickeln, welche klinisch
einen akuten Verlauf nimmt. Ebenso kann bei Aktinomykose des Oberkiefers, des
Mittelohrs oder der Weichteile des Halses und Gesichts durch direkte Fortleitung
des Prozesses in das Schädelinnere eine akute aktinomykotische Meningitis ent¬
stehen. Als Infektionsweg kommen hier hauptsächlich die perineuralen Lymph¬
bahnen der Hirnnerven in Betracht.
2. Das Exsudat dieser Meningitis ist fibrinös-eitriger Natur. Die Eiterung
kann entweder durch den Aktinomyces allein oder durch eine Mischinfektion mit
Bakterien bedingt sein.
3. Die aktinomykotische Meningitis ist hauptsächlich an der Basis des Ge¬
hirns und in den Häuten des Rückenmarks lokalisiert.
34) Meningitis bei Diphtherie, von F. Reiche. (Zeitschr. f. Kinderheilkunde.
XI. H. 6 u. 6.) Ref.: Zappert (Wien).
Verf. hat 8 Fälle von Meningitis im Verlaufe der Diphtherie beobachtet. Sechs
davon endigten letal und ließen bei der Autopsie verschiedene bakterielle Ursachen
der Hirnhautentzündung — Meningokokken, Streptokokken, Staphylokokken,
Pneumokokken, Kolibazillen —, jedoch niemals den Diphtheriebazillus erkennen.
In 2 Fällen bestanden schwere meningeale Krankheitsbilder, die mit Rücksicht
auf den negativen bakteriologisohen Befund des Lumbalpunktates sowie auf die
völlige Heilung als Meningitis serosa zu deuten waren.
36) Ein Fall von Meningitis typhosa serosa, von J. Löw. (Wiener klin.
Wochenschr. 1916. Nr. 21.) Ref.: Pilcz (Wien).
Infanterist, an Typhus erkrankt, naoh 25tägiger Fieberperiode und einigen
fieberfreien Tagen rekonvaleszent entlassen, erkrankt nach etwa 3 Wochen per¬
akut an Kopfschmerzen, Temperatur steigt auf 40,0. Delirien, Nackenstarre,
Kernig, Somnolenz, Bradykardie, Dermographismus. 6 Tage später Herpes labialis.
Lumbalpunktion: Geringer Druck, erste Probe leicht hämorrhagisch tingiert, zweite
ungefärbt, deutlich getrübt, enthielt wenig Lymphozyten und noch weniger poly¬
morphkernige Leukozyten. Zahlreiche Gram-negative Stäbchen. Kultur ergibt
Typhusbazillen.
Nach Punktion rasche Besserung, Heilung in wenigen Tagen.
Verf. betont die Seltenheit der wirklichen Meningitis bei Typhus im Gegen¬
satz zum ,,Meningismus typhosus“; eine Besonderheit des Falles liegt auch im
späten Auftreten der Meningitis bei einem fast geheilten Typhuskranken; zumeist
fällt der Beginn noch in die Fieberperiode, bzw. in die 3. Woche.
36) Die akute hämorrhagische Leptomeningoenzephalitis bei der Milz¬
brandinfektion des Menschen, von Fr. Fulci. (Histolog. u. histopatholo*.
Arbeiten über die Großhirnrinde. VI. 1913. H. 2.) Ref.: K. Boas.
In einem Falle von Milzbrandinfektion, die wahrscheinlich am rechten Augenlid
eines 12jährigen Mädchens begonnen und hierauf mit beträchtlichem Ödem der
rechten Gesichtshälfte, der behaarten Haut und des Halses sich entwickelt hat,
trat, wahrscheinlich infolge Verbreitung der Bazillen entlang den perivaskulären
Lymphscheiden, eine sich klinisch durch ein plötzliches Auftreten von Hirn¬
symptomen manifestierende, akute Entzündung der weichen Hirnhäute und des
intrazerebralen Gefäßsystems, von wesentlich infiltrativem Typus, mit schweren
und verschiedenen regressiven Veränderungen der Nerven- und Gliaelemente auf
In den anderen Organen zeigten sich ebenfalls verschiedene regressive Ver-
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
695
änderungen, namentlich im Myokard, in Leber, Nieren und Nebennieren, unter
besonderer Reaktion der lymphatischen Organe (Lymphdrüse und Milz).
37) Drei Fälle von Malaria mit ungewöhnlich schweren Symptomen, von
Ettinger. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 3.) Ref.: Pilcz (Wien).
Von den mitgeteilten Krankheitsgeschichten dürfte eine wegen der differential-
diagnostischen Schwierigkeiten gegenüber der Meningitis auch den Neurologen
interessieren.
26jähriger Mann erkrankt akut unter heftigen Kopfschmerzen. Stat. praes.:
Starke Benommenheit, Erbrechen, rasende Kopfschmerzen, Nackenstarre, Per¬
kussionsempfindlichkeit des Schädels, im Fundus hochgradige Gefäßerweiterung.
Kein Kernig, übriger Nervenbefund normal. „Typhuszunge“, Milz nicht palpabel,
Temperatur 37,4, Puls 66. Lumbalpunktion fördert vollkommen normalen Liquor
zutage.
Erst im Verlaufe der Beobachtung, während die meningealen Symptome un¬
verändert blieben, konnte aus dem Blutbilde, dessen Untersuchung zuerst auch
negativ ausgefallen war, die sichere Diagnose auf Malaria gestellt werden.
Heilung.
38) Über rechtsseitige Otitis, kombiniert mit linksseitiger Meningitis, von
C. Kutvirt. (Öasopis öeskych. 16k. LIV. 1915. S. 197.) Ref.: J. Stuchlik.
Verf. beschreibt einen sehr interessanten Fall, bei welchem sich nach rechts¬
seitiger Otitis purulenta allmählich eine tödlich verlaufende linksseitige Meningitis
eingestellt hat. Die Diagnose war auch intra vitam klar. Aber eine Erklärung
des Übergangs der Affektion vermag auch die Sektion nicht zu geben, da die
rechte Seite vollkommen frei von meningitischen Veränderungen war. Der Über¬
gang durch die Sinus ist nicht anzunehmen, denn die Sinus waren rein und nicht
thrombo3iert, wahrscheinlich hatte die Eiterung den äußerst seltenen Weg durch
den Knochen eingeschlagen. Warum aber dabei auf diesem langen Wege die
Hirnhäute der rechten Seite intakt blieben, vermag Verf. nicht zu erklären.
39) Die in den Jahren 1907 bis 1913 in der Breslauer Universitäts-Ohren¬
klinik beobachteten Fälle von otogener Meningitis, von J. Fleck.
(Inaug.-Dissert. Breslau 1913.) Ref.: K. Boas.
Insgesamt handelt es sich um 37 Fälle von otogener Meningitis. In 14 Fällen
ging die Infektion von einem Hirnabszeß, und zwar 4mal vom Kleinhirn und
10mal vom Schläfenlappen aus, lmal geschah die Meningeninfektion durch eine
Sinu9thrombose. In 6 Fällen war der Weg der Infektion nicht zu bestimmen.
Es waren von chronischer Otitis entstanden 24 der Fälle, von akuter bzw.
subakuter 13, und zwar verteilen sie sich auf die verschiedenen Altersstufen in
folgendem Verhältnis:
Ohreiterung Zahl der Fälle
unter 40 Jahren I ®
I chronisch 19
' •
über 40 Jahre I akut . . \
l chronisch 5
11 Krankengeschichten, darunter eine über einen Fall von seröser Meningitis
auf otogener Basis, werden ausführlicher im Rahmen einer literarisch*kritischen
Besprechung angeführt, wobei namentlich auf die Statistik anderer Kliniken ver¬
gleichend hingewiesen wird.
40) Die otogene Spätmeningitis, von Gustav Alexander. (Jahrb. f. Psych.
XXXVI. S. 213.) Ref.: Pilcz (Wien).
In dem Bestreben, die verschiedenen Formen der otogenen Meningitis klinisch
voneinander zu sondern, gelangt Verf. zum Begriff der Spätmeningitis. Man hat
von Spätmeningitis zu sprechen, wenn an einem Ohrenkranken nach einem an-
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
69(5
scheinend nicht gestörten Verlaufe einer entzündlichen Ohraffektion oder nach
Ablauf einer otogenen Komplikation plötzlich die Erscheinungen einer Meningitis
auftreten. Verf. führt eine Reihe hierhergehöriger, von ihm beobachteter klinischer
Fälle an. Entspricht die Spätmeningitis dem Typus einer serösen Meningoenze¬
phalitis, so ist der Verlauf ein günstiger; die Fälle von eitriger Spätmeningitis
verlaufen zumeist tödlich. Die hauptsächliche Prophylaxe der Spätmeningitis wird
durch die frühzeitige Mastoidoperation dargestellt.
41) Deux oas de meningite otogene suppuräe, par G. Co ul et. (Revue heb-
domad. de laryngol., d’otol. et de rhinol. 1914. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel.
2 Fälle mit eitriger otogener Meningitis (durch zytologische Liquorunter¬
suchung bestätigt), geheilt durch Operation und wiederholte Lumbalpunktionen.
42) Zur Heilbarkeit der otogenen und traumatischen Meningitis, von Alfred
Denker. (Zeitschr f. Ohrenheilk. LXX. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
4 Fälle von otogener, 1 Fall von traumatischer Meningitis. Die sich an
eine chronische Mittelohreiterung anschließenden Meningitiden haben eine wesent¬
lich bessere Prognose als die im Gefolge einer akuten Otitis auftretenden. Die
difFuse otogene Meningitis kann geheilt werden (Urotropin, radikale Ausräumung
des primären Herdes, Lumbalpunktion usw.), trotzdem erscheint die Prognose eine
sehr ernste, da die Heilungen nur ausnahmsweise stattfinden.
43) Des voies suivies par l’infeotion endocränienne, au oours des antrites
suppurees de la faoe, par M. Sieur. (Bullet. Acad. de medec. LXX1.
1914 Nr. 7.) Ref.: W. Misch.
Im Ansohluß an einen mitgeteilten Fall wird über den Weg, den die
endokraniellen Infektionen im Verlauf von eitrigen Nasennebenhöhlenerkrankungen
nehmen, berichtet. Während die Infektion auf dem Lymphwege noch sehr um*
stritten ist, kommen als Infektionsweg von den Nebenhöhlen zu den Meningen
und dem Gehirn hauptsächlich zwei Wege in Betracht: die Infektion per conti-
nuitatem, die von allen Autoren anerkannt wird und als die häufigste gilt, und
die Infektion auf dem Blutwege, die bisher allerdings nur für die venösen Bahnen
nachgewiesen ist. Unter die letztere Gruppe ist auch der mitgeteilte Fall zu
rechnen, bei dem, 2 Jahre nach einer durch Operation scheinbar geheilten Er¬
krankung der Stirn- und Keilbeinhöhlen, Symptome einer Meningitis auftr&ten;
unter anderem fand sich beiderseitige Stauungspapille mit Hämorrhagieu. Die
Keilheinhöhlen waren mit dickem Eiter erfüllt und große Partien der Keilbeine
waren eitrig eingeschmolzen, so daß die nach Ausräumung des Eiters entstandene
Höhle bis in die Sella turcica hineinreichte. Es ließ sich also mit Sicherheit
annehmen, daß die Schmerzen, das Erbrechen und die Augensymptome des Pat.
auf eine basale Pachymeningitis zurückzuführen sind. Da die Keilbeinhöhle gegen
die Schädelhöhle abgeschlossen war, so ist anzunehmen, daß die Infektion hier
auf dem Blutwege erfolgt ist. Aus anatomischen Untersuchungen ist auch hervor¬
gegangen, daß die Gefäßverbindungen zwischen der Sphenoidalschleimhaut und
den basalen Hirnhäuten stets sehr entwickelt sind.
44) Les meningites ourliennes, par Georges-Claude Roux. (Gazette des höpit.
1914. Nr. 34.) Ref.: Kurt Mendel.
Im Verlaufe des Mumps kommen meningeale Symptome vor, meist leichten
Grades, zuweilen aber auch stärker unter dem klinischen Bilde einer Zerebro-
spinalraeningitis auftretend. Sie zeigen geringe entzündliche Läsionen der
Meningen, hauptsächlich an der Basis cerebri, an; diese Meningitis kann Folge
der allgemeinen fieberhaften Infektion sein oder aber sie ist lokal durch Fort¬
leitung der Entzündung vom Pharynx aus bedingt; der Bazillus ist wahrscheinlich
anfangs im Pharynx lokalisiert und erreicht von dort aus die Speicheldrüsen.
Die meningealen Komplikationen des Mumps trüben nicht sonderlich die günstige
Prognose dieses Leidens, da sie sehr gutartig sind.
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
46) Tuberkulöse Hirnhautentzündung durch Quetschung eines tuberkulösen
Nebenhodens hervorgerufen, von Prof. C. Thiein. (Monatsschr. f. Unfall¬
heilkunde. 1916. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Gutachten. Quetschung des linken Hodens und Nebenhodens. Infolgedessen
Aufflackern eines alten tuberkulösen Herdes im linken Nebenhoden. Operative
Entfernung des linken Hodens und Nebenhodens. 7 Wochen später beginnt eine
tuberkulöse Hirnhautentzündung, welcher der Pat. erliegt. Verf. nimmt an, daß
von dem Nebenhodenherd aus massenhaft Tuberkelbazilien ins Blut gelangt sind,
wodurch die tödlich verlaufene Meningitis verursacht wurde. Außerdem bestand
noch eine Nierentuberkulose.
46) Über herdförmige Destruktionsprosesse im Großhirn und Verände¬
rungen im Kleinhirn bei tuberkulöser Meningitis, von 0. Sittig. (Zeit¬
schrift f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIII. H. 4 u. 6.) Ref.: G. Stiefler.
Verf. faßt die Ergebnisse seiner Untersuchungen dahin zusammen:
1. Unter 11 Fällen von tuberkulöser Meningitis wurden in 5 kleine, etwa
hirsekorngroße Lichtungsherde in der Hirnrinde gefunden, die durch regressive
Veränderungen der Ganglienzellen (Schrumpfung und Ausfall) und regressive Ver¬
änderungen der Glia (Zellarmut, Kernpyknose) charakterisiert sind.
2. Diese Herde unterscheiden Bich in vieler Beziehung von typischen Er¬
weichungen und sind wohl auf Tozinwirkung zurückzu führen.
3. Die wichtigste Stütze für diese Annahme ist die, daß unsere Herde dem
ersten Typus („Lähmungstypus“) jener Veränderungen vollkommen gleichen, die
Lotmar durch intravenöse Injektion von Dysenterietozin an Kaninchen erzeugen
konnte.
4. Der Prozeß ist histologisch auch dem spongiösen Rindenschwund (Fischer)
analog.
5. Im Kleinhirn fanden sich Veränderungen, die wahrscheinlich lozischen
Ursprung haben. Es ist recht wahrscheinlich, daß analoge Veränderungen tozi-
scher Genese auch dem meningo-zerebellaren Symptomenkomplez (Foerster) zu¬
grunde liegen.
47) Untersuchung tuberkulös meningitisoher Funktionsflüssigkeiten mit
Hilfe der Ninhydrinreaktion , von Edmund Nobel. (Münchener med.
Wochenschr. 1915. Nr. 29.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei der Differentialdiagnose der Meningitis tuberculosa hat sich die Probe
mit Ninhydrin wertvoll erwiesen. Sie ist außerordentlich empfindlich und beruht
auf einer leicht nachweisbaren Farbenreaktion; sie wird derart angestellt, daß zu
l / 2 bis 1 ccm Liquor cerebrospinalis 0,1 ccm Ninhydrin in 1 °/ 0 iger Lösung ge¬
geben und etwa l / 2 Minute gekocht wird: Bei positivem Ausfall entsteht eine
schöne blaue bis blauviolette Färbung. Der positive Ausfall der Reaktion hängt
nur zum Teile mit dem Eiweißgehalt der Flüssigkeit zusammen.
48) The glyoyl-tryptophan reaotion in meningitis, by R. H. Major and
E. Nobel. (Arch. of intern. Medic. XIV. 1914. Nr. 3.) Ref.: W. Misch.
Die Glyzyl-Tryptophanreaktion des Liquors ist ein gutes diagnostisches Hilfs¬
mittel zur Feststellung von Meningitis. Bei Fällen, bei denen sich ein pepto-
lytischer Indez höher als 1 feststellen ließ, wurde stets eine Meningitis gefunden;
nur ein einziger Fall von tuberkulöser Meningitis hatte einen niedrigeren Indez.
Es zeigte sich überhaupt, daß der peptolytische Indez während des Krankheits¬
verlaufs wechselte, und zwar zeigte sich mit dem Fortschreiten der Erkrankung
eine Zunahme der peptolytischen Fähigkeiten des Liquors. Bei Fällen ohne
Meningitis wurde niemals eine positive Reaktion beobachtet.
49) Über eine seltene Form von Hirnhauttuberkulose, von L. v. Czirer.
(Centr. f. allg. Pathol. XXV. 1914. Nr. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Fall von Meningitis tuberculosa mit tumorartiger narbiger Verdickung der
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
698
weichen Hirnhäute, die, durch produktive Entzündung hervorgerufen, als die Folge¬
erscheinung der eingedrungenen Tuberkelbazillen bezeichnet werden muß. Nur
geringe Verkäsung, vielmehr faseriges, narbiges, hyaliniertes degeneriertes Binde¬
gewebe.
50) Über das Vorkommen von Meningitis tubercnlosa bei anderweitiger
Organtuberkulose, von W. Steinmeier. (Virchows Archiv. CCXVI. 1914.
H. 3.) Eef.: Kurt Mendel.
Statistische Erhebungen am Sektionsmaterial des Allg. Krankenhauses Ham¬
burg-Eppendorf in den Jahren 1911 bis 1913 ergaben folgendes:
I. Kinder unter 16 Jahren sind in 39,09 °/ 0 der Fälle beteiligt. Erwachsene
über 15 Jahren sind in 5,63 °/ 0 der Fälle beteiligt.
2. Parallel mit der Häufigkeit der Tuberkuloseerkrankungen im Kindesalter
geht die Häufigkeit der Meningitis tuberculosa. Dagegen nimmt bei Erwachsenen
die Häufigkeit der Tuberkulose zu, die der Meningitis ab.
3. Vom männlichen Geschlecht sind erkrankt 5,25 °/ 0 der gesamten männ¬
lichen Tuberkulosen, vom weiblichen 6,42 °/ 0 der gesamten weiblichen Tuberkulöser.
4. In 44,69°/ 0 war die Meningitis tuberculosa eine Teilerscheinung einer
generalisierten Tuberkulose.
5. Die Meningitis tuberculosa ist stets eine sekundäre Erkrankung bei ander¬
weitiger Organtuberkulose.
6. Die Kontaktinfektion der Meningen durch Solitärtuberkel ist selten.
7. In 7,57°/ 0 der Fälle ist die Meningitis tuberculosa kombiniert mit Uro¬
genitaltuberkulose.
8. Die Meningitis tuberoulosa trat stets als basale Form auf.
51) Über zwei unter dem Bilde einer Hirngesohwulst verlaufende Hirn¬
hautentzündungen, nebst Bemerkungen zur Frage über die Entstehung
und Ausbreitung der Meningitis tuberoulosa, von V. Reich mann.
(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.s Kurt Mendel.
Fall I. Bei einem 4jähr. Knaben entwickelte sich innerhalb weniger Tage
eine totale Anakusie und Aphasie sowie eine Parese der Beine. Später totale
Ophthalmoplegie beiderseits, Parese der Arme. Bewußtsein klar. Beiderseits
Stauungspapille. Klinische Diagnose: Tuberkel am frontalen Ende der Brücke.
Plötzlicher Kollaps, Exitus. Sektion: Frische und ältere tuberkulöse Meningitis
der Basis, weit in die Medulla spinalis sich erstreckend. Die ältesten und
schwersten Veränderungen zeigten die die Großhirnstiele umgebenden weichen
Häute, die Großhirnstiele selbst waren erweicht. Sehr wahrscheinlich bestand die
Meningitis in der Gegend der Großhirnstiele und dem Pons lange (mindestens 2
bis 3 Wochen) vor dem klinischen Ausbruch der Krankheit. Ihr Einsetzen fällt
mit der Ausbreitung der Meningitis auf die Brücke und das verlängerte Mark
zusammen. Die Ophthalmoplegie, die bulbären und spinalen Lähmungen und Para¬
paresen können die Folge sein 1. der Degeneration ihrer Kerne, 2. der Unter¬
brechung ihrer supranuklearen und 3. ihrer peripheren Bahn.
Fall IT. Eine 36jähr. Frau erkrankt unter den Erscheinungen eines Klein-
hirntumors. Sektion: trockene, nicht exsudative Konglomerattuberkulose der
weichen Häute des Gehirns an der Basis. Konglomerattuberkulose des Gehirns
und der Adergeflechte. Starke Ependymitis granularis; subchronischer Hydro-
cephalus internus. Mäßige Abplattung der Hirnwindungen.
In beiden Fällen fehlte jegliche charakteristische Erscheinung einer tuber¬
kulösen Meningitis, die Stauungspapille trat frühzeitig auf. Für beide Fälle
kommt, da irgendwelche Tuberkel am Schädel nicht vorhanden waren, nur die
hämatogene Ausbreitung der Tuberkulose in Betracht, obwohl sich der Ursprungs¬
herd in beiden nicht auffinden ließ.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UMIVERS1TY 0FMJCH1GAN
699
62) Ein Fall von tuberkulöser Meningitis mit bitemporal-hemianopiseher
Pupillenreaktion, von OttoSittig. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI.
H. 2.) Ref.: Bratz (Dalldorf).
Es handelt sich in dem Falle des Verf.’s um eine tuberkulöse Meningitis mit
einem besonderen Herdsymptom — bitemporal hemianopischer Pupillenreaktion.
Im Chiasma fand sich kein Tuberkel, der dieses Symptom erklärt hätte, sondern
nur eine besonders starke entzündliche Infiltration der Meningen, die besonders
intensiv an der Stelle der Chiasmakreuzung war. Eine Degeneration in der Seh¬
bahn ließ sich mit der Weigert sehen Markscheidenfärbung nicht nach weisen.
53) Forme olinique de möningite tuberculeuse debutant par un syndröme
de paralysie du nerf moteur ooulaire oommun, par R. Marie et
R. Weill. (Journ. möd. de Paris. 1914. Nr. 29.) Ref.: K. Boas.
Bei dem 4jähr. Patienten trat als erstes Symptom einer tuberkulösen.Menin¬
gitis eine Lähmung des Oculomotörius auf. Bei der Sektion des im übrigen
typisch verlaufenen Falles fand sich eine starke Liquoransammlung und Granu¬
lationen im Gehirn. Der Lungenbefond ergab eine typische Tuberkulose.
54) Über die Heilungamögliohkeit der Meningitis tuberculosa, von Johann
v. Bökay. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXX. H. 2.) Ref.: Zappert (Wien).
Daß seltene Fälle tuberkulöser Meningitis heilen können, ist durch recht ver¬
läßliche Beobachtungen sichergestellt. Auch drei ausführlich mitgeteilte Fälle des
Verf.’s scheinen dies zu bestätigen. Die Diagnose konnte — bei typischer klini¬
scher Symptomatologie — aus dem positiven Bazillenbefund des Punktates (Tier¬
experiment!) gestellt werden. Wahrscheinlich besteht bei solchen sicherlich sehr
vereinzelten Fällen keine Miliartuberkulose, sondern eine bloß lokale Erkrankung
der Hirnhäute und ein nur geringes Exsudat mit wenig tuberkulösen Eruptionen.
Allerdings sind diese Heilungen nicht immer verläßlich, da bei einer ganzen Reihe
der in der Literatur niedergelegten Fälle ein späteres letales Rezidiv pathologisch¬
anatomisch erst das Vorhandensein eines älteren, ausgeheilten Prozesses hatte er¬
kennen lassen.
65) Eine neue Behandlungsmethode der tuberkulösen Meningitis, von Juan
Bacigalupo. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias.
Die neue Behandlungsmethode der tuberkulösen Meningitis, die Verf. empfiehlt,
ist die intradurale Tuberkulinapplikation. Von 3 Fällen erzielte er 2 mal völlige
Heilung nach 3 bzw. 2 Injektionen. Die Temperatur stieg nach diesen Injektionen
nicht an, sondern fiel um etwa 1° ab, um dann durchwegs relativ niedrig zu
bleiben. Die Dosierung ist die nämliche wie bei der Behandlung der Tuberkulose
selbst. Weitere Prüfungen sind abzuwarten.
66) Zur Entstehungswelse seröser Meningitiden bei tuberkulösen Kindern,
von H. Finkelstein. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 25.) Ref.:
E. Tobias (Berlin).
Der mitgeteilte, zum Exitus und zur Sektion gekommene Fall hat folgende
Epikrise: Im Verlauf einer hochfieberhaften Lungenerkraukung wird die Tuber¬
kulose des Brustraums mobilisiert, und es erfolgt Verschleppung einiger Bazillen
in das Gehirn dicht unter den Boden des linken Seiteuventrikels. Der hier ent¬
stehende Tuberkel löst eine lokale Entzündung des dicht überlagernden Ependyms
aus und im Anschluß daran eine seröse Meningitis ventricularis.
57) Zwei Fälle von Pseudomeningitis bei tuberkulösen Kindern, von
H. Brockmann. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXI. H. 5.) Ref.: Zappert.
Wie vorsichtig man bei der Diagnose einer „geheilten“ tuberkulösen Menin¬
gitis sein muß, beweisen die beiden mitgeteilten Fälle. Bei dem einen der Kinder
ergab die einige Monate nach scheinbarer Heilung einer Meningitis erfolgte Autopsie
einen Hirntuberkel ohne Überreste einer Meningitis. In dem zweiten Falle fand
sich trotz klinischer Meningitiszeichen (auch Lymphozytose des Lumbalpunktates)
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
700
kein anatomisches Merkmal einer Meningitis. Beide Kinder hatten schwere
Tuberkulose.
68) Los hemorrhagies mdningees, par B. Barthölemy. (Progies mödical.
1914. Nr. 19.) Bef.: Kurt Mendel.
Ausführliche Abhandlung und Zusammenfassung unserer Kenntnisse über
Ätiologie, Pathogenese, pathologische Anatomie und Klinik der meningealen Hirn-
und Bückenmarksblutungen.
69) Pacbymeningitia baemorrhagioa interna, par Tarassevitch. (Travaux
de la clin. psych. de PUnivers. imper. de Moscou 1914. Russisch.) Rel.:
W. Gorn.
Bei einem 43jährigen, nicht luetischen Alkoholiker tritt nach heftigem Kopf¬
schmerz akut Bewußtseinsverlust und linksseitige Hemiparese auf, die am nächsten
Tag fast völlig schwindet, am Abend mit Kopfschmerz und Konvulsionen der
linken Hand wiederkehrt und am nächsten Tag einem deliranten Zustand, moto¬
rischer Unruhe mit Halluzinationen, Platz macht, dem ein 2 Tage dauernder sopo¬
röser Zustand, später ein Stadium von Reizbarkeit und Gedächtnisschwäche folgt.
Die Kopfschmerzen sind von Fieber bis 38,1 begleitet, der Pat. verlor 25 kg an
Gewicht. Die Parietookzipitalgegend des Schädels ist klopfempfindlich, vorüber¬
gehend bestand eine Abduzensparese links. Die Pupillen reagieren normal, Neu¬
ritis optica und Netzhautblutungen. Gang schwankend. Quadrizeps- und Bein¬
muskulatur leicht atrophisch mit teilweiser Entartungsreaktion. Muskeln und
Nervenstämme druckempfindlich. Patellar- und Achillessehnenreflexe fehlen. Kein
Babinski. Blasenfunktion nicht gestört. Die Lumbalpunktion ergibt Drucksteigerung
des Liquor, der blutig-bräunlich verfärbt ist, viele zerstörte Erythrozyten, Häma-
toidinkristalle, wenig Leukozyten enthält. Diagnose: Pachymeningitis baemor*
rbagica auf der Basis von chronischem Alkoholismus mit extrazerebraler Lokalisation
(Fehlen des Babinski). Die Reflexanomalien erklären sich durch polyneuritisci e
Prozesse. Charakteristisch für die pathogenetische Bewertung des chronischen
Alkoholabusus sind die Beizerscheinungen und die in der Intensität wechselnden
Paresesymptome. Die deliriösen und die polyneuritischen Symptome nähern das
Krankheitsbild dem echten Delirium tremens, der Korsakoffsehen Psychose und
der Polyneuritis und Polioencephalitis alcoholica. Therapeutisch bewährten sich
die Venaescctio, diaphoretische Maßnahmen und die Lumbalpunktion.
60) Beitrag zur diffusen Meningealkarzinose, von E. Baranus. (Inaug.-
Dissert. Würzburg 1914.) Bef.: K. Boas.
Verf. berichtet über einen 39jährigen Patienten mit Carcinoma ventriculi
und sekundären Krebsmetastasen in den Meningen. Vermutlich waren die Meta¬
stasen auf dem Wege der Lymphbahnen zustande gekommen. Vermutlich ist die
Neubildung auf dem Wege der Nervenscheiden ins Rückenmark gelangt, und von
hier aus ist dann die diffuse Infiltration der spinalen und zerebralen Häute erfolgt.
Dafür sprechen die Kreuz- und Lendenschmerzen sowie die Beschwerden beim
Wasserlassen zu Beginn der Krankheit. Als erregendes Moment war vielleicht
eine Erkältung heranzuziehen. Die ganze Krankheitsdauer betrug nur 82 Tage.
Der Primärtumor hatte hier wohl — wie in den meisten Fällen — schon lange
vor der Ausbreitung in die Meningen bestanden und mehr oder minder große
Metastasen im Körper gebildet. Symptomatologisch interessant waren die bei
dem Patienten von Anfang an auftretenden „Stickanfälle u , die vermutlich nervöser
Herkunft waren.
Der Liquor floß bei der Hirnpunktion nur in mäßiger Menge, jedenfalls nicht
unter starkem Druck ab. Eine Trübung bestand nicht. Eis bestand daher wdil
keiue stärkere Ansammlung von Krebszellen im Liquor. Für die starken menin-
gitifcchen Symptome und andere schwere Erscheinungen fanden sich bei der Sek¬
tion keine erklärende Anhaltspunkte. Die Störungen waren wohl auf Grund einer
Digitized b)
Gck .giß
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
GAN 1
mm.
TOI
lokalen und allgemeinen Reizung durch chemische oder mechanische Momente
entstanden.
Experimentelle Untersuchungen darüber, ob der Liquor cerebrospinalis von
vornherein ein günstiger Nährboden für Tumorzellen ist und wie groß in dieser
Beziehung die Unterschiede zwischen dem normalen Liquor cerebrospinalis und
dem bei vorgeschrittener Karzinose bezüglich der Schnelligkeit und Intensität des
Wachstums sind, liegen bisher nicht vor.
61) Ein Fall von Geschwulstbildung in den weiohen Häuten des Zentral¬
nervensystems, von H. Olivecrona. (Virchows Archiv. CCXVII. 1914.
H. 1 u. 2.) Ref.: K. Boas.
Pathologisch-anatomischer Bericht über einen Fall von diffusem Endotheliom
der weichen Gehirnhäute, die zu einer Metastasierung in der Leber und in den
Nieren geführt hatte.
62) Ein Fall von Meningozele, eine seltene Komplikation des Keuch¬
hustens, von Richard Weigert. (Monatsschr. f. Kinderheilk. XIII. H. 3.)
Ref.: Zappert (Wien).
Bei einem 5monntigen Kinde entwickelte sich während einer Keuchhusten¬
erkrankung eine die mäßig große Stirnfontanelle allmählich ausfüllende fluktuierende
und pulsierende, fast haselnußgroße Geschwulst. Ob dieselbe Gehirnteile enthielt,
war nicht zu entscheiden. Sie machte keinerlei Beschwerden und wurde beim
Wachsen des Kindes durch die verspätet eintretende Schädelverknöcherung
bedeckt.
63) Ein Fall von mehrfacher Meningozele, von Paul Frank. (Deutsche med.
Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kürt Mendel.
23jähr. Unteroffizier. Schon als kleines Kind bemerkte er und seine Eltern,
daß er am Kopf zwei Auswüchse hatte, die bisweilen hervortraten. Schwere
Arbeit führte er später ungestört aus, nur beim Heben schwerer Lasten verspürte
er Schmerzen am Kopf. Es findet sich 2 cm nach oben und vorn vom Ansatz
des oberen Ohrmuschelrandes links ein kleinfingergroßer Defekt des Knochens, dem
eine Vorwölbung der Haut von etwa Kirchgröße entspricht. Diese Vorwölbung
tritt deutlicher hervor, wenn Pat sich zur Seite neigt und dabei preßt. Auf
ihrer Höhe findet sich eine bläuliche Verfärbung. Die Schwellung läßt sich in
das Schädelinnere beinahe vollkommen zurückdrücken, wobei Schmerzen auftreten.
Eine leichte Pulsation ist bei vorsichtiger Betastung der leicht zusammendrückbaren
Schwellung zu fühlen. Die zweite Öffnung findet sich am Hinterhaupt, nahe dem
Winkel der Lambdanaht. Sie ist wesentlich größer und entspricht der Größe
einer großen Daumenkuppe. Bückt sich Pat nach hinten, so tritt eine taubenei¬
große Schwellung an der der Schädelöffnung* entsprechenden Stelle ein, welche
deutlich pulsiert.
Auffällig ist, daß dieser mit zwei Meningozelen behaftete Patient schwere
Arbeit, sowohl im bürgerlichen Beruf als auch beim Militär, fast unbehindert zu
leisten vermag. _
Hydrozephalus.
64) Zur Kasuistik des kongenitalen Hydrozephalus, von K. Motz fei dt.
(Frankfurter Zeitschr. f. Pathologie. XVI. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Bei einem 7 Monate alten Kinde, welchem im Alter von 16 Tagen eine
Spina bifida sacralis operiert worden war, fand sich als Ausgangspunkt eines
starken kongenitalen Hydrozephalus eine zirkumskripte Gliomatose des Kleinhirns
mit Verschluß des Foramen Magendie.
65) 6 Monate altes Kind mit enormem Hydrozephalus, von Steinebach.
(Mitteilungen der Gesellschaft f. innere Medizin u. Kinderheilkunde in Wien.
XIII. 1914. H. 6.) Ref.: R. Ganter.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
702
Kein Verdacht auf Lues, acht gesunde Geschwister. Der Hydrozephalus ent¬
wickelte sich erst einige Zeit nach der Geburt. Der Kopfumfang betrug nach
einem Monat 46, nach 6 Monaten 65,5 cm. Sehnenreflexe lebhaft, Muskelspasmen,
Sehnerveneintritt leicht byperämisch und auf einer Seite etwas verwaschen. Sen¬
sibilität, Sinnesorgane o. B. Ein Teil der Assoziationsbahnen funktioniert, da das
Kind je nach der Empfindung lacht oder weint. Der Fall ist darum merkwürdig,
weil keine Lues vorliegt, und weil ein Teil der psychischen Funktionen trotz
hochgradiger Gehirnatrophie zur Entwicklung gekommen ist.
66) Ein seltener Fall von Hydrozephalus, von v. Blomberg. (Zeitschr. f.
d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: G. Stiefler.
Patientin C. K., geboren am 19. X. 1897, uneheliches Kind. Vater war
starker Trinker, Mutter geistig gesund. Deren Vater war ebenfalls Trinker und
litt in den letzten 5 Jahren an Paralysis agitans. Ein Oheim der C. K. war
früher ein starker Trinker und litt später an paranoider Demenz. Die Geburt
war sehr verzögert und wurde durch die Zange vollendet. Das neugeborene Kind
zeigte bereits den eigenartig mißgestalteten Kopf; es konnte gegen Ende des
ersten Jahres bereits laufen und sprechen. Aus dem linken Auge entleerte sich
wenige Wochen nach der Geburt eine trübe, rahmige Flüssigkeit; das linke Auge
blieb blind. Im Alter von 2 Jahren Gehirnpunktion ohne weitere Folgen. Epi¬
leptische Anfälle waren anfangs sehr selten, kamen später in periodischer Häufung
vor, um dann später wieder seltener zu werden. 1912 machten sich bereits Er¬
scheinungen körperlichen und geistigen Rückschrittes bemerkbar, nachdem sie
vorher die Idiotenschule mit mäßigem Erfolge besucht hatte. Am 2. XII. 1913
trat im Anschluß an einen epileptischen Insult Exitus ein. Menses waren im
letzten Lebensjahre einigemal schwach aufgetreten; Beginü der Entwicklung von
Behaarung in Achsel- und Schamgegend. Sehnenreflexe leicht auslösbar, Schmerz¬
empfindlichkeit normal, Bewegungsfähigkeit schwerfällig, ohne grobe Ausfalls¬
erscheinungen. Gehör, Geruch und Geschmack gut, hochgradige Kurzsichtigkeit
Das Interessanteste ist wohl die Schädelgestalt, die leider im Referate nicht bild¬
lich gegeben werden kann und zweifellos ein Unikum darstellt: eigenartige Auf¬
treibungen der beiden Schläfenschuppen über den scheinbar nach unten verdrängten
Ohrmuscheln, zwischen den Schläfenbeinen und den Seitenwandbeinen jederseits
eine tiefe, der Naht entsprechende Furche. Zwischen den stark seitwärts auf¬
getriebenen Stirnhöckern die offengebliebene große Fontanelle; Hinterkopf auf¬
fallend platt. Augenschlitze schräg nach außen unten; hoher, steiler Gaumen;
unregelmäßige gedrängte Zahnstellung. Kopfumfang in Höhe der Stirnbeinhöcker
42 cm, in Höhe der Schläfenbeinschuppenvorwölbungen 68 cm; die entsprechenden
Querdurchmesser 16 bzw. 19,2 cm; Distanz der Ohreingänge 11 cm. Das Röntgen¬
bild ergab eigenartige Auftreibungen an den Daumenphalangen und Mißbildungen
im Fußskelette; Schwimmhautbildung an den Zehen.
Bei der Schädelautopsie wurde die von dem Großhirn wie von einem dünnen
Mantel umschlossene große, wassergefÜllte Blase eröffnet, wobei sich 1150 cm
Flüssigkeit entleerte, worauf das von den harten Hüllen getrennte Gehirn wie
eine entleerte Gummiblase zusammenfiel. Zwischen den Schläfenlappen beiderseits
und den Scheitelteil des Großhirns schob sich von außen eine bis 3 cm breite
spongiöse Knochenspange ein, die vom Rande der Schläfenbeinschuppe und der
Schuppe des Hinterhauptsbeins ausging. Vielfache Knoten oder perlformige
Knochenauflagerungen im Schädelinnern. Die Gehirnoberfläche zeigt die durch
die Knochenspangen beiderseits entstandenen tiefen Einschnitte. Im oberen Ab¬
schnitt des Schädels lag im Leben das Stirnhirn, in den weiten Ausbuchtungen
der beiden Schläfenschuppen die beiden Säcke der Schläfenlappen. Auffallend ist
der Windungsreichtum in den Hinterhauptslappen gegen die wesentlich einfacheren
Verhältnisse der Stirnabschnitte, die durch die Flüssigkeit stark ausgedehnt waren.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
703
Das Gehirn wog ohne den flüssigen Inhalt 1250 g. Zahlreiche und gute Ab¬
bildungen illustrieren den wohl sehr seltenen Fall, dessen mikroskopische Bearbeitung
durch Dr. Jacob (Hamburg-Friedrichsberg) in Aussicht gestellt ist.
67) Hydrozephalus naoh intrakranieller Blutung, von A. v. Reuss. (Mitteil,
der Gesellschaft f. innere Medizin u. Kinderheilkunde in Wien. XIII. 1914.
H. 6.) Ref.: R. Ganter.
2 Wochen altes Kind einer 22jähr. Erstgebärenden. Geburt hatte 52 Stunden
gedauert. Am 1. Lebenstag Verdrehen der Augen, am 2. Tag tonische und schwache
klonische Krampfanfälle, Drehen des Kopfes nach links, starke Zuckungen im Ge¬
sicht beim Beklopfen der Wangengegend, lebhafte Patellarreflexe, zeitweises Auf¬
schreien. Nach Lumbalpunktion unter hohem Druck ausfließender blutiger Liquor.
Kopfumfang 38,5 cm, Nähte weit offen. Verf. faßt die Erscheinungen als be¬
ginnenden Hydrozephalus auf. Vielleicht wurde durch Ventrikelblutung die Ver¬
bindung des 4. Ventrikels mit dem Subarachnoidealraum verlegt oder es könnte
(nach Beneke) infolge Überdehnung der Dura bei der seitlichen Kompression des
Schädels während der Geburt eine Verengerung des Sinus rectus eingetreten sein,
die eine Stauung der Vena magna Galeni bedingte. Vielleicht handelte es sich
auch um Nachblutungen.
68) Beiträge zur Pathologie und Therapie des chronischen Hydrocephalus
internus, von J. v. B6kay. (Jahrb. f. Kinderheilkunde. LXXXI. H. 1.)
Ref.: Zappert (Wien).
Der eine der beschriebenen Fälle bot eine durch die Sektion ermöglichte
Bestätigung der durch das Strassburger sehe Transparenz verfahren diagnostizierten
Ausdehnung der Flüssigkeitsansammlung innerhalb der Schädelhöhle. Der andere
Fall betraf ein 6jähr. Mädchen, bei welchem seit seinem 5. Monat ein erworbener
Hydrozephalus mit bisher 51 Lumbalpunktionen erfolgreich behandelt worden war.
69) Ein diagnostizierter und operativ (Trepanation und Balkenstioh) ge¬
heilter Fall von Hydrocephalus internus aoquisitus, von A. v. Sarbö.
(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 4.) Ref.: Carl Grosz.
Verf. teilt 2 Fälle von intra vitam diagnostiziertem Hydrocephalus internus
acquisitus mit. Beide Fälle betreffen 6jährige Kinder. Der Beginn mit Krämpfen,
die Unbeeinflußbarkeit durch die gewöhnliche Epilepsiemedikation, das Fehlen von
Lokalsymptomen, vor allem aber das Schwanken der Krankheitserscheinungen (die
plötzliche Verschlimmerung nach Krankheiten, die eine Behinderung des Liquor¬
abflusses herbeizuführen geeignet waren, die auffallende Besserung nach Lumbal¬
punktion oder Verabreichung eines Drastikums) ließen genuine Epilepsie und
Hirntumor ausschließen und leiteten auf die richtige Diagnose. Im ersten Falle
wurde mit bestem Erfolge die Trepanation am rechten Scheitelbein in der Mittel¬
linie und daran anschließend der Anton-Bramannsche Balkenstich gemacht. Die
Symptome, die im Anschluß an die Operation vorübergehend auftraten (Kernig,
Babinski, leichte Krämpfe in der linken oberen Extremität), erklärt Verf. durch
eine Imbibition der subduralen Räume mit Liquorflüssigkeit (Meningitis serosa
circumscripta). Pat. konnte am 31. Januar 1914 vollkommen geheilt vorgestellt
werden.
Psychiatrie. — Dementia praecox.
70) Frühsymptome der Dementia praecox, von Treiber. (Psych.-neurol.
Wochenschr. XV. Nr. 9 u. 10.) Ref.: 0. Klieneberger (Göttingen).
Nach den Untersuchungen des Verf.*s zeigen die Schizophrenen in weit
größerer Häufigkeit, als bisher angenommen wurde, bereits vor der Pubertät Ab¬
weichungen von der Norm, die sie aus der Reihe ihrer Altersgenossen heraus-
heben.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
704
71) Die körperlichen Frühsymptome der Dementia praecox, von E. Breiger.
(Mediz. Klinik. 1915. Nr. 4/5.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. faßt seine Beobachtungen wie folgt zusammen:
1. Die Beobachtungen beziehen sich auf Kranke, welche sich im Frühstadium
der Erkrankung befanden.
2. Die Diagnose ermöglichte in allen Fallen einzig und allein der charak¬
teristische psychische Defekt.
3. Die beobachteten körperlichen Symptome sind Begleiterscheinungen des
jeweilig bestehenden psychischen Zustandes. Bei einer Lebhaftigkeit der asso¬
ziativen Tätigkeit und bei einer Reichhaltigkeit an Affekten und Vorstellungen
waren auch auf körperlichem Gebiete gesteigerte Reaktionen wahrnehmbar. Das
umgekehrte Verhalten war bei einer Armut des affektiven und intellektuellen
Geschehens nachweisbar,
4. Eine Verringerung bzw. ein Fehlen der Psychoreflexe an den Pupillen
scheint im Frühstadium der Erkrankung sehr selten beobachtet zu werden. Dann
hat dieses Symptom differentialdiagnostische Bedeutung.
72) Über Wesen und Bedeutung katatonischer Symptome, von Kurt
Schneider. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych, XXII. H. 4 u. 5.) Ref.:
M. Pappenheim (Wien).
Übersicht über alle möglichen Krankheitsformen, bei denen katatone Sym¬
ptome Vorkommen können. Bei nicht schizophrenen Erkrankungen findet man
Perseveration, sprachliche und motorische Stereotypien, Echoerscheinungen, Stupor
und Katalepsie. Von negativistischen Erscheinungen findet sich stets passives
Widerstreben, während aktiver Negativismus für die Diagnose einer schizophrenen
Erkrankung bedeutend mehr Gewicht zu haben scheint. Feinere katatone Sym¬
ptome sind bei nicht schizophrenen Erkrankungen auffallend selten, fast nur, und
auch da vereinzelt, in epileptischen Zuständen, zu beobachten.
Kurze Übersicht über die verschiedenen Theorien zur Erklärung der k&ta-
tonen Symptome. Verf. schließt sich der Anschauung an, daß das Primäre die
Störung im Vorstellungsablauf ist. Darum neigen besonders Benommenheits-
zastände zum Auftreten katatoner Symptome. Am wenigsten befriedigt die Er¬
klärung katatoner Symptome durch die Annahme eines eingeengten Bewußtseins
bei der echten Katatonie, bei welcher der katatonische Symptomenkomplex mit
den feinsten Symptomen der Psychopathologie dieser Psychose so untrennbar ver¬
knüpft ist. Dennoch vermag man heute etwas Besseres nicht zu geben.
Als praktische Gesichtspunkte hebt Verf. hervor: Katatone Zustandsbilder
können überall Vorkommen, wo Störungen des Vorstellungsablaufs auftreten. Man
muß mit Stransky betonen, daß namentlich bei akuten Psychosen das Auftreten
katatoner Symptome keineswegs die Diagnose der genuinen Katatonie rechtfertigt.
Sollten sich die Erschöpfungßpsychosen behaupten, so wird man ihnen,, wie auch
allen Dämmerzuständen, die Möglichkeit katatoner Zustandsbilder zubilligen müssen.
Auf andere Symptome, namentlich das Verhalten der Affektivität, ist jedenfalls
diagnostisch weit mehr Gewicht zu legen. Außerhalb dieser Zustände von Be¬
wußtseinstrübung wird — wenn wir die schweren Demenzen als differential-
diagnostisch kaum gewichtig hier weglassen — das Auftreten katatoner Symptome
die Diagnose Schizophrenie stets in höchstem Maße wahrscheinlich, machen.
Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel
in Berlin W, Augsburgerstr. 48.
Verlag von Veit & Com. in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Witttg in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Pro! E. MendeL
Henuugegebat
TOD
Dr. Kurt MendeL
Vierunddrei ßigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
__ direkt von der Verlagsbuchhandlung.
=j_ - 1. Oktober. Nr. 19.
Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Ein Fall von Tabes dorsalis mit akut einsetzenden
ungewöhnlichen Koordinationsstörungen am Kumpf, von 6. Bikeles. 2. Zur Benennung
nervöser Zustände in Gutachten, von W. Clmbal. 3. Zum Streit über die traumatische Neu¬
rose, von Kurt Hildebrandt.
II. Referate. Physiologie. 1. Das Sehen der Fische, von v. Tschermak. 2. Experi¬
mental subarachnoid injections of trypan blue, by Woolsey. 3. Über die Wirkung der im
Liquor enthaltenen Toxine auf das Nervengewebe bei Kaninchen, von Mysllveiek. 4. Über
eine Wirkung des Adrenalins auf das Gehirn, von Bass. 5. Über den Einfluß der Kühlung
auf die Erregbarkeit der Großhirnrinde einerseits und der Kleinhirnrinde andrerseits, von
Beck und Bikeles. 6. Über die automatische Tätigkeit des Atemzentrums bei den Säuge¬
tieren und dem Menschen, von Babäk. 7. Over den oorsprong van den N. vagus bij het
konijn, van Stuurman. 8. Zur Frage der sekundären HörDahnen, von Kreidl. 9. Morpho¬
logische Veränderungen des gereizten Nerven, von StQbel. 10. Contribution experi¬
mentale ä l’etude de la dögönörescence retrograde, par Loewenthal. 11. Ein Beitrag zum
Studium der Regeneration von Hautnerven, von Hacker. 12. Die Lehre von der tonischen
Innervation, von v. Tschermak. 13. Meine „Kompressionsreaktion“, von Geigel. 14. Studien
über den Kraftsinn, von v. Frey. 15. Über Variationen des Verhältnisses der Kraft beider
Hände unter Einfluß von Arbeits- und Kuheperioden, von Kip. 16. Über die während des
Tages auftretenden Veränderungen im Verhältnis der Kraft beider Hände, von Kip. 17. Über
die Frage der qualitativen Verschiedenheiten in der Tätigkeit der Nervenfasern, von Babäk*
18. Das Verhalten des interstitiellen Bindegewebes beim untätigen Muskel, von Erben.
19. Beobachtungen an Hautflächen mit geschädigter Innervation, von v. Frey. 20. Note sur
la branche descendante du nerf hypoglosse, par Kummer. — Pathologische Anatomie.
21. Postmortale Strukturveränderungen der Ganglienzelle, von Reisinger. 22. Der gliöse
Anteil der senilen Plaques, von Cowe. 23. Die Rhabdomyome des Herzens bei tuberöser
Hirnsklerose, von Ribbert. 24. Über eigenartige Schädeldefekte im Jugendalter, von SchOller.
25. Ober zwei Fälle von Arachnodaktylie, von Börger. — Kriegsbeobachtungen. 26. Be¬
obachtungen bei Schußverletzungen des Gehirns, von Stern. 27. Kriegschirurgische Er¬
fahrungen, von Hirsch und Meissl. 28. Zur Prognose der Schädelschüsse, von Engelhardt.
29. Über zweckmäßige Gesichtsfeld Verwertung bei der kompletten homonymen Rechts¬
hemianopsie, von Reitsch. 30. Organische Schädigungen des nervösen Ohrapparates im
Kriege, von Zange. 81. Über das nächste und weitere Schicksal der Rückenmarksschu߬
verletzungen; ein theoretischer Vorschlag zur Beeinflussung desselben, von Spoerl. 32. Bei¬
träge zur Kenntnis der trophischen Störungen bei Schußverletzungen peripherer Nerven,
von Steinberg. 33. Über Störung der Harnentleerung infolge Erkältung, von Stiefler und
Volk. 34. Die moderne Elektromedizin in der Kriegstherapie, von Zanietowski. 35. Die An¬
siedlung von Kriegsbeschädigten. Beiträge zur Invalidenfürsorge, von Keup, Mayer und
Wölbling. — Neurasthenie, Hysterie. 36. Über Neurastheniacordis, von Graul. 37. Hystero*
neurasthenie oder chronische Appendicitis? Zugleich ein Beitrag zur Appendicitisfrage und
ihrer Beziehung zur Oxyuris, von Rheindorf. 38. pber einen Fall von hysterischer Mono¬
plegie, von Berliner. 39. Torticollis neuriticus, von Simerka. 40. Die nasalen Reflexneurosen
und ihre Behandlung, von Blau. 41. Zur Bedeutung der Hyperplasie des Tuberculum septi
in der Pathologie und Therapie der nasalen Reflexneurosen, von Levinstein. 42. Hysterische
Seh- und Hörstörungen bei Soldaten, von Kluge. 48. Über die Behandlung subjektiver Ohr-
xxxiv. 45
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
706
geräasche, von Arnheim. 44. Algunas consider&ciones ä propösito de la sordo-mudez histerica
c5n motivo de un caso clinico, par Hernand6z. 45. Glönards disease. The cause of hysteria,
neurasthenia and the visceral neuroses, by Lerch. 46. Über Kotstauung als Quelle nervöser
Schmerzempfindung und ihre Bedeutung für die Erkennung somatischer Verhältnisse, für
das Befinden von Neuropathen mit Wehgefühlen, von v. Pfungen. 47. Über nervöse Retentio
urinae, von Cohn. 48. Beitrag zur Lehre der sexuellen Neurasthenie, von Wehner. 49. Sexuelle
Hypochondrie und Skrupelsucht, von Hirschfeld. 50. Eine seltene Potenzstörung, von Flataii.
51. Die Dyspareunie des Weibes, von Rohleder. 52. Beitrag zur Lehre von der Errötungs¬
furcht (Ereuthophobie), von Bernhardt. 58. Über die sog. klimakterische Neurose, von Pelnif.
54. Eingebildete Gravidität, von Loechel. 55. .Beitrag zur Lehre von der senilen Hysterie,
von Kleine. 56. Ein Beitrag zu den nervösen Äquivalenten im Säuglingsalter, von Wilhelm.
57. Die Neurosen der Kindheit, von Bur. 58. Über psychogene Magensekretionsanomalien
im Kindesalter, von Wegener. 59. Über Dermographismus im Kindesalter, von Brinckmamn.
60. Klinische Studien über den Dermographismus, von Rezniöek. 61. Über Psychotherapie
im Kindesalter, von Hamburger. 62. Psychotherapie in der Kinderheilkunde, von Gdtt.
68. Zur Kenntnis der Beeinflussung vegetativer Zentren durch die Hypnose, von Mohr.
64. Ein Beitrag zur Kenntnis der Dermatosen bei Hysterie, von Antonl. 65. Ein Fall von .
sogen, hysterischer Dermatose, von Rasch. 66. Quelques nouvelles considerations sur les
psycho-nevroses professionnelles, par William. 67. Ein ungewöhnlicher Fall von Selbst¬
beschädigung des Auges, von Carsten. 68. Zur Hysteriefrage, von Ralmann. 69. Beitrag
zur Kasuistik der hysterischen SchlafzuBtände, von Prager. 70. Kasuistischer Beitrag zu
Reflexstörungen im hysterischen Dämmerzustand, von v. Ehrenwall. 71. Muskelaktionsströme
bei organischen und funktionellen Erkrankungen des Zentralnervensystems, von Misch und
Lotz. 72. Abgrenzung und Begriff des neuropathischen Kindes, von Stier. 73. Über die
Agrypnie der Neurastheniker und ihre Behandlung mit Hilfe der Franklinisation, von
Koblfzek. 74. Schlafstörungen. Ein Nachwort und ein Vorschlag von Happich. — Epilepsie.
75. Über Wesen und Behandlung der sogenannten „genuinen** Epilepsie, von Bolton.
76. Epilepsy; a Theory of causation founded upon the clinical manifestations and the thera-
neutic and pathological data, by Shaw. 77. Experimenteller Beitrag zur Kenntnis der Ge¬
hirn Vorgänge beim epileptischen Anfall, von Karplus. 78. Über die Dosierung der Absinth¬
essenz beim Hervorrufen von Anfällen experimenteller Epilepsie bei Hunden, von Ossipow.
79. Ist der Verlauf experimenteller Krämpfe durch Störung der inneren Sekretion zu modi¬
fizieren? von Fischer. 80. The pituitanr gland in epileptics, by Munton and Shaw. 81. Obser-
vations on epilepsy chiefly from an X-ray standpoint, by Kennan, Johnston and Henningor.
82. Epilepsy, by Shanahan. 83. Über die hereditären Beziehungen zwischen Alkoholismus
und Epilepsie, von Stuchlfk. 84. Napoleon Bonaparte als affektepileptischer Psychopath und
seine Tentamina suicidii, von Haberkant. 85. Zur Frage der gehäuften kleinen Anfälle, von
Engelhard. 86. Untersuchungen über die Veränderungen in der Häufigkeit der epileptischen
Anfälle und deren Ursachen, von Ammann. 87. Beitrag zur Kenntnis des epileptischen
Blutbildes, von Zimmermann. 88. Zur Hämatologie des epileptischen Anfalls, von Ldwy.
89. Die Bewertung der Befunde der Gesamtstickstoffausscheidung beim Epileptiker im
Intervall. Bemerkung zur Arbeit gleichen Titels von W. Tintemann, von Alters. 90. Epi¬
lepsie und Schwangerschaft, von Meyer. 91. Über klinische Beziehungen zwischen Epilepsie
und Schizophrenie, von Qiese. 92. Zur Narkolepsiefrage, von Redlich. 93. Zur Lehre von
den epileptischen Dämmerzuständen, von DOtemeyer. 94. Epilessia e delitto. I caratteri
speoifici della criminalitä epilettica. Con una introduzione del Prof. E. Morselli, per Masini.
95. Der Tod infolge epileptischen Anfalles, von Hebold. 96. Myoclonie et dpilepsie, par
Austregesilo et Ayres. 97. Die heutige Behandlung der Epilepsie auf Grund der Erfahrungen
in der Landesheilanstalt Uchtspringe, von Hoppe. 98. Zur modernen Epilepsiebehandlung,
namentlich der idiopathischen, von Michälek. 99. Über die Wirkung des Sodobrols bei
Epilepsie, von Schulhof. 100. Le sedobrol, par Ladame. 101. Versuche über die thera¬
peutische Beeinflußbarkeit psychisch stark alterierter Formen von Epilepsie mittels Sedobrol
von Oberholzer. 102. Epilessia e trattamento bromieo-ipoclorurato, per Pellacani. 103. Der
Wert der Flechsigschen Opium-Brombehandlung bei der Epilepsie, von Kellner. 104. Traite
ment de l'epilepsie sans bromure, par Juarros. 105. Beitrag zur Therapie der Epilepsie, vor
Barakov. 106. Luminalbehandlung bei Epilepsie, von Kutzinski. 107. Weiterer Beitrag zur
Luminalbehandlung der Epilepsie, von Grabi. 108. Die Wirkung des Luminals bei epilep
tischer Demenz, von Grzywo-Dybrowski. 109. Über den Einfluß einer wirksamen Epilepsie¬
behandlung auf die Psyche der Epileptiker, von Chrlstlnger. 110. Zur Behandlung der
Epilepsie und verwandter nervöser Leiden, von Topp. 111. Experience with crotalin at the
Oakbourne epileptic colony, by Yawger. 112. Über den Einfluß der Schutzimpfungen gegen
Lyssa auf den Verlauf der Anfälle bei Epilepsie, von Nikitin. 118. Erfahrungen über die
operative Behandlung der genuinen und traumatischen Epilepsie, von Wolspfennlng. 114. Tvrenty-
flrst annual report of the managers and officers of the Craig Colony for Epileptics Sonye'a.
Livingaton County, N. Y. — Psychiatrie. Dementia praecox. 115. Beitrage zur
somatischen Symptomatik und Diagnostik der „Dementia praecox**, von Schultz. 116. Die
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
707
Frühsyrnptome der Schizophrenie in ihren Beziehungen zur Kriminalität und Prostitution
der Jugendlichen, von Stelzner. 117. Note on the incidence of Status lymphaticus in
dementia praecox, by Emerson. 118. The clinical significance of katatonic Symptoms, by
Devine. 119. Les crises des dements precoces, par Halberstadt et Legrand. 120. Zur Kenntnis
symbolähnlicher Bildungen im Kähmen der Schizophrenie, von Schilder u. Weidner. 121. Les
etats de loquacite dans la dömence precoce, par Quiraud. 122. La valeur du „symptöme
des reponses absurdes“ en psychiatrie militaire, par Hesnard. 128. Über frühes Auftreten
▼on Dementia praecox mit Bemerkungen über Pfropfhebephrenie, von Weddige. 124. Über
hysterische Psychosen und deren Differentialdiagnose gegenüber der Dementia praecox, von
Naundorf!. 125. La demence precoce ä Evolution circulaire, par Halberstadt. 126. Ein durch
seinen Verlauf und seine Spätgenesung beachtenswerter Fall von Katatonie, von Frommer.
127. Todesursachen schizophrener Frauen, von Schröder. 128. Over de behandeling van
Dementia praecox, door Lemei. — Forensische Psychiatrie. 129. Die Mendelschen
Vererbungsgesetze und ihre Bedeutung für die Kriminalistik, von Fehlinger. 130. Ver¬
gleichende Untersuchungen über die Tätowierung bei Normalen, Geisteskranken und Krimi¬
nellen, von Gotthold. 131. Psychiatrische Untersuchungen in der niederösterreichischen
Zwangsarbeitsanstalt Korneuburg, von Bischof! und Lazar. 182. Ober Psychoanalyse in
gerichtsärztlicher Beziehung, von Schultz. 133. Über Sittlichkeitsverbrechen, von Worthauer.
I. Originalmitteilungen.
[Aus der IL med. Klinik des Herrn Hofrates Prof. Ortkbr.]
1. Ein Fall von Tabes dorsalis mit akut einsetzenden
ungewöhnlichen Koordinationsstörungen am Rumpf
Von Q. Bikelea. .
N. N., 40 Jahre alt, ist Vater von sechs gesunden Kindern. Voi; 20 Jahren
trat beim Patienten auf den Lippen ein Ausschlag auf, welcher vom behandelnden
Arzt als luetisohe Affektion diagnostiziert wurde, worauf eine Schmierkur und
Jodtherapie eingeleitet wurde. Ein Ausschlag an der Hant wurde bei dem Patienten
nicht beobachtet. Vor einigen Jahren litt Patient zeitweise an „krampfartigen“
Sohmerzen in der Blinddarmgegend, und zwar unabhängig von der Nahrungs¬
aufnahme. Seit 2 Jahren sollen zeitweilig geringfügige „reißende“ Schmerzen von
kurzer Dauer oberhalb des linken Kniegelenkes vorhanden gewesen sein. Patient
beachtete dieses aber nicht und konsultierte keinen Arzt
Das gegenwärtige Leiden setzte ein — ohne jedwede vorausgegangene phy¬
sische Anstrengung — 18 Tage vor der am l.IV. 1915 erfolgten Aufnahme auf
die Klinik mit krampfartigen Schmerzen in beiden Waden während des Gehens,
so daß der Patient dann stehen bleiben mußte; in der Ruhe waren dagegen gar
keine Beschwerden vorhanden. Patient verblieb zu Hause, und zwar zumeist zu
Bett. Aber gerade zur Zeit, als die Wadenschmerzen bereits gelindert Bzw. ganz
geschwunden waren, verschlimmerte sich im Laufe von 3 bis 4 Tagen das Geh¬
vermögen des Patienten bis zu dem bei der Aufnahme konstatierten Grade.
Libido sezualis in den letzten Monaten gering; Potentia dagegen bis jetzt
immer erhalten. Nie Urin- oder Mastdarmbeschwerden. Urinabgabe 3 bis 4 mal
innerhalb 24 Stunden, angeblich seit Jugend.
Status vom 2. IV. 1915: Pupillen entrundet, ungleich, und zwar rechte
weiter als die linke. Auf Licht reagiert die rechte Pupille schwach (sehr träge),
die linke kaum eine Spur; dagegen ist die Reaktion bei Akkommodation gut
erhalten.
Patellarsehnenreflexe 0. Aohillesreflexe 0. Tiefe Reflexe an oberen Extremitäten
undeutlich. Hautreflexe abgesohwächt und kommen nur Bpurweise zum Vorschein.
45*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
708
Tiefe Nadelstiche werden an der Sohle, besonders rechts, sehr häufig nicht
wahrgenommen; Hypalgesie mäßigen Grades besteht an beiden unteren Extremi¬
täten überhaupt.
An der Innenfläche der linken Oberextremität bedeutende Hypalgesie; sonst
werden überall Nadelstiche gut erkannt.
Finger-Nasenspitzenversuch bei geschlossenen Augen, besonders an linker
oberer Extremität deutlich ataktisch. Hacken-Knieversuch von leioht ataktischem
Charakter. Während aber bei der Untersuchung des Patienten zu Bett die atak¬
tischen Erscheinungen sehr mäßige bleiben, ist die Gangstörung eine sehr auf¬
fallende. Der Kumpf des Patienten schwankt nämlich beim Gehen
höchstgradig seitlich, und zwar abwechselnd nach rechts und
links immer nach der Eiohtung des jeweiligen Stützbeines. Dieses
Schwanken des Rumpfes ist so exzessiv, daß Patient schon nach ein
paar Schritten in seitlicher Richtung umzustürzen droht.
Aufsetzen und Umwenden im Bett gelingt prompt. An den Extremitäten
keine Spur von Parese. Hypotonie der Wadenmuskulatur; sonst nur mäßig ent¬
wickelte Muskulatur. Keine Druckempfindlichkeit, weder an Nerven noch an
Muskeln. Gelenkssensibilität erhalten. Wassermann + (im Blute).
Unter Einleitung einer antiluetischen Behandlung erfolgte rasche Besserung
des Gehvermögens wie des Gesamtzustandes.
Status vom 20. IV. 1915: Beim Finger-Nasenspitzenversuch wie bei dem
Zusammenbringen der Zeigefinger bei geschlossenen Augen keine Spur von Ataxie
mehr nachweisbar. Radialperiostreflex beiderseits deutlich. Die bedeutende Hyp¬
algesie an der Innenfläche der linken oberen Extremität fast nicht mehr nadi-
weisbar.
Hacken-Knieversuch sowie Beschreiben eines Halbkreises mit einem Bein ge¬
lingt gut.
Hautreflexe (speziell Plantar- und Bauchdeckenreflexe) sind deutlicher als
am 2. IV.
Romberg negativ. Umdrehen bei geschlossenen Augen etwas ungeschickt.
Stehen auf Fußspitzen möglich. Gehen bereits seit Tagen möglich, gegenwärtig
geht Patient umher ohne Beschwerden, wobei bei langsamem Gang nur ein
geringes, aber jedenfalls deutlich sichtbares seitliches Schwanken des Rumpfes
nach rechts und links (immer nach der Richtung des Stützbeins) bemerkbar ist.
Beim rascheren Gehen kommen die seitlichen Rumpfschwankungen noch intensiver
zum Vorschein (doch geringer als selbst noch vor 2 Tagen), ohne aber das Gehen
irgendwie zu behindern.
In der nächsten Zeit hörten die seitlichen Rumpfschwankungen überhaupt au£
Patient vermag selbst nur auf Fersen gestützt zu stehen. Umdrehen bei ge¬
schlossenen Augen ohne jede Störung. Kurz nachher ließ sich noch reohts eine
Spur vop Patellarsehnenreflex nach weisen. 1
Dieser Fall gehört zu den selteneren Fällen von Akutem Ausbruch der
Krankheitserscheinung bei Tabes dorsalis, deren Vorkommen bereits von mehreren
Seiten (Bbamwell, Fbenkel) hervorgehoben wurde. Dem Verständnisse werden
derartige Fälle zugänglicher, wenn man mit Ebb 2 in der Tabes „einen noch
aktiven Infektionsprozeß“ sieht.
Beachtenswert scheint das Verhalten der * Hautreflexe bei solohen mit akut
1 Es ist aber die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß diese Spar zuvor nur übersehen
wurde. Jedenfalls ist seitdem ein deutlicherer ReÜex nicht zum Vorschein gekommen.
* Nenrolog. Centralbl. 1913, Vortrag.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
709
einsetzenden Störungen einhergehenden Tabesfällen. Während sonst die Haut*
reflexe (im Gegensatz zu den tiefen Reflexen) bei Tabes lange deutlichst erhalten
bleiben, waren in dem in Rede stehenden Fall auch die Hautreflexe bei der
Aufnahme sehr abgeschwächt und nur spurweise vorhanden. Auch in einem
Fall aus meiner Privatpraxis (den ich vor einigen Jahren beobachtete) mit akutem
Beginn der Störungen wurde von mir vollständiges Fehlen sowohl der tiefen,
als auch aller Hautreflexe konstatiert. Im Falle Bbamwell’s 1 ist ebenfalls an¬
gegeben, daß die Kremasterreflexe fehlten und die Bauohdeckenrefiexe schwach
waren. Die Ursache der Abschwächung bzw. des Verschwindens auch der
oberflächlichen Reflexe mag in einem akuten Befallenwerden einer sehr großen
Anzahl von hinteren Wurzeln begründet sein.
Das Hauptinteresse dieses Falles liegt jedoch in der Art der konstatierten
akut eingesetzten und rasch wieder verschwundenen, hochgradigen Koordinations-
Störung am Rumpf während des Gehens. Daß es eventuelle (seltenere) Tabes¬
fälle gibt, welche nur mäßige Ataxie in der Bettlage zeigen, bei denen trotzdem
die Lokomotion in bedeutenderem Maße — bedeutender selbst als bei anderen
Kranken — erschwert ist, hebt bereits Frenkel 1 * * hervor. Als deutliche Ataxie
des Rumpfes in derartigen Fällen führt dieser Autor an: „schwankende, brüske
Bewegungen nach allen Richtungen nach vorne, hinten und seitwärts“. Bei
unserem Patienten erfolgten die höchstgradig schwankenden Bewegungen aus¬
schließlich nach der Seite, und zwar alternativ nach rechts und links
je nach dem jeweiligen Stützbein.
Ein ganz minimales — für das Auge kaum wahrnehmbares — seitliches
Schwanken des Rumpfes beim Gehen, speziell beim raschen Gehen, ist eine
normale physiologische Erscheinung und kann man deutliche Spuren eines der¬
artigen Schwankens des Rumpfes bei aufmerksamer Beobachtung an sich selbst
empfinden . 8 Bei dem in Rede stehenden Patienten aber waren die Koordinations¬
störungen als ausschließlich seitliche Rumpfschwankungen 4 * * * so sehr exzessiv, daß
derselbe schon nach ein paar Schritten nach der Seite umzustürzen drohte und
infolgedessen gänzlich gehunfähig war.
1 Brit. med. Journal. 1902.
9 Die Ursache der Ataxie bei Tabes dorsalis. Neurolog. Centralbl. 1907.
8 Vgl. auch Lbwandowsxy, Handb. d. Nenrol. Allg. Teil. Bd. II. S. 883.
4 Nebst einem Versagen des M. glntaeos medins, woranf zuerst Frenkbl, dann anob
Fobbster und Habnel hingewiesen haben, dürfte man hier ancb eine Hypotonie der langen
Wirbelsäulestrecker für die Rumpfschwankung verantwortlich machen. Der Umstand, daß
bei Atrophie der langen Wirbelsäulestrecker der Kranke nach vorne fällt, beweist für Fälle
von bloßer Hypotonie nicht viel. Erwähnt sei hier, daß zur Zeit, als Patient bereits wieder
gehen konnte — in der aber die Rumpfschwankungen noch immer sehr auffällig waren —,
ich an ihm folgenden Versuch ausführte: ich ließ den Patienten auf einem Bein stehen und
trug ihm dann auf, sich mit dem Rumpf seitlich nach außen vom Standbein hinüberzuneigen
bis zur etwaigen Sturzgefahr; dieses Hinüberneigen — bei alleiniger Stütze im Standbein
— gelang dem Patienten in normalem Ausmaß. Jedenfalls findet die physiologische Rumpf-
Bchwankung schon bei mäßiger Hypotonie der langen Wirbelsänlestrecker keine rechtzeitige
Hemmung und fällt, wie mir scheint, aus diesem Grunde bei Tabes dorsalis überhaupt nicht
selten größer aus.
Digitized by
Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
710
2. Zur Benennung nervöser Zustände in Gutachten.
Von W. Clmbal in Altona.
Die nachfolgenden Zeilen gelten der Bekämpfung gewisser in der neuro¬
logischen Praxis noch vielfach gebräuchlicher Ansdrücke, die den Anforde¬
rungen der Krankengeschichte- und Gutachtentätigkeit ans vielen Gründen
nicht entsprechen. Gemeint sind die Begriffe: traumatische Neurose, Hysterie,
Neurasthenie, psychogen, deren besondere bedenkliche Bedeutung im einzelnen
später erörtert werden wird. Ihr vollständiger Ersatz durch deutsche Ausdrücke,
deren Gebrauch für die militärärztliche Zeugnisse und Krankengeschichten zu¬
dem Vorschrift ist, ist lange vor dem Feldzuge von einem Teil der Kollegen
angestrebt und durchgeführt worden, begegnete vor kurzem aber in dieser und
anderen Zeitschriften scharfem und mir nicht ganz verständlichem Widerspruch,
so daß eine Klarlegung der vorliegenden Absichten zur Vermeidung von Mi߬
verständnissen notwendig erscheint.
Mit dem Ausdruck „akuter nervöser Überreizung“ ist z. B. nur gesagt,
daß Reizerscheinungen im Vordergründe stehen, und daß die Krankheit ohne
nachweisbare angeborene Minderwertigkeit oder Nervenschwäche, mindestens
aber in wesentlicher Unterscheidung von der an sich gesunden Gesamtkonstitution
in scharf abgegrenzter Zeit akut entstanden ist
Die gleiche Klarheit besitzen die Begriffe: nervöse Schwäche, akute nervöse
Erschöpfung, angeborene nervöse, moralische, seelische Minderwertigkeit.
Die Anwendung aller dieser Ausdrücke zwingt den Gutachter zu der bei
der Untersuchung von Nervösen so notwendigen äußersten Sorgfalt, denn der
Nachgutaohter oder Richter verlangt oder erwartet natürlich den Beweis der
akuten Entstehung bzw. umgekehrt der langsamen Entwicklung des Leidens auf
angeborener Grundlage.
Umgekehrt entspringen die Ausdrücke: „traumatische Neurose, Renten¬
hysterie, traumatische Hysterie“, wie sich die Dinge einmal entwickelt haben,
nicht hauptsächlich dem Wesen des Einzelfalles, sondern weit mehr dem sozialen
Gesichtswinkel des Gutachters, wie jeder leicht nachweisen könnte, der das
Diagnosenbuch irgend einer Abteilung auf die Häufigkeit einzelner Diagnosen
statistisch zusammenstellen würde.
Wer den Ausdruck „traumatische Neurose“ braucht, spricht damit die An¬
schauung aus, daß die langsame Weiterentwicklung eines angeborenen minder¬
wertigen nervösen Charakters im Anschluß an ein nur auslösendes, nicht ursäch¬
liches Ereignis den Minderwertigen zur Rentenentschädigung berechtigt
Wer den Ausdruck „Rentenhysterie“ oder „Rentenneurose“ braucht, lehnt
schon in der Benennung die vorstehend geschilderte Weltanschauung ab. Die
beiderseitigen Schlagworte sind lediglich Verdeckungen dieser widerstrebenden
sozialpolitischen Weltanschauungen, die damit ungebührlich die Stelle der rein
sachlichen Erörterung der Krankheitsbilder in der wissenschaftlichen Diskussion
eingenommen haben.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
711
Die allein wichtigen Fragen sind doch die, wie die Einzelkrankheitsbilder
gewertet werden sollen, wie die verschiedenen Bassen und Stämme Deutschlands
auf die erlebten Schädigungen reagiert haben und wie der beste Weg ist, die
akuten Schädigungen zu heilen, die angeboren Minderwertigen so rasch wie
möglich abzusondern, um Schäden zu verhindern; von alledem ist aber in den
Erörterungen noch kaum die Rede gewesen, weil der völlig undurchsichtige
Schleier der fremdsprachlichen Decknamen mit ihren teils politischen, teils
gefühlsbetonten, niemals aber sachlichen Umgrenzungen und Bedeutungen jede
scharfe Fassung unmöglich macht
Eine einigermaßen scharfe und allgemeinverständliche deutsche Benennung
der Neurosen für die Bedürfnisse des Krieges und der Unfallsbegutachtung hat
sich heute unter den in praktischer Tätigkeit stehenden Neurologen nach meiner
Erfahrung längst herausgebildet und ist wohl nur deshalb nicht in die Literatur
übergegangen, weil es einigermaßen schwierig sein wird, auch für das Bedürfnis
des Lernenden die bequemen alten Einteilungsprinzipien zu beseitigen.
Um zunächst mit dem besonders angegriffenen Begriff zu beginnen, so be¬
schränkt sich die „akute nervöse Überreizung“ einmal ganz streng auf
akute Prozesse bei völlig nervengesund veranlagten und vollwertigen Persönlich¬
keiten und zweitens aqf Reizzustände. Sie hat zwar mit den OpPENHEm’schen
Krankheitsbildern der traumatischen Neurosen die objektiv nachweisbaren physi¬
kalischen Reizzustände gemeinsam, die tonischen Muskelkrämpfe, das Muskel¬
wogen, die akute Gewichtsabnahme, die Labilität des Pulses, die Reizerschei¬
nungen bei Fuß-Augenschluß; dagegen grenzt sie sich von den chronischen
Unfallnenrosen streng ab dadurch, daß es sich bei diesen um vielleicht akut
entstandene, sich aber progredient weiterentwickelnde Prozesse handelt, deren
Verlauf von der Art und von der Stärke der ursprünglichen Schädigung und
im wesentlichen auch von der ärztlichen Behandlung völlig unabhängig sind.
Die Mehrzahl der chronischen fortschreitenden Unfallneurosen, die ich in
lOjähriger Gutachterpraxis zu vielen Hunderten gesehen habe, stand klinisch
den Entwicklangspsychosen am nächsten, der chronischen endogenen Verrückt¬
heit, den verschrobenen Charakteren, den konstitutionell Verstimmten und den
Pseudoquerulanten.
Es wäre vollkommen irrig, zu behaupten, daß es sich bei den genannten
psychotischen Erscheinungsformen der endogenen Nervosität um rein seelische
Vorgänge handele. Sie sind vielmehr, genau so wie die Unfallneurosen, ver¬
bunden mit sehr hartnäckigen körperlichen und nervösen Reizerscheinungen und
Funktionsstörungen.
Wenn wir also gegen die Einheitlichkeit der Unfallneurosen und gegen den
Krankheitsbegriff „traumatische Neurose“ protestieren und die rein akuten Reiz¬
oder Erschöpfungsreaktionen der seelisch Vollwertigen scharf getrennt wissen
wollen von den endogenen, fortschreitenden Charakterveränderungen, so hat
dieser Wunsch nicht nur praktische, sondern auch klinische Berechtigung.
Die akute nervöse Erschöpfung, die ja von den meisten Neurasthenie
genannt wird, obwohl sie mit dieser gar nichts zu tun hat, ist bei der nord-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
712
Digitized by
deutschen Hasse, die hier mein Arbeitsgebiet bildet, ein so scharfes eindeutiges
Krankheitsbild, daß es überhaupt kaum umgrenzt zu werden braucht
Bei diesen Zuständen chronischer Schlafsucht, der Neigung zu Schwäche¬
anfällen, zu Temperatursteigerungen, zu fortwährenden Erkältungen und In¬
fektionskrankheiten, bei der dauernden Neigung zum Weinen, trotzdem ein
ernsthafter und erfrischender Humor sie immer wieder über die Situation hebt,
wird niemand auf den Gedanken kommen, das Krankheitsbild etwa als hyste¬
risches oder psychotisches aufzufassen.
Daß mit der Erschöpfung Reizerscheinungen, Schmerzen und Muskelkrämpfe
verbunden sein können, ist selbstverständlich. Wissen wir doch, selbst von den
akuten Infektionskrankheiten und vom Wochenbett der völlig gesunden Frau
her, daß der tief erschöpfte Muskel krampft und schmerzt
Ob ein Nervensystem an einer akuten Erschöpfungsneurose oder an einer
Überreizungsneurose erkrankt, kann zwar von der Art der Schädigung abhängen,
im allgemeinen ist das Nervensystem auch des Gesündesten für die Reaktions¬
form familiär vorgebildet und findet verwandte Ausdrucksformen, nach den ver¬
schiedenartigsten Schädigungen.
Bei etwas ausgedehnterer Gutachtertätigkeit kann man die Gleichartigkeit
der Reaktionen nicht nur bei Brüdern, sondern auch bei weiteren Verwandten,
meist sogar innerhalb bestimmter Rassetypen nachweisen. Die Individualität
des Einzelnen macht sich im allgemeinen nur insoweit geltend, als ältere psy¬
chische und nervöse und körperliche Schädigungen in der Erschöpfung mit Vor¬
liebe zur Weiterentwicklung kommen und als der persönliche Heilungswille für
die praktischen Folgerungen des Krankseins ja das Ausschlaggebende ist
Die akute nervöse Überreizung und Erschöpfung haben also mit den Ent-
wioklungsneurosen und den weiterentwickelten seelischen Minderwertigkeiten nicht
das geringste zu tun.
Wir wissen heute dooh wohl alle, daß bei den hohen moralischen Forderungen,
die unser Heer an den Einzelnen stellt, niemand an der Front wirklieh ver¬
wendbar ist, der sich nicht opfern will. Insofern hat also das Heer mit seiner
Verachtung der dauernd „nervös“ Versagenden zweifellos recht, und hier liegt
letzten Endes der Widerstand begründet, den der praktische Gutachter gegen
jede Rentenentschädigung aller nervösen Zustände hegt, die sich nachweisbar
nach kleinen Anlässen überwiegend aus dem inneren Charakter des Betroffenen
heraus entwickelte.
Im weitesten Sinne mag man gern diese chronisch entwickelten, im Felde
oder Frieden ohne ausreichende körperliche Schädigung entstandenen Krankheits¬
bilder mit irgend einem Worte zusammenfassen, wenn man sie nur von den
akuten entschädigungsberechtigten Formen scharf genug trennt
Die Neurasthenie im weitesten Sinne, wie sie in der Praxis des Nerven¬
arztes als wohlwollendes Deckwort für alle vom Arzt als krankhaft anerkanntes
nervösen Zustände gebraucht wird, ist freilich ebenso unklar, und insofern ist
es wohl richtig, wenn der Ersatz des Wortes „traumatische Neurose“ durch
„traumatische Neurasthenie“ für eine zwecklose Wortspielerei gilt. Im ursprüng-
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
713
liohsten klinischen Sinne ist die Neurasthenie doch nur eine Teilerscheinung der
allgemeinen körperlichen Unterwertigkeit (Asthenie) und sollte nur in diesem
Sinne in der wissenschaftlichen Diskussion gebraucht werden, wenn wir uns
überhaupt verständigen wollen.
Daß dieses Krankheitsbild in diesem engen Sinne in den Erfahrungen
dieses Feldzuges ebenfalls zu großer Bedeutung gelangen mußte, liegt auf der
Hand. Kein Verständiger konnte von der ungedienten großstädtischen Kauf¬
mannschaft die gleichen kriegerischen Fähigkeiten voraussetzen wie von unseren
prachtvoll widerstandsfähigen und abgehärteten Arbeitern und Landleuten.
In einzelnen Fällen mögen der Sport und die Wanderbünde die ursprünglich
mangelnde Widerstandskraft rechtzeitig entwickelt und gestählt haben. Wo
auch das versäumt worden war, also bei den Asthenikern im engsten Sinne,
habe ich es z. B. in hunderten von Fällen gesehen, daß die Kriegsverwendbarkeit
durch längeren vorbereitenden Dienst bei den Armierungstruppen erreicht wurde.
Es ist schon aus diesem einfachen Beispiel der gänzlich verschiedenartigen Be.
handlung, einerseits der akuten nervösen Erschöpfung, andererseits der endogenen
Neurasthenie ersichtlich, wie praktisch notwendig scharfe Umschreibungen für
den Gutachter sind.
Aus allen diesen Gründen rate ich auch den Ausdruck Neurasthenie,
wenigstens bei dem Verkehr unter Fachkollegen, besser ganz zu ersetzen.
Noch viel schlimmer ist es mit der Hysterie. Dem Laien ist das Wort
Hysterie lediglich ein Schimpfwort und bedeutet eine Verbindung von Willens¬
schwäche bzw. von Willenssperrung den Pflichten gegenüber mit zielbewußter
Willensenergie den Bechten gegenüber und einer besonderen Geschicklichkeit
zu mehr oder weniger bewußter Vortäuschung von Krankheitsersoheinungen
zwecks Erreichung egoistischer Ziele.
Im Sprachgebrauch der Fachgenossen ist es je nach der Laune des Einzelnen
ein ewig wechselndes unförmiges Gebilde, das einerseits Krampfleiden und
Dämmerzustände mit etwas geringerer Bewußtseinstrübung umfaßt, andererseits
die Beizzustände des asthenischen Herzens, das heute gebraucht wird für einen
Dauerkrampf des Diopsoas nach einer Endometritis und morgen für geistigeSchwäche-
zustände, die sich in mangelnder Entwicklung der Affekthemmungen äußern.
Wer klinisch und gutachtlich unterscheiden will, muß dieses Wort aus
seinem Sprachschätze verbannen, da hier nicht, wie bei der Neurasthenie, ein
ursprünglich gut umschriebenes Krankheitsbild vorliegt.
Es liegt auch nicht das geringste Bedürfnis vor, diese verallgemeinernde
Begriffe in unserem Sprachschatz zu bewahren, da wir in den Angstneurosen,
den Hemmungs-, Verdrängungs- und Verschrobenheitszuständen, den mehr oder
weniger seelisch beeinflußbaren Krampfleiden, der Haltlosigkeit, den chronisoh
entwickelten, periodischen und konstitutionellen Verstimmungen heiterer, mi߬
trauischer und schwermütiger Form, und der angeborenen nervösen Reizbarkeit
ja völlig gangbare und viel schärfere Sprachbegriffe besitzen, mit denen wir be¬
stimmte umschriebene Vorstellungen verbinden können und im kleinen Kreise
auch längst verbinden.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
714
Nur wenn mau die verallgemeinernden und irreführenden Fremdworte aus
seinem Sprachschatz ausgeschaltet hat, kann man überhaupt erst an die Unter*
suchung einzelner gesetzmäßiger Schädigungsformen herantreten.
Ich will an einem Beispiel zu erklären suchen, was ich meine.
Das Krankheitsbild der Hirnerschütterungsneurosen mit seinen Stö¬
rungen der Augenmuskelbewegung, des Gesichtsfelds, des Gehörfelds, des Gleich¬
gewichts usw. dürfte heute allgemein anerkannt sein. Ebenso anerkannt wie
das Krankheitsbild der Hirnquetschung mit der spastischen Hemiparese. Nun
sehen wir beide Krankheitsbilder sich in ganz eigenartiger Weise mit allgemeinen
Beiz- und Erschöpfungszeichen kombinieren bei gewissen Granatverschüttungen,
denen aber zum Krankheitsbild der Hirnquetsohung gewöhnlich der Babinski
oder Fußklonus 1 fehlt. Es ist sofort ersichtlich, wie irreführend es sein muß,
hier wegen eines fehlenden Pyramidensymptoms die organische Störung aus-
zuschließen und wegen einzelner selbstverständlicher Reizzeichen eine Hysterie
zu konstruieren, während das Symptombild bei etwas sorgfältiger Untersuchung
aus seinen einzelnen Bestandteilen spielend verständlich würde.
Aus allen diesen Gründen und Erfahrungen möchte ich auf meine ein¬
leitenden Bemerkungen zurückkommen, wonach mir nicht nur die traumatische
Neurose, sondern überhaupt alle die genannten unscharfen und undeutschen
Decknamen entbehrlich und schädlich erscheinen.
Ich bin mit vielen Gutachtern und praktischen Nervenärzten wirklich der
festen Überzeugung, daß die zahllosen Rentenpsychosen des vorvergangenen
Jahrzehnts zum Teil auf die Aufstellung eines besonderen wissenschaftlich als
rentenberechtigt anerkannten Krankheitsbildes zurückzufübren waren. Ebenso wie
die Lehre von der unaufhaltsamen Verblödung der Dementia praecox und die
mechanische Bettbehandlung der Riesenirrenanstalten zweifellos wesentlichen
Anteil an dem artifiziellen Anstaltsstumpfsinn haben, den wir heute zum Beweis
der klinischen Einheit der endogenen halluzinatorischen Erregungszustände als
Dementia praecox verwertet sehen, während einige Jahrzehnte früher aus den
gleichen klinischen Formen durch die Zellenbehandlung Katatonien wurden.
Wer kann gerade heute wagen, die völlige Abhängigkeit des Leistungs¬
vermögens von großen führenden Vorstellungen zu leugnen?
Deshalb scheint es mir aber besonders notwendig, für die Kriegsfolgen bei¬
zeiten die Erfahrung zu verwerten, daß schon einmal durch die Vorstellung von
der Unheilbarkeit und der Rentenberechtigung der „traumatischen Neurose“
zahllose Arbeitskräfte der Volkskraft entzogen worden sind, welche erfahrungs¬
gemäß in einer höheren Stufe der Leistungsfähigkeit erhalten wurden, sobald
die Gutachterpraxis sich zu schärferen Begriffen und Wertungen durch-
gerungen hatte.
1 Auffallend häufig bei völlig einwandsfrei ausgeprägtem „Oppenheim“.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
715
. 3. Zum Streit über die traumatische Neurose.
Von Dr. Kort Hildebrandt,
znrzeit ordinierender Arzt un Reservelazarett I Saarbrücken.
Man durfte hoffen, daß die strittige Lehre von der traumatische Neurose,
die für die soziale Gesetzgebung so bedeutungsvoll ist, durch die Kriegserfahrung
bald entschieden sein würde — statt dessen erfährt man mit Verwunderung,
daß Oppenheim an seiner Lehre seit 25 Jahren nicht das Geringste zu ändern
fand, während andere namhafte Neurologen den Begriff der traumatischen Neu¬
rose radikal ablehnen. Wann aber ist die Entscheidung dieser Frage zu er¬
warten, wenn nicht in diesem Kriege? Ich glaube daher, daß jede Mitteilung,
die auf unbefangener Beobachtung beruht, heute von Wert sein kann.
Die hiesige Nervenstation ist die einzige im Bezirke des XXI. Korps.
Natürlich kommen nicht alle neurologischen und psychiatrischen Fälle hierher,
aber doch gerade die schweren oder schwer zu beurteilenden Fälle kamen hier
zusammen. Im ganzen habe ioh gegen 400 Fälle behandelt oder begutachtet,
unter denen, da organische Verwundungen des Nervensystems nur ausnahms¬
weise dazugehören, die Neurosen und Psycboneurosen bei weitem überwiegen.
Das Material gewährt also für die vorliegende Frage eine recht gute Übersicht.
Wenn man die Menge der traumatischen Neurosen handgreiflich vor sich
hat, so fragt man zuerst, wo denn die Gegner dieses Begriffes die Fälle unter¬
bringen. Dies geschieht nach zwei Gesichtspunkten, entweder war die Neurose
schon latent vorhanden und wurde durch den Unfall nur ausgelöst, oder es
handelt sich um Simulation, allenfalls rein durch Begehrungsvorstellungen er¬
zeugte Krankheit.
Es ist ja selbstverständlich, daß bei Neuropathen der Krieg ein Anlaß sein
kann, der die Neurose voll zur Erscheinung bringt. Ich schätze die Zahl, bei
der deutlich neurotische Erscheinungen als vorausgehend angegeben wurden oder
hereditäre „Belastung“ mit einiger Wahrscheinlichkeit erwiesen wurde, auf knapp
die Hälfte der Fälle. Dabei habe ich mich für die Erblichkeit speziell interessiert
nnd systematisch ausgefragt. Man darf aber nicht ohne weiteres annehmen, daß
die Zahl der wirklich Disponierten erheblich größer sein müsse. Auch die
Schädeldecke ist nicht bei allen Menschen gleioh stark; kann man darum die
etwas schwächere als krankhafte Disposition zum Schädelbruch, der nur de3
auslösenden Kolbenschlages bedarf, bezeichnen? Ich will damit sagen, daß selbst
bei etwas nervösen Individuen trotzdem das Trauma der echte krankmachende
Vorgang sein kann. Noch vorsichtiger sollte man aber die erbliche Belastung
heranziehen. Statistisch ist nacbgewiesen (Kohles, Diem), daß zwar Psycho¬
pathen häufig belastet sind, aber Gesunde gar nicht viel weniger häufig! Wenn
man die Heredität nicht eingehend auf Grund der modernen Erblichkeitslehre
untersucht, so hat die bloße Angabe „hereditäre Belastung 4 * einfach gar keine
Bedeutung. Ob man trotzdem prinzipiell eine neurotische Disposition annimmt
oder nicht, das ist mehr Sache des privaten Systems. Praktisch steht fest, daß
Digitized by
Go^ 'gle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
716
eine Neurose durch einen Unfall hervorgerufen werden kann bei einem Nerven¬
system, das bei Durchschnittsbelastung nie erkrankt sein würde. Gibt man
dies zu, so sollte man den Begriff der traumatischen Neurose nicht weg¬
disputieren.
Sehr kompliziert ist aber die zweite Möglichkeit, die Simulation und die
„Begehrungsvorstellungen“. Allerdings hat sich heute die Anschauung dorch-
gesetzt, daß reine Simulation selten ist Aber wichtig ist die Frage, wieweit
ein nervöser Shock durch die Begehrungsvorstellungen zu einer Neurose ent.
wickelt werden kann. (Rente! Befreiung vom Dienst!) Offenbar kann man
diese Formen vpn der Simulation nicht immer klar trennen.
Ich habe mehrere Fälle begutachtet, wo die bewußte Vortäuschung nicht
zweifelhaft sein konnte; aber es waren Rekruten, die überhaupt nicht im Felde
gewesen waren, oder es waren forensische Fälle, in denen keine traumatische
Neurose simuliert wurde. Das entspricht der Auffassung Oppenheim’s, der bei
seinen Patienten die Simulation ausschließt Trotzdem glaube ich, daß Oppen¬
heim iu seiner Tendenz, die Begehrungs Vorstellungen möglichst auszuschalten,
andrerseits die mechanische Bntstehungsweise zu betonen, zu weit geht
Er geht soweit, in den Detonationen eine physikalische, mechanische Ein¬
wirkung auf den Acusticus zu sehen, was doch, wenn diese Annahme eben ein
ursächliches mechanisches Trauma begründen soll, nur heißen kann, daß
durch den Acusticus hindurch die ganze Himmasse mechanisch erschüttert wird;
dies widerspricht jeder physikalischen Vorstellung. Weiter nimmt Oppenheek
an, daß eine funktionelle Lähmung sowohl zentral (psychogen) wie peripher
durch Verletzung der peripheren Nerven ausgelöst werden kann. Dies ist eine
empirische Frage, aber sehr seltsam ist die theoretische Begründung: Diese
beiden Entstehungsarten seien gar nicht so verschieden, denn „auch in dem
ersten Fall dringt die Erregung auf dem Wege zentripetaler Nerven (Acusticus,
Opticus) in das Gehirn hinein“. Das ist doch eine starke Zumutung an unsere
Gutgläubigkeit. Vom Acusticus mag man sich das allenfalls denken, denn jeder
sehr laute Schall kanu Schrecken erregen. Daß aber der Anblick einer grauen¬
erregenden Katastrophe schon im Opticus (d. h. also nicht erst auf Grund der
Vorstellungen und Gedankenverbindungen) eine stärkere Erschütterung bewirkt
als ein sonniges Landschaftsbild, ist jedenfalls im Kreise der Naturwissenschaft
eine umwälzende Theorie.
Um die Unklarheit, der auch Oppenheim nicht entgeht, zu meiden, sollte
man die psychogenen Wirkungen begrifflich immer streng in zwei Gruppen
sondern: in die ideogeuen, bei denen die Vorstellungen entscheidend sind, und
die eigentlich psychogenen, bei denen die Emotion selbst entscheidend ist. Wir
schrecken bei einem Knall zusammen, ehe eine Vorstellung bewußt geworden
ist Blässe und Zittern kann noch lange fortdauern, nachdem die Überlegung die
„Grundlosigkeit“ des Erschreckens festgestellt hat Daun kommen drei Gruppen
von traumatischen Ursachen in Betracht: die mechanischen, die psychogenen, die
ideogenen. Offenbar leiten aber die ideogenen zur Simulation über, denn ideo-
gene Ursachen sind besonders die Begebrungsvorstellungen.
Digitized by
Gck igle
Original frum
UNIVERSITY OF MICHIGAN
717
Ob es nun wirklich, wie Oppenheim annimmt, rein mechanische Ursachen
gibt, ist schwer zu entscheiden. Man kann ja annehmen, daß jede mechanische
Erschütterung eine psychische Wirkung hat und erst diese die Neurose bewirkt.
Andernfalls müßte man geradezu bei Tiefnarkotisierten eine traumatische Neu¬
rose erzeugen können. Eine Gehirnerschütterung wird man sich bei ihnen leicht
vorstellen, aber eine Neurose durch eine Detonation? Empirisch macht es aller¬
dings den Eindruck, als ob die Unfälle, in denen Schreck und mechanische
Erschütterung Zusammenwirken, besonders verhängnisvoll sind. Ich habe als
schwerwiegendste Ursache der Neurosen die Verschüttungen durch Granat- und
Minenexplosionen gefunden. Doch habe ich ebenso schwere Neurosen, wenn
auch weniger häufig, bei reiner Schreckwirkung gefunden, z. B. bei einem
Soldaten, der aus einer brennenden Scheune, in der viele Kameraden umkamen,
mit Mühe gerettet wurde. Theoretisch muß man sagen, daß die psychogene
Wirkung sicher ist, während die mechanische — als unmittelbare Ursache —
fraglich bleibt.
Gegenüber diesem eigentlichen Affekt der traumatischen Neurose, Entsetzen
und Schreck, kommt doch auoh eine ähnliche Wirkung längerdauernder Erregung
vor, die naturgemäß zu den ideogenen Fällen überleitet Im Felde werden
solche Neurosen nicht korrekt, aber doch ganz bezeichnend „chronischer Shock“
genannt. Bei ihm ist das Trauma gleichsam in fraktionierter Dosis gegeben.
Ob es Zufall ist, daß ich unter dieser Gruppe drei untereinander sehr ähnliche
Fälle in den ersten Kriegsmonaten aus dem Argonner Wald erhielt, vermag ich
nicht zu sagen. Sie waren sehr deprimiert, sprachen sehr langsam, stotternd,
schliefen schlecht, verlangten Einsamkeit und Ruhe. Dabei hatten sie selbst die
Überzeugung, bald wieder ins Feld zu können. Sie machten einen durchaus
nicht hysterischen, ich möchte sagen, einen organisch nervös erschöpften Eindruck.
Die Heilung erfolgte langsam, aber stetig.
Eine rein ideogene traumatische Neurose kann es nicht geben. Vorstellung
ohne Affekt ist kein Trauma. Wenn aber die Neurose vorhanden ist, so können
die einzelnen Symptome ideogen geformt werden. Und wenn auch nur der
Keim der Neurose vorhanden ist, so kann sie ideogen entwickelt werden. Eine
psychogene Neurose kann allmählich transformiert werden in eine ideogene.
Dies liegt fest in der Natur begründet. Psychisches hat die Tendenz, Vor¬
stellungen aus sich zu entwickeln und dann wieder durch Vorstellungen sich
leiten zu lassen. Mit Notwendigkeit überträgt sich dies auf psychogene Neurosen
und ideogene Symptome. Daraus folgt wieder, daß es zwischen psychogener
und ideogener Neurose und von da wieder zur simulierten keine scharfe Grenze
gibt. Man muß annehmen, daß es von der schwersten traumatischen Neurose,
ja wohl von der Gehirnerschütterung, bis zur reinen Simulation eine lange
Stufenreihe gibt.
Diese Vermischung möchte der Urheber der Lehre begreiflicherweise ab¬
lehnen, weswegen er entschieden die hysterischen Symptome unterschätzt.
So findet er z. B. den nicht-hysterischen Charakter der Crampusneurose „be¬
sonders überzeugend“. Ich habe nun mehrere Fälle beobaohtet, die seiner Be-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
718
Schreibung der Crampusneurose genau entsprechen und die ich für echte schwere
Neurosen hielt Und gerade bei diesen habe ich ausgesprochene hysterische
Krämpfe gesehen. Ich gebe zu, daß ungünstige äußere Verhältnisse haupt¬
sächlich schuld waren. Bei dem Platzmangel wurden leichtere Fälle bald ver¬
legt, schwere häuften sich, das Personal mußte erst angelernt werden — kurz,
es war kein Wunder, daß ich einmal geradezu gegen eine Epidemie von hyste¬
rischen Krampfanfällen zu kämpfen hatte. Daß aber die äußeren Umstände
diese Wirkung hatten, beweist doch den hysterischen Charakter. Und es waren
gerade die Crampusneurosen, die zuerst bei einem kleinen Zank oder bei einem
militärisch-kräftigen Wort in Krämpfe verfielen. Daß diese Krämpfe aber wieder
infizierend wirkten, d. h. doch ideogene Symptome hervorriefen, konnte ich ein¬
wandfrei beobachten.
Auch nach meiner Auffassung haben die Vorstellungen, Rente zu erlangen,
vom Dienst befreit zu werden, bei den „Kriegsneurosen“ (s. v. v.) eine geringe
Rolle gespielt. Aber für die erwähnten Umstände nehme ich außer der psychi¬
schen Infektion noch eine andere ideogene Wirkung an, nämlich die Vorstellung,
schwerkrank zu sein und einer ganz besonderen Rücksicht würdig zu sein. Nur
so kann ich mir erklären, daß die kleinlichsten Anlässe oft zu so schweren
Krampfanfällen führten. Das natürliche Interesse des Publikums für die Kriegs¬
patienten ist für solche Kranke nicht immer forderlich.
Die psychischen Störungen, die oft mit den Neurosen verbunden sind,
machten ebenfalls meist einen „psychogenen“, hysterischen Eindruck. Mehrmals
hatten die Kranken allerdings anfangs eine so bizarre Haltung, daß auch an
eine katatonische Störung gedacht werden konnte. In einem Falle bestand bei
Crampusneurose eine so vollständige Taubheit, daß auch duroh überraschende
laute Geräusche nie die geringste Reaktion zu erzielen war. Wie ich höre, hat
der Patient in einem anderen Lazarett anläßlich einer Erregung Sprache und
Gehör wiedergefunden. Das alles scheint mir dafür zu sprechen, daß eine Ab¬
grenzung der traumatischen Neurose von Hysterie nicht möglich ist Gewiß hat
Oppenheim Recht, wenn er das Problem der Hysterie noch dunkel nennt, aber
um so weniger Sinn haben doch diese Grenzstreitigkeiten.
Was die Abgrenzung von Epilepsie und von organischen Krankheiten be¬
trifft, so will ich nur nebenher erwähnen, daß ich bei den traumatischen Neu¬
rosen nie Pupillenstarre und mehrmals leichte Zungenverletzungen beobachtet
habe. Im Felde war mehrmals die Diagnose Epilepsie gestellt, einmal auch ein
echter epileptischer Anfall genau beschrieben. Starke Temperatursteigerungen
habe ich bei zwei Fällen mit Krämpfen und Benommenheit festgestellt. Bei
einem Fall stieg die Temperatur tagelang über 42°. Bis 41° konnten im After
kontrolliert werden, bei höherer Temperatur war Patient zu unruhig. Dabei
blieb der Puls ruhig; die Atmung blieb zuweilen völlig stehen, so daß künst¬
liche Atmung gemacht wurde. Dieser Kranke hatte einen typisch hysterischen
Charakter; er hatte schon vor dem Kriege einen leichten „Hitzschlag“ erlitten
und war wegen nervöser Beschwerden vom Militär mit 15 °/ 0 Rente entlassen.
Von der jetzigen, so ungleich schwereren Attacke wurde er fast geheilt und konnte
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
719
zu Fuß das Lazarett verlassen. Ich erwähne diesen mir unerklärlichen Fall,
ohne irgendwelche Schlüsse daraus zu ziehen.
Im Qegensatz zu diesem einfachen Auf hören der Atmung fand ich bei einer
anderen Neurose minutenlanges Verharren auf der Höhe der krampfhaften In¬
spiration mit allen Zeichen der Angst In einem dritten Fall, Crampusneurose,
löste der Versuch, den Patienten zu baden, einen Krampf aus, bei dem der Mund
krampfhaft geschlossen war und auch die Nasenlöcher sioh durch Anlegen der
Nasenflügel völlig schlossen.
Diese Betrachtung gruppiert sich um zwei völlig verschiedene Gesichtspunkte.
Für die aktuelle Frage scheint es mir richtig, daß bei der im Felde entstan¬
denen traumatischen Neurose die Simulation, wohl überhaupt die Begehrungs¬
vorstellungen eine geringe Rolle spielen. Darin hat Oppenheim so überzeugend
Recht, daß ich nicht einmal an einen ernstlichen Widerspruch glaube. Zweitens
handelt es sich um die soziale Frage, die auch nach dem Kriege dauernd wichtig
bleiben wird und die jetzt entschieden werden sollte. Für sie kommt es darauf
an, ob die traumatische Neurose wirklich so wenig mit ideogenen Symptomen
zu tun hat, und ob es eine scharfe Grenze gegen die Simulation gibt.
Der Streit wird besonders um „ideogen“ und „mechanische Erschütterung“
geben. Neurosen sind eigentlich psychische Störungen, sie gehören auf das
engste zusammen mit den sogenannten „Haftpsychosen“. Wenn die einen dem
Neurologen, die anderen dem Psychiater anheimfallen, so beruht das auf äußeren
Gründen. Für die Wesenserkenntnis kann diese Trennung nur schädlich sein.
Ich habe einige Jahre als Stationsarzt des „festen Hauses“ der Irrenanstalt
Dalldorf «lie beste Gelegenheit gehabt, frische Haftpsychosen zu beobachten und,
was kaum weniger wertvoll ist, frühere Journale und Gutachten über Kranke,
die jahrelang, selbst jahrzehntelang zwischen Gefängnis, Irrenanstalt und Frei¬
heit zirkuliert hatten, epikritisch zu studieren. Dabei ist mir klar geworden,
wie sehr man in den früheren Jahren die Neigung batte, Haftpsychosen als
Paranoia und Dementia praecox aufzufassen. Ich selbst konnte mich anfangs unter
dem Einfluß der KnAEPBLiN’schen Lehre, die in diesem Punkte einer Ergänzung
bedurfte, dieser Neigung nicht entziehen. Auch in den Attesten der Gefängnis¬
ärzte fiel es mir auf, wie sie erst in den letzten Jahren wieder von der Vorliebe
für jene unheilbaren Psychosen zurückkamen und vorübergehende Haftpsychosen
diagnostizierten. Die Haftpsychosen sind uns hier aber wichtig, weil bei ihnen
das mechanische Moment fortfällt und nur die psychogene und ideogene Ent¬
stehung in Betracht kommt. Als psychisches Trauma kann der Schreck über
die Verhaftung, der Druck der Isolierhaft wirken; ideogen wirkt der Wunsch
nach Freisprechung oder nach Unterbrechung der Strafhaft. — Reine Simulation
habe ich nicht beobachtet, bewußte Täuschung bei Psychopathen und Schwach¬
sinnigen nicht selten, Übertreibung häufig. Hier kommt es darauf an, daß
psychogene, ideogene und übertreibende Fälle nicht zu sondern sind, sondern in
allen Vermischungen und Abstufungen Vorkommen. Besonders wichtig ist aber,
daß diese Fälle nicht nur symptomatisch ineinander übergehen, sondern auch
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
720
der einzelne Fall alle drei „Phasen“ zeigen kann. Die echte, unbewußt ent¬
standene Psychose kann später durch die Begehrungsvorstellungen am Leben
erhalten werden, bis schließlich die in der Krankheit erlernten Symptome simu-
latorisch wiederholt werden. Das ist wohl sogar der gewöhnliche Verlauf der
Haftpsychose. Ganz ähnlich verläuft häufig die traumatische Neurose, wie das
Studium der Unfallsakten oft anschaulich beweist. Aber bei der Haftpsychose
kann man den Ein wand nicht machen, es sei die mechanische Erschütterung,
deren rein physikalische Folgen allmählich abheilten.
Macht man sich die praktischen Konsequenzen klar, so wird man eine ge¬
wisse Tendenz gegen die traumatische Neurose begreiflich finden. Das Renten¬
gesetz verlockt zur Übertreibung, und die Lehre von traumatischer Neurose
verführt dazu, die übertriebenen Beschwerden als traumatische Neurose aufzu¬
fassen. Es handelt sich nicht allein um die medizinische Frage, ob etwas an
den Beschwerden echt ist. Auch die soziale Frage: Würde der Verunglückte
sich wieder in die Arbeit hineinfinden, wenn er wüßte, daß er keine Aussicht
auf Rente hätte, verdient Beachtung. Man muß zugeben, daß an dem Haß
der Gesunden gegen den rentensüchtigen Hysteriker doch auch eben — etwas
Gesundes ist. Es besteht hier ein Interessengegensatz des Einzelnen und der Ge¬
meinschaft, den man nicht spezialistisch, sondern nur mit dem Sinn für das
große Ganze beurteilen darf. Darum sollte man auch die Mitarbeit von „National¬
ökonomen usw.“ nicht so schlechthin verdammen. Daß man sich in dieser
Tendenz nicht zur Leugnung der traumatischen Neurose und zum Unrecht
gegen die Neurotiker treiben lassen sollte, ist selbstverständlich. Gegenüber den
im Kriege Erkrankten dürfte diese Gefahr wohl auch kaum bestehen.
II. Referate.
Physiologie.
1) Das Sehen der Fische, von A. ▼. Tsohermak. (Die Naturwissenschaften.
1915. H. 14.) Ref.: M. Roth mann.
Bei dem Sehen der Fische im Wasser verliert die Hornhaut ihre entscheidende
Rolle, und der Linse kommt die Hauptleistung zu. Die Färbung des Wassers
erscheint in der Regel .grünlich-blau; die Fische Beben wie durch ein grünlich-
blaueB Glas. Die Empfindlichkeit der Fische für Lichtreize ist eine recht er¬
hebliche. Auch die Adaptationsbreite des FiBchauges ist der des Menschen erst
vergleichbar. Dagegen scheinen die Fische total farbenblind zu sein. Nach
neuesten Experimenten sehen die Fische farbige Lichter nur in solcher Helligkeits-
Verteilung wie die Menschen beim Farblossehen. Auch die Anpassung der Fisohe
an den Wassergrund beweist durchaus nicht farbige Wahrnehmung der Fische.
Das Fischauge besitzt Einrichtungen zum Sehen in weitem Umkreise. Die stark
gekrümmte nnd dicke Fischlinse vermag nicht durch elastische Krümmungsänderung
ihre Brechkraft zu erhöhen. Doch besteht auch am Auge des Knochenfisches
eine beschränkte Einstellung auf die Entfernung des beleuchteten Objekts. Das
Ziel einer maximalen Periskopie erreicht das Fisehauge durch Vorsteben der
Angen am Kopfe und durch Orientierung der Augen naoh den Seiten hin. Der
Digitizeit by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
721 -
binokulare Gesichtsraum, der zweifellos existiert, ist stark eingeschränkt. Die
Fische verwerten den zweiäugigen Gesichtsraum zu zweiäugigem Einfaohsehen und
sogar zu stereoskopischem Sehen. Auch vermögen sie im Bereich des zweiäugigen
Gesichtsraums Entfernungsunterschiede „wahrzunehmen“. Eigentümlich den Augen
vieler Fischarten ist die starre Haltung trotz stark ausgebildeter Augenmuskeln,
die hier in erster Linie einen Balancierapparat zur Herstellung einer bestimmten
Grundstellung darstellen. Immerhin lassen Bich Seitenwendungen der Augen, vor
allem in Verbindung mit bestimmten Kopfstellungen, auch bei den Fischen beob-
achten. Divergensänderungen fehlen den Fiscbaugen vollständig.
2) Experimental snbaraehnoid injeotions of trypan blue, by W. C. Woolsey.
(Journ. of nerv, and ment, disease. XLU. 1916. Nr. 7.) Bef.: W. Misch.
Um festzustellen, ob medikamentöse Lösungen, die subkutan, intraarteriell oder
intravenös und intralumbal injiziert werden, in gleicher Weise das Zentralnerven¬
system erreichen, werden hier in der angegebenen Weise Injektionen von Trypan-
blau an verschiedenen Versuchtieren ausgeführt. Aus den Versuohsergebnissen
werden für die Art der Salvarsanverabreichung bei zentralnervösen Erkrankungen
folgende Schlüsse gezogen: Salvarsan erreicht das zentrale Nervengewebe sicherer
und mit größerer Intensität bei subarachnoidaler als bei intravaskulärer oder
subkutaner Injektion. Bei intraspinaler Verabreichung ist seine Einwirkung auf
die Schädelhöhle geringer als auf das Bückenmark, so daß bei intrakraniellen
Affektionen vielleicht eine direkte Injektion in den kraniellen Subarachnoidalraum
durch eine Trepanationsöfihung nicht nur weniger gefahrvoll, sondern auch
wirkungsvoller wäre.
8) Über die Wirkung der im Liquor enthaltenen Toxine auf das Nerven¬
gewebe bei Kaninchen, von Z. Mysliveäek. (Öasopis öeskych. 16k. LIH.
1914. S. 1209.) Bef.: J. Stuchlik.
Verf. wollte feststellen, auf welche Art und Weise die im Liquor enthaltenen
Toxine auf das Nervengewebe wirken können. Zu dem Zwecke injizierte er in
die Schädelhöhle des Kaninchens 0,75 ccm Flüssigkeit, die gegebenenfalls Alkohol,
Salvarsan, Staphylo- und Streptokokkentoxine enthalten hat. Zuerst beobachtete er
entzündliche Veränderungen in Meningen und Arterienwänden, erst sekundär auch
Hämorrhagien und malazische Veränderungen im Nervengewebe. Zu direkten
Veränderungen kommt es nur in den Himhöhlen, wo man Ependymwucherungen
und Erweichung der Wände beobachtet hat. Diffuse Veränderungen im Nerven-
parenchym hat man nicht konstatiert, die Basalnerven blieben auch unverändert.
Im Grunde gleichartige Veränderungen waren nach ihrer Lokalisation bei ver¬
schiedenen Agentien verschieden: so z. B. die Hämorrhagien nach Alkohol kamen
t in der Hirnrinde, nach Salvarsan in der Medulla vor. Gegen Kokkentoxine iBt
das Nervengewebe sehr widerstandsfähig.
4) Über eine Wirkung des Adrenalins auf das Gehirn, von A. Bass. (Zeit¬
schrift f. d. ges. NeuroL u. Psych. XXVI. 1914. S. 600.) Bef.: W. Misch.
Bei Versuchen am Hund wurde beobachtet, daß subdurale oder intrazerebrale
Injektionen von 8 bis 4ccm einer 1:600 Suprareninlösung (Merck) nach in Nar¬
kose ausgeführter Trepanation unmittelbar einen 2 bis 5 Stunden anhaltenden
narkotischen Zustand zur Folge haben. Dabei sind die Sehnenreflexe und der
Kornealreflex erhalten, die meist etwas verengten Pupillen reagieren prompt auf
Liohteinfall; dagegen werden Sohmerzreize nicht empfunden, bzw. durch nachherige
Adrenalinapplikation sistiert. Kleinere als die angegebenen Dosen bewirken nur
einen somnolenten Zustand. Es ließ sich ferner eine starke Herabsetzung der
Temperatur beobachten (bis auf 83,4°). Als Ursache der narkotischen Wirkung
wird nicht eine Adrenalinwirkung auf die Gehirngefaße angenommen; vielmehr
wird vermutet, daß es sich um eine direkte Einwirkung auf das nervöse Proto¬
plasma des Gehirns handelt.
XXXIV. 46
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
722
5) Über den Einfluß der Kühlung auf die Erregbarkeit der Großhirnrinde
einerseits und der Kleinhirnrinde andrerseits, von A. Beck u. G.Bikeles.
(Zentr&lbl f. Physiol. XXIX. 1914. H. 1.) Bef.: W. Misch.
Aus den an Hunden ausgeführten Versuchen ergab sich, daß nach 3 Minuten
langer Kühlung der psychomotorischen Region der Großhirnrinde eine deutliche
Erniedrigung der Erregbarkeit derselben auftritt, daß dagegen bei den gleichen
Kühlungsversuchen an der Kleinhirnrinde keine Spur einer Erregbarkeitserniedrigung
zu beobachten ist. Diesee abweichende Verhalten der Klein* und Großhirnrinde
wird damit erklärt, „daß man es beim Großhirn mit einer wirklichen Beizung
der Rinde selbst zu tun bat, während bei Reizung des Zerebellum die er*
haltene Muskelkontraktion der Ausdruck der Erregung der tiefer gelegenen
Nuclei ist“.
6) Über die automatische Tätigkeit des Atemzentrums bei den Säugetieren
und dem Menschen, von E. Babäk. (Biologickö Listy. III. 1914. S. 524.)
Ref.: J. Stuchlik.
Verf. unterscheidet eine primäre Automatie, ferner eine Regulierung der
Atmung durch das Nervensystem und eine Regulierung durch das Blut. Die
primäre Automatic läßt sich mit absoluter Sicherheit wohl nicht nach weisen, die
Elimination mitwirkender Momente ist freilich enorm schwierig; aber — wie
Verf. ausführlich diskutiert — hat die Ansicht, daß die Rhythmik der Atmung
nicht peripher bedingt ist und nioht ein bloßer reflektorischer Vorgang, ihre
Berechtigung. Die Nervenbahnen und andere innere Verhältnisse im Organismus
ändern die primäre Automatic nur sekundär. Die Theorien über den Einfluß
des Nervensystems sind genügend bekannt, die Blutregulierung, namentlich als
Folge des Sauerstoffmangels bzw. Sauerstoff Überschusses, von vielen Autoren
studiert, aber die ganze Frage ist noch weit von ihrer Lösung.
7) Over den oorsprong van den N. vagus bi) het konijn, van F. J. Stuurman.
(Academisch Proefschrift Amsterdam 1913.) Ref.: W. Misch.
Die ausführliche Arbeit enthält Untersuchungen über die Einteilung der Vagus*
kerne des Kaninchens. Es wurden Durchschneidungen des Vagus an seinen ver¬
schiedenen Partien, sowie Durchschneidungen seiner Äste vorgenommen und dann
die motorischen Ursprungsgebiete sowie die sensiblen Ganglien nach Weigert-Pal«
und Marchi-, sowie zum Teil nach Nisslfärbung untersucht. Die Durchschneidungen
wurden ausgeführt am Nervus vagus so zentral als möglich sowie zentral und
peripher vom Rekurrensabgange, ferner am Rekurrens selbst, am Laryngeus superior
und am N. depressor« Die Ergebnisse der histologischen Untersuchungen, die
zum Teil nur die Untersuchungen anderer Autoren bestätigen, sind folgende: Der
dorsale Vaguskern dient der motorischen und sekretorischen Innervation des Magen¬
darmkanals, nicht aber der des Herzens oder der Bronchien noch des Kehlkopfes;
er gibt nur ungekreuzte Fasern ab. Seine Zellen unterscheiden sich in Form
und Bau von denen des Nucl. ventralis und denen anderer quergestreifte Muskeln
versorgender Fasern, was darauf hinweist, daß sie nicht quergestreifte, sondern
glatte Muskelfasern versorgen bzw. sekretorische Funktionen haben. Diese Zellen
lassen sich der Form nach in zwei besondere Arten teilen: eine kleinzellige
Gruppe, die sich in kaudofrontaler Richtung ununterbrochen durch den ganzen
Kern zieht, und einen größeren Zell typ, der vom Beginn des vierten Ventrikels
bis zu dem frdhtalen Ende des Kernes den medialen Teil des Kernes einnimmt;
vielleicht entsprechen diese beiden Zelltypen motorischen und sekretorischen Funk¬
tionen. Auch der Nucl. ventralis besteht aus zwei Teilen, die durch einen
Zwischenraum deutlich geschieden sind und vom Verf. als Nucl. ambiguus inferior
und superior bezeichnet werden. Der Nucl. ambiguus inf. besteht auB wenigen
sehr großen und vereinzelt gelegenen Zellen, die der Innervation des Kehlkopfes
durch den Rekurrens dienen; die Fasern desselben verlaufen ungekreuzt Zwischen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
723
dem Naol. ambiguus inf. und Bup. finden sich einige Gruppen von Zellen, die
nach Vagotonie intakt bleiben. Der Nucl. ambiguus sup. besteht aus Zellen, die
kleiner und dichter als die des Nucl. ambig. inf. sind; ein Teil seiner Fasern
▼erläuft gekreuzt, und er versorgt auch noch den GlosBopharyngeus, und zwar
mit seinem frontalen, dorsomedialen Teile. Der Nucl. ambiguus sup. dient der
motorischen Versorgung der Rami pharyngei, laryngei sup. et med. und cardiaci,
was allerdings nur per exclusionem angenommen werden kann. Was die sensiblen
Fasern anbelangt, so entspringen auB dem Ggl. nodosum die sensiblen R. bronchiales
und traoheales sowie ein Teil der Herzfasern, aus dem Ggl. jugulare der Rest
der Herzfasern, die sensiblen Fasern des Hehlkopfes und des Hagendarmkanals.
Eine Übersicht dieser Resultate wird in folgender Tabelle veranschaulicht:
R. oesopb. et gastr.
R. bronch. et tracb.
N. recurrens
R. cardiaci
N. laryngeuB { ^
R. pharyngei
mot. ]
sekr. j
aus dem Nucl. dorsalis.
8608.
?
mot.
?
sens.
aus dem Ogi. nodosum.
mot.
tt ft
Nucl. ambiguns inf.
mot.
ft tt
Nncl. ambiguus sup. (?).
sens.
tt tt-
Gangl. jugulare (?).
mot.
tt tt
Nucl. ambiguus sup.
sens.
tt tt
Ggl. jugulare (?).
mot.
tt tt
Nucl. ambiguus sup.
sens.
?
8) Zur Frage der sekundären Hörbahnen, von Alo» Er ei dl. (Monatsschr.
t Ohrenheilk. u, Laryngo-Rhinologie. XLVIII. 1914. Nr.l.) Ref.: Max Senator.
Aua seinen experimentellen Untersuchungen an 6 Hunden ergibt sich für Verf.
vor allem die bemerkenswerte Erscheinung, daß bei allen 6 operierten Tieren
deutliche Hörreaktioifen nachweisbar waren, obwohl bei ihnen die dorsalen ge¬
kreuzten Bahnen, bei 5 von ihnen auch noch sämtliche ventralen gekreuzten
Bahnen, durchtrennt waren. Er konstatierte also in Übereinstimmung mit anderen
Autoren, daß das Hörvermögen unverändert fortbesteht, wenn die ventralen
Kreuzungen vollkommen durchschnitten sind, er konnte aber zeigen, daß auch
nach totaler Spaltung der dorsalen Kreuzungen der sekundären Hörbahnen eine
Änderung in bezug auf das Vorhandensein von Hörreaktionen nicht zu verzeichnen
ist. Es können also sämtliche dorsalen und ventralen Bahnen in der Mittellinie
durchtrennt sein, ohne daß sioh ein Unterschied im Verhalten solcher Tiere gegen¬
über Schallreizen im Vergleiche zu normalen Tieren erkennen läßt. Auch beim
Affen muß nach weiteren Untersuchungen des Verf.*s bei kompletter Durchtrennung
der sekundären gekreuzten Bahnen eine Leitung der Hörimpulse auf den gleich¬
seitigen ungekreuzten Bahnen bestehen.
9) Morphologische Veränderungen des gereizten Nerven, von H. Stübel.
(Archiv f. d. ges. Physioi. CLV. 1914. H. 8. u. 9.) Ref.: W. Misch.
Es werden neue Untersuchungen über die Struktur des Netzwerkes der Mark¬
scheide des gereizten Nerven bei Anwendung verschiedener Fixierungsflüssigkeiten
mitgeteilt, woraus sich Schlüsse über die chemische Beschaffenheit desselben ziehen
lassen. Zusammenfassend ergibt sich, daß in den Markscheiden des nicht fixierten
Nerven bisher noch keine netz- oder wabenartige Struktur naohzuweisen war,
daß dagegen durch Fixierung des Nerven eine Netzstruktur sichtbar wird, die
je nach der Natur der Fixierungsflüssigkeit verschieden ist. Durch künstliche
Verdauung ließ sich am frischen Nerven keine Netzstruktur hervorrufen. Die
Netzstruktur der fixierten Markscheide widersteht der Trypsinverdauung. Eine
• 46 *
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERS1TY OF MICHIGAN
724
Ninhydrinreaktion läßt sich in der Markscheide des nichtfixiertcn Nerven nicht
beobachten; dagegen färbt sioh mit Ninhydrin am mit Alkohol fixierten Nerven
das Netzwerk blan, am mit Sublimat fixierten rot. Es lassen sich aus diesen
Beobachtungen die Schlösse ziehen, daß die Markscheidensubstans des frischen
Nerven morphologisch homogen ist, daß aber bei der Fixierung Eiweißkörper der
Marksoheide in Netzform niedergeschlagen werden.
10) Oontributlon experimentale & l’dtude de la ddgendresoenoe retrograde,
par N. Loewenthal. (Nevraxe. XIV. 1913. S. 163.) Bet: W. Misch.
Naoh einer ausführlichen Besprechung der Literatur Ober die retrograde
Degeneration, aus der hervorgeht, daß die Chromolyse keine genügende Erklärung
für die endgültige Degeneration der Nervenzelle h?t, beschreibt Verf. die Er¬
gebnisse seiner zahlreichen Tierversuche, aus denen er folgende Schlüsse zieht:
Die Versuche mit gewaltsamer Extraktion von Nerven sind nicht eindeutig für
das Studium der retrograden Degeneration, da sie zu Komplikationen traumati¬
schen Ursprungs, wenigstens bei den Bückenmarksnerven, Veranlassung geben.
Die DurohsohDeidung eines Bückenmarksnerven unmittelbar außerhalb des Ganglions
führt zu bedeutenden, frühzeitigen Veränderungen einer kleinen Anzahl von
Ganglienzellen, die schon am zehnten Tage nach der Nervendurchschneidung deut¬
lich sichtbar sind, zu einer Zeit, in der die meisten Zellen nur Veränderungen
in der Menge und der Verteilung der chromophilen Tnile aufweisen. Die Zell¬
veränderungen der wenigen, frühzeitig degenerierten Zellen lassen sich auf zwei
hauptsächlichste Arten der Zelldegeneration zurückführen, die hyaline und die
Körnchendegeneration. Der Zellkern weist chromatolytische Veränderungen auf;
seine Form und die körnchenförmigen Farbkörper können lange bestehen bleiben.
Nach Durchschneidung des IschiadicuB in der Höhe des Hüftgelenks lassen sich
naoh 6 Wochen in vielen Zellen atrophische Veränderungen beobachten; immer
aber sind gewisse Zellen ganz besonders betroffen. Zahlreiche Nervenfasern, deren
Myelinsoheide und AohBenzylinder erhalten sind, sind auch in den Ganglien, die
dem durchschnittenen Ischiadious entsprechen, noch vorhanden. Die Durch-
schneidung des Isohiadicus ist von einer langsamen Veränderung des zentralen
Nervenendes begleitet, die sich an der Myelinscheide mit der Marchi sehen Methode
als diffuse, mit Osmium färbbare Körnchenbildung nachweisen läßt, während der
Aohsenzylinder unverändert in den Fasern erhalten ist. Diese schwarzgefärbten
Gebilde lassen sioh längs des ganzen zentralen Nervenendes, der hinteren Wurzeln
und ihrer intramedullären Ausstrahlungen, also im hinteren Längsbündel, der
grauen Substanz und des vorderen lateralen Bündels, verfolgen. Ähnliche ge¬
schwärzte Gebilde sind auch in den vorderen Wurzeln und längs ihrer Aus¬
strahlungen in die graue Substanz des Vorderhorns zu beobachten. Die Ver¬
änderungen des zentralen Endes des durchschnittenen Nerven sind als solohe nicht
zu vergleichen mit der Degeneration, die im peripheren Ende des von seinem
trophisohen Zentrum getrennten Nerven auftritt.
11) Ein Beitrag zum Studium der Regeneration von Hautnerven, von
F. Hacker. (Zeitschr. f. Biol. LXV. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.: W. Misoh.
Infolge einer ganz peripheren chemisohen Alteration, die wahrscheinlich ein
Hautnervenästchen betroffen hatte, war ein Empfindnngsausfall eingetreten, der
sichere Zeiohen von Dissoziation erkennen ließ. Die Sinnespunkte an der Grenze
des gelähmten Gebietes zeigten normale Schwellen. Erscheinungen von Hypästhesie
waren nur nachweisbar, wenn auf das völlig gelähmte Gebiet Beize von soloher
Stärke wirkten, daß sich ihre Wirkung auf die benachbarten normalen Fläehen
ausbreiten konnte. Die Begeneration machte sich in der aohten Woche zuerst
an der Grenze der gelähmten Stelle, und zwar für alle Empfindungsqualitäten za
gleicher Zeit, bemerkbar. Die wieder erregbaren Sinnespunkte zeigten von An¬
fang an normale Sohwellen, waren aber in der Dichte zuerst bedeutend ver-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
725
mindert, um sechs Wochen nach dem Einsetzen der Regeneration den normalen
Wert zu erreichen.
12) Die Lehre von der tonisohen Innervation, von A. v. Tschermak. (Wiener
klin. Woohenschr. 1914. Nr. 13.) Ref.: U. Rothmann.
Unter tonischer Innervation versteht Verf. eine dauernde Einflußnahme eines
nervösen Gliedes auf ein anderes oder auf ein nichtnervösee Erfolgsorgan; man
kann von Bedingungs- oder Zustandsinnervation sprechen. Der tonischen Inner¬
vation steht die vorübergehende oder alternative gegenüber. Am vegetativen
Nervensystem findet sich die tonische Innervation an den Hohlmnskeln mit auto¬
matischer Rhythmik, so an den Lymphherzen der ungeschwänzten Batrachier, dann
an den mesenterialen Lymphgefäßen. Auch für das Blntherz der Vertebraten
nimmt Verf. einen nervösen Dauereinfluß an; er faßt die Herztätigkeit zwar als
myogen begründet auf, jedoch in gewissen Richtungen als neurogen bzw. neuro-
fixiert bedingt. Auch die gesamte glatte Muskulatur, vor allem jene der Hohl¬
organe, zeigt ähnliche tonische Innervation. Auch an den drüsigen Organen, so¬
wohl denen mit AusfÜhrungsgang als auch denen mit innerer Sekretion, spielt die
tonische Innervation eine wichtige Rolle. Am Zentralnervensystem ist der neurogene
Spannnngstonns der Skelettmuskeln, dann die tonische Einflußnahme auf die
Reflexbögen zu erwähnen. Auch die reflektorischen Wirkungen des Lungenvagus
und des N. depressor gehören hierher. Auch den inter- und intrakortikalen Ver-
bindungssystemen kommt zum Teil eine tonische Rolle zu. Der bedingende
Einfluß, den eine tonisch funktionierende Nervenzelle auf das Ansohlußgebilde
ausübt, dürfte in einer Beeinflussung des Zustandes der Plasmakolloide bestehen.
Verf. weist auf die Beziehungen der tonischen zur trophischen Innervation hin.
Neben der tonischen Innervation besteht aber die weitgehende Automatic der
Gewebe zu Recht.
13) Meine „Kompressionsreaktion“, von Richard Geigel. (Deutsche Zeitsehr.
f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. hat vor 21 Jahren unter dem Namen „Kompressionsreaktion“ eine
eigentümliche Änderung des normalen Zuokungsgesetzes am menschlichen Nerven
beschrieben, die dann auftritt, wenn NerV und Gefäße komprimiert werden, und
darin besteht, daß unter dem Einfluß der Kompression und, so lange sie anhält,
eine Steigerung der Öffnungszuckungen erfolgt, am auffallendsten an der Kathode.
Aus neu angestellten Versuchen ergab sich, daß die Steigerung der Öffnuhgs-
zuckungen abhängig ist von der Höhe des Druckes, mit dem die Kompression
ausgeübt wird. Das kann ebensogut vom Druck auf den Nerv als auf die Gefäße
abhängig sein. Die bedeutendste Steigerung erfahren aber die Öffnungszuckungen,
wenn der Druck der Manschette die Höhe des Blutdruokes erreicht. Die Über¬
erregbarkeit des Nerven gegen Öffnung des Stroms ist nicht durch Druck auf
den Nerven, söndern durch Bchleohte Blutversorgung des Nerven hervorgerufen,
gleichgültig ob es sich um arterielle Anämie oder venöse Hyperämie handelt.
-14) Studien Aber den Kralteinn, von M. v. Frey. (Zeitschr. f. Biologie.
LXIII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Aus den Schlußfolgerungen sei folgendes hervorgehoben:
Befestigt man Massen in verschiedenem Abstande von der Schulter auf dem
versteiften und horizontal gehaltenen Arm, so werden nicht ihre Gewichte, sondern
ihre Drehungsmomente wahrgenommen. Die Versuchsperson hält im allgemeinen
nur solche Gewichte für gleich, die dasselbe Drehungsmoment in bezug auf das
Schultergelenk besitzen. Bei raschen Bewegungen des Armes erscheinen Gewichte
von gleichem Drehungsmoment, aber verschiedenem Abstand vom Gelenk nicht
mehr gleich. Wahrscheinlich werden die Empfindung deB Kraftsinnes (oder
Muskelsinnes) durch gewisse rezeptorische Nerven in den Muskeln und Sehnen,
nicht duroh Nerven der Gelenke vermittelt. Diese Empfindungen sind für die
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
726
N
Beurteilung von Gewichten ebenso bedeutungsvoll wie die Wahrnehmung des
Bewegungserfolges.
15) Über Variationen des Verhältnisses der Kraft beider Hände unter
Einfluß von Arbeite* und Buheperioden, von M. J. van Erp Taalman Kip.
(Psychiatr. en Neurol. Bladen. 1914. Nr. 4 u. 5.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. berichtet über seine Untersuchungen über die dynamometrisch gemessene
Druckkraft der beiden Hände bei Patienten mit funktionellen Neurosen. Aus
den wiedergegebenen Kurven ist zu ersehen, daß das Verhältnis zwischen der
Kraft der beiden Hände bei Kranken sich von dem bei Gesunden in verschiedenen
Punkten unterscheidet, und daß speziell das Überwiegen der Kraft der linken
Hand sich bei an Neurosen Leidenden mehr findet als bei Gesunden. Auf die
angewandte Technik kann nicht näher eingegangen werden. Aus drei mitgeteilten
Fällen geht hervor, daß während einer längeren Arbeitszeit das normale Über¬
gewicht der Kraft der rechten Hand verloren geht, dagegen die Kraft der linken
Hand überwiegt, daß dann unter Einfluß einer Ruhezeit die Störung wieder aus¬
geglichen wird und die Kraft der rechten Hand wieder ihre normale über¬
herrschende Stellung einnimmt. Durch Übung wird das Überwiegen der Kraft
der rechten, durch Ermüdung der linken Hand bei rechtshändigen Personen ge¬
fördert. Bei vielen Personen zeigt sich eine sehr deutliche Tagesschwankung.
Die asymmetrische Beeinflussung der Kraft beider Hände durch Übung, Er¬
müdung usw. hat seinen Grund in der Ungleichheit beider Großhirnhemisphären.
16) Über die während des Tages äuftretenden Veränderungen im Ver¬
hältnis der Kraft beider Hände, von M. J. van Erp Taalman Kip.
(Psychiatr. en Neurol. Bladen. 1914. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Es gelang Verf. bei mehreren Personen, eine deutliche Tagesschwankung in
bezug auf das Verhältnis der Kraft beider Hände nachzuweisen; bei während
längerer Zeit ununterbrochen fortgesetzter Untersuchung ließ sich eine Tages-
schwankung niemals vermissen. Die Richtung dieser Schwankung ist aber bei
verschiedenen Personen nicht dieselbe, auch bei demselben Individuum äußert sich
die Tagesschwankung zu verschiedenen Zeiten nicht immer auf dieselbe Weise.
Einige Male wurde auch eine Umkehrung des Tagestypus festgestellt, so daß
Zeiten, in welchen der Morgenwert am größten war, mit solchen, wo das umge¬
kehrte Verhalten eintrat, wechselten. Verf. läßt die Frage offen, ob der Unter¬
schied in bezug auf Morgen- bzw. Abenddisposition der Ausdruck einer Verschieden¬
heit der Anlage oder einfach die Folge während längerer Zeit geübter ver¬
schiedener Lebensgewohnheiten ist, hält aber die letztere Annahme für die meist
wahrschei nliche.
17) Über die Frage der qualitativen Verschiedenheiten in der Tätigkeit
der Nervenfasern, von E. Bah&k. (Biologiokö Listy« XXIL I. Teil:
S. 169; II. Teil: S. 258.) Ref.: J. Stuchlik.
Verf. stellt sich entschieden für die Ansicht über die qualitativen Verschieden¬
heiten der Fortgänge in Nervenfasern auf Reizung ein. Natürlich die Vor¬
stellungen über die Quantität dieser Differenzierungen können sehr verschieden
sein; und wir haben vorläufig nur sehr wenige experimentelle oder überhaupt
empirische Möglichkeiten, die Fortgänge im Nerven zu differenzieren. Deshalb
verfügen wir nur über Theorien. Eines ist nur sicher, daß die Annahme von
der Einheit aller Vorgänge durchaus widersinnig ist, denn schon die quantitativen
Verschiedenheiten müssen eine Veränderung der Qualität zur Folge haben. Wir
können uns die Nervenreizung als einen komplexen chemischen Vorgang vor¬
stellen, den man in seine Komponenten zersetzen kann. Schon in diesem Falle
müßten die quantitativen Eigenschaften der Komponenten zur qualitativen
Differenzierung der ganzen Tätigkeit führen. Verf. ist bestrebt, seine Ansichten
727
möglichst eingehend an konkreten Beispielen der Nervenphysiologie zu de¬
monstrieren.
18) Das Verhalten des interstitiellen Bindegewebes beim untätigen Muskel«
von S. Erben. (Jahrb. f. Psych. u. Neur. XXXVI. Wagner v. Jauregg-
Festschrift.) Re£: Kurt Mendel.
Das wichtigste Ergebnis der Untersuchungen des Verf. besteht darin, daß
das interstitielle Bindegewebe im untätigen Muskel sioh verschieden verhält,
je nachdem letzterer gedehnt oder verkürzt gewesen. Der gedehnte Muskel läßt
Hypertrophie der Zwischensubstanz vermissen, hier geht Atrophie der Muskel¬
fasern mit einer Verringerung der Zwischensubstanz Hand in Hand, während der
auf das kürzeste eingestellte Muskel neben verschmälerten Mukeifasern eine Ver¬
mehrung des interstitiellen Bindegewebes aufweist.
19) Beobachtungen an Hautfläohen mit geeohädigter Innervation« von
M. v. Frey. (Zeitschr. f. Biologie. LXIH. 1914. H. 8.) Ref.: K. Boas.
Neben der Untersuchung experimentell gesetzter und in Verheilung begriffener
Unterbrechungen afferenter Nerven ist das Studium von Fällen dauernd unvoll¬
ständiger Innervation wünschenswert.
Es werden drei derartige Fälle angezogen, von denen zwei bereits mitgeteilt
sind, der dritte hier beschrieben wird.
Dieser letztere Fall betrifft Verf. selbst* und besteht in Ausfallserscheinungen
im Gebiete des N. cutaneus femoris lateralis rechts und links. Die betroffenen
Flächen sind sehr ausgedehnt. Es fehlt dort eine größere Zahl (etwa 90 °/ 0 ) der
Nervenenden oder Sinnespunkte, doch ist dieser Ausfall nicht gleichmäßig über
die Fläche verteilt. Neben Abschnitten, in denen gewisse Gattungen von Nerven
oder auch alle vollständig fehlen, finden sich andere, deren Innervation nur wenig
hinter der normalen zurücksteht. Im allgemeinen handelt es sich also um den
streckenweise eingetretenen Verlust bestimmter Arten von Sinnesapparaten, bei
Erhaltung gewisser anderer. Für den Zustand unvollständiger, auf gewisse Quali¬
täten sich beschränkender Empfindlichkeit von Hautstellen wird die Bezeichnung
Merästhesie vorgeschlagen.
Auf den Gebieten ohne Druckpunkte lassen sich Druckempfindungen nur
durch solche Deformationen auslösen, welche auf die benachbarten normalen Ge¬
biete übergreifen. Deformationen durch Druck und Zug wirken dabei qualitativ
gleich, Zug ist an nach außen gewölbten Hautstellen wirksamer als Druck. Ein
tiefer Drucksinn im Sinne von Strümpell und Head ist nicht nachweisbar.
Die noch vorhandenen Nervenenden zeigen bei Prüfung mit kleinflächigen
Schwellenreizen normale Erregbarkeit. Dies gilt auch für die Enden der Schmerz¬
nerven. Für überschwellige, namentlich großflächige Reize, ist das gestörte Gebiet
hyperalgetisch. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich aus der trägeren
Reaktionsweise des Schmerzsinnes und aus der übernormalen Neigung zur Summation
zeitlich getrennter sowie zur gegenseitigen Verstärkung örtlich verschiedener Reize.
Zu der oberflächlichen stechenden, beißenden oder brennenden Schmerz¬
empfindung gesellt sich sehr leicht die tiefe dumpfe. Sie kann auch für sich
allein durch relativ schwache Reize ausgelöst werden, dort, wo die oberfläch¬
liche fehlt.
Die auf dem gestörten Gebiete noch vorhandenen Sinnespunkte werden bei
Erregung meist abnorm lokalisiert. Es findet eine Verlegung (Mißweisung) nach
entfernten Stellen statt, oder der Ortswert ist für zwei und mehrere Punkte
identisch (Kuppelung). E$ handelt sich um die von Head als Reference be¬
schriebene Erscheinung. Es werden verschiedene Annahmen zu ihrer Deutung
erörtert.
In methodischer Beziehung ergeben die Versuche, daß ohne geeichte Reize
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
728
und ohne Berücksichtigung der Beizflächen die Einsicht in die Natur einer
rezeptorischen Störung unvollständig bleiben muß.
20) Note sur la brauche desoendante du nerf hypoglosse, par E. Kummer.
(Revue medic. de la Suisse romande. 1915. Nr. 7.) Bef.: Kurt Uendel.
In einem Falle von Fazialislähmung wurde zunächst die Fazialis-Accessoriäe-
Pfropfung, dann, um die Funktion des letzteren wiederherzustellen, die Vereinigung
des peripheren Endes des Accessorius mit dem zentralen des absteigenden
Hypoglossnsastes ausgefuhrt Letzterer innerviert mitsamt Fasern aus den Zervikal¬
nerven den Storno -hyoideus, Storno -thyreoideus und Omohyoideus. Die Fazialia-
Accessorius-Pfropfung brachte eine deutliche Besserung der Gesichtslähmung, die
Naht zwischen Accessorius und absteigendem Hypoglossusaste gab hingegen ein
weniger gutes Resultat; es blieb eine teilweise Lähmung des Sternocleido-
mastoideus und der klavikulären Portion des Trapezius, deren Gründe entweder
in einer Unvollkommenheit der Naht oder in dem Mißverhältnis im Kaliber des
genähten Nerven oder aber vielleicht in der Ungeeignetheit des absteigenden
Hypoglossusastes zur Nervenpfropfung zu suchen Bind. Diese letzte Eventualität
studierte Verf. auf experimentellem Wege. Er kam hierbei zu folgenden Er¬
gebnissen:
1. Die Konstitution des absteigenden Hypoglossnsastes scheint die gleiche
beim Hund und Menschen.
2. Die zu den Larynxhebern gehenden Nervenfasern verlaufen im Hypoglossus,
ohne durch den absteigenden Ast durchzugehen.
8. Die Fasern des absteigenden Astes scheinen ausschließlich für die Larynx-
herabziehenden Muskeln bestimmt zu sein.
4. Der absteigende Ast führt zentrifugale und zentripetale Fasern.
5. Die obere Partie desselben besteht einzig aus zentrifugalen, die mittlere
Partie gewöhnlich aus zentrifugalen und zentripetalen Fasern, die untere gleich¬
falls, doch ist letztere zuweilen zusammengesetzt aus lediglich zentripetalen Fasern.
6. Die Faradisation der Durchschneidungsoberflächen des absteigenden Astes
ist das sichere und einfache Mittel, um sich während der Operation — auch
beim Menschen — zu vergewissern, in welcher Richtung die Nervenfasern ver-
aufen.
Pathologische Anatomie.
21) Postmortale Strukturveränderungen der Ganglienzelle, von Ludwig
Reisinger. (Zoologischer Anzeiger. XLV. 1915. Nr. 18.) Ref: Kurt Mendel
Verf. prüfte die Ganglienzellen des Gehirns eines Igels, der, anscheinend
nach Verlassen des Winterquartiers eingegangen, gefunden wurde. Normalerweise
heben sich nach Krausescher Färbung die Nisslschollen als dunkelblaue Granula
vom violetten Plasma der Ganglienzelle deutlich ab. An den Zellen des Igel-
gehims konnte nun aber Verf. keine Nisslkörper beobachten, was die Vermutung
nahelegte, daß duroh Fäulnis verursachte Veränderungen der Ganglienzellen Platz
gegriffen haben. Aus weiteren Versuchen folgert Verf. gleichfalls, daß postmor¬
tale Prozesse eine Auflösung der naoh Nissl als Schollen darstellbaren Substanzen
der Nervenzelle verursachen. Diese Feststellung hat auch praktisch hygienische
Bedeutung, da auf dem Wege der mikroskopischen Untersuchung die Möglichkeit
gegeben ist, längere Zeit liegendes Gehirn vom menschlichen Genuß auszuschließen.
22) Der gllöae Anteil der senilen Plaques, von A. Cowe. (Zeitschr. f. cL
ges. Neurol. u. Psych. XXIX. 1916. H. 1.) Ref.: W. Misch.
Zur Darstellung der gliösen Anteile der senilen Plaques wurde die Kom¬
bination der Levaditischen Plaquefärbung mit der Merzbacherschen Gliafärbung
am geeignetsten gefunden. Die auf diese Weise gewonnenen Präparate zeigen.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
729
daß Gliaelemente an dem Aufbau der senilen Plaques nicht beteiligt sind. Die
in der Umgebung von senilen Plaques vorhandenen Ringe von Gliafasern können
entweder echte Gliawuoherungen darstellen, oder sie kommen durch rein mecha¬
nisches Auseinanderdrängen bestehender Gliafasern zustande.
28) Die Rhabdomyome des Herzens bei tuberöser Hirnsklerose, von Hugo
Ribberi. (Centralbl. f. patholog. Anatomie u. allgem. Patholog. XXVI.
1915. Nr. 9.) Ref.: K. Boas.
• In dem Falle des Verf/s war die außerordentlich große Zahl der neben den
Rhabdomyomen des Herzens mikroskopisch nachweisbaren Keime aus embryonaler
Muskulatur sehr bemerkenswert. Wie Verf. ausfährt, handelt es sich hierbei
nicht um liegen gebliebene Bezirke embryonaler Muskelbändelabschnitte, sondern
um selbständige Sprossen, die gleichsam seitlich aus ihnen herauswachsen, dann
aber als aus dem Zusammenhänge ausgeschaltete Elemente ihre normale Weiter¬
entwicklung einBtellten.
Auch in den kleinsten Keinem fehlen Wachstums Vorgänge nicht völlig.
24) Über eigenartige Schädeldefekte Im Jugendalter, von R. Schüller.
(Fortschritte a. d. Gebiete d. Röntgenstrahlen. XXIII. 1915. H. 1.) Ref.:
K. Boas.
Verf. berichtet über drei Fälle, in welchen ausgedehnte Schädeldefekte im
Jugendalter schmerzlos und ohne Gehirnsymptome, also nahezu unbemerkt, in Er¬
scheinung traten, ohne daß dieselben auf eine der bisher bekannten Ursachen
(Entwicklungsanomalien, Trauma, Druckatrophie, Entzündungen oder Neoplasmen)
mit Sicherheit bezogen werden konnten. In einem Falle bestand gleichzeitig eine
Dystrophia adiposo-genitalis, in einem anderen ein DiabeteB insipidus. In zwei
Fällen wurde ein relativ rasches Zurückgehen der Schädeldefekte beobachtet. Mit
Rücksicht auf das eigenartige Röntgenbild bezeichnet Verf. die von ihm be¬
schriebenen Sohädeldefekte als „Landkartenschädel“.
25) Über zwei Fälle von Arachnodaktylie, von Friedrich Börger* (Jahrb.
f. Kinderheilk. XII. H. 2. u. 3.) Ref.: Zappert (Wien).
Mit diesem Namen bezeichnet man eine angeborene Waohstumsanomalie, die
sich durch abnorme Länge und Schmalheit der Extremitäten kennzeichnet. Die
distalen Knoohen sind hierbei sowohl im Vergleiche zu jenen eines gleich großen
Kindes, als auch im Verhältnis zur Gesamtlänge desselben Individuums zu lang.
Außerdem bestanden in den beiden Fällen des Autors anderweitige Mißbildungen.
Die Ätiologie dieses partiellen Riesenwuchses ist nicht klar; auch der Sektions¬
befund des eines Kindes ergab keinen charakteristischen Befund. Es handelt
sich vielleicht um eine frühzeitige (intrauterine) Erschöpfung der endokrinen
Drüsen.
Kriegsbeobachtangen.
26) Beobachtungen bei Schußverletaungen des Gehirns, von Arthur Stern.
(Deutsche med. Wochensohr. 1916. Nr. 36.) Ref.: Kurt Mendel.
Ver£ fiel die Häufigkeit der Stauungspapille bzw. Neuritis optica bei den
schwereren Hirnschußverletzungen auf, ohne daß sich späterhin etwa eine der häufigen
Komplikationen, wie Hirnabszeß oder eitrige Meningitis, als Ursache herausstellte.
Beispiel: Gewehrschuß an der linken hinteren Scheitelbeinpartie; Stauungspapille,
Kopfschmerz, leichte Somnolenz, Erhöhung des Liquordrucks, HirnprolapB. Die
Erscheinungen gingen teilweise spontan, teilweise unter einer Lumbalpunktion
zurück. Wahrscheinlich handelt es sich in solchen Fällen um eine entzündliche
seröse Meningitis bzw. Meningoenzephalitis, ausgelöst durch den lokalentzünd-
liehen Prozeß an der Läsionsstelle des Schädels bzw. des Gehirns. Solche seröse
Meningitis kann bei offener Schädelhöhle durch die Druckerhöhung im Schädel-
Di gitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
730
innern einen Prolaps begünstigen bzw. unterhalten. Behandlung: Lumbal*
punktion.
Eine große Gefahr für die Schädelschußverletzungen stellt die latente Ent¬
wicklung von Spatabszessen des Gehirns dar; besonders in den Prolapsen hat man
Abszeßherde gefunden. Für Hirnabszeß spricht eine Progredienz der klinisch¬
nervösen Ausfallssymptome und die Inkongruenz zwischen dem Sitz der örtlichen
Läsion am Schädel und der Größe und Art der nervösen Ausfallserscheinungen.
Fieber und Allgemeinsymptome braucht der latente Spätabszeß nicht hervorsu»
rufen. Die Stauungspapille bei Hirnschüssen entscheidet zwischen Meningitis
serosa und Himabszeß zugunsten des letzteren höchstens dann, wenn sie über
Wochen hinaus eine Tendenz zur Rückbildung (auch nach Lumbalpunktion)
nicht zeigt.
Bei den Taogentialschüssen des Schädels sind die nervösen Symptome zumeist
in Übereinstimmung mit dem Ort der Hirnläsion; sie sind meist im weitesten
Maße rückbildungsfähig, zumal die andere Hirnhemisphäre kompensatorisch ein-
tritt» Oder aber es deuten abgesehen von Herderscheinungen Symptome, wie
basale Hirnnerven-, Augenmuskellähmungen, auf Knochenfissuren, speziell an der
Schädelbasis, hin, was durch das Röntgenbild bestätigt wird. Drittens kann die
örtliche Läsion am Schädel mit dem Grad der Nervensymptome nicht überein¬
stimmen; neben der örtlichen Läsion können in der Tiefe des Gehirns noch andere
Prozesse (Blutungen und vor allem Abszesse) vorliegen, die eventuell ein chirur¬
gisches Eingreifen erheischen.
Als Begleiterscheinungen der Schädelschußverletzungen sind schwere funktio¬
nelle Störungen häufig; sie sind unabhängig von der Schwere der Verletzung.
Ausgesprochene Hysterie ist seltener. Vasomotorische Störungen und subfebrile
Temperaturen kommen häufig vor.
27) Kriegsohirurgisohe Ernährungen, von M. Hirsch und Th. MeissL (Wiener
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 33.) Ref.: Pilcz (Wien).
Aus diesem vorwiegend für Chirurgen bemerkenswerten Aufsatze seien nur
folgende auch für den Neurologen interessante Punkte hervorgehoben:
Bei den Tetanusfällen erfolgte der Tod in der Regel unvermittelt durch
Zwerchfellkrampf; so rauchte ein Patient unmittelbar vor dem Tode noch eine
Zigarette. Während der eigentlichen Wintermonate kam kein Tetanusfall vor.
Fast ebenso oft wie Trismus sind tonische Krämpfe in der befallenen Extremität
Initialsymptom, auch heftige Kreuz- und Rückenschmerzen infolge von Muskel¬
krämpfen noch vor Trismus.
Bezüglich Schädelschüsse sollen Tangentialschüsse unbedingt operativ an¬
gegangen werden, da oft ein Mißverhältnis zwischen anfänglich ganz gering¬
gradigen klinischen Erscheinungen und Operationsbefund — Depression der Tabula
externa, Splitterung der Tabula interna, Gehirnverletzungen — besteht Durch¬
schüsse und Steckschüsse verlangen nur dann einen Eingriff, wenn Splitterung
oder Depression nachweisbar ist
Betreffs der Rückenmarksschüsse bemerken die Verff. u. a., daß sehr oft bei
den Blasenstörungen Katheterismus nicht notwendig ist, da fast stets das Phänomen
der „ausdrückbaren“ Blase vorliegt.
28) Zur Prognose der Sohftdelsohüsse, von Engelhardt. (Münchener med.
Wochenschr. 1915. Nr. 32. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel.
In einem Falle von Jackson scher Epilepsie nach Hirnschuß wurde erfolgreich
nach Trendelenburg mit Dauerkühlung der Hirnrinde behandelt, wenigstens
was die Ausbreitung, nicht die Häufigkeit der Anfälle anlangt In einem anderen
Falle trat eine Meningitis serosa nach ausgeheiltem Hirnabszeß auf; in diesem
Falle war ein Einbruch des allerdings kleinen Abszesses in den Seitenventrikel
erfolgt, ohne sofort zum Tode zu führen (was die Regel ist).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
731
20) Über sweckmäßige Gesichtsfeld verwert ring bei der kompletten homo¬
nymen Beohtshemi&nopsie, von Heitsch. (Münchener med. Wochenschr.
1915. Nr. 32.) Ref.: Kurt Mendel.
Hemianopsien sind nach Kopfverletzungen nicht selten. Die Rechtshemianopsie
bedeutet einen viel empfindlicheren Ausfall im Gesichtsfeld als die Linkshemi¬
anopsie, weil bei ersterer ein zusammenhängendes, fließendes Lesen ausgeschlossen
ist; denn Rechtshemianopiker können nur Buchstaben an Buchstaben reihen, nur
buchstabierend lesen, wie es Kinder tun, wenn sie lesen lernen. Erlernen die
Rechtshemianopiker sich auf das linke Gesichtsfeld einzustellen, so ist damit viel
gewonnen. Verschaffen wir dem Rechtshemianopiker die Möglichkeit, von rechts
nach links zu lesen, so ist er nicht schlechter daran als der Linkshemianopische.
Die Bedingungen hierzu sind aber erfüllt, wenn man Druckblatt oder Schriftstück
auf den Kopf stellt und nun von unten nach oben liest. Hierdurch wird das
rechte Gesichtsfeld zum Lesen entbehrlich. Mit einiger Übung kann auf diese
Weise jeder Rechtshemianopiker gut lesen lernen.
30) Organische Schädigungen des nervösen Ohrapparates Im Kriege, von
Johannes Zange. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 32. Feldärztl.
Beilage.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. unterscheidet 1. Schallschädigungen durch den Gefecbtslärm (meist duroh
Geschütz- und Maschinengewehrfeuer); 2. Schädigungen nach Granatkontusionen
oder großen Explosionen (neben dem Schall spielen der Luftdruck und die mecha¬
nischen Erschütterungen, die auf das Labyrinth einwirken, eine große Rolle; meist
ist neben der Schädigung der Schnecke eine solche des Vorhof bogengangsapparates
vorhanden [Commotio labyrinthii]); 3. direkte Verletzungen und Erschütterungen
des inneren Ohres; 4. Schädigungen des Ohrapparates bei Erschütterungen des
Schädels nach Sturz, Schlag oder Prellschuß (mit oder ohne gleichzeitiger Schädel¬
basisfraktur). Jedenfalls ist bei jeder Schädelerschütterung, auch wenn keine Ohr-
störungen angegeben werden, der Ohrapparat genau zu prüfen.
31) Über das nächste und weitere Schioksal der Büekenmarkssohuß-
verletzungen; ein theoretischer Vorschlag zur Beeinflussung desselben,
von Robert Spoerl. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 33. Feldärztl.
Beil.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. meint, daß es vielleicht bei Rückenmarksschüssen gelingt, nach Resek¬
tion des narbig veränderten Marks und entsprechender Mobilisation des Rücken¬
marks die getrennten Systemstränge in leitungsfahige Gegenüberstellung und An¬
einandernäherung zu bringen (indirekt durch Naht oder Raffung der Dura und
Dehnung der hemmenden Wurzeln). Das zerstörte Markgebiet kommt ja in der
Regel nicht als lebenswichtig an sich in Betracht; verhängnisvoll ist nur die
Blockade der zentralen Leitung und der zerstörte Anschluß an dieselbe und da¬
mit an all die hirnwärts gelegenen Kerne, die für das Leben wichtige Zentralen
darstellen und, dauernd ausgeschaltet, den sicheren Tod zur Folge haben. Gelingt
es, diese Narbenblockade durch Resektion in der obigen Weise zu beseitigen, so
können alle diese unterbrochenen sensiblen, nutritiven und motorischen Bahnen
wieder frei werden.
32) Beiträge zur Kenntnis der trophlsohen Störungen bei Sohnßverletzungen
peripherer Nerven, von Steinberg. (Wiener klin. Wochenschrift. 1915.
Nr. 31.) Ref.: Pilcz (Wien).
In 70 Fällen konnte Verf. bei 52, d. h. über 70°/ 0 , trophische, vasomoto¬
rische und sekretorische Störungen beobachten.
Was erstere anbetrifft, so schildert Verf., abgesehen von den bekannten
Muskelatrophien durch Inaktivität oder durch Ausfall des trophischen Zentrums,
röntgenographisch nachweisbare Knochenatrophien, ferner die verschiedensten tro¬
phischen Störungen an der Haut, wie Hyperkeratose — relativ häufig bei Icbiadicus-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
732
lähmungen —> abnorme Vulnerabilität gegenüber höheren Temperaturen, abnorm
rasches Wachstum der Nägel — häufiger als das Gegenteil, Onyoholysii, abnorme
Quer- und Längsfurchung —, besonders bei Radialisaffektionen, ferner Hyper-
tricbosis, viel seltener Hypotrichosis. Die Hypertrichosis wird besonders eingebend
erörtert, am häufigsten bei Ulnarisläsion, am seltensten bei Ischiadicusverletsnng.
Zu den vasomotorischen Störungen gehören ödem, subjektiv und objektiv
wahrnehmbare Kälte und livide Verfärbung.
Als Störung der Sekretion Hyper- und Hypo- bzw. Anhydrosis, entere un
häufigsten, tritt unmittelbar oder ganz kurz nach Verletzung auf im Gegensatte
zur spät sich entwickelnden Hypertrichose.
Ausbreitung bzw. Intensität aller der beschriebenen Störungen läßt einen
Parallelismus zur Intensität der motorischen oder sensiblen Lähmung nioht er¬
kennen.
Auf Grund der Beobachtung muß die Existenz trophischer Nerven angenommen
werden, deren Wirkungsweise ganz anders vorzustellen ist als die motorischer
und sensibler Fasern.
33) Über Störung der Harnentleerung infolge?Erkältung v von G. Stiefler
und R. Volk. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 34.) Re£: Pilcz.
Die Verff. 'beobachteten 49 Fälle nervöser Blasenstörung infolge Erkältung.
Die Fälle wurden klinisch genau untersucht, wobei speziell auf Messung der
Blasenkapazität und Bestimmung der Faradosensibilität — nach den Unter¬
suchungen von v. Frankl-Hochwart und Zuckerkandl — geachtet wurde.
Die Fälle verteilten sich wie folgt:
26 Pollakisurie, und zwar reine Pollakisurie 8, kombiniert mit falscher In¬
kontinenz, d. h. Impetuosität des Harndranges 14, und endlich Pollakisurie als
Rezidiv 4 Fälle. Bei ersterer Gruppe normale Harnmenge und Kapazität, Farado*
Sensibilität in 50 °/ 0 merklich erhöht, 2 mal normal, 2 mal deutlich abgeschwäcbt.
Bei der zweiten Gruppe Harnmenge in etwa 2 /s vermehrt. Faradosensibilität, in
10 Fällen geprüft, 6 mal gesteigert, 3 mal herabgesetzt, lmal normal. Bei der
dritten Gruppe war in 2 Fällen die erstmalige Erkrankung auch durch Erkaltung
verursacht worden.
16 Enuresis, und zwar rein 2 mal, als Rezidiv 4 mal, kombiniert mit Polls*
kisurie 6 mal und originäre und Spätenuresis 4 mal. Bei ersteren auffallend
niedrige Werte der Faradosensibilität, bei den Fällen mit Pollakisurie Farado*
Sensibilität 2 mal gering erhöbt, in zwei anderen stark herabgesetzt. Bei der
letzten Gruppe relativ häufig Hypästhesie und niedrige, aber noch normale Werte.
7 Dysurie, und zwar rein 4 Fälle, symptomatologisch bei im übrigen wenig
vorgeschrittener und symptomenarmer Tabes 3 mal.
Eine tabellarische Zusammenstellung veranschaulicht Blasenkapazität und
Faradosensibilität der Blase, des Blasenhalses und der vorderen Urethra ziffern¬
mäßig bei den einzelnen Fällen.
Die Verff. betonen u. a. die relative Seltenheit derartiger Beobachtangen
unter Friedensbedingungen und empfehlen als wichtige prophylaktische Maßregel
entsprechende Versorgung der Soldaten mit warmer Wollwäsche.
Ref. möchte nicht unerwähnt lassen, daß die Arbeit aus der damals ein¬
geschlossenen Festung Przemysl am 2. IIL d. J. mittels Fliegerpost abgesohickt
worden ist.
34) Die moderne Elektromedizin in der Kriegstherapie, von Zanietowski-
(Wiener klin. Wochenschr. 1916. Nr. 30 u. 31.) Ref.: Pilcz (Wien).
Zu kurzem Referate nicht geeignet Verf. schildert hauptsächlichst theore¬
tische und praktische Seiten der modernen Elektrodiagnostik und -thermpie, wie
Verf. dies in seinen früheren Studien — Kompendium der modernen Elektro-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
733
medizin (Berlin, Denticke, 1909 und a.a. 0.) — in selbständiger Weise mono¬
graphisch und in zahlreichen Vorträgen und Journalartikeln bearbeitet hat.
86) Die Ansledlung von Kriegsbeschädigten. Beiträge zur Invaliden¬
fürsorge, von Dr. Keup, Alfred Mayer und Paul Wölbling. (Schriften zur
Förderung der inneren Kolonisation. Heft 18. Berlin, Deutsche Landbuch¬
handlung, 1915,) Ref.: Kurt Mendel.
In den Aufsätzen der Verff. kommt zum Ausdruok, daß für eine große Zahl
unsrer Kriegsinvaliden ländliche Umgebung und Wohnweise die besten Vor¬
bedingungen einer gedeihlichen Zukunft sind, daß aber der Gedanke der Invaliden-
ansiedlung nur dann zu großzügiger Auswirkung gelangen kann, wenn es gelingt,
ihm durch gesetzliche Bestimmungen Ausdruck und Basis zu verschaffen. Auch
dafür, daß die Witwen der Kriegsteilnehmer landangesessen bleiben oder werden,
müsse gesorgt werden; ihnen kann ebenso wie den Invaliden ein Teil ihrer
Witwenbezüge als Kapital gegeben werden, und dieses Kapital dürfen sie, ge¬
wissermaßen als Mitgift, behalten, wenn sie sich entschließen, einen Mann aus der
Landbevölkerung zu heiraten. Auch gegenüber unverwundeten Kriegern wird
unter Umständen ein besonderes Entgegenkommen bei Ansiedlungswünschen an¬
gebracht sein (Keup). Die vom Lande stammenden Invaliden müssen auf das
Land zurückkehren und nioht in die Städte ziehen. Wie im einzelnen die Invaliden-
ansiedlung durchzuführen ist, wird des näheren gezeigt.
An den Reichstag ist zur Frage der Invalidenansiedlung von den provinziellen
Landgesellschaften am 7. Mai 1916 eine Eingabe eingereicht worden, in welcher
gebeten wird, den Erwerb von ländliohen Grundstücken durch gesetzliche Ma߬
nahmen zu erleichtern; es sei notwendig, daß in Abänderung früherer Gesetze ein
Teil der Invalidenrente bzw. des Witwengeldes als Kapital an die Berechtigten
ausgezahlt werden kann, um sie so in den Stand zu setzen, die beim Erwerb eines
Grundstückes erforderliche bare Anzahlung leisten zu können.
Neurasthenie, Hysterie.
36) Ober Nenrasthenla oordis, von G. Graul. (Deutsche med. Wochenschr.
1915. Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel.
Die idiopathischen Herzneurosen entstehen auf neuropathischer konstitutioneller
Grundlage, vor allen Dingen auf dem Boden der neurasthenischen Krankheits¬
anlage. Die Neurasthenie cordis kann als eine funktionelle Minderwertigkeit des
vegetativen Systems, d. h. des peripherischen (autonomen wie sympathischen) Hera¬
nervensystems in Erscheinung treten. Pulsarhythmien können auf rein nervöser
Grundlage beruhen und sind durchaus nicht stets ein Symptom einer Myocarditis»
Der Unterschied in der Pulsfrequenz im Stehen und Liegen ist bei Herzneurosen
intensiver ausgesprochen als beim gesunden Herzen. Die Vermehrung der Frequenz
ist dann wesentlich erhöht, sie dauert länger an, Arhythmien treten auf, die Re¬
spiration ist rascher, nicht selten nimmt die Dyspnoe asthmatischen Charakter an.
Häufig sind bei Herzneurasthenie „Tropfenherz' 4 , Cor mobile, Schmerzpunkte im
Bereich des Herzens, besonders unterhalb der Mamilla, Frequenzänderungen und
Irregularitäten bei Druok daselbst, vasomotorische Störungen: Dermographie>
Geeichtsröte und -blässe, kalte, livide Hände und Füße, Augenlidödeme, Neigung
zum Schwitzen, Kopfschmerz, Schwindel, Schlaflosigkeit, Ohnmächten.
Auskultatorisch sind bei nervösem Herz nicht selten akzidentelle systolische
Geräusche, vorzugsweise an der Pulmonalis, nachweisbar, ferner Verstärkung des
zweiten Pulmonaltones, Spaltung und Verdoppelung des zweiten Tones. Im zweiten
Interkostalraum links ist zuweilen eine in ihrem Bestehen wechselnde Dämpfung
festzustellen.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
734
Behandlung: Bekämpfung des neurasthenischen konstitutionellen Bodens
(Allgemeinbehandlung, Hydrotherapie 9 Elektrizität, Hochfrequenz usw.), Sedativa
(Brom, Valeriana, Valamin), bei erhöhtem Vagustonus Atropin, bei vermindertem
Digitalis und Morphium. Überfüllungen des Magens, Meteorismus des Darmes,
digestive Störungen sind durohaus zu vermeiden.
87) Hysteroneurasthenie oder chronische Appendioitii P Zugleich ein Beitrag
zur Appendioitisfrage und ihrer Beziehung zur Oxyuris, von A. Rhein-
dorf. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 26 u. 27.) Bef.: E. Tobias.
Wenn auch bei Hysterischen und Nervösen allerhand Störungen Vorkommen,
die eine Appendicitis vortäuschen können, so ist man teilweise mit der Diagnose
Hysteroneurasthenie etwas zu schnell bei der Hand. Verf. bespricht vor allem
die Beziehungen der Oxyuren zu allerhand krankhaften Störungen und Schmerzen
in der Appendixgegend. Er fand bei Kindern in 50°/ 0 , bei Erwachsenen über
16 Jahre in 32°/ 0 Oxyuren im exstirpierten Processus vermiformis. Im Gegensatz
zu Aschoff glaubt Verf., daß die Oxyuren träger, die an Appendicitissymptomen
erkranken, an der Prozessusschleimhaut durch Oxyuris hervorgerufene Epithel¬
defekte haben, die Eiterungen zeigen, wenn bei der Operation Fieber vorhanden
war, während die Defekte fast reaktionslos sind, wenn ohne Temperatursteigerung
im Intervall operiert wurde. In Fällen, wo Verf. in den exstirpierten Wurm¬
fortsätzen vereinzelte Oxyuren auffand, fand er sehr oft in den Krankengeschichten
ein „Ziehen 41 in der Blinddarmgegend angegeben und glaubt, daß oft Pseudo-
appendicitis oder Hysteroneurasthenie in solchen Fällen auch post operationem
diagnostiziert wird. Die Frage hat große diagnostische und therapeutische Bedeutung.
88) Über einen Fall von hysterischer Monoplegie, von M. Berliner. (Wiener
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 26.) Ref.: Pilcz (Wien).
löjähr. Student, belanglose Anamnese. Vor 2 Jahren Schüttelfrost, rasch
zunehmende Parese der rechten oberen Gliedmaße, Zyanose derselben. Pat. arbeitet
unter Schmerzen eine Woche weiter, dann wurde Arm ganz gefühllos und ge¬
lähmt, und blieb dies, trotz aller Therapie, ein Jahr lang. Stak praes.: Korneal¬
und Rachenreflex herabgesetzt, schlaffe Lähmung der rechten oberen Extremität,
an der aber ausgeprägte Flexibilitas cerea nachweisbar war; keinerlei Atrophien
oder elektrische Erregbarkeitsveränderungen, Sensibilität normal. Therapie be¬
stand in Milieuveränderung, faradischen Pinselungen und hatte bald guten Erfolg.
Verf. schließt, daß hysterische Symptome auch ohne Kenntnis und Berück¬
sichtigung des EntBtehungsmechanismus günstig beeinflußt werden können.
89) Torticollis neuritious, von Ö. Simerka. (Revue v neuropsychpathologii.
XII. 1915.) Ref.: J. Stuchlik.
Verf. gibt zuerst eine Einteilung der bisher beschriebenen Fälle des Torti¬
collis. Dann beschreibt er einen Fall, bei welchem sich die Schiefstellung des
Kopfes plötzlich eingestellt hat. Der Muskel auf Druck nicht schmerzhaft, keine
Anhaltspunkte für sonstige Möglichkeiten des Torticollis, nur beim Druck auf
die Unterseite des Stemocleidomastoideus lebhafter Schmerz. Auf Aspirin und
antineuralgisches Liniment Besserung, nach wenigen Tagen Verschwinden der
Symptome. Es war da kein Krampf, keine Affektion der Wirbelsäule u. dgL,
sondern es handelte sich um eine bestimmte Muskelsynergie, also eine bestimmte
Haltung des Muskels, die infolge eines bestimmten Zweckes zustande kam. Aus
der Tatsache, daß duroh den Druck auf den Nervus occipitalis minor und N. sub-
cutaneus colli (also vom Plexus cervicalis) Schmerz hervorgerufen wurde, schließt
Verf., es handle sich um Neuritis, und nennt also diese Haltung Torticollis neuriticus.
Als Ursache der Neuritis ist die Angina, die die Pat. vor 14 Tagen durchgemacht
hat, anzusehen. Die schiefe Lage ist gut zu begreifen, denn dadurch wird der er¬
krankte Nerv weniger gedehnt, was wohl zur Erleichterung dient.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
735
40) Die nasalen Beflezneurosen und ihre Behandlung, von Albert Blau.
(Schmidts Jahrb. der ges. Medizin, Bonn, A. Marcus & E. Weber, 1915.)
Ref.: Kurt Mendel.
Verf. bespricht zunächst das durch nasale Reize reflektorisch bedingte Asthma,
welches also als eine nasale Reflexneurose anzusprechen ist. Ein therapeutisches
Handeln in der Nase darf bei Asthma erst dann begonnen werden, wenn entweder
wirklich pathologische Veränderungen auch sonst ein Eingreifen fordern oder
wenn auf irgend andere Weise ein Zusammenhang sicher, zumindest sehr wahr*
scbeinlich gemacht worden ist (Kokainversuoh, Auslösung eines Anfalles durch
Sondenberührung usw.). Herzpalpitationen, Kardialgien, Tachykardien, Angina
pectoris, Alpdrücken, Enuresis nocturna können gleichfalls bekanntlich als nasale
Reflexneurosen auftreten und sind dann naBal zu behandeln, dergleichen einzelne
Fälle von Basedowscher Krankheit, Epilepsie, Migräne, Trigeminusneuralgie.
Verf. bespricht schließlich den nervösen Schnupfen, den Heuschnupfen und
die Beziehungen der Nase zur Genitalsphäre (günstige Beeinflussung dysmenorrhöi-
scher Beschwerden auf nasalem Wege).
41) Zur Bedeutung der Hyperplasie des Tuberoulum septi in der Patho¬
logie und Therapie der nasalen Beflezneurosen, von 0. Levinstein.
(Zeitschr. f. Laryngologie, Rhinologie u. ihre Grenzgebiete. VII. 1914. H. 3.)
Ref.: K. Boas.
Verf. erörtert an Hand von 3 Fällen die Bedeutung der Hyperplasie des
Tuberoulum bei von diesem ausgehender nasaler Reflexneurose. Nach der Er¬
fahrung des Verf.’s gibt es Fälle, die zwar von einem makroskopisch nicht ver¬
ändert erscheinenden, vor allem nicht hyperplastischen Tuberculum septi ihren
Ursprung nehmen, aber im Laufe der Zeit zur Hyperplasie des letzteren führen.
Diese wiederum führt ihrerseits zu einer Verschlimmerung der bestehenden Reflex¬
leiden und die Zunahme der Schwere der Reflexneurose wiederum zu einem
weiteren Anwachsen der Hyperplasie.
Als Behandlung empfiehlt Verf. die Galvanokaustik des Tuberculum septi. Dabei
ist es gleichgültig, ob bereits die Hyperplasie des letzteren eingetreten ist oder
nicht, da im letzteren Falle das Zustandekommen derselben auf das wirksamste
bekämpft wird. Nach den Erfahrungen deB Verf.’s ist die Galvanokaustik ein
geradezu ideales Verfahren zur Behandlung vom Tuberculum septi ausgehender
nasaler Reflexneurosen. Zum mindesten gelingt es in einer großen Anzahl von
Fällen, durch diesen einfachen Eingriff die Beschwerden des Patienten dauernd zu
beseitigen und vor weiteren Folgezuständen zu bewahren.
42) Hysterisohe 8eh- und Hörstörungen bei Soldaten, von 0. Kluge. (Inaug.-
Dissert. Berlin, 1914). Ref.: K. Boas.
Innerhalb dreier Jahre wurden auf der Korpsnervenstation des Garnison¬
lazaretts I in Metz 293 Fälle von Hysteria virilis aufgenommen. Bei 10 Patienten
(etwa 3,4°/ 0 ) standen Störungen des Gesichtssinnes im Vordergründe, in zwei
Fällen handelt ob sich um hysterische Hörstörungen. An die ausführliche Mit¬
teilung der betreffenden Krankengeschichten schließt sich eine zusammenfassende
Darstellung der Symptomatologie und Therapie der genannten Krankheitszustände.
Zum Schluß wird die militärärztliche Begutachtung kurz erörtert.
48) Über die Behandlung subjektiver Ohrgeräusohe, von F. Arnheim.
(Centralbl. £ innere Medizin. 1916. Nr. 7.) Ref.: K. Boas.
Bei subjektiven Ohrgeräusohen nervöser Natur gibt Verf. „Otosklerol“, be¬
stehend aus Cimicifugin 6,66%, Brom 36,3%, Phosphorsäure 13,52% und Bah
davon gute Erfolge.
44) Algunas oonsideraoiones 4 propösito de la sordo-mudez hlstdrloa
oön motivo de un oaso ollnloo, par S. Hernandez. (Revista espanöla
de Zaringologiä, Otologia y Rinologia. II. Nr. 7.) Ref.: K. Boas.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
736
Verf. berichtet im Anschluß an einige Fälle ans der Literatur über einen
Fall von hysterischer Taubstummheit bei einer Frau.
45) Glenards disease. The oause of hysteria, neuraathenia and the visceral
neuroses, by Otto Lerch. (New York med. Journal. 1914. 9. Dezember.)
Bef.: K. Boas.
An Hand von 2700 Fällen aus den letzten Jahren ist Verf. zu der Über¬
zeugung gelangt, daß die Enteroptose auf einer abnormen Form der Wirbelsäule
beruht und daß die Hysterie, Neurasthenie und die viszeralen Neurosen durch
Zirkulationsstörungen bei dieser konstitutionellen Anomalie verursacht werden.
25 einschlägige Beobachtungen, denen zum Teil kurze schematische Aufnahme¬
befunde beigegeben sind, dienen zur Illustrierung der Ausführungen des Verl’s.
Verf. gibt ferner eine neue Perkussionsmethode an zur Diagnose der Entero¬
ptose und zeigt, daß der retrosternale mit Blut gefällte und in einer großen
Anzahl von Fällen distendierte Thymusfettkörper die Ursache des Asthmas und
von Wichtigkeit für die Hirnzirkulation ist, deren Störung zu Nervenstörungen
führt. Die kleine Thymus der Fettleibigen und die große ausgebreitete Thymus des
enteroptotischen Patienten sind ein Beweis für die Ansichten Wald eye rs und
Ham mar s von den Thymusfunktionen bis ins hohe Alter hinein, ein Schluß,
der sich auf mikroskopischen Befunden von ihnen äufbaut.
Was die Behandlung anbetrifft, so ist die Regulierung des intraabdominellen
Druckes das Wichtigste. Verf. empfieht zu diesem Behufe vor allöm die Bauch¬
atmung, die gelernt und geübt werden muß. Eine Bandage, wie die 1905 von
dem Verf. angegebene, muß dazu ergänzend hinzutreten. Wegen der Zirkulations¬
störungen, die sich in einem heißen Klima stärker bemerkbar machen als unter
dem toniBierenden kälteren Klima, empfiehlt Verf. vorübergehende Ruhe, etw*
1 bis 2 Stunden nach der Mahlzeit. Vollständige Bettruhe, wie sie u. a. von
W. Mitchell gefordert wird, ist hingegen nicht notwendig nach Ansicht des Verf
Empfehlenswert ist Aufenthalt in guter Luft, überhaupt soll der Patient wie ein
Tuberkulöser oder dazu Disponierter behandelt werden. Im Hinblick auf die
Magendarmstörungen macht sich die Innehaltung einer bestimmten Diät notwendig.
Von Medikamenten kann man meist absehen. Zur Behandlung der Krämpfe dienen
Abs foetida, Valeriana und Atropin. Bromide und andere Hypnotika sind bei
Schlaflosigkeit, Abführmittel bei Obstipation anzuwenden. Daneben bediene man
sich mit der nötigen Vorsicht, und erst wenn die genannten Mittel versagt
haben, der Hydrotherapie, Elektrizität, Massage und Psychotherapie. Als Tonikum
hat sich dem Verf. das Arsenik bestens bei chronischen Zuständen bewährt, welch«
das Blut reinigt und reicher macht und die Abwehrkräfte des Organismus verstärkt
Bei gelegentlichen okulistischen Symptomen schreite man zur Gläserverordnung.
46) Über Kotstauung als Quell* nervöser Schmerzempfindung und ihre
Bedeutung für die Erkennung somatischer Verhältnisse, für das Be¬
finden von Neuropathen mit Wehgefühlen, von v. Pf ungern (Wiener
med. Wochenschr. 1914. Nr. 38.) Ref.: R. Ganter.
Verf. sieht die Ursache der verschiedensten nervösen Beschwerden in dsr
Verstopfung. Er hat durch eine einfache Abführkur Heilung ersielt, wo andere
Mittel wirkungslos geblieben waren.
47) Über nervöse Retentio urinae, von Dr. J. Cohn. (Berliner klin. Wochenschr.
1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. spricht von den Fällen von Retentio urinae mit nervöser Ätiologie
ohne anatomische Veränderung. Nervöse Harnretentionen kommen aber nicht so
häufig vor, als man früher angenommen hat. Wichtig ist hier die Methode der
Manometrie der Blase. Bei nervösen Harnverhaltungen weist die Manometrie
einen geringen Blasendruck auf. Ferner erhebt man häufig den Befand der
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
737
Balkenblase, die nur dafür ein Zeieben ist, daß der Detrusormuskel eine größere
Arbeit als normalerweise hat leisten müssen. Die Diagnose Betentio urinae ohne
organische Ursache ist nur zu sichern durch den geringen intrayesikalen Druck,
festgeetellt durch die tfanometrie.
48) Beitrag snr Lehre der sexuellen Neurasthenie, von G. Wehn er. (Inaug.-
Dissertat. Kiel 1914.) Bef.: K. Boas.
Verf. berichtet über 13 Fälle von sexueller Neurasthenie. Symptomatisch
ist hervorzuheben, daß in einem Falle Lidflattern, in einem anderen Flattern der
Hundmuskeln bestand. Belastung fand sich in 6 Fällen, von denen einer schwere
DegenerationBzeichen aufwies. Ohne Belastung waren 5 Fälle. In einem Falle
von Exhibitionismus, in dem übrigens 7 Jahre vor Begehung der Tat ein Schädel¬
trauma yorausgegangen war, nimmt Verf. ebenfalls Belastung an mit der Be¬
gründung, daß Exhibitionismus ohne Belastung selten yorkomme.
48) Sexuelle Hypochondrie und Skrupelsuoht, von Magnus Hirschfeld.
(Zeitschr. f. Sexualwissenschaft. II. 1915. H. 4.) Bef.: Kurt Mendel.
Die sexuelle Hypochondrie bedarf sowohl innerhalb der Hypochondrie als
innerhalb der sexuellen Störungen besonderer Beachtung. Verf. bespricht die
sexuellen Phobien (insbesondere die Syphilidophobie und Tripperhypochondrie),
die Masturbationshypochondrie, die Pollutionshypochondrie, die Impotenzhypo-
chondrie, bei welcher eine Aussprache des Arztes mit der Ehefrau des Erkrankten
oft gut wirkt, die Hypochondrie der Verlobten, den Eifersüchte-, Beziehungs- und
Verfolgungswahn der sexuellen Hypochonder. Eine der häufigsten Ursachen der
Ehelosigkeit ist neben den sexuellen Perversionen die auf sexueller Hypochondrie
und Skrupelsucht beruhende Unentschlossenheit.
50) Eine seltene Potenzstörung, yon Georg Flatau. (Deutsche med. Wochenschr.
1914. Nr. 13.) Bef.: Kurt Mendel
Fall yon relativer „Ejakulationsimpotenz“: Erektion Yorhanden, Immissio
möglich, doch niemals Ejakulation, obgleich die Erektion Dauer hat und starke
Friktionen stattfinden. Bei Masturbation kommt es hingegen zu Samenerguß,
ebenso bei libidinösen Träumen, die you Pollutionen begleitet sind. In solchen
Fällen kann es sich um eine relative Schwäche des Ejakulätionszentrums handeln,
oder aber es könnte im Anschluß an die Beizung ein krampfhafter Verschluß der
Ausfährungswege eintreten, durch welchen der Eintritt des Spermas in die Harn¬
röhre und damit der Orgasmus verhindert wird. So wäre auch eine Erklärung
gegeben, warum der eigentlich geringere Beiz bei der Masturbation und der unter
einem veränderten psychischen Zustande erfolgende des erotischen Traumes die
Ejakulation Zustandekommen lassen, die bei der Kohabitation ausbleibt.
51) Die Dyspareunie des Weibes, von H. Bohle der. (Archiv f. Frauenk. u.
Eugenik. 1914. Nr. 2.) Bef.: Ph. Jolly.
Die Dyspareunie des Weibes ist die trotz normalen Geschleohtstriebs mangelnde
oder mangelhafte Wollustempfindung während des Koitus. Im Anfang der Ehe
können das Ungeschick des Weibes, die Defloration und ein Zustand von schwachem
Vaginismus einen dyspareunischen Zustand bei der jungen Frau hervorrufen, ferner
kommen perverse Libido und Geschlechtskrankheiten bei der Frau ätiologisch in
Betracht. Beim Mann sind es gewisse Impotenzformen und zwar besonders die
mit Ejacolatio praecox einhergehenden Bildungsfehler des Penis und ebenfalls
Perversionen der Libido. Von seiten beider Teile kann nicht passender Bau der
Genitalien die Ursache bilden, ein wichtiges ätiologisches Moment ist ferner der
Coitus interruptus. Als Folge der Dyspareunie treten nach Verf. bei der Frau
'Hypochondrie, Melancholie sowie Hysterie und Hysteroneurasthenie nicht Belten
auf, ferner chronische Entzündung des Genitalschlauchs und Sterilität. Thera¬
peutisch empfiehlt Verf. Faradisation der Klitoris, Arrangement bei der Kohabi¬
tation, roborierende Diät, kohlensaure oder Sauerstoffbäder.
XXXIV. 47
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
738
62) Beitrag zur Lahre von der Errötungifuroht (Ereuthophobto), von
M. Bernhardt. (Berlinerklin. Wochenschr. 1914. Nr. 80.) fief.: E. Tobias.
Verf. teilt zwei Briefe von Patienten mit, die an krankhaftem Erröten litten,
und diskutiert die Ursache des Leidens, das eine selbständige Krankheit sein
kann, andererseits mit sexuellen Dispositionen in Verbindung gebracht wird, wie
mit wüstem sexuellem Leben, Onanie usw. Wichtige ätiologische Momente sind
auch Neurasthenie und Abstammung von nervösen Eltern. Alkoholgenuß läßt die
aufBteigende Angst momentan oder für kurze Zeit in den Hintergrund treten.
In den verschiedenen Mitteilungen über Ereuthophobie ist von Neigung zum
Selbstmord und von Selbstmord wiederholt die Bede. Therapeutisch kommen
Mittel in Frage, welche abnorme Erregungen des Nervensystems herabsetzen, sowie
psychisohe Behandlung, eventuell hypnotische Einwirkung und eine die Kräftigung
des Nervensystems im allgemeinen ins Auge fassende physikalische Therapie.
53) Über die sog. klimakterische Neurose, von J. Peln&f. (Obornik lekalsk^.
XVI. 1915.) Bef.: J. Stuchlik.
Verf. bezeichnet die traditionelle Diagnostik und Prognostik der klimakteri¬
schen Neurose als falsch. Er konnte sich bei seiner Praxis darüber wundern,
wie pauschal man die Sache nimmt, die doch nicht so einfach sein kann. Um
die Frage zu entscheiden, sammelte er seine 90 Fälle und zieht aus seinen Beob¬
achtungen ungefähr folgende Konsequenzen: Die Symptomatologie der genannten
Störungen ist wohl genug beschrieben, die Prognostik aber schon stiefmütterlicher
behandelt; im Gegensatz zur allgemeinen Ansicht erwiesen sich die Fälle des Autors
in der Mehrheit als ernst, in mehr als der Hälfte konnte er die klimakterischen
Beschwerden als Begleiterscheinungen ernsterer Erkrankungen der Zirkulation*
organe ansehen, im Fünftel der Fälle mußte er die Prognose unsicher und ungünstig
stellen, und nur etwa bei einem Viertel seiner Fälle fand er keine pathologischen
Veränderungen, so daß er die Prognose gut stellen konnte. Was die Pathogenese
betrifft, handelt es sich meist um vasomotorische Störungen, wohl infolge der auf¬
gehörten innersekretorischen Tätigkeit der Ovarien. Den Ersatz, den der Organismus
durch andere Drüsen (Thymus, Thyreoidea, Hypophyse) leisten kann, genügt in
den meisten Fällen nicht.
54) Eingebildete Gravidität, von K. LoecheL (Inaug.-Dissert, Kiel 1914.)
Bef.: K. Boas.
Verf. berichtet über drei interessante Fälle von eingebildeter Gravidität.
Im ersten Falle gehörte auch der Koitus zur Wahnidee. Es handelte sieb
um eine typische Paranoia mit Wahnideen betreffs der Schwangerschaft Der
Fall ging in Heilung aus.
Ebenso Fall II, gleichfalls eine Paranoia betreffend. Die Kranke glaubte an
Wunder und war fest davon überzeugt, gravide zn sein.
Im dritten Falle bildete sich die Patientin die Gravidität nach früher wirk¬
lich stattgehabtem Koitus ein. Eis bestand hier eine merkwürdige sexuelle Er¬
regbarkeit. Ätiologisch kämen in Betracht Lues, Potus, Haft, außerdem unehe¬
liche Abstammung und erhebliche moralische Defekte (Unzucht usw.). Im ganzen
dürfte der Fall als eine schwere psychopathische Konstitution zu bewerten sein.
Verf. führt dann einige Fälle an, in denen Hysterie eine Gravidität vor¬
täuschte. In anderen Fällen beschränkt sich die eingebildete Schwangerschaft
darauf, unberechtigte Befürchtungen oder Hoffnungen auf Grund subjektiv oder
objektiv wahrnehmbarer Symptome entstehen zu lassen. Im Affekt der Furcht
genügt dann die leiseste Vorstellung der vermeintlichen Folgen, z. B. eines Fehl¬
trittes, um wirkliche Sensationen hervorzurufen, welche dann zu neuen Befürch¬
tungen Anlaß geben. Verf. führt einige solcher Fälle aus der Literatur an. Die
Ursache eingebildeter Gravidität kann also eingebildeter Art sein, besonders wenn
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
739
große Uterus* und Adnextumoren mit ihren menstruellen Anomalien als Folge*
ersoheinnngen dabei auftreten.
In den beiden ersten, vom Verf. mitgeteilten Fällen beruhte die eingebildete
Gravidität auf reinen Psychosen, indem niohts vorausgegangen ist, was irgendwie
zur Annahme einer Gravidität hätte Anlaß geben können. Traum und Wunder
spielten hier mit. Im dritten Fall hält Verf« eine degenerative Psychose für vor¬
liegend.
Nach französischen Autoren, die auch therapeutisch auf Hypnose und Sug¬
gestionen einen großen Wert legen, spielt die Autosuggestion eine große Rolle.
Die gesteigerte seelische Unruhe bringt neue leibliche Störungen hervor. Die
Kranken befinden sich in einem Circulus vitiosus, -und wenn die Vernunft nicht
das Wechselspiel seelischer und leiblicher Prozesse unterbricht, so entwickelt sich
die dauernde, oft unheilbare Psychoneurose.
Anders steht es mit den Fällen, wo wirkliche körperliche Leiden oder Ver¬
änderungen vorliegen. Hier braucht die Annahme der Frauen schwanger zu sein
nicht auf psychischen Defekten zu beruhen.
Diese letztgenannten Fälle werden ihre Heilung in erster Linie in der Be¬
seitigung der körperlichen Gebrechen finden, wobei dann die irrige Annahme einer
Gravidität meistenteils von selbst verschwinden wird.
In den übrigen Fällen ist eine Heilung nur von psychischen Heilmethoden
zu erwarten.
Aus einer Statistik von 51 Fällen von eingebildeter Gravidität aus der
französischen, englischen und deutschen Literatur ergibt sich, daß die eingebildete
Gravidität nicht nur in der Zeit des Klimakteriums auftritt.
Die 51 Fälle fielen ins
15.—20. Lebensjahr * 6 mal
20.—25.
25.—30. „
30.-35. „
35.—40.
40.—45.
45.—50. „
50.—60.
8 „
10 ,
4 ,
10
3 r
1
65) Baitrag zur Lahre von dar aanllen Hysterie, von H. Kleine. (Inaug.-
Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über folgenden Fall:
Eine 69jährige Frau ohne hereditäre Disposition oder andere ätiologische
Erscheinungen zeigt anfänglich das Bild einer Magenaffektion: Appetitlosigkeit,
schlechter Stuhlgang, Gefühl von Völle im Leib, keine freie Salzsäure.
Auf neurologischem Gebiete: Auffallendes Zucken am ganzen Körper, Schluck¬
beschwerden, Anfälle von Kauen, Schlucken, Schmatzen und Schnattern, abnormes
Gefühl, so daß sich Patientin angeblich für gravide hielt, ja sogar Wehen zu
spüren glaubte.
4 Diagnose: Hysterie.
Bei der Aufnahme zeigte Patientin Gehstörnngen, die ständig Zunahmen und
besonders in Gegenwart des Arztes oder wenn Patientin sich beobachtet glaubte,
intensiv auftraten, allgemeine Lähmungserscheinungen, universeller Schütteltremor
und Sprachstörungen, teils Stottern von Satzteilen, Worten und Silben, teils Un¬
fähigkeit, vorgesprochene, einfache Worte nachzusprecben bei im übrigen fließender
Sprache.
Der Krankengeschichte geht eine resümierende Darstellung des Krankheits¬
bildes der senilen Hysterie voraus.
47 *
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
740
56) Bin Beitrag zu den nenröaen Äquivalenten Im Säuglingsalter, tob
Margarete Wilhelm. (Deutsche med. Wochepschr. 1914. Nr. 30.) Bei:
Kort Mendel.
8 Monate alter Säugling von sehr nervöser Mutter. Im Anschluß an eine
Ernährungsstörung unstillbares, monatelang fortdauerndes und plötzlich mit dem
Eintreten einer Nasendiphtherie aufhörendes Erbrechen. Nach Entfieberung
wiederum Erbrechen. Dann Bronchopneumonie, Exitus. Autopsie: Pylorusmusku-
latur nur etwas verdickt, keine Pylorusstenose, keine Veränderung der Magen¬
schleimhaut. Verf. nimmt an, daß bei dem neuropathischen Kinde, bei dem früher
einmal eine von Erbrechen begleitete Ernährungsstörung bestanden hat, sich ein
bedingter Reflex (Pawlow) herausgebildet hatte, der monatelang anhielt und erst
dann ganz plötzlich erlosch, als eine schwere Erkrankung, die sozusagen als
Hemmnis wirkte, eintrat. Mit dem Verschwinden der Krankheit stellte sich der
Bedingungsreflex wieder ein, um bei erneutem Hinzutreten einer gleichartigen
Hemmung wieder zu erlöschen.
67) Die Neurosen der Kindheit, von Cb. W. Bur. (Der Kinderarzt. XXIV.
S. 193.) Bef.: K. Boas.
Verf. erörtert in seiner Arbeit folgende drei Fragen:
1. Ist das Auftreten einer Neurose bei einem Kinde ein zufälliges Ereignis
oder handelt es sich dabei um eine ganz bestimmte Veranlagung und um Kinder,
die ganz besonders für Neurosen und Psychosen empfänglich sind?
2. Vorausgesetzt, es gäbe einen solchen Typus im Kindesalter, kann man
für denselben in psychischer oder physischer Hinsicht irgend eine einigermaßen
sichere Prognose hinsichtlich des Verlaufs stellen, und welche Bedeutung soll man
hierbei den verschiedenen Neurosen und Psychosen beilegen?
' 3. Wenn für das spätere Leben eines ausgesprochen nervösen Kindes eine
Neurose oder psychische Erkrankung zu erwarten ist, was kann in diesem Falle
geschehen, um einem solchen Ausgang vorzubeugen?
Die Beantwortung der einzelnen Fragen, die den Verf. znm Teil zu inter¬
essanten Ausführungen veranlassen, sind im Original nachzulesen.
68) Über psyohogene Magensekretlonsanomallen im Kindesalter, von Wil¬
helm Wegen er. (Archiv f. Kinderheilk. LXIII. H. 5 u. 6.) Ref.: Zappert.
Bei größeren neuropathischen Kindern, welche über Appetitlosigkeit, manch¬
mal auch über Magenschmerzen klagen, fand sich recht häufig eine Verminderung
der Salzsäure im Mageninhalt Die zu diagnostischen Zwecken ausgeführte Magen¬
ausheberung hatte meist auch einen psychisch-therapeutischen Erfolg, indem ohne
andere Therapie als kleine Salzsäuregaben die Beschwerden rasch Bohwanden.
69) Über Dermographismus im Kindesalter, von Alex. Brinokmann. (Monats-*
schrift f. Kinderheilk. XIII. H. 4.) Bef.: Zappert (Wien).
Die Erscheinung des Dermographismus ist bei Kindern weit verbreitet So¬
wohl ganz gesunde als kranke Kinder zeigen das Entstehen einer linearen Haut¬
hyperämie nach kräftigem Streichen, ohne daß eine Beziehung zu bestimmten
pathologischen Prozessen ausfindig gemacht werden könnte. Namentlich ist kein
deutlicher Zusammenhang mit Neuropathie sowie mit exsudativer Diathese zu er¬
kennen; selbst Individuen mit ausgesprochener Neigung zu vasomotorischen Er¬
scheinungen sind nicht besonders zur Dermographie disponiert. Jedenfalls ist der
diagnostische Wert des Dermographismus recht gering.
60) Klinische Studien über den Dermographismus, von Bezniöek. (Wiener
klin. Woohenschr. 1914. Nr. 44.) Bet: Pilcs (Wien).
Die Studien wurden angestellt an einem 36jährigen Menschen mit seit
l l l t Jahren bestehender multipler Sklerose.
Die mannigfach variierten, sehr genau angestellten und sorgfältig beschriebenen
Versuche ergaben, daß der elevierte Dermographismus duroh Kälte und in ge-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
741
ringerem Grade durch Adrenalin hemmend beeinflußt werden kann, nicht aber
durch Wärme, elektrische Reise, Atropin und Pituitrin. Der hemmende Einfluß
des Adrenalins dürfte sich durch Wirkung auf glatte, vom Sympathicus inner-
▼ierte Muskulatur erklären, der der Kälte erstens gleichfalls durch Wirkung auf
glatte Muskulatur, zweitens durch Hemmung des eigentümlichen Transsudations*
▼organgs der Kapillaren, der für das Zustandekommen des elevierten Dermo¬
graphismus von wesentlicher Bedeutung ist.
01) Über Psyohotheraple Im Kindesalter, von Hamburger. (Wiener med.
Wochenschr. 1914. Nr. 24.) Bef.: Piloz (Wien).
Verf., dessen Arbeiten über psychogene Erkrankungen des Kindesalters in
diesem Centralblatte besprochen sind (1914, S. 833), seigt hier neuerdings an
einer Reihe instruktiver Beispiele, wie ungemein häufig anscheinend organi¬
schen Affektionen eine funktionelle Genese innewohnt. Es sei beispielsweise er¬
wähnt, daß nach den Erfahrungen des Verf.’s 40 bis 50°/ 0 der Fälle chronischen
Hustens bei Kindern nervöser Art sind, daß dem Keuohhuften, einer spezifischen
Infektionskrankheit von etwa 4- bis 5 wöchentlicher Dauer, ein 2 bis 4 Monate
dauerndes Stadium rein funktionellen Hustens nachfolgt usw. Bei Fällen kind¬
licher Epilepsie, Schlafstörung, Harnträufeln, PolJakurie usw. solle eine suggestive
Therapie niemals vernachlässigt werden.
Therapeutisch komme im Kindesalter die kathartiscbe Methode fast niemals
in Anwendung, um so häufiger dagegen die Methode der Ablenkung, vor allem
aber der Wachsuggestion, die in derartigen Fällen das wirksamste und der hyp¬
notischen Suggestion überlegen sei.
Bezüglich des frühesten Vorkommens psychogener Erkrankungen im Kindes¬
alter teilt Verf. 2 Fälle von je 7 und 12 Monaten mit, deren Symptomatologie
nach seiner Anschauung als psychogen aufzufassen wäre.
62) Psychotherapie in der Kinderheilkunde, von Theod. Gött. (Münchener
med. Wochenschr. 1914. Nr. 26.) Ref.: W. Alexander.
Psychotherapie gibt es so lange, wie es Ärzte gibt. Das Neue an der
modernen Psychotherapie ist das Bestreben, aus der instinktiven eine rationelle
Psychotherapie zu machen, d. h. eine solche, die mit logischen Gründen gegen
einen bekannten Krankheitsprozeß in Anwendung gebracht werden kann. Gerade
in der Kinderheilkunde liegt ein ergiebiges Arbeite- und Forschungsgebiet für
die Psychotherapie vor, weil gerade hier psychoneurotiBche und psychogene
Symptome nach Häufigkeit und Wertigkeit eine bedeutsame Rolle spielen. Die
psychotherapeutischen Methoden lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: eine
primitivere, die vom Arzt kein, tieferes Eindringen in die Persönlichkeit seines
Patienten verlangt; und eine zweite, die dies in hohem Maße voraussetzt und
damit ein weitgehendes Individualisieren erfordert. Zur ersten Gruppe gehört der
Milieuwechsel und seine energischere Abart, die Isolierung; und die Beechäftigungs-
bzw. Arbeitstherapie. Die Erfolge des Milieuwechsels bei Angstzuständen, Eß-
Schwierigkeiten, Schlafstörungen usw. sind bekannt. Wichtig ist aber, daß das
geheilte Kind langsam, aber nachdrücklich wieder in das tätige Leben hinüber¬
geleitet wird, was in der Klinik und im Sanatorium nicht möglich ist. Das ist
mehr Sache des Heilpädagogen, durch angemessene Beschäftigung die Aufmerk¬
samkeit des Kindes zu fesseln.
Andere psychotherapeutische Methoden beruhen auf der Suggestion, wobei
es zunächst gleichgültig ist, ob der therapeutische Erfolg mehr durch logisches
Überzeugen oder — unter Verzicht auf rationell Erfaßbares — duroh Beeinflussung
der Affektivität der kranken Persönlichkeit erreicht wird. Bei beiden Wegen
wirkt der Glaube an die Maoht und Kunst des Arztes, wofür die erhöhte Suggesti-
bilität der Kinderspyehe besonders vorteilhaft ist. — Die Shock- oder Überrumpe-
lungstherapie, die ja oft glänzende Resultate gibt, ist unsympathisch, weil
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
742:
bei ihrem Versagen der Arzt für immer verspielt hat. Sie ist nor in ganz
frischen Fällen indiziert, besonders also bei Aphonien, Astasien usw., die plötzlich
entstanden sind. Andere Ärzte ziehen die Suggestio in refracta dosi vor. Beide
Methoden werden besonders bei der Enuresis nocturna empfohlen; Erfolge und
Mißerfolge dürften Bich hier die Wage halten. Übrigens ist eine Bacteriurie oder
Myelodysplasie nicht als die Ursache, sondern höchstens als eine der Vorbedingungen
für die Enuresis anzusehen. Auch die Hypnose ist hier zu empfehlen, die bei
Kindern meist leicht gelingt; sogar Dubois benutzt sie hier. Schädliche Folgen
hat Verf. nie gesehen, aber recht günstige Resultate.
In der zweiten Gruppe ist die wertvollste Methode die Persuasion von
Dubois, die die eigentliche Ursache aller neurotischen Erscheinungen in falschen
Vorstellungen sieht und auf deren Beseitigung durch Erziehung zu logischem
Denken basiert. Verf. teilt nicht ganz die theoretischen Voraussetzungen Dubois 7 ;
er glaubt, daß auch in ihr nicht allein an die Logik, sondern ebensosehr an die
Affektivität appelliert* wird. Jedenfalls sind die Resultate auch bei Kindern
günstig. — Die Methoden von Breuer und Freud, die Psychoanalyse sowie die
psychokathartische Methode, sind zu einseitig, besonders in der sexuellen Richtung»
Sie sind noch im Entwicklungsstadium und als allgemein psychotherapeutische
Methoden bei neurotischen Kindern noch nicht zu empfehlen.
Für die Psychotherapie im Kindesalter gibt es keinen an sich richtigen oder
falschen Weg. Welchen man im Einzelfall wählen soll, das hängt von der
Eigenart des Kranken, ebenso aber von der Veranlagung des Arztes ab.
63) Zur Kenntnis der Beeinflussung vegetativer Zentren duroh die Hypnose,
von R. Mohr. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr.40.) Ref.: E. Tobias.
Bei der Frage naoh der Existenz eines psychogenen Fiebers ist auch folgende
Fragestellung von Wichtigkeit: Wenn es richtig ist, daß bei der Hysterie rein
psychogen Fieber entstehen kann, so muß es umgekehrt auch möglich sein, dieses
Fieber durch Suggestiv Wirkung mit oder ohne Hypnose zum Verschwinden zu
bringen. Ferner müßte es a priori auch möglich sein, bei einer dazu geeigneten
Person durch entsprechende Suggestion einwandfrei Fieber zu erzeugen.
Verf. teilt nun einen in verschiedener Hinsicht interessanten Fall mit. Es
gelang nämlich bei einer Patientin, die mehr der Schizothymie als der Hysterie
angehört, einwandfrei durch hypnotische Suggestion eine Reihe von vegetativen
Zentren zu beeinflussen und zwar zunächst den Temperatursinn. Ein von einer
früheren Influenza her zurückgebliebenes, rein zerebrales Fieber konnte durch
hypnotische Suggestion zum dauernden Verschwinden gebracht und ebenso wieder
hervorgerufen werden. Weiterhin beeinflußt wurde die Magensaftsekretion. Die
vorher anazide Patientin bekam einen reichlich Salzsäure enthaltenden Magensaft;
er hielt lange an, ohne daß die Hypnose wiederholt zu werden brauchte. Endlich
gelang die Beeinflussung eines offenbar echt katarrhalischen Schnupfens durch
Hypnose.
64) Ein Beitrag zur Kenntnie der Dermatosen bei Hysterie, von Antoni.
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 27.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Es handelt sich in dem geschilderten Fall um einen einwandfreien klassischen
Fall von Selbstbeschädigung bei einem hysterischen Individuum« Die Geschwüre
machten zwar hei der Patientin anfangs einen syphilisähnlichen Eindruck, doch
wiesen sie ganz besondere BegrenzungBformen auf, wie die geometrische An¬
ordnung einzelner Herde und vor allen Dingen die Abtropfungsform am Arm;
dann waren einzelne Geschwüre bedeckt mit einer braunroten, lederartigen Schicht
Weiterhin kamen sie unter Hebrascher Salbe im Okklusivverband sehr schnell zur
Heilung. Dann traten neue Geschwüre wieder unter besonderen psychischen B»
dingungen auf* wie z* als . die Kranke entlassen werden sollte. • Bemerkenswert
war auch dar wechselnde Charakter der einzelnen Eruptionen T —bald Blasen;
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
743
bald tiefe Nekrosen, dann wieder akute Dermatiden. Für Hysterie sprach dann
nicht nur ein hysterischer Anfall, sondern auch das ganze Benehmen der Patientin.
Die Geschwüre sind im .Anschluß an eine Operation plötzlich entstanden und
sitzen im Operationsfeld.
65) Ein Fall von sogenannter hysterischer Dermatose, von C.Basch. (Archiv
f. Dermatol, u. Syphilis. CXXI. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Die Patientin des Verf.’s verstand es, durch Reiben mit ihrem sehr harten
Daumen eine Dermatose bei sich hervorzurufen.
66) Quelques nouvelles oonsiderations sur les psyoho-növroees profession-
nelles, par T. A. William. (Nouvelle Iconogr. de la Salpetr, 1914. Nr. 2.)
Ref.: Kurt Mendel.
Bei den Beschäftigungsneurosen ist die wahre Ursache des Leidens nicht die
Beschäftigung an sioh, sondern vielmehr ganz im allgemeinen ein Fehler der An¬
passung seitens des Neurotikers. Sie sind rein psychopathische Störungen und
nur durch psychologische Untersuchungsmethoden diagnostizierbar; ihre einzige
Behandlung ist die Psychotherapie.
67) Ein ungewöhnlicher Fall von Selbstbesoh&digung des Auges, von
P. Carsten. (Wochenschr. f. Therapie u. Hygiene des Auges. XVII. 1914.
Nr. 39.) Ref.: K. Boas.
Verf. teilt einen Fall von hysterischer Selbstbeschädigung des Auges durch
längere Zeit fortgesetzte Instillation von Bleiessig mit. Der 17jähr. Patientin
war wegen einer harmlosen Konjunktivitis, die mit dem Eintritt der warmen
Jahreszeit regelmäßig etwas ezazerbierte, u. a. Liqu. plumb. subacet. verordnet
worden. Bei der erneuten Vorstellung fand sioh die Bindehaut mit Bleiessig
imprägniert; die Instillationspipette zeigte an der Innenseite den charakteristischen
grauweißen Niederschlag von Bleiessig. Damit war jedes Leugnen der Patientin
hinfällig.
Der objektive Befund ergab: Hypermetropischer Astigmatismus, Sehschärfe
nach genauer Korrektion nur 1 j i der normalen ohne pathologischen Augenspiegel¬
befund; konzentrisch eingeengte Gesichtsfelder, Fehlen der Korneal- und Rachen¬
reflexe. Diagnose: hysterische Amblyopie.
Verf. hat in der einschlägigen Literatur nur einen ähnlichen Fall von Wage¬
mann gefunden, in dem jedoch Bleiessig aus Versehen in die Konjunktive ein¬
geträufelt worden war. Er gibt daher den Rat, bei Verordnung von Bleiessig¬
instillationen mit größtmöglichster Vorsicht zu verfahren und sich lieber anderer
ebensogut wirkender Ersatzmittel zu bedienen.
68) Zur Hysteriefrage, von E. Raimann. (Wiener klin. Woohenschr. 1914.
Nr. 44.) Ref.: Pilcz (Wien).
Gerade 10 Jahre sind seit dem Erscheinen der bekannten Monographie des
Verf.’s über die hysterischen Geistesstörungen verstrichen, und Verf. nimmt nun
zu den verschiedenen Ansichten über Wesen und Abgrenzung dieser Krankheit
auf Grund neuestens geäußerter Anschauungen und seither gesammelter Erfahrungen
Stellung. <
Zu kurzem Referate nicht geeignet. Wer eich für die Hysteriefrage inter¬
essiert —. und welcher Psychiater oder Neurologe müßte dies nicht? — wird mit
Nutzen und Vergnügen der scharfen Logik des Verf.’« folgen. Namentlich sei
auf die polemischen Stellen hingewiesen, in denen sich Verf. mit der Frend sehen
Lehre auseinandersetzt.
60) Beitrag sur Kasuistik, der hysterischen Sohla&uatände, VO n Lotte Prager.
(Inaug.-Dissertat. Leipzig 1915.) Ref.: K. Boas.
Als wichtigste Kriterien für die Diagnostik „hysterischer Schlaf instand“ er¬
geben sieh ans der voq der Verfasserin gesammelten Literatur folgende Kriterien:
Hysterische Schlafeustinde befallen fast nur jüngere Personen aus meist be-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
744
lasteten Familien; Potus, Epilepsie, Hysterie wird in der Aszendenz angegeben.
In der Mehrzahl der Fälle weisen die Patienten aneh sonst hysterische Stigmata
auf: lokale An» oder Hyperästhesie, Krampfanfälle, hysterische Augensymptome.
Das weibliche Geschlecht ist häufiger, jedoch nicht ausschließlich daran beteiligt.
Als auslösendes Moment kommt meist Schreck, Überanstrengung ubw. in
Betracht.
Die Dauer und Häufigkeit der Anfälle ist verschieden; wir finden ganz
kurze Schlafattaeken wie solche von jahrelangem Bestehen. In vielen Fällen
tritt eine periodische Wiederkehr zu bestimmten Stunden, Tagen, Gelegenheiten
in Erscheinung.
Vor dem Schlaf treten meist Müdigkeit und Kopfschmerzen auf, die, allem
Ankämpfen zum Trotz, in den Schlaf übergehen.
Die Muskeln sind meist schlaff, doch kommen auch Spasmen einzelner Gruppen
vor, so Trismus, Lidflattern, Naokensteife.
Das Tast- und Schmerzempfinden ist in den meisten Fällen fast völlig auf¬
gehoben, Koraeal- und Konjunktivalrefiex können fehlen. Die Sehnenreflexe sind
intakt, die Pupillen sind mittelweit und reagieren prompt, die Augen sind meist
geschlossen. Puls und Hautfarbe sind normal, Temperatur leicht erhöht, Reepi-
ration oberflächlich.
Nur in den seltensten Fällen lassen die Patienten Urin und Stuhl, ins Bett,
die Dejekte sind entweder zurückgehalten oder die Patienten erwachen zur Ver¬
richtung ihrer Notdurft.
Die Ernährung ist herabgesetzt, die Patienten verschlafen die Mahlzeiten,
müssen vielfach künstlich ernährt werden. So fällt zwar das Körpergewicht, je»
doch nicht im Verhältnis zu der mangelhaften Ernährung, da der allgemeine
Stoffwechsel und die Ausgaben des Körpers herabgesetzt sind. Weder akustische,
noch mechanische, nooh thermische Reize vermögen die Patienten zu erwecken,
wohl aber Druok auf vorher als hyperästhetisch erkannte Zonen. Im allgemeinen
sind die Patienten nicht Bofort wach, es tritt noch ein kurzdauerndes Stadium
des Halbbewußtseins ein. Nach dem Schlaf sind die Patienten müde, schlaff^ ab¬
gespannt. Im allgemeinen besteht für die Zeit des Schlafes völlige Amnesie,
doch kommen Fälle mit ganz oder teilweise erhaltenem Bewußtsein und Gehör
vor. Die Anfälle können nach jahrelangem Bestehen plötzlich spontan verschwinden
und können zwar nicht direkt zum Tode führen, aber in ihrem Verlauf die Lebens¬
bedingungen so ungünstig gestalten, daß die Patienten einer dazutretenden Schäd¬
lichkeit leioht erliegen.
Therapeutisch käme einzig die Hypnose in Betracht. Sie wirkt jedoch nur
in den seltensten Fällen und auch da nur auf einzelne Symptome.
Verfasserin berichtet dann über folgenden eigenen Fall:
Bei einem nur mäßig belasteten Mädchen, das im übrigen weder psychisch
noch körperlich irgendwelche hysterischen Stigmata aufweist, treten seit dem
7. Lebensjahre infolge eines psychischen Traumas in Abständen von einigen Wochen
Schlafzustände auf. Sie dauern durchschnittlich mehrere Stunden, dabei treten
stets choreatische Zuckungen an den Extremitäten auf. In einem solchen Zu¬
stande wurde das Mädchen von einem Verwandten geschlechtlich mißbraucht
Mit der eintretenden Gravidität häufen sich die Schlafanfälle derartig, daß nur
nooh kurze Wachintervalle blieben. Am normalen Ende der im übrigen ohne
besondere Beschwerde verlaufenen Schwangerschaft kam es zu einer raschen
Spontangeburt. Nach dieser sind die Anfälle seltener geworden und scheinen
wieder auf den vor der Konzeption bestehenden Zustand zurüokzugehen.
Verfasserin erörtert im Anschluß daran die Differentialdiagnose der hyste¬
rischen Schlafzustände gegenüber der Narkolepsie und der Epilepsie.
Gegen die echte Narkolepsie unterscheiden sioh die Schlafanfälle hysterischer
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
745
Natur 1. durch die viel geringere Häufung wie die längere Dauer, 2. dadurch,
daß ein narkoleptiecher Anfall jederzeit von außen beendigt werden kann, während
die echten hysterischen „Schläfer“ auf keinen von der Außenwelt kommenden
Beiz reagieren, und 3. durch das hei Narkolepsie in alten Fällen erhaltene Bewußt¬
sein, das im hysterischen Schlaf nur selten und höchstens teilweise erhalten ist.
Als Unterscheidung gegen die Epilepsie hebt Verfasserin hervor: die prompte
Pupillenreaktion, das Fehlen jeder Demenz auch bei jahrelangem Bestehen und
die Tatsache, daß nur in den seltensten Fällen die Patienten Urin oder Kot in
das Bett lassen, was bei den Epileptikern zu den charakteristischen. Vorkomm¬
nissen gehört. Auch finden wir keinerlei Verletzungen und Zungenbisse.
Gegen beide, Epilepsie wie Narkolepsie, spricht schließlich noch in den
meisten Fällen von hysterischem Schlaf, daß sich bei den Betroffenen irgend.
welche hysterische Stigmata feststellen lassen, oder in der Anamnese oder im Ver¬
lauf sich ausgesprochene, hysterische Krampfanfälle einstellen.
Zum Schluß erörtert Verfasserin, ob, wenn der vorliegende Fall zu foren¬
sischen Komplikationen geführt hätte, der Täter sich einer strafbaren Handlung
schuldig gemacht hätte. Sie bejaht diese Frage und hält ein Sittlichkeitsverbrechen
im Sinne des § 176, 2 StrGB. für vorliegend.
70) Kasuistischer Beitrag zu Beflexstörungen im hysterischen Dämmer¬
zustand, von J. v. Ehrenwall. (Zeitsehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV.
1914. H. 3.) Bef.: G. Stiefler.
Bei einem 34jährigen, neuropathisch veranlagten Bankbeamten traten nach
einer schweren körperlichen Erkrankung in direktem Anschluß an ein psychisches
Trauma zum erstenmal im 12. Lebensjahre ZuBtände von Bewußtlosigkeit auf,
die ihrer ganzen Art nach als hysterische gedeutet werden können. Sistieren der
Anfälle während der Pubertät, Wiederkehr im 22. Lebensjahre (bevorstehende
Hochzeit). Lues, Alkohol, wie Erkrankung der inneren Organe, Epilepsie kommen
nicht in Betracht. Nach schwerem psychischem Trauma tritt im Anschluß an
einen hysterischen Anfall ein Dämmerzustand ein mit totaler Areflexie: Pupillen
maximal erweitert, rund, r. = 1., auf Lichteinfall starr. Patellar- und Achilles-
sehnenreflexe, ferner alle übrigen Schleimhaut-, Haut- und Periostreflexe fehlen,
pathologische Beflexe nicht vorhanden, Puls 106, Atmungsfrequenz 25. Allmählich
— nach 2 bis 3 Tagen — kehren alle Beflexe entsprechend der Aufhellung des
Bewußtseins wieder zurück und sind teilweise sogar recht lebhaft.
Verf. versucht das Zustandekommen der reflektorischen Starre, die zu der
Mydriasis (reflektorische Erweiterung auf nervöse Beize nach Bumke) noch hinzu¬
kommt, im vorliegenden Falle so zu deuten: die vom Centrum ciliospinale aus¬
gehenden sympathischen Äste sind dem Ooulomotorius gegenüber recht schwach
und können unter normalen Umständen nur in beschränktem Maße eine Verände¬
rung der Iris hervorrufen. Ist aber der Ooulomotorius in seiner Funktion ge¬
hemmt oder werden die dem unteren Halsmark entstammenden sympathischen
Fasern durch Beiz der zerebralen Wege, des SympathicuB unterstützt, so vermögen
erstere ganz zur Geltung zu kommen und jede Veränderung der bereits extrenf
erweiterten Pupille zu hindern, mit anderen Worten starr zu machen. Diese An¬
nahme ist um so mehr berechtigt, als auch noch andere Erscheinungen (Puls¬
beschleunigung, profuser Schweißausbruch, Speichelfluß) für einen Beizzustand des
sympathischen Nervensystems sprechen. Verf. erwähnt noch einen zweiten Fall,
einen neuropathischen, hysteyisch-degenerativen Kranken, der im Anschlüsse an
eine Venenpunktion, wobei er infolge Blutscbeu einen leichten Schwächeanfall
erlitt, maximale Mydriasis und Starre der Papille für wenige Minuten aufwies.
Auoh das Fehlen der Patellarreflexe ist rein funktionell, und ist vorliegender
Fall ein weiterer Beleg dafür, daß das Kniephänomen vorübergehend durch eine
Störung der zentripetalen Leitung aufgehoben werden kann.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
746
71) Muskelaktionsatröme bei organischen und funktionellen Erkrankungen
des Zentralnervensystems, von Walter Misch u. Auguste Lots. (Monats¬
schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) ßef.: Br atz (Dalldorf).
Mittels des Edelmann sehen Saitengalvanometers wurden die Aktionsströme,
die bei der Willkürkonzentration und bei der Auslösung des Patellarreflexes vom
Quadrizeps erhalten werden, von 8 Patienten aufgenommen. Zur Untersuchung
kamen teils Fälle, die infolge einer zentralen Erkrankung eine Steigerung der in
den peripheren Neuronen ablaufenden Vorgänge aufwiesen, teils Fälle mit funk?
tionell gesteigerten Reflexen. Es handelte sich darum, zu untersuchen, ob sich
Unterschiede zwischen dem Ablauf der Aktionsströme im hypertonischen und im
normalen Muskel ergaben und ob die Aktionsströme, die den Patellarreflex be¬
gleiten, bei einer durch organische und durch funktionelle Ursache bedingten
Steigerung voneinander wie vom normalen wesentlich abweichende Kurven geben.
Bei diesen Untersuchungen, welche am physikalischen Institut und in der
psychiatrischen Klinik zu Berlin angestellt wurden, stellte sich heraus, daß die
bei organischen wie bei funktionellen Läsionen vorkommenden Veränderungen der
motorischen Funktionen nicht von entsprechenden Veränderungen der Aktions-
ströme der Muskeln begleitet sind.
72) Abgrensung und Begriff des neuropathisohen Kindes, von Ewald Stier.
(Deutsche med. Wochenachr. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel.
Zusammenfassung: Als neuropathisch zu bezeichnen sind diejenigen Kinder,
bei denen in intensiver oder gehäufter Form auf einer fehlerhaften Anlage be¬
ruhende Funktionsstörungen der phylogenetisch ältesten Teile des nervösen Appa¬
rates sich zeigen, die als Steigerung der reflektorischen Erregbarkeit des zentralen
oder vegetativen Nervensystems angesprochen werden müssen. Die so entstehen¬
den Störungen manifestieren sioh entweder im Gebiet der Unbedingten Reflexe
als erleichterte, verbreiterte oder abnorm intensive motorische Reaktionen auf
leiohte bzw. mittelschwere Reize, oder als ein verfrühtes Auftreten von Unlast¬
gefühlen bei den gleichen Reizen, oder, im Gebiet der bedingten Reflexe, als ab¬
norm langes und intensives Festhalten sogenannter häßlicher Angewohnheiten
(Daumenlutschen, Jactatio capitis nocturna).
73) Über die Agrypnie der Neurastheniker und ihre Behandlung mit
Hilfe der Franklinisation, von J. Koblizek. (Revue v neuropsych-patho-
logii. XI. 1914/15.) Ref.: J. Stuchlik.
Verf. wandte Franklinisation in einigen Fällen der Agrypnie auf neurasthe-
nischer Grundlage in Form von Duschen an und erzielte hübsche Resultate; in
einigen Fällen (davon zwei in extenso publiziert) vollständige Heilung, in anderen
wesentliche Besserung. Verf. ist der Meinung, daß es sich bei dieser Art der
Therapie nicht nur um Suggestion, sondern um tatsächliche Wirkung der Elek¬
trizität handelt.
74) Sohlafstörungen. Ein Nachwort und ein Vorschlag von Carl Happich.
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 34.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. knüpft an an das Referat über die Behandlung der Schlaflosigkeit
auf dem Wiesbadener Kongreß für innere Medizin. Das Resultat war, man solle
möglichst kausal behandeln, die psychische Komponente beim Entstehen der Schlaf¬
losigkeit nicht vernachlässigen und möglichst wenig Schlafmittel geben, jedenfalls
nicht automatisch. Verf. faßt seine Erwägungen wie folgt zusammen:
Die Störungen des Schlafes sind letzten Endes im Gehirn zu suohen, sie
können dort zellulär oder vasomotorischer Natur sein oder auf einer Alteratioa
der Beziehungen zwischen Hirnrindenzelle und Gefäßen beruhen. Zum Eintritt
und zur Fortführung des Schlafes ist ein ganz besonderes Verhalten der Gehirn-
gefäße nötig, dessen Bikhmg durch Impulse von den Hirnrindenaellen aus oder
durch Erregung oder Alteration des Gefäßsystems selbst verhindert werden kann
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
747
Unsere Behandlung muß darauf hinzielen, einen Zustand von Reizlosigkeit psychisch
und somatisch zu schaffen und so for allem das Gefäßsystem in die zum Schlaf¬
eintritt günstige Verfassung zu bringen, oder wir müssen die verlorengegangene
Automatic wieder herstellen.
Lesenswert sind die speziellen Ausführungen des Verf.’s über seine Er¬
fahrungen mit einzelnen Schlafmitteln.
Epilepsie.
75) Über Wesen und Behandlung der sogenannten „genuinen“ Epilepsie,
von G. C. Bolten. (Wiener klin« Wochenschr. 1914. Nr. 28.) Ref.: Pilcz.
Auf Grund theoretischer Erwägungen, Literaturstudien und langjähriger
eigener Untersuchungen glaubt Verf. folgende Thesen aufstellen zu dürfen:
1. Von den zahlreichen Fällen, die als „genuine“ Epilepsie imponieren, gehört
ein großer Teil, weil sie auf sehr verschiedenen, primären Gehirnprozessen be¬
ruhen, zu der zerebralen, sekundären, symptomatischen Epilepsie und die kleinere
Hälfte, etwa 35°/ 0 , zu der sogenannten genuinen, essentiellen oder idiopathischen
Epilepsie.
2. Genuine Epilepsie ist auf rein klinische Gründe hin nicht zu unterscheiden
von vielen Fällen zerebraler Epilepsie.
3. Genuine Epilepsie ist eine chronische Autointoxikation, hervorgerufen
durch Hypofermentation des Tractus intestinalis und des intermediären Stoff¬
wechsels als Folge einer Hypofunktion der Schilddrüse und der Epithelkörperchen
oder deren nervöser Elemente, d. h. des N. sympathicus.
4. Genuine Epilepsie ist vollkommen heilbar durch rektale Eingabe frischen
Preßsaftes der insuffizienten Organe oder, besser gesagt, man kann durch diese
Behandlung die Patienten ganz frei von Erscheinungen machen, wie Verf. in einer
ganzen Reihe von Fällen gezeigt hat.
76) Epilepsy; a Tbeory of oausation founded upon the elinioal mani-
festations and the therapeutio and pathologioal data, by J. J. M. Shaw.
(Journ. of mental Science. LX. 1914. Nr. 250.) Ref.: W. Misch.
Aus den klinischen Erscheinungen und den therapeutischen und pathologischen
Ergebnissen kommt Verf. zu folgender Theorie über die Entstehung der Epilepsie:
Die epileptischen Erscheinungen, der Krampfanfall und das Petit Mal, sind zurück¬
zuführen auf eine plötzliche Anämie der Hirnrinde, durch die eine Entladung der
Rindenzellen verursacht wird. Diese Anämie entsteht durch eine plötzliche Stase
und Anhäufung der Nukleoproteide koagulierenden Elemente des Blutes in den
Rindenkapillaren. Eine außergewöhnliche Neigung zur Agglutination und eine
verminderte Alkaleszenz des BluteB liegen bei der Epilepsie vor, so daß eine
solche Stase jederzeit eintreten kann. Eine derartige plötzliche Agglutination
kann entstehen, wenn die Nukleoproteide des Blutes durch Aufnahme von Nukleo-
proteinen und Purinkörpern mit der Nahrung vermehrt sind, ferner zu Beginn
des Schlafes und bei tieferem Schlafe. Die Veränderungen im Blut und Urin
nach den Krampfanfällen zeigen an, daß ein rascher Zerfall der Nukleoproteide
stattgefunden hat. Die postmortalen Befunde zeigen die außerordentliche Menge
solcher Nukleoproteinanhäufungen in den Rindenkapillaren und außerordentliche
biochemische Veränderungen in den Rindenzellen, die reich an Nuhleoproteiden
sind. Die Verordnung von Alkali setzt die Neigung zur Koagulation herab, aber
sie kann durch Erleichterung des Stoffwechsels die Anzahl der Krampfanfälle doch
nur zeitweise berabsetzen. Die Bromide haben eine besondere Affinität zu den
Nukleoprot einen und entfalten ihre Wirkung durch Einschränkung ihres raschen
Abbaus; hierdurch tritt eine Verminderung der Ansäuerung durch die Harnsäure
der perivaskulären Lymphbahnen und Kapillaren ein, so daß die polymorph-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
748
kernigen Zellen and die ftbrigen, Nakleoproteide koagulierenden Elemente dee
Blutes weniger leicht plötzlichen Veränderungen unterworfen sind. Der wesent¬
liche Defekt besteht in der chemischen Unbeständigkeit der Nukleoproteideelemente
des Gehirns und Blutes, die vielleicht erblich ist und wahrscheinlich auf dem
Fehlen eines bisher unbekannten regulierenden Hormons beruht.
77) Experimenteller Beitrag nr Kenntnis der Gehirnvorgänge beim epi¬
leptischen Anfall, von Earplus. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 20.)
Ref.: Piloz (Wien).
Verf. experimentierte an Hunden und Affen, indem er Rindenreizungen bei
Tieren mit durchschnittenem Balken vornabm, teilweise in Kombination mit Heim¬
sektion des obersten Halsmarkes. Die sehr mühevollen, in der mannigfachsten
Weise variierten Versuche, deren Technik genau geschildert wird, sind in extenso
wiedergegeben; das Verletzungsresultat wurde überall durch Autopsie und sorg¬
fältigste histologische Untersuchung des Gehirnes kontrolliert und verifiziert. Indem
bezüglich aller Einzelheiten der Verauohsanordnung und -ergebnisse auf das Original
verwiesen werden muß, seien hier nur die Schlußfolgerungen angeführt, zu denen
Verf. gelangte:
Beim Hunde und beim Affen kann die Reizung eines umschriebenen Rinden¬
bezirkes mit schwachen elektrischen Strömen auoh nach vollkommener Längs-
spaltung des Balkens zu allgemeinen epileptischen Konvulsionen führen. Dabei
können sich die allgemeinen klonischen Zuckungen aus Nachzuckungen ohne jeden
tonischen Krampf entwickeln, oder es können die Konvulsionen von einem toni¬
schen Krampf eingeleitet werden. Es führt in diesen Anfällen der Weg zur Er¬
regung der zweiten Hemisphäre über den Hirnstamm. Die Erregung des Hirn¬
stammes dürfte durch Rindenbaubenbahnen zustande kommen. Wenn ein lokaler
Rindenreiz beim Menschen oder beim Tier zu einem allgemeinen epileptischen
Anfall führt, so erreicht die Erregung wahrscheinlich auch bei unverletztem Balken
die zweite Hemisphäre auf dem Umwege über den Hirnstamm. Auf welche
Weise die Erregung des Hirnstamms zur Verallgemeinerung des Krampfes führt —
vasomotorische Einflüsse? — und welche Teile des Hirnstamms dabei in Frage
kommen — Oblongata, Hypothalamus? —, muß Gegenstand weiterer Unter¬
suchungen sein.
78) Über die Dosierung der AbBintheaienz beim Hervorrufen von Anfällen
experimenteller Epilepsie bei Hunden, von W.P. Ossipow. (Monatssehr,
f. Psych. u- Neurol. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. suchte die Minimaldosis der Essence d’absinthe cultiräe festzustellen,
welche für die Erzeugung des epileptischen Anfalls bei direkter Einverleibung
ins Blut von Hunden nötig ist, ferner die maximale tolerante Dosis und schließlich
die letale Dosis. Die Minimaldosis beträgt 0,03 bis 0,05 pro kg Gewicht des
Tieres; die Dosis von 0,03 erzeugte Petit mal-Anfälle, keinen oder nur einen
leichten typischen Krampfanfall. 0,06 biB 0,08 pro kg Gewicht erzeugt eine
Serie von typischen, stürmischen, epileptischen Anfällen. Die Dosis von 0,12
pro kg Gewioht muß zu den zweifellos maximalen, gefährlichen Dosen gerechnet
werden. Eine letale Dosis ist 0,13 pro kg Gewicht; sie erzeugt einen Status
epilepticus und den Exitus.
Die Essenoe d’absinthe cultivöe ist ein ausgezeichnetes, sicheres, sehr genau
dosierbares Mittel zur Auslösung experimenteller Epilepsie.
79) Ist der Verlauf experimenteller Krämpfe duroh Störung der inneren
Sekretion zu modifizieren ? von Johannes Fischer. (Sitzungsberichte der
naturforschenden Gesellschaft zu Rostock. VI. 1914.) Ref.: Kurt Mendel.
Auf Grund seiner Experimente bejaht Verf. obige Frage. Duroh Ausfall von
Schilddrüse und Epithelkörperchen wird die krampfmachende Komponente der
Amylnitritwirkung verstärkt, duroh Ausfall von Nebenniere dagegen vermindert.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
749
80) The pituitary gland in epilepfeles, by J. F. Munson and A. L. Shaw.
(Areb. öf intern, Medic. XIV. 1914. Nr. 3.) Bef.: W. Misch.
Die von Cusbing beobachteten Beziehungen zwischen Epilepsie und Ver¬
änderungen der Hypophyse werden an einem großen Material nachgeprüft. Aus
den anatomischen Untersuchungen geht hervor, daß bei Epileptikern in der Hypo¬
physe keinerlei konstante Veränderungen gefunden werden, die nicht auch bei
andersartigen Fällen beobaohtet wurden; eine Ausnahme bilden nur die sog.
Bindegewebsinseln, doch ist ihre Bedeutung noch ganz unklar; wahrscheinlich stehen
sie mit der Blutversorgung in Zusammenhang. Am charakteristischsten für Hypo¬
physenveränderungen scheinen die Verkleinerung der Drüse und eine gelegentliche
Vergrößerung der Sella turcica zu sein; die oft ohne klinische Symptome auf¬
tretenden tumorartigen Hypophysenveränderungen sind noch nicht ihrer Bedeutung
nach geklärt. Die klinische Untersuchung der Hypophysenfunktionen bezieht sich
auf die Untersuchung des Blutdrucks und der Zuckertoleranz. Aus den Versuchen
geht hervor, daß der Blutdruck bei den Epileptikern im allgemeinen von der
normalen Höhe nicht abweieht und daß er auch durch Gaben von Hypophysen¬
substanz kaum beeinflußt wird. Glykosurie wurde nur in ganz seltenen Fällen
bei Epileptikern beobachtet. Auch die Zuckertoleranz bei Zuführung größerer
Zuckermengen ist kaum vermindert; denn selbst bei größeren Zuokergaben trat
nur in einem kleinen Prozentsatz (durchschnittlich 1 / 7 ) der Fälle Glykosurie auf.
Bei Darreichung von Hypopbysenextrakt zeigte sich eine Herabsetzung der Zucker¬
toleranz bei dem Durchschnitt der Fälle. Es wird daraus geschlossen, daß bei
diesen Fällen eine Erhöhung der Assimilationsgrenze vorliegt; ob dies mit der
Hypopbysentätigkeit zusammenhängt, läßt sich jetzt noch nicht übersehen.
81) Observations on epllepsy ohiafly from an X-ray stand polnt, by T. M. T.
MoKennan, G. C. Johnston and C. H. Henninger. (Journ. of nerv, and
ment, disease. XLL 1914. Nr. 8.). Bef.: W. Misch.
Mittels Böntgenstrahlen wurden 95 Fälle von Epilepsie untersuoht. Bei
7 Fällen wurden Hypophysentumoren gefunden; bei 16 Fällen eine Knochen¬
verdickung der Proc. clinoidei oder in der vorderen Schädelgrube; bei 22 Fällen
wurden diese beiden Veränderungen gemeinsam vorgefunden, und in 35 Fällen
kam zu diesen beiden Veränderungen noch eine Verdickung des Sphenoidale hinzu;
nur in 15 Fällen wurden keine Veränderungen naohgewiesen, bei diesen lag aber
im allgemeinen symptomatische Epilepsie vor. Dabei traten die epileptischen
Anfälle um so häufiger auf, je größer die Knochenveränderungen waren. Diese
Knochenveränderungen finden sich nur bei den Fällen von sog. essentieller oder
idiopathischer Epilepsie, während sie bei den Fällen von symptomatischer Epilepsie
nie beobaohtet wurden. Bei den Fällen von idiopathischer Epilepsie findet sich
ein Zustand von lokaler Akromegalie; diese kann nur bedingt sein durch venöse
Stase, die nur durch den Druck innerhalb des kastenartigen Behälters, der die
Hypophyse umschließt, verursacht sein kann. Durch den Druck verkümmert die
Hypophyse, und die Folge ist eine Hypofunktion der Drüse. Es scheint also,
als ob die idiopathische Epilepsie auf eine mechanische Läsion der Hypophyse
zurückzuführen ist. Aus den Beobachtungen geht auoh, damit übereinstimmend,
hervor, daß bei idiopathischer Epilepsie Zufuhr von Hypophysensubstans eine
ausgezeichnete Wirkung hat.
82) Bpilepsy, by Wm. T. Shanahan, M. D. (Lecture delivered before Medical
Staff of Craig Colony.) Bef.: Brats (Dalldorf).
Verfi, der neue Chefarzt der Craig-Colony, legt seine Anschauungen über
Pathologie und Therapie der Epilepsie dar.
83) Über die hereditären Bestehungen zwischen Alkoholismus und Epi¬
lepsie, von J. Stuohlik. (Correspond.-Blatt t Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 3.)
Bef.: Kurt Mendel.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
750
Von 12600 in der psychiatrischen Universitätsklinik zu Zürich in den Jahren
1870 bis 1913 aufgenommenen Kranken litten 341 12,7 °/ 0 an Epilepsie. Die
statistische Verarbeitung der Krankengeschichten f&hrt den Verf. zu folgenden
Schlußsätzen:
1. Unter den hereditär belastenden Krankheiten spielt die Epilepsie selbst
keine große Bolle, denn nur 15,3°/ 0 sämtlich belasteter Patienten waren gleich¬
artig belastet, direkt gleichartig nur 6,4 °/ 0 , und von den sämtlichen untersuchten
Patienten wiesen nur 9,5 °/o unter den Verwandten Epileptiker überhaupt auf,
unter direkten Vorfahren nur 4,1 °/ 0 .
2. Die anderen belastenden Krankheiten — Hysterie, Dementia praecox,
periodische Erkrankungen, Imbezillität, Idiotie, organische Geisteskrankheiten,
allgemeine körperliche Leiden — stehen in ihrer Bedeutung der Epilepsie
weit nach.
3. Bei starker Heredität scheinen die ersten Anfälle etwas früher aufzn-
treten.
4. Unter den hereditär belastenden Krankheiten bei Epilepsie ist quantitativ
der Alkoholismus in erster Beihe zu nennen, denn etwa 40°/ 0 aller belasteten
Patienten hatten alkoholische Eltern und etwa 43 °/q hatten unter ihren direkten
Vorfahren mindestens einen Alkoholiker. Fast 30 °/ 0 sämtlicher hereditär be¬
lastenden Momente macht der Alkoholismus aus. In 30°/ 0 der Epilepsien, bei
welchen wir überhaupt etwas hereditär Belastendes finden, ist es allein der Alko¬
holismus, der hereditär in Betracht kommt.
5. 50°/ 0 aller Fälle, bei welchen die Eltern der Patienten alkoholisch waren,
hatten ganz gesunde Vorfahren und Seitenverwandte; und in 58 °/ 0 solcher Fälle
finden wir in der Verwandtschaft keine andere Krankheit als den Alkoholismus.
6. In den Familien der Epileptiker ohne alkoholische Erzeuger spielt der
Alkoholismus nur eine unbeträchtliche Bolle. Umgekehrt ist der Alkoholismus
der Erzeuger relativ um ein Vielfaches häufiger als der der Seitenverwandten.
7. Es ist äußerst wahrscheinlich, daß der Alkoholismus der Eltern von Epi¬
leptikern nicht eine bloße Ausdrucksform einer Familiendisposition ist, die sowohl
Alkoholismus und Epilepsie erzeugt, sondern daß er eine wichtige Ursache der
Epilepsie bildet.
84) N&polöon Bonaparte als affektepileptlsoher Psychopath und seine
Tentamina suloidii, von Haberkant. (Prager med. Wochenschrift. 1914.
Nr. 38.) Bef.: Pilcz (Wien).
Der Titel' gibt zugleich den Inhalt an. Verf. sucht seine Ansicht zu stützen
durch Literaturstudien bei Vierordt, Fournier u. a. und setzt sich auch mit
Kanngiessers bekannten Studien auseinander.
86) Zur Frage der gehäuften kleinen Anfälle, von C. F. Engelhard. (Monats¬
schrift f. Psycb. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Bef.: Bratz (Dalldorf).
Verf. hat die früher von dem jüngst verstorbenen Heilbronner veröffent¬
lichten Fälle der gehäuften kleinen Anfälle katamneBtisch verfolgt und bringt
9 Fälle au 8 der Utrecht er Klinik dazu.
Das Tatsachenmaterial stellt Verf. sorgfältig dar. Er stellt folgende diffe-
rentialdiagnostische Begeln auf, welche die Abtrennung der gutartigen Fälle mit
kleinen Anfällen von der Epilepsie begründen:
1. Was die Häufigkeit betrifft, kann zwar die genuine Epilepsie in der Form
von jahrelang täglich in großer Zahl sich wiederholenden ausschließlich kleiner:
Anfällen auftreten, doch sind diese Fälle seltene Ausnahmen.
2. In bezug auf symptomatologische Unterschiede im Hinblick auf die An¬
fälle selbst darf nicht vergessen werden, daß gerade die gatartig verlaufenden
Fälle in dieser Hinsicht sehr variieren. Die Bewußtseinsstörung wird vielfach
vollkommen dem normalen Schlaf gleichend beschrieben. In anderen Fällen wird
Difitized by Gck >gle
Original fru-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAM
751
von Absenzen gesprochen, bei denen die Bewußtseinsstörung so tief sein kann,
daß für den Anfall vollständige Amnesie besteht. Doch gilt dies letztere in einem
bestimmten Fall nur für einzelne kleine Anfälle unter vielen anderen, für die
keine Amnesie besteht. Die Bewußtseinsstörung bei epileptischem Petit mal kann
auch sehr leicht sein, sogar ganz fehlen, andererseits glaubt Verf. bei einer großen
Zahl von Fällen, bei denen für kleine Anfälle regelmäßig Amnesie bestand, auf
Grund anderer Erscheinungen doch Epilepsie annehmen zu müssen.
Die Bewußtseinsstörung kann bei. den gutartigen Fällen entweder als durch¬
aus schlafähnlich oder als Absenze isoliert, aber auch verbunden mit motorischen
Ausfalls- oder Reizerscheinungen auftreten. Es kommt jedoch auch vor, daß die
Bewußtseinsstörung und die motorischen „Hemmungs^erscheinungen in getrennten
Anfällen auftreten. Drittens gibt es auch Fälle, bei denen die kleinen Anfälle
nur motorisch, ohne begleitende oder daneben bestehende Bewußtseinsstörung sind.
Wiederholt wird beobachtet, daß das Anfallsbild sich während des Verlaufs ver¬
ändert, besonders daß leichte motorische Erscheinungen den ursprünglichen reinen
Absenzezustand komplizieren. Unwillkürlicher Urinabgang und Pupillenstarre
wurden auch bei gutartigen Fällen während des Anfalls beobachtet, Zungenbiß
bis jetzt allerdings nicht. Verf. weist besonders darauf hin, daß langdauernde
Schlaganfälle zum Teil postparoxysmal, zum Teil intervallär von verschiedenen
Autoren bei ihren gutartig verlaufenden Fällen konstatiert wurden; auch dieses
Symptom beweist also nicht ohne weiteres die epileptische Genese des Kraukheits-
bildes.
3. Die bei Epilepsie sehr gewöhnlichen nächtlichen Anfälle kommen bei der
gutartigen Form auch vor. Kann jedooh mit Sicherheit festgestellt werden, daß
die Anfälle während des Schlafes auftreten, ohne daß der Patient erwacht, so
spricht dies für die epileptische Genese.
4. Ein plötzliches abruptes Ausbrechen der kleinen Anfälle in großer Zahl
spricht im allgemeinen für die nibhtepileptische Natur der Krankheit In diesen
Fällen kann-rein retrospektiv allerdings — die Differentialdiagnose gegenüber
grob organisoh bedingten Zuständen Schwierigkeiten machen. Doch nimmt die
Frequenz in fast allen Fällen der gutartigen Form später noch etwas zu, im
Gegensatz zu der meist akut beginnenden organischen Form. Umgekehrt beweist
ein schleichender Anfang nicht ohne weiteres Epilepsie.
5. müssen alle die Punkte in Betracht gezogen werden, die auf eine psychische
Beeinflußbarkeit des Krankheitsbildes hinweisen können.
6. kann das Ausbleiben psychischer Veränderungen nach längerem Bestehen
der Erkrankung schon an sich auf die gutartige Natur derselben hinweisen.
Was die Pathogenese der gehäuften kleinen Anfälle anbetrifft, so will Vert.
einen Teil der Hysterie zuweisen, einen anderen Teil als affektepileptische Anfälle
bei psychopathischer Konstitution auffassen. Endlich bleiben noch wenige Fälle
übrig, bei denen vorläufig das Fehlen von Erscheinungen von Suggestibilität und
von psychopathisch-degenerativer Art eine nosologische Eingliederung noch nicht
gestatten.
Wir werden dem Verf. dankbar sein, wenn er gerade diese bisher noch un¬
klaren Fälle in der fruchtbringenden Art der vorliegenden Arbeit im Auge behält
und unB nach einigen Jahren über den Verlauf und die dann sich etwa ergebende
Auffassung berichtet.
86) Untersuchungen über die Veränderungen in der Häufigkeit der epi¬
leptischen An Alle und deren Ursachen, von B. Ammann. (Zeitschr. f.
d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. 1914. H. 5.) Bef.: G. Stiefler.
Verf. sammelte zum Studium dieser Frage das Anfallsmaterial in der Züricher
Anstalt und kommt durch eingehende Untersuchungen zu folgenden Ergebnissen:
Die Häufigkeit der epileptischen Anfälle in Zürich läßt eine jährliche Periode
Digitized b'
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
752
Digitized by
erkennen t und zwar so, daß der Tiefpunkt der Kurve im Juni-Juli, ein Haupt-
mazimum im November und ein Nebenmaximum im Februar liegt.
Diese Wendepunkte der Kurve, einer im Sommer und der andere im Winter,
teilt sie mit den Häufigkeitskurven der Schwängerungen (eheliche und uneheliche),
der Verbrechen aller Art, der Selbstmorde, der Erkrankung an Geisteskrankheiten,
der Aufnahme in Irrenanstalten, der transitorischen Geistesstörungen der Epi¬
leptiker, des Verlaufs der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses, der Muskel¬
kraft, sowie für das Körperwachstum der Kinder.
Von meteorologischen Kurven verlaufen mit denselben Wendepunkten die¬
jenigen der Bewölkung, der nebligen, trüben und heiteren Tage. Das weist aof
die Sonnenstrahlung hin. Die Luftelektrizität und der Erdmagnetismus verhalten
sich genau wie die Anfallskurve, und für die erste wurde auch eine Abhängigkeit
von der Strahligkeit gefunden.
Die tägliche Periodik zeigt sioh in unserer Nachtkurve, mit ihren zwei
Maxima abends 10 Uhr und morgens 4 Uhr. Das erste liegt zur Zeit der größten
Schlaftiefe und kommt hauptsächlich den Anfällen mit motorischer Entladung zu.
Das zweite fällt auf einen konstanten Wendepunkt im täglichen Gange der luft¬
elektrischen Elemente und beeinflußt stärker die Anfälle ohne motorisohe Ent¬
ladung.
Aus dem täglichen und jährlichen Verlaufe der Anfallskurve läßt sich
schließen, daß der Quotient aus positiver durch negative Luftladung ausschlag¬
gebend sein muß.
Die Anfälle sind am Tage und bei Nacht von gleicher Zahl. Tagsüber über¬
wiegen die Schwindel, während der Nacht die Anfälle. Deshalb sind nachts die
Anfälle schwerer als am Tage.
Während eines synodischen Monats zeigen die Anfälle ein starkes und ein
schwaches Minimum und Maximum. Die Kurve des Erdmagnetismus hat ebenfalls
zwei Gipfel. Die psychischen Jabreskurven lassen im Sommer einen Höhepunkt
der Affektivität und im Winter einen solchen des Intellektes erkennen. Zur Zeit
der Wendepunkte der Anfallskurve (Anfallsmaximum und -minimum) erreichen die
psychischen Äquivalente der Epileptiker je einen Tiefpunkt ihrer Häufigkeit
Ebenso verhalten sich die Brandstiftungen. Der tägliche Gang der Körpertempe¬
ratur ist genau derselbe wie .derjenige der luftelektrischen Elemente.
Eine eingehende Besprechung der Literatur bildet den Schluß der sehr lesens¬
werten Arbeit.
87) Beitrag zur Kenntnis des epileptischen Blutbildes, von &. Zimmer¬
mann. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psyoh. XXVII. 1916. H. 4 u. 5.)
Bef.: W. Misch.
Bei einer großen Mehrzahl von Epileptikern wurde eine Abweichung des
Blutbildes von der Norm gefunden. Vor dem Anfall treten sehr häufig Ände¬
rungen in dem Verhältnis der weißen Blutzellen zueinander auf, und zugleich
macht sich eine starke Vermehrung der weißen Blutzellen bemerkbar. Die Lympho¬
zyten vermehren sich wohl in jedem Fall, in vielen Fällen zeigen auch die Mono-
nukleären eine Vermehrung. Die Eosinophilen zeigen dagegen die Neigung, aus
dem Blutbild zu verschwinden. Im Anfall selbst kommt es zu einem mäßiges
Rückgang der neutrophilen Leukozyten, die Steigerung der Lymphozyten hält an.
Das Blutbild gleicht sich meist nach 1 bis 2 Tagen wieder aus.
88) Zur Hämatologie des epileptischen Anfalls, von J. Löwy. (CentralbLf.
innere Medizin. 1914. Nr. 46.) Bef.: K. Boas.
Verf. hat während des epileptischen Anfalls gewisse Veränderungen des Blut«
gesehen. Dieselben bestehen in Form eines Wasseraustrittes aus der Blutbahn,
einer Zunahme der festen Serumbestandteile und einer nicht durch den Wasser*
verlust des Blutes bedingten, oft recht beträchtlichen Leukozytose.
Gck igle
Üri'ginal fram
UNIVERSITY OF MICHIGAN
GA N J
758
89) Die Bewertung der Befunde der Gesamtstiokstoffaussoheiduiig beim
Epileptiker im Intervall. Bemerkung zur Arbeit gleichen Titele von
W. Tintemann, von Rudolf Allere. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych.
XXV. H. 3.) Bef.: M. Pappenheim (Wien).
Verf. sucht es gegenüber den Einwänden von Tintemann aus den Angaben
der Literatur wahrscheinlich zu machen, daß die größeren Schwankungen der täg¬
lichen Stickstoffausfuhr bei Gesunden auf die Wirkung psychischer, d. h. in erster
Linie affektiver Faktoren, in zweiter Linie auf Änderungen der Lebensweise und
Uuskelanstrengungen, sowie Atemstörungen durch solche zurückzuführen seien. In
den von ihm und Sacrist&n beschriebenen Epilepsiefällen fehlte der Einfluß
muskulärer Anstrengungen und affektiver Momente. Ihre Störungen sind daher
in der Tat als Störungen und nicht als normal-physiologische Erscheinungen auf¬
zufassen. Verf. hält es ferner für möglich, daß die Schwankungen in der Stiok-
stoffausscheidung im Intervall (AIlers und Sacrist&n) und die lange dauernde
Retention (Rhode) zwei Phasen oder Grade ein und desselben Stoffwechsel-
vorgangs sind.
90) Epilepsie und Schwangerschaft, von Carl Meyer. (Archiv f. Psych. LV.
1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
4 Fälle. Im ersten Fall ist von Interesse das alleinige Auftreten der epi¬
leptischen Anfälle während der Schwangerschaften; der erste trat 3 Wochen nach
der ersten Geburt auf, in der zweiten Schwangerschaft ist ein Anfall kurz vor
der Geburt und ein Anfall 3 bis 4 Wochen nach der Geburt verzeichnet, ebenso
in der dritten Gravidität, der erste Anfall in der vierten Schwangerschaft erfolgte
wieder etwa 4 Wochen vor dem Partus, der letzte 26 Tage nachher. Im zweiten
Falle trat der erste Anfall im 5. Monat der ersten Gravidität auf, der menstruelle
Typus der Anfälle blieb auch nach der ersten Gravidität bestehen. Iin dritten
Falle verschlimmerten die Schwangerschaften eine schon vorher vorhandene Epi¬
lepsie, es entstand schließlich ein 4 Wochen währender Verwirrtheitszustand. Im
vierten Falle hatten die Schwangerschaften einen günstigen Einfluß auf die
Epilepsie.
91) Uber klinische Beziehungen zwischen Epilepsie und Schizophrenie,
von H. Giese. (Zeitsohr. f. d. ges. NeuroL u. Psych. XXVI. 1914. S. 22.)
Ref.: W. Misch.
Bei vielen Fällen von Schizophrenie finden sich in der Jugend, lange vor
AuBbruch der Erkrankung, geistige und Charakteranomalien. Es fragt sich nun,
ob diese psychischen Symptome mit dem späteren Ausbruch der Schizophrenie in
irgend einem Zusammenhang stehen oder ob sie unabhängig davon sind. Bei den
vom Verf. untersuchten 347 Fällen von Schizophrenie wurden bei 63,4 °/ 0 bereits
im Kindesalter irgendwelche Anomalien auf psychisch-neurotischem Gebiet gefunden.
Insbesondere finden sich häufig bei den schizophrenen Patienten epileptische Früh¬
symptome und Kombinationen mit Epilepsie. Es werden sechs hierhergehörige
Fälle eingehend beschrieben und analysiert. Über das gegenseitige Verhältnis
von Epilepsie und Schizophrenie in Kombinationsfällen werden folgende Grund¬
sätze aufgestellt: Nur solche Fälle können als Kombination angesprochen werden,
in denen zuerst während eines längeren Zeitraumes die Epilepsie für sich be¬
standen hat; Fälle, in denen beide Krankheiten gleichzeitig eingesetzt haben oder
die Epilepsie später als die Schizophrenie aufgetreten ist, können nur dann als
Kombination in Betracht kommen, wenn sich die Epilepsie mit Sicherheit auf
bestimmte exogene Momente zurückführen läßt. In allen übrigen Fällen muß
die Epilepsie als Symptom der Schizophrenie angesehen werden^ z. B. auch in
den Fällen von Spätepilepsie im Sinne Näckes. Handelt es sich demnach in
der Regel anfangs immer um eine sukzessive Kombination, so kann, nachdem die
Schizophrenie manifest geworden ist, das Bild der simultanen Kombination längere
xxxiv. 48
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
754
Zeit bestehen. Kommt es zu einem weitergehenden Zerfall der Persönlichkeit
oder zu einer ausgesprochenen schizophrenen Demenz, so werden durch diese die
psychisch-epileptischen Symptome in der Regel verdeckt. Dagegen können schizo¬
phrene Psychosen mit relativ günstigem Ausgang („katatonische Schübe“) nach
ihrem Abklingen «das ursprüngliche Bild eines imbezill-epileptischen Zustandes
nur wenig verändert wieder zum Vorschein kommen lassen, ln keinem der be¬
schriebenen Fälle wurde während des schizophrenen Stadiums der Inhalt der
Psychose durch die vorangegangenen epileptischen Zustände beeinflußt. In allen
Fällen stehen die kombinierten Krankheiten selbständig nebeneinander, eine all¬
mähliche Entwicklung der einen aus der anderen, ein Übergang also kann nirgends
nacbgewiesen werden. Die Form der Schizophrenie in den beobachteten Fällen
von Kombinationen ist ganz überwiegend die katatone, die Epilepsie dagegen tritt
unter ganz verschiedenen Bildern auf, teils mit erheblicheren psychischen Ver¬
änderungen, teils ohne solche.
92) Zur Narkolepsiefrage, von Emil Redlich. (Monatsschr. f. Psych. u. Neuol.
XXXVII. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Bei einem 19jähr. Patienten, Sohn eines Trinkers, sonst aber hereditär nicht
belastet, der zunächst auch keine Zeichen einer besonderen psychopathischen Kon¬
stitution darbot, bestehen seit mehreren Monaten Anfälle, die man nach der
Schilderung und nach der Beobachtung als Schlafänfälle bezeichnen muß. Ein¬
geleitet von Kopfschmerzen und einem Gefühl von Schläfrigkeit treten diese Zu¬
stände auf, in denen Pat. ganz den Eindruck eines Schlafenden macht; Kopf und
Lider sinken herab, das Gesicht ist leicht kongestioniert, die Respiration flach.
Pat. spricht auch von Traumzuständen, weil er, wie er behauptet, während dieser
Zustände des öfteren träume. Er ist nur selten und dann nur vorübergehend
imstande, das plötzlich auftauchende Schlafbedürfnis zu unterdrücken, wohl aber
kann er meist durch Anrufen oder Rütteln geweckt werden, ist dann wie bei
dem Erwecken aus dem natürlichen Schlaf kurze Zeit etwas schwer besinnlich,
dann aber wieder ganz in Ordnung. Die Anfälle kommen mehrmals des Tag»,
während der Arbeit, auch auf der Straße beim Gehen, mit Vorliebe aber dann,
wenn Pat. ohne Beschäftigung in ruhiger Umgebung sitzt, wo also die Bedingungen
für den Schlaf überhaupt die günstigsten sind. Die Dauer der Schlafanfälle ist
kurz, einige Minuten, unter den eben erwähnten günstigen Bedingungen auch
länger, eine halbe, selbst mehrere Stunden. Pat macht trotz guten Nachtschlafes
immer einen schläfrigen Eindruck und fühlt auch sich selbst immer schläfrig und
müde. Gemütsbewegungen haben keinen Einfluß auf die Häufigkeit der Anfälle
Beim Lachen hat Pat. das Gefühl, als müsse er zusammensinken, knickt dabei in
den Knien ein, läßt auch gelegentlich einen Gegenstand, den er in der Hand hält,
fallen. Epileptische oder sicher hysterische Symptome fehlen. Die Behandlung
(Allgemeinbehandlung, Suggestion, schwarzer Kaffee, Koffein) blieb völlig erfolglos.
Die Narkolepsie ist nach G öline au eine Neurose spezifischer Art. In der
Tat gibt es, wenn au^h selten, Fälle von echter Narkolepsie, in denen ein aus¬
gesprochenes nervöses oder allgemeines Leiden, vor allem Epilepsie und Hysterie,
fehlt. Klinisch lassen sich diese Fälle charakterisieren durch das gehäufte Auf¬
treten von kurzdauernden, dem natürlichen Schlafe vollständig gleichenden An¬
fällen bei sonst gesunden, höchstens leicht neuropathischen Individuen, meist im
erwachsenen Alter. Charakteristisch ist ferner die lange Dauer des Leidens und
die geringe therapeutische Beeinflußbarkeit Vielleicht stellt die Narkolepsie —
wie auch Friedmann meint — lediglich ein Symptom der „Gehirnmüdigkeit 4
dar. Auch Verf.’s Fall zeigte ein pathologisch gesteigertes Schlafbedürfnis.
93) Zur Lehre von den epileptischen Dämmerzuständen, von H. Dütemeyer.
(Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Ausführlicher Bericht über einen Fall von wiederholt aufcretenden epilepti-
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
755
sehen Dämmerzuständen bei einem 29jährigen Patienten nebst anschließender zu¬
sammenfassender Besprechung des Krankheitsbildes.
94) Epilessia e delitto. I oaratteri specifioi della criminalitä epilettioa.
Con una introdusione del Prof. E. Morselli, per M. U. Masini. (Genua,
Societä editrice Oliveri & Co., 1914.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Das etwa 200 Seiten starke, durch viele Abbildungen illustrierte Buch ent¬
hält ein Resümee der Anschauungen Lombrosos und seiner Vorgänger, sowie
der modernen Behauptungen über das Wesen der Epilepsie. Außerdem teilt Verf.
viele Krankengeschichten mit. Die Grundlehre Lombrosos findet in dieser Arbeit
eine entschiedene Bestätigung; Verf. nimmt nämlich an, daß das Verbrechen aus
der Epilepsie manchmal direkt, d. h. ohne irgend einen andersartigen exo- oder
endogenen Einfluß, herstammt. Folglich sind die Beziehungen zwischen Epilepsie
und Verbrechen ganz innig, wenn auch der Mechanismus derselben noch unbekannt
ist. Zugunsten der Lombrososchen Annahme sollen u. a. auch die Ergebnisse
Plauts bei Lues congenita sprechen. Die von Epileptikern begangenen Misse¬
taten weisen stets besondere Merkmale auf; manchmal sind diese Merkmale infolge
von andersartigen Momenten (Alkoholismus usw.) verwischt, manchmal sind sie
aber mit aller Evidenz zu erkennen.
95) Der Tod infolge epileptischen Anfalles, von Otto Hebold. (Archiv f.
Psych. LV. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel.
Bericht über 30 Fälle von Tod im epileptischen Anfall (vgl. d. Centr. 1914.
S. 641). Bei Epileptikern ist der Tod nur selten eine innere Folge des Krampf¬
anfalles selbst.
Als Ursache für den Tod bleibt in den wenigen Fällen, wo keine äußeren
ursächlichen Umstände vorliegen, nur wie auch bei anderen plötzlichen Todesfällen
ohne erkennbare Ursache die Annahme eines Herzschlages, eines Versagens der
Herztätigkeit, übrig. Sonst kommen in der allergrößten Mehrzahl Unfälle während
des Anfalls in Betracht.
Verf. unterscheidet:
I. Der plötzliche Tod wird
1. durch den Anfall an sich herbeigeführt (durch Herzschwäche, Herzriß,
Hirnblutung).
2. Der Kranke stirbt infolge Sturzes an der im Anfall enthaltenen Verletzung
sofort (Genickbruch, Wirbelbruch, seltener bei Schädelbruch).
3. Es tritt Erstickung durch die Lage ein, die vom Anfall selbst herbei¬
geführt wird (bei Bauchlage im Bett, Einklemmen zwischen Gegenständen, in
Gesichtslage auf dem Boden).
4. Der Kranke erstickt durch Einatmen fremder Stoffe (von Speiseresten,
von Wasser beim Baden oder Fall ins Wasser) oder verbrennt bei Fall ins
Feuer.
5. Im Endzustand des Anfalles, dem Zustande der Bewußtseinsstörung, kann
er Selbstmord begehen.
II. Der Tod nach dem Anfall wird
6. durch den Anfall selbst durch Gehirnblutung (bei Arteriosklerose) oder
durch Gehirngeschwulst herbeigeführt,
7. durch Sturz auf den Kopf im Anfall, der mit oder ohne Schädelbruch
Gehirn- und Hirnhautblutungen verursacht,
8. durch Fall ins Feuer und heiße Flüssigkeiten (Verbrennen, Verbrühen),
9. durch Infektion der im Anfall erhaltenen Wunden (Tetanus traumaticus).
96) Myoelonie et Epilepsie, par A. Austregesilo et 0. Ayres. (Revue neurol.
1914. Nr. 13.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Myoklonie-Epilepsie (Unverricht) zeigt familiären Charakter. Meist
bestehen in der Jugend epileptiforme Anfälle, und gegen das 12. bis 15. Jahr
48*
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
756
treten Anfälle von Myoklonie hinzu. Die Myoklonie kann fast kontinuierlich be¬
stehen, und zwischendurch treten epileptische Anfalle aut Die Gesicbtsmuskeln
und die Sprache sind in dem einen der von den Verff. mitgeteilten Fälle von der
Myoklonie mitbetroffen. In der Hälfte der Fälle erscheint die Epilepsie vor der
Myoklonie. Die Patientin der Verff. hat starkes Hunger- und DurstgefähL Be¬
treffs der Pathogenese der Myoklonie gibt es die medulläre und die kortikale
Theorie. Verff. sind für die letztere und führen die Argumente, die für die kor¬
tikale Theorie sprechen, an: die intellektuellen und gemütlichen Störungen der
Myokloniker, den deutlichen Einfluß moralischer Ursachen auf die Wiederkehr
und Verstärkung der Muskelspasmen, das Zusammenvorkommen der Myoklonie und
Epilepsie, die Kombination von Myoklonie mit Athetose und Hemianästheeie
kortikalen oder subkortikalen Ursprungs (Minkowski), das Überwiegen der
klonischen Spasmen auf einer Körperseite und die zuweilen beobachtete Einseitig¬
keit der Myoklonie.
Die Verff. besprechen noch die differential-diagnostisch in Betracht kommenden
Krankheiten: die fibrilläre Chorea von Morvan, den Paramyoclonus multiplex
Friedreich, die Chorea electrica Henoch-Bergeron, den Gesichtstic von
Trous8eau, die Maladie des tics, die Brissaudsche und Dubinische Chorea,
die Myokymie usw. Therapeutisch sind zu verwenden Brom, Chloralhydrat,
Veronal usw.
97) Die heutige Behandlung der Epilepsie auf Grund der Erfahrungen
in der Landesheilanstalt Uohtspringe, von Hoppe. (Allgem. Zeitsehr.
f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz).
Die Beziehungen zwischen Epilepsie und harnsaurer Diathese sind noch un¬
klar. Jedenfalls ergab Atophanbehandlung keine Erfolge; es empfiehlt sich aber,
stark nukleinhaltige Nahrungsmittel wie bei Gichtikern stark einzuschränken.
Lues kommt ätiologisch öfters in Frage, als man allgemein annimmt. Eine
antiluische Behandlung bei Epileptikern mit hereditärer Syphilis ist häufig äußerst
wirksam. Epileptiker, die später Lues bekommen, erfahren dadurch oft eine Ver¬
schlechterung, die durch Salvarsan gebessert wird; dabei darf aber die Brom¬
behandlung nicht unterbrochen werden. Dagegen muß — wegen event Nieren-
Schädigung — Luminal während der Salvarsanbehandlung vermieden werden.
Wirksam ist auch kombinierte As-Hg-Behandlung, sowie Jodgebrauch, das bei
organischer Veränderung des Zentralnervensystems überhaupt eines der wirksamsten
antiepileptischen Mittel ist. Chirurgische Maßnahmen haben als frühzeitige Ein¬
griffe Erfolg bei traumatischer Epilepsie. Durch Tuberkulose werden epileptische
Anfälle verschlechtert, wenn das Allgemeinbefinden leidet, das deshalb mit allen
Mitteln gehoben werden muß. Andererseits aber treten die Anfälle oft während
des Fiebers ganz auffallend zurück, um sich mit Beginn der Bekonv&leszens
wieder einzustellen.
Alle Störungen der Funktion innerer Organe können Anfalle provozieren.
Jede neue Störung muß daher gründlichst behandelt werden.
Die Brombehandlung verlangt genaue Würdigung sowohl der Eigenart,
Wirkung und des Verhaltens des Medikamentes, welches verordnet wird, als anck
der Eigenart des Kranken. Das Brom wirkt erst dann, wenn ein Viertel bis ein
Drittel des Chlors im Blute durch äquivalente Brommengen ersetzt ist Dieses
Verhältnis muß erhalten bleiben. Dazu muß der Salzgehalt der Nahrung ein
gleichmäßiger sein. Dies ist wichtiger als eine Salzhungerkur, welche oft schwere
Störungen zur Folge hat Bei einer Gesamtaufnahme von etwa 8 g Kochsalz
genügen 3 bis 4 g Brom vollständig. Das Wirksame ist dabei nicht der Cl-M&ngel,
sondern das Vorhandensein der Bromionen. Die Bromeiweißpräparate sind un¬
zuverlässig, günstig wirken Ureabromin und Kalmonal, welche vermöge ihrer
Harnstoffkomponente schnell ausgeschieden werden und daher längere Zeit ver-
Digitized by
Gck >gle
Original from
UNIVERSSTY OF MICHiGAN
757
abreiobt werden können. Diogenal wirkt besonders 9 günstig auf nächtliche Ver¬
wirrtheitszustände und motorische Dnrube der Epileptiker. Luminal wirkt besonders
auffällig auf die Schwindelanfälle und Petit mal, während die schweren Krämpfe
wenig beeinflußt werden. Höhere Dosen sind wegen Nierenreizung verboten, und
muß ständig während der Behandlung der Harn untersucht werden. Einläufe
von 0,4 bis 0,6 Luminalnatr. eignen sich gut zur Bekämpfung des Stat. epilept.,
ebenso wie Amylen. Versagen beide, muß man zur Narkose schreiten; event.
kann man intravenöse Injektion von 6 g Ureabromin in alkalischer Lösung ver¬
suchen. Näher zu untersuchen ist noch der Einfluß von Atropin und Belladonna¬
präparaten.
Die Krot&linbehandlung geht von der Annahme aus, daß infolge der größeren
Gerinnungsfähigkeit des Blutes der Epileptiker die Anfälle Folge von Gerinnungs¬
vorgängen seien, diese sollen durch die hämolytische Wirkung des Krotalins ver¬
hindert werden. Die Versuche in Uchtspringe geben, ebenso wie anderen Orts,
keine Erfolge.
Für mit Brom behandelte Epileptiker ist der Eintritt einer Pneumonie von
größter Wichtigkeit. Durch diese geht die Salzausscheidung auf ein Minimum
zurück, tritt aber sofort in verstärktem Grade mit Beginn der Lösung der Pneu¬
monie wieder ein. Gibt man also während der Pneumonie Brom in gewöhnlicher
Weise, kann es zu tödlichen Vergiftungen kommen. Auch bei anderen Infektions¬
erkrankungen sind die Brommengen aus den gleichen Gründen einzuschränken.
08) Zur modernen Epilepsiebehandlung, namentlich der idiopathischen,
von E. Michälek. (Revue v neuropsychopathologii. XL 1914. S. 17.)
Ref.: J. Stuchlik (Zürich).
In seiner zusammenfassenden Studie bespricht Verf. die verschiedenen Arten
von Brom-, Diät- und chirurgischer Behandlung der Epilepsie und schildert die
geschichtliche Entwicklung sämtlicher Therapieformen. Als Resultat seiner Kritik
empfiehlt Autor baldiges Beginnen mit Brombehandlung. Falls man den Gang
der Krankheit intensiver beeinflussen will, muß man noch salzarme, bzw. salzlose
Kost verschreiben. Milch- oder vegetabilische Diät allein, ohne Brom, beeinflußt
die Anfälle nicht.
99) Über die Wirkung des Sedobrols bei Epilepsie, von Schulhof. (Wiener
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 21.) Ref.: Pilcz (Wien).
Die Resultate, zu denen Verf. kam, lassen sich in drei Gruppen teilen:
durchaus günstige Erfolge, günstiger Einfluß hinsichtlich der konvulsiven Attacken
bei gleichzeitig verschlimmerndem Einflüsse bezüglich des psychischen Zustandes,
endlich erfolglos behandelte Fälle. Von beiden ersteren Gruppen teilt Verf. an
der Hand kurzer Krankheitsgeschichten einige Beispiele mit. Eis will Verf., der
an dem Epileptikermateriale einer Irrenanstalt Beine Versuche anstellte, scheinen,
daß das Sedobrol nur in jenen Fällen durchaus günstig wirkt, deren Anfälle ohne
Benommenheits- oder Verwirrtheitszustände vor oder nachher einhergehen.
100) Le södobrol, par Ch. Lada me. (Annales möd.-psychol. LXXII. 1914.
Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. empfiehlt das Sedobrol als vereinfachte Toulouse -Richetsche Behand¬
lung bei Epilepsie. •
101) Versuche über die therapeutische Beeinflußbarkeit psychisch stark
alterierter Formen von Epilepsie mittels Sedobrol, von E. Oberholzer.
(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u.Psych. XXVII. 1914. H. 1.) Ref.: W.Misch.
Das Sedobrol wurde an den verschiedensten Formen von Epilepsie ein¬
gehend erprobt. Aus den Beobachtungen geht hervor, daß das Mittel bei jedem
Fall von genuiner Epilepsie, ohne Rücksicht auf Alter, bisherige Krankheitsdauer,
hereditäre Belastung und das Vorwiegen psychischer Alterationen, versucht zu
werden verdient. Auch bei organischen Epilepsieformen lassen sich ausgezeichnete
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
758
Resultate erzielen. Am stärksten und ergiebigsten wirkt das Mittel, auch bei
psychisch alterierten Formen, auf die großen Konvulsionen; läßt sich eine völlige
Beseitigung derselben nicht erzielen, so führt die Behandlung doch zum mindesten
eine Abschwächung und Milderung der Anfälle in dem Sinne herbei, daß die*
selben nicht mehr serienweise und gehäuft, sondern vereinzelt in längeren Pansen
auftreten. Auf die übrigen Formen der periodischen Erscheinungen ist die
Wirkung des Mittels im allgemeinen um so kleiner, je geringer die motorische
Komponente derselben ist, am geringsten ist die Beeinflussung der verschiedenen
Formen des Petit mal. Gleichzeitig läßt sich bei den schweren, zum Teil dementen
Fällen eine deutliche günstige Beeinflussung des psychischen Zustandes beobachten,
wahrscheinlich jedoch nur bei den Fällen, bei denen die periodisch motorischen
und die psychischen Erscheinungen in Zusammenhang miteinander stehen. Von
den psychischen Erscheinungen werden die mit den Anfällen genetisch verbundenen
Alterationen am stärksten beeinflußt, also die paroxysmalen Dämmerzustände,
Delirien und Verstimmungen; dagegen ist die Wirkung auf die selbständigen
psychischen Äquivalente etwas geringer. Auch nicht ausgesprochen periodisch
auftretende Symptome werden zuweilen gebessert; so wurde mehrmals ein förm¬
liches Wiederaufleben, eine Herabsetzung der querulanten Nörgelsucht, der früheren
Reizbarkeit und Empfindlichkeit, sowie raschere Beruhigung bei Verstimmungen
und bei affizierenden Ereignissen beobachtet.
Der Erfolg der Behandlung hängt im Einzelfalle davon ab, ob die Ans¬
schaltung der Anfälle ohne gleichzeitiges Auftreten von Stauungserscheinungen
gelingt; allerdings ist dies in der Regel der Fall, selbst bei schweren Fällen.
Die kaum vorhandene Gefahr des Bromismus kann durch Reduktion der Dosis
und Kochsalzdarreichung leicht bekämpft werden. Die Bromtoleranz ist auch bei
psychisch alterierten Formen beträchtlich, und der bei der Behandlung angewandte
Salzentzug wird gut vertragen. Unter allen Umständen ist jedoch strenges
Individualisieren geboten; am besten erreicht man durch einschleichende Behand¬
lung das Ziel, die Dosis bis zum Sistieren von Anfällen und Äquivalenten zu
steigern, ohne daß vorher schwere Bromismus* oder Stauungserscheinungen auf¬
treten. Auoh in häuslicher Behandlung läßt sich die Behandlung durchführen,
nachdem einmal die geeigneten Brom- und Chlorwerte festgestellt worden sind.
102) Epilessia © trattamento bromico-lpoolorurato, per Pellacani. (Riforma
medica. XXX. 1914. Nr. 16.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Verf. berichtet über die ausgezeichneten Resultate, die er bei 12 Epilep¬
tikern, die mittels der salzarmen Kost und des Sedobrols behandelt wurden,
beobachtet hat
103) Der Wert der Flechsig scheu Opium - Brombehandlung bei der Epi¬
lepsie, von Dr/Kellner. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 17.)
Ref.: Kurt Mendel.
Der Kranke erhält im Verlaufe von 50 Tagen tägliche Opiumdosen, die,
mit 0,05 Extr. opii 3 mal täglich beginnend, bis auf 3mal täglich 0,29 Extr. opii
hinaufgehen. Dann Übergang zum Brom, Beginn mit morgenB 1, mittags und
abends je 2 g, nach einer Woche 6 g, nach einer weiteren Woche 7 g, pro die.
Verf. hat jetzt 250 Epileptiker mit der Opium-Brom-Kur behandelt und in 25° 0
der Fälle ein Aufhören der Anfälle und jahrelanges Fortbleiben derselben erzielt.
104) Traitement de l’epilepsie saus bromure, par Cesar Juarros. (Epilepsie.
V. 1914. Fase. 3.) Ref.: Kurt Mendel.
Brom oder Hygiene beeinflussen nicht die Epilepsie selbst, sondern nur den
epileptischen Anfall, dessen Stärke und Häufigkeit vermindernd. Brom ist bei
Epilepsie nicht zu geben, da leicht schädlich, hingegen ist Hygiene anzuwenden,
da sie — im Gegensatz zu Brom — das Auftreten der Demenz hintanhält.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
759
105) Beitrag rar Therapie der Epilepsie, von Barakov. (Ljetopisi na lek.
sjezd ▼ Blgaria. 1914; ref. in Lijeöniöki Vijesnik. 1914. S. 509.) Ref.:
J. Stuchlik.
Zuerst gibt Verf. eine kurze Übersicht der bisherigen Therapie bei Epi¬
lepsie und beschäftigt sich dann eingehend mit seiner eigenen Methode, mit der
Borsäure-Epilepsiebehandlung. Er ordiniert am Beginn der Krankheit in wäßriger
Lösung 2 g Borsäure pro die, morgens und abends je zu 1 g. Nach 2 Tagen
gibt er 3 g pro die, nach weiteren 3 Tagen 4 1 /* g, am 15. Tage der Behand¬
lung erhöht er die Tagesdosen auf 5 g und verbleibt dabei noch 14 Tage.
Andere Medikamente gibt er zugleich keine; salzarme Kost. Bei jüngeren Fällen
erzielte er auf diese Art und Weise eine beträchtliche Besserung des Zustandes,
Verminderung der Anfällezahl, event vollkommene Heilung; bei veralteten Epi-
lektikern blieb diese Therapie erfolglos. Im ganzen will er in etwa 75°/ 0 seiner
Fälle günstige Resultate beobachtet haben.
100) Lnminalbehandlung bei Epilepsie, von A. Kutzinski. (Monatsschrift f.
Psych. u. Neurol. XXXVL 1914. H. 2.) Ref.: Bratz (Dalldorf).
Die Behandlungsweisen der Epilepsie haben durch Einführung des Luminal
wirklich, wie der sonst in diesem Punkte kühle Berichterstatter zugeben muß,
eine Bereicherung, wenn auch noch kein Allheilmittel erfahren. Wie man Luminal
im Einzelfalle mit anderen Mitteln zusammen anwendet, muß m. E. künftig noch
durch Versuche klargestellt werden. Jedenfalls möchte ich auf die wohl gegrün¬
deten, auf der Bonhoefferschen Klinik gesammelten Erfahrungen des Verf.’s
aufmerksam machen, der zu folgenden Ergebnissen kommt:
1. Luminal wirkt in Fällen von genuiner Epilepsie bei täglicher Verab¬
folgung und bei einer Dosis von 0,15 und 0,3 pro die, je nach der individuellen
Reaktion schwankend, in der Weise, daß die Zahl der Anfälle schwindet oder
auf ein Minimum sinkt;
2. in Fällen von infantiler Epilepsie soheint diese Wirkung weniger häufig
zu sein;
3. schädliche, besonders kumulierende Nebenwirkungen sind trotz monate¬
langer Behandlung nicht beobachtet worden;
4. bei Aussetzen des Mittels treten die Anfälle sofort oder nach einem mehr¬
tägigen Intervall in alter Form wieder auf;
5. die psychischen Störungen der Epilepsie werden durch Luminal nicht be¬
einflußt.
107) Weiterer Beitrag rar Luminalbehandlung der Epijepaie, von H. Grabi.
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 31.) Ref.: fl. Tobias (Berlin).
Verf. berichtet zunächst über gute Erfolge, die in d^m Sanatorium Hoppe¬
garten in Fällen von Epilepsie mit regelmäßig fortgesetzten kleinen Dosen von
0,2 bis 0,3 Luminal pro die erzielt worden sind. Die Behandlungsdauer betrug
meist 4 bis 5 Monate. Der Erfolg bestand in einer erheblichen Besserung in der
Zahl und Stärke der Krampfanfälle und besonders im psychischen Befinden, ein
vollkommenes Ausbleiben der Anfälle wurde nicht beobachtet. Bemerkenswert
ist ein ausführlich geschilderter Einzelfall, der Fall eiaes Patienten, der vor
2 Jahren zuerst häufig und seit l 1 /, Jahren dauernd täglich 0,3 Luminal, morgens
0,1 und abends 0,2, erhalten hat. Das körperliche Befinden des Patienten, bei
dem die epileptischen Anfälle seltener geworden sind, ist, trotzdem Patient an
einer Nierenerkrankung leidet, recht gut gewesen und hat sich sogar gebessert;
im Verhalten ist ein enormer Umschwung eingetreten, so daß der Kranke, der
sich eine Last und anderen eine stete Beunruhigung war, jetzt ein ganz erträg¬
liches Leben zu führen imstande ist.
108) Die Wirkung des Lumlnals bei epileptfsoher Demenz, von W. Grzy wo-
Dybrowski. (Mon. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Ref.: Bratz.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
760
Verf. kommt bei seinen Behandlung versuchen an Epileptikern zu folgendem
Urteil über Lumin&l:
Das Luminal übt eine große therapeutische Wirkung ans, indem die Zahl
der epileptischen Anfälle, sogar bei Fällen von jahrzehntelanger Krankheitsdauer
mit weit vorgeschrittener Demenz, abnimmt; auf den psychischen Zustand hat das
Luminal in kleinen Gaben keine Wirkung.
Besonders gut wirkt das Luminal bei angeborener oder erworbener Demenz
mit epileptiformen Anfällen.
Wie bisher können keine Kontraindikationen für die Luminaltherapie an¬
gegeben werden: Komplikationen traten, solange die Gabe nicht zu hoch war,
nicht auf.
100) Über den Einfluß einer wirksamen Epilepsiebehandlung auf die
Psyohe der Epileptiker, von Minna Ghristinger. („Epilepsia“. V.
1914. Fase. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Auf eine Unterdrückung der Anfälle durch eine wirksame Epilepsiebehand¬
lung reagieren die komplizierten Epilepsien ungünstig, d. h. diejenigen Fälle, bei
denen neben epileptischen Anfällen noch neurotische oder psychotische Symptome
bestehen. Diese Erfahrungen erklären wahrscheinlich auch die Tatsache, daß in
den Irrenanstalten, wohin gewöhnlich nur die schwersten Fälle gebracht werden,
therapeutische Erfolge so schwer zu erzielen sind.
In der weitaus größten Mehrzahl der Fälle übt die Unterdrückung der epi¬
leptischen Anfälle eine günstige Wirkung auf die psychische Konstitution der
Kranken aus. Bei einer Anzahl von komplizierten Epilepsien ruft aber eine
Unterdrückung der motorischen Entladung psychische Krankheitszustände entweder
hervor oder sie verschlimmert schon vorhandene Symptome, während eine ge¬
eignete Regulierung der Anfälle eine relativ günstige psychische Verfassung be¬
wirken kann.
110) Zur Behandlung der Epilepsie und verwandter nervöser Leiden, von
R. Topp. (Fortschr. d. Medizin. 1914/15. Nr. 34/35.) Ref.: K. Boas.
Empfehlung des „Pulvis antiepilepticus Dr. Weil“, chemisch „Hämoglobin-
Eisenalkalibromid“ von der Zusammensetzung:
Hämoglobin
5%
Aoid. album.
5 „
Fe
4 „
Kal. bromat.
26 „
Natr. bromat.
54 „
Enzianbitterstoffe
6 „
bei Epilepsie und verwandten nervösen Erkrankungen. — Einschlägige Kranken¬
geschichten werden mitgeteilt.
Bei genuiner Epilepsie empfiehlt Verf. Spasraon Dr. Heinrich-München.
Von Dr. Weils Nervenpulver gibt Verf. 3 bis 4 Pulver täglich oder er
kombiniert es zu 1 bis 2 Pulvern mit 1 bis 2 Eßlöffeln Spasmosan pro die.
111) Experienoe wlth crotalin at the Oakbourne epileptto oolony, by
N. S. Yawger. (Journ. of the amer. med. Asboo. LXIL 1914. Nr. 20.)
Ref.: W. Misch.
Das Resultat bei seohs mit Krotalin behandelten Fällen von idiopathischer
Epilepsie war sehr ungünstig: bei zwei Patienten war die Behandlung ohne jeden
Einfluß, zwei verschlimmerten sich unter der Behandlung; ein Fall wies so heftige
toxische Symptome auf, daß die Behandlung abgebrochen werden mußte, und einer
starb 2 1 / s Monate nach der Behandlung.
112) Über den Einfluß der Sohutzimpfungen gegen Lyasa auf den Verlauf
der Anfälle bei Epilepsie, von M. Ni kitin. (Münchener med. Wochenschr.
1914. Nr. 28.) Ref.: W. Alexander.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
761
Bei einer Patientin bestehen seit 11 Jahren häufige epileptische Anfalle,
die anf Brom auf einen Anfall pro Woche zurückgehen. Nachdem die Kranke
von einem tollen Hund gebissen und mit Schutzimpfung behandelt wurde, ist sie
jetzt seit 22 Jahren anfallsfrei. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß der psychische
Einfluß wirksam war, weil so etwas bei Epilepsie kaum vorkommt. Wenn man
also nicht einen Zufall annehmen wollte, konnte man entweder das Lyssavirus
oder die bei der Impfung eingeführte Emulsion des Kaninohenrückenmarks als wirk¬
sames Agens ansehen. Die Versuche des Verf.’s an Epileptikern mit Injektion
von normalem Kaninchenrückenmark fielen vollkommen negativ aus. Die Impfungen
mit Lyssavirus, wie es zur Tollwutimpfung verwandt wird, ergab bei 10 Fällen
in mehr als der Hälfte der Beobachtungen eine starke Wirkung auf die Anfälle,
und zwar eine viel mächtigere als die Brombehandlung. Der Effekt äußerte sich
nicht sofort. Einem Stadium der Latenz, in dem die Frequenz der Anfälle sich
nicht ändert, folgt ein Stadium gehäufter Anfalle. Ohne dies Stadium trat nie
Besserung oder Heilung ein. Der Mechanismus der Beeinflussung ist ganz unklar.
Zwei Umstände sind zu berücksichtigen: einmal, daß sich die Tatsachen immer
mehr häufen, die auf eine Umänderung im Stoffwechsel bei der genuinen Epilepsie
hinweisen; und zweitens, daß das Impfmaterial, das sich hier gegen die Epilepsie
bewährt hat, bei einer anderen Erkrankung, der Hydrophobie, wirkt, die meistens
den Charakter einer Krampfform hat und eine gewisse klinische Ähnlichkeit mit
der Epilepsie aufweist.
113) Erfahrungen über die operative Behandlung der genuinen und trau-
matisohen Epilepsie, von Weispfenning. (Beitr.z.klin.Chirurgie. XCII.)
Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
Bericht über sämtliche von Kümmell im Krankenhaus Eppendorf in Ham¬
burg operierte Fälle. Von 31 Fällen genuiner Epilepsie wurden 3 geheilt, 5 ge¬
bessert, 13 blieben unbeeinflußt, 2 sind nach der Operation gestorben, 8 zu kurze
^eit beobachtet, bzw. nicht nachüntersucht. 33 mal wurde die Trepanation aus¬
geführt, dabei die Dura 26 mal exzidiert und 7 mal durch Faszien, Fett¬
lappen usw. ersetzt.
Ferner wurden operiert 11 Fälle von traumatischer Epilepsie; von diesen 11
wurde nur 1 geheilt und 1 gebessert, ein Beweis, daß die Chancen bei der
traumatischen Epilepsie keineswegs besser sind, wie bei der genuinen. In den
beiden mit Erfolg operierten Fällen wurde eine Rindenexzision gemaoht. Die
Dura wurde stets exzidiert und 3 mal durch Faszie, 1 mal durch einen Fettlappen
ersetzt. Bei 3 traumatischen Hirnzysten bildete sich trotz Eröffnung und Ent¬
leerung die Zyste wieder, so daß eine zweite Trepanation erforderlich wurde.
Alle diese unbeeinflußt gebliebenen Fälle bestanden schon seit einer langen Reihe
von Jahren (16 Jahre und darüber).
114) Twenty-first annual report of the managers and offloers of the Oraig
Oolony for Epileptics Sonyea, Livingston County, N. Y. (Albany J. B.
Lyon Company, Printers, 1916.) Ref.: Bratz (Dalldorf).
Der vorliegende 21. Jahresbericht der Craig Colony des Staates New York
für Epileptische mag die Aufmerksamkeit' der Epileptologen auf dieses Institut
leiten, welches in praktischer Fürsorge und wissenschaftlicher Arbeit den besten
Epileptikeranstalten gleichwertig ist.
Die Gesamtzahl der Patienten beträgt über 1400, und während bisher aus¬
gesprochen geisteskranke Epileptische von der Behandlung ausgeschlossen waren,
werden neuerdings Häuser auch für solche hinzugebaut.
In dem Bericht finden sich auch sorgfältige Sektionsberichte des patho¬
logischen Anatomen der Anstalt, Dr. Munson.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
762
Psychiatrie. — Dementia praecox.
115) Beiträge zur somatischen Symptomatik und Diagnostik der „Dementia
praecox“, von J. H. Schultz. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXYIL
1915. H. 4.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. gelangt zu folgenden Ergebnissen:
1. In Übereinstimmung mit den Daten der experimentellen Pathologie und
Physiologie findet sich Adrenalin-Mydriasis nicht selten bei organischen Hirn«
affektionen.
2. Reine Fälle von Neurosen und „funktionellen“ Psychosen, außer Dementia
praecox, zeigen keine Adrenalin-Mydriasis.
3. Bei Dementia praecox findet sich in etwa 50°/ o sehr deutliche, in etwa
15°/ 0 fragliche, etwa 15 °/ 0 negative Adrenalin-Mydriasis. Etwa 15°/ 0 zeigen auf
Adrenalin Pupillenverengerung: „paradoxe Reaktion“, besonders bei vorher mäßig
weiten Pupillen.
4. Es besteht keine eindeutige Beziehung der Adrenalin-Mydriasis zu sympto¬
matischen Bildern und zum Verlaufe der Dementia praecox; oft hält die Mydriasis
auffallend lange (tagelang) an.
5. Die einseitige Prüfung auf Adrenalin-Mydriasis, unter Kontrolle der anderen
Pupille und in technisch einwandfreier Weise ausgeführt, ist eine einfache, ge¬
fahrlose klinische Methode, die anscheinend praktisch von Interesse ist.
6. Das Blutserum Dementia praecox-Kranker zeigt im Laewen-Trendelen-
burgschen Präparate auffallend niedrige Werte.
7. Der Liquor cerebrospinalis von organischen Hirnaffektionen und „funktio¬
nellen“ Psychosen (Dementia praecox, Manie) enthält unabhängig vom Eiweißgehalt
erhebliche Mengen gefäßverengernder Substanzen im Laewen-Trendelenbnrg-
schen Versuche (Hypophyse?).
8. Die neueren somatischen Befunde bei Dementia praecox weisen überein¬
stimmend dieser Krankheitsgruppe eine Sonderstellung gegenüber rein „funktio¬
nellen“ Psychosen an; zu einer einheitlichen Theorie genügen sie nicht.
9. Versuche zur Darstellung einer Cutireaktion bei Dementia praecox sind
bisher erfolglos geblieben.
116) Die Frühsymptome der Sohizophrenie ln ihren Beziehungen zur
Kriminalität und Prostitution der Jugendlichen, von Stelzner. (Allg.
Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Die Schizophrenie drängt bereits in ihren Frühformen das jugendliche Weib,
wie keine andere Erkrankung, in die Bahn der Prostitution. Bei der Kriminalität
der Frühformen spielt weniger eine eigentliche Charakterveränderung, als ein in¬
folge Nachlassens von Hemmungen unverhülltes Hervortreten übler Anlagen die
Hauptrolle. Daher richtet sich die Schwere der antisozialen Handlungen nach
dem Grundcharakter des betreffenden Individuums, während die Art der schizo¬
phrenen Kriminalität von dem gegenwärtigen Zustandsbild, je nachdem intellek¬
tuelle Störungen, Affektkrisen usw. zur Geltung kommen, abhängig ist. Eine
kurzdauernde psychiatrische Untersuchung jugendlich krimineller und mindeijähriger
Prostituierter reicht selten aus, die ersten Anzeichen der Schizophrenie einwand¬
frei zu diagnostizieren; daher muß besonderes Gewicht auf das Feststellen gewisser
Frühsymptome gelegt werden, die die Erkrankung wahrscheinlich machen und zu
weiterer Beobachtung auffordern. Zu diesen Frübsymptomen gehören gewisse Er¬
scheinungen der Körperhaltung und Mimik, eigenartige Intelligenzstörungen, di«
sich durch Ungleichmäßigkeit der Leistungen im Neben- und Nacheinander, Ver¬
langsamung der geistigen Prozesse und ihres sprachlichen Ausdruckes, Entgleisungen
beim Reden und Schreiben usw., sowie durch affektive Störungen, wie plötzlichen,
unmotivierten Stimmungswechsel, Affektlosigkeit, bypomanische oder depressive
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
763
Grundbilder usw. äußern. Anamnestisch wichtig ist das plötzliche Nachlassen der
Arbeitslust und Arbeitsfähigkeit, sowie allgemein der intellektuellen und ethischen
Leistungen. Die wichtigsten Behelfe zur Diagnose bilden die Akten, die lange
LebensBtrecken besonders in Richtung der Erziehungs- und Strafurteile beleuchten.
Verf. weist darauf hin, wie wichtig es ist, der Schizophrenie Verdächtige
sofort einer Dauerbeobachtung zu unterziehen und speziell die Prostituierten, die
bei Schizophrenie gegen alle Besserungsversuche refraktär sind, sofort psychiatri¬
scher Überwachung in geeigneten Anstalten zuzuführen, da sie vollkommen Schiff¬
bruch leiden.
117) Note on the Inoidenoe of Status lymphatious in dementia praecox, by
H. Emerson. (Arch. of int. Medec. XIV. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch.
Unter 208 beobachteten Fällen von Dementia praecox fanden sich 29,3 °/ 0
mit typischen Anzeichen des Status lymphaticuB, ein Prozentsatz, der höher ist
als der bei chronischem Alkoholismus und chronischer Narkotikumvergiftung
(22 °/ 0 ).
118) The olinioal signifloance of katatonio Symptome, by H. Devine. (Journ.
of mental Science. 1914. April.) Ref.: W. Misch.
Im Anschluß an die Mitteilung zweier Fälle geht Verf. auf das Vorkommen
katatonischer Symptome bei verschiedenen Geisteskrankheiten ein. Aus seinen
Beobachtungen schließt er, daß katatonische Erscheinungen bei einer großen Zahl
von Geistesstörungen Vorkommen, und daß sie nicht unbedingt eine Verschlimmerung
des Krankheitsverlaufs bedeuten. Akute Verwirrongszustände sind insofern von
wichtiger prognostischer Bedeutung, als sie eine spätere Demenz anzeigen. Im
ganzen ist in Betracht zu ziehen, daß eine Prognose nicht immer auf rein sympto-
matologi8cher Basis zu stellen ist, daß vielmehr das Auftreten gewisser Symptome
in weiten Grenzen von der ganzen Persönlichkeit abhängig ist, und daß ihre
Bewertung stets mit Rücksicht auf die Reaktionsart und den psychischen Zustand
des betreffenden Individuums zu geschehen hat.
119) Los orises des demente pröooces, par Halberstadt et Legrand. (Rev.
de Psychiatrie. 1914. Nr. 4.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.).
In dem mitgeteilten Fall handelt es sich um eine Patientin, die seit dem
16. Lebensjahre jährlich einige Monate an Anfällen litt, die nach der Schilderung
einen hysteriformen Charakter tragen. Im Alter von 32 Jahren trat eine Psychose
mit Verfolgungsideen, Angst usw. auf, die jetzt nach 18monatiger Beobachtung
deutliche Tendenz zur Verblödung zeigt; die Anfälle werden seltener und weniger
ausgesprochen.
120) Zar Kenntnis symbolähnlioher Bildungen im Rahmen der Schizo¬
phrenie, von P. Schilder und H. Weidner. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
u. Paych. XXVI. 1914. S. 201.) Ref.: W. Misch.
Auf Grund eines ausführlich beschriebenen Falles von Schizophrenie kommen
die Verff. zu dem Schluß, daß die von Freud, Jung und Bleuler beschriebenen
symbolähnlichen Bilder nicht immer konstruiert, sondern Tatsachen sind. Folgende
Tatsachen werden aus der Analysierung dieses Falles zusammengestellt: Es gibt
symbolähnliche Bilder im Rahmen der Schizophrenie. Symbolähnliche Bilder Bind
solche, welche ihrer Struktur nach zu einem Zerfall in Symbol und Symbolisiertes
tendieren. Es wurden Tatsachen gefunden, die zwanglos als psychische Zensur
bezeichnet werden konnten. Sexuelle Vorstellungen scheinen jedenfalls besonders
häufig syrabolähnliche Vorstellungen einzugehen. Die sogen. Verlegung nach oben
war in diesem Falle zweifellos vorhanden.
121) Lea etats de loquacite dans la demence preooce, par Paul Guiraud.
(Annales medico-peycholog. LXXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Dementia praecox führt meist zur Wortkargheit oder zum Mutismus.
Es kommt aber auch zur Logorrhoe. Die Geschwätzigkeit dieser Kranken unter*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
764
scheidet sich von derjenigen der Paralytiker und senil-Dementen. Der Dementis
praecox-Kranke ist, ohne seinem Wort einen Sinn btfizumessen, durch den Klang
der. Worte berauscht, er scheint ein Vergnügen am Sprechen zu empfinden, er
hört sich gern reden. Der Paralytiker stößt hingegen stundenlang die gleichen
Töne aus; der senil-Demente wiederholt unaufhörlich die gleichen bedeutungslosen
Sätze.
122) La valeur du „Symptome des reponses absurdes“ en psyohlatrie
milltaire, par A. Hesnard. (Arch. de möd. et de pharmacie navales. CL
1914. Nr. 6.) Ref.: K. Boas.
Verf. macht auf die Wichtigkeit des Ganser sehen Symptoms für die foren¬
sische Militärpsychiatrie, besonders in Fällen von Dementia praecox, aufmerksam.
Der Verf. macht besonders auf das isolierte Vorkommen des Ganserschen
Symptoms als Frühsymptom einer Katatonie aufmerksam. Er spricht dabei von
„syndröme de la fausse Simulation“. Ein derartiger Fall wird ausführlich mit¬
geteilt: scheinbar intakter geistiger Zustand, keine charakteristischen psycho¬
pathischen Merkmale, Gansersches Symptom mit manchmal richtigen, manchmal
blödsinnigen Antworten, Unbeeinflußbarkeit durch die Umgebung und Negativismus.
In diesem Fall war das syndröme de fausse Simulation das erste Anzeichen einer
Dementia praecox. Von Simulation, an die in solchen Fällen oft gedacht werden
könnte, kann gar keine Rede sein.
123) Über frühes Auftreten von Dementia praeoox mit Bemerkungen über
Pfropfhebephrenie, von L. Weddige. (Inaug.-Dissert. Greifswald 1914.)
Ref.: K. Boas.
In dem Falle des Verf.’s — einen 12jährigen Jungen betreffend — handelte
es sich nach der Entwicklung, der Beobachtung und dem Zustandsbild um eine
typische Hebephrenie, die sich in die Kategorie der Pfropfhebephrenien einreiht
Außerdem bot der Fall des Verfi’s noch das besondere Interesse, daß hier gleich¬
zeitig auch noch eine Dementia praecocissima (infantilis nach Heller. Ref.)
vorlag. Endlich war noch der Umstand bemerkenswert, daß es sich um eine sehr
frühzeitige Pubertätsentwicklung handelte.
124) Über hysterische Psychosen und deren Differentialdiagnose gegenüber
der Dementia praecox, von E. Naundorff. (Inaug.-Dissert Kiel 1914.)
Ref.: K. Boas.
Ein 28jähriger Untersuchungsgefangener bot sowohl katatonische als auch
hysterische Symptome dar. An ersteren bestanden Negativismus, bizarres umi
maniriertes Wesen, Stereotypien. An letzteren zeigte er „affektbetonte“ Vor¬
stellungskomplexe, totale Analgesie, „ärmelförmige“ und „hosenbeinförmige“ Hyp-
ästhesie, Vorbeireden, unsinniges Antworten und einen gewissen Grad von „Pueri¬
lismus“ (Sträussler). In Würdigung all dieser Symptome gelangt Verf. zu der
Diagnose einer hysterischen Situationspsychose (Stern), ohne daß jedoch eiue
Katatonie völlig auszuschließen wäre. Der weitere Verlauf der Erkrankung be¬
stätigte die Diagnose und spricht für Sterns Ansicht, daß man die Diagnose
„Situationspsychose“ auch dann stellen soll, wenn deutliche katatonische Symptome
vorhanden sind und auf die Diagnose Dementia praecox hindeuten.
126) La dömenoe preoooe ä evolution ciroulaire, par M. Halberstadt. (Re?,
de psychiatr. 1913. September.) Ref.: W. Misch.
Im Gegensatz zu Urstein, der das manisch-depressive Irresein nicht als ein¬
heitliche Erkrankung, sondern als periodische Form der Dementia praecox auf*
fassen will, betont Verf. die Art der manisch-depressiven Anfälle als charakte¬
ristischer für die Erkrankung als ihre Periodizität. Charakteristisch für diese
Erkrankung sind die Syndrome von motorischen, Intelligenz- und Affektsymptomen.
dagegen findet sich periodisches Auftreten von manischen und depressiven Zu¬
ständen nach Magnan auch bei Degenerierten. Bei den intermittierenden Formec
Digitized by
Go .gle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
765
der Dementia praecox andererseits, die Eraepelin in der zirkulären, periodischen
nnd in der katatonischen Form unterscheidet, herrschen doch die für diese Er¬
krankung charakteristischen Symptome so vor, daß man höchstens zu den bekannten
drei Hauptgruppen der Dementia praecox noch als vierte eine intermittierende
Form hinzufügen, niemals aber dieselbe mit dem manisch-depressiven Irresein in Zu¬
sammenhang bringen könnte. Ein gemeinsames Auftreten von manisch-depressivem
Irresein und Dementia praecox ist praktisch außerordentlich selten.
120) Ein durch seinen Verlauf und seine Sp&tgenesung beachtenswerter
Fall von Katatonie, von K. Frommer. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u.
Psych. XXV. H. 1 u. 2.) Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Krankheitsgeschichte eines 65jährigen Mannes, der bis ftum 62. Lebensjahre
an einer Katatonie litt, in den letzten 3 Jahren aber keine katatonen Krankheits¬
erscheinungen mehr bietet, wohingegen in dieser Zeit arteriosklerotische Verände¬
rungen deutlich hervortraten. Einen Ende 1912 aufgetretenen, kurz dauernden ängst¬
lichen Verwirrtheitszustand mit Halluzinationen glaubt Verf. auf die Arteriosklerose
beziehen zu müssen. Verf. spricht die durch die Arteriosklerose gesetzten Ver¬
änderungen in der Ernährung der einzelnen Organe sowie im Gesamtstoffwechsel
als auslösendes Moment für die Spjitheilung an.
127) Todesursachen schizophrener Frauen, von M. Schröder. (Zeitschr. f.
d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: G. Stieflör.
Von 2093 Frauen, die vom Juni 1889 bis zum 1. April 1913 in die Provinzial¬
heilanstalt zu Lauenburg in Pommern aufgenommen worden sind, sind bis zum
August v. J. 606 gestorben, 200 hiervon litten sicher an Schizophrenie. Die
häufigste Todesursache ist die Tuberkulose, die 67 °/ 0 bei allen schizophrenen Ver¬
storbenen beträgt. An den bisherigen geringen Erfolgen der Tuberkulosebekämpfung
ist sicherlich die Schwierigkeit frühzeitiger Erkennung der Tuberkulose bei der
Schizophrenie schuld, die darauf beruht, daß sich die Kranken gern der Beob¬
achtung entziehen und jeder körperlichen Untersuchung widerstreben. Regelmäßige
Wägungen und Temperaturmessungen sind ein wichtiges Hilfsmittel zur früh¬
zeitigen Erkennung. Die Tuberkulose bietet bei Anstaltsaufenthalt fast durchweg
sehr ungünstige Heilungsaussichten, und ist daher nach Möglichkeit die baldige
Entlassung aus der Anstalt anzustreben.
Nächst der Tuberkulose kommt bei den Schizophrenen als wesentliche und
charakteristische Todesursache nur noch der Marasmus in Betracht, der als eine
direkte Folge der Schizophrenie anzusehen ist, und zwar zeigen die katatonen
Formen einen frühzeitigen Verfall, die hebephrenen und paranoiden Kranken ein
später eintretendes und länger dauerndes Siechtum.
128) Over de behandoling van Dementia praecox, door N. J. Lern ei. (Ned.
Tijdschr. v. Geneesk. II. 1914. Nr. 4.) Ref.: Taco Kuiper (Castricum).
In diesem — nach seinem Tode erschienenen — Aufsatze wendet sich Verf.
gegen die Auffassung, daß ein untätiges Verhalten bei dieser psychischen Er¬
krankung gerechtfertigt sei. 12 Fälle wurden mittels Schilddrüsenextrakts bzw.
Schilddrüsentabletten von Borroughs, Wellcome Co. behandelt. Die Erfahrungen
erstrecken sich über 6 Jahre. In 11 von diesen 12 Fällen wurde eine so weit¬
gehende Besserung erreicht, daß die Patienten (meistens Frauen) gänzlich imstande
waren, in ihre Familie zurückzukehren und zu arbeiten. Verf. weist auf die Not¬
wendigkeit hin, die Therapie in den ersten Stadien der Krankheit einzuleiten und
nicht wegen Mangels an schnellem Erfolge vorzeitig einzustellen. Ein Fall blieb
während 5 Jahre geistig gesund, erlitt alsdann ein Rezidiv, heilte in 6 Monaten
und blieb Seitdem während l*/ 4 Jahr in ausgezeichneter geistiger Gesundheit
3 Fälle sind jetzt 4 Jahre, 3 Fälle 3 Jahre, 4 Fälle ungefähr 2 Jahre als ge¬
heilt zu betrachten. Verf. sah von einer Steigerung der Pulsfrequenz bis 120
keinen Schaden.
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
766
Forensische Psychiatrie.
129) Die Mendelsohen Vererbungsgesetze und ihre Bedeutung für die
Kriminalistik, von H. Fehl in ge r. (H. Gross’ Archiv f. Krimi nalan thro-
pologie u. Kriminalistik, LXI. 1915. S. 180.) Ref.: K. Boas.
Verf. gibt eine kurzgefaüte Darstellung der Mendelschen Vererbungsgesetze,
wobei er besonders das Verhältnis der dominanten zu den rezessiven Merkmalen,
die Spaltungsregeln sowie die selbständige Vererbung der einzelnen Merkmale
erörtert.
Verf. weist nun auf die Anwendung der Mendelschen Gesetze in der Krimi¬
nalistik hin. In dieser Beziehung kommt für Legitimationsfragen die Reinheit
der rezessiven Merkmale in Betracht, ferner die Tatsache, daß sich nicht allein
normale körperliche Merkmale nach den Mendelschen Gesetzen vererben, sondern
ebenso körperliche und geistige Abnormitäten (im besonderen geistige Defekte,
die am häufigsten Anlaß zu verbrecherischen Handlungen geben). Es gibt Familien,
in denen verbrecherische Neigungen häufig Vorkommen, und andere, in denen diese
selten sind. Für erstere kann man annehmen, daß diese die Dominante bedeutet,
für letztere, daß sich die Abnormität rezessiv verhält und nur dann wieder äußert,
wenn ein Nachkomme von beiden Eltern her die defekte Anlage erbt. Würde
man wissen, welch abnorme Anlage sich rezessiv verhält, so könnte man möglicher¬
weise durch Verbot einer Heirat mit bestimmten Personen dem Wiederauftreten
der Vererbung Vorbeugen. Sollte demnach in entarteten Familien die Kreuzung
mit nicht entarteten Personen die Defekte zum Verschwinden bringen oder
wenigstens seltener machen, so könnte man darin eine Äußerung der Dominanz¬
regel erblicken. In Familien mit häufigerem Auftreten einer verbrecherischen
Neigung, wo sich also die Abnormität dominant verhält, kann man annehmen,
daß die Belasteten neben ihren defekten noch normale Anlagen besitzen (Hetero-
zygoten), sowie daß die Kreuzung vorwiegend mit normalen Personen stattfindet,
so daß voraussichtlich nur die eine Hälfte der Nachkommen normal, die andere
defekt veranlagt sein wird. Von letzteren wird dann auch wohl nur bei einem
Teile die defekte Veranlagung von ihnen zum Vorschein kommen, was allerdings
ein Eingreifen im Sinne der Eugenik erschwert
Verf. stellt die Forderung auf, man solle möglichst viel Feststellungen von
vorkommenden schweren geistigen und körperlichen Defekten in Verbrecher¬
familien mit größter Genauigkeit vornehmen, um weitere Grundlagen zu schaffen,
auf denen zielbewußt der Vererbung von verbrecherischer Anlage vorgebeugt
werden könne.
130) Vergleichende Untersuchungen über die Tätowierung bei Normalen,
Geisteskranken und Kriminellen, von Karl Gotthold. (Sommers Klinik
f. psychische u. nervöse Krankh. IX. 1914. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. untersuchte 12 Normale, 47 Geisteskranke und 16 Kriminelle. Aus
diesen Untersuchungen ergab sich folgendes:
1. Die Tatsache, daß man bei Geisteskranken und Kriminellen häufiger Täto¬
wierte findet, beruht weniger auf einer inneren Veranlagung, als auf äußeren
Umständen (Gelegenheit, Nachahmung, Verführung).
2. Man muß infolgedessen mit der psychologischen, namentlich kriminal-
psychologischen Wertung eines diesbezüglichen Befundes äußerst vorsichtig sein.
3. Gerechtfertigt ist höchstens der Schluß auf eine gewisse Eitelkeit, Reno-
miersucht und rohsinnliche Veranlagung des Trägers, die sich jedoch bei Normalen
sowohl wie bei Geisteskranken und Kriminellen in gleicher Weise vor findet.
4. Hinsichtlich der bevorzugten Muster finden sich bei Normalen, Geistes¬
kranken und Kriminellen keine tiefgreifenden Unterschiede.
5. Aus dem Vorhandensein vieler Tätowierungen auf dem Körper eines In-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
767
dividuums darf man einerseits auf eine gewisse Hypalgesie, andrerseits puf eine
psychische Hemmungslosigkeit des Betreffenden schließen, wie sie namentlich
charakteristisch ist für Schwachsinnige.
6. Tätowierungen bei Frauen verraten stets eine gewisse sittliche Yer-
kommenheit.
Haben die Tätowierungen somit keinen großen psychologischen Wert, so
können sie doch unter Umständen dem Praktiker, namentlich dem Kriminalbeamten
und auch dem Gericbtsarzt, bei der Identifizierung einer bestimmten Persönlichkeit
dienlich sein, zumal das Entfernen von Tätowierungen sehr schwierig ist.
Die Vorschläge der Zwangstätowierung von Verbrechern begegnet fast all¬
gemeiner Ablehnung.
131) Psychiatrische Untersuchungen in der niederösterreiohisohen Zwangs»
arbeitsanstalt Korneuburg, von E. Bischoff und E. Lazar. (Jahrb. f.
Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. Wagner v. Jauregg-Festschrift.) Ref.:
Kurt Mendel.
Im ganzen wurden 224 Menschen untersucht, um die äußeren oder inneren
Ursachen der Dissozialität, des sozialen Verfalles beim einzelnen Individuum klar¬
zulegen. Die Unfähigkeit, sich in ein soziales Getriebe einzufügen, geht in der
Regel von einer besonderen psychischen oder physischen Eigenschaft des Indivi¬
duums, eventuell von äußeren Umständen aus; bei eventueller Konkurrenz mehrerer
Momente tritt das eine oder das andere so deutlich hervor, daß man leicht nur
eines als das primäre, alles andere als das sekundäre auffassen kann. Bei gleichen
Ursachen und ähnlicher Veranlagung treten auch gewisse Regelmäßigkeiten in der
Art des sozialen Verfalles, der Kriminalität und der Beeinflußbarkeit auf, die die
Zusammenfassung zu bestimmten Gruppen rechtfertigen. Die Verff. unterscheiden:
I. Körperliche Erkrankung (10°/ 0 ). Die Dissozialität dieser Gruppe und
ihre Kriminalität ist lediglich sekundärer Natur; auch die Unverträglichkeit, die
Schwierigkeit, sie in Anstalten zu disziplinieren, dürfte auf die so vielen körperlich
Kranken eigentümliche Reizbarkeit zurückzuführen sein.
II. Verwahrlosung (über 20°/ 0 ). In dieser Gruppe findet man viel verhaltenen
Zorn, eine Auflehnung gegen die Gesellschaftsordnung, die sich aus ihrem Wesen,
aus ihrer psychischen Beschaffenheit nicht erklären läßt. Möglicherweise handelt
es sich vielfach um Reste von Kindheitsverstimmungen, die mit der unglücklichen
Jugend, mit den Entbehrungen in der Kindheit, Mißhandlungen u. ähnl. im Zu¬
sammenhang stehen. Gerade bei diesen Menschen, hauptsächlich bei den jüngeren
von ihnen, ließe sich sehr vieles psychotherapeutisch bessern.
III. Neuropathische Konstitution. Als Wurzel der Dissozialität ist in dieser
Gruppe die nervöse Erkrankung anzusehen, die sich hauptsächlich in einer starken
Stimmungslabilität äußert. Diese führt zu Zornausbrüchen, zu Widersetzlichkeit,
schließlich zur Arbeitslosigkeit und Kriminalität.
IV. Stimmungsanomalien: Hyperthymie (keine Besserung Pur die Dauer; die
Dissozialität kann periodisch zu verschiedenen Zeiten eintreten) und Depression
(schwere Form von Verbrechern, keine Besserung wegen der außerordentlich
schweren Beeinflußbarkeit und des Ungeeignetseins der heutigen Erziehungsanstalten
für solche Kranke).
V. Angeborener moralischer Defekt; zu dieser Gruppe gehören durchaus ver¬
hältnismäßig kleine Menschen mit gedrungenem Körperbau (? Ref.), außerordent¬
lich kräftigem Knochenbau, tadellosem Gebiß, sehr kräftiger, sehniger Muskulatur,
fast vollkommener Unempfindlichkeit gegen Nadelstiche, verhältnismäßig schwach
entwickelten Geschlechtsorganen. Dieser Gruppe von Menschen ist wohl auf keine *
Weise beizukommen.
VL Wandertrieb. Diese Gruppe ist vollkommen unverbesserlich.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
768
VII. Schwachsinnige. Der Beginn der Dissozialität geht in der Regel weit
zurück, manchmal bis in die Kindheit; die Belastung ist fast immer eine schwere^
die Sexualität eine abnorme. Die Verwahrung in der Zwangsarbeitsanstalt ist
völlig zweckmäßig.
VIII. Psychosen. Beginn der Dissozialität meist sehr früh, Potatorinm viel¬
fach sehr stark entwickelt. Die Menschen dieser Gruppe sind in einer Zwange-
arbeitsanstalt richtig untergebracht, ihnen ist mit einer geregelten Beschäftigung
unter psychiatrischer Aufsicht am meisten gedient.
132) über Psychoanalyse in gerichtsärztlioher Beziehung, von J.H.Schnitz.
(MonatsBchr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 4.) Ref.: Bratz.
Verf. gibt unter Beiziehung einer ungeheuren Literatur eine Darstellung der
Psychanalyse vom gerichtsärztlichen Standpunkte und kommt zu dem Schlüsse,
daß an und für sich nur indirekte Beziehungen der Psychanalyse zur gerichts¬
ärztlichen Tätigkeit bestehen. Die objektive Beurteilung der Psychanalyse wird
die wertvollen Bestandteile der Psychokatharsis anerkennen und auch in manchen
der Freudschen Mechanismen individualpsychologisch-heuristisch schätzbare Momente •
bestehen lassen können, deren Anwendung eine bestimmte Konstitution zur Voraus¬
setzung hat.
133) Über Sittliohkeitsverbreohen, von Rechtsanwalt Dr. jor. Fritz Weri>
hauer. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft. II. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Der bekannte Berliner Jurist formuliert seine Vorschläge in betreff der
Behandlung der Sittlichkeitsverbrechen im künftigen Strafrecht in folgenden Leit¬
sätzen:
1. Bei der Betrachtung und Gesetzgebung der sogen. Sexualverbrechen muß
die Voreingenommenheit ausgeschaltet werden, welche sich gegen die Auffassung
des Geschlechtstriebes als einer rein körperlichen Funktion wendet.
2. Diese Delikte sind nur insoweit unter Strafe zu stellen, als sie einen straf¬
baren Eingriff in sonst geschützte Rechtssphären enthalten, nicht aber, weil dem
Eingriff eine sexuelle Motivierung zugrunde liegt.
3. Die Eingriffe sind deshalb nur als Handlungen gegen Leib, Leben, Ehre
des Verletzten oder gegen die öffentliche Ordnung und dergleichen zu bestrafen.
4. Der sexuelle Beweggrund kann, soweit es auf ihn ankommt, nur beim
Strafmaß Berücksichtigung finden.
5. Auch die strafbare Betätigung, welche mittels Eingriffs in die Recht»
Sphäre willenloser, willensschwacher, minderjähriger Personen oder durch An¬
wendung von Gewalt, Drohung, List erfolgt, darf nur zur Erhöhung des Straf¬
rahmens oder des Strafmaßes innerhalb des Strafrahmens führen.
6. Die Strafandrohung darf ein Ausnahmereoht gegen den homosexuellen
Geschlechtstrieb gegenüber dem heterosexuellen Geschlechtstrieb nicht enthalten
und namentlich nicht, soweit Mißbrauch des Dienst- und Abhängigkeitsverhältnisses
in Frage kommt, die strafrechtliche Ahndung nur beim homosexuellen Verkehr und
nicht beim heterosexuellen Verkehr in das Auge fassen.
7. Der besondere Abschnitt über Verbrechen gegen die Sittlichkeit ist des¬
halb zu streichen. Diejenigen strafbaren Handlungen, welche bisher darunter
verstanden wurden und auf das Geschlechtsgebiet sich bezogen, Bind ohne Rück¬
sicht auf da9 letztere in die Tatbestände der strafbaren Handlungen, die sich
gegen Leib, Ehre, öffentliche Ordnung und dergleichen richten, einzureihen, soweit
eine Strafaktion für erforderlich gehalten wird.
Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel
in Berlin W, Augsburgerstr. 43.
Verlag von Vxrr & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgkb & Wittiö in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Pro! E. MendeL
Her&uBgegeben
von
Dp. Kurt MendeL
V ierunddrei ßigster
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 16- Oktober. Nr. 20.
Inhalt. I. Originalmitteili/ngen. 1. Über die vermehrte Schweißabsonderung auf der
gelähmten Seite (nach Pilokarpininjektion) bei kortikalen Läsionen, von G. Bikeles und
Josef Gerstmann. 2. Versuche mit schweißtreibenden Mitteln bei einem Fall von kompletter
spastischer Paraplegie infolge Karies des 9. Brustwirbelkörpers, von G. Bikeles und Josef
Gerstmann. 3. Über das Nachbewegungsphänomen (Katatonusvefluch von Kohnstamm), von
J. Csiky.
II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Über die Indikationen zu den therapeuti¬
schen. speziell den chirurgischen Maßnahmen bei den Kriegsverletzungen des Nervensystems
und über die Prognose dieser Verletzungen an sich und nach den verschiedenen Eingriffen,
von Bruns. 2. Zwei Fälle von Lähmung des Halssympathicus mit Augenerscheinungen
bei Kriegsverletzten, von Russeff. 3. Doppelseitige reflektorische Papillenstarre nach Schädel¬
trauraa durch Granateufernwirkung, von Bergl. 4. Über Granatkontusion (Gaupp), von
Weber. 5. Über GranatexplosionsstöruDgen, von Mann. 6. Die Differentialdiagnose der
Hysterie und psychopathischen Konstitution gegenüber der Hebephrenie im Felde, von Bon-
höffer. — Tetanus. 7. Neuere Arbeiten über Tetanus, von Bresler. 8. Zur Lehre vom
Wundstarrkrampf, von Happel. 9. Klinische Erfahrungen über Tetanus auf dem westlichen
Kriegsschauplatz, von Klieneberger. 10. Klinische und therapeutische Erfahrungen über den
Tetanus, von Prlbram. 11. Ein auf den linken Plexus lumbajis lokalisierter Fall von Tetanus,
von Hammer. 12. Die intraneurale Injektion von Tetanusantitoxin bei lokalem Tetanus, von
Meyer. 13. Beitrag zur Tetauusbehmdlung, von Liebold. 14. Zur Salvarsanbehandlung des
Tetanus, von Rothfuchs. — Migräne, Neuralgie. 15. Über Cepbalalgie. Eine Mono-
raphie von Hndtek. 16. Anaphylaktische Erscheinungen im Symptomenbilde der Hemi-
ranie. Ein Fall von Heraicrania ophthalmica, von Rohrer. 17. Behandlung der Trige-
ininusneuralgien mit Alkoholinjektionen, von Donath. 18. Beobachtung eines Falles mit
Keratitis neuroparalytica infolge einer Alkoholinjektion in den N. maxillaris superior bei
Gesichtsneuralgie, von Dutoit. 19. Die Heilung hartnäckiger Trigeminusneuralgien durch
Injektion von Alkohol ins Ganglion Gasseri, von Hirschei. 20. The treatment of trifacial
neuralgia by the injection of alcohol into the Gasserian ganglion, by Camp. 21. Die Dauer¬
erfolge der extrakraniellen chirurgischen Behandlung der Trigeminusneuralgie, von Kappel¬
meyer. 22. Das Wesen und die Grundlagen des Ohrenkopfschmerzes und seine Feststellung
durch die ärztliche Untersuchung, von Linck. 23. Über Nacken- und Schulterschmerzen
und ihre Beziehungen zu Affektionen der im kleinen Becken liegenden Organe, von Lapinsky.
24. Über Neuralgia brachialis und ein eigentümliches Symptom bei derselben, von Meyer.
25. Les nevralgies pel viennes d’origine genitale chez la fern me et lenr traitement, par Mac6
de Llpinay. 26. Sciatique radiculaire, par Dobrokhotow. 27. Epidurale Injektion, von Enderle.
28. Heilung der Neuralgie und Neuritis durch Bakterientoxine, von Döilken. 29. Über die
Behandlung von Ischias mit Hochfrequenzströmen, von Koblizek. 30. Neuralgisan, ein
schwefelhaltiger Hautcreme, von Rosenbaum. 31. Über Versuche, den Plexus lumbalis zu
anästhesieren, von Schlesinger. 32. An attempt to determine the diagnostic iraportance of
Heads zones of hyperalgesia, by Langstroth. — Periphere Nervenlähmung. 33. Über
Nervenlähmungen bei Arthritis urica, von Kraus. 34. Lähmungen nach Typhus, von Zadek.
85. Über Fazialislähmung infolge von Erkrankungen der Ohrmuschel (Herpes, Perichondritis
und Othäraatora), von Körner. 36. Über Fazialislähmung infolge von Operationen im Mittel¬
ohr und am Schläfenbein, von Körner. 37. Isolierte Lähmung der Mundäste des N. facialis
XXXIV. 49
Difitized by Gougle
Jahrgang.
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
770
infolge einer Schädigung des Nervenstammes innerhalb des Schläfenbeins, von KOrner.
38. Uber die Bedeutung des Neger sehen Symptoms für die Lokalisation der Fazialislähmung,
von MoteJI. 39. Die Stellung der Augenbrauen bei der peripheren Fazialislähmung, von
Ktfrner. 40. Verletzung des N. recurrens, von Hoffmann. 41. Überein bei Rekurrensparalyse
zuweilen zu beobachtendes Phänomen, von Hoffmann. 42. Lesions congenitales ou obstetri-
cales de l’äpaule ou du plexus brachial, par van Neck. 43. Über 2 Fälle von doppelseitiger
Axillarislähmung mit gleichzeitigem Aneurysma auf luetischer Basis, von Tuczek. 44. Para
lysis nervi axillaris, von Jedliika. 45. Kasuistische Mitteilung zur Lähmung des N. musculo-
cutaneus, von Müller. 46. Atypische Schlaf- und Drucklähmungen, von Singer. 47. Weiteres
über das Verhalten frisch regenerierter Nerven und über die Methode, den Erfolg einer
Nervennaht frühzeitig zu beurteilen, von Hoffmann. — Neuritis, Landrysehe Paralyse,
Herpes, Pellagra. 48. Experimentelle Polyneuritis, besonders bei Vögeln, im Vergleich
zur Beriberi des Menschen, von Tasawa. 49. Zur Kenntnis der Polyneuritis syphilitica, von
PlnCzower. 50. Ein Fall von Polyneuritis bei einem 10jährigen Knaben. Klinische Beob¬
achtungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik in Frankfurt a. M., von v. Mettenheimer,
Götzky u. Weihe. 51. Diphtherie paralysis, by Rolleston. 52. Ein Fall von Neuritis post-
diphtherica. Kurze Mitteilung von Friedllnder. 53. Postdiphtheric paralysis: apparently
cured by 60000 units of antitoxin, by Barton. 54. Beobachtungen zur Klinik und Therapie
der Dysenterie, insbesondere der postdysenterischen und postulzerösen Polyneuritis, von
MUUer-Deham. 55. Isolierte Neuritis vestibularis nach Typhusscliutzimpfung, von Hirsch.
56. Cervical ribs as a cause of brachial nearitis, by Hamilton. 57. Kasuistischer Beitrag zur
pathologischen Anatomie der akuten aszendierenden Spinalparalyse (Landrysche Paralyse),
von Langer. 58. Zur Kenntnis der benignen unausgereiften Neurome und multiplen Neuro¬
fibrome, von Freifeld. 59. Klinische Beobachtungen über Herpes zoster, von Vavrouch.
60. Herpes zoster und Herpes zoster gangraenosus nach Salvarsan, von öttinger. 61. Mental
and nervous disorders ass^ciated with pellagra, by Singer.
I. Originalmitteilungen.
[Aus der III. medizinischen Abteilung des Prof. Dr. H. Schlesinger
im k. k. Allgemeinen Krankenh&use in Wien.]
1. Über die vermehrte Schweißabsonderung
auf der gelähmten Seite (nach Pilokarpininjektion) bei
kortikalen Läsionen.
Von G. Bikeles und Josef Gerstmann.
Bekanntlich gibt es Fälle von Hemiplegie mit ausgesprochen vermehrter
Schweißsekretion auf der gelähmten 8eite (Nothnagel, Chaecot, v. Lecbe.
Sbeligmülleb u. a.). Die Schweißsekretion auf der paralytischen Seite ist
manchmal eine so exzessive, daß man auch (Chbvaliek) von „Hemiplegies
sudorales“ gesprochen hat. Pabhon und Goldstein 1 studierten bei Hemiplegien
die Wirkung von Pilokarpininjektionen und konstatierten zumeist eine nach*
folgende stärkere Transpiration auf der von der Hemiplegie betroffenen Seite.
Uns interessierte besonders das Verhalten der Schweißabsonderung, speziell
bezüglich der Pilokarpinwirkung, bei mehr weniger reinen Rindenläsionen,
die von ausschließlich als kortikal anzusehenden Krankheitserscheinungen begleitet
sind, dann wiederum deren Vergleich mit in die Tiefe greifenden Verletzungen,
die sich klinisch dem gewöhnlichen Bild einer kapsulären Hemiplegie nähern.
Zur Untersuchung kamen 11 Fälle von Schädelschußverletzungen, dann
ein Fall mit gleichbedeutendem Trauma capitis; mit Ausnahme eines einzigen
1 Sur quelques troubles vaso-raoteurs dans l’hemiplegie. Koumaice mödicale. 1899. Nr. 3.
Digitized by
Go .gle
Original from i
JNIVERSSTY OF MIC HIGAN j
771
Falles von Läsion in der Nachbarschaft des Gyrus angularis, betraf die Ver¬
letzung bei allen anderen entweder die psychomotorische Region selbst oder
deren Nähe.
Sieben dieser Fälle (Gruppe 1) zeigten ausgesprochene Störungen
für feinere Hantierungen mehr oder minder schweren Grades, mit oder
ohne Sensibilitätsstörungen, eventuell auch eine geringere oder stärkere Parese,
jedoch ohne irgend eine Spur spastischer Phänomene. Bei 5 Patienten (Gruppe II)
wiederum bestanden ausgesprochene, jedoch nicht bei allen gleich stark ent¬
wickelte spastische Erscheinungen.
Sowohl die Patienten der I. wie die der II. Gruppe zeigten im gewöhn¬
lichen Zustand keine auffallend vermehrte Schweißsekretion auf der gelähmten
Seite, jedoch war ein mäßiger Unterschied mit unzweifelhaft stärkerer Sekretion
auf der paretischen bzw. paralytischen Seite bei einer relativ beträchtlichen An¬
zahl (bei 3 Patienten der Gruppe I und bei 3 der Gruppe H) an manchen
Körperregionen vorhanden.
Bei den Fällen der I. Gruppe mit ausschließlich kortikalen Krankheits¬
erscheinungen zeigte sich (mit Ausnahme eines einzigen, nämlich des entsprechend
dem Gyrus angularis lädierten Patienten) nach Pilokarpininjektion 1 in der
Dosis vom 0,01 (bis 0,015) durchwegs ein ausgesprochener Unterschied in der
Schweißabsonderung mit stärkerem Hervortreten derselben auf der paretischen
Seite. Die Unterschiede in der Schweißabsonderung nach Pilokarpininjektionen
in dieser Gruppe I betrafen vor allem (in 6 Fällen) die oberen Extremitäten;
demnächst zeigte sich eine Differenz am Gesicht, namentlich an der Stirne (in
3 Fällen), weniger häufig am Kinn und Hals (2 andere Fälle); Unterschiede an
den unteren Extremitäten wurden nur zweimal notiert; auch am Thorax kamen
bei dieser Gruppe nur 2 mal Differenzen vor.
Bei den 5 Fällen der Gruppe II mit spastischen Phänomenen erzielte man
auch nach Injektion von 0,01 bis 0,02 Pilokarpin durchaus deutliche Unter¬
schiede mit stärkerer Schweißsekretion auf der paralytischen Seite. Diese betrafen
auch in Gruppe II (in allen 5 Fällen) vor allem die oberen Extremitäten,
und zwar Partien, auf deren stärkere Schweißabsonderung die spastische Haltung
der Extremität keinen Einfluß hat (z. B. Dorsum manus); demnächst zeigten
sich Unterschiede in der Schweißsekretion relativ häufig am Thorax (in 3 Fällen),
an Stirn und unteren Extremitäten nur in je 2 Fällen, und zwar an den
unteren Extremitäten bei Patienten, bei denen sohon vor der erfolgten Injektion
ein derartiger Unterschied bereits konstatiert wurde.
Aus obigem folgt, daß auch bei ausschließlich kortikalen Läsionen die schon
zuvor vorhandene Tendenz zur stärkeren Schweißabsonderung auf der hemi*
paretischen Seite nach Pilokarpineinspritzung in angegebener Dosis viel aus¬
gesprochener und evidenter wird und daß in dieser Beziehung rein kortikale
1 Alle Pilokarpininjektionen worden an der gesunden oberen Extremität ausgeführt,
ln vereinzelten Fällen war nach Pilokarpininjektionen zunächst die Sckweittsekretion eine
sehr profase und ohne Unterschied auf beiden Seiten. Erst mit Abnahme des Schwitzens
zeigte eich ein — und zwar dann — sehr markanter Unterschied.
49 *
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
772
Veränderungen sich nicht wesentlich anders verhalten als solche, die tief in das
Marklager hineingreifen. Bemerkenswert ist es, daß in beiden Gruppen die
Differenz in der beiderseitigen Schweißabsonderung nach Injektion von Pilo¬
karpin besonders die oberen Extremitäten, am allerwenigsten die unteren
Extremitäten betrifft
Die Tatsache, daß auch bei oberflächlichen Rindenverletzungen in der psycho¬
motorischen Region Differenzen in der Schweißabsonderung namentlich unter
mäßiger Pilokarpinwirkung sich zeigen und daß die vermehrte Schweißsekretion
auf der paretischen Seite bei kortikalen Läsionen vor allem die obere Extremität
und demnächst das Fazialisgebiet betrifft, weist darauf hin, das die psycho¬
motorische Region und wahrscheinlich speziell deren Gebiet für
dio obere Extremität und Fazialis mit dem Sohweißzentrum in enger
Verbindung bleibt
Für eine derartige enge Beziehung der erwähnten Gebiete der psycho¬
motorischen Region zum Schweißzentrum scheinen auch einige bekannte klinisehe
Fälle aus der Literatur zu sprechen. So der Fall von Pandi mit Krämpfen am
linken Arm und linksseitiger Fazialislähmung nebst starkem Schwitzen der linken
Gesichtshälfte nach einem Trauma, ferner der Fall von Senatob mit kortikaler
Ataxie und Krämpfen im linken Arm samt auffallendem Schwitzen in demselben
nach einem apoplektischen Insult 1 , schließlich der letzterem analoge Fall von
Adamkievicz . 2 •
Bei elektrischer Reizung der psychomotorischen Region bei Katzen und
Füllen erhielten Beohtebew und Gbibojedow Schweißsekretion. 8 Bechtebew
spricht auch von einem Schweißzentrum in der Großhirnrinde. Wenkebb 4
erhielt bei elektrischer Reizung der motorischen Region (besonders des Gyrus
antecruciatus) bei Katzen nur mäßige Schweißabsonderung, stärker erfolgte die¬
selbe bei Reizung des medialen Anteiles der Basis des Frontallappens. Hingegen
weisen die Versuche von Kabplüs und K beide 8 darauf hin, daß das eigentliche
zerebrale Zentrum für Schweißsekretion in einer bestimmten Partie des Hypo¬
thalamus sich befinden dürfte, während Reizung der Hirnrinde nach Zerstörung
dieser Partie ohne Effekt bleibt Eine eventuelle Annahme, daß das von Kabpecs
und Ivkeide experimentell gefundene subkortikale Sympathicuszentrum im Hypo-
1 Die Autopsie hatte in diesem Falle einen Abszeß in der Rinde der korrespondieren¬
den Hemisphäre festgestellt
* Zit. nach Bbchteebw.
* Archiv f. Anat. n. Phys. 1905. S. 297. Phys. Abt.
* Pflügers Archiv f. Physiologie. CXXV.
s Gehirn and Syropathicns. Pflügers Archiv f. Physiologie. 1. Mitteilang: CXXIX;
2. Mitteilnng: CXXXV; 3. Mitteilung: CXLIIL — Kakplüs and Kbudl haben bei Katzen
durch elektrische Reizung einer lateral vom Infundibulum hinter dem Tractos opticus ge¬
legenen Stelle an der Zwischenhirnbasis neben den bekannten typischen Symptomen einer
Sympathicusreizang auch erhöhte Speichel- and Tränensekretion und profuse Schwei߬
absonderung an allen 4 Pfoten beobachtet. Diese Erscheinangen konnten aach mehrere
Wochen nach Exstirpation der Großhirnrinde durch Reiznng der entsprechenden Gegend im
Hypothalamus ausgelöst werden.
Digitized b'j
Google
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
thalamus auch als eigentliches zerebrales Schweißzentrum anzusehen sei, steht
nicht im Widerspruch mit unserer obigen Schlußfolgerung bezüglich der psycho¬
motorischen Rinde, da wir für Arm- und Fazialisregion nur eine engere Be¬
ziehung zu Schweißnerven bzw. zum eigentlichen Schweißzentrum beanspruchten.
Was etwaige vasomotorische Störungen anbetrifft, so wurde bei nur je zwei
Patienten jeder Gruppe, also zusammen bei vier Fällen an den paretischen Ex¬
tremitäten ein Kühlersein von gewissen Abschnitten (Dorsum pedis, Yola et
Dorsum manus, Vorderarm) konstatiert. Dermatographisch ließen sich unzweifel¬
hafte Unterschiede beider Körperhälften nicht feststellen, doch schien die Dermato-
graphie bei einer gewissen Anzahl von Patienten beider Gruppen auf der ge¬
lähmten Seite bald deutlicher, bald länger andauernd (eventuell dauerte die
nachfolgende anämische Dermatographie länger an).
Endlich sei noch erwähnt, daß in je einem Falle jeder Gruppe das Gesicht
nach der Pilokarpineinspritzung auf der gelähmten Seite sich mehr rötete.
Sympathische Reizungs- wie Lähmungserscheinungen waren bei diesen
Kranken überhaupt nicht vorhanden.
[Ans der III. medizinischen Abteilung des Prof. Dr. H. Schlesinger
im k k. Allgemeinen Erankenhanse in Wien.)
2. Versuche mit schweißtreibenden Mitteln
bei einem Fall von kompletter spastischer Paraplegie
infolge Karies des 9. Brustwirbelkörpers.
Von G. Bikeles und Josef Gerstmann.
Anläßlich unserer obigen Mitteilung bezüglich Schweißsekretion bei zerebralen
Hemiplegien sei noch auf das Verhalten der Schweißabsonderung in einem Falle
von kompletter spastischer Paraplegie der unteren Extremitäten spinalen Ur¬
sprunges aufmerksam gemacht.
Der Status des betreffenden Patienten sei im folgenden kurz skizziert: Voll¬
ständige Lähmung beider unteren Extremitäten. Patellarsehnenreflexe beträchtlich
gesteigert. Ausgesprochener Achillesklonus. Sehr deutlicher Babinski’scher
Zehenreflex. Lebhafte Verkürzungsreflexe bei Berührung und beim Bestreichen
der Fußsohle und des Fußrückens. Permanente spastische (zeitweise ganz
extreme) Beugehaltung der Beine im Kniegelenk. Hypästhesie (an manchen
Stellen auch Anästhesie) für alle Empfindungsqualitäten vorne bis zur Höhe
des Nabels hinaufreichend, hinten bis zur Höhe des 12. Brustwirbeldornes. Er¬
schwerte Harnentleerung; zu Beginn Retentio urinae. Röntgenologisch nachweis¬
bare Konsumption des 9. Brustwirbelkörpers mit keilförmiger Deformierung
desselben. Haut an Planta und Dorsum pedis pergamentartig trocken; auch
alle übrigen Hautpartien an den unteren Extremitäten vollständig trocken, mit
Ausnahme einer ganz winzigen, ungefähr dem Condylus internus entsprechenden,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
774
etwas feuchten Stelle, an der die Unterschenkel häufig aneinandergepreßt ge¬
halten werden.
Pergamentartige Trockenheit der Haut im Bereiche des Fußes hatten wir
öfters Gelegenheit zu beobachten bei infolge Schußverletzung der Brustwirbel-
säule komplett paraplegischen Patienten. Bei diesen Kranken aber fehlten auch
fast immer infolge Malazie oder Arachnoiditis alle Reflexe an den unteren Ex¬
tremitäten und war die Lähmung eine schlaffe. Hingegen waren bei dem in
Rede stehenden Patienten — wie erwähnt — die Reflexe bedeutend gesteigert
und demnach der unterhalb der Kompressionsstelle befindliche distale Rücken¬
marksabschnitt funktionsfähig. Nichtsdestoweniger versagten schweißtreibende
Maßnahmen in bezug auf die unteren Extremitäten gänzlich. Nach Injektion von
0,01, ja sogar von 0,02 Pilokarpin — und zwar am Oberschenkel — erfolgte starke
Schweißsekretion am Gesicht, an der Stirn, in Axilla, an den Armen, am Thorax,
spurweise auch am Abdomen, während die unteren Extremitäten trocken
blieben. Ganz analog war das Resultat nach Verabreichung einer Tasse von
heißem Lindenblütentee, mit Zusatz eines Teelöffels von Liquor ammonii acetici.
Auch daraufhin trat sehr starke Schweißabsonderung am ganzen Oberkörper
bis zur Nabelhöhe auf, während die unteren Extremitäten — insbesondere
die Füße — dieselbe auffallende Trockenheit beibehielten wie vor
der Anwendung dieses Mittels.
Auch in einem zweiten Falle von kompletter spinaler Paraplegie der unteren
Extremitäten infolge eitriger Osteomyelitis des 12. Brustwirbelkörpers zeitigte
die Applikation von Pilokarpin und der anderen schweißtreibenden Mittel ein
ganz identisches Ergebnis, d. b. es erfolgte starke Schweißabsonderung an Stirn,
am Gesicht, in Axilla, am Thorax, an den oberen Extremitäten, sehr mäßig am
Abdomen, während die unteren Extremitäten (speziell die Füße) völlig trocken
blieben. Jedoch fehlten in letzterem Falle auch alle übrigen Reflexe an den unteren
Extremitäten und die Lähmung war eine schlaffe. In dem Falle von Karies des
9. Dorsalwirbelkörpers hingegen steht das Ausbleiben auch der unzweifelhaft
reflektorischen Schweißsekretion im Bereiche der unteren Extremitäten im Gegen¬
satz zu der beträchtlichen Steigerung aller übrigen Reflexe an denselben.
Dieses Verhalten bleibt unaufgeklärt, gleichviel ob man die spinalen Schwei߬
zentren für die unteren Extremitäten proximalwärts oder distalwärts von der
Kompressionsstelle lokalisieren wollte. Zur Erklärung desselben bleibt nur die
Annahme übrig, daß der Sitz der spinalen Schweißzentren für die unteren Ex¬
tremitäten nicht der Höbe entspricht, in der die sudoralen Nerven das Rücken¬
mark verlassen, um durch die Rami communicantes zur Peripherie zu ziehen;
somit müßte man in unserem Falle der Kompressionsstelle die Bedeutung einer
Unterbrechung von Leitungsbahnen für die Schweißsekretion der unteren Ex¬
tremitäten beilegen. Es läßt sich aber auf Grund dieser Beobachtung gar nich.
eruieren, ob die sudoralen Zentren für die unteren Extremitäten im Dorsalmark
oder im oberen Lumbalmark sich befinden und ob demnach die betreffender
Schweißbahnen im Rückenmark vom dorsalen Anteil desselben durch die Rom¬
pressionsstelle nach abwärts oder vom lnmbalen Anteil nach aufwärts zu dt*
Digitized b)
Google
Original from
UNIVERStTY OF MICHIGAN
entsprechenden Rami communicantes albi ziehen. — Ohne diesbezüglich eine
definitive Lösung zu bringen, wollen wir hier nur auf diese Frage die Auf¬
merksamkeit lenken.
[Aas der II. medizinischen Klinik in Budapest (Prof. E. Jbndbässik).
3. Über das Nachbewegungs-
phänoinen (Katatonusversuch von Kohnstamm).
Von Dr. J. Csiky,
I. Assistenten der Klinik, zurzeit Oberarzt im Heere.
Das von Kohnstamm beschriebene merkwürdige Phänomen hat besonders
theoretisches Interesse; Kohnstamm selbst, dann M. Rothmann haben in ver¬
schiedener Weise versucht dieses Phänomen zu erklären. Dasselbe gelingt leicht,
wenn man mit dem gestreckten, gesenkten Arm neben sich an die Wand
kräftig andrückt und diesen Druck eine ganze oder halbe Minute lang anhält,
hernach sich ein wenig seitwärts wendet, so daß der nun entspannte Arm frei
hängt. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man in diesem Moment — nach
kurzer Latenzdauer — den, nach unserem Gelühl nicht innervierten Arm
scheinbar spontan sich erheben sieht. Am objektivsten verfahrt man aber bei
diesen Versuchen, wenn man die Versuchsperson von der kommenden Nach¬
bewegung nicht unterrichtet. Es ist leicht nachweisbar, daß dieses Phänomen
nicht nur in dieser Weise am Arm, sondern auch an anderen Extremitäten,
ebenso an Streck- wie Beugemuskeln gelingt, freilich sind nicht alle Versuchs¬
personen dazu gleich geeignet.
Kohnstamm’s theoretische Folgerungen erscheinen mir nicht genügend be¬
gründet; dies kann aber sein großes Verdienst, dieses interessante Phänomen
beschrieben zu haben, nicht schmälern. Die genaue Beobachtung widerspricht
gleich der Annahme dieses Autors, daß „der Tetanus der angespannten Mus¬
kulatur die Willensinnervation überdauert“. Bei diesem Experiment handelt es
sich nicht um eine Fortdauer der Muskelkontraktion, im Gegenteil, wenn man
das Phänomen richtig beobachtet, bemerkt man sofort, daß, wenn die Willens¬
kontraktion aufhört, zunächst eine ganz auffallende Pause von einigen Sekunden
anftritt und erst dann die nicht intendierte Bewegung erfolgt. Noch weniger
trifft die weitere Behauptung dieses Autors zu, daß dieses Phänomen als Beweis
dessen gelten könnte, daß eine besondere willenmäßige Hemmung nötig wäre,
um eine Willkürbewegung zu beendigen. Schon die eben erwähnte Latenz,
nebst dem subjektiven Gefühl, stellt es klar, daß die gewollte Bewegung dem
Willensakte genau folgt, mit ihm beginnt und erlischt.
M. Rothmann glaubt in seinem geistvollen Aufsatz annehmen zu müssen,
daß diese „vom Willen losgelöste Nacbbewegung unterhalb der Großhirnrinde
ihre Innervation findet“ und sucht auf diese Annahme hin die Lokalisation des
Phänomens in den subkortikalen Zentren. Diese Annahme scheint mir auch
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSjTY OF MICHIGAN
776
nicht genügend begründet; denn eine solche Lokalisation kann einfach auf
Grand des subjektiven Eindruckes nicht entschieden werden. Sehen wir doch
die mannigfaltigsten Bewegungen vom Cortex aus ohne Willensvorstellnng ent¬
stehen. So im Jackson’schen Anfall, so bei kleineren Reizherden in der motori¬
schen Zone, bei denen der Patient gar nicht den Eindruck einer Willkürbewegung
hat, im Gegenteil diese Bewegungen als fremde, selbsttätige Eigenbewegungen
bekundet. Von den subkortikal entstehenden Bewegungen beim Menschen
wissen wir auch allzu wenig Positives, um die Frage auf diese Art erledigen zu
können. Ich kann auch dieses Phänomen bei geeigneter Versuchsanordnung
ebenso an den Beuge- wie Streckmuskeln auslösen, aber selbst wenn man eine
gewisse Differenz dieser beiden Muskelgruppen bei der Auslösung des Phänomens
nachweisen könnte, müßte man noch andere Nebenumstände in Betracht zieheu,
bevor man dieses Verhalten mit den Sherrington’schen, Bäräny’schen Versuchs¬
ergebnissen in Zusammenhang bringen könnte.
Um aber näher in das Wesen dieses Nachbewegungsphänomens 1 blicken
zu können, muß man zunächst den Verlauf der spontanen Kontraktion näher
in Betracht ziehen. Wie bereits erwähnt, folgt auf die Erschlaffung der Willkür¬
kontraktion nicht sofort dieses Phänomen, während der ersten Sekunden bleibt
das Glied ruhig erschlafft, und nur nach dieser Latenzperiode beginnt die
spontane Kontraktion ganz allmählich, indem — beim Armversuch — der Arm
sich langsam, in gleichmäßigem Tempo erhebt. Ich habe einige Versuche iu
der Weise angestellt, daß die Versuchsperson neben einer Wand stand, au der
der Erhebungswinkel der Armbewegung abgelesen werden konnte. Ein Metronom
markierte die Sekunden, die ich still abzählte. Ich notierte auf diese Art die
Zeitabschnitte, in der der Arm die aufgezeichneteu Winkel gerade passierte, und
bekam auf diese Weise im Durchschnitt von mehreren Versuchen eine Kurve,
die zuerst eine Latenz von 2 bis 6 Sekunden aufweist, dann kommt eine ziemlich
rasch sich beschleunigende Erhebung, die bei der 8. bis 10. Sekunde allmählich
sich verlangsamt, so daß der Arm einige Sekunden erhoben bleibt, dann bei
der 12. bis 15. Sekunde beginnt ein ziemlich steiler Abfall, der sich aber bald
auch verlangsamt und kaum bestimmbar abklingt. Mehrmals beobachtete ich,
wie ein zu früh niedergelassener Arm von neuem sich zu erheben begann.
Als ich eine Analogie zu diesem Verlauf suchte, kam ich auf die Idee,
dieses Phönomen zunächst mit dem optischen Naohbild zu vergleichen. Auch
diese Erscheinung entsteht nach einer kurzen Latenzperiode, auch sie ist im
ersten Moment schwach, verstärkt sich ziemlich rasch, und dann verblaßt sie in
gleichmäßigerem, rascherem Abklingen. Oft wiederholt sich dieses Spiel in ab¬
nehmender Intensität zwei- bis dreimal. Ich glaubte, daß das gleiche Ein¬
treten und der gleiche Verlauf des Nachbildes und dieser Nachbeweguug
eine Analogie bedeuten, um so mehr, als beide als Ermüdungserscheinungen
auftreten.
Der Name „KatatonnBveisuch“ entspricht gar nicht diesem Phänomen, mit Katatonua
hat es nichts gemein.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
777
Die Berechtigung zur Annahme einer solchen Analogie möchte ich noch
mit einigen Worten bekräftigen. Nachbilder sind keine Grundeigenschaft der
Nervenfunktion, sie treten nach anderen Sinnesreizen nicht auf. Dieser Umstand
weist schon auf die peripherische Abstammung derselben, die anderen Neben¬
umstände auch. So in erster Reihe die Abhängigkeit des Nachbildes von der
Blickrichtung; wäre der Entstehungsort des Nachbildes im Nervensystem, so
würde das Nachbild von den späteren Bewegungen des Augapfels unabhängig
sein. Als einen weiteren Beweis für die periphere Entstehung des Nachbild¬
reizes kann ich die folgende Beobachtung anführen: Läßt man das Nachbild
bei geschlossenen Augenlidern entstehen, so erscheint das Bild bedeutend ver¬
kleinert. Wenn man hingegen das Nachbild auf einer weißen Fläche beobachtet,
so hat das Nachbild nur dann die wirkliche Größe, wenn es in derselben Distanz
reproduziert wird, in welcher das hervorrufende Bild betrachtet wurde; kommt
man mit der weißen Fläche näher, so ist das Nachbild kleiner, entfernt man
hingegen den Schirm, so vergrößert es sich. Es bleibt somit der Gesichts¬
winkel des Objektes gleich, das Nachbild entspricht der jeweiligen Sinusgröße.
Dieser Umstand scheint auch auf eine periphere Lokalisation hinzuweisen, da
eine bloße Halluzination kaum diese Abhängigkeit von der Projektionsfläche
zeigen könnte. Diese Auffassung stimmt übrigens auch mit der allgemeinen
Annahme in den Lehrbüchern. Es scheint also, daß das Nachbild eine spezielle
Ermüdungserscheinung der Retinaelemente ist. Eine gleiche Ermüdung scheint
bei den anderen Endapparaten der sensiblen Leitung nicht zu bestehen, hin¬
gegen müssen wir das Nachbewegungsphänomen als solche in den Muskeln
deuten.
Als ich diesen Ideengang verfolgte und so annehmeu mußte, daß die
Kohnstamm’sche Nachbewegung ein Muskelpbänomen ist, gewann ich die Über¬
zeugung, daß mit Hilfe entsprechender Einrichtung dieses Phänomen auch durch
faradische Reizung des Muskels ausgelöst werden könne: Nun erwähnt aber
Kohnstamm in seinem Aufsatz, daß die willkürliche Muskelanspannung nicht
durch faradische Muskelreizung ersetzt werden kann. Meine Versuche beweisen
das Gegenteil: bei entsprechender Einrichtung gelingt es bei manchen Individuen
ganz bestimmt, die Naohkontraktion ganz iu derselben Weise wie beim Grund¬
versuch auszulösen. Hierzu wähle man einen Muskel, der bloß einen motorischen
Reizpunkt hat und, während man mit recht kräftigem Strom ungefähr eine
Minute lang einen starken Tetanus hervorruft, trete man der betreffenden Be¬
wegung energisch entgegen, indem man das bewegte Glied fixiert. So gelingt
der Versuch an den verschiedensten Muskeln. Als ich zu Beginn nur einen
zweifelhaften Erfolg hatte, benutzte ich zur Feststellung der Nachkontraktion
eine Methode, die ich dem Prinzip des Bäräny’schen Zeigeversuches nachgebildet
habe. Der Untersuchte und der Uutersucher saßen sich gegenüber in der Di¬
stanz von einigen Metern, jeder hatte ein Auge zugebunden, der Untersuchte
sah sich das freie Auge des Beobachters an und versuchte daun bei geschlossenen
Augen mit der Hand auf das freie Auge des Beobachters zu zielen. Dieser
kann auf diese Weise objektiv die Richtigkeit oder den Fehler der Zielbewegung
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
778
beurteilen. Dieses Zielen gelingt leicht und mit großer Präzision; wird aber,
sei es im Sinne des Grundversuches, eine aktive Kontraktion einer Anzahl von
Armmuskeln ausgeführt, oder aber der Pectoralis, der Deltoideus oder ein anderer
Muskel des Arms stark faradisch tetanisiert, so kommt es während der Nach¬
bewegungszeit zu falschen Zielrichtungen. Das Fehlzeigen entsprach oft der
Richtung der Muskelanstrengung, aber auch manchmal der entgegengesetzten
Richtung. Eine Erklärung für dieses Verhalten kann darin gesucht werden,
daß doch neben der gewollten Muskelaktion andere Muskeln mit gleicher Stärke
in entgegengesetzter Richtung arbeiten müssen, sonst würde man das Gleich¬
gewicht verlieren.
Es gelang aber auch am Brachioradialis, am Pectoralis major, am Deltoideus
eine ganz erhebliche Nachkontraktion zu bekommen nach einem minutenlangen
faradischen oder, mit meinem Apparat, sinusoidalen Tetanus, somit ist es be¬
wiesen, daß dieses Phänomen eine ausschließliche Muskelerscheinung darbietet.
Wir kennen aber eine Art von Muskelkontraktion, die hier in Frage kommen
kann; das ist die idiomusbuläre Kontraktion. Sie entsteht durch mecha¬
nische Einwirkung, besonders in ermüdeten Muskeln. Daß es sich hier wirklich
um diese Erscheinung handelt, kann ich durch folgende, äußerst wirksame Ver¬
stärkung des Phänomens bekräftigen: man soll nämlich am Ende der Muskel¬
anstrengung einen Augenblick innehalten und dann mit einem Ruck noch eine
kräftige Kontraktion gegen den Widerstand ausüben. Mit dieser Methode bann
man schon nach 5 bis 10 Sekunden eine sehr ausgesprochene Nachwirkung be¬
kommen; ja wenn diese eben abgeklungen ist, genügt eine einmalige kräftige,
wenn auch nur ganz kurzdauernde, Wiederholung der letzten Aktion, um die
Nachkontraktion wieder eintreten zu lassen. Natürlich fallt diese schwächer
aus, doch gelingt es oft, selbst zum dritten Male noch eine gut bemerkbare
Nachwirkung auszulösen. Endlich habe ich auf diese Weise noch Versuche mit
faradiacher Reizung angestellt, diese fielen auch in diesem Sinne aus: eine kurz¬
dauernde Unterbrechung des faradischen bzw. des wirksameren sinusoidalen
Stromes im letzten Moment der Reizung ruft eine bedeutend lebhaftere Nach¬
wirkung hervor, als der einfache Tetanus.
Das Nachbewegungspbänomen ist also eigentlich eine idiomuskuläre
Kontraktion, die im ermüdeten Muskel auf die ganze Muskelmasse aus¬
gedehnt entsteht.
II. Referate.
Kriegsbeobachtungen.
1) Über die Indikationen su den therapeutischen, speziell den ehlrurgi-
sohen Maßnahmen bei den Kriegaverletaungen des Nervenayatems und
über die Prognose dieser Verletaungen an sich und naoh den ver-
achiedenen Eingriffen, von L. Bruns. (Berliner klin. Wochenschr. 1915.
Nr. 38.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
. Das Material des Verf.’s umfaßt von Kriegsverletzungen 687 Fälle, und zwar
376 Verletzungen der peripheren Nerven, 89 des Gehirns und Schädels, 37 des
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
779
Rückenmarks und der Wirbelsäule, etwa 32 Fälle von direkten, entzündlichen
und ischämischen Verletzungen der Uuskeln und Sehnen; den Rest bilden neben
einer größeren Anzahl von Tetanusfällen die großen Gruppen der Neurasthenie,
Hysterie, einzelne Psychosen, einzelne multiple Neuritiden und einige diagnostisch
zweifelhafte Fälle.
Verf. bespricht zuerst die Verletzungen der peripheren Nerven und der
Plexus. Am häufigsten waren Radialislähmungen (87 Fälle), recht häufig waren
Verletzungen des Plexus brachialis, ferner Kombinationen, besonders von Medianus
und Ulnaris. Am Beine überwogen Ischiadicusverletzungen mit 72 Fällen. Von
Hirnnervenläsionen sah Verf. nur 19 Erkrankungen. Vom klinisch neurologischen
Standpunkte ist die periphere Nervenverletzung am weitaus häufigsten so, daß
eine Leitungsstörung auf dem ganzen Querschnitte des Nerven an der Stelle der
Verletzung besteht und damit eine Lähmung aller derjenigen Muskeln, deren
Nervenäste distal von der Verletzungsstelle abgehen; in den gelähmten Muskeln
besteht komplette Entartungsreaktion und die Sensibilität ist im Nervengebiete
mehr oder weniger gestört. Bei diesen Fällen können wir auf keine Weise durch
die klinische Untersuchung feststellen, ob ein Nerv ganz durchtrennt bzw. nur
noch durch eine harte, undurchdringliche Narbe in seinem Zusammenhänge erhalten
ist oder ob eine leichtere Verletzung vorliegt, die nach einiger Zeit eine Spontan¬
heilung erwarten lassen würde. Verf. rät bei dieser Gruppe zur Operation, so¬
bald die Wunden geheilt, etwaige Knochenbrüche konsolidiert sind und jede
Sepsis geschwunden ist.
In einer zweiten Gruppe von peripheren Nervenverletzungen ist nur ein
Teil der unterhalb des lädierten Abschnittes des Nervenkabels austretenden Muskel¬
nerven gelähmt. Es handelt sich also um eine partielle Läsion des Nervenquer-
Schnittes. In diesen Fällen muß man mit operativen Eingriffen länger warten
alB in der ersten Gruppe.
In der dritten Gruppe zeigen die gelähmten Muskeln und Nerven nicht
totale, sondern eine der Arten der partiellen Entartungsreaktionen. Es sind die
Fälle, die nicht operativ, sondern mit elektrischen und Massagemaßnahmen zu be¬
handeln sind.
Eine Indikation zur Neurolyse können auch Fälle bieten, bei denen neben
Lähmungen außerordentlich heftige und andauernde und sonst kaum zu lindernde
Schmerzen im Vordergründe des Krankheitsbildes stehen. Manchmal sieht man
daneben auch noch schwere trophische Störungen, vor allem Blasenbildungen an
Fingern und Zehen. In diesen Fällen handelt es sich um partielle Läsionen und
oft um entzündliche Prozesse im Nerven. Verf. schließt daran eine Statistik seiner
Resultate.
Von Verletzungen des Rückenmarks, der Gauda equina und der Wirbelsäule
bat Verf. bisher 37 Fälle gesehen. Die Prognose der partiellen Rückenmarks¬
verletzungen kann man einigermaßen günstig stellen, sie geben in Reserve¬
lazaretten nur selten Gelegenheit zu operativen Eingriffen. Andere Überlegungen
spielen — wenigstens unter gewissen Voraussetzungen — bei totaler Aufhebung der
Funktion eine Rolle; der Bastiansche Symptomenkomplex kann unter Umständen
eine Operation sogar empfehlenswert machen (Goldstein u. a.).
Zum Schluß bespricht Verf. die Kriegsverletzungen des Gehirns und Schädels,
89 Fälle. Er erörtert eingehend die sich dabei ergebenden diagnostischen Fragen
und therapeutischen Gesichtspunkte; erfreulich ist die Schlußbemerkung: eine
größere Zahl der Hirnverletzungen wird jedenfalls nioht zum arbeitsunfähigen
Krüppel werden.
2) Zwei Fälle von Lähmung des Halssympathicus mit Augenersoheinungen
bei Kriegsverletzten, von Russeff. (Zeitschrift f. Augenheilkunde. 1915.
Mai/Juni.) Refi: K. Boas.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
760
Verf. teilt zwei einschlägige Beobachtungen mit:
In Fall I lag eine Läsion des Plexus brachialis links an der Austrittsstelle
vor, Horner scher Symptomenkomplex rechts, Lähmung des Halssympathicus and
Rekurrenslähmung rechts.
In Fall II handelt es sich um einen SchultergelenkschuB rechts ohne Folgen,
Horner scher Sympt omenkomplex infolge von Druck und Reizung eines Hämatoms
auf das Halsmark und vorübergehender Kompression und zirkumskripter Myelitis
cervicalis und schließlich Läsion des Plexus brachialis an seiner Austrittsstelle.
Zusammenfassend bemerkt Verf. folgendes:
Der Horner sehe Symptomenkomplex zeigt sich bald als reizende, bald als
lähmende Form, und zwar als Folge einer Kompression oder Läsion des Hals-
sympathicus selbst oder seiner zentral gelegenen Bahn. Die Form hängt von der
Dauer und Zeit der Einwirkung ab. Der Komplex braucht bei den traumatischen
Läsionen des Plexus brachialis nicht immer vorhanden zu sein. Vielmehr steht
er in enger Beziehung zur Stelle der Verletzung und hängt ferner davon ab, ob
sich zirkumskripte Myelitis bildet oder nicht. Zwei Arten von Symptomen gibt
es: frühzeitig oder später auftretende.
3) Doppelseitige reflektorische Pupillenstarre nach Sohädeltrauma durch
OranatenfernWirkung, von Klemens Bergl. (Deutsche med. Wochenschrift
1915. Nr. 39.) Ref.: Kurt Mendel.
Etwa 20 Schritt von dem Patienten explodierte eine Granate; Pat. wurde
zwar von keinem Sprengstück direkt getroffen, aber durch den Gasdruck ungefähr
15 Schritt weit fortgeschleudert und blieb bewußtlos liegen. Den ersten Tag
Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel. Commotio cerebri, kein Schädelbruch. Im
Lazarett Apathie, Schläfrigkeit, Pat. mußte die ersten Tage gefüttert werden.
Pupillen ziemlich weit, gleich, rund; Reaktion auf Licht beiderseits fehlend, auch
die konsensuelle Reaktion nicht auslösbar. Reaktion auf Konvergenz und Akkom¬
modation vorhanden, ausgiebig, vielleicht eine Spur verlangsamt. Augenbeweguugen
frei. Geringer rotatorischer Nystagmus horizontalis. Konjunktivalreflexe schwach.
Leichter Romberg. Sonst negativer Befund. Nach etwa 3 Wochen war die
Pupillenreaktion wieder normal. Blut und Liquor wurden zwar nicht untersucht,
doch war Lues auszuschließen.
Verf. nimmt eine Blutung, Kontusion oder funktionelle Läsion im Bereiche
des zentralen Reflexbogenteiles, im zentralen Höhlengrau des Aquaeductus Sylvii an.
4) Über Granatkontusion (Gaupp), von L. W. Weber. (Sach verst.-Zeitung.
1915. Nr. 16.) Ref.: K. Boas.
Verf. teilt im allgemeinen Gaupps Anschauungen und bringt in Kürze sechs
einschlägige Fälle bei. Es wird dann auf die Ähnlichkeit der Granatkontusion
mit gewissen Formen der Unfallneurosen im Sinne Oppenheims hinge wiesen,
worauf sich Verf. in einzelnen Punkten mit Oppenheim auseinandersetzt. Zum
Schluß weist Verf. an Hand von 3 Fällen darauf hin, daß ganz ähnliche Bilder
wie die typischen Granatkontusionen auch ohne diese spezifische Ätiologie hervor¬
gerufen werden können. In allen 3 Fällen lag eine psychopathische Prädispositon
vor. Der Mangel an organischen Symptomen und der weitere Verlauf zeigten,
daß es sich lediglich um eine funktionelle Neurose handelte.
5) Über Granatexplosionsstörungen, von Ludwig Mann. (Medizin. Klinik.
1915. Nr, 35.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Die Wirkung des Granatfeuers ist eine verschiedene, je nach der persönlichen
Komponente oder der Mitwirkung anderer, wie Erschöpfung, Übermüdung und
von vorau8gegangeneu Gemütsbewegungen. In 23 Fällen spielte nur zweimal der
Alkohol eine sichere Rolle, Hysterie sechsmal. Am häufigsten waren Lähmungs¬
zustände, elfmal Lähmungen der Sprache, zweimal mit Taubheit, zwei Taubheit cd,
dreimal körperliche Lähmungszustände. Die Erschütterung, Detonation und der
Digitized by
Go .gle
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
781
Luftdruck waren dabei als ursächliches Moment auszuschalten. Die psychische
Entstehung war einwandfrei nachzuweisen. Verf. geht dann auf einzelne Krank¬
heitsbilder etwas näher ein und setzt auseinander, daß zweifellos bei der Ent¬
stehung ein Zustand der Erschöpfung eine wichtige Rolle spielt, und daß derselbe
bisher in der Literatur viel zu wenig berücksichtigt wurde. Über den psycho¬
logischen Mechanismus kann man nur Vermutungen aussprechen. Zwei Erklärungen
scheinen möglich: entweder die Entladung des hochgradigsten Affektes ist durch
die Bewußtlosigkeit nicht mehr möglich, so daß die Symptome des „eingeklemmten“
Affektes nicht mehr zum Abreagieren kommen und fixiert bleiben, oder die Sperr¬
vorrichtungen, die normalerweise bestehen, versagen, „die Sicherung brennt durch“.
Die Prognose ist im allgemeinen günstig.
6) Die Differentialdiagnose der Hysterie und psychopathischen Konstitu¬
tion gegenüber der Hebephrenie im Felde, von K. Bonhöffer. (Mediz.
Klinik. 1915. Nr. 32.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Der Unterschied von Krieg und Frieden zeigt sich auf der psychiatrischen
Klinik vor allem in dem Überwiegen der auf dem Boden der psychopathischen
Konstitution erwachsenen krankhaften Zustände. Auf der Männerstation liegen im
Kriege die hysterischen Astasien, Gangstörungen, Lähmungen, Sprach verloste, die
hysterischen Krampfzustände und Tremorformen, die Delirien, Pseudodemenzen,
die Psychopathen mit epileptoiden Zügen usw., besonders auch die hebephrenen
Erkrankungen. Verf. bespricht die Differentialdiagnoae der Hysterie und psycho¬
pathischen Konstitution gegenüber der Hebephrenie.
Für den Krieg bzw. das Feld ist es wichtig, die Kriterien kennen zu lernen,
welche ohne längere Beobachtung die Diagnose ermöglichen, was oft schwierig
ist. Fehldiagnosen schaffen unter Umständen schwer wieder gut zu machende
Verhältnisse.
Bei der Hebephrenie sehen wir das Kardinalsymptom in der Störung der
Konsonanz des Vorstellungslebens mit den Gemüts- und Ausdrucksbewegungen,
bei der hysterischen psychischen Störung läßt Bich das Krankheitsbild auf einen
innerlich einheitlichen psychischen Prozeß zurückführen.... Verf. bespricht die
großen Schwierigkeiten bei nicht typischen Fällen im einzelnen und charakterisiert
die Haupttypen an Einzelfällen. Der springende Punkt der Differentialdiagnose
ist im Verhalten der Affektreaktion und der damit im engsten Zusammenhänge
stehenden geistigen Aktivität gelegen. Wichtig sind zur schnellen Sicherung der
Diagnose objektive Maßstäbe für das Verhalten der Affektivität. Dabei kommt
vor allem in Betracht die Messung des die psychische Bewegung begleitenden
Pupillarspiels und die plethysmographischen Schwankungen bei zentripetalen und
psychischen Reizen, Methoden, welche allerdings in der wichtigsten Zeit der be¬
ginnenden Erkrankung versagen.
Tetanus.
• 7) Neuere Arbeiten über Tetanus, von J. Bresler. (Halle a/S., Carl Mahr-
hold, 1915. Preis 1,40 Mk.) Ref.: K. Boas.
Zusammenstellung einer Reihe einschlägiger Arbeiten ohne persönliche Note.
Zur Orientierung über die ganz besonders jetzt aktuelle Tetanusfrage im Felde
empfehlenswert.
8) Zur Lehre vom Wundstarrkrampf, von Happel. (Münch, med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 30. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel.
Patient erkrankte nach Schrapnellschuß-Oberschenkelverletzung an schwerem
Tetanus, er genas davon, erkrankte aber nach mehreren Wochen (etwa 3 Monaten)
an einer von einer kleinen noch offenen Stelle ausgehenden Wundrose und im Anschluß
daran an einem schweren Tetanus, der zum Tode führte. Bei der Verwundung
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
782
waren eine vollständige Schrapnellkugel und etwa 50 kleine Splitter in den ver¬
letzten Oberschenkel mit eingedrungen und eingeheilt Verf. schließt aus seinem
Falle:
1. Lebens* und entwicklungsfähige Tetanusbazillen können in den Körper
einheilen und nach Monaten wieder zum Ausbruch des Tetanus Veranlassung
geben.
2. Weder das Überstehen des Leidens noch auch die Behandlung mit großen,
intradural verabfolgten Gaben von Serum schützen den Körper vor der Wieder¬
erkrankung, wenigstens nicht für längere Zeit
3. Zum Wiederausbruch des Tetanus bedarf es wahrscheinlich eines Anstoßes
(im vorliegenden Falle gab diesen die Erkrankung an Wundrose ab).
e) Klinische Erfahrungen über Tetanus auf dem westlichen Kriegsschau¬
platz, von Otto Klieneberger. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 32.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. berichtet über 31 von ihm beobachtete Tetanusfälle. Sie stammen
aus fünf von sechs Lazaretten, die in Schulen, Fabriken, Kirchen, Privat¬
häusern usw. untergebracht waren, während in dem fast freigebliebenem sechsten
Lazarett es sich um ein neugebautes, mit einem modernen Operationssaal ver¬
sehenes Krankenhaus handelte. Am häufigsten schloß sich der Tetanus den Granat-
verletzungen an, die nicht nur die schwersten Wunden setzen, sondern auch un-
gemein häufig septische Erscheinungen im Gefolge haben. Dnter den 31 Fällen
konnte 7 mal die Art des Geschosses nicht mit Sicherheit ermittelt werden, in
18 Fällen wurden Granatverletzungen, 4mal eine Verwundung durch ein In¬
fanteriegeschoß, einmal eine Bajonettstichverletzung und einmal eine ziemlich aus¬
gedehnte Verbrennung zweiten Grades duroh einen Minenwerfer festgestellt. Auf
die Erscheinungen und den Verlauf des Tetanus haben weder Art des Geschosses
noch Art der Verletzungen Einfluß.
Als erstes objektives Symptom wurde in der Regel Trismus festgestellt, dem
oft Parästhesien, Kriebeln, noch häufiger Ziehen in den Kaumuskeln vorausgingen.
Einmal bestand lokaler Tetanus, örtliche tonische Muskelanspannungen als erstes
Symptom. Verf. beschreibt sodann den weiteren Verlauf. Wiederholt kam es,
wie bei Epilepsie, zu Wangen- und Zungenbissen. Die Extremitätenmuskelkrämpfe
waren mehr klonisch-tonischer, die der Rumpfmuskulatur mehr tonischer Natur.
Die Krämpfe wechselten in bunter Mannigfaltigkeit. Ungemein häufig war eine
langanhaltende tonische Anspannung der Bauchmuskulatur. Krämpfe der Inter-
kostalmuskeln und des Zwerchfells zeitigten starke Zyanose und eine oft bedroh¬
liche Atemnot. Nicht selten waren Nackensteifigkeit sowie opisthotonische Er¬
scheinungen bis zu ausgeprägtem arc de cercle. Die regelmäßige Refiexsteigerung
war sehr oft auf der Verletzungsseite stärker. Nicht selten waren starke Sali-
vation, Schaum vor dem Mund, das Quinquaud sehe Phänomen, Schweißausbrüche,
mäßige Pulsbeschleunigung. Stärkere Pulsbeschleunigung ohne gleichzeitigen, auf
Komplikationen beruhenden Temperaturanstieg muß man als prognostisch ungünstig
ansprechen. Die Inkubationsdauer schwankte zwischen 5 und 18 Tagen. Je
kürzer die Inkubationsdauer, um so stürmischer verläuft im allgemeinen der
Tetanus, um so schneller führt er zum Tode
Von den 31 Fällen sind 26 gestorben. Die fünf, welche durohkamen, hatten
die längste Inkubationszeit. Ein Kranker hatte eine Inkubationszeit von 18 Tagen
und starb 12 Tage nach Feststellung des Tetanus; dieser Fall zeigte indessen
besonders schwere Verletzungen und Komplikationen. Von 6 Fällen, in denen
eine Amputation vorgenommen wurde, kam nur einer durch, der mit einer In¬
kubationszeit von 13 Tagen heilte. Die Amputation ist kein Prophylaktikum
ebensowenig kann die prophylaktische Einspritzung von Tetanusantitoxin der
Ausbruch des Tetanus mit Sicherheit verhindern. Von den 31 Kranken wäre:
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
783
drei prophylaktisch gespritzt worden. Bei zwei von diesen war nach 8 Tagen
der Tetanus voll entwickelt, 2 Tage später erfolgte der Exitus.
Die Behandlung erstreckt sich einmal auf die Wundbehandlung nach chirur¬
gischen Gesichtspunkten, sowie auf die eigentliche Tetanusbehandlunjg, bei der die
symptomatische (Narkotika, Magnesiumsulfatlösung 25°/ 0 ) und die spezifische Be¬
handlung unterschieden werden müssen. Letztere besteht in der wiederholten
Anwendung von Tetanusantitoxin (100 A.-E.) — subkutan und intramuskulär
unzweckmäßig, dagegen intravenös und intralumbal im täglichen Wechsel zu
empfehlen. Ferner hat Verf. den Kranken in Mengen von 20 bis 30 ccm Blut¬
serum, Blut und Liquor von geheilten Tetanuskranken intravenös und intralumbal
gegeben und endlich auch mehrfach ihnen das eigene Blutserum, den eigenen
Liquor intravenös injiziert. Die am intensivsten behandelten Kranken heilten.
10) Klinische und therapeutiaohe Erfahrungen über den Tetanus, von
Bruno Oskar Pribram. (Berliner klin. Wochenschrift 1915. Nr. 33/35.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. kommt zu folgender Zusammenfassung:
1. Schlüsse aus einer Mortalitätsstatistik auf den Wert einer Therapie können
beim Tetanus wegen der außerordentlichen Verschiedenheit des zur Beobachtung
gelangenden Materials nur bei genauer klinischer Präzisierung des Einzelfalles
gezogen werden.
2. Die Lokalisation der Krämpfe ist prognostisch von großer Bedeutung.
Fälle mit Trismus, Opisthotonus und Krämpfen peripherer Muskelgruppen liefern
relativ günstige Prognosen, vorausgesetzt, daß pulmonale und kardiale Kompli¬
kationen fehlen; ungünstig ist die Prognose, wenn Zwerchfell- und Glottiskrämpfe
bestehen, auch wenn die übrige Muskulatur vollständig unbeteiligt ist. Die düstere
Prognose resultiert aus dem Umstande, daß bei Bekämpfung dieser Krämpfe die
üblichen Behandlungsmethoden versagen.
3. Ein sicheres Frühsymptom kommender Zwerchfellkrämpfe ist der epi-
gastrische Schmerz, der auf einen schon sehr früh sich äußernden erhöhten Muskel¬
tonus des Diaphragmas zurückzufdhren ist.
4. Die alte Regel, daß die Stärke der Infektion immer in der Kürze der
Inkubation ihren Ausdruck findet, hat namentlich für etwas längere Zwischenzeiten
keine ausnahmslose Gültigkeit. Eine Erklärung ist dadurch gegeben, daß die
wahre Inkubation erst vom Momente der Toxinproduktion der infizierenden Bazillen
zu rechnen ist. Diese fällt aber nicht notgedrungen mit dem Momente der In¬
fektion zusammen.
5. Die Lokalisation der Krämpfe ist unabhängig vom Orte der Verletzung,
unabhängig von der Intensität der Infektion.
6. Beim Tetanus fehlt regelmäßig das Fazialisphänomen, mag die Facies
tetanica nooh so ausgeprägt sein; niemals nimmt die Hand eine Zwangsstellung
ein, niemals gibt es isolierte Adduktorenkrämpfe. Diese drei Tatsachen dienen
differentialdiagnoBtisch zur Unterscheidung von Krämpfen der Frühjahrstetanie,
als welche sich zwei als Tetanus eingelieferte Fälle entpuppten.
7. Die häufigste Komplikation beim Tetanus ist die konfiuierende Lobulär¬
pneumonie, die abgesehen von der Erstickung bei den Zwerchfell-Glottiskrämpfen
die meisten Todesopfer fordert. Angesichts dieser Tatsache wird die Möglichkeit
einer spezifischen Pneumonie diskutiert.
8. Bei den unter Zwerclifellkrämpfen gestorbenen Patienten findet man
ziemlich regelmäßig subpleurale Blutungen, oft auch subendo- und subepikardiale,
Leber-, manchmal auch subkapsuläre Nieren- und Zwerchfellblutungen. Man findet
ferner Stauungsleber und Stauungsnieren. Alle übrigen, die nicht unter Erschei¬
nungen von Zwerchfellkrämpfen zugrunde gegangen sind, haben normal gefüllte
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
784
oder blutarme Abdominalorgane. Erklärung findet diese Tatsache im Mechanismus
der Zwerchfellkontraktion.
9. Bei auffallend vielen Tetanuskranken und fast allen Tet&nusgestorbenen
wurden stark ^ausgeprägte Stigmata eines Status lympbaticus gefunden, so daß der
Disposition für den Erankheitsverlauf und vielleicht auch für die Infektion über^
haupt eine gewisse Rolle zukommt.
10. In einem Falle wurde ein Tetanusrezidiv im Anschluß an eine septische
Embolie beobachtet.
11. Die beste Art der Wundbehandlung besteht im radikalen Wegschneiden
sämtlicher nekrotischer Gewebspartien, bis in das frische blutende Gewebe hinein,
das den schlechtesten Nährboden liefert. Schorfbildende Antiseptika, auch der
Paquelin, erscheinen nicht so zweckmäßig.
12. Für eine eventuelle Amputation soll man sich im allgemeinen nur von
chirurgischen Prinzipien und sich von der Infektion allein keine Indikation stellen
lassen. Man sieht Tetanus mit schwersten Phlegmonen ausbeilen, solche mit
leichter Verletzung perniziös verlaufen, ebenso wie man nach stattgehabter Am¬
putation erst das Auftreten von letal verlaufendem Tetanus beobachten kann.
13. Die Ansicht, daß nur schwerste Verletzung mit Gewebszertrümmerang
zu dieser Infektion Anlaß geben, läßt sich nicht aufrecht erhalten. In einem
Falle waren Schweißrhagaden zwischen den Zehen die einzige nachweisbare Ver¬
letzung. Eine prophylaktische Immunisierung, die sich ausschließlich auf Granat¬
verletzungen beschränkt, dürfte daher kaum zum Ziele führen.
14. Bei der Narkose empfiehlt es sich, einerseits wegen der eminenten Gefahr
der Pneumonie, andererseits wegen der nach Äther sehr oft einsetzenden Glottis¬
krämpfe jeden Äther zu vermeiden und nur reines Chloroform zu verwenden, dem
nur ein symptomatischer Wert zukommt.
16. Von der Serumtherapie sieht man, vorausgesetzt, daß hohe Dosen zur
Verwendung kommen, manchmal entschiedenen Nutzen; bevorzugt wird die täglich
zu wiederholende perkutane intravenöse Injektion von 200 bis 300 A.-E. Am
ersten Tage empfiehlt sich außerdem noch eine intradurale von 400 bis 600 A.-E.
bei Oberkörpertieflagerung.
16. Die Krämpfe der peripheren Muskulatur kann man durch Chloralhydrat
— bis zu 10 g täglich —, durch die subkutane Magnesiumsulfatinjektion — 6
bis 6 mal täglich 20 ccm einer 2b°/ 0 igen Lösung — und durch Injektionen von
Luminalnatrium — 20°/ 0 ige Lösung — erfolgreich bekämpfen. Am vorteil¬
haftesten ist die Kombination der genannten Mittel, mit denen man sicher zum
Ziele kommt.
17. Bei den Zwerchfell-Glottiskrämpfen versagen die genannten Mittel voll¬
ständig.
18. Nur solche Methoden haben bei Behandlung der Zwerchfell-Glottiskrämpfe
Erfolg, die direkt den Atmungsmechanismus beeinflussen. Wir haben eine zwei¬
fache Aufgabe zu leisten:
1. eine Einschränkung der normalen Atmung hervorzurufen und
2. dieselbe im Bedarfsfälle durch die künstliche Respiration zu ersetzen
und zu unterstützen.
19. Dieses Ziel kann man erreichen:
a) durch doppelseitige Phrenikotomie kombiniert mit der Tracheotomie,
b) durch die intradurale Magnesiumsulfatinjektion bei Oberkörpertief¬
lagerung,
c) durch die graduelle Einschränkung der normalen Atmung durch hohe
Morphiumdosen.
20. Morphium wurde in steigenden Dosen bis zu 0,3 g pro Tag angewandt.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
785
Normale Morphiumdoaen ohne deutliche Wirkung auf die Atmung haben ebenso*
wenig Effekt wie Chloralhydrat, Luminal und subkutane Magnesiumsulfatinjektionen.
21. Durch die graduelle Einschränkung der normalen Atmung mittels hoher
Dosen gelingt es mit Sicherheit, den Patienten absolut krampffrei zu erhalten«
Die absolute Krampflosigkeit muß als Effekt der symptomatischen Therapie bei
den Zwerchfell-Glottiskrämpfen unbedingt postuliert werden, da jeder Krampf den
sofortigen Tod nach sich ziehen kann.
22. Wenn man zur künstlichen Respiration gerüstet ist, braucht man die
hohen Morphiumdosen in keiner Weise zu fürchten.
23. Die künstliche Sauerstoffatmung leistet auch in Fällen, wo sie nicht un¬
bedingt erforderlich ist, ausgezeichnete Dienste.
11) Ein auf den linken Plexus lumbalis lokalisierter Fall von Tetanus,
von Ulrich Hammer. (Münch, med. Wochenschr. 1916. Nr. 32. Feldärztl.
Beilage.) Ref«: Kurt Mendel.
Verletzung durch Fliegerbombe. Wunde am linken Oberschenkel mit stark
zerquetschtem und beschmutztem Gewebe. Abends 70 Antitoxineinheiten eines
amerikanischen Präparates. Am 8. Tage nach der Verletzung anfallsweise krampf¬
artige Schmerzen im linken Oberschenkel. Steigerung der Krämpfe: etwa alle
5 Minuten zieht sich die Muskulatur des linken Oberschenkels krampfartig und
stark schmerzhaft zusammen. An anderen Körperteilen treten die Krämpfe
nicht auf. Temperatur um 38°. Keine Schluckbeschwerden, kein Trismus, kein
Risus sardonicus. Im Wundeiter Tetanusbazillen. Später leiohte Schluck¬
beschwerden. Schließlich völlige Heilung.
Der Tetanus hatte sich im vorliegenden Falle auf die vom Plexus lumbalis
innervierten Muskeln beschränkt.
12) Die intraneur&le Injektion von Tetanusantitoxin bei lokalem Tetanus,
von Arthur W. Meyer. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 37.) Ref.:
E. Tobias (Berlin).
Verf. hatte in einem Reservelazarett als Chirurg Gelegenheit, sich von der
Bösartigkeit des stets zuerst lokal auftretenden Tetanus bei Extremitäteninfektion
zu überzeugen. Überall waren deutlich erst lokale Erscheinungen — leichtes
Zucken und Krämpfe — vorhergegangen, auf die die Patienten den Arzt nicht
aufmerksam machen, weil sie sie in selbstverständlichen Zusammenhang mit ihrer
Wunde bringen. Verf. hat nun in diesen Fällen die Injektion von Antitoxin in
den zentral erreichbaren Abschnitt der zur Extremität gehörigen Nervenstämme
vorgenommen, wie es Hans H. Meyer und Ransom angegeben hatten. Der Aus¬
gang in Heilung in zwei Fällen erscheint Verf. um so bemerkenswerter, als die
kurze Inkubationszeit bei beiden die Prognose hatte recht schlecht erscheinen
lassen. Unter allen Umständen hat der Arzt auf jedes noch so leichte Zucken
oder krampfartige Gefühl in dem verwundeten Gliede sofort zu achten, um recht¬
zeitig eingreifen zu können.
In einem Nachtrag werden zwei weitere Fälle erwähnt; bei beiden ergab
die Anamnese, daß vor Ausbruch des allgemeinen Tetanus deutlich lokaler Tetanus
nur der betreffenden Extremität bestanden hatte. Sie waren vor Ausbruch des
allgemeinen Tetanus nicht injiziert worden und kamen zum Exitus.
13) Beitrag zur Tetanusbehandlung, von Hans Lieb old. (Münch, med Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 20. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel.
Erfahrungen an 24 Tetanusfällen. Verf. empfiehlt das Magnes. sulfur., doch
nicht in Konzentrationen über 16 °/ 0 hinaus, und zwar intravenös 2 bis 3 mal
täglich 10 ccm, in Kombination mit kleinen Mengen Tetanusserum (200 bis
300 A.-E.) Mit krampf- und schmerzstillenden Mitteln und mit Schlafmitteln
soll nicht gespart werden. Für ordentliche Diurese ist zu sorgen, lokal ist Sauer¬
stoff in erhöhtem Maße anzuwenden (Hydrogen, peroxyd., Ortizon).
xxxiv. 50
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
786
14) Zur Salvarsanbehandlung des Tetanus, von Bothfuchs. (Münch, med.
Wochenschr. 1916. Nr. 29.) Bef.: Kurt Mendel.
Verf, empfiehlt auf Grund weiterer Erfahrungen (vgl. d. Centr. 1915, S. 93)
die Anwendung der Kombination von Salvafsan und Antitoxin bei Tetanus. Bei
14 Fällen 85°/ 0 Heilungen.
Migräne, Neuralgie.
• 16) Über Osphalalgie. Eine Monographie von J. Hn&tek. (Prag, M&j, 1914.
[Böhmisch.]) Ref.: J. Stuohlik (Zürich).
In seiner Monographie gibt Verfi ein vollständiges Bild zahlreicher Ursachen
und Formen des Kopfschmerzes. Er teilt die Cephalalgien in folgende 9 Gruppen,
je nach dem Vorkommen bei: 1. Blntkrankheiten und Störungen des Blutkreis*
laufe; 2. funktionellen Hirnerkrankungen, Neurosen und Psychqsen; 3. organischen
Hirn* und Hirnhäuteerkrankungen; 4. Trigeminus* und Cervicookzipitalneuralgie;
5. lokalen Veränderungen der Schädelknochen und Schädel weichteile; 6. Auto¬
intoxikationen, Stoffwechselkrankheiten, akuten und chronischen Infektionskrank¬
heiten; 7. exogenen Vergiftungen; 8. reflektorische und 9. habituelle Cephalalgie.
— Jede Gruppe ist ausführlich besprochen und an reicher Kasuistik demonstriert.
Die Arbeit des Verf.’s bedeutet nicht nar eine positive Bereicherung der tschechi¬
schen Literatur, sondern ist, als einheitliche Bearbeitung eines in so verschiedenen
Lehrbüchern behandelten Themas, auch von allgemeiner Bedeutung.
16) Anaphylaktisohe Erscheinungen im Symptomenbllde der Hemikranie.
Ein Fall von Hetniorania ophthalmioa, von F. Bohrer. (Mediz. Klinik.
1916. Nr. 31.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. schildert die Krankengeschichte eines Arztes, der typische und atypische
Anfälle von Hemicrania ophthalmica hat. Aus der Symptomatologie und dem
Verlauf ergibt sich, daß das Flimmerskotom an einer kleinen Stelle des Gesichts¬
feldes beginnt, meist in der Nähe des Blickpunkts, und sich von hier, in allen
Bichtungen einer Gesichtsfeldbälfte kontinuierlich weiterschreitend, nach der
Peripherie auBbreitet. Es handelt sich um einen herdartig von einer bestimmten
Stelle sich ausbreitenden Prozeß in einem zentral vom Chiasma gelegenen Teile
des Sebapparats, und zwar spielt sich der Vorgang in der Bindenregion des Seh¬
apparats ab. Die Störung wird genau analysiert. Nach den Anfällen besteht
vorübergehend eine lokale Anaphylaxie, eine übergroße Bereitschaft der zentralen
Sehelemente, welche vom Anfall betroffen waren, zur Reaktion mit dem toxisohen
Stoffe zu einer Zeit, wo er noch in zu geringer Quantität vorhanden ist, um
einen vollständigen Anfall auszulösen. Man kann die Hemikranie als Krankheit
auffassen, die aus dem Zusammenwirken einer Disposition des Organismus und
einer toxischen Noxe entsteht und unter anaphylaktischen Erscheinungen verlänft.
17) Behandlung der Trigemlntuneuralgien mit Alkoholinjektionen, von J. Do¬
nath. (Zeitschr.f. d.ges.Neurol.u.Psych. XXIX. 1915. H. 1.) Ref.: W.Misch.
Die Technik der Behandlung der Trigeminusneuralgien mit Alkoholinjektionen
wird für die einzelnen Äste und Ganglien eingehend beschrieben. Die Behand¬
lung von 16 Patienten gab gute Erfolge: 11 wurden geheilt, 4 gebessert; Rezi¬
dive sind nicht häufiger als bei der blutigen Behandlung. Die Injektionen sollen
zwei- bis dreimal in 5 bis 7 tägigen Intervallen ausgeführt werden. Eine blutige
Resektion erübrigt sich damit in den meisten Fällen; sie kommt überhaupt nur
noch bei ganz hartnäckigen, sehr hoch lokalisierten Neuralgien in Betracht, und
es ist die Exstirpation des Ganglion Gasseri oder die von Dollinger angegebene
Extraktion der TrigeminuBwurzeln unter dem Tentorium cerebelli schließlich der
einzige chirurgische Eingriff, der bei den hartnäckigsten Neuralgien angewandt
werden sollte.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
18) Beobachtung eines Falles mit Keratitis neuroparalytica infolge einer
Alkoholinjektion in den N. maxillarls superior bei Oesiohtsneuralgie, von
Datoit. (Zeitsohr. f. Augenhk. XXXII. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Steindorff.
Neuralgie im Gebiete des N. maxill, sup. und des N. ophthalm. Zuerst
Alkoholiqjektion in enteren, die Neuralgie wurde geheilt, 4 Tage nach der Ein«
spritzung neutraler Substanzverlust und Anästhesie der Kornea. Unter Dionin
Heilung in 16 Tagen, die Sensibilität der Kornea kehrte wieder. — Eine zweite
Alkoholinjektion im Gebiete des N. ophthalmicus hatte nur vorübergehendes Lid-
ödem im Gefolge und heilte die Neuralgie. Als Unache der Keratitis wird eine
reine Sensibilitätsstörung im Gebiete des N. V. angenommen.
18) Die Heilung hartnäckiger Trigeminusneuralgien duroh Injektion von
Alkohol ins Ganglion Gasseri, von Georg Hirschei. (Münch, med.
Wochenschr. 1915. Nr. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. berichtet über sieben von ihm injizierte Ganglionfalle, von welchen die
enten über l ] / 2 Jahr, die letzten mehrere Monate zurückliegen. In allen war
das Resultat ausgezeichnet, alle sind bisher rezidivfrei geblieben. Immer handelte
es sich um erfolglos behandelte Neuralgien, meist von mehreren Trigeminusästen.
Verf. hat sich bei seinem Vorgehen den Vorschriften von Härtel angeschlossen.
In 2 von den 7 Fällen legten sich die Schmerzen nicht Bofort nach der Injektion,
sondern waren anfangs nur gebessert; erat nach einigen Tagen trat völlige Sistie¬
rung der Anfälle ein, ohne daß die Injektion ein zweites Mal gemacht zu werden
brauchte. Verf. meint, daß die Methode die Ganglionexstirpation überflüssig
machen dürfte. Es ist nicht erwähnt, ob vor der Injektion von Alkohol ins
Ganglion Gasseri periphere Alkoholinjektionen gemacht worden sind.
20) The treatment of trifaolal neuralgia by the Injection of aloohol lato
the Gaaaerian gangllon, by C. D. Camp. (Medic. Record. LXXXV. 1914.
Nr. 25.) Ref.: W. Misch.
An der Hand von 3 Fällen wird gezeigt, daß Alkoholinjektionen in das
Gangl. Gasseri die gleiche physiologische Wirkung auf die Sensibilität haben wie
die Exstirpation des Ganglions. Es iBt in zahlreichen Fällen möglich, die Nadel
zur Alkoholinjektion duroh das Foramen ovale in das Ganglion einzuführen. Der
Erfolg ist ausgezeichnet, denn die neuralgischen Schmerzen werden kupiert, und
es ist anzunehmen, daß diese Besserung eine anhaltende ist.
21) Dia Dauererfolge der extrakraniellen ohirurgisohen Behandlung der
Trigeminusneuralgie, von E. Kappelmeyer. (Inaug.-Dissert. Erlangeu
1914.) Ref.: K. Boas.
Der vorliegenden Arbeit liegen 17 Fälle von Trigeminusneuralgie mit
16 Katamnesen aus den Jahren 1904 bis 1913 zugrunde. Die Dauerresultate
der chirurgischen Behandlung waren folgende:
4 Fälle waren rezidivfrei, wobei die Operation 4 Wochen bis 7 1 / a Jahre
zurückliegt. In 12 Fällen bestanden Rezidive, deren Auftreten in die Zeit un¬
mittelbar nach der Operation bis 4 Jahre danach fällt. Was besonders in die
Augen springt, ist der Umstand, daß der III. Ast mit 11 Erkrankungen an der
Spitze steht, während der II. Ast nur in 6 und der I. Ast nur in 3 Fällen von
der Neuralgie befallen wurde.
Von den Operationsmethoden wurde 12 mal die Neurexairese angewandt, und
zwar 3mal am I. Ast, wobei 1 Fall rezidivfrei blieb, 6 mal am III. Ast, darunter
1 mal Aufsucben des III. Astes an der Schädelbasis nach v. Mikulicz. Die
Resektion (Neurektomie) wurde 5 mal ausgeführt, 1 mal am II. Ast, wo Bie bis
jetzt nach 7 l / i Jahren eine Rezidivfreiheit zur Folge batte, und 4 mal am III. ABt,
1 mal wurde eine Kochsalzinjektion in den III. Ast, jedoch mit sehr wenig Erfolg
gemacht.
50*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
788
Digitized by
Zarzeit sind wirklich rezidivfrei 25°/ 0 der Falle, wobei die Operation im
Dorchsohnitt 2 X / S Jahre 4 Monate zurückliegt.
Dabei hatte die Neurexairese in 20°/ o , die Resektion in ö°/ 0 der Fälle die
Rezidivfreiheit zar Folge.
Die schmerzfreie Periode überhaupt betrug im ganzen durchschnittlich 1 Jahr
3 Monate.
Bei den Neuralgien des L Astes trat das Rezidiv durchschnittlich nach 1 Jahr
4 Monaten, bei denen des IL Astes nach 1 Jahr 10 Monaten und bei den Neur»
algien des III. Astes nach 1 Jahr auf.
Verf. bekennt, dafi auch die chirurgische Behandlung der Trigeminusneuralgie
keinen Dauererfolg garantiert. War doch biB jetzt die längste schmerzfreie Periode
17 Jahre, die kürzeste nur 8 Tage. Bei einer durchschnittlichen, schmerzfreien
Zeit von 3 Jahren 2 Monaten post operationem treffen auf 2290 Operierte ins¬
gesamt 28,2 °/o wirklich rezidivfreie Fälle. Die Zeit des Auftretens der Rezidive
bei den einzelnen Ästen verteilt sich im Durchschnitt folgendermaßen:
Rezidive des I. Astes nach 10 1 /* Monaten
„ „ II. „ „ 2 Jahren 3 1 /, Monaten
„ „ III. „ „ 1 Jahr 6 Monaten
Trotz dieser wenig erfreulichen Resultate ist die chirurgische Behandlung
der Trigeminusneuralgie noch immer der inneren Behandlung vorzuziehen, die
Verf. für ebenso nutzlos wie gefährlich hält.
22) Das Wesen und die Grundlagen des Ohrenkopfsohmerzes und seine
Feststellung duroh die ärztliche Untersuchung, von Linck. (Therapie
der Gegenwart. 1915. Januar u. März.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. gibt einen Überblick, welche Erkrankungen im Ohrgebiet Kopfschmerzen
zu verursachen vermögen, welche pathologisch-anatomischen und pathologisch-
physiologischen Vorgänge dabei unmittelbar dem Kopfschmerz zugrunde liegen
und welche diagnostischen Anhaltspunkte im einzelnen Falle die Aufmerksamkeit
des allgemeinen Praktikers auf Ohrenerkrankungen als Kopfschmerzursache hin¬
lenken müssen und so eine exakte klinische Aufklärung und Behandlung der
otogenen Kopfbeschwerden ermöglichen.
Als wichtigste und häufigste Ursachen für Kopfschmerzen kommen von Ohr¬
erkrankungen die Mittelohrentzündungen in Betracht und zwar sowohl in ihren
akuten wie in den subakuten und chronischen Erscheinungsformen. Bei der
akuten unkomplizierten Mittelohrentzündung wird der Kopfschmerz klinisch meist
durch die lokalen Schmerzen im Ohrgebiet verdeckt, bei ihnen wie bei den kom¬
plizierten akuten Mittelohreiterungen ist die Kopfschmerzursache leicht festzustellen.
Bei den subakuten Ohreiterungen kann zuweilen die Aufklärung des otogenen
Ursprunges der Kopfschmerzen selbst dem Spezialohrenarzt Schwierigkeiten be¬
reiten. Schon die Anamnese kann im Stich lassen, bei der immer nach zeit¬
weiligem eitrigem Ohrenausfluß die Frage zu richten ist. Oft bringt der Patient
den Arzt direkt von der richtigen Fährte ab, indem ihm selbst ein Zusammen¬
hang mit der nach seiner Meinung längst erledigten Ohrenerkrankung ganz un¬
möglich erscheint. Auch die Untersuchung kann erhebliche Schwierigkeiten hietec.
Von Wert ist dann oft der Webersche Versuch, der die Seite erkennen laßt, au:
welcher die Ohraffektion angenommen werden muß, ferner die Röntgenphotogr&phie
und das Abderhalden sehe Di alysi er verfahren.
Verf. wendet sich dann zu den chronischen Mittelohreiterungen und ihrer
klinisch-diagnostischen Erkennung und Bewertung als Kopfschmerzursache mni
bespricht kurz zum Schluß die Säuglingsotitis.
23) Über Nacken- und Sohulterschmersen und ihre Beziehungen su Afftok
tionen der im kleinen Becken liegenden Organe, von M. Lapin akj.
(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
789
Verf. beschreibt ein besonderes klinisches Bild, welches er als Dolores myalgicae
bezeichnet, als einen vasotrophischen Prozeß anspricht und wie folgt schildert:
einerseits werden Schmerzen und Parästhesien in Gestalt von Druck, Kompression,
Hitzegefühl u. dgl. m. im Hinterkopf, Nacken und oberen Schultergebiet vermerkt,
während andrerseits bei der objektiven Untersuchung Veränderungen verschiedener
Gewebe der genannten Gebiete gefunden werden: die Haut ist dunkler als in der
Norm, dicker und konsistenter; die vasomotorischen Reflexe erweisen sich im er«
wähnten Gebiet alB sehr lebhaft und viel intensiver als in den benachbarten Be¬
reichen; die Hautsensibilität ist in der Regel unverändert, die Druckempfindlich*
keit allerdings hochgradig erhöht; das Unterhautzellgewebe ist anfangs stark
entwickelt, atrophiert aber in den späteren Stadien; die Muskeln sind verdickt
und bis zu einem gewissen Grade gespannt, ihre Konsistenz ist anfangs vermehrt,
später erweisen sich die Muskeln als in ihrem Umfange vermindert, während ihre
Konsistenz stellenweise derartig zugenommen hat, daß man von einer binde¬
gewebigen oder schwieligen Degeneration sprechen kann; Muskeln, Sehnen und
Aponeurosen in den erwähnten Gebieten sind druckempfindlich; sehr mäßig druck¬
empfindlich sind die Nn. occipitales major und minor; die Gefäße sind erweitert
und mit Blut überfüllt; an den Knochen keine besonderen Veränderungen, nur
in wenigen Fällen krepitieren und knistern die Halswirbel bei passiven Be¬
wegungen.
Verf. glaubt nun, daß dieses besondere Leiden keine primäre Krankheit
bildet, sondern mit einer Veränderung der Organe im kleinen Becken zusammen¬
hängt, daß die Gefäßerweiterung im Gebiete des Nackens und Schultergebiets
sekundär als Reaktion oder als sympathische Erscheinung (Gleichgewichtsverlust
des sympathischen Nervensystems) eintritt. Der Reiz, der auf irgendeine Weise
in den sympathischen Bauchgeflechten entstanden ist, wird auf das Dorsalmark
und zwar auf seine oberen Abschnitte übertragen, bewirkt hier eine Hemmung
der Funktion der Vasomotoren des Halses und der Schultern, setzt ihren Tonus
herab und führt infolgedessen im entsprechenden Gebiete eine Gefäßerweiterung
herbei.
24) Über Nearalgla braohlalis und ein eigentümliches Symptom bei der¬
selben, von 0. B. Meyer. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 35.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beschreibt 8 Fälle von Neuralgie brachialis und betont die Wichtig¬
keit der Röntgenuntersuchung derartiger Fälle. Er fand in 3 von 7 Fällen idio-
pathisoher brachialer Neuralgie ein Symptom, das er als „Armschmerz bzw. Schulter-
schmerz bei Rasierstellung des Kopfes“ bezeichnet. Der Schmerz tritt am stärksten
auf, wenn gleichzeitig mit der Rückwärtsbeugung eine Seitwärtsbeugung des
Kopfes nach der der Neuralgie entgegengesetzten Seite verbunden wird. Bei
Arm6chmerzen anderer Herkunft wurde das Symptom nicht beobachtet Thera¬
peutisch hat sich Algocratine gut bewährt; auch kommt für hartnäckige schwere
Armneuralgien die Injektionstherapie mit paravertebralen bzw. epiduralen In¬
jektionen an der Halswirbelsäule oder den peripheren Nerven in Frage.
„Algocratine“ ist nach einem Nachtrag desselben Verf.’s (Berl. klin. Wocb.
1914. Nr. 37) folgende Mischung: 50 Phenazetin, 10 Koffein, 40 Pyramidon. Man
soll also nicht das sehr teure französische Präparat verordnen, sondern die
Mischung verschreiben.
25) Lee nevralgies pelviennes d’orgiue gönitale ohez la femme et leur
traitement, pur Macö de Löpinay. (Journ. de m6d. de Paris 1914.
Nr. 29.) Ref.: K. Boas.
Verf. empfiehlt bei Pelvisneuralgien die Hydrotherapie neben den anderen
Heilmethoden, besonders bei sonst intaktem Genitale. Bestehen Komplikationen
von seiten des letzteren, so zielt die Hydrotherapie auch auf deren Beseitigung
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
790
ab. Bei besonders schweren Fällen soll die Radiotherapie ergänzend hinzntreten.
Ist ein chirurgischer Eingriff vonnöten, so ist die Hydrotherapie als Vorbereitung
dazn von großem Nutzen.
26) Solatique radiculaire, par M. Dobrokhotow. (Revue de mödecine. 1914.
Nr.7.) Ref.: Kurt Mendel.
Aus der Qruppe der Isohiasfälle kann man eine ganz besondere Form, die
radikuläre Ischias, absondern. Die Symptomatologie und Ätiologie dieser Affeküon
ist gut bestimmt. Besonders wichtig bezüglich der ersteren ist die Art der Ver¬
teilung der radikulären Sensibilität an den unteren Extremitäten. Verf. bringt
die Krankengeschichten von 22 Fällen von radikulärer Ischias und knüpft daran
folgende Bemerkungen: Die Art der Sensibilitätsstörungen scheidet die radikuläre
Ischias ganz besonders von der Stammischias und der peripherischen Ischias ab.
Diese Störungen bestehen in Verstärkung oder Abschwächung der objektiven
Sensibilität. In den 22 Fällen wurde 10 mal Hyperästhesie, 7 mal Hypästhesie,
3 mal Anästhesie mit Hypästhesie und 2 mal Hypästhesie mit Hyperästhesie
notiert Doppelseitig waren die Seosibilitätsstörungen in 6, einseitig in
16 Fällen. In allen Fällen mit Anästhesie waren Schmerz-, Berührungsgefühls¬
und Temperatursinn betroffen, in den Fällen mit Hypästhesie bestand meist
eine Gefühlsherabsetzung für Schmerz und Berührungen, die Hyperästhesie be¬
traf gleichfalls stets Schmerz- und Berührungsgefühl, nicht den Temperatursinn.
Was die Topographie der Sensibiltätsstörungen betrifft, so unterscheidet Verf.
3 verschiedene Formen: 1. die Störungen beginnen an den Lendenwirbeln und
gehen bogenförmig zur äußeren oder hinteren Partie des Oberschenkels, um dort
sich auszubreiten oder um auf die Vorderfläche des Beines und Fusses überzugehen;
2. die Störungen umfassen die ganze äußere Fläche des Beines; 3. sie beginnen
am Perineum und ziehen spiralartig um das Bein von oben nach unten und von
hinten nach vorn herum. Zur eraten Gruppe gehörten 15 Fälle, zur zweiten 6,
zur dritten 1 Fall. Hauptsächlich befallen sind die Wurzeln S x und L 5 . Die Ver¬
teilung der Sensibilitätsstörungen nach dem Edingerschen Schema (dies entspricht
der Gruppe 1) findet sich in den schwersten Fällen der radikulären Ischias und
ist daher von prognostischer Bedeutung.
Motilitätsstörungen wurden bei den 22 Fällen 6 mal notiert; nur einmal war
eine zirkumskripte Atrophie und Muskellähmung festzustellen, in allen übrigen
Fällen war die Schwäche und Abmagerung der Muskeln eine diffuse. Letztere
kann sehr beträchtlich sein (bis zu ö und 7 cm Differenz). Die Schmerzen werden
von den Kranken nicht immer entlang dem Verlaufe des Ischiadicus angegeben,
sehr oft sind sie besonders an der Außenfläche des Beines und an den Zehen
lokalisiert. Sie sind an sich sehr charakteristisch: selten kontinuierlich, häufiger
krisenartig auftretend, stets sehr heftig, oft blitzartig von oben nach unten; sie
nehmen zu beim Husten und Niesen. Die Valleixschen Druckpunkte Bind sehr
oft nachweisbar bei der radikulären Ischias. Nur in 3 von 22 Fällen war eist
gleichzeitige Skoliose und 1 mal eine Kyphoskoliose vorhanden. 13 mal bestanden
Reflexstörungen; 11 mal am Patellar-, 7 mal am Achillesreflex. In allen Faller
war das Laseguesche Zeichen positiv. ,
Die Therapie bestand in 12 bis 16 Mineralschlammbädern zu Saki, eines |
Dorfe der Krim (der Schlamm ist dem Fangoschlamm fast identisch). Diese Bäder
brachten meist Besserung.
Die radikuläre Ischias ist eine überaus schwere und chronische Erkankuc^
27) Epidurale Injektion, von Walter Enderle. (Deutsche med. Wochenschi
1915. Nr. 33.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. beschreibt die Technik der epiduralen Injektion, zu welcher er steri-
physiologische Kochsalzlösung verwendet; er injiziert in Knieellenbogenlage bl*
stark durchgedrücktem Kreuz 20 ccm durch den Hiatus sacralis. Nach der Ix
Difitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF Mia
791
jektion absolute Rübe für 1 bis 2 Tage. 10 Fälle werden mitgeteilt. Nie
Schädigung.
Indiziert ist die Injektion bei alten, rezividierenden, den üblichen Behandlungs¬
methoden trotzenden Ischiasfällen, zu empfehlen und die Therapie der Wahl bei
allen neuralgischen Anfällen im Bereich der unteren Extremitäten ohne Ver¬
nachlässigung der übrigen therapeutischen Hilfsmittel, ernstlich eines Versuches
wert bei gastrischen Krisen, bei Enuresis der Kinder, überhaupt bei funktionellen
Störungen des Urogenitalapparates.
28) Heilung der Neuralgie und Neuritis durch Bakterientoxine, von Döllken.
(Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 46/47.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Vert fand, daß gewisse Bakterienprodukte eine energische Wirkung auf er¬
krankte periphere Nerven haben, und berichtet über seine diesbezüglichen Ver¬
suche mit Vakzinen aus abgetöteten Bakterien, mit autolysierten Vakzinen,
Bakterienextrakten, mit Sekretionsprodukten der Bakterien (Toxinen), Sensibili¬
sierung von Bakterienpräparaten, Vakzineurin mit Mitteilungen der Dosierung.
Er bespricht die Immunisierungsvorgänge, die Theorie der Resistenzerhöhung,
die Aufaahmekapazität.
Von mehr als 200 Neuralgiefällen hat sich bisher keiner als refraktär er¬
wiesen, wobei hysterische Schmerzen nicht in den Kreis der Untersuchungen ge¬
zogen wurden. Injiziert wird in die Streckmuskulatur des Oberarms, die Kanüle
wird möglichst in Qewebslücken gebracht. In der Woche wird 3 mal injiziert,
zuerst Vioo °^ er l Uo ocm > dann Vso» dann 1 l%o ccm (bei der bis Injektion),
je 1 / l0 ccm bei der 7. bis 12. Injektion. Nebenerscheinungen sind größere Schlaf¬
müdigkeit abends, Besserung des Appetits und eine geringe Erleichterung der
Darmtätigkeit.
Des weiteren bespricht Verf. seine Erfahrungen bei Neuritiden. Die Wieder¬
herstellung der Funktionen läßt sich in geeigneten Fällen bei motorischen oder
gemischten Nerven Schritt für Schritt verfolgen. Selbst bei Atrophie der zu¬
gehörigen Muskeln erfolgt auch noch nach Jahren Regeneration, wenn nicht
komplette EaR. vorliegt. Die Ätiologie ist dabei von ganz untergeordneter Be¬
deutung. Verf. hat öl Fälle von Neuritis mit gutem Effekt behandelt, sehr viele
aind allerdings mit Defekt geheilt. 7 waren durch Trauma, 9 durch Infektion,
6 durch Stoffwechselerkrankung, 8 durch Berufsschädlichkeiten entstanden, 14 hatten
anbekannte Ätiologie. Zahlreiche kurze Krankengeschichten sind beigegeben.
20) Über die Behandlung von Ischias mit Hoohfrequenzströmen , von
J. Kobliiek. (Rev. v neuropsychopath. XI. 1914. S. 296). Ref.: J. Stuchlik.
Verf. behandelte einige Fälle von Ischias mit Arsonvalisation und erzielte
sehr hübsche Resultate; er beschreibt sein eigenes Verfahren, bei welchem es
hauptsächlich auf die Tadellosigkeit der Kondensatoren und die Funkenstelle des
Apparates ankommt, und empfiehlt nur stärere Apparate anzuwenden. Wohl
nicht jeder Fall von Ischias ist durch diese Methode zu heilen, aber doch ver¬
dient sie unter die therapeutischen Mittel gegen Ischias aufgenommen zu werden.
50) Neuralglsan, ein schwefelhaltiger Hautoreme, von Th. Rosenbaum.
(Reichs-Medizinal Anzeiger. 1914. Nr. 15.) Ref.: Kurt Mendel.
Neuralgisan wird 2 bis 3 mal täglich auf den erkrankten Körperstellen gründ¬
lich verrieben, bis es unter den Fingern verschwindet. Es bewährte sich be¬
sonders bei Neuralgien, Ischias und Neuritis, ganz speziell auch bei Armneuralgien.
51) Über Versuche, den Plexus lumbalis zu anästhesieren, von Arthur
Schlesinger. (Centralbl. f. Chirurgie. 1915. Nr. 22.) Ref.: K. Boas.
Verf. zeigt an Hand anatomischer Untersuchungen, daß es an dem Plexus
lumbalis eine Stelle gibt, wo alle seine Fasern gemeinsam getroffen werden können.
Man sticht 4 bis 6 cm lateral, etwas oberhalb des Dornfortsatzes des 5. Lenden¬
wirbels ein und gleitet dann mit der Nadel vorsichtig lateralwärts tastend in die
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
792
Tiefe. Verf, benutzt zu diesem, von ihm als „Paralumbalanästhesie“ bezeichnten
Verfahren eine 1 bis 2°/ 0 ige Novokainlösung.
Periphere Nervenlähmung.
82) An attempt to determine the diagnostio importanoe of Heads zones
of hyperalgesia, by L. Langstroth. (Arch. of intern. Medio. XVI. 1915.
Nr. 2.) Ref.: W. Misch.
Es wurden 460 klinische Fälle auf Headsche Hyperalgesiezonen untersucht
und dieselben bei Erkrankungen der Viszeralorgane häufig gefunden. Bei Lungen¬
erkrankungen wurde in 3°/ 0 der Fälle Hyperalgesie gefunden, bzw. in 13% von
denen, die über Schmerzen klagten. Bei Erkrankungen des Herzens und der
Aorta fand sich in 7% der Fälle Hyperalgesie, bzw. in 18 % der Fälle, die
über Schmerzen klagten; bei Erkrankungen des Magens in 24 bzw. 37%, bei
Erkrankungen der Leber und Gallenwege in 25 bzw. 58%, bei Intestinalerkran¬
kungen in 10 bzw. 22%, bei Nieren- und Uretererkrankungen in 45 bzw. 71%
der Fälle. Im ganzen kommt Verf. zu dem Schluß, daß die große Zahl von
Zonen, in deren Gebiet Hyperalgesie bei der Erkrankung eines jeden Organes
nachgewiesen werden kann, und die Anzahl von Organen, die von jedem Rücken¬
markssegment versorgt werden, die Hyperalgesie praktisch bedeutungslos für die
Diagnostik macht; eine einzige Ausnahme bilden wahrscheinlich die Erkrankungen
der Niere, bei denen die Headsche Zone eine etwas charakteristische Form bat.
33) Über Nervenlähmungen bei Arthritis urloa, von V. Kraus. (Öaaopis
(eskych 14k. L11I. 1914. S. 761.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich).
Verf. neigt zu der Ansicht von Thomayer, der schon 1914 einige Fälle
von polyartikulärer Arthritis urica, nach welcher sich Veränderungen in moto¬
rischer Sphäre eingestellt, publiziert hat. Es handelte sich (nach Thomayer)
um eine Affektion peripherer Nerven, die eine Lähmung zugehöriger Muskeln zur
Folge hatte. Trotzdem andere Autoren die Existenz solcher urarthritischen
Lähmungen leugnen (Oppenheim), wurde auf der Thomayerschen Klinik die
Frage weiter verfolgt, und Verf. veröffentlicht zwei neue Beobachtungen, die die
Richtigkeit der oben erwähnten Beobachtung von Thomayer nur bestätigen.
In einem Falle handelte es sich um Paralysis nervi radi&lis, im anderen um
Par. n. peronei mit nachfolgender Irritation des N. ischiadicus. Ohne Galvani¬
sation verschwanden beide Lähmungen bald —. im Gegensätze zu peripheren
Paralysen. Im zweiten Falle traten die Nervenerscheinungen erst nach vollstän¬
digem Verschwinden der Gelenkaffektion auf.
34) Lähmungen n&oh Typhus, von J. Zadek. (Deutsche med. Wochenschr.
1915. Nr. 35.) Ref.: Kurt Mendel.
Im Verlauf des Typhus kommen peripherische Lähmungen vor; in der Re¬
konvaleszenz sind leichte sensible Schädigungen in Gestalt von vasomotorischen
und trophischen Störungen, Anästhesien, Hyperästhesien usw.* meist umschriebener
Bezirke häufig, ausgeprägte Neuritis ist schon seltener. Bei den Lähmungen
handelt es sich um gemischt motorisch-sensible Paresen, seltener um rein moto¬
rische Lähmung einzelner oder mehrerer Nerven und Muskelgruppen. Prognose
im allgemeinen günstig, abhängig von der quantitativen Ausbreitung und von
dem Grade der Lähmungserscheinungen. Eigener Fall von partieller Peroneus-
parese nach Typhus.
Seltener Bind echte zerebrale Affektionen im Verlaufe und Gefolge des Typhus;
relativ am häufigsten noch Meningitis, Hemi- und Paraplegien (apoplektiacbe
Blutungen, Thrombose). Eigener Fall von Hemiplegie in der Typhusrekonvaleazenz
bei einem Kinde, vielleicht beruhend auf mehr funktionellen Schädigungen (analog
den urämischen Lähmungen).
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
793
85) Über Fazialislähmung infolge von Erkrankungen der Ohrmuschel
(Herpes, Feriohondritis und Othämatom), von 0. Körner. (Zeitschr. f.
Obrenheilk.u. f. d. Krankb. d. Luftwege, L£XII. 1916. H.4.) Bef.: E. Tobias
(Berlin).
Von Erkrankungen der Ohrmuschel, die zu einer gleichseitigen Fazialis¬
lähmung führen, ist nur der Herpes zoster an der Ohrmuschel und in ihrer
Nachbarschaft bekannt. Verf. Bebildert zwei Fälle von Fazialislähmung, von denen
der eine im Anschluß an ein Othämatom, der andere an eine Perichondritis ent¬
standen ist. Eine Schädigung des Nerven durch den chirurgischen Eingriff oder
durch Gefrieranästhesie kann als ausgeschlossen angesehen werden; auch andere
Ursachen kamen nicht in Betracht, ebensowenig war an ein zufälliges Zusammen¬
treffen zweier Krankheiten zu denken. Die Fazialislähmung ist zweifellos die
Folge dee Othämatoms bzw. der Perichondritis gewesen.
Beim Herpes zoster oticus kann die Erkrankung von einem Nerven zu einem
anderen übergreifen; so sieht man dabei eine Lähmung nicht nur des N. facialis,
sondern auch des N. acusticus. Was die Perichondritis anbetrifft, so können die
Toxine, die ein perichondritischer Abszeß liefert, die in dem erkrankten Gebiete
verlaufenden Nervenfasern schädigen, der neuritische Prozeß durch die vorhandenen
Anastomosen auf den n. fazialis übergreifen. In dem Falle des Othämatoms nimmt
Verf. an, daß die toxinliefemde Wundinfektion zur Neuritis geführt hat, die dann
durch die Anastomosen auf den N. fazialis fortgeschritten iBt.
36) Über Fazialislähmung infolge von Operationen im Mittelohr und am
Schläfenbein, von 0. Körner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d.
Luftwege. LXXII. 1916. H. 4.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Zur Feststellung der Frage, wie oft und wodurch operative Schädigungen
des Fazialis Vorkommen, hat Verf. aus seiner Ro^ocker Ohren- und Kehlkopf¬
klinik die letzten 670 einfachen Aufmeißelungen des Antrum mastoideum und
die im gleichen Zeitraum ausgefuhrten 339 Totalaufmeißelungen der Mittelohr¬
räume dnrehgesehen.
Unter den 670 einfach Aufgemeißelten hatten 6 schon vor der Operation
eine Fazialislähmung. Von den bleibenden 564 bekamen 3 nach, aber nicht
infolge der Operation Fazialislähmung durch fortschreitende Tuberkulose des
Schläfenbeins.
Von den 339 Totalaufmeißelungen (Radikaloperationen) bei chronischen Fällen
hatten 17 Fazialislähmung vor, 3 nach, aber nicht infolge der Operation. Von
den 319 bleibenden bekamen 15 = 4,6°/ 0 infolge der Operation bzw. der Nach¬
behandlung Fazialislähmung, und zwar nur 3 * 0,9 °/ 0 während der Operation,
12 in der Nachbehandlung. Was die 3 Verletzungen des Nerven während der
Operation anbetrifft, bo trat dieselbe nicht beim Meißeln, sondern beim Ausschaben
von Granulationen oder Cholesteatommassen an der inneren oberen Paukenhöhlen¬
wand oder an der Antrumschwelle auf, wobei sich die Verletzung durch eine
Zuckung in der gleichseitigen Gesichtshälfte verriet, während die Lähmung sogleich
nach dem Erwachen aus der Narkose bemerkt wurde. Der Nerv war bereits vor
der Operation bloßgelegt, wahrscheinlich auch krank. Die viel häufigeren Läh¬
mungen während der Nachbehandlung sind wohl auf zu feste Tamponade bzw.
Sekretverhaltung hinter dem Tampon oder auf Atzungen mit Höllenstein oder
Chromsäure zurückzuführen; sie kommen wahrscheinlich nur beim bloßliegenden
Nerven vor.
Wenn der Nerv nicht durch gemeißelt oder durebgerissen wurde, ist die
Prognose der operativen und postoperativen Fazialislähmung gut. Die 16 er¬
wähnten Fälle sind sämtlich — allerdings nach sehr verschiedener Dauer —
geheilt.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
794
37) Isolierte Lehmung der Mundäste des N. facialis infolge einer Schädigung
des Nervenstammes innerhalb des Schläfenbeins, von 0. Korner.
(Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. LXXII. 1915. H. 4.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Im allgemeinen lähmt eine Schädigung des Fazialisstammes das ganze Gebiet
des Nerven, während eine supranukleäre Schädigung nur den unteren Teil außer
Funktion setzt. Verf. schildert einen Fall, in dem die Fazialislähmung sich auf
die Mundäste beschränkt, obwohl der Stamm geschädigt worden war.
38) Über die Bedeutung des Neger sehen Symptoms für die Lokalisation
der Fazialislähmung, von M. Uotejl. (Öasopis öeskyehläk. LIII. 1914.
S. 147.) Ref.: J. Stuchlik.
Verf. macht darauf aufmerksam, daß die Beobachtungen eindeutig zu dem
Resultate führen, daß das sogen. Negersche Symptom (Bulbusrotation nach oben
bei peripherer Fazialislähmung) keinen Wert hat, diagnostisch nioht verwendbar
und nur eine Belastung der Terminologie bedeutet.
39) Die Stellung der Augenbrauen bei der peripheren Fazialislähmung,
von 0. Körner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. L XXI I.
1915. H. 4.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. schildert zwei Fälle von peripherer (otogener) Fazialislähmung mit
ungewöhnlicher Stellung der Augenbrauen: die Augenbraue der gelähmten Seite
stand tief, die der nicht gelähmten hoch. Der Unterschied in der Höhe bei ge¬
rader Kopfhaltung betrug etwa 12 mm. Das Phänomen ist nur in der Neuro¬
logie des Auges von Wilbrand und Sänger erwähnt. Diese Autoren geben
an, daß die Augenbrauen auf der nicht gelähmten Seite tiefer oder höher stehen
können als auf der gelähmten, höher bei Leuten mit tiefen Stirnfalten, die den
N. frontalis stark kontrahiert halten. Im umgekehrten Falle wird die Augen¬
braue durch den Tonus des ^f. orbicularis in ihrer Gesamtheit mehr nach der
Lidspalte gezogen.
40) Verletzung des N. recurrens, von Rudolf Hoffmann. (Münchener med.
Wochenschr. 1916. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Verwundung durch Schrapnellkugel neben dem rechten Auge. Sofort nach
der Verletzung Heiserkeit, Schluckbeschwerden, dann starke Kieferklemme. Kadaver¬
stellung der rechten Stimmlippe. Wenn Pat. den Kopf über die rechte Schulter
drehte, wurde die Stimme schlechter; drehte er ihn über die linke, so besserte
sich die Stimme bedeutend. Das Röntgenbild zeigt die Kugel an der Halswirbel¬
säule in Höhe des unteren Randes des Thyreoidknorpels. Also: Zerreißung des
rechten N. recurrens.
41) Über ein bei Eekurrensparalyse zuweilen zu beobachtendes Phänomen,
von Rudolf Hoffmann. (Zeitsohr. f. Laryngolie, Rhinologie u. ihre Grenz¬
gebiete. VII. 1915. H. 5.) Ref.: K. Boas.
Zusammenfassung:
1. Bei manohen Fällen von Rekurrensparalyse besteht eine Differenz der
Höhenstellung der Stimmlippen, die besonders bei der Intonation deutlich wird.
2. Sie beruht auf einer Insuffizienz des M. crico-thyreoideus derselben Seite.
Die durch isolierte Kontraktur des Ring-Schildknorpels der entsprechenden Kehl¬
kopfseite hervorgerufene Höhenstellung der gelähmten Stimmlippe bedarf einer
besonderen Darstellung. Ihre Korrektion erfolgt in umgekehrter Richtung wie
bei der Tiefenstellung der paralytischen Stimmlippe.
3. Sie läßt sich mechanisch durch Herunterdrüoken des entsprechender
hinteren Ringknorpelteiles, sowie durch forciertes Drehen und Senken des Kopfes
nach der der Lähmungsseite entsprechenden Schulter ausgleichen.
4. In solchen Fällen wäre das Tragen einer geeigneten Pelotte zu empfehle?
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
795
und eventuell eine operative Annäherung des vorderen Bingknorpelteiles an den
Schildknorpel zu versuchen.
42) Lösions oongönitales ou obstötrloales de l’öp&ule ou du plexus brachial,
par van Neck. (Journ. med. de Bruxelles. 1914. Nr. 11.) Bef.: E. Boas.
Verf. berichtet über 14 Fälle von angeborenen oder Geburtslähmungen der
Schulter und des Plexus brachialis. In 3 Fällen handelte es sich um die typische
Erb sehe Lähmung. 4 Fälle gehörten zum Typus der Geburtslähmungen. Zwei
davon wurden einer Operation unterzogen. Es fanden sich Defekte im Bereich
der 6. und 6. Zervikalwurzeln. In 2 Fällen beruhte die Geburtslähmung auf der
von Lange beschriebenen Distorsion. In den letzten 5 Fällen endlich bestanden
Epiphysenverletzungen am oberen Humerusende.
Die Indikationen zu chirurgischen und orthopädischen Eingriffen werden vom
Verf. im Anschluß an die geschilderten Fälle ausführlich erörtert.
43) Über 2 Fälle von doppelseitiger Axillarislähmung mit gleichzeitigem
Aneurysma auf luetisoher Basis, von Karl Tuczek. (Medizin. Klinik.
1914. Nr. 36.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. schildert 2 Fälle von doppelseitiger Neuritis mit sekundärer Lähmung
des N. axillaris. In beiden lag die akute Erkrankung lange Jahre zurück. In
dem einen Fall dachte man wegen der Doppelseitigkeit des Prozesses jahrelang
an progressive Muskeldystrophie. Spezifische Therapie wurde nicht eingeleitet,
da erst die Diagnose eines Aneurysma in beiden Fällen auf die richtige ätiologische
Fährte leitete, zu einer Zeit, wo auf eine Heilung nicht mehr zu rechnen war.
Beides waren luetische Späterkrankungen, degenerative Atrophien, 16 bzw. 10 Jahre
nach der luetischen Infektion.
44) Paralysis nervi axillaris, von J. JedliSka. (Öasopis öeskyeh. 16k. LIII.
1914. S. 1310.) Bef.: J. Stuchlik.
Verf. beschreibt eingehend eine isolierte traumatische Paralysis des N. axillaris.
Bei demselben Pat., der vor 14 Jahren seine Erkrankung erlitten hat und damals
durch Galvanisation zum Teil wieder arbeitsfähig gemacht wurde, bildete sich in
dieser Zeit eine langsam fortschreitende Atrophie des M. deltoideus und M. teres
minor und eine vollständige Paralysis des sensitiven N. cutaneus antibrachii.
46 ) Kasuistische Mitteilung zur Lähmung des N. musoulo-outaneus, von
H. Müller. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Bef.: Pilcz (Wien).
Fall I. Sljähr. Schmied wurde von einem Treibriemen an der Innenfläche
des rechten Armes getroffen. Zunächst Unfähigkeit, den rechten Arm zu bewegen
und vollständiger Sensibilitätsverlust. 3 Wochen später: Muskulatur, namentlich
Bizeps, in Umfang verringert, mit leichter Herabsetzung der motorischen Kraft.
Faradische Erregbarkeit des Bizeps stark vermindert. Galvanisch träge Zuckung.
Mm. coraco-brachialis und brachialis int. unerregbar. Unterempfindlichkeit für
alle Qualitäten an der radialen Hälfte der Beugeseite des rechten Unterarms,
übergreifend auf Streifen an der Streckseite, entsprechend dem Hautaste des
N. musc. cutan. Idiomuskuläre Wulstbildung am Bizeps.
Fall II. 43jähr. Werkmann, Sturz auf die linke Schulter. Fixationsverband.
14 Tage später reißende Schmerzen im Unterarm und in der Hand, Brennen in der
Palma. Kraft im linken Arme wurde immer geringer, ebenso in den Fingern.
Stat. praes.: Atrophie der linken oberen Extremitäten mit Mitergriffensein der
kleinen Handmuskeln. Vom Erbschen Punkt aus Mm.' deltoides und sup. long.,
nieht aber Biceps und Brachialis int. elektrisch erregbar. Nn. ulnaris und medianus
elektrisch unerregbar, im Badialis Erregbarkeit herabgesetzt. Auf direkte Beizung
im Bizeps träge Zuckung. Supin. long. normale Verhältnisse. Sensibilitätsherab¬
setzung entsprechend dem Gebiete des N. cutan. antibrachii lateralis, außerdem
auch an der Hand, entsprechend dem Ulnargebiete. Böntgenologisch leichte
Atrophie des linken Schultergelenks.
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
796
Betroffen sind also sensible und motorische Anteile der Nn. musculo-outan.
und ulnaris, während der N. medianus nur im motorischen Anteile ergriffen ist.
Bemerkenswert ist auch die Entwicklung neuritisoher Erscheinungen erst 14 Tage
nach dem Trauma.
46) Atypische Sohlaf- und Druokl&hmungen, von Kurt Singer. (Monatschr.
f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Bef.: Bratz (Dalldorf).
Die Paralyse des N. radialis gilt als typische Form der sogenannten „Schlaf¬
lähmung“.
Die beiden vom Verf. beobachteten Fälle kann man als Schlafdruckläbmung
des N. peroneus ansprechen. Die Läsion kam jedenfalls da zustande, wo der
N. peroneus oberflächlich lateral in der Kniekehle liegt und hier durch äußere
Gewalt (Fußstütze bzw. Bankkante) an das Capitulum fibulae berangepreßt wird.
Als Hilfsmomente kommen im ersten Fall außer dem äußeren Druck (27s Stunden
lang) mehrere in Betracht: Alcoholismus chronicus, Schwächung durch die Kiefer¬
höhleneiterung und die Narkose.
47) Weiteres Aber das Verhalten frisch regenerierter Nerven und über
die Methode, den Erfolg einer Nervennaht frühseitig zu beurteilen,
von Paul Hoffmann. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 31.) Ref.: E. Tobias.
Der „Klopfversuch“ des Verf’s besteht darin, daß man die auBwachsenden
sensiblen Fasern des Nerven distal von der Nahtstelle reizt, wodurch man im
positiven Fall eine Empfindung auslöst, die in das sensibel gelähmte Gebiet des
unterbrochenen Nerven verlegt wird.
Die weiteren Ausführungen betreffen:
1. Die Art des Klopfens, die der Perkussion ähneln soll. Der normale Nerv
hat eine außerordentlich viel höhere Reizschwelle als der regenerierte, die auf¬
zuwendenden Reizstärken sind für den normalen Nerven sehr viel größer.
2. Die Art der hervorgerufenen Empfindung, die meist als Stechen be¬
zeichnet wird.
3. Falsche Anschlüsse der regenerierenden Nervenfasern, die für gewöhnlich
beim Klopfversuche nicht mitspielen.
4. Die Kontrolle des Fortschreitens der Regeneration mit dem Nervenklopf-
versuche. Die Grenze hängt von der Länge des regenerierten NervenstückB ab.
Je länger das regenerierte Nervenstück wird, um so größer wird die Zone sein,
in der durch das Klopfen die Empfindung hervorgerufen wird.
6. Die Bestimmung der Stelle der Verletzung des Nerven mit Hilfe des
Versuchs.
Neuritis, Landrysche Paralyse, Herpes, Pellagra.
48) Experimentelle Polyneuritis, besonders bei Vögeln, im Vergleich zur
Beriberi des Mensohen, von R. Tasawa. (Zeitschr. f. experiment. Pathol.
u. Therapie. XVII. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Die klinischen und anatomischen Befunde bei der Polyneuritis der Hühner
und Tauben, welche bei der einseitigen Fütterung mit entschältem und poliertem
Reis zu beobachten sind, sind ziemlich verschieden von denen bei der Beriberi
des Menschen. Die Ähnlichkeit ist gegeben in den degenerativen Veränderungen
der peripheren Nerven und Muskeln und den Lähmungserscheinungen. Füttert
man Hühner mit poliertem Reis und einer geeigneten Nebenspeise wie Eigelb
oder besser mit dem Rückstände von ausgekochtem Fisch, so erkranken die Tiere
nur an Polyneuritis ohne andere Nebensymptome. Hühner erkranken auch an
Polyneuritis, wenn man sie mit Rohrzucker, Salzen und Wasser ernährt. Verl
hält den Mangel an Vitaminen nicht für die direkte Ursache der Beriberi. Der
Reiskleiextrakt, der die Polyneuritis der Vögel heilt, ist bei der Beriberi des
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MIOJIGA*»-
797
Menschen in seiner Wirkung unsicher. Der Reisnährschaden der Säuglinge ist
mit der Polyneuritis gallin&rum wahrscheinlich identisch.
49) Zur Kenntnis der Polyneuritia syphilitica, von A.Pinczower. (Dermatol.
Centralbl. 1915, Nr. 3.) Ref.: K. Boas.
In dem Falle des Verf.’s trat nach einer Neosalvarsaninjektion eine Poly¬
neuritis auf. Es trat rasche Heilung ein.
• 50) Bin Fall von Polyneuritia bei einem lOj&hrigen Knaben. Klinische
Beobachtungen und Erfahrungen aua der Kinderklinik in Frank¬
furt a. M., von H. v. Mettenheimer, F. Götzky u. F. Weihe. (Berlin,
Springer, 1914.) Ref.: Zappert (Wien).
Angeblich ohne vorangegangene Halsentzündung aufgetretene schwere All¬
gemeinerkrankung mit Parese der Muskeln, Schmerzhaftigkeit der Nervenstämme,
fehlenden Reflexen, Dysarthrie, Dysphagie, Zyanose, Dyspnoe. Exitus bei Besserung
der Extremitätenparesen unter Atemlähmung bei intaktem Bewußtsein. Die ver¬
mutete Diagnose einer akuten Poliomyelitis in der Form der Landryschen Para¬
lyse bestätigte sich nicht, da Rückenmark und Gehirn frei von entzündlicher
Infiltration waren, hingegen die peripheren Nerven und Wurzeln sich erkrankt
erwiesen.
51) Diphtherie paralyaia, by C. D. Roll es ton. (Archives of Pediatrics. XXX.
1914. Nr. 6.) Ref.: K. Boas.
Verf., der bereits früher wiederholt über Diphtherielähmungen berichtet hat,
nimmt zu dieser Frage erneut Stellung auf Grund eines Materials von 477 Läh¬
mungsfällen, die auf 2300 Diphtheriekranke entfallen. Was die Lokalisation der
Lähmungen betrifft, so werden am häufigsten die Gaumen- und Augenmuskeln
betroffen. Während diese meist schon in den ersten beiden Erankheitswochen
auftreten, kommen Augenmuskellähmungen erst von der dritten, meist sogar erst
der vierten Woche an vor, allgemeine Formen mit Beteiligung des Pharynx und
des Zwerchfells erst von der vierten, zumeist sogar von der sechsten Woche an.
Für die Prognose ist wesentlich das Lebensalter (je älter das Kind, um so
bessere Prognose!) und möglichst frühzeitige Behandlung.
Die Mortalität ist am höchsten in den Fällen von Herz- und Zwerchfell¬
lähmung. Verf. Bah hiervon 20 bzw. 5 Exitus. Bei früher Gaumensegellähmung
(in den ersten zwei Wochen) beträgt die Mortalität durch häufig folgende Herz¬
lähmung 32,6°/ 0 , späterhin nur 1,5 ö / 0 .
Hinsichtlich der Prophylaxe empfiehlt Verf frühzeitige Seruminjektionen, lange
Bettruhe (in leichten Fällen bis zur dritten, in schweren sogar bis zur sechsten
Krankheitswoche).
Bei schweren Lähmungen gibt Verf. Adrenalin, bei Brechreiz Nährklystiere,
die bei der im allgemeinen kurzen (nicht mehr als 14 Tage) Dauer der Lähmungen
der Sondenfütterung wegen Aspirationsgefahr bei letzterer vorzuziehen sind,
Strychnin- und Belladonnainjektionen, Elektrizität, Massage und aktive Bewegung
bei Lähmungen der Extremitäten.
52) Ein Fall von Neuritis postdiphtherioa. Kurze Mitteilung von P. Fried¬
länder. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 33.) Ref.: E. Tobias.
Verf. berichtet über eine Polyneuritis postdiphtherica, die er an sich selbst
zu beobaohten Gelegenheit hatte. Ärztliche Selbstbeobachtungen sind besonders
instruktiv — nicht nur für den Arzt, der in die bedauerliche Lage kommt, eine
noch dazu so schwere Komplikation selbst durchzumachen. Die Lähmung hat
außerordentlich hohe Grade angenommen. Auch auf die wenigen therapeutischen
Hinweise sei kurz hingewiesen.
53) Postdiphtherlo paralysis: apparently oured by 60000 units of anti-
toxln, by W. M. Barton. (New York med. Journal. 1914. 1 . Oktober.)
Ref.: K. Boas.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
798
Verf. berichtet Ober einen Fall von postdiphtherisoher Lähmung. 3 Monate
nach der Originalinjektion von 10000 Einheiten wurde injiziert, ohne daß dabei
anaphylaktische Erscheinungen sich danach einstellten. Im ganzen wurden
60000 Einheiten injiziert zum Eostenpreise von 19 Dollars.
64) Beobachtungen sur Klinik und Therapie der Dysenterie, insbesonder«
der postdysenterisohen und postulzerösen Polyneuritds, von Albert
Müller-Deham. (Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 16.) Bet: Pilca.
Aus dieser Arbeit von vorwiegend internistischem Interesse sei, als für den
Neurologen bemerkenswert, angeführt, daß nach den Erfahrungen des Vert’s Neu¬
ritiden zu den häufigsten Folgeerkrankungen der Dysenterie gehören. Er beob¬
achtete die verschiedensten Grade und Formen: hochgradige Muskelatrophien mit
kompletter Entartungsreaktion, typische Ischiasformen, Polyneuritiden mit Druck-
empfindlichkeit und Verdickungen im Verlaufe der Nervenstämme, Hauthyper¬
ästhesien und -anästhesien, Fälle ohne anatomischen Befund, aber mit Parästhesien,
häufig Akroparästhesien, Fehlen der Reflexe, Gefäßkrämpfe, trophische Störungen
an den Nägeln und der Haut.
Die neuritischen Erscheinungen schwinden mit Heilung des dysenterischen
Prozesses.
Verf. hatte Neuritiden auoh in Fällen von ulzeröser Darmtuberkulose be¬
obachtet.
66) Isolierte Neuritis vestlbuleris naoh Typhussohutzimpfung, von Caesar
Hirsch. (Deutsche med. WochenBchr. 1915. Nr. 34.) Bef.: Hurt MendeL
26 Stunden naoh der zweiten TypbusBchutzimpfung trat ziemlich akut heftigster
Schwindel, starkes Erbrechen, hochgradige Pulsverlangsamung auf, ferner kalter
Schweiß, Eingeschlafensein der Finger, Kopfsausen. Verf. nimmt auf Grund der
Anamnese, der geklagten Beschwerden und des Befundes eine Dekompensation des
Gleichgewichtsapparates, hervorgerufen durch eine Beizung beider Nn. vesti¬
buläres, an.
66) Oervloal ribs as a cause of brachial neuritls, by A. S. Hamilton.
(Lanoet. 1914. 15. Juni.) Bef.: W. Misch.
Es werden 8 Fälle von Halsrippe beschrieben. Eine Halsrippe kann ohne
die geringsten Symptome vorhanden sein, und umgekehrt können die kleinsten
Halsrippen die schwersten Symptome machen. In typischen Fällen sind die
Sensibilität88törungen und Muskelatrophien So schwere, daß die Diagnose ohne
Böntgenbild gestellt werden kann. Schwierigkeiten für die Diagnose entstehen
nur, wenn die Halsrippe mit echter Syringomyelie einhergeht; in diesem Falle
finden sich aber meist ausgedehntere Lähmungen und typische Sensibilitäts-
störungen. Eine unkomplizierte größere Halsrippe macht eine langsam progres¬
sive Atrophie und Lähmung deB Abduzens, Opponens und Flexor brevis mit
Sensibilitätsstörungen von irritativem und paralytischem Charakter, die nicht
charakteristisch für Syringomyelie sind. In solchen Fällen kann durch Operation
völlige Heilung erzielt werden, während natürlich bei Komplikation mit Syringo¬
myelie eine Operation zwecklos ist. Verf. rät noch, alle hartnäckigen Brachial¬
neuritiden mit Röntgenstrahlen zu untersuchen; es werden dann zahlreiche un-
entdeckte Halsrippen gefunden werden.
67) Kasuistischer Beitrag zur pathologischen Anatomie der akuten assen-
dierenden Spinalparalyse (LandryBche Paralyse), von Erich Langer.
(Deutsche ZeitBchr. f. Nervenheilk. LI1I. 1914. H.ln. 2.) Bef.: Kurt Mendel.
54jähriger Alkoholist erkrankt plötzlich nach Erkältung unter Lähmungs-
erscheinungen zuerst an den Beinen, dann an den Armen, denen Sensibilitäts-
Störungen in Form von Hyperästhesien und Parästhesien und Ataxie vorausgegangen
waren. Dann Schweratmigkeit, Asphyxie, Tod nach wenigen Krankheitstagen.
Klinische Diagnose: LandryBche Paralyse. Die histologische Untersuchung ergab
Digitizeit by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
799
an den Nerven keinerlei Veränderungen, hingegen am Rückenmark folgendes:
a) weiße Substanz: sowohl die Pyramidenseitenstrangbahnen als auch die Hinter¬
stränge, besonders der Burdach sehe Strang, weisen in ihrem ganzen Verlauf Ver¬
änderungen auf, die allerdings nicht einer akuten Veränderung in ihnen ent¬
sprechen, sondern den Eindruck alter, lang einwirkender, chronischer Vorgänge
in ihnen (Alkoholismus?) machen. Die Wurzeleintrittszone, die hinteren Wurzeln,
sind nirgends, vor allem nicht im Lumbalteile, mitergriffen (also keine Tabes);
b) graue Substanz: auch hier zeigen die Veränderungen einen durchaus chroni¬
schen Charakter. Es finden sich Schrumpfung und Abrundung der Ganglienzellen,
Fehlen der Ganglienzellfortsätze, Schwund des Tigroids, Ausfüllung der Ganglien¬
zellen durch ein grün-gelbliches Pigment und durch dieses teilweise Beschränkung
der Tigroidschollen auf kleine Randbezirke. Diesen für einen chronischen Prozeß
sprechenden histologischen Feststellungen steht der klinische Erankheitsverlauf
von nur wenigen Tagen gegenüber. Die Rückenmarksveränderungen führt Verf.
auf den Alkoholgenuß oder eventuell auf eine Autointoxikation zurück, die akuten
Erscheinungen auf die Erkältung, in deren Verlauf Toxine durch den Kreislauf
in das Rüokenmark gelangten und so Sensibilitätsstörungen und Ataxie ver¬
ursachten. Verf. schließt:
1. Der Landryscheu Paralyse kann ein durch Degenerationsprozesse charak¬
terisiertes Stadium einer chronischen Intoxikation vorausgehen, während
2. zu ihrem schließlich stürmischen, meistens letalen Verlauf eine neue
Schädigung durch Bakterien bzw. durch Toxine nötig ist.
3. Die Hitbeteiligung der peripheren Nerven kann vorhanden sein, ist aber
nicht unbedingt notwendig.
4. Der Verlauf kann ein so schneller sein, daß akute Veränderungen morpho¬
logisch nur in ganz geringer Form nachweisbar zu sein brauchen.
58) Zur Kenntnis der benignen unausgereiften Neurome und multiplen
Neurofibrome, von H. Freifeld. (Beiträge z. pathol. Anat. u. allg. Pathol.
LX. 1915. H. 2.) Ref.: K. Boas.
Die Verfasserin teilt insgesamt ö Fälle mit:
In den beiden ersten Fällen lag eine benigne Form von unreifen Neuromen
vor. Als Prototype dieser Tumoren sind bestimmte Neuroblastome anzusehen,
welche zebraähnliche Partien (durch parallele Kernreihen erzeugt) und radiäre
Anordnung um die Gefäße darbieten. Sie unterscheiden sich von den bis jetzt
beschriebenen Neuroblastomen:
1. durch das Fehlen von zellreichen Partien mit den in den meisten Neuro¬
blastomen auftretenden Rosetten,
2. durch das benigne Wachstum,
3. durch das Auftreten in einem späteren Alter.
Die drei zuletzt beschriebenen Fälle gehören zu den Neurofibromen. Außer
den charakteristischen parallelen Kernreihen mit quer dazwischen verlaufenden
Fasern, macht die Verfasserin auf die isoliert auftretenden Schlingen aufmerksam,
welche in manchen Fällen dominieren. In diesen Schlingen sieht die Verfasserin
eine Struktureinheit (analog den Rosetten bei den Neuroblastomen), welche als die
hypertrophische Wiedergabe der embryonalen Neuroblastenrosette auf ihrer etwas
späteren Entwicklungsstufe erscheint.
In den spinalen Ganglien und in den Hirnnerven hat die Verfasserin ähnliche
Rosetten wie in dem sympathischen Nervensystem gefunden. Das vermag nur die
Tatsache zu erklären, daß in den zerebrospinalen Nerven Geschwülste neurogenen
Ursprungs von der gleichen Struktur entstehen wie im Sympathicusgebiete.
50) Klinische Beobachtungen über Herpes zoster, von J. Vavrouch. (Revue
v neuropsychopathologii. XI. 1914. S. 365.) Ref.: J. Stuchlik.
In seiner statistischen Arbeit weist Verf. darauf hin, daß der Herpes zoster
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
800
am meisten im 7. Interkostalraum vorkommt, also daß die 7. Dorsalwurzel be¬
troffen ist. Warum gerade diese Gegend erkrankt, will Verf. dadurch erklärt haben,
weil an der Innervation dieser Gegend auch Nerven anderer Gegend beteiligt
sind (vom 5. bis zum 11. Nerven) und weil die größte Beweglichkeit der Wirbel¬
säule, also auch die größe Gefahr einer Läsion gerade in dieser Gegend gegeben
ist und die verschiedensten Läsionen sich klinisch als Herpes zoster präsentieren.
In den weitaus meisten Fällen ist die Erkrankung einseitig.
60) HerpeB zoster und Herpes zoster gangraenosus naoh Salvarsan, von
öttinger. (Dermatolog. Wochenschr. XXI. 1914. H. 1.) Bef.: E. Boas.
Verf. faßt die Ergebnisse seiner Beobachtungen in folgenden Schlußsätzen
zusammen:
1. Herpes wie auch Herpes zoster kann als Nebenwirkung bei Anwendung
des Salvarsans auftreten.
2. Der Herpes zoster entsteht direkt im Anschluß an eine S&lvarsaninfusion,
kann aber auch geraume Zeit später auftreten.
3. Der Herpes zoster kann nach der ersten wie auch nach jeder erneuten
Salvarsandarreichung entstehen; ist er einmal entstanden, so kann nach einer er¬
neuten Salvarsaninfusion ein neuer Zoster sich an einer anderen Körperpartie
entwickeln.
4. Der Herpes entsteht unabhängig von der Dosis.
5. Die Applikationsart des Salvarsans iibt keinen Einfluß auf das Entstehen
des Herpes zoster aus.
6. Der Herpes zoster nach Salvarsan tritt an verschiedenen Regionen des
Körpers auf (z. B. Zoster ophthalmicus, thoracicus, glutaealis, in vereinzelten Fällen
an der Hand und am Arm).
61) Mental and nervous disorders assooiated with pellagra, by H. D. Singer.
(Arch. of intern. Medic. XV. 1915. Nr. 1.). Bef.: W. Hisch.
In etwa 40°/ o aller Pellagrafälle kommen geistige Störungen vor. Diese
Störungen werden um so häufiger, je öfter sich die Anfälle wiederholen. Kinder
sind im allgemeinen davon ausgenommen; am häufigsten sind sie bei Männern
von 21 bis 40 und bei Frauen zwischen 41 und 60 Jahren. Etwa 95°/ 0 der
Geistesstörungen sind die direkte Folge der Pellagraintoxikation; infolgedessen
ist au?h die Mortalität bei diesen Fällen bedeutend höher als bei Fällen ohne
diese Störungen; doch geht die geistige Störung vollkommen zurück, wenn der
Patient am Leben bleibt. Sie entspricht durchaus den ganz ähnlichen Storungen
bei anderen somatischen Erkrankungen, bei denen sie als nicht „psychotisch“ oft
beschrieben worden sind. Die übrigen 5°/ 0 sind Geistesstörungen, die primär
durch die Persönlichkeit des befallenen Individuums bedingt sind. Mangelhafte
Nervenorganisation, einschließlich unadäquater psychischer Anpassungsfähigkeit,
scheinen mit zur PrädiBposition für Pellagra zu gehören. Dies scheint die be¬
friedigendste, wenn auch nur eine unvollständige, Erklärung für die außerordent¬
liche Häufigkeit von Pellagra bei Geisteskranken und die größere Häufigkeit von
funktionellen Psychosen, Psychoneurosen und Nervenerkrankungen vom kongenital
anomalen Typ unter den Pellagrakranken zu sein. Chronische Geisteskrankheit
als unmittelbare Folge von Pellagraintoxikätion ist, wenn sie überhaupt vorkommt.
äußerst selten; ebenso kommt eine chronische Nervenerkrankung infolge vor
Pellagra so gut wie gar nicht vor.
Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel
in Berlin W, Augsburgerstr. 43.
Verlag von Vzit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Wittig in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSiTY OF MICHIGAN
Reübologisches Centralbutt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Profi E. MendeL
Herausgegeben
von
Dr. Kurt Mendel.
Vlernnddreißigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Bnohhandlnngen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 1. November. Nr. 21.
Inhalt 1 . Originalmitteilungen. 1 . Über falsche Innervation (Innervationsentgleisung),
von H. Oppenheim. 2. Über die reflektorischen kompensatorischen Augenbewegungen bei
beiderseitiger Ausschaltung des N. vestibularis, von G. Bikeles und Erich Ruttin. 3. Die
Neurosen nach Kriegsverletzungen, von H. Oppenheim. 4. Zerebellare Symptomen komplexe
nach Kriegsverletzungen, von Julius Friedlönder. 5. Erwiderung auf vorstehende Mitteilung,
von Kurt Löwenstein.
II. Referate. Anatomie. 1. Die Hypophysis cerebri, von Stendell. — Physiologie.
2. La struttura della tiroide e le sue variazioni qualitative, per Buscalno. 3. Zur Frage der
Innervation der Gl. thyreoidea, von Ossokin. 4. Experimentelle Beiträge zur Erzeugung von
thyreotoxischen Symptomen. Ein Beitrag zum Basedowproblem, von Jakegoshi. 5. Das
Kolloid der Schilddrüse und der Hypophyse des Menschen, von Kraus. 6 . The effect of
thyroid exstirpation on the hypophysis cerebri in the rabbit, by Degener. 7. Age as a factor
in the effects which follow thyreoidectomy and parathyreoidectomy in the sheep, by Simpson.
8. Bachitisme experimental chez de jeunes animaux issus de procreateurs ethyroidös, par
Claude et Rouillard. 9. Dentition und Haarentwicklung unter dem Einfluß der inneren
Sekretion, von Josefson. 10. Praktische Ergebnisse aus unseren heutigen Anschauungen
über die endokrine Tätigkeit des Eierstocks, von Bucura. — Pathologische Anatomie.
11. Über Struma congenita und ihre Beziehungen zu Störungen der inneren Sekretion, von
Staemmler. 12. Beiträge zur pathologischen Histologie der Schilddrüse, von Vogel. 13. Über
substernale Kröpfe, von Wollt. 14. Die Basedowstruma, von Ribbert. — Basedowsche
Krankheit. 15. Zur Theorie des Basedow, von Oswald. 16. Über die Basedowsche Krank¬
heit, von Hart. 17. Über Morbus Basedowii, von Ortner. 18. Basedow bei einem 9 Monate
alten Kinde, von Klaus. 19. Bedeutung und Verbreitung der Thyreose im Heere, von Caro.
20. Ein Fall von Morbus Basedowii mit bulbären Symptomen, von LOwy. 21. MorbuB
Basedowii und die Brustdrüsen, von Zienklewicz. 22. Über alimentäre Galaktosurie bei
Morbus Basedowii, von Sz4l. 23. Über einen Fall von Zylinderzellenkarzinom der Schilddrüse
bei Basedowscher Krankheit, von Lyon. 24. Basedow und Tuberkulose, von Schinzinger.
25. I disturbi mentali nel morbo di Basedow, per Massarotti. 26. Über das Vorkommen
von verworrener Manie bei einer Kranken mit Schilddrüsenhypertrophie. Schneller Heil¬
erfolg durch Thyreoidektomie, von Parhon. 27. Schilddrüse und Jodmedikation, von Sutter.
28. Quinin and urea injections in hyperthyroidism, by Watson. 29. Über Reizwirkung bei
Röntgenbehandlung von Struma und Basedowscher Krankheit, von Kienböck. 30. Kasuistischer
Beitrag zur Behandlung der Basedowschen Krankheit mittels Röntgenbestrahlung, von
Sielmann. 81. Zur physikalischen Therapie des Morbus Basedowii, von Barth-Wehrenalp.
82. Some clinical features of exophthalmic goiter, by Bumsted. 88 . Die Erfolge der opera¬
tiven Behandlung des Morbus Basedowii, von Schröder. 34. Die Resultate operativer Be¬
handlung Basedowscher Krankheit, von Merhaut. 35. Über Operationstod bei Thyreoiditis
chronica, gleichzeitig ein Beitrag zu den Beziehungen zwischen Basedowscher Erkrankung
und Thyreoiditis, von BrQnger. 36. Kasuistisches zur Frage therapeutischer Mißerfolge bei
Morbus Basedowii, von v. Haberar. 37. Über Thymusoperationen und deren Folgen für den
Organismus, von Klose. — Myxödem. 38. Beiträge zur Klinik infantiler Hypothyreose,
von Korczynski. 39. Zur Diagnose der Hypothyreose. Teigige Infiltration der Mucosa des
unteren Harntraktus als ein bis jetzt nicht beschriebenes Symptom, von Stern. 40. Scoliose
xxxiv. 51
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
802
et hypothyröoidie, par Qourdon et Dijonneau. 41. Die Beziehungen der Schilddrüseninauffixienz
zu den nervösen Beschwerden und der spastischen Obstipation der Frauen, von Sefcrt.
42. Die Thyreoaplasie (kongenitales Myxödem) und ihre Therapie, von Scheinensky. 43. Kon-
genitales Myxödem, von Peiina. 44. Ein Fall von angeborenem, familiärem Myxödem.
Versuch einer Schilddrösenimplantation, von Worobiefl und PerimofT. 45. Über einen Fall
von Sauglingsmyxödem, von Hochsinger. 46. Über den Einfluß von Jod, Jodkalium, Jodo-
thyrin und jodfreiem Strumapräparat auf den Stickstoffwechsel, auf Temperatur, Pulsfrequenz
und auf das Blutbild von Myxödem, von Frey. 47. Weitere Beiträge zur Ätiologie des
Kropfes und des Kretinismus, von v. Aichbergen. 48. Nitrogen and sulphur metabolism in
a cretin, by Greenwald. 49. Tödliche Menorrhagie in einem Falle von Thyreoaplasie mit
Hauptzellenadenom der Hypophyse, von Schultze. 50. Kropf, Kretinismus und die Krank¬
heit von ChagaB, von Kraus, Rosenbusch und Maggio. 51. Zur Behandlung des endemischen
Kretinismus, von Oswald. 52. Zur Lehre vom Infantilisrous, von von den Velden. 53. Der
asthenische Infantilismus des Weibes in seinen Beziehungen zur Fortpflanzungstätigkeit
und geistigen Betätigung, von v. Kemnitz. 54. Der asthenische Infantilismus des weiblichen
Geschlechts und seine Bedeutung für die ärztliche Praxis, von Albrecht. 55. Fall af spleno-
megali, anämi och infantdlisiu. Ett bidrag tili mjält-och blodsjukdomarnas Klenik, af WoHL
— Hypophysenerkrankungen. 56. Hypophysentumoren, von Schepelmann. 57. Diseases
of the pituitary gland and their effect on the shape of the sella turcica, by Feamsidos.
58. Pathological investigation of four cases of pituitary tumor, by Johnson. 59. Über das
Vorkommen epileptischer und epileptiformer Anfälle bei Tumoren der Hypophysis cerebri
und der Hypophysengegend, von Redlich. 60. Polydactylie et teratome hypophysaire, par
Bertolotti. 61. Ein Fall von Äkromegalie mit Hypophysenzyste, von Meyer. 62. Ein Psammom
im vorderen Chiasmawinkel, von Heinrichsdorff. 63. Ein Fall von sehr chronischer Akro¬
megalie ohne Augensymptome, von Wachtel. 64. Über einen Fall von Akromegalie und
Splanchnomegalie, von Eltester und Schroeder. 65. Zur Kenntnis der Hypophysenstruktur
bei Akromegalie, von Berghahn. 66. Über die Hypophysektomie, von Canestro. 67. Über
Strahlentherapie bei Hypophysentumoren, von KQpferle u. v. Szily. 68. Beitrag zur Kenntnis
der hypophyso-genitalen Dystrophie, von Mattirolo. 69. Ein Fall von Insufficientia poly-
glandularis mit Sektionsbefund, von Geschelin. 70. Cerebral adipositas with hypertrichosis,
a new syndröme, by Kraus. 71. Dystrophies gigantiques sans acromögalie, par A Mm.
72. Über einen mit Hypophysin-Höchst erfolgreich behandelten Fall von Diabetes insipidua,
von Graul. 73. Über die Beeinflussung der Diurese durch Hypophysenextrakte, von v. Km-
schegg und Schuster. — Forensische Psychiatrie. 74. Zur Psychologie der Brandstifter,
von Schmid. 75. Die nosologische und kriminologische Bedeutung des Eltemkonfliktes der
Jugendlichen, von Lazar. 76. Le fetichisme de la poupöe et le vol aux ötalages, par Vtachoa.
77. Die Transvestiten und das Recht (nebst bibliographischem und historischem Material),
von Wilhelm. 78. Der Kindesmord und seine forensische Bedeutung, von Kürbitz. 79. Sta¬
tistisches über den Kinobesuch durch Kinder, von Hellwig. 80. Der Fall Wurm, von Elz-
helz. 81. Über Einrichtungen für schwer-erziehbare Fürsorgezöglinge, von Schnitzer.
I. Oiiginalmitteiltmgen.
1. Über falsche Innervation (Innervationsentgleisung).
.Von H. Oppenheim.
Man kann den Begriff „falsche Innervation“ weit and eng fassen. Falsche
Innervation, d. h. eine nicht-physiologische, unzweckmäßige Verteilung der
Innervationsimpalse beobachten wir bei der Ataxie, bei der Apraxie, bei der
Asynergie nsw.
Ich hatte hier eine andere Form im Auge, auf die ich schon in meinen
ersten Arbeiten über die traumatischen Neurosen und besonders in den im
Kriegsjahr erschienenen Abhandlungen bei der Schilderang der Akinesia amnestica
hingewiesen habe. Ein umfangreicheres kasuistisches Beweismaterial wird meine
im Laufe der nächsten Monate erscheinende Monographie Ober die Neurosen
nach Kriegsverletzungen bringen.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
803
Iu vielen der Fälle, die durch das Symptom der Akinesia anmestica aus¬
gezeichnet sind, beobachten wir die, soviel ich sehe, von keinem der anderen
Autoren genügend gewürdigte Erscheinung, daß der Verletze bei dem Versuch
eine Muskelgruppe in Aktion zu setzen, die Bewegungsenergie auf andere Muskeln
ablenkt, z. B. bei dem Versuch, die Hand zu drücken oder zur Faust zu
schließen, die Adduktoren des Oberarms, den Trizeps, das Platysma und andere
Muskeln mehr oder weniger beträchtlich kontrahiert Andermalen beschränkt
sich diese Innervationsentgleisung auf die Antagonisten, die ein solches Plus
von Iunervationsenergie erhalten, daß der Bewegungseffekt ein dem gewollten
entgegengesetzter ist
Die Erforschung und Klarstellung dieser Innervatiönsstörung ist daran ge¬
scheitert, daß ihr von der großen Mehrzahl der Autoren das Mißtrauen ent-
gegengebracht wurde, welches den Symptomen der Hysterie gemeiniglich ent¬
gegengebracht wird und seinen stärksten Ausdruck in der Lehre von der
Wesensverwandtschaft der Hysterie und Simulation findet
Es war deshalb von großem Wert, daß uns der große Krieg Gelegenheit
gab, die Erscheinung unter Verhältnissen zu studieren, die es gestatteten, das
Moment der bewußten Vortäuschung und der ideogenen Grundlage auszuschalten.
Über Beobachtungen dieser Art möchte ich hier einiges berichten.
In einem Falle von schwerer Schuß Verletzung des linken N. radialis, in
welchem die komplette Lähmung mit Entartungsreaktion verknüpft war, maohte
ich die auffällige Wahrnehmung, daß der Kranke im Stadium der Restitution
die Hand noch nicht strecken konnte (Fig. A), während er die passiv gestreckte
sogar mit einiger Kraft in dieser Stellung erhalten konnte (Fig. B). Die genaue
Betrachtung lehrte, daß er bei dem Versuch der aktiven Streckung die Beuger
der Hand und Finger so gewaltsam kontrahierte, daß es zu einer Streck¬
bewegung überhaupt nicht kommen konnte. Alle seine Versuche, diese Ent¬
gleisung zu verhüten, waren fruchtlos, bis nach einigen Wochen die Besserung
in ein neues Stadium getreten war: jetzt vermag er auch aktiv die gebeugte
Hand ein wenig zu strecken.
Ganz besonders oft bin ich nun dieser Erscheinung in den Fällen von
Schußverletzung des N. accessorius begegnet Ein Beispiel habe ich sohon an¬
geführt 1 und will hier meine damaligen Ausführungen wiederholen: „Der Mann
ist am 20. Sept in einem Hohlweg gestürzt, dabei ist es zu einer Verletzung
' der rechten Schulter und anscheinend zu einer Lähmung und Parese des rechten
Cucullaris und Serratus gekommen. Auf den ersten Blick scheint diese noch
zu bestehen. Das rechte Schulterblatt befindet sich in leichter Schaukelstelluug,
und wenn ich den Patienten auffordere, den rechten Arm zu abduzieren, gelingt
das nur bis zur Horizontalen, dabei fehlt jede Außendrehung der Scapula, im
Gegenteil: der Innenrand wird durch die Rhomboidei stark an die Wirbelsäule
herangezogen. Auch beim Erheben des Armes nach vorn erinnert die Stellung
der Scapula an das Verhalten bei Serratuslähmung. Lasse ich nun aber den
Arm abduzieren und bringe durch einen leichten Druck den unteren Winkel
1 Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 7/8. 8. 283.
51*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
etwas nach außen, äo vermag jetzt der ftitiexit den Arru mit wlk
K raft bis mj Vertikalen zu erheben. Ich kann mich sogar an seinem Ana v»
hängen, ebne daß der Arm nacbpibk. Der Herratu.-. ist also vullümmtueu erhsü---
Original frcm. -
ÖNIVERrSITY OF MfcEMfGAN i
und reagiert auch auf de« elektrischen Strom. Patient hat auch selbst schon
gelernt, den Kunstgriff äwzujauteeh.; er -bringt mit seinem linken Arm durch
eine» leichten Zug am rechten: diesem aus neioer Zwsügsstellung heraus und
kann ihn daun frei erheb««; : Meine. Deutung ist folgende- Ursprünglich best and
eine Parese des rechten Uiicuiläris and Serrätus. Die Aßtagonisteu, besonders
die Hhomböfidei, traten, m Aktion, aber diese schoß über ihr Ziel hinaus,
ea kam so einer datier »den laßerratioBsstörnog derart, daß nun bei
jedem AbdoktioasversBcti die Adduktoren der Scapula «io Über¬
gewicht erlangen' 5 (%. Fig. 0).
Der Zustand hat sieh als sehr hartnäckig . «rwieseu. Die letzten Notizen
im Jouraalbuch lauten so; „Die rechte Schulter stellt in toto etwas tiefer als
die linke. Passte läßt aich der rechte : Arra icu ganzen leicht erheben. 'Wenn
er aber selbst dha fersuch macht, den Arm zu abduziereu, wird die Scapula
krampfhaft au die WühfiMnie hertuigezogen, und. der ganze Körper dreht sieb
oju die vertikale Achse -«ach. .rechts, so daß das linke Bedü nach rpru und innen
gebracht wird.- Die Muskeln sind dabei iwdtfUaD dßgespauiit, speziell die Rhorn*
bokdei, aber auch der Semtus- aber däbei doch nicht
iur Drehung der Scapula, weil die Koulfakboa der Shomboidei das Übergewicht
bat. B« diesen Mauipsdationen es zu fehhafter 'Tachykardie (p. l-l-ri,
Nft-'-h Btt» bringt-er d*ni .Ajrai jetzt zmailieh gut.“ < " .
Diese Form der Junerwitionsstörung odor eine, r.erw'audte habe ich üun bei
A,fezessoriasliiiimuog io einer Reihe'- von.. Fällen gesehen. Ich wiLi noch einen
anföhreu ■ (Auszug aus dem Ämbulauteujouiual vom 16. Juni 1915): W-,
t? Jahr, am it. November 19JA Sihußverletzung im Hucken out Sidtwhc.be tm
Go gle
806
rechten Arm. Eine Narbe findet sich nach vorn von der Mitte des oberen
Trapeziusrandes, eine größere über dem 4. Brustwirbeldornfortsatz. Rechtes
Schulterblatt in Schaukelstellung. Erheben der Schulter auch rechts ziemlich
kräftig. Die Abduktion des Oberarms gelingt nicht, erhebt man aber den Arm
passiv, so kann er kräftig in dieser Stellung gehalten werden. Fixiert der Unter¬
suchende das rechte Schulterblatt, so gelingt die Erhebung des Armes gut. Bei
der Adduktion der Schulterblätter an die Wirbelsäule bleibt das rechte etwas
zurück, und der Innenrand hebt sich etwas vom Thorax ab.
Im oberen rechten Trapezius fast komplette Entartungsreaktion, im mittleren
und unteren erloschene Erregbarkeit
10. August Bei der Aufforderung, den rechten Arm zu abduzieren, gelingt
es ihm häufig sofort und im vollen Maße. Andermalen geht es zögernd
oder mißlingt zunächst und man siebt dann, wie falsch innerviert, d. h.
das Schulterblatt adduziert wird unter krampfhafter Anspannung der
Rhomboidei. Erst wenn er diesen Krampf überwunden hat, gelingt die Ele¬
vation des Armes in vollkommener Weise. Bald darauf trat vollkommene
Funktionstüchtigkeit trotz Fortdauer der Trapeziuslähmung ein, nachdem dem
Patienten schon von anderer Seite eine Nervenpfropfung empfohlen worden war.
Meine weiteren Erfahrungen entsprechender Art beziehen sich auf Kriegs¬
verwundete mit Schußverletzung des Accessorius, bei denen die Abduktion des
Armes nur bis zur Horizontalen gelingt (trotz erhaltenen Serratus). Die weitere
Erhebung scheitert daran, daß der Levator anguli scapulae sich so stark an¬
spannt, daß der innere obere Winkel der Scapula nicht gesenkt und infolge¬
dessen die Drehung derselben nicht ausgeführt werden kann; es genügt aber,
einen leichten Druck auf den inneren oberen Schulterblattwinkel in der Rich¬
tung nach abwärts auszuüben, um die Erhebung des Armes zu einer voll¬
kommenen zu machen.
Es ist mir aufgefallen, wie unverhältnismäßig häufig auch gerade bei der
Schuß Verletzung des N. accessorius sich in den distalen Abschnitten der Extre¬
mität die Akinesia amnestica entwickelte.
Eine typische Form der Innervationsentgleisung — 0. Kalischeb schlug
mir den Ausdruck „falsche Weichenstellung“ vor, der, soviel ich mich erinnere,
auch schon von H. Liepmann bei der Apraxie gebraucht worden ist — hatte
ich ferner Gelegenheit, an der Unterextremität zu beobachten. Einigemale
handelte es sich um eine Schußverletzung des Ischiadicus mit Reizerscheinungen
und Anästhesie im Gebiet des Tibialis. Während die elektrische Erregbarkeit
sowohl im Tibialis wie im Peroneus eine normale war, waren. die Fußmuskeln
scheinbar vollkommen gelähmt. Insonderheit gelang es dem Patienten nicht,
eine Dorsalflexion des Fußes auszuführen.
Bei dem mit aller Kraftaufbietung ausgeiührten Versuch, den Fuß zu
strecken, stellte sich regelmäßig eine Kontraktion des Quadrizeps ein. Einer
dieser Patienten vermochte dabei den passiv dorsalflektierten Fuß fest in dieser
Stellung zu halten.
Ganz dasselbe sah ich dann in einer Reihe von Fällen, in denen sich in-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
807
folge von Kriegsverletzungen, meist Granatexplosionen, eine nicht-organisch be¬
dingte Paraplegie oder Monoplegie des Beines entwickelt hatte. Unter diesen
Verhältnissen betraf die Lähmung immer am stärksten und längsten die Fu߬
muskeln. Schließlich vermochten die Patienten mit großem Kraftaufwand den
Fuß zu strecken, aber immer nur unter gleichzeitiger Kontraktion des Quadrizeps.
Das ist etwas ganz Typisches. Nur bei zweien unserer Patienten wurde die
Fußstreckung nicht auf diesem Wege, sondern dadurch bewerkstelligt, daß der
Oberschenkel gebeugt wurde, so daß die Kontraktion des Tibialis anticus ähn lich
wie bei Stbümpell’s Tibialisphänomen als Synkinesie erfolgte.
Auf weitere Erfahrungen will ich hier nicht eingehen. Möchten auch diese
Mitteilungen dazu beitragen, daß viele Kollegen, statt sich mit der so viel mi߬
brauchten Diagnose Hysterie zufrieden zu geben, in recht vorurteilsfreier Weise
an die Analyse der so mannigfaltigen funktionellen Bewegungsstörungen heran¬
treten.
[Ans der II. medizinischen Klinik in Wien (Vorstand: Hofrat Prof. Obtnbr).]
2. Über die reflektorischen
kompensatorischen Angenbewegnngen bei beiderseitiger
Ausschaltung des N. vestibularis.
Von G. Bikeles und Doz. Erioh. Rüttln,
Assistent der UniTersitäts-Ohrenklinik
(Hofrat Ubbahtschitscb).
Bekanntlich werden Kopfdrehungen sowohl beim Tier als auch beim
Menschen reflektorisch durch Augenbewegungen in entgegengesetzter Richtung
kompensiert. Webnickb empfahl als erster Kliniker, diesen Reflex zur Differential-
diagnose zwischen peripherer oder Kernlähmung von Augenmuskeln einerseits
und solchen nach zentralen (supemukleären) Läsionen andrerseits zu verwerten.
Bielsohowskt \ der sich zur Diagnose von Augenmuskellähmungen dieses
Reflexes bediente, faßte diesen Reflex als Vestibularisreflex, der auf dem Wege
des hinteren Längsbündels zustande kommt, auf. 2 Breuer 8 konstatierte kom¬
pensatorische Augenbewegungen an seit längerer Zeit Erblindeten und zwar „hob
sich der Blick“ bei Neigung des Kopfes nach vorne, hingegen „senkt sich der
Blick“ bei Zurückbiegen des Kopfes.
Am 7. VI. 1915 wurde in die Klinik Hofrat Ortner ein 18 jähriger Mann
mit epidemischer Cerebrospinalmeningitis eingeliefert. Der Verlauf der Krank¬
heit war ein annähernd typischer, hier wollen wir nur die frühzeitig, in den
ersten Tagen der Erkrankung eingesetzte Taubheit hervorheben.
1 Münchener med. Wochenscbr. 1908.
* VgL auch Biblschowskt. Graefe-8aemiach* Handbach für Augenheilkunde. Nach¬
trag XL
* Wiener med. Jahrb. 1874.
Digitized by
v Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
808
Die Ohruntersuchung am 10. VL 1915 ergab:
Trommelfelle normal. Links: taub für Sprache und Stimmgabeln. Kalorische
Reaktion negativ. Rinne anendlich negativ. Kopfknochenleitang sehr stark
verkürzt Rechts: lante Sprache wird ad concham gehört Weber nach rechts.
Rinne negativ. Kopfknochenleitung sehr stark verkürzt C„ o 4 nur bei sehr
lautem Anschlag gehört. Kalorische Reaktion positiv sehr schwach. Spontaner
Nystagmus rot Fast zweiten Grades nach rechts.
Eine zweite otiatrische Untersuchung am 19. VIL 1915 ergab: f
Trommelfelle beiderseits normal. Totale Taubheit für Sprache und Stimm¬
gabeln. Kalorische Reaktion beiderseits negativ. Drehreaktion beiderseits bei
aufrechtem, vorgeneigtem und seitwärts geneigtem Kopf negativ. Zeigeversnch
normal.
ln Zeiträumen von etwa zwei Wochen wiederholte Untersuchungen ergeben
bis heute stets dasselbe Resultat.
Nach diesen Befunden handelt es sich um eine beiderseitige totale Labyrinth-
ausschaltung, die sich jedenfalls im Zeiträume zwischen der ersten und zweit«!
otiatrischen Untersuchung entwickelt hat (bei der ersten Untersuchung war zu¬
nächst nur das linke Labyrinth ausgeschaltet, das rechte aber nur schwer
geschädigt).
Trotz des Fehlens jeder Reaktion auf kalorische und Drehreize verhielten
sich die kompensatorischen Augenbewegungen bei passiven oder aktiven Kopf¬
drehungen ganz so wie beim Gesunden. Die kompensatorisohen Augenbewegungen
zeigten sich konstant, wenn man Patienten während der Kopfdrehung auf eine
gegenüber befindliche Tafel oder auf das Fenster blicken ließ. Bei nicht fixiertem
Blick wurden beim Patienten, wie bei Gesunden überhaupt, die kompensatorischen
Augenbewegungen ziemlich häufig durch willkürliche Augenbewegungen ver¬
deckt, doch kamen auch da die kompensatorisohen Bewegungen häufig genug
zum Vorschein.
Der Umstand aber, daß ein regelmäßiges Erzielen kompensatorischer
Augenbewegungen beim Menschen eine Fixierung des Blickes erheischt, läßt in
allen dem unseren analogen Fällen mit vollständig erhaltener willkürlicher
Motilität der Bulbi den Einwurf zu, daß es sich nicht um einen Reflex, sondern
um eine durch die beabsichtigte Fixation verursachte gewollte Augenbewegung
handle. Um diesen Einwurf zurückzuweisen, wurde von einem von uns (Boeklbs)
am Patienten Versuche, welche die reflektorische Natur des Phänomens er¬
weisen dürften, angestellt.
Zunächst wurde konstatiert, daß Patient bei Applikation der Anode am J
Nacken und der Kathode an einem Ohre bei Stromschluß das Gefühl ein«
Kopfdrehung (aber keine Spur einer tatsächlichen Drehung) nach einer be-
stimmten Richtung hatte. Hierauf ließ man bei derselben Applikationsweise i
der Elektroden den Patienten auf eine gegenüber befindliche Scheibe blicken
und nahm sodann mit dem Kopfe des Patienten passive seitliche Drehungen
vor. Nun schloß man den Strom bei einer solchen Wendung des Kopfes, be.
der die vermeintliche (subjektiv empfundene) Drehung der tatsächlichen (pas»ir
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSSTY OF MICHIGAN
809
ausgeführten) entgegengesetzt war. Trotz des subjektiven Gefühls einer (bei 5 Mill.-
Amp. und darüber) eventuell bedeutenden Kopfdrebung nach einer Seite (z. B. nach
rechts) erlitt die kompensatorische Augenbewegung keinerlei Unterbrechung oder
Änderung, sondern erfolgte ununterbrochen weiter in der früheren Richtung,
die durch die faktische passive Eopfdrehung (z. B. nach links) bedingt war.
Ein derartiges Verhalten, d. h. die Abhängigkeit der kompensatorischen Augen¬
bewegungen bei unserem Patienten einzig, von der faktischen, keineswegs aber
von der subjektiv empfundenen Eopfdrehung dürfte sehr für den reflektorischen
Charakter dieser Augenbewegungen und gegen die Annahme einer willkürlichen
Innervation sprechen.
Nebst der angeführten elektrischen Reizung wurde mit Erfolg der Versuch
gemacht, beim Patienten, während er seine Augen geschlossen hielt — also
in analogen Verhältnissen wie bei Blinden — die kompensatorischen Augen¬
bewegungen zu eruieren. Da ein Durchtasten der Eornea nicht gelang, wurde
die im Vergleich zur Sklera bedeutendere Empfindlichkeit der Hornhaut
auf leichten Druck zur Feststellung der während der Eopfdrehung statt¬
findenden kompensatorischen Augenbewegungen benützt Zu diesem Zwecke
legte der Untersuchende, bevor der Patient die verlangte aktive Eopfdrehung
ausführte, je einen Zeigefinger auf jeden Bulbus des Patienten auf. Wurde
die Drehung um die Vertikalachse beabsichtigt, so wurden die Zeigefinger auf
den lateralen Abschnitt jedes Bulbus aufgelegt. Sollte hingegen die Drehung
um die Querachse vorgenommen werden, so wurde der Zeigefinger auf den
einen Bulbus oben, auf den anderen unten aufgelegt. Während der Eopf¬
drehung (besonders gegen Schluß derselben) übte der aufgelegte Finger einen
leichten Druck auf den direkt untergelagerten Abschnitt des entsprechenden
Bulbus aus, wobei der ausgeübte Druck bei erfolgender kompensatorischer Augen¬
bewegung auf der einen Seite die Sklera, auf der anderen die Eornea traf.
Zu verschiedenen Zeiten vorgenommene Versuche ergaben beim intelligenten
Patienten, daß die Eornea eine solche Lageveränderung erfahren hatte, wie es
einer der jeweiligen Eopfdrehuug entsprechenden kompensatorischen Augen¬
bewegung zukommt Dieses Zustandekommen von kompensatorischen Augen¬
bewegungen bei Eopfwendung auch bei geschlossenen Augen des Patienten
spricht unbedingt für deren reflektorische Herkunft Nebstbei sei bemerkt, daß
zur Kontrolle einige Male der Fingerdruck erst nach der vollbrachten Eopf¬
drehung — also in einer Phase, in der die durch eine kompensatorische Augen¬
bewegung verursachte extreme Position der Eornea bereits nicht existierte —
ausgeübt wurde; in diesem Falle erklärte Patient präzis, daß beiderseits der
Fingerdruck ohne größere Empfindlichkeit war.
Das Endergebnis ist also, daß bei Fehlen jedes Reflexes auf kalorische
und Drehreize beiderseits dennoch bei Kopfdrehung kompensatorische Augen¬
bewegungen erfolgten und zwar wie oben nachgewiesen reflektorisch. Als Er¬
klärung sind zwei Möglichkeiten vorhanden. Entweder kommt für Auflösung
dieses Reflexes nebst den Labyrinthreizen auch die Gelenkssensibilität
(soweit dieselbe wenigstens bei Eopfwendungen beteiligt ist) in Betraoht; oder
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
810
die reflektorischen kompensatorischen Angenbewegungen könnten vielleicht von
einem anderen Teil des Labyrinths (etwa vom Otholitenapparat) ausgelöst werden.
Letztere Annahme ist aber schon deshalb unwahrscheinlich, da gerade bei da
infolge Mening. cerebro-spin. epid. auftretenden totalen Labyrinthaasschaltang
der pathologisch-anatomische Befand in der Kegel eine Zerstörung des ganzen
Labyrinths ergibt Zar Entscheidung, welche von diesen zwei Erklärungen
wirklich zutrifft, wurde daher nachträglich noch folgender Versuch angestellt.
Patient wurde auf den Drehstuhl mit leicht angebundenem Rumpf und Kopf
hingesetzt. Auf die geschlossenen Bulbi des Patienten legte der Untersuchende
je einen Finger (in der oben angeführten Weise), worauf Vierteldrehungen
des Drehstuhles — welche im Effekt einer einzigen seitlichen Kopfdrehung gleich¬
kommen — nach rechts oder links vorgenommen wurden. Diese Versuche
wurden innerhalb 2 Tage mehrfach wiederholt immer mit demselben negativen
Resultat d. h. Patient negierte, irgendwo empfindlicher am Bulbai
den Druck verspürt zu haben. Daraus folgt daß hei dieser Rollung unter
Fixierung der Gelenke für Kopf und Rumpf kompensatorische Augenbewegungen
beim Patienten ausbleiben. Demnach muß man die bei aktiven und passiven
Kopfdrehungen beim Pat festgestellten, reflektorisch kompensatorischen Augen¬
bewegungen als nicht vestibulären Ursprungs, sondern als durch sensible
Reize infolge Lageveränderungen in den entsprechenden Gelenken
ausgelöst ansehen.
3. Die Neurosen nach Kriegsverletzungen.
Von H. Oppenheim.
Unter Hinweis auf meine später erscheinende Monographie über „die Neu¬
rosen nach Kriegsverletzungen“ möchte ich heute eine kurze Inhaltsangabe
machen, einige Leitsätze herausgreifen und so eine Art von Präreferat der ver¬
schobenen Veröffentlichung vorausschicken.
Die Arbeit bringt etwa 70 Krankengeschichten von Neurosen nach Kriegs¬
verletzungen, die ich in der Nervenstation des Reservelazarettes Kunstgewerbe¬
museum zu beobachten Gelegenheit hatte.
Sie sind in folgende ö Gruppen gebracht: I. traumatische Hysterie, II. trau¬
matische Neurasthenie, III. traumatische Hysteroneurasthenie, IV. traumatische
Neurose im engeren Sinne, V. Kombination von organischen Erkrankungen des
Nervensystems mit Neurosen traumatischen Ursprungs.
Ich zeige an dem Material, daß die Grenzen zwischen diesen Gruppen (I bis IV)
zwar keine scharfen sind, indem es Fälle gibt, in denen es durchaus zweifelhaft
bleibt, zu welcher dieser Unterformen sie gehören, daß aber im großen and
ganzen diese Scheidung zu Recht besteht.
Alle diese Gruppen umfaßt das weite Gebiet der traumatischen Neurosen. Pi* !
Bezeichnung traumatische Neurose im engeren Sinne möchte ioh reservieren für di« I
Digitized
Google
Original frum
UNIVERSITY OF MICHIGAK
811
Mischformen (Gmppe III) und besonders für die in Groppe IV zusammengefaßten
Fälle. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß hei ihnen Symptome hervortreten, die
weder der Hysterie noch der Neurasthenie zuzurechnen sind, wie die Tics, die
Crampi musoulorum und andere lokalisierte Muskelkrämpfe, gewisse Formen
des Zitterns, die weder dem Bilde des ideogenen, emotionellen noch dem des
Erschöpfungstremors entsprechen, Anfälle von Bewußtlosigkeit von nicht-hysteri¬
schem Charakter, das Graefe’sohe und Chvostek’sche Symptom und ganz be¬
sonders motorische Ausfallserscheinungen vom Charakter der „Akinesia am-
nestica“ und „Reflexlähmung“. Die Lehre von der Akinesia amnestica,
deren Beziehungen zur sog. Gewohnheitslähmung erörtert werden, halte ich für
eine fest begründete. Interessante Formen von Akinesia und Dyskinesia
amnestica können auch durch Sohußverletzungen peripherischer Nerven, be¬
sonders des N. accessorius hervorgerufen werden. Die Theorie der Reflexlähmung
erfordert noch weitere Untersuchungen. — Das Hauptgewicht lege ich auf den
Nachweis, daß die psychogene bzw. die ideogene Entstehung der Symptome,
der „traumatischen Hysterie“ im Sinne Chabcot’b, die von der großen Mehr¬
zahl der deutschen Forscher angenommen worden ist, nur eine ganz bescheidene
Rolle spielt Der Hauptfehler, der gemacht worden ist und noch gemacht wird,
auch von einer Anzahl unserer hervorragenden Fachvertreter, ist der, daß das,
was Folge der psychischen Erschütterung, des Affektshocks ist, als das Produkt
der Vorstellung, als ideogen angesehen wird. Nur dadurch entsteht die „unglück¬
selige“ Verquickung der traumatischen Hysterie und traumatischen Neurose mit
der Simulation. Denn die von vielen vertretene Auffassung, daß es zwischen
Hysterie und Simulation keine scharfe Grenze gibt, sowie für die auch aus
Nonne’s Mitteilungen überall hervorlugende Anschauung, daß die traumatische
Neurose etwas Imaginäres ist, das einfach weggeblasen (durch eine hypnotische
Sitzung beseitigt) werden kann, könnte nur insoweit Gültigkeit haben, als es
sich um ideogene, d. h. in der Vorstellung wurzelnde Krankheitserscheinungen
bandelt. Diese Annahme trifft für die große Mehrzahl der Beobachtungen, die
ich im Kriege angestellt habe, nicht zu. Die Symptome und Krankheitsbilder,
auf die sich meine Erfahrung bezieht, sind fast durchweg das Ergebnis der
psychischen und physischen Erschütterung, außerdem spielen durch
Reizzustände in der Peripherie ausgelöste reflektorische Vorgänge eine wichtige
Rolle. Durch diese werden Veränderungen im zentralen Nervensystem hervor¬
gerufen, die nicht den Charakter pathologisch-anatomischer Prozesse haben,
sondern in der Lockerung, Verlagerung der feinsten Gewebselemente, in der
Sperrung von Bahnen, in der Entgleisung der Innervationsimpulse, in der Dia-
schisis beruhen. In dieser Hinsicht berührt sich die von mir vor 25 Jahren auf¬
gestellte Erschütterungstheorie mit Vorstellungen, die in der alten Shocklehre
von Goltz enthalten sind und auch in Monakow’b Hypothese von der Dia-
scbisis 1 wiederkehren. Gewiß vermag die psychische Erschütterung allein viele
1 Sieh« besonders die Darstellung in v. Monakow, Die Lokalisation im Gehirn. Wies¬
baden 1914.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
812
von den Symptomen und Symptombildem hervorzubringen, auf die ich die Be¬
zeichnung „traumatische Neurose“ angewandt habe and die dann von Anderen
auch unter dem Namen Sohreckneurose, Emotionsneurose geschildert worden
sind. Aber selbst wenn der Nachweis gelänge, daß die seelische Erschütterung
alles das zu erzeugen vermöchte, was als traumatische Neurose beschrieben
worden ist, so wird damit keineswegs der Beweis geliefert, daß die mechanische
Erschütterung in der Genese dieser Krankheitszustände keine Bolle spielt Es
ist durchaus nicht von der Hand zu weisen, daß die seelisohe und körper¬
liche Erschütterung in gewisser Hinsicht gleichartige Wirkungen
auf das zentrale Nervensystem ausüben und Krankheitszustände von
demselben Charakter hervorzubringen vermögen.
Es gibt Insulte, wie die starken Detonationen durch die schweren Artillerie-
gesohütze, in denen diese beiden Faktoren überhaupt schon so verschmolzen
sind, daß sie nicht voneinander zu trennen sind.
In bezug auf die Einschätzung dieser beiden Faktoren hat sich unter den
Autoren, die in neuerer Zeit zu der Frage Stellung genommen haben, soweit
ich sehe, nur Bins wangeb 1 auf meine Seite gestellt, wenn er auch‘unter Über¬
dehnung des Begriffs an der Bezeichnung „traumatische Hysterie“ festhält und
wenn er auch auffallender weise meinen Namen dabei nicht erwähnt.
Für eine Reihe der von mir angeführten Symptome, besonders auch für
die Temperatursteigerung, wird das entsprechende Beobachtungsmaterial vor¬
gelegt.
Besonders eingehend wird das Wesen der Lähmungszustände erörtert, auf
die ich die Bezeichnung der Akinesia amnestica und Reflexlähmung angewandt
habe. Es bat sioh dabei die starke Bevorzugung der linken Seite herausgestellt
(0. KalIscher). Ist schon diese Tatsache mit der Annahme der ideogenen
Entstehung so gar nicht in Einklang zu bringen, so gilt das noch weniger für
die von mir festgestellte Tatsache, daß am Bein so gut wie immer die Lähmung
distalwärts zunimmt und am längsten in den Fußmuskeln persistiert. Ferner
fand ich in der Mehrzahl dieser Fälle eine volle Harmonie zwischen dem
Charakter der Gehstörung und der Lähmung, wie sie sich in der Rückenlage
präsentiert.
Wie soll das psychogenetisoh zu deuten sein?
Die Reflexlähmung kann sich auf eine Muskelgruppe — z. B. Hüftbeuger
bei Verletzung des Oberschenkels — beschränken.
Die eigentümlichen Beziehungen der Schmerzen bei traumatischer Neuritis
zu psychischen Vorgängen und Erregungen der Sinneszentren, auf die ich* zu-
-- \
1 Hystero somatische Krankheitserscbeinungen bei der Kriegshysterie. Monateschr. f.
Psych. XXXVIII. H.lu.2.
* Zur Kriegsneurologie. Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 48 u. Ober Kriegs¬
verletzungen des peripheren und zentralen Nervensystems. Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung.
1915. Nr. 4. — Eine kasuistische Mitteilung Weygandt’b, sowie die Angaben von Mas>\
Foebbtbe n. a. folgten später.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
erst hingewiesen habe, werden eingehender und an der Hand der Kasuistik be¬
sprochen.
Die Simulationsfrage wird unter Mitteilung von Beobachtungen erörtert.
Das Schlußkapitel behandelt die Frage der Prognose und Therapie.
[Aus dem Reserrelazarett III, Station Jose&heim, Frankfurt a. M.]
(Chefarzt: Stabsarzt d. L. ton Wild.)
4. Zerebellare Symptomenkomplexe
nach Kriegsverletzungen.
Von Stabsarzt d. R. Julius Friedl&nder in Frankfurt a. M.
Unter obigem Titel ist in Nr. 17 dieses Centralblattes eine Arbeit von Kubt
Löwenstein (Berlin) erschienen, die mir ein persönliches Interesse geboten hat,
da ich in dem darin beschriebenen Fall II, dem Ersatzreservisten E., einen
wohlbekannten Patienten wiederfinde, den ich auf meiner Station vom 14. XII.
1914 bis 26.1V. 1915 beobachtet und behandelt, einem größeren Kreise von
Kollegen beim V. kriegsmedizinischen Abend im hiesigen Städt. Krankenbause am
26.1. 1915 vorgestellt habe und der auf meine Veranlassung am 26. IV. 1915
in die Nervenstation des Reservelazarettes Kunstgewerbemuseum seiner Vater¬
stadt Berlin verlegt worden ist. Ich entnehme daraus die Veranlassung, mich
an der lebhaften Diskussion, die sich auch an die Berliner Demonstration des
Patienten durch Dr. L. in der Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬
heiten geknüpft hat, noch nachträglich mit einigen Bemerkungen zu beteiligen,
um so mehr, als in L.’s Publikation eine „frühere Krankengeschichte“ nur mit
zwei Zeilen erwähnt wird. In dieser „früheren Krankengeschichte“, unter der
das von mir über E. geführte Journal zu verstehen ist, war ich ebenso wie bei
meiner Demonstration auf Grund der Pathogenese des Falles und der drei
Kardinalsymptome: hochgradiger statischer Ataxie mit Tendenz nach rechts zu
fallen, heftigem Drehschwindel mit Erbrechen und spontanem Nystagmus nach
rechts zu der Diagnose „traumatische Blutung in das Kleinhirn mit Beteiligung
des Wurmes“ gelangt und habe im Hinblick auf die zwangsmäßige Neigung
nach rechts, die E.'s Gang fast zu einer Manögebewegung gestaltet, noch spezieller
eine Läsion des Crus cerebelli ad pontem auf der vom Kontusionsschuß ver¬
letzten Seite annehmen zu dürfen geglaubt Wenn ich damit eine strikte
anatomische Diagnose vertrete, so beschäftigte mich doch natürlich auch ein¬
gehend die Frage, ob E.’s Krankheitsbild in seiner Gesamtheit organisch bedingt
ist oder teilweise psychogener Provenienz sein könnte, um so mehr, als letztere
Vermutung auch hier nach E.’s Vorstellung in der Diskussion aufgeworfen
wurde. Von vornherein will es mir freilich nicht recht einleuchten, warum ich
bei einer Affektion, der nach übereinstimmender Ansicht aller Beobachter ein
pathologisch-anatomisches Substrat zugrunde liegt, auch mit funktionellen Sym¬
ptomen rechnen soll, warum ich, wo doch drei wohlausgebildete, für eine Klein-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
814
Digitized by
hirnläsion typische Symptome vorliegen, nicht alle drei von ihr abhängig machen
soll, warum ich zwei davon sozusagen für echt und eins für unecht halten
soll? —, aber nachdem hierüber die Meinungen geteilt sind, kann' ich doch
nicht umhin, dem Sinne nach hier zu wiederholen, was ich in meinem Kranken¬
blatt über E. ausgeführt habe: Das strittige Symptom ist — nachdem dem
Zeigeversuch als „sekundärer“ Kleinhimreaktion allseitig kein entscheidender
Wert beigelegt wurde — allein E.’s schwere, zwangsmäßige Gleichgewichts¬
störung. Gewiß unterscheidet diese sich von der reinen, landläufigen Zerebellar¬
ataxie, denn es kommt hier zu der mangelhaften Koordination, die in Verbindung
mit dem Drehschwindel die „Demarche de l’ivresse“ erzeugt, als zweite Kom¬
ponente noch der unwiderstehliche Drang nach der reohten Seite hinzu. Aber
ich ziehe darum nicht den Schluß, daß das Symptom, weil es bei E. von der
gewöhnlichen Zerebellarataxie abweicht und über sie hinausgeht, funktioneller
Natur sein müsse, ich meine vielmehr umgekehrt, daß gerade solche Zwangs¬
bewegungen, die wir ja zufolge von Beobachtungen an Tieren und Menschen
mit dem Cerebellum in Zusammenhang bringen dürfen, mit Recht als
klinische Zeichen von Organveränderungen daselbst anzusprechen sind. Überdies
scheint auch die Alteration des Gleichgewichts bei E. während seiner hiesigen
Lazarettzeit weit intensiver gewesen zu sein, als sie es jetzt in Berlin ist. Denn
während es in der Berliner Krankengeschichte heißt, daß „im Sitzen keine
Unsicherheit besteht“, war hier andauernd nicht nur im Stehen und Gehen,
sondern auch im Sitzen eine komplette statische Kumpfataxie vorhanden: sobald
E. frei hingesetzt wurde, geriet sein ganzer Oberkörper und Kopf in eine heftige
oszillatorische Bewegung, wie wir sie ähnlich bei vorgeschrittener Paralysis agi-
tans beobachten, dann allmählich in gröbere Schwankungen, und er fiel, wenn
man ihn nicht festhielt, nach der Seite um, und dies ohne Ausnahme nach
rechts. Im Bewußtsein dieser Haltlosigkeit hatte E. es sich zur Gewohnheit
gemacht, stets auf seitwärts gedrehtem Stuhle zu sitzen, und ich habe bei der
Abendvisite oft gesehen, wie er ganz besonders beim Essen, wo er keine Hand
frei hatte, um sich festzuhalten, die Rückenlehne des Stuhles als Widerlager
benutzte, um seine rechte Flanke dagegen anzustemmen. Obwohl ich nun für
meine Person niemals den Eindruck hatte, als spiele bei E. ein psychischer
Faktor in dem Sinne mit, daß sich durch Willkür oder Autosuggestion eine
gewisse „Manier“ bei ihm fixiert haben könnte, habe ich, lediglich zur Sicherung
meiner Diagnose, E., um alle Großhirneinflüsse bei ihm auszuschalten, einige
Male hypnotisiert Der Erfolg war der, daß E. auch in der Hypnose, die wohl
gelang, sobald er von dem ihn stützenden Militärkrankenwärter L. losgelassen
wurde, mit der Präzision eines Automaten nach rechts vom Stuhle fieL Gleich¬
viel, welchen Wert man diesen Versuchen beimessen will, das eine scheinen sw
mir doch zu beweisen, daß bei E. weder irgendwelche Intention, noch ein
„phobisches Moment“, sondern nur ein effektiver Mangel an Körperbalance be¬
stimmend ist. Zieht man dies in Betracht, ohne auf das Wort Ataxie zu groben
Wert zu legen, so wird man auch nicht sagen können, daß E. „jedes Bestreb«
fehlt, seine Gehstörung in der üblichen Weise zu korrigieren“ —: wäre E. nur
«
UNIVERSITY OF MICHIGA^U
Gck igle
reis ataktisch, so würde er gewiß bestrebt sein, in der „üblichen Weise“, d. h.
mit einem Stocke, seinem Gange aufzuhelfeu, aber er ist mehr als das, er ist
nach rechts desequilibriert, und dieser Defekt kann nicht mit einem Stocke aus¬
geglichen, sondern nur durch ein besonderes Training kompensiert werden. In
der Tat hat E. aus eigenem Antriebe in unserem Lazarett teils im Saale, den
Bettreihen folgend, teils im Garten, von Baum zu Baum, methodische Geh-
übuogen regelmäßig vorgenommen und sich dabei einer eigenen Technik bedient:
er suchte nach einem bestimmten Punkte, z. B. einem Bettpfosten, zunäohst in
schnellster Gangart hinzukommen, so schnell, daß er, wenn möglich, unterwegs
nioht Zeit hatte, zu Falle zu kommen, legte denselben Weg allmählich in
langsamerem Tempo zurück und stellte sich, wenn es ihm auf nähere Distanzen
gelungen war, sukzessive immer etwas weitere Ziele. Aber er verfolgte dabei
das Prinzip, niemals voll und direkt auf sein Ziel zu „halten“, sondern, indem
er die force majeure, die ihn nach rechts abtrieb, mit in Anschlag brachte, gab
er seinem Körper — wenn ich hier einen Billardausdruck brauchen darf —
etwas „Linkseffet“, und brachte es vermittelst dieser Gegeneinstellung meist
fertig, an die gewünschte Stelle zu gelangen. Man wird danach zugeben müssen,
daß £. nicht nur ernsthaft bestrebt war, seine Gehstörung zu korrigieren, sondern
daß er auch nicht zweckmäßiger dabei zu Werke gehen konnte. Im übrigen
aber scheint mir die Energie, die E. bei dieser Selbstdressur entwickelte* wie¬
wohl er bei seinen Versuchen mehrmals schwer zu Boden stürzte, auch nach
anderer Bichtung sehr bemerkenswert: ein psychogenes, in seinem Vorstellungs¬
leben eingewurzeltes Übel wäre von ihm wohl kaum aus eigener Initiative. so
ausdauernd und so willenskräftig bekämpft worden, und wenn anders er ein
konstitutioneller Neuropath oder Neurastheniker wäre, so hätte er wohl auch
schwerlich so viel spontanen und zähen Eifer bei seinen Exerzitien aufgebracht.
Wenn überhaupt E. Symptome von Nervenschwäche jetzt bietet, so haben sie,
wie seine Anamnese ergibt, vor seiner Kriegsverletzung nioht bestanden, sind
aber auch nicht unmittelbare Folgen dieser, sondern sekundären Ursprungs und
erst im Verlaufe seiner Organerkrankung aufgetreten. Allerdings war er, auch
hier, reizbar, verstimmt und schlaflos, nachdem er Wochen und Monate hori¬
zontal auf dem Bücken liegend unter ständigem Kopfschmerz und bei jeder
Bewegung mit Schwindel und Erbrechen kämpfend verbracht hatte, — es kam
hinzu, daß ihn, je länger sein Leiden sich hinzog, um so mehr die Sorge um
seine Existenz drückte, zumal er sich wenige Monate vor der Mobilmachung
verheiratet hatte. Auch die Aufregung mit ihren kardiovaskulären Begleit¬
erscheinungen, in die er zu geraten pflegt, wenn er „vormarschieren“ soll, mag
Nervosität genannt werden — hier war davon nur wenig und fast nur gegen¬
über fremden Ärzten zu bemerken —, vorausgesetzt, daß man überhaupt ein
solches „Lampenfieber“ schon in das Gebiet des Pathologischen hineinbeziehen
will. Aber, wie dem auch sei, jedenfalls ist E.’s Kleinhirnläsion zuerst da¬
gewesen und erat später diese erworbene Neurasthenie, und ich kann mich
darum mit einer Auffassung nicht befreunden, die E.’s Gleichgewichtsstörung
als Ausfluß oder Teilerscheinung einer allgemeinen Neurose oder Nervenschwäche
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
816
zu betrachten geneigt ist Daß jenes Symptom nnr von funktioneller Art 9eiu
soll, dafür wird endlich auch das Argument angeführt, daß es sich so sehr
„stabil und unbeeinflnßbar“ erweist, während traumatische Zerebellarerkrankungen
im allgemeinen weniger hartnäckig zu sein pflegen: auch hier wird derjenige,
der E. in seinem ersten Krankheitsstadium durch 4 Monate beobachtet hat,
nicht beistimmen können. Abgesehen davon, daß das konkomitierende Kopfweh
und Erbrechen geschwunden, der Schwindel erheblich gemindert ist, besteht
doch auch insofern eine unverkennbare Besserung, als die ataktische Unsicher*
heit und Unbeherrschtheit des Körpers, die früher auch im Sitzen bestand, jetzt
nur noch im Stehen und Gehen vorhanden ist und auoh dies in sehr ver¬
ringertem Maße, da E. hier in den ersten Monaten überhaupt nicht frei stehen
konnte. Alles in allem kann ich daher keinen zwingenden Grund einsehen,
warum E.’s Krankheitsbild aus „organischen und funktionellen Symptomen ge¬
mischt“ sein soll, — mir erscheint es einheitlich aus klinischen Anzeichen einer
substanziellen Kleinhirnschädigung bestehend. Es ist ja freilich möglich, daß
ich mich dabei im Irrtum befinde, aber den Vorwurf, der einem der Diskussions¬
redner gegenüber angedeutet wurde, daß er sein Urteil zu rasch und ohne ge¬
nügende Kenntnis des Falles abgegeben habe, wird man mir jedenfalls nicht
machen können.
5. Erwiderung auf vorstehende Mitteilung.
Von Dr. Kurt Löwensteln.
Auf die obenstehende Mitteilung von J. Fbiedländeb erwidere ich in Kürze
folgendes: loh bin abgesehen von der Mitteilung der anamnestisch sehr wich¬
tigen Daten des Schwindels nach Aufrichten und Erbrechen aus zwei Gründen
nicht auf die mir bekannte, von J. Fbiedländeb geführte Krankengeschichte
eingegangen: 1. ist in dieser Krankengeschichte die Frage einer funktionellen
Komponente bei dem Krankheitsbilde des E. überhaupt nicht erörtert worden,
ich wollte daher nicht einen früheren Beobachter zitieren, dessen Ansicht über
diese mich an dem Krankheitsbilde am meisten interessierende Frage mir un¬
bekannt war, und dessen Anschauung falsch darzustellen ich daher Gefahr lief;
2. ging mir gerade aus dieser Krankengeschichte und dem weiteren Verlauf
hervor, daß sich das Krankheitsbild im Laufe der Monate wesentlich geändert
hatte. So schien mir ein Vergleich nicht am Platze, da die beiden Auffassungen
eine verschiedene tatsächliche Unterlage hatten. — Und hierin scheint mir auch
der sachlich wesentlichste Punkt zu liegen. Fbiedländeb’s Ansicht ist ja die,
daß, soweit eine Nervenschwäche vorhanden ist, diese erst sekundären Ursprungs
ist. Hierin sind wir völlig einer Meinung, denn auch ich nehme an, daß bei
E. eine organische Affektion vorliegt, zu der sich dann funktionelle Erscheinungen
hinzugesellt haben, ich habe auoh diesen organischen Kern für das Wesentliche
gehalten, und so steht sogar meine Ansicht der FbiedlIndeb’s viel näher als
die der meisten meiner Diskussionsredner, die die funktionellen Erscheinungen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
817
gegenüber den organischen für das bei weitem Wesentlichere hielten. Diese
Annahme eines organischen Kerns spricht aber durchaus nicht dagegen, wie
Fbiedländeb meint, daß die jetzt bestehende Gleichgewichtsstörung wenigstens
zum Teil ein Ausfluß oder die Teilerscheinung einer allgemeinen Neurose ist,
natürlich einer Neurose, die infolge der Kriegsverletzung, also nach (Jen organi¬
schen Veränderungen, entstanden ist. Daß zwischen damals und heute ein
Unterschied in den Symptomen besteht, halte ich für sehr wahrscheinlich. Ich
nehme auch an, daß im Beginn die organischen Erscheinungen im Vordergründe
gestanden haben. Friedländer nimmt ja allerdings an den meisten Stellen
seiner Ausführungen — hier besteht ein Widerspruch innerhalb derselben, ins¬
besondere auch zu der oben erwähnten Bemerkung — an, daß damals keinerlei
funktionelle Erscheinungen vorhanden waren, wenn sich auch ihm selbst und
Diskussionsrednern in Frankfurt Zweifel bemerkbar machten. — Ich möchte
aber noch zu einzelnen der Argumente Fetedländbb’s einige Bemerkungen
machen. Daß bei einer organischen Erkrankung, insbesondere aber nach Traumen,
außer organischen Symptomen noch funktionelle auftreten, ist doch eine so oft
gesehene Erscheinung, daß ich im Gegensatz zu Friedländeb meine, daß un¬
bedingt damit gerechnet werden muß. Den Schluß aber, daß das fragliche
Symptom des Fallens und Drängens nach der rechten Seite deswegen funktio¬
neller Natur ist, weil es von der gewöhnlichen zerebellaren Ataxie abweicht,
habe ich nicht, wie Friedländer meint, gezogen, sondern ioh halte dieses Sym¬
ptom für funktionell, bzw. ich habe angenommen, daß dieses bestimmt von
vornherein organische Fallsymptom sich in funktioneller Weise verändert hat,
deswegen, weil, wie ich glaube, die Art des Fallens bei E. sich von den bei *
Tieren und Menschen beobachteten Zwangsbewegungen, Rollbewegungen, Manege¬
bewegungen unterscheidet, und weil die Analyse dieses Symptoms nichtorganische
Komponenten erkennen ließ. Hierzu verweise ich auf meine erste Darstellung.
Auch die von Friedländeb erwähnten Paralysis agitans-ähnlichen oszillatorischen
Bewegungen sind doch nicht mit Sicherheit als organisches Symptom zu deuten.
Ferner meine ich aber auch, daß das Bestehenbleiben des Fallens in der Hypnose
durchaus nichts gegen die funktionelle Natur des Symptoms sagt. Wie oft
kommt es vor, daß funktionelle Erscheinungen auch durch tiefe, selbst oftmalige
Hypnosen nicht zu beeinflussen sind! Und gerade die von Fbiedländer und
mir beschriebene Art Training und das eigenartige Korrigieren der Störung, das
doch von der üblichen Weise abweicht — E. rennt darauf los, um keine Zeit
zu haben zu fallen; E. geht, um an sein Ziel zu gelangen, nach links vorbei,
um seine Rechtsabweichung auszugleichen —, auch diese Erscheinungen kann
ich nicht als mit Sicherheit organische anerkennen, sie scheinen mir eher zu
zeigen, in welcher Weise bei E. die Störungen unter dem Einfluß seines Vor¬
stellungslebens stehen. Auch daß E. sein Übel energisch bekämpft hat, scheint
mir durchaus nicht gegen die funktionelle Natur eines Teils seiner Symptome
zu sprechen. — Wie weit also neben der organischen Grundlage schon während
Friedländeb’s Beobachtung funktionelle Erscheinungen bestanden haben, das
will ich durchaus unentschieden lassen. Anders liegt es für die Zeit meiner
xxx IV. 52
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
818
Beobachtung. Da waren jedenfalls wesentliche funktionelle Erscheinungen vor¬
handen, wie ich bei meiner Demonstration nachgewiesen zu haben glaube. Er¬
wähnen will ich nur noch folgendes. Der Mangel an Regression laßt doch unbedingt
an eine nichtorganisohe Fixation denken. Sicher ist aber, daß auch rein nervöse
Symptome, vorliegen, besonders das auch von dem Patienten selbst betonte
phobische Moment, die Erregbarkeit, die Tachykardie und die übrigen, ja auch
von Friedländeb selbst erwähnten Erscheinungen. Vor allem muß ich aber
nochmals auf das eigenartige Verhalten der Fallreaktionen bei der Bäranyschen
Prüfung, auf das Fbiedländeb gar nicht eingegangen ist, hinweisen. Das Ver¬
halten, das ich ja in meiner Publikation ausführlich mitgeteilt und besprochen
habe, spricht durchaus für das Vorhandensein einer funktionellen Komponente
bzw. eine Fixation des von vornherein organischen Fallsymptoms. Ich sehe darin,
wie auch damals betont, eine besondere Unterstützung für die Aufklärung der uns
beschäftigenden Frage sowohl bei diesem, wie bei entsprechenden Krankheitsbildern.
II. Referate.
Anatomie.
• 1) Die Hypophysis cerebri, von W. Stendel 1. (Lehrbuch der vergl. mikrosk.
Anatomie. 8. Teil. Jena, G. Fischer, 1914. 168 S. Pr. 8Mk.) Ref.: W. Misch.
Da alles, was an der Hypophyse anatomisch zu beschreiben ist, in das Ge¬
biet der mikroskopischen Anatomie fällt, so ist dies die .vergleichende mikro¬
skopische Anatomie der Hypophyse behandelnde Werk als Monographie der Ana¬
tomie der Hypophyse überhaupt zu betrachten. Die einzelnen Abschnitte des
Organs werden gesondert beschrieben, ohne daß dabei die funktionelle Bedeutung
und das Zusammenarbeiten der einzelnen Teile außer acht gelassen wird. Das
meiste Gewicht wird auf die vergleichende Behandlung des Stoffes gelegt und so
bei den einzelnen Klassen der Vertebraten die Anatomie der einzelnen Hypo¬
physenlappen mit ihrer funktionellen Bedeutung dargelegt. In einem besonderen
Abschnitt wird die Phylogenese der Hypophyse besonders besprochen, wobei Verf.
auf die bereits an anderer Stelle von ihm betonte Ansicht eingeht, daß das bei
den Tunikaten als Hypophyse betrachtete Orgah nicht als Homologon des bei den
Vertebraten vorhandenen Organs zu betrachten ist; eine eigentliche Hypophyse
findet sich erst bei den Vertebraten.
Das von einem Zoologen geschriebene Buch, das durch viele klare Zeich¬
nungen und ein erschöpfendes Literaturverzeichnis ergänzt wird, ist in der Knapp¬
heit und Übersichtlichkeit seiner Darstellung, bei dem großen Interesse, das die
innersekretorischen Probleme für die Neurologie haben, für den Neurologen, der
dieses Gebiet von Grund auf beherrschen will, von größtem Interesse.
Physiologie.
2) La struttura della tiroide e le sue varlasioni qualitative, per M. Bus-
# caino. (Riv. di Patol. nerv, e ment. XIX. 1914. H. 7.) Ref.: R. Ganter.
Aus den histologischen und chemischen Untersuchungen der Schilddrüsen voa
62 Individuen, die an verschiedenen Formen geistiger Erkrankung gelitten hatten,
kommt Verf. zu folgenden Ergebnissen:
1. Es besteht keine Beziehung zwischen dem Vorkommen von chromophilen
Digitized by
Gck igle
Original fram
UNIVERSETY OF MICHIGAN
819
Kolloid and dem Geschlecht, Alter, Ernährungszustand des Kranken, auoh nicht
in Hinsicht auf die verschiedenen Erkrankungen der inneren Organe.
2. Die sudanophilen epithelialen Granula nehmen zu mit dem Alter, ihr
Vorkommen trifft im allgemeinen mit den Affektionen der Gefäße in verschiedenen
Bezirken des Körpers zusammen. Doch sind sie im allgemeinen bei Individuen
unter 35 Jahren nicht sehr zahlreich.
3. Die sudanophilen Kolloidhaufen vermehren sich mit der Zunahme der
epithelialen Granula — ohne daß immer auch das Umgekehrte der Fall wäre —,
zugleich bestehen Gefäßaffektionen in verschiedenen Gegenden des Körpers und
eine mehr oder weniger große Fettdegeneration der Leber. Bei Individuen unter
35 Jahren ist ihre Menge geringer; doch kann sich die gleiche Erscheinung auoh
bei Individuen über 35 Jahren finden, entsprechend der verminderten sekretori¬
schen Fähigkeit des Schilddrüsenepithels. Es besteht also hinsichtlich der epi¬
thelialen Granula und der Kolloidhaufen in bestimmten Grenzen eine gewisse
Beziehung zwischen Alter und Menge der Granula und der Haufen. Pathologisch
ist ein deutliches Mißverhältnis zwischen der Menge der epithelialen Granula und
der Menge der sudanophilen Haufen.
4. Die Kalziumoxalatkristalle stehen in keiner Beziehung zu den übrigen
Befunden in der Schilddrüse und den anderen Organen. Sie weisen auf Ver¬
änderungen im Kalzium- und Oxalsäurestoffwechsel hin und zeigen die aktive
Beteiligung der Schilddrüse am Kalziumstoffwechsel. Sie wurden hauptsächlich in
Fällen von Dementia praecox, dann auch bei Epilepsie und schließlich bei Amentla
gefunden.
5. Die proteiformen Kristalle haben ebenfalls keine Beziehungen zu den
übrigen Schilddrüsen- und Organbefunden. Nur fanden sich, wo sie vorkamen,
meist zugleich auch chromophile Schollen (nicht aber umgekehrt). Sie haben eine
besondere Bedeutung beim epileptischen Symptomenkomplex.
Was nun das Vorkommen der Schilddrüsenbefunde bei den einzelnen psychi¬
schen Krankheitsgruppen betrifft, so ergab sich folgendes: In Fällen genuiner
Epilepsie fanden sich regelmäßig Schollen chromophilen Kolloids, proteiforme
Kristalle, schwarze protoplasmatische Granula, Kalziumoxalatkristalle. Es handelte
sich also um einen richtigen Dysthyreoidismus, der in 2 Fällen nicht genuiner
Epilepsie fehlte. Man kann also im allgemeinen behaupten, daß bei dem epi¬
leptischen Symptomenkomplex die Schilddrüse in einigen Fällen mit Dysfunktion
&n dem Prozeß beteiligt ist, in anderen Fällen wieder nicht.
In einigen wenigen Fällen von progressiver Paralyse lag eine verminderte
sekretorische Fähigkeit der Schilddrüse vor, soweit die Bildung normalen Kolloids
und bisweilen auch die der sudanophilen Haufen des Kolloids in Betracht kam.
In fast allen Fällen (in 12 von 14) wies das Vorkommen von chromophilem
Kolloid, das sich meist reichlicher fand als bei der genuinen Epilepsie, auf quali¬
tative Veränderungen der Schilddrüsenfunktion hin. Dazu zeigten sich dann noch
in dem einen oder anderen Falle proteiforme Kristalle, Kalziumoxalatkristalle,
kleinzellige Infiltration, sudanophiles Protoplasma in den Epithelzellen der spär¬
lichen Alveolen. Es handelte sich also in diesen Fällen um Dysthyreoidismus, der
vorwiegend auf dem Vorhandensein von chromophilem Kolloid beruhte.
Bei der Dementia senilis und arteriosclerotica fanden sich vor allem in der
Schilddrüse die Zeichen der physiologischen Alters Veränderung: Verminderung des
Volumens vieler Alveolen, bei anderen wieder Vergrößerung, Vermehrung der
epithelialen Granula und der sudanophilen Granula. Nur in einigen Schilddrüsen
waren Zeichen eines nicht normalen senilen Defektes zu erkennen, in anderen
auch noch Zeichen, die auf das Fehlen von Granula und sudanophilen Haufen
hinwiesen. Selten kamen proteiforme Kristalle in beträchtlicher Menge vor (nur
bei der Dementia senilis). Nur in zwei Drittel der Fälle von Dementia senilis
52*
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
820
und arteriosclerotica also bestanden Zeichen von Dysthyreoidismus (cbromophilee
Kolloid, bisweilen proteiforme Kristalle).
In den Verwirrtheitszuständen (Amentia: 5 Fälle) wurden Schollen chromo-
philen Kolloids nachgewiesen.
Bei der Dementia praecox fanden sich häufig Kristalle von Kalziumoxalat.
Unter 5 Fällen von Depression fand sich 3 mal reiner Hypothyreoidismus, daneben
4mal Dysthyreoidismus (chromophile Schollen), 3 mal auch ein Fehlen sudanophiler
Haufen.
In einem Fall von Dysthymia cyclica und 3 Fällen von Erregungszuständen
waren keine Veränderungen aulzufinden. Ebensowenig auch in einem Fall von
Dementia posthemiplegica. In einem Fall von chronischer Chorea fanden sich
zahlreiche kleine Schollen chromophilen Kolloids.
3) Zur Frage der Innervation der GL thyreoidea, von N. Ossokin. (Zeit¬
schrift f. Biologie. LXIII. 1914. H. 10.) Bef.: Kurt Mendel
Die vasomotorischen Fasern, und zwar sowohl Konstriktoren wie Dilatatoren,
für die Schilddrüse sind hauptsächlich in den Kehlkopfnerven enthalten. Sie
kommen aber auch mit anderen Ä9ten des N. vagosympathicus heran, und zwar
mit dem N. pharyngeus sup. et infer.
Durch Adrenalin ließ sich die überwiegende vasokonstriktorische Innervation
der Schilddrüse durch den Sympathicus nachweisen.
Während der Reizung der Schilddrüsennerven ist die Erregbarkeit des Vagus
erhöht. Das durch Beizung der sekretorischen Schilddrüsennerven abgesonderte
Sekret bat also auch eine Wirkung auf parasympathische (autonome) Endorgane.
Diese Tatsache vermehrt die von anderen Autoren erbrachten Beweise für die
sekretorische Innervation der Schilddrüse und für die Wirkungsweise ihres Sekrets,
4) Experimentelle Beiträge zur Erzeugung von thyreotoxischen Symptomen.
Ein Beitrag zum Basedowproblem, von M. Jakegoshi. (Frankfurter Zeit¬
schrift f. Pathologie. XVI. 1915. H. 2.) Bef.: K. Boas.
Es gelang dem Verf., durch Injektion von Paraffin und l°/ 0 iger Chlorkalium*
lösung eine parenchymatöse und interstitielle Thyreoiditis zu erzeugen, die durch
Erwärmung und Jodkaligaben nicht verändert wurde. Die experimentell erzeugte
Thyreoiditis konnte ganz gleich wie die infektiöse Thyreoiditis bei Menschen
thyreotoxische Symptome hervorrufen. Diese Symptome sind eine Folge der
Hyperresorption eines qualitativ und quantitativ veränderten Bläscheninhaltee.
Der einfache Druck auf nicht entzündlich veränderte Schilddrüsenfollikel kann
keine thyreotoxischen Symptome hervorrufen.
6) Das Kolloid der Sohilddr&ae und der Hypophyse des Menschen, von
E. J. Kraus. (Virchows Archiv f. pathol. Anat CCXVIII. 1914. H. 1 u. 2.)
Bef.: K. Boas.
Verf. untersuchte das Kolloid der Schilddrüse und der Hypophyse nach seinem
Verhalten gegenüber einer polychromen Methylenblaufärbung und Differenzierung
mit Tannin sowie Nachfärbung mit Säurefuchsin-Tanninlösung.
Verf. fand in der Schilddrüse zwei Arten von Kolloid vor, das aber nur von
einer einzigen Zellart, der fuchsinophilen Zelle, geschildert wird. Diese Zelle
bildet zuerst ein junges schrumpfendes und schwach fucbsinophiles Kolloid, das
sich in ein zäheres, stärker färbendes umwandelt. Die fuchsinophile Zelle kann
in eine fucbsinophobe übergehen und bildet die zweite Kolloidart, das gerbnure-
feete Kolloid.
Bei der typischen Basedowstruma fand Verf. nur fuchsinophiles Kolloid, hin¬
gegen meist keine Spur von gerbsäurefestem und schließt auf eine Dysfunktion
der Thyreoidea und in Anbetracht der häufigen Kombination mit Status thymo-
lymphaticus auf eine Konstitutionsanomalie.
Im Gegensatz zu den Basedowstrumen fand Verf. in den Kolloidstrumen nur
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAf
821
gerbsäurefestes Kolloid, während das fuchßinophile fehlte. Die Hauptaufgabe der
entgiftenden Funktion hat das gerbsäurefeste Kolloid.
In der Hypophyse konnte Verf. drei Arten von Kolloid nachweisen: das
fuchsinophile, fuchsinophobe und das gerbsäurefeste. Während er das fuchsino-
phile und das fuohsinophobe Kolloid als Degenerationsprodukt der Zellen ansieht,
spricht er das gerbsäurefeste Kolloid pls ein aus der Tätigkeit der Zellen resul¬
tierendes Exkret an. •
0) The effect of thyroid exstirpation on the hypophysis oerebri in the
rabbit, by L. M. Degener. (Quarterly Joum. of Physiolog. VI. 1913. S. 111.)
Bef.: K. Boas.
Verf. entfernte 12 jungen Meerschweinchen die Schilddrüse vollständig. Die¬
selben wurden 10 bis 179 Tage nach der Schilddrüsenentfernung getötet. Die
Hypophysen wurden nach dem Tode gewogen und als schwerer befunden als die¬
jenigen der Kontrolliere. Die Zunahme des Gewiohtes ging parallel mit der
Zeit, welche zwischen der Thyreoidektomie und der Tötung des Tieres vergangen
war. Nach einem Zeitraum von 179 Tagen war die Hypophyse auf das Drei¬
fache ihres normalen Umfanges gewachsen.
7) Age &8 a faotor in the effeota whioh follow thyreoideotomy and para-
thyreoideotomy in the sheep, by S. Simpson. (Quarterly Journ. of Physiolog.
VI. 1913. S. 119.) Bef.: K. Boas.
Die Entfernung der Schilddrüse mit den zugehörigen unteren Epithelkörperchen
führte bei 13 erwachsenen Schafen und 13 Lämmern im Alter von 7 bis 8 Mon.
keine nennenswerten Krankheitserscheinungen herbei. Dagegen zeigten 3 Lämmer,
bei denen die Thyreoidektomie im Alter von unter 2 Monaten vollzogen wurde,
typischen Kretinismus. Die vollständige Operation (Thyreoparathyreoidektomie)
rief während der Beobachtungszeit (3 bis 4 Monate) nach der Operation keine
Symptome hervor, bei vier jungen 6- bis 7 wöchigen Lämmern dagegen trat früh¬
zeitig eine akute tödliche Tetanie ein. Die Entfernung zweier äußerer Epithel¬
körperchen von den drei Kretins unter einem Jahre hatte nur leichte Symptome
zur Folge. Das Alter ist daher auf die Wirkung der Thyreoidektomie und der
Parathyreoidektomie beim Schafe von großer Wichtigkeit.
8) Raohitisme experimental ohez de jeunes animaux issus de prooröateuri
ethyroidös, par H. Claude et J. Bouillard. (Compt. rend. Soc. de biol.
LXXV. 1913. S. 640.) Bef.: W. Misch.
Es werden die Nachkommen tbyreoidektomierter Kaninchen auf rachitische
Veränderungen untersucht. Tatsächlich fanden sich keine Anomalitäten bei der
Schwangerschaft und Laktation, aber bei den Jungen außer einer deutlichen all¬
gemeinen Entwicklungshemmung unzweifelhafte Zeichen von Bachitis, die besonders
deutlich bei der histologischen Untersuchung hervortraten. Da andere Ursachen
ausgeschlossen werden können, so sind diese Dystrophien als direkte oder indirekte
Folgen der Schilddrüseninsuffizienz der Eltern anzusehen. Da auch klinische
Befunde darauf hin weisen, so muß man der hereditären oder erworbenen Schild-
drüseninsuffizienz eine gewisse Bedeutung bei der Pathogenese der Bachitis zu¬
sprechen.
9) Dentition und Haarentwicklun g unter dem Einfluß der inneren Sekre¬
tion. von Arnold Josefson. (Deutsches Archiv f. klin. Med. CXill. 1914.)
Bef.: Kurt Mendel.
Ebenso wie die Dentition (s. d. Centr. 1911. S. 834) steht auoh die Haar¬
entwicklung in bestimmter Beziehung zur inneren Sekretion. Fälle von abnormem
Haarwuchs und gleichzeitigen Veränderungen der Zahnentwicklung sind als Folgen
derselben gemeinsamen Störung innerhalb des endokrinen Drüsensystems auf¬
zufassen.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
822
10) Praktische Ergebnisse aus unseren heutigen Anschauungen Aber die
endokrine Titigkelt des Bierstooks, von C. Bucura. (Jahrb. £ Psych. u.
Neurol. XXXVI. 1914. S. 291.) Ref.: Pilcz (Wien).
Aneh klassische Fälle von ovariellen „Ausfallserscheinungen“ reagieren ap¬
proximativ nur in 60°/ o auf Eieratockpräparate. Diese Mißerfolge dürften weniger
auf Unrichtigkeit unserer theoretischen Annahme, als vielmehr der Hanptursache
nach augenscheinlich in\ Präparat selbst beruhen.
Das reine Hormon des Ovars kennen wir noch nicht. Doch aus den physio¬
logischen und anatomischen Kenntnissen lassen sich wichtige Anhaltspunkte
gewinnen zur Beantwortung der Fragen, die bei der Herstellung und Verbesserung
der Eierstockpräparate von Wichtigkeit sind.
Die vielen Transplantationsversuche — die Experimente selbst, nicht immer
aber auch die Schlüsse, welche die verschiedenen Autoren daraus ziehen zu dürfen
glauben — lehren, daß sämtliche Folgen, die der Organismus durch Ausfall der
Keimdrüsen erleidet, durch Einpflanzung von Eierstöcken beseitigt, bzw. verhütet
werden können. Dieselben Resultate müßte man bei zweckmäßigen Präparaten
auch durch die Organotherapie erreichen. Auch lehren Versuche, daß die Hormon¬
wirkung der Eierstöcke verschieden ist von der des Hodens, daß also nur durch
Substanzen der gleichgeschlechtlichen Keimdrüse die Folgen der Kastration auf¬
gehoben werden können. Auoh scheint das Hormon nicht streng artspezifisch zu
sein. Die Frage der Bildungsstätte des Eierstockhormons ist noch nicht gelöst
Naoh der Anschauung des Verfs. stimmt es mit den bisherigen Tatsachen überein,
dem Follikel die hauptsächlichste Hormonbildung zuzuschreiben, das corpus luteum
nur als vom Eie befreiten innersekretorischen, zurückbleibenden Follikelanteil an¬
zusprechen, in der interstitiellen Drüse aber, sowie in den Schwangerschaft
Produkten — Plazenta, Dezidua usw. — nur eine Art Ovarialhormonspeicherung zu
erblicken. Die Hormonproduktion wäre demnach, von den periodischen Quantitäts¬
schwankungen abgesehen, im ganzen geschlechtsreifen Alter vorhanden, außer im
Puerperium, während der Laktation und in der zweiten Hälfte der Schwanger¬
schaft; dies wären daher — neben dem jugendlichen Alter und dem Alter nach
versiegter Geschlechtstätigkeit — Altersperioden, wo die Eierstöcke selbst nur
unregelmäßig, ungenügend oder gar nicht Hormon produzieren, daher auch nicht
oder weniger zur Eierstockhormongewinnung geeignet sind.
Berücksichtigt man die Brunstverhältnisse der zur Ovaringewinnung in Betracht
kommenden Tiere, so geht hervor, daß die Kuh zur Fabrikation von Eierstock¬
präparaten am ungeeignetsten und bei ihr bei Entnahme der Ovarien die größte
Auslese und Vorsicht geboten ist: nur 1 1 / a bis ßjähr. Tiere, mit Ausschluß der
über die 20. Woche trächtigen und aller puerperalen und melkenden und von
Abmelk wirtschaften ins Schlachthaus gelangender Tiere. Besser sind die Yer-
hältnisse beim Schaf, da hier meist nur intakte Tiere geschlachtet werden: auch
hier nur 1 bis 6jähr. mit Ausschluß der in der zweiten Hälfte trächtigen und
puerperalen. Das Schwein erscheint am geeignetsten: aber auch hier nur 1 bis
4jähr. Tiere, mit Ausschluß der über die Hälfte der Schwangerschaft trächtiges
und puerperalen. Neben diesen Kautelen der Auswahl der Eierstöcke ist zweifellos
von größter Bedeutung die Verwendung nur völlig lebensfrischen Materiales. Auch
dieser Forderung dürften kaum alle Präparate entsprechen. Selbstverständlich is:
auch das rein Technische des Verfahrens von großer Wichtigkeit und einer streng
wissenschaftlichen Revision und Kontrolle bedürftig.
Die Indikationsstellung für die Verabfolgung von Ovarialpräparaten klär:
sich erst nach und nach. Klar ist sie beim natürlichen und künstlichen Klimak¬
terium; immerhin werden auch hier Eierstockpräparate zu wenig verordnet, uik
gerade die prophylaktische Verabfolgung ist vielleicht von Wichtigkeit: denn in
Klimakterium beobachtet man recht häufig hohen Blutdruck, der durch Ovan:
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
823
günstig beeinflußt wird; und man kann sich vorstellen, daß der andauernd hohe
Blutdruok schließlich doch zu einer Gefäßsohädigung führen und einer Arterio¬
sklerose Vorschub leisten kann. Eine allgemeine Anzeige ist ferner alles, was
auf A- oder Hypofunktion des Eierstockes zurückzuftihren ist, wie Amenorrhöe,
seltene Menstruation. Doch auch hier ist Individualisierung nötig, und ist zu
erwägen, ob ein Hervorrufen der menstruellen Blutung möglich, erwünscht und
angezeigt ist, oder aber besser zu unterlassen wäre: Amenorrhöe bei Anämie,. bei
partiellem Infantilismus des Uterus oder der Uterusschleimhaut usw. Eine ganz
besondere Indikation bildet die sogen. Laktationsatrophie, die nicht selten gerade
bei solchen Individuen angetroffen wird, die auch schon vor der Schwangerschaft
eine aussetzende menstruelle Blutung hatten; sie führt, unberücksichtigt, nicht
gar selten zu dauernder Amenorrhoe, zum vorzeitigen Klimax. Die typische
Chlorose ist in ihrer Genese noch unklar; man tut also gut, hier eine eventuelle
Eierstocktherapie nur von den speziellen Symptomen und von dem im Einzelfalle
erhobenen Befund abhängig zu machen. Aussichtsreicher, hauptsächlich bei ver¬
besserten Eierstockpräparaten, scheint die Ovarintherapie bei der Fettsucht geni¬
talen Ursprungs. Auch bei Dysmenorrhöe wird Ovarin empfohlen; vielleicht wirkt
es dadurch, daß es die Hyperämie und Gewebsauflockerung fördert. Ähnlich
dürfte der Wert der Eierstocktherapie bei Hyperemesis zu bewerten sein. Weitere
Indikationen sind die Craurosis vulvae und der Pruritus vulvae. Mehr als zweifel¬
haft ist der Wert des Ovarin bei wirklichen Psychosen. Nach der Auffassung des
Verf.’s kann man von der Substitutionstherapie einen Erfolg nur bei Hypo¬
funktion oder Afunktion der Keimdrüsen erwarten, nicht aber bei Dysfunktion
oder Hyperfunktion, worauf der bei einigen Psychosen erhobene positive Abder¬
halden wohl hindeuten mag. Jede andere Indikation der Verabfolgung von Eier-
stookpräparaten als diejenige, die sichergestellte A- oder Hypofunktion des Ovars
beheben soll, ist rein hypothetisch, fußt nur auf ganz vagen Vorstellungen und
ist als ganz unsicherer, allerdings anscheinend ganz unschädlicher Versuch zu werten.
Daß die Ovarintherapie bei wirklichen Geistesstörungen tatsächlich nur als em¬
pirischer Versuch zu werten ist, beweist der Umstand, daß auch das Gegenteil
davon, die Kastration, als Heilversuch empfohlen wird. Bei den von den perio¬
dischen Menstruationsprozessen und Sekretionestörungen des Eierstockes abhängigen
Gemütsstimmungsanomalien aber, die in starken Graden manchmal von Psychosen
schwer zu trennen sind, bewährt sich die Ovarintherapie nach eigenen Erfahrungen
häufig glänzend. Eine weitere Indikation wären der Infantilismus, Eunuchoidis¬
mus, der Status thymo-lymphaticus und die weibliche Sterilität. Die drei ersteren
Anomalien sind beim Weibe schwer zu trennen, und eine wirklich kausale
Therapie wäre nur beim Eunuchoidismus erfolgversprechend; vielleicht gelingt diese
auch bei wirksameren Präparaten und zeitigem Einsetzen der Therapie. Die
Sterilität aber hat auch viele andere Ursachen als nur die Hypofunktion des
Ovars. Weiter kann man versuchen, auoh die mangelhafte Geschlechtsempfindung,
die Dyspareunie, mit Ovarialpräparaten günstig zu beeinflussen, analog dem Vor¬
schlag des Verf/s, Milch brünstiger Kühe in Anwendung zu bringen. Schließlich
sind als Anzeige auch mit genitalen Funktionen in Zusammenhang stehende Der¬
matosen zu erwähnen. Erfolg oft glänzend.
Als Kontraindikation führt Verf. an: profuse Menses — unbedingt —, Tuber¬
kulose, Symptome von Eierstockhyperfunktion — Menstruatio praecox, Osteomalazie
usw. — und die „Ausfallserscheinungen“ nach gynäkologischer Röntgentherapie
bei Myomen und Metropathien, wo eine Eierstocktherapie der Röntgenbehandlung
eventuell entgegengesetzt wäre.
Über die Dosierung der Präparate läßt sich bei der heutigen Verschiedenheit
der Fabrikate nichts Einheitliches sagen. Im allgemeinen kommt Verf. mit 1,6
bis 2,0 Trockensubstanz, bzw. subkutan mit 2 ccm pro die aus.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
824
Bringt man es dabin, daß nur Eierstöcke aus für die Hormonbildung günstigen
Zeiten verarbeitet werden, dann dürften die Präparate auch gleichmäßiger tmd
energischer wirken, und vielleicht genügt überhaupt diese sorgfältige Herstellung,
um eine befriedigende Eierstockhormon Wirkung zu erzielen; denn es ist nicht
ausgeschlossen, daß das wirksame, endokrine Eierstockprodukt gar kein einheit¬
licher chemischer, gar synthetisch herstellbarer Körper ist. Und wenn man auch
einmal einen solchen rein darstellbaren, einheitlichen Körper haben wird, dann
wäre es immerhin doch noch möglich, daß wir nicht im Besitze des wirklichen
Eierstookhormon8 wären; wahrscheinlich hätten wir dann einen Körper vor ans,
der, aus dem Eierstockhormon gewonnen, einen Teil desselben darstellen und eine
bestimmte, umschriebene pharmakodynamisohe Wirkung des Hormons besitzen würde,
sagen wir beispielsweise die hyperämisierende, der aber kaum je alles das ver¬
mögen wird, was das — nach des Verf.’s Meinung komplexe — Eierstockhormon
vermag.
Pathologische Anatomie.
11) Über Struma congenita und ihre Beziehungen zu Störungen der
inneren Sekretion, von M. Staemmler. (Virchows Archiv f. patholog.
Anatomie. CCXIX. 1915. S. 226.) Ref.: K. Boas.
Verf. untersuchte in einer Reihe von Fällen das Verhalten der Schilddrüse,
der Hypophyse und des Pankreas bei Struma congenita.
Bezüglich der Schilddrüse meint er, daß dieselbe, die schon in früher Fötal¬
zeit eine gewisse Funktion besitzt, um die Zeit der Geburt ein Stadium erhöhter
Tätigkeit durchmacht, um bald nach der Geburt wieder in ein ruhiges Geleise
zu kommen.
Ebenso geht mit der Hypophyse in den letzten Fötalmonaten eine Verände¬
rung vor sich. Ob nun die einzelnen Zellarten nur wechselnde Funktionszustande
der Epithelien darstellen (Benda) (wobei den eosinophilen wohl die eigentliche
Aktivität zukäme) oder ob die verschiedenen Zellen zwar aus gemeinsamen Grund¬
formen hervorgehen, nachher aber absolut verschiedene Gebilde darstellen (Erd¬
heim), jedenfalls stellt die Hypophyse mit chromophilen und chromopboben Zellen
ein höher differenziertes Organ dar, dem wir auch eine stärkere, oder, was den
Verf. wahrscheinlicher scheint, qualitativ komplexere Tätigkeit zuznschreibeo
haben. Bei den zahlreichen Beziehungen zwischen Schilddrüse und Hypophyse
ist es wohl kein Zufall, daß diese Umbildung zu gleioher Zeit mit der der Schild¬
drüse stattfindet.
Es läßt sich also sagen:
Es treten bei der Struma congenita auoh Veränderungen in den anderen
Organen mit innerer Sekretion auf, die verschieden sind, je nachdem es sich um
eine Überfunktion oder eine Unterfunktion der Söhilddrüse handelt.
Gesteigerte Tätigkeit der Thyreoidea fand Verf. kombiniert mit HyperfonktioG
von Hypophyse und Pankreas und umgekehrt; Unterfunktion der Söhilddrüse mit
gesteigerter Tätigkeit derselben Organe, außerdem mit Unterfunktion der Thymus
Damit stimmt auch das Tierexperiment überein, nach welchem ein ge¬
wisses gegensätzliches Verhältnis zwischen Schilddrüse und Hirnanh&ng zu be¬
stehen scheint, indem Ausfall der Funktion des einen Organs zu gesteigerter
Tätigkeit des anderen führt, während Überschwemmung des Körpers mit dos
Sekret der Hypophyse die Sohilddrüsentätigkeit hemmt.
Ebenso deuten die Experimente wie die Erfahrungen beim Menschen W-
einen Antagonismus zwischen Hypophysis und Schilddrüse hin. Bei UnterfunkticQ
der Hypophyse entsteht durch Ausfall der Hemmung Hyperfunktion der Schild¬
drüse und bei herabgesetzter Schilddrüsentätigkeit durch entsprechendes Fehles
I
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
825
der Hemmung Steigerung der Hypophysenfunktion mit Hypertrophie dieses
Organs.
Unterfunktion der Bauchspeicheldrüse war mit erhöhter Schilddrüsenfunktion
verbunden und umgekehrt.
Thymus und Schilddrüse scheinen, wie die sehr häufige Vergrößerung der
Thymus bei Morbus Basedowii, also Hyperthyreoidismus, und ihre Atrophie beim
Myxödem zeigen, in ihren Veränderungen etwa parallel zu gehen, so daß also
wohl fordernde Beziehungen zwischen den genannten Organen bestehen.
12) Beiträge zur pathologischen Histologie der Schilddrüse, von H. Vogel.
(Virchows Archiv. CCXVII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.s K. Boas.
Verf. bestätigt u. a. die Angabe von Simmonds, daß lymphatische Herde
bei Struma nodosa und bei Basedowscher Krankheit Vorkommen.
13) Über snbsternale Kröpfe, von Paul Wolff. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.)
Ref.: K. Boas.
Unter den 69 vom Verf. mitgeteilten Fällen von intrathorakalen Kröpfen
waren:
66 benigne Strumen,
7 maligne „
10 Morbus Basedowii.
Geschlecht:
62 (89,85 °/ 0 ) Frauen,
7 (10,15 °/ 0 ) Männer.
Von den 66 gutartigen Kröpfen Sind 5, von den malignen Strdmen 2 ge¬
storben. Das durchschnittliche Alter der Kropfkranken beträgt 38 Jahre.
Die Operationen wurden in 62 Fällen in Lokalanästhesie, in 7 Fällen in
Chloroform- oder Äthernarkose ausgeführt. Eine Tracheotomie wurde in 7 Fällen
gemacht.
14) Die Basedowstruma, von H. Ribbert. (Virchows Archiv f. pathol. Anat.
CC1X. 1915. H. 2 u. 3.) Ref.: K. Boas.
Verf. faßt die bisher für Basedowstruma als typisch geltenden Veränderungen
der Epithelien und des Bindegewebes als regressive Zustände auf. Die Epithelien
werden durch trübe Schwellung höher bis zylindrisch, durch entstehenden Platz¬
mangel kommt es zu einer scheinbaren Mehrschichtigkeit und Faltung des Epithels.
Papillei^bildung und auch Mehrschichtigkeit des Epithels kann durch teilweisen
Schwund der Bindegewebssepten vorgetäuscht werden. In ganz seltenen Fällen kommt
es zu ausgedehnter Nekrose des Epithels. Als Veranlassung zu den regressiven
Umwandlungen nimmt Verf. eine mögliche, leicht chronisch wirkende Intoxikation
an. Durch die regressiven Veränderungen der Zellen kommt es zu einer Ver¬
änderung der Sekretion und zu einer Änderung in der Zusammensetzung des
Sekrets, durch dessen toxische Wirkung die Basedowsymptome ausgelöst werden.
Die Zujfuhr des toxischen Sekrets zum Körper kann durch eine operative Ent¬
fernung des größeren Teiles der Struma herabgesetzt werden.
Basedowsche Krankheit
16) Zur Theorie des Basedow, von Adolf Oswald. (Münchener med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. verficht die neurogene Theorie des Basedow. Der Schilddrüse kommt
wohl eine genetische Bedeutung bei der Basedowschen Krankheit zu, sie hat aber
nicht den Umfang, den ihr Möbius zuerkennt. Ein wichtiger genetischer Faktor,
und wohl der wichtigste, ist im Nervensystem zu suchen. Nicht alle Menschen
antworten auf Überschwemmung ihres Kreislaufs mit Schilddrüsensekret mit den
klinischen Symptomen des Hyperthyreoidismus; in gewissen Fällen genügen andrer-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
826
seits die geringsten Dosen, um thyreotoxische Erscheinungen auszulosen, und bei
längerer oder kürzerer Dauer der Zufuhr resultiert eine ausgesprochene Hyper¬
thyreose. Manche Menschen (und Tiere) sind also für Schilddrüsensubstanz
empfindlich und andere (bei Tieren kommt es wohl auf die Rasse an), dagegen
refraktär. Damit also Schilddrüsensekret klinische Erscheinungen bewirkt, muß
ein extratbyreoidal gelegene^ Moment hinzukommen, es muß eine Disposition ge¬
schaffen sein. Es sind eben lauter Menschen mit geschädigtem Nervensystem,
welohe diese Basedowdisposition haben: „nervöse“ Individuen, impressionable Naturen,
Neuropathen im weitesten Sinne des Wortes. Zu dieser schon vorhandenen
Labilität des Nervensystems gesellt sich dann — als sekundäres Symptom, als
Ausdruck vermehrter Ansprechbarkeit des Nervensystems, speziell des kardio¬
vaskulären Nervenapparates — die Struma hinzu. Das Jodthyreoglobulin besitzt
die exquisite Eigenschaft, den Nerventonus zu erhöhen, insbesondere im viszeralen
und zerebrospinalen Nervensystem, und fördert den Stoffwechsel. Andrerseits
erfährt die Schilddrüse vom Nervensystem aus ihre Impulse. Somit erscheint sie
als ein Organ, welches dem Nervensystem zur Verfügung steht zu dem Zwecke,
gewissen Impulsen mehr Nachachtung zu verschaffen; sie ist physiologisch dem
Nervensystem interpoliert, empfängt Reize von ihm, .und durch ihre Tätigkeit
bildet sie einen Stoff, der seine Ansprechbarkeit fördert; sie spielt demnach die
Rolle eines Transformators bei elektrischen Starkstromleitungen, eines Multipli¬
kators, der Ströme niederer in solche hoher Spannung umformt.
Wird nun ein stärkerer Reiz die Schilddrüse treffen, oder, wie das bei
Nervenlädierten der Fall ist, wird das Nervensystem auf die gewöhnlichen äußeren
und inneren Reize intensiver ansprechen und dann in der Drüse einen stärkeren
Effekt auslösen, so wird infolge vermehrter Dilatation der Blutgefäße, also ge¬
steigerter Durchblutung des Organs, mehr Sekret ausgeschwemmt werden. Das
Nervensystem wird unter dessen Wirkung seinerseits stärker ansprechen, sein
Tonus ist erhöht, und intensivere Reize treffen wiederum die Schilddrüse, So
entsteht ein Circulus vitiosus: die Schilddrüse multipliziert die Reize, und die
verstärkten Reize wirken wieder auf sie zurück.
Der Circulus vitiosus wird unterbrochen durch die operative Reduktion der
Sohilddrüse (daher der Erfolg der Operation), sowie durch die Ruhigstellung des
Nervensystems durch interne Behandlung, die ja auch Erfolge erzielt.
16) Über die Basedowsche Krankheit, von C. Hart. (Medizin. Klinik. 1915.
Nr. 14.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. unterscheidet drei große Formengruppen:
1. den reinen thyreogenen Morbus Basedowii. Derselbe beruht nicht auf
einer pathologischen, hypoplastischen Konstitution, eine pathologische Thymus ist
nicht nachweisbar, seine Ätiologie ist in bezug auf Bau und Funktion der Schild¬
drüse mannigfaltig. Die Thymus braucht dabei absolut keine Rolle zu spielen.
2. den reinen thymogenen Morbus Basedowii, der auf dem Boden einer
pathologischen Konstitution entsteht, selten ist und besonders bösartigen Charakter
zeigt. Die Thymus beherrscht hier allein das Krankheitsbild. Das Herz ist bei
diesen Fällen besonders widerstandslos und versagt bei geringfügigem Anlaß. Schild¬
drüsenoperationen haben hier nicht den geringsten Erfolg, während die Resektion
der Thymus mit einem Schlage alle Krankheitserscheinungen zum Schwinden
bringen kann.
3. den thymo-thyreogenen Morbus Basedowii, die häufigste Form. Thymus
und Thyreoidea wirken in gleicher Weise toxisch auf den Organismus ein und
sind entsprechend an der Erzeugung der klinischen Erscheinungen beteiligt* Die
Thymus ist das primär veränderte Organ und Stigma der abnormen Konstitution.
Je nach der Größe der Beteiligung der beiden Organe ist jede Zwischenstufe
bzw. das Überwiegen der speziellen betreffenden Organsymptome möglich. Die
Digitized by
Gck igle
Original frcm
UNIVERSITY OF MICHIGAfcL
827
besondere Gefährdung der Thymusträger ist in der Gesamtkonstitution des Orga¬
nismus zu erblicken; die Thymuswirkung ist dabei um so intensiver, je mehr der
hypoplastische Charakter der Körperbeschaffenheit ausgesprochen ist. Je früher
das Krankheitsbild deutlich wird, um so höher dürfte das konstitutionelle Moment
im allgemeinen in seiner Pathogenese zu bewerten sein. Deshalb ist die reine
thymogene Form besonders bei Jugendlichen zu erwarten, während die thymo-
thyreogene Form in jedem Lebensalter jenseits der Pubertät Bedeutung besitzt.
Zum Schluß geht Verf. auf die praktisch-therapeutische Bedeutung seiner
Einteilung ein. Eine Thymusresektion ist nicht nur bei Basedowkranken zu
empfehlen, sondern immer bei solchen zu operierenden Individuen angebracht, die
Thymusträger von pathologischer Konstitution sind. Für die Basedowkrankheit
selbst kommt nicht die reine Thymektomie, sondern die kombinierte Verkleinerung
der Thymus und Schilddrüse in Betracht, ein Verfahren, das berufen scheint, den
gefürchteten Thymustod bei der Basedowschen Krankheit aus der Welt zu
schaffen.
17) Über Morbus Basedowii, von Ortner. (Wiener med. Wochenschrift. 1916.
Nr. 1.) Bef.: Pilcz (Wien).
Klinische Vorlesung, die aber auch dem Neurologen vom Fache yiel des
Interessanten bringt.
Nach Vorführung zweier Fälle mit mustergültig genauen Krankheitsgeschichten
erörtert Verf. die Pathogenese und spricht sich für die Möglichkeit einer poly-
glandulären Erkrankung aus (außer Thyreoidealdysfunktion Thymus, Nebenniere
und Ovarium).
Verf. sah unzweifelhafte Fälle von Basedow mit durch längere Zeit bestehen¬
der Bradykardie; er kennt Fälle familiären Auftretens von Basedow, Fälle mit
kontinuierlichem, hohem Fieber bei akutem bzw. akut gewordenem Basedow. Es
kommen akzidentelle diastolische Geräusche über der Aorta ohne Läsion des
Klappenapparates vor. Die Lungentuberkulose kommt naoh den Erfahrungen des
großen Klinikers beim Basedow, soweit es sich nicht um hochgradig entkräftete
Kranke handelt, sehr selten vor und zeigt, wo sie dennoch besteht, einen be¬
merkenswert gutartigen Charakter.
18) Basedow bei einem 9 Monate alten Kinde, von Klaus. (Prager med.
Wochenschr. 1914. Nr. 41.) Bef.: Pilcz (Wien).
Bachitisches Kind, subnormale Temperaturen, Puls 144, Exophthalmus, Gräfe
und Stell wag positiv, Struma vasculosa, Thymusdämpfung auffallend resistent
Pirquetsche Beaktion positiv. Die Mutter will die Veränderungen erst seit 3 bis
4 Wochen beobachtet haben.
Ein Jahr später Puls 120, Temperatur 37,2, keinerlei Basedowsymptome
mehr. Auch Struma nicht nachweisbar.
19) Bedeutung und Verbreitung der Thyreose im Heere, von Dr. Caro.
(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 34.) Bef.: Kurt Mendel.
Die Thyreose im Heere ist sehr häufig. Dabei braucht ein ausgesprochener
Kropf gar nicht zu bestehen. Neben Tachykardie ist oft eine geringe Hyper¬
trophie vornehmlich des linken Ventrikels vorhanden, ferner eine Erschütterung
der Tboraxwand sichtbar, der Puls ist von einem lebhaft stoßenden Charakter
(Aktionspuls). Die Herztöne können rein sein, manchmal hört man zeitweise oder
dauernd an Stelle des ersten Mitraltons ein systolisches Geräusch, meist vom
Charakter akzidenteller Geräusche. Der zweite Aortenton ist manchmal leicht
verstärkt Trotz der lebhaft gesteigerten Herztätigkeit ist der Blutdruck nament¬
lich in der Buhe nicht gesteigert. Wo eine Blutdrucksteigerung vorliegt, handelt
es sich meist um eine Komplikation. In einigen Fällen fand sich eine deutliche
Verschieblichkeit des Herzens bei Lage Wechsel, welche auch röntgenologisch nach¬
weisbar war. Sehr häufig stehen abdominelle Symptome im Vordergrund und
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
828
täuschen eine primäre Magendarmerkrankung vor. Unter 600 Kranken des Feat--
Laz. fand Verf. 66mal die Tbyreose als Hauptbefand, 420mal als Nebenbefand.
Von den 66 Thyreosen als Hauptbefand zeigten 11 auch Magenerscheinungen,
von den 420 Thyreesen als Nebenbefund zeigten 64 Fälle Magenerscheinungen«
Ein Zusammenhang der Tbyreose mit nervösen Magenerscheinungen ist wahr¬
scheinlich. Die Disposition zur Erkrankung ist offenbar in einer angeborenen
vasomotorischen Labilität zu suchen, die ihrerseits wieder die Folge einer zu
großen Labilität des Gleichgewichtes der Organe mit innerer Sekretion genannt
werden muß. Dabei kommt der Schilddrüse eine wesentliche, aber nicht aus¬
schließliche Bedeutung zu. Als Gelegenheitsursachen figurieren: nervöse, speziell
psychische Einflüsse, körperliche Überanstrengungen, Infektionen, Tuberkulose.
Für die Therapie ist die Erkennung der Tbyreose von Wichtigkeit. Jod ist
zu meiden. (Ref. kann auf Grund eigener Erfahrung die Ausführungen des Verf.’s
nur bestätigen: man findet, sobald man nur darauf achtet, sehr häufig Thyreosen
bei Kriegsteilnehmern. Dieselben sind oft begleitet von vorzeitiger Arteriosklerose.
In seiner mit Tobias gemeinschaftlich verfaßten Arbeit über die Basedowsche
Krankheit beim Manne (s. d. Centr. 1913. Nr. 23) hat Ref. auf dieses häufige
Zusammen Vorkommen von Basedow und Präsklerose sowie auf die allgemeine
Häufigkeit des Basedow beim männlichen Geschlecht« aufmerksam gemacht).
20) Ein Fall von Morbus Basedowii mit bulb&ren Symptomen, von P. Löwy.
(Mitteil. d. Gesellschaft f. innere Med. u. Kinderheilk. in Wien. XIII. 1914.
H. 6.) Ref.: G. Ganter.
47 Jahre alte Frau mit Morbus Basedowii, merkwürdig wegen der Symptome
von seiten des Nervensystems: Augenmuskellähmungen (äußere Okulomotoriusäste,
Abduzens, weniger der Trochlearis), rechtsseitige Gaumensegelparese, Zungen¬
deviation nach links, Parese des rechten Beins, Fehlen des Achillessehnenreflexes
rechts. Die Gleichzeitigkeit des Auftretens der Augenmuskellähmungen mit dem
Exophthalmus und dem allgemeinen Schwächegefühl spricht dafür, daß auch diese
Erscheinungen als durch die Basedowsche Krankheit veranlaßt aufzufassen sind.
Verf. kommt nach Würdigung der differentialdiagnostischen Gesichtspunkte zu
dem Schlüsse, daß der Sitz der Lähmung auf einer nukleären, d. h. bulbären
Affektion beruht. Die Schädigung ist wohl auch durch die graue Substanz ins
Rückenmark herabgestiegen, worauf die schlaffe Parese des rechten Beines und
das Fehlen des Aohillessehnenreflexes zurückzuführen sind. Von der bulbär-
paralytischen Gruppe der Basedowschen Krankheit sind in der Literatur etwas
über 60 Fälle beschrieben, worunter etwa 40 Fälle mit Augenmuskellähmungen.
Hinsichtlich der Ätiologie kommt nach Verf. die toxische Hormonwirkung der
Schilddrüse in Betracht, die ebenso auf die Medulla oblongata wirkt wie andere
Gifte. Fraglich ist, ob eine besondere Empfindlichkeit des Zentralnervensystems
gegen das Gift vorliegt, oder ob es sich um eine spezielle Form der Dysthyreose
handelt.
21) Morbus Basedowii und die Brustdrüsen, von Zienkiewicz. (Med. u
krön, lekar. 1914. Nr. 16.) Ref.: K. Boas.
Verf. sah bei einer 37jährigen Frau 2 Jahre nach der letzten (9.) Geburt
während der Basedowschen Krankheit die Brustdrüsen spontan sezernieren. Mit
der Besserung der Basedowschen Krankheit versiegte auch die Sekretion der
Mammae.
22) Über alimentäre Galaktosurie bei Morbus Basedowii, von P. Sz61.
(Wiener klin. WoohenBchr. 1914. Nr. 29.) Ref.: Pilcz (Wien).
Bei Morbus Basedowii findet sich in 86,9 °/ 0 eine Galaktosurie, die in 78,1 °/ 0
eine Ausscheidung über 0,4 g erreicht und die oft zu sehr hohen Werten ansteigt.
Die alimentäre Galaktosurie findet sich häufig gleichzeitig mit alimentärer
Dextrosurie, es gibt aber auch solche Fälle, bei welchen nur Galaktosurie allein
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERS1TY OF MICHIGAN
829
besteht, während wir umgekehrt keinen Fall mit Dextrosnrie ohne Galaktosurie
beobachteten.
Worauf die alimentäre Galaktosurie bei Morbus Basedowii beruht, läßt sich
derzeit mit Sicherheit nicht entscheiden. Die Annahme, daß an ihrem Zustande¬
kommen die Leber beteiligt ist, hat bei der Bedeutung der Leber für den Kohle¬
hydratstoffwechsel, bei den Beziehungen der Leber zu den endokrinen Drüsen und
bei der Bedeutung der Funktionsstörung dieser für die Pathogenese des Morbus
Basedowii, sowie bei der Häufigkeit des Vorkommens alimentärer Galaktosurie
bei Parenchymerkrankungen der Leber, vieles für sich. Zu ihrer Fixierung ist
aber vor allem der Ausschluß der Beteiligung der Nieren erforderlich.
Versucbstechnik, sowie die tabellarisch niedergelegten Einzel Untersuchungs¬
ergebnisse — 20 nicht nerven- oder leberkranke Patienten, 23 Fälle Basedow¬
kranker — mögen im Originale nachgelesen, sowie viele Einzelheiten von mehr
internistischem, als speziell neurologischem Interesse.
23) Über einen Fall von Zylinderzellenkaninom der Schilddrüse bei Base¬
dowscher Krankheit, von E. Lyon. (Inaug.-Dissert Bonn 1914 u. Zeit¬
schrift f. Krebsforschung. XIV. 1914. H. 9.) Ref.: K. Boas.
In einem Falle von Zylinderzellenkarzinom der Schilddrüse ohne echte Papillen¬
bildung bestanden gleichzeitig Basedowsymptome. Letztere waren nach Annahme
de« Verf/s möglicherweise durch übermäßige Resorption von Kolloid aus den
durch das wachsende Karzinom komprimierten Bläschen der normalen Schilddrüse
hervorgerufen.
24) Basedow und Tuberkulose, von Schinzinger. (Beiträge sur Klinik der
Tuberkulose. XXXIII. 1915. RI.) Ref.: K. Boas.
Auf Grund eines Materials von 621 Fällen aus der Heilstätte Luisenheim
(Baden) kommt Verf. zu dem Ergebnis, daß Basedowsche Krankheit bei Lungen¬
tuberkulose nicht häufiger vorkomme als bei anderen Erkrankungen. Es kommen
jedoch bei Tuberkulösen, namentlich im ersten Stadium der Erkrankung, eine
Anzahl der bei Basedowscher Krankheit gefundenen Symptome vor, wie Glotz¬
augen, Glanzaugen, Palpitationen, Tremor usw. Da jedoch andere typische Basedow¬
symptome fehlen, hält Verf. den Zusammenhang der genannten Erscheinungen
mit der Basedowschen Krankheit für zweifelhaft.
• 25) I disturbi mentali nel morbo di Basedow, per Vito Massarotti.
(Roma 1914.) Ref.: W. Misch.
An einer großen Zahl von Fällen werden in diesem Buohe die psychischen und
nervösen Störungen der Basedowschen Krankheit illustriert und analysiert. Es können
bei allen Basedowsyndromen nervöse Störungen beim Basedow Vorkommen, von ein¬
fachen Zuständen der Unruhe und der Untätigkeit bis zu echter Melancholie, leichten
Erregungszuständen, Gesichts- und Gehörshalluzinationen usw. Nicht selten treten im
Verlaufe des Basedow echte Psychosen auf, am häufigsten Melancholie und Manie,
ferner Hysterie und Psycbasthenie, Degenerationspsychosen, akutes Delirium, selten
dagegen findet man Dementia praecox, progressive Paralyse, Alkoholpsychosen,
Epilepsie nnd niemals Dementia senilis. Die bei Basedow auftretende Melancholie
und Manie haben nie einen typischen Verlauf; fast stets findet man bei der Manie
einige Depressionssymptome und flüchtige hypochondrische Ideen, und bei der
Melancholie allerhand Symptome der Erregung, Unruhe und einer bei der Melan¬
cholie ungewöhnlichen Impulsivität« Auch die manisch-depressiven Psychosen, die
man bei Basedow beobachtet hat, sind durchaus atypisch und durcheinander ge¬
mengt. Trotzdem kann man nicht zugeben, daß die beim Basedow auftretenden
Geistesstörungen besonderer Art sind, daß es, wie einige Autoren behaupten, eine
eigentliche Basedowpsychose gibt. Vielmehr ähneln diese psychischen Störungen
durchaus denen, die bei anderen schweren und erschöpfenden Erkrankungen
(Tuberkulose, Herzkrankheiten, chronischer Dyspepsie usw.) Vorkommen, wie z. B.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
830
die Charakterveränderung, die Ruhelosigkeit, die Jähzornigkeit, die Unzufrieden¬
heit mit allen und mit allem, die bis zu Feindseligkeiten ausarten kann, ein
gewisser Grad von Mutlosigkeit und von melancholischen Neigungen. Es ist
daher auch nicht möglich, aus gewissen psychischen Symptomen, die einem Base¬
dow vorhergehen, vorauszusagen, daß diese Symptome zu einem Bpäter auftretenden
Basedow gehören, denn es sind die allgemeinen neurasthenischen Störungen, die
man im Beginne aller schweren Krankheiten zu sehen bekommt. Am häufigsten
treten die affektiven Psychosenformen auf. Die Geistesstörungen können als ab¬
hängig von dem Basedowsyndrom aufgefaßt werden, aber im allgemeinen nicht
als unmittelbarer Ausdruck der durch die Erkrankung hervorgerufenen Störungen.
Vielmehr entstehen sie meist als psychogene Reaktionen auf die körperlichen
Funktionsstörungen, wie z. B. durch die Unfähigkeit zur Arbeit infolge der Tachy¬
kardie oder als psychische Reaktion auf die allgemeine Körperschwäche, die durch
die Thyreoidintoxikation entsteht, und die dadurch hervorgerufene Anämie, endlich
auch als direkte toxische Reizwirkung, die die Veränderung der inneren Sekretion
auf das Nervensystem ausübt. Nur selten treten diese Störungen bei nicht Prä¬
disponierten auf; im allgemeinen handelt es sich vielmehr um Personen mit ner¬
vöser oder psychischer Belastung, insbesondere auch um solche mit Tuberkulose-
belastung. Die Basedowerkrankung selbst ist also nur eine auslÖBende Ursache
der verschiedenen Basedowpsychosen, nicht die Ursache selbst der psychischen
Störungen. Im allgemeinen handelt es sich um schwer belastete Personen, die
zum Teil schon früher Geisteskrankheiten durchgemacht haben und bei denen das
schwere, durch den Basedow gesetzte Trauma oder z. B. ein Typhus, die Schwäche
ihres Nervensystems manifest werden läßt; selbst bei den affektpsychotischen
Formen des Basedow, bei denen man noch am ehesten an eine direkte Beziehung
zwischen der Erkrankung und der psychischen Störung glauben könnte, beobachtet
man so oft, daß die Patienten vor dem Auftreten ihres Basedow an manischen
oder depressiven Zuständen gelitten haben, daß man den Basedow nur als wieder
auslösendes Agens eines latent vorhandenen Zustandes, nicht als direkte Ursache
einer Geisteskrankheit auffassen kann. Als einzige direkte psychische Folge der
schweren endokrinen Intoxikation ist das akute Delirium anzusehen, diese typische
Intoxikationspsychose, die man in allen Fällen schwerer endo- oder exogener
Intoxikation des Organismus beobachtet und die auch bei Intoxikation durch
Schilddrüsenextrakt auftreten kann.
Demnach lassen sich diagnostisch die einfachen psychischen Störungen nur
in Verbindung mit den körperlichen Symptomen verwenden, sie haben keinerlei
pathognomonische Bedeutung; andrerseits fallen die Begleitpsychosen des Basedow
in das Gebiet der üblichen psychiatrischen Diagnostik. Die Prognose der ein¬
fachen psychischen Störungen ist von der des Basedow selbst unmittelbar abhängig;
dagegen bleibt die der Begleitpsychosen von dem Verlaufe des Basedow unbeein¬
flußt: wenn auch die Ausheilung des Basedow begünstigend wirkt, so entwickeln
sie sich doch gewöhnlich selbständig weiter, auch wenn der Basedow, der sie
ausgelöst hat, geheilt ist. Nur das akute Intoxikationsdelirium ist eng mit dem
Verlaufe des Basedow verknüpft und verschwindet häufig vollkommen nach vor¬
genommener Schilddrüsenexstirpation. Die Behandlung der psychischen Basedow¬
störungen, sowie der Begleitpsychosen geschieht nach den Normen der psychia¬
trischen Therapie, natürlich unter gleichzeitiger energischer Behandlung des
Basedow selbst
20) Über das Vorkommen von verworrener Manie bei einer Kranken mit
Sohilddrüsenhypertrophie. Sohneller Heilerfolg daroh Thyreoidektomie,
von Parhon. (Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 1.) Ref.: Pilcz (Wien).
22jährige Frau, Anamnese belanglos. Seit 2 Jahren, im Anschlüsse an Geburt,
irrsinnig. Stat praes.: Struma, Tachykardie, fein welliger Tremor der Hände.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
831
Schilddrüse wurde mit Serum abgebaut; schwere, verworrene Manie, die* nur für
2 bis 3 Tage einmal während einer fieberhaften Affektion zuriicktrat. Mai Strum-
ektomie. Schon nach wenigen Tagen deutliche Besserung, die bis Juni zur
völligen Heilung führte. Prüfung auf Thyreoideaabbau bei Entlassung negativ.
Verf. erwähnt noch kurz drei andere mit Strumektomie behandelte Fälle:
eine Katatonie, unbeeinflußt, eine chronische Manie, leichte Besserung, eine Melan¬
cholie mit ausgesprochenen Basedowsymptomen, nach einigen Wochen Heilung.
27) Sohilddrflse und Jodmedikation, von A. Sutter. (Inaug.-Diesertat* JVei-
burg L B. 1914.) Ref.: K. Boas.
Das Jod wirkt verkleinernd auf die Struma diffusa parenchymatosa und die
Struma nodosa ohne regressive Metamorphosen. Es können im Anschluß daran
Störungen auftreten im Sinne der Thyreosen verschiedenster Intensitätsgrade,
die oft sehr lange dauern können. Diese Störungen sind in ganz erhebliohem
Maße abhängig von der Menge des zugefiihrten Jods. Unabhängig scheint jedoch
die Jodwirkung zu sein von der Art und Verabreichungsform der Jodpräparate.
Ob zwar durch Jodverabreichung bei Strumen thyreotoxische Symptome ausgelöst,
bereits vorhandene aggraviert werden können, hält Verf. eine Jodtherapie des
Kropfes trotzdem für angezeigt, da das Auftreten jener Erscheinungen in weitem
Maße von der Menge des zugeführten Jodes abhängig ist. Zur erfolgreichen Jod¬
behandlung sind parenchymatöse und nodöse Strumen geeignet; als wenig geeignet
erweisen sich dagegen Strumen mit regressiven Metamorphosen, die sich bei der
Palpation als sehr hart erweisen. Vollends ganz ungeeignet für die Jodbehand¬
lung sind die vaskulösen Strumen. Bei der Therapie ist ein langsam tastendes
Vorgehen einzuschlagen. Im Anfang soll man nicht mehr als 0,1 bis 0,2 g Joch
natrium oder Jodkalium 1 bis 3 mal täglich geben,
28) Quinin and uraa injeotions in hyperthyroidism, by L. F. Watson.
(Journ. of amer. med. Assoc. LXV. 1915. Nr. 13; vgl. d. Centr. 1914. S. 228.)
Ref.: W. Misch.
An 50 Fällen von Struma wurden mehr als 200 Injektionen von Chinin und
Harnstoff mit nicht ungünstigem Erfolge ausgeführt. Diese Behandlung ist nur
in Fällen von toxischem Struma zur Beseitigung der hyperthyreoiditischen Sym¬
ptome, nicht aber bei einfachem Kropf aus rein kosmetischen Gründen zu emp¬
fehlen. Die Injektion beseitigt außerdem-dann nicht die Symptome der vorge¬
schrittenen toxischen Struma, wenn schon das Nerven- und Gefäßsystem dauernd
geschädigt wurden. Vor allem ist sorgfältige Auswahl der Fälle geboten. Zur
Beseitigung aller Schmerzen bei der Injektion ist unbedingt Lokalanästhesie er¬
forderlich. Die Anwendung ist die, daß in die am meisten vorragenden Partien
der Struma 1 bis 4 ccm einer 30 bis 50°/ 0 igen, sterilen Chinin-Harnstofflösung
injiziert werden; diese Injektionen werden in Intervallen von 3 Tagen wiederholt;
nach jeder Injektion ist steriles Wasser zu injizieren. Der Erfolg der Injektion
hängt ab von der Menge des zerstörten Gewebes. Die Behandlungsmethode ist
in geübten Händen absolut ungefährlich, aber es ist doch Behandlung in der
Klinik zu empfehlen. Besonders geeignet sind Fälle von beginnendem Hyper-
thyreoidismus, die für eine Operation noch nicht schwer genug sind, und chro¬
nische Fälle von toxischer Struma, die zur Operation noch zu schwach sind und
durch die Injektionen für eine partielle Thyreoidektomie vorbereitet werden sollen.
29) Ober Beiz Wirkung bei Röntgenbehandlung von Struma und Basedow¬
scher Krankheit, von R. Kienböck. (Fortschr. a. d. Geb. d. Röntgenstrahlen.
XXII. 1914. H. 5.) Ref.: K. Boas.
Verf. bespricht die Erscheinungen, welche nach Röntgenbestrahlung der Schild¬
drüse auftreten (sogen. Reizerscheinungen, Symptome eines initialen prodromalen
Exzitationsstadium8, Vorreoktionen). Bei der Behandlung einfacher Strumen treten
in der ersten Zeit - wiederholt manche Beschwerden auf, wie lokale Schwellung,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
832
allgemeine Unruhe, Herzklopfen, Pulsbeschleunigung usw. Es kommt zu den
Allgemeinerscheinungen von Thyreoidismus. Sie beruhen auf einer Steigerung
der Zelltätigkeit und inneren Sekretion. Diese Erscheinungen gehen meist nach
einigen Stunden oder Tagen zurück, lange halten sie selten an. Man soll bei
allen Strumen einen Versuch mit Röntgenbehandlung machen.
Auch bei der Basedowschen Krankheit sieht man nach Röntgenbestrahlung,
bald auftretend und rasch vorübergehend, eine Reizerscheinung, und zwar eine
Verschlechterung, bedingt durch Steigerung der Zelltätigkeit und inneren Sekretion.
Dann kommt es zur Besserung. Es können aber auch in schweren Fällen
dauernde Verschlechterungen, sogar Exitus eintreten; Verf. warnt daher vor zu
energischer Behandlung. Man soll die einzelnen Halsregionen etwa in 2tägigen
Intervallen beliohten und dabei stets unter der Maximaldosis bleiben. Die
nächsten Sitzungen erfolgen erst nach 1 bis 2 Wochen. Man soll keinen Fall
von Basedowscher Krankheit operieren, ohne vorher einen energischen Versuch
mit der Röntgenbehandlung unternommen zu haben.
30) Kasuistischer Beitrag zur Behandlung der Basedowschen Krankheit
mittels Röntgenbestrahlung, von Richard Siel mann. (Münchener med.
Wochenschr. 1914. Nr. 40.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. berichtet über 21 Fälle von Morbus Basedowii, die er mit Röntgen-
strahlen behandelt hat Er hat dabei nie eine Röntgendermatitis gesehen und
die Fälle 6 Wochen bis 6 Monate in Behandlung gehabt. Von den 21 Fällen
erforderte einer die Operation; ein zweiter besserte sich anfangs, um sich bald
wieder zu verschlimmern. 4 Fälle Bind völlig geheilt, 7 bedeutend gebessert,
8 zeigen zeitweilige Besserung. Von Symptomen hielt sich am längsten der
Exophthalmus. Auch nach Ausführung der Operation kann die Röntgenbehand¬
lung Nutzen stiften.
31) Zur physikalischen Therapie des Morbus Basedowii, von Barth-
Wehrenalp. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 31.) Ref.: Pilcz(Wien).
Kritischer Überblick über die verschiedensten Behandlungsmethoden. Ver£
empfiehlt zunächst Hydrotherapie, besonders Kälteeinwirkung und feuchte Ein¬
packungen, dann Diätetik, speziell Mastkur.
32) Some olinical features of exophthalmio golter, by C. V. R. Bumsted.
(Med. Record. 1915. 20. März.) Ref.: K. Boas.
Vor der chirurgischen Behandlung des Basedow soll erst eine 6 monatige
gründliche interne Behandlung stattfinden. In bezug auf die Indikationen zum
chirurgischen Eingriff steht Verf. auf dem allgemeinen Standpunkt. Vor der
Operation soll man dem Patienten zwei volle Wochen lang Ruhe schenken.
Basedowfälle sollen nur von chirurgischen Basedowspezialisten operiert werden,
nicht von Allgemeinchirurgen. Liegen Störungen von seiten anderer innersekre¬
torischer Organe vor, so ist von der Operation abzusehen. Schließlich betont
Verf. die Wichtigkeit einer sorgfältigen Nachbehandlung.
33) Die Erfolge der operativen Behandlung des Morbus Basedowii, von
Hermann Schröder. (Therapeut. Monatsh. 1915. April.) Ref.: E. Tobias.
Verf. gibt einen historischen Überblick über die Schicksale der operativen
Therapie der Basedowschen Krankheit. Es handelt sich um ein Übersichtsreferat
über allgemeine, dem Neurologen wohlbekannte Tatsachen, die auf den Endstand¬
punkt hinauslaufen, daß, solange nicht ein unblutiges Verfahren gefunden wird,
welches zu demselben Ziele führt, die Chirurgie zu einer wesentlichen Mitwirkung
an der Heilung des Basedow berufen ist. Das Verhältnis ihrer Erfolge zu den
Erfolgen der konservativen Behandlung ist nach Klose 65:10.
34) Die Resultate operativer Behandlung Basedowsoher Krankheit, von
K. Merhaut (V&stnikv. sjez. öes. lek. 1915. S. 530.) Ref.: J. Stuchlik.
Des Verf.s Erfahrungen (die Statistik beigegeben) gehen dahin: 1. Es exi-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
833
stieren tatsächlich Fälle, die sich konservativ heilen lassen; aber eine beträchtliche
Prozentzahl davon stirbt. 2 . Operative Therapie hat bessere Resultate, namentlich
geringere Mortalität. Die Symptome verschwinden sehr bald, was namentlich von
sozialer Bedeutung ist. 3. Die Nichterfolge sind der unrichtigen Indikation —
akute und subakute Formen —, oder unrichtiger Ausführung der Operation zu*
zuschreiben — ungenügendes Entfernen des Drüsenparenchyms u. dgl.
35) Über Operationstod bei Thyreoiditis ohronioa, gleichzeitig ein Beitrag
zu den Beziehungen zwischen Basedowscher Erkrankung und Thyreoi¬
ditis, von H. Brünger. (Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XXVIIL
H. 2.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
Die Versuche, die Ursache bei plötzlichen Todesfällen während der Narkose
festzustellen, ergaben in den meisten Fällen den sogen. Status hypoplasticus und
in einer Reihe von Fällen den sogen. Status thymicus bzw. thymicolymphaticus.
Was die Thyreoidea mit ihrem Einfluß auf die Herztätigkeit und.ihren Bezie¬
hungen zur Thymusdrüse anbetrifft, so ergab die Sektion in einem Falle von
Operationstod, wo es sich um eine 35 Jahre alte Frau handelte, von der man in
Erfahrung bringen konnte, daß Bie früher an Morbus Basedowii gelitten, eine
alte, fast diffuse Thyreoiditis chronica, neben der sich in der Schilddrüse noch
Reste von für die Basedowsche Krankheit typischen Veränderungen vorfanden.
In einem zweiten Fall, wo eine ebenso alte Frau wegen Basedowscher Beschwerden
zur Operation kam und der Exitus einige Stunden später erfolgte, lieferte die
Obduktion ein ähnliches Bild. Auch hier ließ sich, und zwar in dem nicht ver¬
größerten, nicht entfernten linken Lappen der Schilddrüse eine Thyreoiditis chro¬
nica nachweisen. Die bei der Sektion in beiden Fällen festgestellten Schädigungen
des Herzens dürften ursächlich mit den pathologischen Veränderungen in der
Thyreoidea und dem Morbus Bassedowii in Zusammenhang stehen. Wirft man
die Frage auf, ob die Krankheitsbilder der Thyreoiditis chronica und dem Morbus
Basedowii in unseren beiden Fällen nur zufällig nebeneinander bestehen oder ob
beide zueinander in kausalem Verhältnis stehen, so scheint man sowohl auf Grund
der pathologisch-histologischen Veränderungen im mikroskopischen Präparat, als
auch mit Rücksioht auf die Ätiologie und nicht zuletzt im Hinblick auf den bei
beiden Krankheitsformen bekannten Einfluß auf die Herztätigkeit die Basedowsche
Krankheit als eine Art chronischer Entzündung der Schilddrüse auffassen zu müssen.
38) Kazuistizeliea zur Frage therapeutischer Mißerfolge bei Morbus Base*
dowii, von v. Haberer. (Wiener klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 1 u. 2.)
Ret: Pilcz (Wien)
Verf. batte von Kombination der Strumektomie mit Thymusreduktion in
23 Fällen viel günstigere Erfolge gesehen als von der Strumektomie allein.
Folgender Fall, der einen Mißerfolg bedeutet, ist interessant vom klinischen
und pathologisch-anatomischen 'Standpunkte aus:
26jähr. Frau, seit 10 Jahren Struma, in der letzten Zeit Erregtheit, Durch¬
fälle, Schweiße, Herzklopfen, Amenorrhoe, Exophthalmus. Stat. praes.: Sehr grazil,
Mammae unterentwickelt, spärliche Crines. Starke Unruhe, Stimmungslabilität,
Tremor der Zunge und Hände, Protrusio der Bulbi, links mehr, Gräfe positiv,
Struma, Herzverbreiterung, Puls 126, Röntgenbefund ergibt starken Thymus¬
schatten. Im Blute Gerinnungsverzögerung, Sahli 74°/ 0 , Färbeindex 0,7. Ober
5000000 rote, 7300 weiße Blutkörperchen, mit 63°/ 0 poly-, 4 °/ 0 mononukleären,
32 °/ 0 Lymphozyten, 1 °/ 0 eosinophilen Granulationen.
Unter Schleich, nach 1 wöchiger Vorbehandlung mit Herztonicis, Strumektomie
und ausgiebige Reduktion der auffallend blutreichen Thymus.
Am Nachmittage nach der Operation war Patientin ruhig, erleichtert, Puls¬
frequenz bedeutend gesunken, Temperatur 37,6. Schon spätabends nervöse Un¬
ruhe. Auf Morphium gegen Morgeu zu ruhiger Schlaf, Patientin erwachte frisch
xxxiv 53
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
834
und ruhig, Puls 160, Temperatur 39,0. Gegen Mittag motorische Unruhe, Puls
200. Starke Zyanose, schwerste motorische Erregung, Puls steigt auf 226, Tem¬
peratur 39,3 unmittelbar vor dem Exitus.
Obduktion: Status post strumectomiam, Thymus permagnus cum haemorrhagiis.
Haemorrhagiae subendocardiales in cono aortico. Dilatatio cordis totius. Anaemia
universales. Induratio lienis. Adenoma et degeneratio adiposa hepatis. Hypo-
plasia uteri. Habitus infantilis. Erubescentia medullae femorum.
Außerdem relative Enge der Brust- und Bauchaorta, angeborener Defekt des
rechten Lungenmittellappens.
Milz- und Herzblut steril.
Die sehr genaue histologische Untersuchung ergab: Thymus, die trotz ope¬
rativer Reduktion noch immer 70 g schwer war, zeigte allgemeine Hyperplasie der
Rinde und des Markes, wie dies nach Schridde nur bei kleinen Kindern in
Basedowfällen vorzukommen scheint.
Untersuchung der Thyreoidea ergab das Bild der Struma colloides „b&sedowi-
ficata“ sec. Kocher, d. h. charakteristische Epithelwucberungen. Äußere Mark¬
ausbreitung der Nebennieren völlig geschwunden. Pankreas fällt durch Armut
an Langerhanssehen Inseln auf. Ovarien weisen sehr spärliche Primärfollikel auf^
die fast durchwegs keine oder nur sehr geringgradige Entwicklung von Follikel¬
epithel um ihre Ovula zeigen.
Es fand sich also Status hypoplasticus und Status thymicus, nicht lympha-
ticus. Der Tod erfolgte infolge zu wenig ausgedehnter Thymusreduktion durch
Thymusgiftwirkung auf das Herz. Typisch sind die auftretenden hohen Tempe¬
raturen.
Im Anschlüsse daran publiziert Verf. die Krankheitsgeschiohte eines neuen,
mit glücklichem Erfolge operierten Falles von Basedow, Strumektomie und Thymus¬
reduktion. Die Operation war außerordentlich erschwert duroh kolossale schwielige
Schwarten zwischen Muskulatur und Kropfkapsel, infolge früherer 10 maliger
Röntgenbestrahlung, die übrigens nicht den geringsten therapeutischen Effekt ge¬
habt hatte. Die histologische Untersuchung ergab wieder das typische Bild der
Struma basedowificata; es zeigte sich also, daß die Röntgenbestrahlung wohl
schwere oberflächliche Veränderungen gesetzt hatte, aber keine nennenswerte Tiefen¬
wirkung auszuüben imstande war. Die Thymus war durch Bestrahlung überhaupt
ganz unbeeinflußt geblieben, wie auch die histologische Untersuchung zeigte. Es
handelte sich um eine absolut lebenskräftige Thymus.
Verf. wendet sich scharf gegen die Röntgentherapie des Basedow, empfiehlt
ausschließlich Kombination von Strumektomie und Thymusreduktion und rät, im
Falle, daß sich nach der Operation bedrohliche Erscheinungen zeigen sollten, ohne
Zaudern die Wunde nochmals zu öffnen und eine weitere Reduktion der Thymus
vorzunehmen.
87) Über Thymuaoperationen und deren Folgen für den Organismus, von
Heinrich Klose. (Therapeut. Monatsh. 1915. Januar.) Ref.: E. Tobias.
Nach neueren Untersuchungen wächst die Thymusdrüse bis zur Puberrät und
verfällt erst nach dieser Zeit der physiologischen Altersinvolution. Reste bleiben
bis ins hohe Alter hinein lebensfähig und funktionstüchtig. Man hält sie für ein
lymphoepitheliales Organ und sieht die epitheliale Komponente als den Träger
der spezifischen innersekretorischen Thymusfunktion an. Man nimmt an, daß die
Thymusdrüse in der ersten Kindheit einen dominierenden Einfluß auf die Ent¬
wicklung des Skelettsystems auBÜbt. Durch Thymektomie kann man rachitizähnlicbe
Skeletterkrankungen erzeugen. Häufig sind auch nervöse Störungen nach Thyuaek-
tomie bei Tieren, so Intelligenzstörungen bis zu Verblödungen, Steigerung der
elektrischen Erregbarkeit der peripheren Nerven und an den motorischen Rinden¬
feldern; Übertragung auf den Menschen ist noch nicht möglich.
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
835
Verf. bespricht dann die mechanischen Störungen einer zu großen Thymus¬
drüse. Eine hyperplastische Thymusdrüse ist gewöhnlich mit Konstitutionsfehlern
kombiniert. Sie dokumentieren sich klinisch in einem pastösen Habitus mit Haut¬
blässe, Anhäufung subkutanen wäßrigen Fettgewebes und Muskelschlaffheit; häufig
bestehen Milztumor, Tonsillenhypertrophie usw. Sehr charakteristisch für „Dys-
thymisation“ ist das Blutbild, sind Veränderungen des Skelettsystems, Herzschwäche.
Die Thymusdrüse kann infolge von lordotiscber Biegung der Wirbelsäule, durch
Stauung, durch Infektionskrankheiten akut anschwellen. Bekannt ist die Tracheo-
stenosis thymica. Die Perkussion hat inkonstante Ergebnisse. Im Röntgenbild
erzeugt die vergrößerte Thymusdrüse eine Verbreiterung des Mediastinalschattens
besonders nach links.
Zur Besprechung gelangen sodann die Indikationen zum chirurgischen Eingriff
sowie die direkten Operationen an der hyperplastischen Thymusdrüse. In Frage
kommt entweder die intra- oder subkapsuläre Exzision der Thymusdrüse oder die
intrakapsuläre Enukleation eines ganzen Lappens oder eine Kombination beider
Verfahren. Das Normal verfahren ist die intrakapsuläre Exzision mit Ektopexie
oder Fixation der Kapsel an die Fascia sterni. Die Prognose der Operation ist
günstig. Auch thymogene Oesophagusstenose ist mit Erfolg operiert worden. Un¬
bedingt notwendig ist die Operation bei Druckerscheinungen der hyperplastischen
Thymusdrüse auf die großen Gefäße und die Vorhöfe. Sofortiges sachgemäßes
Handeln erfordern Thymushämorrhagien bei Neugeborenen. Metastatische Ent¬
zündungen der Thymusdrüse mit Ausgang in Eiterung und Abszeßbildung werden
nach akuten Infektionskrankheiten gesehen.
Von besonderem Interesse ist dann die gleichzeitige Vergrößerung der Thymus-
und der Schilddrüse. Vor allem wird dem Zusammentreffen von Thymushyperplasie
und Morbus Basedowii in der Neuzeit eine größere und tiefergehende Aufmerk¬
samkeit geschenkt. Thymushyperplasie kommt beim Basedow in 75 bis 90°/ 0
der Fälle vor. Das Charakteristische der Basedow-Thymusdrüse ist ihre chemische
Wirkung; es besteht eine Giftwirkung zweier einander wesensähnlicher Organe,
die sich in ihrem schädlichen Einfluß steigern. Die Aufgabe, in der Basedow¬
diagnostik die Formen herauszufinden, in denen die Thymusdrüse eine führende
Rolle spielt, ist bisher ungelöst geblieben. Thymusreduktion allein genügt nie.
Die Thymusdrüse hat einen sicheren, wenn auch noch nicht analysierbaren Einfluß
auf die Muskulatur, darum haben myasthenische Symptome gewissen Wert. Das
Symptom der Vagotonie kann noch nicht recht verwandt werden. Wichtiger für
die Wahrscheinlichkeit einer hyperplastischen Basedow-Thymusdrüse ist die Höhe
der absoluten Basedowlymphozytose, besonders wenn sie sich mit relativ geringer
Schilddrüsenvergrößerung und mit schweren Herzerscheinungen entwickelt Die
Prüfung der von Abderhalden angegebenen Abwehrfermentreaktion hat ergeben,
daß das Serum Basedowkranker meist Thymusgewebe abbaut.
Bevor sichere Kriterien zur Verfügung stehen, ist es Pflicht, in jedem schweren
Basedowfalle die Thymusdrüse mitanzugreifen. Verf. berichtet über die sehr
günstigen Operationserfolge der Schilddrüsen- und Thymusexzision bei der Base¬
dowschen Krankheit. Die Technik ist nicht schwierig; immer genügt Lokal¬
anästhesie. Im erwachsenen Alter braucht man sich nicht vor der Totalexstirpation
zu scheuen, die aber intrakapsulär erfolgen muß, da die Entfernung mit der
Kapsel zu tödlichen Blutungen führen kann. Wichtig ist eine sorgfältige Vor¬
bereitung von mindestens 8 bis 14 Tagen. Endlich erwähnt Verf. das Vor¬
kommen von BasedowerBcheinungen und Myasthenie bei Thymustumoren.
53 *
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
836
Myxödem.
38) Beiträge zur Klinik infantiler Hypothyreose, von L. R. v. Korczynski.
(Medizin. Klinik. 1915. Nr. 31/32.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
löjähr. Patientin von zwerghafter Gestalt mit unharmonischen Körperformen.
Der lnfantilismuB des Skeletts findet weitere Prägung auch im Zurückbleiben der
Knochenentwicklung. Die Knochennähte sind am Skelett ganz deutlich zu er¬
kennen. Die Gesichtszüge entbehren jeder Modellierung. Kein kretinoider Gesichts¬
ausdruck. Die geistige Entwicklung liegt ziemlich tief unter der Altersstufe.
Auffallend ist das mißtrauische Benehmen, die Patientin verkriecht sich, es besteht
Unkenntnis des einfachsten Rechnens, Vernachlässigung der Hautpflege, die Haut
ist blad und trocken, das Fettgewebe ungleichmäßig verteilt, von Drüsengewebe
besteht keine Spur, Schamhaare fehlen. Drei Backzähne sind gar nicht gewachsen.
Die Schilddrüse ist als spärliches, schlaffes Gewebe zu tasten. Systolisches Geräusch
über der Aorta. Hängebauch. Wassermann positiv. Bemerkenswert sind die
Befunde der Blutuntersuchung. Die infantile Blutmischung spiegelt sich schon
in der Leukozytenformel ab. Beachtenswert sind besonders ein starkes Zurück¬
gehen der neutrophilen Zellen und Überhandnehmen der mononukleären Leukozyten,
relativ zahlreiche Knochenmarkzellen usw. Der Befund an der Aorta spricht im
Verein mit dem positiven Wassermann für eine höchstwahrscheinlich syphilitische
Aortenerkrankung. Es handelt sich um die Folgen des Schilddrüsenausfalls unter
Mitbeteiligung von Hypophyse, Ovarien, des hämatopoeiischen Systems und des
Zirkulationsapparats auf luetischer Basis. Die Behandlung mit Thyreoidpr¶ten
und die antiluetische Therapie ergaben eine weitgehende Besserung, die erst bei
Beginn der antiluetischen Kur manifest wurde.
88) Zur Diagnose der Hypothyreose. Teigige Infiltration der Muooia des
unteren Harntraktus als ein bis jetat nioht beschriebenes Symptom.
von Heinrich Stern. (Berliner klin. Woch. 1914. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias.
Es gibt nicht viele Fälle von Hypothyreodismus, in welchen Harnsymptome
vermißt werden, wenn sie auch gewöhnlich von untergeordneter Bedeutung sind.
Hypothyreose kann mit einfacher Polyurie, Strangurie und Tenesmus vergesellschaftet
sein, oder es können diese Störungen gleichzeitig auftreten oder miteinander
ab wechseln.
Verf. hat in 4 Fällen von Hypothyreose mit Harnsymptomen zystoskopisch
anatomische Veränderungen gefunden, welche augenscheinlich hypothyreogenen Ur¬
sprungs sind, und zwar genau die gleichen Veränderungen, wie sie bei Hypo¬
thyreose an den Schleimhäuten der Zunge, der Uvula und der Nase angetroffen
werden, teigige Infiltrationen der Mucosa. Daß sie ausschließlich von dem hypo-
thyreoidalen Zustand abhingen, ergab sich aus ihrer Abnahme und Zunahme, je
nachdem durch Verabreichung von Scbilddrüsenpräparaten die anderen Symptome
der Hypothyreose zurückgingen oder durch Unterbrechung der SchilddrÜBenther&pie
wieder eine Verschlimmerung der Hypothyreose hervorgerufen wurde. Di© Harn-
symptome verschwanden, wenn die örtliche Schleimhautinfiltration aufhörte. Die
Veränderungen wurden in den unteren Abschnitten des Harntraktus gefunden.
Jn Fällen von häufigem oder schmerzhaftem Harndrang soll man an einen
hypothyreotischen Zustand denken mit Symptomen im unteren Harntraktns und
die Zystoskopie des letzteren vornehmen. Möglicherweise handelt es sich d&hei
um ein Frühsymptom. Enuresis der Kinder sowie der Erwachsenen kann auf
Hypothyreose oder einem ähnlichen Zustand beruhen. Man soll darum in Fällen
von anhaltendem Bettnässen die zystoskopische Untersuchung vornehmen.
40) Skoliose ethypothyröoidie, par Gourdon et Dijouneau. (Revue d’orthoped.
1914. Nr. 1.) Ref.: K. Boas.
Die Verff. machen auf die Häufigkeit von Schilddrüsenerscheinungen bei Skolioaec
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN
837
aufmerksam. Die Schilddrüse besitzt trophiscbe Funktionen und regelt den Kalk-
stoffwecbsel, weiterhin hat sie entgiftende Eigenschaften. Beweisend für den
Zusammenhang zwischen Hypothyreoidie und Skoliose ist die günstige Wirkung
von Schilddrüsenpräparaten. Diese haben in relativ kurzer Zeit eine Längenzunahme
des Körpers zur Folge, ferner werden die Wirbelbiegungen flacher. Die Verff.
geben den frischen SchilddrüsenBaft in Glyzerin. Nebenbei hat eine orthopädische
Behandlung zu erfolgen.
41) Die Bestellungen der SohilddrAseninsufAsiens zu den nervösen Be¬
schwerden und der spastischen Obstipation der Frauen, von E. Sehrt.
(Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 8.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg).
Verf. hat in früheren Untersuchungen als Hauptursache hämorrhagischer
Uetropathien mangelnde Funktion der Schilddrüse festgestellt Unter Jodothyrin-
behandlung besserten sich die nervösen Beschwerden der Patientinnen, wie Kopf¬
schmerzen, Gliederschmerzen, Mattigkeit und Unlustgefühle. Eine 14tägige Blut¬
kontrolle ist vor der Verabreichung wegen der Gefahr des Jodbasedow erforderlich.
Eine Reihe Eirankengeschichten werden mitgeteilt. In einigen Fällen von Hypo¬
thyreose wurde hochgradige, oft jahrelang bestehende Obstipation vollständig duroh
Jodothyrin behoben, während andererseits bekanntlich bei Hyperthyreose (Basedow')
Durchfälle häufig beobachtet werden. Der ganze nervöse Symptomenkomplex wird
auf Autointoxikation infolge Schilddrüsenuntüchtigkeit bezogen.
42) Die Thyreoaplasie (kongenitales Myxödem) und ihre Therapie, von
W. Schemensky. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias.
Verf. berichtet über zwei Fälle von kongenitalem Myxödem mit den charakte¬
ristischen Symptomen des Zurückbleibens des Längenwachstums, der charakte¬
ristischen Fazies mit der wulstigen, aus dem Munde hervorhängenden Zunge und
der eingedrückten Nasenwurzel, des aufgetriebenen Abdomen, der wie gedunsen
erscheinenden Haut, mit den entsprechenden Angaben betreffs Entstehungszeit und
bestehender Beschwerden wie Obstipation, Unfähigkeit zum Gehen und Sprechen,
dem Röntgenbild und den Blutveränderungen. Die Thyreoidtherapie führte zu
bemerkenswerten Resultaten.
43) Kongenitales Myxödem, von M. Peöina. (Öasopis öeskych, 16k. LUL
1916. S. 1336 ) Ref.: J. Stuchlik.
Verf. bezeichnet Myxödem als eine kongenitale Erkrankung, die duroh Thy¬
reoideadefekt verursacht wird. Im intrauterinen Leben und während der Lak¬
tation wird die Funktion der Schilddrüse durch diejenige der mütterlichen Drüse
ersetzt, ausgenommen Fälle, wo auch die Mutter thyreoideakrank ist. Die Ano¬
malien äußern sioh zuerst im Habitus, dann im Stoffwechsel (anormal hohe Assi¬
milationsgrenze für Zucker) und in der Neigung zum Fettwerden. Die Organo¬
therapie hat meistens ganz gute Resultate.
44) Ein Fall von angeborenem, familiärem Myxödem. Versuch einer
Sohilddrüsenimplantation , von Worobieff und Perimoff. (Pediatria.
V. H. 11 u. 12. Russisch.) Ref: K. Boas.
In dem Falle der Verff. wurde eine Schilddrüsentransplantation in die Bauch¬
haut vorgenommen. Der Zustand blieb danach derselbe wie vor der früher ein¬
geleiteten Thyreoidinbehandlung. Die Schilddrüse wurde allmählich kleiner, was
den Zustand des Kindes verschlimmerte, und verschwand nach 33 Tagen ganz,
wonach der Zustand wieder der nämliche war wie vor der Thyreoidinkur. Diese
wurde auch weiterhin fortgesetzt und batte eine Besserung im Befinden des Kindes
znr Folge.
Bemerkenswert war in dem Falle der Verff. sonst noch das familiäre und
kongenitale Auftreten der Erkrankung.
46) Über einen Fall von 8äuglingsmyxödem 9 von Karl Hochsinger. (Monats-
schr. f. Kinderheilk. XII. Nr. 9.) Ref.: Zappert (Wien).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
838
Bei dem angeboren myxödematösen Kinde war auf Grund des Fehlens
einer tastbaren Schilddrüse die Diagnose auf Thyreoaplasie gestellt worden. Als
das Kind mit 13 Monaten starb, fand sich eine normal große, ungewöhnlich derbe
Sohilddrüse vor, die histologisch eine auffallende Bindegewebswucherung mit
Schwund und Veränderung des Drüsengewebes erkennen ließ. Das Myxödem ist
durch diese wahrscheinlich fötal bedingte Schilddrusenerkrankung vollauf erklärt;
die Annahme einer Thyreoaplasie bei angeborenem Myxödem muß aber »auf Grund
rein klinisoher Untersuchungen mit Vorsicht gestellt werden.
46) Über den Einfluß von Jod, Jodkalium, Jodothyrin und jodfreiem
Strumaprftparat auf den Stiokatoffweohsel, auf Temperatur, Pulsfrequenz
und auf das Blutbild von Myxödem, von Hans Frey. (Mitteil. a. <L
Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XXVIII. H. 2.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow).
Die an zwei Versuchspersonen zu gleicher Zeit mit peinlichster Genauigkeit
ausgeführten Stickstoffstoffwechselversuohe, um den Anteil festzustellen, den das Jod
in den Jodpräparaten an der Steigerung der Stickstoffausscheidung bei Myxödem
hat, haben im allgemeinen ähnliche Resultate ergeben, wie sie Dr. Fonio an der
ohirurg. Klinik zu Bern gefunden. Danach ist Jod als solches absolut ohne Einfluß
auf den Stickstoff Wechsel von Myxödem. Jodkalium sowohl in kleinen als auch
in großen einmaligen Dosen steigert wohl die Diurese, läßt aber Körpergewicht,
Temperatur, Pulsfrequenz unverändert. Dagegen ist schon bei einmaligen Gaben
von 1,0 Jodothyrin eine deutliche Erhöhung der Stickstoffausscheidung zu beob¬
achten: starke Vermehrung der Diurese einerseits, geringe Abnahme des Körper¬
gewichts andrerseits, außerdem deutliche Temperatur- und Pulsreaktion. Die
gleichen Erscheinungen, nur in bedeutend geringerem Grade, treten auf bei
wiederholter Anwendung von Jodothyrin. Was die Änderung im Blutbefund bei
Myxödem anbetrifft auf Verabreichung von Jodpräparaten, so konnte hier bereits
durch Jod allein eine Besserung der Lymphozytose unter gleichzeitiger prozentualer
Vermehrung der Neutrophilen konstatiert werden. Aber auch hier trat auf Verab¬
folgung von Jod in Form von Jodothyrin eine bedeutend intensivere Besserung
in dem eben bezeichneten Sinne ein. In therapeutischer Hinsicht ist ferner die
Feststellung wichtig, daß die durch Jodothyrin erzielte Wirkung außerordentlich
naohhaltend ist und sich erst ganz allmählich verliert. Zu beachten ist auch die
Tatsache, daß beide Personen auf die einmalige Verabreichung von 1,0 Jodothyrin
viel stärker reagierten als auf die 3 Wochen später begonnene tägliche Verab¬
reichung von 0,5 Jodothyrin und daß von den beiden Versuchspersonen die jüngere
wesentlich bessere Resultate lieferte als die ältere.
47) Weitere Beiträge sur Ätiologie des Kropfes und des Kretinismus, von
Kutschera v. Aichbergen.(Pragermed. Wochenschr. 1914,Nr. 18.)Ref.: Pilcx.
Die Untersuchungen des Verf. beziehen sich auf Tirol und Vorarlberg, berück¬
sichtigen in mühevollen Nachforschungen Stammbäume, Trinkwasserversorgung u. dgL
Verf. glaubt schließen zu dürfen, daß 1. das Wasser als ursächlicher Faktor überall
auszuschließen sei, daß 2. das Zustandekommen durch engeren und längeren Kontakt
unterstützt wird, wofür die besten Bedingungen in der Familie gegeben sind, daß
8. die beiden Zustände über 1200 m Seehöhe immer seltener werden, so daß Verl
an die Möglichkeit eines Zwischenwirtes denkt.
Ref. möchte bei dieser Gelegenheit besonders auf die Vorträge und Dis¬
kussion über Kretinismus auf der letzten, 85. Naturforscherversammlung hin weisen.
Die Anhänger und die Gegner der „Wassertheorie“ kamen dabei ausführlich zu Worte.
48) Nitrogen and sulphur metabolism in a oretin, by J. Greenwald.
(Arch. of internet. Medic. XIV. 1914. Nr. 3.) Ref.: W. Misch.
Die Untersuchung des Stoffwechsels bei einem Fall von Kretinismus gab
geringe Abweichungen von dem Normalen. Die Stickstoffretention ist gering.
Das Verhältnis zwischen ausgeschiedenem Ammoniakstickstoff und Toialstickatof
Digitized by
Go igle
Original fram
UNIVERSETY OF MICHIGAN
839
ist ziemlich hoch. Die Kreatininausscheidung ist sehr gering, es wird dagegen
bedeutend mehr Kreatin ausgeschieden.
49) Tödliche Menorrhagie ln einem Falle von Thyreoaplaaie mit Haapt-
zellenadenom der Hypophyse, von W. H. Schnitze. (Virchows Archiv.
CCXVI. 1914. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel.
Klinisch: kongenitaler bzw. sporadischer Kretinismus (Zwergwuchs, Myxödem,
Zahnmangel, Idiotie). Exitus im 27. Lebensjahre, bedingt durch profuse Menor¬
rhagie. Anatomisch: Thyreoaplaaie, Tumor am Zungengrund (dystopische Struma?),
Epithelkörperchen vorhanden, ferner adenomatöse Hypertrophie der Hypophyse,
doppelte Nierenbecken, doppelte Ureteren, Adenome der Leber und zahlreiche
pigmentierte Naevi.
Bemerkenswert ist das hohe Alter, das Patientin erreichte. Profuse Metro-
und Menorrhagien sind beim Hypo- und Athyreoidismus nicht selten. Auch im
vorliegenden Fall waren die Menses stark, Pat. verblutete an einer starken
Menorrhagie von dreitägiger Dauer. Der Fall des Verf.’s zeigt schließlich, daß
bei Athyreosis die Hypophyse eine Hypertrophie und Hyperplasie erfährt, welche
ausschließlich. die Hauptzellen betrifft; in hochgradigen Fällen können — wie im
vorliegenden — schon makroskopisch sichtbare, aus hypertrophischen Hauptzellen
bestehende Adenome der Hypophyse auftreten.
60) Kropf, Kretinismus und die Krankheit von Ohagas, von R. Kraus,
Fr. Rosenbusch und C. Maggio. (Wiener klin. Wochensohr. 1915. Nr. 35.)
Ref.: Pilcz (Wien).
Arbeit von vorwiegend parasitologischem Interesse. Für den Neurologen ist
besonders bemerkenswert, daß nach den Ausführungen der Verff. die Differenzierung
zwischen endemischem Kropfe und Kretinismus einerseits, dem chronischen, von
Chagas als Schizotrypanose bezeichnten Krankheitsbilde andrerseits nicht möglich
erscheint, so daß eine chronische Erkrankung, bedingt durch Schizotrypanosoma Cruzi,
die mit Kropf, Myxödem, Idiotie, Diplegie einhergeht, bisher nicht einwandfrei erwiesen
ist. Die akute Form dürfte eine Krankheit sui generis sein, welche jedoch mit
der Hypertrophie der Schilddrüse und dem Myxödem wahrscheinlich gar keinen
Zusammenhang hat.
61) Zur Behandlung des endemischen Kretinismus, von Adolf Oswald.
(Correspondenz-Blatt f. Schweizer Ärzte. 1914. Nr. 24.) Ref.: Kurt Mendel.
Yerf. behandelte 2 Fälle von endemischem Kretinismus organotherapeutisch
mit eklatantem Erfolg, er gab alle 2 Tage 0,1 g Jodthyreoglobulin, das chemisch
reine Sekret der Schilddrüse. In 2 Fällen von Mongolismus sah er keinen Erfolg
von der Schilddrüsentherapie. Auch sonstwie im Wachstum etwas zurückgebliebene,
sonst aber gesunde Individuen reagieren auf Schilddrüsensubstanz nicht. Esdst
das erste Mal, daß das Jodthyreoglobulin (die Muttersubstanz des Baumann sehen
Jodothyrins) zur Behandlung des endemischen Kretinismus herangezogen wurde,
es ist im Handel zu haben unter dem Namen Thyrakein, ist geruch- und geschmacklos.
62) Zur Lehre vom Infantilismus, von R. von den Velden. (Zeitschr. £
Geburtshilfe u. Gynäkologie. LXXIV. S. 393.) Ref.: K. Boas.
Bei Infantilismus sind die Veränderungen an den einzelnen Organen alB die
verschiedenen Erscheinungsformen einer krankhaften Konstitution aufzufassen,
wobei der ganze Organismus oder bestimmte Teile eines Organsystems auf einer
früheren Stufe stehen geblieben sind. Psychogene Hemmungen wie Förderungen
können von großem Einflüsse sein, weswegen die Zusammenarbeit des Psychologen
mit dem Mediziner von Wichtigkeit wäre. Von praktischer Wichtigkeit wäre
das Studieren der Weitervererbung bestimmter Formen von Infantilismus mit
Hilfe der biologischen Familienforschung und genaue Beobachtung des nicht er^
krankten heran wachsenden Individuums, um das Auftreten morphologischer wie
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
840
funktioneller Hemmungen rechtzeitig festzustellen und eine entsprechende Prophylaxe
einleiten zu können.
58) Der asthenische Infantilismus des Weibes in seinen Beziehnungen zur
Fortpflansungstfttigkeit und geistigen Betätigung, von Mathilde v. Eemn itz.
(Inaug.-Diesert. München 1913 u. Arch. f. Rassen- und Gesellschaftsbiologie.
X. 1913. H. 1/2.) Ref.: K. Boas.
Der asthenische Infantilismus des Weibes ist weder eine Folge ihrer geistigen
Betätigung, noch die Ursache ihrer geistigen Interessen, sondern die herrschenden
Anschauungen der Gesellschaft bewirken, daß heutzutage wenig gesunde, aber viel
asthenisch-infantile Frauen zur geistigen Betätigung ausgebildet werden. Daher
ist es verfehlt, ans den Leistungen der heute geistig tätigen Frau auf die Leistungs¬
fähigkeit des weiblichen Geschlechtes zu schließen, wie dies Möbius, v. Gruber,
Mathes u. a. tun. Wir können heute weder die Gleichwertigkeit des weiblichen
Geistes dem männlichen, noch die Minderwertigkeit wissenschaftlich beweisen, denn
Vorbedingung zu einem wissenschaftlichen haltbaren Urteil wäre, daß das weib¬
liche Geschlecht in seiner Gesamtheit einige Generationen hindurch den gleichen
Anteil an geistiger Ausbildung und die gleichgünstigen Bedingungen zur Ent¬
faltung seiner geistigen Tätigkeit hätte als das männliche Geschlecht.
64) Der asthenische Infantilismus des weiblichen Geschlechts und seine
Bedeutung für die ärztliche Praxis, von Hans Al brecht. (Medizin. Klinik.
1914. Nr. 15.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Asthenischer Infantilismus bedeutet eine hypoplastiscbe Konstitutionsanomalie,
welche gekennzeichnet ist durch die Persistenz von infantilen und juvenilen
Wachstumsformen mit gleichzeitiger Funktionsschwäche und erhöhter Krankheits¬
bereitschaft der betroffenen Organe. Infantilismus ist die morphologische Minus-,
Variation, Asthenie die funktionelle Minderwertigkeit. Daneben gibt es viele
Übergänge.
Ätiologisch muß man sich an die multiglanduläre Theorie halten und an
eine Störung der Korrelation der Hormone der Blutdrüsen denken. Je nach dem
Prävalieren der accelerierenden oder retardierenden Sekrete der einen oder anderen
Drüse kommt es zur thyreogenen, hypophysären oder genitalen Form des Infantilismus.
Die endliche Ursache ist eine primäre Keimschädigung, eine germinativ determi¬
nierende Wachstumshemmung. Infantilismus und Asthenie sind koordinierte Er¬
scheinungsformen der hypoplastischen Konstitutionsanomalie.
Von Erscheinungsformen des asthenischen Infantilismus kommen in Betracht
1 . die morphologischen Merkmale des gehemmten Wachstums, die Infantilismen,
mit den koordinierten physiologischen Merkmalen veränderter Funktion, 2. die
infantilen und asthenischen Erscheinungen der Psyche und des Nervensystems.
Man unterscheidet universellen (Myxödem, Mongolismus, Eunuohoide, echten Zwerg¬
wuchs usw.) und partiellen Infantilismus (lokalen Infantilismus des Schädels,
Kinns, Gaumens, der Zähne, Augen, Ohren, der Behaarung) (Infantilismus des
Skleletts, des Gefäß- und Genitalsystems). Verf. bespricht eingehend diese par¬
tiellen Infantilismen des Skeletts, des Gefäß- und des Genitalsystems. Von Wich¬
tigkeit ist die Enteroptose, der grazile Körperbau, die leicht nach vorn geneigte
Körperhaltung, die Blässe, Feinheit und Schlaffbeit der Haut. Besonders wichtig
sind die Erscheinungen des Zentralnervensystems. Der leichteste Grad ist die
Debilität, zu der sich leicht Hysterie gesellt, denn wegen der Häufung körper¬
licher und nervöser Schwächen gerade zur Zeit der Pubertät ist die Erziehung
der asthenischen Infantilen so erschwert, daß leicht eine Ausartung zur Hysterie
zustande kommt. Die asthenischen Merkmale des Nervensystems sind die Neur¬
asthenie, der Sympathizismus und die Psychasthenie. Unter den asthenischen
'Erscheinungen der Psyche steht obenan die konstitutionelle Verstimmung, leichte
Ermüdbarkeit, Konzentrationsdefekte, Egozentrizität usw. Die klinische Bedeutung
Digitized by
Gck igle
Original frorn
UNIVERSETY OF MICHIGAN
841 —
liegt einmal in der funktionellen Minderwertigkeit der von der Wachstumshemmung
betroffenen Organe und in deren erhöhter KrankheitBbereitsohaft, dann in der
außerordentlichen Häufigkeit der durch den Infantilismus und die Asthenie des
Nervensystems und der Psyche bedingten Krankheitsbilder, die einzeln besprochen
werden. Verf. fand in dem klinischen Material der II. gynäkologischen Universitäts¬
klinik in München unter 6018 Patientinnen 1000 mit ausgeprägten Zeichen einer
infantil-asthenischen Konstitution, l7°/ 0 unter dem stationären, 32°/ 0 unter dem
ambulanten Material. Besonders schlimm ist der „furor operativus passivus 44 dieser
Kranken, der es wünschenswert erscheinen läßt, daß der Krankheitszustand viel
bekannter wird, als es heutzutage unter Ärzten der Eall ist.
60) Fall af splenomegali, anftmi ooh infantillsm. Btt bldrag tili mj<-ooh
blodqjukdomarnas Klenik, af Ludvig Wolff. (Nordisk medicinsk Arkiv.
1914. Afd. II [Inre Medioin]. H. 1 bis 4. Nr. 23.) Bef.: K. Boas.
In neurologischer Hinsicht war bei der 21 jfthr. Patientin folgendes bemerkbar:
Keine Menstruation. Allgemeine körperliche Entwicklung verzögert, infantiler
graziler Habitus, Banoh von hochgravidem Typus und Haltung, Gesicht graubleich,
zum Teil zyanotisch und gedunsen, Gesichtsausdruck naiv, fast etwas stupide,
Intelligenz schwach, 8timmung gedrückt, zurückhaltend, Bewegungen unbeholfen.
Nirgends geschwollene Drüsen, Thyreoidea nicht palpabel, höchstens als kleine
Budimente. Brüste unentwickelt. Keine Behaarung der Axillen oder des Mons
pnbis. Bauch unförmlich groß, gespannt.
Nach 6 Monaten: während des größeren Teils dieser Zeit Arsen und Eisen,
fortschreitende allgemeine Besserung, Hebung der Stimmung sowohl als auch der
Intelligenz, Menstruation regelmäßig, Haare auf dem Mons; Brüste gerundet.
Versuchsweise Thyreoidintabletten. Außerdem bestand bei der Patientin ein dem
Morbus Banti ähnlicher Symptomenkomplex, der durch Splenektomie keine besondere
Besserung erfuhr, während die Eisen-Arsentherapie sich, auch was den Infantilismus
anbetrifft, von großem Nutzen erwies.
Hypophysenerkrankungen.
60) Hypophysentumoreo, von Emil Schepelmann (Deutsche Zeitschr. f.
Chirurgie. CXXXIII. 1916. H. 4.) Bef.: Kurt Mendel.
Fall von Hypophysistumor bei einer 66jähr. Frau. Nach der Operation
kehrte das Sehvermögen — wenigstens auf einem Auge — trotz vorheriger totaler*
Amaurose in kurzer Zeit wieder.
Die intrakraniellen Operationsmethoden sind technich schwierig, gefährlich
und nur dann indiziert, wenn der Tumor nach oben, dem Großhirn zu wächst.
Sonst sind die transsphenoidalen Methoden Vorzuziehen, auch wenn sie vielleicht
nicht immer ein radikales Entfernen des Tumors gestatten.
67) Diseases of the pituitary gland and their effeot on the shape ofthesella
turoica, by E. G. Fearnsideß. (Lancet. II. 1914. S. 16.) Ref.: W. Misch.
Es werden 12 Fälle von Hypophysistumor eingehend beschrieben und ihre
Symptome in Tabellenform übersichtlich geordnet. Beschrieben werden je 3 Fälle
von Akromegalie und von Dystrophia adiposogenitalis, je ein Fall von Infantilis-
mus mit Opticusatropbie, von primärer Opticusatrophie mit Glykosurie, von reiner
Opticusatrophie ohne irgendwelche Stoffwechselstörungen, und von Hydrozephalus
mit spastischer Paraplegie, Ataxie der unteren Extremitäten und Hypopituitarismus
und endlich 2 Fälle von Dyspituitarismustypus des „Pudding-face“. Verf. kommt
zu dem Schluß, daß von allen Hirntumordiagnosen die des Hypophysistumors die
einfachste ist; in ganz zweifelhaften Fällen führt die an der Böntgenplatte
sichtbare Veränderung der Sella turcica fast stets zu einer Sicherstellung der
Diagnose. -
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
842
58) Pathologleal Investigation of four oases of pituitary tumor, by W. John¬
son. (Lancet. II. 1914. S. 24.) Re£: W. Misob.
Es werden die Ergebnisse der pathologischen Untersuchung von 4 Fällen
von Hypophysistunior mitgeteilt. Insbesondere wird auf die Befunde in der Seh¬
bahn eingegangen, die mit den klinischen Erscheinungen nicht immer an Intensität
übereinstimmen. Die einzige Veränderung, die in den Sehfasern als Folge der
Läsion des Gbiasma opticum, durch die während zweier Jahre hindurch Seh¬
störungen bedingt wurden, nacbgewiesen werden konnte, war eine Degeneration
in den Tractus optici. Diese Degeneration ließ sich rückwärts nicht weiter als
bis zu den primären optischen Ganglien verfolgen. Der Grad der anatomischen
Veränderung war in dem einen Fall größer, als nach den Sehstörungen zu er¬
warten war. Die Annahme, daß gewisse Opticusfasern die Okzipitalrinde, ohne
in den Ganglienzellen der ersten optischen Ganglien unterbrochen zu werden,
erreichen, scheint durch die Tatsache widerlegt zu werden, daß sich keine Degene¬
ration in den Sehstrahlungen und den zur Rinde der Regio calcarina ziehenden
Fasern fand. Endlich zeigen die untersuchten Fälle, daß die ungekreuzten Seh¬
fasern in den äußeren unteren Partien der Tractus optici verlaufen.
59) Über das Vorkommen epileptischer und epilepüformer Anfälle bei
Tumoren der Gypophysis oerebri und der Hypophysengegend, von
Emil Redlich. (Epilepsia. V. 1914. Fase. 3.) Ref.: K. Mendel.
In einer nicht allzu kleinen Zahl von Fällen mit Geschwülsten der Hypophyse
und der Hypophysengegend treten epileptische Anfälle auf, mitunter relativ früh,
ja selbst als enstes Symptom oder bei einer sehr dürftigen, nicht charakteristischen
Symptomatologie. In der allergrößten Mehrzahl der Fälle handelt es sich dabei
um ein Allgemeinsymptom des Tumors, mitunter aber um Lokal- bzw. Nachbar¬
schaftssymptome. Eine Wirkung der Hypophyse als solcher im Sinne einer endo¬
krinen Auslösung der epileptischen Anfälle ist nicht erwiesen, kann höchstens
indirekt in Frage kommen.
60) Polydaotylie et töratome hypophysalre, par M. Bertolotti. (Nouv.
Iconogr. de la Salpötr. 1914. Nr. 1.) Ref.: W. Misch.
Eis wird ein sehr interessanter Fall von Hypophysentumor beschrieben, der
einen Beitrag zum Studium der morphogenetisohen Einflüsse der endokrinen Drüsen
auf die Organentstehung, insbesondere die fötale Rnochenbildung, bilden aolL
Es handelt sich um eine 39jähr. Patientin, bei der schon in ihrem zweiten Lebens¬
jahre vollständige Blindheit festgestellt werden konnte. Zur Zeit der Untersuchung
fand sich starke Adipositas mit besonderer Bevorzugung von Nacken, Brüsten,
Abdomen und Malleolarregion; außerdem fanden sich verschiedene Degenerations¬
zeichen, unter denen besonders das kongenitale Fehlen der beiden oberen Eek-
zähne hervorzuheben ist. Genaue anthropometrische Untersuchungen ergaben eine
Disproportion zwischen Kopf (Mikrozephalie) und Rumpf und zwischen Rnmpf
und oberen und unteren Extremitäten im Sinne einer ausgesprochenen Mikromelie;
diese Mikromelie ist noch besonders dadurch bemerkenswert, daß die Entwicklungs¬
hemmung sich bedeutend stärker in den distalen Partien der Extremitäten als in
den proximalen dokumentiert. An der rechten Hand findet sich auf der Ulnar-
seite ein überzähliger Finger, der vom 5. Metakarpus ausgeht, aus zwei kleinen
Phalangen besteht, aber unbeweglich ist. An den unteren Extremitäten ist eine
bilaterale symmetrische Hexadaktylie vorhanden. Die sekundären Geschlechts-
Charaktere sind verwischt, ein Uterus ist nicht zu palpieren; die Behaarung in
den Achselhöhlen und an den Pubes fehlt so gut wie vollkommen. Ophthalmos¬
kopisch findet sich eine Retinitis pigmentosa und eine totale postneuritische Atrophie
der sehr kleinen Papille. Psychisch liegt ein sehr ausgesprochener intellektueller
Infantilismus, Stupor, fast vollständige Stummheit vor. Die Röntgenuntersuchung
der Sella turcica ergibt eine im ganzen nicht vergrößerte Sella; dagegen ist
Digitized by
Gck .gle
I
UNIVERSITY OF MICHIGAN
I
— 843 —
unterhalb des Tuberkulum sellae in Höhe des Ghiasmas eine haselnußgroße Masse
vorhanden, die als subsellarer, infandibolärer Tumor gedeutet wird, und zwar als
Teratoma infundibuli. Wir haben also hier ein echtes Syndrom von totaler Hypo«
pbyseninsuffizieDz; als weitere Symptome kommen noch hinzu Hypothermie und
arterielle Hypotension, eine positive Cushingsche Thermoreaktion und eine abnorm
gesteigerte Toleranz für Kohlehydrate. Es schließt sich an die Beschreibung des
Falls eine ausführliche Diskussion über das Zustandekommen der verschiedenen
Erscheinungen an. Besonderes Interesse beansprucht die Beobachtung, daß die
Entwicklung der proximalen Extremitätenpartien eine vollkommene ist, während
die peripheren Segmente stark reduziert sind, so daß z. B. der Knochen des Meta-
tarsale am stärksten in seiner Entwicklung gehemmt erscheint. Es ist dies
Phänomen als ein der Akromegalie antagonistisches zu betrachten
01) Sin Fall von Akromegalie mit Hypophysenzyste, von Hugo Meyer.
(Monatsschr. f. Pßych. u.Neur. XXXVII. 1915. H. 4.) Bef.: Kurt Mendel.
37jähr. Mann. Klinische Diagnose: biliäre Leberzirrhose infolge chronischen
CholedochusverBchlusses. Verdacht auf Ulcus duodeni, Tumor der Hypophyse.
Hände und Füße boten ein akromegalisches Bild dar, im Gesicht war allerdings keine
Akromegalie vorhanden, von seiten der Augen bestand nur eine etwas undeutliche
Begrenzung der rechten Papille mit geringer Erweiterung und leichter Abknickung
der Gefäße. Die Sexualanamnese war nicht erhoben worden. Die Autopsie
ergab: große Kolloidcyste der Hypophyse mit Perforation des Keilbeinkörpers;
biliäre hypertrophische Leberzirrhose, Ulous duodeni; Splenomegalie; Vergrößerung
von Dünndarm und Duodenum; Aszites; Ikterus; akromegalische Veränderungen
der Hände und Füße. Mikroskopisch: außerordentlich starke Vermehrung der
eosinophilen Zellen im Hypophysen vorderlappen; kolloidhaltige, in die Keilbein«
höhle hineinwachsende Flimmerepithelzyste der Hypophyse; Cirrhosis hepatis;
starke Hypoplasie der Hoden; agonale Nephritis.
Von seiner Akromegalie hat Pat. keine subjektiven Beschwerden. Die Btarke
Vermehrung der eosinophilen Zellen im Hypopbysenvorderlappen spricht für
Hyperpituitarismus; dabei war eine wesentliche Hypophysisvergrößerung nicht
nachweisbar. Es reicht eben die bloße Vermehrung der eosinophilen Zellen hin,
um die Akromegalie hervorzurufen. Wichtig ist im vorliegenden Falle die weit¬
gehende bindegewebige Umwandlung des Hodenparenchyms und das Fehlen jeg¬
licher Spermatogenese bei dem im besten Mannesalter stehenden Individuum,
wahrscheinlich ist diese starke Hodenveränderung Folge der Druckwirkung der
großen, schon lange bestehenden Kolloidzyste auf den Hinterlappen der Hypophyse.
62) Ein Psammom im vorderen OhiasmaWinkel, von P. Heinrichsdorff.
(Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. LIII. H. 1 u. 2.) Bef.: Kurt Steindorff.
Mitteilung eines Falles, in dem der kirschgroße Tumor klinisch keine Seh¬
störungen gemacht hatte.
08 ) Ein Fall von sehr ohronisoher Akromegalie ohne Angensymptome,
von H. Wachtel. (Mitteil. d. Gesellschaft f. innere Med. u. Kinderheilk. in
Wien. 1914. XIII. H. 6.) Bef.: B. Ganter.
58.jähr. Mann, aus einer Familie von hochgewacbsenen Mitgliedern stammend.
Im Alter von 25 Jahren merkte er, daß Hände und Füße immer größer wurden.
Die Affektion besteht jetzt seit 23 Jahren ohne Beschwerden. Pat. suchte den
Arzt wegen eines Magenkarzinoms auf. Pat. zeigt die typischen Knochen- und
Weichteilveränderungen. Merkwürdig ist der Fall durch das Fehlen von Augen¬
beschwerden, Hirndrucksymptomen, sexuellen Störungen (6 gesunde Kinder). Das
Köntgenbild läßt einen Hypophysentumor von sehr geringer Ausdehnung erkennen.
Der Fall gehört zu dem von Schlesinger als Frühakromegalie von dauernd statio¬
närem Charakter beschriebenen Krankheitsbild, das durch langen Verlauf und Fehlen
von für die Akromegalie charakteristischen Symptomenkomplexen gekennzeichnet ist.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
«
— 844 ~ |
Pathologisch-anatomisch wurden in der Hypophyse kleine stationäre Adenome tod
Stecknadelkopf- bis Kirschkerngröße gefunden. — In der Diskussion bemerkte
Schlesinger, daß Fälle dieser Art nicht selten sind. Er selbst hat mehrere davon
gesehen und beschrieben.
04) Über einen Fall von Akromegalie und Splanohnomegalie, von Eltester
und Schroeder. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 31.) Ref.: E. Tobias. I
Der Fall ist in einer Doktordissertation von Hartwich 1907 beschrieben
worden. Die Verff. berichten über die letzte Lebenszeit in der Kortauer Anstalt
und teilen den Obduktionsbefund mit. Die pathologisoh-anatomische Diagnose
lautet: Akromegalie, Splanohnomegalie, Hypophysentumor, Vergrößerung der
Leber, Milz, des Herzens, der Nieren, Lungen, Nebennieren; Thymuspersistenz,
Hypertrophie der Thyreoidea, Atrophie beider Hoden, Vergrößerung der Zunge,
Tuberkulose der Lungen, des Keilbeins und des Siebbeins. Von der Clavicula an
sind die rechten Extremitäten größer als die linken. Der Tumor erwies sich als
Rundzellensarkom. Die Verff. knüpfen dann noch eine Reihe weiterer Betrach¬
tungen an den Obduktionsbefund, dessen Wiedergabe im Referat daduroh erschwert
ist, daß sie auf den Hartwichschen Fall selbst nicht eingehen und darauf ver¬
zichten, die Krankengeschichte kurz wiederzugeben.
65) Zur Kenntnis der Hypophysenstrnktur bei Akromegalie, von H. Berg¬
bahn. (Inaug.-Dissert. Marburg 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf teilt den mikroskopischen Befund eines an typischer Akromegalie ver¬
storbenen 27jähr. Mannes mit, der nach einem operativen Eingriff an akzidenteller
eitriger Meningitis zugrunde gegangen war. Die Untersuchung ergab keine tumor-
artige Vergrößerung der Hypophyse, dagegen eine Vermehrung der eosinophilen
Elemente. Letztere war sowohl absolut wie auoh relativ. Verf. hebt besonders
die ausgesprochene Neigung hervor, an vielen Stellen im Zentrum der Drüse
Zellschläucbe mit zahlreichen nur aus reinen Eosinophilen zu bilden. Eine der¬
artige Vermehrung der Eosinophilen hat Verf. bei normalen Hypophysen nicht
gefunden.
Zum Schluß diskutiert Verf. die diesbezüglichen Hypothesen Bendas und
Bernhard Fischers, ohne selbständig dazu Stellung zu nehmen.
66) Über die Hypophysektomie, von Canestro. (Fortschritte a. d. Gebiete
d. Röntgenstrahlen. XXIII. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Im Anschluß an einen erfolgreichen Fall von Hypophysektomie wegen sar-
komatösen Hypophysentumors beschäftigt sich Verf. eingehend mit der Frage nach
dem Werte der endonasalen und transnasalen Methode. Die intrakranielle Methode
ist bereits überwunden und hat der transsphenoidalen Platz machen müssen.
Verf. hält die intranasale Methode der Hypophysektomie der endonasalen für über¬
legen, obgleich sich letztere nicht für die Fälle eignet, in welchen man in dieser
Tiefe mit vollster Sicherheit der Orientierung und Bewegungsfreiheit arbeiten muß.
67) Über Strahlentherapie bei Hypophysentumoren, von Küpferle und
A.v.Szily. (Deutsche med. Wocbenschr. 1915. Nr.31.) Ref.: Kurt Men de i.
In denjenigen Fällen von Hypophysentumor, wo eine konservative Behandlung
noch am Platze ist, empfiehlt Verf. die Bestrahlungstherapie des Tumors: von
außen mit Röntgenstrahlen, vom Mund aus mit Mesothorium. Bei einem 65 jähriger*
Patienten hatte er gute Erfolge mit dieser Methode; es hatte nach einer zunächs:
erfolgreich entlastenden Hypophysenoperation anfangs infolge Rezidivs der malignen
Geschwulst vollkommene Amaurose mit Pupillenstarre bestanden, im Laufe der
Behandlung trat schnelle Besserung ein: rechts wurde s = 6 /,*> das Gesichtsfeld
erweiterte sich, die Pupillenreaktion kehrte wieder, links Fingerzählen in l , a m
— Die Bestrahlungstechnik wird genau beschrieben.
68) Beitrag zur Kenntnis der bypophyso-genitalen Dystrophie, von G. Mat
tirolo. (Riv. di Patol. nervosa. 1914. H. 9.) Ref.: G. Mingazzini. t
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
84ö
Verf. teilt 3 Fälle von adiposo-genitaler Dystrophie mit: in zweien handelt
es sich um Hypophysentumoren, welche das typische Syndrom hervorgerufen hatten;
im dritten war die Genitalatrophie mit einem echten Diabetes insipidus und aus¬
geprägter Polydipsie vergesellschaftet; es fehlten die Symptome des Hirntumors,
indem die Pathogenesis der Affektion dunkel bleibt.
Die Wertung dieses dritten Falles muß in der Annahme einer alterierten
inneren Sekretion gemacht werden. Die Hypophyse nämlich wäre primär verletzt
(Sklerose? Zystischer Prozeß?) ohne Zunahme ihres Volums, aber so, daß sie
eine geringere Funktion zeigt. Diesen Tatsachen sekundär wären die Symptome
der Genitalatrophie und der sexuellen Regression —, Symptome, denen sich
Zeichen der Drüsenentzündung (Polyurie, akromegaloide Symptome) zugesellen
können.
Der regressive Infantilismus, Typus Gandy, nähert sich klinisch den oben
erwähnten Fällen, doch hat er als Ursache einen noch unbekannten Prozeß, der,
wie man annimmt, die pluriglanduläre Sklerose sei, — von der man oft nicht
weiß, ob sie von irgend einer Drüse oder von mehreren gleichzeitig ausgeht.
Eine andere ähnliche Form ist der späte Eunuchoidismus von Falta, mit Charak¬
teren des pluriglandulären Syndroms: dieser jedoch kann bisweilen der Ausgangs¬
punkt für eine traumatische oder entzündliche orchitische Läsion sein.
09) Ein Fall von Insuffloientia polyglandnlaris mit Sektionsbefund, von
Marie Geschelin. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas.
Beschreibung eines Falles von Hyposekretion der Hypophyse (stetig zuneh¬
mende hochgradige Fettleibigkeit, trophische Störung der Haut) bei einer 24jähr.
Patientin, in welchem Verfasserin die Differentialdiagnose zwischen Dystrophia
adiposO’genitalis und Insufficientia polyglandularis offen läßt. Die Sektion ergab
das Vorliegen der letzteren auf Grund des Symptomenkomplexes: Kopfschmerz,
Muskelschwäche, Trockenheit der Haut, anormale Behaarung, Atrophie der Geni¬
talien und Fettleibigkeit. Bemerkenswert war noch die Komplikation des Diabetes,
worauf eine Erkrankung des Pankreas hindeutet. Die vorliegende Intelligenz¬
abnahme bezieht Verfasserin auf Störungen der Thyreoidea, die Pigmentation und
Amenorrhoe auf solche der Nebennieren bzw. Ovarien. Endlich bestand bei der
Patientin eine kyphotische Verkrümmung der Wirbelsäule. Bei der Sektion ergab
sich eine deutlich ausgesprochene Osteoporose. Ätiologisch kam die neuropathische
Konstitution der Patientin, vielleicht auch Lues (zweimaliges Auftreten von Augen¬
muskellähmungssymptomen) in Betracht. Wassermann negativ. Die Organo¬
therapie war ohne Erfolg. Eine antiluetische Kur wurde nicht eingeleitet.
70) Cerebral adipositas with hypertriohosis, a new eyndröme, by
W. M. Kraus. (American. Journ. of medical Sciences. 1915. S. 737.)
Ref,: K. Boas.
Der von dem Verf. berichtete Fall von zerebraler Adipositas weicht insofern
von dem gewöhnlichen Typus des Hypopituitarismus ab, als er Hyperhidrosis,
Hypertrichosis und einen von der Norm abweichenden Blutbefund — Vermehrung
der roten Blutkörperchen — zeigte im Gegensatz zu den sonst zu beobachtenden
Erscheinungen bei Hypopituitarismus: Hypotrichosis, Hypohidrosis und Verminderung
der roten Blutkörperchen.
Im übrigen waren die sonstigen Symptome des gewöhnlichen Typus des
Hypopituitarismus: Adipositas, hohe Toleranz gegen Kohlehydrate, Hypersomnie
und Atrophie der Genitalien in dem vom Verf. berichteten Falle vorhanden.
71) Dystrophie« gigantiques sans aeromögalie, par M. Adda. (Nouveile
Iconogr. de la Salpetr. 1914. Nr. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
25 jähr. Mann mit Gigantismus ohne Akromegalie, auch keine Veränderungen
der Sella turcica röntgenologisch nachweisbar. Wassermannreaktion positiv: es
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
846
kann sich aber nm eine akquirierte Syphilis handeln. Ätiologisch war nichts
zu eruieren.
72) Über einen mit Hypophysin-Höohst erfolgreich behandelten Fall Ton
Diabetes insipidus, von G. Graul. (Deutsche med. Wochen sehr. 1915.
Nr. 37.) Ref.: Kurt Mendel.
Dysfunktionen infolge Anomalien hormonaler Natur, die von der Hypophyse
ausgehen, bedingen den idiopathischen Diabetes insipidus. Insbesondere beein¬
flussen die Pars intermedia und Pars posterior des Hirnanhangs die zentralen
Zentren für die Hambereitung in den Nieren und hemmen die Diurese. Verf.
behandelte einen Fall von Diabetes insipidus erfolgreich mit Hypophysin-Höchst
(jeden 2. Tag injizierte er 1 ccm, d. h. den Inhalt einer Ampulle der in den
Handel gebrachten sterilen l°/oo"Lösung eines Extraktes aus dem Infundibular-
anteil der Hypophyse intramuskulär). Das Durstgefühl ließ nach, der Appetit
und die Gesichtsfarbe besserten sich, das Müdigkeitsgefühl schwand, das Körper¬
gewicht stieg rasch an, die Urinmenge sank von 9500 auf 2000 ccm.
73) Über die Beeinflussung der Diurese durch Hypophysenextrakte, von
Arturv.Konschegg und ErnestSchuster. (Deutschemed. Wochenschr. 1915.
Nr. 37.) Ref.: Kurt Mendel.
Aus Tierversuchen und auB Versuchen an Menschen ergibt sich, daß durch
Injektionen von Extrakten aus Hypophyse eine ganz auffallende Einschränkuog
der Diurese erfolgt. Der Diabetes insipidus idiopathicus hängt mit einer Funktions¬
störung der Hypophyse im Sinne einer Hypofunktion derselben zusammen. Da
auoh nach längere Zeit hindurch fortgesetzten Injektionen von Hypophysenpräpa¬
raten Schädigungen irgendwelcher Art nicht beobachtet werden konnten, erscheint
es zweckmäßig, diese Therapie bei allen Fällen von Diabetes insipidus anzuwenden.
Forensische Psychiatrie.
74) Zur Psychologie der Brandstifter, von Hans Schmid. (Psychologische
Abhandlungen. Bd. I. Leipzig u. Wien, Franz Deuticke, 1914.) Ref.: Kurt
Mendel.
In seiner auf Freud-Jungschen Bahnen wandelnden Arbeit unterscheidet
Verf. zwei Typen von Brandstiftern: Bei dem einen ist das Delikt als eine ein*
malige, durch sich nicht wiederholende Situationen (Pubertät, Menstruation,
Heimat usw.) bedingte Regression aufzufassen. Rezidive sind bei diesen Fällen
kaum zu fürchten. Eine geeignete, lang dauernde psychotherapeutische Behand¬
lung sollte diese unmöglich machen können. Der andere Typus von Brandstiftern
ist charakterisiert durch ein so starkes Überwiegen der archaischen Reaktionen, daß
Sublimierungen durch keinerlei Therapie erreioht werden können. Jede Libido*
Stauung kann bei diesen wieder zu einer Brandstiftung führen. Vor diesen sich
für immer zu schützen, und nicht nur für einige Jahre, wie es nach dem aktuellen
Strafrecht allein möglich ist, scheint eine absolute Notwendigkeit zu sein. Diese
Brandstifter werden immer wieder rückfällig. Die Erfahrung lehrt, daß Brand*
Stiftungen auf andere ansteckend wirken können. Gerade in diesem Verbrechen
scheint die Abschreckungstheorie bis zu einem gewissen Grade recht zu haben.
76) Die nosologische und kriminologisohe Bedeutung des Elternkonflilttee
der Jugendlichen, von Erwin Lazar. (Zeitschr. f. Kinderheilkunde. XL
H. 5 u. 6.) Ref.: Zappert (Wien).
Freud, der zum ersten Male den Elternhaß vieler Jugendlicher eingehend
studiert hat, sieht in versteckten und verdrängten erotischen Beziehungen der
Kinder zu einem Elternteil die Quelle dieser Gefühle. Die psychische Analyse
von fünf interessanten Fällen von Elternkonflikt geben dem Vert Gelegenheit, die
Motive desselben zu studieren, wobei neurotische Veranlagung der Kinder, falsche
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
847
Erziehungsprinzipien der Eltern, sozialer Niedergang der Familie, uneheliche Ge¬
bart eine wichtige Rolle spielen. Auf eine Beantwortung der Frage nach dem
Freudschen „Oedipuskomplex“ läßt sich Verf. nicht ein, aber er gibt ohne weiteres
sexuelle Motive für den Elternkonflikt zu, die zum Teil in dem gefühlten Wider¬
spruch zwischen Liebe und Haß der Kinder gegenüber den Eltern, zum Teil in
der Tatsache wurzeln, daß die im Pubertätsalter befindlichen Kinder in ihren
Eltern naturgemäß ein Hindernis für ihre sexuelle Betätigung erblicken.
76) Le fötiehisme de la poupöe et le vol aus etalages, par J. Vinchon.
(Journ. m6d. de Paria 1914. Nr. 10.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über zwei Frauen,‘die aus fetischistischen Motiven Puppen-
diebstähle in Waarenhäusern ausführten. In dem ersten Fall handelte es sich
nach Ansicht des Verf.’s um echten Fetischismus, im zweiten mehr um Stoff¬
fetischismus. Die im einzelnen sehr angreifbaren Ansichten des Verf.’s wird Ref.
im einzelnen in H. Gross’ Archiv diskutieren.
77) Die Transvestiten und das Reoht (nebst bibliographischem und histo¬
rischem Material), von E. Wilhelm. (Sexualprobleme. 1914. H. 6 u. 7.)
Ref.: K. Boas.
Verf. führt aus, daß das Tragen einer dem anderen Geschlecht zukommenden
Tracht an und für sich strafbar ist. Grober Unfug liegt dann vor, wenn durch
Transvestiten infolge ihrer Kleidung öffentliches Ärgernis erregt wird oder der
öffentliche Anstand verletzt wird.
Weiterhin bemerkt Verf., daß eine seinem Pseudogeschleoht zukommende
amtliche Namensänderung im Standesregister nioht zulässig ist.
Sodann verneint Verf. die Frage, ob Transvestiten das Recht zusteht, die
dem Geschlecht, deren Kleidung sie tragen, vorbehaltenen öffentlichen Örtlich¬
keiten (Damenkupee) zu betreten.
Was endlich die Frage der Zurechnungsfähigkeit der Transvestiten anbelangt,
so ist der § 51 StrGB. im allgemeinen auf sie nicht anwendbar. Doch ist ein
sachverständiges Gutachten einzufordern, auf Grund dessen eventuell der § 51 StrGB.
Anwendung finden kann.
Außer dem rein Juristischen ist die vorliegende Arbeit noch besonders inter¬
essant durch die erschöpfende Bibliographie, sowie durch historische Bemerkungen
über einen Transvestiten aus dem 17. Jahrhundert, den Abb6 d’Entragues.
78) Der Kindesmord und seine forensische Bedeutung, von W. Kürbitz.
(Archiv f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik. LX.) Ref.: E. Tobias.
Die einzelnen Generationsphasen des Weibes sind geeignet, psychische
Störungen zu setzen. In besonders hohem Maße gilt dies von dem Gebärakt.
Wenngleich dem auch vornehmlich mehr oder weniger kranke Frauen (Epilep¬
tische, Hysterische, Psychopathen) ausgesetzt sind, so Bind doch andererseits auch
anscheinend gesunde Personen keineswegs immer gegen eine Alteration des Nerven¬
systems in dieser Zeit gefeit.
Forensisch von besonderem Interesse sind einmal schwere Erschöpfungs¬
zustände, eventuell mit Ohnmacht, durch die ein selbständiges, dem Neugeborenen
zweckdienliches Handeln unmöglich wird, und ferner die Erregungs- und Ver¬
wirrtheitszustände im unmittelbaren Anschluß an den Geburtsakt. Diesen selbst
muß man unbedingt als auslösendes Moment betrachten, sind doch die körper¬
lichen (enorme Muskelarbeit, Schwanken des Blutdruckes usw.) und seelischen
Anstrengungen (große Schmerzen, Scham, Angst und Ratlosigkeit) ganz gewaltige.
Eine mildere Beurteilung ist also analog § 217 StrGB. — falls dieser über¬
haupt in Frage kommt — durchaus gerechtfertigt, nur müßte sie auch auf ehe¬
liche Mütter Anwendung finden.
Auch mehr oder weniger lange Zeit nach dem Partus können Morde an
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
848
Kindern begangen werden bei erheblicher Beeinträchtigung des seelischen Be¬
findens, ohne daß dem Laien immer der krankhafte Zustand auffallen müßte. Es
ist deshalb durchaus angebracht, wenn bei allen Fällen von Elindesmord ein ärzt¬
licher Sachverständiger hinzugezogen wird, um die geistesgeaunden Täterinnen von
den kranken zu scheiden.
79) Statistisches über den Kinobesuch durch Kinder, von A. Hellwig.
(Zeitschr. f. Kinderforschung. XIX. 1914. S. 223.) Ref.: K. Boas.
Verf, geißelt die auch von psychiatrischer Seite scharf bekämpfte zunehmende
geistige Verseuchung unserer Schuljugend durch den Besuch von Kinematographen-
theatern. Aus den interessanten statistischen Daten des Verf.’s hier nur einige:
Von 47 Mädchen im Alter von 11 Jahren hatten nur zwei das Kinemato-
graphentheater überhaupt noch nicht besucht.
In Jena besuchten von 1050 Kindern in 5 Wochen 524 Kinder das Kine¬
matographen theater, in einer Woche 287 Kinder.
Auffallen muß der starke Besuch der Kinematographentheater durch schwach¬
befähigte Kinder aus der Volksschule. Während der Durchschnitt in den Normal¬
klassen nur 8°/ 0 betrug, erreichte er in den Förderklassen mehr als 26°/ 0 .
80) Der Fall Wurm, von A. Elzholz. (Jahrb. f. Psycb. u. Neurol. XXXVL
1914. Wagner v. Jauregg-Festschrift) Ref.: Kurt Mendel.
Gutachten über einen Fall von Pseudologia phantastioa im Rahmen einer
Hysterie. Der Fall zeigt, welch tiefgreifende soziale Schäden solche Psychopathen,
bevor sie als gesellschaftliche Parasiten erkannt werden, verursachen können.
81) Über Einrichtungen für schwer-erziehbare Fürsorgesöglinge, von
H. Schnitzer. (Zeitschr. £ d. Erforschung u. Behandlung d. jngendL Schwach¬
sinns. VIII. 1916. H. 1.)
I. Die Errichtung von Sonderanstalten oder Sonderabteilungen für schwer¬
erziehbare Fürsorgezöglinge krankhafter Beschaffenheit ist notwendig. Sie werden
entweder als selbständige Anstalten oder im Anschluß an Ersiehungs- oder Schwach-
sinnigenaDstalten eingerichtet.
2. Sondereinrichtungen sind nur für schulentlassene Fürsorgezöglinge not¬
wendig.
3. Der bauliche Charakter wie die innere Organisation haben neben den
sichernden Maßnahmen zugleich psychiatrische und pädagogische Gesichtspunkte
zu berücksichtigen.
4. An der Leitung haben in gleichem Maße der Psychiater und der Theologe
oder Pädagoge teil.
6. Durch eine zweckmäßige Abstufung im Gewähren immer größerer Be¬
wegungsfreiheit ist auch für Schwererziehbare als Endziel und Übergang in die
volle Freiheit Familienerziehung anzustreben.
6. Die Disziplin der Sonderanstalt hat bei Beobachtung erzieherischer Grund¬
sätze doch den Charakter der Krankenanstalt zu wahren.
7. Zur Gewinnung und Ausbildung eines geeigneten Erzieherpersonals sind
die erforderlichen Maßnahmen zu treffen.
8. Ohne Rücksicht auf die Kostenfrage ist hierbei auf die äußere Sicher¬
stellung des Personals Bedacht zu geben.
Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel
in Berlin W, Augsburgerstr. 48.
Verlag von V*rr & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & WiTTto in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralblatt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begr&ndet von Prot R MendeL
Herausgegeben
TOD
Dp. Kurt MendeL
Vierunddrei ßigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark, Zn beziehen durch alle
Bachhandlangen des In- and Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Seichs, sowie
direkt vo n der Verlagsbuchhandlung.
1915. 16. November. Nr. 22.
Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Zur Topographie der Sensibilitätsstörungen am
Rumpfe bei der zerebralen Hemianästhesie, von Prof. Dr. Emil Redlich. 2. Zur Kenntnis
der tigrolytischen Ganglienzellschwellung, von Dr. F. J. Stuurman.
II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Über Schädelschüsse, von Maresch. 2. Er¬
folge und Mißerfolge bei der operativen Behandlung der Schädelschüsse, besonders der
Durchschüsse, von Pribram. 3. Bemerkenswerte Fälle von Verwundung des Sehorgans, von
Oloff. 4. Über Laminektomie bei Steckschüssen des Rückenmarks, von Perthes. 5. Kriegs¬
neurologische Erfahrungen, von Mayer. 6. Schußverletzungen peripherer Nerven, von Gratzl.
7. Schußverletzungen peripherer Nerven, von Grosse. 8. Über die Technik der Neurolyse,
von Stoffel. 9. Über „rheumatische“ Affektionen im Felde und über TornisterdruckneuralgieD,
von Strasser. 10. Über Gamaschenschmerzen, von Schüller. 11. Über sogen. „Blasenschwäche“
bei Soldaten, nach Beobachtungen in der Festung Przemysl. Aus dem Jahresbericht für
1914 des Festungsspitals, von Lipschütz. 12. Versuch einer Analyse der Miktionsauomalien
nach Erkältungen, von Schwarz. 13. Soll man wieder „traumatische Neurose“ bei Kriegs-
verlefczten diagnostizieren? von Nonne. 14. Kriegskasuistische Mitteilungen, von Schüller.
15. Die Anamnese der sogen. Kriegspsychoneurosen, von Laudenheimer. 16. Über Psychosen
beim Kriegstyphus, voif Flusser. 17. Militär-psychiatrische Beobachtungen und Erfahrungen,
von Weyert. 18. Sexualpathologisches aus dem europäischen Weltkriege 1914/15, von Boas.
19. Die diagnostisch-therapeutische Ausnutzung meiner Methode zur Funktionsprüfung der
Gefäßnerven. II. Über schädliche Einflüsse der Heißlnftbehandlung von Verwundungen
auf das Nervensystem und ihre Verhütung, von Weber. 20. Die diagnostisch-therapeutische
Ausnutzung meiner Methode der Funktionsprtifung der Gefäßnerven. III. Die schädigende
Wirkung von Operationen in Narkose and Lokalanästhesie auf das Zentralnervensystem
und ihre Beseitigung, von Weber. 21. Kriegsbeschädigungen des Zentralnervensystems und
soziale Fürsorge, von Riitershaus. — Paraiysis agitans. 22. Zur Pathologie und Patho¬
genese der Paralysis agitans, von Marburg. 23. Die Beziehungen der Blutdrüsen zur Patho¬
genese der Parkinsonschen Krankheit, von Schitftz. 24. Zur Frage der Beziehungen der
Epithelkörperchen zur Paralysis agitans, von Blüwsteln. 25. Paralysis agitans und Trauma,
von Decker. 26. ParkinsonBche Krankheit und Unfall, von Busch. 27. Klinischer Beitrag
zur genuinen Paralysis agitans im jüngeren Alter, von Stiefler. 28. Über psychische
Störungen im Verlaufe der Paralysis agitanfe, von Otzen. 29. Ein Fall von Paraiysis agitans
und Tabes dorsalis, von Sandfort. 30. Paralysis agitans syndrome with syphilis of the
nervous System, by Camp. 31. Su di una rara assoziazione morbosa. Morbo del Parkinson
in un antico Basedowiano, per Cacclapuotl. 32. Paraiysis agitans und Myxödem, von Vet-
lesen. 83. La nncleinothörapie dans la maladie de Parkinson, von Bula. 34. Über Er¬
fahrungen mit Pantopon-Scopolamin „Roche“ und Pantopon „Roche“ bei Paraiysis agitans,
von Stiefler. — Forensische Psychiatrie. 35. Die forensische Bedeutung der Zwangs¬
vorstellungen, von Oppenheimer. 86. Über die Unterbringung geisteskranker Rechtsbrecher,
von Heger«
III. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 80. September 1915.
xxxiv.
54
Digitized by
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSETY OF MICHIGAN
850
I. Originalmitteilungen.
[Aus der Nervenheilanstalt „Maria Theresien*Schl5ssel“ in Wien.]
1. Zur Topographie der Sensibilitätsstörungen am Rumpfe
bei der zerebralen Hemianästhesie.
Von Prof. Dr. Emil Badlioh.
Die zerebrale Hemianästhesie ist in den letzten Jahren Gegenstand zahl¬
reicher, wichtiger Untersuchungen gewesen, die sich vor allem mit der Frage
der Lokalisation der zugrunde liegenden pathologischen Prozesse, der verschie»
denen Beteiligung der einzelnen Qualitäten der Sensibilität, in der letzten Zeit
vielfach auch mit dem interessanten Problem der sogen, „segmentalen“ Aus¬
breitung zerebraler Sensibilitätsstörungen an den Extremitäten befaßten.
Demgegenüber ist das Verhalten der Sensibilität am Rumpfe bei diesen
Fällen mancherorts ein wenig vernachlässigt worden und das, obwohl v. Müllbb 1
in seiner bekannten Arbeit schon vor 10 Jahren auf recht interessante Details
aufmerksam gemacht hatte, v. Mülleb beschreibt hier mehrere Fälle von
zerebraler Hemianästhesie, wobei er sich auch mit der Ausbreitung der Sensi¬
bilitätsstörungen am Rumpfe und Kopfe beschäftigt. Anfänglich kann nach
seinen Untersuchungen hier die Hemianästhesie bis an die Mittellinie heran¬
reichen. Im Stadium der Restitution stellt sich zunächst in einem der Mittel¬
linie benachbarten, schmalen Gebiete die Sensibilität wieder her. Im weiteren
Verlaufe kehrt allmählich die Sensibilität am ganzen Rumpfe und Kopfe zurück,
dann an den proximalen Abschnitten der Extremitäten und zuletzt erst an
deren distalen Partien. Frühzeitig pflegt auch die Schleimhaut des Mundes,
der Nase und der Konjunktiven das Empfindungsvermögen'wieder zu erlangen.
Auch die Verhältnisse bezüglich der einzelnen Tastsinnsqualitäten zeigen bei
dieser Besserung eine gewisse Gesetzmäßigkeit, indem sich zunächst die Em¬
pfindung für Schmerz, dann für Berührung und zuletzt für Temperaturreize
wiederherstellt
Sakdbebo * gibt nach Untersuchung mehrerer Fälle zerebraler Sensibilitäts¬
störungen an, daß diese am Rumpfe meist am wenigsten ausgeprägt seien. Er
hat z. B. am Rumpf niemals eine vollkommene Anästhesie für Pinselberährrmg
finden können. Auch unter normalen Verhältnissen sei übrigens das Raum-
unterscheidungsvermögen am Rumpfe schlechter als an den Extremitäten, wes¬
wegen dort auch das Lokalisationsvermögen schlechter entwickelt sei. Soviel
ließe sich immerhin feststellen, daß die Grenze der Sensibilitätsstörung niemals
die Mittellinie bildet, sondern hier ein allmählicher Übergang in die Zone
normaler Sensibilität stattfindet.
' v. Müller, Über die Störungen der Sensibilität bei Erkrankungen des Gehirns. Volk-
mann’s Sammlung klinischer Vorträge 1905.
* Sanobebo, Über die Sensibilitätsstörungen bei der zerebralen Hemiplegie. Deutsch«
Zeitschr. f. Nervenheilk. XXX. 1906. S. 149.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Eine für ans verwertbare kasuistische Mitteilung bringt auch Stauvfen-
Bane 1 (aus der Schule v. Mülleb’s); in seinem (zweiten) Falle war z. B. an*
länglich die Tastempfindung im Gesichte links bis zur Nasolabialfalte und am
übrigen Körper auf der ganzen linken Seite erloschen, spitz und stumpf wurden
hier nicht unterschieden. Im weiteren Verlaufe besserte sioh die taktile Sensi*
bilität. Im Gesichte wurden auch feinere Berührungen außer an der Schläfe
und vor dem Ohre empfunden. Vom Halse und von der Schulter an
nahm die Empfindung ab bis zur totalen Anästhesie an der Hand. AmRumpfe
wurden außer in einem fingerbreiten Streifen links von der Mittel¬
linie nur ziemlich grobe Berührungen empfunden. Die Schmerzempfindung
war im Gesicht außer an der Schläfe intakt, im Rumpfe außer an der
Mamma etwas besser.
In einem von Fbank 2 * genauer beschriebenen Falle lag eine traumatische
Schädigung des Gehirns vor (betroffen sind nach dem Autor der Gyrus supra-
marginalis und die hintere Zentralwindung). Am Stamme — aber nur an
der Vorderseite in einer Ausdehnung von 4 Querfinger oberhalb des Nabels
— findet sich eine Sensibilitätsstörung, die nach oben ein Stück über die
Scheitel-Ohrkinnlinie entlang sich erstreckt. Am Rumpfe und im Gesichte sind
die medialsten Partien an den beigegebenen Abbildungen frei von Sensibilitäts¬
störung.
Auch ein Fall von Camp 9 ist traumatischer Genese. Es bestanden hier
epileptische Anfalle, beginnend mit einer sensorischen Aura, dann linksseitige
Hemiparese und Hemihypästhesie. Die für letztere beigebrachten Sensibilitäts¬
befunde zeigen, daß die der Mittellinie benachbarten Partien des Rumpfes für
taktile Reize normal empfindlich sind, wobei die Grenze gegenüber der hyp-
ästhetischen Partie eine recht komplizierte Linie darstellt, die einzelnen Sinnes¬
qualitäten auch ein verschieden breites Territorium an der Mittellinie frei lassen.
Bei Dejebine 4 5 * findet sich die Angabe, daß bei der zerebralen Sensibilitäts¬
störung die mediale Partie des Rumpfes in einer Breite von 1 bis 2 cm ver¬
schont bleibt, v. Monakow 9 bringt drei Abbildungen von zerebralen Sensibilitäts¬
störungen mit gleichem Befunde, wobei die Grenze gegenüber der hypästhe-
tischen Partie teils der Mittellinie parallel verläuft, teils einen nach außen
konvexen Bogen bildet. Er erwähnt in bezug auf die Aussparung dieser medialen
Partie außer die schon erwähnten Arbeiten noch Hobslet und Bebomabk.
Vielleicht finden sich noch da oder dort in der Literatur einschlägige Mit¬
teilungen, jedenfalls aber läßt sich sagen, daß die hier geltenden Verhältnisse noch
1 St auffbnberg, Zwei Fälle von Hemianästhesie ohne Motilitätsstörung. Archiv f.
Psyoh. XLV. 1908. S. 703.
* Frank, Über die Repräsentation der Sensibilität in der Hirnrinde. Deutsche Zeitschr.
f. Nervenheilk. XXXIX. 1910. S. 193.
* Camp, Type and distribntion of scnsory distnrbance due to cerebral lesion. Journal
of nerv, and ment dis. XXXVII. 1910. S. 17.
4 Dbjbrine, Sömiologie. 2. Aufl. S. 909.
5 v. Monakow, Die Lokalisation im Großhirn. Wiesbaden 1914. S. 288.
14 *
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
852
keineswegs allgemein bekannt sind; selbst bekannte Lehrbücher unseres Faches
lassen Angaben darüber vermissen, und in den kasuistischen Mitteilungen über
zerebrale Hemianästhesie begegnet man wiederholt unzweifelhaft schemati¬
sierenden Angaben und Abbildungen über die Ausbreitung der Sensibilitäts¬
störungen am Rumpfe.
m Unter den zahlreichen Fällen von Schuß Verletzung des Gehirns, die ich
in der letzten Zeit gesehen habe, finden sich fünf mit zerebraler Hemianästhesie;
ich habe sie dazu benutzt, mich etwas genauer über die uns hier interessierende
/
Fig. 1. Fig. 2.
Frage zu orientieren. In vier Fällen lagen Tangentialschüsse des Schädels mit
ausgedehnter Verletzung des Knochens, hauptsächlich in der Scheitelgegend,
wo sicherlich auch die Rinde in größerem Umfange affiziert war, vor. Bei
einem Falle handelte es sich um einen Durchschuß des Schädels. In einzelnen
Fällen bestand Hemiplegie und Hemianästhesie, in anderen überwogen die
Sensibilitätsstörungen weitaus über die motorische Lähmung.
Da keiner der Fälle zur Obduktion gekommen ist, lassen sich genauere
Angaben über die Ausdehnung der Hirnläsion, eine etwaige Mitbeteiligune
des Markes u. a. nicht machen. Daher sind die Fälle auch nicht für Frager;
der Lokalisation verwertbar. Es ist übrigens zweifelhaft, ob in bezug auf die
Difitized by
Gck igle
Original from
UMIVERS1TY OFM1CHIS
853
uns hier interessierende Frage ein Unterschied zwischen einer durch Rinden¬
läsion oder Markaffektion bedingten Hemianästhesie besteht.
In der Schilderung unserer Befunde beschränke ich mich ausschließlich
auf das Verhalten der Sensibilität am Rumpfe und am Kopfe, bzw. im Gesichte;
von allem anderen will ich als bekannt absehen. Es zeigt sich, daß in halbwegs
frischen Fällen die Grenze der an* bzw. hypästhetischen Zone gegenüber der
gesunden Körperhälfte im allgemeinen eine recht scharfe ist; sie entspricht
nahezu vollständig der Mittellinie (s. Figg. 1, 2 u. 3), jedoch lassen
Fig. 8 . Fig. 4.
sich am Rumpfe sowohl wie am Kopfe (Gesicht nnd Rückseite des Kopfes)
zwei oder mehrere Zonen nachweisen, in denen beinahe immer die
Störung lateralwärts an Intensität zunimmt (s. Figg. 1 bis 4). Zunächst
der Mittellinie findet sich die taktile, ebenso auch die Schmerzempfindung nur
wenig alteriert. Diese medialste Partie ist relativ schmal, zwei höchstens drei
Querfinger breit; ihre Grenze gegenüber der lateralen, stärker affizierten ist
nur selten der Mittellinie parallel (s. z. B. Fig. 58 bei v. Monakow, wo freilich
dieser Abschnitt schon vollständig frei ist). Häufiger verläuft die Grenze in
einem lateralwärts konvexen Bogen, d. h. sie ist im Gesichte und am Nacken,
sowie gegen die Leiste schmäler, entsprechend der mittleren Partie des Rumpfes,
Digitized b'
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
854
etwa in der Nabelgegend, breiter (Figg. 7 u. 9 der MüLLKB’schen Arbeit and
Fig. 2 oben sind Beispiele dafür). Die Grenzlinie kann aber auch einen komplizierten
Verlauf nehmen (s. z. B. Fig. 1, dann bei Camp). Vorder- und Rückseite des
Rumpfes zeigen übrigens beim selben Kranken nicht immer ein gleiches Ver¬
halten; auch für die einzelnen Tastsinnsqualitäten ist die Grenze eine verschiedene.
Recht kompliziert ist auch der Übergang vom Rumpf auf den Hals, bzw. das
Gesicht; unter anderem kann die medialste Partie des Gesichtes schon frei von
Sensibilitätsstörungen sein, während das Gefühl am Rumpfe hier noch leicht
gestört ist. Statt umständlicher Beschreibungen kann anf die beigegebenen Ab¬
bildungen verwiesen werden.
Der laterale, also weitaus größere Abschnitt des Rumpfes ist stärker be¬
troffen, mitunter in gleichmäßiger Weise, wobei übrigens der Grad der Störung
hier noch immer weniger intensiv ist als an den Extremitäten, speziell den
distalen Abschnitten derselben 1 (v. Mülles, v. Monakow). Die beigegebenen
Figg. 1 u. 2 bringen solche Beispiele. Oder aber — und das ist das häufigere
— es lassen sich im lateralen Abschnitt noch zwei, selbst drei Zonen nach-
weisen (v. Mülles Fig. 7 oder unsere Figg. 3 u. 4). Die Grenzen der einzelnen,
quantitativ abgestuften Bezirke Sind in Frühfällen meist relativ scharfe und bis
zu einem gewissen Grade konstante. Sie zeigen bei den verschiedenen Kranken
Abweichungen, immerhin kommen einzelne Linien mit einer gewissen Vorliebe
zum Vorscheine. Ich möchte da im Gesicht eine durch den lateralen Augen¬
winkel ziehende Linie, an der Vorderseite des Rumpfes eine der Mamillarlinie
entsprechende oder nahe dieser verlaufende hervorheben. Da, wo mehrere
Grenzlinien bestehen, können sie (selten) mehr minder parallel sein oder sie
verlaufen gegen die obere und untere Rumpfgrenze zwiebelscbalenformig, diver¬
gieren gelegentlich auch. Auch hier kann ich auf v. Mülleb’s Fig. 7 oder unsere
Figg. 3 u. 4 verweisen. Vorder- und Rückseite des Rumpfes zeigen meist ein
verschiedenes Bild; bei letzterer ist das Verhalten gegen die Glutäalfalte nicht
uninteressant.
Ich habe schon, entsprechend den Angaben v. Mülleb’s erwähnt, daß für
die einzelnen Qualitäten des Tastsinnes die Bilder sich verschieden gestalten
können, obwohl ich nicht so weitgehende Differenzen gefunden habe als v. Mülles :
die Schmerzempfindung zeigt mitunter bloß zwei Zonen am Rumpfe, während
im gleichen Falle für taktile Reize drei nachweislich sein können.
In einzelnen Fällen, die jetzt schon genügend lange in Beobachtung stehen,
habe ich auch, wie dies v. Mülleb u. a. angeben, gesehen, daß die medialste Partie,
die ursprünglich eine wenn auch leichte Störung aufwies, im weiteren Verlaufe
wieder vollständig frei wurde (Fig. 4). Ein vollständiges Freiwerden de?
Rumpfes habe ich in meinen Fällen bisher nur vereinzelt beobachtet; freilich
sind bei keinem meiner Fälle mehr als 10 Monate seit der Verletzung verflossen.
Wir sehen also, daß — wenigstens wenn wir Frühstadien heranziehen —
die Sensibilitätsstörung am Rumpfe und im Gesicht bis an die Mittellinie
1 Nicht unerwähnt kann übrigens bleiben, daß in AnsnahmefäUen die Kranken be¬
haupten, in der lateralen Rumpfpartie besser zu fühlen als in der medialen.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
heranreicht; aber sie ist in einem der Mittellinie benachbarten, schmalen
Gebiet relativ geringer, verliert sich hier auch im weiteren Verlauf wieder ganz,
v. Monakow hat die mediale freie Partie am Kumpfe mit dem „überschüssigen
Gesichtsfelde“ bei der bilateralen homonymen Hemianopsie verglichen. Zur
Erklärung dieses überschüssigen Gesichtsfeldes sind bekanntlich verschiedene
Momente herangezogen worden, unter anderem eine beiderseitige Hemisphären¬
innervation dieses wichtigsten Abschnittes der Sehsphäre. Dies auf die uns
interessierenden Verhältnisse über tragen, würde also voraussetzen, daß für die
sensible Innervation der medialsten Rumpfpartien gleichfalls beide Hemisphären
in Betracht kommen.
Wir haben weiter gesehen, daß sich in der lateralen Partie des Rumpfes
meist noch weitere, nach der Intensität der sensiblen Störung abgestufte Zonen
abgrenzen lassen. Dureh Untersuchungen an mir selbst und an anderen habe
ich mich überzeugt, daß es sich hier nicht etwa um schon de norma vorkommende
Differenzen handelt, daß bei Gesunden vielmehr die Sensibilität an den medialen
und lateralen Rumpfpartien gleich scharf ist
Die Sensibilitätsstörung am Rumpfe ist bei der zerebralen Hemianästhesie,
wie wir gesehen haben, überhaupt schwächer als die an den Extremitäten und
kann sich im weiteren Verlauf auch wieder vollständig verlieren, während sie
an den Extremitäten noch deutlich ist Nun wissen wir, daß die Sensibilität
am Rumpfe de norma schon viel weniger ausgebildet ist als an den Extremitäten,
wie unter anderem die verschiedene Größe der Weber sehen Tastkreise da und
dort zeigt. Das legt den Gedanken nahe, daß die Sensibilität des Rumpfes
eine relativ schwache Vertretung im Kortex hat, eine schwächere als etwa die
der Extremitäten, speziell der distalen Abschnitte der oberen Extremitäten. Das
ist verständlich, wenn wir die verschiedenen Aufgaben, die der Sensibilität der
Extremitäten gegenüber jener des Rumpfes und Kopfes, Organen, die relativ
geschützt liegen, zukommen, vergleichen. Die Sensibilität des Rumpfes hat im
wesentlichen nur primitive Funktionen zu leisten, die Abwehr gewisser Schäd¬
lichkeiten, die Auslösung von Reflexbewegungen usw., während die Sensibilität
der distalen Extremitätenabschnitte bei der Abtastung, der Besitzergreifung
der Umwelt u. a. von größter Bedeutung ist. Die Verschiedenheit in der In¬
tensität der kortikalen Ausfallserscheinungen entspräche also im wesentlichen
der Verschiedenheit der normalen Ausbildung. 1
Mit dem Gesagten stimmt überein, daß bei Fällen von sensiblem Jackson
nicht selten der Rumpf relativ frei bleibt. Auch sei erwähnt, daß z. B. Valken-
bueg* in einem Falle, wo er die sensiblen Foci der Hirnrinde beim Menschen
elektrisch reizte, keinen Punkt angibt, dessen Reizung sensible Empfindungen
am Rumpfe ausgelöst hätte.
Wie wir sonst bei zerebralen Prozessen einen unzweifelhaften Parallelismus
1 Damit ist freilich nicht erklärt, warum die lateralen Partien des Rumpfes soviel
stärker betroffen sind als die medialen.
1 Valkbnbdro, Zur fokalen Lokalisation der Sensibilität in der Großhirnrinde des
Menschen. Zeitechr. f. d. ges. Neurol. XXIV. 1914. S. 294.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
856
zwischen motorischer und sensibler Störung finden in dem Sinne, daß jene
Körperpartien, die bei entsprechenden Hemisphärenläsionen der Sitz der schwersten
Motilitätsstörung sind, auch bei der zerebralen Heinianästhesie am intensivsten
ergriffen sind, sehen wir dies auch am Rumpfe, dessen Motilität bei der zere¬
bralen Hemiplegie freibleibt oder nnr wenig betroffen ist und der auch bei
der zerebralen Hemianästhesie weniger ergriffen ist als die Extremitäten. Für
ersteren Umstand zieht man die beiderseitige Hemisphäreniunervation, bzw.
Innervation durch subkortikale motorische Zentren heran, v. Monakow 1 weist
unter anderem auch darauf hin, daß nach experimentellen Untersuchungen die
Rumpfmuskulatur hauptsächlich von subkortikalen Hirnteilen innerviert werde.
„Wenn auch entsprechende Foci nicht ganz fehlen, so können sie doch nur
rudimentär sein, bzw. sie müssen anders lokalisiert sein als die übrigen Foci.“
Kann dies auch für die sensible Innervation des Rumpfes gelten? Rbao
und Holmes 2 nehmen z. B. an, daß für alle „affektiven“, mit einem Gefühlston
verbundenen sensiblen Reize der Thalamus opticus die Endstation bilde, in
der sie zum Bewußtsein kommen. Gerade diese relativ primitiven Funktionen
sind es ja, die die Sensibilität des Rumpfes leistet. Aber unsere ganzen Kennt¬
nisse vom Bau und von der Funktion des Hirns weisen uns darauf hin, alles
Bewußtsein iu die Großhirnrinde zu verlegen; daher stößt die Ansicht von
Head und Holmes gewiß auf Schwierigkeiten. Jedenfalls aber zeigt sich,
daß auch iu theoretischer Hinsicht das Studium der Sensibilitätsstörungen
am Rumpfe weiteres Interesse verdient. Dazu vielleicht angeregt zu haben,
erscheint mir der Hauptzweck der vorliegenden Mitteilung.
2. Zur Kenntnis der tigrolytischen Ganglienzellschwellung.
Von Dr. F. J. Stuurman,
Irrenanstalt „Meerenberg“ (Holland).
In diesem Centr. 1915. Nr. 14 hat K. Schaffer einen Aufsatz über die
„histologische Charakteristik der Ganglienzellschwellung“ veröffentlicht Der
Autor fand nach experimenteller wie pathologischer Nerven-bzw. Wurzelschädigung
eine Reaktionsform der Ganglienzelle, welche er als exogen-traumatische Ganglien¬
zellschwellung der endogen-krankhaften Ganglienzellschwellung, welche er bei
der familiär-amaurotischen Idiotie fand, gegenüberstellt Die Kennzeichen beider
Formen waren:
I. ZellsohweUung duroh exogen-
traumatischen Einfluß:
1. Zentrale Chromolyse.
I II. ZellsohweUung durch endogen-
l bedingten Einfluß entstehend:
: 1. Peripherer Schwund der chromati-
! sehen Substanz.
‘ L. c. S. 207.
1 Hkad und Holmes, Sensory distarbances froui cerebral lesiona. Br&in. XXXIV.
Ref. Neurolog. Centralbl. 1912. S. 965.
Digitized by
Go», igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
857
2. Chromolytisohe Zerstäubung. 2.
I
if*
3. Periphere Lagerung des Kerns. : 3.
4. Kern gedunsen und hell. 4.
5. Zellkörperschwellung, Dendriten frei, j 5.
höchstens diffus geschwellt i|
Fortschreitender Schwund der chro¬
matischen Substanz.
Überwiegend zentrale Lagerung des
Kerns.
Kern gefärbt und kleiner.
Nebst Zellkörpersohwellung noch lo-
kal-ballonfönnige Dendritenblähung.
Als Hauptunterschied haben wir also, daß die Erkrankung bei der ersten
Form zentral, bei der zweiten peripher einsetzt „Ob sich hieraus (schreibt der
Autor) nicht ein Verhältnis zwischen Kern und plasmatischer Nissl-Substanz er¬
geben dürfte, mag vorläufig dahingestellt sein; immerhin bleibt die interessante
Tatsache bestehen, daß als das ultimum moriens bei exogen-traumatischer Neu¬
ronenverletzung die periphere chromatische Substanz erscheint, hingegen es bei
endogener Neuronenerkrankung die zentralen, perinuklearen Nissl-Portionen sind.“
Ich meine nun, daß der Autor bei seiner Betrachtung zu viel Gewicht auf
diesen Unterschied legt, weloher meines Erachtens nicht prinzipiell ist, sondern
in seinen Fällen zufällig vorhanden war zufolge den bestimmten Stadien, in
welchen die Zellerkrankungen sich befanden.
Wenigstens bei der tigrolytischen Ganglienzellschwellung nach Nerven¬
durchschneidung fand ich dem Grade der Erkrankung gemäß sehr verschiedene
Zustände.
In meiner Dissertation 1 habe ich im letzten Abschnitte „Über Tigroid und
Tigrolyse“ diese Befunde besprochen. Weil diese Dissertation in der holländischen
Sprache erschienen und also selbstverständlich im Auslande wenig bemerkt
worden ist, möchte ich meine Befunde betreffs des obengenannten Gegenstandes
an dieser Stelle kurz mitteilen.
Für meine Arbeit hatte ich bei verschiedenen jungen Kaninchen den Nervus
vagus an verschiedenen Stellen reseziert, wie auch seine wichtigsten Aste. Die
Nissl-Präparate des verlängerten Markes dieser Tiere zeigten tigrolytische Dege¬
neration in den ventralen und dorsalen Vaguskernen. Bei den Tieren mit
Vagusdurchschneidung, bei welchen sowohl der ventrale, wie auch der dorsale
Kern degeneriert war, ergab sich immer, daß der ventrale Kern viel weniger
schwer affiziert war, als der dorsale Kern. Im letzteren waren oft zahlreiche
Zellen ganz und gar verschwunden, während die übrigen sehr stark verändert
waren mit fast vollständiger Tigrolyse und randständigem, geschrumpftem Kerne
oder ohne sichtbaren Kern. Im ventralen Kerne hingegen waren gar keine
Zellen verschwunden; einzelne zeigten die schwere Veränderung wie die Zellen
des dorsalen Kerns, die meisten aber nur eine geringe Tigrolyse mit Anhäufung
des Tigroids ringsum den noch zentral liegenden, etwas geschwollenen Kern.
Daß wirklich dieser Zustand als eine leichtere Erkrankung als diejenige des
dorsalen Kerns zu betrachten war, ergab sich aus der Vergleichung mit anderen
Serien, bei welchen die Intensität der Erkrankung verschieden war. War z. B.
1 Ober den Ursprung des N. vagus beim Kaninchen. Amsterdam 1913.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
— 858
der dorsale Kern fast ganz uud gar verschwunden, so waren die Zellen des ven-
traten Kerns im,Bta4ttt0:':^h^ker v 7ign»]j8d'' mit randständigem Kerne; waren
hingegen pur wenigeZellen dös dorsaleii KetüB serschwünden, so wurden m
reutrtÖea Kerne adssebiießlicK Zellen gefunden mit geringer Tigmlyse and An-
hähfaog; des Tigrpids um die zentral gelegenen Kerne. Ich zog also den Schluß,
daß die mit Zelte uud Kernsehweilung und Anhänfuhe
des Tigroids riugs um den Kern anfäogt. Unter fortschreitender Tigrolyse,
fif
im§:z
2 äf Vu
sEWjji;;
,.3Ä
j&m •;
V:.
i'iv 4»
• -v 'tcssy-
:ä«sr
|K
iö{^ v;;‘
l 1 '-* \
.V^'V
>4 '*«
4 i # £*
2 is.
Zm Sm£&.
:ä A
\P "ö
täsHp*
$pii ipÄ
c«
-
jlö
*■.
.
I ” 9 1 ''S-’: ), ’ ■ V' ^
ISO
_JL_
Tigfolytische Zehen des N, ambiguus inferior,
wodurch der Zellkörper und später auch, der Kern diffus gefärbt wird, geht der
Kern mit den Kesten des Tigroide penpherwärts; dann zeigt der Karn deutliche
Schrumpfang und verschwindet; dis diffuse Färbung der Zelle nimmt wieder
•ab (sogen, Achrbmatose), uud ein ‘formloser, bleicher „Schatten** ist das letzte,
was wir von der Zeile sehen. Die hier wieder reproduzierte Fig. 14 meiner
Dissertation zeigt die' yerMiiedmn Stadien der Zeiterkrankung. Es sind Zellen
aus dem großzelligen kaudalen Abschnitt^de» ventralen Vaguskerns (K. ambiguus
inferior). Die 'Numerierung der Zellen ist nicht übereinstimmend mit dem Gradt
der Erkrankung.- "Vieiaiehr ist die .Reihenfolge- derart, daß Zelle 8. die leichtest
erkrankte Zelle ist; - dann, folgen Zeile 2, l. 6> 5. 4, t 8, 10, indem Nr. 5» da»
kernlose Eadsladiutu darsteilt . ' ■ . : . :
Original ffom
Go gle
859
Außer von der speziellen Empfindlichkeit der Zellart, wie aus obenstehendem
folgt, zeigte sich die Intensität der Erkrankung abhängig von der Gewalt und
der Stelle des Eingriffs, von der Überlebensdauer nach der Operation und vom
Alter des Probetieres. Größere Gewalt, z. B. gewaltsames Zerreißen des
Nerven, mehr zentrale Durchschneidungsstelle, längere Überlebenszeit (innerhalb
2 bis 8 Wochen) und jüngeres Alter geben schwerere und schnellere Erkrankung.
Damals habe ich schon darauf hingewiesen, daß der oben beschriebene Be¬
fand nicht übereinstimmt mit der klassischen Beschreibung der tigrolytischen
Degeneration (Nissl, Mabinesco, van Gehüohten). Neulich habe ich meine
Präparate nochmals durchgesehen und kann nur meine früheren Beobachtungen
bestätigen. Die tigrolytische Zelldegeneration fängt nicht zentral an, sondern
im Anfangsstadium kommt es zur zentralen Anhäufung des Tigroids rings um
den geschwollenen Kern, indem an derJPeripherie das Tigroid sich auflöst, und
erst später geht der dann schrumpfende Kern peripherwärts mit den Besten
des Tigroids.
Ich möchte also warnen vor einer Gegenüberstellung verschiedener Dege¬
nerationstypen auf Grund von Unterschieden, welche man nur in einem be¬
stimmten Stadium antrifft.
Keineswegs will ich die Wahrscheinlichkeit bestreiten, daß verschiedene
Degenerationsformen bestehen, namentlich z. B. eine hereditär- degenerative, eine
toxische (endogen oder exogen) und eine traumatische (bei Verwundung des
eigenen Neurons; ob Läsion des sekundären Neurons tigrolytische Degeneration
zur Folge hat, möchte ich noch bestätigt sehen). Vielleicht ist die frühzeitige
Kernschrumpfung und -farbung bei der amaurotischen Idiotie ein wesentliches
Merkmal zur Unterscheidung von der traumatischen Degeneration.
11. Referate.
Kriegsbeobachtungen.
1) Über Sohädelsohüsse, von M. Maresch. (Wiener klin. Woohenschr. 1915.
Nr. 38.) Ref.: Pilcz (Wien).
Fall I. Prellschuß 19. XII. Aufnahme 10 Tage später, benommen, Aphasie,
rechtsseitige Hemiplegie. Nach Operation geringe Aufhellung des Bewußtseins,
dann meningeale Symptome, Exitus am 2.1.
Fall II. Steckschuß vor 5 Tagen. Sensorium getrübt, keine LähmungB-
ersoheinungen. Fieber. Bei Operation entleert sioh reichlich Eiter. Exitus nach
3 Tagen unter meningitischen Erscheinungen.
Fall III. Tangentialschuß am Vortage. Bewußtsein erhalten, leicht febril,
keine Lähmungserscheinungen. Operation. Im Laufe der nächsten 4 Wochen
m&ßiger Hirnprolaps, im übrigen Befinden zufriedenstellend.
Fall IV. Steckschuß am Vortage. Keine Bewußtseins- oder Motilitäts¬
störungen, Austritt von Hirnmasse aus Sohußöffnung. Operation, bei welcher zahl¬
reiche Knochensplitter entfernt, .Geschoß jedoch nicht gefunden werden konnte.
Heilung. Beobachtungsdauer 2 */ s Wochen.
Fall V. Tangentialschuß mit sofortiger rechtsseitiger Lähmung und Aphasie,
Sensorium getrübt. Operation an demselben Tage. Fieber. Beobachtungsdauer
Digitizeü by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
860
nur 8 Tage; Sensorium völlig frei, normale Temperatur, Aphasie und Hemiplegie
unverändert.
Fall VI. Tangentialschuß am Vortage. Operation. Heilung.
Fall VII. Tangentialschuß am 16. V., bewußtlos, rechtsseitig gelahmt, apha-
sisch, fiebernd. Operation 3 Tage später. Schwinden der Aphasie und Besserung
der Hemiplegie.
Fall VIII. Prellschuß am 17. V., Aufnahme nach 6 Tagen, linksseitige
Parese. Nach Operation Heilung der Lähmung.
Fall IX. Steckschuß am 17. V., Aufnahme nach einer Woche, Sensorium
getrübt, Fieber. Bei Operation entleert sich Eiter. Exitus nach einer Woche
unter meningitischen Symptomen. Obduktion: Eitrige Meningitis und Hirnabszeß,
in dem eine Schrapnellfüllkugel liegt.
Fall X« Tangentialschuß am 25. V., Aufnahme 2 Tage später, benommen,
Motilität ungestört. Fieber. Am Halse großer Abszeß. Operation. Heilung.
Fall XI. Tangentialschuß am Vortage. Klagen über schlechtes Sehen. Puls¬
verlangsamung. Schußwunde am Hinterhaupte median. Operation. Besserung
des Sehvermögens.
Außerdem hatte Verf. noch einen Steck« und einen Durchschuß operiert, ohne
den Exitus aufhalten zu können, drei Tangentialschüsse und einen Durchschuß
durch Operation geheilt.
Verf. schließt, daß jeder Schädelschuß unbedingt und sofort operiert werden
muß, und daß der operierte Fall so spät wie möglich abtransportiert werden solL
Zahlreiche andere Einzelheiten dieser Arbeit von vorwiegend chirurgischem
Interesse mögen im Originale nachgelesen werden.
2) Erfolge und Mißerfolge bei der operativen Behandlung der Soh&del-
sohüsse, besonders der Durchschüsse, von B. 0. Pribram. (Wiener klin.
Wochenschr. 1915. Nr. 38.) Ref.: Pilcz (Wien).
Fall I. Tangentialschuß vor etwa 2 Wochen. Somnolenz, kleiner, nekro¬
tischer Hirnprolaps, rechtsseitige spastische Parese mit Sprachstörung artikulato-
rischer und aphasischer Art, Bauchdeckenreflex rechts fehlend. Operation, kein
Eiter, Entfernung von Knochensplittern. Sofort Sprache normal, afebril, Lähmung
geschwunden. Am 6. Tage plötzlich Somnolenz, totale Lähmung mit Aphasie,
Fieber. Aus der Wunde entleeren sich stark hämorrhagische Himmassen. Exitus.
Bei Obduktion kein Eiterherd, hämorrhagische Kolliquationsnekrose der lädierten
Hemisphäre, diffuse Hirnschwellung.
Fall II. Schädeldurchschuß von Hinterhauptschuppe zur rechten Stirnseite.
Operation, wobei sich stark eitrig belegter Prolaps zeigt* Nach einigen Tagen
schwerer Somnolenz und Fiebers fortschreitende Besserung, endlich Heilung.
Fall III. Schädeldurchschuß von Hinterhaupt zu rechter Schläfe, Ausschuß
sezernierend. Somnolenz, Bradykardie, Visus herabgesetzt. Nach einigen Tagen,
ohne Operation, zunehmende Besserung, Visus wurde normal, Heilung.
Fall IV. Schädeldurchschuß von hinten nach vorn rechts. Totale linksseitige
Lähmung, Bradykardie, Somnolenz, Fieber. Bei Operation Eiter und Knochen¬
splitter. Darauf Temperatur 39°, Pat. fühlt sich wohler, Lähmung unverändert,
Eitersekretion nimmt ab, Temperatur nimmt staffelförmig ab, Exitus, ohne menin-
geale Symptome, in tiefer Somnolenz.
Fall V. Durohuß von linker Stirn- zu linker Hinterhauptseite, starke Eiter¬
sekretion. Somnolenz wird geringer, Temperatur subfebril, Puls normal. Operation
am 18. Tage nach Verletzung ergibt großen Okzipitalabszeß. Eröffnung, Drainage,
Heilung.
Fall VI. Ein- und Ausschuß nahe beieinander auf rechter Kopfseite. Hint-
prolaps mit starker Eitersekretion. Fieber. Somnolenz. Schlaffe linksseitige
Lähmung mit Hypästhesie. Operation 16 Tage nach Verletzung. Prolaps von
Digitized by
Gck igle
Original from
UMIVERS1TY OF MICHJJüLL*
861
Abszeßchen durchsetzt, Knochensplitter« Aus Tiefe entleert sich massenhaft Eiter.
Auoh in der Folge entleeren sich noch immer Knochensplitter. Zunehmender
Rückgang der Lähmungen, Zunahme der Reflexlebhaftigkeit. 3 Monate nach
Operation Gang spastisch behindert.
Fall VII. Schädeldurchschuß von links her, motorische Aphasie, völlige
rechtsseitige Lähmung, Lesen und Leseverständnis erhalten. Nach Entfernung der
Splitter verschwand sofort sowohl schlaffe Halbseitenlähmung wie Aphasie, die
volle 18 Tage unverändert bestanden hatte. Intensität der Reflexe nahm zu. Es
stellten sich allmählich stärkere Spasmen ein, sowie Tremores in rechtsseitigen
Gliedmaßen.
Verf. macht in den epikritischen Bemerkungen besonders auf diese das Ope¬
rationsresultat hinterher beeinträchtigenden Spätfolgen aufmerksam, denen ver¬
mutlich lokale Degeneration und Sklerosen als Splitterdruckfolge zugrunde liegen.
Zahlreiche Einzelheiten mögen im Originale nachgelesen werden.
8) Bemerkenswerte Fälle von Verwundung des Sehorgans, von Prof. Ol off.
(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 39.) Ref.: Kurt Mendel.
Den Neurologen interessiert Fall II: Gewehrschuß in Hinterkopf. Rechts
neben der Protuberantia occipitalis externa eine kleine, mit den Knoohen ver¬
wachsene Narbe (Einschuß). Ausschußnarbe fehlt. Linke Pupille etwas weiter
als rechte und leicht entrundet. Linksseitige homonyme Hemianopsie; sehr aus¬
gesprochene hemianopische Pupillenstarre: wurde Licht nur auf die rechten Netz¬
hauthälften geworfen, so blieb die Reaktion aus, dagegen machte sich die letztere
sofort bemerkbar, sobald die linken Netzhauthälften isoliert belichtet wurden. Das
Röntgenbild zeigt, daß das Geschoß über dem rechten Felsenbein mit der Spitze
nach hinten gerichtet liegt. Trotz der Schwere der Gehirnverletzung bestanden
Ausfallserscheinungen nur von seiten der Augen.* Diagnose: Verletzung des rechten
Tractus opticus.
4) Über Laminektomie bei Steckschüssen des Rückenmarks, von G. Perthes.
(Beitr. z. klin. Chir. XCVII. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Fälle von Rückenmarkslähmung mit Fehlen der Ausschußöflhung sprechen
von vornherein für Steckschuß des Rückenmarks. Eine Deformation oder eine
umschriebene Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule ist zumeist nicht nachweisbar.
Höchstens findet man Schmerzempfindung beim Druck auf die dem verletzten
Wirbel entsprechende Rippe. Das Rückenmark kann auch unter der unverletzten
Dura quergequetscht sein. Die Art des Geschosses ist für die Prognose von nicht
zu unterschätzender Bedeutung. Schrapnellgeschosse bewirkten jedesmal eine voll¬
ständige Zertrümmerung, Infanteriegeschosse dagegen nur eine unvollständige
Rückenmarksquetschung bzw. funktionelle Lähmung des Rückenmarks. Bei den
Rückenmarkssteckschüssen mit Symptomen von nur teil weiser Querschnittsläsion
ist die tunlichst baldige Laminektomie unbedingt indiziert.
6) Krieganeurologisohe Erfahrungen, von C. Mayer. (Medizin. Klinik. 1915.
Nr. 37.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Das Wesentlichste aus den Ausführungen sei hervorgehoben. Von peripheren
Nervenverletzungen der oberen Extremität fand sich der Radialis am häufigsten
geschädigt, teils allein, teils mit anderen Nerven. Wiederholt war er in den
Knochen hineingeschlagen. Auch wenn es nicht zur Fraktur kommt, wird für den
Nerven das Widerlager des Humerus an der UmschlagBStelle zu einer besonderen
Q-efahr, Auch bei sicherer Kontinuitätsunterbrechung des Radialis kann Sensi-
bilitätsstörung ganz fehlen, meist besteht nur eine leichte Hypästhesie.
In einem Falle von Durchschuß oberhalb der Kniekehle fand sich Fehlen
des Achillessehnenreflexes ohne sonstige motorische Ausfälle bei guter elektrischer
Erregbarkeit im Tibialisgebiete; es bestand nur leichte Sensibilitätsstörung im
Zehenbereicb. Für das Fehlen des Sehnenreflexes macht Verf. die Schädigung der
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIGAN
862
zentripetalen Nervenan teile verantwortlich, ln Fällen, wo Schmerzen oder Par-
ästheaien sich hei auch nur beschränkten Bewegungen im Innervationsbereich ver¬
letzter Nerven einstellen, ist es gut, an die Möglichkeit eines Aneurysmas zu
denken.
Trophische Störungen wurden besonders im Bereich der Nägel und da vor
allem im Medianusbereich, aber auch an den Zehen bei Ischiadioussohädigung -ge¬
sehen. Einzelne Fälle sind von besonderem Interesse, so Fälle von diffuser oder
knotig umschriebener Neuritis, von „NeuritiB ascendenB“, „Neuritis migrans“ u.a.m.
Die Differentialdiagnose hysterischer und organischer Störungen ist meist
nicht schwer, kann aber gelegentlich Schwierigkeiten bereiten. Zur Feststellung
des rein psychogenen Charakters hat sich Verf. gelegentlich die Ermüdung der
psychogen innervierten Muskeln durch einen durch einige Zeit fortgesetzten
mäßigen Gegenzug, also nicht durch jähe Überwältigung, bewährt. Oft genügt
die Topographie der Störung oder aber im Zweifelsfalle der Nachweis des
Schwankens bei wiederholter Prüfung.
Die therapeutischen Anschauungen decken sioh im allgemeinen mit denen
anderer Autoren, über den endgültigen Erfolg kann erst die weitere Zukunft Auf¬
schluß geben.
0) Sohußverletzungen peripherer Nerven, von Fr. Gratzl. (Inaug.-Dissert.
München 1915.) Ref: E. Boas.
Der Arbeit liegen insgesamt 15 von Gebele (München) operierte und von
Spielmeyer (München) neurologisch und nach der Exzision histologisch unter¬
suchte Fälle von Schußverletzungen peripherischer Nerven zugrunde. In 9 Fällen
war das Verfahren der Wahl die Nervennaht, in 6 Fällen die NeurolyBe. Mithin
wurde in der Mehrzahl der Fälle die Vereinigung mittels der Nervenplastik vor¬
genommen, indem der allzu große Defekt durch Halbierung einer oder beider
Nervenenden und Umschlagen gedeckt wurde. Die operativ erzielten Heilungs-
erfolge werden insgesamt auf 11 = 73 °/ 0 veranschlagt.
Die durch die Operation gewonnenen Erfahrungen scheinen nicht die Auf¬
fassung Stoffels zu bestätigen, daß es genau darauf ankommt, bei einer Nerven¬
naht streng darauf zu achten, daß die Schnittflächen der korrespondierenden
Stümpfe der einzelnen Nervenbahnen miteinander in Kontakt treten, denn es
wurden auch gute Erfolge der Nervenplastik erzielt.
7) Sohußverletzungen peripherer Nerven, von Grosse. (Bruns’ Beiträge z.
klin. Chirurgie. XCVII. 1915. H. 3.) Bef.: K. Boas.
Verf. berichtet über insgesamt 37 Fälle von Schuß Verletzungen peripherer
NerveD. Die Ergebnisse der Nervennaht bzw. Neurolyse waren in 12 Fällen
gute, in 7 Fällen war ein teilweiser Erfolg vorhanden, während dieser in 18 Fällen
ausblieb. Bemerkenswert ist das Versagen des Verfahrens an den Nerven der
unteren Extremität im Gegensatz zur oberen.
8) Über die Technik der Neurolyse, von A. Stoffel. (Deutsche med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 42.) Bef.: Kurt Mendel.
Die Technik der Neurolyse hat sich genau nach der anatomischen Struktur
des Nerven und naoh dem pathologisch-anatomischen Befund zu richten. Liegt
nur eine perineurale Narbe vor, so hat der Operateur mit ihrer Beseitigung seine
Pflicht getan; handelt es sich aber — wie zumeist — um eine endoneurale
Schwiele, so begeht er einen Fehler, wenn er sie stehen läßt; denn dieses endo¬
neurale Narbengewebe umklammert trotz der Beseitigung der perineuralen Narbe
nach wie vor die einzelnen Nervenbahnen und schädigt sie weiter. Bei der mikro¬
skopischen Untersuchung würde man wohl bei allen Nervenquetschungen eine
endoneurale Narbe nachweisen können. Dieses Narbengewebe, das die Interstitien
zwischen den Nervenbahnen ausfüllt, den Nerv (naoh Entfernung der perineuralen
Narbe) noch hart erscheinen läßt und Knirschen unter dem Messer hervorruft,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
863
muß in sorgfältigster Weise exstirpiert werden. Von Zeit zu Zeit ist mit einer
sterilisierten starken Lupe zu prüfen, wo noch Narbengewebe steht. Bei allen
diesen Arbeiten ist die Kenntnis der Topographie des Nervenquerschnittes sehr
wichtig. Man wird vor allen Dingen die motorischen Bahnen aus der Narben¬
masse exakt herausschälen und die sensiblen Bahnen erst in zweiter Linie be¬
rücksichtigen. Ist die Auslösung der einzelnen Bahnen beendet, dann werden die
Nervenbahnen wieder zu einem Kabel zusammengelegt und das ganze wird um¬
scheidet, am besten mit in Formalin gehärteten Kalbsarterien oder -venen oder
Kalbsperitoneum. Es kann Vorkommen, daß innerhalb desselben Nervenkabels
teils die Neurolyse, teils die Nervennaht auszufuhren ist.
Da ein Nerv sich ausgiebiger und schneller regeneriert, wenn er entspannt
ist, so sind nach der Neurolyse die Nachbargelenke so zu stellen, daß der Nerv
eine völlige Entspannung aufweist.
Niemals ist eine Narbe am Nerven zu resezieren, ohne daß man den Ver¬
such gemacht hat, in das Innere der Narbe einzudringen.
9) Über „rheumatische“ Affekttönen im Felde und über Tomisterdruok-
neuralgien, von Strasser. (Zeitschr. f. physikal. u. diätet Therapie. 1915.
Oktober.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. bespricht zunächst die vielen „rheumatischen“ Affektionen, die im Feld¬
zuge zur Behandlung kommen. Besonders geht er auf eine Affektion ein, die
anfangs häufig, jetzt fast niemals mehr beobachtet wird. Die Patienten klagen
über Schmerzen am 7. bis 9. Dornfortsatz und seitlich in der langen Rücken¬
muskulatur, ferner etwa 2 cm nach außen von der Synchondrosis sacro-iliaca
beiderseits und endlich längs des Darmbeinkammes bis zur Spina anterior superior.
Objektiv sah man am 7. bis 9. Dornfortsatz meist eine dunkle, etwa kronengroße
Hautverfärbung, seitlich davon Druckschmerzhaftigkeit, die besonders deutlich an
den anderen angegebenen Partien war, dabei manchmal ausgesprochene Atrophie
des M. glutaeus superior und medius mit Herabsetzung der Sensibilität an der
Haut. Es handelt sich um Druckerscheinungen, und zwar Druckmyositiden, Druck¬
neuralgien und wohl auch Druckneuritiden. Die Ursache bilden die Tornister.
Seitdem man vom beweglichen zum Stellungskampf übergegangen ist, wobei die
Soldaten die Tornister ablegen konnten, hat Verf. die Affektion nicht mehr ge¬
sehen. Sie ist im übrigen nicht schwer und heilt ziemlich schnell. Der Ersatz
von Tornistern durch Rucksäcke hat auch einen guten Einfluß gehabt.
10) Über Gamazohenzchinerzen, von A. Schüller. (Wiener med. Wochenschr.
1915. Nr. 35.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. konnte bei einer großen Zahl von Offizieren, welohe lange Zeit hin¬
durch die Strapazen des Feldzuges mitgemacht hatten, das Vorhandensein inten¬
siver, entlang den Schienenbeinen lokalisierter Schmerzen konstatieren. Die ob¬
jektive Untersuchung ergab zumeist keinerlei Symptome einer organischen Affektion.
Als Ursache der charakteristischen Schmerzen ließ sich die mechanische und
kalorische Schädigung der Untersohenkel durch das lange Tragen enganliegender
Gamaschen — Leder-, seltener Wickelgamaschen —, welche für die Offiziere der
österreichischen Fußtruppen vorgeschrieben sind, feststellen.
11) Über zogen. „Blasenaohwäohe“ bei Soldaten, naoh Beobachtungen ln
der Festung Przemyzl. Aus dem Jahresbericht für 1914 des Festunga¬
spitais, von Lipschütz. (Wiener klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 35; vgl.
d. Centr. 1915. S. 732.) Ref.: Pilcz (Wien).
Auslösende Ursache Erkältungsmoment, nur in vereinzelten Fällen neurotische
Belastung oder Bettnässen in früherer Zeit oder in der Kindheit. Beginn
mit Harndrang, häufiger Harnentleerung, manchmal auch kontinuierliches Harn¬
träufeln im weiteren Verlaufe. Harnmenge normale Werte. Objektiv sonst nega¬
tiver Befund.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
864
Verf. schätzt die Zahl der beobachteten Fälle auf etwa 600, trachtet den
Zustand gegenüber Simulationstendenz abzugrenzen und gegenüber der Enuresis
nocturna.
Das als „Enuresis diurna et nocturna adolescentium“ zu charakterisierende
Leiden ist heilbar oder mindestens im bedeutenden Grade besserungsfähig.
Therapeutisch empfiehlt Verf. Bettruhe, Anwendung von Thermophoren.
12) Versuch einer Analyse der Miktionsanomalien naoh Erkältungen, von
0. Schwarz. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 39.) Ref.: Pilcz.
Verf. achtete auf folgende Momente: Hypertonie des Sphinkters, sich äußernd
durch Hindernis beim Katheterismus, Hypotonie — ausdrückbare Blase —,
Detrusorfunktion, geprüft durch Manometerversucb, gleichzeitig auch Maßstab für
Dehnungsempfindlichkeit der Blase, endlich Sensibilität der Blasenschleimhaut,
geprüft durch Sondenuntersuchung, Spülungen mit warmer und kalter Flüssigkeit
und Sondenelektrode.
Bei Pollakisurie keine ausdrückbare Blase, Hypertension des Detrusoro. Zu¬
sammentreffen von Hypertonie mit Residualharn.
Bei typischer Enurese außerordentliche Hyperästhesie der Blase für Deh¬
nungsreize.
In einigen Fällen von Harnverhaltung kein Sphinkterspasmus; daher neben
eventueller Detrusorparese Unvermögen zur Relaxation des Sphinkters.
Detrusorhypertonie ist auf Erigensreizung, Retention auf Erigenslähmung
zurückzuführen.
In einigen Fällen ist die Annahme einer infektiösen peripheren Nervenaffektion
höchst wahrscheinlich, in einem Falle bestand z. B. auch Rekurrenslähmung.
Verf. erinnert an die Krankheitsgeschichte v. Pithas, der im Verlaufe von Poly¬
neuritis an schwerster dysurischer Pollakisurie erkrankte.
Die eigenen Beobachtungen des Verfi’s ergaben zunächst Bestätigung der
Befunde von Stiefler-Volk über das Auftreten von Miktionsanomalien naoh Er¬
kältungen. Für einzelne Fälle glaubt Verf. eine periphere, infektiöse Nerven¬
affektion als Ursache annehmen zu müssen, die durch Detrusorhypertonie Pollakisurie
erzeugt, das anderemal Retention durch Aufhebung der aktiven Dilatationsfähig¬
keit des Sphinkters neben einer Parese des Detrusors.
Die Krankheitsgeschichten einiger Fälle werden auszugsweise mitgeteilt.
Kurven veranschaulichen Manometerbefunde bei normalen und pathologischen
Fällen.
13) Soll man wieder „traumatische Neurose“ bei Kriegsverletzten dia¬
gnostizieren P von M. Nonne. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 31.) Bef.:
E. Tobias (Berlin).
Verf. faßt seine Ausführungen wie folgt zusammen:
1. Es ist auffallend, wie verhältnismäßig selten bei unseren Soldaten nach
schweren Körperverletzungen Symptome von Neurose auftreten. Die Neurosen, die
wir sehen, stellen sich am häufigsten als lokale Hysterie, als allgemeine Hysterie,
als Neurasthenie, als Erschöpfungsneurose und als Kombination dieser Neurosen
dar. Die im Krieg erworbene Hysterie ist auffallend häufig mit vasomotorischen
Erscheinungen verbunden.
2. Das aus hysterischen, neurasthenisohen und hypochondrischen Symptomen
kombinierte, mit vasomotorischen Anomalien verbundene Krankheitsbild mit dem
Namen „traumatische Neurose“ zu bezeichnen, ist objektiv nicht begründet, denr.
dasselbe Bild kommt auch ohne Trauma vor.
3. Die häufigste Ursache der Neurosen naoh Trauma im Kriege sind Granat-
explosionen. Der psychische Shock und die Luftdrnckwirkung sind die Ursache
der nervösen Störungen, das erste Moment ist von größerer ursächlicher Wirkung
als das zweite.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
- MICMI04U
865
4. Die Möglichkeit, durch geeignete suggestive Therapie in vielen Fallen
plötzliche Heilung auch bei schweren und ganz schweren Komplexen zu erreichen,
spricht gegen die Annahme, daß es sich bei diesen Fällen um anatomische Ver¬
änderungen irgendwelcher Art im Zentralnervensystem handelt.
5. Bei der akuten Entstehung des Krankheitsbildes spielen irgendwelche Be¬
gehrungsvorstellungen keine Rolle. Bei der Fixierung bzw. Überführung desselben
zur Unbeeinflußbarkeit durch ärztliche Therapie spielen Begehrungsvorstellungen
eine Rolle, und zwar in der durch den Krieg bedingten Modifikation.
6. Die Prognose der Neurose ist nicht nur bei nicht 'belasteten und kon¬
stitutionell vorher gesunden Personen gut, wenn bei Fehlen der Begehrungs¬
vorstellungen energisch suggestiv vorgegangen wird; die Hypnose erzielt auffallend
häufig Heilung. Die Prognose ist auch dann gut, wenn die durch den Krieg be¬
dingten Begehrungsvorstellungen beseitigt sind, d. h. nach Entlassung aus dem
Frontdienst oder nach Beendigung des Krieges. Darfiber, ob Rentenbegehrungs-
vorstellungen die Neurose auch nach dem Kriege fixiren werden, müssen spätere
Erfahrungen belehren.
7. Den ärztlichen Gutachtern soll die an sich günstige Prognose der im
Krieg erworbenen Neurosen bei der Begutachtung und Entschädigungsfrage vor
Augen stehen. Der Name „traumatisohe Neurose“ soll, weil mit ihm vielfach bei
Ärzten und Laien der Begriff der Unheilbarkeit auch heute noch verknüpft ist,
vermieden werden.
8. Das kann auch geschehen, weil auch der Krieg nicht gezeigt hat, daß es
eine durch ein körperliches oder psychisches Trauma (oder beide zusammen) be¬
dingte charakteristische spezifische Neurose gibt.
14) Kriegskasuistische Mitteilungen, von A. Schüller. (Wiener klin. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 36. Beiblatt „Der Militärarzt“. Nr. 20.) Ref.: Pilcz (Wien).
24jähr. Offizier erleidet infolge von Granatexplosion einen schweren Nerven-
shock nebst Kontusionen der Bauchorgane. Die an verschiedenen Spitälern ge¬
stellten Diagnosen „Erblindung des linken Auges, Beckenfraktur, Blutung im
Rückenmarke, Lähmung des rechten Beines“ bewahrheiteten sich nicht. Die zu
diesen Diagnosen führenden klinischen Erscheinungen entpuppten sich vielmehr
als Symptome einer Neurose, die unter Suggestivtherapie soweit ausheilte, daß
schließlich nur eine auf funktioneller Skoliose der Wirbelsäule beruhende Ver¬
kürzung des rechten Beines zurückblieb. Diese Skoliose, welohe die von Oppen*
heim geschilderten Charaktere der hysterischen Skoliose an sich trug, erwies sich
als sehr hartnäckig gegenüber jedem Behandlungsversuche.
15) Die Anamnese der sogen. Kriegspsyohonenrosen, von Dr. Lauden-
heimer. (Münchener med. Wochenscbr. 1915. Nr. 38. Feldärztl. Beilage.)
Ref.; Kurt Mendel.
Die im Feldzug entstandenen psychischen und nervösen Störungen treffen
vorwiegend Disponierte (erworbene oder angeborene Veranlagung). Verf. fand
fast 90% Disponierte. Die größte Gruppe bilden die Ängstlich-Depressiven;
kein einziger dieser Gruppe wurde wieder felddienstfähig, kein einziger war ver¬
wundet; sie sind meist schon in den ersten Wochen nach dem Ausrücken ins
Feld zusammengebrochen. Dann kommen die Neurastheniker (bis auf einen
waren alle schon vor dem Kriege nervenschwach), 60% gingen wieder geheilt
ins Feld. Dann die Hysteroiden, darunter viele Unbelastete und viele schwer
Verwundete, dann die Epileptoiden, bei denen das konstitutionelle Moment in
keinem Falle zweifelhaft, das exogene in allen belanglos war, schließlich die
Psychopathen, zum größeren Teile Offiziere, bei allen waren schon vor dem Krieg
psychopathische Reaktionen nachzuweisen; bei den leichten Fällen (40%) stellte
sich Felddienstfähigkeit wieder her.
Betreffs der Zivilverhältnisse ergab sich, daß die unter primitiven Verhält-
xxxiv. 55
Digitized by
Original fro-m
UNIVERSiTf OF MICHIGAN
866
niesen arbeitenden Berufe zu nervösen Erkrankungen im Kriege am wenigsten
oder fast gar nicht disponiert sind, während die Gehirnarbeiter und Angehörige
der oberen Stände am meisten dazu neigen.
Die sehr seltenen Fälle, wo anscheinend bei Nichtdisponierten durch Kriegs¬
ereignisse psychoneurotische Störungen entstehen, äußern sich in bysteroiden Sym¬
ptomen und schließen sich vorwiegend an Granatexplosionen an. Epileptoide
Konstitutionen, auch ohne epileptische Anfälle, sind, weil zu Konflikten mit der
Disziplin neigend, im Felde bedenklich.
16) Über Psychosen beim Kriegstyphus, von Fluss er. (Wiener med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 39.) Bef.: Pilcz (Wien).
Während unter etwa 750 Dysenteriefälleu Verf. keinen Fall von Psychose
sah, konnte er bei 24 von 750 Typhusfällen, d. h. in 3,2 °/ 0f Psychosen beob¬
achten, deren Krankheitsgeschichten kurz wiedergegeben werden.
Ein Parallelismus zwischen Schwere der Typhusinfektion und Auftreten der
Psychose schien. im allgemeinen nicht zu bestehen, immerhin war große Ent¬
kräftung, Abmagerung, schwere Muskeltremores, ausgesprochene Herzschwäche bei
den später psychotisch gewordenen Fällen auffallend häufig. Prodromal- oder
Initialdelirien hat Verf. nicht gesehen, Widal überall positiv, Prognose gut, Däner
der Psychose gewöhnlich einige Wochen. Soweit Anamnese verläßlich, keine be¬
sondere Belastung. Fälle mit furibunden oder mussitierenden Delirien gewöhnlich
mit Entfieberung auch psychisch frei, während gewisse isolierte Wahnideen auch
noch Bekonvaleszenz überdauerten. In einem Falle kam es zu einem Typhusrezidm
ohne Psycboserezidiv. Die Geistesstörung rezidivierte mit Typhus überhaupt nur
in den Fällen, in denen schon die Ersterkrankung mit einer Psychose einber¬
gegangen war.
In 10 Fällen war das Hauptsymptom Festhalten an .deliranten Erlebnissen
mit Konfabulation, oft nur in Form einer einzelnen Wahnidee, einmal epilepti-
former Erregungszustand, zwei Fälle von Verwirrtheit, ein Fall krankhafter Ver¬
stimmung, drei Fälle Stimmungswechsel mit mehr minder intensiven deliranten,
motorisch erregten Zuständen, bei den übrigen Fällen eigentümliche „VerBtumpfung%
zum Teil in der moralischen Sphäre, so daß es z. B. zu Diebstählen kam, einmal
dabei paranoid gefärbte Konfabulation; in einem Falle entwickelte sich in der
Bekonvaleszenz eine schwere multiple Sklerose.
17) Militftr-psyohiatrlsche Beobachtungen und Erfahrungen, von Stabsarzt
Dr. Weyert (Samml. zwangt. Abhandl. a. d. Geb. der Nerven- u. Geistes-
krankh. XI. H. 2/4. Halle, C. Marhold, 1915.) Bef.: Kurt Mendel.
Verf. gibt einen Überblick über die Tätigkeit der Posener psychiatrischen
Abteilung während der Zeit vom 1. Oktober 1911 bis 30. September 1912. Er
berücksichtigt bei seinen Ausführungen 106 daselbst beobachtete Personen. Das
Jugendirresein, die psychopathischen Konstitutionen und der angeborene Schwach¬
sinn machen den größten Teil der Zugänge aus.
Das Streben der Militärverwaltung ist ein zweifaches: 1. Verhinderung der
Einstellung von psychisch kranken oder defekten jungen Leuten in die Armee
und 2. möglichst frühzeitige Erkennung aller geistig für den Heeresdienst nicht
geeigneten Elemente.
Bezüglich der einzelnen Psychosen bzw. Neurosen führt Verf. folgendes aus:
a) Dementia praecox (23 Fälle). Die bei Soldaten beobachteten Fälle ver¬
laufen in ihrer Gesamtheit wesentlich günstiger als die im Zivilleben beobachteten.
Bei 12 von den 23 Fällen konnte erbliche Belastung nachgewiesen werden. Bei
11 (d. h. bei annähernd 50°/ 0 ) konnte festgestellt werden, daß das Leiden bereits
im Zivilleben begonnen hatte. Bei weiteren fr Fällen wurde ausdrücklich berichtet,
daß sie in der Schule mäßig waren oder schlecht und schwer begriffen. Im
ganzen gelang es, bei 74°/ 0 der Fälle von Dementia praecox, bereits vor bsv.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
— 867
bei, spätestens kurz nach dem Diensteintritt mehr oder weniger deutliche Er¬
scheinungen von Jugendirresein nachzuweisen, demnach war die frage der Dienst-
bescbädigung zu verneinen, zumal auch eine Verschlimmerung des bereits vor¬
handenen Leidens durch den Heeresdienst nicht nachweisbar war. 12 von den
23 Fällen gehörten der Hebephrenie, acht der Katatonie, einer der paranoiden
Form an, 2 Fälle waren eine Mischform von Hebephrenie und Katatonie. In
differentialdiagnostischer Beziehung kam hauptsächlich die Imbezillität in Betracht.
b) Angeborener Schwachsinn (20 Fälle). Bei 12 von 20 konnte eine erb¬
liche Belastung nachgewiesen werden. Verf. teilt aus praktischen Gesichtspunkten
die Fälle ein in: 1. leichte Formen (Debilität), bei denen Zweifel an der Dienst¬
fähigkeit noch bestehen können; 2. Schwachsinn mäßigen Grades, d. u., doch
strafrechtliche Verantwortlichkeit noch nicht ohne weiteres aufgehoben; 3. Schwach¬
sinn beträchtlichen Grades, d. u. und unzurechnungsfähig im Sinne des § 51.
c) Epilepsie (11 Fälle). 7 von den 11 möglicherweise erblich belastet. Ein
Fall gehört der traumatischen Epilepsie an, in 2 Fällen war der Zusammenhang
zwischen Schädelunfall während der Schuljahre und der späteren Epilepsie zum
mindesten wahrscheinlich.
d) Psychopathische Konstitutionen (23 Fälle). Bei 13 erbliche Belastung
nachweisbar. Eine auffallend hohe Zahl dieser Gruppe hatte in der Vorgeschichte
Selbstmordversuche. Verf. unterscheidet: 1. die erblich degenerativen psycho¬
pathischen Konstitutionen im gewöhnlichen Sinne, 2. die epileptoiden Charaktere,
3. die Haltlosen, 4. die sexuell Perversen, 5. Degenerierte mit konstitutionellen
Verstimmungszuständen, 6. die traumatisch*psychopathischen Konstitutionen.
e) .Alkoholische Geistesstörungen (9 Fälle). Verf befürwortet- dringend, mehr
als bisher jeden Soldaten, der in der Trunkenheit irgendwelche Ausschreitungen usw.
begangen hat und festgenommen wurde, sofort dem Lazarett zu überweisen. Da¬
durch, daß jetzt fast jedes Lazarett eine sogen. Geisteskrankenzelle besitzt, ist
dafür gesorgt, daß Selbstbeschädigungen des Mannes, vor allem aber auch Ent¬
weichungen verhindert werden können. Die Unterlagen, die wir auf diese Weise
für unsere Gutachten erhielten, wären höchst bedeutungsvoll.
f) Paranoia chronica.
g) Endogene Nervosität und erworbene Neurasthenie (5 Fälle).
h) Hysterie (4 Fälle).
i) Organische Hirnerkrankungen (5 Fälle): Lues cerebri, Paralyse, Hirntumor.
k) Depressives Irresein (2 Fälle).
l) Amentia (1 Fall).
m) Fürsorgeerziehung. Von 83 Patienten des Mannschaftsstandes hatten sich
12 a 14,4°/ 0 in Fürsorgeerziehung befunden: 6 Imbezille, 2 Epileptiker, 4 psycho¬
pathische Konstitutionen.
n) Kriminalität Häufigste Straftat ist der Diebstahl, dann kommt Körper¬
verletzung, Unterschlagung, Betteln, Landstreichen. Unmittelbar der Anlaß zur
psychiatrischen Beobachtung war an erster Stelle die unerlaubte Entfernung bzw.
Fahnenflucht.
18) Sexualpathologiaohes ans dem europäischen Weltkriege 1914/15, von
Kurt Boas. (Archiv f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik. LXIV. 1915.
H. 1.) Autoreferat.
Von der Anregung ausgehend, sexualpathologische Beiträge aus dem Felde
zu senden, teilt Verf. zwei einschlägige Beobachtungen fremder Autoren in eigener
Kommentierung mit.
Der erste Fall betrifft einen Patienten Massar-Osmans, bei dem die Frage
zu entscheiden war, ob ein nach der Kastration psychisch veränderter Soldat für
die unerlaubte Entfernung von dem Truppenteil zur Verantwortung zu ziehen sei.
Verf. geht zunächst auf die Rolle der Kastration in Friedens- und Kriege-
55 *
Digitized b 1
* Google
Original fro-m
UNIVERSiTY OF-MIGHIGAN
868
leiten ein and gibt eine ausführliche Analyse der somatischen und psychischen
Folgezustände der Kastration. Die letzteren faßt er unter der KoUektivbezeichnnog
der „eunuchoiden psychopathischen Konstitution“ zusammen, die zwar anderen
Formen der psychopathischen Konstitution nahe steht, ohne sich jedoch völlig
mit diesen zu decken. . ,
Was die forensische Seite der Frage angeht, so steht Verf. auf dem Stand*
punkt, die Kastraten in zivilrechtlioher Beziehung auf die Stufe eines unmündigen
Kindes zu stellen. In strafrechtlicher Beziehung stehen ihnen in weitgehendstem
Maße mildernde Umstünde zur Seite. In vielen Füllen wird direkt auf Frei«
sprechung nach § 61 unseres Strafgesetzbuches zu erkennen sein. .
Am besten stellt man Kastraten erst gar nicht in das Heer ein, um allen
Weiterungen von vornherein aus dem Wege zu gehen.
In zweiter Linie üußert sich Verf. zu den von Gau pp mitgeteilten Befunden
von Riesenphallis in den Tornistern gefallener französischer Offiziere. Gaupp
ist bereits bemüht gewesen, der Ursache der Mitnahme dieser recht schweren
Gegenstände im Tornister nachzugehen, ohne zu einem bestimmten Resultate su
gelangen. Verf. diskutiert die verschiedenen von Gaupp in Betracht gezogenen
Erklärungsmöglichkeiten, ohne sie jedoch akzeptieren zu können. Verf. hält einen
Phalluskult für vorliegend, wie er uns aus den Schilderungen der antiken Schrift¬
steller bekannt ist Entweder liegen dem Phalluskult homosexuelle Tendenzen
(Ersatz für den durch den Krieg verlorengegangenen homosexuellen Verkehr) zu¬
grunde oder, was noch wahrscheinlicher ist, fetischistische Motive. Erst im Felde,
abgeschnitten von jedem normal-geschlechtlichen Verkehr, lernt der Fetischist deo
Phallus als solchen schützen. Er bringt ihm wie die Völker des Altertums eine
Art göttlicher Verehrung dar. Repräsentiert er doch den Kern und das wesent¬
liche Merkmal der Männlichkeit. Daß der Phalluskult im Felde natürlich viel
intensiver betrieben wird als zu Hause, liegt daran, daß das Risiko, die Geni¬
talien im Kriege zu verlieren, besonders ins Gewicht fällt, und daß der, der
Phalluskult treibt, mit Inbrunst das bei sich getragene Symbol bei Tag und
Nacht anfleht, ihn mit gesunden und heilen Geschlechtsorganen nach Hause kehren
zu lassen.
19) Die diagnostisch- therapeutische Ausnutzung meiner Methode zur
FunktionsprQfung der Qefäßnerven. II. Über schädliche Einflüsse der
Heißluftbehandlung von Verwundungen auf das Nervensystem und
ihre Verhütung, von Ernst Weber. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 22.)
Ref.: E. Tobias (Berlin).
Bei den Untersuchungen des Verf.’s (vgl. d. Centr. 1916. S. 436) handelt es
sich um Registrierung des Verhaltens der Gefäßnerven bei bestimmten Reizen.
Die geeignetsten Probereize sind die Ausführung einer kurzen, kräftigen, lokali¬
sierten Muskelarbeit eines Fußes und in gewissen Fällen die Berührung der Haut
mit Eis. In der ersten Untersuchungsreihe war die Gehirnerschütterung Gegen¬
stand der Erörterung, bei den neuen Untersuchungen handelt es sich um die Ein¬
wirkung von Temperaturreizen, die nur einen Teil des Körpers betreffen. Eine
an die Wasserleitung angeschlossene Aluminium-Kopfschlange wurde auf den Kopf
der untersuchten Person aufgestülpt und kaltes oder heißes Wasser durchgeleitet.
Bei der Hälfte der Personen ergab sich eine starke Störung der ganzen GeflB-
innervation des Körpers, wenn heißes Wasser durchlief; sobald kaltes Wasser aber
an die Stelle des heißen trat, wurden die Gefäßreaktionen sofort wieder normal.
Daraufhin stellte Verf. Untersuchungen mit der Heißluftbehandlung als Nach¬
behandlung von Verwundungen an; er untersuchte 25 Kranke, die unmittelbar
vor der Heißluftbehandlung normale Blutgefäßreaktionen besaßen. Nach der Be¬
handlung war der allgemeine Innervationsmechanismus der Blutgefäße des Körper«
nur bei einem einzigen Manne völlig normal geblieben, bei einem anderen war
Digitized by
Gck igle
Original from
UMIVERS1TY OF MIC - ’ mm*
669
er nur wenig gestört, bei allen übrigen war dine vollkommene Umkehrung der
Gefäßreaktionen eingetreten. Diese schweren Störungen waren noch 2 bis 3 Stunden
nach Beendigung der Heißluftbehandlung vorhanden, manchmal länger, bis sie
sich spontan wieder zurückbildeten. Dem entsprachen Klagen über Mattigkeit,
Beschwerden beim Treppensteigen, leichtes Schwitzen usw., die meist so lange
dauerten, wie die Innervationsstörung der Gefäße anhielt. Von Bedeutung ist
nun, daß dadurch, daß dieser schädliche Zustand wochenlang täglich herbeigeführt
wird, eine gewisse Erschütterung des ganzen zentralen Nervensystems eintritt, was
für die Kriegsverhältnisse nicht ohne Wichtigkeit ist. Verf. hat nun diese un¬
angenehme Nachwirkung schon durch lokale Kälteapplikationen von 8 bis 4 Min.
beseitigen können, ohne daß es nötig war, das erhitzte Glied selbst abzukühlen;
ein beliebiges anderes Glied konnte mit der Kälteapplikation bedacht werden.
Dabei wurde eine etwa in der Zeit nach Beendigung der Heißluftprozedur in dem
geheizten Gliede noch vorhandene lokale Gefäßerweiterung nicht vermindert. (Was
an den Versuchen für den Therapeuten von Interesse ist, ist nicht der in der
physikalischen Therapie — besonders durch Winternitz — altbekannte und
längst geläufige „thermische Kontrast“, sondern die Möglichkeit der Konträst-
erzielung durch Applikation der Kälte an einer anderen Stelle als an derjenigen,
an der die Hitze eingewirkt hatte. D. Bef.)
20) Die diagnostisch-therapeutische Ausnutzung meiner Methode der Funk¬
tionsprüfung der Gefäßnerven. III. Die schädigende Wirkung von
Operationen in Narkose und Lokalanästhesie auf das Zentralnerven¬
system und ihre Beseitigung, von Ernst Weber. (Medizin. Klinik. 1915.
Nr. 36.) Bef.: E. Tobias (Berlin).
Verf. hat im Festungslazarett Kiel mit seiner Methode die Wirkung von
chirurgischen Operationen bei Lokalanästhesie oder Narkose auf das Zentralnerven¬
system in mehr als 50 Fällen untersucht Das Ergebnis war einheitlich.
Es stellte sich heraus, daß zwei verschiedene Arten des schädlichen Einflusses
der Operationen auf die Funktion der Gefaßnerven zu unterscheiden waren, die
nicht unmittelbar miteinander Zusammenhängen und auch nicht gleichzeitig neben¬
einander zu bestehen brauchen. Es war dies neben der völligen Umkehrung der
Funktion der Gefäßnerven bei bestimmten Beizen, besonders bei der Ausführung
von lokalisierter Muskelarbeit, die dauernde Veränderung des Tonus sämtlicher
äußerer Blutgefäße, die aus der Veränderung der Größe der einzelnen Volumpulse
schon im Buhezustande hervorging, und zwar eine außerordentlich starke, dauernde
Erweiterung oder Erschlaffung. Das meist vor der Operation gegebene Morphin
spielt durchaus keine Rolle. Gewisse, zum Teil bedeutende Unterschiede zeigten
sich regelmäßig, je nachdem die Operation in Allgemeinnarkose (gemischte Chloro¬
form-Äthernarkose) oder bei Lokalanästhesie oder bei Äthernarkose ausgeführt
wurde. Nur solche Fälle wurden herangezogen, bei denen die Narkose mindestens
J / a Stunde dauerte, , * , / v : ; *
* • Im einzelnen ergeh sich, daß „die Störungen des vasomotorische» Inner¬
vationsmechanismus ersten Grades“, nämlich die dauernde Erschlaffung der äußeren
Blutgefäße, sowohl nach Lokalanästhesie als auch nach Allgemeinnarkose aus¬
nahmslos eintrat, aber nach Lokalanästhesie nur X bis 2 Tage, nach Narkose 6
bis 7, meist 6 Tage andauerte. Als praktische Folge dieser Feststellung ergibt
eich, daß die Kranken während der Dauer dieser Periode besonderer Ruhe be¬
dürfen, da die dauernde starke Erweiterung der äußeren Gefäße eine bedeutend
stärkere Inanspruchnahme der Herztätigkeit bedingt. ■ » »
Die „Störung des vasomotorischen Apparats zweiten Grades“, des umgekehrte
Eintreten der vor der Operation normalen Reaktion der Gefäßnerven bei Muskel¬
arbeit, betraf überhaupt fast nur die Fälle, bei denen die Operation in Uhleroform-
narkose ausgeführt worden war. Diese FjÜle zeigten die Störung noch 1 bis
Digitized by
Googk_
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
870
6 Wooben nach der Operation; die Differenzen in der Dauer der Störung beweisen,
daß hierbei die individuelle Widerstandsfähigkeit des Gefäßnervensystems eine
besonders große Bolle spielt. Nach Lokalanästhesie ist die Gefaßreaktionsstörung
nur in der Hälfte der Fälle und dann nur einen Tag vorhanden.
Verf. hat sich mit diesen wertvollen Untersuchungen nicht begnügt, sondern
ist wie in seinen beiden ersten Arbeiten weitergegangen zu therapeutischen Ver¬
suchen (auf denen ihm die praktische physikalische Therapie allerdings nicht
immer folgen konnte). Er versuchte die Anwendung von Kältereizen nach Chloro¬
formnarkose bezüglich der Störungen zweiten Grades in Fällen, bei denen noch
wochenlang nach Verlassen des Bettes durch den Kranken auffallende Muskel¬
schwäche, Ermattung beim Treppensteigen, übermäßig starkes Schwitzen bei leichten
Anstrengungen und Kopfschmerz bestehen. Waren die Leute schon aufgestanden,
so ließ er Wechseldnschen anwenden und beschreibt die Erzielung von Dauer¬
erfolgen. Bei noch bettlägerigen Kranken wurden Teilapplikationen von Kälte¬
reizen mit demselben Erfolg angewandt und zwar in Form von Eisbeuteln, die an
verschiedenen Orten aufgelegt wurden. (Ref. möchte sich mit dem Referat be¬
gnügen, muß aber immer wieder betonen, daß die Erfahrungen des Verf.’s be¬
treffend die Allgemeinapplikationen mit den Erfahrungen der Friedenspraxis
praktisch in Widerspruch stehen, und kann darum nicht eindringlich genug zur
Vorsicht mahnen.)
Den Schluß der Ausführungen bildet der Versuch, die wiedergegebenen Er¬
scheinungen zu erklären. Das Gefäßnervenzentrum ist ein ganz besonders empfind¬
licher Apparat, der auf schon geringe äußere Reize immer in geeigneter Weise
reagiert Er ist gegen Gifte, die durchs Blut ins Gehirn gelangen, vorzugsweise
empfindlich, darum zeigt die Untersuohungsmethode besonders die vasomotorischen
Störungen ersten Grades an. Sie erlaubt auch einen Vergleich der verschiedenen
Allgemeinnarkosen.
21) Kriegsbesobftdigungen des Zentralnervensystems und soziale Fürsorge,
von Dr. Rittershaus. (Münchener med. Wocbenschr. 1915. Nr. 36. Feld¬
ärztliche Beilage.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. macht auf die Wichtigkeit einer möglichst genauen und fachgemäß er¬
hobenen Anamnese bei Kriegsbeschädigten des Zentralnervensystems aufmerksam,
und zwar soll die Vorgeschichte möglichst bald nach der Verletzung aufgenommen
werden. Sehr oft kann dann einwandfrei festgestellt werden, daß die Krankheit
schon vor dem Krieg bestanden hat. Im übrigen bespricht Verf. kurz die von
ihm beobachteten Nervenfälle und die betreffs der sozialen Fürsorge Kriegsverletzter
gemachten Vorschläge.
Paralysis agitans.
22) Zur Pathologie und Pathogenese der Paralysis agitans, von Marburg.
(Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. S. 405.) Ret: Pilcz.
Auf Grund eigener Fälle und Literaturangaben gelangt Verf. zu folgendem
Schlüsse:
Die Paralysis agitans ist gleich dem Basedow und der Tetanie eine Hormon¬
toxikose, wobei die Nebenniere offenbar die größte Rolle spielt. Ihre Symptome
weisen mit Entschiedenheit darauf hin, daß gewisse Systeme des zentralen Nerven¬
systems affiziert sind; am wesentlichsten jene des Bindearms in seinem Abschnitte
vom roten Kern zur Rinde des Operculum — Tremor. Daneben aber auch andere«
in erster Linie offenbar die hortiko-zerebellaren — Kraftlosigkeit, Verlangsamung
gewisser Automatismen. Der Rigor dagegen ist myogen.
23) Die Beziehungen der Blutdrüsen zur Pathogenese der Parkinson sohen
Krankheit, von Karl Schiötz. (Zeitsehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIII.
H. 1.) Ref.: M. Pappenheim (Wien).
Digitized b'
■V Google
Original fro-m
UMIVERSITY OF MICHIG
871
Yerf. erwähnt einen 69jährigen Mann mit Paralysis agitans und einem —
aller Wahrscheinlichkeit nach yaskularisierten — Kropf, und eine 62jährige Frau
mit Basedow und einem grobschlägigen Tremor, der als Erscheinung einer Para¬
lysis agitans aufgefaßt wird.
Yerf. führt eine Reihe von Beispielen aus der Literatur an, die die Beziehung
zwischen Schilddrüse und Paralysis agitans dartun sollen. Er schließt sioh der
Hypothese Lundborgs an, daß die Paralysis agitans auf einer Insuffizienz der
Glandulae parathyreoideae beruhe. Außerdem verdienen — wie bei allen Stoff¬
wechselanomalien dieser Art — auch die anderen endokrinen Drüsen (speziell die
Schilddrüse) unsere volle Aufmerksamkeit.
24) Zur Frage der Beziehungen der Epithelkörperchen zur Paralysis agi¬
tans, von Blüwstein. (Wiener klin. Rundschau. 1914. Nr. 27.) Ref.: Piloz.
Verl hat die Epithelkörperchen von drei klinisch einwandfrei sicheren Fällen
Parkinson scher Krankheit genau untersucht.
Im ersten Falle (73jährige Frau) ganz normale Verhältnisse, im zweiten
(66jähriger Mann) sehr geringe Zahl von Hauptzellen; ozyphile Zellen konnten
nicht gefunden werden. Solche Befunde trifft man aber auch bei normalen Leuten
dieses Alters, und Yerf. bemerkt außerdem, daß in diesem Falle nur zwei Epithel¬
körperchen untersucht werden konnten. Im dritten Falle endlich (60jähriger
Patient) waren die Epithelkörperchen wieder makroskopisch und histologisch
durchaus normal. Die Untersuchungen des Verl’s scheinen also nicht dafür zu
sprechen, daß zwischen Epithelkörperchen und Paralysis agitans eine Beziehung
in dem Sinne existiere, daß morphologische Veränderungen dieser Drüsen den
Boden für die Genese der Parkinson sehen Krankheit abgeben.
25) Paralysis agitans und Trauma, von C. Decker. (Zeitschr. f. Versicherungs¬
medizin. YI. 1913. H. 12.) Ref.: K. Boas.
Nach einer Übersicht über die einschlägige Literatur berichtet Verf. über
einen selbst beobachteten und vier weitere Fälle von Paralysis agitans angeblich
post trauma. In der eigenen Beobachtung des Verf .’s war der ätiologische Zu¬
sammenhang kaum zu bezweifeln. Von den übrigen Fällen erhielten zwei Fälle
eine Rente — der eine davon 50 °/ 0 —, in den beiden anderen Fällen kam es
zu einer Ablehnung der Rentenansprüohe auf Grund der eingeforderten Gutachten.
In der Zusammenfassung betont Verf. die Seltenheit des ätiologischen Zusammen¬
hangs zwischen Unfall und Parkinson scher Krankheit. Speziell ist es nur sehr
selten möglich, mit Sicherheit einen diesbezüglichen Zusammenhang zu erbringen.
26) Parkinsonsohe Krankheit und Unfall, von Paul Busob. (Inaug.-Dissert.
Bonn 1914.) Re£: K. Boas.
Aus der umfangreichen Zusammenstellung von 66 Fällen von posttraumatischer
Paralysis agitans (davon sechs eigene Fälle) ergibt sioh, daß es sich zumeist um
Verletzungen handelte, die mit ziemlich großer Gewalteinwirkung verknüpft waren.
Es kamen vor: 11 mal Frakturen,
3 „ Luxation oder Torsion,
15 „ Kontusionen,
25 „ Stoß, Schlag oder Fall,
2 „ Verletzungen,
3 „ Durchnäseungen oder Erkältungen,
1 „ Druck auf einen Nerven,
1 „ Muskelzerrung,
1 „ elektrischer Schlag,
1 „ Splitterverletzung mit Phlegmone,
1 „ Kontusion + Fraktur,
1 „ Kontusion + Verbrennung,
1 „ Luxation -\- Nervenquetschung.
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
872
Die Paralysis agitans trat zeitlich nach auf:
in 6 Fällen sofort oder seitdem,
„ 7 ,, bald oder allmählich,
„ 7 „ nach einem oder mehreren Tagen,
„ 6 bis nach einem Monat,
„23 ., bis nach einem Jahre,
„ 7 „ nooh später.
Die längste Zwischenzeit zwischen Unfall und Erkrankung betrug 7 Jahre.
In denjenigen Fällen, in welchen bis zum Erscheinen des ersten Zitterns mehrere
Monate oder Jahre vergingen, bestanden vor seinem Auftreten meist andere Sym¬
ptome, wie Schmerzen, Steifigkeit usw.
Der Unfall trat dem Alter nach ein:
in 1 Fall im Alter von 20—30 Jahren
„ 6 Fällen „ „ „ 30—40 „
i» 15 ,, ,, „ ,i 40—60 „
*» 24 „ ,, „ „ 50—60 „
„ 15 „ ,, ,, 60 ““70 ,,
» 2 ,, „ ,, „ 70 80 „
10 Fälle von 66 gehörten der paraplegischen Form an, 7 mal war das Zittern
atypisch und 2 mal fehlte dasselbe ganz. Direkte Heredität bestand in einem
Falle, indirekte in 2 Fällen. Frühere Verletzungen kamen vor in 2 Fällen, Über*
Anstrengung lmal, Alkoholismus 3mal, langdauernde Gemütsbewegungen mit
Alkoholismus und Syphilis lmal, Nervosität lmal.
Alles in allem meint Verf., daß die große Häufigkeit der mechanischen
Traumen bei Paralysis agitans bei der relativ geringen Häufigkeit der Erkrankung
für einen ätiologischen Zusammenhang zwischen Unfall und Parkinson scher Krank¬
heit spricht. Unter den direkten Ursachen der Erkrankung steht er an erster
Stelle und nur das psychische Trauma hat vielleicht eine ähnliche Bedeutung,
während alle anderen direkten Ursachen nicht im entferntesten so häufig an¬
getroffen werden.
27) Klinischer Beitrag zur genuinen Paralysis agitans im jfingeren Alter.
von Stiefler. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 11.) Bef.: Pilcz.
38jähriger Mann, belanglose Fremd- und Eigenanamnese. Mit 33 Jahren
leichtes Zittern im linken Zeigefinger, allmählich die ganze Hand ergreifend.
Dann Beteiligung der rechten Hand. Vor 2 Jahren begannen gleichzeitig beide
Beine zu zittern, dann Bigor der Gliedmaßen. Nach Influenza schwere Ver¬
schlimmerung. Das Zittern ergriff den ganzen Körper und Kopf, Gehunfahigkeit,
starke Schweiße, Speichelfluß, heftige Schmerzen, vom Naoken gegen Arme und
Kopf, vom Kreuzbein gegen die Beine ausstrahlend. Stal praes.: Typische
Tremores des Kopfes, der Lippen, Unterkiefers* Extremitäten und Bumpfes. Pillen¬
dreherbewegungen. Intention schwächt Zittern ab. Charakteristische. Körper¬
haltung. Nur auffallend, daß der Kopf stark nach rückwärts gehalten wird.
Bigor. Maskenartiger Gesichtsausdruck. Stellwag positiv. Grobe Muskelkraft
nicht herabgesetzt. Ausgesprochene Propulsion. Sprache langsam, verwaschen.
Keine Atrophie der Zunge oder dergl. Schlingen erschwer! Geringe Salivation.
Linksseitige inkomplette Bekurrenslähmung, linkes Stimmband etwas atrophisch.
Sensibilität normal, Lasägue positiv. Sehnenreflexe leicht erhöht, elektrische
Erregbarkeit nicht verändert. Abnorm feuohte Haut, lebhafte Dermographie.
Wassermannreaktion negativ.
Skopolamin verminderte Zittern und Rigor, blieb aber auf Schmerzen ohne
Elinfluß. Pantopon-Skopolamin dagegen erzielte in jeder Hinsicht befriedigende
Erfolge.
Difitized
by Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
878
28) Ober peyehlsohe Störungen Im Verlaufe der Paralysis agitan», von
H. Otsen. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
An eine kurze Darstellung des Krankheitsbildes und der Literatur schließt
sich die Mitteilung von 4 Fällen von Paralysis agitans. Während im ersten Falle
keine psychischen Anomalien bestanden, waren die drei anderen Kranken infolge
der dauernden Beschwerden mißmutig über ihre Lage, die Stimmung war gedrückt,
ihr Wesen war weinerlich, da sie viel an ihr Leiden denken müssen. Im dritten
und vierten Fall ging die Depression so weit, daß die Kranken äußerten, sie
wollten sich das Leben nehmen. Zu einem Suizidversuch kam es jedoch bei
keinem von ihnen.
Für die Therapie wesentlich ist die Beseitigung des Tremors. Verf. empfiehlt
protrahierte, lauwarme Bäder, kühle Abreibungen und Massage, von Medikamenten
Skopolamin, hydrobromic. Seelische Erregungen sind zu vermeiden, am besten
nimmt man eine Milieuveränderung vor.
28) Ein Fall von Paralysis agltans und Tabes dorsalls, von Felix Sand¬
fort. (Inaug.-Dissert. Erlangen 1913.) Ref.: K Boas.
Verf. berichtet über einen 65jähr. Drechsler, der neben dem, deutlioh aus¬
geprägten Bild einer Tabes dorsal» noch eine typische Paralysis agitans zeigte.
Für die Seltenheit dieser Kombination spricht der Umstand, daß erst ein Dutzend
derartiger Beobachtungen aus der Literatur vorliegt. Bezüglich der Klassifikation
dieser Fälle nimmt Verf. die Einteilung SeifferB (d. Centr. 1900. S. 1119) an.
Verf. diskutiert zum Schluß den Zusammenhang beider Erkrankungen und ist der
Meinung, daß vielleicht der der Paralysis agitans zugrunde liegende anatomische
Prozeß unter Umständen auch einmal durch ungewöhnliche spinale Lokalisation
die tabischen Erscheinungen hervorrufen kann. Die Paralysis agitans selbst
spricht Verf. als eine zerebrale Erkrankung an.
80) Paralysis agitans syndrome with syphilis of the nervous System, by
C. D.Camp. (Jour, of nerv, and ment, dis XLI. 1914. Nr. 8.) Ref.: W. Misch.
Mitteilung eines Falles, der die typischen Symptome der Paralysis agitans
aufwies und der doch der klinischen Untersuchung und dem Blut- und Liquor¬
befund nach eine Tabes zu sein schien. Das rasche Verschwinden der Paralysis
agitans-Symptome auf die Salvarsanbehandlung hin ließ vermuten, daß die Sym¬
ptome wohl durch einen syphilitischen Prozeß bedingt waren. Es wurde darauf
der Liquor von 10 anderen Fällen von Paralysis agitans untersucht! er bot aber
durchaus normalen Befund; ein Teil dieser Fälle wurde mit Salvarsan behandelt,
ohne daß jedoch eine merkliche Besserung eintrat. Eis kann also wohl das typische
Parkinson-Syndrom durch eine Lues des Zentralnervensystems entstehen; aber die
Lu es ist nicht die Ätiologie der Parkinson sehen Krankheit. Es läßt sich ferner
der Schluß ziehen, daß die Läsionen des Zentralnervensystems, die ein Parkinson¬
sohes Syndrom hervorrufen, vermutlich eher irritativer als destruktiver Natur sind.
81) 8u di una rara asaoziazione morbosa. Morbo del Parkinson in an
antiooBasedowiano, per G. B. Cacciapuoti. (Annali di Nevrologia. XXXI.
1913. H. 2 u. 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand).
Ein 44jähriger Patient bot seit etwa einem Jahre das Bild einer atypischen
(hemiplegischen) Paralysis agitans. Seit etwa 6 Jahren bestand zugleich beim
Pat. das Bild einer Basedowschen Krankheit. Verf. nimmt an, daß die Gehirn¬
läsion, die den Tremor auslöst, nicht in der motorischen Großhirnrinde, sondern
in den sekundären motorischen Bahnen zu suchen ist. Wahrscheinlich handelt
es sich um eine irritative Läsion, die die besondere Rigidität der Körperbewegungen
erklärt, welche man bei diesen Kranken wahrnimmt. Verf. ist der Ansicht, daß
es sich um ganz verschiedenartige, jedoch diffuse Läsionen handelt. Die Parkin-
ßonsche Symptomatologie wird von keinem spezifischen Toxikum ausgelöst; der
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
874
Hyperthyreoidismus soll nämlich bloß direkt oder indirekt auf bestimmte Teile des
Zentralnervensystems einwirken, deren Störung das Zittern usw. zur Folge hat
32) Paralysis agitans und Myxödem, von H. J. Vetlesen. (Zeitschr. f. d. ges.
Neurol. u. Psych. XXVI. 1914. S. 462.) Ref.: W. Misch.
Eis werden 3 Fälle von Kombination von Myxödem und Paralysis agitans
und ein Fall von Kombination der Paralysis agitans mit einer regressiven Form
von Struma beschrieben. Im Anschluß an die Zusammenstellung der Literatur
über das Verhältnis zwischen Paralysis agitans und Nebenschilddrüsen werden
dann folgende Schlußfolgerungen gezogen: Histologische, anatomische Untersuchungen
der Parathyreoideae liegen noch nicht in genügender Menge vor und sind auch
nicht hinreichend übereinstimmend, um daraus bestimmte Schlüsse zu ziehen. Es
ist jedoch nichts im Wege dagegen, daß funktionell eine Insuffizienz vorhanden
sein kann, selbst wenn die Drüsen, die zur Untersuchung kommen, Zeichen von
Hypertrophie aufweisen — eine Arbeitshypertrophie, um eine chronische Insuffizienz
zu kompensieren. Das gleichzeitige Vorkommen von Paralysis agitans und Myx¬
ödem (bzw. atrophierender Struma) ist nun bereits in so vielen Fällen beschrieben
worden, daß demselben ein gewisses Gewicht als Zeichen einer wahrscheinlichen
Mitbeteiligung der Parathyreoideae beigelegt werden muß. Eine günstige Wirkung
der Opotherapie mit Parathyreoidsubstanz bei Paralysis agitans ist vor allen
Dingen in einer bedeutenden Anzahl von Fällen von Berkley konstatiert worden,
demnächst auoh in einzelnen oder nicht wenigen Fällen von Holm und in einem
Fall vom Verf., während Roussys weniger günstige Fälle nicht notwendigerweise
in negativer Richtung gedeutet zu werden brauchen. Experimentell ist es nacb-
gewiesen worden (speziell von Tanberg), daß sich auf operativem Wege eine
gewisse chronische Form parathyreoidaler Insuffizienz bei Tieren hervorbringen
läßt, die in ihrem klinischen Bilde eine schlagende Ähnlichkeit mit der Paralysis
agitans des Menschen zeigt.
33) La nuolöinotherapie dans la maladie de Parkinson, par I.-N. Bula.
(Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 11.) Ref.: W. Misch.
Ausgehend von der Beobachtung, daß die Paralysis agitans durch fieberhafte
Erkrankungen gebessert wird, sucht Verf. mit Fieber erregenden Mitteln, und
zwar durch Injektionen von Nukleinen, Heilerfolge bei dieser Krankheit zu er»
zielen. Eta geht auoh tatsächlich aus den Versuchen an 5 Patienten hervor, daß
durch die Nukleinotherapie eine bedeutende Besserung der verschiedenen Symptome
erreicht wird. Es werden frisch zubereitete 5°/ 0 ige Lösungen von Natrium-
nukleinat (in physiologischer Kochsalzlösung) zur intravenösen Injektion, die der
subkutanen vorzuziehen ist, empfohlen, und zwar in Dosen von 0,01, 0,02 bis
0,05, 0,10 g an jedem 3. Tage; nach jeder 5. Injektion ist eine Pause von 5 bis
10 Tagen einzuschalten, dann wird wieder mit der schwächsten Dosis begonnen.
Erhält man mit diesen Dosen keine Fieberreaktiou, so kann man bis auf 0,36
bis 0,4 g steigen.
34) Über Erfahrungen mit Pantopon-Soopolamin „Roche“ und P&ntopon
„Roche“ bei Paralysis agitans, von Georg Stiefle r. (Med. Klinik. 1914.
Nr. 8.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. hat in 6 Fällen von Paralysis agitans mit sehr günstigem Erfolge die
kombinierte Pantopon-Scopolaminbehandlung durchgefubrt: er gab zweimal wöchent¬
lich subkutane Injektionen von Pantopon-Scopolamin „Roche“ (eine Ampulle mit
1,1 ccm Inhalt pro ccm enthaltend 2 cg Pantopon und 4dmg Soopol. hydrobromic.)
und an den übrigen Tagen 3 cg Pantopon.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
875
Forensische Psychiatrie.
35) Die forensische Bedeutung der Zwangsvorstellungen, von M. Oppen¬
heimer. (Inaug.-Dissert. Marburg 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf. erörtert die zivil- und strafrechtliche Bedeutung der Zwangsvorstellungen,
wobei er der einzelnen Formen derselben gedenkt und an den bestehenden Rechts¬
verhältnissen Kritik übt. Er wünscht vor allem die Berücksichtigung der ver¬
minderten Zurechnungsfähigkeit im künftigen Strafgesetzbuch, wofür er folgende
Bestimmungen vorschlägt:
1. Ist der Täter vermindert zurechnungsfähig, so kann das Gericht nach
freiem Ermessen auf eine entsprechend geringere Strafe als allgemein vorgesehen,
nsbesondere auch auf Verweis oder auf Straffreiheit erkennen.
2. Ist von dem vermindert zurechnungsfähigen Täter bestimmt zu erwarten,
daß er auch in Zukunft in schwerer Weise gegen die Rechtsordnung verstoßen
werde, so muß er bis zur Beseitigung dieser Gefahr in einer öffentlichen Anstalt
untergebracht werden.
Hier ist ein Verfahren zwecks Besserung bzw. Heilung des Untergebrachten
einzuleiten.
30) Über die Unterbringung geisteskranker Rechtsbrecher, von Hegar.
(Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz).
Die Untersuchung bezieht sich auf die in den Landesanstalten des Groß-
herzogtums Baden untergebrachten männlichen Kranken, welche sich gegen die
Strafgesetze vergangen hatten. Die Zahl beträgt 24,9°/ 0 des Krankenstandes, ist
seit dem Jahre 1908 um 5,2°/ 0 gestiegen. Diese Vermehrung ist bedingt durch
die längere Zurückhaltung derartiger. Kranker und Vermehrung der Aufnahmen
solcher antisozialer Elemente, für welche keine besonderen Anstalten vorhanden
sind. Nach Einführung des neuen Strafgesetzbuches werden auch'die vermindert
Zurechnungsfähigen den Irrenanstalten zufließen und wird voraussichtlich die
Zahl der kriminellen und nicht kriminellen Kranken die gleiche werden. Trotz¬
dem wird nach Ansicht des Verf.’s der Bau von Sonderanstalten für kriminelle
Geisteskranke nicht nötig sein. Diese stehen wegen ihrer enormen Kosten in
keinem Verhältnisse zu den Vorteilen, es lassen sich durch eine richtige Ver¬
teilung auf die einzelnen Anstalten noch lange Zeit die durch die Kriminellen
verursachten Schwierigkeiten überwinden.
Die Arbeit gibt auch eine eingehende statistische Untersuchung über die
persönlichen und sozialen Verhältnisse der internierten Kriminellen, die Form der
Psychosen, Art der Delikte und die Notwendigkeit der besonderen Verwahrung.
III. Neurologische und psychiatrische Literatur
vom 1. Juli bis 30. September 1916.
(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch
einmal angeführt.)
!• Anatomie. Holl, Vesals Anatomie d. Gehirns. Arch. f. Anat. u. Phys. Anat. Abt.
H. 1 bis 3. — Bregman, Neue Unters, z. Kenntnis d. Pyramidenbahn. Die Oblongata-
pyramide d. Elephanten. Anat. Anzeiger. XLVIII. H. 9. — Sattler, Markscheiden-
entwicklung i. Tract. opticus, Chiasma u. N. opticus. Arcb. f. Ophthalmol. XC.
IL Physiologie* Dandy, Extirpation of the pineal body. Journ. of exp. Medic.
August. — McCord, Pineal gland in rel&tion to somatic, sexual and mental development.
Journ. of amer. med. Assoc. 7. Angnst.
Digitized by
* Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
876
III. Pathologische Anatomie. Bielschowsky, Über Mikrogyrie. Journ. f. Psycho].
u. Neurol. XXII. H. 1/2. — Benda, Mikroskop.-pathol. Befände L Gehirn eines Fleck-
tieberfalles. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 15. — Basile, Histol. n. funkt. Veränderungen
d. zentralen Hypophyse d. Menschen i. einem Falle v. Lymphosarkom d. Nasenrachens.
Zeitschr. f. Laryngol. VII. H. 6. — Rados, Histol. Veränd. b. d. experiment, Stauungs¬
papille. Arch. f. Angenheilk. LXXIX. H. 4. — Berblinger. Anat Veränd. d. Extremitäten¬
nerven nach Verl, durch Nahschüsse. Centralbl. f. allg. Pathol. XXVI. Nr. 16.
IV. Neurologie. Allgemeines: Mayer, C.. Kriegsneurol. Erfahrungen, Medizin.
Klinik. Nr. 87. — CasamajOr, Nature of the neuroses. A contribution to the study of the
neurotic personality. Medic. Record. 17. Juli. — Stier, Abgrenzung u. Begriff d. neuro-
pathischen Kindes. Deutsche med. Woch. Nr. 27. — Fischer, Autonomous nerv. syst, and
the gastro-enteric functions. Medic. Record. 17. Juli. — Hoff mann, P., Verhalten frisch
regenerierter Nerven; Methode, den Erfolg einer Nervennaht frühzeitig zu beurteilen. Mediz.
Klinik. Nr. 31. — Meningen: Frank, Fall v. mehrfacher Meningozele. Deutsche med.
Woch. Nr. 32. — Lichtwitz, Einfl. einer b. einem Diabetiker i. einer Typhusrekonvaleszenz
entstandenen Meningitis serosa acuta a. d. Stoffwechsel. Berl. klin. Woch. Nr. 88. —
v. Podmaniczky, Diagnost. u. therapeut. Bedeut, d. Lumbalpunkt, b. submeningealen Blutungen
traumatischer Ätiologie. Ebenda. Nr. 85. — Nobel, Unters, tuberkulös meningitischer
Punktionsflüssigkeiten m. d. Ninhydrinreaktion. Münch, med. Woch. Nr. 29. — Frinkel,
E„ Nachw. v. Meningokokken i. d. Lumballiüssigkeit. Deutsche med. Woch. Nr. 36. —
Bittorf, Septische Meningokokkeninfekt. Deutsche med. Woch. Nr. 87. — Hochhaus, Abortive
Formen a. Mening. cerebrospin. Ebenda. Nr. 40. — Klinger u. Fourman, Bakteriol. u.
Prophylaxe d. Mening. epid. Münch, med. Woch. Nr. 31. — Petruschky, Vorbeugung d.
epidera. Genickstarre. Ebenda. Nr. 38. — Kuräk, Behandl. d. Mening. cerebrospin. epidem.
m. großen Serummengen. Mediz. Klinik. Nr. 38. — Scherber, Hauterschein, b. Mening.
cerebrospin., m. bes. Berücksichtigung d. Herpes. Dermatol. Zeitschr. Sept. — Eichhorst.
Eitrige Pneumokokkenmeningitis i. Gefolge v. Pneumok.*Appendizitis. Mediz. Klinik. Nr. 37.
— Woolsey, Experiment, subarachnoid inject, of Trypan Blue. Journ. of nerv, and ment,
disease. Juli. — Zerebrales: Weinrich, Diagnost. Ergehn. b. Anwendung d. Hirnpunkt..
bes. bei Hirntumor. Inaug.-Dissert. Halle. — Sdrensen, Lähmung b. Keuchhusten. Arch.
f. Kinderheilk. LXIV. H. 5 u. 6. — Ball, Focal disease of the brain (8 cases). Journ. of
amer. med. Assoc. 14. Aug. — Frischeis, Zentraler Mechanismus d. Sprache. Deutsche
Zeitschr. f. Nervenheilk. LIV. H. 1 . — Donath, Agraphie infolge v. Zwangsvorstellungen.
Ebenda. — Arnold!, Aphonia (Dysphonia) spastica. Inang.-Dissert. Würzburg. — Wodarz.
Intrakranielle Pnemnatozele. Münch, med. Woch. Nr. 28. — Kredel, Inferazerebr. Pneu-
matozele n. Schußverl. Zentralbl. f. Chir. Nr. 36. — Loewy, Symptomatol. d. Aneurysmas
d. Hirnarterien. Zentralbl. f. inn. Mediz. Nr. 30. — Romsor, Surgical measnres in apo-
plexy. Journ. of amer. med. Assoc. 10. Juli. — Hirntumor, Hirnabszess: Froehlicb.
Fall v. multiplen Gliomen. Deutsche med. Woch. Nr. 82. — Gierllch, Papillom im 4. Ven¬
trikel. Ebenda. Nr. 30. — GrOndahl, Hypophysentumor, Diab. insip., Infantilismus oder
Imbezillität. Norsk Magaz. f. laegediv. Sept. — Küpferle u. Szlly, Strahlenther. b. Hypo-
pbysentumoren. Deutsche med. Woch. Nr. 31. — Arfom, Klin. u. pathol.-anat. Beitr. z.
Studium d. Hirnechinococcus. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Büller, NachbehandL d. Hirn-
abszesses, bes. d. Kleinhirnabszesses. Inang.-Dissert. Erlangen. — Goerdt, Fall ?. Heilung
eines Schläfenlappenabszesses m. Durchbruch i. d. Seiten Ventrikel. Arch. f. Ohren-, Naaen-
n. Kehlkopfheilk. XCVI1I. H. 2/3. — Schmiogelow, Translabyrinthäre Entfernung d.
Acusticustumoren. Zeitschr. f. Ohrenheilk. LXXIII. H. 1. — Kleinhirn: Woodberg,
Cerebellar symptomatol. Medic. Record. 4. Sept. — Götz, Kasuistik d. Encephalitis cere-
helli. D. Zeitschr. f. Nervenheilk, LIV. H. 2/8. — Bulbürparalftse, Pseudobulbär¬
paralyse, Myasthenie: Saowball, Angeb. doppelseitige Abduzens- u. Fazialislähmung.
Arch. f. Ophthalmol. XC. — Bielschowsky, Rezidivierende u. alternierende Ophthalmoplegie
exterior. Ebenda. — Wirbelsäule: Janssen, Frühdiagnose der Wirbeltuberkulose m.
einigen therapeut. Bemerkungen. Münch, med. Woch. Nr. 35. — Rückenmark: Weidman,
Ruptured Aneurysm of the right vertebral artery. Journ. of amer. med, Assoc. 25. Sept.
— Gerstmsnn, Beitr. z. Pathol. d. Rückenmarks. Zur Frage d. Meningitis serosa u. sero-
fibrinosa circumscripta spinalis. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 2. — Bonhoeffer.
Meningeale Scheinzysten am Rückenmark. [Berl. Klin. Woch. Nr. 39. — Skoog, Spinal cord
compression from leptoraeningeal cysts (2 cases). Journ. of amer. med. Ass. 31. Juli. —
KlflpfoJ, Kasuist. Beitr. z. Lehre v. d. chron. Myelitis, Jonrn. f. fsychol. u. Neurol. XXII.
H. 1/2. — Fischer, E., Über einen den Symptomenkoraplex d. Tumors vortäuschenden Fall
v. arteriosklerotischer Erweichung de9 Conus medull. Inaug.-Dissert. München. — Kling.
Digitized by L^ouöie
Original from
UNIVERSiTY OF MICHIGAN
877
r
T.
. 1 '.-::
5:
s. J’’
i i-
iti
*
fr
<
Auftreten d. Kinderlähmung unter der erwachsenen Bevölkerung in Stockholm tu Göteborg
i. d. J. 1911 u. 1912. Zeitschr. f. Immunitätsforsch. XXIV. H. 2. — Halboy, Bauch¬
muskellähmungen b. Heine-Medin scher Krankheit. Mediz. Klinik. Nr. 38. — Neustaedter,
Relation of Landrjs Paral. to Poliomyel. Medic. Record. 11. Sept — Grossmann, Preven¬
tion and treatm. of the deformities in ant Poliomyel. Ebenda. — Enderle, Epidurale In¬
jektion. Deutsche med. Woch. Nr. 38. — Emanuel, Neue Reakt z. Unters, d. Liqu. cerebro-
S in. Berl. klin. Woch. Nr. 30. — Mortons, Diagnost. Bedeutung d. Weil-Kafkasehen
ämolysinreaktion i. Liquor cerebr. Inaug.-Dissert. Freiburg. — Lemchen, New way of
stainiDg cells in the cerebrospin. fluid. Medic. Record. 11. Sept. — Multiple Skier ose:
Pulay, Zur Pathol. d. mult. Skier. J>. Zeitschr. f. Nervenheilk. LIV. H. 1. — Syringomyelie:
Hassln, Burke and Nuzum, Leprosy or Syringomyelia? Journ. of amer. med. Assoc. 17. Juli.
— Stihle, Remissionen im Symptomenbilde d. Syringomyelie. Inaug.-Dissert. Tübingen.
— Tabes f Friedreich sehe Krankheit: Krueger, Lokalisierte Muskelatrophien b. Tab.
dors. Mon. f. Psych. feept — Koch, Enteroptosen b. Tab. dors.* D. Zeitschr. f. Nerven¬
heilk. LIV. H. 2/3. —• Reflexe: Bing, Varietäten d. Babinskisehen Zehenrefl. u. ihre
diagnost. Bedeutung. Correspondenzbl. f. Schweizer Arzte. Nr. 39. — Moore, Reflex of
the upper extremity. Journ. of amer. med. Assoc. 7. Aug. — Reynolds, Autonomie refl.
from the digest. tract. Calif. State. Journ. Juli. — Hess, Messende Untersuchungen z. vergl.
Physiol. d. Pupillenspiels. Arch. f. Ophthalmol. XC. — Catton, Postmortem reflexes.
Journ. of amer. med. Assoc. 25. Sept. — Krampf 9 Kontraktur : Januschke u. Masslow,
Einfl. d. Erlenmeyer sehen Bromidmischung u. d. Kodeins a. exper. erzeugte Krämpfe.
Zeitschr. f. d. ges. exper. Mediz. IV. H. 4 u. 5. — Vas, Erkl. d. Entstehungsweise d.
Spasmus nutans b. Kinde mit Hilfe d. Bedingungsreflexes. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII.
H. 2. — Periphere Nervenlähmungen: Beck and Hassin, Gase of combined extra¬
cranial paralysis of cerebral nerves. Medic. Record. 21. Aug. — Miller, Bilaterale periph.
Paralyse d. M. cricoarytaenoidei post. Zeitschr. f. Laryngol. yil. H. 6. — Neuralgie ,
Migräne : v. Podmaniczky, Traumat Interkostalneuralgien u. deren Behandl. Wiener med.
Woch. Nr. 85. — Curschmann, Einige seltene Formen d. Migräne. D. Zeitschr. f. Nerven¬
heilk. LIV. H. 2/8. — Bohrer, Anaphylakt. Erscheinungen i. Symptomenbilde d. Hemi-
kranie. Mediz. Klinik. Nr. 31. — Hunt, Contrib. to the päralytic and other persistent
sequelae of migraine. Amer. Journ. of med. Science. Sept — Neuritis f Landry 9
PeUagrOf Lepra, Beri-Beri: Bikeles, Polyneuritis (toxica) b. Mutter u. Tochter.
Wiener klin. Woch. Nr. 86. — Rönne, Akute Retrobulbärneuritis, im Chiasma lokalisiert.
Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. Juli. — Wintermote, Auditory neuritis. Journ. of amer.
med. Assoc. 14. Aug. — Hirsch, Isolierte Neuritis vestibularis nach Typhusschutzimpfung.
Deutsche med. Woch. Nr. 84. — Bikeles, Fall v. symmetr. Neuritis (rheumatica) d. Plexus
brachialis m. bes. Ergriffensein d. Nn. suprascapulares. Wiener klin. Woch. Nr. 88. —
Meredith, Etiol. of Pellagra. Medic. Record. 21. Aug. — Shaw, Causation and treatment
of Pellagra. Ebenda. 14. Aug. — Montgomery, Illustr. of the history of Leprosy. Journ.
of amer. med. Assoc. 11. Sept — Morrow and Lee, Sympt and diagnosis of Leprosy, with
rep. of cases. Ebenda. — Chipman, Etiol. and treatment of Leprosy. Ebenda. — Schau¬
mann, Neuere Ergebnisse d. Beri-Beri-Forschung. Arch. f. Schiffs- u. Tropenhygiene. XIX,
H. 15/16. — Sympathien*, Akromegalie f Basedow 9 Myxödem 9 Tetanie 9
Raynaud, Sklerodermie: Harbitz, Tumors of the sympathetic nerv, syst and the
medulla of the adrenal glande, espec. malignant neuroblastoma. Arch. of int Medic. XVI.
H. 2. — Cushing, Harvey and Goetsch, Hibernation and the pituit. body. Journ. of exper.
Medic. Juli. — Feer, 2 Fälle v. Lipodystrophia progressiva. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII.
H. 1. — Kahlmeter, 3 Fälle von Tabes bzw. progr. Paral. vortäuschendem Hypophysistumor.
D. Zeitschr. f. Nervenheilk. LIV. U. 2/3. — Meyer, H., Fall v. Akromegalie m. Hypo-
physenzyste. Inaug.-Dissert Greifswald. — Sewall, Operation on the hypophysis; case
with brain, eye and other sympt. Journ. of amer. med. Assoc. 21. Aug. — Graul, Ein m.
Hypophysin-Höchst erfolgreich behandelter Fall v. Diab. insip. Deutsche med. Woch.
Nr. 37. — Kraus, R., Rosenbusch u. Maggio, Kropf, Kretinismus u. d. Krankh. v. Chagas.
Wiener klin. Woch. Nr. 35. — v. Korczyniki, Infantile Hypothyreose. Mediz, Klinik. Nr. 31.
— Simpson, Rontgenbehandl. d. Basedow. Medic. Record. 4. Sept — Watson, Quinin and
urea inject in hyperthyroidism. Journ. of amer. med. Assoc. 25. Sept. — Levy, Margarete,
Nanosomie u. innere Sekretion. Zeitschr. f. klin. Mediz. LXXXII. H. 1/2. — Munroe,
Chronic tetany. Journ. of amer. med. Assoc. 14. Aug. — Fletcher, Infant tetany. Arch.
of int. Medic. Sept — Engel, Raynaud sehe Krankh. nicht als Unfallsfolge anerkannt.
Mediz. Klinik. Nr. 27. — Schott, Angina pectoris u. Raynaudsche Krankheit; Deutsche
med. Woch. Nr. 29. — Herzog, Ther. d. Raynaud sehen Krankh. Inaug.-Dissert Frei-
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
878
bürg i. Br. — Neurasthenie 9 Hysterie: Laehr, Fall v. Unfallneurose. Zeitschr. f.
Psych. LXX1I. H. 2. — Engelen, Untersuchungsschema f. Unfallneurosen. Ärztl. Sach-
verst.-Ztg. Nr. 18. — Binswanger, Hystero-somatische Krankheitserschein, b. d. Kriegs¬
hysterie. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Bonhoeffer, Diff.-Diagn. d. Hysterie u. psychopath.
Konstit. gegenüber d.^Hebephrenie i. Felde. Mediz. Klinik. Nr. 32. — Schilling, Hyster.
Selbst Verletzungen. Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 16. — Marx, Simulationsfall v. Gesichts¬
ulcus b. e. Hysterischen. Dermatol. Woch. Nr. 38. — Zange, Hyster. Funktionsstör. d.
nerv. Ohrapparates i. Kriege. Münch, med. Woch. Nr. 28. — Sokolowski, Willenstätigkeit
b. Hysterischen u. die funktionellen Phänomene. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 3/4.
— Szisz, Funkt. Hörstörungen. Wiener klin. Woch. Nr. 30. — Btfttger, Funkt. Stimm¬
bandlähmung i. Felde. Münch, med. Woch. Nr. 31. — Chorea , Tic: Dost, Zur pathol.
Anat. d. Huntington sehen Chorea. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 3/4. — v. Hippel,
Fall v. ungewöhnl. Hornhauterkrankung b. Chorea minor» untersucht m. d. Abderhalden-
schen Dialysierverfahren. Arch. f. Ophthalmol. XC. —- Epilepsie: Bonhoeffer, Erfahr.
über Epil. u. Verwandtes im Feldzuge. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Jellinek, Militärarzt).
Konstatierung d. Epilepsie. Wiener klin. Woch. Nr. 38. — Friedmann, Zur Auffassung d.
gehäuften kleinen Anfälle. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Wasserfall, Meningismus i. epilept
Dämmerzustände. Ebenda. Sept. — Brodsky, Principles of bromine therapy in epil. Med.
Record. 18. Sept. —■ Eastman, Permanent partial compression of both common carotids in
epilepsy: a report of 8 operations. Amer. Journ. of the med. Science. Sept. — Tetanus:
Brealer, Neuere Arbeiten über Tetanus. Halle a. S., C. Marhold. — Klieneberger, Klin. Erfahr,
über Tet. a. d. westlichen Kriegsschauplatz. Berl. klin. Woch. Nr. 32. — Fröhlich u.
Meyer, Unters, über d. Tet. Arch. f. exper. Pathol. LXX1X. H. 1. — Happel, Zur Lehre
v. Wundstarrkrampf. Münch, med. Wo<m. Nr. 30. — Noeggerath u. Schottelius, Serolog.
Unters, b. Tet.-Kranken. Ebenda. Nr. 88. — Pribram, Klinische u. therapeut. Erfahr, über
d. Tet. Berl. klin. Woch. Nr. 33/35. — Murphy, Case of Tet. with recovery. Med. Record.
18. Sept — Brandt, Fall v. Tetanusrezidiv. Zentralbl. f. inn. Med. Nr. 36. — Hammer,
Ein a. d. linken Plexus lumbalis lokalisierter Fall v. Tetanus. Münch, med. Woch. Nr. 32.
— Wolf, Prophylakt Impfung gegen Tet. Ebenda. Nr. 39. — Rothfuchs, Salvarsanbehandl.
d. Tet. Ebenda. Nr. 29. — Meyer, Intraneurale Injekt v. Tetanusantitoxin b. lokalem
Tet. Berl. klin. Woch. Nr. 37. — Kempf, Behandl. d. Tet. m. endoneuraler Seruminjekt.
u. Nervendrainage. Arch. f. klin. Chir. CVI. H. 4. — BDrgi, Magnesium als Mittel gegen
Tet. u. Narkotikum. Pharmakol. Übersicht. Jahresb. f. ärztl. Fortbild. Aug. — Hiberile,
Jodtinktur u. Tetanus. Correspondenzbl. f. Schweiz. Ärzte. Nr. 32. — Callomon, Serum-
exanthem m. Grünsehen nach Tet.-Antitoxin. Med. Klinik. Nr. 27. — Eppenstein, Serum-
exanthem nach Tet.-Autitoxin. Wien. klin. Woch. Nr. 34. — Vergiftungen : Palmer,
Strychningiftmord. Mediz. Korrespondenzbl. d. Württemb. Landesver. Nr. 32. — Paulas,
Polioencephalomyelitis b. Botulismus. Journ. f. Psychol. u. Neuro). XXI. H. 5 u. 6. -
Dorner, Akute Benzin Vergiftung m. nachfolg, spinaler Erkrank. D. Zeitschr. f. Nervenheilk.
LIV. H. 1. — Topper, Hypnotic drug poisoning. Med. Record. 24. Juli. — Pollock aad
Holmes, Resp. and circul. m picrotoxin convulsions. The possible bearing on the theories
of pathogenesis of epileptic convulsions. Arch. of int. Medic. XVI. H. 2. — Al jko-
holismus ; Lloyd, Alcohol and Insanity. Therap. Gazette. Juli. — Mayer, W., Alkohol o-
gene reflektorische Pupillenstarre. Journ. f. Psychol. u. Neurol. XXI. H. 5/6. — Syphilis:
Schröder, Lues cerebrospin. sowie ihre Bezieh, zur progr. Paral. u. Tabes. D. Zeitschr. f.
Nervenheilk. LIV. H. 2/3. — Collins, Syphilis of the brain. Occurrence, sympt and
prevention. Journ. of amer. med. Assoc. 10. Juli. — Auer, Brain syphilis. Amer. Journ.
of med. Science. Sept. — Curschmann, Über atypische multiple Sklerose u. luetische Spinal-
leiden b. Heeresangehörigen. Müncb. med. Woch. Nr. 81. — Willcutt, Disturb. of the
acoustic nerve in the early stages of syphilis. Journ. of amer. med. Assoc. 14. Aug. —
Smith, Intraspin. Ther. of syph. of the nerv. syst. Urolog. and cut. Rev. Sept. — Swift,
Intraspin. Ther. in syph. of the centr. nerv. syst. Journ. of amer. med Assoc. 17. Juli. —
Riggs, Salvarsanized Serum in syph. nerv, diseases. Ebenda. 4. Sept. — Iroland and WilSM,
Treatm. of syph. of the brain; the use of mercuric chlorid intradurally. Ebenda. 25. Sept.
— Inman, Examination of the cerebrospin. fluid in suspect. syph. of the Nerv. syst. Calif.
Stat. Journ. Juli. — Still man and Swift, The effect of irritation on the permeabilitj of
the meninges for Salvarsan. Journ. of exp. Medic. XXII. Nr. 3. — Trauma: Förster,
Krieg u. traumat. Neurosen. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Nonne, Traumat. Neurose bei
Kriegsverletzten. Mediz. Klinik. Nr. 31 u. 34. — Oppenheim, Bemerk, dazu. Ebenda.
Nr. 33. — Bittorf, Zur Behandl. d. nach Granatexplosionen aufta-etenden Neurosen. Munch,
med. Woch. Nr. 30. — Weber, Granatkontusionen. Ärztl. Sachverst-Ztg. Nr. 16. — Donath,
ßeitr. z. d. Kriegsverl. u. -erkrankungen d. Nervensystems. Wiener klin. Woch. Nr. 27
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
u. 28. — Bergl, Doppelseit. reflekt. Pupillenstarre nach Schädeltrauma durch Granatfern-
wirkung. Deutsche raed. Woch. Nr. 39. — Rittershaus, Kriegsbeschädigungen des Zentral-
nervensyst. u. soziale Fürsorge. Münch, med. Woch. Nr. 36. — Bruns, Indikationen z. d.
therapeut., suez. Chirurg. Maßnahmen b. d. Kriegsverl. d. Nervensyst. u. Prognose derselben.
Berl. klin. Woch. Nr. 38. — Borchardt, L., Selbstverl. a. Schädel u. Gehirn. Mon. f. Psych.
Sept. — Schilling, Nervöse Störungen nach Telephonunfallen. Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
XXIX. H. 3/4. — Geipel, Tod als Unfallfolge 10 Jahre nach Schädeltrauma. Ärztl. Sach-
verst.-Ztg. Nr. 15. — Knack, Kontralaterale Alopezie nach Kopfschüssen. Dermatolog.
Woch. Nr. 34. — Gulcke, Ther. u. Progn. d. Schäaelschüsse. Münch, med. Woch. Nr. 29.
— Joseph, Erfahr, über Schädel schösse; Bedeutung d. Röntgenbildes f. d. Schädelchirurgie.
Ebenda. Nr. 35. — Müller, P., Diagn. u. Ther. d. Schußverl. d. Gehirnschädels. Beitr. z.
klin. Chir. XCVII. H. 2. — Maresch, Schädelschüsse. Wiener klin. Woch. Nr. 38. —
Gebele, Schußverl. d. Gehirns. Ebenda. — Müller. W. B., Verl. d. Gehirns u. deren chirurg.
Behandl. Arch. f. klin. Chir. CV1I. H. 1 . — Stern, Beobacht b. Schußverl. d. Gehirns.
Deutsche med. Woch. Nr. 36. — Kleeblatt, Diabetes insipidus nach Schädelverl. Mediz.
Klinik. Nr. 33. — UhtofV, Hemianopische Gesichtsfeldstör. n. Schädelschüssen. Klin.
Monatsbl. f. Augenheilk. Juli. — Axenfeld, Dasselbe. Ebenda. — Engelhardt, Prognose d.
Schädelschüsse. Münch, med. Woch. Nr. 32. — Bäräny, Offene u. geschlossene Behandl.
d. Schußverl. d. Gehirns. Beitr. z. klin. Chir. XCVII. H. 4. — Axhausen. Behandl. d.
Schädelschüsse. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 15. — Pribram, Erfolge u. Mißerfolge b.
d. operat. Behandl. d. Schädelschüsse, bes. d. Durchschüsse. Wiener klin. Woch. Nr. 38.
— Jeger, Faszienplastik b. Schußverl. d. Dura. Beitr. z. klin. Chir. XCVII. H. 4. —
Canon, Transport Schädel verletzter. Deutsche med. Woch. Nr. 32. — Kalkhof, Operierte
Schädelschüsse. Therapeut. Monatsh. Aug. — Coonen, Steckschuß d. Rückenmarks. Berl.
klin. Woch. Nr. 30. — Wiener, Traumat. spastische Hemiplegie. Fortschr. d. Med. Nr. 51.
— M. Borchardt, Schußverl. periph. Nerven (56 operierte Fälle). Beitr. z. klin. Chir.
XCVII. H. 3. — Gratzl, Dasselbe. Ebenda. — Grosse, Dasselbe. Ebenda. — Gängele,
Nervenverletzungen i. Kriege. Zeitschr. f. orthopäd. Chir. XXXV. H. 3. — Steinbach,
Trophische Störungen b. Schußverl. periph. Nerven. Wiener klin. Woch. Nr. 31. — Mann,
Beobacht, an Verletzungen periph. Nerven. Münch, med. Woch. Nr. 30. — v. Tschermak,
Herpes zoster nach Schußverl. eines Nerven. Arch. f. Dermat. u. Sypb., Ref. CXXII. H. 4.
— Lengfellner u. Fiohse, Bedeutung d. N. ischiadicus. obturatorius u. femoralis b. Nerven-
überpüanzungen. Moderne Medizin. Nr. 9. — Horwitz, Peroneuslähmung. Münch, med.
Woch. Nr. 36. — Zange, Organ. Schädigungen d. nerv. Ohrapparats i. Kriege. Ebenda.
Nr. 82. — Hoffmann, R., Detonationslabyrinthosen. Ebenda. Nr. 37. — MuskelatropMr 9
Muskeldystrophie: Shere, Myositis ossificans traumatica. Journ. of am er. med. Asooc.
18. Sept. — Paralysis agitans: Kramer, F., Paral.-agit-ähnliche Erkrankung; Mon. f.
Psych. Sept — Familiäre Krankheite n: Jones, Myotonia congenita. Journ. of
amer. med. Assoc. 14. Aug. — Wolfsohn and Oliver, Amaurotic idiocy. Arch.'of int. Medic.
XVI. H. 2. — Varia: Langstroth, Diagnost. importance of Heads zones of hyperalgesia.
Arch. of int Medic. XVI. H. 2. — Wiener and Wolfner, React. of the pupil, strongly sug¬
gestive of arteriosclerosis with increased blood pressuie. Journ. of amer. med. Assoc.
17. Juli. — Schneller, Galvanische Nervenmuskelerregbarkeit i. d. Schwangerschaft Inaug.-
Dissert. Erlangen.
V. Psychologie. Sommer, Krieg u. Seelenleben. Wiener med. Woch. Nr. 39. —
Engelen u. Rangette, Grundlagen d. Assoziationspsychol. Ärztl. Sachverst-Ztg. Nr. 18. —
Kohnstamm, Inwiefern gibt es einen freien Willen für die ärztliche u. erziehliche Willens¬
beeinflussung? Journ. f. Psychol. u. Neurol. XXI. H. 5/«. — Frankhauser, Kausalität im
allgemeinen u. psychische Kausalität". Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 3/4. —
Weber, L. W., Psycholog. Beurteilung d. Zeugenaussagen. Vierteljahrsschr. f. gerichtl.
Mediz. Juli. — Koffka, Zur Grundlegung d. Wahrnehmungspsychologie. Zeitschr. f. Psychol.
LXXI1I. H. 1/2. — Fischer, A. f Weitere Versuche über Wiedererkennen. Ebenda. LaXH.
H. 5/6. — Vlqueira, Lokalisation u. einfaches Wiedererkennen. Ebenda. LXX1II. H. 1/2.
— Baade, Vergegenwärtigung v. psychischen Ereignissen durch Erleben, Einfühlung u.
Repräsentation; Verhältnis d. Jaspersschen Phänomenologie z. darstellenden Psychol. Zeit¬
schrift f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 3/4. — Habermann, Intel], examination and evaluation;
new inteil, examin. sheet. Journ. of amer. med. Assoc. 31. Juli. — Meyer, Object. Psychol.
or Psychobiol. with Subordination of the medically useless contrast mental and physic&l.
Ebenda. 4. Sept — Kollarits. Psychol. d. Spaßes, des Spaßmachens u. über scherzende
Neurastheniker. Journ. f. Psychol. u. Neurol. XXI. H. 5/6. — Derselbe, Das momentane
Interesse b. nervösen u. nicht nervösen Menschen. Ebenda. — Derselbe, Positiver Schmerz
n. negative Lust b. Neurasthenie u. b. Schopenhauer. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX.
H. 3/4.
Digitized by
Google
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
880
VI. Psychiatrie. Allgemeines: Rasch, Geisteskrankheiten u. Krieg. Zeitschr. t
Psych. LXXIL H. 2. — Weyert, Militärpsychiatrische Beobacht, u. Erfahrungen.* Samml.
zwangloser Abhandl. a. d. Geb. d. Nerven- u. Geisteskranke XI. H. 2/4. — Stransky,
Psychiatrie u. Psychol. i. Kriege. Wiener med. Woch. Nr. 27. — Wittermann, Kriegs¬
psychiatrische Erfahrungen a. d. Front. Münch, med. Woch. Nr. 34. — Weygandt. Kriegs¬
psychiatrische Begutachtungen. Ebenda. Nr. 37. — Laudenheimer, Anamnese d. sogen.
Kriegspsychoneurosen. Ebenda. Nr. 88. — Rosanoff, Is insanity on the increase? Journ.
of amer. med. Assoc. 24. Juli. — Dercum, Becent aspects of nerv, and ment, pathol. Ebenda.
31. Juli. — Mc Donald, Ment, disease and language. Journ. of nerv, and ment disease. Juli-
Aug. — Weigl, Psychopathol. Fälle u. psychische Mängel normaler Kinder. Zeitschr. f
Schulgesundheitspflege. Nr. 9. — Bloch, Intell.-Prüfungen nach Biuet-Simon i. ihrer Be
deutung f. d. Hilfsschulkinder. Ebenda. — Fraenkel. L. p Ätiol. u. Ther. v. Frauenkrankh-
b. Irren. Mediz. Klinik. Nr. 29. — Oberndorf, Analysis of a Claustrophobia. Medic. Record.
28. Aug. — Kellner, Selbstmord v. ärztl. u. anthropol. Standpunkt. Zeitschr. f. d. ges..
Neurol. XXIX. H. 3/4. — Kafka, Bedeutung d. Dialysierverfahrens nach Abderhalden f.
d. Psychiatrie. Münch, med. Woch. Nr. 39. — Angeborener Schwachsinn: Wasner,
Psychosen a. d. Boden d. angeb. geistigen Schwächezustände. Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
XXIX. H. 2. — Wildman, Psychoses of Feeble-minded. Journ. of nerv, and ment dis.
Aug. — Berklay, Psychoses of the high-imbecile. Bull, of the Johns HopkinB Hospit. Sept
— Funktionelle Psychosen: Birnbaum, Zur Paranoiafrage. Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
XXIX. H. 8/4. — Repond, Katatonie nach Sonnenstich. Mon. f. Psych. Juli/Aug. —
Hauptmann, Beschleunigung der Gerinnungszeit b. Katatonie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
XXIX. H. 8/4. — Schwarz, Zwangsvorstellungen b. einem Hebephrenen. Mon. f. Psych.
Sept. — Ernst, Prophylaxis in dementia praecox and other psychoses. Medic. Record.
11. Sept — Infektions- und Intoocikationspsychosen: Flusser, Psychosen b. Kriegs¬
typhus. Wiener med. Woch. Nr. 89. — McCarthy, Psychoses and neuroses of pregnancy
and puerperium. Amer. Journ. of obstetrics. Aug. — Sittig, Pathogenese gewisser Sym¬
ptome eklamptischer Psychosen. Mon. f. Psych. Sept. — Progressive Paralyse : Rice,
Some difficulties in the diagnosis of general Paralvsis of the insane. Medic. Record. 17. Juli.
— Schlicht, Zur Lehre v. d. juvenilen Paralyse. Inaug.-Dissert. München. — Weber, Wund¬
infektion als Unfall u. progr. ParaL Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 13. — Förster, Fall v. Paral-
m. negat. Wassermann in Blut u. Liquor. Mon. f. Psych. Sept. — Bahr and Potter, Pem¬
phigus in a paretic. Journ. of nerv, and ment. dis. Juli. — Roth, Die Plasmazellen i. d.
Hirnhäuten u. d. Hirnrinde b. progr. Paral. Inaug.-Dissert. Leipzig. — Forensische
Psychiatrie : Engelen, Beurteilung d. Persuasion. Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 15. — Lleske,
Verminderte Zurechnungsfähigkeit nach d. neuesten Stand der Strafgesetzreform. Journ.
f. Psychol. u. Neurol. XXI. H. 5/6. — Therapie der Geisteskrankheiten: Schultz,
J. H., Wege u. Ziele d. Psychotherapie. Therap. Monatsh. Aug.
VIL Therapie* Taylor, Cooperation in the treatment of nerv, maladies. Medic. Record.
28. Aug. — Hartmann, Übungsschulen f. „Gehirnkrüppel“. Mitteil. d. Ärzte d. Steiermark.
Juli. — Römer, Sonnenbäder u. Nervensyst. Deutscne med. Woch. Nr. 28. — Borottav,
Elektrother. L J. 1914/15. Jahresb. f. ärztl. Fortbild. Aug. — Tobias, Fortschr. d. Elektro-
ther. i. J. 1914. Berl. klin. Woch. Nr. 27. — Zanietowsk Elektromedizin i. d. Kriegsther.
Wiener klin. Woch. Nr. 80/31. — Löwy, J., Beeinfl. d. Erkrank, d. Nervensyst. durch d.
Apparat v. Bergonie. Zeitschr. f. phys, u. diätet. Ther. Sept. — Stracker, Dauermasken
f. a. elektr. Behandl. Münch, raea. Woch. Nr. 32. — Fleischhauer, Behandl. d. Peroneus¬
lähmung. Berl. klin. Woch. Nr. 30. — Welty, Fußstützmaschine f. Peroneus-Tibialislähm.
Münch, med. Woch. Nr. 31. — Topp, Ferri-Valbromid. Mod. Mediz. VI. H. 5. — Serejski,
Klin. Erfahr, m. Diogenal, e. neuen Beruhigungsmittel. Deutsche med. Woch. Nr. 82. —
Friedländer, Foligan, ein neues Sedativum. Ebenda. — Becker. Ther. d. Schlaflosigkeit.
Mod. Mediz. VI. H. 5. — Golm, Erfahr, m. Adalin. Deutsche med. Woch Nr. 27. —
Schiften, Ungiftigkeit des Adalins. Therap. Monatsh. Juli. — Schmidt, Mekonal, ein Schlaf¬
mittel. Deutsche med. Woch. Nr. 30. — Geneier, Verteilung d. Neuronais, Bromurals u.
Adalins i. Organismus. Arch. f. exp. Pathol. LXX1X. H. 1. t
Einsendungen für die Redaktion sind su richten an Dr. Kurt Mendel
in Berlin W, Augsburgerstr. 48.
Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgkb & Wittiq in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralbutt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten.
Begründet von Prot E. MendeL
Heraasgegeben
TOD
Br. Kurt Mendel.
Vierumldreißigster . Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlagsbuchhandlung.
1915. 1. Dezember. Nr. 23.
Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Klinischer Beitrag zur Schädigung der peripheren
Nerven bei den Erfrierungen infolge Dnrchnässung, von Dr. Georg Stiefler. 2. Zur trauma¬
tischen Neurose im Kriege, von Dr. Bunnemann.
II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Zur Diagnose und Therapie der Schädel-
und Gehirnschtisse, von 8ick. 2. Richtlinien in der Behandlung der Sch ädeltangential-
schüsse, von Wilms. 3. Über Schuß Verletzungen der Hirnnenren, von Ausch. 4. Über
kontralaterale Alopezie nach Kopfschüssen, von Klausner. 5. Über den zerebellaren Sym-
ptomenkoraplex in seiner Bedeutung für die Beurteilung von Schädel verletzten, von Gold¬
stein. 6. Schuß Verletzungen des Rückenmarks und der Wirbelsäule, von Frangenheim.
7. Gunshot injuries of the spinal cord, by Derby. 8. Über Nervenverletzungen im Kriege,
von Gaugele. 9. Nerve suture for bullet wounds, by, Stoney and Meade. 10. Anatomische
Veränderungen der Extremitätennerven nach Verletzung durch Nahschüsse, von Berbllnger.
11. Galalith zur Tubulisation der Nerven nach Neurolysen und Nervennähten, von Auerbach.
12. Zur Neuritis als Felderkrankung, von Stransky. 13. Über Herpes zoster nach Schu߬
verletzung eines Nerven, von Tschermak. 14. Ein Fall von trophoneurotischer Gangrän
nach Schußverletzung, von Leszlinyi. 15. Über Gamaschenschmerzen, von Kronfeld. 16. Zur
Kenntnis der Kriegsneurosen, von Juliusburger. 17. Blindness alter campaigning, by Jessop.
18. Gases of nervous and mental shock observed in the base hospitals in France, by Turner.
19. Antithyreoidin und Hypophysin in der Kriegsmedizin (Begriff der Dyshormonie), von
Kohnstamm. 20. Über asthenische Zustände bei Soldaten, von Sztanojevits. 21. Geistes¬
krankheiten und Krieg, von Rasch. 22. Psychiatrisches zum Kriege, von Bonhoeffer. 23. Krieg
und Seelenleben, von Sommer. ^24. Nicbtchirurgische Behandlung in der Feldchirurgie, von
Higler. — Chorea, Tic. 25. Über einen experimentell-toxischen choreiformen Symptomen-
komplex beim Tiere, von Fachs. 26. Chor^e et syphilis, par Milian. 27. Zur Symptomat<>
logie und Therapie der Chorea minor, von Lewe. 28. Tonsillectomy as a therapeutic measure
in the treatment of chorea and endocarditis, by Youna. 29. A voice sign in chorea, by
Swift. 30. Versuche über Aufmerksamkeitsstörungen bei Cnorea minor, von Wenger. 31. Chorea
minor und Psychose, von Heinrichs. 32. Über Chorea minor mit Psychose, von Kühl. 33. Zur
Behandlung der Chorea minor, von Lehmann. 34. Beitrag zur pathologischen Anatomie der
Huntington sehen Chorea, von Dost. 35. Zur Frage der Chorea Huntington, von Greve.
36. Zur Ätiologie der Chorea gravidarum, von Albrecht. 37. Über Choreapsychosen in der
Schwangerschaft, von Harpe. 38. De la mort chez les choreiques pendant la grossesse, par
Lepage. 39. Beitrag zur Lehre von der Chorea hysterica, von Michels. 40. Ein Beitrag zur
Kasuistik des Tics, von Jedllika. 41. Über erfolgreiche Behandlung des Tic convulsif durch
Chlorkalzium, von Emmerich und Loew. — Psychiatrie. 42. Statistisches zur Ätiologie
der Nerven- und Geisteskrankheiten, von Redlich. 43. Über die Bedeutung der Degenerations¬
zeichen, besonders der Ohrmißbildungen bei Geisteskranken, von Tischbein. — Forensische
Psychiatrie. 44. öbergutachten der Kgl. wissenschaftlichen Deputation für daA Medizinal¬
wesen vom 17. Juni 1914 (J.-N. 21 C) betreffend Verantwortlichkeit des Irrenarztes für den
Selbstmord eines Geisteskranken, von Bonhoeffer nnd Moeli.
III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬
heiten, Sitzung vom 8. November 1915. — 40. Wanderversammlung stidwestdeutscher Neuro¬
logen und Irrenärzte am 29. und 30. Mai 1915 in Baden-Baden.
xxxiv. 50
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
I. Originalmitteilungen.
[Aas dem k. k. Garnisonsspitale Nr. 8 in Przemygl.]
1. Klinischer Beitrag
zur Schädigung der peripheren Nerven bei den
Erfrierungen infolge Durchnässung.
Von. Dr. Georg 8tief ler,
Nervenarzt in Linz a. D„ zurzeit im Felde.
Zu deu Erkältungskrankheiten des Krieges als im weiteren Sinne zugehörig
gehören bekanntlich auch die Erfrierungen; die sehr lehrreichen Erfahrungen
aus den Balkankriegen 1912/13 über die „Erfrierungen ohne Frost“ (Dbbtbr,
Goldammer, Kbonenfbls und Massaki, Ladenstein, Welckbb, Wieting-
Pasoha u. a.) beschäftigten sich vorwiegend mit der Pathogenese und Therapie
derselben und nehmen in erster Linie das Interesse des Chirurgen und Dermato¬
logen in Anspruch, daher in der neurologischen Literatur, soweit ich mich orien¬
tieren konnte, auf diesem Gebiete einschlägiges Material nicht vorliegt; dies gilt
auch bezüglich der wenigen Beobachtungen aus dem gegenwärtigen Kriege
(Bundschuh, Pbantbb, Pribbam, Reich, Riehl u. a.). Bei Riehl 1 finden
wir einige kurze Bemerkungen über das Verhalten der Sensibilität bei Erfrie¬
rungen dritten Grades. Während meiner militärärztlichen Tätigkeit im Garni¬
sonsspitale zu Przemyäl vom Herbst 1914 bis Frühling 1915 gab mir die Unter¬
suchung zahlreicher Erfrierungsfälle, die ich gemeinsam mit Regimentsarzt
Privatdozent Dr. Richabd Volk an dessen Abteilung für Haut- und Geschlechts¬
kranke machte, Gelegenheit, den Erscheinungen von seiten des Nervensystems
besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Es handelte sich fast ausschließlich um
Erfrierungen der Füße, als dessen Ursache aber nicht etwa Frost, strenge Kälte
in Betracht kam, sondern länger andauernde Durchnässung und dadurch be¬
dingte Unterkühlung der Füße, da die Körperwärme infolge der durchnäßten
Fußbekleidung nach außen abgeleitet wird und dadurch die Abkühlung der
Füße weiter gefördert wird; anders bei der Frosterfrierung, wo die Wärme¬
regulierung infolge des den Fuß umgebenden Luftmantels zweifellos eine bessere
ist, daher auch die Gewebsschädigung bei diesen Nässeerfrierungen meistens
eine viel schwerere und ausgedehntere ist, als bei den typischen Frosterfrierungen.
Die Durchnässung bildet sicherlich die Grundursache der Erfrierung; Unter¬
ernährung, Erschöpfung, Erkrankungen (Cholera, Ruhr, Darmkatarrh) können
als fordernde Momente in Betracht kommen, ferner auch örtlich zirkulations¬
schädigende Wirkungen (Prädisposition, Mangel an Bewegung, unzweckmäßige
Bekleidung). Volk 3 und ich sahen im Herbst 1914 gegen 60 Fälle solcher
Durchnässungserfrierungen; die ersten Fälle kamen bereits Ende Sep-
* Riehl, Bemerkungen über Erfrierung. Wiener klin. Wochenechr. 1915. Nr. 11.
* Volk und Stibplbb, Über Erfrierungen. Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 5.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
883
tember vor, die Mehrzahl im Oktober. Mit Eintritt der trockenen, strengen
Kälte, in der zweiten Novemberhälfte, kamen keine Fälle mehr in nnsere Beob¬
achtung; erst im Dezember, bei milder, feuchter Witterang, sahen wir wieder
mehrere Fälle.
Das klinisohe Bild dieser Erfrierungen ist ein angemein charakteristisches,
in der Intensität abhängig vom Grade der Erfrierang; gemeinsam ist allen
Fällen, auch den leichten, die ungewöhnlich lange Dauer der Erkrankung. In
den leichten Fällen sehen wir nur die obersten Hautschichten verändert, eine
leicht lividrote bis rosa Färbung, manchmal auch eine geringe Schwellung bzw.
leichte Fältelung, Schilferigsein der Haut In schwereren Fällen ist die bläulich¬
rote Färbung dunkler, es kommt zur Entwicklung eines gewaltigen Odems, das
an den Zehen beginnend auf die Füße fortschreitet, die sich dann polsterartig
anfühlen, und häufig auch zur Blasenbildung. In den schweren Fällen mit den
intensivst ausgebildeten Hauterscheinungen, der tiefblauen bis schwarzen Ver¬
färbung, starken Odemen, Herabsetzung der Temperatur kommt es im späteren
Verlaufe zur Nekrose der Haut, Weichteile und auch der Knochen, die sich vom
gesunden oder nur wenig geschädigten Gebiete durch eine Demarkationszone
abgrenzt; Mumifizierung, spontane Enukleation ganzer Skeletteile, Entwicklung
von Abszessen und Phlegmonen sieht man nicht so selten, schließlich auch Bilder
schwerer Sepsis mit meist letalem Ausgang. Die Gewebsveränderungen bei der
Erfrierung sind bekanntlich auf Alteration des Gefäßsystems zurückzuführen,
auf Thrombenbildung in den kleinen Arterien (v. Recklinghausen, Kriege
u. Hodara).
Als Ursache peripherer sensibler Störungen mit Verlust bzw. Abschwächung
des Empfindungsvermögens kennen wir nach Bernhardt mehr oder minder
ausgedehnte, grobe traumatische Zerstörung der Haut mit Schädigung der Endi¬
gungen der sensiblen Nerven und der dazugehörigen spezifischen Organe, ferner
abnorme Temperaturgrade, Kälte und Hitze, welche Empfindung herabsetzend
wirken, wie die Versuche von Weber, Kulenburg, Nothnagel lehren. Bern¬
hardt verweist ferner auf die schweren sensiblen Ausfälle bei Durchnässung
und damit Lockerung der Epidermis durch Wasser, auf die Einwirkung von
Kälte auf die Gefäßlichtung, das Entstehen der Gefäßkrämpfe (Asphyxie locale)
mit Gewebsvernichtung der meistbetroffenen Teile, auf die Raynaudsche Er¬
krankung und schließlich auf die Erythromelalgie (Lannois), wo wir Erschlaffung
und Erweiterung der Gefäße, Ödeme, Schmerzen und Sensibilitätsstörungen
finden. Weiterhin wären die refrigeratorischen Neuralgien und Lähmungen anzu¬
führen, als Ausdruck der Schädigung sensibler und motorischer Fasern durch
Kältewirkung. Daß bei den Erfrierungen neben den durch die Gefäßalteration
bedingten nervösen Störungen auch primäre Läsionen der peripheren Nerven,
in erster Linie der peripheren sensiblen Haut- und Gefäßnervenendigungen, in
Betracht kommen, glauben wir nach unseren eigenen Beobachtungen annehmen
zu können.
Zu Beginn der Erfrierung, bevor sich oft schon Erscheinungen von seiten der
Haut zeigen, finden wir als regelmäßigen Befund Empfindungsstörungen in den
56*
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
884
befallenen Gebieten, Parästbesien von großer Intensität und verschiedenartiger
Charakteristik, so Empfindungen von Brennen, Hitze, Kälte, Ameisenlaufen,
Jucken, Steifigkeit, Hölzemsein; manche hatten das Gefühl, daß die Beine un¬
förmlich aufgesohwollen, andere wieder, daß ihnen die Füße abgestorben seien.
Die Parästhesien waren am stärksten in den distalen Fußabschnitten, namentlich
an den Zehen, ausgeprägt, pflanzen sich aber auch proximalwärts weit in das
auch später gesund gebliebene Gebiet, oft bis zur Untersohenkelmitte hinauf
fort. Sie waren im Beginne der Erfrierung, in den ersten Tagen und Wochen,
am heftigsten; ihre Entwicklung zur Höhe beanspruchte manchmal nur Stunden,
gewöhnlich war diese innerhalb einiger Tage erreicht. Manchmal wird der ganze
Fußabschnitt, von den Zehenenden bis zur Sprunggelenkshöhe auf einmal er¬
griffen, und schwillt dann die Intensität gewöhnlich rasch an. In der Mehrzahl
der Fälle beobachteten wir eine mehr allmähliche Ausbreitung, mit Beginn an
den Zehen und konstantes, gelegentlich schubweises Fortschreiten proximalwärts.
Daß die Parästhesien häufig -ungemein quälend sind, möge hervorgehoben sein;
ihre Entstehung haben wir wohl auch bei der Erfrierung auf eine Mitbeteili-
gung der sensiblen Haut- und Gefaßnervenendigungen zurückzuführen.
In über ein Drittel der Fälle bestanden sehr heftige Schmerzen in den
Füßen, welche von den Kranken als „brennend wie Feuer“, bohrend, stechend
empfunden wurden, gewöhnlich in den Fußsohlen und den Zehen stärker als
dorsal. Sie treten für gewöhnlich nicht im ersten Beginne der Erfrierung ein,
sondern erst nach einigen Tagen und zeichnen sich durch besondere Hartnäckig¬
keit, schwere Beeinflussung durch Medikamente aus; am besten bewährte sich
noch Pyramidon. Die Intensität der subjektiven sensiblen Reizerscheinungen
steht durchaus nicht immer in entsprechendem Verhältnisse zum Grade der
Erfrierung; so haben wir wiederholt in Fällen, wo makroskopisch kaum eine
Gewebsveränderung zu erkennen war, über sehr lebhafte Parästhesien und
Schmerzen klagen gehört, die in diesen Fällen wohl in erster Linie auf eine
durch den Kältereiz direkt bedingte, primäre Erregung sensibler Nerven und
Endapparate aufzufassen sind. Jene schweren Grade von Erfrierung mit tief¬
blauer Verfärbung der Haut, starker Schwellung der Weichteile zeigten meistens
auch stärkere Schmerzen und sämtlich intensive Parästhesien. Das Vorhanden¬
sein von Parästhesien und Schmerzen in den bei der Untersuchung als anästhetisch
sich erweisenden Partien, so vor allem im Gebiete schwerster Gewebszerstörung,
in den bereits mortifizierten Gliedabschnitten (Anaesthesia dolorosa) haben
wir uns nach dem Vorgänge der Projektion von in gesunden, bzw. noch
empfindenden Nervenabschnitten erzeugten Reizzuständen in das periphere kranke
Gebiet, nach voraufgegangener zentralwärts erfolgter Leitung, zu erklären.
Von diesen Schmerzen und Parästhesien unterscheiden sich mehrere Fälle
mit typischen Neuralgien, in Anfallen auftretenden reißenden, ziehenden
Schmerzen, die vom Knie abwärts an der Außenfläche des Unterschenkels gegen
den Fußrücken bzw. in die Wadenmuskeln und Sohle gegen die Zehen aus¬
strahlten und von den Kranken in die Tiefe der Muskulatur lokalisiert wurden:
außerdem fand sich umschriebene Druckschmerzhaftigkeit unterhalb des Waden-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
885
beinköpfchens, in der Kniekehle, sowie an mehreren Stellen der Streck* und Beuge-
muskeln am Unterschenkel; motorische wie sensible Ausfälle waren nicht nach¬
weisbar. Es handelt sich hierbei zweifellos um echte refrigeratorische Neuralgien,
die auf eine primäre Schädigung des Nervenstammes durch die Kälte zurück-
zuführen sind. Sie zeigen sämtlich eine sehr gute Prognose und unterscheiden
sich dadurch von den durch den örtlichen Erfrierungsprozeß bedingten Par-
ästhesien und Schmerzen; ein bis zwei Wochen nach der Spitalsaufnahme, bei
gleichmäßiger Bettwärme und Verabreichung von Antirheumatika heilten sie
vollkommen ab.
In vier Fällen klagten Kranke über Anfälle von Krampfgefühl in den
Wadenmuskeln, ohne daß es hierbei zur Auslösung eines wirklichen Muskel¬
krampfes kam; wir können sie vermutlich als sensible Reizzustände, durch die
Erkältung ausgelöst, auffasseu, welche den motorischen Anteil des Reflexbogens
nicht erreichten, sozusagen als sensible Crampi.
Gehören die subjektiven sensiblen Reizerscheinungen als konstanter Befund
zum nervösen Symptomenbilde der Erfrierung, so gilt dies nicht minder von den
sensiblen Ausfallserscheinungen; ihre Intensität nimmt zunächst ent¬
sprechend den durch die Erfrierung gesetzten Gewebsschädigungen distalwärts
zu und ist in den besonders schwer getroffenen distalen Fußabschnitten eine
hohe, im neurotischen Gewebe eine maximale. Ihre Ausbreitung erstreckt sich
nicht auf den anatomischen Verbreitungsbezirk eines oder mehrerer Hautnerven,
sondern in Rücksicht des Ergriffenseins ganzer Gliedabschnitte auch auf den
ganzen Umfang, die peripheren Komplexe sämtlicher daselbst liegenden sensiblen
Nerven begreifend. Wir fanden ferner, daß die sensiblen Ausfälle in größerer
Ausdehnung von höherer Intensität vorhanden waren, als wir nach der äußer¬
lich erkennbaren Gewebszerstörung erwarten konnten, deren Grenzen sie regel¬
mäßig proximalwärts überschritten und noch im als gesund erscheinenden Haut¬
gebiete nachzuweisen waren. Insbesondere die leichten Fälle bieten uns Beispiele
dafür und weisen darauf hin, daß neben der durch die Gefäßalteration bedingten
Gewebsschädigung, die in schweren Fällen allein imstande ist, ausgedehnte
sensible Defekte zu erzeugen, die durch die Refrigeration gesetzte primäre Schädi¬
gung der sensiblen Nervenenden die Ursache des sensiblen Verlustes ist So
haben wir in einer Reihe von Fällen mit Erfrierung der Füße, die äußerlich
kaum Erscheinungen einer Erfrierung zeigten oder nur leichte Fältelungen,
Schilferungen der Epidermis, in größerer Ausdehnung anästhetische Gebiete ge¬
funden, so an Füßen, Sohle, Zehen und distalstem Fußrücken (sandalenförmige
Anästhesie); in Fällen mit schwereren Gewebsveränderungen an der distalen
Fußbälfte fand sich nicht nur in diesem Abschnitte. Anästhesie, sondern noch
höher hinauf, im Niveau des Sprunggelenkes mit einem annähernd zirkulären,
hypästhetischen Saum abschließend (halbschuhförmige Anästhesie). In
den schweren Fällen, wo die Demarkationszone noch höher lag, die horizontale
Verbindungslinie der Malleolen proximalwärts, vorn gewöhnlich zungenförmig
überschritt, erstreckte sich der anästhetische Bezirk über die Knöchelhöhe hinauf
und wurde nach obenzu durch einen bis oft handbreiten hypästhetischen Ring
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSfTY OF MICHIGAN
886
abgegrenzt (schahförmige Anästhesie). Per Übergang vom Gesunden ins
krankempfindende Gebiet war stets eine allmähliche, distalwärts zunehmende
Hypästhesie. Mehrere Male ließen sich am Faßrücken hyperästhetische Zonen
feststellen, die sich zwischen gesundem und hypästhetischem Gebiete ein*
schoben oder als zerstreute Inseln in bereits sensibel abgeschwäohten Bezirken
auftraten. Überempfindlichkeit in größerer Ausdehnung, etwa ganze Fußabschnitte
betreffend, haben wir nie beobachtet Bei Berücksichtigung der sensiblen Quali¬
täten fand sich in nicht weniger als zehn Fällen im hypästhetischen Gebiete die
Empfindung für Kälte wie für Wärme wesentlich stärker herabgesetzt als die
Scbmerzempfindung; auch in den Fällen mit Vorgefundenen hyperästhetischen
Feldern war eine entsprechende Überempfindlichkeit für kalt und warm nicht
zu konstatieren. Obwohl der Kälte- wie Wärmesinn getrennte nervöse Endorgane
haben, waren doch beide regelmäßig gleich schwer betroffen, was ebenso wie
die wiederholt beobachtete schwere Schädigung der thermischen Sinnesqualitit
auf die oberflächliche Lage ihrer Endstätten in der Haut zurückzuführen sein
wird, während ja bei einem tiefer gehenden Reiz wie bei der Prüfung des
Schmerz- und Drucksinnes auch die Sensibilität tiefer gelegener Teile in Frage
kommt. Das Vorkommen partieller Empfindungsstörungen bei Erkrankung
peripherer Nerven wird noch bestritten, zum mindesten stellen einwandfreie Be¬
obachtungen eine große Ausnahme dar. Als ein weiteres selteneres Vorkommnis
bei Schädigung peripherer Nerven konnten wir mehrmals im hypästhetischen Ge¬
biete eine Verlangsamung der Empfindungsleitung feststellen, die das Temperatur-
wie Schmerzgefühl gleichmäßig betraf, wodurch wir einen neuerlichen Beweis
erbringen, daß Verspätung der Empfindung nicht nur bei zentralen bzw. medullären
Prozessen zustande kommt, sondern auch bei peripheren Nervenerkrankungen,
wie dies ja bei neuritischen Affektionen schon beobachtet ist (Bbbhhabdt, Bemas).
Beim Versuche, die Indifferenzbreite der Temperaturempfindung aufzufinden,
konstatierten wir im hypästhetischen Gebiete regelmäßig sehr niedrige Werte
und fanden auch einige Male ein direkt paradoxes Verhalten. Bei Prüfung der
Faradosensibilität und Bestimmung des Minimums von Schmerzempfindung
beobachteten wir mit nur wenigen Ausnahmen, wo sich für die faradokut&ne
Minimalempfindung höhere Werte ergaben, übereinstimmende Ergebnisse mh
der Berührungs- bzw. Schmerzempfindung. Das Verhalten der tiefen Sen-
siblität beobachteten wir bei Prüfung des Drucksinnes, der Lage- und Bewegungs¬
empfindung und des Vibrationsgefühls und fanden leichte bis sehr schwere
Störungen, namentlich in dem schwerer befallenen Gebiete, so in den Zehen¬
gelenken und bei ausgedehnteren Erfrierungen auch im Sprunggelenke. Lu einen
Falle von Handerfrierung (typische Gewehrgrifferfrierung) fand sich eine deut¬
liche Störung des stereognostischen Sinnes. Für die Schwere der sensiblen Storni?
und ihre sicherlich morphologische nervöse Grundlage spricht auch die stet;
gefundene Tatsache, daß selbst nach erfolgter Abheilung der Gewebsschädigoc?
und nach Verschwinden der subjektiven sensiblen Erscheinungen noch schwer*
Ausfälle des Empfindungsvermögens bestehen blieben, die Sensibilität ena
ungewöhnlich spät zurückkehrte, wie wir dies gerade bei den leichten Erfrierung;:
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
887
in monatelanger Beobachtung gut überblicken konnten. So war in mehreren
Fällen, die kaum einen positiven Erfrierungsbefund boten, nach mehr als sechs
Monaten noch deutlich Hypästhesie in dem seinerzeit anästhetischen Gebiete
nachzuweisen.
Gegenüber den sensiblen Läsionen treten die motorischen Störungen
entschieden in den Hintergrund. Den Übergang zu diesen bilden entsprechend
ihrer Pathogenese, der vermutlichen reflektorischen Auslösung infolge der von Kälte¬
reiz getroffenen sensiblen Fasern, isolierte tonische Krämpft der Wadenmuskulatur,
echte Crampi, die wir in mehreren Fällen von Erfrierung zu beobachten Gelegen¬
heit hatten; sie waren durchwegs von kurzem Bestände, denn sie verschwanden
nach den ersten Tagen des Spitalsaufenthaltes. Bezüglich der motorischen Aus¬
fallserscheinungen können wir örtliche, durch die Gewebszerstörung bedingte, und
echte Lähmungen, durch Schädigung einzelner Nervenstämme entstanden, unter¬
scheiden. Zu den ersteren gehören die bei schweren Erfrierungsfallen stets
gefundenen motorischen Ausfälle, die auf direkte Zerstörung der Muskeln,
Sehnen, Nerven durch die Durchfeuchtung, Schwellung, Nekrose der Weichteile
zurüokzuführen sind, und andrerseits die Bewegungsstörungen, die durch Verlust
der Empfindung gegeben sind, eine Behinderung und Unsicherheit in Ausführung
der Bewegungen. Die zweite Gruppe stellen echte refrigeratorische Läh¬
mungen dar, deren Grundlage die Schädigung größerer Nervenstämme
durch die Kälteeinwirkung, vermutlich Veränderungen neuritischen Charakters,
bilden; sie wurden in drei Fällen von beiderseitiger Fußerfrierung mittleren
Grades stets einseitig beobachtet. In zwei Fällen handelte es sich um eine
linksseitige Peroneuslähmung (mit Druckpunkten, Hypästhesie, partieller Ent¬
artungsreaktion), im dritten Falle um eine rechtsseitige Parese im Peroneus-
und Tibialisgebiete, mit sensibler Störung und einfacher quantitativer Herab¬
setzung der elektrischen Erregbarkeit; in allen drei Fällen bildeten sich die Läh¬
mungen nach 3—4 bzw. 2 Wochen vollkommen zurück. Wenn man auch heute,
und gewiß mit Hecht, in der Beurteilung sogenannter rheumatischer Lähmungen
vorsichtig und zurückhaltend geworden ist, so läßt sich doch das Vorkommen
echter refrigeratorischer Lähmungen nicht bestreiten, und zwar gilt dies nicht
nur für die Fazialis- und Augenmuskellähmungen, sondern auch für die viel
selteneren Eitremitätennervenläbmungen, wobei die Erkältung nicht nur eine
Hilfs- oder Gelegenheitsursache bildet, sondern das einzige auffindbare ätiologisobe
Moment darstellt, wie dies in unseren drei Fällen angenommen werden muß.
Bezüglich der Reflexe sei noch erwähnt, daß in sämtlichen Fällen von
Erfrierungen die Fußsohlenreflexe fehlten und in einigen schwereren Fällen auch
die Achillessehnenreflexe, als Folge der Ausschaltung der sensiblen Aufnahme¬
station für die Reflexe.
Während der Wintermonate hatte ich wiederholt Gelegenheit, aucht echte
Froeterfrierungen (gegen 30 Fälle) zu sehen; es handelte sich um durchwegs
leichte Fälle, um Erfrierung einzelner oder mehrerer Zehen und einigemale auch
der seitlichen Anteile der angrenzenden distalen Fußabschnitte. Im Gegensätze
zu den Durchnässnngserfrierungen beschränkten sich hier die sensiblen Ausfälle
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
888
fast stets auf das Gebiet sichtbarer Gewebsschädigung, waren also im Umfange
der Zehen und in mehr streifenförmigen Zonen des Fußrückens bzw. der
Sohle zu finden, nie aber in Ausbreitung auf das ganze Fußgebiet in Ein¬
beziehung gesund erscheinender Abschnitte, wie wir dies auch bei den leichten
Fällen der Erfrierungen ohne Frost feststellen konnten.
Es erübrigt sich noch kurz auf die lUynaudsche Erkrankung hinzuweisen,
zumal von einzelnen Ärzten, welche über Erfrierungen in den Balkankriegeu
berichten, die Bezeichnungen symmetrische Gangrän gebraucht wird, worunter
wir den Baynaudschen Symptomenkomplex verstehen, an den man ja tatsächlich
bei flüchtiger Betrachtung der Erfrierungen erinnert wird. Und doch finden
wir eine Reihe von unterscheidenden Merkmalen, ganz abgesehen von der Ätiologie
der Baynaudschen Krankheit, welche bekanntlich als wichtigstes Moment die
neuropathische Konstitution aufweist Nach Cassibeb, dem wir (in seinen vaso-
motorisch-trophi8chen Neurosen) eine grundlegende Bearbeitung der Asphyiie
locale verdanken, betreffen die vasomotorischen Erscheinungen hierbei in regel¬
losem Durcheinander bald diese, bald jene Abschnitte der erkrankten Gegend,
die Schwellung ist eine häufige, aber keine konstante, die Gangrän ist charak¬
terisiert durch ihre geringe Ausdehnung — die Abstoßung einer Phalange
gehört zu den Seltenheiten —, die Sensibilitätsstörungen sind fast stets gering¬
fügig, der Verlauf ist ein durchaus intermittierender; gemeinsam sind beiden
die häufig enormen Schmerzen.
2. Zur traumatischen Neurose im Kriege.
Von Dr. Bunnemann in Ballenstedt.
Am 1. August 1914 erschien von mir in der Monatsschrift t. Psychiatric
u. Neurologie ein Aufsatz unter der Überschrift: „Physikalische Anschauungs¬
weisen in neurologisch-psychiatrischer Literatur, ein Kapital zur Leib-Seelen-
frage“(l). Es ist erklärlich, daß gerade in den Tagen des Kriegsausbruch«
diese Arbeit die Aufmerksamkeit zuständiger Kreise zu fesseln nicht imstande
war. Daher gibt mir eine Kontroverse, die über das Wesen der traumatischen
Neurose schon seit langem besteht und im Anschluß an die Erfahrungen im
Kriege wieder, rezent geworden ist, willkommene Veranlassung, auf meine oben
bezeichnete Arbeit hinzuweisen, weil ich der Meinung bin, daß bei physikalischer
Betrachtungsweise diese Kontroverse nicht zum Abschlüsse zu bringen ist Für
jemand, der auf materialistischem Standpunkte steht, ist, wenn er in der auf¬
geworfenen Frage zu einer befriedigenden Lösung kommen will, nicht um eine
Kritik seiner Grundanschauungen herumzukommen.
In Nr. 11 dieses Centralblattes hat Oppenheim seinen Standpunkt zu:
traumatischen Neurose, bezugnehmend auf frühere Arbeiten und Diskussion-
äußerungen, genau formuliert. „Zu einem Verständnis,“ sagt er, „dieser udu
anderer Phänomene gelangt man, wenn man bei der Deutung des Wesens de:
traumatischen Neurose sich von dem ganz irrtümlich verallgemeinerten Begriff
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
der psychogenen Entstehung und Grundlage losmacht.“ Der psychogenen
Theorie, die in der Überwertung eines einzelnen psychogenen Momentes den
Begriff der Rentenhysterie gezeitigt batte, stellt Oppenheim seine Erechütterungs-
tbeorie gegenüber, indem er fortfährt: „Damit komme ich zu einem der wich¬
tigsten Punkte meiner Ausführungen, zu der von mir schon seit langer Zeit
aufgestellten Erschütterungstheorie, nach welcher sowohl das zentral, wie das
peripher angreifende Trauma nicht anatomisch, aber doch physikalisch ent¬
stehende Veränderungen erzeugen kann. Mir schien es unzweifelhaft, daß die
so feine Struktur des Nervengewebes direkt und indirekt geschädigt werden
könne. Abseits von den materiellen Vorgängen der Blutung, Entzündung,
Degeneration und Nekrose. Ich dachte dabei an feinere physikalische Vor¬
gänge usw. Den Einfluß dieser überstarken Impulse stelle ich mir so vor, daß
sie eine Betriebsstörung in dem zentralen Innervationsmechanismus hervorrufen,
mag es sich um die Herauslösung eines Gliedes aus der Kette, um eine Ver¬
lagerung feinster Elemente, um eine Sperrung von Bahnen, eine Zerreißung von
Zusammenhängen, eine Diaschisis, kurz um einen Vorgang handeln, der auch
dem Auge des Mikroskopikers entgehen würde, der aber auch keine Zerstörung
irgend eines Nervengewebes darstellt, aber auf jeden Fall Leitungshindernisse
für die motorischen Impulse schafft.“
Wir sehen, da sind zwei gegensätzliche Theorien, und mit ihnen ist die
uralte Frage wieder aufgelebt: Ist das, was wir vor unseren Augen sich ent¬
wickeln sehen, sind die wahrnehmbaren Lebens- oder gar kosmischen Erschei¬
nungen einheitlich aus mechanischer oder psychischer Ursächlichkeit zu erklären?
Diese Frage fällt zusammen mit derjenigen nach dem Verhältnis von Körper
und Seele, mit der Leibseelenfrage. Ausgehend von, der Auffassung Oppen-
heim’s ähnlichen, in der neurologisch-psychiatrischen Literatur niedergelegten
Anschauungen habe ich der Leibseelenfrage in meiner zitierten Arbeit meine
Aufmerksamkeit gewidmet und glaube sie einer befriedigenden Lösung entgegen¬
geführt zu haben.
Ich erkenne an, daß man in dem Sinne, wie Oppenheim es mit Recht
geißelt, die psychogene Theorie nicht übertreiben soll, daß man die traumatische
Neurose einseitig von einem einzelnen psychogenen Momente, z. B. von der
Rentenbegehrungsvorstellung abhängig erachtet, oder gar der körperlichen Theorie
die große Menge der Arbeitsunlustigen zur Last legt, für die das deutsche Volk
zu sorgen hat (Cimbal).
Aber hat denn nicht auch die OppENHBiM’sche Theorie ihre Einseitigkeiten
in sich? Wir wollen einmal ganz davon absehen, daß seine Theorie doch durch
nichts zu beweisen ist. Niemand hat die physikalischen Dinge gesehen, die
Verlagerungen und Zerreißungen kleinster Teile, es lassen sich aber auch keine
sinnlioh nachweisbaren Folgeerscheinungen erkennen. Oppenheim schließt auf
sie aus Krankbeitssymptomen, die* er sich nicht anders erklären kann, und zwar,
wie ich mir schon einmal zu bemerken erlaubte, weil er ganz bestimmte Wege geht
und auf ganz bestimmten Voraussetzungen und wissenschaftlichen Neigungen fußt.
Zunächst möchte ich Oppenheim die Frage vorlegen, ob er unter physi-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
890
kalischen Vorgängen etwas anderes als materielle Veränderungen versteht? Man
könnte darauf kommen, weil er diese physikalischen Veränderungen in Gegen*
satz zu den Blutungen, Entzündungen und Degenerationen stellt und die letzteren
Veränderungen als materielle Vorgänge bezeichnet. Ein Unterschied des
Wesens besteht doch wohl zwischen beiden Gruppen nicht, sondern nur ein
Größenunterschied. Beides sind doch wohl materielle oder strukturelle, in jedem
Falle aber räumliche Veränderungen. Räumliche Vorgänge sind aber auch die
Sinnesreize, die bei einem Unfall Auge und Ohr treffen und in ihrer sinn¬
gemäßen Umwertung die psychogene Wurzel des Leidens zu werden vermögen.
Auch die äußeren Ursachen aller der posttraumatischen Sinneswahrnehmungen
sind räumliche Vorgänge, die die Weiterentwicklung der geistigen Persönlichkeit
bedingen können, so daß gegebenen Falles das Bild der Rentenhysterie erkennbar
werden kann oder die ihr entsprechenden Vorstellungskomplexe bei der Erklärung
des Krankheitsbildes sich nicht mehr ausschalten lassen. Vermag nun die Er¬
schütterung nicht auch als Sinnesreiz zu wirken und verkennen wir nicht am
Ende, wenn wjr die Erschütterung und ihre Folgen vom rein mechanischen
Standpunkte aus betrachten, unsere eigene Abstraktion, die darin besteht, daß
wir an allen den Stellen, wo die Erschütterung der kleinsten Teile statt hat,
von der sinngemäßen, der psychischen Seite absehen?
Es gibt ja Fälle der Unfallneurose, wo die direkte Erschütterung so gering
ist, daß man wohl an den kleinsten Teilen wesentliche Einwirkungen aus¬
schließen kann. Erst kürzlich hat Lähb einen solchen Fall beschrieben (2).
Eine Frau hat auf einem Aborte gesessen, derselbe ist baufällig gewesen, die
Frau hat gemerkt, daß er in sich zusammengebrochen ist, ist in Voraussicht
der kommenden Dinge erschrocken und vornüber bewußtlos in die Knie ge¬
sunken. Hier stehen die psychischen Momente so sehr im Vordergründe, daß
meiner Ansicht nach von der mechanischen Erschütterung kleinster Teilchen
abgesehen werden kann und nur unter den räumlichen Vorgängen diejenigen
in Frage kommen können, die wir Sinnesreize nennen. Daß dieselben Erschei¬
nungen auch auftreten, wenn keinerlei Erschütterung vorliegen kann, sondern
nur nicht mechanisch erschütternde Sinnesreize Erlebnisse vermittelt haben,
hat Nonne meiner Ansicht nach mit Recht betont. Wir wollen diese Fälle
zunächst beiseite lassen und uns nur mit denjenigen befassen, wo eine stärkere
Erschütterung stattgehabt hat und deshalb auch mit überstarken und über¬
raschen räumlichen Veränderungen kleinster Teilchen gerechnet werden kann.
Ist es in solchen Fällen möglich, die Einwirkung der Erschütterung und ihr«
eventuellen Folgen als rein mechanische aufzufassen und dieselbe an sich, ohne
Rücksicht auf etwaige durch sie hervorrufbare psychische Eindrücke für das
Krankheitsbild verantwortlich zu machen, oder ist sie nicht auch im Zusammen¬
hänge mit solchen inneren Prozessen, für dip die komplizierten Sinnesapparate
keine vermittelnde Rolle spielen, als Sinnesreiz zu betrachten? In dieser Frage
liegt das ganze Problem. Erschöpfende Behandlung desselben wird man in
meiner zitierten Arbeit finden. Hier möchte ich nur sagen, daß sich keine
räumlichen Veränderungen irgendwelcher Art an und für sich für irgendwelche
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
1
körperlichen, ja nicht einmal für irgendwelche kosmischen Geschehnisse ver¬
antwortlich machen lassen. Zwischen äußerer Begebenheit und den Symptomen
der Krankheit steht der Mensch, steht das Problem des Lebens. Der mensch¬
liche Organismus ist aufzufassen als ein Zusammenschluß von Teilen, in dem
jeder Teil nicht nur als eine materielle, räumlich aufgebaute, sondern auch als
eine psychische Einheit anzusehen ist. Zwischen den Teilen aber besteht die¬
selbe objektiv-subjektive Röckbezöglichkeit, die den Menschen als übergeordnete
Einheit mit seiner Umwelt verbindet, die also auch zwischen Mensch und äußerer
erschfittemderUrsaohe besteht. Alle der Wahrnehmung zugänglichen Erscheinungen
sind aus objektiv-subjektiver Röckbezöglichkeit zu verstehen, also sind auch die
Resultate der Erschötterung nicht von einer möglichen seelischen Verarbeitung
loezulösen. Wenn wir aber mit dieser objektiv-subjektiven Röckbezöglichkeit
aller unserer Körperteile rechnen und ein einheitliches Krankheitsbild aufrecht
erhalten wollen, zu dem sowohl Oppenheim’s traumatische Neurasthenie, als auch
die Rentenhysterie seiner Gegner gehört, so können wir mit Bestimmtheit be¬
haupten: Einerlei, ob wir die zu deutenden Symptome unter das Bild der Hysterie
oder der Neurasthenie unterzuordnen uns veranlaßt sehen, in jedem Falle liegt das
Wesen der Erkrankung nicht auf der objektiven, sondern auf der subjektiven Seite.
Es wird sicherlich keinerlei Widerspruch finden, wenn ioh behaupte, daß es
weder die Sinnesreize beim Unfälle, noch diejenigen der posttraumatischen Zeit
sind, welche an sich für die Entstehung, den Fortbestand und die Weiterentwick¬
lung der Krankheit verantwortlich gemacht werden können, sondern daß erst
die Art der subjektiven Verarbeitung derselben för das Krankheitsbild ausschlag¬
gebend ist Wenn wir die soeben bezeichneten räumlichen Vorgänge, welche
wir Sinnesreize nennen, in ihrem Zusammenhänge mit ideellen Prozessen gesondert
ins Auge fassen und sie zu den dauernd wahrnehmbaren Krankheitssymptomen
in Beziehung setzen, so ist klar, daß das Abweichende, för die Krankheits¬
symptome verantwortlich zu Machende, nicht auf der objektiven, sondern auf der
subjektiven Seite zu suchen ist Es können dieselben Sinnesreize, so ungewöhn¬
lich sie an sich sein mögen, so und so viele Menschen treffen, aber nur einer
oder nur wenige werden infolge einer schon vor dem Unfälle vorliegenden
geistigen Disposition zur Entwicklung und zum Festhalten des bestimmten
Krankheitsbildes neigen.
In meiner Arbeit über psychogene Schmerzen habe ich gesagt (S. 25) (3):
„Das Wesen der Nervosität als einer Krankheitsform, ihre vom Gewöhnlichen
abweichende Grundlage, liegt nicht im Objektiven, sondern im Subjektiven,
nicht in den Dingen, sondern in der Stellungnahme zu denselben, nicht in den
Reizen an sich, sondern in der subjektiven Verarbeitung, welche sie finden.
Den Umweltreizen, sowie den aus strukturellen Veränderungen und Stoffwechsel¬
vorgängen hervorgehenden Erregungsreizen ist a priori jeder in gleicher Weise
ausgesetzt, jeder aber reagiert verschieden darauf, nicht nur in seiner bewußten
Beurteilung, sondern auch in seinen unbewußten, instinktiven, automatischen
und in seinen Organreaktionen.“
Wenn wir als psychogen diejenigen Erscheinungen bezeichnen, die durch
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
892
sinngemäße, psychische Verarbeitung irgendwelcher Sinnesreize entstanden sind,
so wird man Hysterie als diejenige Erkrankung ansehen können, die durch
überwertige subjektive Verarbeitung irgendwelcher Sinneswabrnehmungen ent¬
standen ist. Die Psychogenese der Hysterie ist ja wohl als allgemein anerkannt
anzunehmen, man kann wohl sagen, daß bei den Fachgenossen hysterisch und
psychogen nunmehr als synonyme Begriffe gelten. Wie steht es aber mit der
Neurasthenie? Die neurasthenischen Beschwerden sind allem Anscheine nach
von kleinsten materiellen Produkten des Körpers abhängig, von im Blute kreisen¬
den Ermüdungskörpern, Autotoxinen, Stoffwechsel- und Abbauprodukten. Kommen
diese kleinsten Körper für das Zustandekommen neurasthenischer Beschwerden
an sich in Frage oder in Beziehung zu einer seelischen, bei verschiedenen
Personen verschiedenen Eindrucksfähigkeit, sind sie bei allen Personen in gleichem
Maße vorhanden oder treten sie bei den einzelnen je nach ihrer funktionellen,
d. h. seelischen Reaktionsfähigkeit auf Reize, die die Funktion zur Auslösung
gelangen lassen, verschieden auf? ln meiner zuletzt zitierten Arbeit habe ich
weiter (S. 27) gesagt: „Wir werden da von Neurasthenie sprechen, wo uns Er¬
scheinungen zur Wahrnehmung gelangen, in denen die gesteigerte Subjektivität
untergeordneter Organreaktionen die wesentlichere Rolle spielt, von Hysterie
aber dann, wenn die gesteigerte Subjektivität übergeordneter neenzephalischer
Funktionen (des Denkens und Wünschens) in den Vordergrund tritt.“
Mit den soeben zitierten Worten ist meines Wissens zum ersten Male eine
Definition der Nervosität und ihrer Unterformen gefunden, die der Aristotelischen
Forderung entspricht, wonach jeder Begriff in eine Kategorie einzuordnen und
gegen Glieder derselben Ordnung abzugrenzen ist. Die gemeinsame Basis, aus
der sowohl Hysterie als auch Neurasthenie erwachsen, ist eine von vornherein
vorhandene subjektive Überwertigkeit, das beide scheidende ist das räumliche
Gebiet, das entwicklungsgeschichtlich dazu vorbereitet ist, verschiedene, subjektiv
auseinander zu haltende Symptome zu zeitigen. Der Aristotelischen Forderung
genügt nicht, um nur einen anderen Versuch, die Unterformen der Nervosität
auf verschiedene Ursachen zurückzuführen, zu nennen, die KoHMSTAioi’sche
Klassifizierung, wonach Hysterie auf einem Defekte des Gesundheitsgewissens,
Neurasthenie aber auf neurodynamischen Störungen beruhen soll. Den neuro-
dynamischen Störungen Kohmstamm’s entsprechen die physikalischen Verände¬
rungen Oppenheim’s. Wie aber sind Hysterie und Neurasthenie, so aufgefaßt,
nebeneinander zu ordnen und einer gleichen Kategorie einzuordnen, wie läßt
sich der gleiche Boden erweisen, aus dem beide erwachsen sind?
Wollen wir die Einheit des Krankheitsbildes der Nervosität aufrecht erhalten,
so müssen wir auch bei der Neurasthenie das für die Krankheit Charakteristische
auf der subjektiven Seite suchen und annehmen, daß die Neurasthenie auf
subjektiver Überwertigkeit verschiedener Organreaktionen beruht
Wie verhält es sich nun im Verhältnis zu den Ermüdungskörpern, Auto-
toxinen, Stoffwechsel- und Abbauprodukten der Neurasthenie mit den Oppk>-
HBiM’schen Verlagerungen, Zerreißungen und Sperrungen, müssen wir sie an-
nehmen, wie wir die neurasthenisohen Produkte anzunehmen geneigt sind, und
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
welche Bolle’ spielen sie gegebenen Falles in Hmsicht auf die Symptome der
Erschöttemng8nenrose?
Das, was meiner Ansicht nach für Oppenheim maßgeblich gewesen sein
kann für die Annahme dieser ultramikroskopischen räumlichen Veränderungen,
ist, daß die durch sie za erklärenden Symptome länger dauernder sind
als die Sinneserregungsreize, die als räumliche Veränderung, als Veränderung
der Struktur des durch sie getroffenen Organs sehr bald wieder abklingen.
Haben wir nötig, zur Erklärung einer Persistenz der traumatisch-neurasthenischen
Krankheitssymptome und ihrer Besistenz gegenüber Behandlungsmethoden mit
den OppENHEiM’schen Veränderungen zu rechnen, oder können wir die Dauer
der Symptome nicht auch anders erklären?
Die Fixierung psychogener Symptome infolge bestimmter psychischer Modi¬
fikationen ist bekannt. Wir wissen, daß besondere Affektlagen geeignet sind,
sowohl zur Fixierung, als auch zur Lösung psychogener Symptome beizutragen.
Eine solche Affektlage ist der Schreck, der mehr oder weniger mit jedem Un¬
fälle verbunden ist. Der Schreck ist die akuteste Form der Angst, als einer
besonderen negativen Wunschrichtung. Warum sollen wir nicht auch die Ein¬
wirkung der Erschütterung auf die kleinsten Nervenelemente, als im Gegensätze
stehend zu einer übergeordneten SinneserreguDg, die durch die spezifischen
Sinnesapparate dem Bewußtsein vermittelt wird, als Schreckwirkung ansehen,
oder zu dem, was wir als geschlossene geistige Persönlichkeit Schreck nennen,
in Analogie stellen und ihre lokale Verteilung und die entsprechende Verschieden¬
heit der Symptomatologie als von verschiedenen lokalen Erregbarkeitszuständen
abhängig erachten. Diese kleinsten Partialerlebnisse werden ebenso auf die psy¬
chische Gesamtdisposition zurück wirken, wie durch die Sinnesorgane vermittelte
Gesamterlebnisse. Wir werden in dem Falle nicht nur auf eine ideelle Über¬
erregbarkeit oder auf eine solche der psychischen Sensibilität und Sensitivität,
oder schließlich besonderer extremer Wunschrichtungen die Symptome der
Hysterie zurückführen, sondern auch auf eine abweichende seelische Beaktivität
der motorischen Sphäre das Zittern, die Krampi, die Lähmung. Es wird uns
dann auch durchaus erklärlich erscheinen, daß wir verschiedene graduelle Unter¬
schiede erkennen können, da wir sie im Einklang mit unserer neuen Auffassung
und im Einklang mit Oppenheim als Ausdruck einer Hyper-, einer Hypo- und
einer Aninnervation ansehen und dieselbe auf graduelle Unterschiede der seelischen
Erregbarkeit auf den verschiedenen funktionellen Gebieten zurückführen können.
Bei einer solchen Annahme, die uns die Aufrechterhaltung der Einheitlich¬
keit des Krankheitsbildes der Nervosität in kausaler Beziehung ermöglicht, haben
wir also die OppENHEiM’schen dauernden physikalischen Veränderungen nicht nötig,
um die Persistenz der Symptome zu erklären, da ja die Fixierung der Krankheits¬
symptome im Affekt in den primitiven Prozessen ebensogut möglich erscheinen muß,
wie in den übergeordneten, durch die komplizierten Sinnesapparate vermittelten.
Allein es lassen sich auch gegen die OppENHEiM’sche Theorie direkte Gegen-
gründe anführen. Wenn in einem Eisenbahnzuge eine große Anzahl von Menschen
denselben äußeren Bedingungen ausgesetzt ist und die Teilnehmer dieselbe Er-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
894
Bchütterung erleiden, so werden nicht alle von einer in ihren Symptomen gleich¬
mäßigen Erkrankung befallen, was die OpPENHsnc’sche Theorie erklären maß.
Bei Annahme der physikalischen Ursachen der Krankheitssymptome bliebe nar
der Schluß übrig, daß für die Verschiedenheit der Folgereaktionen eine ver¬
schiedene strukturelle Prädisposition verantwortlich zu machen sei. Es ist nar
denkbar, daß unter sonst gleichen äußeren Bedingungen dann der eine die
physikalischen Veränderungen aufzuweisen hat, der andere nioht, oder daß bei dem
einen diese, bei dem anderen andere körperliche Veränderungen resultieren, wenn
im einen Falle eine körperliche Prädisposition Vorgelegen hat, im anderen Falle
nicht, und wenn das eine Mal diese, das andere Mal jene strukturell prädilek-
tierte Stelle des Körpers von der Erschütterung besonders betroffen gewesen ist
Für die Annahme einer solchen körperlichen Prädisposition ist nun keinerlei Anhalt
zu finden. Wenn die höheren Altersklassen besonders zur Unfallneurose dispo¬
niert wären, so könnte man annehmen, daß das Alter eine strukturelle Neigung
zu mechanischer Veränderlichkeit in sich trüge. Allein das entspricht nicht der
Erfahrung, es werden alle Altersklassen gleicher Weise von der Unfallneurose
betroffen. Das Alter bringt häufig eine körperliche Prädisposition mit sich, die
in einer besonderen Brüchigkeit der üirngefäße besteht, und wir kennen Fälle,
wo in Folge eines Unfalles eine Hirnblutung oder mehrere kleinere anf Grand
der Brüchigkeit der Gefäße sioh nach weisen ließen. Aber gerade von solchen
grobsinnlichen materiellen Veränderungen will Oppenheim absehen. Es sollen
Veränderungen sein, die mit dem Mikroskop nicht nachweisbar sind. Worin
soll aber dann die körperliche Prädisposition bestehen?
An Stelle der körperlichen, strukturellen Prädisposition setze ich die seelische,
aus der sich sowohl die vorzugsweise Bildung und Fixierung gewisser ideeller
Komplexe und deren Maßgeblichkeit für Aufmerksamkeitsrichtung, Phantasie¬
tätigkeit, Empfindsamkeit und Wunsch* und Willeusrichtung, als auch eine ab¬
norme organische Reaktivität erklären läßt.
Die Veränderungen Oppenheim’s sollen nicht bloß rasch vorübergehende
Reizwirkungen sein, sie sollen aber auch nicht so lange dauern, daß sich in der
Folge aus ihnen sichtbare, mikroskopisch nachweisbare Veränderungen entwickeln.
Wie lange sollen sie nun dauern? Sollen sie solange bestehen, wie die Symptome
der Krankheit? Dann ist nicht einzusehen, weshalb sich nioht nachweisbare
Veränderungen aus ihnen entwickeln. Man denke nur an die mikroskopisch
demonstrierbaren Abbauvorgänge Alzheimeh’s. Weiter vergegenwärtige man
sioh, daß sie an sich, wenn sie so primitiv sind, wie sie geschildert werden,
sich mit dem Entwicklungsprinzip in ihrer Dauer nicht vertragen. Entweder,
sollte ich meinen, müssen sie in Folge natürlicher Weiterentwicklung sich gänz¬
lich wieder zurückbilden, wie die Sinnesreize, und zur Resorption gebraoht werden,
wie die Stoffwechselprodukte, oder sie müssen sich zu nachweisbaren äußeren
Veränderungen weiterentwickeln, in den Rückbildungsprozeß die Umgebung
hineinziehen und dann äußerlich siohtbar zu machen sein.
Ich sollte meinen, daß es eine durchaus berechtigte wissenschaftliche
Forderung ist, daß der Naturwissenschaftler, der sich auf die Erfahrung stützt,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
auf ein induktives vermöge unserer Sinnesapparate mögliches Erkennen, und
auf andere Wege der Erkenntnis, der Deduktion und Spekulation bewußt ver¬
zichtet, nicht zur Annahme irgend welcher materieller, räumlicher, nur der
äußeren Wahrnehmung zugänglicher Dinge schreiten sollte, wenn diese auf keine
Weise äußerlich kenntlich zu machen sind.
Ich glaube daher, daß aus meinen Überlegungen sich ergibt, daß man zur
Erklärung der Symptome der traumatischen Neurose nicht nur nicht zu einer
Annahme der OppENHEiM'schen physikalischen Folgen der Erschütterung
gezwungen ist, sondern daß Gesichtspunkte gegen eine solche Annahme sich
geltend machen lassen von zwingender Beweiskraft'
Es bleibt noch eins zu erwägen, ob wir wirklich die direkten, nicht
durch komplizierte Nervenapparate vermittelten seelischen Eindrücke der Er¬
schütterung kleinster Nervenelemente für das Zustandekommen der neurastheni-
schen Symptome der traumatischen Neurose in Rechnung stellen müssen, oder ob
wir nicht auch für sie die Ursächlichkeit in dem Gesamterlebnis sehen können
ohne Rücksicht auf den mechanischen Vorgang der Erschütterung. Es wäre
das leicht zu entscheiden, wenn wir uns einen Unfall konstruieren könnten, in
dem die Wahrnehmung durch die Sinnesorgane sich ausschalten läßt Ich
möohte an ein Experiment erinnern, das ich schon in einer anderen Arbeit (4,
S. 363) herangezogen habe. Der Wiener Biologe Kammkrbb fand, als er eine
Anzahl unserer schwarzgelben Feuersalamander auf eine gelbe Lehmunterlage
brachte, eine andere auf einen schwarzen Moorboden, daß sich das Hautpigment
der Tiere naoh der Bodenfarbe hin veränderte und daß dieselbe Veränderung
an den unter diesen Lebensbedingungen geborenen Jungen im verstärkten Maße
wahrgenommen werden konnte. Es handelte sich nun darum, ob die Verände¬
rung der Haut auf mechanischem Wege zustande kam, und als eine direkte
Einwirkung des Lichtes auf die Haut aufgefaßt werden konnte. Kammbreb
verfiel darauf, noch einmal eine gleiche Anzahl von Tieren von neuem den
selben äußeren Lebensbedingungen auszusetzen und den Tieren die Augen zu
blenden. Es ergab sich dann, daß die im anderen Falle beobachteten Haut¬
veränderungen vermißt wurden, nicht auftraten. Es war daraus klar, daß beim
Zustandekommen des Symptomes keine direkten Einwirkungen eine Rolle ge¬
spielt haben konnten, sondern nur solche, welche durch die Sinnesorgane ver¬
mittelt waren. Dieses Experiment ist nun beim Menschen nicht zu machen,
um in der Frage der traumatischen Neurose eine ähnliche Entscheidung zu
treffen. Aber es lehrt uns doch das KAMMEBEB’sche Experiment, in welcher
Richtung wir zu forschen haben. Oppenheim hat uns versprochen, sein reiches
Material in Hinsicht auf die Frage nach der ursächlichen Abhängigkeit der
neurastheniscben Symptome der traumatischen Neurose später noch zu sichten,
vielleicht könnte dabei darauf Rücksicht genommen werden, ob und in welchem
Verhältnis neurasthenische Symptome im Gegensatz zu hysterischen bei Neurosen
sich nachweisen lassen, die durch ein seelisches Erlebnis hervorgerufen sind,
das mit einer Erschütterung verbunden war, und bei solchen, die ohne mecha¬
nischen Insult sich herausgebildet hatten. Haben wir auch bei den Neurosen,
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
896
die durch ein schreckhaftes Erlebnis entstanden sind ohne allgemeine Körper¬
erschütterung ebenfalls und ebensoviel neurasthenische Beschwerden als vor-
liegend feststellen müssen, so ist daraus wohl der Schluß zu ziehen, daß für
die spezielle Art der subjektiven Beschwerden eine direkte Erschütterung kleinster
Nervenelemente anzunehmen nicht nötig ist, einerlei, ob wir die Wirkung der
Erschütterung uns als eine mechanische oder als eine solche vorstellen, die erst
in ihrer ideellen Beziehlichkeit richtig eingeschätzt wird. Soll die statistische
Verwertung des Materiales fehlerlos sein, so fragt sich allerdings noch, ob wir
sicher die Symptome, die wir als neurasthenische ansprechen, von den hysterischen
unterscheiden können.
Oppenheim sagt, daß die neurasthenischen Beschwerden in der Sympto¬
matologie der traumatischen Neurose des Krieges ein ausgedehntes Feld ein¬
nehmen. Er wird darunter die gewöhnlichen Symptome der reizbaren Schwäche,
der leicht auftretenden Ermüdbarkeit, der verminderten Leistungsfähigkeit im
allgemeinen und in der Funktion einzelner Organe verstehen. Dann führt er
als Symptome schwerster Neurasthenie an die Insomuie, die Reizbarkeit und die
Depression, die kardiovaskulären und sekretorischen Symptome. Zuletzt führt er
Symptome an, die nicht mehr in das Symptomenbild der Neurasthenie, aber
auch nicht in dasjenige der Hysterie oder in das der Kombination beider hinein¬
passen sollen. Die Blasenstörung, die Temperatursteigerung und der Gewichtsverlust
passen allenfalls noch hinein, nicht aber der Tic, das Zittern und die Crampi
musculorum. Ich kann nicht einsehen, weshalb der Kreis der Neurose unge¬
bührlich erweitert sein soll, wenn man auch sie mit umfaßt, zumal wenn man den
von mir in ursächlicher Hinsicht eingenommenen einheitlichen Standpunkt an¬
erkennt Ich kann die Notwendigkeit, deshalb auf eine besondere Ursächlich¬
keit zu schließen, nicht anerkennen. Es gibt und kann nur zwei Formen geben,
solche Symptome, in denen das Erlebnis als solches, insofern dabei nur die
durch unsere komplizierten Sinnesapparate vermittelten Sinnesreize eine ursäch¬
liche Rolle gespielt haben, in Frage kommt, und solche, in denen diese Rolle
allein den direkten Einwirkungen auf die primitiven Nervenelemente zufallt
Als dritte Form kommt dann noch in Frage die Kombination beider.
Ich bin nun der Meinung, daß sich aus der Symptomatologie sehr schwer
in der Frage eine Entscheidung treffen läßt, welche der von mir soeben auf¬
gestellten Formen ursächlich vorliegt, weil mit keinem absoluten Parallelismus
von äußeren Erscheinungen und innerer Ursächlichkeit gerechnet werden kann.
Es ist jedenfalls sehr schwer, aus den äußeren Symptomen auf die Form innerer
Ursächlichkeit einen Schluß zu ziehen. Eins der bekanntesten neurasthenischen
Symptome ist jedenfalls die leichte Ermüdbarkeit auf irgendwelche Leistung
hin, und doch gibt es Fälle, in denen dieses Symptom als rein psychogenes an¬
gesprochen werden muß. Es kam zu mir eine junge Dame im Alter von
25 Jahren. Sie gab an, daß sie früher sozusagen unerschöpflich in ihrer
Leistungsfähigkeit gewesen sei. Eine Ermüdung habe sie eigentlich gar nicht
gekannt, sie habe ohne Grenzen arbeiten, Touren machen, Tennis spielen und die
Nächte durch tanzen können, ohne zu ermüden oder am anderen Tage durch irgend-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
897
welche Ermüdungsgefühle belästigt zu werden. Da sei im Anfänge des Krieges
ihr Bruder, der Leutnant in einem Infanterieregiment gewesen sei, gefallen, und
seitdem habe sie alle ihre Leistungsfähigkeit eingebüßt. Schon ein Weg von
einer Viertelstunde könne sie totmüde machen. Sie sei dadurch sehr bedrückt
und komme sich so vor, als ob sie von aller eigentlichen Lebensfreude für
immer ausgeschlossen sei. Auf Befragen konnte ich weiter eruieren, daß sie
dem Bruder sehr nahe gestanden habe, daß er sie, ehe er in den Krieg ge¬
gangen sei, beauftragt habe, im Falle, daß er fallen sollte, in seiner Garnison
seine Sachen zu ordnen. Als er gefallen sei, sei sie in die Garnison gereist,
innerlich tief getroffen, habe viel Schererei gehabt, viel herumlaufen müssen und
sei, als sie des Abends mit dem Packen fertig gewesen sei, furchtbar müde
gewesen. Dieses Müdigkeitsgefühl sei dann auf die kleinste Leistung hin immer
wieder aufgetreten und habe ihre Lebensfreude allmählich immer mehr herab*
gedrückt. Ich erklärte ihr nun, daß in dem Erlebnis, das der Tod ihres Bruders
für sie bedeutet habe, ein seelisches Trauma zu sehen sei, das ihre Empfind¬
samkeit an dem Tage, wo die Nachricht sie traf, gegenüber den körperlichen
Leistungen verändert habe, daß aber zugleich durch dieses Erlebnis in ihr eine
seelische Disposition, eine besondere Affektlage geschaffen sei, die znr Fixierung
gewisser Begleiterscheinungen des seelischen Traumas, hier des erhöhten Er¬
müdungsgefühles, geeignet gewesen sei. Eine dauernde körperliche Ursache für die
verminderte Leistungsfähigkeit liege nicht vor, die Annahme einer solchen könne
nur die Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Ermüdungsgefühle, als die
Zeichen einer vorausgesetzten und gefürchteten körperlichen, nicht reparablen
Schädigung bedingen und dadurch einem selbsttätigen Abklingen der Affektion
im Wege stehen. Wenn sie dieses verstanden hätte und zuversichtlich, im
bewußten Bestreben, wieder ins innere Gleichgewicht zu kommen und sich zu
einem prinzipiellen Optimismus durchzuringen, in den Tag hinein lebe, wenn
sie an die Stelle einer ängstlichen körperlichen Betrachtungsweise eine zuversicht¬
liche Beobachtung ihrer seelischen Vorgänge setze, so werde ganz von selbst in
kurzer Zeit das allerdings sehr unangenehme, aber unwesentliche Symptom be¬
seitigt sein. Schon am dritten Tage kam sie und berichtete, daß sie schon lange
Wege ohne nachberiges Ermüdungsgefühl gegangen sei. Sie ist völlig frei nach
kurzer Kurzeit von hier geechieden, und ich habe die Dauer ihres Wohl¬
befindens später brieflich von ihr bestätigt erhalten. Wir können den Fall als
einen Fall von traumatischer Kriegsneurose ohne Erschütterung bezeichnen
mit dem äußeren Anscheine nach neurasthenischen Beschwerden, die sich aber
bei genauerem Zusehen als rein psychogene herausstellten. Dem psychogenen
Ermüdungsgefühl entsprechend, sind uns Formen psychogener Blasenstörungen,
psychogener Temperatursteigerungen bekannt, wie auch psychogenes Zittern,
psychogene Crampi und psychogene Lähmungen. Es muß also eine genaue
Exploration erst ergeben, wann die Mitwirkung übergeordneter komplizierter
Sinnesapparate auszuschließen ist. Aus der Form der äußeren Erscheinung
ist das nicht za ersehen, weil zwischen äußerer Erscheinung und innerer
Ursächlichkeit ein absolater Parallelismus nicht besteht. In den allermeisten
XXXIV.
Digitized by
Gck igle
57
Original frum
UNIVERSETY OF MICHIGAN
898
Digitized by
Fällen werden beide Wurzeln der Erkrankung vorhanden sein, es wird für den
Betrachter je nach der Entwicklung seiner Mittel der Erkenntnis, je nach seinen
wissenschaftlichen Voraussetzungen und Neigungen, aber auch je nach dem ein¬
zelnen Krankheitsfall und dem in ihm tatsächlich vorhandenen Prävalieren der
einen oder der anderen Wurzel, die eine oder die andere Seite der Ursächlich¬
keit sich in den Vordergrund drängen. Es wird darum von vielen Faktoren
abhängen, ob eine stichhaltige Verarbeitung irgendwelchen Tatsachenmatenales
möglich ist, ob uns das OpPENHBm’sche Material über die oben gestellte Frage
wird Aufschluß geben können. Ich bin der Meinung, daß ebenso, wie wir hei
der gewöhnlichen Neurasthenie auf die Mitwirkung der Stoffwechselprodukte,
Autotoxine, Abbauprodukte nicht werden verzichten wollen, wir auch mit direkten
ErschütterungsWirkungen rechnen dürfen. Wir dürfen sie aber nicht als etwas
mechanisch Wirksames ansehen und nicht an einen absoluten Paralleliamus
glauben und nioht annehmen, daß diese direkten Folgen der Erschütterung
dauernd sind und für die Dauer der Krank heitssymptome allein verantwortlich
gemacht werden können. Immerhin muß ich gestehen, daß die Bildung dieser
kleinsten Erschütterungsresultate auch so noch Hypothese ist, auch so noch ein
Dogma bleibt, das ohne Glauben nicht bestehen kann.
Die von mir nach der Ursächlichkeit der Krankheitssymptome aufgestellte
Klassifikation der nervösen Unterformen möchte ich im Gegensatz zu anderen
als eine monistische bezeichnen, weil sie auf Grund einer monistischen An¬
schauung gewonnen ist, wobei ich bitte, meinen Monismus nicht mit demjenigen
Ostwaiid’s zu identifizieren, und nur in Anerkennung einer solchen angenommen
werden kann, weil sie aber auch zugleich die einzige und erste ist, die in ur¬
sächlicher Beziehung die Einheitlichkeit des Krankheitsbildes der Nbrvosität wählt.
Literatur.
1 . Monatsschr. f. Psych. n. Nearol. XXXVI. H. 2 . — 2. Lakhb, Ein Fall von Unfall¬
neurose. Allgem. Zeitscbr. f. Psych. — S. Monatsschr. f. Psych. o. Nenrol. XXXIU. H. i
- 4. Ebenda. XXXIV. H. 4.
11. Referate.
Kriegsbeobachtungen.
1) Zur.Diagnose und Therapie der Sohftdel- und Gehirnsohüsse, von P.Sick.
(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 40. Feldärztl. Beilage.) Bef.: Kurt Mendel
Das Gehirn ist das höchstorganisierte Gewebe, dessen Begenerationsfähigkeit
gleioh Null ist, so daß noch der zarteste Eingriff zerstörend wirkt. Daher ist
besondere Zurückhaltung am Platze. Die Tangentialscbüsse sind zunächst nur
zur Diagnose zu inzidiereu, um die Weichteil- und reinen Knoohenschüsse von
Gehirn-Rinnen- und Segmentschüssen, die Mattschüsse von den explosiv wirkenden
Nahschüssen sicher unterscheiden zu können. Bei sichtbarer Beschmutzung folgt
Exzision der Weichteile und einer kleinen Bandzone des Knochendefekts bis zom
Erscheinen unverletzter Dura; sonst nur Tamponade nach Reinigung mit HjO,:
keine Naht. Bei schwerem und unsicherem Befund ist der Transport der Leicht-
und Schwerverletzten bis zum mit Röntgen arbeitenden Chirurgen die kleinere
Gefahr. Erst nach Röntgenkontrolle soll die endgültige Versorgung der schwerer.
Hirnverletzungen vorgenommen werden. In den Grenzfällen, z. B. bei unvermutet
Gck igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
890
schweren Impressionen, ist hierzu bei genauer Beobachtung noch Zeit mit dem
Eintritt bestimmter klinischer Indikationen, d. h. der geringsten Verschlimmerung
irgend eines der bekannten kleinen Alarmzeichen. Die einfache Fortdauer der
Erscheinungen einer sohweren Gehirnkontusion ist dagegen ebensowenig ein Grund
für den Eingriff, wie bei der mit Kontusionssymptomen vergesellschafteten Basis¬
fraktur unserer Friedensfälle, oder bei matten Steckschüssen mit kleiner Einschu߬
öffnung und tiefer Lage des Fremdkörpers.
2) Richtlinien in der Behandlung der Sohädeltangentialsohüsse , von Prof.
Wilms. (Münch. med.Woch. 1915. Nr. 42. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Schädeltangentialschüsse verlangen eine ausgiebige Frühoperation.
Die Punktion sollte zur Feststellung eines Hirnabszesses möglichst selten an*
gewendet werden. Sie ist an sich eine gefährliche Manipulation; durch die An¬
wendung der Nadel können neue Infektionskeime und sekundäre Abszeßbildung
in der Tiefe gesetzt werden. Abszesse müssen durch Inzision gesucht werden,
und dazu eignen sich gerade die bei den Tangentialschüssen auftretenden Abszesse,
die meist nur wenige Millimeter unter der Oberfläche liegen. Die Punktionsnadel
ist nur erlaubt bei tief gelegenen Abszessen, wie sie bei Steckschüssen innerhalb des
Gehirns zuweilen Vorkommen; hier ist die Inzision nicht möglich, und wir müssen
die Gefahr der Punktion unter solchen schwierigen Verhältnissen in Kauf nehmen.
Bei gefährlichem, d. h. durch Entzündung in der Tiefe bedingtem Prolaps
muß Entlastung durch ausgedehnte Trepanation erfolgen.
Spätstörungen werden durch langes Offenhalten des entzündlich veränderten
Gehirnteiles vermieden (öftere Nachoperation).
Verf. plädiert schließlich für häufigere kleine Chirurgenkongresse noch während
des Krieges durch Zusammenkommen der in mehreren Armeekorps tätigen Chirurgen,
damit so eine persönliche Aussprache erfolgen kann.
3) Über Sohußverletznngen der Hlmnerven, von Ausch. (Wiener klin.
Wochenschr. 1915. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien).
Fall I. Gewehrschuß, vom rechten Jochbogen, 3 cm nach außen vom Lidwinkel,
bis äußeren Rand des linken Kopfnickers, drei Querfinger unter Ohrläppchen.
Linke Lidspalte enger, links Enophthalmus, linke Pupille enger; Adrenalin-
versüch links negativ, Schwitzversuoh erzeugt nur rechtsseitiges Schwitzen. Bei
Brechakt bleibt linkes Auge trocken. Links, im vorderen Zungenanteile, wird
nur sauer gut, salzig wenig empfunden, bitter und süß nicht; im hinteren Anteile
süß und bitter deutlich, ebenso sauer, salzig als sauer empfunden.
Linksseitige Hypoglossuslähmung mit entsprechender Atrophie.
Isolierte periphere Lähmung des Trigeminus, Hypoglossus und Sympathicus
derselben Seite, hervorgerufen durch ein Gewehrprojektil, vermutlich Verletzung
des Ganglion oervicale supremum.
Fall II. Gewehrschuß am rechten Unterkiefer, Ausschuß am linken Kopf¬
nicker, etwa in der Mitte.
Linke Pupille enger, auf Adrenalin nicht reagierend, Schwitzen beiderseits
ohne Störung, Ageusie links sowohl für den vorderen, wie den hinteren Abschnitt
der Zunge. Links werden Nadelstiche nicht empfunden, während die rechte Zungen¬
hälfte deutlich lokalisiert. Sprache verwaschen, Zunge weicht nach links ab, ist
diffus pilzförmig geschwollen, Furchung links stärker, mit fibrillären Zuckungen.
Periphere Hypoglossuslähmung, Sympathicuslähmung und periphere Glosso-
pharyngeuslähmung.
4) Über kontralaterale Alopezie naoh Kopfschüssen, von E. Klausner.
(Dermatolog. Wochenschr. LXI. 1915. Nr. 43.) Ref.: K. Boas.
Verf. macht für die von ihm beobachteten bzw. angeführten Fälle als Ursaohe
des kontralateralen Haarausfalles naoh Sohädelsohußverletzungen die Röntgen-
Btrahlen verantwortlich,
57*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
900
Verf. nimmt dieselbe Ätiologie auch in den von Knack (Ebenda. Nr. 34)
veröffentlichten Fällen an.
5) Über den zerebellaren Symptomenkomplex ln seiner Bedeutung für
die Beurteilung von Schädel verletzten, von Kurt Goldstein. (Münchener
med. Wochenschrift. 1915. Nr. 42. Feldärztl. Beilage.) Bef.: Kurt Mendel
Der zerebellare Symptomenkomplex (s. auch d. Centr. 1915. S. 626) verdient
besondere Beachtung, weil er leicht mit funktionell nervösen, hysterisch-neur-
asthenischen Symptomenbildern verwechselt werden kann, da die subjektiven Be¬
schwerden oft außerordentlich ähnlich sind.
Fall des Verf/s: 33jähr. Mann. Verwundung durch Granatsplitter und Ver¬
schüttung. Keine gröbere Schädel Verletzung. 10 Tage nach der Verletzung:
etwas schläfriger Eindruck, langsame Sprache, leicht ermüdend, leicht erregbar,
keinerlei Lähmung, keine Sensibilitätsstörung, kein Nystagmus, kein eigentlicher
Romberg, Augengrund und Reflexe normal, Dermographie, labiler Puls, abnorme
psychische Erreg- und Ermüdbarkeit, Wechsel der subjektiven Beschwerden, aus¬
gesprochenes Krankheitsgefühl. Pat. machte ganz den Eindruck eines funktionell-
Nervenkranken. Die genaue Funktionsprüfung des Kleinhirns ergab aber: Neigung,
beim Stehen mit geschlossenen Augen nach rechts zu fallen, beim Gehen mit
geschlossenen Augen nach rechts abzuweichen, Vorbeizeigen nach rechts (Bär&ny),
Adiadochokinesis rechts, Störung in der Schätzung von Gewichten auf der rechten
Seite und ganz geringe Ataxie rechts. All dies deutet auf eine Schädigung des
rechten Kleinhirns hin. Das Röntgenbild zeigte eine deutliche Fissur am Schädel¬
knochen; also wahrscheinlich als Folge derselben eine Blutung in der rechten
Kleinhirnhälfte.
Bei jedem Schädelverletzten sollte eine Funktionsprüfung des Kleinhirns vor¬
genommen werden, damit Fehldiagnosen (Hysterie, Neurasthenie) vermieden werden.
Die wichtigsten Punkte, die für die Kleinhirndiagnose in der Praxis in Be¬
tracht kommen, sind: 1
Subjektive Störungen: Kopfschmerzen, besonders lokalisiert im Hinter¬
kopf, Störungen beim Bücken und bei Lagewechsel des Körpers, Unsicherheit beim
Gehen, Gefühl einer gewissen Verlangsamung der Bewegungen, Neigung nach
einer Seite zu fallen, Schwindel. Die einzelnen Störungen treten in verschiedenem
Maße auf, je nachdem die Kleinhirnschädigung mehr die Hemisphären des Klein¬
hirns oder den Wurm oder schließlich tiefere Kleinhirnpartien betrifft.
Objektive Symptome (gleichfalls abhängig von der Lokalisation der
Schädigung): 1. Zerebellarer, breitbeiniger Gang mit dauerndem Schwanken des
ganzen Körpers (Wurmsymptom); 2. abnorme Kopf- und Rumpfhaltung und all¬
gemeines Schwanken beim Stehen (Wurm); 3. Nystagmus (Schädigung tieferer
Kerne oder dem Kleinhirn benachbarter Gebiete); 4. Ataxie (Hemisphärensymptom),
für welche charakteristisch ist die Einseitigkeit, die Gleichseitigkeit mit dem Herd
und das Betroffensein vorwiegend der Extremitäten; 5. leichte Schwäche und ge¬
wisse Schlaffheit in den Extremitäten; 6. Vorbeizeigen beim Bär äny sehen Zeige¬
versuch; 7. Adiadochokinesis (bei linksseitigen Affektionen prüfe man daraufhin
immer auch die Zehenbewegungen, weil die linksseitigen Fingerbewegungen bei
Rechtshändern schon normalerweise ungeschickter und langsamer als rechts erfolgen,
was für die Zehenbewegungen nicht so gilt); 8. Störung in der Schätzung von
Gewichten: mangelhafte Unterscheidung schwererer und leichterer Gewichte, Unter¬
oder seltener Überschätzung auf der kranken Seite; 9. Fehlen des Rückschlages
bei der Widerstandspriifung.
Ref. möchte auf Grund einer eigenen Beobachtung, die gleichfalls zunächst
Hysterie vortäuschte, dann aber als zerebellarer Symptomenkomplex + Hysterie
erkannt wurde, als 10. Punkt noch die Augengrundveränderung (Neuritis optica)
hinzufügen. Auch erscheint es Ref. auffällig, wie oft gerade dieser zerebellare
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
- 901
Symptomenkomplex mit hysterischen Erscheinungen kompliziert ist, wodurch die
Diagnosestellung sehr erschwert ist (Fall von Löwenstein-Friedländer, Gold-
steins Fall, Fall des Bef., der später ausführlich veröffentlicht werden soll.)
6) SohußVerletzungen des Rückenmarks und der Wirbelsäule, von Paul
Frangenheim. (Münchener med. Wocheschrift. 1915. Nr. 43. Feldärztl.
Beil.) Bef.: Kurt Mendel.
Den Ausführungen liegen 25 operierte Schußverletzungen des BückenmarkB
sd der Wirbelsäule zugrunde, darunter 9 Todesfälle. Fast regelmäßig ist die
Halswirbelsäule bei den Gesichtshalsschüssen verletzt. Es sind das meistens Steck¬
schüsse, deren Einschuß im Bereich des Gesichts gelegen ist. Die Darohschüsse und
Steckschüsse des Nackens verletzen sehr häufig das Bückenmark. Es kommen
hierbei alle Übergänge vor von der kompletten Lähmung aller Gliedmaßen bis
zur leichten Rückenmarkserschütterung. Bückenmarksschüsse, die mit einer Lungen¬
verletzung einhergehen, empfiehlt Verf. von der Operation auszuschließen, wenn
eine Lumbalpunktion klaren Liquor ergibt, die Wirbelkörper als Sitz des Ge¬
schosses erkannt wird und sonst keine Wirbelverletzung nachzuweisen ist. Der
Blutung wird in der Pathologie und Klinik der Bückenmarksverletzungen offenbar
eine zu große Bedeutung beigemessen. Bei den Schußverletzungen kommt sie
kaum in Frage. Verf. sah einmal eine blutige Durchtränkung der Rückenmusku¬
latur bei einem langen Durchschuß des Rückens, im übrigen aber in keinem Falle
ein extra- oder subdurales Hämatom, ein solches kam in keinem Falle als Ursache
der Markschädigung in Frage. Die Markzertrümmerung sah Verf. nicht so häufig
wie die Kompression und die Kontusion des Rückenmarks. Verf, ist für Früh¬
operation der Rückenmarksschüsse.
7) Gnnshot injuries of the spinal oord, by Derby. (Annals of Surgery. 1915.
Nr. 6.) Bef.: K. Boas.
Verf. berichtet über 5 Fälle von Bückenmarksschüssen bei englischen Soldaten.
4 mal lag das Geschoß im Bückenmarkskanal und lmal eingekeilt in den Zwischen-
wirbelscheiben, nachdem es den Wirbelkanal durchschlagen hatte. Je 2 mal
handelte es sich um Infanterie- bzw. Artillerie(Schrapnell-)geschos8e, 1 mal um ein
Sprengstück. In 4 Fällen war die Dura zerrissen und das Mark zerquetscht,
lmal handelte es sich um einen Bluterguß, der die Dura und das Rückenmark
komprimierte. In allen Fällen bestand völlige Lähmung der Extremitäten, des
MastdarmB und der Blase. In den 4 Fällen von Zerreißung der Dura und Zer¬
quetschung des Markes wurde keinerlei Besserung bis zur Zeit der Beobachtung
durch die Aufdeckung des Wirbelkanals und die Entfernung des Gesohosses erreicht.
In dem Falle von Kompression des Markes trat im Anschluß an die Operation
Infektion und Exitus letalis ein.
8) Über Nervenverletzungen im Kriege, von K. Gaugele. (Zeitsohr. f. ortho¬
pädische Chirurgie. XXXV. 1915. H. 3.) Bef.: K. Boas.
Am häufigsten war die linke Hand betroffen, und zwar meist der N. radialis,
viel seltener bereits der N. ulnaris. Eine Medianuslähmung sah Verf. überhaupt
nur 1- bis 2 mal.
Verf. berichtet über 10 Fälle. In 5 von 9 Fällen brachte die Operation
einen vollen Erfolg, so daß eine Restitutio ad integrum zu erwarten ist. In
2 Fällen von Ulnarislähmung ging die anfänglich sehr erhebliche Besserung nach
einigen Wochen wieder verloren. In einem Falle trat eine geringe Besserung, in
einem weiteren Falle eine Verschlechterung ein.
In den beiden Fällen von Ulnarislähmung verschwand die Krallenstellung
naoh der Operation, um bald nachher wieder in Erscheinung zu treten. Auoh in
einem anderen operativ glänzend beeinflußten Falle drohte immer wieder eine
leichte Kontrakturstellung einzutreten, was nur durch die fortwährende Übungs¬
therapie hintangehalten werden konnte.
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
902
Die Gefühlsempfindung kehrte stets vor der Beweglichkeit wieder.
Die Technik des Verf.*s weicht nicht erheblich von der anderer Autoren ab.
Sehr schwer war die Loslösung des Nerven zum Teil bei einfachen Verwachsungen.
Bei totaler Durchtrennung befreite Verf. den Nerven nach der Vorschrift von
Spitzy von allen Auflagerungen und Verwachsungen, bis die Nervensubstanz in
der ganzen Ausdehnung auf dem Querschnitt bloßlag, und vereinigte die beiden
Nervenenden durch Seidennähte des Perineuriums und zur besseren Fixation mit
einer durch die Substanz geführten Längsnaht. Dazu verwende man nur ganz
kleine runde Nadeln.
ln 2 Fällen machte Verf. die aufsteigende Pfropfung, indem er den abgelösten
Muskelast des Badialis, dessen zentrales Ende in den Verwachsungen nicht mehr
zu finden war, in den Nervenstamm einpflanzte, und zwar derart, daß Verf. im
Nerven einen kleinen Längsumschnitt machte, die Nervensubstanz des kurzen Astes
an dieser Stelle hineindrängte und Perineurium mit Perineurium vernähte. Die Frage,
wann operiert werden soll, beantwortet Verf. unbedenklich mit: sofort. Bei so¬
fortiger Naht sind die Nervenenden nicht narbig verändert. Man braucht kein
Material an Nervensubstanz zu opfern und man findet die Nerven noch mehr in
ihrer natürlichen Lage. Die Regenerationsvorgänge im Nerven treten viel sicherer
und schneller ein. Eine baldige Degeneration der Muskeln ist weniger zu be¬
fürchten. Bei den Quetschungen und Kontusionen erscheint die frühzeitige Ope¬
ration besonders wertvoll, weil dann die Verwachsungen mit dem Perineurium noch
leicht zu lösen sein dürften, und weil die strangulierende Wirkung der Ver¬
wachsungen sioher von weniger schädlichem Einflüsse sein wird, wenn sie nur
kurze Zeit stattfindet
Der Grundsatz, daß man sich bei Lähmungen, speziell bei der Kinderlähmung,
abwartend verhalten soll, ob durch die Regeneration des Nerven nicht sowieso
nooh eine Besserung eintreten wird, darf bei Verletzungen der Nerven auf keinen
Fall Anwendung finden. Verf. hat von diesem Abwarten absolut keine Neigung
zur Besserung gesehen. Zudem ist bei manchen Schußverletzungen eine natürliche
Regeneration sowieso ziemlioh ausgeschlossen. Bei der Ungefährlichkeit der Ope¬
ration und der Unmöglichkeit, den Zustand durch die Operation zu verschlimmern,
bekennt sich also Verf. als entschiedener Anhänger der Frühoperation.
In Fällen, in denen die Lähmung eine sehr hochgradige ist, empfiehlt VerL,
um den gesunden Nerven nicht zu schädigen, wenn das periphere Ende irgendwie
verdächtig erscheint, die aufsteigende Pfropfung eines Teiles dieses peripheren
Nerven in einen gesunden Nerven. Eventuell käme auch die umgekehrte Pfropfung
eines Lappens vom gesunden Nerven in die periphere Partie des verletzten Nerven
in Betracht.
Am Beine empfiehlt Verf. die Kombination mit einer Sehnenoperation be¬
sonders da, wo Kontrakturen vorhanden sind. Letztere sind entweder durch ein¬
faches Redressement oder durch Verlängerung der Sehne zu lösen.
Verf. empfiehlt weiterhin, die duroh die Verletzungen des Nerven in Über-
Streckung geratenen Muskeln durch Verkürzung in erhöhte Spannung zu versetzen;
z. B. bei einer Klumpfußlähmung die Peronei bzw. den Extensor communis, bei
der Radialislähmung die Extensores carpi, vor allem den Extensor digitorum.
Dadurch wird die Stellung des Gliedes von vornherein eine gute. Verf. wendet
jetzt stets mit bestem Erfolge in Verbindung mit der Nervenoperation die Ver¬
kürzung der Fingerextensoren an.
Im allgemeinen kann man annehmen, daß, wenn 10—14 Wochen naoh der
Operation keine Besserung eingetreten ist, eine solche wohl auch nicht mehr zu
erwarten sein wird. Bei vollkommener Durchtrennung des Nerven werden die
Regenerationsvorgänge wohl nooh länger auf sich warten lassen. Die faradische Er¬
regbarkeit war in fast allen Fällen so gut wie normal, mitunter nur etwas versögsrt.
Digitized by
Gck igle
Original frorn
UNIVERSETY OF MICHIGAN
903
14 Tage nach der Operation läßt Verf. vorsichtig massieren und wendet
passive Gymnastik an, nach 3 Wochen beginnt er mit ausgiebiger Massage, Zander-
gymoastik und Elektrisieren.
In Fällen von Radialislähmung bedient sich Verf. der Handgelenksmanschette,
welche die Hand in leichter Überstreckung fixiert und dadurch einen wesentlich
besseren Faustsohluß, überhaupt eine wesentlich bessere Ausnützung der Hand gestattet.
9) Nerve suture for bullet wounds, by B. A. Stoney and A. Meade. (Brit.
med. Journ. 1915. 3. Juli.) Ref.: K. Boas.
Die Funktion eines Nerven kann unterbrochen sein, ohne daß der Nerv selbst
Schaden gelitten hat. Der Verlust der Funktion ist hier nur ein teilweiser, und
der alte Zustand tritt nach 14 Tagen bis 3 Wochen wieder ein. Wenn ein Nerv
teilweise oder ganz zerrissen ist, so besteht ein dauernder und ausgesprochener
Verlust der Funktion, die aber beständig zunehmen kann. In diesen Fällen
empfehlen die Verff., sich exspektativ zu verhalten. Diese Spontanregeneration tritt
an den Schnittenden nach Entwicklung von dichtem fibrösem Gewebe in allen
Fällen ein. Ist ein Nerv zerrissen, so ist der Erfolg der operativen Behandlung
um so größer, je früher sie stattfindet. Ist die Wunde septisch infiziert, so soll
man ihr* erst Zeit zur Heilung lassen. Selbst wenn monatelang nichts getan
worden ist, werden in solchen Fällen noch ganz gute Resultate durch die Nerven-
.uaht erzielt. Es ist also kein Fall von vornherein als hoffnungslos aufzugeben.
10) Anatomische Veränderungen der Extremitätennerven nach Verletzung
durch Nahschüsse, von W. Berblinger. (Zentralbl. f. patholog. Anat. u.
allg. Pathol. 1916. Nr. 16.) Ref.: K. Boas.
Verf. untersuchte vier resezierte Narbenknötchen aus Extremitätennerven, die
durch Nahschüsse verletzt worden waren. Die knotigen Verdickungen an der
Stelle der Nervenverletzung bestanden zumeist aus derbem Bindegewebe. Bisweilen
fand sich Einlagerung anderer Gewebsarten (Muskel- oder Knochengewebe). Im
peripheren Ende der resezierten Nerven fand sich eine starke Entdifferenzierung
(Fehlen oder scholliger Zerfall der Markscheiden, Wucherung der Schwann sehen Kerne;
zwischen letzteren bereits homogene oder streifige Protoplasmamassen, „Bandfasern“).
Am Übergang des zentralen Nervenendes in die Narbe trat Aufsplitterung der
Fasern und Zerfall oder Verlust der Markscheiden ein. Im Narbengewebe lagen
zahlreiche gewucherte Schwann sehe Kerne und Rundfasern. Dazwischen verliefen
reichlich nackte regellose Achsenzylinder; stellenweise fehlten auch solche voll¬
ständig. Eine Faserverbindung zwischen zentralem und peripherem Ende scheint
bei der durch Nahschüsse hervorgerufenen starken Zerstörung und reaktiven Binde-
gewebsentwicklung nicht einzutreten.
11) Galalith zur Tubulisation der Nerven naoh Neurolysen und Nerven¬
nähten , von Siegmund Auerbach. (Münchener med. Wochenschr. 1915.
Nr. 43.) Ref.: Kurt Mendel.
Um den peripheren Nerven nach der Nervennaht gegen eine Wiederverwachsung
mit der Umgebung zu schützen, kann man den Nerven mit Haut, Faszie oder
Muskulatur aus der Umgebung übernähen (hierbei können aber infolge Schrumpfung
des transplantierten Gewebes und Kompression des Nerven Neuralgien und Ver¬
zögerung der Leitungswiederherstellung eintreten), oder man isoliert die Lösungs-
bzw. Nahtstelle von der Nachbarschaft mittels Tubulisation. Für letztere empfiehlt
Verf. Röhrchen aus Galalith, einem Kaseinpräparat.
12) Zur Neuritis als Felderkrankung, von Stransky. (Wiener med. Wochen¬
schrift. 1915. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. nimmt zunächst zu den Arbeiten von Mann, Nonne und Schüller
Stellung. Die beiden erstgenannten Autoren denken an die Entstehung gewisser
Neuritiden bei Feldzugsteilnehmern auf neurasthenischer Grundlage; Schüller
hinwiederum beschreibt Fälle mit Schmerzen in den Unterschenkeln bei Offizieren,
Digitized by
Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
904
die Felddien8t mitmaohten, die, wie er annimmt, durch die schädigende Wirkung
des Gamaschendruckes zustandekamen — „Gamaschenschmerz“ —, ohne sich über
deren Natur näher auszulassen.
Verf. meint, daß es sich auch in diesen letzteren Fällen um Neuritiden
handeln könnte, und hält den Gamaschendruck und dessen Folgen für wichtige
Hilfsmomente neben Kälte, Durchnässung und mechanischer Überinanspruchnahme
(bzw. Aufbraucherhöhung), abgesehen natürlich von den Fällen infektiöser Her¬
kunft, während er der Neurasthenie als solcher keine erheblichere Rolle beimessen
konnte.
Verf. teilt dann aus seiner eigenen Felddiensterfahrung eine einen Arzt zum
Gegenstände habende Beobachtung mit: Neuritis, fast ausschließlich im Cruralis-
gebiete — vor allem linkerseits — und beleuchtet die Kombinationswirkung der
von ihm beschuldigten Schädlichkeiten in der Pathogenese des Falles; da er
praktisch als geheilt zu betrachten ist — nur geringe Residuärsymptome —, liegt
wohl diskontinuierlicher Zerfall mit ReparationBtendenz vor.
13) Über Herper zoster nach Schußverletzung eines Nerven, von A. von
Tschermak. (Archiv f. Dermat. u. Sypb. CXXII. 1916. H. 4.) Ref.: K. Boas.
Nach einer Perforierung des Oberarms durch eine Gewehrkugel stellten sich
sensible Störungen im N. ulnaris ein. Im Anschluß daran entstand am 109. Tage
ein Exanthem zunächst am 6. Finger und später.am ulnaren Rande der Hand..
E8 waren erst rote Flecken, welche sich zu Blasen umwandelten, dann zu Borken
eintrockneten und nach 3 Wochen unter Hinterlassung muldenförmiger Narben
abfielen.
Verf. erblickt in dem von ihm mitgeteilten Falle einen Beleg für die Theorie
von Kreibich, nach der der Herpes zoster eine angioneurotische Hautentzündung
darstellt.
14) Bin Fall von trophoneurotisoher Gangrän nach Schuß Verletzung, von
Leszl£nyi. (Dermatolog. Wochenschr. 1914. Nr. 18.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über einen Fall von trophisohen Störungen im linken Radialis-
gebiete, bedingt durch den chronischen Reiz, welcher durch den Fremdkörper (das
Geschoß) auf einen Hautest des Radialis ausgeübt wurde. Verf. erklärt die tro-
phischen und sensiblen Störungen im Gebiete des Radialis und seiner Hautäste
durch zentripetale Fortleitung des Reizes, sowie durch eine Art sympathischer
Reizung der Störung im kontralateralen Verteilungsgebiete des Nerven.
15) Über Gamasohensohmerzen, von Kronfeld. (Wiener med. Woohenschr.
1916. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. bestätigt die Beobachtungen von Schüller (vgl. d. Centr. 1916. S. 863).
Völlig negativer, objektiver Befund, typische Schmerzen. In einigen Fällen auch
impetiginöses Ekzem gerade an der Vorderfläche der Unterschenkel, nach oben
und unten scharf begrenzt, den Gamaschenrändern entsprechend (s. auch Ref. 12
in dieser Nummer).
Als zweckmäßigste Fußbekleidung empfiehlt Verf. die den Touristen längst
bekannte Art: Schnürsohuhe, Wadenstutzen und Schneebinden.
16) Zur Kenntnis der Krlegsneurosen, von Otto Juliusburger. (Monatssohr,
f. Psych. u. Neurol. XXXVIII. 1915. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel.
Fälle mit krankhaftem Untergrund des Seelenlebens und auch der körper»
liehen Verfassung, bei denen der „psychophysische Komplex des Krieges als eine
auslösende Energiesumme auf bereits vorhandene, in krankhafter Richtung dispo¬
nierte Energien eingewirkt hatte“ (! Ref.).
Fall I. Angstpsychose oder Psyohasthenie mit unüberwindlicher Angst auch
nur vor der Möglichkeit, in den Krieg ziehen zu müssen und mangelhaftem Ver¬
ständnis für das Dasein und die Maohtbehauptung des Vaterlandes.
Fall II u. III: Transvestitismus.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
— 905
In allen 3 Fällen starkes Hervortreten der femininen Komponente« Der
Mangel an Begeisterung zum Kriege, die völlige Kritiklosigkeit den groben Er¬
eignissen gegenüber, das Verlangen nach Frieden um jeden Preis ist im Zusammen¬
hänge mit dem verzerrten und überweichen Mitleid als der Ausdruck einer Ent¬
wicklungsstörung der höheren seelischen Betätigung anzusehen; der völlige Mangel
der Fähigkeit, zur Idee des Staates zu kommen, kann als Atavismus, als Rück¬
schlag in die Zeit ausgelegt werden, wo allgemein noch der Begriff des Staates
gar nioht oder nur keimartig vorhanden war.
Die infantilen, femininen Züge findet man in der psychosomatischen Kon¬
stitution zahlreicher Fälle von Kriegsneurose, Psychasthenie wieder, und je mehr
man den Blick hierauf eingestellt hat, um so leichter wird man diese Fälle unter¬
scheiden von den Fällen echter traumatischer Neurose, bei denen jene Entwiok-
lungsstörung völlig fehlt.
Individuen, bei denen die klinische Beobachtung die feminine Veranlagung
in starker Ausprägung festgestellt hat, sind für den Heeresdienst untauglich.
17) Blindness after campaignin g, by W. H. H. Jessop. (Brit. med. Journ.
1914. 28. November.) Ref.: K. Boas.
Verf. fand auffallend häufig hysterische Amaurose bei Soldaten, die von der
Front kamen. Ein ophthalmoskopischer Befund war nicht zu erheben. Außer
Ruhe wurde keine Therapie angewandt und vollständige Heilung erzielt. In zwei
Fällen bestand nebenbei noch Blepharospasmus. Beide Fälle wurden geheilt. Alle
Patienten standen im heftigsten Granatfeuer, und Verf. erblickt hierin auch die
Ursache. In einem Fall hatte der betreffende Patient früher an dem Nystagmus
der Bergleute gelitten. Er wurde im Feldzuge zu der Minenarbeit herangezogen
und sein NyBtagmus begann von neuem aufzutreten.
18) Cases of nervous and mental shook observed in the base hospitals in
Franoe, by W. A. Turner. (Brit. med. Journ. 1915. 15. May.) Ref.:K.Boas.
Verf. unterscheidet drei Gruppen von nervösen und psychischen Störungen,
die durch den Krieg hervorgerufen werden. Die erste betrifft einen bestimmten
Typus von psychischem Shock, bei welchem die Symptome überwiegend psychi¬
schen Charakter bieten. Die zweite Gruppe wird dargestellt durch den spinalen
Typus, welcher charakterisiert wird durch eine Beschränkung der Symptome auf
die Extremitäten, besonders die unteren. In der dritten Gruppe betreffen die
Erscheinungen namentlich die besonderen Sinnesqualitäten. Hierzu gehören die
bemerkenswerten Fälle von Blindheit oder Amblyopie, Taubheit oder Taubstumm-
heit Speziellere Symptome, wie Stottern oder zögernde Sprache, lokale Lähmungen
und ticähnliche Bewegungen bilden die vierte Gruppe. Bei der schwereren Form
dieser Klasse von Fällen verhält sich der Pat * gegenüber seiner Umgebung
stumpf. Alle üblichen Methoden, um die Aufmerksamkeit des Pat auf den Unter-
sucher zu lenken, Bchlagen hierbei fehl. Die tiefen Reflexe sind normal, die
Plantarreaktion ist flexorisch. Der Pupillarreflex kann herabgesetzt oder erloschen
sein. Der Urin kann gelassen werden. Ferner gibt es Fälle mit Verlust des
Gedächtnisses oder transitorischer Amnesie. Vorübergehende Taubheit infolge von
Explosionserscheinungen ist nichts Ungewöhnliches, während Blindheit oder Be¬
einträchtigung der Sehfunktion aus derselben Ursache selten ist ln manchen
Fällen wurde eine Hemmung der Sprache beobachtet. Das hervorstechendste Sym¬
ptom des spinalen Shocks ist der Verlust der motorischen Kraft in den Extre¬
mitäten. Man beobachtet einen zeitigen Nervenniedergang („nervous bre&ckdown“)
bei Gesunden infolge einer plötzlichen oder alarmierenden psychischen Ursache.
Als Resultat eines solchen Shocks wird Pat nervös. Sein Schlaf ist unruhig und
ist von Träumen begleitet Der Inhalt dieser Träume handelt von kriegerischen
Bildern, von berstenden Granaten, Fliegerkampfepisoden und den mannigfaohen
Schrecknissen des Schützengrabenkrieges.
Digitized by
Gck igle
.
UNIVERSITY OF MICHIGAN
906
19) Antithyreoidin und Hypophysin in der KriegsmediBin (Begriff der
Dyshormonie), von 0. Kohnstamm. (Therapie d. Gegenwart. 1915. Nr. 9.)
Ref.: K. Boas.
Die Zeichen der Neurasthenie, insbesondere der KriegBneurasthenie, sind die
der reizbaren Schwäche, schnellen Ermüdbarkeit und Ensohöpfbarkeit durch körper¬
liche und seelische Ansprüche, Pulsbeschleunigung, Herzschwäche, Blutdruck¬
steigerung usw. Verf. führt diese Erscheinungen auf Störungen der inneren
Sekretion und Abweichungen des Hormonstoffwechsels (Dyshormonie) zurück. Man
unterscheidet: Schilddrüsen-, Nebennieren-, Hypophysen-, genitale, pankreatische,
hepatische und universelle Dyshormonie.
Verf. behandelte eine Anzahl von Soldaten, deren Krankheitsbilder an die
Basedow sehe Krankheit erinnerten, erfolgreich mit Antithyreoidin-Elarson oder
Antithyreoidin allein. Die Tagesdosis betrug an- und absteigend bis zu 15 Tabletten
bzw. 75 Tropfen.
Bei Bronchialasthma wurden günstige Erfolge mit Hypophysin bzw. Hypo¬
physin-Suprarenin erzielt.
Im Anschluß daran berichtet Verf. über einen Fall von ovarieller Dyshormonie,
die durch Hypophysin günstig beeinflußt wurde.
20) Über asthenische Zustände bei 8oldaten, vonL. L. Sztanojevits. (Militär¬
medizin u. KriegswisBenschaft. H. 5. Wien 1914.) Ref.: K. Boas.
Asthenische Zustände findet man hauptsächlich bei Leuten mit Konstitutions¬
anomalien. Hier sind sie wichtig angesichts der wenig deutlichen Symptome,
welche diese Kranken in der Regel aufweisen. Sie kommen aber auch vor als
Initialerscheinungen von schweren Erkrankungen im Bereich des Zentralnerven¬
systems, z. B. bei Tumoren des Stirnhirns. Der Astheniker erfordert daher di«
aufmerksamste Beobachtung durch den Militärarzt.
21) Geisteskrankheiten and Krieg, von Resch. (Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie.
LXXII.) Ref.: Zingerle (Graz).
Die den Krieg begleitenden mannigfaltigen Schädlichkeiten bringen zweifellos
eine Steigerung der Zahl der Geisteskranken mit sich, was sich, abgesehen von
den Statistiken früherer Kriege, auch 'jetzt schon durch die vermehrte Zahl der
Aufnahmen in die Anstalten äußert.
Eine eigentliche Kriegspsychose gibt es nicht, es scheinen aber die Formen
eine große Einförmigkeit des Verlaufes zu zeigen. Häufig sind hysterische Er¬
regungszustände, Neurasthenie, Unfallspsychosen, Epilepsie, Paralyse, Jugendirre¬
sein, Alkoholpsychosen und Erschöpfungspsychosen, die leichteren Formen haben
eine gute Prognose, die der eigentlichen schwereren Störungen ist eine schlechte
Verf. bespricht die im deutschen Heere vorgeschriebenen Maßnahmen zur Be¬
kämpfung der Geisteskrankheiten, die erste Behandlung im Felde, die weitere
Versorgung der Kranken im Hinterlande, sowie die Regelung der Entschädigungs¬
ansprüche. Diese kann nur nach Kenntnis der ganzen Vorgeschichte erfolgen and
hängt auch von der Art der Erkrankung ab. So wird man selten für alkoholische
Störungen eine Dienstbeschädigung annehmen.
Schon vorher Kranke, die keine Verschlimmerung erfahren haben, haben
keinen Anspruch auf Entschädigung.
22) Psyohlatrisohss tum Kriege, von K. Bonhoeffer. (Zeitschr. t ärstl. Fort¬
bildung. 1916. Nr. 1.) Ref.: K. Boas.
Der Krieg hat nicht das große Anwachsen der Psychosen gebracht, das die
laienhafte Auffassung über die Ursachen der Geistesstörungen glaubt erwarten zu
müssen. Es wurden beobachtet bei etwas über 150 Fällen:
63°/o psychopathische Konstitutionen,
16°/ 0 Alkoholismus,
10°/ 0 Dementia praecox,
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
907
9.3 °/ 0 Epilepsie,
5.3 °/ 0 progressive Paralyse,
2,6 °/ 0 symptomatische Psychosen,
2,6 °/ 0 organische Hirntraumen mit nervösen Folgeerscheinungen.
Die große Zahl der psychopathischen Konstitutionen ist dahin aufzufassen,
daß der Krieg die im Zivilleben oder Friedensdienst noch eben durchkommenden
Minderwertigen aus dem Gleichgewichte bringt. Pathognomonisch für den Krieg
sind sie aber nicht. Laut früheren Erfahrungen nehmen die Zahlen nach der
Mobilmachung ab, um gegen Ende des Krieges und namentlich nach dem Kriege
wieder in die Höhe zu gehen.
23) Krieg und Seelenleben, von Sommer. (Wiener med. Wochenschr. 1915.
Nr. 39.) Ref.: Pilcz (Wien).
Rektoratsrede, zu kurzem Referate nicht geeignet. Nur einige der wichtigeren
Momente seien herausgehoben.
Ausgesprochene Psychosen sah Yerf. im Gegensätze zu der verhältnismäßig
großen Zahl von Kriegsneurasthenien eigentlich außerordentlich selten. Katatonien
waren zumeist nur Neuerkrankungen bei schon vordem psychotisch gewesenen In¬
dividuen, immerhin beobachtete Verf. als Ersterkrankung auch schwere katatone
Zustandsbilder, jedoch mit durchaus gutartigem Verlaufe, deren klinische Stellung
gegenüber hysterischen Psychosen noch zu untersuchen wäre. Schwere Alkohol¬
psychosen im Felde sind sehr selten. Im großen erwies sich die psychische
Widerstandsfähigkeit des deutschen Volkes über alles Erwarten groß.
Die eigentliche Kriegspsychoneurose stellt sich dar als eine Verbindung von
neurasthenischen und psychogenen Symptomen, Vereinigung von Ermüdung, Angst,
Zwangsdenken und Festhalten von Vorstellungskomplexen schreckhafter Art.
Hinsichtlich der Diensttauglichkeit sind nach Verf. Debile unbedingt von
jeder Art Dienstverwendung fern zu halten, während die Neuropathen zwar als
frontdienstuntauglich zu qualifizieren sind, jedoch im Hinterlande, in Kanzleien
u. dgl. verwendet werden können.
Aus den Ausführungen des zweiten Teiles: „Einfluß des Krieges auf das
normale Seelenleben“ sei besonders auf die Erörterungen über „Kollektivpsyche“
und über die phantastische Gerüchtverbreitung hingewiesen.
Der Krieg zeitigte im großen und ganzen mehr regenerative Erscheinungen
im Seelenleben des deutschen Volkes.
24) Niohtohirurgiaohe Behandlung ln der Feldohirurgie, von H. Higier.
(Warschauer Medycyna. 1914.) Autoreferat.
Verf., als Konsultant in neurologischen Fällen eines großen Warschauer
Militärlazarettes, unterwirft einer kritischen Analyse vom Standpunkte des Neuro¬
logen einzelne Vergehen seitens der Feldchirurgen in den ersten drei Eiriegsmonaten:
1. Eingreifende Operationen an schwer Verwundeten sollen nicht im Laufe
der 24 ersten Spitalsstunden ausgeführt werden, insofern dazu keine dringenden
speziellen Indikationen (Blutungen u. ähnl.) vorhanden sind. Es soll jedenfalls
die Shockwirkung, die nervöse Erschütterung, die an stuporähnliche Attonität
grenzende Niedergeschlagenheit, das quälende Hunger-Durstgefühl, die Ermüdung
nach den Transportstrapazen, der erste ruhige Schlaf nach dem Einliefern von
der Front möglichst abgewartet werden, zumal die Zerstörung der betreffenden
Gewebe bzw. Organe und die nachfolgende Infektion schon stattgefunden haben.
Die Operationsresultate am Gehirn sind bei ausgeruhten und psychisch nicht allzu
deprimierten Patienten ceteris paribus günstiger.
2. Der Kranke soll außerhalb des Operationssaals, fern von den weißen Kitteln
und Mützen, Messern und Scheren chloroformiert werden und halbnarkotisiert auf
den Tisch gelangen auch zur schmerzhaften Reinigung der tiefen Wunden und
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
908
zur Zurechtlegung der gebrochenen Knochen, einschließlich des Schädels und der
Wirbelsäule. Noch wünschenswerter ist leichte Morphinisation schon einige Stunden
vor der Operation.
3. Gleichzeitiges Anlegen von Verbänden mehrerer schwer Verwundeter im
gemeinsamen Verbandssaal ist inhuman. Es soll der leicht oder oberflächlich
Verwundete nicht unnütz leiden beim Anblick der ekligen, schmutzigen, tiefen
Wunden seines Kameraden. Als Präservativ sollten für sehr schmerzhafte Ver¬
bände, insofern sie ohne Narkose geschehen, spezielle Stunden gewählt werden.
4. Verbände sollen nioht bei „offenen Türen“ gemacht werden. Am Korridor,
am Krankensaal, am Hof werden die Rekonvaleszenten des Lazarettes unnützerweise
mehrere Stunden am Tage durch das Schreien, Jammern und Stöhnen bei Extrak¬
tion jedes Sequesters, bei Extension jeder gebrochenen Extremität usw. beunruhigt.
Eine gut ausgebettete und stets abgeschlossene Doppeltür soll jede Verbands*
abteilung sohmücken, womöglichst isoliert vom Stockwerke der Krankensäle. Die
Psyche der Soldaten im Krankensale ist eine absolut andere als im Kampffelde.
5. Es sollte in der Feldchirurgie viel mehr die analgetische Behandlungs¬
methode in Betracht gezogen werden, als es bis jetzt geschieht. Speziell gilt das
bei den in der Regel bagatellisierten, aber äußerst schmerzhaften, peripheren
Nervenläsionen, möge die nachfolgende Neuritis traumatischer, infektiöser, refri-
geratorischer Natur sein. Der Chirurg vergißt zuweilen, daß die intensiven
Schmerzen nach der Operation in der Nachbehandlungsperiode keineswegs — auch
nach der Nervennaht oder Neurolyse — sofort nachlassen. Auch bei günstigem
Ausgang halten sie gelegentlich, trotzdem sie keine Gefahr nach sich ziehen,
wochenlang an. Schmerzlindernde und schlafbringende Mittel sind dann aus¬
giebig zu reichen. Morphinisten entstehen während der Kriegszeit nur ausnahms¬
weise unter schweren Degenerierten und Psychopathen von minderwertiger psychi¬
scher Konstitution.
6. Die Nahrungsfrage in den Lazaretten soll womöglicbst nicht schematisch
geregelt werden. Es muß individualisiert werden und trotz gewöhnlichen Zeit¬
mangels seitens des ärztlichen Personals — bei unerwartetem Überfluten des SpitaLe
von Kranken — nicht dasselbe Menu und Speisequantum dem Gros der Ver¬
wundeten gereicht werden. Speziell sind in dieser Hinsicht die Pyämiker zu be¬
achten, die während des Temperaturabfalls falschen Appetit bekommen and später
von schweren Digestionsstörungen geplagt werden. Solange der Fiebertypus nicht
klargestellt ist, ist blande oder nicht allzu strenge Milchdiät indiziert.
7. Die schweren, an unheilbarer Blutvergiftung, an kompletter Paraplegie.
Gefühllosigkeit, Dekubitus usw. Leidenden, insofern bei ihnen eine Operation un¬
ausführbar oder ohne Erfolg ausgefuhrt worden ist, sollen, da sie meist bei voller
Besinnung sind, vom operationssüchtigen Arzte nicht ganz verlassen werden, auch
wenn die Verordnung bis in die letzten Lebensstunden des hoffnungsvollen, am
Gefühl der Hilflosigkeit und des Verlassenseins am meisten leidenden Patienten
nur in der alltäglichen Verschreibung einer neuen fiktiven Mixtur bestehen sollte
oder im täglichen Ausfragen über den Gesundheitszustand. Psychotherapie muß
auch in der Feldchirurgie und bei langsam Absterbenden in breiten Grenzen ge¬
trieben werden. Es soll eben der Verwundete merken, daß in der Kriegszeit im
Feldarzte neben dem Chirurgen mit scharfem Messer ein Meusch mit weichem
Herzen steht. Sowohl der ruhige, besonnene, sich in sein Sohicksal ergebende
wahrhafte Held, als der schwere Neurastheniker, der übermäßig hohe Ansprüche
stellt, sind in den letzten Tagen ihres Lebens mit derselben Sanftmut und Wärme
zu behandeln.
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
909
Chorea, Tic,
26) Über einen experimentell-toxigohen ohoreiformen Symptomenkomplex
beim Tiere, von Alfred Fachs. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. S. 165.)
Ref.: Pilcz (Wien.)
Verf. hat salzsaures Guanidin Affen, Hunden und Katzen injiziert und gefunden,
daß die von Putzeys und Swaen, Gergens und Baumann nach Injektion von
Guanidinsalzen beobachteten Muskelzuckungen bei Hunden und Affen nicht so
deutlich zu beobachten sind wie bei Katzen, am beeten verwendet man Katzen
von 2 */s bis S Monaten zu diesen Experimenten. Hohe Dosen (etwa 0,5 g pro kg
Tier) machen unter allgemeinen Krämpfen, Jaktationen rasch Exitus. Kleinere Dosen
(etwa 0,1 g pro kg Tier) machen chronische Intoxikation, bei welchen besonders
an den distalen Extremitätenteilen koordinierte, scheinbar willkürliche Bewegungen
ganzer Muskelgruppen wahrzunehmen sind (spreizende Bewegungen der Zehen,
Adduktions- und Abduktionsbewegungen, Rotationen in den Gelenken, Grimassieren,
Kopfbewegungen), die man am besten der Chorea minor des Menschen vergleichen
kann. Die Bewegungen zeigen keinen Rhythmus und werden bei psychischer Erre¬
gung deutlicher. Bei Abbruch der chronischen Intoxikation überdauert die chorei¬
forme Unruhe mehrere Tage den Abschluß des Versuchs. Bei chronischer Vergif¬
tung werden die Tiere schreckhaft und sehr erregbar; auf der Höhe der Erregung
kann es zu epileptiformen Anfällen kommen. Äthernarkose ist leicht zu erzielen
und führt bei geringer Narkosetiefe zum Aufhören der choreiformen Bewegungen.
Neben den Erscheinungen von seiten des Zentralnervensystems macht die chronische
Guanidinvergiftung Freßunlust und Steigerung der Diurese. Bei mikroskopischer
Untersuchung ergeben sich neben Hyperämie von Leberund Niere multiple Blutungen
im ganzen Zentralnervensystem. Die Tatsache, daß bei experimenteller SepsiB im
Muskelßeisch von Kaninchen das dem Guanidin nahestehende Methylguanidin
gefunden wurde, daß das dem Guanidin verwandte Kreatin de norma sich im
Harne findet (es kann durch Oxydation aus Dimethylguanidin entstehen), läßt an
die Möglichkeit denken, daß eine Stoffwechselstörung bei einem Kranken mit
Gelenkrheumatismus zu einer Guanidin Vergiftung führen und auf diese Weise dieEnt-
stehung der Choreasymptome bewirken könnte. Der Nachweis von Guanidin im
Blut des Menschen ist zunächst mit den heutigen Methoden ausgeschlossen, weil
dazu solche Mengen erforderlich sind, wie sie nicht leicht zu beschaffen. Bei der
mit Guanidin nicht letal vergifteten Katze ist Guanidin mittels Froschmuskel-
präparates im Serum nachweisbar.
26) Choröe et Syphilis, par Milian. (Bulletin de la Sociötä m£d. des hdpitaux
de Paris. 1914. Nr. 8.) Ref.: K. Boas.
In einzelnen Fällen von Chorea gelang es erst nach längerer Beobachtungs¬
zeit, eine hereditär* syphilitische Erkrankung auf Grund geringfügiger spezifischer
Anzeichen festzustellen. Die Salvarsantherapie hat dabei keinen sonderlichen Erfolg.
27) Zur Symptomatologie und Therapie der Ohorea minor, von A. Lewe.
(Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Bericht über 4 Fälle von Chorea, sämtlich das weibliche Geschlecht betreffend.
In 2 Fällen ging eine Infektion voraus. Fieberhafter Beginn war in keinem der
Fälle festzustellen. In 2 Fällen handelte es sich um ein Chorearezidiv, wobei
jedoch von einer chronischen intermittierenden Form nicht die Rede war.
28) Tonsilleotomy aa a therapeutio measure in the treatment of ohorea
and endooarditis, by J. H. Young. (Boston med. and surg. Journ. 1915.
2. September.) Ref.: K. Boas.
Verf. Bah in 11 von 21 Fällen nach Tonsillektomie eine Chorea auftreten.
Die Tonsillektomie ist daher kein Schutz gegen Chorea und Endocarditis, wie von
anderer Seite behauptet wird.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
910
29) A voioesign in ohorea, by W. B. Swift. (Amer. Journ. ofDiseas. of children,
VII, S. 422 and XII, S. 279.) Ref.: W. Misch.
Mittels des Kymographions wurde die Stimme von Choreakranken untersucht.
Die Untersuchungen beziehen sich auf 20 Fälle, von denen über 500 Aufnahmen
gemacht wurden. Es ergab sich eine deutliche, konstante Veränderung der Stimme
während der choreatischen Bewegungen, und zwar eine Zunahme der Stimmhöhe
und eine Steigerung der Intensität. Am häufigsten findet sich diese Veränderung
bei der Aussprache der Vokale, am charakteristischsten ist sie in dem offenen,
verlängerten Klang des „A“ zu beobachten. Etwas weniger deutlich äußert sie
sich in der Aussprache der Konsonanten, sowie beim Flüstern und Pfeifen. Diese
Stimmänderung ist so charakteristisch für Chorea, daß Verf. sie als Stimmensymptom
unter die Symptome der Chorea aufzunehmen vorschlägt. Als Methode für die
Demonstration des Symptomes eignet sich am besten die charakteristische Regi¬
strierung des „A“.
SO) Verauohe über Aufmerksamkeitsstörnngen bei Chorea minor, von
Gertrud Wenger. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf. untersuchte 6 Fälle von Chorea minor im Kindesalter auf psychische
Störungen und auf etwa vorhandene Störungen der Denktätigkeit, speziell der
Aufmerksamkeit.
Als Proben dienten das einfache Nachaprechen von 3 bis 8stelligen Zahlen,
die Bourdonsohe Probe und eine Art Spiel. Es wurden aus dem bekannten
Dominospiel eine Anzahl Steine herausgesucht und die Vertiefungen auf den einzelnen
Steinen von den Kranken bei verbundenen Augen abtastend gezählt.
Die betreffenden Krankengeschichten und der jeweilige Ausfall der Proben
werden ausführlich mitgeteilt.
Als Kontrollpersonen dienten acht gesunde Mädchen einer Privatschule. Dabei
ergaben sich folgende Differenzen gegenüber den Choreatischen:
Die Fälle von Chorea zeigten hinsichtlich der ersten Untersuchung (entsprechend
dem mittleren Stadium der Krankheit) im Minimum 6,4, im Maximum 16,2 °/ 0
Fehler. Die Zeitdauer war relativ lang. Sie betrug 12,4 Minuten im Mittel.
Die von Bourdon gefundenen Resultate wurden an Güte auch von den
gesunden Schülerinnen nicht erreicht, vor allem in bezug auf das Arbeitsquantum.
Die von Bourdon untersuchten Erwachsenen erreichten bei etwa gleicher Zeit
und Fehlerzahl das doppelte Arbeitsquantum: 220 Streichungen in 4 Minuten gegen¬
über 110 im Mittel von 4,5 Minuten.
Als Ursache der gefundenen Herabsetzung der Aufmerksamkeit muß man einen
leichtesten Grad von Bewußtseinstrübung annehmen. Gröbere Symptome von
Benommenheit waren nicht nachweisbar.
31) Chorea minor und Psychose, von C.-L. Heinrichs. (Inaug.-Dissert. Kiel
1916.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet nach einem kurzen Überblick über die einschlägige Literatur
über zwei Fälle von Chorea und Psychose:
Fall I betraf ein 17jähr. Mädchen mit Chorea minor gravis und epileptoiden
Krämpfen. U. a. fanden sich Narben am Zungenrand. Dazu traten psychische
Erscheinungen: Verwirrtheit, Negativismus, Apathie und Stupor. Eine intermittie¬
rende Pneumonie machte dem Leben der Pat. ein Ende. Die Sektion ergab eine
Endokarditis auf infektiöser (welche Infektion?) Grundlage.
Fall II betraf ein 18jähr. Mädchen mit Chorea minor und hysterischen Er¬
scheinungen (unmotivierte Äußerungen von Schmerzempfindungen bei der Leib¬
abtastung [Ovarie?], eigenartiges Verhalten in sexueller Beziehung). In psychischer
Beziehung zeigte Pat. keine Störung der zeitlichen und örtlichen Orientierung,
nahm an den Vorgängen in ihrer Umgebung teil und zeigte keine wesentlichen
Hemmungserscheinungen. Auf Fragen gab Pat. ruckartig stoßweise Antworten,
Digitized by Google
Original from
JMIVERSITY OF -
911
ohne im Sprachvermögen behindert za sein, wenn &ueh zeitweilig schnalzende und
schmeckende Laute ausgestoßen wurden, und außerdem wurde Pat. von gewissen
Vorstellungen und Halluzinationen beherrscht. Ebenso wie Fall I verlief auch
dieser tödlich und zwar ebenfalls an interkurrenter Pneumonie. Auch hier ergab
die Sektion eine Endokarditis auf infektiöser Grundlage.
32) Über Chorea minor mit Psychose, von Christian Kühl. (Inaug.-Dissert.
Kiel 1915.) Ref.: E. Boas.
Die psyohischen Störungen bei der 18jährigen mit Chorea minor behafteten
Pat. waren durch eine weitgehende Hemmung charakterisiert. Der Zustand stand
der stuporösen Form der Amentia am nächsten. Keine Halluzinationen und
Wahnvorstellungen. Die örtliche und zeitliche Orientierung blieb erhalten. Bemer¬
kenswert war mit Rücksicht auf den schweren Krankheitszustand die geringe
Ausprägung des Krankheitsgefühles. Der Höhepunkt sowohl der somatischen als
auch der psychischen Erscheinungen war von einer Temperatursteigerung begleitet.
In therapeutischer Hinsicht war in dem Falle des Verf. f s der Umstand von Inter¬
esse, daß das gegebene Salvarsan nur von vorübergehender Wirkung begleitet war.
33) Zur Behandlung der Chorea minor, von C. Lehmann. (Allgem. med.
Centralztg. 1914. Nr. 16.) Ref.: K. Boas.
Gleich Röder sah Verf. in zwei (!) Fällen von Chorea minor eine günstige
Beeinflussung des Leidens durch Episan Berendsdorf. Namentlich die Psyche
zeigte sich auf das günstigste beeinflußt Verf. glaubt, daß „die Ausschaltung
jeden psychischen Reizes die Stärke der Zuckungen und vielleicht auch die Dauer
günstig beeinflussen“. Akne oder Magen-Darmstörungen traten selbst trotz monate¬
langer Medikation nicht in Erscheinung. Episan ist eine Bromverbindung, die
mit Borax, Zinkoxyd und Baldriansäureamylester in Tablettenform von 1,075 g
Gewicht hergestellt wird, deren jede ungefähr 0,5 g Bromsalz enthält.
34) Beitrag zur pathologischen Anatomie der Huntingtonsohen Chorea,
von M. Dost. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIX. 1915. BL 3 u. 4.)
Ref.: W. Misch.
In dem hier beschriebenen Fall von Huntington scher Chorea bei einer 34 jähr.
Pat. fand sich ein ausgesprochen hypoplastisches Gehirn, das aber weder makro¬
skopisch noch mikroskopisch anderweitige Zeichen einer Entwicklungsstörung
aufweist. Es fand sich ferner eine PaohymeningitiB hämorrhagica, die nicht auf
das vorhergegangene Trauma (Fall auf den Hinterkopf) zurückgeführt wird, sondern
für eine spontane Pachymeningitis auf Grund einer genauen mikroskopischen
Analyse gehalten wird. Auch die Chorea selbst wird nicht mit dem Unfall in
Zusammenhang gebracht. Auf die Chorea werden dagegen einige mikroskopische
Befunde bezogen: eine Pigmentdegeneration der Pyramidenzellen, Wucherung der
Gliazellen, geringe Vermehrung der Gliafasern, mäßige Lichtung der Tangential-
und Supraradiärfasern und Anhäufung von Pigment in den Gefäßen. Bezüglich
der Entstehungsursache der Erkrankung wird der abnormen Kleinheit des Gehirns
eine gewisse Bedeutung beigemessen; es handelte sich hier offenbar nicht um einen
Schrumpfungsprozeß, sondern um eine angeborene Hypoplasie. Es wird angenommen,
daß es sich hier um eine angeborene Minderwertigkeit des Gehirnes handelt, die
im Sinne der Edingerschen Aufbrauchtheorie möglicherweise ein Mißverhältnis
zwischen Verbrauch und Ersatz zur Folge gehabt hat und die schwer arbeitende
Pat. zur Erkrankung an der auch bei einer Schwester derselben beobachteten
Chorea Huntington disponiert hat.
35) Zur Frage der Chorea Huntington, von Rudolf Greve. (Inaug.-Dissert.
Rostock 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet zunächst über einen Fall von Chorea chronica progressiva
(Huntington) bei Mutter und Sohn, wobei es sich um gleichartige Vererbung
handelte. Bemerkenswert war das Überspringen einer Generation. Auffallend war
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
912
Digitized by
ferner der Beginn der Erkrankung in dem hohen Alter von 60 Jahren. Als ans-
lösepde Momente kamen in Betracht: Blutsverwandtschaft und Lues (Anamnese,
positive Wassermannsohe Reaktion, positive Nonne-Apeltsche Reaktion, geringe
Lymphozytose im Liquor). Endlich kamen psychische Störungen vor: Erregungen,
abwechselnd mit Depression, Weinerlichkeit, Ohnmachtsgefühl, Desorientiertheit,
zeitweise Apathie und Nahrungsverweigerung, zunehmende Gedächtnisschwäche,
Zeichen einer progressiven Demenz.
Verf. berichtet dann über einen weiteren diagnostisch etwas schwierigen Fall,
der ohne Heredität war und keine deutlichen Intelligenzdefekte zeigte, dabei aber
zu differentialdiagnostisohen Erörterungen gegenüber der Athötose double, Diplegia
spastica infantilis, Tic gönöral und Hysterie Veranlassung bot.
36) Zur Ätiologie der Chorea gravidarum, von H. Albrecht. (Zeitsohr. f.
Geburtshilfe u. Gynäkolog. LXXVI. 1916. H. 3.) Ref.: K. Boas.
Verf. macht auf gewisse Beziehungen der Chorea minor der Präpubertätazeit
und den Drüsen mit innerer Sekretion aufmerksam. Des weiteren berichtet er
über einen Fall von rezidivierender Chorea gravidarum, in welchem zum ersten Male
durch die von A. Mayer für „Graviditätstoxikosen“ inaugurierte serotherapeutische
Behandlung — intraglutäale Injektion von 20 ccm Schwangerenserum — eine
sofortige prompte Heilung der choreatischen Erscheinungen erzielt wurde.
37) Über Ohoreapsyohosen in der Sohwangeraohaft, von C. Harpe. (Inaug.-
Dissert. Kiel 1914.) Re£: K. Boas.
Verf. teilt einen einschlägigen Fall bei einer 29jähr. Frau mit. Es handelte
sich um eine typische Chorea gravidarum mit melancholischen Zuständen und
Halluzinationen, der bereits am Ende der ersten Hälfte der Schwangerschaft ohne
künstliche Unterbrechung zur Heilung gelangte.
38) De ia mort ohez les ohorelques pendant la grossesse, par G. Lepage.
(Annales de Gynöcologie et d’obstätrique. XL.) Ref.: K. Boas.
Trotz der im allgemeinen guten Prognose der Chorea gravidarum kommen
doch Todesfälle infolge der Verschlechterung der choreatischen Symptome vor.
Die Schwangerschaftsunterbrechung liefert zwar keine befriedigenden Resultate,
soll aber doch als letztes Mittel versucht werden.
Bis beute ist es nicht gelungen, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen
Chorea und Schwangerschaft beweisend darzutun.
39) Beitrag zur Lehre von der Chorea hysterlca, von G. Michels. (Inaug.-
Dissert. Kiel 1915.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über folgenden einschlägigen Fall: Bei dem 14jähr. Pat
bestand eine deutliche Hyperästhesie. Während der Untersuchung traten in immer
zunehmender Stärke völlig arhythmische Zuckungen auf. Die Extremitäten wurden
blitzartig zur Seite geschleudert oder in den verschiedenen Gelenken flektiert und
adduziert. Bei besonders ausgiebigen Zuckungen trat eine kurze ruckartige Er-
schütterung des Rumpfes hinzu, der dann etwas emporgeschleudert wurde. Kopf
frei, selten traten im Gesicht grimassierende Bewegungen auf. Die Zuckungen
hatten meist nioht den Charakter der choreatisohen, ihre Stärke und Ausdehnung
war sehr von der Aufmerksamkeit des Pat. abhängig. Pat. konnte sie für
Sekunden unterdrücken, worauf sie dann mit besonderer Heftigkeit wieder auf-
traten. Der Fall wurde geheilt.
40) Ein Beitrag zur Kasuistik des Tios, von J. Jedliöka. (Casopis ö«*
k£ch 16kafuv. LIII. 1914. S. 643.) Ref.: J. Stuchlik.
Verf. bespricht auf Grund einer. Reihe von Fällen die Ätiologie, Symptoma¬
tologie und Therapie des Tics und weist namentlich auf die Imitation als wich¬
tiges ätiologisches Moment hin.
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
913
41) Über erfolgreiche Behandlung des Tio convulsif daroh Ohlorkalzium,
▼od Rudolf Emmerich und Oskar Loew. (Münchener med. Wochenschr.
1914. Nr. 47.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Bei allen Krampfformen muß man an Störungen des Kalkstoffwechsels bzw.
an eine Unterbilanz denken und sich über die Kalkein« und •ausfuhr Klarheit
verschaffen. Die Verff. teilen zwei Fälle von Tic convulsif mit, bei denen Chlor¬
kalzium bei monatelanger Verabreichung eine evidente Heilwirkung entfaltete, und
schließen daraus, daß man beim Tio an Anomalien des Kalkstoffwechsels zu denken
berechtigt ist, zumal ja auch als begünstigendes Moment für die Entstehung der
infantilen Form die Rachitis angesehen wird. Dem Tic convulsif liegt kein grob
anatomisches Substrat zu Grunde, vielmehr sind es feinere Veränderungen im Kern
der Rindenzellen bzw. in den kinästhetischen Zentren für die Halsmuskulatur,
die sich in einem Zustand ererbter oder angeborener Labilität befinden und den
Reizzustand unterhalten.
Psychiatrie.
42) Statistisches sur Ätiologie der Nerven- und Geisteskrankheiten, von
E. Redlich. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz.
Sehr beachtenswerte Studie, welche 6000 Fälle der Privatklientel nach Häufig¬
keit, Verteilung auf beide Geschlechter und anderen allgemein ätiologischen Ge¬
sichtspunkten mit den Erfahrungen der Klinik vergleicht.
Zu kurzem Referate nicht geeignet.
43) Über die Bedeutung der Degeneratlonszeiohen, besonders der Ohr*
mLßbildungen bei Geisteskranken, von P. Tischbein. (Inaug.-Dissert.
Kiel 1915.) Ref.: K. Boas.
Der 21jähr. Patient des Verf.’s wies neben einer Imbezillität, einer Gaumen¬
spalte, die von Geburt an vorhanden gewesen ist, und einer sehr undeutlichen
Sprache eine Mißbildung des linken Ohres auf in Gestalt einer deutlichen Ent-
wicklungsstörung, insofern an Stelle der normalen Ohrmuschel nur ein kleiner
Hautwulst angedeutet war, und die nähere operative Untersuchung einen äußeren
Gehörgang überhaupt nicht konstatieren konnte, so daß die gesamte Ohranlage
der linken Seite als nur rudimentär zu bezeichnen war.
Verf. geht näher auf die verschiedenen Formen der Degenerationsstigmata auf
Grund der Literatur ein. Eine besondere Ähnlichkeit bestand in seinem Falle
mit demjenigen von Kerr, in welchem beinahe die gleiche rudimentäre Anlage
des einen Ohres vorhanden war, nur mit dem Unterschiede, daß in dem von dem
Verf. mitgeteilten Falle überhaupt keine Andeutung eines Gehörganges vorhanden
war und zugleich mit dem Hinzukommen der Gaumenspalte eine noch tiefere Stufe
der Degeneration erreicht zu sein schien.
Forensische Psychiatrie.
44) Obergutaohten der Kgl. wissenschaftlichen Deputation für das Modi*
zinalwesen vom 17. Juni 1914 (J.-N. 21 C) betreffend Verantwortlich¬
keit des Irrenarztes für den Selbstmord eines Geisteskranken, von
Bonhoeffer und C. Moeli. (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Medizin u. öffentl.
Sanitätswesen. XLIX. 1915. S. 177.) Ref.: K. Boas.
Die gutachtlichen Äußerungen der beiden Verff. gipfeln in folgenden Schlu߬
sätzen:
1. daß es im Hinblick auf die besonderen Umstände des Falles, insbesondere
den aus der Krankengeschichte ersichtlicl^pn Zustand der Frau Sp. nicht als
Verstoß gegen die anerkannten Grundsätze der ärztlichen Wissenschaft anzusehen
xxxiv. 58
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
914
ist, daß Prof. Dr. S. am 15. November die Überführung in die offene Station an¬
geordnet hat, ohne für besondere Beaufsichtigung zu sorgen;
2. daß die Beschaffenheit der offenen Station, auch im Hinblick darauf daß
sie im ersten Stock eingerichtet ist und besondere Anweisungen f&r die Bewachung
nicht getroffen waren, den Anforderungen entspricht, welche an die Unterbringung
von Kranken derart, wie sie der klinische Direktor — allerdings irrtümlich —
bei der Frau Sp. als vorliegend erachten durfte, zu stellen sind.
111. Aus den Gesellschaften.
Berliner Geselleoh&ft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten.
Sitzung vom 8. November 1915.
Ref.: K. Löwenstein (Berlin).
1. Herr Liepmann: Gedenkworte auf Max Bothmann.
2. Herr K. Löwenstein: Demonstration einer Lftsion der Nn. peronei
und Reflexlähmung naoh Sohrapnellverletsung. (Erscheint als Original¬
mitteilung in diesem Centralblatte.)
3. Herr Henneberg: Über genuine Narkolepsie. (Krankenvorstellung.)
Patient, ein 35jähriger Soldat, leidet seit 5 Jahren an Schlafanfällen, die mit
unwiderstehlicher plötzlicher Müdigkeit einsetzen. Er schläft im Gehen und Stehen
ein, Dauer des Schlafes etwa 1 / 4 Stunde. Der Zustand gleicht durohaus dem
normalen Schlaf, durch Anstößen ist Pat. ziemlich leicht erweckbar. Bis zu
5 Anfälle am Tag. Beim Lachen fällt dem Pat. der Kopf nach vorn und der
Unterkiefer herab, auch versagen die Kniee. Keine Anzeichen von Epilepsie oder
Hysterie. Hereditäre Belastung: Vater leidet an Tabes, Bruder an Sclerosis
multiplex. Pat. schlief vor dem Feinde auf Horchposten ein, kam zur Beobach¬
tung ins Lazarett. Es handelt sich um einen Fall von genuiner Narkolepsie, die
von den narkoleptiformen Anfällen bei Hysterie, Epilepsie usw. zu unterscheiden
ist. Sie stellt eine genügend charakterisierte, sehr seltene Neurose auf degene-
rativer Grundlage dar. (Erscheint als Originalmitteilung in diesem Centralblatt)
Autoreferat
Diskussion: Herr Moeli fragt, wie sich die Pupillen im Schlaf verhalten.
Herr Liepmann fragt, ob die Angaben, daß Pat. in solchen Zuständen über
Gegenstände stolpert, objektiv kontrolliert sind.
Herr Henneberg: Nicht diese, aber ähnliche Zustände sind objektiv be¬
obachtet.
Herr Oppenheim: An der bemerkenswerten Beobachtung interessiert mich
besonders die Angabe über die beim Lachen eintretende Erscheinung, welche den
Eindruck eines rudimentären Anfalles macht. Es erinnert das an den von mir
(Monatsschr. f. Psych. XI. 1902) beschriebenen „Lachschlag“ und deutet darauf
hin, daß zerebrale Zirkulationsstörungen auch bei der Narkolepsie eine Rolle
spielen. Autoreferat,
Herr Bonhoeffer erwähnt zwei eigene entsprechende Fälle, bei denen es sich
um tatsächliche echte Schlafzustände gehandelt hat.
Herr Henneberg (Schlußwort): Polyurie besteht nicht, das Verhalten der
Pupillen im Schlafanfall konnte noch nicht festgestellt werden. Eine BewuBtaeics-
trübung tritt beim Lachen nicht ein. Autoreferat*
4. Herr Schuster: Kriegsneurologisohe Demonstrationen.
Ich möchte Ihnen zuerst über 2 Fälle berichten, von denen der eine leider nicht xur
Demonstration erschienen ist. Sie betreffen beide Kopfschüsse, welche den Kopf von der
Stirn bis zum Hinterhaupt durchqueren. Beide Fälle zeigen einen gutartigen Verlauf. Be;
dem ersten Pat. drang die Kugel am inneren Augenwinkel des linken Auges ein und kam
hinten links in der Höhe des äußeren Genörganges, etwa 6 cm von der Mittellinie entfernt.
Digitized by
Go igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
915
wieder heraus. Nachdem die Nachbarschaftssymptome jetzt V t Jahr nach der Verwundung
abgeklungen sind, zeigt sich, daß die Kugel auf ihrem Wege durch den Schädel den 5.,
6., 7. und 8. Nerv der linken Seite geschädigt hat. Es besteht eine Sensibilitätsstörung
der linken Gesichtsseite, eine (zur Abheilung mit Narbenbildung gelangte) Keratitis neuro-
paralytica, eine schwere atrophische Lähmung des Temporalis und Masseter, Parese des
linken Abducens (bei erhaltenem Ocnlomotorius), eine mit Geschmacksstorung einhergehende,
alle drei Äste beteiligende Fazialislähmung, sowie starke Schwerhörigkeit. Im Bereiche der
gelähmten Nerven besteht totale Entartungsreaktion. Der Opticus scheint geschont zu sein.
Interessant sind die Kleinhirnsymptome. Von der allerersten Zeit an bestand eine sehr aus¬
geprägte, auch jetzt noch leicht vorhandene Neigung zum Fallen und.Abweichen beim
Gehen nach rechts. Auffällig ist bei dieser Neigung zum Fallen nach rechts, daß bis vor
einigen Wochen ein sogenanntes spontanes Linksabweichen der linken Hand bestand.
Außerdem bestand ein geringes spontanes Abweichen der linken Hand nach unten. Trotz¬
dem zeigten sich beim Drehversuch normale Verhältnisse hinsichtlich des Nystagmus und
des Abweichens der Hand. Anfänglich vorhanden gewesene psycüische Störungen — große
Reizbarkeit und Erregbarkeit sind gleichfalls völlig zurückgegangen. Ich nehme an, daß
die Kugel das Ganglion Gasseri zerstört hat und den 7. und 8. Nerv direkt an der Felsen¬
beinpyramide getroffen hat (Demonstration . — Bei dem zweiten Fall war der Einschuß
unterhalb des äußeren Augenwinkels rechts erfolgt und der Ausschuß lag links, ungefähr
an der gleichen Stelle wie beim ersten Kranken. Hier hatte die Kugel statt des 5. Nerven
den 3. geschädigt und außer diesem, ebenso wie im ersten Fall, den 7. und 8. Alle Nerven
waren links geschädigt. Es besteht heute — etwa 2 Monate nach der Verwundung —
noch linksseitige Ptose, Unbeweglichkeit des linken Auges, Starre der linken Pupille, Fehlen
des Hornhautrefleies bei erhaltener Berührungsempfindung, leichter Nystagmus beim Blick
nach unten, linksseitige Lähmung des gesamten Fazialis und linksseitige Taubheit. Kein
sogenanntes spontanes Abweichen der linken Hand beim Zeigeversuch. Von Kleinhirn¬
symptomen sind nur vorhanden: Klagen des Pat. über Schwindelgefühl besonders bei Kopl-
bewegungen und der geringe Nystagmus. Auch ist der Gang noch etwas unsicher ohne
aasgesprochene Falltendenz nach einer bestimmten Seite. Beim Dreh versuch tritt Nystagmus
in normaler Weise auf. Zur Ausführung des Zeigeversuchs reichte die Reizung durch
Drehung offenbar nicht aus. Eine kalorische Reizung wurde noch nicht ausgeführt. Eine
Geschmacksstörung besteht nicht. In den letzten Tagen haben sich alle Symptome sehr
gebessert. — Der letzte Fall, den ich Ihnen zeige, erscheint mir nicht so sehr bemerkens¬
wert durch die Natur seiner (funktionell bedingten) Störungen, als vielmehr durch die
Art und Weise, wie diese Störungen zur Entwicklung gelangt sind. Der Pat. wurde am
13. August d. J., als eine Granate in seiner Nähe explodierte, bewußtlos und blieb mehrere
Stunden so. Al6 er wieder erwachte, hatte er eine Reihe von Kopfbeschwerden, besonders
Ohrensausen, Kriebeln in der Kopfhaut usw., zeigte jedoch keine Spur irgend einer Lähmung.
Am 19. August, also 6 Tage nach dem Trauma, wurde er aus dem Lazarett, in welches
man ihn hier gebracht hatte, entlassen. Auch jetzt war er frei von jeder Lähmung. Unter¬
wegs, in der Eisenbahn, traf er Landsleute, denen er Grüsse an seine Braut ausrichtete.
Bei dieser Gelegenheit erregte sich Pat. offenbar stark. Als er nun aus dem Eisenbahnwagen
aussteigen wollte, bemerkte er eine Schwäche des linken Armes und des linken Beines.
Die Lähmungserscheinungen nahmen ziemlich schnell — aber nicht plötzlich — einen hoch¬
gradigen Charakter an. Als Pat. hier nach Berlin ins Lazarett kam, war das linke Bein
völlig gelähmt, der linke Arm war leicht schwach. Bei meiner etwa vor 3 Wochen vor¬
genommenen ersten Untersuchung konstatierte ich Adynamie des linken Armes, völlige
und absolute Lähmung des ganzen linken Beines und Fußes, so daß nicht ein einziger
Muskel auch nur spurweise innerviert werden konnte. Beim Gehen hing das Bein wie ein
totes Anhängsel am Körper. Es bestand eine linksseitige Hypästhesie mit totaler Anästhesie
des linken Beines. Die totale Anästhesie setzte sich manschettenförmig gegen die Hyp-
ästhesie des Rumples ab. Es bestand ferner Händezittern, völliges Fehlen der Lageem¬
pfindung am linken Bein und eine allgemeine Reflexsteigerung bei normalem — wenn auch
schwachem — Sohlenreflex. Der Puls war stark erregbar. Es handelte sich somit, wenn
wir uns an die gebräuchlicheTerminologie halten, um eine hysterischeLähmung. Es gelang
mir durch Wachsuggestion usw., den Pat. so weit zu bessern, daß er heute nach 3 Wochen
wieder normales Gefühl im Bein hat und ohne Stock leidlich gehen kann. Das Auffällige
und in hohem Grade Bemerkenswerte an dem Falle ist nun, daß das wichtigste und den
Kranken am meisten interessierende Symptom, nämlich die Lähmung des linken Beines,
nicht etwa sofort und unmittelbar nach dem Trauma eintrat, sondern erst 6 Tage später
ohne daß in der Zwischenzeit irgend etwas auf die bevorstehende Lähmung hingewiesen
hätte. Bemerkenswert ist ferner, daß dem Eintritt der Lähmung eine unerhebliche gemüt¬
liche Alteration unmittelbar voranging. — Eine gleichartige Entwicklung eines schweren
hl sterischen Symptomes sah ich in folgendem Fall, den ich in der Klinik des Geh.
Silex untersuchte: Ein Kriegsfreiwilliger, der 1906 das linke Auge traumatisch verloren
hatte, wurde bei einer Granatexplosion ganz leicht an der rechten Schläfe verwundet. Ganz
58*
Difitized by
Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
916
allmählich verschlechterte sich nun auch die Sehkraft des bisher gesunden rechten Auges,
besserte sich allerdings wieder, so daß Pat. wieder ins Feld rücken konnte* Ohne daß nun
ein neues Trauma erfolgt wäre, verschlechterte sich abermals die Sehkraft des rechten
Auges, bis schließlich e^n Zustand fast absoluter Blindheit resultierte. Die Untersuchung
er^ab eine typische hysterische Blindheit mit allen Charakteren einer solchen. — Bei einem
dntten — ganz ähnlichen — Fall, der Ende Januar durch einen leichten Schuß durch den
Mund verletzt und gleichzeitig infolge Granatsprengwirkung von Steinen am Rücken getroffen
worden war, hatten sich allgemeine nervöse Störungen eingestellt, Pat konnte aber gehen.
Er war dauernd in Lazaretten gewesen. Im September, nachdem er hier auf dem Bahn¬
hof angekommen war, wollte er mit der Straßenbahn zu den Seinen fahren. Unterweg»
wurde ihm plötzlich schlecht, er wurde angeblich bewußtlos und mußte hier abermals in
ein Lazarett gebracht werden. Hier stellte ich eine allgemeine schwere Muskelsteifigkeit
und besonders eine Lähmung und Steifigkeit der Beine nebst ausgeprägten hysterischen
Symptomen fest. Unter entsprechender Suggestionsbehandlung wurde ziemlich schnell
wieder Felddienstfähigkeit erreicht. — Zwei weitere Beobachtungen, in welchen sich
schwere hysterische Symptome bei Kriegsteilnehmern plötzlich — scheinbar ohne irgend
ein besonders vorausgegangenes Trauma — einstellte, gehören offenbar in die gleiche
Gruppe von Fällen. (Ich sage „scheinbar“, weil ich glaube, daß auch in diesen Fällen
irgend ein — vom Pat. subjektiv nicht richtig bewertetes — äußeres Ereignis eine ur¬
sächliche Rolle spielt.) In dem einen Fall waren bei einem bis dahin gesunden Menschen
während des Nachmittagsschlafes im Quartier Krampfanfälle aufgetreten, welche sich
schnell hintereinander wiederholten und das Bild der psendospastischen Parese mit Tremor
hinterließen. In dem anderen Fall war ein bis dahin angeblich gesunder Landwehrmann,
der eine Reihe schwerer Tage hinter sich hatte, plötzlich bewußtlos umgefallen und zeigte
nachher ein eigentümliches Augenzittern, Kopfzittern, ticartige Gesichtszuckungen und
andere funktionelle Störungen.
M. H.! Der Ihnen zuletzt demonstrierte Fall sowie auch die übrigen Fälle,
über die ich Ihnen soeben ganz kursorisch berichtet habe, zeigen, daß die Granat-
explosion bzw. die übrigen mehr oder weniger erkennbaren Traumen, ebenso wie
die sonstigen Emotionen und Anstrengungen des Krieges das Nervensystem der¬
gestalt labilisieren und sensibilisieren, daß monatelang ein Zustand enorm erhöhter
Vulnerabilität besteht, der sich nicht auffällig kundzugeben braucht. Mit oder
auch ohne das Hinzutreten einer weiteren Noxe kann dann plötzlich — quasi
metatraumatisch — ein schwerer somatischer Symptomenkomplex einsetzen, welcher
nach der herrschenden Terminologie als hysterisch anzusprechen ist. Es ist ohne
weiteres ersichtlich, daß diese Fälle ein Streiflicht auf die jetzt wieder ventilierte
Frage der Psychogenese der Neurosen nach Trauma werfen. Indem ich mir Vor¬
behalte, auf diese Frage an anderem Orte zurückzukommen, will ich nur betonen,
daß mir auch diese Fälle für das* Vorwiegen der psychischen Genese zu sprechen
scheinen. Allerdings darf man dann die Psychogenese nicht so eng umschreiben
und nur auf die ideogene Entstehung begrenzen, wie dies neuerdings Oppen¬
heim tut. Autoreferat.
Diskussion: Herr Oppenheim fragt, wie Vortr. das Vorbeizeigen im ersten
Fall deutet.
Herr Schuster: Eine vollbefriedigende Erklärung für das Spontanabweicheu
der Hand nach links und die Falltendenz nach rechts kann ich nicht angetan,
möglicherweise handelt es sich um eine Mischung von Lähmungs- und Reizsymptomen.
Herr Löwenstein bemerkt, ohne in diesem Fall eine Entscheidung, ob es
sich um Reiz- oder Lähmungserscheinungen handelt, treffen zu wollen, daß die
Annahme einer Mischung von beiden Erscheinungen zur Erklärung des Symptomen-
komplexes nicht nötig ist. Nach den bisherigen Anschauungen würden beide
Symptome, als Ausfallserscheinungen aufgefaßt, übereinstimmend auf die linke
Kleinbirnhälfte deuten, das Vorbeizeigen im linken Arm auf die linke Klein* ,
hirnhemisphäre und das spontane Fallen nach rechts auf die linke Wurmhälfte
als Folge einer Läsion des dort lokalisierten Linksfallzentrums, die immer durch
Störung des Gleichgewichts, das sich beide Fallzentren halten, ein Spontanfallen
nach rechts erzeugt. Autoreferst
5. Herr Plessner: Über Trigeminuserkrankung infolge von Trichter*
Difitized
by Google
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
917
äthylenverglftung. M. H.l Ich möchte mir erlauben, Ihnen 4 Fälle vorzustellen,
welche alle an derselben Grundkrankheit leiden und sich voneinander nur graduell
unterscheiden. Zwei von diesen Patienten hat auch Herr Cassirer beobachtet, der
meine Befunde wohl im wesentlichen bestätigen wird. Nach den verschiedenen
direkten Kriegsverletzungen, die wir hier gesehen haben, stellen diese Fälle hier
gewissermaßen nur mittelbare Kriegsverletzungen dar; die Krankheiten haben die
Patienten nämlich bei der Fabrikation von Granatentzündern akquiriert. Die Fabrik,
in welcher meine Patienten arbeiteten, verwandte zur Abspülung von Feilspänen und
Schmieröl das Trichloräthylen. Dieses Produkt entsteht &ub dem Monoäthylenchlorid
durch Behandlung mit alkoholischer Kalilauge. Eis entwickelt sich dann bei fraktio¬
nierter Destillation je nach der Höhe des Siedepunktes das Dichlorid, Trichlorid und
Tetrachlorid. Bei 87° entsteht das Trichlorid, eine Flüssigkeit, die in den be¬
treffenden Fabriken in offenen Zinkkästen verwendet wurde, welche bei genügender
Beobachtung der Unfallverhütungsvorschriften wohl besser hätten geschlossen bleiben
müssen. An diesen arbeiteten die Patienten, und zwar alle vier immer nur einen
halben bis einen ganzen Arbeitstag. Dies genügte, um die im folgenden zu
schildernden Vergiftungserscheinungen hervorzurufen. Dieser erste Patient hier
— bei den anderen verhält es sich im wesentlichen ähnlich — fühlte bereits
währen4 der Arbeit ein starkes Brennen an den Augen und Händen, so daß er
sehr häufig an die Wasserleitung laufen mußte, um Augen und Hände zu kühlen.
Beim Heimwege von der Arbeitsstelle hatte er das Gefühl des Taumelns uud am
anderen Tage heftiges Erbrechen. Unmittelbar an dieses schloß sich das Auftreten
einer Empfindung völliger Vertaubung der Mund-, Wangen- und Nasenschleimhaut
sowie der Gesichtshaut. Er versuchte noch weiter zu arbeiten, mußte aber bald
einen Arzt aufsuchen und wurde mir von diesem zugeführt. Ich fand eine völlige
Empfindungslähmung des sensiblen Trigeminus aller drei Äste auf beiden Seiten.
Sie sehen, die Wangenschleimhaut, Kieferschleimhaut, Nasenschleimhaut sind völlig
unempfindlich, ebenso auch die Hornhaut und endlich auch die Gesichtsbaut, soweit
sie vom Trigeminus innerviert wird. Dagegen sind alle die Teile der Kopfhaut,
die von spinalen Nerven versorgt werden, ebenso die kleine Vaguspartie völlig
normal empfindlich. Die anästhetische Zone begrenzt sich scharf mit den Grenzen
des Versorgungsgebietes des Trigeminus. Wie Sie sehen, fehlen sämtliche Schleim¬
hautreflexe, der Nasenreflex und auch der Hornhautreflex. Die Hornhaut ist völlig
unempfindlich und es ist gewiß auffällig, daß trotz dieser völligen Anästhesie der
Hornhaut auch nicht eine Spur von einer Keratitis neuroparalytica sich findet,
obwohl die Affektion schon seit März besteht. Diese Beobachtung liefert wohl
einen stringenten Beweis dafür, daß die Anästhesie der Hornhaut nicht die alleinige
Ursache für eine Keratitis neuroparalytica darstellen kann. Es sind ferner bei
den Patienten die vorderen zwei Drittel der Zunge völlig ohne jede Geschmacks¬
empfindung für süß, sauer und salzig, dagegen wird bitter unterschieden. Bei
dem vierten Pat. ist diese Geschmackslähmung nur halbseitig, wie er überhaupt
nur leichter erkrankt ist. Auch die Sensibilitätsstörung der Haut ist bei ihm
nur eine partielle. Bei den drei ersten Patienten besteht eine vollkommene sekun¬
däre Anosmie. Bei dem vierten ist sie nur halbseitig und zwar auf der Seite der
Geschmackslähmung. Trophische Störungen finden sich bei drei von den Patienten
gar nicht, nur bei einem hier sehen Sie, daß ihm 14 Zähne ausgefallen sind.
Schließlich sehen wir bei den Patienten noch einige Krankheitserscheinungen von
Seiten des Opticus. Bei dem ersten hier fand sich eine ins Graue spielende Ver¬
färbung des Sehnerven, die weder eine Neuritis noch auch eine Atrophie war.
Der Augenarzt bezeichnet den Befund als eine Ernährungsstörung. Bei dem
zweiten fand sich eine ödematöse Verschwellung der Papille, bei dem dritten
konnte ein objektiver Befund nicht erhoben werden. Er zeigte subjektiv eine
Art Polychromatopsie und schilderte seine Beschwerden derart: es würden ihm alle
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
918
Farben „changeant“, d. b. bei Betrachtung eines und desselben farbigen Gegen¬
standes gingen die Farben nacheinander in verschiedene andere Farben über.
Man wird vielleicht nicht fehl gehen, wenn man diese Erscheinungen nicht als
Erkrankung des Opticus selbst auffaBt, sondern als eine durch Erkrankung der
Nn. nervorum, diq vom Trigeminus stammen, bedingte Störung. Der 4. Fall hat
keinerlei Augenerscheinungen gezeigt. Bei allen Fällen fehlt jede Beteiligung deB
motorischen Trigeminus. Bei allen Fällen ist gleichmäßig jede Krankheits¬
erscheinung, sei es sensibler, sei es motorischer Natur, von Seiten der spinalen
Nerven auszuschließen. Die Fälle bieten auch ein sozialmedizinisches Interesse
insofern, als die Frage entsteht, ob die Affektion als ein Betriebsunfall zu deuten
ist. Da sich die Vergiftung in einer zeitlich durchaus begrenzten Zeitspanne ab¬
gespielt hat und der Unfallbegriff keineswegs eine ausschließlich mechanische
Schädigung verlangt, habe ich keine Bedenken getragen, in zwei bisher von der
Berufsgenossenschaft erforderten Gutachten diese Erkrankung als Betriebsunfall zu
bezeichnen. Autoreferat.
Diskussion: Herr Cassirer hat einige dieser Patienten untersucht und be¬
stätigt den Befund in jeder Beziehung. Es ist mit diesen chemischen Körpern
schon experimentiert worden, sie stehen dem Chloroform nahe. Bekannt ist eine
Vergiftung mit Tetrachloräthan, die zum Bild der gelben Leberatrophie mit Exitus
führen kann; über Trigeminusstörungen ist dabei nichts bekannt. In diesen vor-
geatellten Fällen war an der Leber nichts nachweisbar. Der Fehler ,lag am Öffnen
der die Flüssigkeit enthaltenden Kästen. Unter entsprechenden Vorsichtsmaßregeln
wird der Stoff weiter benutzt.
Herr Oppenheim hebt das große Interesse hervor, das diese Beobachtungen
der Herren Plessner und Cassirer bieten, indem Bie eine elektive Giftwirkung,
die sich auf den Trigeminus beschränkt, darstellen. Das ist etwas Neuartiges.
Die Symptomatologie erinnert durchaus an die tabische Quintusaffektion. Diese
Beobachtung möge auch die Anregung geben, die Beziehungen des Giftes zum
Trigeminus für die Behandlung der Quintusneuralgie fruchtbar zu machen, d. h.
zu versuchen, ob mit den kleinsten Dosen etwas gegen dieses Leiden auszu¬
richten sei. Autoreferat.
Herr Jacobsohn fragt, ob eine direkte Einwirkung des Giftes stattgefunden
hat, ob sich die Leute das Gesicht abgewaschen haben, und ob noch andere Leute
in demselben Raum erkrankt sind.
Herr Plessner (Schlußwort): Es sollen noch andere Leute erkrankt Bein,
die er aber nicht untersucht hat. Soviel er weiß, hat eine Berührung des Ge¬
sichtes nicht stattgefunden, sondern es kommt nur die Einatmung in Frage.
6. Herr 0. Maas: Doppelseitige HypoglossusVerletzung. Der Patient,
den Vortr. hier zeigt, wird von ihm auf der Abteilung von Herrn Kollegen Walter
Pi neus im Lazarett Buch beobachtet. Er ist durch einen Gewehrschuß verletzt
worden, der auf der linken Halsseite etwas unterhalb der Basis des Unterkiefers
eindrang und auf der rechten Halsseite in gleicher Höhe ein wenig weiter nach
hinten ausdrang. Abgesehen von leichter Sensibilitätsstörung in der rechten
Unterkiefergegend und Verletzung des Unterkieferknochens, die aber den Pat.
nicht hindert, den Mund weit zu öffnen, läßt sich folgendes feststellen: Die Zunge
ist gewulstet, links mehr als rechts, wesentliches ffbrilläreB Zittern besteht nicht.
Passive Bewegungen der Zunge sind frei. Liegt die Zunge im Mund, so be¬
schreibt sie einen nach rechts leicht konkaven Bogen. Streckt Pat. die Zunge
vor, so weicht die Spitze ein wenig nach links ab. Pat. kann die Zunge nur
etwa 1 mm vor die untere Zahnreihe vorstrecken, er ist nicht imstande, bei ge¬
öffnetem Mund die Zunge zu heben und die obere Zahnreihe zu berühren, seit¬
liche Zungenbewegungen kann er nur spurweise ausführen, zurückziehen kann er die
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
919
^unge. Beim Schlucken von Flüssigem hat er keine Schwierigkeiten, Festes kann
er nur schlucken, wenn er es ordentlich aufgeweicht hat. Zusammenhängendes
Sprechen ist undeutlich, es hört sich an, als ob Pat. einen Kloß im Mund hätte.
Von den einzelnen Lauten gelingen b, p, m, n, f, w fehlerlos, während d, t, g,
k, x, r, 1, s, sch entweder garnicht oder nicht in normaler Weise gesprochen
werden. Bei den Vokalen bat die Sprache nasalen Beiklang; a, o, u gelingen
leidlich, e und besonders i mangelhaft Bei der elektrischen Prüfung gelang es
nicht, den N. hypoglossus faradisch zu reizen, die faradische Erregbarkeit der
Zungenmuskulatur war aber erhalten, galvanisch war beiderseits träge Zuckung
deutlich nachweisbar. Die Sensibilität der Zunge für Berührung, Schmerz- und
Temperaturreize war völlig normal, ebenso auch die Geschmacksempfindung. Im
M. sterno-hyoideus war rechts das elektrische Verhalten normal, links sah ich
keine Zuckung. Der Kehlkopf ist wohl etwas mehr abtastbar als normalerweise.
Es handelt sich hier also um doppelseitige periphere Verletzung des N. hypo¬
glossus, die, soweit Vortr. feststellen konnte, nur äußerst selten beobachtet wird.
Ein derartiger Fall wurde von Schüller beschrieben (Kriegschirurgische Skizzen
1871), sonst hat Vortr. keine analogen Beobachtungen in der Literatur gefunden.
Autoreferat.
Diskussion: Herr Oppenheim hat Bowohl diese Form der Glossoplegie als
auch die rein muskuläre nach Schußverletzung am Boden der Mundhöhle beob¬
achtet. Die Symptomatologie ist dieselbe, nur fehlt dabei die Entartungsreaktion.
Autoreferat.
40. Wanderversammlung südwestdeutsoher Neurologen und Irrenärzte
am 29. und SO. Mal 1915 ln Baden-Baden.
Ref.: Steiner (Straßburg i/E.).
Vorsitzende: Herr Kraepelin (München), Herr Ho che (Freiburg); Schrift-
iührer: Herr Hauptmann (Freiburg) und Herr Steiner (Straßburg).
1. Herr Hoche (Freiburg): Über Hysterie. Das Thema, über welches ich
zu sprechen gedenke, wird auch von anderen Vortragenden heute hier behandelt
werden; umsomehr hat der erste Redner die Pflicht, sich auf das Notwendigste
zu beschränken. Die heutigen Vorträge Bind ja doch in erster Linie dazu bestimmt,
eine Vorbereitung für die Diskussion zu bilden, die voraussichtlich mehr Übei-
einstimmung in unseren tatsächlichen Beobachtungen ergeben wird, als dies a
priori wahrscheinlich wäre. Wir erleben jetzt, wie alles in diesem Kriege sich
• in riesenhaften Dimensionen abspielt, ein Experiment größten Stiles an unserer
nervösen und psychischen Volksgesundheit. Wir Kliniker sehen eine sonst uner¬
hörte räumliche und zeitliche Zusammendrängung von Kasuistik, und jeder von
uns hat sicherlich viele Hunderte von Fällen zu beobachten Gelegenheit gehabt.
Besonders wertvoll bei diesen Beobachtungen ist, daß sie einstweilen ganz frei
sind von den im Frieden mitspielenden Neben-Gesichtspunkten, die uns Ärzten
die Beschäftigung mit allen nervösen Unfallsfolgen zu einer so wenig erfreulichen
Aufgabe gemacht haben. Die Existenz der Unfallversicherungs-Gesetzgebung trübt
nicht nur die nervösen und psychischen Krankheitsbilder, sie trübt auch durch
alles, was damit zusammenhängt, das persönliche Verhältnis der Ärzte zu diesen
Fällen. Nach dem Friedensschluß werden wir sehr viel weniger als jetzt in der
Lage sein, von Entschädigungsansprüchen unbeeinflußte Fälle zu sehen. Es ist
mit Sicherheit zu erwarten, daß sich dann der Gesamteindruck für die Ärzte
wesentlich verschieben wird. Wenn erst die Millionen von Männern im erwerbs¬
tätigen Alter in der Erinnerung an alles das, was sie durchgemacht haben, zurück¬
strömen werden, wenn Hunderttausende in den ersten Zeiten, in denen die In-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
920
Digitized by
dustrie nicht in dem gleichen Maße wie früher Arbeitskräfte braucht, Schwierig¬
keiten haben werden, ihre soziale frühere Lage wieder zu finden, dann werden
wir im größten Umfange und auf einmal das zu sehen bekommen, was sich als
Wirkung der Unfall-Gesetzgebung im Frieden langsam weiterschleppt. Wir können
als Arzte schon jetzt an die maßgebenden Instanzen gar nicht dringend genüg
die Mahnung richten, in der Schätzung des voraussichtlichen Bedarfes an Invaliden-
pension nur die Maximalziffern als wahrscheinlich anzusetzen. In bezug auf Kriegs¬
wirkungen, die wir jetzt in nervöser und psychischer Hinsicht zu sehen bekommen,
ist besonders auffallend, wie zahlreich Genesungen von funktioneller Nervositit
eingetreten sind, wie genau in der von mir schon vor Jahren prophezeiten Weise
die Luxussanatorien sich geleert haben, wie wir auch von neurasthenischen Indi¬
viduen, die im Frieden relativ unbrauchbar waren, überraschende Leistungen im
Felde erleben. Es gibt eben zahlreiche Menschen, die im grauen Alltag mit ihren
subjektiven Mißempfindungen nicht fertig werden und die von der im guten Sinne
sensationellen Art ihres jetzigen Erlebens weit über die Linie ihrer sonstigen
Leistungsfähigkeit hinaufgeboben werden. (Auf ärztlichem Gebiete sehen wir in
gewisser Analogie ein Schwinden von Luxuserscheinungen in dem Zurücktreten
der psychoanalytischen Literatur. Man muß ja wohl sagen, daß die augenblick¬
liche Zeit der Freud’schen Betrachtungsweise wenig günstig ist!) Überraschende
Leistungen werden auch von einer bestimmten Sorte psychopathischer Persönlich¬
keiten vollbracht, die im normalen Laufe der Dinge durch ihre psychische Formel
in .soziale Konflikte der verschiedensten Art getrieben werden, unter den abwechs¬
lungsreichen Verhältnissen des Krieges mit täglich und stündlich neuen Anregungen
in die Lage kommen, auf Grund ihrer Begabung und Anregbarkeit und ihrer
Freude am Abenteuer einzelne besonders gute Dinge zu vollbringen. Demgegen¬
über steht das Versagen vieler Nervöser. Eine wichtige Voraussetzung, um dis
Leben im Felde ohne nervöse Schädigung aushalten zu können, ist zweifellos die
Fähigkeit, auch unter schwierigen Umständen und zu jeder Zeit schlafen zu
können. Nervöse Menschen, die nicht diese Fähigkeit besitzen oder im Laufe
des Feldzuges verlieren, kommen natürlich sehr bald ins Defizit. (Eine eigen¬
tümliche Beobachtung möchte* ich hier kurz erwähnen: Ein hysterisch gewordener
Offizier, der draußen an schweren Schlafstörungen litt, aber, sehr unzweckmäßiger¬
weise, im schwersten Granatfeuer von unwiderstehlicher Schlafsucht befallen wurde.)
Unter den Entstehungsbedingungen nervöser Feldzugserkrankungen figuriert zunächst
die innere Disposition, und die Frage wird zu lauten haben, ob man disponiert
sein muß, um eine Kriegshysterie zu bekommen. Wenn man den Begriff der
Disposition so weit faßt, daß sie dann schon gegeben ist, wenn irgendwo in da
Aszendenz Nervenkrankheiten vorgekommen sind, dann werden wir zahlreiche
Disponierte unter unseren Patienten finden; verlangt man aber, daß die psycho¬
pathische Disposition sich in bestimmten Zeichen bereits vorher kundgetan bst,
so würden wir sagen müssen, daß diese Form der Disposition oder dieses Quantum
derselben nicht notwendig ist. In bezug auf den Krieg müssen wir sicherlich
sagen: jeder Feldzugsteilnehmer ist bei entsprechenden Erlebnissen „hysteriefähig**.
Bei der Betrachtung der äußeren Faktoren würden wir vor den schädigenden
auch gewisse schützende Einflüsse zu erwähnen haben. Wichtig ist sicherlich
als Schutz in nervöser Beziehung das, was wir schlechthin als Gewöhnung be¬
zeichnen: die psychische Einstellung auf die neuen Maße des Erlebens, die schlie߬
lich auch das Ungeheure alltäglich werden läßt. Ich habe schon an anderer Stelle
von der psychischen Sicherung gesprochen, die in unserer Organisation darin
gegeben ist, daß alles, was von äußeren Eindrücken eine gewisse Grenze übersteige
schießlich an uns abläuft, ohne uns entsprechend zu affizieren. Man könnte dabei,
um einen Wernickeschen Ausdruck zu gebrauchen, von einer „nivellierenden
Wirkung“ sprechen. Es wäre auch falsch, den Zustand der Feldzugsteilnebmer
Gck igle
Original fro-m
UMIVERS1TY OF MICHIGAINT
921
als den einer dauernden Todesgefahr sich vorzustellen, ganz abgesehen davon,
daß diesem Gesichtspunkte gegenüber die Mehrzahl, sei es mit religiöser, sei es
mit philosophischer Betrachtung, ein für allemal einen bestimmten Standpunkt
gewonnen hat, der nicht täglich von neuem eine Rolle spielt. Auch das Bewußtsein
der Vielheit der in gleicher Lage sich Befindlichen ist eine seelische Erleichterung«
Im gleichen Sinne wirkt sicherlich der befreiende Faktor der Lösung spannender
Situationen und gespannter Stimmungen in Humor. Von den schädigenden Wir¬
kungen liegen die chronischen mehr außerhalb meines Themas. Akute Einwirkungen
kann man nach meinen Beobachtungen in eine gewisse Skala bringen in dem
Sinne, daß für das Nervensystem am wenigsten einschneidend die Eindrücke des
gewöhnlichen Infanteriefeuers sind, an welches sich in steigender Linie Granat¬
feuer im Freien, Granatwirkung in geschlossenen Räumen mit der Gefahr des
Eingeschlossen- und VerBchüttetwerdens, und endlich die Explosionen der Minen¬
gänge als schwerstes Ereignis anschließen. Die Wirkung dieser letzteren hat,
wenn ich an die Zahl der hierher gehörigen identisch aussehenden Fälle denke,
fast etwas Spezifisches. Abgesehen von der direkten, eventuell vorhandenen mecha¬
nischen Wirkung der Commotio cerebri hängt der Einfluß auf das Nervensystem
sicherlich mit der ungeheuren Größe des akustischen Eindruckes, dann aber auch
mit der Dauer und dem Grad der vorausgehenden Spannung zusammen. Wir
alle kennen das Unbehagen, mit dem wir einem plötzlichen heftigen Sinneseindruck
entgegensehen, auf den wir uns nioht im voraus einzustellen vermögen, und ich
erinnere Sie nur daran, mit welcher Wirkung dies z. B. von Björnson in „Über
unsere Kraft“ II. Teil verwertet wird in der Szene, in welcher die Versammlung
auf die ihnen angemeldete Sprengung ihres Versammlungsraumes wartet, während
der Zuschauer durch die eigene unangenehme Spannung auf die zu erwartende
Detonation ein verschärftes Verständnis für den Seelenzustand der Personen des
Stückes gewinnt. Ich bin geneigt anzunehmen, daß wir in dem hohen Grade
der Spannung, in dem eventuell tagelang den Minensprengungen entgegengesehen
wird, ein besonderes prädisponierendes Moment für die psychischen Folgen dieser
Art von Einwirkung zu sehen haben. Bei der Zerlegung der Symptomenbilder, die
wir nach allen diesen Einwirkungen zu sehen bekommen, müssen wir sicherlich an
dem durch den Entwicklungsgang der Lehre von den traumatischen Neurosen
etwas verwischten Unterschied von neurasthenischen und hysterischen Symptomen
festhalten, trotz der häufigen Koinzidenz in demselben Individuum. Neurasthenische
und hysterische Erscheinungen sind prinzipiell, nicht nur quantitativ voneinander
verschieden, jene entstanden durch Vergiftung, Abnützung, meist von einer gewissen
Dauerhaftigkeit des Bestandes, auch dem Normalen auf dem Wege der Einfühlung
subjektiv verständlich; diese, hervorgegangen aus einem gestörten dynamischen
Gleichgewicht in irgendwelchen zentralen Elementen, die entweder konstitutionell
und dauernd oder erworbnermaßen und episodisch labil sind, ausgleichbar in jedem
Moment, dem Verständnis des normalen Menschen im wesentlichen verschlossen.
Die beherrschende Idee für die Entstehung der hysterischen Erscheinungen ist
in der letzten Zeit die psychogene Entstehungsweise gewesen, teils in dem Sinne
des Bestimmtseins durch entsprechende Vorstellungen, teils in dem weiteren Sinne
der Auslösung auf affektivem Wege. Sicherlich haben wir uns die Entstehung
der meisten Kriegsfälle von Hysterie auf einem dieser Wege vorzustellen. Namentlich
Beben wir oft im Anschluß an bewußt angenommene äußere Einwirkungen lokalisierter
Art entsprechende hysterische Erscheinungen auftreten, z. B. hysterische Ptosis
nach Blendung durch Explosion, hysterische Abasie und Astasie nach Verschüttung
mit Einklemmung der Beine usw. In diesen Fällen sehen wir häufig ein Latenz-
stadium von Stunden oder Tagen zwischen Trauma und Entwicklung der hyste¬
rischen Symptome eingeschoben. Der theoretisch interessantere Teil der Kriegs¬
hysterie wird aber für mich repräsentiert durch solche Fälle, bei denen der
Digitized by
Go igle
Original fro-rn
UNIVERSITY OF MICHIGAN
922
Hergang der Diüge es wahrscheinlich macht, daß überhaupt irgend eine psychische
Einwirkung als vermittelndes Zwischenglied nicht vorhanden gewesen ist, Fälle
z. B., bei denen eine Granatexplosion unmittelbare Bewußtlosigkeit zur Folge hat
(ohne chirurgische Verletzung natürlich), nach deren Verschwinden der Patient
mit einer Reihe hysterischer Ausfallserscheinungen oder Reizerscheinungen erwacht,
deren Charakter im weiteren Verlauf durch die restlose Ausgleichbarkeit bewiesen
wird. Eine Analogie finden wir in den von mir früher auch an dieser Stelle
erörterten hysterischen Erscheinungen nach elektrischen Entladungen (Blitzschlag
und Starkstromleitungen), bei denen dieselben Gedankengänge Platz zu greifen
haben. Der Umstand, daß die Erklärung dieses Zusammenhanges schwierig ist,
sollte uns nicht veranlassen, der Frage durch Ignorieren aus dem Wege zu gehen,
einer Frage, die bei näherer Betrachtung nicht so unlösbar erscheint. Der rätsel¬
hafte Entstehungspunkt aller hysterischen Erscheinungen muß, man mag im übrigen
darüber denken wie man will, an der dem Bewußtsein entzogenen Stelle gesucht
werden, an der die beiden untereinander nicht vergleichbaren Erscheinungsreihen
des materiellen und psychischen Geschehens sich berühren. Es hat für mich nichts
als Denkakt Unvollziehbares, daß die an diesem Punkte zu suchende hypothetische
Störung so wohl von der psychischen Seite wie von der materiellen Seite her in
Gang gesetzt werden kann. Ich möchte, um einem naheliegenden Mißverständnis
im voraus zu begegnen, betonen, daß ich selbstverständlich nicht die triviale Tat¬
sache des Vorkommens hysterischer Symptome bei organischen Gehirnerkrankungen
im Auge habe, und daß ich, wenn ich von der materiellen Seite spreche, dabei
nicht Vorgänge im Auge habe, die eine gesteigerte mikroskopische Technik eines
Tages demonstrieren könnte. In gleicher Weise wie bei den elektrischen Neu¬
rosen werden wir uns zunächst mit der Registrierung des Tatsächlichen zu
begnügen haben; immerhin möchte ich die Fach genossen bitten, diesen Punkt
nicht mit der Etikette der „überflüssigen Spekulation“ zu erledigen. Auf klinische
Einzelheiten will ich im Augenblick nicht näher eingehen. Zum Schluß sei mir
eine Bemerkung pro domo gestattet: Man hat vor Jahren meine Ansichten als
zu optimistisch bezeichnet, als ich gegen die viel verbreitete Lehre von der
Dekadenz unseres Volkes protestiert und mich zum Glauben an die Zukunft für
die nervöse und psychische Durchschnittsgesundheit bekannt habe. Ich freue
mich jetzt, daß die tatsächlichen Erfahrungeu wohl auch den Pessimisten zu
Gemüte führen werden, wie sehr sie sich in ihren Schätzungen geirrt haben.
2. Herr R. Wollenberg (Straßburg): Über die Wirkungen der Qranat-
ersohütterung. In den von chirurgischer Seite stammenden älteren Schilderungen
der Folgezustände sogenannter „Granatkontusion“ wird nicht scharf genug unter¬
schieden zwischen Störungen organischer und funktioneller Art. Auoh in der
Arbeit Harzbeckers aus neuester Zeit tritt diese Unterscheidung nicht deutlich
hervor. Infolgedessen besteht die Gefahr, daß Untersucher mit geringerer prak¬
tischer Erfahrung, also wohl auch manche Truppen- und Feldärzte, den ganz über¬
wiegend psychogenen Charakter dieser Störungen verkennen und zu Unrecht
organische Grundlagen annehmen. Ein Bedürfnis nach Klärung in dieser Hinsicht
hat schon andere Autoren, wie Bonhoeffer und Gaupp, veranlaßt, sich mit dem
Gegenstände zu beschäftigen, es hat auch zur Wahl dieses Themas in unserer
Versammlung geführt. Meine Ausführungen stützen sich auf eine größere Zahl
eigener Beobachtungen. Dabei habe ich natürlich, so gut es möglich war, die
Fälle ausgeschaltet, in denen eine direkte Verletzung des Schädels oder seines
Inhalts anzunehmen war. — Über das Tatsächliche des Vorgangs selbst sind wir
meist nur auf die Angaben der Geschädigten angewiesen, bei deren Verwertung
eine gewisse Vorsicht nicht überflüssig ist. Meist wird von Bewußtlosigkeit be¬
richtet, zuweilen von vorübergehenden Zuständen dämmerhafter Bewußtseinstrübung
und psychischer Hemmung, in einigen Fällen auch von plötzlichen raptusartigen
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
923
unzweckmäßigen Handlungen. In körperlicher Beziehung sind die Angaben aus
der ersten Zeit ziemlich dürftig und oft ganz negativ. Viel mannigfaltiger und
umfassender sind die Störungen, welche später hervortreten. In den von mir
verwerteten Fällen ist bemerkenswert die Häufigkeit, mit der über frühere Ge¬
sundheitsstörungen, sei es im Sinne angeborener psychopathischer Züge, sei es in
dem erworbener nervöser Anomalien, berichtet wurde; zu den letzteren gehört
auch die momentane psychisch-nervöse Einstellung durch Erschöpfung, Ent¬
behrungen und insbesondere durch aufregende Erlebnisse kurz vor dem Ereignis.
Die Symptomatologie setzt sich zusammen auf körperlichem Gebiet aus Mißempfin¬
dungen und Schmerzen im Kopf, Kriebeln in den Gliedern, Sausen und Klingen
in den Ohren, Gehörsstörungen, Schwindelgefühlen verschiedener Art und mit oder
ohne Gleichgewichtsstörungen, vasomotorischen Erscheinungen, fein- oder grob¬
schlägigem Tremor, lokalisierten Muskelkrämpfen, Krampfanfällen von mehr oder
weniger ausgesprochen hysterischem Typus, Lähmungen aller Art, Sprachverlust
und anderweitigen Sprachstörungen, Sensibilitätsstörungen der verschiedensten
Lokalisation uaw. Auf geistigem Gebiet bestehen Erregbarkeit, herabgesetzte Wider¬
standsfähigkeit gegenüber allen möglichen Reizen, Depressionszustände, Angst-
anfalle, besonders des Nachts, „Gefechtsträumen“, erschwerte Konzentrations¬
fähigkeit, Gedächtnisschwäche usw. Zur Verständigung erscheint es nützlich, die
Symptome in drei Gruppen zu ordnen, die sich rein äußerlich durch die Stich¬
worte „individuell“, „emotionell“ und „kommotionell“ kennzeichnen lassen. Als
individuell bezeichne ich alleB, was an angeborenen oder erworbenen krankhaften
Abweichungen innerhalb der psychisch-nervösen Sphäre in die betreffende Situation
bereits mitgebracht worden ist und was dann richtunggebend im Sinne der be¬
sonderen hysterischen, neurasthenischen, epileptoiden, paranoiden usw. Reaktion
gewirkt hat. Als emotionell alles, was auf Affektvorgängen beruht, was also im
wesentlichen zusammenfallt mit hysterischen Vorgängen und im weiteren Sinne
als psychogen bezeichnet werden kann. Als kommotionell alles, was auf mecha¬
nischer Schädigung (Erschütterung) beruht. In letzterer Beziehung denke ich
nicht an unklare organische Vorgänge, sondern an zwar feine, aber sehr reale,
objektive Veränderungen, wie sie von R. Müller bei artilleristischen Friedens¬
übungen am Trommelfell der Kanoniere und von anderen im Tierexperiment auch
am inneren Ohr festgestellt worden sind. Daß die schweren Geschosse infolge der
mit dem Knall und dem Luftdruck verbundenen gewaltigen Stoßwirkungen auch
ohne äußere Verletzung schwere innere Schädigungen auch der nervösen Zentral¬
organe hervorrufen können, ist durch verschiedene Beobachtungen auch für den
Menschen wohl einwandfrei festgestellt. Besonders häufig scheint es aber zu
leichteren Kommotionswirkungen innerhalb des Gehörorgans zu kommen. Was
die gegenseitigen Beziehungen der genannten drei Symptomengruppen im Krank¬
heitsbild betrifft, so kommt der individuellen Komponente nur eine prädisponie¬
rende Bedeutung zu, insofern sie für emotionelle Wirkungen den Boden ebnet,
aber auch den kommotionellen zu besonderer Wirkung verhilft, z. B. bei be¬
stehenden konstitutionellen Anomalien, bei chronischem Alkoholismus, alter
Syphilis, vorausgegangenen anderweitigen traumatischen Schädigungen, bei Arte¬
riosklerose usw. Die Feststellung des früheren Gesundheitszustandes ist deshalb
von großer praktischer Wichtigkeit für die Beurteilung des einzelnen Falles. Im
übrigen muß aber nochmals mit allem Nachdruck betont werden, daß in der
Mehrzahl der hierher gehörenden Fälle das emotionelle Moment durchaus über
das kommotionelle überwiegt, daß das Krankheitsbild also ein im wesentlichen
psychogenes ist. Es gibt ganz rein emotionelle Fälle, die dann als typische
Hysterien oder Hysteroneurasthenien erscheinen, sehr häufig ist aber ein mehr oder
weniger deutliches kommotionell es Beiwerk vorhanden und zwar auch in Fäller,
in denen man es nach dem Gesamtbilde nicht vermuten sollte. Das Gehörorgan
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
924
bildet offenbar ein besonders feines Reagens gegenüber solchen Schädlichkeiten.
Ich war sehr überrascht, durch unseren otologischen Berater, Dr. Weil von der
Straßburger Ohrenklinik, auch in scheinbar rein funktionellen Fällen einen Be¬
fund erhoben zu sehen, der auf eine Schädigung des Labyrinths schließen ließ.
Diese leichten Kommotionserscheinungen sind für die Gesamtbeurteilung des
Falles gewiß nicht gleichgültig. Es sollte deshalb in jedem entsprechenden Fall
eine genaue Ohrenuntersuchung Yorgenommen, überhaupt aber mit allen Mitteln
nach dem Bestehen organischer Nervenstörungen gesucht werden, auch wenn das
Krankheitsbild als solches einen durchaus psychogenen Charakter trägt. Was
die Entstehung dieser hysterischen oder psychogenen Störungen angeht, so erkennen
wir in vielen von ihnen ohne weiteres bekannte körperliche Begleiterscheinungen
der Angst und des Schreckens wieder. Bei vielen finden wir aber in unserer
Erfahrung keinerlei Beziehung zwischen auslösender Ursache und körperlicher
Störung. Wir müssen uns hier mit der Tatsache begnügen, daß Btarke seelische
Erregungen sich für ihre Entladung ins Körperliche auch neue und ungebahnte
Wege eröffnen können. Vollkommen unklar ist für uns vollends die Entstehung
der hysterischen Dauerformen. Für gewisse Herzstörungen sind die Beobachtungen
von Interesse, welche Ehrmann an mehreren Wehrmännern angestellt hat, während
sie im Granatfeuer waren; er konstatierte sehr erhebliche PulssteigeruDg und Extra¬
systolen. Vielleicht handelt es sich bei manchen Krampf- und Ticformen nur um
eine zufällige „Fixierung der letzten Bewegungen vor dem aufregenden Ereignis,
in dem Sinne, daß die in einer Tätigkeit begriffenen Individuen in den durch
diese bedingten Bewegungen und Stellungen durch den Schreck gewissermaßen
„festgenagelt“ wurden. Dies konnte ich in verschiedenen Fällen durch genaues
Nachforschen nach der bei der Granatexplosion gerade bestehenden Situation fest¬
stellen. Der Einfluß von Begehrungvorstellungen in einem Augenblick, in dem
das übermächtige Gefühl der Lebensvernichtung das ganze Denken beherrschen
muß, ist schwer zu verstehen. Anders liegt dies natürlich für die späteren
Perioden, also die Zeit des Transports und der Lazarettbehandlung, wo auch
imitatorische Einflüsse in Frage kommen. — Ebenso rätselhaft wie das Auftreten
und Andauern dieser Störungen ist ihr in manchen Fällen zu beobachtendes plötz¬
liches Verschwinden. Hinsichtlich der Behandlung ist eine längerdauernde Zen¬
tralisierung dieser Kranken innerhalb eines Nervenlazaretts sicherlich nicht un¬
bedenklich. Es kommt vielmehr darauf an, sie dadurch indirekt zu beeinflussen,
daß man sie in eine arbeitslustige Umgebung versetzt. In dem auf meine An¬
regung neuerdings eingerichteten ländlichen Lazarett sind manche dieser Kranken
durch derartige mehr indirekte Einwirkungen recht günstig beeinflußt worden.
Was endlich die Bezeichnung dieser Zustände betrifft, so ist nicht einzuaehen,
warum immer noch das Wort „Granatkontusion“ bevorzugt wird, da es sich um
Fälle handelt, in denen eine Kontusion gerade nicht stattgefunden hat. Ich empfehle,
dieses Wort, welches ich für irreführend halte, durch die Bezeichnung „Granat¬
erschütterung“ zu ersetzen, wobei man sowohl an körperliche wie an seelische
Erschütterung denken kann.
3. Herr Nonne (Hamburg): Soll man wieder „traumatische Neuros#“
diagnostizieren P (s. d. Centr. 1915. S. 864).
4. Herr Weygandt (Friedrichsberg-Hamburg): Kriegspsyohiatrisohe Be¬
gutachtungen. Über den Einfluß von psychischen und nervösen Störungen be¬
stehen eine Reihe von Bestimmungen, die hinsichtlich der Epilepsie bei ihrer
Forderung einer Wiederholung von Krämpfen oder anderen Störungen etwas zu
eng gefaßt erscheinen. Schwierigkeiten können daraus erwachsen, daß die moderne
Diagnostik die Krankheitsbegriffe vielfach sehr weit ausgedehnt hat und bei
Lues cerebri, manisch-depressivem Irresein, auch Dementia praecox, bei Debilität
und glandulären Störungen, bei Epilepsie und Hysterie doch vielfach recht leichte
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
925
Fälle mit einbegreift, die zum Teil sehr wohl wenigstens noch als garnisondienst¬
fähig bezeichnet werden könnten. Die kriegspsychiatrischen Erfahrungen zeigen
ziemliche Häufigkeit hysterischer Störungen und vor allem den durch die
Kriegsstrapazen bedingten Ausbruch von Epilepsie bei früher Gesunden, aber
auch bei solchen, die vor längeren Jahren epileptische Symptome gezeigt, sie
aber längst anscheinend überwunden hatten. Die infolge von Shock und von
Erschöpfung erkrankten Fälle sind prognostisch auch vielfach ganz günstig,
so daß sie keineswegs als völlig dienstuntauglich abgeschrieben zu werden
brauchen. Es ist deshalb angebracht, auch mit der Dienstuntauglicherklärung
auf Grund psychischer Störungen vorsichtig zu sein und in vielen Fällen
einen Versuch mit Garnisondienstfähigkeit oder wenigstens Garnisonverwen¬
dungsfähigkeit und -arbeitsfahigkeit zu machen. Der Begriff der Kriegs¬
dienstbeschädigung soll gewiß nicht engherzig angewandt werden. Auch bei Ver¬
schlimmerung eines vorherigen Leidens durch den Dienst muß er zur Geltung
kommen. Streng theoretisch ist es vielfach schwierig, einen Fall psychischer Er¬
krankung, von Shock- und Erschöpfungswirkung abgesehen, ohne weiteres als
ursächlich bedingt durch den Feldzug anzusehen. Aber auch wenn man sich für
gewöhnlich selbst bei Paralyse ablehnend verhält, wie es nach den bisherigen
experimentellen Prüfungen angebracht erscheint, wird man doch dazu neigen, den
Kriegsstrapazen einen # auslösenden Einfluß bei luisch Disponierten beizumessen.
Ebenso ist dies zu bejahen bei Manisch-depressiven, und selbst bei Dementia prae¬
cox möchte ich es nicht in Abrede stellen. Wie erwähnt, trifft ganz zweifellos
nicht selten für Epilepsie eite derartige Ursache zu. Eine gewisse Zurückhaltung
ist lediglich angebracht bei den Fällen einer sogenannten Mobilmachungspsychose,
bei denen es sich manchmal lediglich um ein Manifestwerden einer früher schon
vorhandenen Psychose, insbesondere einer katatonen oder paranoiden Form handelt.
Manche Fälle sind außerordentlich schwer völlig klarzustellen. Wenn die dem
Gutachter vorgelegte Frage nicht einen ursächlichen Nachweis mit Gewißheit oder
auch nur Wahrscheinlichkeit verlangt, sondern lediglich nach einem Zusammen¬
hang fragt, dann wird man mit der Annahme der Kriegsbeschädigung sehr weit
gehen können, was gewiß dem Volksempfinden unseren Kriegern gegenüber durch¬
aus entspricht. Ein Kapitel für sich stellt die traumatische Hysterie dar, die
voraussichtlich erst nach dem Krieg häufiger hervortreten wird. Oppenheim
möchte seine Theorie von einer Krankheit sui generis ohne den skeptischen Bei¬
geschmack der Rentensucht gerade auf die Erfahrungen an den Kriegern stützen.
Ich halte diese Vergleichung der verwundeten und nervös erkrankten Soldaten
mit den Rentenhysterikern zurzeit für hinkend und bin der Erwartung, daß nach
dem Feldzug allerdings auch mit einer großen Anzahl von Ansprüchen zu rech¬
nen sein wird, die sich auf Kriegsbeschädigungen des Nervensystems stützen und
den Verhältnissen der Unfallrentenhysterie sehr nahe kommen. Die nicht seltenen
Begutachtungen auf Zurechnungsfähigkeit sprechen für die Gründlichkeit der
kriegsgerichtlichen Untersuchungen. Fälle einer glatten Annahme der Unzurech¬
nungsfähigkeit waren bei unserem Material in der Minderheit. Diagnostisch
kommt Epilepsie in mannigfacher Weise vor. Ferner Imbezillität in verschiedener
Intensität. Seltener sind ausgesprochene Psychosen wie Paralyse und Dementia
praecox. Hier und da handelt es sich um Hypomanie, um alkoholische Störungen,
um Affekt- und Erschöpfungszustände. Vereinzelt ist nichts psychisch-Abnormes
festzustellen. Gelegentlich ergibt die Serumforschung, auch nach Abderhalden,
eine wertvolle Stütze, wenn auch die Schlüsse aus diesen Ergebnissen auf die
psychische Wertigkeit und Zurechnungsfähigkeit großer Vorsicht bedürfen.
5. Herr L. Mann (Mannheim): Über Granatezplosionsstörungen (s. d.
Centr. 1915. S. 780).
6. Herr Aschaffenburg (Cöln a/Rh.): Über das Zusammenvorkommen
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
926
organischer und niohtorganischer Nervenstörungen. Die außerordentliche
Häufigkeit nervöser Erkrankungen psychogener Art wird verständlich, wenn man
die ungeheuerlichen Anforderungen der Kriegsereignisse an das Nervensystem be¬
denkt. Nicht so sehr der Wunsch nach Rente, häufiger der Schrecken und die
Erinnerung an das Erlebte, Schmerzen und die Furcht dauernder Schädigung
rufen psychogene Symptome und Erkrankungen hervor; sehr oft auch bei Ge¬
sunden und Nichtbelasteten. Die „ideogene“ Natur ist nicht stets nachweisbar;
aber wenn diese Bezeichnung für die Fälle festgehalten wird, bei denen die Um¬
wandlung einer Vorstellung in das Symptom ohne weiteres erkennbar ist (z. B.
Blindheit infolge Fremdkörpers in der Cornea), so dürfen wir als „psychogen 41
alle die Symptome bezeichnen, deren Entstehung nicht auf organischer Grundlage
beruht, und bei denen die Bedeutung der Psyche durch die Art der Symptome, deren
Gruppierung und psychische Beeinflußbarkeit zu erkennen ist. Eine scharfe Tren¬
nung zwischen neurasthenischen und hysterischen Syndromen ist unmöglich. Der
Neurastheniker zeigt mehr allgemeine Störungen, der Hysterische mehr greifbare
lokalisierte, der Neurastheniker denkt mehr an das, was wird, der Hysterische an
das, was ist. Aber diese Scheidung der Symptome ist nur selten durchzuführen,
da sie sich durchkreuzen und mischen, und überflüssig, da beide Gruppen die
gemeinsame Wurzel psychischer Genese haben. Bei den monosymptomatischen
Formen (Lähmungen und Kontrakturen nach äußeren Verletzungen, Taubheit nach
vorübergehender Vertaubung usw.) ist die Abhängigkeit des Symptoms von der
Vorstellung der zu erwartenden Folgen ganz deutlich. Auch bei heftigen Schmer¬
zen, Kontrakturen, zentralen Lähmungen, die zuerst organisch bedingt, nach der
Heilung bestehen bleiben. Schwieriger zu verstehen ist das Stottern oder gar
die Stummheit bei plötzlicher Vertaubung nach Granatexplosion, Ataxie und
Abasie ohne wirkliche Verletzung, Erblindung des unverletzten Auges, Muskel¬
zuckungen, grobschlägiges Zittern einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers.
Vielfach ist die Übertragung von einem Organ auf ein anderes oder die Fixierung
einer schnell vorübergehenden Erscheinung als Ursache noch zu erkennen oder zu
vermuten. Um eine ähnliche Fixierung handelt es sich wohl auch bei dem
traumhaften Wiedererleben durchweg schreckhafter Kriegsszenen und bei den
Angstzuständen, die, ohne dieses lebendige Wiederauftauchen von Einzelheiten,
nur die früheren Affekte wiederspiegeln. Bei anderen, und zwar recht häufigen
Symptomen, bei den Schwindelanfällen, Ohnmächten und Krampfanfällen, bei
einem großen Teil der Schmerzen und Sensationen, den vasomotorischen Er¬
scheinungen und den Allgemeinstörungen der Stimmung, des Gedächtnisses, der
Merkfähigkeit, des Schlafes, versagt unser Bestreben, die „Ideogenese 44 zu finden,
und wir müssen uns mit der Feststellung der „Psychogenese 44 begnügen. Ein«
besondere Schwierigkeit für die Beurteilung ist das Nebeneinanderbestehen und
Vermischen psychogener Symptome mit organischen Veränderungen. Nur selten
ist ohne weiteres aus der Stellung der Verwundung zu erkennen, daß
die Folgen von der Verletzung unabhängig sind (z. B. völlige Lähmung der Hand
und Finger nach Fliegerpfeildurchbohrung der Mittelhand ohne Knochenverletzung)i
zuweilen auch aus der Art des Symptoms (Stummheit nach Vertaubung). Aber
sehr schwierig wird die Diagnose, sobald mit der Möglichkeit größerer Ver¬
letzungen zu rechnen ist; und damit muß um so mehr gerechnet werden, je
häufiger wir Fälle beobachten, in denen Bich bei Verletzungen unerwartete, wenn
auch durch die mechanischen Vorgänge verständliche Veränderungen der nicht
unmittelbar betroffenen Stellen finden. (Blutungen auf und unter der Dura.
Nekrosen und Blutungen im Gehirn und Rückenmark nach Streifschüssen, Hinein¬
treiben von Knochensplittern der Lamina vitrea ins Gehirn ohne Schädelbmcb.
Zerreißungen des Bulbus, Blutungen im Augenhintergrund ohne Verletzungen der
Orbita.) Besonders häufig sind Anzeichen materieller Schädigungen ohne Ver-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
927
wundung oder unabhängig von ihr nach Granaterschütterung. Unter einer großen
Anzahl genau untersuchter Fälle fehlten nur wenigemal körperliche Symptome
und gerade unter diesen litten einige an hysterischen Anfällen oder.Lähmungen;
nur einer war bis auf etwas Müdigkeit gesund. Unter den Symptomen waren
besonders häufig oder wichtig: Veränderungen der Patellarreflexe, zentrale Schwer¬
hörigkeit eines oder beider Ohren, Veränderungen der Achillessehnenreflexe und
der Bauchdeckenreflexe, Nystagmus, Augenmuskelstörungen, Abweichen der Zunge,
Blutungen im Augenhintergrund. Nur ganz deutliche Abweichungen von der
Norm oder solche Fälle wurden gezählt, in denen die Erscheinungen im Laufe
der Beobachtung sioh veränderten, im Sinne einer Besserung oder Verschlim¬
merung. Nur bei Nystagmus begnügte ich mich mit Andeutungen, die oft erst
%ach mehrmaligem Bücken auftraten, nachdem ich mich durch Untersuchung einer
größeren Zahl am Vortage an den Extremitäten Verwundeter davon überzeugt
hatte, daß bei ihnen kein Augenzittern nachzuweisen war. Nur vereinzelt unter
den Fällen mit organischen Erscheinungen wurden im Röntgenbild Schädelver¬
letzungen (Impression, Fraktur) gefunden; auf der anderen Seite war durch die
äußeren Umstände eine direkte Verletzung des Schädels oder des Rückgrates
nicht selten mit voller Bestimmtheit auszuschließen, ebenso die Einwirkung stumpfer
Gewalt (Erdmassen, Balken, Umschlägen), so daß wir wohl neben den mechanischen
Gewalten auch den Luftdruck als Ursache organischer Veränderungen anerkennen
müssen. Unter den psychischen Symptomen steht an Häufigkeit der Kopfschmerz
obenan; häufig wurden Schwindel, Ohrensausen, aber auch Krämpfe, Stummheit,
Stottern und Sprachveränderungen beobachtet. Ich nehme dabei Abstand, für die
Gedächtnis- und Merkstörungen, die Schwerbesinnlichkeit, Reizbarkeit usw. Zahlen
zu geben, da es hier nur auf die psychogenen Symptome ankommt. Wenn ich
alle Fälle mit solchen psychischen Erscheinungen, die vielleicht als Folgen der
angenommenen organischen Schädigungen gedeutet werden können, ausschalte,
so bleiben etwa ?/ 3 aller Fälle, in denen sich nach Granatexplosionen unverkennbar
psychogene Symptome in individuell sehr wechselnder Ausbreitung und Art
entwickelt hatten, und unter diesen waren die psychogenen Symptome fast stets
mit deutlichen organischen verbunden. Die Vermischung war zuweilen, sehr zum
Schaden des Kranken, übersehen worden und mancher schwere Zustand als Über¬
treibung oder gar Simulation gedeutet worden. Das gleiche erleben wir auch
sonst nach anderen Verletzungen alle Tage. Treten die lokalen Merkzeichen hinter den
Allgemeinsymptomen zurück, so wird nicht nur die organische Komponente übersehen,
sondern vielfach der ganze Zustand auch da als „nervös“ aufgefaßt, wo von psycho¬
gener Färbung überhaupt nichts zu sehen ist. Die Erfahrungen nach Granat¬
erschütterungen sind vielleicht deshalb besonders wichtig, weil sie uns lehren,
daß wir auch dann mit der Möglichkeit organischer Veränderungen rechnen
müssen, wenn die äußeren Umstände eine anatomische Läsion scheinbar geradezu
ausschließen lassen. Bei dem Zusammentreffen organischer und psychogener Sym¬
ptome sind 3 Fälle möglich (grobe Verkennungen psychogener Sprachstörungen,
Lähmungen, Übersehen von Schädelschüssen, Geschoßsplittern, Frakturen usw.
können hier außer Betracht bleiben): 1. Die psychogenen Erscheinungen sind
ohne Schwierigkeit als von der anatomischen Grundlage unabhängig zu erkennen.
(Beispiele: Lähmungen der ganzen Hand nach peripherer Verletzung eines Arm¬
nerven, Stummheit nach Vertaubung, Kontrakturen ohne Lähmungen usw.). 2. Die
psychogenen Erscheinungen überdecken die organischen, so daß diese übersehen
werden können. (Beispiele: Neuralgien nach eingesprengten Geschoßteilchen,
Lidkrämpfe und Trigemitousreizungen nach intraokularen Verletzungen, Schwindel-
anfalle bei Labyrinthzerstörungen, Astasie-Abasie nach leichten, nur den Anstoß
zu den Lähmungen gebenden Rückenmarksläsionen.) Dieses Übersehen kann die
Behandlung in die falsche Richtung drängen, so daß rechtzeitiges Operieren ver-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
928
säumt wird. Die lauge Dauer fixiert, da die eigentliche Ursache nicht beseitigt
wird, die überdeckenden psychischen Symptome und züchtet künstlich Nerven-
invaliden. Auch kann ein allzu frühes Indienststellen zu weiteren, nicht mehr
zu beseitigenden organischen Schädigungen führen. Das Übersehen der organi¬
schen Grundlage könnte auch später zu ungerechter Beurteilung der Renten-
ansprüche Anlaß geben. 3. Die organischen Erscheinungen überdecken die ner¬
vösen, so daß die organische Grundlage überschätzt wird. (Beispiele: Plexos-
und Nervenverletzungen; Schädelschüsse mit psychogenen Krämpfen und Läh¬
mungen.) Von besonderer Wichtigkeit Bind die Schmerzen bei peripheren
Nervenverletzungen. Sie sind sogar von chirurgischer Seite (Dilger und Meyer)
geradezu als die Indikation zur Nervennaht, auch bei fehlender Lähmung, bezeichnet
worden. Das Übersehen des psychogenen Anteils an dem Symptomenkomplex ver¬
anlaßt überflüssige Operationen (nicht nur Neurolysen, auch Trepanationen und
Laminektomien), macht die Kranken ängstlich und erzeugt traumatische Neurosen
oder verschlimmert die Neigung zu psychogenen Reaktionen. So wird man nicht
energisch genug die Forderung aufstellen können, daß bei jedem Falle von
Nervenerkrankung ganz gründlich neurologisch und psychisch untersucht werden
muß, eingedenk der Häufigkeit einer Vermischung organischer und psychogener
Symptome. Was wir aus dieser Vermischung noch weiter lernen können, beson¬
ders ob wir mit funktionell präformierten Tendenzen unseres Gehirns, organische
Störungen ganz bestimmter, häufig wiederkehrender Art psychogen vorzutäuschen,
rechnen dürfen, wird die Zukunft lehren. Sicher ist wohl jetzt schon, daß die
Auffassung der traumatischen Neurose einer Neugestaltung bedarf, daß wir dem
Wesen der traumatischen Demenz näher kommen und daß wir neue Gesichts¬
punkte für unser Verständnis der Gedächtnisausfälle und Merkstörungen nach
Kopfverletzungen gewinnen werden.
7. Herr Laudenheimer (Alsbach): Die Anamnese der sogen. Kriegs-
psyohoneurosen (s. d. Centr. 1915. S. 865).
8. Herr Wittermann-Winnental (zurzeit im Felde): Kriegspsyohiatrisohe
Erfahrungen aus der Front. Nervöse und psychische Störungen werden im
Kriege durch akute Ursachen, hauptsächlich bei Artilleriebeschießungen, oder durch
den Einfluß chronischer Einwirkungen, wie Erschöpfung infolge der langen Kriegs¬
dauer, stete Alarmbereitschaft usw., ausgelöst. Erstere haben den Charakter von
traumatischen oder Schreckneurosen und lassen sich durch psychogene Entstehungs-
weise erklären; letztere zeigen mehr das Bild der Neurasthenie oder Psychasthenie.
Allzugroße sentimentale Behandlung ist bei beiden Formen schädlich. Die chro¬
nisch entstandenen Erkrankungen führen infolge der stets vorhandenen Reizbar¬
keit leicht Zu Konflikten mit dem Militärstrafgesetzbuch, insbesondere wenn noch
Alkohol mißbrauch hinzu tritt. Hinsichtlich des Alkohols ist zu bemerken, daß
selbstverständlich äußerste Mäßigkeit angezeigt ist, daß aber doch der Alkohol
in der Front nicht gänzlich ausgeschaltet werden kann, da durch ihn als Stim¬
mungsmittel allerlei Ekelgefühle wirksam bekämpft werden können; außerdem hat
es der Kommandant in der Front ganz in der Hand, wieviel und welche alkoho¬
lischen Getränke gegeben werden dürfen. Die Fähigkeit zur Erholung in kurzer
Zeit ist bei den Truppen eine große, nur müssen die dafür bestimmten Ruhe¬
zeiten auch tatsächlich der Ruhe gewidmet sein.
(Schluß folgt.)
Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel
in Berlin W, Augsburgersfcr. 48.
Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzger & Wrme in Leipzig.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Neurologisches Centralbutt.
Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten,
Begründet von Pro! E. MendeL
Herausgegeben
TOD
Dr. Kurt MendeL
Yierunddrelßigster Jahrgang.
Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie
direkt von der Verlaesbuchhandluner.
1915. 16. Dezember. Nr. 24.
Inhalt I. Originalmitteilung. Lipodystrophie progressiva, von Ernst Jolewicz.
II. Referate. Vergiftungen. 1. The importance of functional activity in the etio-
logy of nervous diseases, ^y Johnson. 2. La nevroglia nelle intossicazioni, per Pandolfi.
3. Im Mescalinrausch, von Serko. 4. Über Geistesstörungen bei Ergotismus, von Kolossow.
5. Anatomisch-experimentelle Forschungen über den Lathyrismus, von Fumarola u. Zanelli.
6. Polioenzephalomyelitis bei Botulismus, von Paulos. 7. Über einen Fall von Safrol-
vergiftung, von Klisi u. Roth. 8 . Gewerbliche Nitrobenzol Vergiftung mit Korsakoff schein
Syndrom und Ausgang in geistigen Schwäcbezustand, von Grafe u. Homburger. 9. Akute
Benzinvergiftung mit nachfolgender spinaler Erkrankung, von Dorner. 10. A case of pro¬
bable encephalitis dne to the inhalation of the fames of gasoline, by Potte. 11 . Beitrag
zur Kenntnis der nicht-gewerblichen chronischen Quecksilbervergiftung, von Friedmann.
12. Ein Fall von Kohlenoxydvergiftung, von Morawskl. 18. Symmetrische Euceph&lomalacie
in den Linsenkernen nach Kohlenoxyavergiftung, von Kolliko. 14. Neuritis des Hörnerven
nach Intoxikation mit Kohlenoxydgas, von Alt. 15. Über Encephalopathia saturnina, von
Holtzmann. 16. Ophthalmoplegia interna, the result of lead poisoning, by Brose. 17. Zur
Behandlung Bleikranker im galvanischen Zweizellenbad, von Schnitter. 18. Arsenic poisoning,
by Reed. 19. Über Arsenikvergiftung. Ein kasuistischer Beitrag von Michaelis. 20. Über
Morphinismus, von Moravcsik. 21. Beiträge zur Frage der Morphingewöhnung, von van Dongen*
22. rsychopolynövrite au cours d'une eure de dömorphinisation, par Marchand et Uste.
28. Über Morphiumentziehung und die in ihrem Verlauf vorkommenden Psychosen, von
Deminick. 24. Lee troubles mentaux d’origine cocaYnique, par Vallon et Bessidre. 25. Hyp-
notic drug poisoning, by Topper. 26. Über tödliche VeronalVergiftungen, von Huesmann.
27. Ein Veronaldelirium, von Schneider. 28. Über chronischen Veronalismus, von Glaser.
29. Bromofonnvergiftung, von Guth. 80. Klinischer Beitrag zur Brommethyl Vergiftung, Yon
FlOret. 31. Beitrag zu den Sehstörungen durch Methylalkohol Vergiftung, von Uhthoff. —
Alkoholismus. 82. Über die Forelsche Theorie von blastophthorischer Wirkung des
Alkohols. Eugenisohe Beiträge II, von Stucblfk. 38. Alkohol nnd Kindersterblichkeit, von
Kickh. 34. Alkohologene reflektorische Pupillenstarre, von Mayer. 35. Polyneuritis alcoholica
mit einseitiger Zwerchfell- und Stimmbandlähmung, von Löffler. 36. Neue Untersuchungen
über die Beeinflussung der Sinnesfunktionen durch geringe Alkoholmengen, von Lange u.
Specht 37. Über Assoziationen bei Alkoholikern, von Jörger. 88. Zur Lehre von der Hallu«
zinose der Trinker, von Froweln. 89. Über Verlaufsstörungen bei Delirium tremens, von
Mysliveiek. 40. Statistische und klinische Mitteilungen über das Delirium tremens, von
Claussen. 41. Über die Zerebrospinalflüssigkeit und über die Wirkung der Lumbalpunktion
beim Delirium potatorum, von Steinebach. 42. Zur strafrechtlichen Beurteilung des alko¬
holischen Eifersuchtwahns, von Prasse. 43. Zweifacher Mord und mehrfache Körperverletzung
im trunkenen Zustande, Verneinung einer vollen Berauschung nnd eines pathologischen
Rauschzustandes. Verurteilung. Faknltätsgutachten, von v. Wagner. 44. Zur Behandlung
des Delirium tremens mit Veronal, von von der Porten. 45. Autodönonciation recidivante
chez une dipsomane, par Duprd et Savoureux. 46. Dölire post-onirique de possession chez
un arabe, par Livet. — Psychiatrie. 47. Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vor¬
trag, gehalten im Ratbause der Stadt Zürich am 16.1. 1908, von Jung. 48. Zum Begriffe
„Psychose“, von Stuchlfk. 49. Moderne Diagnostik in Psychiatrie und Neurologie mit Hilfe
von Liquor- und Blutuntersuchungen, von Neue. 50. 1. Über die Bedeutung der Abder¬
halden sehen Reaktion für Neuropsychopathologie, von Netouiek. II. Serologie in der Psy¬
chiatrie, von Stuchlfk« 51. Dialysierversuche mit der von Pregel vereinfachten und mooi-
XXXIV. 59
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
930
fizierten Methode von Abderhalden und die klinischen Befunde, von de Crinis. 62. Die
Abwehrfennente Abderhaldens in der Psychiatrie, von Sioli. 53. Über den Nachweis m
sogenannten Abwehrfermenten im Urin, von Kafka. 54. Per la conoscenza della patoloeia
dell’apparecchio surrenale negli ammalati di mente, per Masinl e Vidoni. — Forensisohe
Psychiatrie. 55. Die Rolle der Gefangenschaft in der Ätiologie der Geisteskrankheiten
von Moravcsik.
III. Aus den Gesellschaften. 40. Wanderversammlung s&dwestdeutscher Neurologen und
Irrenärzte am 29. und 30. Mai 1915 in Baden-Baden. (Fortsetzung.)
IV. Register 1915. _
L Originalmitteilung.
Lipodystrophia progressiva.
Von Dr. med. Ernst Jolowloz in Hellerau-Dresden,
zurzeit im Felde.
Seiner Seltenheit wegen scheint mir ein Fall der Mitteilang wert, den ich
vor dem Kriege einige Monate lang za beobachten Gelegenheit hatte, and den
ich im Mai 1915 einer Nachuntersachnng unterziehen konnte. Vielleicht kann
dieser Fall zur Kenntnis der ätiologisch ganz ungeklärten Erkrankung beitragen.
Auf die vorhandene Literatur des näheren einzngehen, ist mir von hier ans
nioht möglich. Ich verweise auf die ausführlichen Publikationen von A. Simons 1 ,
der bis 1913 12 Fälle einschließlich der beiden von ihm beobachteten in der
Literatur mit Wahrscheinlichkeit nachweisen konnte. Die Bezeichnung der Er¬
krankung stammt von Simons.
Die unverheiratete Patientin ist im Jahre 1894 geboren, also jetzt 21 Jahre
alt. Die Familienanamnese ergibt nach keiner Sichtung hin erbliohe Belastung;
insbesondere sind ähnliche Erkrankungen, abnorme Fettsucht oder Magerkeit in
der Familie nicht vorgekommen.
Bis zum 8. Lebensjahre entwickelte sich Patientin in normaler Weise. Von
Jugend auf soll eine Neigung zu Drüsenschwellungen am Hals bestanden haben.
Seit dem 8. Lebensjahr wurde Patientin zuerst im Gesicht immer magerer.
Die Magerkeit ging allmählich auf Brust und Arme über und hat langsam im
Verlaufe einiger Jahre ihre jetzige Ausdehnung und ihren jetzigen Grad erreicht
Gleichzeitig entwickelte sich in der Beckengegend und an den Oberschenkeln eine
Btarke Fettansammlung. Diese war in der Pubertätszeit an den Hüften besonders
stark. Seitdem war bei allen medikamentösen und diätetischen Kuren nur eine
Zunahme des Fettgewebes in der Beckengegend zu erreichen.
Über ihre psychische Entwicklung gibt Patientin an, daß sie als Kind sehr
ausgelassen war und erst mit Beginn der Erkrankung ruhiger wurde. Mit 9 Jahren
sei vorübergehend ein auffallender Stillstand der geistigen Entwicklung eingetreten.
Seitdem sind Stimmungsschwankungen und sonstige psychische Erscheinungen
pathologischer Natur kaum vorgekommen. Die intellektuelle Entwicklung nahm
einen normalen Verlauf.
10 Jahre alt, wurde sie in Leipzig röntgenologisch untersucht. Es soll ein
talergroßer schwarzer Fleck unter der 6. Rippe gefunden worden sein. Näheres
über diese Untersuchung konnte ich nicht erfahren. Bald darauf bekam Patientin
1 Simons, Eine seltene Trophoneurose „Lipodystrophia progressiva**. Zeitschr. f. i
ges. Nenrol. n. Psycb. V. 1911. S. 29 — Derselbe, Lipodystrophia progressiva. Ebenda
1913. H. 4. S. 377.
Digitized by
Gck igle
Original from
UNIVERSETY OF MICHIGAN
931
Gelbsucht. Vielleicht handelte .es sich um die Röntgendiagnose einer Gallen¬
blasenerkrankung.
Die Menstruation begann mit 14 Jahren, war stets regelmäßig und ohne
Beschwerden.
1910, also mit 16 Jahren, wurden plötzlich ohne nachweisbare Ursache die
Fingerspitzen an beiden Händen weich. Die Zeichnung der Hautobe! fläche war
verschwunden, die Haut sprang auf und nahm kein Fett an< Der Zustand dauerte
trotz der verschiedensten Behandlung 2 Jahre und wurde angeblich erst besser,
als Patientin längere Zeit jedes Arbeiten im Wasser vermied.
Die Patientin kam im August 1913 in meine Beobachtung. Bevor ich auf
<len Befund eingehe, der sich in der Beobachtungszeit nicht geändert hat, will
ich zwei in dieser Zeit aufgetretene Erkrankungen erwähnen.
Im März 1914 fühlte sich Patientin im Anschluß an die Menstruation, die
nach reiohlich 5 wöchiger Pause eintrat, sehr matt, psychisch niedergeschlagen und
unzufrieden. Sie litt an häufigen Schwindelanfällen, die einmal mit Übelkeit
verbunden waren. Eine organische Ursache für diesen Zustand, der etwa 14 Tage
dauerte, konnte ich nicht finden. Nach Drehbewegungen rechts herum trat ein
Nystagmus nach links und Vorbeizeigen nach links auf, bei Drehbewegungen links
herum der umgekehrte Nystagmus und das umgekehrte Vorbeizeigen, eine Er¬
scheinung, die sonst in dieser Stärke nicht nachzuweisen war.
Im Juli 1914 trat am Hinterkopf, in geringem Maße auch am Augenwinkel
und am Fuß ein juckendes, nässendes Ekzem auf. Patientin trat in eine spezial¬
ärztliche Behandlung und mußte noch im Mai 1915 behandelt werden. Zu dieser
Zeit, in der ich die Patientin wieder sah, war der Ausschlag bis auf geringe
Reste beseitigt. Nach ihrer Angabe soll der Aussohlag auf Atophan zurück¬
gegangen sein. Der Arzt soll sich dahin geäußert haben, daß der Ausschlag mit
oiner Störung der Harnsäureausscheidung zusammenhängt.
Die Patientin war bei der ersten Untersuchung im August 1913 161,5 cm
groß und wog in unbekleidetem Zustand 54,5 kg. An den inneren Organen war
kein pathologischer Befund zu erheben. Die Lebergegend war nicht druck¬
empfindlich, die Gallenblase nicht zu fühlen. Die Sehnenreflexe waren sehr leb¬
haft, besonders an den unteren Extremitäten, ohne daß spastische Reflexe nach¬
weisbar waren. Das Fazialisphänomen fehlte. Die Pupillen reagierten normal
auf Lichteinfall und Konvergenz. Nystagmus bestand nicht, der Augenhintergrund
war normal. Die Sensibilität war für alle Qualitäten am ganzen Körper in nor-
nyler Weise erhalten. Degenerationszeichen waren nicht zu finden.
Die beigegebenen Photographien zeigen die außerordentliche Magerkeit des
Gesichts und Oberkörpers im Gegensatz zu den Beinen und der Beckengegend.
Eine Haut falte in der rechten Subklavikulargegend hat, mit dem Tasterzirkel ge¬
messen, eine Dicke von 0,5 cm, am rechten Oberschenkel eine Dicke von 2 cm.
Im Gesicht fehlt alles Fettgewebe, die Wangea sind tief eingefallen, in die
Grbita kann man tief eindringen.
Der Nacken ist relativ fettreich, über dem Trapezius deutlich Fettgewebe
zu fühlen. Der M. deltoideus lidgt in seinen einzelnen Portionen deutlich sichtbar
unmittelbar unter der dünnen Haut. An den Armen sind auch zwischen den
Muskeln Fettteile nicht zu fühlen. Der Unterarm ist weniger stark befallen als
der Oberarm. Die Hände sind zwar knochig, der Fettschwund hier jedoch nicht
so deutlich, als an den proximalen Teilen. Die Hände sollen sogar mit 15 Jahren
oinmal „richtig dick“ gewesen sein.
Die Brustdrüsen sind unmittelbar unter der Haut als derbes Gewebe zu
fühlen. Das Fettgewebe fehlt auch hier.
Die Bauchmuskulatur ist deutlich sichtbar und fühlbar, der Leib nicht ein-
gefallen. Das viszerale Fettgewebe scheint nicht verändert.
59*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
sind «ehr ffiaakitlÄB, 4i« Fett meng« über der .Ha^kiü&for gebt jedoch über die
Norm nicht hinaus.
Die (Jmfaogsaieasdn.gr w«ibt lulgßod« Wfrtte.:
— 932 ~
, . - > V ' .-s' - -- - ' ' • '■ - / "■ •
An der Vorderseite unterhalb der fnguicalfalte, an der Hinterseite etwa an
den Cristae iliÄcae beginnt eine im Verhältnis zu dem Fettinaögfe! de« Ober*
körpere enorme Fettana&mmlung, die am Gesäß und unmittelbar anierinklh der
Trocb&ntem am stärksten ißt Das Fett läßt eiölt iödie relit* Hand nehmen
und Äi^giebig auf der Onterlage bewegen* Drückt man eine solche, fettreiche
Hautfeit©, so zeiöbnet sich unter der Baut das Fettgewebe in grSßefen Läppcbeo
ab* Auch an den Oberschenkeln ist der Fettansatz reichlich. Bia tTatergchenkel
-
Hechts
Linkt.
MiU* <3r3 QiwÄm* . . V ;• <-.vV ’>
23/j cav
22.0 coj
Obm-a DfiHsJ dfts C-Dttrarrnft
23)0
22,0 „ :
Mitt* «es UatcraroH. . .■ .
20,0 „
46,0
Oberucheiikel ins Schnitt > -
54,0
54,0 ,»
Mitte dir* Öbt>re.':hf.ckel»
50,0
50.0 ,,
Größter CrajttDJ* jä«s roimcheaktls
38,0
38,0 *
Jitizea by Go
Original fram
UNIVERSITY OF Ml
IGAN
Umfang über den Trochanteren 97,0 cm
Fwllenweite • v » . ^5,0 ,.
Brustumfang in Mittelste)Jung . 79,0 „
Dis Muskulatur ist überall kräftig, ein Fankticn&ausf&U nirgends sc Soden.
Die mechanische Erregbarkeit der fettarmen Muskeln ist deutlich erhöbt Bei
leichtem Beklopfen bleiben Querwülate längere 55eifc bestehen. Die« Erhöhung
ist jedoch nur soheinbar und offenakhÜich dadurch bedingt, daß infolge des
ääB&S
Fehlens der Fettschicht die Muskelfasern einer mechanischen Beizung teiobter zu-
g&nglioh sind. . .. , ■, / • ...... /‘ '■
Die elektrische Erregbarkeit der Muskulatur bot keinerlei Abweichung von
der 2Jora.
firintgeuuntersucbucg der Knochen, Stoffwechselversuche und mikroskopische
Untersruchoog deT Haat und der Muskeln konnten aus äußeren Grttodsn nicht
vorgec&taöen werden, toilen aber gegebenenfalls nachgeholt werden.
Der objektive Befand and das subjektive Befinden blieben bis auf die er-
wähnten Zwischeoerkrankuogeoi völlig gleich. Kleine Differenzen iu den Maßen
der unteren EatremilÄt ergaben sich aus dem jeweiligen Ernährungszustand, Jra
934
allgemeinen hatte Patientin keine Klagen; eie fühlte sich bis auf die Entstellung
gesund und war kräftig genug, einem Kursus gymnastischer Übungen in vollem
Umfang ohne Beschwerden zu folgen.
Der Name „Lipodystropliia progressiva“ entspricht nicht ganz dem Krank-
heitsverlaut Es handelt sich in allen veröffentlichten Fällen um eine nicht
progrediente Erkrankung, die in unserem Falle schon in der Kindheit zum Still»
stand gekommen ist. Das Größen Wachstum und die Entwicklung der inneren
Organe erfährt durch die Erkrankung keinerlei Störung. In ihrem Verlauf ist
die Erkrankung durchaus gutartig, da nicht bekannt ist, daß sie lebenswichtige
Organe ergreift oder in lebensbedrobender Weise den Stoffwechsel beeinträchtigt.
Wir haben es also mit einer isolierten trophischen Erkrankung des sub¬
kutanen Fettgewebes zu tun. Die merkwürdige Lokalisation macht es im höchsten
Grade wahrscheinlich, daß der Sitz der Erkrankung nicht im Fettgewebe selbst
zu suchen ist, sondern an einer zentralen Stelle. Mit Recht hält Simons eine
Störung der Drüsen mit innerer Sekretion für wahrscheinlich. Auch bei dieser
Annahme wäre die Verteilung des Fettgewebes sehr auffallend und bedürfte
noch einer besonderen Erklärung.
Über die Ätiologie der Erkrankung ist auch vermutungsweise kaum etwas
zu sagen. Ohne eingehende Stoffwecbselversuche ist in dieser Richtung auch
das urisohe Ekzem, da9 iu unserem Falle beobachtet wurde, nicht zu verwerten.
Dieses, sowie die trophischen Störungen in der Haut der Finger sind lediglich
als eine Bereicherung der Symptomatologie vorläufig zu registrieren.
Ich werde gegebenenfalls über weitere Beobachtungen an der Patientin
wieder berichten.
II. Referate.
Vergiftungen.
1) The importanoe of funotional aotlvity in the etiology of nervous diaeases.
by W. Johnson. (Quart. Journ. of Medio. VII. 1914. Nr. 28.) Ref.: W.Misch!
Es wird versucht, auf Grund der Edingerschen Aufbrauchtheorie an ver¬
schiedenen Intoxikations- und Infektionserkrankungen des Nervensystems die Be¬
deutung der funktionellen Tätigkeit für die Ätiologie bzw. Lokalisation derselben
nachzuweisen. Es werden hierzu Fälle von Tabes dorsaliB, progressiver Paralyse,
chronischem AlkohoÜBmus und chronischer Bleikrankheit, von diabetischer und
diphtherischer Neuritis herangezogen. Aus den Beobachtungen zieht Verf. den
Schluß, daß ein Gift, welches im Körper zirkuliert, Belbst wenn es für gewisse
Organe eine selektive Affinität besitzt, dieselben nioht genügend zu schädigen
braucht, um Symptome hervorzubringen. Vielmehr treten diese erst unter dem
Einflaß eines zweiten Faktors, der funktionellen Tätigkeit, hervor, und wenn ein
soloher nicht vorhanden ist, so wird sich in keinem Falle eine umschriebene Er¬
krankung herausbilden, wenn auch sein allgemeiner Kräftezustand sehr reduziert
ist. So entwickeln sich nur bei einem kleinen Teile der Lueskranken Tabes¬
oder Paralysesymptome, und zwar erst lange Zeit nach der Infektion; diese In¬
kubationszeit, ebenso wie die Resistenz gegen antisyphilitische Behandlung sstst
diese beiden Erkrankungen in scharfen Gegensatz zur Lues cerebrospinalis. Bei
Digitizeü by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
935
Betrachtung der einzelnen Fälle ergibt sich eine auffallende Übereinstimmung
zwischen den Symptomen eines Patienten und der Art seiner Tätigkeit; die ver¬
schiedenen Gifte machen die annähernd gleichen Erscheinungen. Zum Beispiel
können das Lues-, Alkohol- und Bleigift hervorbringen: Tabes, Taboparalyse und
Paralyse; Alkoholneuritis, Korsakofifsehe Psychose und alkoholische Demenz; Blei¬
neuritis, Bleidemenz und eine Kombination von beiden. Ferner verursachen so¬
wohl Alkohol wie Bleivergiftung eine Parese der Unterarmflexoren unter Verschonung
des Supinator longus; oft sind andere vom Ulnaris und Medianus versorgte Muskeln
befallen, und es ist ganz unmöglich, dies mit einer Selektion zu erklären, da bei
verschiedenen Patienten verschiedene Muskeln befallen sind. Es ist demnach das
Nervensystem in solchen Fällen von chronischer Toxämie als subnormal zu
betrachten; nur so ist die Vielfältigkeit der Symptome bei Tabes oder Alkoho¬
lismus zu erklären. Es ist hier die Lebensweise und besondere Tätigkeitsform
des einzelnen ein geradeso wichtiger Faktor für die Determination Beiner Sym¬
ptome, wie bei der Darwinschen Theorie ähnliohe Umstände für die Entstehung
der Artcbaraktere maßgebend sind. Aus dem Gesagten ist für die Therapie zu
folgern, daß bei gerade beginnender Erkrankung des Nervensystems durch Ruhe¬
stellung der gefährdeten Organe eine äußerst günstige Prophylaxe geschaffen
werden kann. Unter diesen Umständen ist es von größter Bedeutung, eine frühe
Diagnose von subnormaler, hereditärer Nervenbeschaffenheit, von Tabes dorsalis
und mehreren Formen der toxisohen Neuritis zu stellen, damit der Patient seinen
Lebensgewohnheiten entzogen werden kann, die, wenn er in ihnen verharrt, un¬
weigerlich zu schweren Symptomen führen würden. Von besonderem Interesse
ist hier der Fall eines linkshändigen Malers, der gerade in den Nerven des linken
Armes, die bei seiner besonderen Tätigkeit (der Pinselhaltung) in Tätigkeit traten,
seine Bleineuritis bekam.
2) La nevrogli» nelle intoaaio&zioni, per Pandolfi. (Annali di Nevrologia.
XXXI. 1913. H. 4.) Bef.: G. Perusini (Mailand).
Schlußsätze: 1. Das pathologische (fibrilläre) Gliareticulum erscheint als das
Ergebnis sowohl des in seiner histochemischen Zusammensetzung modifizierten
schon vorhandenen Beticulums (das deshalb leicht auf die Farbstoffe reagiert),
als auch als das Ergebnis von unter dem pathologischen Beiz neugebildeten
Fasern. Auch ich glaube, daß das Fibrillennetz eine vom Protoplasma verschie¬
dene chemische Beschaffenheit hat, aber der Ansicht des Verf.’s nach hängt diese
Umwandlung von der Tätigkeit der Gliazellenkerne ab: daher die enge Beziehung
zwischen den Modifikationen der Gliakerne und der Entwicklung des Gliareticulums.
2. Hinsichtlich der wechselseitigen Beziehungen zwischen Nerven- und Gliaelementen
vom pathologischen Gesichtspunkt konnte Verfc die Anwesenheit der letzteren im
Innern der Nervenzellen konstatieren; sie waren meist in Vakuolen enthalten
und in solcher Zahl vorhanden, daß sie zuweilen an die Stelle des Parenchyms
der Nervenzelle traten. Diese intimen Beziehungen zwischen Glia- und Nerven-
elementen gelangen je nach der Schwere des pathologischen Prozesses zu einer
viel beträchtlicheren Entwicklung. 3. Es besteht eine enge Beziehung zwischen
der gewucherten Glia und den Gefäßen, und gerade in der Nähe der letzteren
ist eine der Stellen, wo die Glia eine größere und frühzeitigere Entwicklung
nimmt; an dieser Glianeubildung beteiligen sich die aus den Gefäßen stammenden
Elemente. Die Untersuchungen des Verf.’s bestätigen die von Golgi vertretene
Ansicht hinsichtlich der direkten Verbindungen zwischen Gliaelementen und Ge¬
fäßwand mittels der sogen, (protoplasmatischen) GliafÜßchen, mitten unter welohen
dünne Gliafasern verlaufen, die auf der Gefäßwand endigen, bisweilen längs der
letzteren verlaufen und sie umgeben. 4. Auch Verf. ist der Ansicht dexjenigen
Autoren, die eine auch mesenchymale Entstehung der pathologischen Glia be¬
haupten, indem sie jedoch anerkennen, daß sich nur beweiskräftige, nicht unwider-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
936
legbare Argumente dafür anführen lassen, weshalb man den mesenchymalen
Ursprung nicht mit absoluter Sicherheit behaupten könne. 6. Die Gliäelemente
selbst sind Veränderungen sowohl des Protoplasmabestandteils, ab auch des Fasern*
bestandteils und des Kernes unterworfen. Diese Veränderungen lassen sich ein¬
teilen in progressive, regressive und progressiv*regressive. Die progressiven
Veränderungen Qberwiegen in den verschiedenen Intoxikationsstadien, hören aber
bei ohronisch vergifteten Tieren fast völlig auf; bei letzteren erlangen die regressiven
und die progressiv- regressiven Veränderungen eine beträchtlichere Entwicklung.
6. Man kann sowohl für die Fettkörnchenzellen, ab für die Stäbohenzellen auch eine
gliöse Herkunft annehmen, da sich Übergangsformen verfolgen lassen, die eben die
Beziehung zwischen den oben erwähnten Zellen und den Gliaelementen beweisen;
Verf: glaubt jedoch, daß es sich um degenerative Gliaformen handelt, indem er
andrerseits nicht auBschließt, daß in Beziehung zu den Adventitialelementen
stehende Stäbchenzellen exbtieren und Fettkörnchenzellen, die in ähnlicher Weise
in Beziehung zu Elementen vasalen Ursprungs stehen. 7. Die amöboiden Zellen
hält Verf. für degenerative Formen der Gliazellen. 8. Der fibrilläre und der
protoplasmatbche Gliabestandteil gehen einer ganzen Reihe von Veränderungen
entgegen, doch widersteht die Gliafaser länger ab der protoplasmatische Glia¬
bestandteil der regressiven Degeneration. 9. Bei der Encephalitis saturnina sind
die Veränderungen vorzugsweise in kleinen Herden angeordnet, die in der tiefen
Schicht der grauen Substanzen verteilt sind, namentlich in der Schicht der großen
und mittleren Pyramiden, wie v es auch andere, Autoren beschrieben haben.
3) Im Mesoalinransoh, von Serko. (Jahrb. f. Psychiatrie u. Neurologie. XXXIV.
1913. S. 355.) Ref.: Pilcz (Wien).
Verf. berichtet ausführlich über Selbstbeobachtungen, angestellt bei Versnoben
mit experimenteller Mescalinvergiftung, als Beiträge zu den Kn au ersehen ersten
Mitteilungen. Dosb 0,15 bis 0,2 subkutan. Erste Erscheinungen etwa nach
einer Stunde. Die Symptome bei einer und derselben Peroon zu verschiedenen
Malen nicht gleiob.
Das Wesentlichste der detaillierten Schilderung ist: Tiefe Zeitsinnstörung in
Form enormer subjektiver Überschätzung der abgelaufenen Zeitstrecken, leichte
dämmerhafte räumliche, nicht örtliche, Desorientierung im Sinne von Fremdheits¬
gefühl und Gefühl der Raumunendliohkeit, vorübergehende psychische und körper¬
liche Starre, vor allem aber massenhafte optische und haptbche Halluzinationen.
Bei den optischen Sinnestäuschungen stets volle Kritik über Irrealität der Er¬
scheinungen; den Ausgang bildet enorme Farbenhyperästhesie der Retina, die
Halluzinationen sind in ständigem Entstehen und Vergehen begriffen, wandeln
ruhelos, wobei sich jede folgende Halluzination stets sozusagen organisch unmittel¬
bar aus der vorausgehenden entwickelt, sie treten immer in ihrem eigenen
scheibenförmigen Gesichtsfeld stark verkleinert auf und ordnen sich in keiner
Weise der wirklichen Umgebung ein. Beispiele für die haptischen Halluzinationen
sind die Empfindung, daß eine Extremität Spiralenform annimmt, daß die Glied¬
maßen schrumpfen, wachsen, sich vom Körper loslösen usw. Verf. erinnert gewiß
mit Recht daran, daß dergleichen wiederholt von Sohizophrenen geäußert wird.
Von assoziativen Störungen beobachtete Verf einmal im Stadium decrementi den
Typus der intrapsyohischen Ataxie im Sinne Stranskys.
Nach jeder Vergiftung schwere Agrypnie mit reichlichen abklingenden hypna- *
gogen und haptisohen Halluzinationen. Nach kurzem Sohlafe Wohlbefinden, außer¬
ordentliche Alkoholtoleranz. — Die vom Standpunkte der Praxis wie der Theorie
gleich bemerkenswerten minutiös geschilderten Einzelheiten der Selbstbeobachtungen
mögen im Originale nachgelesen werden.
4) Über Geistesstörungen bei Ergotismua, von G. Kolossow. (Russk. Wratsch.
1913.) Ref.: Krön (Moskau).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
937
Eine spezifische Form der Psychosen bei Ergotismos gibt es niobt; in vielen
Fällen handelt es sich bloß um vorübergehende Erregungszustände.
5) Anatomisch-experimentelle Forschungen über den Lathyrismus, von
G. Fumarola and C. F. Zanelli. (Archiv f. Psychiatrie. Berlin 1914.)
Ref.: G. Ilberg.
Der Samen von Lathyras Sativns Linnei (Platterbse, spanisohe Linse, Wioke),
nnd zwar der unversehrte Samen ruft, wie man seit Jahrhunderten weiß, eine
Nervenkrankheit hervor, die besonders durch motorische Störungen gekennzeichnet
ist, und zwar durch spastisohe Parese der Beine. Die Kranken stützen sich mit
dem ganzen Gewicht ihres Körpers auf die Krücken, die Nackenmuskeln sind
kontrahiert, die Brust ist nach vorn gedrängt, die Gesäßmuskeln sind stark ge¬
streckt und naoh hinten verlagert, so daß das Körperprofil den Eindruck eines
Sattels macht. Die Füße stützen sich auf das Chopartsche Gelenk; die Ferse ist
emporgehoben. Die Beine sind gespreizt und leicht gebeugt. Die mechanische
Erregbarkeit der Muskeln ist gesteigert, ebenso sind die Sehnenreflexe der unteren
Extremitäten erhöht, ln den ersten Stadien ist die Tätigkeit der Sphinkteren
und das Sexualvermögen gestört Ungefähr 2 Jahre nach Beginn wird die Krank¬
heit chronisch. Das Leiden beginnt oft plötzlich mit Schwäche in den Beinen,
Zittern und Wadenkrampf. Der Lathyrismus tritt epidemisch auf bei Mensch und
Tieren. Verwechslungen mit Pellagra, Beri-Beri, Ergotismus und spastischer Spinal¬
paralyse kommen vor. Experimentaluntersuchungen verschiedener Forsoher ergaben,
daß besonders Kaninchen, Ochsen, Schweine, Meerschweinchen und Pferde die Wirkung
des Latbyrus empfinden. Die verschiedenen Reifegrade der Pflanze und die
klimatischen Verhältnisse sind von Einfluß.
Die Verff. haben nnn die Histopathologie des bei Kaninchen und Meer¬
schweinchen hervorgerufeoen Lathyrismus studiert; die Vergiftung wurde teils
plötzlich, teils langsam hervorgerufen. Die Versuche werden mit ihren Resultaten
im einzelnen mitgeteilt Die langsame Vergiftung hatte bei den Kaninchen eine
spastische Paraparese mit vorwiegendem Spasmus und Steigerung der Sehnenreflexe
mit Tremor zur Folge; „Lendenwirbelreflex“ wurde festgestellt. Meerschweinchen
zeigten sich resistenter. Die mit modernen Methoden erhobenen histopathologiscben
Befunde werden angeführt. Verändert waren insbesondere die Zellen des Hinter¬
horns im Lendenmark.
6) Polloenaephalomyelitis bei Botulismus, von E. A. Paulus. (Journ. f.
Psychol.u.Neurol. 1915. H. 6 u. 6.u.Iuaug.-Dissert.Tübingen.) Ref.: W.Misch.
Nach wochenlangem Genuß von Beblecht geräuchertem und offenbar ver¬
dorbenem Schweinefleisch erkrankten vier Personen in einer Familie ungefähr zu
gleicher Zeit an gastrointestinalen und nervösen Erscheinungen, die bei zwei
Kranken progressiv waren und innerhalb weniger Wochen bzw. Monate zum Tode
führten, bei den beiden anderen sioh allmählich zurückbildeten, aber noch nach
einem Jahr leichte Augenstörungen hinterließen. Von seiten des Verdauungs-
traktus bestanden nur in der ersten Zeit ausgesprochene Erscheinungen, und zwar
Übelkeit, Brechreiz, Appetitlosigkeit, Trockenheit des Mundes, Durstgefühl und
hartnäckige Obstipation (Darmlähmung). Die Nervensymptome waren: Sehstörungen
(Amblyopie, Akkommodationslähmung, Doppeltsehen), Nystagmus, im späteren
Stadium fast vollständige Lähmung aller äußeren und inneren Augenmuskeln mit
Blicklähmung, Ptosis, Mydriasis, absoluter Pupillenstarre; Dysphagie, Dysarthrie,
doppelseitige Parese des Facialis, Hypoglossus und Glossopharyngeus, zerebellare
Ataxie, schließlich allgemeine Lähmungsersoheinungen und Schwäche des Gesamt¬
körpers ohne deutliche Halbsoitensymptome. Es lag demnach das typisohe Bild
des Botulismus vor, d. h. in der Hauptsaohe eine Verbindung von fast totaler
Ophthalmoplegie mit akuter Bulbärlähmung.
Die histopathologische Untersuchung der Zentralorgane des einen Falles ließ
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
938
zwei Arten von Veränderungen unterscheiden, wie sie bisher in dieser Vereinigung
weder bei der alkoholischen Form der Polioencephalitis noch beim Botulismus
beschrieben worden sind; nämlich einerseits miliare kapillare Blutungen in das
zentrale Höhlengrau und in die graue Substanz des Rückenmarks, und andrerseits
von diesen unabhängige, diffuse Degenerationsvorgänge am Nervenparenchym,
namentlich an den Ganglienzellen des Zentralnervensystems ohne eigentlich ent*
zündliohe Prozesse. Die Blutungen waren wie bei der alkoholischen Polioence-
phalitis superior im wesentlichen in der Gegend der Augenmuskelkerne und
anderer motorischer Hirnnervenkerne lokalisiert, erstreckten sich aber weit darüber
hinaus einerseits in distalere Abschnitte des HirnBtammes, auf die gesamte Kern*
region der Medulla oblongata, andrerseits proximalwärts auf die periventrikulären
Teile des Zwischenhirns. Ganz ungewöhnlich ist hier die Ausdehnung des hämor¬
rhagischen Prozesses auf die graue Substanz des Rückenmarks, und zwar am
stärksten auf die Vorderhörner der Halsanschwellung, in geringerem Grade auch
auf einzelne Höhenabschnitte des Dorsal- und Lendenmarks. Es liegt also hier
die Kombination einer sogen. Polioencephalitis superior und inferior mit einer
akuten degenerativen hämorrhagischen Myelitis, d. h. eine Polioencephalomyelitis
hämorrhagica, vor. Neben den vaskulären Störungen bestanden ausgebreitete
primäre Parenchymdegenerationen, vorwiegend an den Ganglienzellen, die ver¬
schiedene Stadien der Zellentartung, besonders ausgeprägt körnig pigmentöse
Degenerationen in einigen Kerngruppen des Hirnstammes wie Oculomotorioa,
Abduzens aufweisen.
Histopathologisch kommt diesen Befunden insofern eine Bedeutung zu, als
sie alle echt entzündlichen Erscheinungen, sowohl infiltrative wie proliferative
Vorgänge am GefäBbindeapparat vermissen läßt. In dieser Hinsicht bietet der
Befund eine Bestätigung der sohon früher ausgesprochenen Anschauung, daß die
hämorrhagischen Vorgänge bei der Polioencephalitis superior, gleichviel welcher
Ätiologie sie sein mögen, also auch die der alkoholischen Form, nicht auf einem
echten Entzündungsprozeß beruhen, Bondern die Folge primärer Schädigungen der
Gefäß Wandungen durch das toxische Agens darstellen. In dem beschriebenen
Falle handelt es sich also um eine primär degenerative Alteration verschiedener
Gewebselemente einerseits der mesenchymalen Gefäßwandzellen, andrerseits der
spezifischen ektodermalen Nervenzellenelemente auf Grund des allerdings bakterio¬
logisch nicht nachgewiesenen, aber klinisch sichergestellten Botulismusgiftes.
7) Über einen Fall von SafrolVergiftung , von J. Kläsi und 0. Roth.
(Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVIII. 1916. H. 4.) Ref.: Kurt MendeL
Pat. trank aus einer Flasche, in der er Mineralwasser vermutete, mehrere
Schlucke einer Flüssigkeit, die in Java als Hautreizmittel gebraucht wird, haupt¬
sächlich ein ätherisches öl, das Safrol enthält; daher der intensive anisähnliche
Geruch der Flüssigkeit. 10 Minuten naoh Einnahme derselben traten die ersten
psychotischen Erscheinungen auf. Die KrankheitserscheinnngeU dauerten genau
so lange, als die Exepirationsluft noch den typischen Safrolgeruch aufwies. Sie
ähnelten gewissen schizophrenen Zuständen und bestanden in Delirien mit Hallu¬
zinationen, Illusionen und Wahnideen, die größtenteils durch Parästhesien bedingt
waren. Am Schlüsse des Delirs zeigte sich ein Depressionszustand, wohl als
Folgeerscheinung der pathologischen Ermüdung. Die Vergiftungserscheinungen
von seiten des peripheren Nervensystems betrafen in der Hauptsache die sensiblen
Fasern und äußerten sich in Parästhesien wahrscheinlich neuritisoher Natur vor¬
wiegend von seiten der Hautsensibilität, des Geruchs und des Geschmacks. Die
Einwirkung auf die motorischen Fasern war anscheinend eine ganz geringe; sie
zeigte sich in Krämpfen, einem leichten Nystagmus und vielleicht in der vorüber¬
gehenden Abeohwäohung des Patellarreflexes. Zum Teil könnte es eich dabei
allerdings um Erscheinungen mehr spinaler Natur handeln. Der überwiegende
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
939
Teil der toxischen Wirkung betraf jedoch fraglos den Sitz des Bewußtseins, also
wahrscheinlich die Hirnrinde, und zwar in so hervorstechendem Maße, daß man
direkt an einen spezifischen Tropismus erinnert wird.
8) Qewerbliohe Nitrobenzol vergiftun g mit Koraakoffaohem Syndrom und
Ausgangin geistigen Sohwäohezustand, von E. Grafe und Aug. Homburger.
(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 3.) Ref.: G. Stiefler.
Die Verff. haben die ausführlich wiedergegebene Erankheitsgesohichte in ein
akutes Stadium und weiteren chronischen Verlauf gegliedert, um den wesentlichen
Gesichtspunkten der Intoxikation, des amnestischen Syndroms und ihren gegen¬
seitigen Beziehungen Rechnung zu tragen. Das Vergiftungsbild des akuten
Stadiums war das gewohnte, wie es den Nitrobenzolvergiftungen und überhaupt
im allgemeinen vielen Anilinvergiftungen zukommt: allgemeine Übelkeit, Erbrechen,
akute Bewußtlosigkeit mit oder ohne deliranten Zügen, mit oder ohne motorischen
Reizerscbeinungen, Zuckungen oder allgemeinen Konvulsionen, typischer Geruch
des Entleerten, blauschwarze Hautfarbe. Ungewöhnlich war, daß chronische Ver¬
giftungserscheinungen den Boden für eine akute Vergiftung vorbereitet haben,
die durch eine einmalige Abfüllung einer größeren Quantität (3200 Liter) allein
wohl nicht bewirkt worden wäre. Das Auftreten akuter komatöser Zustände bei
Anilinschädigung wird zweifellos in hohem Maße durch Alkoholgenuß gefördert,
die Intensität der akuten Vergiftung ist aber im wesentlichen von der Konzen¬
tration des Nitrobenzols im Blute abhängig, wie auch im vorliegenden Falle Pat.
schon seit Wochen leichtere Wirkungen tagsüber spürte, die sich auch in der
Färbung des Mannes objektiv kenntlich machten. Das Wesen der Blutverände¬
rungen bei Nitrobenzolvergiftung ist, abgesehen von der Methämoglobinämie, noch
nicht klargeBtellt. Der Ausgang dieses Falles in geistige Schwäche ist sicherlich
nioht häufig, wenngleich, psychopathologisch betrachtet, das Vorkommen des Korea-
kow sehen Komplexes bei Nitrobenzolvergiftung als einer exogenen und organischen
Schädigung von vornherein nichts Befremdendes haben kann; der amnestische
Symptomenkomplex tritt damit an die Seite anderer für exogene Ätiologien
symptomatischer Störungen, der Infektionspsychosen, auch insofern, als er für In¬
toxikationen im allgemeinen, aber für keine im besonderen kennzeichnend ist, wie
die Delirien den Infektionen überhaupt, aber keiner speziell zugehören (Bon ho eff er,
Schröder). Für eine spätere Differenzierung des amnestischen Syndroms nach
den ihm zugrunde liegenden Giften bestehen keine besseren Aussichten wie in
Analogie der Delirien. Die chemischen Gifte, welche den Komplex verursachen,
wirken anscheinend nioht in gleichem Sinne auf die nervösen Zentralorgane wie
die spezifischen Nervengifte (Alkaloide), sondern außer auf direktem Wege auch
auf Umwegen oder durch Zwischenprodukte ihrer Wirkung auf andere Organe,
sie wirken also weder als reine Blut- bzw. Parenchymgifte, noch als reine Nerven¬
gifte. Verf. weist darauf im Zusammenhang hin, daß unter den übrigen Giften
am häufigsten das CO, insbesondere bei Grubenkatastrophen, Merkschwächezustände
herbeiführe, ein Gift, das im eigentlichen Sinne ein Blutgift ist. Der toxämische
Charakter mancher dieser Vergiftungen läßt eine geringe Verschiedenheit der
klinischen Bilder rücksichtlich der Gifte naheliegend erscheinen.
9) Akute Benzin Vergiftung mit nachfolgender spinaler Erkrankung, von G.
Dorner. (DeutscheZeitschr.f.Nervenh. LIV. 1916. H. 1.) Ref.: KurtMendel.
Pat. stieg in einen Petroleumbehälter, in den fälschlicherweise Rohbenzin
gegossen war. Nach einigen Minuten Schwindel; Pat hatte keine Kräfte mehr,
aus dem Behälter heraus zu klettern, er fiel ins Benzin, lag etwa 20 Minuten
darin, bis er total bewußtlos herausgezogen werden konnte. Er blieb etwa 3 Tage
bewußtlos, brach anfangs Benzin, erholte sich dann allmählich. Nach 3 Wochen
arbeitete er wieder, fühlte sich aber immer schwach, besonders in den Beinen,
später auch in den Armen, dann deutliche Ataxie und 1 Jahr nach dem Unfall
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
940
völlig arbeitsunfähig. Objektiv: Hände bläulich verfärbt, kühl, leichter Intentions-
tremor, linke Papille etwas enger, beim Blick nach rechts leiohter Nystagmus.
Sensibilität für Warm and Kalt ist an beiden Unterschenkeln, Fußrücken and
Sohlen herabgesetzt. Gefühl für Wattebaosobberührangen ist an der Außenfläche
der Hände leicht herabgesetzt, ebenso an den Füßen. Spitz und Stampf wird an
Fußsohlen und Faßrüoken nicht deutlioh unterschieden, ebensowenig am Bücken
des 2. und 3. Fingers der linken Hand und in einem kleinen Bezirk am Arm
links. Schmerzempfindung ist nirgends sehr ausgesprochen. Beugen und Strecken
des rechten Beines schwer, nicht mit großer Kraft, Beugen des linken Beines
geht besser. Im rechten Beine deutliche Ataxie, geringe im rechten Arm. Stereo*
gnostiBcher Sinn in den Händen leicht gestört, deutliche Adiadochokineeis rechts.
Romberg stark positiv. Gang breitbeinig, stampfend, Geben ohne Stock kaum
möglich. Elektrische Erregbarkeit überall normal. Radiusreflgx rechts nicht
auslösbar, Bauchreflexe und Hodenreflexe fehlen, Kniereflex fehlt rechts, links ge¬
steigert, ebenso Achillesreflex, beiderseits positiver Babinski. Wassermann negativ.
Das Krankheitsbild hat die meiste Ähnlichkeit mit dem einer multiplen
Sklerose oder einer kombinierten Strangerkrankung. Erkrankt sind die Pyramiden¬
bahnen (Babinski +), die Kleinhirnseitenstrangbahnen (Adiadochokinesis, Muskel¬
schwäche ohne Atrophie), die Hinterstränge (Ataxie, Areflexie, Sensibilitäts¬
störungen).
Ganz gleiche Krankheitsbilder sind bei schwerer Anämie, Pellagra und Kohlen¬
oxydvergiftung beschrieben.
Die Beobachtung zeigt, daß das Benzin ein schweres Nervengift ist und
gerade das Rohbenzin besonders gefährlich sein kann.
10) A oase of probable enoephalitle due to the Inhalation of the fumes
of gasoline, by Gh. S. Potts. (Joorn of nerv, and ment, disease. XLIL
1915. Nr. 1.) Ref.: W. Misch.
Es wird der Fall eines Mannes berichtet, dessen Beschäftigung es war, die
Automobiltanks mit Gasolin zu füllen und der eines Tages bei der Arbeit be¬
wußtlos umgefallen war. Er blieb während mehrerer Stunden ohne Bewußtsein
und verharrte dann während über 10 Tagen in einem stuporöeen Zustand, ln
der folgenden Zeit klagte er über heftige Kopfschmerzen. Es fand sich eine
rechtsseitige Ptosis und ein Abweichen des Bulbus nach unten und rechts. Am
nächsten Tage wurde folgender Nervenstatus aufgenommen: Fast vollständige
rechtsseitige Oculomotoriuslähmung; links fehlten ebenfalls alle Augenbewegungen
außer der Innenrotation. Die linke Papille war enger als die rechte, welch
letztere auf Licht nur schwach reagierte. Es fand sich ferner eine linksseitige
Fazialislähmung vom zentralen Typus und eine leiohte Parese des linken Armee
und Beins. Links fanden sich ferner die spastischen Reflexe, Dysmetrie, Adia-
dochokinese, Asynergie in Arm und Bein. Der Gang war sehr unsicher, vom
zerebellaren Typus, mit der Tendenz nach links abzuweichen; ebenso bestand
beim Stehen die Tendenz naoh links zu fallen. Wassermann war negativ. Im
Laufe des nächsten Vierteljahres besserten sioh die Symptome so weit, daß nur
eine Verschlechterung der Funktionen des linken Ooulomotorius, eine Ataxie des
linken Armes und eine leiohte Schwäche des linken Beines surückblieben, die
aber auch im weiteren Verlaufe nicht verschwanden. Mit Rücksicht auf diese
offenbar irreparablen Herdersoheinungen stellt Verf. die Diagnose auf eine durch
Gasolinvergiftung hervorgerufene Encephalitis, und zwar eine Läsion in der Gegend
des Aquaeductus Sylvii.
11) Beitrag zur Kenntnis der niaht-gewerbllohen chronischen Quecksilber¬
vergiftung, von M. Friedmann. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheil k. LLL
1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet über 8 Fälle. Die Quelle der Vergiftung war eine Rohr-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
postanlage, welche die Depeschenfonnulare in den Morseraum im oberen Stock*
werk zu befördern batte; eine automatische Vorrichtung läßt durch einfachen
Druck den Betrieb ein* und ausschalten, und dies geschah elektrisch mit Hilfe
zweier Queeksilberkontakte. Bei Stromschluß und «Öffnung entstand in den Queck*
silbernipfen eine kleine Erschütterung; dadurch wurden sehr oft Tröpfchen des
Metalls herausgesohleudert, und ferner bildeten sich bei der gleichen Gelegenheit
kräftige blaue Funken, in welohen etwas von dem Metalle verdampft wurde. So
gelangte dieses in den Luftraum des Zimmers, und der Boden des letzteren be¬
deckte sich allmählich mit Kügelchen des übergelaufenen Metalles. So blieb der
Apparat vom Jahre 1903 bis 1909 stehen, trotzdem die Postassistenten in dieser
Dienstabteilung mehrfach erkrankten. Die Fälle lassen sich in drei Gruppen ein*
teilen: bei der ersten findet sich ein Zustand von schwerem erethismusartigem
Nervenleiden, bei der zweiten ein kompliziertes nervöses Leiden, für welches auch
andere Ursachen denkbar sind, bei der dritten bestehen nur vorübergehende und
leichte, meist nicht nervöse Affektionen. Alle schwer Erkrankten waren durch*
schnittlich 3 bis 6 Jahre lang unter dem Quecksilbereinflusse im gleichen Dienst¬
raume tätig. Als wichtige Symptome des Erethismus mercurialis sind besonders
zu nennen der Tremor, die rheumatoiden Schmerzen, Parästhesien und Muskel-
schwache (wahrscheinlich neuritischen Ursprungs).
Dem Quecksilber kommt ebenso wie dem Blei, Arsenik und anderen Giften
eine ausgesprochene kumulative Wirkung zu. Zuerst treten nervöse und Magen*
Dannerscheinungen auf, erst später Mund*, Zahnfleisch- und Pharynxentzündungen,
schließlich zuweilen Hauteruptionen.
Die größte Gefahr liegt in der mehrjährigen kontinuierlichen Einwirkung deB
Giftes. Ist erst einmal das ausgebildete Stadium des Erethismus da, dann hält
es auch weiter an, auch wenn nun jeder toxische Einfluß definitiv wegfällt.
12) Bin Fall von Kohlenoxydvergiftung, von J. Morawski. (Deutsche Zeit¬
schrift f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.: Kurt Mendel.
Bei dem mitgeteilten Falle bestand 1. eine atrophische Lähmung der rechten
Hand (als Rest einer früher durchgemaohten zerebralen Kinderlähmung), 2. Alco-
holismns chronicus, 3. Störungen durch akute Kohlenoxydvergiftung: Neuritis
ischiadica, Encephalitis mit Hemihypaesthesia dextra, Ungleichheit der Pupillen,
Abweichen der Zunge; schließlich eine Poliomyelitis anterior in der Höbe von
C 6 bis C 7 (wahrscheinlich durch Gefäßveränderungen hervorgerufen). Eine vorüber¬
gehende Psychose (mit Desorientierung in Ort und Zeit, lebhaften Halluzinationen
und flüchtjgem Verfolgungswahn), die Pat durchmaohte, führt Verf. auf Alkoho¬
lismus und Inanition zurück.
13) Symmetrlsohe Enoephalomalaole ln den Linaenkernen nach Kohlen*
oxydvergiftung , von A. Kolisko. (Beiträge f. gerichtl. Med. II. 1914.)
Bef.: K. Boas.
Verf. schließt aus seinen Untersuchungen, daß der Nachweis von symmetrischer
Encephalomalacie in den Linaenkernen uns auoh in Fällen, in welohen der Tod
erst naoh Tagen eintritt und deshalb Kohlenoxyd im Blut spektroskopisch nicht
mehr nachweisbar ist, gestattet, die Diagnose der stattgehabten Vergiftung zn
stellen.
14) Neuritis des Hörnerven naoh Intoxikation mit Kohlenoxydgas, von
Alt. (Archiv f. Ohrenheilk. XCVL 1915. H. 3 u. 4.) Bef.: K. Boas.
Der erste Patient des Verf.’s erkrankte an schwerer Kohlenoxydvergiftung
mit nachfolgender längerer Bewußtseinsstörung. Als Symptome bot Pat danach
eine dauernde multiple Neuritis und schwere Hörstörung beiderseits unter den
Symptomen einer Schädigung des N. acusticus.
In dem zweiten Falle traten ähnliohe Erscheinungen, jedoch leichteren Grades
auf, die allmählich zur Norm zurückkehrten.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
942
Digitized by
15) Über Enoephalopathia »aturnina, von F. Holtzmann. (Zentralblatt f.
Gewerbehygiene. 1916. Nr. 1.) Ref.: K. Boas.
Oie meisten der bisher als Enoephalopathia saturnina beschriebenen Falle
halten einer Kritik nicht stand, sind vielmehr als gewöhnliche Psychosen aufzn-
fassen, die wohl auch einmal einen Bleiarbeiter befallen können, wobei znzugeben
ist, daß dem Blei eine aggravierende Wirkung zukommen kann. Auf Grund von
Tierversuchen sind bei fortgesetzter Bleiaufnahme schwere Veränderungen der
nervösen Elemente und der Gehirngefäße anzunehmen. Solche dürften wohl auoh
beim Menschen auftreten, scheinen jedoch außerordentlich selten zu sein. Eine
weitere Klärung ist zu erstreben.
16) Ophthalmoplegia Interna, the result of lead polsoning, by L. D. Brose.
(Arch. of ophthalmology. XL1V. 1916. S. 26.) Ref.: K. Boas.
Verf. beschreibt einen Fall von Ophthalmoplegia interna nach Bleivergiftung
bei einem Maler. Das Sehvermögen war auf beiden Augen auf l */ 60 herabgesetzt.
Die Behandlung (Magnesiumsulfat und Jod) führte die normale Sehschärfe
wieder herbei.
17) Zur Behandlung Bleikranker im galvanischen Zweizellenbad, von
Schnitter. (Therapeut. Monatsh. 1916. Mai.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Nach Oliver soll der galvanische Strom des Zweizellenbades ein mächtiges
Stimulans für die Bleiausscheidung durch die Haut und demzufolge bei der Blei¬
vergiftung indiziert sein. Oliver wurde durch die verblüffend rasche Beseitigung
der motorischen Lähmung durch das elektrische Zweizellenbad zu Versuchen am
bleikranken Menschen geführt. Bei einem Manne schwand angeblich ein intensiver
Bleisaum nach drei Bädern vollständig. Die Nachprüfung durch Verf. brachte
(wie zu erwarten; d. Ref.) „lediglich Enttäuschungen“. Den Befund von Blei im
Wasser hält Verf. nicht für spezifisch für das Zweizellenbad.
18) Arsenio polsoning, by Alfred C. Reed. (New York med. Journ. 1915.
Nr. 12.) Ref.: P. Meyer (Zürich).
In China wird Arsenik häufig zu Selbstmordzwecken gebraucht: Eine 18jähr.
Chinesin nahm eine einzige massive Dosis von unbekannter Größe. Es folgten
bald heftiges Erbrechen, Diarrhoe und Leibschmerzen; dieser akute Anfall wurde
Überständern Erst einige Wochen später — dies ist das Interessante dieses Falles
— setzten die Zeichen einer alle Gliedmaßen befallenden multiplen Neuritis mit
verschiedenen Hauteruptionen ein. — Bei einem 48jährigen Manne, der ebenfalls
nur eine einzige große Dose genommen hatte, bestand neben multipler Neuritis
in den Extremitäten vermindertes Seh- und Hörvermögen; Hautausschläge fehlten
hier gänzlich. In beiden Fällen heftige Schmerzen, Anästhesien und Parästhesien
19) Über Arsenikvergiftung. Ein kasuistischer Beitrag von Paul Michaelis.
(Medizin. Klinik. 1915. Nr. 29.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
In der Wohnungskolonie eines industriellen Werkes erkrankten plötzlich
36 Personen — Erwachsene sowie Kinder — innerhalb zweier Tage an Mageo-
und Darmstörungen. Fünf von den Kindern erlagen der Krankheit Bei allen
Speisen, die an dem verhängnisvollen Tage genossen wurden, war Mehl verwandt
Die Nachforschungen ergaben, daß das Weizenmehl aus demselben Geschäfte be¬
zogen worden war, dessen Inhaber — bzw. die Familie desselben — an derselben
Magendarmerkrankung plötzlich befallen war. Die chemische Untersuchung einer
noch vorhandenen Stolle ergab nun einen enorm hohen Arsengehalt. Der patho¬
logisch-anatomische Sektionsbefund war wie meist bei akuter Arsenikvergiftung
kein spezifischer.
20) Über Morphinismus, von E. E. Moravcsik. (Wiener med. Woebenschr.
1914. Nr. 43.) Ref.: Pilcz (Wien).
Klinischer Vortrag.
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
943
21) Beiträge zur Frage der Morphingewöhnung, von K. van Don gen. (Pflügers
Archiv f. d. gea. Phys. GLXII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: K. Boas.
Verf. fand, daß beim Hunde eine vollständige Gewöhnung des Atemzentrums
und der Pupille nach langdauernder Morphinzufuhr eintritt. Die Reihenfolge, in
welcher die Gewöhnung der verschiedenen Centra an das Morphin erfolgt, ist:
Papille, Erbrechen, Kotentleerung, Narkose, Atmung.
Der Magensphinkter gewöhnt sich nur unvollkommen, das Herz*Vaguszentrum
überhaupt nicht an das Morphin.
Die Gewöhnung dürfte außer auf gesteigerter Zerstörung auf einer „Gewebs-
immunität“ beruhen, die von den verschiedenen Centris verschieden leicht erworben
wird. Die Leichtigkeit der Gewöhnung geht nicht der Anspruchsfähigkeit auf
Morphin parallel.
Kaninchen lassen sich in bezug auf Narkose und Atmung nicht an Morphin
gewöhnen.
22) Psyohopolynövrite au oours d’une oure de dömorphinisation, par
L. Marchand et F. Usse. (L’Encöphale. 1913. Nr. 12.) Ref.: Kurt Mendel.
Eine seit 14 Jahren morphiumsüchtige Patientin bietet während einer Ent¬
ziehungskur von der 3. Woche ab das typische Bild der Korsakoffschen Psychose,
und zwar mehr als 2 Monate lang. Als Ursache der Erkrankung sieht Verf.
eine organische Autointoxikation infolge zu schneller oder zu unregelmäßiger
Reduktion des Giftes, an welches sich der Organismus seit Jahren gewöhnt
hatte, an.
23) Über Morphiumentziehung und die in ihrem Verlauf vorkommenden
Psychosen, von H. Dominick. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über zwei Morphinistinnen, bei denen sich während einer
• Entziehungskur psychische Erscheinungen geltend machten.
Im ersten Falle entsprach das Krankheitsbild einer Hysterie auf psycho-
pathologischer Grundlage.
Im zweiten Falle lag eine echte Psychose vor. Nachdem Patientin die
Morphiumentziehungskur anfangs tadellos vertragen hatte, trat etwa in der 8. bis
9. Woche ein Zustand von zunehmender Verstimmung und innerer Unruhe ein.
Patientin wird schwer besinnlich, auffallend desorientiert und gerät in einen
deliranten Zustand. Bereits nach etwa einer Woche kehrt das Bewußtsein wieder
zur Norm zurück, der ganze Zustand der Patientin bessert sich, wenn auch die
Stimmung eine Zeitlang noch sehr labil bleibt. Etwa nach weiteren 7 bis
8 Wochen trat eine erhebliche Besserung des Zustandes ein.
24) Lee troublee mentaux d’origine oooalnique, parCh.Vallon et R. Bessiere.
(L’Encephale. 1914. Nr. 2 u. 3.) Ref.: Kurt Mendel.
Die Verff. besprechen des genaueren den Cocainismus im allgemeinen, den
Cocainrausch, den Gemütszustand beim chronischen Cocainismus, sowie die Cocain-
psychosen. Näheres s. im Originale.
26) Hypnotio drug poisoning, by A. S. Tepper. (Med. Record. 1915. 24. Juli.)
Ref.: P. Meyer (Zürich).
Ein 7jähriger Knabe nahm beim „Doktorspielen“ auf einmal 2 l /*g Veronal
zu sich. Etwa 7 Stunden später fand ihn der herbeigerufene Arzt in tiefem Koma
mit schlechtem Puls und rascher Respiration. Die üblichen Stimulantien wurden
mit Erfolg angewendet, so daß nach 5 Tagen das Bewußtsein wieder vollkommen
klar war; ein bleibender Nachteil wurde nicht beobachtet.
Einem 19jährigen Apothekergehilfen, dem man wegen akuter Balanitis
die Zirkumzision gemacht hatte, wurde Camphora monobromata zur Verhütung
von Erektionen verordnet. Von sich aus nahm er innerhalb 24 Stunden etwa 6 g
zu sich. Die Folge war ein plötzliches Zusammenstürzen, ähnlich einem epilepti¬
schen Anfall, mit Zyanose, Dyspnoe, langsamem Puls und Konvulsionen. Dauer
■«/
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
944
l
%
Digitized by
des Anfalles 10 Minuten, worauf der Pat. klar wurde, so daß er nach seiner
nahen Wohnung zu Fuß geben konnte. Dort wiederholte sieh der Anfall von
Bewußtlosigkeit, jedoch in milderem Grad; in den folgenden 48 Stunden noch
heftiges Kopfweh, Sohläfrigkeit; ein bleibender Nachteil trat nicht ein.
26) Über tödliohe VeronalVergiftungen, von F. Husemann. (Viertejjahrszchr.
f. gerichtl. Med. u. öffentl. Sanitätswesen. 1915. H. 3.) Bef.: K. Boas.
Mäßige Gaben von Veronal (etwa 1 bis 5 g) bewirken Hyperämie der Haut
und dadurch leichte vorübergehende Erhöhungen der Körpertemperatur. Starke
Herabsetzungen derselben sind immer ein Zeichen dafür, daß ungenügende Oxy¬
dation stattfindet. Gleichzeitig kann eine Wirkung auf das Gefäßsystem vor*
handen sein. Starke Erhöhung der Temperatur dürfte wohl stets als Anzeichen
beginnender Pneumonie aufzufassen sein. Demnach wäre primäre Kälte und
sekundäres Fieber ein Zeichen schwerer Vergiftung.
Der wesentlichste Befund in sämtlichen mikroskopisch untersuchten Organen,
mit Ausnahme der Nieren, war eine hochgradige fettige Entartung der Parenchym¬
zellen neben allgemeiner Fettinfiltration der Gefäßkapillarendothelien. Sie ist der
wesentliche Ausdruck für die durch die Veronalvergiftung gesetzte Vitalität der
Zellen. Am prägnantesten dokumentiert sich dies am Herzen, an der Milz und
am Zentralnervensystem. Der Befund ist wohl physiologisch dahin zu deuten,
daß allgemein die Oxydationsvorgänge in den Zellen stark herabgesetzt sind, so
daß das zugeführte Nahrungsfett in den Zellen nicht verbraucht werden kann.
Betreffs der Therapie der Veronalvergiftung sagt Verf. folgendes:
Magenausspülungen haben nur Zweck in den ersten 3 bis 4 Stunden. Spater
sind sie nur von Schaden und können eventuell zu Schluckpneumonie führen.
Ebenso warnt Verf. vor Abführmitteln und Infusionen von physiologischen Koch¬
salzlösungen. Es kommt vielmehr darauf an, dem Sinken des Blutdruckes ent¬
gegenzuarbeiten. Dies wird am besten durch Kampfer- und Ätherinjektionen,
sowie geeignete Lagerung des Kranken, Kompression der Extremitäten, Wicke¬
lung, Sauerstoffatmung oder Koffeininjektionen erreioht.
27) Ein Veronaldelirium, von A. Schneider. (Allgem. Zeitschr. £ Psychiatrie.
LXXII.) Bef.: Zingerle (Graz).
53jährige Frau nahm durch 6 l / t Wochen täglioh l 1 /, bis 2g Veronal; nach
Entziehung des Mittels traten am 3. Tage delirante Erscheinungen auf, die rasch
zu einem ausgebildeten Delirium, aber ohne Tremor und ohne Beechäftigungs-
delirium führten. Am 5. Tage epileptischer Anfall, am 8. Tage Eintritt eines
36stündigen Schlafes, aus dem die Patientin geheilt erwachte. Für die Zeit des
Deliriums bestand Amnesie.
28) Über chronischen Veronalismns, von 0. Glaser. (Wiener klin. Wochen¬
schrift 1914. Nr. 44.) Bef.: Pilcz (Wien).
Naoh Anführung der in der Literatur seit Einführung des Veronals bisher
publizierten 9 Fälle von chronischer Veronalvergiftung berichtet Verf. über einen
interessanten Fall eigener Beobachtung:
Ein 37jähr. ehemaliger Offizier, starker Baucher, erheblicher Trinker, nervös,
leicht reizbar, nimmt zuerst als Schlafmittel, später zwecks Beseitigung von Zu¬
ständen nervöser Unruhe, Gereiztheit und Arbeitsunfähigkeit, auch tagsüber rasch
ansteigend, täglioh 6 mal 0,5 =*3g Veronal. Bleibt 3 Jahre bis auf Stuhltrig»
heit besohwerdefrei. Dann treten unvermittelt zuerst Ohrensausen, dann n-
nehmende Mattigkeit, Schreib- und Lesestörungen, Schwäche der Gliedmaßen,
Unsicherheit und Taumeln beim Gehen und schließlich Drehschwindel mit Neigung
zum Bückwärtsfallen auf. Bei der Spitalsaufnahme bestanden: Apathie, Schwer¬
fälligkeit der motorischen Äußerungen, sohleppende Sprache, zittrige, ausfahrende,
unleserliche Schrift, Störung der Auffassung, des Denk- und Merkvermögens, ge-
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
945
reizte, unfreundliche Stimmung. Somatisch bot er: lebhaften, feinschlägigen, hori¬
zontalen Nystagmus in seitlicher Endstellung beiderseits, gesteigerte Reflexe,
fehlende Bauchdeckenreflexe, unsicheren, schleppenden, schwankenden Gang von
zerebellar-ataktischem Typus mit steter Falltendenz naoh hinten. An der Stirn
ein makulo-papulöses Exanthem. Stuhl angehalten, Harn etwas konzentriert mit
reichlichem Veronalgehalt, vermehrter Phosphatausscheidung und viel Indikan;
kein Hämatoporphyrin. Pupillen, Zirkulationsapparat, Temperatur, Fundus normal.
Nach sofortiger Veronalentziehung, Bettruhe und energischer Ableitung auf Darm
und Niere rasches Abklingen sämtlicher Erscheinungen. Harn am 5. Tage veronal-
frei. Am 10. Tage ergab die Untersuchung noch kalorische Unerregbarkeit des
VestibulariB beiderseits. Pat. wurde bei bestem Wohlbefinden entlassen.
Verf. hebt im vorliegenden Falle besonders die Störung des Kleinhirns und
Vestibularis hervor, verweist bei den früheren Fällen auf gleiche Störungen ver¬
ratende Symptome, die auch den chronischen Vergiftungen mit den übrigen Schlaf¬
mitteln der Harnstoffgruppe eigen sind.
Nach zusammenfassenden Bemerkungen über Symptomatologie, Menge des
Mittels, Dauer des Mißbrauches, Verlauf und ätiologische Momente gelangt Verf.
auf Grund des vorliegenden Materials schließlich zu folgenden Schlußsätzen:
1. daß das Veronal bei fortgesetztem Gebrauch selbst an sich kleiner Einzel¬
dosen zu mehr oder minder schweren Intoxikationserscheinungen führen kann;
2. daß diese Erscheinungen vorwiegend das Zentralnervensystem und von
diesem infolge einer besonderen, allen Schlafmitteln der Harnstoffgruppe eigenen
Affinität das Kleinhirn und den Vestibularapparat betreffen;
3« daß Digestionstraktus und Vestibularapparat in der Regel verschont
bleiben;
4. daß Euphorie uud leichte Angewöhnung den fortgesetzten Gebrauch, sowie
die dem Mittel gleichfalls eigene, die Nieren- und Darmausscheidung hemmende
Wirkung das Eintreten der Intoxikationserscheinungen wesentlich begünstigen und
5. daß uns der chronische Veronalmißbrauch vorwiegend bei Neuro- und
Psychopathen als ein Symptom konstitutioneller Psychopathie, als Süchtigkeit ent¬
gegentritt.
Auf Grund dieser Erfahrungen empfiehlt Verf. in Fällen, die eine längere
Anwendung eines Schlafmittels bedürfen, durch Wechsel des Mittels, Einschaltung
von Pausen, Kontrolle der Ausscheidungen, chronischen Intoxikationen vorzubeugen;
insbesondere wenn die Behandlung einen Psycho- und Neuropathen betrifft, um
so mehr, wenn bereits in einer anderen Richtung eine Süchtigkeit vorliegt oder
bestanden hat.
29) Bromoformvergiftung, von Guth. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 9.)
Ref.: Pilcz (Wien).
5jähriges Mädchen hatte von gegen Hustenanfälle verordnetem Bromoform
etwa 6,0 getrunken. Sofort darnach Krampfanfälle, Bewußtlosigkeit, Areflexie,
Pupillen miotisch, starr, oberflächliche Atmung, fliegender Puls. Nach Sauerstoff¬
inhalationen, künstlicher Atmung usw. erholte sich das Kind. Bemerkenswerter¬
weise wurden die Pupillen im Verlaufe der Rettungsaktion, nachdem sie schon
einmal normale Weite und Reaktion gezeigt hatten, vorübergehend wieder miotisch
und starr.
Nach Besprechung der einschlägigen Literatur schließt Verf. wie folgt: Wenn
man gegeneinanderhält: die unsichere, lediglich symptomatische Wirkung, wie sie
anderen weniger gefährlichen Präparaten in mindestens gleicher Weise zukommt,
gegen die Unmöglichkeit, sowohl eine zweckmäßige Verabreichungsform zu finden,
als auch eine unschädliche Verabreichungsmenge — Maximaldosis — festzusetzen,
dann wird man Koberts Wunsch gerechtfertigt finden, „das Bromoform über¬
haupt nicht mehr medikamentös anzuwenden“.
XXXIV. 60
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
946
30) Klinischer Beitrag sur Brommethylvergiftung, von Flor et (Zentralbl.
f. Gewerbehygiene. 1916. Nr. 7.) Bef.: K. Boas.
Das Brommethyl ist ein reines Nervengift, welches sohnell Lähmung der
Sensibilität, der Motilität und des Bewußtseins, Seh- und Gleichgewichtsstörungen,
Rauschzustand hervorruft. Die Symptome nehmen allmählich zu. Nach einigen
Tagen kommt es zu schweren Einatmungszuständen mit Krämpfen, Delirien, Be¬
wußtlosigkeit, Atemstörungen usw. Noch nach Wochen bleiben meist Schädigungen
des Nervensystems, Hysteroneurasthenie, Melancholie und allgemeine Schwäche
zurück. Letzteres Stadium kann jahrelang dauern.
Auch im Tierversuch erwies sich Brommethyl als sehr giftig. Die Versuchs¬
tiere gingen nach 16 bis 46minutiger Emährungsdauer bei 1 bis 8°/ 0 Brom¬
methylgehalt der Lnft unter den Erscheinungen der Respirationslähmung zugrunde.
In therapeutischer Hinsicht empfiehlt Verf. symptomatische Behandlung mit
Sauerstoffatmung und Morphin.
Brommethylvergiftungen kommen besonders in chemischen Betrieben vor.
Zur Vergiftung reichen schon ganz kleine Dosen hin.
31) Beitrag zu den Sehstörungen durch Methylalkoholvergiftung, von
W. Uhthoff. (Klinische MonatsbL f. Augenheilk. LIV. 1915. Januar.)
Bef.: Kurt MendeL
Von 200 Männern, die versehentlich Methylalkohol statt Schnaps tranken,
erkrankten etwa 50 an sohweren allgemeinen Intoxikationserscheinungen (Kopf¬
schmerz, Schwindel, Erbrechen usw.) und von diesen 60 starben 1-2. Zwei Ge¬
wohnheitstrinker blieben trotz erheblichen Genusses von Methylalkohol gesund.
Hochgradigere Sehstörungen bzw. Erblindung traten bei diesen 38 überlebenden
Kranken mit ausgesprochenen allgemeinen Vergiftungserscheinungen zweimal
( = 5°/ 0 ) ein, leichtere Sehstörungen mit relativen kleinen zentralen Farben¬
skotomen sechsmal (etwa 16 °/ 0 ), und subjektive vorübergehende Sehstörungen bei
normalem ophthalmoskopischem Befund in fast allen übrigen Fällen. Eigentliche
Augenmuskellähmungen wurden nicht beobachtet, nur einmal leichte Beschränkung
der seitlichen Blicklähmung nach rechts und fünfmal deutliche nystagmusartige
Zuckungen in den seitlichen Endstellungen. 2 Fälle mit Augenbefund werden
des genaueren mitgeteilt.
Alkoholismus.
32) Über die Forei sehe Theorie von blastophthorisoher Wirkung des
Alkohols. Eugenische Beiträge II, von J. Stuchlik. (Revue v neuro-
psychopathologii. XI. 1914. S. 292.) Autoreferat.
Verf. diskutiert die Forelsche Ansicht über die blastophthorisohe Wirkung
des Alkohols und kommt zum.Schluß, daß die akute Blastophthorie, wie sie Forei
annimmt, sehr fraglicher Natur ist, weil sowohl theoretische Überlegung als auch
praktische aus der Literatur gesammelte Beispiele nur für die chronische Ver¬
giftung sprechen; eine akute Wirkung ist nur auf dem chronischen Grund mög¬
lich. In diesem Sinne muß man die Gültigkeit der oben erwähnten Theorie
reduzieren.
33) Alkohol und Kinder Sterblichkeit, von A. Kickh. (Internat Monateschr.
z. Erforschung u. Bekämpfung der Trinksitten. XXIV. 1914. Nr. 9 u. 10.)
Bef.: K. Boas.
Verf. untersuchte 230 Familien eines salzburgischen Dorfes mit 805 Ein¬
wohnern, deren Gasthaus verbrauch an Bier 209 Liter pro Kopf im Jahr beträgt,
in bezug auf deren Nachkommenschaft. Im ganzen gingen 676 männliche und
653 weibliche Kinder aus 208 Ehen hervor, 22 Ehen waren steril. Die Trinker¬
familien wiesen die größte Zahl unfruchtbarer Ehen auf, nämlich 14,29°/ 0 , ebenso
die stärkste Säuglingssterblichkeit.
Digitized by
Gck gle
Original from
UNIVERSITY OF MICHlGAi
947
34) Alkohologene reflektorische Papillenstarre, von W. Mayer. (Journ. für
Psychol. u. Neurol. XXI. 1915. H. 6/6.) Ref.: W. Misch.
Bei einem seit mehreren Dezennien starken Alkoholiker, der mit einer schweren
Polyneoritis erkrankte, wurde eine vollständige linksseitige und eine unvollständige
rechtsseitige Papillenstarre festgestellt, ohne daß sich mit allen zur Verfügung
stehenden Methoden eine Lues nachweisen ließ. Es handelte sich keineswegs um
einen akuten Rausohzustand. Die Neuritis ging auf die Behandlung zurück,
während sich der Pupillenhefand nicht änderte. Bei näherer Prüfung ließ sich
jedoch die Pupillenst&rre auf eine Störung im peripheren, zentripetalen optischen
Apparat zurückführen, indem sich ein Defekt des zentralen Farbensehens nach¬
weisen ließ, so daß höchstwahrscheinlich eine retrobulbäre neuritische Opticus-
Schädigung vorlag. Die bei chronischem Alkoholismus vorkommende und schon
früher beschriebene reflektorische Pupillenstarre ist also wahrscheinlich duroh
Sehnervenschädigung bedingt, und um bei dieser Frage zu einem endgültigen
Resultat zu kommen, muß bei solchen Fällen jede Lues und jede Schädigung des
peripheren optischen Apparates ausgeschlossen werden, was bisher nur bei dem
von Nonne mitgeteilten Fall geschehen ist.
36) Polyneuritis alooholioa mit einseitiger Zwerchfell- and Btlmmb&nd-
lähmang, von Wilhelm Löffler. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915.
Nr. 44.) Ref.: Kurt Mendel.
29jähriger Hotelier. Starker Trinker und Raucher. Typische Polyneuritis
alcoholica; dazu linksseitige Rekurrenslähmung mit abgerissener Sprache und rauher,
etwas heiserer Stimme; außerdem geringe Verschieblichkeit der linksseitigen
Lungengrenzen bei Zwerchfellhochstand, geringe Vorwölbung des linken Hypo-
chondriums, beträchtlicher Zwerchfellhochstand links (durch Röntgendurchleuchtung
erwiesen), geringe, paradoxe Verschiebung der linken Zwerchfellhälfte; also .links¬
seitige Zwerchfelllähmung. Druckempfindlichkeit des Phreuicus am Halse bestand
nicht. Die elektrische Erregung des Nervs vom Halse aus gelang nicht, während
der rechte Phrenicus normale Erregbarkeit zeigte. Die Phrenicuslähmung ging
rasch zurück, die übrigen Lähmungen währten längere Zeit, gingen schließlich
aber auch zurück.
Auffallend ist im vorliegenden Falle die Beteiligung einer Anzahl Nerven
der linken Körperhälfte, die mit ihrem Verlaufe am Halse (Supraklavikulargrube)
alle auf kürzere oder längere Strecken nahe beisammenliegen (Plexus brachialis,
Phrenicus, Recurrens).
Der günstige Verlauf ist von besonderem Interesse, da im allgemeinen Poly¬
neuritis mit Beteiligung von Vagus und Phrenicus als prognostisch sehr ungünstig
gelten, indem in solchen Fällen die Zwerohfelllähmung die unmittelbare Todes¬
ursache bilden kann.
36) Neue Untersuchungen über die Beeinflasaung der Sinnesfanktionen
darob geringe Alkoholmengen, von Johannes Lange u. Wilhelm Specht.
(Zeitschr. f. Pathopsychologie. III. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel.
Von den Resultaten der Verff. sei folgendes hervorgehoben:
Die Unterschiedsschwelle und die Reizschwelle für Lichtreize werden durch
den Alkohol beeinflußt, beide jedoch in entgegengesetzter Richtung: die Unter-
schied8schwelle steigt, die Reizschwelle sinkt. Dabei besteht ein vollkommener
synchronischer Verlauf beider Veränderungen und ein vollkommener Parallelismus
bezüglich der Grade der Veränderungen von Unterschiedsschwelle und Reizschwelle.
Zu demselben Zeitpunkt, wo die Unterschiedsschwelle zu steigen beginnt, senkt
Bich die Reizschwelle, die tiefste Depression der Unterschiedsempfindlichkeit fällt
mit dem Maximum der Reizempfindlichkeit zeitlich zusammen; verschwindet die
Veränderung der Unterschiedsschwelle, so kehrt auch die Reizschwelle zu ihrer
Norm zurück, und ist die Veränderung der Unterschiedsschwelle groß, so ist auch
60 *
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
948
die Veränderung der Reizschwelle groß. Dabei sind die Grade der Veränderung
abhängig von der Alkoholdosis. Je kleiner die Alkoholmenge ist, desto geringer
ist der Grad der Veränderung und desto schneller geht sie vorüber.
Eine qualitative Verschiedenheit der Beeinflussung der Schwellen durch ver¬
schieden große Alkoholmengen besteht nicht.
Außer von der Alkoholdosis ist der Grad der Veränderungen von Unter¬
schiedsschwelle und Reizschwelle abhängig von der verschiedenen Empfindlichkeit
der einzelnen Individuen gegen den Alkohol. Dabei war jedoch auch bei den¬
jenigen Beobachtern, die an den Alkoholgenuß gewöhnt waren, selbst bei den
kleinsten Gaben eine Beeinflussung der Schwellen mit Sicherheit nachweisbar.
Sodann besteht eine Beziehung zwischen der Wirkung des Alkohols und der
Schwierigkeit bzw. Feinheit der zu lösenden Aufgabe: je subtiler die Leistung ist,
die gefordert wird, desto deutlicher tritt die Wirkung des Alkohols in Er¬
scheinung.
Es besteht ein Parallelismus zwischen den objektiven Befunden des psycho¬
logischen Versuches und den erlebbaren subjektiven Veränderungen, die der Be¬
obachter im Alkoholrausch erleidet.
Unterschieds- und Reizempfindlichkeit sind den Einflüssen der Übung und
Ermüdung in hohem Grade zugänglich.
Die Schwellern auf optischem Gebiete werden duroh den Alkohol in genau
derselben Weise verändert wie auf akustischem Gebiet; die Beeinflussung von
Unterschieds- und Reizempfindlichkeit durch den Alkohol ist nicht auf ein ein¬
zelnes Sinnesgebiet beschränkt, sie scheint vielmehr eine gesetzmäßige zu sein, die
für alle Sinnesfunktionen gilt.
Die Erklärung für diese Erscheinungen scheint den Verff. folgende zu sein:
unter «Alkoholwirkung erhalten die Reize einen höheren Grad von Lebhaftigkeit,
so daß nun auch Reize bemerkt werden, die unter normalen Bedingungen unter¬
schwellig bleiben. Zugleich müßte dann — das folgt aus dem Wesen der Leb¬
haftigkeit — gefordert werden, daß der Alkoholgenuß neben seiner lähmenden
Wirkung auf die geistige Leistungsfähigkeit eine das Lebensgefühl steigernde,
belebende Wirkung entfaltet, was in der Tat der Fall ist.
37) Über Assoziationen bei Alkoholikern, von J. B. Jörg er. (Monatsschr. t
Psych. u. Neurol. XXXVII. 1915. H. 4 u. 5.) Ref.: Kurt Mendel.
I. Die Storungen bei den Assoziationen der Alkoholiker lassen sich in zwei
Gruppen zerlegen:
1. Eine Verlängerung der Reaktionszeit, eine Neigung zu Wiederholungen
von Reizworten und Reaktionsworten, eine erhöhte Zahl innerer Assoziationen und
eine entsprechend verringerte Zahl sprachlich-motorischer Assoziationen.
2. Eine Vermehrung sinnloser Reaktionen und Perseverationen, verminderter
ReproduktionBfähigkeit, Neigung zu Reaktion in Satzform. Vermehrung von
Klangassoziationen.
II. Die unter 1. aufgezählten Ergebnisse zeigen sowohl in der einzelnen
Assoziationsreihe, als in der Serie von Experimenten während der Erholung unter
Abstinenz eine Zunahme oder zum mindesten die Tendenz, ausgesprochener zu
werden. Die unter 2. aufgezählten Zeichen nehmen im Gegensatz dazu ab.
UI. Die letzteren Ergebnisse mit der verlängerten Reaktionszeit gehen parallel
den Resultaten Brunschweilers bei organischen Kranken.
IV. Die sub 1 aufgezählten Ergebnisse lassen sich mit einer Auffassungs¬
störung am besten erklären.
38) Zur Lehre von der Halluzinose der Trinker, von 0. Frowein. (Inaug.-
Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas.
An der Hand von 10 Krankheitsfällen wird eine ausführliche Besprechung
des Krankheitsbildes der akuten Halluzinose der Trinker geboten, die im wesent-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
949
liohen nichts Neues bringt. Im Anschluß daran wird auch das Wesen der chro¬
nischen Alkoholhalluzinose an einem einschlägigen Falle erläutert.
39) Ober Verlaufsstörungen bei Delirium tremens, von Z. Mysliveöek.
(öasopis ßesk^ch 16ka!uv. LIII. 1914. S. 1368.) Ref.: J. Stnchlik.
Verf. betrachtet die Rezidive entweder sämtlicher oder einiger Erscheinungen
des Delirium tremens als eine Verlaufsstörung. Daneben gibt es aber Fälle von
sogen, protrahierten Delirien, bei welchen die langsam verschwindenden Symptome
viele Tage andauern. Es können drei verschiedene Formen solcher protrahierten
Delirien Vorkommen: 1. alle Symptome des Deliriums dauern an; in der Regel bessert
sich die örtliche Orientierung am frühesten; 2. die Halluzinationen — meistens
des Gehörs — überwiegen; 3. die ungenügende Korrektion des Deliriums dauert an.
Einigemal konnte er beobachten, daß die gebliebenen Residuen Tendenz haben,
sich zuent zu verstärken und erst dann zu verschwinden. Prognostisch sind die
Fälle von protrahiertem Verlauf dadurch ungünstiger, daß sie auf eine Neigung zu
chronischen alkoholischen Psychosen deuten.
40) Statistische und klinlsohe Mitteilungen über das Delirium tremens,
von E. Glaussen. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.:* K. Boas.
Verf. ergänzt die früheren Untersuchungen Wassermeyers aus der Kieler
Klinik betreffend die Jahre 1901 bis 1907 (Wassermeyer, Delirium tremens.
Archiv f. Psyoh. XLIV) durch Mitteilung von 208 Delirium tremens-Fällen aus
den letzten 5 Jahren, 1908 Mb 1912. Aus der fleißigen statistischen Zusammen¬
stellung können im Rahmen eines Referates hier nur einige Punkte berührt
werden:
55°/ 0 der Fälle waren kompliziert. Von 84 Komplikationen (ohne Epilepsie)
(a 21,4 °/o) standen stärkere Verletzungen, Quetschungen, Distorsionen an erster
Stelle, an zweiter Stelle Pneumonie (fast jede 6. Komplikation war eine Pneumonie),
an dritter Stelle folgen die Frakturen. Die übrigen äußeren Gelegenheitsursachen
figurieren nur mit wenigen oder einem Falle. Komplikation mit Epilepsie fand
Verf. in 33,6 °/ 0 , davon in 8 °/ 0 Ausbruch des Deliriums unmittelbar im Ansohlnß
an den epileptischen Anfall.
41) Über die Zerebrospinalflüssigkeit und über die Wirkung der Lumbal¬
punktion beim Delirium potetorum, von Richard Steinebach. (Deutsche
med. Wochensohr. 1915. Nr. 13.) Ref.: Kurt Mendel.
Verf. berichtet zunächst über einen Fall von alkohologener reflektorischer
Pupillenstarre (Nonne) mit negativem Ausfall der vier Reaktionen. In diesem
Falle fand sich ferner eine Druckerhöhung des Liquor spinalis. Bald nach der
Punktion legte sich die Erregung des Pat. und das Delirium verschwand. Die
Pupillenstarre blieb konstant. Einen ganz ähnlichen Fall beobachtete Verf. drei
Monate später. Bei vielen Fällen von Rausch fand Verl, wie Schottmüller
und Sohumm (d. Centr. 1912. S. 1020), Alkohol im Liquor. Der Alkoholgehalt
des Liquor ist abhängig von der zuletzt genossenen Menge geistiger Getränke und
der seitdem verflossenen Zeit; für das Delirium selbst ist er bedeutungslos. Bei
18 von 52 Fällen von Delirium tremens führte Verl die Lumbalpunktion aus.
In 14 dieser Fälle (= 78 °/ 0 ) bestand eine zum Teil recht erhebliche Druck¬
steigerung. Wahrscheinlich besteht der erhöhte Druck während der ganzen Dauer
des Deliriums fort. Die Drucksteigerung ist auf das Delirium zu beziehen und
nicht etwa eine Begleiterscheinung des gleichzeitig bestehenden chronischen Alko-
holismuB, zumal bei letzterem Druoksteigerung nicht gefunden wird, auch bestand
in einem daraufhin untersuchten Falle die Druokerhöhung des Liquors nur während
des Deliriums und nahm nach Ablauf desselben schnell ab.
Fast sämtliche Delirien, bei denen die Lumbalpunktion vorgenommen wurde,
verliefen bedeutend milder und endeten in viel kürzerer Zeit ab sonst; die moto¬
rische Unruhe ließ nach der Lumbalpunktion schnell nach, Bettflucht und Be-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UMIVERS1TY OF MICHIGAN
950
schäftigungsdrang verschwanden, und in den meisten Fällen trat ohne Hypnotika
tiefer Schlaf ein. Durch die Lumbalpunktion wird die Dauer des Deliriums um
60°/ o und die Zeit der Unruhe um 75°/ 0 verkürzt. Durch diese Beseitigung der
Unruhe mittels der Lumbalpunktion ist auch die Gefahr plötzlicher Herzschwäche
■ehr vermindert. Schlafmittel sind kaum nötig, höchstens mal Paraldehyd.
Beim akuten AlkoholiBmus übt der Alkohol einen Beiz auf die Meningen aus,
letztere antworten auf diesen Reiz mit gesteigerter Sekretion; daher die Druck¬
steigerung des Liquor. Beim Delirium wird aber die Vermehrung der Liquor¬
menge wahrscheinlich bedingt durch ein daB Delirium herbeiführendes besonderes
Gift, welches die Meningen in Beizzustand versetzt. Die Pathogenese des Deliriums
kann man sich hiernach auf folgende Weise vorstellen: Das im Körper entstehende
und durch irgendwelche Umstände zurückbehaltene „Zwischengift“ wirkt auf die
durch den chronischen Alkoholismus geschädigten Hirnhäute als krankhafter Beiz
ein und ruft eine Steigerung der Sekretion, eventuell auch eine Hemmung der
Resorption hervor; die weitere Folge ist eine Vermehrung der Liquormenge und
Steigerung des Lumbaldruckes.
Die günstige Wirkung der Lumbalpunktion ist zurückzuführen auf die Druck¬
entlastung, sowie besonders auf Beseitigung eines Teiles des Giftes oder Ver¬
minderung der Giftkonzentration im Liquor; der krankhafte Beiz läßt nach, und
das Gleichgewicht zwischen Sekretion und Abfluß stellt sich wieder her. Deshalb
empfiehlt es sich, soviel Liquor als möglich abzulassen und dann mit physiologischer
Kochsalzlösung aufzufüllen, bis mindestens wieder normaler Druck vorhanden ist.
42) Zur strafrechtlichen Beurteilung des alkoholischen Btfereuohtwahns,
von E. Prasse. (Inaug.-Dissert. Kiel 1915.) Ref.: K. Boas.
Verf. berichtet über einen 52jähr. chronischen Alkoholiker, .der anfangs an
typisohem Eifersuchtswahn litt. Kriminell wurde der Fall durch einen Revolver¬
anschlag auf seine Ehefrau. Auch sonst bot Pat. starke unsoziale Züge (Ver-
—Setzung von eigenen und Sachen der Frau, um Bich Alkohol zu verschaffen, Be¬
drohung und Beschimpfung der Familienangehörigen) dar. Das ausführlich mit¬
geteilte Gutachten kommt zu dem Ergebnis, daß der Täter ein periodischer Trinker
sei, daß er zwar bei der ersten Aufnahme an Eifersuchtswahn gelitten habe, daß
davon aber bei der zweiten Aufnahme keine Spur mehr vorhanden sei. Infolge¬
dessen kann das Gutachten die Voraussetzungen des § 51 StrGB. nicht anerkennen,
sondern hält bei dem Angeklagten nur eine verminderte Zurechnungsfähigkeit für
vorliegend.
48) Zweifkeher Mord und mehrfache Körperverletzung im trunkenen
Zustande, Verneinung einer vollen Berauschung und eines patho¬
logischen Rauschzustandes. Verurteilung. Fakultätsgutachten , von
v. Wagner. (Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 6 u. 7.) Bef.: Pilcz.
Der Titel gibt das Wesentliche des Falles an. Die scharfsinnigen Beweis¬
führungen gegen die Annahme der vom Inkulpaten und von den Vorgutachtem
behaupteten lückenlosen Amnesie müssen im Orginal nachgelesen werden.
44) Zur Behandlung des Delirium tremens mit Veronal, von Ernst von
der Porten. (Deutsche med. Woohenschr. 1915. Nr. 2.) Bef.: Kurt MendeL
Zur Behandlung des Delirium tremens sind sowohl das Scopolamin wie die
Körper der Morphingruppe (Codein, Heroin, Dionin, Pantopon, Narcophin usw.)
ungeeignet. Hingegen ist das Veronal sehr zu empfehlen, auch Medinal als
Zäpfchen. Verf. verfährt wie folgt: gleich nach der Aufnahme in die Anstalt
lg Veronal in warmem Tee, 1 oder 2 Stunden später das zweite Gramm; kommt
man mit 2 g nicht aus, so gibt man vor Ablauf von 5 Stunden ein drittes Gramm.
In ganz resistenten Fällen gibt Verf innerhalb der ersten 12 Stunden 4 g VeronaL
Verf. hatte bei seinen 382 Deliranten 5,49 °/ 0 Todesfälle (s. auch Ref. 29 auf
S. 99 d. Centr. 1915).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY OF MICHIGAN
951
46) Autodönonoifttion räoidivante ch«z une dipsomane, par E. Duprfi et
Le Savoureux. (Gazette des höpit. 1914. Nr. 27.) Bef.: Kurt Mendel.
Dipsomanie bei einer Frau. Sie wird im dipsomanischen Anfall eingeliefert
und erklärt, ihr Enkelkind in die Seine geworfen zu haben. 25 Jahre vorher
— als Pat. 37 Jahre alt war — war Patientin auf der Polizei eingeliefert
worden und gab damals an, ihre Tochter in den Kanal geworfen zu haben. Beide
Male handelte es sich um Wahnideen mit Selbstbeschuldigung. Die Verff. be¬
zeichnen sie als „delirante Stereotypien“ mit episodischem Charakter von alko¬
holischem Ursprung.
46) Döllre post-onirique de possesaion ohez un arabe, par Louis Livet.
(L/Encephale. 1914. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel.
Fall von Delirium hallucinatorium mit Verfolgungsideen bei einem Araber.
Früher Malaria und Alkoholismus, welch letzterer besonders als ätiologischer
Faktor der Psychose angesehen wird. Die Naturelemente spielten eine grofle
Bolle in den Wahnideen des Erkrankten.
Psychiatrie.
• 47) Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vortrag, gehalten im Batbause
der Stadt Zürich am 16.1. 1908, von C. G. Jung. (Leipzig u. Wien, Franz
Deuticke, 1914.) Bef.: Bratz (Dalldorf).
Die vorliegende zweite Auflage der Jungschen Abhandlung über die Dementia
praecox ist ein fast unveränderter Abdruck der ersten in diesem Centr. schon be¬
sprochenen Auflage. Ich wiederhole deshalb nicht hier noch einmal den Inhalt
der psychoanalytischen Zergliederung, welcher Verf. das Seelenleben der Dementia
praecox unterwirft.
Dagegen sei aus der Einleitung die Grundanschauung des Verf.’s hervor¬
gehoben, nach welcher der ganze Krankheitsprozeß der Dementia praecox psycho¬
logisch bedingt ist, z. B. aus Jugenderlebnissen sich herleitet. Die etwaigen ana¬
tomischen Veränderungen im Dementia praecox-Gehirn sind nach Verf. sekundär,
d. h. durch die krankhaften seelischen Prozesse hervorgerufen.
„Die Entscheidung dieser schwierigen Frage“ — so etwa lauten die be¬
treffenden Ausführungen des Verf.’s — „hängt an dem allgemeinen Problem, ob
der die bisherige Psychiatrie beherrschende Lehrsatz „Geisteskrankheiten sind
Gehirnkrankheiten“ eine endgültige Wahrheit darstellt oder nicht. Wir wissen,
daß dieser Lehrsatz zur völligen Unfruchtbarkeit führt, sobald wir ihm allgemeine
Gültigkeit zuschreiben, denn wir kennen auch zweifellos psychogene (sogenannte
„hysterische“) Geistesstörungen, die man mit Becht als funktionelle bezeichnet, im
Gegensatz zu den organischen Erkrankungen, welche auf nachweisbaren anato¬
mischen Veränderungen beruhen. Als organische Erkrankungen sollte man eigent¬
lich bloß solche Störungen der Gehirnfunktion bezeichnen, wo die psychischen
Symptome von einer unzweifelhaft primären organischen Substraterkrankung ab-
hängen. Dieser letztere Fall ist nun gerade bei Dementia praecox nicht über
allen Zweifel klar. Es sind zwar anatomische Befunde vorhanden, aber wir sind
immer noch weit davon entfernt, die psychologischen Symptome davon ableiten
zu können. Wir haben sogar positive Erfahrungen über den funktionellen Charakter
der schizophrenen Anfangszustände wenigstens; ferner ist der organische Charakter
der Paranoia und vieler paranoider Formen mehr als zweifelhaft. Unter diesen
Umständen dürfte sioh die Frage lohnen, ob nicht auch sekundäre Zerfallserschei-
nungen aus psychologisch gestörter Funktion hervorgehen können. Dieser Ge¬
danke ist nur für denjenigen unverständlich, der ein materialistisches Vorurteil
in die wissenschaftliche Theoriebildung einschmuggelt. Diese Fragestellung beruht
auch nicht auf einem zugrunde liegenden und ebenso willkürlichen Spiritualismus
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
952
sondern auf folgender einfacher Überlegung: Anstatt anzunehmen, daß eine here¬
ditäre Disposition oder eine Noxe direkt einen organischen Krankheitsproxeß ein¬
leite und dadurch eine sekundäre psychische Störung veranlasse, neigt Vert der
Ansicht zu, daß auf Grundlage einer Disposition, deren Natur uns vorderhand
noch unbekannt ist, eine unangepaßte psychologische Funktion entstehe, welche
sich gegebenenfalls bis zur manifesten Geistesstörung entwickelt und sekundär
organische Zerfallserscheinungen veranlaßt. Dieser Auffassung entspricht es, daß
für die primäre Natur der organischen Störung keine Beweise vorliegen, wohl
aber Beweise in Menge für die Existenz einer primären psychologischen Fehl¬
funktion, deren Geschichte bis in die Jugend der Patienten zurückzuverfolgen
ist. Es stimmt mit dieser Auffassung sehr gut, daß die psychoanalytische Praxis
Fälle kennt, wo Patienten an der Grenze der Dementia praecox noch zur Umkehr
zum normalen Leben gebracht werden konnten.“
48) Zum Begriffe „Psychose“, von J. Stuchlik. (Revue v neuropsychopatho-
logii. XII. 1915. S. 185.) Autoreferat.
Die heutige Auffassung der Psychosen, wie sie in den Lehrbüchern der
Psychiatrie üblich ist, ist eine sehr oberflächliche Konvention. Denn für Psychosen
werden solche Erkrankungen gehalten, bei welohen die psychischen Anomalien
überwiegen. Ob diese Anomalien dabei eine Folge der Veränderungen im Gehirn
oder ob sie bloß funktionell (ein Begriff älterer Psychiatrie, der die Unkenntnis
der wahren Grundlage maskieren sollte) waren, blieb vollkommen gleich. Von
der klaren Tatsache ausgehend, daß neben den organischen, d. h. den Körper be¬
treffenden Erscheinungen, auch ganz anders geartete psychische Eigenschaften be¬
stehen, daß also wie die ersteren so auch die letzteren eine Gestalt annehmen
können, die wir nicht mehr als normal zu bezeichnen imstande sind, müssen wir
den Begriff Psychose ganz anders fassen, d. h. die Psychosen in wirklichen Gegen¬
satz zu den Körpererkrankungen setzen. So gewinnen wir eine andere Definition
der Psychose. Die Psychose wird uns dann eine Erkrankung der Seele (diese
letztere mag man sich dabei vorstellen wie man will, oder braucht man sich
überhaupt nicht vorzustellen, denn an der Tatsache, daß psychische Erscheinungen
existieren, und daß es infolgedessen auch einen Komplex dieser Erscheinungen gibt,
ändert jedwede Auffassung nichts) darstellen, eine Störung im Mechanismus psy¬
chischer Elemente und ihrer gegenseitigen Beziehungen. Im Gegensatz zu den
somatischen Erkrankungen, die eine pathologische, durch Sektion nachweisbar«
Veränderung des Körpers, d. i. seiner Organe, darstellen, ist die Psychose eine
Äußerung des gestörten Gleichgewichts psychischer Elemente, möge sie sich schon
nur psychisch, oder auch dabei somatisch, oder vielleicht nur somatisch äußern.
Also nach dieser Auffassung wird die Mehrheit der Psychosen heutiger psychiatri¬
scher Lehrbücher keine Psychose sein, denn es sind reine somatische Erkrankungen
mit vielleicht überwiegenden psychischen Merkmalen; an der anderen Seite haben
wir aber bis heute fast keine Psychosen in meinem Sinne; nur zwei, abgesehen
noch von der großen, bis jetzt undifferenzierten Gruppe der „Neurosen“, nämlich
die Schizophrenie von Bleuler und die Ichtumsstörungen von Heveroch. Die
Betrachtung der Rolle der Psychoanalyse, sowie eine gründlichere Darstellung
der hier skizzierten Ideen wird für eine besondere, auch deutsch zu publizierende
Arbeit Vorbehalten.
49) Moderne Diagnostik in Psychiatrie und Neurologie mit Hilf« von
Liquor- und Blutuntersuohungen, von Heinrich Neue. (Mediz. Klinik.
1914. Nr. 29/30.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf. beginnt seine Ausführungen mit den Liquoruntersuchungen, und zwar
mit der Bedeutung der Zerebrospinalflüssigkeit im allgemeinen. Er bespricht den
Liquordruck, dann die Farbe des Liquors, sowie die Zellmengen und Zellart ei
und ihre Bestimmung und Bedeutung. Von Wichtigkeit ist dann die Eiweiß-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
953
Vermehrung der Lumbalflüssigkeit, die Phase I- Reaktion. Sie ist stets negativ
bei Nervengesunden, Neurosen, funktionellen Psychosen, Alkoholismus, fast aus¬
nahmslos positiv bei progressiver Paralyse, Tabes und Lues cerebrospinalis; man
findet sie nicht selten auch bei Erkrankungen niohtluischer Ätiologie wie bei
multipler Sklerose, Hirn- und Bückenmarkstumoren, Hirnabszessen, Meningitis,
Encephalomalacie. Sie ist meist da positiv, wo eine Pleozytose besteht, jedoch
ohne Parallelismus bezüglich der Stärke. Was die Wassermannsche Reaktion an¬
betrifft, so ist für den Psychiater und Neurologen die Untersuchung des Blut¬
serums gegenüber der der Lumbalflüssigkeit von untergeordneter Bedeutung, da
einzig und allein die Untersuchung der Lumbalflüssigkeit Aufschluß über syphi¬
litische oder nichtsyphilitische Ätiologie einer Erkrankung des Zentralnerven¬
systems gibt; nur in wenigen Ausnahmen findet man bei luischer Ätiologie nega¬
tive Liquorreaktion. Die Weil-Kafkasche Hämolysinreaktion hat differential¬
diagnostischen Wert, auch die Langesche Goldsolreaktion.
In dem zweiten Teil seiner Ausführungen bespricht Verf. die Frage, was wir
aus dem Blut für die psychiatrische und neurologische Diagnostik erfahren. Er
erörtert dabei zunächst die Serodiagnostik nach Abderhalden und die Wasser¬
mann sehe Reaktion. Seine eigenen Anschauungen in bezug auf das Abderhalden-
sehe Dialysierverfahren gehen dahin, daß dasselbe mit Wahrscheinlichkeit ein
differentialdiagnostisches Kriterium für Dementia praecox auf der einen, manisch-
depressives Irresein, Psychopathie, Imbezillität, Simulation auf der anderen Seite
werden wird, daß der gleichzeitige Abbau von Gehirn und anderen Organ¬
substraten bei progressiver Paralyse differentialdiagnostische Wichtigkeit zu haben
scheint gegenüber der Lues cerebri, bei der sich gewöhnlich nur Abwehrfermente
gegen Gehirn feBtstellen lassen, daß vielleicht auch im Hinblick auf die Stellung
der Prognose bei psychischen Erkrankungen insofern von einem Fortschritt ge¬
sprochen werden kann, als Fälle, in denen bei wiederholten Untersuchungen sich
ständig ein Abbau von Gehirnsubstrat findet, prognostisch ungünstiger zu be¬
urteilen sind, als solche, in denen ein derartiger Abbau nicht statthat.
Von besonderem Interesse ist dann die Zählung der weißen Blutkörperoben
nach Krampfanfällen wie naoh epileptischen Paroxysmen; die Leukozytose naoh
epileptischen Anfällen ist wichtig gegenüber der Abgrenzung von hysterischen,
psychopathischen und simulierten Zuständen. Die postparoxysmale Leukozytose
ist wohl eine Schutzmaßregel des Organismus gegen die Masse der Toxine des
inneren Stoffwechsels, ein Versuch automatischer Selbstentgiftung.
50) I. Über die Bedeutung der Abderhalden sehen Reaktion für Neuro-
psyohopathologie, von M. Netou&ek. (Revue v neuropsychopathologiL
XI. 1914. S. 62.) — IL Serologie in der Psychiatrie, von J. Stuchlik.
(Ebenda. S. 6.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich).
Erste Arbeit ist ein Sammelreferat. In der zweiten Arbeit behandelt Verf.
die Möglichkeiten, Grenzen und gegenwärtige Methoden der Erforschung somati¬
scher Veränderungen bei Geisteskrankheiten und die Beziehungen dieser Ver¬
änderungen zu psychischen Symptomen. Neben der Abderhalden sehen Reaktion
finden Besprechung die verschiedenen Modifikationen der Wassermann sehen Reaktion
(in bezug auf ihre Anwendbarkeit in der Psychiatrie), die alte „Psychoreaktion (<
von Much-Holzmann, die Weichhardt sehe Reaktion u. a. m. Vollständiges
Literaturverzeichnis.
51) Dialysierversuohe mit der von Pregel vereinfachten und modifizierten
Methode von Abderhalden und die klinischen Befunde , von M. de
Grinis. (Fermentforschung. I. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas.
Sämtliche Fälle von Dementia praecox bauten ausnahmslos Hodengewebe ab.
Von 15 Abbauversuchen unter Verwendung von Hirnrinde waren bei Dementia
praecox 14 Abbau versuche positiv.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
954
Digitized by
Von 15 Kontrollfallen, also psyohisohen Erkrankungen, in denen klinisch
sicher keine Dementia praecox festgestellt werden konnte, waren 13 Untersuchungen
des SerumB auf Abbanfähigkeit gegen Hoden absolut negativ. Der eine Fall, der
positiven Hodenabban zeigte, dürfte wobl auf Erscheinungen des Involutionsalters
zuxüokzuf&hren sein.
Bei Hirnrinde fand Verf.: von 63 Seren reagierten mit Hirnrinde 41 positiv
und in allen positiven Fällen lagen die sicheren Zeichen einer organischen Er-
krankung des Zentralnervensystems vor.
In einem Fall von beginnender progressiver Paralyse wurde Hirnrinde ab¬
gebaut, was sehr selten der Fall ist. Bei d,er Sektion ergab sich progressive
Paralyse, daneben zwei fast eigroße Gehirntumoren, die fast vollkommen erweicht
waren. Damit erklärt sich der starke Abbau.
Von 30 Leberuntersuchungen gaben 17 Abbauversuche positive Reaktion,
von denen in 14 psychische Erkrankungen im Sinne von depressiv-melancholischen
Zuständen feststellbar waren, und in 3 Fällen eine Lebererkrankung konstatiert
werden konnte. Bei den 13 negativen Resultaten lag in keinem einzigen Falle
eine psychische Erkrankung im Sinne eines depressiven melancholischen Zustandes
oder eine organische Lebererkrankung vor.
Von vier Untersuchungen des Abbaues von normaler Schilddrüse waren zwei
positiv, in denen auch klinisch eine Erkrankung der Schilddrüse nachweisbar war.
52) Die Abwehrfermente Abderhaldens in der Psyohiatrie, von F. Sioli.
(Archiv f. Psych. LV. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel.
Mit normalem Gehirn fiel die Reaktion in 14 von 16 Fällen negativ aoa
nur in 2 Fällen, einem luetischen Alkoholiker und einem Presbyophrenen, positiv,
der Presbyophrene reagierte außerdem gegen Paralytikergehirn, der luetische
Alkoholiker gegen Katatonikergehirn.
Mit senilem Gehirn reagierten von 10 Senilen nur 2 negativ, keiner der
2 Katatoniker und 2 Paralytiker reagierte gegen seniles Gehirn, ebenso nioht eis
unklarer seniler Fall und ein luetischer alter Alkoholist
Mit Paralytikergehirn reagierten 3 der 10 senilen Demenzen, der unklare
senile Fall, einer der beiden Paralytiker.
Mit Katatonikergehirn reagierte der alte luetische Alkoholist und ein Para-
lytiker, keiner der senil Dementen.
Die Befunde, die mit der Abderhalden sehen Methode erhoben sind, zeigen zwar
bei allen Untersuchern wiederkehrende Unterschiede in der Reaktion bei manisch-
depressivem Irresein und anderen Psychosen, sie sind jedoch noch nicht so ein¬
deutig, daß sie zur Diagnostik und Prognostik oder zur Grundlage von patho¬
genetischen Erörterungen heran gezogen werden können.
53) Über den Nachweis von sogenannten Abwehrfermenten im Urin, von
V. Kafka. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias (Berlin).
Verf.'hat 108 Harne von 99 Fällen (Normale und Kranke) auf proteolytisch?
Fermente untersucht. Unter den Kranken waren Fälle von Dementia praecox
manisch-depressivem Irresein, Paralyse, Epilepsie, Psychopathie, Idiotie, Lu«
cerebri usw. Die Untersuchungen ergeben, daß man tatsächlich in der Lage ist,
unter geeigneten Bedingungen im Urin spezifische und inaktivierbare proteolytische
Fermente nachzuweisen.
64) Per la oonosoenza della patologia delPappareoohlo surrenale ne«li
amm&lati di mente, per Masini e Vidoni. (Rivista sperimentale difre*
niatria. XL. 1914. H. 3.) Ref.: R. Ganter.
Die Verff. haben bei verschiedenen Formen von Geisteskrankheiten mikro>
skopische Untersuchungen der Nebennieren angestellt. Sie fanden die Nebennieren
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
955
mehr oder weniger verändert: Atrophie oder Hyperplasie der Kortikalsubstanz,
Vermehrung der lipoiden Bestandteile, Abnahme der Marksubstanz, Abnahme der
chromaffinen Bestandteile, Vermehrung des Bindegewebes usw. Die Verff. lassen
es dahingestellt, welche Beziehungen zwischen diesen Befunden der Nebennieren
und der geistigen Erkrankung bestehen, desgleichen ob auch andere Organ¬
erkrankungen dabei eine Bolle spielen. Immerhin wollen die Verff. in ihren Be¬
funden eine Bestätigung der Hypothese sehen, wonach die Hypoplasie der Neben¬
nieren dazu beiträgt, die Widerstandskraft des Organismus gegen krankheits¬
erregende Ursachen zu sohwächen, und wonach ferner die Hypertrophie der
Kortikalsubstanz gleichen Schritt hält mit der Involution der Nebennieren.
Forensische Psychiatrie.
56) Dte Bolle der Gefangenschaft in der Ätiologie der Geisteskrankheiten,
von E. E. Moravcsik. (Strafrechtliche Arbeiten. Budapest 1914.) Ref.:
Hudovernig (Budapest).
Verf. bespricht seine 20jähr. Erfahrungen, welche er als Gerichtspsychiater
und Leiter der justiziellen Landesbeobachtungsabteilung sammelte. Nach einem
literarischen Rückblick betont er, daß die Gefangenschaft viele solche psychische
und physische Momente hervorbringt, welche geeignet sind, die Funktion des
Nervensystems in ihrem Gleichgewichte zu stören. Verändertes Milieu, Ernährungs¬
verhältnisse, strenge Disziplin, verhinderte Wünsche, Begebungen und Pläne,
moralische Rückwirkung der Straffolgen, Bewußtsein des Freiheitsverlustes, ge-
brochene Hoffnungen und Besorgnisse können die allgemeine Ernährung, den
Schlaf, das vasomotorische Gleichgewicht stören, Blutarmut, mangelnde Ernährung
des Gehirns, funktionelle Störungen verursachen, namentlich bei bestehender
Disposition, bei degenerierten Personen. Wenn jwir aber den Einfluß der Straf¬
haft auf den psychischen Zustand werten, dürfen wir nicht vergessen, daß das
Zusammenwirken vieler schädlicher Momente seine kumulierte Wirkung betätigt.
Solche können sein: Alkohol, Lues, Trauma, Epilepsie, Hysterie und Folgen eines
unruhigen stürmischen Lebens. Bei den während der Detention geistig Erkrankten
fand Verf. in 42,8°/ 0 erbliche Belastung, bei 48,5% Schädeltrauma, bei 22,8°/ 0
Syphilis, bei 35,7°/ 0 Alkoholmißbrauch; bei 15,5°/ 0 war geistige Schwäche mit
Verminderung der moralischen Empfindung nachweisbar, körperliche und geistige
Degenerationszsichen bei 62,8 °/ 0 . Von den Fällen bezogen sich 85,7 °/ 0 auf
Männer, 14,3°/ 0 auf Weiber. Die überwiegende Zahl (72,7°/ 0 ) stand zwischen
dem 20. und 40. Lebensjahr. Ebenso stand die Mehrzahl wegen Verbrechens wider
das Leben und wegen Körperverletzung (Mord, Totschlag, gefährliche Körper¬
verletzung, 45,7 °/ 0 ) oder wegen Diebstahls und Unterschlagung (30°/ 0 ) unter
Untersuchung oder in Urteilsvollstreckung. Rückfällig waren 50°/ 0 .
Bei 42,87 °/ 0 der Gefangenschaftspsychosen handelte es sich um eine Ver¬
schlimmerung einer bereits bestehenden Psychose (Dementia praecox, Dementia
paralytica), und bei 16,99 °/ 0 entwickelten sich die psychotischen Erscheinungen
auf dem Boden der Hysterie oder Epilepsie. Nur bei einer geringen Anzahl der
Fälle war die ausschließlich während der Strafhaft entstandene psychische Er¬
krankung nachweisbar, und zwar in manisch-depressiver, halluzinatorischer und
paranoischer Form; die zwei ersteren zumeist im Beginne der Strafhaft mit
ziemlich günstigem Verlaufe, hingegen die letztere erst in einem späteren Stadium
(z. B. bei einem wegen Mordes zu lebenslänglichem Zuohtbause verurteilten Manne
erst im 8. Jahre der Haft). Namentlich erhalten durch die Gefangenschaft eine
spezielle Färbung die paranoischen Erkrankungen, wobei die Kranken über un¬
gerechte Strafe klagen, und zwar entweder in dem Sinne, daß sie Bich als frei-
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
956
gesprochen betrachten, oder daß sie meinen, ihre Strafzeit wäre bereits abgelaufen,
oder schließlich klagen sie darüber, daß sie die Strafe eines anderen abbüßen
müssen. In Begleitung von Verfolgungs- und Vergiftungswahn und derartigen
Sinnestäuschungen tritt ein hartnäckiger querulanter Zug in den Vordergrund,
aber auch Größen- und religiöser Wahn kann Vorkommen. So behauptete ein
Mann, die Wachen ermordeten allnächtlich einen Mann in der Nebenzelle, er höre
dessen Wehgeschrei, sein Todesröcheln, ebenso aach die Stimmen der Wachen,
daß sie nun auch bald mit ihm ein Ende machen wollten; man habe auch eine
Hexe gegen ihn gehetzt, welche ihm unflätige Worte zurufe. Zumeist zeigen
sich die Sinnestäuschungen auf akustischem Gebiet, diejenigen der anderen Sinnes¬
organe kommen seltener vor. Konfabulation und bei Hysterischen auch das Ganser sehe
Symptom pflegen vorzukommen.
Verf. erblickt in der Strafhaft bloß eine Gelegenheitsursache, welche die
Psychose auf Grund einer angeborenen oder erworbenen Disposition zum Ara¬
bische bringt.
III. Aus den Gesellschaften.
40. Wanderversammlung s&dwestdeutsoher Neurologen und Irrenirste
am 29. und 30. Mal 1915 ln Baden-Baden.
Ref.: Steiner (Straßbarg i/E.).
(Fortsetzung.)
Diskussion zu den vorausgegangenen Vorträgen:
Herr Weil (Straßburg) trägt die Erfahrungen vor, die in der Straßburger
Universitätsklinik für Ohren- und Kehlkopfkrankheiten bei Fraktionsprüfungen
des Ohres bei einer Reihe von Soldaten mit Granaterschütterungen, darunter auch
21 Fällen des Herrn Wollenberg, gemacht wurden. Bei fast allen fand Bich bei
intaktem Trommelfell eine mehr oder weniger starke Erkrankung des inneren
Ohres, sowohl des Hör- wie auch des Gleiohgewichtsapparates. Er macht auf die
pathologisch-anatomischen Befunde am Gortischen Organe, wie sie aus den experi¬
mentellen Untersuchungen Wittmaacks, Yoshiis u. a. nach Detonationen vorliegen,
aufmerksam und glaubt, daß es sich im menschlichen Labyrinth nach Granat-
ersohütterungen wohl um ähnliche Veränderungen handeln könne. Nicht immer
sei es leicht zu sagen, inwieweit das Ohr und inwieweit das Zentralnervensystem
bei der Granaterschütterung beteiligt sei; er empfiehlt daher, um der Lösung
dieser Frage näher zu kommen, recht bald nach dem Trauma Fälle von Granat¬
erschütterungen auch otologisch und, falls solche Verletzte zur Autopsie kommen
sollten, die Felsenbeine mikroskopisch untersuchen zu lassen.
Herr Gaupp (Tübingen) stimmt den Ausführungen Nonnes durchaus zu und
legt in Kürze die Gründe dar, die ihn veranlassen, bei den Wirkungen der Granat-
ersohütterung den seelischen Faktor in die vorderste Linie zu stellen, wie er dies
ja in seiner Abhandlung über die Granatkontusion bereits auf Grund umfang¬
reicher Erfahrung getan hat. Er erkennt dabei an, daß Kombinationen mit
organischen Veränderungen namentlich von seiten des Ohrs, aber auch des Gehirns
Vorkommen. In der Beurteilung der Lehre von der traumatischen Neurose steht
er genau auf dem gleiohen Standpunkt wie Nonne. Mit Hocke sieht G. die
Schwierigkeit, hysterische Krankheitsbilder nach Granaterschütt^rung als rein
psychogen zu deuten, hauptsächlich darin, daß angeblioh häufig im Moment der
Granatexplosion die Bewußtlosigkeit auftritt, so daß für eine psychische Wirkung
solcher Vorkommnisse kaum Zeit vorhanden zu sein scheint. Allein es ist doch
nicht zu vergessen, daß wir über den wirklichen zeitlichen Ablauf der Vorgänge
Digitized by
Gck igle
□ rigiral fre
UNIVERSITY OF MICHIGAN
957
infolge der häufigen nachträglichen Amnesie meist nichts Sicheres erfahren können
und daß wir auch keine klare Vorstellung davon haben, wie rasch sich in solchen
Momenten seelische Vorgänge abspielen können. Mag auch ferner bei der un¬
mittelbaren Wirkung der Granatexplosion auf das Nervensystem die physische
Erschütterung durch Luftdruck usw. eine gewisse Bedeutung besitzen, so sind
doch sicherlich für die Fortdauer und die weitere Ausgestaltung der psychogenen
Krankheitsbilder die seelischen Faktoren ausschlaggebend. Dies beweisen die
Erfolge der Therapie und vor allem die Wiederkehr ganz gleichartiger Zustände
unter sicherlich rein seelischen Einwirkungen. Derartige Beispiele hat G. in
seiner Schrift über die Granatkontusion gegeben, und seine seitherigen Erfahrungen
bestätigen durchaus das dort Geschriebene. s
Herr Weintraud (Wiesbaden) betont die verhängnisvolle Bolle, die unvor¬
sichtige und unzutreffende Äußerungen und Verordnungen am Krankenbett von
Kriegskranken bei der Entstehung und Fixierung psychogener Beschwerden spielen.
Wenn einem Kranken mit einem gut geheilten Lungenschuß von jedem Arzt, der
die Narbe in der Aortengegend sieht, immer wieder gesagt wird: „Sie können
ihrem Schöpfer danken, daß Sie überhaupt noch am Leben sind“, so wirkt der
psychische Shock bei ihm ebenso verhängnisvoll wie die Erkenntnis der überstan¬
denen Gefahr beim Reiter in dem Gedicht „Der Reiter und der Bodensee“. Es kommt
dazu, daß selbst der gebildete Laie von der psychogenen Entstehung von Be¬
schwerden noch gar nichts weiß und ohne Kenntnis eines solchen Zusammenhangs
neurasthenische usw. Beschwerden keineswegs motiviert findet, wenn man sie ihm
nur als „nervös“ bezeichnet. In vielen Fällen sind es ungerechtfertigte thera¬
peutische Maßnahmen, Warnung vor der geringsten Körperanstrengung bei einem
Herzneurastheniker, wochenlange Ulcusdiät bei einer Hämorrhoidalblutung, die
als „Magenverbluten “aufgefaßt wurde, usw., die zu Fixierung illegitimer Beschwerden
führen. Es müßten deshalb wenigstens im Heimatgebiet alle Kranken möglichst
frühzeitig von einem Facharzt gesehen werden können. Nur so wird das Optimum
der Behandlung erreicht. Es gehört dazu eben auch das Vertrauen des Patienten
zu seinem Arzt, das nicht gefördert wird, wenn unsichere Urteile und Ver¬
mutungen am Krankenbett geäußert und in die Krankengeschichten diktiert werden.
Vielmehr entwickeln sich dadurch neurasthenische und hypochondrische Vorstellungen
bei den Kranken, die später schwer zu beseitigen sind, wenn der Kranke in die
Behandlung eines anderen Arztes kommt, der die Entstehung dieser Symptome
bei ihm nicht mit erlebt hat.
HerrSaenger (zu Wollenbergs Vortrag): Bei der Granaterschütterung wird
viel von den Wirkungen des Luftdrucks, der giftigen Gase, der Erschütterung des
Körpers gesprochen. Zu wenig wird in Rechnung gezogen, daß feinste Granat¬
splitter in den Körper eindringen können, ohne äußerlich sichtbare Spuren zu
hinterlassen. S. führt einen Fall von einseitiger Erblindung eines Mannes infolge
einer Granatexplosion an. Die Untersuchung ergab eine rechtsseitige Optikus¬
atrophie. Daraufhin wurde von Albers-Schönberg eine Röntgenaufnahme ge¬
macht, die zahlreiche feinste Granatsplitter in der rechten Orbita feststellte.
Herr Saenger (zu Nonnes Vortrag) stimmt mit den Ausführungen des
Vortr. überein. In bezug auf die Behandlung bevorzugt er die Wacbsuggestion,
mit deren Anwendung er in einschlägigen Fällen Erfolge erzielt hat. Die Be¬
zeichnung „traumatische Kriegsneurose“ sollte man vermeiden.
Herr Lilienstein (Bad Nauheim-Giessen): Zur Kritik des Begriffs der trau¬
matischen Neurose und mit Rücksicht auf die Pathogenese dieses Krankheitsbildes
berichtet L. über die auffallende und überraschende Tatsaohe, daß bei Kriegsgefangenen
seiner Beobachtung Nervenkrankheiten und besonders funktionelle Störungen fehlen.
Auch die Erscheinungen der Granaterschütterung, wie sie von Wollenberg heute
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
958
dargestellt wurden, fehlen vollständig. Diese auffallende Tatsache läßt sieh kaum
ausreichend erklären. In Betracht kommen als Schutz der Nervengesundheit:
1. das Gefühl der Sicherheit, die Tatsache, daß die Gefangenen den Aufregungen
des Kampfes und der Lebensgefahr entzogen sind, 2. der Fortfall des Alkohols,
3. die sexuelle Abstinenz, 4. die Diät, 5. die streng durchgeführte Nachtruhe
von 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Andrerseits fehlen natürlich schädigende
emotionelle Momente nicht: Trennung von der Heimat, ungewohnte Umgebung usw.
Herr Brodmann (Tübingen) möchte in Übereinstimmung mit Herrn Wollen¬
berg auf das kominotionelle Moment bei Granatexplosionen größeren Nachdruck
legen, als es vielfach geschieht. Durch Fortsohleudern, Fall oder den gewaltigen
Gasdruck allein kommen ErschütterungsWirkungen mit organischen Läsionen
innerer Organe trotz intakter Körperoberfläche vor, wie wir von Brust- und
Bauchkontusionen wissen. Schädigungen ähnlicher Art können sich auch am
Gehirn (und Rückenmark) geltend machen.
Herr Wollenberg: Hinsichtlich der traumatischen Neurose stehe ich auf
dem Standpunkt von Herrn Nonne; ich sehe in ihr lediglich einen ätiologischen
Begriff, einen Sonderf&ll anderer bekannter Krankheitsformen. Herr Gau pp ist
auf meine Ausführungen hinsichtlich der Häufigkeit positiver Befunde am Gehör¬
organ nicht eingegaogen, pflichtet mir aber, wie ich sehe, bei. Herr Aschaffen¬
burg hat auf breiterer Grundlage ausgeführt, was ich mit Bezug auf das Gehör¬
organ gesagt habe. Hinsichtlich der tatsächlichen Feststellungen an diesem und
ihrer Bewertung muß ich die Verantwortung natürlich unserem otologischen Be¬
rater überlassen. — Ich stehe auch durchaus auf dem Standpunkt, daß die uns
hier beschäftigenden Krankheitsbilder im wesentlichen emotionell oder psychogen
sind, meine aber, daß man doch in jedem Fall recht sorgfältig nach etwa gleich¬
zeitig vorhandenen organischen Veränderungen suchen sollte. — Die Zentralisierung
einer größeren Anzahl von Nervenkranken ist nicht unbedenklich wegen der gegen¬
seitigen ungünstigen Beeinflussung. Wenn bei Kriegsgefangenen die erwähnten
hysterischen und anderen psychischrnervösen Störungen von verschiedenen Beobach¬
tern vermißt worden sind, so ist dies wohl dadurch zu erklären, daß bei ihnen
eben die innerlich erregenden Momente schon fortgefallen sind; solche Beobach¬
tungen beweisen aber nicht, daß nicht auch da früher nervöse Störungen bestanden
haben.
Herr Feldmann (Stuttgart, z. Zt. Breisach) hat unter vielen Kranken, die
bisher sein Lazarett passiert haben, viele Nervenkranke gehabt, und zwar über¬
wiegen nach seiner Ansicht bei den aus dem Feld Eingelieferten die Herzneurosen
— sie finden sich in außerordentlich hoher Zahl —, unter den aus der Festung
Eingelieferten die Degenerierten, zu denen besonders die aus dem unausgebildeten
Landsturm formierten Armierungskompagnien ein hohes Kontingent stellen. In
den letzten Monaten mehren sich durch die schweren Artilleriekämpfe alle Arten
von Neurosen, ebenso treten mehr leichte Depressionspsychosen auf. Bezüglich
dieser Fälle scheint es dem Vortr. von Nachteil zu sein, wenn man solche Fälle
in einzelnen Lazaretten anhäuft, da sie zweifellos einander ungünstig beeinflussen.
Sie sind zunächst nicht felddienstfähig, auch nicht garnisondienstfähig, aber gerade
für sie eignet sich besonders die von der Heeresverwaltung neuerdings eingeführte
und sehr brauchbare Charakterisierung als- arbeitsverwendungsfähig. Die Leiter
der Lazarette müssen hiervon einen möglichst weitgehenden Gebrauch machen und
dafür sorgen, daß die neurasthenischen Individuen sobald wie möglich einer ihrer
bürgerlichen Hantierung angenäherten Arbeit im Heeresdienst zugeführt werden.
Herr Poppelreuter (Cöln) äußert sich kurz zur Prüfung der Arbeitsfähig¬
keit bei Neurosen.
Herr Aschaffenburg: Ich bin wohl falsch verstanden worden. Nicht bei
Luftdruck, sondern bei Streifschüssen, auch solchen ganz oberflächlicher Art, kann
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
959
es zur Absprengung von Knochensplittern kommen. Ich erkenne die Schwierig¬
keit an, bei Blutungen im Auge mit aller Bestimmtheit auszuschließen, daß nicht
doch ein Klumpen Erde, ein Stück Holz oder ein feines Sandkörnchen das Auge
getroffen haben kann, zumal die Erinnerung an die Vorgänge meist nicht klar
ist oder ganz fehlt. Aber es sind dooh Fälle beobachtet worden, in denen kein
Zweifel besteht, daß keine andere äußere Schädigung das Auge getroffen hat als
der Luftdruck. Was für das Ohr als feststehende Tatsache anerkannt ist, kann
doch auch für das Auge nicht gleichgültig sein. Ich sehe wirklich nicht ein,
weshalb die mechanische Gewalt des Luftdrucks einer vorbeisausenden oder einer
platzenden Granate, durch den die Umstehenden meterweit fortgesohleudert werden
können, geringer eingeschätzt wird als die eines gegen das wohl meist geschlossene
Auge fliegenden Erdklumpens. Ich lege übrigens nur deshalb Wert darauf, den
Luftdruck unter die übrigen mechanischen Ursachen (Fall, Stoß, Schlag, Ver¬
schüttung) der Folgen der Granatezplosionen einzureihen, weil er oft die einzige
Erklärung für die Entstehung einzelner Störungen ist. Den Nachweis solcher
organischer Störungen aber, die nach meinen Beobachtungen bei Granaterschütte¬
rungen so überaus häufig Vorkommen, halte ich deshalb für überaus wichtig, weil
manche klinischen Bilder ohne Annahme anatomischer Veränderungen nicht zu
verstehen sind, und weil wir hoffen dürfen, durch derartige organische Merkzeichen
eher hinter die Vorgänge zu kommen, auf denen die traumatische Demenz beruht.
Wenn auch das Vorhandensein klinischer Zeichen organischer Veränderungen viele
Kranke vor dem Verkennen ihrer Beschwerden als simulierter schützen kann,
ao kommen wir natürlich dem Wesen der psychogenen Erscheinungen keinen
Schritt näher. Die Granatfolgen sind nur ein leicht übersehbares Beispiel der
vielen, bei denen sich, wie ich ausgeführt habe, psychisch-nervöse mit organisch-
nervösen Symptomen verbinden und durchkreuzen. So verlockend es ist, von
diesem Zusammenvorkommen aus theoretischen Erwägungen über innere Zusammen¬
hänge der Erscheinungen nachzugeben, so überwiegt für den Augenblick das
praktische Interesse unserer Kranken, die empfindlichen Schaden leiden können,
wenn über der Vordringlichkeit der einen Symptomenreihe die andere über¬
sehen wird.
Herr Dinkler (Aachen) hebt die Abhängigkeit des nervösen Zustandsbildes
von den schädigenden auslösenden Einflüssen während der verschiedenen Phasen
des Feldzuges hervor; so ist ihm im Anfang, wo außer begreiflicher höchster
Erregung an der Grenze größere Marschleistungen bei großer Hitze den ungeübten,
durch den Druck des Tornisters beschwerten Soldaten ermüdet haben, ein eigen¬
artiges Krankheitsbild, große Dyspnoe bei dauernder Inspirationsstellung und ober¬
flächlichster Atmung mit Kollapserscheinungen, aufgefallen. Die Erklärung liegt
wohl unter dem großen psychischen Druck relativ nabe; die BrustmuBkulatur, die
Atemmuskeln sind überanstrengt, und so entwickelt sich ein eigentümlicher Krampf¬
zustand in den übermüdeten bzw. überreizten Gebieten des Nervensystems. Nach
<ein bis zwei Tagen sind diese als schwere Pneumonien oder als Moribunde ein¬
gelieferten Fälle glatt abgelaufen. Venn September 1914 ab war dieser Symptomen-
komplex gänzlich verschwunden. Bezüglich der Auffassung der funktionellen
Neurosen, ihrer Prognose und Therapie gleichen Beine Erfahrungen denen der
Kollegen Nonne, Saenger, Gaupp, Wollenberg.
Herr Bartels (Lima-Straßburg): Bezüglich der Annahme, Blutungen am
Augenhintergrund seien lediglich durch den Luftdruck einer „Granaterschütterung“
hervorgerufen, muß man Behr vorsichtig sein. Theoretisch wäre ja starke Luft¬
verdichtung und Verdünnung als Ursache denkbar, aber in keinem der beobachteten
sehr zahlreichen frischen Verletzungen konnte mit Sicherheit der Luftdruck als
Ursache von Blutungen im Auge angenommen werden. Man muß stets daran
denken, daß bei einer solchen Explosion die Personen gegen irgendwelche Gegen-
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
960
Digitized by
stände geschleudert werden können, oder daß stumpfe, nicht harte Gegenstände
durch den Explosionsdruck gegen das Auge geworfen werden, ohne äußeriieh
sichtbare Verletzung. Ich habe auch bei den sehr zahlreichen Verletzungen
anderer Körperstellen durch in unmittelbarer Nähe platzende Geschosse nie Blu¬
tungen am und im Auge bemerkt, die nioht direkte Geschosswirkung waren durch
Splitter usw. In einem einzigen Fall von Tangentialschuß des Schädels sah ich
Blutungen am Augenhintergrund, die nicht durch die Schädelfraktur oder durch
Verletzung des Auges erklärbar waren, trotzdem möchte ich auch hier vermuten,
daß stumpfe Gewalt einwirkte, da Patient bewußtlos niedergefallen war. — Zur
Vermeidung traumatischer Neurosen scheint mir am wichtigsten die Beurteilung
aller Verletzungen durch einen sehr sachkundigen Chirurgen, der kurzerhand bei
nichtschweren organischen Veränderungen die Verwendungsfähigkeit bestimmt, ohne
durch allzuviel Bedenken, die Bich einem Neurologen naturgemäß auf drängen,
gehemmt zu sein. Jedenfalls sah ich eine gute Wirkung solcher chirurgischer
unbewußter Wachsuggestion. Zum Schluß möchte ich noch im Anschluss an
einige Vortr. auch auf das Vorkommen von Epilepsie bei schwerverletzten, über¬
anstrengten Soldaten hinweisen, die hereditär in keiner Weise belastet waren. Ich
sah einen solchen Fall bei einer Oberschenkelfraktur mit schwerer Gasphlegmone.
Es handelte sich um Absenzen und fast unbemerkte Anfälle, aber mit schweren
Zungehbissen, bei einem vorher und hereditär völlig freien Soldaten.
Herr Beyer (Roderbirken): Als Chefarzt eines Nervenlazarettes möchte ich
mich dagegen wenden, daß die Einrichtung solcher Nervenlazarette als unzweck¬
mäßig bezeichnet wird. Ungeeignet ist wohl die Anhäufung von Nervenkrankes
in einzelnen Abteilungen der gewöhnlichen Lazarette, wo die Patienten auf großes
Sälen zusammenliegen und nicht die Einrichtungen und Raumverhältnisse haben,
wie sie in einer Nervenheilstätte vorhanden sind. Die Friedenserfahrungen is
Roderbirken erweisen, daß man Nervöse auch in größerer Zahl zusammen ver*
pflegen und erfolgreich behandeln kann, und das Gleiche zeigt sich jetzt, seitdem
das Vereinslazarett Roderbirken ausschließlich mit nervenkranken Soldaten belegt
wird. Warnen möchte ich davor, Nervenkranke auszumustern und in die Heimat
zu entlassen, denn dann kommt es leicht vor, daß anscheinend verschwundene
Krankheitserscheinungen wieder auftreten und neue Ansprüche an die Militär*
Verwaltung hervorrufen. Am zweckmäßigsten ist also zunächst die Überweisung
an ein Nervenl&zarett zur Spezialbehandlung und dann die Wiedereinreihung sh
arbeite ver wen dungsfähig.
Herr Nonne: Besonders häufig werden Kranke mit Neuritis tibialia trau¬
matica (Verletzung des N. ischiadicus hoch oben oder in der Kniekehle) verkannt
und ihre Schmerzen als „funktionell“, „hysterisch“ bezeichnet. Die elektrische
Untersuchung klärt in solchen Fällen häufig die Sachlage durch Nachweis too
E ntartungsreaktion in der Muskulatur des Groß- und KleinzehenballenB auf.
Herr Wollenberg: Ich bin keineswegs ein Gegner der Nervenlazarette
überhaupt, sondern nur solcher, in denen keine Arbeitsgelegenheit vorhanden ist.
Die von mir angeregte und in neuester Zeit in Straßburg zur Ausführung g*•
kommene Einrichtung einer Art ländlioher Militärnervenheilstätte mit reichlicher
Gelegenheit zu Garten- und Feldarbeit gewährt neben anderen Vorteilen aoch
den, daß man die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Genesenden viel be s s er be¬
urteilen kann, als bei der Untersuchung im Krankensaal.
(Fortsetzung folgt.)
Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel
in Berlin W, Augsburgerstr. 48.
Verlag von Vmt & Comp, in Leipzig. — Druck von Mbtzgbe & Wime in Leipzig
Gck igle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Register 1915
I. Originalaufeätze.
Seite
1. Psychiatrisches and Neurologisches aus dem Felde, von Kurt Mendel ... 2
2. Operationsbefund bei anscheinend kompletter Rückenmarksquerläsion durch Schu߬
wunden, von Dr. L. J. J. Muskens. 7
3. Kriegsneurologische Beobachtungen und Betrachtungen, von L. Bruns .... 12
4. Ein Fall von Wirbelschuß mit Verletzung der Cauda equina, von C. Ben da. . 15
5. Krankendemonstration zur Kriegsneurologie, von H. Oppenheim.49
6. Intra vitale und postmortale Hirnschwellung. Eine Berichtigung der letzten Aus¬
führungen Rosentals, von Prof. Martin Reichardt.55
7. Eine neue Methode zur Färbung der Neuroglia, von Ramön y Cajal. ... 82
8. Einige Bemerkungen zur Diagnose des Hirntumors anläßlich eines operierten
Falles, von Milt Oeconomakis.87
9. Zur operativen Therapie der Schuß Verletzungen der Wirbelsäule und des Rücken¬
marks, von Kurt Goldstein ..114
10. Zur Pathogenese der im Krieg auftretenden psychischen Störungen, von Dr. Hein-«
rieh Bickel.117
11. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. I. Brown-Sdquardsehe Lähmung
mit Lähmung des Halssympathicus nach Schuß Verletzung, von Prof. Dr. Emil
Redlich.146
12. Ober Polvneuritis, als Begleiterscheinung nervöser Erschöpfungszustände im Kriege.
von Prof! L. Mann.150
13. Ober isolierte Thermanalgesie eines Beines nach Schußverletzung des obersten
Brustmarks, von Max Rothmann. 153
14. Ober einige eigentümliche systematische postmortale Veränderungen der Nerven¬
fasern des Rückenmarks, von Dr. Giosue Biondi.178
15. Zur Frage der Rückenmarksschüsse, von Prof. Dr. Otto Marburg.184
16. Ludwig Edinger zur Vollendung seines 60. Lebensjahres, von Max Rothmann 210
17. Die Bedeutung des endogenen Faktors für die Pathogenese der Nervenkrank¬
heiten, von Prof. Heinrich Obersteiner.212
18. Zur Anatomie und Physiologie der Pyramidenbahn und der Armregion, nebst Be¬
merkungen über die sekundäre Degenerafion des Fasciculus centroparietalis, von
C. v. Monakow.217
19. Neue klinische Beiträge zur topischen Diagnostik akuter Herderkrankungen des
verlängerten Markes und der Brücke. Ludwig Edinger zur Feier seines 60. Ge¬
burtstages gewidmet, von Adolf Wallenberg.224
20. Anatomischer Beitrag zur Fra(je der zerebellaren Pyramide, von Karl Schaffer 248
21. Ein weiterer Fall von alkobologener reflektorischer Pupillenstarre, von M. Nonne 254
22. Zur Pathologie des Bewußtseins vom eigenen Körper. Ein Beitrag aus der Kriegs¬
medizin, von A. Pick. 257
23. Weitere Erfahrungen über Vital-8charlach VII, von Dr. Paul Röthig .... 265
24. Demonstration einer katatonieartigen Erscheinung beim Gesunden (Katatonus-
versuch), von O. Kohnstamm.290
25. Typhuspsychosen im Felde, von Dr. MaxSeige .291
26. Die Relationen des Palaeencephalons (Edinger) sind nicht fix, von A. Marina . 338
XXXIV. 61
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
— 962 —
Seile
27. Zur Frage der „Myohypertrophia kymoparalytica“ H. Oppenheims, von Hans
C urschmann.346
28. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. II. Zwei Fälle von einseitigen
multiplen Hirnnervenverletzungen, von Dr. Richard Reznißek.370
29. Einige Bemerkungen Uber Feindsch&ftsgefühle im Kriege, von Priv.-Doz. Dr. med.
J. H. Schultz.373
SO. Isolierte Lähmung des N. glutaeus superior durch Schußverletzung, von Pani
Schuster.41S
81. Zum Katatonusversuch (Kohnstamm), von Max Rothmann.421
32. Das „Zerrungssymptom“ bei Erkrankungen der Cauda equina, von Prof. Her¬
mann Schlesinger..450
33. Über die Rolle des Nervensystems in der Genese der Stoffwechsel- und Konstita-
tionskraukheiten, von AdolfOswald.452
34. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. III. Über eine ungewöhnliche
zerebrale Erkrankung nach Schrapnellverletzung, von Prof Dr. I. P. Kar plus . 456
35. Zur traumatischen Neurose im Kriege, von H. Oppenheim.514
36. Zur genaueren histologischen Charakteristik der Ganglienzellschwellung, von Karl
Schaffer.518
37. Über Spätabszesse nach Schuß Verletzungen des Gehirns, von Prof. Dr. Otto Mar¬
burg und Prof. Dr. Egon Ranzi.546
38. Über einige Beobachtungen bei Schußverletzungen im Umkreis der Wirbelsäule
und des Rückenmarks, von Dr. Artur Stern.550
39. Über Schuß Verletzungen der peripheren Nerven, von Prof. A. Bittorf . . . . 556
40. Zur Differentialdiagnose zwischen arteriosklerotischen und urämischen Zerebral*
Störungen, von Prof. H. Strauss.594
41. Bemerkungen über Beteiligung der M. intercostales bei Hemiplegie, und zwar bei
solcher a) kapsulären, b) kortikalen Charakters, von G. Bikeles.595
42. Zur Therapie der Alkoholpsychosen, von Dozent CarlHudovernig . . . . 596
43. Zerebellare Symptomeukomplexe nach Kriegsverletzungen, von Dr. Kurt Löwen¬
stein .626
44. Zum Andenken 'an Max Rothmann. von H. Oppenheim.674
45. Untersuchungen Uber Adrenalinmydriasis bei Geisteskranken und Gesunden, von
Dr. W. M. van der Scheer . 677
46. JSin Fall von Tabes dorsalis mit akut einsetzenden ungewöhnlichen Koordinations-
Störungen am Rumpf, von G. Bikeles.707
47. Zur Benennung nervöser Zustände in Gutachten, von W. Cimbal.710
48. Zum Streit über die traumatische Neurose, von Dr. Kurt Hildebrandt. . . 715
49. Über die vermehrte Schweißabsonderung auf der gelähmten Seite (nach Pilokarpin¬
injektion) bei kortikalen Läsionen, von G. Bikeles und Josef Geratmann . 770
50. Versuche mit schweißtreibenden Mitteln bei einem Fall von kompletter spastischer
Paraplegie infolge Karies des 9. Brustwirbelkörpers, vod G. Bikeles und Josef
Gerstmann.773
51. Über das Nachbewegungsphänomen (Katatonusversuch von Kohnstamm), von Dr.
J. Csiky.775
52. Über falsche Innervation (Innervationsentgleisung), von H. Oppenheim . . . H'2
53. Über die reflektorischen kompensatorischen Augenbewegungen bei beiderseitiger
Ausschaltung des N. vestibularis, von G. Bikeles und Doz. Erich Ruttin . . 607
54. Die Neurosen nach Kriegsverletzungen, von H. Oppenheim .61 1 - 1
55. Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegsverletzungen, von Stabsarzt d. R.
Juli,us Friedländer.Sl*
56. Erwiderung auf vorstehende Mitteilung, von Dr. Kurt Löwenstein .... $1*
57. Zur Topographie der Sensibilitätsstörungen am Rumpfe bei der zerebralen Hemi-
aiiä^lhesie, von Prof. Dr. Emil Redlich.SM?
58. Zur Kenntnis der tigrolytischeu Ganglienzellschwellung, von Dr. F. J. Stuurm&n 856
59. Klinischer Beitrag zur Schädigung der peripheren Nerven bei den Erfrierungen
infolge Dmclmässung, von Dr. Georg Stiefler. 88-’
60. Zur traumatischen Neurose im Kriege, von Dr. Bunnemann. j
61. Lipodystrophia progressiva, von Dr. med. Ernst Jolowicz. 930 j
Digitized by
Google
i
j
Original ffom
UNIVERSITY OF MICHIGAN
anJ
963
Seite
n. Gesellschaftsberichte.
Ärztlicher Verein in Hambarg.41. Bl 7. 364. 408. 498. 617
Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 69. 136. 282. 321. 443.
537. 614. 664. 914
Berliner vereinigte ärztliche Gesellschaften. 47. 107 134
Kriegsärztlicher Demonstrationsabend in der Nervenheilanstalt von San.-Rat Dr. K. Edel
in Charlotten barg.....590
Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien...173
XL. Wanderversammlung der südwestdeutschen Neurologen und Irrenärzte am 29. und
30. Mai 1915 in Baden-Baden.919. 956
m. Namenregister.
(Die mit * bezeichnten Ziffern bedeuten: Literaturangaben. — Die in Parenthese
eingeklammerten Zahlen bedeuten: Bemerkung in der Diskussion; die fettgedruckten Zahlen:
Aaser: Poliomyel. in Norwegen
526.
Abbot: *334.
Abrahams: *336.
Abranovitseh: *336.
d’Abundo: Serotherapie der
Paralyse 35.
Adda: Gigantismus ohne Akro-
meg. 845.
Adolph!: *368.
Agazzi: Basale Himnerven bei
Mening. 691.
Agostini: Stirnhirntumor 385.
Balkentumor 389.
Äichbergen, v.: Kropf u. Kreti¬
nismus 838.
Aikin *671.
AJbrecht: *510.
Asthen. Infantil, des Weibes
840.
Chorea gravidarum 912.
Alexander, A.: *331.
KJeinhimzysten 360.
— G.: *330.
Otogene Spät mening. 695.
— Karl: Tetanusbehandlung
93. *334.
— Willi: *330.
Großhirntumor 493.
Alin: *669.
Allen: Rückenmark bei Über¬
druck 296.
Allere : Stickstoffausscheidung
u. Epilepsie 753.
Allis: *329.
Alt: *510.
Musikal. Leistungsvermögen
572. *671.
Kohlenoxydvergiftung 941.
Originalmitteilungen.)
AmberJer: Tumoren der Dura
mater spin. 297.
Ammann: Häufigk. der epil.
Anfälle 751.
Amoss: *331. *609.
Poliomyelitis 522. *669.
Anders: *333.
Andrews: *331.
Angela: Zwangslachen ü.
-weinen 485.
Angerer: Tetanus behänd!. 64.
*334.
Antheaume: Remission bei
Taboparal. 28.
Anton, G.: Psycbiatr. Vortr. 40.
d'Antona: Huntingtonsehe
Chorea 123,
Antoni: *332. *333.
Dermatosen bei Hysterie
742.
Armbrusten *329.
Arad: *334.
Arnheim: *331. *672.
Behandl. Subjekt. Ohr¬
geräusche 735.
Arnoldi: *876.
Aronsohn: Psychol. Urspr. des
Stotterns 579.
Arsimoles: Gefängnispsychosen
40.
Psychose bei Chorea 127.
Artom: *876.
Arzt: *334.
Asayama: Aphasie bei Japa¬
nern 661.
Asch, R.: *333.
Aschaffenburg: Organ, u. nicht-
organ. Nervenstör. 925.
( 958 ).
Aschenheim: Störungen der
Herztätigkeit 611.
Aschoff: Tetanus 577. *670.
Audenino: Rückenmark ' bei
Paralyse 37.
Knochen in den gelähmten
Gliedern 529.
Auer: *509. *878.
Auerbach, S.: Chirurgie u.
Nervenheilk. 203.
Schußverl. peripher. Nerven
310. *332.
Aufbrauchtheorie u. Läh¬
mungstypen 467. *511.
* 668 .
Galalith zur Tubulisation der
Nerven 903.
Augus: Subkortik. Hirntumor
387.
Ausch: Schuß verletz, der Hirn-
nerven 899.
Austregesilo: Atroph, musc.
progr. bei einem Neger 653.
Myoklonie-Epil. 755.
Axenfeld: *879.
Axhausen: *879.
AyTes: Myoklonie-Epil. 755.
Baade: *671. *879.
Babäk: Atemzentrum 722.
Tätigk. d. Nervenfasern 726.
Babbit: *511.
Babes: Liquor bei Hirnblutung
481.
Babinski: Rückenmarkstumor
297.
Babitzki: Chirurgie der Him-
geschwüiste 396.
61 *
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
964
Bacigalupo: *508.
Behänd!. der tuberk. Me-
ning. 699.
Baehr, E.: *332.
Mult. Sklerose 647.
Baeyer, v.: Neues Symptom bei
Tabes 24. *511.
Baglioni: Kompression der
Zerebrospinaiachse der
Kröte 273.
Bahr: *880.
Bailey: *331.
Bainbridge: *332.
Bajenow: Katastrophen u.
psych. u. Nervenkr. 65.
*367.
Ball: *876.
Ballaban: Orbitogener Him-
abszeß 353. *509.
Ballanii: Himchirurgie 397.
Ballard: *333.
Balthazard: Tod nach Sal-
varsan 162.
Bandettini di Poggio:, Hirn¬
tumor 392.
Bannes: Hirnabszeß nach
Zahnerkr. 355. *669.
Barakov: Epilepsiebehandlung
759.
Baranus: Diffuse Meningeal-
karzinose 700.
Bäräny: *331.
Flocculus des Kaninchens
356.
Primäre Wundnaht bei
Sohußverletz. 495. *509.
*670. *879.
Barbach: *510.
Barbieri: Abbaustoffe des Hirns
bei Paralyse 36.
Barde: Agenesie des Balkens
572.
Barnes: Lues cerebri 195.
Syphilit. Psychosen 195.
Bartels: (959).
Barth-Wehrenalp, v.: *333.
Phyrik. Ther. des Based. 832.
Barthälemy: Meningealblutung
700.
Barton: *510.
Postdiphther. Lähm. 797.
Basile: *876.
Bass: *329.
Adrenalin u. Gehirn 721.
Bassoe: Halbseitige Hypertro¬
phie 657.
Bastiaanse: Himkarzinom 390.
Bauer, J.: Mening. ser. spin.
174.
Korabin. organ. u. funktion.
Nervenstör. 175.
Baumei: Hirntuberkulose 384.
Bausch: Ninhydrinreakt. u.
Kaninchenhirn 463.
Bause: Halluzin. bei Paralyse
30.
Becher, H.: *332.
Beck: *329. *669.
Kühlung u. Rindenerregbar-
keit 722. *877.
Becker: *880.
— C.: Kriegsverl. des periph.
Nervensyst. 123. *335.
Beer: Rigidität der Wirbel¬
säule 305. *331. *670.
Beeson: *333.
Behr, C.: *329. *332.
Gliöses Gewebe im Sehnerv
463.
Behring, v.: Tetanusserum 64.
*334. *510.
Beifeld: *670.
Beinhold: Traumat. Neurose
106.
Belem: *367.
Bellazzi: *670.
Belong: Dystroph, musc. de¬
form. 654.
Myatonie 656.
Benda, C.: Wirbelschuß mit
Verletz, der Cauda 15.
(108). (136). *876.
Benedek: Augenkrisen 27.
Insel 564.
Benedikt: *670.
Benon: *335.
Benussi: *367.
Berblinger: *508. *876.
Extremitätennerven nach
Verletz, durch Nahschüsse
903.
Berend: Magnesiumsulfat bei
Spasmophilie 132.
Berg, Sigurd: Enzephalitis im
Pons 478.
Bergeim: *333.
Berger: *671.
— Hans, Neosalvarsan 159.
Bergeret: Brown-S6quardsche
Lähm. 302.
Berghahn: *333.
Akromeg. 844.
Bergl: Pupillenstarre nach
Schädeltrauma 780. *879.
Bergmann-Grunwald: *336,
Bergmark: Zerebr. Lähm. 471.
B6riel: Stimhimgliom 385.
Beritoff: *329.
Berkley: *880.
Berliner: Hyster. Monoplegie
734.
Bermann: Gefäßreflexe 201.
Bernhardt, M.: Brown-S6-
quardsche Lähm. 302.
Kriegs verletz, der periph.
Nerven 309. *331. *334.
♦509. *671.
Errötungsfurcht 738.
Digitized by
Gck igle
Bernstein, E. P.: Himabszeß
349.
Bertoloni: Experim. Alkohol¬
vergift. 100.
Bertolotti: Polydaktylie u.
Hypophysentumor 842.
Berze: Sanatogen bei Irren 105.
*366. *367.
Bessere: Cocainismus 943.
Beyer: (960).
Biach: Liquor cerebrospinalis
nach Neosalvarsan 166.
*335.
Dyston. musc. deform. 654.
Bi&nchini: Anleitung fürs
Pflegepersonal 582.
Bibergeil: Famil. Myopathie
655.
Bickel, H.: Pathogenese der im
Krieg auftretenden psy¬
chischen Störungen 117.
Bielschowsky, A.: *876.
— M.: *329. *508. *876.
Biesalski: *508.
Bietti: *335.
Bigelow: Liquor bei Lues cere*
brospin. 190. *331. *509.
Bikeles: *329.
M. intercostales bei Hemi¬
plegie 595 .
t Tabes mit Koordinationsstor.
am Rumpf 707 .
I Kühlung u. Rindenerregb.
| 722.
Schwei ßabsonder. bei Hemi¬
plegie 770,
bei spast. Paraplegie 773.
Augenbewcg. u. N. vestibul.
807. *877.
Billström: *335.
Bing: *877.
Binswanger: *366.
Kriegshysterie 609. *878.
Biondi: Postmort. Verand. der
Nervenfas. des Rückenm.
178. *668.
Bircher: Tetanie bei abdomi¬
nellen Affektionen 13L
Birnbaum, K.: Psychopathi¬
sche Verbrecher 208. *511,
*668. *880.
Bischoff, E.: Zwangsarbcits-
anst. Komeuburg 767.
BisseU: *511.
Bittorf: Schußverletz. der
periph. Nerven 550.
Rückenmarksschüsse 604.
| Neurosen nach Granatexploa.
642. *671. *876. *878.
! Black: *508.
j Prophylakt. Impf, bei Me¬
ning. cere brospin. 692.
| Blair: *330. *670.
| Blässig *671.
Original fro-m
UNIVERSITf OF MICHIGAN
965
Blau: *510. *668.
Nasale Reflexneurosen 735.
Bleuler: Trinker behandl. in
Anstalten 98. *368. *512.
Frühe Entlassungen 582.
Schizophrenie 657.
Bloch: *671. *880.
— J.: *512.
Behandl. der sex. Insuffi¬
zienz 533.
— M.: Hyperalbumin ose des
Liquor bei Lues 169.
Block *368.
Blomberg, v.: Hydrozephalus
702.
Blum, D.: Beseitig, der Hyper¬
ämie des Gehirns 486.
Blumenthal, F.: Tetanus 19.
*334. *510. *670.
Blüwstein: *336.
Epithelkörperohen u. Paral.
agit. 871.
Boas, K.: Sexualpatholog. aus
dem Weltkriege 867.
Boehm: *510.
Boenheim: Intoxikation nach
Tetanusserum 94. *334.
Lokal, des Tastsinns 471.
Boettiger: Streifschuß am r. Os
pariet. 41.
Rückenmarksläsion 41.
Kopfschuß 409.
Halsschuß 410. (502).
Böhme: Enuresis im Felde 612.
Bökay, v.: *330. *508.
Heilung der tuberk. Mening.
699.
Hydroceph. int. 703.
Bolo: *330.
Angiom der motor. Region
389.
Sarkom der motor. Region
492.
Bolten: *334.
Epilepsie 747.
Bolzani: Pottsche Krankh. 308.
Bonhoeffer: Psychiatrie u.
Krieg 63 u. 906. (70).
Granatexplosionslähmung
73. (77). (78). (139).
Kleinhirn brückcnwinkel-
tumor 282. *367.
Psychiatrie u. Neurol. 438.
*508. *511. (539).
Epilepsie im Feldzuge 611.
(665).
Hysterie, psychopath. Kon-
stit. u. Hebephrenie im
Felde 781. *876. *878.
Verantwortlichk. des Irren¬
arztes bei Selbstmord 913.
(914).
Bonhomme: Paralyse behandl.
32.
Bonvicini: *330.
Boorstein: *333.
Borchardt, L.: Rückenmarks¬
schußverletz. 137. (139).
(144).
Ersatz der Deltawirkung 283.
(284).
Rüokenmarksschüsse 324.
(446).
Ulnarislähm. 448. *512.
Medianus Verletzung 617.
Symptomat. Psychose 649.
*879.
— M.: (286).
Mensch ohne Cauda equina
538.
Medianuslähm. 540. *879.
Börger: Arachnodaktylie 729.
Börner: *670.
Bornstein: Wirbelsäulen¬
osteome 304. *329.
Borattau: *880.
Botten: *336.
Böttger: Funktion. Stimm¬
bandlähm. 643. *878.
Bouchä: *330.
Bouttier: Fußdeform, bei Tabes
25.
Bouwijdijk, v. Bastiaanse: *330.
Boveri: Neue Liquorreaktion
198. *329. *331.
Boyd: Heredit. Chorea 127.
Boyle: *367.
Brach: *668.
Serumther. der Genickstarre
692.
Brandt: *878.
Brasch (Nürnberg): Herzneu¬
rosen 610.
Braun: *335.
Braunshausen: *671.
Bregman: *668. *875.
Breiger: *512.
Körperl. Frtihsympt. der
Dem. praec. 704.
Brelet: *334.
Bresler: Tetanus 781. *878.
Briese: Psychose durch Insola¬
tion 106.
Brill: *367. *508.
Brinckmann: Dermographie im
Kindesalter 740.
Brissot: Infant. Paralyse 29.
Brockmann: *668.
Pseudomening. bei tuberk.
Kindern 699.
Brodmann: (958).
Brodsky: *367. *878.
Broeckaert: *332.
Brose: Ophthal moplegia in¬
terna nach Blei vergift. 942.
Brouwer: Himstamm eines
Taubstummen 268.
Brown: *335. *671.
Bruce: Dystr. musc. progr. 653.
Bruck, E. : *332.
Brückner: *367.
Brtinger: Basedow u. Thy¬
reoiditis 833.
Bruns, L.: Kriegsneurolog. Be¬
obacht. 12.
Therapie bei Kriegsverletz.
778. *879.
Brunzel: Ischiadicusneuralgie
nach Schußverl. 607. *671.
Büchner: *368.
Bucura: Endokrine Tätigkeit
des Eierstocks 822.
Budul: Vergleich. Rassenpsych.
438. *511.
Buerger: *510.
Bufe: Ureabromin bei Alkohol¬
entziehung 97.
Kalmonal 134. *368.
Bula: *336.
Nukleinther. bei Paral. agit.
874.
Büller: *509. *876.
Bumstad: *509.
Bumsted: Basedow 832.
Bunge, v.: *670.
Bunnemann: Leibseelenfrage
441.
Traumat. Neurose im Kriege
888 .
Bur: Neurosen der Kindheit
740.
Burohard: Sexuelle Fragen zur
Kriegszeit 407.
Bürgi: *878.
Burke: *877.
Burkholdes: Fusionsvermögen
467.
Burlet: *508.
Burr: *508.
Spiegelschrift 571. *671.
Buscaino: Schilddrüse 818.
Busch: Paral. agitans u. Unfall
871.
Busohan: Kriegspsychosen 18.
*367.
Buschke: *352.
Byrnes: *335.
Cacciapuoti: Paral. agit. u.
Basedow 873.
Cadwalader: Linsenkernerkran¬
kung 475. *508.
*669.
Cahen: Kriegsverl. der peri¬
pher. Nerven 311. *335.
*511.
Callomon: Tetanusantitoxin
578. *878.
Camp: *335.
Alkoholinj. ins Gangl.Gasseri
787.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
966
Camp: Paral. agit. u. Nerven-
syphilis 873.
Canestro: Hypophysektomie
844.
Canon: Transport Schädelver-
letzter 641. *879.
Caro: Thyreose im Hoere 827.
Carsten: Selbstbeschädig, des
Auges 743.
Mc Cart hy: *880.
Casamajor: *876.
Mc Caskey: Autoserosalvarsan-
behandlung 161.
Cassirer: (73).
Erythromelalgie 79. (138).
Nervennaht 284. (287). (322).
(326). (543). (615). *671.
(918).
Castex: *330.
Angiom der raotor. Region
389.
Sarkom der motor. Region
492. *508.
Catton: *877.
Cecikas: Rückgratsverkrüm-
mungen 308.
Ceni: Genitalzentren bei Him¬
erschütterung 466.
Charon: Stereotypien 659.
Chase: Vagus 271.
Cheney: *671.
Chiari: Meningitis bei Schu߬
verletzungen des Hirns
426. *510. *670.
Chipman: *877.
Chri8tinger: Epilepsiebehand¬
lung 760.
Churchman: *669.
Ciarla: *329.
Cimbal: Schutz vor Schlaf¬
mittelvergift. 100.
Seelische u. nervöse Er¬
krankungen im Krieg 411.
Benennung nerv. Zust. in
Gutachten 710.
Citron: Zwischenhim u. Fieber
274.
Clark: *333. *334. *510.
Claude: Liquordruck 197.
Hämatomvelie 297.
Rachitis u. ThyTeoidoktomie
821.
Claussen: *335.
Delir, tremens 949.
Cleret: Meningitisreakt. bei
Hirnblutung 481.
Cliruenko: *336. *669.
Coenen: Steckschuß des
Rückenmarks 604. *879.
Coffey: *332.
Cohen: *331.
Cohn, J.: *511.
Nervöse Retentio urinae
736.
Cohn, Toby: Korrektur der
Peroneuslähmung 47. (77).
(79). (134).
Schußverl. des Platysma 282.
(284). (448). (538). (540).
Collet: Juvenile Paralyse 29.
Collie: *368.
Collin: Syphilis u. Paralyse 34.
Colli ns: *332. *509.
Mult. Sklerose 647. *671.
*878.
Consiglio: *672.
Corbus: *335.
McCord: *336. *875.
Cords: Schädelschüsse 427.
*670.
Cornelius: Nervenpunktlehre
202 .
Costantini: Stimhimtumor386.
Coulet: Otogene Meningitis 696.
Le Count: *511.
Courbon: Stereotypien 659.
Courtney: Myatonie 655.
Cowe: *668.
Senile Plaques 728.
Craig: *329. *335. *510.
Crinis,de: Paralyse behandl. 168.
Goldreakt. im Liquor 198.
Dialysierversuche 953.
Croissant: *671.
Crothers: *335.
Crow: Spiegelschrift 571.
Crowell: *335.
Cs6pai: *333.
Ceiky: Katatonusversuch 775.
Cullen: *610.
Cummius: *332.
Cursclimann, H.: Broncho-
tetanie 131.
Myohypertrophia kvmopara-
lytica 346.
Mult. Skier, u. luet. Spinal-
leiden bei Heeresangehör.
648. *877. *878.
Cushing: *333. *508. *877.
Czerny: *334.
Czirer, v.: Himhauttuberkulose
697.
Dagnini: Augenreflexe bei
Hemiplegie 483.
Dana: *331. *336.
Kleinhirn brückenwinkel-
zyste 359.
Dandy: *875.
Dannehl: Militärdienst u. Thy-
reotoxie 437.
Darüng: *335. *367.
Davidenkof: Psych. Stör, bei
Aphasie 571.
Davis: Behandl. der Lues cere-
brospin. 167. *512.
Deaderick: *333.
Debenedetti: *331.
Decker: Paral. agit. u. Trauma
871.
Degener: Schilddrüsenexstirp.
u. Hypophyse 821.
Demole: Alkohol u. Del. t-rem.
100 .
Denker: Otogene u. traumat.
Meningitis 696.
Derby: Rüokenmarkasehüsse
901.
Dercum: Motor. Aphasie 567.
*668. *880.
van Deventer: Soziale Stellung
der Anstaltsärzte 583.
Devine: Kataton. Sympt. 763.
Dick: Chorea bei Hund 124.
Himabszeß 349.
Dierling: Adalinvergift. 133.
Dijouneau: Skoliose u. Hypo-
thyreoid. 836.
Diller: *331. *336. *612.
Dimitz: Syringomyelie 173.
*367.
Abderhalden-Methode 586.
Dimmer: Schußverletz.der zen¬
tralen Sehbahnen 495.
Dind: Liquor bei Lues 170.
Dinkelacker: Liquor im Früh¬
stad. der Syph. 191.
Dinkler: (959).
Dobrokhotow: *332.
Radikul. Ischias 790.
Doinikow: *332.
Achsenzylinder bei mult.
Sklerose 643.
Dölgor: *330.
Heilung von Mening. cere-
brospin. 692.
Döllken: *332.
Bakterien toxine bei Neur¬
algie u. Neuritis 791.
Dominick: Morphiumentzie¬
hung 943.
McDonald: *880.
Donath: Alkohol u. Arbeit 95.
*609.
Kriegs verletz, des Nerven¬
systems 638. *669.
Alkoholinj. bei Trigeminus¬
neuralgie 786. *K76. *87$.
Dongen, van: Morph inuewoh-
nung 943.
Döpfner: Naht an periph.
Nerven 433.
Domer: *878.
Benzinvergiftung 939.
Dost: *878.
Huntingtonsclie Chnrea 911.
Drabowitoh: Latenz des Plan*
tarreflexes 684.
Draper: *510.
Dressier: *332.
Digitized by
Gck 'gle
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
967
Dreyer: Gittertrepanation 395.
Dreyfus, G. L.: Tetanusbe-
handlung 21 u. 121.
Salvarsan bei Lues u. Tabes
163. *334.
Himerkr. durch Schwanger¬
schaft 488.
Drüner: *511.
Drysdale: *367.
Dubois: Poliomyelitis 523.
Dubs: Tetanus 575. *670.
Duge: Psychosen bei mult.
Skier. 649.
Duken: *670.
Dünn: *333.
Dünner: *671.
Dupr6: Brown-Sequardsehe
Lähm. 302.
Selbstbesohuldig. bei Dipso¬
manie 951.
Durlacher: *334.
Dürr: Korsakoffsche Psychose
101 .
Dütemeyer: Epilept. Dämmer¬
zustände 754.
Dutoit: *332. *333.
Keratitis nach Alkoholinj.
wegen Gesichtsneuralgie
787.
Bager: *368.
Eastman: *878.
Eaton: Myatonie 655.
Ebbel: Ursache der Dem. praeo.
658.
Ebstein, Erich: Vorgeschichte
der Aphasie 560.
Economo, v.: *368.
Edel, M.: (77).
Psychosen bei Soldaten 590.
Edinger, F.: Zentralnerven¬
system beim Frosch 277.
— L.: Entstehung des Men-
schenhims 271.
Tierpsychologie 272. *329.
EhrenwaU, v.: Reflexstör, im
hyster. Dämmerzustände
745.
Ehrhardt: Schädelchirurgie im
Felde 122.
Agyrie u. Heterotopie am
Großhirn 468.
Ehrlich, P.: Wesen der Para¬
lyse 37. *368.
Eichel berg: Hirntumor 380.
Eichholtz: *329.
Eichhorst: Latenter Meningeal-
krebs 299. *876.
Eicke: *335.
Eisath: *671.
Eiseisberg, v.: *333.
Elias: Säure u. Nervenerreg¬
barkeit 188.
Elliott: *333.
Ellis: *510. *670.
Ellsberg: *331.
Kleinhimbrückenwinkel-
zyste 359.
Eisburg: *508.
Elschnig: Orbitogener Him-
abezeß 352 u. 353.
Eltester: *333.
Akromeg. u. Splanchnome-
galie 844.
Elzholz: Fall Wurm 848.
Emanuel: *877.
Emerson: *368.
Hirntumor 394.
Stat. lymph. u. Dem. praec.
763.
Emge: Himabszeß 349.
Emmerioh: *334.
Chlorkalzium bei Tic con-
vulsif 913.
Elnderle: Epidurale Injektion
.790. *877.
Enge: *512.
Körperl. Erkr. u. Geistes¬
stör. 587. *671.
Engel: *877.
Engelen: *878. *879. *880.
Engelhard: *334. *671.
Gehäufte kleine Anfälle 750.
Engelhardt: Prognose der
Schädelschüsse 730. *879.
Entres: *367.
Eppenstein: *878.
Erben: Bindegewebe beim un¬
tätigen Muskel 727.
Erbsen: *509.
Erhardt: *329. *335.
Elmst: *880.
Erp, van, TaalmanKip: Kraft
beider Hände 726.
Eschweiler *335.
Schädelschüsse 427. *670.
Eskuchen: Behandl. der Syphil.
des Zentralnervensyst. 167.
tätienne: Vitiligo, Epil. u.
Heredosyphilis 196.
Ettinger: Malaria 695.
Eulenburg, A.: Nervenkrankh.
u. Ehe 203. *335.
Eunike: Magnesiumsulf. bei
Tetanus 64. *334.
Ewald, P.: Wirbelbrüche 304.
Exner: *332.
Schußverletzungen des
Rückenmarks 429.
Schutzverletz, der Nerven
432.
I? abinyi: Tabische Augenkrisen
27.
Fabritius: *330.
Faginoii: Luetinreaktion 169.
Fahrenkamp: Strychnin-
tetanus 274.
Falk, A.: *334.
Farrant: *333.
Farrell: *508. *509.
Fauser: *367.
Feamsides: Hypophysenerkr.
u. Sella turcica 841.
Federn: (176).
Feer: *877.
Fehlinger: Mendelsche Ver¬
erbungsgesetze 766.
Feige: Geistesstör, nach Unfall
105.
Feilbach: *368.
Feiler: Serologie des Liquor
197.
Feilitsch, v.: Kalmonal 134.
Feldmann: (958).
Feri: (173).
Ferrari: Reflexe bei chron.
Alkohol. 97.
Zentralnervensystem bei ver¬
schied. Alkoholsorten 98.
Finkelnburg: *335.
Finkeistein: Seröse Mening. bei
tuberk. Kindern 699.
Finzi: Tumor des Nasenrachen¬
raums mit Metastasen an
Hirn u. Rückenmark 391.
Transkort. motor. Aphasie
568.
Fischei: Differenzierungenver¬
mögen der Hirnzellen 275.
| *329.
Fischer: *876.
— A.: *879.
— Ch. S.: *508.
— E.: *876.
— Johannes: Tetanie u. Alters¬
star 132.
Experim. Krämpfe 748.
— Max: Erwerbsfürsorge für
Kriegsin valide 613.
Fischl: Unfälle durch Elektri¬
zität 104.
Tetanie im Kindesalter 186.
Fisher: Neosalvarsan 161. *333.
*335.
Fisichella: Luetinreaktion 169.
Fitzgerald: Poliomyel. in Ame¬
rika 527.
Flaschen: Ätiol. der mult.
Skier. 644.
Flatau, E.: *508.
— Georg: Tabes u. Heeres¬
dienst 436.
Potenzstörung 737.
Fleck, J.: Otogene Meningitis
j 695.
! Fleischhauer: Nerven verletz.
281. *511.
Behandl. der Peroneusläh¬
mung 607. *880.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Fleischraann: Myelitis funicu-
laris 298.
Flesch: *331.
Fletcher: *877.
Flexner: *331. *509.
Poliomyelitis 522. *669.
Antimeningokokkenseru m
692.
Flister: Jugendpflege in Heil¬
anstalten 583.
Floret: BrommethylVergiftung
946.
Flusser: Psychosen beim
Kriegstyphus 866. *880.
Forbes: *332.
Fordyce: *335.
Forel: *366.
Förster, E.: Spirochäte des
Paralytikerhims 31. *508.
Krieg u. traumat. Neurose
608.
Pupillenunruhe • u. Psvcho-
refl. der Pupille 685. *878.
*880.
Förster, R.: Telephonunfälle
103.
Fourman: Mening. epidem.
689. *876.
Fraenkel, E.: Ankylos. Wirbel¬
säulenversteifung 305.
Rtickenmarksverletz. 436.
*670.
— L.: *880.
France: *508.
Frangenheim: Schußverl. des
Rückenmarks 901.
Frank, A.: Subependymäre
Gliaknoten 391.
— E.: Goldreaktion im Liquor
198.
— Jos.: *336.
— Paul: Mehrfache Meningo-
zele 701. *876.
Franke, E.: (506).
Fränkel, E.: *876.
Frankfurter: Spondyl. cervic.
307.
Frankhauser r *879.
Frankl-Hochwart, v.: (173).
Franz, S. J.: Rechts- u. Links-
händigk. bei Affen 673.
Franzoni, v.: *333.
Fraser: *331.
Frauenthal: Behandl. der Polio-
myel. 530.
Frazer: *333.
Frazier: *330. *331.
Freifeld: *508.
Neurorae u. Neurofibrome
799.
Freud, S.: Traumdeutung 442.
Freund, C. 8.: Lendenvrirbel-
kontursehuß 122. *331.
Traumat. Himabszeß 350.
Frey,E.: Alzheimersche Krank¬
heit 467. *512.
— H.: Chir. der Schußverletz.
des Gehirns 601.
Jod u. Myxödem 838.
Frey, v.: Sinnesleit, der
menschl. Haut 579.
Kraftsinn 725.
Hautflächen mit geschädig¬
ter Innervation 727.
Fricke: *511.
Fried berg: *331.
Friedländer, A.: Nerven- u.
Geisteskr. im Felde 279.
*329.
— G.: Pantopon 69.
— J.: *512.
Nervagenin 588.
Kleinhimsympt. nachKriegs-
verletzungen 813.
— P.: *332.
Neuritis postdiphther. 797.
— R.: Foligan 614. *880.
Friedmann: *335. *878.
Quecksilbervergiftung 940.
Fries: *367.
Abderhalden-Methode 586.
Frisseil: *509.
Poliomyelitis 529.
Froehlioh, E.: *335.
Schußverletz, der Armnerven
498. *876.
Fröhlich, J.: *668.
Serumther. der Genickstarre
692. *878.
Frohse: *879.
Frommer: Spätgenesung bei
Katatonie 765.
Fröschels: *511.
Stottern 574.
Stottern u. Nystagmus 574.
*876.
Frost: *334.
Frowein: Halluzinose der
Trinker 948.
Frugoni: Arthropathie bei
Tabes 28.
Fuchs, A.: *334. *670.
— Adolf: Wassermannsche
Reaktion u. Paraldehyd
172.
Guanidinvergiftung 174.
Elektrodiagn. u. Elektrother.
202 .
— Alfred: *329.
I Statistik der Nervenkrankh.
558.
Choreiformer Symptomen-
komplex beim Tier 909.
— Walter: Mobilmachungs-
psyohosen 404.
Fuchs-Reich: *668.
Mening. purulenta 690.
Fnkuoi *331.
Fuloi: Leptomeningoenzephal.
bei Milzbrand 694.
Fumarola: *669.
Lathyrismus 937.
Funkhouser: *668.
Fürntratt: Poliomyel. in
Steiermark 525.
Cwamper: Wirbelschüsse 427.
*511. *670.
Gans: Transkort. mot. Aphasie
560.
Kasuistik 571.
Ganter: Kopfhaut falten u.
Haarlinien 469.
Garbini: Dysarthrie u. Linsen¬
kern 475.
Gardere: Stimhimgliom 385.
Gardner: *332.
Garrison: *333.
Gastinel: Lumbalpunktion 197.
Gatti: *367.
Gaugele: *879.
Nerven verletz, im Kriege 901.
Gaupp: Hysterie u. Kriegs¬
dienst 398.
Granatkontusion 425. *510.
*670. *671. (956).
Gebhard: Tetanie bei Dünn-
darmileus 131. *333. *510.
Gebuchten, van: Motor. Aphakie
566.
Schläfenlappenabszeß 569.
Geige!: *329.
Kompressionsreaktion 725.
Geipel: *879.
Gemelli: Salvarsan bei Chorea
128.
Gensler: *880.
Gerson: Auslösung des Patrl-
larreflexes 687.
Gerstmann: Persistierende
Caj&lsche Zellen in Gro߬
hirnrinde 174. (174).
ßensibilitätsstör. bei Him-
rindenläsionen 639. *669.
Schweißabsonderung bei
Hemiplegie 770.
Schweißabsonderung bei
spast. Paraplegie778. *876.
Geschelin: Insuff, polyglandul.
845.
Gessner: Traumat. Psychose
105.
Geyer: Phenoval 664.
Gfrörer: Schädeiimpression bei
Neugeborenen 464.
Ghon: *668.
Giannuli: Symptomat. de«
Scheitellappens 472.
Gierlich: *509. *876.
Giese: *334.
Epil. u. Schizophrenie 753.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
969
Gillis: *331.
Versohluß der A. cerebell.
post. inf. 361.
Gjessing: *609. *669.
Glaser: *329.
Schadelimpressionen bei
Neugeborenen 464.
Veronalismus 944.
Glaserfeld: *333.
Glomset: *508.
GöbeU: Wirbelosteomyelitis
306.
Goebel: *330.
Proteusmeningitis 693.
Goerdt: *876.
Goetjes: Gehirnverletz, durch
Granatsplitter 602. *670.
Goetsch: *877.
Golch: *334.
Goldberg, B.: Harnverhaltung
bei Rückenmarksschüssen
428. *511.
Goldbladt: *367.
Goldmann: Kopfverletzungen
u. Otologie 122. *336.
Goldscheider: Tetanus 399.
*610.
Goldstein, Kurt: Operat. bei
Verletz, der Wirbelsäule
u. des Rüokcnmarks 114.
Schußverletz, des Hirns u.
Rückenmarks 314. *330.
*511.
Insel u. Sprache 564.
Zerebellarer Symptomen-
komplex 900.
— M.: Arterien des Gehirns
266. *329.
Golm: Adalin 589. *880.
Gönnet: Meningitissyndrom
bei Hirnblutung 481.
Goodhart: *669.
Gordinier: *331.
Poliomyel. u. Landry 528.
Gordon: *330. *332. *335.
*367. *368.
Göring: *512.
Goris: Sohläfenlappenabszeß
569.
Gorp, van: Motor. Aphasie 566.
Görres: *511.
Dystr. muso. progr. u. Unfall
653.
Gorrieri: Beobaoht. im italien.-
türk. Kriege 494.
G6rski: *368.
Gött: Paychother. in der Kin¬
derheilkunde 741.
Gotthold: Tätowierung 766.
Götz: *876.
Götzky: Blut bei Poliomyel.
527.
Myatonie 655.
Polyneuritia 797.
Gourdon: Skoliose u. Hypo-
thyreoid. 836.
Grabi: *334.
Luminal bei Epil. 759.
Grafe: Nitrobenzolvergiftung
939.
Grahe: Eiweiß u. Globulin im
Liquor 199. *333.
Grand: *335.
Grassmann: Gehirnblutung u.
Unfall 103.
Gratzl: Schußverletz, periphe¬
rer Nerven 862. *879.
Graul: *510.
Neurasthenia cordis 733.
Hypophysin bei Diab. insip.
846. *877.
Green: *367.
Greenwald: *333.
Stoffwechsel bei Kretinis¬
mus 838.
Gregg: *333.
Greggio: Kleinhirnlokalisation
356.
Gregor, A.: Psychiatr. Dia¬
gnostik 107. *367. *368.
Psychotherapie 632.
Schlafmittel 535.
Greve: Huntingtonsche Chorea
911.
Grey: Hirntumor 394.
Grinker: *367.
Grinstein: *332.
Grisson: Rückenmarkserschüt¬
terung 409.
Operat. am Plexus brach.
409.
Tangentialschuß an Stirn
409.
Groethuysen: Zykl. Oculo-
motoriuslähm. 474.
Gröndahl: *876.
Gross, H.: Verletz, der Vagus-
gruppe 603.
Grosse: Schußverl. periph.
Nerven 862. *879.
Grossmann: *877.
Gruber: *511.
Muskelverknöoherung 652.
Grubert: *330.
Gruhle: *671.
Grünberg: Schreiben mit Hilfe
des Gebisses bei Armlähm.
498.
Grundmann: Tetanus 402. *610.
Grzywo-Dybrowski: Wucher,
des perivaskul. Binde¬
gewebes bei Paralyse 37.
*334.
Luminal bei epil. Demenz
759.
Mo Guigan: *672.
Guillain: Fixation von Giften
am Nervensyst. 102. *335.
Guiraud: Logorrhoe bei Dem.
praeo. 763.
Guizetti: Papillom im Infundi-
bulum 391.
Guleke: Schußverl. des Rücken¬
marks 63.
Chir. der Nebenschilddrüsen
131. *335. *510.
Schädelschüsse 640. *879.
Gümbel: *330.
Güntz: Trepan. bei Stauungs¬
papille 491.
Gurari: Behandl. der Syph.
des Nervensyst. 166. *335.
Gurewicz: *332.
Guth: Bromoformvergiftung
945.
Haberer, v.: *335. *508. *509.
Therap. Mißerfolge bei
Based. 833.
Haberkant: *367.
Napoleon als Psychopath
750.
Häberlin: *878.
Habermann: *879.
Hacker: *329.
Regener. von Hautnerven
724. •
Haike: Bäränysoher Zeigever¬
such 137. *331.
Verschluß der A. cerebelli
post. inf. 361.
Halberstadt: Gefängnispsyoho-
sen 40.
Anfälle bei Dem. praec. 763.
Dem. praec. mit zirkul. Ver¬
lauf 764.
Halbey: *509.
Spin. Kinderlähm. in Katto-
witz 525. *877.
Hall: Subkortik. Hirntumor
387. *669.
Haller: *329.
Hamburger: Psycho ther. im
Kindesalter 741.
Hamilton: Halsrippe 798.
Hammer: Tetanus 785. *878.
Hampel: *368.
Hancken: *335.
Hansell: *669.
Hansemann, v.: (135).
Hansing: (507).
Happel: Tetanus 781. *878.
Happich: Schlafstörungen 746.
Harbitz: *669. *877.
Hardrat: Diab. insip. bei Syph.
im Zentralnerv. 193.
Harf: Tetanus lateralis 403.
Harms: *509.
Harpe: Choreapsych. in d.
Schwangerschaft 127. *334.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
970
Harris: ♦332.
Hart: *669. *670.
Basedow 826.
Hartmann, F.: Übungsschalen
für „Gehimkrüppel“ 613.
*672. *880.
Harvey: *877.
Harzhecker: *335.
Haskell: *512.
Haäkoveo: Pseudogibbus trau-
mat. 104.
Hassin: *877.
Hatschek: *366.
Rückschlagsersoheinungen
439.
Hauenstein: Weichardtsche
Reakt. bei Geisteskr. 40.
Haupt: Enzeph&lomalazie oder
Hirntumor 382.
Hauptmann: *880.
Hawk: *333.
Hayashi: Korsakoffsche Psy¬
chose 95.
Haymann: *367.
Körperl. Zeichen bei Geistes-
krankh. 441. *672.
Head: *510.
Hebenstreit: Augen bei Hirn¬
tumor 383 u. 492.
Hebold: *670.
Tod inf. epil. Atif. 755.
Heddäu8: *334.
Hedde: *332.
Bauch-, Hoden- u. Sohlen -
reflex 687.
Hegar: *368. *671.
Unterbring. geisteskr. Rechts¬
brecher 875.
Heigel: *331.
Rhinogener Himabszeß 354.
Heilbronner: *367.
Heile: Tetanusbehandl. 401.
Periphere Nervenverletz.
430, *510. *671.
Henneberg: Narkolepsie 914.
(914).
Hennemann: Spina bifida 303.
*509.
Henning: Traum 579.
Henninger: *334.
Röntgenstrahlen u. Epil. 749.
Hensel: *670.
Hernand6z: Hyster. Taub¬
stummheit 735.
Hertig, v.: Alkohol u. Ver¬
brechen in Bayern 99.
Hertoghe: *333.
Herwerden, van: *329.
Herzog: Seelenblindheit, opt.
Aphasie u. Alexie 570.
*669. *877.
Hesnarch Gansersohes Sym¬
ptom 764.
Hess: Gefäßreflexe 201. *332.
Läsion des Ramus ext. n.
accessorii 366. *877.
Hesse: *335.
Hessmann: (70).
Heuszelmann: *329.
Heuyer: Brown-S6quardsche
Lähm. 302.
Heveroch: *330. *367.
Wortvorstellungen 561.
Untersuch, der Patellarrefl.
687.
Hezel: Kriegsverl. des periph.
Nervensyst. 66. *335.
Periph. Nervenverletzungen
430.
Tuberkul. u. Nervensystem
560. *671.
Hieronymus: Wassermannsohe
Reaktion 172.
Higier: Tonische Krämpfe im
Kindesalter 187.
Nichtchirurg. Behandl. in
der Feldchirurgie 907.
Hilbert: Doppelempfindungen
Heilig: *367.
Heine: *330.
Heinicke: *512.
Heinrichs: Chorea n. Psychose
910.
Heinrichsdorff: Psammom im
vord. Chiasmawinkel 843.
Heisler: Luftströmung bei Te¬
tanus 158. *334.
Heller: *610.
Hellsten: *331.
Ganglion Gasseri-Tumor391.
Hellwig: Kinobesuch durch
Kinder 848.
Henneberg: (72). (75). (137).
(139). (323). (325). (326).
(537).
Erweich, des Sakralmarks
nach Schuß 541. (544).
(616).
580.
Hildebrandt: Traumat. Neu-,
rose 715
Hilffert: *367.
Hinchman: *335.
Hlnterstoisser: *510.
Hinton: *331.
Hippel, v.: *878.
Hirsch, Caesar: Neurit. Vesti¬
bül. 798. *877.
— E. F.: *335.
—■ H.: Wirbelsäulen Verstei¬
fung 306.
— M.: Kriegschirurgie 730.
— O.: *333.
Hirsch-Gereuth, v.: Adalin534.
Hirschei: *509.
Alkoholin j. ins Gangl.
Gasseri 787. I
Hirschfeld, A.: *510. j
Hirschfeld, Magnus: Warum
hassen uns die Völker ? 167.
Sexuelle Hypochondrie u.
Skrupelsuoht 737.
Hirschl: *333.
Hirschmann, B.: *330.
Hitchings: *331.
Hnätek: *510.
Cephalalgie 786.
Höbig: *509.
Hoche: Krieg u. Seelenleben
167. *611.
Hysterie 919.
Hochhaus: Tetanusbehandlung
93. *334. *876.
Hochsinger: Säuglingsmyx¬
ödem 837.
Hochstetter: Plexus chorioidei
274.
Hoene: *331.
Hoepfl: Sohußverletz. des N.
radialis 280. *511.
Hofbauer: (176).
Hoffmann: *669.
— Hermann: Behandl, der
Lues cerebri 192.
— P.: *329.
Nervennaht 433 u. 796. *511.
*876.
— Rudolf: *511.
Rekurrensparalyse 794.
Verletz, des Rekurrens 794.
*879.
Hofmann, H.: *331.
— Max: Mal perforant 24.
*332.
Hofmeister, v.: *511. *671.
Hohmann: *335.
Holl: *875.
Holloway; *332.
Holmes: *368. *878.
Holtum, v.: Chorea u. Psychose
127.
Holtzmann: Encephalopathia
saturn. 942.
Homburger: Nitrobenzolver¬
gift. 939.
Honigmann: Ärztliche Lebens-
• fragen 207.
Hoppe: *334.
Epilepsiebehandl. 756.
Horch: Frau als Klientin 580.
Horn: *510.
Horstmann: Konträre Stre¬
bungen 580.
Horwitz: *879.
Hösel: Weibliche Pflege in An¬
stalten 582.
Hosemann: *335.
Schädelschüsse 436. *670.
Hotz: *335.
Hübner, A. H.: Nerv. u. p?ych.
Erkr. im Kriege 404. *668.
Hübotter: (326),
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
Küdoyeraig: Therapie der Air
köhi Jp« y ep t»^n 586.
liufn&g?h *SH.
HuJscfonuU- HirnhUit. *v>
bämorrh, ihatbese 481/
Hughes i Tetanie n. Apj[»£ödr
eit is 130; !
fi»Ih.nej * ”* 0 !2* . .
Htusnmns« Schuß verletz, am
perjph. Xerx^r« 432.
JJ utiiw&l: *$ 07 «
Hunt: ■♦33! ««77.
Lhwcer: ♦»*?.
H n*eimuHi: Veronad veri&tttiig
. /■
H<Vi FtOgr. Femclnrinid
:. ; 457; ' : ■ : • , “' : ,V
HrdV'. *:m.
infehl: Paradoxe
Bis JJnf&UfcfpJge 48S; S ^
hi^r?ioll : *330. ' \'\:• : '- -:-y.;
H^'M* > 1 1
• ; •« , ' ; !
liütm *Wp,
1 ; W&ritior<*j*iihtm* \
•; f V. ft, ^Gebtiiinrn Stfy V 1
1 vev i Rektion ;
•.bfti • Kegm j 1 78. ,
l^Amuc^r In J&-;
l?an 130, - \j
Intern 160 u.
HU.
JrtbteniG *072
Jcicob«: ^ r ji00v
JrtOöIwnhn, Leo: u 1 *. Nöf *
veim*Ujoi LH. *ÄÖ&
— Loiii^- (T3S).
Jtie^uin : JiJYemlo Pandit? 20*
J/lKfigosh»; ihytp&i
inxwcifit; ^yTftplftftie 820.
Jaki:4n *320
- A.: Saivfit^uii 104, *33;!'.
Jakol»f.haJ: *334,
«UmSKK.- *#j&
.f;« rmehuMdcy: Qj\Ydteife% <>Mi.
“k^^ör. *332, " •:’ ,;?,,v • /‘ v ’•'
Jam*?*«
J&udSohkO; <*877.
JarftowJd; Ruttei markst-umnr
2*47
JVvlU&ka: A*.UIamliihmV 785.;
Tkr 012,
Ji-Porvm:'*335'.-
J<--cr: ♦$*&
John;; *33,!
Jul Lunik: *B78,
Jfnkim: *334.
Jeniüng*? *5biL
^ 97t —
Jentseh; Julius Robert. Mayer i KaÜski: *335.
m. r ;-> •V ,, 'v I ; * ” fxiäw^ii *m.
Josifthek i ^TatamiiRlM^^diftrig l RbPc« f Kc&ultfb Pevtft* »ebfe
402. *510. Hyp}ti{^re^kli'<0; } (W>,
«ih^eopi Blindheit bei Soidafcea -Kämmerer; sf M7, :
OOCb f iiatikijeif t * 3 ^. V
Mm VIZL Köpfen: *331. "*332.
fifritd! ShUföienkpp<mAb«?^Ö| caiSTTtirg. Beh.
3ol. der ie
■ Jjftchfnaiiii:; ;'^$34* 787* y*^ Sy? : USiX? -7:
Johii: A*3()8. = i" iOa^btcFw»kv
f Äoni 533. = V.
Jo^Xikon : *32». *332. *333. fKar^, *W%' .
Hypophysenturnor 842. <' Karplue: %h7!>m?kurtmg im
Punktiun. Tatigk. u. Atta- Bno'kecMark .'1,74 ii Äin.
^iß m. | (175). (17BJ.
Jphn^löh : *3H + He j nisphäreno:r*t*irpation
RontgopRf«rahlctt. Kj/iP 74» 207.
JmUv* (•%.? Nwensf.^tiou ^ine.n ; Gi'ivnaie.xpJ.oston 350. *320.
437 A .*i p i08 < -.>' *33 L
. *i)i2, *nl I. Üugew5kn]. zemhr. ßrkr,
‘•^io^jfagx:.; I nanh- .Sohmpnoljverl. 456.
profr,' ft3j&;' ! *5H.
. *879. iVnlail 748.
Jonft. do.: *33L ' ' ’ /.
JoärJaäx *33 L KeohachL
Tiimorcn im ParietWlappeu r $*■ d«ß Peld-
402. v n ..... * -r’A ’• * &»#>'* MW '**?& ■ '
js^wr^r Wfr :. •; ;;::l:KÄtr*; '*3H v . ^
ÄjsfMj%iat. bei AikoimKkern ; Klei>ibuyibrückönwi'nkel*
((< . ■.!/; : ' j goschwitlat, *3(H).
Jonelsop.: Wrixgvochvnifet i/iikla!«, O,: *32»..
• Ö^ibht^hallftziu, 383. .‘*Öü8.7 " >yy' y‘ /
Öewtit• ÖA^fefttwickL u. \ I^Uermarm; *334.
inastro, .Sekretlon 8^1, . K<4k*y:
Joseph. *810. KeÜÄox' *G70,
Jon^hiu; *50». Opium ^rom bei EpÜ v <58.
Jnarros: EpilepBiebeJmndl. 758. "^8HO.
juliusburger: Kjriegso'^urois&n*' Eeliogg; ^ rMrbiob «cl<»•-
001. j • KrauklJ. in Aumil:» 22.
Jung:Inhalt der Plyclios^ »oL.' iveeiviut^Odaotil.
Jungmaim: *072, ; - A ^ . v | { a, SiO,
.Ky.iüp.. *50:t.
1; kiunpf: *878. ;
! Kprapn ^7 *333. /;. .% /t
11
? - Mo Kbmian ■ *334. •. ■ ■
HUIkä: Saiyar^p
i< öntftröns.traiüen tt. fipiiöpöie
IG».
74».
Goldsrjr^ktp>« 17L *335.
^ Kenrndy: *332.
Tkanlo 41^ ‘1#W. *50»J
i Kerl: SpitValObsu. rtHcfe 3«0o*
•Hft ' '• ’ / •
«atvar^an Ibis. H '335
Esyoh^n^uä^Ä Ä tniili j ApÄraltoie von
Sklorosc- 023.. PoHoo' vd. 7:Te
8chuü dureb.v Okzipaasihim Ken: *330..
•. $23; • - .Kcnpi ’ Mn
A bwebil0r(uP'I 'b^ehadlgttiji 7i3V
Kviliane: ft < K iokii; Alkuhtd b. lyw^d^b^]^
'Kri,;M^ii»e;.t!7Jj; 437. *300. licbk^it 040.
FaitUiopUi.patibo J5H». *072. Kit näßt ? hYoudylit U' curvjc.
K•■•‘ib.j :. Apüütlflu f»tW,li 307.
H»i. *335. K'ionböch : fA-ontg:©i| heb and!. kd
KÄkdrjtttst^r: >Sä«i^ jtm I>om. BasedrÄ 831.
v * pira^o, ofe. *00», *877. Kindk? *331.
Kalm her. X fSw » : ^l iving." *333,
Go gle
972
Mc Kinnis: *334.
Kip: Kraft beider Hände 720.
Kirchmayr: *334.
Kirschner: Schußverletz, der
periph. Nerven 309. *511.
Klages: *367.
Klapp: Rückenmarksschüsse
313. *611.
Kläsi: Safrolvergiftung 938.
Klauder: *510.
Erlaus: Basedow bei 9 Mon.
altem Kinde 827.
Klausner: Alopezie nach Kopf-
schuß 899.
Kleeblatt: *879.
Kleijn, de: *508. *509.
Klein, Th.: *330.
— Wilh.: *331.
Kleine: *333.
Senile Hysterie 739.
Kleinschmid: *669.
Klemontz: Hirntumor 387.
Me Klendree: *331.
Kletstadt: *508.
Klieneberger: Pubertät u. Psy¬
chopathie 663.
Tetanus 782. *878.
Kling: Keimträger bei Kinder-
lähm. 525. *876.
Klinger: Mening. epidem. 689.
*876.
Klinke: *333.
Klose, H.: Thymusoperation
834-
Kluge Psychiatr. Fortbil.
dungskurse 683.
Hyster. Seh- u. Hörstör, bei
Soldaten 735.
Klüpfel: *876.
Knack: *879.
Knapp: *508.
Knippler: *510.
Kobl&ek: Agrypnie 746.
Ischias 791.
Koch, R.: *332. *877.
Kocher, Th.: Tetanusbehand¬
lung 93. *334.
Koerner, 0.: Kriegsverletz, des
Kehlkopfes 279 u. 280.
Koffka: *879.
Köhler, H.: *334.
Kontaktinfektion des Te¬
tanus 402.
Kohlmann: Halluzinose der
Trinker 98.
Kohn, H.: (135).
Kohnstamm: Katatonusver¬
such 290. *879.
Antithyreoidin u. Hypophy-
sin in d. Kriegsmedizin906.
Kolde: Chorea gravidarum 125.
*334.
Kolisko: Kohlenoxyd vergift.
941.
Kollarits: Schätzung der ver¬
flossenen Zeit 559. *879.
Kolossow: Ergotiemus 936.
Kommerell: *335.
König, H.: Progn. des Mor¬
phinismus 66.
Konschegg, v.: Hypophysen -
extr. u. Diurese 846.
Koppang: *670.
Korczynski, v.: *333.
Poliomyelitis 528 u. 530.
Infant. Hypothyreose 836.
*877.
Koritz: *330.
Korner, O.: *511.
Schußverletz, des Kehlkopfs
605.
Traumat. Hämatom im Me-
diast. 606. *669.
Fazialislähm. inf. Ohr-
muschelerkr. 793.
Fazialislähm. inf. Mittelohr¬
oper. 793.
Augenbrauen bei Fazialis-
lähm. 794.
Lähm, des Mundastes des
Fazialis 794.
Kors: Tod nach Salvarsan 162.
Körte: *671.
Koechewnikoff: Infant, famil.
parasyphilit. Erkmngen
29.
Köster, H.: *330.
Kowarschik: *512.
Elektrotherapie 532.
Krambach: *671.
Kramer: Akinet. Symptombild
nach Stimhirnschuß 78.
(78). (286).
Alloästhesie bei subkorti¬
kalem Himherd 287.
Partielle Nervenläsion bei
Schußverletz. 446. (448).
*509. (538). (540).
Schußverl. des N. suralis 617.
*879.
Krasnogorski: Muskelpath. im
Kindesalter 651.
Kraus, E. J.: *331.
Seitenventrikelgliom 391.
Schilddrüse u. Hypophyse
820.
— Fritz: Diathermie 531.
— R.: Kretinismus 839. *877.
— V.: Nervenlähm, bei Gicht
709
— W. M.: *669.
Adipös, cerebr. 845.
Krauss; *671.
Kredel: *511. *876.
Kreidl: Schmerzleitung im
Rückenmark 174 u. 296.
*331.
Sekundäre Hörbahnen 723.
Kreiss: Tetanie bei Schwan¬
geren 132.
Kretschmer: *367.
Kreuter: Tetanusbehandluniz
94. *334.
Krinski: *332.
Kroll: *332. *336.
Synergiereflexe 686.
Krön, H.: (135).
Nervenkrankheiten 442.
Gesichtslähm, in der Zahn-
heilk. 443.
— J.: Infant. Paralyse 29.
Kronfeld: *333. *335. *512.
Gamaschenschmerzen 904.
Krueger: Muskelatrophie bei
Tabes 537. (538). *877.
Krüger: *671.
— W.: *668.
Meningitis cerebrospinalis
691.
Kubitz: Leber bei Pseudoskier,
u. Linsenkemdeueneration
475.
Kühl: *509.
Chorea u. Psychose 911.
Kühn: Luminal bei Tetanus 94.
*334.
Kühns: Zahnärztl. Beh. in An¬
stalten 583.
Kuiper: Japanische Tanzmau3
269.
Kummant: Syphil. spin. Amyo-
trophie des Schultergürtels
196.
Kummer: Absteig. Ast des
Hypoglossus 728.
Kunz: *367.
Künzel: *512.
Küpferle: Strahlenther. bei
Hypophysentumoren 844.
*876.
Kuräk: *876.
Kürbitz: Kindesmord 847.
Kurtzig: *336.
Kutschera *668.
Kropf u. Kretinismus 838.
Küttner: *330.
Operation bei Hirntumor
395.
Kutvirt: Otitis u. Meningitis
695.
Kutzinski: Stauungspapille bei
Himschüssen 324. (326).
(327). *330. *331. *334.
Hirnabszeß 350.
•Stauungspapille bei zerebr.
Gefäßerkr. 489.
Halbseitenläsion nach Schu߬
verletz. 537 u. 614. (615).
Luminal bei Epil. 759.
Kuznitzky: Malutn porforana
nach Prellschuß der Wir¬
belsäule 604.
Digitized by
Gck 'gle
Original fro-rn
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
973
Ijadamo: Scdobrol 534.
Ladell: *368.
Laehr: *878.
Laffer: *368.
Lafora: *508.
dal Lago: Stirnhirntumor 386.
Lahraeyer: Hirngeschwulst 381.
Laignel-La vastine: Juvenile
Paralyse 29.
Gliom des Corpus callosum
u. Parietallappens 388.
Lambrecht: *511.
Lancelotti: Kriminalität in
Buenos Aires 364.
Lang, J.: Vestibulär bahn u.
mult. Skier. 647.
Sinnesfunkt. u. Alkohol 947.
— J. B.: Verfolgungsidee 663.
Lange, Erich: Mal perforant 24.
Langelaan: Hemiatr. faciei 656.
Langer: *333.
Kontagiosität der Poliomye¬
litis 524.
Landrysche Paralyse 798.
Langermann: *669.
Langmcad: Chorea minor 127.
Langstein: Krämpfe im Kindes¬
alter 128.
Langstroth: Headsohe Zonen
792. *879.
Lapinsky: *336.
Nacken- u. Schulterschmerz
788.
Laqueur: (135).
Physikal. Ther. bei Kriegs¬
verletzten 407.
Mobilisation versteifter Ge¬
lenke 608.
Larochec Fixation von Giften
am Nervensystem 102.
*335.
Laudenheimer: Anamnese der
Kriegspsychoneurosen 865.
u. 928. *880.
Lauschner: Leichte Lues u.
Paralyse 34.
Läwen: *670.
Lazar: *367.
Zwangsarbeitsanstalt Kor-
neuburg 767.
Eltemkonflikte der Jugend¬
lichen 846.
Lec£ne: Rückenmarkstumor
297.
Lechnor: *366.
Lederer: *333.
Lee: *877.
Leegaard: *509.
Poliomyel. in Norwegen 526.
Legrand: Anfälle bei Dem.
pracc. 763.
Lehmann, C.: Choreabehandl.
128.
— \V.: *330.
Lehndorff: *671.
Leidler: Otogener Schläfen¬
lappenabszeß 351.
Leighton: *668.
Lemchen: *877.
Lemei: Behandl. der Dem.
praeo. 765.
Lengfellner: *879.
Lenz, G.: *330.
Lenzmann: Syphil. Erkr. in¬
nerer Organe 194.
Leonard: *333,
Leopold: *330.
Lepage: Chorea gravidarum
912.
L6pinay, de: Beckenneuralgie
789.
Leppmann, F.: *670.
Lerch: Ursache der Hyst. u.
Neurasth. 736.
Leriche: Dehnung des Plex.
sol. bei gastr. Krisen 26.
*332.
Leschke: Zwischenhim u. Fie¬
ber 274.
Leszlenyi: Trophoneurotisohe
Gangrän nach Schußver¬
letz. 904.
Le^zynsky: *509.
Lethaus: *332.
Leva: Kriegsverletzungen des
Rückenmarks 603.
Levaditi: Treponema der Para¬
lyse 35. *368.
Levinstein: Nasale Reflexneu¬
rosen 735.
Lövy, L.: Meningitissyndrom
bei Hirnblutung 481.
Levy,.Marg.: *877.
L6vy-Valensi: Gliom des Bal¬
kens u. 1. Schläfenlappens
388.
Lewandowski: *334.
— M.: Gehimschüsse 47.
Rückenmarksverl. 47.
Verletz, periph. Nerven 48.
Hysterie48. (76). (136). *335.
Lewe: Chorea minor 909.
Lewinsohn: *510.
Lewy, F. H.: *331.
Verschluß der A. oerebelli
post. inf. 361.
Lhermitte: Chron, Chorea 124.
*330.
Liohtwitz: *876.
Liebenthal: *367.
Liebermann: *512.
Liebold: *670.
Tetanusbehandlung 785.
Liepmann, H.: (76). (77). (78).
(144). |
I Liepmann, H.: Gedenkworte
auf Bernhardt 443. (445).
(448). (544).
Leitungsaphasie 565.
Lokalis. der Apraxie 572.
Hirn bei Aphasischen . u.
Agnostischen 666. (668).
Gedenkworte auf Rothmann
914. (914).
Liesegang! *329.
Lieske: *880.
Lifsohitz: *333.
Lilienstein: (957).
Linck: *511.
Ohrenkopfschmerz 788.
Lind: *671.
Linow: *669.
Lipschütz: Blasenschwäche bei
Soldaten 863.
Livet: Delir, bei einem Araber
951.
Lloyd: *668. *878.
Loeb, S.: *367.
Loechel: Eingebildete
Schwangerschaft 738.
Loeper: Tabische Dyspepsie 26.
Okulo-kard. Refl. bei Lues
193 u. 685.
Okulo-kard. Refl. bei Brady¬
kardie 685.
Loew: *334.
Chlorkalzium bei Tio con-
vulsif 913.
Loewenthal, N.: Tractus an-
tero-lateralis 270.
Retrograde Degeneration
724.
Loewy: *876.
— Erna: Landrysche Paralyse
u. Poliomyelitis 527.
— Erwin: *331.
Mult. Skier, u. Poliomyel.
649.
Löffler: Polyneuritis aloohol.
947.
Lomer: Schrift bei Paralyse 30.
Schrift bei Chorea 126. *671.
Long: *367.
Longard: *335.
Lotz: *329.
Muskelaktionsströme 746.
Lovett: *669.
Löw: *668.
Meningitis typhosa 694.
Löwenstein, K.: Zerebellare
Symptomenkomplexe nach
Kriegsverletz. 626 u. 664
u. 816 (666).
Läsion des N. peron. u.
Reflexlähm. 914. (910).
— P.: *509.
Rückenmarks Verletzung mit Poliomyelitis 529.
späterer Krückenlähmung Lowery: *333.
321.(325).(326).*330.’*367. | Löwy, J.: *334. *670.
Digitized by
Gck 'gle
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
974
Löwy, J., Blut beim epil. An¬
fall 762. *880.
— Max: Tetanie u. Dysenterie
131. *333.
Kriegsbeobacht. 494. *668.
— P.: Basedow mit bulbären
Symptomen 828.
— R.: Neurotrope Wirkung
des Salvarsans 165. *335.
Loyez: Hämatomyelie 297.
Lublinski: *669.
Lucchesi: Versteif. der Wirbel¬
säule 308.
Lukäcs: Amyotroph. Tabes 25.
Lust: Ätiol. der Poliomyel. 523.
Lydston: *509.
Lyon: Karzinom der Schild-
^ drüse bei Basedow 829.
Haas, 0.: Arthropathie bei
Tabes 537. (537). (617). .
Doppelseit. Hypoglossusver-
letz. 918.
Maass, S.: Narkotika u.Wasser-
mann-Reakt. 172.
Mack: *368.
Maclachlan: Himpigmentation
468.
Macy; *670.
Madelung: Tetanus 158. *334.
Maeder: *367.
Maggio: Kretinismus 839. *877.
Magnus: *509.
Mahsfeld: *510.
Maier, H. W.: Unfallkunde u.
Psych. 105.
— Max: Otitischer Himabszeß
352.
Major: *330.
Glyzyl-Tryptophanreaktion
bei Mening. 697.
Malaise, v.: *330.
Hirntumor 378.
Mandelbaum: *330.
Mann, L. (Breslau): Polyneu¬
ritis u. nerv. Erschöpf, im
Kriege 150.
— (Mannheim): Granatexplo¬
sionsstörungen 780 u. 925.
*879.
Marburg: Behandl. von Hirn¬
schüssen 65.
Angeb. Kleinhirnskierosel74.
(175).
Pathogenese der Par. agitans
176.
Rückenmarksschüsse 184 u.
313. *332. *336.
Kortikale Sensibilitätsstör.
470. *508. *511.
Spätabszesse nach Schuß-
vcrl. dos Hirns 548.
Marburg: Schußverletz, der
periph. Nerven 606. *671.
Paral. agitans 870.
Marchand: Morphiumentzie¬
hung 943.
Marcus, H.: *368.
Maresch: Schädelschüsse 859.
*879.
Marguliös: *329.
Orbitogener Hirnabszeß 354.
Margulis: Chron. Chorea 125.
Syringomyelie 200.
Amyotroph. Lateralsklerose
299. *331.
Marie, A.: Treponema der Para¬
lyse 35. *368.
— P.: Fußdeformation bei
Tabes 25.
Chron. Chorea 124.
— R.: Tuberkul. Mening. 699.
Marina: Die Relationen des
Palaeencephalon 338.
Marine: Tetanie bei Hunden
129.
Marinesco: Sal varsanse rum 162.
Marks: *331.
Babinski sohes Kleinhirosyn-
drom 360.
Markull: *330.
Meningitis 689.
Maruyama: Gehirne xtr. bei
Wassermann-Reakt. 188.
Marx: *331. *878.
Masarey: Adalin 534.
Masini: Epilepsie u. Verbrechen
765.
Nebennieren bei Geisteskr.
954.
Massarotti: Psych. Stör, bei
Basedow 829.
Masseion: Dem. praec. 658.
Masslow: *877.
Mattauschek: *330.
Himgeschwülste 380.
Matti: *333. *668.
Mattioli: *329.
Mattirolo: Dystr. hypophyso-
genit. 844.
Maurel: Chorea minor 125.
Mauss: Polyneur. u. Korsakoff
nach Neosalvarsan 162.
Rückenmarksgeschwulst 301.
Mayer, Alfr.: Ansiedl, von
Kriegsbeschädigten 733.
— C.: Kriegsneurologie 861.
*876.
— F.: *512.
Sedobrol 533.
— Leo: örthopäd. Beh. bei
Heimplegie 483.
Lagerung bei Nerven verl.
607. *671. *672.
— O.: Akute zerebr. Ataxie
487.
Mayer, W.: *878.
Alkohologene refl. Pupillen*
starre 947.
— Wilhelm: Traumat. Myelitis
436. *670. *672.
Meade: Nervennaht 903.
Medow: *367.
Meggendorfer: Syph. u. Dem.
praec. 658.
Mehler: Neurolyse des Plex.
brach. 607. *671.
Meissl: Kriegschirurgie 730.
Meissner: Morphinwirkxmg 68.
Meitzer: Magnesiumsulfat bei
Tetanus 401. *510.
Melzer: *512.
Mendel, Felix: Diathermie 532.
— K.: Psychiatrisches u. Neu-
rolog. aus dem Felde 2.
Nekrolog auf M. Bernhardt
327.
Nekrolog auf M. Rothmann
624.
Mendl: Hirnblutung 482.
Menzer: *333.
Meredith: *877.
Merhaut: Operat. bei Basedow
832.
Mertens: *877.
Messner: Angeb. Höhlenbild,
im Rückenm. eines Kalbes
200 .
Mettenheimer, v.: Blut bei
Poliomyel. 527.
Myatonia congen. 655.
Polyneuritis 797.
Metzner: *509.
Meyer: *879.
— Arthur W.: Tetanusanti¬
toxin 785. *878.
— Carl: Epil. u. Schwanger¬
schaft 753.
— E.: Paralyse u. Syphilis 31.
Psychosen u. Neurosen währ.
des Krieges *122.
Laminektomie bei Schull-
verl. 312. *367.
Konzeptionsbeförderung n.
Eheschließung 441.
Krieg u. schon bestehende
Psychosen 494. *510. *511.
*512.
— E. J.: *510.
— Hugo: Akromegalie 843.
*877.
— K.: *332.
— O. B.: *332.
Neuralgia brach. 789.
— Robert: Hellsehen 276.
Michael: *332.
Michaelis: Arsenikvergiftung
942.
Michälek: Epilepsiebehandlung
757.
Digitized b)
Google
Original fro-m
UNIVERS1TY OF MICHIGAN
975
Miohels: Chorea hysterica 912.
Middlemiss: *306.
Milian: Chorea u. Syphilis 909.
Miller: *877.
Mills: *331.
Kleinhirnlokalisat. 357. *668.
Mingazzini: Schläfenlappen -
tumoren 388. *508. *511.
Aphasielehre 561.
Motor. Spraohbahnen 563.
Minnich: Trauma u. Paralyse
33.
Misch, J.: Nervenkrankheiten
442.
— W.: *329.
Muskelaktionsströme 746.
Mitamura: *509.
Mitchell: *335.
Muck: *670.
Mühlbaum: Progn. bei Chor,
gravid. 127.
Mühlmann: Nervenpigment
beim Papagei 271.
Mühsam, H.: Tetanusbehandl.
21. *334.
Müller: Anstalt Leipzig-Dösen
582.
— C.: Plast. Ersatz der In-
terossei 607.
— E.: *512.
— Eduard: Tetanusbehand¬
lung 94. *334.
— H.: Lähm, des N. musculo-
cutan. 795.
— P.: *879.
— W. B.: *879.
Mochi: Asymbolie 573.
Moeli: *512.
Verantwortl. des Irrenarztes
bei Selbstmord 913. (914).
Moerchen: Tardive Homo¬
sexual. bei Tabes 28.
Mohr: *336. *368.
Nervöse Zustandsbilder bei
Kriegsteilnehmern 610.
* 668 .
Hypnose u. vegetative Zen¬
tren 742.
Moll: *671.
Moll weide: Pathogenese der
Dem. praec. 658.
Monakow, v.: Pyramiden bahn
u. Armregion 217.
Monrad-Krohn: *669.
Montgomery: *877.
Moore: *877.
Moraes, de: Liquor 199.
Moravcsik: *334.
Krieg u. nervös-psyoh. Stör.
037.
Morphinismus 942.
Gefangenschaft u. Geistes-
krankh. 955.
Morawski: *335.
Kohlenoxyd vergift. 941.
Moretti: Nukleinbeh. bei Paral.
u. Dem. praec, 35.
Morgenstern: *333.
Morrow: *877.
Morse: *331.
Mosbacher: *336.
Moschcowitz: *333.
Motejl: Negersohes Symptom
bei Fazialislähm. 794.
Motte, de la: Forensische Fälle
im Kriege 590.
Motzfeldt: Kongenit. Hydro¬
zephalus 701.
Mougeot: Okulo-kard. Refl. bei
Lues 193 u. 685.
Okulo-kard. Refl. bei Brady¬
kardie 685.
— (Wien): Traumat. Plexus¬
lähm. 173.
Müller-Deham: Postdysenter.
Polyneuritis 798.
Müller-Schürch: *368.
Munroe: *335. *877.
Munson: *334.
Hypophyse u. Epilepsie 749.
Münzer: *367.
Psyche der Verwundeten 406.
*511.
Muralt, v.: Chron. Trional-
Veronal vergift. 101.
Murphy: *878.
Muskens: Komplette Rücken¬
marksquerläsion durch
Schußwunden 7.
Konjugierte Deviation 467.
* 668 .
Myerson (lies Myerson stati
Mycoson auf S. 199): E -
weiß im Liquor 199. *367.
Mygind: *508.
Myrtelle: *329.
MyBliveöek: Syringom, u.
amyotr. Lateralskier. 200.
Zentr. u. perivaskul. Gliose
im Rüokenm. 201
Toxine im Liquor 721.
Delir, tremens 949.
Naffziger: *330.
Nagel: Psych. Stör, bei mult.
Skier. 649.
Nakamura: *333.
Natonek: *330.
Naundorff: Hyster. Psychose
oder Dem. praec. 764.
Navwuch: Stimrunzeln bei Ta¬
bes 24.
Mc Neal: *333.
Poliomyelitis 523.
Neck, van: Geburtslähm. 795.
Nehl: *329.
i Neisser: *670.
NÖmeöek: Erinnerungsassozia¬
tionen 579.
Netouäek: Hämatomyelie 298.
Hemianopsie 474.
AbderhaldenBche Reaktion
953.
Netter: Mening. Form der
Poliomyel. 529.
Neuber: *335.
Neubert: Behandl. der Folge¬
zustände von Hirn-
erschütterung 435.
Neubürger: *512.
Adrenalin u. Dem. praec. 663.
Neue: Biolog. Reakt. beisyphi-
logenen Erkr. 170. *331.
Liquor- u. Blutuntersuch.
952.
Neuendorff: Retrograde Am¬
nesie 39.
Neugebauer: *333.
Neumann: Epistropheusfrak-
tur 303.
j — A.: *368.
! — H.: *336.
— K. Th.: *368.
— L.: *368.
Neustädter: Hemiatr. faciei
656. *877.
New: Gangl. Gasseri-Tumor
392.
Newcomb: *335. *367.
Newmark: Lumbalpunktion u.
Rückenmarkstumor 297.
*331.
Nicoll: *670.
Niessl v. Mayendorf: Choreat.
Zuckung 124. *329. *508.
Nieszytka: *367.
Abderhalden-Methode 585.
Nikitin: *331. *334.
Schutzimpf, gegen Lyssa bei
Epil. 760.
Ninger: Tuberkul. des Gehirns
384.
Nissl: *512.
Nitzesku: *333.
Nobel: *330.
Ninhydrinreakt. bei tu ber¬
kul. Mening. 697.
Glyzy 1 -T ryptophanreak tion
bei Mening. 697. *876.
Noeggerath: *878.
Noehte: Rückenmarks verletz.
158.
Streifschüsse an Schädel-
kapsel 364. *511.
Noguchi: *509.
Nonne: Isolierte Radialislähm.
42.
| Peroneusverl. 42 u. 317.
Traumat. Aneurysma 42.
I Medianusläsion 42. .
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
976
Nonne: Verletz, des M. rect.
femoris 43.
Druck auf Parazentrallappen
44.
Verl, der hinteren Zentral¬
windung 44.
Verletz, der vord. Zentral¬
windung 45.
Hysterie nach Überanstreng.
45.
Grande hystörie 45 u. 317.
v. Frankl-Hochwart 109.
Alkohologene reflektor. Pu¬
pillenstarre 254.
Krämpfe im Platysma 318.
Krämpfe im Cuoullaris 318.
Partielle Erkr. der Nerven
318.
Ischiadicusverletz. 318.
Pseudotumor cerebri 394.
(408).
Polyneuritis bei neurasthen.
Kriegsteilnehmern 430.
Kriegs verletz, der periph.
Nerven 431.
Tuberkul. von Hirn u.
Rückenmark 489. (498).
*510.
Zwergwuchs 019. *669. *670.
*671.
Traumat. Neurose bei Kriegs¬
verletzten 864 u. 924. *878.
(960).
Novak: *331.
Tumoren der Zirbeldrüsen¬
gegend 392.
Nunno, de: Mikrokokkus des
Maltafiebers 276.
Niiremann: Tetanus 576.
Nuzum: *877.
Obe: *668.
Nachweis v. Meningokokken
in der Lumbalflüssigkeit
692.
Oberholzer: *334.
Sedobrol bei Epil. 757.
Oberndorf: *880.
Obemdörffer: Roths Termino¬
logie 204.
Obersteiner: Endogener Faktor
u. Pathogenese der Ner¬
venkrank h. gl 2t *308.
Obregia: Harnstoff bei Para¬
lyse 39.
Abderhalden sehe Reakt. bei
Paral., Epil. u. period.
Psych. 171.
Abderhalden sehe Reakt. bei
Dem. praec. 661.
Stickstoff bei Dem. praec.
661.
Oden: *508.
Oeoonomakis: Mitteil, an den
Herausgeber 80.
Diagnose des Hirntumors 87.
*511.
Oehlecker: Geheilte Schädel¬
schüsse 410.
Caudaequina - Verletz. 411.
(503).
Oettinger: *333.
Oftedal: *669.
Ogilvie: *335. *670.
öhrwall: *508.
Olivecrona: *330.
Geschwulst in den weichen
Häuten 701.
Oliver: *336. *879.
Olivero: *331.
Oilendorff: *072.
Oloff: Verwundung des Seh¬
organs 861.
Omorokow: *368.
Onodi: Zerebr. Komplik. nasa¬
len Urapr. 354.
Oppenheim, H.: Kriegsneuro¬
logie 18.
Krankendemonstr. z. Kriegs-
neurol. 40 .
Hemipleg. spin. 49 .
Echte Reflexlähmung 5L
(73). (75). (79). (107). (136).
Therapie der syphil. Nerven-
krankh. 192. (283).
Verletz, des 1. Sympath. u.
r. 5. u. 6. Zervikalnerv. 283.
Parese des r. Cuoullaris u.
Serratus 283. (286).
Caudatumor 300.
Brown-S£quardsche Lähm.
302.
Kriegs verletz, des periph. u
zentr. Nervensyst. 311.
*329. *331.
Krieg u. tranmat. Neurosen
363.
Hypophysistumor 393. (445).
(447). (448). *510. *511.
Traumat. Neurose im Kriege
514.
Mensch ohne Cauda equina
538. (539).
Medianuslähmung 540. (540).
(541). (544).
Schuß verletz, peripher. Ner¬
ven 605. (615). (617).
Formenreichtum der mult.
Skier. 644. (665). (668).
*670.
Zum Andenken an M. Roth-
inan n 074.
Falsche Innervation 802.
Neurosen nach Kriegs verletz.
810. *878. (914). (916).
(918). (919).
Oppenheim, R.: Tabisehe Dys¬
pepsie 26.
Meningitisreakt. bei Hirn¬
blutung 481.
Oppenheimer: Zwangsvorstei -
lungen 875.
Orbison: *336.
Myopathie 653. *668.
Orth: Hirnprolaps nach Schä¬
deldefekten 158. *511.
Ortner: Basedow 827.
Orton: Diagnose der Paralyse
31.
Katatonischer Himtod 660.
Ossipow: Experim. Epil. bei
dlunden 748.
Ossokin: Innervation der
Schilddrüse 820.
Oswald: *333.
Nervensystem u. Stoff wech-
selkrankh. 452 .
Basedow 825.
Behandl. des Kretinismus
839.
öttinger: Herpes zoster nach
Salvarsan 800.
Otzen: *336.
Psych. Stör, bei Paral. agi-
tans 873.
Paal: *668.
Page: *509.
Palmer: *669. *878.
Pandolfi: Neuroglia bei Vergift.
935.
Padski: Hemiplegiesymptome
482.
Pape: Funktion. Stimmhand-
lähm. 437. *511.
Pappenheim: *330. *368.
Leitungsaphasie 565.
Parhon: *509.
Verworrone Manie bei
Schilddrüsenhypertrophie
830.
Park: *334.
Parker: *333.
Pascal: Paranoide Form der
Paralyse 30.
Passini: Lumbalpunktion bei
Chorea 126. *334.
Pastine: Dauer-Babinski 688.
Paulesco: *333.
Paulus: *878.
Botulismus 937.
Pedaschenko: *329.
Peet: *331.
PeUacani: Komplemen tablen -
kung bei Dem. praeo. 662,
Salzarme Kost bei Epil. 758.
Pelnäf: Klimakt. Neurose 738.
Perelmann: Dipsomanie 102.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERS1TY 0F MICHIGAN
977
Pereyra: *333.
Perimoff: Famil. Myxödem
837.
Peritz: (75). (76). (108).
Hiroschü88e mit Lagegefühls-
stör., Astereogn. eto. 140.
(144).
Syph. der Wirbelsäule 194.
Perthes: *670.
Steckschüsse des Rücken¬
marks 861.
Peöina: Köngen. Myxödem 837.
Peters: *367.
Erinnerungsassozi&tionen
579.
Petery: *367.
Petronio: Stauungspapille 382.
Petrow: Trauma u. Paralyse 34.
Petruschky: *876.
Petterson: Keimträger bei
Kinderlähm. 525.
Petzsch: *368.
Pfahl: *671.
Pfeiffer: *511.
Pfister: *669.
Glutäalklonus 687.
Pf ungen, v.: Kotstauung u.
Schmerz 736.
Philibert: Typhöse Spondylitis
307.
Pick. A.: Pathol. des Bewußt- j
seins vom eigenen Körper
257. *367.
Stör, der Orientier, im Raum
474. *508. *510. *512.
Amnestische Aphasie 569.
Perseveration 570. *671.
Pi£ron: Latenz u. Lokalis. der
Reflexe 684.
Piffl: Rhinogener Hirnabszeß
354.
Pighini: Lipoide Abbaustoffe
des Hirns bei Paralyse 36.
* 668 .
Pike: Nystagmus 361. *509.
Pilcz, A.: Paralyse 32. *368.
Pilotti: Meningoenoephal. der
Pferde 277.
Pilsbury: *335.
Pinczower: Polyneur. syphil.
797.
Piorkowski: *510.
Piotrowski: Traumatische Neu¬
rose 591.
Piquemal: Remission bei Tabo-
paral. 28.
Pitulesco: Abderhaldensche
Reakt. bei Paral., Epil. u.
period. Psych. 171.
Abderhaldensche Reaktion
bei Dem. praec. 661.
Plahl: *671.
Plate: Tabische Arthropathie
27.
XXXIV.
Plesaner: Trigeminuserkrank,
nach Trichloräthylen 916.
(918).
Plummer: Ganglion Gasseri-
Tumor 392.
Podmaniczky, v.: *876. *877.
Poggio, di: Hirntumor 392.
Pöhlmann: *332.
Polimanti: Nervensystem der
Fische 278. *509.
Pollock: *508. *669. *878.
Popeia: Harnstoff bei Paralyse
39.
Abderhaldensche Methode u.
Tetanie 129.
Stickstoff bei Dem. praec.
661.
Poppelreuter: Psych. Ausfalls¬
erschein. nach Himverletz
399. *669. *671.
Porak: Liquordruck 197.
Port: Nervenpunktlehre 202.
Porten, v. d.: Veronal bei Del.
trem. 99 u. 950. *510.
Posey: *669.
Potter: *880.
Potts: *329. *508.
Gasolinvergift. 940.
Pötzl: Nervöse Schwerhörig¬
keit 175. (176).
Poyer: Automat. Schlaf 441.
Prager: Hyster. Schlafzustände
743.
Prasse: Alkoh. Eifersuchts¬
wahn 950.
Preissner: Porges-Hermansche
Syphilisreaktion 166.
Pribram: Tetanus 123 u. 402
u. 783. *334. *670.
Operafc. Behandl. der Schä¬
delschüsse 860. *878. *879.
Pringle: *668.
Przedpelska: Liquor bei älteren
Heredosyphil. 189.
Pulay: Mult. Sklerose 645.
*877.
Pürckhauer: Polyneuritis u.
Korsakoff nach Neosal-
varsan 162.
Purser: Myatonie 656.
Pussep: Hirngeschwulst 380.
I Putnam: *368.
Quensel: *330. *335.
Posthemipleg. Pseudomyo¬
tonie 480.
Quincke: Lumbalpunktion 196.
*331.
Quittner: *335.
Babanus: *330.
Rabens: *333.
Rad, v.: Myatonie 656.
Rados: *876.
Raecke: *671.
Raimann: Hysterie 743.
Ramön y Cajal: Neurogiiafärbe-
methode 82.
Randolph: *509.
Rangette: *879.
Ranke: *329.
Ranson: Vagus 271.
Ranzi: Behandl. von Him-
schüssen 65.
Rückenmarksschüsse 313.
*511.
Spätabszesse nach Sohuß-
verl. des Hirns 546 .
Schußverl. der periph. Ner¬
ven 606. *671.
Raoult: *332.
Rasch: *330. *510.
Hyster. Dermatose 743.
Rausch: *329.
Pseudosklerose 651.
Rautier: Himtuberkülose 384.
Ravaut: Lues nervosa 193.
Raven: Syphilitikerfamilien
170.
Read: *510.
Rebizzi: Funktion der Stirn-
lappen 465.
Reckzeh: *368.
Redlich, E.: Brown-S6quard
mit Lähm, des Halssym-
path. 147. (174). (176).
Krieg u. Nervensystem 434.
Operation bei Schußverletz,
periph. Nerven 496. *511.
*668. *671.
Narkolepsie 754.
Epilepsie bei Hypophysen-
tum. 842.
i Sensibilität am Rumpf bei
zerebra’er Hemianästhesie
850 .
Ätiol. der Nerven- u. Geistes-
krankh. 913.
Reed: *510.
Arsenikvergiftung 942.
Regnault: Diplomimik 573.
Reichardt: Hirnschwellung 55 .
Folgen psych. Vorgänge auf
Körper u. Seele 106.
Reiche: Medinal 69.
— F.: *330.
Mening. bei Diphtherie 694.
Reich mann: *330.
Schuß verletz, periph. Nerven
497. *671.
Meningitis 698.
Rein: Cystic. racem. fossae
Sylvii 389.
Reingruber: *510.
Magnes. sulf. bei Tetanus
575.
62
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
978
Reisinger: Postmort. Struktur«
veränder. der Ganglien¬
zelle 728.
Reiss: *368.
Reitsch: Homonyme Rechts¬
hemianopsie 731.
Reitter: *671.
R&nond: Chorea u. Schild¬
drüse 127.
Remsen: *331.
Hirnzyste 394.
Remser: *876.
Renton: Himabszeß 350.
Rentz; *330.
Stauungspapille 490 (im Re¬
ferat 63 fälschlich statt
Rentz der Name Uhthoff
gedruckt!)
Repond: Katatonie nach Son¬
nenstich 659. *880.
Resch: *880.
Geisteskrankheiten u. Krieg
906.
Reusa, v.: Hydrozephalus nach
intrakran. Blutung 703.
Reynolds: Hirnabszeß 349.
*877.
Re2ni£ek: Dermographie 173
u. 740.
Kriegsverl. periph. Nerven
175.
Einseitige mult. Himnerven-
verletz. 370. *511.
Rezza: Bulbus bei Dem. praec.
661.
Rhein: *330. *331.
Tumor des Crus cerebri 390.
Rheindorf: Hysteroneurasth.
oder Appendizitis? 734.
Rhese: Hörstörung u. Klein¬
hirnbrückenwinkeltumor
384.
Ribbert: *509.
Tuber. Hirnsklerose 729.
Basedowstruma 825.
Rice: *880.
Richter: *512.
Riebeth: Neurasth. bei Kriegs-
teiln. 641.
Riehl: Tetanusbehandlung 159.
*510.
Riggs: Salvarsanis. Serum bei
juven. Paral. 190. *335.
*878.
Ringel: Balkenstich 493.
Riquier: Sympath. der Schild¬
kröte 276.
Ritter: Prophylaxe des Tetanus
403. *510.
Rittershaus: Kriegsbeschädi¬
gung u. soz. Fürsorge 870.
*879.
Mac Robert: *510.
Robertson: *668.
Robertson, G. M.: Serum u.
Liquor bei Paralyse 189.
*510.
— H. E.: Tetanus 577. *670.
Roderburg: Halluzin. bei Para¬
lyse 30.
Roemheld: Homolaterale He¬
miplegie nach Kopfverletz.
427. *670.
Roger: *331.
Rohde: Gedächtnisausfälle bei
Paralyse 30. *335.
Rohleder: Dyspareunie des
Weibes 737.
Rohmer: *333.
Rohrer: Hemikranie 786. *877.
Roick: *332.
Roller: Untersuch, der Geistes¬
kranken 39.
Rolleston: Diphther. Lähm.
797.
Romeick: *335.
Traum, motor. Aphasie 568.
Römer: *508.
Sonnenbäder 614.
Krieg u. Alkoholismus 623.
*880.
Rönne: *877.
Röper: Alkoholismus bei
Frauen 95.
Funktionelle Neurosen bei
Kriegsteilnehmern 494.
(505). *670.
Rosanoff: *511. *880.
Rose, E.: Foligan 589. *672.
— F.: Kortikale Ataxie 473.
— G.: *366.
Rosenbaum: *332.
Neuralgisan 791.
Rosenberg, F.: Ätiol. der Polio-
myel. 523.
— J.: Familiendegener. u. Al¬
kohol 96.
Rosenbloom: *331. *336.
Rosenbusch: Kretinismus 839.
*877.
Rosenfeld, G.: *333.
Rosenow: *669.
Rosental: *367.
Organische Verblödung mit
Spannungszust. der Mus-
kul. 477.
Schizophrenie u. Hirndruck
659.
Ross: *672.
Rossi: *330. *336.
Balkenerweichung 478.
Muskelhyperplasie 657.
Roth: *333. *671. *880.
Safrolvergiftung 938.
Rothfuchs: Tetanusbehandlung
93. *334.
Salvarsan bei Tetanus 786.
*878.
Röthig: Vital-Scharlach VIII
m.
Rothmann: Meningocele am
Stirnbein 69.
Phrenicuslähmung 69. (70).
(73). (77). (108). (136).
(137). (138). (139).
Greifversuch 139. (143).
van Gehuchten f 144.
Schußverletz, des obersten
Brustmarks 153.
Zum 60. Geburtstag von
L. Edinger 210. (326).
*329. *330.
Himphysiol. im Dienste des
Krieges 362.
Katatonusversuch 421 u. 445.
Nachbehandl. der Verletz,
des zentr. u. periph. Ner-
vensyst. 429.
Zwangsbeweg, des Kindes-
alters 444. (445). (446).
Extremitätenregion der
Großhirnrinde 465.
Ausfallserschein, nach Affekt,
des ZentralnervensyBt. 465.
*511. (616). *668. *670.
Rothstein: Chorea beim Hund
124.
Roubinowitsch: Agenesie des
Balkens 572.
Rouillard: Liquordruck 197.
Rachitis u. Thyreoidektomie
821.
Roux: Mumps u. Meningitis
696.
Roznowski, v.: Magnesium bei
Tetanus 94. *334. *670.
Rueck: *669.
Ruediger, v.: Wund behänd!. in
Kriegsspitälem 601.
Rühl: *333.
Rumpel: *670.
Rumpf: Schuß Verletzung des
Rückenmarks u. Hirns
315. *335. *511.
Runge: Trinkerfürsorge 95.
Salvarsan bei Paralyse 160.
Ruoff: *512.
Russeff: *671.
Lähmung des Halssympath.
779.
Russkich: Gehirnerweichung
473.
Ruttin: Augenbewegung, u. X.
vestibul. 807.
Ryerson: *509.
Rytina: *610.
Sachs: *335.
Sadger: Psychol. des Trinkers
94. *612.
Digitized by
Gougle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
979
Saenger: *839.
Nervenleiden durch den Krieg
364. (507). *508. *668.(957).
Saeves: *333.
Sala: *611.
Pseudohvpertroph. Paralyse
652.
Sanders: *329.
Sandfort: Paral. agit. u. Tabes
873.
Sanguineti: *329.
Santo: *670.
Sarbö, v.: Nervenshock nach
Explosionen 316. *511.
Uydrocephalus intern. 703.
Sattler: *875.
Sauer, W.: Kleinhirn bahnen
beim Menschen 356.
Sauter: Verletz, periph. Nerven
432.
Sau vage: Chorea u. Schild¬
drüse 127.
Sauv6: Operat. bei gastr. Kri¬
sen 26.
Savoureux: Sei bst beschul-
digung bei Dipsomanie 951.
Sa widowitsch: *330.
Ernährung u. Hirn wachs tum
464.
Sceleth: *670.
Schabelitz: *512.
Schacherl: Tuberkulin bei sy-
philogenen Nervenkr. 169.
*335.
Schaefer, F.: Alkoholpsychosen
98.
Schaffer: Zerebellare Pyramide
248 u. 358. *508.
Ganglienzellschwellung 518.
Schaller: Liquorstudien 198.
Schanz: Wirbelsäulenerkrank.
303.
Scharnke: Behandl. des Del.
trem. 99.
Schaumann: *877.
Scheer, v. d.: *336.
Adrenalinmydriasis bei
Geisteskr. u. Gesunden
677.
Schemensky: *333.
Thyreoaplasie 837.
Schenk: Tumoren der Dura
mater spin. 297.
Schepelmann: *669.
Hypophysentumor 841.
Scherber: *876.
Schiftan: *880.
Schilder: *329. *368.
Pseudosklerose 651.
Symbolähnl. Bildungen u.
Schizophrenie 763.
Schilling: *878. *879.
Schinzinger: *333.
Basedow u. Tuberkulose 829.
Schiötz: Blutdrüsen u. Paral.
agitans 870.
Schleich: *367.
Schlemm: Traumat. Tabes 24.
Schlesinger, A.: Anästhes. des
Plex. lumb. 791.
— E.: Hemianopische Pupil¬
lenreaktion 383. *508.
Pupillenunruhe u. Psycho-
refl. der Pupille 685.
— Hermann: (175).
Dysenterische Polyneuritis
403.
Zemingssympt. bei Erkr. der
Cauda 450.
Nagelabstoßung nach Schuß-
verl. des Plex. brach. 496.
*669.
Schlicht: *880.
Schloss: *510.
Schloss: Unterricht für das
Pflegepersonal an Anstal¬
ten 581.
Ärzte u. Pflegepersonen in
Anstalten 582.
Schmid: Brandstifter 846.
Schmidt, C.: Dial-Ciba 134.
*368.
— P.: *671.
— (Bielefeld): Mekonal 589.
*880.
Schmiegelow: *876.
Schmincke: *668.
Schmitt, A.: Salvarsantodes-
fälle 162.
Schmücking: Starkstromver¬
letz. 103.
Schnabel: *329.
Balkenloses Gehirn 479.
Schneider, A.: Veronaldelirium
944.
— Kurt: Morphinpsychose 68.
Behandl. des Del. trem. 99.
*512.
Katatonie che Symptome 704.
— R.: Tetanus behandl. 159.
Balkenerweichung 479.
Schneller: *879.
Schnitter: Zweizellenbad bei
Bleikranken 942.
Schnitzer: Einricht, für Für¬
sorgezöglinge 84&
Schnitzler: Wärmeregul. u.
Zwischenhirn 273.
Schnizer: *367.
Scholomowitsch: *367.
Heredität u. phys. Entartung
585.
Schönfeld, A.: Drüsige Bildun¬
gen in d. Hirnrinde 268.
*329. *331.
Schoonheid: *333.
Schoppe: *669.
Schöppler: *336.
Schöppler: Myositis ossificans
652.
Schott: Entmündig, wegen
Trunksucht 95. *511. *877.
Schottelius: *878.
Schranke: *368.
Schröder, Hermann: Operation
bei Basedow 832.
— H. S.: *670.
— M.: Todesursachen schizo¬
phrener Frauen 765.
— P.: Hirn bei perniz. Anämie
486. *511.
Halluzinationen 586. *878.
Schroeck: *508.
Schroeder, K.: Markscheiden«
schnellfärbemethode 270.
*329. *333. *367.
Akromegalie u. Splanchno-
megalie 844.
Sohrottenbach: Paralysebe-
handl. 168.
Schulhof: *511. *671.
Sedobrol bei Epilepsie 757.
Schüller: *330.
Chirurg. Beh. des erhöhten
Hirndrucks 493.
Schädeldefekte im Jugend¬
alter 729.
Gamaschenschmerz 863.
Neurose nach Granatexplo¬
sion 865.
Schultz, J. H. *368.
Feindschaftsgefühle im
Kriege 878.
Bazillenträger in den An¬
stalten 585. *671.
Dementia praecox 762.
Psychoanalyse in gerichts-
ärztl. Bezieh. 768. *880.
Schultze, B. S.: *367.
— W. H.: Thyreoaplasie mit
Hypophysentumor 839.
Schulz, B.: *671.
Schum: Rückenmarksverletz.
313. *511.
Schuppius: *367.
Schürhoff: Hysterie oder mult.
Skier. 650.
Schuster, Ernest: Hypophysen-
extr. u. Diurese 846.
— H. 0.: *368.
— P.: Kriegs verletz. 70.
Rückenmarksblutung 71 u.
136.
Crampusneurose 72. (73).
(76). (109).
Lähmung des N. glutaeus
super. 321 u. 418.
Mening. spin. cyst. ser. 321.
(323). (445). (543).
Spinale Hemiplegie 615.
(664). *668.
Aphasie bei Japanern 672.
62*
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
980
Sohuster, B.: Kriegsneurolog.
Demonstrationen (Kopf¬
schuß, Hyste>rie)914. (916).
— (Chemnitz):Traumat. Spät¬
apoplexie 104.
Schütz: *510.
Schwarz, E.: *335. *367. *880.
— 0.: Miktionsanomalien nach
Erkältung 864.
Schwarzmann: *332.
Secor: *669.
Seegers: Kalmonal 134. *368.
Seelert: Alkoholhalluzinose u.
Gedankenlautwerden 98.
*367. *368.
Sehn: *367.
Sehrt: Schilddrüseninsuffizienz
u. Obatip. 837.
ßeige: Typhuspsychosen im
Felde 291.
Selye: Schußverletz, dos Ge¬
hirns 601.
Sepp: *332.
Serejskis Diogenal 614. *880.
Serko: Mescalinrausch 936.
Sewall: *877.
Seyler: *332.
Shanahan: Epilepsie 749.
Sharpe: *508. *669.
Shaw: *334.
Epilepsie 747.
Hypophyse u. Epilepsie 749.
*877.
Sheldon: Markscheidenfärbung
269.
Shere: *879.
Sherrington: *332.
Shuman: *330.
Sicard: Operat. bei Tabes 26.
Sick: Schädel- u. Hirnschiisse
898.
Siebelt: Adalin 100.
Siebert: Paralyse 34.
Sielaff: Erweichungsherd oder
Hirntumor 382.
Sielmann: *333.
Röntgenbestrahl. bei Based.
832.
Siemon: Tetanusbehandl. 122.
*334.
Sieur: Endokran. Infektion
von Nebenhöhlen aus 696.
Siler: *333.
Öimerka: Torticollis neuritieus
734.
Simmonds: *329. *511.
Simon: *334. *669.
Simonelli: *508.
Simons: (78).
Simpson: Tractus cortico-spi-
naiis 268.
Thyreoidektomie 821. *877.
Singer, H. D.: *509.
Pellagra 800.
Singer, Kurt: Chorea minor
128. *332.
Kriegspsychose 405. *512.
Atyp. Schlaf- u. Drucklähm.
796.
Sioli: *367.
I Abderhaldensohes Verfahren
i 954.
Sirota: *368.
Sitting: *329. *330. *332. *367.
Sensible Rindenzentren 470.
Sensibil. u. mult. Sklerose
647.
Mult. Skier, u. Syringom.
650.
Tuberkul. Mening. 697.
Tuberk. Mening. mit hemi-
anop. Pupillenreakt. 699.
*880.
Skoog: *336. *876.
Sluder: *508.
Slyke: *510.
Smith: *512. *670. *878.
Socin: *608.
Snowball: *876.
Söderbergh: Innerv.der Bauch¬
muskeln 297.
Sokolow: *511.
Sokolowski: *878.
Solieri: *335.
Solowiejczyk: Stirnhöhlen¬
eiterung 355.
Sommer: *879.
Krieg u. Seelenleben 907.
Sörensen: *876.
Southard: *329. *330. *367.
Thalamusläsion 474.
Spanuth: TetanusbehandL 65.
*334.
Specht: Sinnesfunkt. u. Al¬
kohol 947.
Spiecker: Friedreichsche Ataxie
29.
Spiegel: *334.
Spielmeyer: Nervennaht 281.
Traumat. Epilepsie 315.
*510. *511.
Spiller: Akute Mvelitis 299.
*331. *509.
Spitzig: *668.
Spitzy: R&dialislähmung 311.
*5li.
Spoerl: Rückenmarkes chuß-
verl. 731.
I Spolverini: *330.
Staemmler: Leber bei Pseudo¬
skier. u. Linsenkerndege-
ner. 475. *509.
Struma congenita 824.
Stahl: Chorea chroo. 126.
Stähle: *509. *877. |
Stamm: *332. I
Famil. Irrenpflege 584. i
Starlingcr: *367.
Starlinger: Schutz u. Fürsorge
für Geisteskr. 535.
Starr: *609.
Stearns: *511.
Stein: Diebstahl bei Paralvse
30.
— Albert E.: Diathermie bei
Kriegsverletz. 406.
— E.: Traumat. Spätpsychose
oder Dem. arterioscler.
105.
— J.: Phenoval 202. *368.
Steinbach: *879.
Steinberg: Troph. Stör, bei
Schußverl. periph. Nerven
731.
Steindl: *672.
Steinebach: *510.
Hydrozephalus 701.
Lumbalpunktion bei Delir,
trem. 949.
Steinmeier:Tuberkul. Meningi¬
tis 698.
Steinthal: Prognose der Ner¬
vennaht 433. *671.
Stelzner: *611.
Frühsympt. der Schizophre¬
nie u. Kriminalität 762.
Stendell: Hypophyse 818.
Stephenson: *609.
Sterling: Wirbelsäulenosteome
304.
Stern, Artur: Schußverletz,
des Rückenmarks 550.
Schußverl. des Hirns 729.
*879.
— Felix: *330. *368.
— Heinrich: Hypothvreose
836.
— Richard: Tabestherapie 25.
Sternberg, W.: Übertreibungen
der Abstinenz 97.
Stertz: Leitungsaphasie 566.
Motor. Aphasie 569.
Stevens: *670.
Stewart: *333.
Stieda: Hirnchirurgie 396.
Stiefler: Stör, der Hamentleer.
inf. Erkält. 732.
Paral. agit. im jüngeren
Alter 872.
Pantopon bei Par. agit. 874.
Periphere Nerven bei Erfrie¬
rungen 882.
Stier: Neuropath. Kind 746.
*876.
Stillman: *878.
Stöcker, W.: *368.
Stoffel: Behandl. verletzter
Nerven 280. *330. *332.
•611. *671.
Technik der Neurolyse 862.
Stokes: *510. *670.
Stoner: *670.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
981
Stoney: Nervennaht 903. ! Szily, v.: Strahlentherapie bei Treiber: *512.
Stracker: *880. Hypophysentumoren 844. Frühsymptome der Dem.
Stransky: (174). *368. *876. praeo. 703.
Krankhafte Ideen 440. Szpanbock: *330. Tremmel: Farad. Auslösung des
Psychiatrie u. Psychol. im Hemipleg. Lähm. 480. Sohlenreflexes 688.
Kriege 600. *880. Sztanojevits: Asthen. Zustände Trendelenburg: Erwärmung u.
Neuritis als Felderkrankung bei Soldaten 906. Zentralnervensystem 274.
903. Szüts, v.: *329. Ausgleich der Bewegungs-
Strasser: Tomisterdruckneur- i stör, nach Rindenaus-
algie 863.
Strasser-Eppelbaum: Psychol.
des Alkoholismus 94. *512.
Straub: Magnesiumsulfat bei
Tetanus 159 u. 402. *510.
Strauss, H.: Arterioskler. u.
urämische Zerebralstörun¬
gen 594.
— J.: *335. *509.
Strebei: Anosmie u. Enophth.
traumat. 64.
Selbsttrepan. der Natur beim
Turmschädel 468!
Streblow: *512.
Diogenal 534.
Stricker: *334.
Strohmeyer: *334.
Magnesium bei Tetanus 575.
Strubeil: *331.
Hypophysentumor 392.
Strümpell: Keuchhustenenze¬
phalitis 487. *509.
Strübel: Ver&nder. der gereiz¬
ten Nerven 723.
Stuchlik, J.: Porenzephalie
469. *510.
Alkohol u. Epilepsie 749.
Blastophthorische Wirkung
des Alkohol 946.
Begriff „Psychose“ 962.
Serologie in der Psych. 953.
— S.: Porenzephalie 469.
Stuchlik-Sirotow: *329.
Stühmer: *335.
Stuurman: Ursprung des Vagus
722.
Tigrolytische Ganglienzell-
Schwellung 856.
Sutter: Schilddrüse u. Jod 831.
Sutton: *367.
Swanberg: *509.
Swasev: *333.
Taft: *331.
Tamm: *334.
Tanberg: Chron. Tetanie 132.
Tarassevitch: Pachymeningitis
haemorrh. 700.
Tarle: Neuritis retrobulb. u.
mult. Skier. 647. *669.
Tasawa; Experim. Polyneuritis
796.
Taylor: *509. *880.
Teller: *334.
Telling: *368.
Tepper: *878.
Arznei Vergiftung 943.
Terentjew: *336.
Tergast: *512.
Verblödung mit Halbseiten-
erschein. 573.
Terni: *329.
Tetzner: Vergift, durch nitrose
Gase 67.
Teutschländer: *331. *670.
Thiem: *330. *331. *509. *668.
Tuberkul. Hirnhautentzünd,
nach Hodenquetschung 697.
Thiemann: Resezierter u. ge¬
nähter Ischiadious 432.
*670.
Thierauch: *669.
Thies: *669.
Thomsen: *508.
Thost: (506).
Throckmorton: *332.
Thumm: *512.
Tietze: Laminektomie bei spon-
dylit. Lähm. 306.
Timme: *329. *508. *668.
Tischbein: Degenerations¬
zeichen bei Geisteskranken
913.
Swift: Stimme bei Chorea 126 ] Titius: Stottern 575.
u. 910. *332. *670. j Tobias: Elektrotherapie 589.
Sehnenreflexe u. faradischer *880.
Strom 684. *878. Togami: *367.
Synnot: *510. Tomasczewski: Spirochäte des
Syring: Magnesiumsulfat bei] Paralytikerhims 31.
Tetanus 121. *334. | Topp: *672.
Schädelschüsse 426. *670. Epilepsiebehandlung 760.
Szäsz: Funktion. Hörstör. 643. ; *880.
*878. ; Traugott: Hirnerkr. durch
Sz61: *333. Schwangerschaft 488.
Aliment. Galaktosurie bei j Travaglino: Motor. Aphasie
Basedow 828. 567.
sohalt. 275. *329.
Tresling: *511.
Triebenstein: Tetanie u. Alters¬
star 132.
Troell: *333.
Trömner: Lokale traumatische
Hysterie 415.
Halsschuß 415.
Brown-S^quard sehe Läh¬
mung 416. (501).
Hämatomyelie 617.
Sensibilitätsstörungen 618.
Sensibilitätsuntersuchungen
621.
Mißbildungen 622.
Bulbäre Aplasie 622.
Tschermak, v.: Wie die Tiere
sehen 273.
Sehen der Fische 720.
Tonische Innervation 725.
*879.
Herpes zoster nach Schu߬
verletzung 904.
Tschirjew: *332.
Tuch: Diogenal 534.
Tuczek: *332.
Doppelseit. Axillarislahm.
795.
Türkei: *368.
Turner: Versteif. der Wirbel¬
säule 308. *367.
Nervöse u. psych. Störungen
durch den Krieg 905.
Tuwim: *335.
Tyrrell: *332.
Uffenorde: *332.
Uhlmann: Subakute Psych.
nach Schädeltrauma 105.
Uhthoff: Trigeminusläsion
durch Schußverletz. 602.
*669. *671. *879.
Methylalkoholvergiftung
946.
Umber: Flecktyphusartiger
Verlauf von Genickstarre
690.
Ungar: LuminalVergiftung 68.
Unger, E. : Tetanusbehandlung
21. (286). *330. *334.
Großhirntumor 493.
— W.: Tetanus behandlung 121.
*334.
Difitized
by Google
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
982
Urechia: Harnstoff bei Para¬
lyse 39.
Harnstoff bei thyreopara-
thyreodektom. Hunden
120 .
Abderhaldensehe Methode
bei Tetanie 129.
Stickstoff bei Dem. praec.
661.
Usener: Magnesiumsulfat bei
Tetanus 121. *334.
Usse: Morphiumentziehung
943.
Vahram: Okulo-pupill. Refl.
bei Lues 193.
Vali: Luetische Erkrank, des
Acusticus 196.
Valkenburg,van: Sensibilität u.
Großhirnrinde 469.
Vallon: Cocainismus 943.
Van^sek: Gastr. Krisen 26.
Vas *332.
Spasmus nutans 689. *877.
Vavrouch: Herpes zoster 799.
Vecchi: Kompression der Zere-
brospinalachse der Kröte
273.
Veer: *669.
Velden, van den: Infantilismus
839.
Vernes: Hyperalbuminose des
Liquor bei Lues 169.
Vetlesen: *336.
Paral. agit. u. Myxödem 874.
Vidoni: *367.
Nebennieren bei Geisteskr.
954.
Vinchon: Puppenfetischismus
847.
Vinsonneau: Augen bei Me-
ning. cerebrospin. 691.
Viqueira: *879.
Vix: Tabes-Paralysefrage 28.
Voelcker: *334.
Schußverl. periph. Nerven
606. *671.
Vorkastner: Hereditäre Ataxie
22 .
Vormann: *511.
Dystr. musc. progr. 662.
Voss: *367.
Wortblindheit 570.
Vulpius: Tuberkul. Entzünd,
der Wirbelsäule 307.
"Wachtel: Chronische Akro¬
megalie ohne Augensym¬
ptome 843.
Wagner, v.: (175). (176).
Mord im trunkenen Zustand
950.
Wallenberg: Akute Herderkr.
des verlang. Markes u. der
Brücke 224.
Abnorme Bündel beim Meer¬
schweinchen 463. *668.
Walree, van: Hirnstamm eines
Taubstummen 268.
Walter: *335. *671.
Walzer: *332.
Wanietschek: Rumination im
Säuglings<er 689.
Warburg: Scapula scaphoidea
194.
Warfield: *335.
Wasicky: *670.
Wasner: *880.
Wasserfall: *878.
Watkins: *670.
Watson: Chinin u. Harnstoff
bei Hyperthyreoid. 831.
*877.
Weber: *368.
Behandl. der Erregungszu¬
stände 584. *880.
— Emst: Behandl. der Folge-
zust. von Hirnerschütte¬
rung 435. *670. *671.
Heißluftbehandl. von Ver¬
wundungen 868.
Operationen in Narkose u.
Lokalanästhesie 869.
— L. W.: *510.
Vogel, H.: Patholog. Histol.
der Schilddrüse 825.
— K.: Organther. der post-
operat. Tetanie 132.
Voges: *330.
Vogt, E.: *508.
— O.: *508.
Volk: *368.
Stör, der Harnentleer, inf.
Erkält. 732.
Volp: Traumat. Lähm, des N.
radialis 581.
Völsch: Kombinierte Strang¬
erkrank. des Rückenmarks
300. *331.
Granatkontusion 780. *878.
*879.
Wechselmann, W.: Salvarsan
161.
Liquor im Frühstad, der
Syph. 191.
Weddige: Pfropfhebephrenie
764. 1
Wegelin: *668. j
Aktinomykotische eitr. Me- ;
ningitis 693. j
Wegener: Abderhalden-Reak¬
tion 586.
Psychogene Magonsekret ions-
anomalie 740.
Digitized by
Gck igle
Wehner: Sexuelle Neurasthenie
737.
Weidman: *876.
Weidner: *368.
Symbolähnl. Bildungen u.
Schizophrenie 763.
Weigert, R.: *330.
Meningozele bei Keuchhusten
701.
Weigl: *880.
Weihe: Blut bei Poliomyel. 527.
Myatonie 655.
Polyneuritis 797.
Weil, E.: Meningeale Permea¬
bilität u. Paralyse 38.
Weil (Straßburg): (956).
Weiler, K.: Unfall u. Paralyse
34. *367. *368. *510. *512
Weill: Tuberkul. Mening. 699.
Weinberg: Angioma racem. des
Gehirns 389.
Weinrich: *876.
Weintraud: Tetanusbehand¬
lung 20. *334. (957).
Weise: Tumoren des Scheitel¬
lappens 388.
Weisenburg: Kleinhimlokalisa-
tion 357. *510.
Weispfenning: Operat. Be¬
handl. der Epil. 761.
Welty: Fußstützmaschine 643.
*880.
Wendel: *331.
Parietalhirngeschwülste 397.
Wenderovic: *508.
Wenger: Aufmerksamkeit bei
Chorea 910.
Werthauer: Sittlichkeitsver¬
brechen 768.
Werther: Abortivheilungen u.
Neurorezid. bei Syphilis-
beh. 191.
Westphal, A.: Nerv. u. p<*ycb.
Erkrankungen im Kriege
404. *668.
Wever: Zerebrale Luftembolie
484.
Wexberg: Spättetanie 130.
Weyer: *669.
Weyert: Militär-psychiatr. Be¬
obachtungen 866. *880.
Weygandt: Neurosen u. Psy¬
chosen im Felde 17.
Kriegspsychosen 43.
Salvarsan 164. (318). *335.
*367. (499).
Prosekturen in Anstalten 583.
Schädelverletzung 620.
Psychose nach Himtrauma
621. *880.
Kriegspsychiatr. Becutach-
tung 924.
While: *335.
White: *335.
Original fro-m
UNIVERSmf OFMICHtGAN
983
Wiohmann: Geheilter Tetanus
158. *334.
Wiebrecht: Behandlung der
postoperativen Tetanie
133.
Wieg-Wickenthal, v.: *330.
Hirntumor 381. *671.
Wieland: *333.
Wiener: *879.
Wienert: *510.
Wigdorowitsch: Reflexphäno¬
men bei Aneurysma der
A. femor. 685.
Wilbrand: *508.
Wildman: *332. *880.
Wile: *335. *510.
Wilenkin: *332.
Wilhelm, E.: Transvestitismus
847.
— M. : *333.
Nervöse Äquivalente im
Säugling*alter 740.
Willburger: *368.
Willcutt: *878.
William: Beschäftigungsneu¬
rosen 743.
William*: *332. *333. *335.
*336. *368. *512. *670.
Wilms: Schädel tangential -
schüsse 899.
Wilson: Nystagmus 361. *509.
*511. *878.
Wintermute: *877.
Wirgman: Angiom im Klein¬
hirn 389.
Wissmann: Organanische u.
funktionelle Erkrankung
650.
Wite: *670.
Wittenberg: *331.
Wittermann: *880.
Kriegspsychiatr. Erfahrun¬
gen 928.
Wodarz: *876.
Woerkom, van: Leberzirrhose
u. Nervenkrankh. 476.
Wohlwill: Sprachstör. nach
Schußverletz. 46. (506).
Wölbling: Ansiedlung von
Kriegsbeschädigten 733.
Wolf, T. H.: *332.
— W.: *878.
Wolfer: Fehlender Ausgleich
der Sohädelmaße 464.
Wolff, L.: Splenomegalie u.
Infantilismus 841.
— P.: Substernale Kröpfe 825.
— S.: *330.
Wölfflin: *509.
Wolfner: *879.
Woifsohn: Tetanus 64. *334.
*879.
Wolker: *332.
Wollenberg, G. A.: Lähmungs¬
therapie 530.
— R.: *329. *510.
Militämervenheilstätte u.
Lazarettbeschäftigung 613.
Granaterschütterung 922.
(958). (960).
Wollstein: Parameningokokkus
693.
Woltär: Gutartige Affektion im
Kleinhimbrückenwinkel
359.
Woodburg: *876.
Woods: *671.
Woolsey: Trypanblau-Injek¬
tionen 721. *876.
Worobieff: Famil. Myxödem
837.
Wrede: *336.
Wree: *331.
Wright: *669.
Wulf: Hemiplegie bei Typhus
483.
Wtirtzen: Konstanz gewisser
Reflexe 686.
ITaciger: *334.
Yagita: N. petros. superf. ma-
jor 277.
Yawger: Crotalin bei Epil. 760.
Young: Tonsillektomie u.
Chorea 909.
Zadek: *670.
Lähmungen nach Typhu s 792.
Zanelli: Lathyrismus 937.
Zange: Abderhaldensches Ver¬
fahren bei intrakran. Kom¬
plik. 355.
Hyster. Hörstör, im Kriege
642.
Organ. Schädig, des nerv.
Ohrappar. im Kriege 731.
*878. *879.
Zani: Neuritis optica 382.
Zanietowski: Elektromedizin in
der Kriegsther. 732. *880.
Zapffe: *509.
Zbyszewski: *329.
Zesas: *333. *511.
Ziehen: *366. *367. *511.
Physiol. Psychol. 578.
Zienkiewicz: Basedow u. Brust¬
drüsen 828.
Zimmermann: Geburt bei
Rückenmarkserkrank. 296.
Leukozytose bei Dem. praec.
662. *670.
Epil. Blutbild 752.
Zingher: Poliomyelitis 523.
Zipperlen: Poliomyelitis 529.
Zondek: *670.
Zsako: Augenkrisen 27.
Insel 564.
Zudd: *510.
Zuelzer, G.: Tetanusbehand¬
lung 577. *670.
Zwillinger: Stirnhöhlenent-
zünd. 355.
IV. Sachregister.
(Die mit * bezeichneten Zahlen bedeuten: Literaturverzeichnis.)
A bderhalden sehe Reaktion
586 (2). ?53 (2). 954. —
bei Paral., Epil. u. period.
Psych. 171. — u. Tetanie
129. — u. intiakran. Kom¬
plik. von Ohr-Nasenerkr.
355. — in der Psychiatrie
585. 586. — bei Dem. praec.
66L
Abstinenz, Übertreibung dor-
selb3n 97.
Abwehrfermente im Urin 954.
Abwehrreflexe 686.
Accessoriuslähmung 366.
Acusticus, luet. Erkr. 196.
Acu8ticustumor, s. Kleinhirn-
brüokenwinkelgeschwulst.
Adfllin 534 (3). 589. — Vergift.
100. 133. 534.
Adipositas, 3 . auch Dystroph,
adiposo-genit.
Adrenalin u. Gehirn 721. — 11 .
Mydriasis bei Geisteskr. u.
Gesunden 677.
Agnosie 666.
Agrammatismus 570.
Agraphie 566. 571.
Agyrie 468.
Akinesie bei Stirnhirn verletz.
78.
Akromegalie *333. *509. *669.
*877. — Hypophysenstruk-
tur 845. — mit Hypophysen-
zyste 843. — Psammom 844.
— ohne Augensymptome
843. — n. Splanchnomegalie
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
984
844. — Strahlenther. 844. —
Hypophysektomio 844.
Aktinomykotische Meningitis
693.
Alexie 568. 570.
Alkohol u. Arbeit 95. — u.
Sinnesfunkt. 947. — experi-
ment. Vergift. 98. 100.
Alkoholismus *335. *510. *670.
*878. 946 bis 951. — Psy¬
chologie 94 (2). — bei einem
Araber 951. — bei Frauen
96. — u. Familiendegener.
96. — u. Rindere terbi. 946.
— Forelsche Theorie 946.
— u. Krieg 623. — Pupillen¬
starre 254. 947. — Reflexe
97. — u. Epil. 749. — u.
Neuritis 947. — Dessozia-
tionen 948. — Eifersüchte -
wahn 950. — Psychosen 98.
596. 951. — Halluzinose
98(2). 948. — u. Verbrechen
99. 950(2).— Selbstbeschul¬
digung 951.—Entmündigung
95. — Therapie 94. — der
Alkoholpsychosen 596. —
Ureabromin 97. 98. — Trin¬
kerfürsorge 95. 98. — Ab¬
stinenz 97.
Alloästhesie 287.
Alopezie nach Kopfschuß 899.
Alzheimer sehe Krankheit, s.
Presbyophrenie.
Amaurose, s. Blindheit.
Amaurotische Idiotie, s. Famil.
amaurot. Idiotie.
Amnesie, retrograde 39.
Amnestische Aphasie, s. Apha¬
sie.
Amyotonie,s. Myatoniacongen.
Anämie, perniziöse u. Großhirn
486.
Anatomie *329. *508. *668.
*875.
Angioneurot. ödem, 8. unter
Ödem.
Anidrosis, s. Schweißanomal.
Ankylosierende Entzünd, d.
Wirbelsäule, s. Spondylose
rhizom.
Anosmic, traumatische 64.
Ansiedlung von Kriegsbeschä¬
digten 733.
Anstalt, s. Irrenanstalten.
Antithyreoidin im Krieg 906.
Aphasie *330. *508. *669. *876.
560 bis 571. 666. — Vor¬
geschichte 560. — bei Ja¬
panern 561. 672. — nach
Schuß vorletz. 46. 409. — u.
psych. Stör. 571. — am¬
nestische 569(2). — mo¬
torische 563. 566. 567. —
traumatische 568. — sub-
kortikale 567. — transkorti-
kalo 560. 568. 569. — sen-
sorischeö69. — Leitungs-
aphasie 56«. 566.
Apoplexie, s. Hemiplegie, Hae-
morrh. oer.
Apraxie 572. 573.
Arachnodaktylie 729.
Armlähmung u. Schreiben mit
Hilfe des Gebisses 498.
Armregion 217.
Arsenvergiftung 942 (2).
Areofaradisation 589.
Arteria cerebelli infer. post.,
Verschluß 236. 361 (2).
Arteriosklerose u. Urämie 594.
— u. Demenz 105.
Arthropathie, s. auch unter
Tabes.
Assoziation, Prüfung bei Kin¬
dern 670.
Astereognosie 140.
Asthenie bei Soldaten 906.
Asymbolie 573.
Ataxie, kortikale 473. — zerebr.
bei Infektionskr. 487. —
zerebellare bei Keuchhusten
487.
Atemzentrum 722.
Athetose, doppels itige 444.
Ätiologie u. funktion. Tätigkeit
934.
Aufbrauchtheorie 467.
Augenbewegungen u. N. Vesti¬
bül. 807.
nsfalL>erv.cheinungen nach
Affekt, des Zentralnervens.
465.
Axillarislähmung 79o (2).
Babinskischer Reflex, farad.
Auslösung 688 — dauernder
688 .
Balken, Arteri ,n desselben 266.
— Erweichung 478. 479. —
Geschwulst 386. 388. 389. —
Balkenloses Gehirn 479. —
Agenesie 572.
Balkenstich 491. 493.
Bäiäny scher Zeige versuch 137.
Basedowsche Krankheit *333.
*509. *670. *877. 820. 825
bis 834. — u. Militärdienst
437 (2). — im Hoere 827. —
beim Kind 827. — Patho¬
genese 825. 826. 827. —
Symptomatologie: bul-
bäre Symptome 828. —
Brustdrüsen 828. — aliment.
Galaktosurie 828. — Karzin.
der Schilddrüso 829. — u.
Thyreoiditis 833. —u. Paral.
agitans 873. — u. Tuber¬
kulose 829. — u. Jodmedik.
l 831. — Psychisch© Stör. 829.
— Manie 830. — Patholog.
Anatomie. Struma 825. —
Therapie 831 bis 834. —
Innere Behandl. 832. —
Chinin- u. Harnstoff-Injekt.
831. — Physik. Ther. 832. —
Röntgen behandl. 831. 832. —
chirurgische Behand¬
lung 203. 832(2). 833. —
Thymusresektion 833. 834.
Bauchmuskeln, Innervation
derselben 297.
Bauchreflexe 687.
Bedingungsreflexe 689. 740.
Benzin Vergiftung 939.
Beri-Beri *333. *877. 796.
Bernhardt f 288. 327. 443.
Bernhardt sehe Krankheit, ?.
Meralgia parae thet.
Beschäftigungsneurose 743.
Bewußtsein, Pathologie des¬
selben vom eigenen Körper
257. 287.
Bizepslähmung 795.
Blasenstörung durch Erkält.
732. 863. 864.
Bleivergiftung 942 (3).
Blindheit, hysterische bei
Kriegsteilnehmern 905.
Blut 952. — bei Dementia
praecox 662. — bei Epi¬
lepsie 752(2).
Blutdruok, halbseit. Steiger,
nach Hirnschuß 140. — u.
Adrenalininj. bei Dem. praec.
663.
Bomasche Krankheit 277.
Botulismus 937.
Brandstifter 846.
Brom 533.
Brommethylverg. 946.
Bromoformvergift. 945.
Bronchotetanio 131.
Brown-SAquard scher Sympto-
menkomplex 302 (3). — nach
Schußverletz. 147. 416. 537.
550. 614.
Brücke, s. Pons.
Bulbärparalvse *331. *509.
•870.
Bulbuserkrankungei., s. Me-
dulla oblong.
Cajalsehe Zellen in der Groß
himrinde 174.
Camphora monobrom.. Vergift.
943.
Cauda equina, „Zcrrungssym-
ptom“ 450. — Verletzung 15.
314.411. — Fehlen der Cauda
538. — Tumor 300.
Cerebrospinalfliissigkeit, s. Li¬
quor cerebrospin.
Chirurgie u. Neurologie 203.
Chorea *334. *510. *878. 123
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
985
B-
1. &
v
S9 ’i-
7. 7*
!7. 4*;
et
*?
l'?x V
en L’
h &ü
3;.
hr V
: #i
J>E'r
ra b
1 S? p --'
!40. - ■
Mm, ffr
4a
r
j]r .vf
II.
. * V
<ie:
utö
n;n^r
ikrl^
0.
v
eit. * *
>v\
bis 128. 909 bis 912. — Ex¬
perimentelles 909. — Ursache
124. — u. Syphilis 909. —
Streptococcus 124. — u.
Thyreoidea 127. — minor
125. — Diagn. n. Behänd!.
127. — u. Tonsillektomie 909.
— Schrift 126. — Stimme
126 (2). 910. — Aufmeiksam-
keitsstör. 910. — u. Psychose
127 (3). 910. 911. — Lumbal¬
punktion 126. — Behandl.
127. 128(3). — Episan 128.
911. — Salv&rsan 128. —
chronica 123.124.125. 126.
127. 911(2). — gravida¬
rum 125. — Ätiol. 912. —
Psychosen 912. — Prognose
127. 912. — hysterioa 912.
Claudication intermittente, s.
Intermitt. Hinken.
Cocainverg. 943.
Commotio corebri, s. Hirn¬
erschütterung.
Corpus caliosum, s. Balken.
Crampusneurose 72.
Crotalin bei Epil. 760.
Cucullaris, Krampf 318. —
Lähmung 415.
Cysticercus, s. Zystizerkus.
Cytodiagnose, s. Liquor cere-
brospin.
Dämmerzustand, hyster. 745.
— epil. 754.
Degeneration, retrograde 724.
— u. Alkoholismus 90.
Dogenerationszeichen bei
Geisteskranken 913.
Delirium tremens 100. 949(3).
— Behandl. 99 (3). 596. 949.
950. — Lumbalpunktion 949.
— Veronal 99(2). 950.
Deltoideuslähmung, Ersatz da¬
bei 283.
Dementia praecox *308. *512.
*671. *880.657 bis 663.951. —
Pathogenese 668. — Ursache
658 ( 2). — Müdigkeit u. Ai-
boit 659. — u. Syph. in der
Aszendenz 658. —u. Sonnen¬
stich 659. — u. hyster.
Psych. 764. — im Felde 781. I
— u. Hirndrucksteigerung ]
659. - Bulbusveränder. 661. t
— Abderhaldcnsche Feak- I
tion 661. — Stickstoffaus¬
scheidung 661. — Komple- ■
mentablenkung 662. — Blut
662. — Leukozytose 662. —
Stat. lvmphat. 763. — Adre¬
nalinin jekt. u. Blutdruck 663.
— Adrenalinmydriasis 677.
— Pf ropfbebephrenie 764. —
Sumat. Sympt. 762. —Früh- j
Symptome 703. 704. 762. — I
Katatonische Sympt. 704.
763. — Zirkul. Form 764. — ;
u. Epil. 753. — Verfolgung®- ;
idee 663. — Anfälle 763. —’l
Symbolähnl. Bilder 763. — '
Logorrhoe 763. — Vorbei¬
reden 764. — Kriminalität
762. — Nuklein behandl. 35.
— Schilddrüsenextr. 765. —
Todesursachen 765.
Demenz u. Arteriosklerose 105.
Depression u. Krieg 610.
Dercumsche Krankheit, s. Adi¬
positas dolorosa.
Dermatose bei Hysterie 742.
743. |
Dermographie 173. — im
Kindesalter 740.
Deviation, konjug. 467.
Diabetes insipidus u. Syphil.
193. — insipid. u. Hypo-
physin 846 (2).
Dial-Ciba 134.
Diaschisis 466.
Diathermie 531. 532. — bei
Kriegsverletz. 406.
Diogenal 534 (2). 614.
Diphtherie u. Meningitis 694.
— u. Lähmung 797 (3).
Diplomimik 573.
Dipsomanie 102.
Doppelempfindungen 580.
Drucklähmung 796.
Drüsen mit innerer Sekretion,
s. Blutdrüsen.
Dupuytren sehe Kontraktur, s.
Kontraktur.
Dura mater, spinalis, Tumoren
297 (3). 299.
Durohnässung, peiiph. Nerven
dabei 882.
Dysarthrie u. Linsenkern 475.
Dysbasia angiosclerot., s. Inter
raitt. Hinken.
Dysbasia lordotioa progr., 8.
Dystonia muso. deform.
Dysenterie u. Polyneuritis 403.
798.
Dyspareunie des Weibes 737.
Dystonia muso. deforraans
♦336. 654(2).
Dystrophia arliposo-genit. 844.
845(2). — muso. progr. *511.
652 (2). 653 (3). — u. Unfall
663. — Rückenmark dabei
653.
Edinger. zum 60. Geburtstag
210 .
Ehe u. Nervenkrankb. 203.441.
Eierstook, endokrine Tätigkeit
822.
Eifersuchtswahn, alkohol. 950.
Elektrische Unfälle 103. 104.
Digitized by
Go igle
Elektrodiagnostik 202.
Elektrotherapie 202. 532. 589.
— bei Kriegern 407. 732.
Eltemkonflikt 846.
Encephalitis *330. *508. — im
Pons 478. — nach Salvarsan
162. — bei Keuohhusten 487.
— nach Gasolinvergiftung
940.
Enoephalomalaoie oder Hirn¬
geschwulst 382 (2). — nach
Kohlenoxyd 941.
Endogener Faktor u. Patho¬
genese der Nervenkrankh.
212 .
Entartung bei Geisteskr. u.
geistig Gesunden 585.
Entlassung aus Irrenanstalt
582.
Entmündigung wegen Trunk¬
sucht 95.
Enuresis 622. — im Felde 612.
Epidurale Injektion 790.
Epilepsie *334. *510. *670.
♦878. 747 bis 761. — ex-
perim bei Hunden 748. —
exper. u. innere Sekr. 748. —
im Kriege 611. — Wesen u.
Behandl. 747. 749. — Patho¬
genese 747. — Abderhalden-
sche Reakt. 171. — u. Hypo¬
physe 749 (2). 842. — u.
Schwangersch. 753. — u.
Myoklonie 755. — u. Alkohol
749. — u. Dem. praec. 753.
— Hirn beim epil. Anf. 748.
— Häufigk. der Anfälle 751.
— Craig-Kolonie f. Epil. 761.
— u. Kriminalität 755. —
Pathogenese u. Ätiologie
747 (2). 749. — u. Heredo-
syphilis 196. — u. Hirn¬
schußverletz. 315. — trauma¬
tische 315. 761. — Sym¬
ptomatologie: Gehäufte
kleine Anfälle 750. — Blut
752 (2). — Stickstoffaus-
soheidung 753. — Dämmer-
zust. 754. — Prognose:
Tod inf. epil. Anfalls 755. —
Therapie 756 bis 761. — u.
psych. Zust. 760. — Brom
u. salzarme Kost 758. —
Opium-Brom 758. — Sedo-
brol 757(3). — Behandl.
ohne Brom 758. — Borsäure
759. — Pulv. antiepil. 760.
Spasmon 760. — Luminal
759 ( 3 ). _ Crotalin 760. —
Schutzimpf, gegen Lyssa760.
— Operation 761.
Episan bei Chorea 128.
Epistropheusfraktur 303.
Epithelkörperchen, s. Gland.
parathyr. u. Tetanie.
Original fro-m
UNIVERSITf OF MICHIGAN
986
Ereuthophobi?, s. Errötungs-
furcht.
Erfrierungen, periph. Nerven
dabei 882.
Ergotismus 936.
Errötungsfurcht 738.
Erschöpf uns u. Polvneuritis
150.
Erythromelalgie 79.
Familiäre amaurotische Idiotie
*336. *879.
Familiäre Krankheiten *336.
*511. *671. *879.
Faradopalpation 589.
Färbemethode der Neuroglia
82. — der Nervenfasern u.
-zellen 265. — der Mark¬
scheiden 269. 270.
Fasciculus centroparietalis 217.
Fazialislähmung in der Zahn¬
heilkunde 443. — inf. Ohr¬
muschelerkrank. 793. — inf.
Mittelohroper. 793. — Lähm,
des Mundastes 794. — Ne¬
ger sches Symptom 794. —
Stellung der Augenbrauen
794.
Feindschaftsgefühle im Kriege
373.
Fetischismus 847.
Fettschwund, progr. 657.
Fieber u. Zwischenhirn 274.
Fische. Nervensystem 278. —
das Sehen derselben 720.
Flocculus 356.
Foligan 589. 614.
Forensische Psychiatrie *368.
*512. *672. *880. 766 bis 768.
846 bis 848. 875. 913. 955.
— im Kriege 590. 612.
Fomix beim Meerschweinchen
463.
Frankl-Hochwart, v. f 48. 109.
Franklinisation bei Schlaflosig¬
keit 746.
Frau als Klientin 580.
Freud sehe Lehre in gerichts-
ärztl. Bezieh. 768.
Friedreich sehe Krankheit *332.
22 (2). 29. — in Amerika 22.
Frosch, Zentralnervensystem
277.
Funktionelle Psychosen *367.
*512. *671. *880.
Fürsorgeerziehung 848.
Fusionsvermögen 467.
Fußsohlenreflex 687. — Latenz
684. — Auslösung 688.
Oalaktosurie bei Basedow 828.
Galalith 903.
Gamaschenschmerzen 863. 904
( 2 )
Ganglienzellen, postmortale
Strukturveränder. 728. —
Schwellung derselben 518. —
tigrolyt. 856.
Ganglion Gasseri, Geschwulst
391. 392.
Gangrän, symmetr., s. Ray¬
naud sehe Krankh.
Ganser sches Syndrom 764.
Gasolinvergiftung 940.
Gastrische Krisen, s. unter
Tabes.
Gebiß, Schreiben mit Hilfe des¬
selben bei Armlähm. 498.
Geburtslähmung 795.
Gedächtnis bei Paralyse 30.
Gedankenlautwerden 98.
Gedankenlesen 276.
Gefängnispsychose 40. 955.
Gefäßreflexe 201.
Gehirn, s. Hirn.
Gehuchten, van t 144«
Genitalzentren nach Him¬
erschütterung 466.
Gicht u. Nervenlähmung 792.
Gifte, s. Vergiftungen.
Gigantismus ohne Akromeg.
845.
Glandula parthyreoidea, s.
auch Tetanie, Spasraophilie
129(3). 131. 132(2). 133. —
u. Paral. agit. 871. — Ex-
stirp. 821. — pinealis, Ge¬
schwulst 392. — thyreoi-
dea, Innervation 820. —
Physiol. 818. — Kolloid 820.
— Pathol. Anat. 819. 824.
825 (3). — Erzeug, von Thy¬
reoiditis 820. — u. Hypo¬
physe 821. — Exstirp. 821
(2). — u. Rachitis 821. —
Karzinom bei Based. 829. —
u. Jodmedik.831.—u. Chorea
127. — u. Paral. agit. 870.
Glia, neue Färbemothode 82.
— u. Intoxikation 935.
Glutaealklonus 687.
Goldsolreaktion 171.
Granatexplosion u. Neurosen
642.780.922.925. 956 bis 960.
Granatexplosionslähmung 73.
316(2). 865.
Granatkontusion 425. 780.
Greifreflex 686 .
Grei {versuch 139.
Greisenalter, s. Senium.
Griechenland u. Deutschland
80.
Großhirnrinde. Extremitäten -
region 465. — Sensibilität
469. 470 ( 2 ). — Cajalsche
Zellen 174. — Drüsige Bil¬
dungen 268. — u. Kühlung
722. — u. Erwärmung 274.
— Exstirpation 267. 275.
— Agyrie 468.
Haarentwicklung u. innere Se¬
kretion 821.
Haft u. Psychose 40.
Halbseitenläsion, s. ßrown-
Scquardscher Symptomen-
komplex.
Halluzinationen 580. — bei
Paralyse 30. — bei Him-
geschwulst 383. — bei Mor¬
phinismus 68 . — bei Trin¬
kern 98 (2).
Halsrippen u. Brachialneuritis
198.
Hämatomyelie 71. 297. 29S.
617.
Hämorrhagie, zerebr., s. He¬
miplegie.
Harnverhaltung bei Rüekcn-
markssehüssen 428. — ner¬
vöse 736.
Haß gegen Deutschland 157.
Hantinnervation 727.
Headsche Zonen *879. 792.
Hebephrenie, s. Dementia prae¬
cox.
Heer u. Psychosen 866 .
Heißluftbehandl. von Ver¬
wundungen 868 .
Hell sehen 276.
Hemianästhesie, zerebr. 850.
Hemianopsie 474. — Pupillen -
reaktion 383. — Gesicht s-
feldverwcrtung 731.
Hemiatrophia faciei 656(2).
— mit Argyll-Robertson 656.
Hemihypertrophie des Körpers
657.
Hemikranie. s. Migräne.
Hemiplegie *330. *508. *660.
♦876. 480. — nach Kopf¬
verletzungen 427. — bei
Typhus 483. — Ungewöhn!.
Erschein. 482. — Reflexe bei
Hornhautreizung u. Aug-
apfelkompr. 483. — mit.
fehlender Wahrnehmung der
gelähmten Körperhälfte 287.
— Sensibilitütsstör. 850. —
Beteilig, der Mm. inter-
costales 595. — o. Pseudo-
mvotonie 480. — Schwei߬
absonderung 770. — spinale
49. 615. — orthopäd. Be
handl. 483.
Hemisphärenexstirpation 267.
Hereditäre Ataxie, s. Fried-
reichsche Krankh.
Heredität 1x4 Geisteskr. u.
geistig Gesunden 585.
Herpes zoster *333. *669. 799.
— nach Schußveiletzung
555. 904. — nach Salvarsan
800.
Herzneurose 610. 611. 733-
Heterotopie am Großhirn 468
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
987
Jö.
•Ni. _
- (v; *
- V •
- H* ••
. •
* :
■?i F/r
^JlYi '.
97
j7;> >
roetti' r.
»;nr?r. v
- Ptp.*
- \rV'.
31.
ei r - V:
If5 y?
,v<i v
«h &■'
kytfi '
r. 5 $ "
ns.
*. F^'
— 5pc '*
^ *
,,,;! ?■
i»*
Hinterhauptslappen, Schuß
623.
Hirn *330. *508. *669. *876. —
der japan. Tanzmaus 269. —
Exstirpat. bei Hapale u.
Macacus 267. — Entstehung
des Menschenhims 271. —
Regenerationsfähigkeit 275.
— Wachstum des Hirns u.
Ernährung 464. — Physiol.
u. Krieg 36?. — Funkt ions-
stör. 11 . Schädel maß 464. —
Pigmentation 468. — Er¬
weichung 473. — Arterio¬
sklerose 477. 594. — bei
, perniz. Anämie 486.
Himabszeß *330. *509. *669.
*876. 349 bis 355. — u.
fusiformer Bazillus 349. —
u. Bacillus coli comm. 349.
— u. Unfall 350 (2). — nach
Schußverletz. 546. — oti-
tischer 351 (2). 352. 569. —
orbitogener 352. 353 (2). 354.
— rhinogener 35^ (3). — 11 .
Stimhöhleneitorung 355 (2).
— nach Zahnerkrankung
355. — u. Abderhaldensche
Reaktion 355.
Hirnarterien, ?. Himgefäße.
Hirnblutung *330. — Diagnose
482. — u. Trauma 103. 104
— • Mening. Syndrom 481 ( 2 ).
Liquor 481. — Tod bei
hämorrhag. Diathese 481.
Himchirurgie, s. ijnter Him-
ge schwulst.
Hirndruck, Steiger, desselben
u. schizophren. Proz. 659.
— Chirurg. Behandl. 493.
Hirnembolie, paradoxe als Un¬
fallsfolge 483. — mit Luft
484.
Hirnerschütterung u. Genital-
Zentren 466.
Himgefäße 266. — Erkrank,
derselben u. Stauungspapille
489.
Himgeschwulst *330. *508.
♦669. *876. 378 bis 397. 490
bis 493. — Diagnose 87. 378.
380(3). 381. 382(2). 392. —
Tuberkel 384 (2). 489. —
Papillom 391. — Aneiom
389 (3). — Karzinom 390. —.
Gliom 391 ( 2 ). — Cysticercus
389. — Sarkom 392. — Zyste
394. — u, Enzephalomalazie
382(2).— Gesichtshalluzinat.
383. — Augensymptome 383.
492. — s. auch Neuritis opt.
— Zittern dabei 382. — u.
Aphasie 569. — im Stimhirn
385 (2). 386 (2). 387 (2). 389.
492. — in den Zentral Win¬
dungen 387 (2). 389. — im
Schlätenlappen 388. — im
Scheitellappen 388. 397. 492.
— im Crus cerebri 390. —
im Marklager 493. — s. auch
Balken. — an Hirnbasis 391.
— am Gangl. Gasseri 391.
392. — im Seitenventrikel
391. — in Hypophysen :
gegend 392. — in Zirbel¬
drüsengegend 392. — läquor
cerebrospin. 87. — Chi¬
rurgische Behandlung 203.
380 (2). 394. 395 (2). 396 (2).
397(2). 490. 491. 493. —
Gittertrepanation 395. —
Mangel an Gesichts vorstell.*
u. Träume nach Exstirp. 394.
Himhyperämie, Beseitig, der¬
selben 486.
Hirnnervenlähmung, einseitige
multiple 370.
Hirnprolaps nach Schädel¬
defekten 158.
Hirnrinde, s. Großhirnrinde.
Himschüsse, s. unter Krieg.
Himschwellung 55.
Hirnsklerose, tuberöse 729.
Hirnstamm eines Taubstum¬
men 268. — Läsion 462.
Himsyphilis u. psych. Stör.
195(2). —Behandlung 192(2).
Himtuberkel, s. Him¬
geschwulst 384 (2). 489.
Himventrik^l, s. Ventrikel.
Hirnzellen, Difterenzierungs-
vermögen 275.
Hochfrequenzströme bei Ischias
791.
Hodenreflexe 687.
Homosexualität, tardive ^>ei
Tabes 28.
Hörbahn 384. — sekundäre
723.
Hörstörungen u. Kriegsverletz.
122. 642. 643. 731. 735. 956.
Hydrocephalus 701 bis 703. —
Kongenitaler 701 ( 2 ). —
chron. intern. 703 (2). —
durch Schwangerschaft 488.
— nach intrakran. Blutung
703. — Balkonstich 493. 703.
Hydrotherapie bei Basedow
832. — bei Kriegsneurosen
406. 407,
Hyperidrosis, s. Schwitzen.
Hyperplasie der Muskeln 657.
Hypertrophie, einseit. des Kör¬
pers 657.
Hypnose 742.
Hypoglossus, absteigender Ast
728. — doppelseitige Ver¬
letzung 918.
Hypophysin 846 ( 2 ). — in der
Kriegsmodizin 906.
Hypophysis, s. auch Akrome¬
galie u. Dystr. adiposo-gen.
Anatomie 818. — Kolloid
820. — u. Schilddrüse 821.
— u. Epil. 749 (2). 842. —
Hyposekretion 845 (2). —
Geschwulst 392. 393 . 841
(2). 842(3). 843(3). — u.
Kretinismus 839. — u. Epil.
842. — u. Polydaktylie 842.
— Strahl enther. 844. —
Hypophysektomie 844.
Hypothyreoidismus 836 bis
838. — infantil 836. — u.
Skoliose 836. — u. Obsti¬
pation 837.
Hysterie *333. *510. *670.
*878. 733 bis 746. 919. —
Ursache 736. — im Krieg
317. 398. 408. 609. 642. 781.
905. 915. 919. 8. auch unter
Krieg (Neurosen). — nach
Überanstrengung 45. — u.
Trauma 415. — u. organ.
Nervönstör. 175. — oder
mult. Sklerose 623. 650. —
oder Appendioitis 734. —
Blindheit bei Soldaten 905.
— Hör- u. Sehstör. 735. —
Taubstummheit 735. —Läh¬
mung 915. — Monoplegie
734. — hyster. Chorea 912.
— Dermatose 742. 743. —
u. eingebild. Schwanger¬
schaft 738. — senile 739. —
Pseudolog. phant. 848. —
Selbstbeschäd. des Auges
743. — Schlafzustände 743.
— Dämmerzustand 745. —
Psychosen 743. — u. Dem.
praec. 764. — s. auch Freud -
sehe Lehre.
Ideen, krankhafte 440.
Idiotie *367. *512. *880.
Imbecillitas *367. *512. *671.
*880.
Impotenz, Behandlung 533.
Infantilismus 839. — asthen.
des Weibes 840(2). — 11 .
Splenomeg. 841.
Infektionspsvehosen *368. *512.
*880.
Innere Sekretion u. Haarent-
wickl. 821. — u. Struma
congen. 824. —Insuffic. 845.
Innervation, tonische 725. —
geschädigte an Hautflächen
727. — falsche 802.
Innervationsentgleisung 802.
Insel 564 (2).
Insolation u. Psychose 106.
Insufficiontia polyglandul. 845.
Interossei, Ersatz derselben
607.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
988
Intoxikation, s. Vergiftung.
Intoxikationspsychosen *368.
*612. *880. 98.
Invalidenfürsorge für Kriegs¬
beschädigte 733.
Irrenanstalt 535. 5S1 bis 585.
— Stellung der Anstalts¬
ärzte 583. — Fortbildungs¬
kurse 583. — Prosekturen
583. — Ärzte, Personal u.
Kranke 582. — Zahnärztl.
Beh. 583. — Frühe Ent¬
lassungen 582. — Unterricht
für Personal 581. 582. —
Weibliche Pflege 582. —
Anstalt Leipzig-Dösen 582.
— Bazillenträger 585. —
Jugendpflege 583. — Be¬
händ 1. der Erregungszust.
684.
Irrenfürsorge 535.
Irrenpflege 535. — familiäre
584.
Ischiadicus, Neuralgie nach
Schußverletz. 607. — Läh¬
mung 318. — Wiederher¬
stellung der Leitungsfähigk.
432.
Ischias *332. *509. *669. —
radikul&re 790. — nach
Schuß Verletzung 607. — u.
Caudatumor 300. — epidur.
Injektion 790. — Hoch¬
frequenz 791. — Neuralgisan
791.
Jod u. Basedow 831. — u.
Myxödem 838.
Jugendfürsorge, s. Fürsorge¬
erziehung.
Jugendirresein, a. Dementia
praecox.
Kalmonal 134(3).
Kastration, s. Sterilisierung.
Katastrophen u. psveh. Ei kr.
65. 106.
Katatonie *368. *512. *671.
*880. 704. 763. — u. Himtod
660. — u. Sonnenstich 659.
— Spätgenesung 766.
Katatonu s versuch 290. 421.
445. 775.
Kehlkopfverletzungen 279.280.
605 (2).
Keratitis neuroparalyt. 787.
Keuchhusten u. Enzephalitis
487. — u. Meningocele 701.
Kinder, neuropathische 746.—
Neurosen 740 (3). — Base¬
dow 827. — Myxödem 837 (4).
— Dermographie 740. —
Psychotherapie 741 (2). — u.
Kinobesuch 848.
Kinderlähmung, spinale, s.
Poliomyel. anter. — Kno¬
chen 529.
Kindesmord 847.
Kinobesuch durch Kinder 848.
Kleinhirn *331. *509. *876.
356 bis 361. — Bahnen beim
Menschen 356. — Kleinhirn¬
pyramide 248.358. —Lokali¬
sation 356. 357. — Rinde u.
Kühlung 722. — Flocculus-
funktion 356. — Syndrom
360. — u. Nystagmus 361. —
angeb. Sklerose 174. — Ver¬
schluß der Art. oerebelli post,
inf. 236. 361 (2). — Abszeß
352. — Geschwulst 390. —
u. Kriegsverletzung 626. 664.
813. 816. 899. — bei tuber-
kul. Mening. 697.
Kleinhimbrücken winke! ge-
sohwulst 282.359 (2). 360 (2).
384. 389.
Kleinhimpyramide 248. 358.
Klimakterium u. Neurose 738.
Kohlenoxydvergiftung 41 (3),
Kompressionsreaktion 725.
Konst itutionskiankheiten u.
Nervensystem 452.
Kontraktur *332.
Konträre Strebungen 580.
Konzeptionsbeförderung u.
Nerven- u. Geisteskr. 441.
Kopfhautfalten u. Haarlinien
469.
Kopfschmerzen 786. — Ohren¬
kopfschmerz 788.
Korsakoffsche Psychose 95.
101. — u. Chorea 127. —
Nitrobenzol vergift. 939. —
u. Morphiumentziehung 943.
— nach Neosalvarsan 162. j
Kraft der Hände 726(2).
I Kraftsinn 725.
I Krampf *332. *877. — im Kin¬
desalter 128. —im Cucullaris
318. — im Platysma 318.
Krankhafte Ideen 440.
Kretinismus 838 (2). — Ätio¬
logie 838. — Stoffwechsel
838. — u. Hypophysen-
geschw. 839. — u. Chagas-
sche Krankh. 839. — en¬
demischer 839.
Krieg *335. *510. *670. *878.
— Granatexplosionen 73.
316 (2). 425. — Feindschafts- ;
gefühle 373. — u. Seelen- I
leben 157 (2). 406. 600. 907. I
— u* Himphysiol. 362. — |
n. Alkoholisraus 623. — |
Sexuelle Fragen 407. 867. — |
Lazarettbeschäftig. 613. — j
I Erwerhsfiirsorge 613. 870. —
i Ansiedlung 733. — Therapie j
778. —Psychiatr. u. Neu-
rolog. 2. 12. 17, 18 (2), 41
bis 48. 49. 63. 69 bia 7a
107 bis 109. 157 bis 159.
279. 317. 364. 404. 411.
434(2). 437. 494. 600. 037.
905. 907. — Hirn verletz.
13. 41. 44. 45. 46. 47. 65.
69. 78. 107. 108. 109. 122 (2).
140. 158. 314. 315(2). 324.
364. 365. 370. 399. 409 (2).
410. 426(2). 427(2). 435.
436. 456. 495(2). 499. 602.
505. 606. 507. 546. 601 (2).
602(2). 603. 623. 639 (2).
640. 729. 730(2). 859. 860.
861. 898. 899 (4). 914. — u.'
Otologie 122. 642. 643. 731.
735. 956. — VerJ. der zentr.
Sohbahnen 495. — Pupillen¬
starre 780. — u. psych. Au»
fallserschein 399. — Spät-
abszesse 546. — Verwund,
des Sehorgans 861. — He¬
mianopsie 731. 861. — Kon¬
trahier. Alopezie 899. —
Kleinhimsy m ptome 626.664.
813. 816. 900. — Transport
Schädelverletzter 641. —
Übungsschulen für „Gehirn¬
krüppel“ 613. — Rücken¬
marksverletz. 7. 13. 15.
41. 47. 49. 63. 71. 78. 107.
108. 109. 114. 135. 136. 137.
147. 153. 158. 174. 184. 311.
312. 313(3). 314(2). 315.
321. 324. 365. 409. 410.
411. 416. 427. 428. 429 (2).
436(2). 499. 501. 502. 505.
506. 507. 537. 541. 543. 550.
601. 603. 604(3). 614. 615.
617. 639. 731. 861. 901 (2).
— Verletz, der periph.
Nerven 13. 42. 48. 51. 66.
69. 79. 107. 108. 109. 123.
134.135.175. 280 (2). 281(2).
283. 284.309 (2). 310.311(3).
317. 364. 409. 418. 429. 430
431. 432(4). 433(3). 446.
448. 496(2). 497. 498(2).
501. 502. 503. 505. 507. 540.
556. 601. 605. 606 (2). 607(5).
617. 639. 731. 861. 862(3).
901. 903(3). — Partielle
Nervenlasion 446. — Ver¬
letz. des Hypoglossus 918. —
Verletz, des Platysma 282. —
Verletz, des Kehlkopfs 279.
280. 605(2). — Recurrens-
lähm. 416. 794. — Verletz,
des Sympath. 147. 283. 554.
779. — Verletz. de9 Cu-
cullaris u. Serratus 283. —
Verletz, dos Plex. brach. 406.
607. — Medianuslähmung 42.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
989
540. 657. 617. — Radialis-
lähm. 681. — Neuritis 903.
— Herpes 555. 904. — Fu߬
stützmaschine 643. — Pero-
neuslähm. 607. — Troph.
Stör. 731. 904. — Verl, des
N. suralis 617. — Lagerungs-
behandi. 607. — Mobilis. ver¬
steifter Gelenke 608. — Bia-
thermiebehandl. 406. —Neu-
rolyse 862. — Neurosen
17. 45. 48. 72. 74. 122. 136.
317. 363. 365. 398. 408. 430.
437. 494. 499. 603. 505. 506.
514. 691. 608. 609. 610(2).
611. 618. 626. 639. 641. 642.
710. 715. 780. 810. 862. 864.
865(2) 888 . 904. 905(2).
906(2) 915. 919. 922. 924.
926. 928. 956 bis 960. — u.
Polyneuritis 150. 430. —
Blindheit 905. — Stimm¬
bandlähmung 643. — Ohr¬
apparat 122. 642. 643. 731.
735. — Kriegshysterie 609.
642. 781. — Herzneurosen
610. 611. — Thyreose 827.
— Epilepsie 611. — Enu¬
resis 612. — Blasenstörung
732. 863. 864. — Hydro¬
therapie 406. 407. — Elek-
trother. 732. — Antithy-
reoidin u. Hypophysin 906.
— Psychosen 17. 18. 43.
63.117. 122. 319. 399.404(2).
405. 411. 494(2). 500. 503.
504. 505. 590. 637. 865. 866 .
905. 906(2). 924. 928. —
Pathogenese 117. — Hebe-
phrenie 781. — Typhuspsy-
chosen 291. 866 . — Foren¬
sische Falle 590. 612. 924.
Kriminalität u. Vererbungs¬
gesetze 766. — in Buenos
Aires 364. — u. Krieg 590.
612. 924. — u. Epil. 755. — u.
Dem. praec. 762. — u. Täto¬
wierung 766. — u. Psych-
analyse 768. — u. Sittlich¬
keit 768. — Unterbring, in
Anst. 875.
Krückenlähmung 321.
Labyrinth, s. Vestibularappa-
rat.
Lagegefühlsstörung 140.
Lähmungen, Typen ders. 467.
Laminektomie bei spondylit.
Lähmungen 306. — bei
Schußverletz. 312. — s. auch
unter Krieg (Rückenmarks-
verl.). — u. Meningitis 313.
Landrysehe Paralyse *333. —
pathol. Anat. 798. — u.
Poliomyel. anter. 527. 528.
Lateralsklerose, amyotrophi-
sehe 299. — u. Syringo¬
myelie 200.
Lathyrismus 937.
Lazarettbeschäftigung 613.
Lebensfragen, ärztliche 207.
Leberveränderungen u. Ner¬
venleiden 475. 476.
Leibseelenfrag? 441.
Leitungsaphasie 565. 566.
Lepra *877.
Lesestörung, s. Alexia.
Linkshändigkeit bei Affen 573.
Linsenkern, s. Nucleus lentioul.
Lipodystrophie progr. 930.
Liquor cerebrospinalis *331.
*509. *669. *877. 952. —
Druck 197. 199. — Serologie
197. 198. — Toxine in dem¬
selben 721.—Goldsolreaktion
171 198. — Neue Reaktion
198. —Lymphozytose 199. —
Eiweißgehalt 199 (2). —nach
Syphilis 169. 170(2). 190.
191. — Globulin 199. — bei
älteren Heredosyphil. 189. —
bei Hirnblutung 481. — bei
Chorea 126. — nach Neo-
salvarsan 166.
Lobus frontalis, s. Stimhirn.
— occipitalis, s. Hinter¬
hauptslappen. — parietal is,
s. Scheitelhirn. — tempora-
lis, 8. Schläfenlappen.
Logorrhoe bei Dem. praec. 763.
Lues cerebri, 8. Himsyphilis.
Luetinreaktion 168. 169.
Luftembolie, zerebr. 484.
Lumbalpunktion 196. 197. —
bei Chorea 126. — bei Del.
trem. 949.
Luminal, Vergiftung 68. — bei
Tetanus 94 (2). — bei Epil.
759 (3).
Magen, psychogene Erkr. 740.
Magnesiumsulfat bei Tetanus,
s. unter Tetanus. — bei
Spasmophilie 132.
Makropsie u. Hirngeschwulst
383.
Mal perforant 24 (2). — naoh
Prellschuß der Wirbelsäule
604. — Behandi. 24.
Malaria, ungewöhnl. schwere
Symptome 695.
Maltafieber u. Nervensystem
276.
Manie *368. — bei Schild-
drüsenhypertr. 830.
Manisch-depressives Irresein
*367. *512.
Markscheiden. Färbemethode
265. 269. 270.
Mayer, Julius Robert 205.
Medianuslähmung 540. 541. —
durch Schuß 42. 540. 657.
617.
Medinal 69.
Medulla oblongata, s. auch Bul-
bärparalyse. — akute Herd¬
erkrank. 224. — Aplasie 622.
— bei Dem. praec. 661.
Mekonal 589.
Mendel-Bechterew scher Reflex,
s. Fußrückenreflex.
Mendelsches Vererbungsgesetz
766.
Meningealblutung 700 (2).
Meningealkarzinose 700.
Meningealtumor 299. 381. 384.
700. 701.
Meningen *330. *508. * 668 .
*876. 689 bis 701. — bei
Paralyse 38. — des Rücken¬
marks, Tumor 297 (3). 299.
Meningitis *330. *508. * 668 .
*876. 689 bis 700. — trau-
mat. 696. — nach Schädol-
verletzung 689. — bei Hirn¬
schußverletz. 426. — Me-
ningeale Sympt. bei Hirn¬
blutung 481 ( 2 ). — u. Otitis
695 (3). 696 ( 2 ). — u. Neben¬
höhlen 696. — u. Mumps
696. — u. Diphtherie 694. —
u. Typhus 694. — u. Milz¬
brand 694. — u. Malaria
695. — Proteusmeningitis
693. — Aktinomykot. Me-
ning. 693. — cerebrospi¬
nalis: Bakteriol. u. Prophy¬
laxe 689. 692. — Meningo¬
kokkennachweis 692. — Pa¬
thol. Anat. 691. — Fleck¬
typhusart. Verlauf 690 (2).
691. — Augenläsionen 691.
— Serumbehandl. 692 (3).
693. — Heilung 692. —
spinalis serosa 174. 321.
— serosa: bei tuberkul.
Kindern 699. — tuber-
culosa 697 (5). 698 (2). 699
( 6 ). — Ninhydrinreakt. 697.
— Glyzyl Tryptophanreakt.
697. — Kleinhirn 697. —
bitempor.-heraianop. Pupil-
lenreakt. 699. — Heilungs-
mögl. 699. — Behandi. 699.
Meningocele 701 (2). — am
Stirnbein 69.
Meningoencephalitis u. Milz¬
brand 694. — des Pferdes
277.
Meningomyelitis 571.
Mescalinraußch 936.
Methylalkoholverg. 946.
Migräne *332. *509. *669.
*877. 186.
Militärnervenheilstätte 613.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
990
Milzbrand u. Meningitis 694.
Mimik, doppelseitige 573.
Mißbildungen 622.
Mobilmachungspsychosen 404.
411.
Mogigraphie, s. Schreibkrampf.
Morphinismus 68 . 942. 943 (3).
— Prognose 66 . — Thera¬
pie: Pantopon 69.
Morphiumentziehung 943 (3).
Morphin Wirkung 68 .
Multiple Sklerose, s. Sklerose,
multiple.
Musculo-cutan., Lähm. 795.
Musikalisches Leistungsver¬
mögen 572.
Muskel, untätiger 727.
Mu.kelaktionBatröme 746.
Muskelatonie, s. Myatonie.
Muskelatrophie *336. *511.
*879. — spinale 571. 653 (2).
— spin. u. Syph. 196. — bei
Tabes 537. — TypusWerd-
nig-Hoffmann 653.
Muskeldystrophie, s. Dystroph.
musc. progr.
Muskel hyperplasie 657.
Muskclhypertrophie 657.
Muskelverknöcherung 652 (2).
Muskel wogen 571.
Muskelzuckungen 651.
Myasthenie *331. *669.
Myatonia congenita *336. 655
(3). 656(3).
Myelitis 300. — akute 299. —
funicularis 298. 300. —
traumatische 436.
Myohypertrophia kymoparaly-
tica 346.
Myoklonie 755.
Myokymie 346.
Myositis ossificans 652 (2).
Myxödem *333. *510. *670.
*877. 836 bis 838. *— kon- j
genit. 837 (4). — faroil. 837. j
— infant 836. — u. Skoliose i
836. — u. Paral. agit&ns 874. |
— Blutbild u. Jod 838.
Nachtwandeln, s. Noktambu¬
lismus.
Nackenschmerz 788.
Napoleon 750.
Narkolepsie 743. 764. 914.
Narkose u. Zentralnerven¬
system 869.
Narkotika u. Wassermann sehe
Reakt. 172.
Nase u. Reflexneurosen 735(2.)
Nebenniere bei Psychosen 954.
Neger, Wasserm&nn-Reakt. bei
geisteskr. 172.
Neosalvarsan 159. 161. 162.
164.166. — u. Liquor cerebr.
166.
Nervagenin 588.
Nervenerregbarkeit u. Säure
188.
Nervenfasern, Tätigkeit der¬
selben 726.
Nervenkrankheiten u. Ehe 203.
441. — Pathogenese der¬
selben u. endog. Faktor 212.
— Ätiologie 913. — n. Zahn¬
arzt 442. — an der Wiener
Nervenklinik 558.
Nervenlähmungen *332. *509.
*669. *877. 792 bis 796. —
psychogene 74. — u. Gicht
792. — u. Typhus 792.
Nervenmassage 202 (2).
Nervennaht 281. 284 . 796.
903 (2). — s. auch unter
Krieg (Verletz, der periph.
Nerven).
Nervenpigment beim Papagei
271.
Nervenregeneration, s. Regene¬
ration.
Nervenreizung 723. 726.
Nervensystem beim Frosch 277.
— der Fische 278. — u.
Maltafieber 273. — u. Stoff-
welchsel- u. Konstitutions-
krankh. 452.
Nervus acustious, s. Acusticus.
— axillaris, Lähm. 795 (2).
— glutaeus super., Lähm.
321 u.418.— musculo-cutan.,
(Ahm. 795. — olfactorius,
g. Olfactorius. — opticus, s.
Opticus. — peroneus, s. Pero¬
neus. — petros. superf. major
277. — phrenicus, s. Phreni*
cuslähm. — recurrens, s. Re-
currenslähm. — suralis.
Schußverletz. 617. —tibialis,
s. Tibialisverl. — vestibula-
ris. Ausschalt, desselben u.
Augen beweg. 807.
Neuralgie *332. *509. *669.
*877. — 786 bis 791. — der
Schulter u. des Nacken* 788.
— des Arms 789. — im
Becken 789. — Heilung
durch Bakterientoxine 791.
— Neuralgisan 791.
Neuralgisan 791.
Neurasthenie *333. *510. *670.
*878. 733 bis 742. — Ursache
736 (2). — oder Appendic.
734. — des Herzens 610.
611. 733. — sexuelle 737 (2).
— u. Klimakterium 738. —
Schlaflosigkeit 746.
Neuritis *332. *609. *669. *877.
— als Felderkrankung 903.
— u. Torticollis 734. —
vostibularis 798. — brachia-
lis 798. — Heilung durch |
Bakterientoxine 791. — op¬
tica 382 (2). 383. 386. 490
— bei Hirnschüssen 324. —
bei zerebr. GefäOerkrmnk.
489. — u. Hirnchirurgie 490.
— r otrobulböris u. malt.
Skier. 647.
Neuritis multiplex 796. — u.
Dysenterie 403. 798. — u.
Alkohol 947. — syphil. 797.
— u. Diphtherie 797 (3). —
bei lOjähr. Knaben 797. —
u. nerv. Erschöpf, im Kriege
150. 430. — u. Dysenterie
im Kriege 403. — nach Neo¬
salvarsan 162. — des Hör¬
nerven nach Kohlenoxyd 941.
Neurofibromatosis *333. 799.
Neuroglia, s. Glia.
Neurologie *329. *508. *668.
*876. — u. Psychiatrie 438.
Nourolyse 862. 903.
Neurom 799.
Neuropathie dos Kindes 74G.
Neurorezidive, s. unter Sy¬
philis.
Neurosen im Kriege, s. unter
Krisg. — u. Trauma, s. unter
Trauma. — im Säuglings¬
alter 740. — in Kindheit 740.
Neurovakzin 791.
Ninhydrinreaktion 463. 697.
Nitrobenzol Vergiftung 939.
Nitrose Gase 67.
Nucleus lenticularis: Syndrom
461. 475 (3).
Nukleininjektion bei Paral. u.
Dem. praec. 35. — bei Para),
agit&ns 874.
Nystagmus *336. *671. —
labyrinthärer 3G1.
Oculokard. Reflex 685 (2). —
bei Syphilis 193.
Oculomotorius, Lähm, bei tu-
berkul. Mening. 099. — zy¬
klische Lähmung 474.
Ohrenkopfschmerz 788.
Ohrgeräusche 735.
Ohrmißbildungen bei Geistes¬
kranken 913.
Ohrschwindel, s. Moniere sehe
Krankheit.
Okulo-kardialer Reflex 685 (2).
— bei Syphilis 193.
Ophthalmoplegie u. Migräne
786. — u. Bleivergiftung 942.
Opium 68.
Opticus, gliöses Gewebe 463.
Orientierung im Raum, Störun¬
gen derselben 474.
Ovarium 822.
JPachvmeningitis haemorrh&g.
700(2).
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
991
Palaeencephalon 338.
Pantopon 69. — bei Paral.
agitans 874.
Papagei, Nervenpigment 271.
Paraldebyd u. Wassermann-
sche Reakt. 172.
Paralysis agitans *336. *511.
*879. 870 bis 874. — Patho¬
genese 176. 870 (2). — Blut¬
drüsen 870. — Epithelkör¬
perchen 871. — u. Trauma
871 (2). — im jüngeren Alter
872. — u. Basedow 873. —
u. Myxödem 874. — u. Tabes
873. — u. Syph. des Nerven-
syst. 873. — Psych. Stör.
873. — N u klein behänd1. 874.
— Pantopon 874.
Paralysis progressiva *368.
*512. *671. *880. 29 bis 39.
— Chemische Untersuch. 36.
— Biolog. Betracht. 37. —
Harnstoff 39. — Abderhal¬
den sehe Reakt. 171. — Se¬
rum u. Liquor 189. — Sym¬
ptomatologie: Gedächtnis
30. — Paranoide Form 30.
— Halluzinationen 30. —
Schrift 30. — Nierentätig¬
keit 39.—Ätiologie: Spiro¬
chäten 31. 35. — Syphilis 31.
32. 34(3). — Trauma 33.
34 (2). — juvenile 29.190. —
infantile 29(4). — Patho¬
genese 36. 37. 38. — Me¬
iling. Permeabil. 38. —
Pathol. Anatomie 29. 37
(2). — Rückenmark 37. —
Wucherung des perivaskul.
Bindegew. 37. — Diagnose
31. — u. Hypophysistumor
393. — Prognose: Remis¬
sion 28. — Forensisoh 30.
— Therapie: Salvarsan 32.
160. 161. 162. 164. 168. 190.
— Serumtherapie 35. —
Nukleinbeh. 35. — Tuber¬
kulin 169.
Paranoia *367. *512. *671.
*880.
Patellarreflexe, s. Sehnen¬
reflexe.
Pathologische Anatomie *329.
*508. *668. *876.
Pellagra *333. *509. *669. *877.
800.
Period. Psychosen, Abderhal¬
den sehe Reakt. 171.
Periphere Nerven bei Er¬
frierungen infolge Durch -
nässung 882.
Peroneuslähmung durch Schuß
42. 317. 914. — u. Reflex¬
lähm. 914. — Fußstütz¬
maschine 643. — Korrektur
derselben 47. — Behandlung
607.
Perseveration 570.
Petit mal 750.
Phenoval 202. 664.
Phrenicuslähmung 69.
Physiologie *329. *508. * 668 .
*875.
Pigmentation des Hirns 468.
Plaques, senile 728.
Platysma myoides. Schußver¬
letz. 282. — Krampf 318.
Plexus brachialis: Lähmung
173. 496. 607. 795. — Neur¬
algie 789. — Operation da¬
selbst 409. — chorioidei
274. — lumbalis: Anästhe¬
sierung 791.— solaris: Deh¬
nung bei gastr. Krisen 26.
Pluriglandulärer Svmptomen-
komplex, s. Blutdrüsen.
Polioencephalomyelitis bei Bo¬
tulismus 937.
Poliomyelitis anterior *331.
*509. *669. *877. 522 bis 630.
— u. mult. Sklerose 649. —
akute: Kontagiosität 524.
529. — Keimträger 525. —
Anstaltsendemie 525. — in
Kattowitz 525. — in Steier¬
mark 525. — in Norwegen
526 (2). — in Amerika 527.
— Geburtsablauf dabei 296.
— Symptomatologie 528.
— unter dem Bilde der
Landry sehen Paralyse 527.
528. — meningit. Form 529.
— abnorme motor. Reiz¬
erschein. 529. — Blut 527. —
Knochen 529. — abortiver
Fall 529. — Ätiologie 522
(2). 523 (2). 529. — Pathol.
Anat. 527. — Therapie
630 (3).
Polydaktylie u. Hypophysen-
geschw. 842.
Polyneuritis, s. Neuritis mult.
Polyneuritische Psychose, s.
Korsakoffsche Psychose.
Pons, akute Herderkrank. 224.
225. — Encephalitis 478.
Porencephalie 469.
Poriomanie, s. Wandertrieb.
Potenzstörung 737.
Pottsche Krankheit 308.
Presbyophrenie 467.
Pseudobulbärparalyse *331.
461. 571.
Pseudogibbus traumat. 104.
Pseudohypertrophia musc., s.
Dystroph, musc.
Pseudologia phantast. 848.
Pseudomeningitis 699.
Pseudomyotonie u. Hemiplegie
480.
Pseudosklerose 461. 475. 651.
Pseudotabes pituitaria 393.
Pseudotetanus 187.
Pseudotumor des Hirns 394.
Psychiatrie *367. *511. *671.
*880. — u. Neurologie 438.
— Vergleich. Rassenpsych.
438.
Psychiatrische Vorträge 40.
Psychoanalyse, s. Freud sehe
Lehre.
Psychogene Lähmung 74.
Psychologie *366. *511. *671.
*879. 578 (2). — der Tiere
272. 273. — im Kriege
157 (2). 373. 406. 600.
Psychoneurose oder multiple
Sklerose 623.
Psychopathische Konstitution
u. Verbrechen 208. — u.
Pubertät 663. — im Felde 781.
Psychosen 962. — Ätiologie
913. — Untersuchung 39.
— u. körperl. Erkrank. 587.
— Körperl. Zeichen 441. 585.
— Degenerationszeichen 913.
— Heredität 585. — u. Mobil¬
machung 404. 411. — u. Ge¬
fangenschaft 40.955.—u. Ehe
441. — im Kriege, s. unter
Krieg. — nach großen Kata¬
strophen 65. 106. — nach
Insolation 106. — nach
Trauma 105 (5). — u. Mor-
phiumentzielfung 943. — u.
Cocain 943. — u. Himsyph.
195(2). — u. Typhus 291.
— Adrenalinmydriasis 677.
— u. Nebennieren 954. —
Diagnostik 107. — Wei-
chardtscho Reaktion 40.
Psychotherapie 532. — im
Kindesalter 741 ( 2 ).
Ptosis 472.
Pubertät u. Psychopathie 663.
Pupillen, Psychoreflexe 685.
Pupillenreaktion, hemianopi-
sche 383.
Pupillenstarre nach Schädel-
, trauma 780. — bei Hemiatr.
faciei 656. — alkohologene
reflektorische 254.
Pupillenunruhe 685.
Pyramide, zerebellare 248.
Pyramiden bahn 217. 268. —
bei Meerschweinchen 463. —
u. Glutäalklonus 687.
Quecksilbervergiftung 940.
Hadialislähmung 581.—durch
Schuß 42. 280. — Hebe¬
apparat 311.
Rassenpsychiatrie, verglei¬
chende 438.
Digitized by
Go igle
Original fro-m
UNIVERSITY 0F MICHIGAN
992
Raynaud scho Krankheit *333.
*509. *877.
Rechtshändigkeit bei Affen 573.
Recklinghausonsche Krank¬
heit, s. Neurofibroraatosis.
Recurrensläkmung 794 (2). —
nach Halsschuß 415.
Reflexe *332. *509. *669. 684
bis 689. — s. auch Babinski-
scher Reflex, Knochenreflexe,
Sohnenrefloxe, Achiilesreflex
Fußrückenreflex, Oppen¬
heimscher Refl., Kremaster-
refl., kontialater. Refl. usw.
— Konstanz 686 . — Latenz
u. lx>kalisation 684. — wäh¬
rend Einwirk, des farad.
Stromes 684. — Abwehr¬
reflexe 686 . — bei Alkoholis-
muB 97. — bei Aneurysma
des A. femor. 686 . — okulo¬
kardialer Reflex 685 (2). —
Greifreflex 686 . — Latenz
dos Fußsohlenrefl. 684.
Reflexepilepsie, s. Epilepsie.
Reflexlähmung 51. 79. 914.
Reflexneurosen, nasal 3 735(2).
Regeneration am Gehirn 275.
— der Nerven 796. — von
Hautnerven 724.
Rindenblindheit 570 (2).
Roter Kern, s. Nuoleus ruber.
Rothmann + 624. 674.
Rückenmark *331. *509. *669.
*876. — exßeriment. Kom¬
pression 273. — Schmerz¬
leitung darin 153. 174. 296.
— Postmortale Veränder. der
Nervenfasern 178. — bei
Überdruck 296.
Rückenmarksblutung, s. Hä-
matomyelie.
Rückenmarkschirurgie, s. unter
Rückenmarksgesch wülste.
Rückenmarkserschütterung
409. 416.
Rückenmarksgeschwülste *331.
*509. *669. *876. 297 (3).
300. — Chirurg. Behandl.
301.
Rückonmarkshautgeschwülste
297 (3). 299.
Rückenmarkskompression, s.
auch Wirbelsäule.
Rücken mark» Verletzung, siehe
untei Krieg. — mit späterer
Krückenlähmung 321.
Rückschlagserscheinungcn 439.
Rumination 689.
Äafrolvergiftung 938.
Sakralmark, Erweichung des¬
selben nach Schuß in dio
BrustwirbeLsäule 541.
Salvarsan, s. untrer Syphilis. —
bei Chorea 128. — bei Te¬
tanus 786. — u. Horpes
zoster 800. |
Sanatogen bei Irren 105.
Säure u. Nervenerregbarkeit I
188.
Scapula soaphoidea 194.
Schädel, Maße u. Funktions-
stör. des Hirns 464. — Im- j
pressionen bei Neugeborenen
464 (2). —Chirurgie im Felde
122. 410. 426. 427. 436.
Schädelbruch, s. Trauma.
Schädeldefekte im Jugendalter
729.
Schätzung der verflossenen
Zeit 559.
I Scheitelbein, Streifschuß 41.
Scheitelhirn, Schußverl. 41. 44.
45.
Scheitellappen, Geschwulst 388.
397. — Verletzung 469.
470 (2). 473. —Symptomato¬
logie 469. 470 (2). 472. 473.
Schilddrüse, s. Gland. thyreoid.
Schlaf, automatischer 441.
Schläfenlappen, Abszeß 351 (2).
352. 569. — Geschwulst 388.
Schlaflähmung 796.
Schlaflosigkeit 746. — der
Neurastheniker 746.
Schlafmittel 202. 535. 664.
746 (2). — Vergift, durch
dieselben 100 .
Schlafzustand, hyster. 743, 8 .
auch Narkolepsie.
Schmerz, Leitung im Rücken¬
mark 153. 174.
Schreckneurosen 74 bis 77.
Schreiben mit Hilfe des Ge¬
bisses 498.
Schreibstörungen, s. Agraphie.
— bei Paralyse 30. — bei
Chorea 126.
Schulterschmerz 788.
Schußverletz. periph. Nerven
8 . unter Krieg.
Schwachsinn, s. Imbecillität.
Schwangerschaft u. Himerkr.
488. — tetanoide Symptome
132. — Chorea 125. 127. —
u. Epil. 753. — eingebildete
738.
Schweiß bei kortikalen Lä¬
sionen 770. — bei «past.
Paraplegie 773.
Schwerhörigkeit, nervöse 175.
Schwinde] u. mult. Sklerose 647.
Sedobrol 533. 534. 757 (3).
Sehen der Tiere 273.
Sehnenreüoxe, s. auch unter
Reflexe. — Untersuch, der
Patellarreflexe 687 (2).
Selbstbeschädigung des Auges I
743. 1
Digitized by
Gck igle
Selbstmord u. Voran t wörtlich k.
des Irrenarztes 913.
Senile Plaqnes 728.
Senium u. Hysterie 739.
Sensibilität, Untersuchung der¬
selben 621. — u. Großhirn¬
rinde 469. 470(2). 639. —
u. mult. Sklerose 647.
Sensibilitätsstörungen, psycho¬
gene u. kortikale 618. — am
Rumpf bei zerebr. Hemi-
anästh. 850.
Serodiagnostik 172(4). 953. —
bei geisteskr. Negern 172.
Serratu 8 lähmung 283.
Sexualität u. Krieg 407. 867.
Sexuelle Perversität *367. *512.
Sinnestäuschungen, s. Hallu¬
zinationen.
Sittlichkeitsverbrechen 768.
Sklerodermie *333. *509. *670.
Sklerose, multiple *331. *509.
*669. *877. 643 bis 650. —
Ätiologie 644. — bei Heeres-
angehörigen 648. — Re-
generat. an Achsenzylindern
643. — Formenreichtum 644.
— Pathologie 645. — Diffe¬
rentialdiagnose 623. 647. —
u. Neurit. retrobulbaris 647.
— u. Vestibulär bahn 647. —
Sensibilität 647. — Ps\*-
chische Storungen 649(3). —
u. Poliomyel. 649. — u.
Syringomyelie 650. — u.
funktion. Erkr. 650 (2). —
oder Hysterie 650. — oder
PSychoneurose 623. — Ver¬
lauf 647. — Behandlung 647.
— tuberöse 729.
Sonnenbäder 614.
Sonnenstich u. Katatonie 659.
Soziale Fürsorge für Kriegs¬
beschädigte 613. 733. 870.
SpasmophiJie 128. — in Japan
130. — Magnesiumsulfat 132.
Spasmus nutans 689.
Spätapoplexie nach Trauma
104.
Sphärotriohie 268.
Spiegelschrift 571.
Spina bifida 303.
Spirochäten bei Paralyse 31.35.
Spondylitis, tuberkul. 307. —
typhöse 307. — Therapie
306. 307.
Spondylosis rhizomelica 305(2).
306. 308(2).
Sprache, s. auch Aphasie.
Starkstromverletzung 103.
Stauungspapille, s. Neuritis
optica.
Stereotypie 659.
Stimm bandlä Innung, funktion.
im Kriege 437. 643.
Original fro-m
UNIVERSITf 0F MICHIGAN
993
Stirnhirn, Funktion 465. —
Abszeß 352. 353(2). 354(4).
355(3). — Geschwulst 385
(2). 386 (2). 387 (2).
Stirnhimschüsse, s. unter Krieg.
Stoffwechselkrankheiten and
Nervensystem 452.
Stottern 574. 575. 579. — u.
y
Nystagmus 574.
rr« _
Struma congen. u. innere Se¬
;
kretion 824. —Ätiologie 838.
— substernale 825. — bei
i:u v
Basedow 825. — Jodmedik.
fcn /
831. — Röntgen behandl. 831.
Ü2
— Chinin u. Harnstoff 831.
fe: f .
Strychnintetanus 274.
iiü: */* 1
Suicidium, s. Selbstmord.
i. ü
Sympathicus *333. *509. *669.
*877. — der Schildkröte 276.
tora *
— Lahm, des Halssymp.
m. w- ^
nach Schußverl. 147. 283.
554. 779.
43 <M'
Synergiereflexe 686.
- k if
Syphilis *335. *510. *670. *878.
14?. - 1
— Lues nervosa 193. —
Syphilitikerfamilien 170. —
heredit. u. Epil. 196. —
Biolog. Reakt. 170. —
r£,j *4
Acusticus 196. — Liquor
cve'ijtsr? >
169. 170(2). 190. 191. —
Spin. Schul teratr. 196. —
4?. - :
Wirbelsäule 194. — Innere
?-j V ■
Organe 194. — okulokard.
-
Reflex 193. — u. Neur. mult.
797. — u. Diab. insip. 193.
f-V
— u. Dem. praec. 658. — u.
_ 1
Chorea 909. — u. Paral.
^ - f-
agitans 873. — Porges-Her-
m an sehe Reaktion 166. —
£
Hennan-Perutz sehe Reak- .
tion 166. — Luetinreaktion
168. 1*69. — Neurorezidive
tv. 191.— Abortivheilungenl91.
— g, — Therapie 192 (2). — j
' ; 3 -, Tuberkulin 169. — Sal-
varsan 159. 160(2). 161
(3). 162 (5). 163. 164 (2). |
| . 165. — Autosalvr rsanbeh. |
(Swif t-Ellis) 161. 162. 166.
167(2). 168. 190. — Ence¬
phalitis 162. — Todesfälle
162 (3). — bei Chorea 128.
— bei Tetanus 93. 786. —
bei Tabes 162, 163. 164.
4* Syringomyelie *332.*609. *877.
174. — beim Kalb 200. —
Patholog. Anat. u. Patho¬
genese 200. — Pathogenese
201. — u. amyotr. Lateral-
skler. 200. — u. mult. Skier.
r. s 650.
Tabes *332. *509. *669. *877.
24 bis 28. — u. Heeresdienst
436. 648 (im Referat 20). —
XXXIV.
u. Paral. agitans 873. —
Symptomatologie: Stim-
runzeln 24. — Gestörtes Ver¬
schiebungsgefühl 24. — Fu߬
deformität 25. — Arthro¬
pathien 537. —Lokal is. Mus¬
kelatrophien 537. — Amyo-
troph. Tabes 25. — Augen¬
krisen 27 (2). — Gastrische
Krisen 26 (5). — Dyspepsie
26. — Ungewohnt. Koor¬
dinationsstör. am Rumpf
707. — Arthropathie 27. 28.
— Tardive Homosexual. 28.
— Ätiologie: Trauma 24.
— Syphilis 31. — Pathol.
Anatomie 25. — Diagnose
u. Hypophysistumor 393. —
Therapie: individualisie¬
rende 25. — Sal varsan 162.
163. 164. — Dehn, des Plex.
solar. 26. — Foerstersche
Oper. 26. 204. — Frankesche
Oper. 26 (2).
Taboparalyse 28.
Tanzmaus, Hirn derselben 269.
Tastsinn 470. 471. 564.
Tätowierung 766.
Taubheit, hyster. 506.
Taubstummheit, Hirnstamm
268.
Tay-Sachs sehe Krankheit, s.
Famil. amaur. Idiotie.
Telephon-Unfall 103.
Terminologie 204.
Tetanie *333. *510. *670. *877.
128 bis 133. 186 bis 188. 415.
65!. — bei Hunden 129(3).
— u. Nebenschilddrüse 129
(3). 131. — postoperative
132(2). 133. — Broncho-
tetanie 131. — gastrisch.
Urspr. 130. — bei abdomin.
Affekt. 131. — bei Dünn-
darmileus 131. — bei Dys¬
enterie 131. — im Kindes¬
alter 186. 187. — bei
Schwantr. 132. — u. Alters¬
star 132.—u.Appendicitisl30.
Tetanus *334. *510. *670. *878.
158. 399. 576. 601. 730. 781
bis 786. — Kontaktinfektion
402.— Toxinwanderung 577.
— Symptomatologie 19. —
Tetanus lateralis 403. — auf
den Plex. lumb. lokalis. 785.
— Prophylaxe 403. — The
rapie 19.“ 20. 21(3). 64(4).
65. 93(4). 94(4). 121(3).
122. 123. 158(3). 159(31.
399. 401 (2). 782 bis 786. —
Antitoxin 64(2). 65. 93(4).
94(2). 121. 158. 159. 279.
402. 575. 577.578.782bis 785.
— intoxik. darnach 94. —
Exanthem 578. — Magne¬
siumsulfat 20. 21. 64. 65. 93.
94. 121(2), 159. 401 (2).
402 (2). 575 (2). 577. —Chlor
159. — Salvarsan 93. 786. —
Lumina] 94 (2). — Narkotika
121. — LuftbestrÖmung 158.
— Lichtbehandlung 402.
Thalamus opticus, Läsion 474.
— u. Zwangslachen u. -wei¬
nen 485.
Therapie *368 *512. *672. *880.
— der Geisteskrankh.
*368. *512. *672. *880. —
Sanatogen 105.
Thermanalgesie nach Rüoken-
marksverletz. 153.
Thomsensche Krankheit, s.
Myotonie.
Thymus, Operationen an der¬
selben 834. — Resektion bei
Basedow 833.
Thyreoidin bei Dem. praec. 765.
Thyreoiditis u. Basedow 833.
Thyreosen u. Militärdienst 437
(2). — im Heer 827.
Tibialisverletzung 42.
Tic *334. *510. 912. — con-
vulsif, Behandl. mit ChJor-
kalzium 913.
Tic douloureux, s. Trigeminus¬
neuralgie.
Tiere, denkende 276.
Tierpsychologie, s. unter Psy¬
chologie.
Tigrolyse 856.
Tomisterdruckneuralgie 863.
Torsionsspasmus, s. Dyston.
musc. deform*
Tortioollis neuriticus 734.
Transvestitismus 847.
Trapeziuskrampf 318.
Trapeziuslähmung 283.
Traum 579. — Deutung 442. —
nach Hirntumorexstirp. 394.
Trauma *335. *510. *670.
*878.—8. auch unter Krieg.—
elektrisches 103. 104. — am
Telephon 103. — Sohwere
Hirn Zertrümmerung 620. —
Anosmi e u. Enophthalmu s
64. — u. Hirnblutung 103.
104. — u. paradoxe Hirn¬
embolie 483. — u. Hirn¬
abszeß 350 (2). — u. motor.
Aphasie 568. — u. Tabes 24.
— u. Paralyse 33. 34 (2). —
u. Pseudogibbus 104. — u.
Mu .keldystrophie 653. — u.
Paral. agitans 871 (2). — u.
Neurosen 105. 106 (2). 591.
710. 715. — s. auch unter
Krieg (Neurosen). — u.
Hysterie 415. — Psychosen
105 (5). 106. 620. 621.
63
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
994
Tremor, s. Zittern.
Trepanation 395. — s. auch |
unter HirngeschwuLt. I
Trichloräthylenvergiftung 910.
Trigeminus, Läsion durch
Schuß Verletzung 602. — Er- I
krankung durch Trichlor- |
äthyien 916. |
Trigeminusneuralgie *332. *509.
— Aikoholinjektionen 786. I
787. — ins Gangl. Gassen |
787 (2). — Chirurg. Behandl. ,
787. I
Trional, Vergift. 101. |
Trophi9che Stör, bei Schuß- i
verl. periph. Nerven731. 904. ,
Trypanblau-Injektionen, sub- (
arachnoid. 721.
Tuberkulose u. Nervensystem :
560. — des Hirns 384 (2). j
489. — des Rückenmarks
489. — u. Spondylitis 307.
308. — u. Basedow 829.
Tuberöse Sklerose, s. unter I
Sklerose. !
Turmschädel 468. i
Typhus u. Meningitis 694. — :
u. Spondylitis 307. — u. j
Psychosen im Krieg 291. 866. j
— u. Nervenlähm. 792.
Ulnarislähmung 44S. |
Unfall, s. Trauma.
Urämie u. Arteriosklerose 594. I
Ureabromin bei Alkoholent- i
ziehnng 97. 98. ,
Urin, Abwehrfermente 954.
Vagus 271. 722. — Kriegsver¬
letz. 280. 603.
Vegetatives Nervensystem, s. |
Sympathicus. I
Ventrikel, Gliom 391 (2). —
Papillom 391.
Verbrechen u. Alkohol 99. —
u. Psychopathie 208.
Verbrecher, geisteekr., Unter¬
bring. derselben 875. —
psyohopath. 208.
Vererbung, s. Heredität.
Vererbungsgesetze 766.
Verfolgungsidee 663.
Vergiftungen *334. *510. *670.
♦878. 934 bis 946. — u.
Nervensystem 102. — u.
Neuroglia 935. — Mescalin
936. — Ergotin 936. — La-
thyrus 937. — Botulismus
937. — Safrol 938. — Nitro¬
benzol 939. — Benzin 939. —
Gasolin 940. — Quecksilber
940. — Kohlenoxyd 941(3).
— Blei 942(3). — Arsen
942(2). — Morphium 942.
943(3). — Cocain 943. —
Veronal 943. 944 (3). —
Camph. monobrom. 943. —
3romoform 945. — Brom¬
methyl 946. — Methyl¬
alkohol 946. — Alkohol s.
unter Alkoholismus. —durch
Trichloräthylen 916. —durch
nitrose Gase 67. — durch
Schlafmittel 100. — durch
Luminal 68. — durch Trio¬
nal-Veronal 101. — durch
Ad&lin 100. 133. — nach
Tetanusserum 94.
Veronal bei Del. trem. 99(2).
950. - Vorgift. 101. 943.
944 (3).
Vertigo, s. Schwindel.
Vestibularapp&rat 361. — u.
mult. Sklerose 647. — Neu-
rit. vestibul. 798.
Vierhügel, s. Corpora quadrige-
mina.
Vital-Scharlach VITT. 265.
Vor beizeigen, *. Zeigeversuch.
Vorderseitenstrang 270. — Ver¬
letz. 153.
Wahnideen bei Morphinismus
67.
Wärmeregulation u. Großhirn
274. — u. Zwiachenhim 273.
W assermann sehe Reaktion, s.
auoh 'Serodiagnostik 172(4).
— mit Hirnextr&kt ISS. —
nach Paraldehyd 172. — u.
Narkotika 172.
Weichardtsche Reaktion bei
Geisteskr. 40.
Werdnig-Hoff mann sohe* Mu5-
kelatrophie, s. unter Muskel -
atrophie.
Wilson sehe Krankheit, s. unter
Nucleus lenticularis.
Wirbelsäule *331. *509. *876.
— Erkrank, derselben 303.
— Verkrümmung 308. —
Fraktur 303. 304. — Schu߬
verletz. 15. 114. 122. 312L
427. 541. 543. 550. 604. —
Osteome 304. — Osteo¬
myelitis 305. — Syphilis 104.
Wortblindheit, s. Rindenhlind-
heit.
Worttaubheit, s. Aphasie,
sensor.
Wortvorstellungen 561.
Zehenreflex, s. Sohlen- u. Fuß-
rtickenreflex.
Zeige versuch 137.
Zentral windungen465.—Schuß-
Verletzung 46. — Geschwulst
387 (2). 389. 471 (2).
Zerebellare Pyramide 248.
Zerebellare Symptome nach
Kriegsverletzungen 626. 664.
813. 816. 900.
Zirbeldrüse s. GlancL pineaL
Zittern bei Hirngeschwulst 382.
Zunge, 8. Hypoglossus.
Zwangsarbeitsanstalt Korneu-
burg 767.
Zwangsbewegungen dea Kin¬
desalters 444.
Zwangslachen 485.
Zwangsvorstellungen 875.
Zwangsweinen 485.
Zwergwuchs 619.
Zwischenhim u. Wärmeregu¬
lation 273. — u. Fieber 274.
Zystizerkus der Fossa Sytvü
389.
Digitized by
Gck igle
Original fro-m
UNIVERSETY 0F MICHIGAN
V.
1 / j •*; iy
$ä$ieh( der Lehtrnigen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologe
j|^|f 'rterapie des einsölfte.ßiich der j3eisJiskr#pjiheiteti Mä&
. _'[/fflWfe
1§1$
,jh '
1. >yr- v.v''<'•/.■: 8c?t{dw* von IfroE. B.
KSv *■ ft«# »»***«&<• :ü:■ #*• :.»
fc«*;:'.fw$ys |» «3r4k -
RÄilSfttl: Mondelf ^ |Ä^®|
.
SP^kbeT-''
jj ; flflBSSBE
$Msvsi
V,'.i«M ,l »tr. <V
feff/Äv .f,*Ä
i,;/4
..
Ps&Säfc'-~ *
Erstes
♦, jt
i / '.ly'l|-«|l l ; l \ J . , J/^( 1
iw
wBB
i Tablette SedohroJ „Roche** enthält t,t — i,a g Bfotnnattium
.siebst würzigen Stofieo und liefert mit ’^asifet gelöst* ;
;i? l m>
•f v w
•• •t®' *•'•
iili
Ww'ß'
Wuwe der salzlosen'
au Hypnotittunu \-r* *»m= ; \ $t>wk *«r
■ m * Sedativum 'j$fc AntiepUejtficftHt; ^ w fe#
n tm a {& % it '}• ;• •’"«fe ■=?%**>#?••*;
tt ftOCH# & Cp., D*S«*
"•■•/•>/”•' * • vviV#-/ *' • ' *>v : >- •' •■ v ■‘-•-'•/.''••'.■‘»v•■ .-ru?».’• \V--o •• • !'
^ ,-r •‘^rr - ** - 1 1f r Vr*, *
4%-.^
___
V ' ' IM*,!
**’■•• *Va';\.| :i ^ v
■ -i 4", ; „:. : :
N
vV.V : ..
!♦+ Jlv-* ^ v<* *J
."•: -■
• :;.
•V.. :
ÄirelftfSM ?iy!
vÄv*
gSÄ$|l
8 |£yS 9 $
HaturfüHnntg
—<e-.
Mi
PÄ^^pS
&te)«*f*ucfct* »futdriMU*? Menren-, fruueh«, \
■ W-»»W*idert
Kurhäuser, Metels, PnWrfthäuMO tnh »Iten nu»dom«« Einh^UKigfttfc
TrSnkse&rmattr pm$ afc* ’ittrr«# Aft-ptr*'dtfftsdi ■■ .;• ■;■ ■}'''';'
dk ^4fr dH ßi**itwn ä*)r £■'?■?■*>&. $3
Levlco-Vetfiolo Heiiqueiten-GfcSfcUscbaft in. b, H., Levico (SM-““
Verlas von FKKIHS A*& MM-t»
$&*> a> o et? 6n <ej ä'C bl «,u c u ;■
Schröder. Prof.Dr.P., Geis
und Kopfverletzungen ,
f.iwrtU<.'V
41
VerlßÄ VOtf Vßl’t &
ära
' . '. •' »* . • v .• , / .*. , * - •>>*w«®3rt»F2w5& *3®?'
Neurasthenie, Hysterie und iPsyohaetb.eiih
Bin Lehrbuch lllr StitdleremV-
»wjuu «
PPP .. _ ,„
5 &ni$tsrav Bt% »ied, Oltö DornMfllli. •;:.
'}■:■■ Ktomasr/.* 1a K%fcnk*t..
•:«*. J».; g<sl>.. 3d»4, geh •*. »«tisleinwi lt Jt
^ ■ . ,. .i.—
' ' ' , • •> ■ • ■ -,txioL5Ss5S
VjI
üis
ß ; '%$Si * * • v\ * 4 *♦ V- 3SJ
_ W3u^ .
|L?W
•; «v T
.Ä v J»r'
K^fr
m>« -oy v
"fc-
mzj
fcwf
KJ ;
«hi*
'f'7 s: 'v .
Rf
ML-y,
€;I
sf H ' •: ■ ,
1 «
Bäsc?4y
&Uöi%e «ewf KriegelUetÄtttt!
*n
£<*nü «liO p^fll^' '^'e.r fc* t »*Sf.dlirti|> i ß fe e
vv;;},; • v-~ ; :':f . \ &erou«tf<ge&*B »e» &en :. '• v ;KV-
'&üt>atfeoA<ttf?rt Di. f>än$ ejirümtimn imfc ör. flfrmui S»^tu
•■ *' -a HÜBl II ‘ wMsÄilÄffl 1
atb?«(m- wif'•■RiirftÄsthtili f/ifriin» tu Cujtb
m lkfl«n «'*•:
Ä*ft }. $ie totttftfcaJMjil&co <8*uBl>l«gi>ö fear tcieftfüftcrnben
^^ 2 $ 8 ‘Sor fitoftfter Bf. 5 L VfM^remcn.
* rt&\% -M& 4i -*j+. * -
X<t *«nat t «Iift ffTMfee j»li%Ä Ä^^^- 3 iffät^>ii«e^».
4o«f? 4 3tMt»rcj»r<r.- t#ecftr<tit$?$e SfwjjiF «Wb
f ftnrggftfrrtMpfqn, ■ für. ti $
mH#**. iMfef ««fe
^IBIiii:
r 'pr.r*i «**4.
[i*&&43£
■
ftgglftw
w ioivlr]
>/X ** l?V<
% v-1>> .'. '
<■ .*4j ;» VV/V*
-tv VRMWyl
7 $* 8 SI
v*‘**eSI
i •»•,' * ; }/3 l
■;.; $IS
,^k Sa'FKs
• » • W ■ *
\l v )KM
■>, *V. <r ’iff
>j \.^<jhOB
v-%, *£. * •’<
v r» ^ v
•'Äfflül
A*$äpr
■* * >£* w
!
: 1 *«
-
tf* . v vN «
£§§§?
*
V
uinLyui
Walt
: •SfW, i
■:; m
fz '-»% K3'J* v fe m
^9UÖ6ü **» w* ä tfomp. tu Seidig.
. ..h — ■ ■ — li ■■ ■■ ■ I. , .! —. »» »l ■ ! ^ ! l »«l ■ >
* f % 5 1
FS f
•H' 3« feiner ^eifteö0efd»id|tjÖ^i» gebeut««# ßar^efteUt von
$4* r*v*ic batet' ffioe .«•?$a*i»a«li*
fclä'ue t eil»*« ©<i^iwtsel><kN^f?fliip%§>pnl>en- '5öuifenb«
ift eil? %Ekt*nntn»*l>tt<b Hen^ »Arten* flte^
xrtd) dn feert-titfje»» dk-bantoi ffünpfinb«*. b4lJSri* rioe# öiujfcbtm
. fit v ^:-
;■$*& jBB£2£re!f
f«vt< beit. '*4 W&fc8« omm* »>te j#U;1f< '%0SMmmi-
■■ .#[Äw*J^cl^:l6ö«' Iw bto roafttc
• .typ* .^ciföjw» wb*tt# : »o* in»# i>infttfUr 9w ww$eir'
, g(M w, bte jitv# «h» fc -W*f«n Stifte mit» föM»t &Mjt rü;
fite ptrttnjriij bt« &^ß ^ K 0 wkm^it B6ttie$cnlfc —"■ •
Or. Erlenmeycp’scfec ilniialt für Gemüt®,
und Hervcntäranli»*«» Biendorf bei Cofalenz.
Viiwobatit**, ®at»6»4J»m«0'ö 4 fc • «l«ktr® Lieht.. c«m£
io Wprlost'it^p -äjJ 1» Aur ÖÜttuäW^ n;lt t>9tüü»!#b*t> 4 Ohn'
; j YWlyv, CK*f4nr*/rV
£»«£4«*:..' SEEg
Hfc''FeJjJ&l***** j*j ^^j oi?Ki» W* #lU^$6 < |6 S ^ > * i ^ P pB gWy i te | w j B jffeaggH
> ^W.,':-';^. S«n<*Rat I>r. R. Frie.dlB.eod«** .’’:'-vi!
Sait«for a Sum^ri*i»cirioh&hilfi.e
fdhf 3 e.fVi.iw und Innere Kraöite Speziell Gehst#/*0*4«.
» , i“Hi?v M ”ly *V'- u, R’ wtu» ntuii!
” n ‘ ’**“
-4-r ^
■HHH
;
Digitized by Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF MICHIGAN
i-, t *
. V‘VV> ' x- *• - . i" :' •- <w** «r * . .r -j
• ■ ■ - ; ■ • , ■ •:- ... .. .
.•’» t;-.v f/.v •-1■« -•-« ' .r ♦ ^ . .::
- .* \ . r , * # • .« <* i * jt s. • * * ■ •, »V v ^ . v- •' , . 7 .' J"•'»■'- *—.• «
•* % . £ * l fl * *. ♦ j • • • * •'* \ .* L ^2?' %. ■« - — - •
f‘ - r J\ A ‘ )■',■* 7»' •* . •• %:*» # <„ * <’ • . - * ’ ♦/* * ' ' ' .• * , .* " 'V \ . •>’ ■■>'. /*' *T7~ —Ts.
'-•* '• / ■* "i*’V'‘r'** ' * nV*" * « O \ * % f r fc —’ ^ -
* '*• '• :■£ Ü v ty; ■■•*.; • •* ^ ’
.*■••<. C»; jV i l .* • •. * - % •»<- , v ♦•■. U . • . . - »•«.
: v‘ . .'..-•.'*' *•*•'■•* •• • . * ,-. ■••.•' ‘* < * Vv •»■•'• *.»••*•
■
1
• • ' * . . •-. *• , . v°. '
:•'-*•• . ~ >r. • .> •- • •••»'• ... : . •. * ’A ii, • •'wMv. * ^
r - v Cv-?S ..• * . •'< -V'"-'"- V »
• - : 7'-
...- I - . ’ "
/:■: ■ : ■ ■ : »
■
v ; Ai.< A/.w,•.; v: äkVi' 'tVy;Wft
' i l* <• :,*> .v.V.' -Mlfc »7, ,UiV Wji»'
. ■
' ' > ■ .. I' ■ .
>’ .wr/'h.*).•(•,•:
'•' rtr.Wiß ' •?.. • : .Si: '-X - - • ' - W - '
:'•’ • *• • • .•' • * * 7 4.*» ^ *K‘. - r C.<V ' V '.ifl . v >*, ^
•iWtM-.VMivWVftiiW
Digitizeif by Gougle
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
Digitized by
Google
Original from
UNIVERSITY OF MICHIGAN
XV '
••' , • V;
1
*/#ä
, tr \
'▼• V
:• ;•*.
i r ir
* v •
»
,vr\'|V .•»*.'*■ ,.”V:' '»- „ 1
• - " -
v:<5w " * * • •
v>»_ £ r 'V > /'-T _ - ~ . • <r a
f
'■■'■■'MM
> ;*•'>•' • •■•• r. ; V •:<'■. 1
Digitized! by
Google
' ^.v/vwm.-s .i.'v,. 4 _ ; ,
Original from
UNIVERSfTY ÖF MICHIGAN i
•\ . i.
. ' I